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Full text of "Die Krankheiten des Auges : für praktische Ärzte"

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DIE 

KRANKHEITEN DES AUGES, 

für praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



I. Band. 



Die Krankheiten der Binde- and Hornhaut. 



Mit eitler lithographirten TufeL 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1S60. 



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Verlag- von 3F» .A_. C2:m?^c1_:ml4&:«?« 
k, k. Hof-Buch- und Kunsthändler. 



MAR 26 1917 



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Druck der k. k. Hofbuchdruckerei von Gotttiob Haase Sühne in Prag, 1860. 



Die 

Krankheiten der Binde- und Hornhaut, 

für 

praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



Mit einer lithographirten Tafel. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1860. 

Verlag von ZBT. JÄ_. Cx*edmev 9 

k. k. Hof-Buch- und Kunsthändler. 



Vorrede 

über den Zweck und die Anlage dieses Werkes. 



Ich schrieb für praktische Ärzte, zum ersten Unterrichte, 
zum Nachschlagen am Krankenbette. 

Der praktische Arzt hat die Aufgabe, die krankhaften Verän- 
derungen und Verrichtungen der einzelnen Organe zu erkennen, 
mit möglichster Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit die nach dem 
jeweiligen Befunde zu erwartenden weitern Veränderungen voraus 
zu bestimmen, und die Verhältnisse oder die Mittel anzugeben, 
welche, wo möglich, einen günstigen Ausgang herbeizuführen 
vermögen. 

Der sicherste Weg zur Erlangung der hiezu nöthigen Kennt- 
nisse ist, bei gehöriger Vorbildung in den physikalischen Wissen- 
schaften, die eigene Beobachtung am Krankenbette. Doch würde 



VI Vorrede. 

die Summe der eigenen Erfahrungen allein viel zu gering aus- 
fallen, wollte man nicht zur Belehrung, zur Aneignung fremder 
Erfahrungen greifen. 

Die Mittheilung bringt aber den Übelstand mit sich, dass wir 
gewisse Reihen krankhafter Erscheinungen (dem Räume und 
der Zeit nach) unter gemeinschaftliche Namen zusammenfassen, 
dass wir uns durch Abstraction gewisse Begriffe bilden müssen, 
welche demjenigen, der sie nicht durch eigene sorgfältige und 
vielfache Beobachtung erworben, oder doch geläutert hat, mehr 
weniger unklar, unrichtig und irreleitend bleiben. So sprechen 
wir von Krankheit überhaupt, von Fieber, Entzündung, Typhus 
u* dgl. ; wir sind nicht im Stande, jemanden durch Worte allein 
genaue Begriffe davon beizubringen; nur wer möglichst viele 
und gute Beobachtungen am Krankenbette gemacht hat, wird den 
möglichst richtigen und klaren Begriff von dem besitzen, was mit 
diesen Worten bezeichnet sein soll. — Ein weiterer Nachtheil, 
der mit der Belehrung durch Andere selbst am Krankenbette 
verbunden ist, ist der, dass, indem der Lehrer dem Schüler 
gewisse Gruppen und Reihen abnormer Erscheinungen als Krank- 
heiten und Krankheitsprocesse vorführen muss, Lehrer und Schü- 
ler nur zu leicht sich gewöhnen, von dieser oder jener Krank- 
heit so zu sprechen, als ob diese etwas Selbstständiges wäre, 
indess man doch jederzeit dessen eingedenk bleiben sollte, dass 
man es immer und überall nur mit krankhaften Veränderungen 
und Erscheinungen eines oder mehrerer Organe zu thun hat. — 



Vorrede. VII 

Wir werden der Ontologie, wie man diese Art, in der Medicin 
vorzugehen, zu benennen beliebte, nie ganz entgehen, so lange 
Lehrer und Lernende sich der Sprache als Mittels zur Mit- 
theilung bedienen werden. Die Schriften jener, welche gegen 
die verpönte Ontologie zu Felde ziehen, liefern die besten Be- 
weise dafür. Im günstigsten Falle zergliedert man die gang- 
baren Begriffe, indem man die einzelnen Veränderungen und 
Erscheinungen einer genauem Betrachtung unterwirft, und so an 
das Concrete des Abstracten erinnert; am Ende aber bildet man 
doch wieder allgemeine Begriffe, und — schafft allenfalls dafür 
neue Namen. Man spricht heute noch so gut von Pneumonie, 
wie vor 50 Jahren; nur der Begriff ist ein anderer geworden, 
und der Name ist hier zufällig derselbe geblieben. Wenn ich 
aber von Pneumonie , deren Behandlung , deren Ausgängen, 
Arten etc. spreche, so bin ich nicht weniger Ontolog, als der 
Auetor, der vor 50 Jahren darüber geschrieben, und meine On- 
tologie ist nur in so fern eine bessere, als ich mir bei dem 
Worte Pneumonie genauer und richtiger alle jene krankhaften 
Veränderungen und Erscheinungen (neben und nach einander) ge- 
genwärtig halte, welche das als pneumonisch bezeichnete Organ 
darbietet und darbieten kann. 

Indem ich nun daran ging, das, was mir über die krank- 
haften Veränderungen und Erscheinungen des Auges bekannt ist, 
behufs der Belehrung niederzuschreiben,* suchte ich die nöthige 
Übersicht zunächst durch Einhaltung der anatomischen Ordnung 



VIII Vorrede. 

zu erzielen, und die Nomenclalur vorzüglich nach dem Sitze der 
Krankheit festzustellen. So entstand die Haupteintheilung in 
Krankheiten der Binde-, Hörn-, Regenbogenhaut, Linse u. s. w. — 
Da jedoch in sehr vielen Fällen nicht ein anatomisch gegebenes 
Gebilde allein, sondern mehrere zugleich leidend gefunden wer- 
den, so musste sofort unterschieden werden, ob in solchen Fällen 
mehrere Gebilde schon von vorn hinein gleichzeitig erkrankt seien, 
oder ob die Totalaffection nur durch consecutives Erkranken des 
zweiten und dritten Gebildes zu Stande gekommen sei. In letz- 
terem Falle galt der Grundsatz : a potiori fit denominatio ; in er- 
sterem mussten Doppel- oder allgemeine Bezeichnungen (z. B. 
Keratoiritis, Mikrophthalmus, Scorbut, Krebs des Auges u. dgl.) 
gewählt, und zur Besprechung allgemeiner Zustände eigene Ca- 
pitel offen gelassen werden. — Man kann den bisherigen Lehr- 
und Handbüchern vor allen den Vorwurf machen, dass sie, irgend 
einem künstlichen Systeme folgend, sehr oft das Zusammenge- 
hörende unnatürlich trennten, dagegen die heterogensten Zustände 
und Processe zusammenstellten. Ich will zum Belege für diesen 
Ausspruch nur an die Lehre von den sogenannten Nachkrank- 
heiten der Entzündungen, an die Capitel Adiaphanosen, Hydro- 
psien, Atrophien u. dergi. erinnern. Durch solche Systeme wird 
dem Lernenden das Versländniss der Krankheiten erschwert, und 
er wird unvermerkt angeleitet, jede Krankheit als etwas Selbst- 
ständiges zu betrachten, in jedem Organe gleichsam Repräsen- 
tanten für die eine oder die andere Krankheitsfamilie zu rekru- 
tiren. Auf diesem Wege entstand mancher Name und Begriff 



Vorrede. IX 

dem System zu lieb, wurde mancher Zustand isolirt als Krankheit 
hingestellt, dessen Verständniss dem Leser entgeht, so lange er 
ihn nicht seihst am Krankenbette in seiner Entstehung und Ent- 
wicklung beobachtet und erfasst hat. Man denke nur an die Lehre 
vom Staphyloma corneae, von Xerophthalmus u. dgl. 

Von den Beobachtungen, die mir zu Gebote stehen, aus- 
gehend, ordnete ich dieselben sodann nach gewissen constanten 
Charakteren, die natürlich nicht in dem örtlichen Befunde allein, 
sondern in dem umsichtigen Auffassen aller abnormen Erschei- 
nungen im Gesammtorganismus gegeben und zu suchen waren. 
Dabei stellte sich vor allem heraus, dass gewisse Gruppen und 
Reihen abnormer Erscheinungen, welche vermög ihres constanten 
Neben- und Nacheinanderseins als in innigem Nexus stehend be- 
trachtet werden müssen, an dem Auge oder dessen Nebenorganen 
einzig und allein vorkommen, in andern Fällen dagegen zugleich 
in andern Organen oder im Gesammtorganismus beobachtet werden, 
mit andern W,orten : es ergab sich, dass gewisse Krankheiten des Au- 
ges als rein örtliche, andere dagegen als allgemeine (Theilerschei- 
nung oder Folge allgemeiner Krankheiten) zu betrachten seien. 
Dieses in die Aufgabe des Arztes (Prognosis und Therapie) so 
tief eingreifende Verhältniss musste nächst dem Sitze der Affection 
vor allem berücksichtigt, in den Begriff der Krankheit mit auf- 
genommen, und wo möglich auch durch den Namen angedeutet 
werden. Nächst den Amaurosen stellte sich dieses Bedürfniss 
vorzüglich bei jenen Fällen heraus, welche mit vorwaltend ent- 



X Vorrede. 

zündlichen Erscheinungen verlaufen. Hier genügte es nicht, sie 
einfach dem Sitze nach als Conjunctivitis, Keratitis, Iritis u. s. w. 
vorzuführen ; hier machte sich vor allen das causale Moment 
(äussere oder innere Krankheitsursache) geltend, und drängte 
zur Sonderung und Gruppirung der Formen, wenigstens in so 
weit, als aus den örtlichen Erscheinungen selbst (dem Raum und 
der Zeit nach aufgefasst) mit mehr weniger Sicherheit auf das 
causale Moment zurück geschlossen werden kann, die Form der 
Entzündung, ihr Entstehen, ihr Verlauf und ihr Vorkommen, wenn 
nicht positiv, so doch negativ (durch Ausschliessung) Schlüsse 
auf das causale Moment erlaubt. Es konnte hier, wenn dem prak- 
tischen Arzte mit der Diagnosis auch schon die Hauptmomente 
zur Prognosis und Therapie geboten sein sollten, wenn die Termi- 
nologie nicht ihren Hauptzweck verfehlen, und wenn nicht we- 
sentlich verschiedene Zustände unter Einem Namen zusammengefasst 
werden sollten, durchaus nicht genügen, nach Velpeaus Vorgange 
etwa bloss von Conjunctivitis im Allgemeinen oder von Iritis als 
stets einer und derselben Krankheit zu sprechen. Weither hat zu 
diesem Vorschlage treffend bemerkt, dass man dann consequenter 
Weise gegen jede Conjunctivitis nichts anzuwenden hätte, als 
etwa eine Lösung von Nitras argenti oder eine Salbe mit rothem 
Prä dpi tat, und bezüglich der Iritis wurde, was das Einseitige 
dieses Vorganges am besten zeigt, gerathen, alle Mittel als unnütz 
zu betrachten, nur Belladonna gleichsam als Specificum zu geben, 
die Iritis möge nun durch eine Verletzung, oder durch Syphilis 
oder irgendwie bedingt sein. — Die Beschaffenheit des Exsudates 



Vorrede. XI 

allein, so wichtig auch deren Beachtung, konnte ebenso wie irgend 
ein anderes Merkmal der Entzündung schon aus dem Grunde nicht 
als Eintheilungsmoment für die entzündlichen Krankheiten ange- 
nommen werden, weil dieselbe sogar in einem und demselben 
Krankheitsfalle nicht constant ist, und wir die chemische Be- 
schaffenheit desselben nicht eruiren können, um die Bedingungen 
zu dessen Metamorphosen näher angeben zu können. 

Vermög dieser Grundsätze gruppirten sich somit die sämmtli- 
chen Beobachtungen nach dem ausschliesslich oder vorwaltend und 
primär ergriffenen Gebilde in Krankheiten der Binde-, Hörn-, Regen- 
bogen-, Aderhaut u. s. w., die Krankheiten der einzelnen Gebilde 
in solche, welche mit mehr oder weniger oder gar keinen entzünd- 
lichen Zufällen auftreten und verlaufen (ein strenger Unterschied 
zwischen entzündlich und nicht entzündlich lässt sich am Ende nicht 
durchführen), und in solche, die als rein örtliche Leiden, oder als 
Theilerscheinung allgemeinen Erkranktseins zu betrachten sind. In 
der Anwendung am Krankenbette wird auch dieses System, wie 
jedes andere, seine Mängel und Schwierigkeiten zeigen ; man wird 
gar oft nicht im Stande sein zu bestimmen, welches Gebilde in 
vorliegendem Falle das primär und vorwaltend leidende sei; man 
wird gar oft sich begnügen müssen, irgend eine Krankheit bloss 
als Entzündung der Iris, als Congestion der Chorioidea, als Leiden 
der Netzhaut u. s. w. im allgemeinen zu bezeichnen, ohne die 
nächste oder die entfernteren Ursachen andeuten zu können; — 
dem kann überhaupt durch kein System, durch keine Art von 



XII Vorrede. 

Terminologie abgeholfen werden, und die grössten Fehler sind na- 
mentlich auf Kliniken dadurch begangen worden, dass man glaubte, 
jeder specielle Fall müsse in eine oder die andere Rubrik des 
Systemes, dem man eben huldigte, eingepasst werden. In jedem 
Systeme müssen ferner die einzelnen Zustände oder Erschei- 
nungen weit mehr differenzirt angegeben werden, als diess in der 
Wirklichkeit im Allgemeinen vorkommt, d. h. es kann die Schil- 
derung der einzelnen Krankheiten nur nach den exquisiteren Fällen 
entworfen werden. So theilen wir z. B. die Entzündungen der 
Bindehaut ab : in Katarrh, Blennorrhoe, Trachom, scrofulöse Bin- 
dehautentzündung u. s. w. Geben wir uns nun nicht einer cruden 
Ontologie hin, betrachten wir diese Krankheiten nicht als Para- 
siten, sondern gleichsam als verschiedene Richtungen, nach denen 
hin der normale Zustand zum abnormen wird : so werden wir 
nicht übersehen, dass diese Richtungen bald mehr, bald weniger 
deutlich ausgesprochen sein, und dass wir Fälle zu Gesicht be- 
kommen können, bei denen sich in dem Momente der Beobach- 
tung noch nicht bestimmen lässt, ob diese Art des Erkranktseins 
die eine oder die andere Richtung einschlagen werde. Die Be- 
rücksichtigung der ätiologischen Momente kann, wo der Befund 
am Auge zweideutig oder ganz unbestimmt ist, wohl mehr we- 
niger Wahrscheinlichkeit für das eine oder das andere, niemals 
aber für sich allein den Ausschlag geben. 

Die Überzeugung, dass ein richtiges Verständniss der Krank- 
heilen eines Organes nur bei möglichst genauer Kenntniss der Anatomie 



Vorrede. XIII 

und Physiologie derselben möglich ist, bestimmte mich, jedem 
Capitel eine kurze Übersicht unserer anatomischen und physio- 
logischen Kenntnisse des betreffenden Organes vorauszuschicken. 
Diese Trennung der Anatomie schien einerseits durch das heft- 
weise Erscheinen des Ganzen geboten zu sein, und dürfte andrer- 
seits dem praktischen Arzte manchen Vortheil gewähren, den 
ihm die systematischen Abhandlungen über Anatomie und Physio- 
logie des Auges in verschiedenen Lehr- und Handbüchern nicht 
darbieten. Mein erster Versuch dieser Art *) scheint wenigstens 
Beifall gefunden zu haben, da seitdem mehre ähnliche Bearbei- 
tungen, zum Theil auch Copien dieses Gegenstandes erschienen sind. 

Rücksichtlich der Terminologie habe ich keinen Ruhm darin 
gesucht, neue Namen einzuführen ; ich wollte meinen Lesern das 
Verständniss anderer, namentlich älterer Auetoren nicht erschweren, 
noch die Zahl der auf Hypothesen gestützten Namen vermehren. 
Nur wo mir eine oder die andere bisher übliche Bezeichnung 
irrige Nebenbegriffe anzudeuten schien, erlaubte ich mir eine Än- 
derung. So wählte ich* z. B. den Ausdruck Keratoektasie für den 
Namen Staphyloma pellucidum, da dieser Zustand der Cornea mit 
jenem, den man ursprünglich Staphyloma genannt hat, nicht die 
entfernteste Analogie und, ausser der Bildung einer Vorragung, 
nicht ein einziges Merkmal gemein hat. Andere Namen, wie : 
Taraxis, Chemosis, Ophthalmia interna, PanOphthalmitis u. dgl. 



*) Physiologische und pathologisch-anatomische Bemerkungen über die Bindehaut, 
Prager medicinische Vierteljahrschrift. 12. Band. S. 70. 



XIV Vorrede. 

mussten nach dem obersten Grundsätze (Basirung auf Anatomie) 
theils aufgegeben, theils auf ihre eigentliche Bedeutung zurück- 
geführt werden. 

Von der numerischen Methode habe ich absichtlich keinen 
Gebrauch gemacht. Die bisher gelieferten Proben erschienen mir 
eben nicht sehr aufmunternd. Soll diese in der Idee allerdings vor- 
treffliche Methode für die Wissenschaft von Nutzen sein, so müsste 
entweder ein Arzt in einem gewissen grösseren Bezirke alle Fälle 
von Augenkrankheiten, welche daselbst vorkommen, zu beobachten 
Gelegenheit haben, oder es müssten mehrere Arzte, welche auf 
gleicher Bildungsstufe stehen, und eine durchaus gleiche Termino- 
logie in Anwendung bringen, sich zur Verzeichnung sämmtlicher 
Fälle vereinen, und selbst dann würden die Resultate eben nur 
für diese Gegend und für diesen Zeitraum gelten, wo die Beob- 
achtungen angestellt wurden. Zahlenverhältnisse, in einem Spitale 
aufgenommen, müssen aus leicht begreiflichen Gründen sehr we- 
sentlich von jenen differiren, welche sich dem Privatarzte er- 
geben, und auch dieser bekommt eine Menge Augenleiden, die 
unter dem, Volke vorkommen, nicht zu Gesichte. Es darf uns 
demnach nicht Wunder nehmen, wenn z. B. hier ein Arzt, der 
seine Angaben auf Beobachtungen im Spitale stützte , behauptet, 
der Augenkatarrh sei eine viel seltenere Erscheinung, als gewöhn- 
lich angenommen werde, und dort wieder ein anderer sagt, dieses 
Leiden sei so häufig, dass man nicht viele Menschen finden werde, 
welche nicht ein oder mehrere Male daran gelitten haben. 



Vorrede. XV 

Dagegen habe ich keinen Anstand genommen , so oft es 
nothig schien, einzelne Beobachtungen und Krankengeschichten in 
den Context aufzunehmen. Ich halte sie für das beste Mittel zur 
Erläuterung des im Allgemeinen Gesagten, und zur Controlle der 
Theorie ; sie bieten die Thatsachen, welche der Auetor zur 
Bildung seiner Ansichten benützte, und machen es noch dem 
späten Leser möglich, die Wahrhaftigkeit einzelner Angaben 
sowohl als des Auetors überhaupt zu beurtheilen; sie vor allem 
haben bleibenden Werth, denn die Theorie unterliegt einem steten 
Wechsel. J. N. Fischer's „klinischer Unterricht" und W, Maken- 
zie's „praktische Abhandlung über die Krankheiten des Auges" 
waren mir beim Eintritte in das praktische ärztliche Leben durch 
ihre instruetiven Krankengeschichten gleichsam lebendige Consu- 
lenten, bei denen ich mich über analoge Fälle am leichtesten 
Rathes erholen konnte. Desshalb wird man mir auch wohl keinen 
Vorwurf daraus machen, dass ich hie und da seltene und gute 
Beobachtungen von Andern entlehnte. 

Endlich glaubte ich da und dort in die Erörterung von Streit- 
fragen näher eingehen zu müssen, als es vielleicht in ein Lehr- 
buch gehört, wie z. B. bei den Krankheiten der Bindehaut über 
die Contagiosität der Blennorrhoe, bei den Krankheiten der Horn- 
haut über Staphylom u. dgl. m. Ich hielt es nicht für genügend, 
dem Leser meine Ansichten einfach als Theoreme hinzustellen ; 
er sollte zum Nachdenken und Selbstforschen angeregt, er sollte 
in Stand gesetzt werden, mich zu controlliren, wie ich zu dieser 



XVI Vorrede. 

oder jener Ansicht über die eine oder die andere Krankheit oder 
Krankheitserscheinung gekommen bin, und ob ich mir dabei nicht 
'etwa Fehler im Beobachten oder Fehler im Folgern der Schlüsse 
zu Schulden kommen liess. Wenn ich mir dabei mitunter kri- 
tische Bemerkungen über andere Ansichten erlaubte, und dabei die 
Namen einzelner Vertreter nannte, so wolle der Leser in letzterem 
nicht persönliche Angriffe erkennen, und nicht übersehen, dass ich 
mir's im Allgemeinen zum Grundsatze gemacht habe, so viel als 
möglich und nöthig überall die Quellen anzuführen, auf welche 
meine Angaben und Behauptungen gestützt sind. Tritt Jemand 
meinen Ansichten entgegen, so ist es mir lieber, er nennt mich 
als Vertreter derselben, und gibt somit dem Leser Gelegenheit, 
das Original nachzuschlagen, als er fertigt diese Ansichten, aus 
dem Zusammenhange herausgerissen und mannigfach entstellt, mit 
ein paar vornehm verachtenden Worten ab. 

Prag, im December 1850. Dr. Arlt. 



Abermals hat sich die Auflage des ersten Bandes vergriffen. 
Um den vielseitigen Nachfragen entsprechen zu können, liess die 
Verlagshandlung einen fünften Abdruck veranstalten, der ganz 
unverändert und gleichlautend mit der ersten Auflage ist. 




I. Buch. 

Die Bindehaut, Tunica conjunctiva. 



A. Anatomische und physiologische Bemerkungen. 

Bindehaut nennen wir jene Membran, welche, als Fortsetzung - der 
allgemeinen Bedeckung, die innere Fläche der Lider und den freien Theil 
des Augapfels überzieht, und in dieser Ausbreitung' die Eigenschaften der 
Schleimhäute vollständig oder theilweise darbietet. 

In früherer Zeit wurde auch die Scheidenhaut des Augapfels , Tunica vaginalis 
hulbi, als mit dem Stroma conjunctivae innigst zusammenhängend, darunter mit inbe- 
griffen, und noch jetzt nimmt man häufig den vordersten Theil der Tunica vaginalis zur 
Conjunctiva. Dieser geht zwar mit der Bindehaut eine immer engere Verbindung ein, 
je näher beide der Cornea kommen, und verschmilzt endlich mit derselben am Rande 
der Cornea gänzlich; dessen ungeachtet aber ist es naturgemässer, beide Membranen 
als verschieden zu betrachten, so weit sie sich mit dem Messer ungezwungen tren- 
nen lassen. 

Der Flächenraum, den die Bindehaut einnimmt, ist grösser, als man 
gemeinhin dafürhält. Der Durchmesser vom Rande der Cornea bis zum 
freien Lidrande nach oben und nach unten beträgt beim Erwachsenen 
etwas über, der nach den beiden Winkeln hin etwas unter 1 Zoll. Man 
begreift dieses Verhältniss bei der geringen Breite der Lidknorpel nur 
dann, wenn man bedenkt, dass die Bindehaut in jenem Theile, welcher 
den Übergang von den Lidern auf den Augapfel vermittelt, mehr weniger 

Arlt, I. | 



2 Bindehaut. 

beträchtliche Falten bildet. Am stärksten tritt diese Faltung im innern 
Winkel hervor, bekannt als halbmondförmige Falte; diese verliert sich, 
immer schmäler werdend, allmälig gegen den äusseren Winkel hin, wo 
die Bindehaut hinter der äussern Commissur statt der Faltung buchtige 
oder blindsackige Erweiterungen bildet, welche sich selbst im Cadaver 
nicht leicht ausbreiten lassen. An flachliegenden Augen stülpen sich die- 
selben bisweilen bei stärkerem Abziehen des obern Augenlides nach 
aussen hervor, und können — freilich nur auf kurze Zeit - — dem Anfän- 
ger leicht für etwas Abnormes imponiren. 

An dem untern Lide hält es in der Regel nicht schwer, die Bindehaut in ihrer 
ganzen Ausbreitung zu Gesichte zu bekommen, bei flach liegenden Augen, indem man 
das untere Lid stark abzieht und dann gegen den Orbitalrand ausdrückt, bei tief liegen- 
den, indem man das Lid abzieht, und dann den Bulbus stark nach unten rollen lässt. 
An dem obern Lide hingegen bekommt man den Übergangstheil der Bindehaut sehr 
selten zu Gesichte, am wenigsten, indem man, wie gewöhnlich gerathen wird , das 
obere Lid einfach umstülpt, eher noch, wenn man das Lid stark gegen den Augen- 
brauenbogen hebt und abzieht, und die Pupille abwärts richten lässt. 

In dieser Ausdehnung bietet die Bindehaut mehrere Verschiedenheiten 
der Structur dar, nach welchen wir folgende Partien unterscheiden: 

1. Der Tarsaltheil, vom freien oder Cilienrande des Knorpels an 
bis etwa §"' über den Orbitalrand des Knorpels hinaus, zeigt alle Elemente 
der Schleimhäute : «. eine dünne Lage von Epithelium aus cylindrischen 
Zellen^ ß. darunter Papillarkörper, bestehend aus grösstenteils reihen- 
weise angeordneten fadenförmigen Papillen, welche der Bindehaut ihr 
ganz feinkörniges oder sammetartiges Aussehen geben *), welches unter 
der Loupe so erscheint, als ob die Bindehaut mit einer unzähligen 
Masse glatter, glänzender Hügel besäet wäre, zwischen welchen feine 
Gefässchen verlaufen ; y. endlich als Grundlage vielfach durchschlungene 
Bindegewebsfasern, mittelst welcher diese Partie aufs innigste mit dem 
Knorpel verbunden ist. 

Diese Partie wird von äusserst zahlreichen Gefässchen und Nerven 
durchzogen. Erstere geben ihr, so weit die Meibom'schen Drüsen rei- 
chen, welche deutlich durch dieselbe durchscheinen, ein blassrothes 
Aussehen **) ; letztere sind Zweige des N. trigeminus, und bedingen die 
grosse Empfindlichkeit dieser Partie. 

*) Die Papillen fangen erst 1 I 2 Linie hinter der innern Lefze des Lidrandes an, und erstrecken sich am untern Lide 
etwa '/»'", am obern etwas über 1'" über den Orbitalrand des Tarsus hinaus, und sind in letzterer Gegend 
am mächtigsten. 

"*) Gegen die Winkel hin, besonders am obern Lide , erscheinen die feinen Wärzchen der Bindehaut immer nicht 
nur etwas grösser, stärker entwickelt, sondern auch röther, selbst bläulich roth. 



Anatomie — Physiologie. 3 

2. Im Übergangstheile treffen wir keinen Papillarkörper mehr, wohl 
aber (nach Krause) gehäufte Schleimdrüschen, theils einfach, theils traubig 
verbunden *). Das zellige Stroma der Conjunctiva ist weit lockerer, und 
hängt mit der Fascia tarso-orbitalis, welche vom Orbilalrande des Knor- 
pels zu der Fascia vaginalis bulbi übergeht, durch grobmaschiges, zu serö - 
sem und blutigem Ergüsse sehr geneigtes Bindegewebe zusammen. Diese 
Partie erscheint im normalen Zustande durchaus blass, nur von einzelnen 
stärkeren Gefässen durchzogen. Die Schleimfollikel sieht man entweder 
gar nicht, oder als senfkorngrosse, krystallhelle oder mattgelbliche Bläs- 
chen. Sie treten bei congestiven und entzündlichen Zuständen der Binde- 
haut deutlicher hervor, Die Übergangsfalte, als deutliche Fortsetzung der 
halbmondförmigen Falte, erscheint bei älteren Individuen als ein etwas 
gelblicher und gelockerter, bandähnlicher Streifen. 

Der Übergangstheil ist wenig empfindlich, wenigstens können fremde 
Körper sehr lange in demselben haften, ohne dass der Kranke von ihrer 
Gegenwart weiss. Beim Katarrh und bei der Blennorrhoe wird dieser 
Theil jedesmal und gleich von Anfang an ergriffen. 

Es geschieht bei Hervortreihung des Bulbus aus der Orbita (Exophthalmus) 
z. B. durch Markschwammablagerung , dass die Lider umstülpt und die Bindehaut in 
ihrer ganzen Ausdehnung bloss gelegt wird. Solche Fälle sind es, welche den Unter- 
schied zwischen dem Tarsal- und Übergangstheil recht deutlich hervorstehen lassen. Jener 
zeigt stets ein fein warziges, sammetartiges und stärker geröthetes Aussehen , während 
dieser bei der enormen Ausdehnung und Spannung der ganzen Bindehaut eben so glat 
erscheint als der Scleraltheil. 

Ich besitze ein Präparat, an welchem in Folge syphilitischer Geschwüre und 
Karben fast rings um die Orbita die Cutis so von den Lidern abgezogen ist, dass die 
ganze Conjunctiva vollständig auswärts gewendet und ausgeglättet erscheint. Die Grenze 
zwischen Cutis und Conjunctiva ist nur durch einen leichten Wulst und einige Cilien 
angedeutet; der Tarsaltheil ist sammt den Tarsis auf einen sehr schmalen Streifen re- 
ducirt; der ganz ausgeglättete Übergangstheil zeigt eine Menge kleiner Grübchen, von 
denen ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob sie durch Verlust der Follikel ent- 
standen, oder ob sie als enorm erweiterte Mündungen der Follikel zu betrachten sind. 

3. Der Scleraltheil unterscheidet sich vom Übergangstheile nur 
durch die Abwesenheit der Schleimfollikel, und durch den Mangel sicht- 
barer Gefässe (im normalen Zustande). 

c ) ..In fast allen Schleimbänlen findet man Bläschen oder Zellen von 0,012-0,03'" Durchmesser, welche bald 
wasserhell, bald mit einem körnigen Inhalt erfüllt sind. Schleimhäute, welche man für ganz drüsenlos hält, 
sind stellenweise mit solchen Bläschen besetzt, aber sowohl ihr Sitz als ihre Zahl sind unbeständig; sie sind 
hald einzeln zerstreut, bald haufenweise zusammengeordnet, und scheinen zu verschiedenen Zeiten und an ver- 
schiedenen Orten zu entstehen und wieder zu vergehen. Sie sind rund oder oval, vollkommen geschlossen, 
aus einer structurlosen Haut gebildet, und so iu der Dicke der Schleimhaut vergraben, dass sie diese weder 
hügelförmig erheben, noch in der Tunica nervea merkliche Eindrücke zurücklassen." Henle, allgemeine Ana- 
tomie, Leipzig, 1841 S. *91. 

1* 



4 Biinlehaut. 

Die Äderchen, welche man an jedem Auge von den Fnsertionsstellen der geraden 
Augenmuskeln her gegen die Cornea verlaufen sieht, gehören nicht der Bindehaut, 
sondern der Tunica vaginalis bulbi, oder vielmehr, sie verlaufen unter dieser Tunica 
zum vordersten Theile der Sclera, wo sie sich spalten, und theils die Sclera durch- 
bohren, theils in den vordersten Theil der Conjunctiva bulbi (Limbus) und in die Cornea 
treten. Sie erscheinen je weiter gegen die Peripherie hin, desto mehr bläulich, weil die 
Tunica vaginalis dorthin immer mächtiger wird; sie lassen sich nicht verschieben, wenn 
man die Bindehaut allein oder diese sammt der Tunica vaginalis (was nur gegen die 
Peripherie hin möglich ist) über der Sclera verschiebt. Es sind diess die vordem 
Ciliararlerien und die sie begleitenden Venen. Bei etwas glotzenden Augen kann man 
durch momentanen Druck mittelst des Fingers auf den Lidrand den Blutstrom in ihnen 
unterbrechen, worauf sie sich, je nachdem sie Arterien oder Venen sind, von der Pe- 
ripherie her oder umgekehrt füllen. Die Venen zeigen einen mehr geraden, die Arterien 
einen geschlängcllen Verlauf. 

Die der Conjunctiva selerae angehörenden Gefässe werden nur bei 
Reizung- der Bindehaut durch fremde Körper und bei Entzündung- dersel- 
ben, am deutlichsten bei heftigeren Augenkatarrhen und ßlennorrhöen 
niedern Grades sichtbar; man kann sie genau aus der Überyangsfalte 
bis gegen die Cornea hin und umgekehrt verfolgen; sie zeigen immer 
eine scharlachrothe Färbung, und einen stark geschlängelten, zickzack- 
artigen Verlauf. 

Das Epilhelium erweist sich im Scleraltheile unzweifelhaft als Pflaster- 
epithel ; das Stroma der Bindehaut ist sehr locker, daher zu serösen und 
blutigen Infiltrationen sehr geneigt, über der Tunica vaginalis (gegen die 
Peripherie hin) leicht verschiebbar, sehr dünn und beinahe vollkommen 
durchsichtig. Je näher gegen die Cornea, desto minder locker wird der 
Zusammenhang der Bindehaut mit der Tunica vaginalis und sclerotica. 
Am Rande der Cornea selbst hängt die Bindehaut fest mit dieser zusammen, 
bis endlich bloss ein in mehreren Schichten aufliegendes Pflasterepithel, 
gleichsam als Fortsetzung der Bindehaut über die Hornhaut, übrig bleibt. 

4. Der Epifhelialübermg der Cornea besteht aus regelmässig ge- 
kernten Pflasterepithelien , welche in den obersten Schichten platt und 
sechseckig, in den tiefern kleiner und polyedrisch sind, und zunächst den 
Hornhautfasern eigentlich nur den Umriss des Kernes unterscheiden lassen. 
Dieser vollkommen durchsichtige Überzug wird bald nach dem Tode trüb, 
und lässt sich in Form einer dünnen, leicht zerreibliehen membranartigen 
Schicht ablösen 5 die Cornea erscheint sodann wieder spiegelglatt, wie 
im Leben. 

Die oberste Lage dieser Epithelialschicht löst sich (nach Martini*) wahrscheinlich 

*) Von dem Einflusses der Seoretionsflüssitfkcitcn auf den menschlichen Körper etc. 2. Theil 1. Hälfte, Belle-Vue 
bei Conslunz 1843. 



Anatomie — Physiologie. 5 

in der Thränenfeuchtigkeit auf und wird abgespült, wodurch die ^Cornea fortwährend 
ihren Glanz, ihre Glätte bewahrt. In manchen Krankheiten scheinen einzelne 'Zellen 
verloren zu gehen, auszufallen, wodurch die Cornea das Aussehen erhält, als I wäre sie 
mit Nadeln gestochen worden ; in anderen geht das Epithclium in grösserer Ausdehnung 
und Tiefe verloren, und zwar in Folge- mechanischer oder chemischer Zerstörung, oder 
in Folge flüssiger Ergüsse unter dasselbe; in andern erscheint dasselbe übermässig 
angehäuft und in den Thränen unlöslich. 

Binddiautstroma, als Grundlage dieses Epitheliums, lässt sich auf 
dem mittlem Theile der Cornea durchaus nicht nachweisen, wohl aber 
noch auf dein Rande dieses durchsichtigen Gebildes, besonders von oben 
und von unten her. 

Wird die Bindehaut etwa in der Gegend der Augenmuskelschnen ringsum durch- 
schnitten, und sodann vorsichtig gegen die Cornea hin lospräparirt, so kann man sie 
als Membran bei den meisten Augen am obern Rande 2 / 3 — 3 / 4 '", am untern '/ 3 — l / a "S 
zu beiden Seilen '/, — 1 / 3 '" weit von der Hornhaut loslösen, so dass der blos von 
Epithel bedeckte Theil der Cornea nicht rund, sondern eiförmig erscheint. 

Wir nennen diesen Theil der Bindehaut Limbus conjunctivae corneae, 
Bindehautsaum; er ist von den Anatomen als Conjunctivalwulst der Cornea, 
Annulus conjunctivae, jedoch nicht ganz naturgetreu, beschrieben worden. 
Er spielt in der Lehre von den Krankheiten der Binde- und Hornhaut 
eine sehr wichtige Rolle. Bei älteren Individuen findet man diesen von 
wahrer Bindehaut gebildeten Saum der Hornhaut, welcher oben einen 
breiteren, unten einen schmäleren Meniscus darstellt, durchaus mächtiger, 
breiter, deutlicher ausgesprochen, in viel geringerem Grade durchschei- 
nend, bisweilen ganz undurchsichtig, weisslichgrau; ebenso bei Augen, die 
viel an congestiven oder entzündlichen Zuständen (zumal der Bindehaut) 
gelitten haben; er ist, wie wir sehen werden, von dem, was man Arcus 
senilis nennt, wohl zu unterscheiden. 

Bei normaler Spannung der einhüllenden Membranen des Bulbus gibt sich die 
Demarcationslinie zwischen dem von Epithclium und dem von Conjunctiva bedeckten 
Curnealfelde durch eine leichte Erhabenheit kund , welche um so deutlicher in die 
Erscheinung tritt, je mehr der von der Bindehaut bedeckte Kandtheil deprimirt erscheint. 
Schabt man von einem Auge erst die Epithelialschichte der Cornea sorgfältig ab, und 
präparirt man dann auf die oben angegebene Weise die Bindehaut so weit als möglich 
von dem Rande der Cornea weg, so tritt diese Depression des von der Bindehaut ein- 
gesäumten Randtheües der Cornea erst recht deutlich hervor. 

Dieser Bindehautsaum ist sehr gefässreich; in ihm stossen die fein- 
sten Endigungen der Bindehautgefässe mit den zahlreichen Ästchen zu- 
sammen, welche die vordem Ciliararterien zu diesem Gebilde liefern. 
Unter ihm und durch ihn hindurch treten die feinsten Ästchen der Ciliar- 
arterien in die Cornea, Gefässe, welche im normalen Zustande kein rothes 
Blut führen, daher nicht sichtbar sind. 



6 Bindehaut. 

Wenn irgendwo, so sieht man an dieser und der nächst angrenzenden Partie 
der Bindehaut und dem unterliegenden Bindegewebe, dass es sogenannte Vasa serosa 
geben muss; denn kaum hat ein fremder Körper die Cornea verletzt, kaum ist ein 
Staubkörnchen zwischen das obere Lid und die Cornea gelangt ; und schon sieht man 
eine Unzahl der feinsten Äderchen rings um die Cornea von Blut strotzen, von denen 
man wenig Minuten vorher keine Spur bemerkte. — Dieser Bindehautsaum ist einer 
beträchtlichen Anschwellung fähig, nicht nur durch Blutüberfüllung, sondern auch durch 
Erguss von serösem oder faserstoffigem Exsudate (in umschriebener oder diffuser Form). 
Er ist es, auf welchem nicht nur vesiculöse und pustulöse Eruptionen, analog denen 
auf der Haut, am häufigsten vorkommen, sondern auch die angeborenen Warzen der 
Bindehaut, welche an die Bedeutung der Bindehaut — Einstülpung der allgemeinen 
Bedeckungen — mehr als alles andere erinnern. 

Die Function der Bindehaut besteht in der Befeuchtung und in der 
Vermittlung- der Beweglichkeit des Augapfels. Sie liefert ohne Zweifel 
einen grossen Theil jener Flüssigkeit, welche das Auge feucht erhält. 
Wenn man eine Partie des umstülpten obern Lides sorgfältig abtrocknet, 
wird sie doch fast augenblicklich wieder feucht. Degeneration oder Ex- 
stirpation der Thränendrüse führt weder beim Menschen noch bei Thieren 
zur Vertrocknung der Bindehaut ; diese liefert dann — nach Martini — 
noch immer eine kochsalzhaltige Flüssigkeit. Die obersten Schichten ihres 
Epifheliums lösen sich fortwährend in der Thränenflüssigkeit auf. Diese 
Auflösung scheint unerlässliche Bedingung zur Erhaltung der Durchsich- 
tigkeit des Hornhautüberzuges zu sein. * :: ") 

Ihr Blut erhält die Bindehaut grösstenteils aus Zweigen der Arteria 
ophthalmica von der Carotis interna, zum Theil jedoch, besonders im 
Tarsaltheile, auch aus ~ der Carotis externa durch die Art. angularis, tem- 
poralis und infraorbitalis. Die Art. tarsea superior et inferior und die 
Art. lacrymalis bilden das Gefässnelz, welches man bei katarrhalischen 
Augenentzündungen von der Peripherie gegen die Cornea hin immer 
schütterer und feiner werden sieht; die Art. musculares und ciliares an- 
ticae, welche unter der Scheidehaut des Augapfels liegen, und daher 
bläulich erscheinen, anastomosiren mit jenem oberflächlichen Netze in der 
Nähe der Cornea. 

Die Venen führen vom innern Theile aus in die Vena facialis anterior 
(profunda et superficialis), vom äussern Theile in die Venae temporales. 
Die Saugadern laufen an den Venen gegen den Unterkiefer herab, und 

'') Die Flüssigkeit, welche die freie Oberfläche des Augapfels feucht und glänzend erhält, ist ein Gemisch aus dem 
Secrete der Thränendrüse und der Bindehaut, und — nach Martini — aus dem Altritus dieser letztem, den auf- 
gelösten Epilhelien. Sie besteht — nach Vauquelin — aus ohngefähr 99 Procent Wasser und 1 ProCent fester 
Substanz ; letztere enthält Schleim, Kochsalz, kaustisches Natron und Kalk- und Nalronphosphat. Der Schleim 
und die phosphoisauren Salze dürften dem aufgelösten Epilhclium, das Kochsalz und das kaustische Natron der 
eigentlichen Thränenlliissigkeil zukommen. Sie zeigt demnach eine schwache alkalische Reactiou. 



Krankheiten. 7 

treten in die obern Halsdrüsen. Auf einen hohen Grad von Resorptions- 
kraft deutet der Umstand, dass Extr. belladonnae oder hyosciami, auf die 
Conjunctiva gebracht, sehr bald seine Wirkung auf die Iris äussert. 

Die Nerven, welche im Tarsaltheile äusserst zahlreich ausgebreitet 
sind, und in der ganzen Bindehaut der Empfindung, Absonderung und 
Ernährung vorstehen, sind Zweige vom N. trigeminus , und zwar vom 
Raums ophthalmicus: Zweigchen des N. supraorbitalis, supra- et infra- 
trochlearis uud lacrymalis, und vom Raums maxillaris superior: Zweigchen 
des N. snbculaneus malae und infraorbitalis. Die Exstirpation des Ganglion 
cervicale supremum oder die Durchschneidung des N. trigeminus diesseits 
des Ganglion Gasseri, und die darauf folgende Entzündung und Ver- 
schwärung der Binde- und Hornhaut haben den Einfluss dieser Nerven 
auf die Ernährung und Absonderung der Bindehaut zur Evidenz nachge- 
wiesen. Die Lichtscheue, der Thränenfluss und die häufige oder selbst 
anhaltende Contraction des vom N. facialis versorgten Muse, orbicularis 
palpebrarum, welche durch Reize auf die Bindehaut oder Entzündung der- 
selben hervorgerufen werden, zeugen von der nahen Beziehung, in welcher 
die Nerven der Bindehaut zu den Ciliarnerven, zum Thränendrüsen- und 
Antlitznerven stehen, worauf wir später zu sprechen kommen werden. 

B. Krankheiten der Bindehaut 

Die Bindehaut finden wir sehr häufig in krankem Zustande, und 
zwar meistens unter Erscheinungen , welche im Allgemeinen mit dem 
Namen Entzündung bezeichnet werden. Nennen wir die hieher gehörigen 
Zustände überhaupt Conjunctivitis, und berücksichtigen wir die bedeutenden 
Verschiedenheiten, welche die hieher gehörigen Fälle in Bezug auf das 
Ensemble der Erscheinungen, Sitz und Ausdehnung der Affection, Verlauf 
und Ausgänge, Vorkommen und ursächliche Momente darbieten, so können 
wir sie am natürlichsten etwa in folgende Gruppen absondern: Conjuncti- 
vitis catarrhalis, blennorrhoica, membranacea, scrophulosa, trachomatosa und 
Exantheme der Bindehaut (im engeren Sinne des Wortes), denen sich 
jene entzündlichen Zustände anschliessen, welche durch mechanisch- 
chemische Verletzungen der Bindehaut bedingt werden. Es soll jedoch 
mit dieser, die Übersicht im Allgemeinen und die Orientirung in speciellen 
Fällen bezweckenden Eintheilung weder eine haarscharfe Absonderung, 
noch eine gegenseitige Ausschliessung der einzelnen Formen unter ein- 
ander aufgestellt, noch endlich das gemeint sein, dass jeder specielle Fall 



8 Bindehaut. 

gerade in eine oder die andere dieser Rubriken, wenn man so sagen 
darf, eingereiht werden müsse. Die Schilderung der einzelnen Gruppen 
und die Beobachtung am Krankenbette wird diess am besten erläutern. 

I. Bindehautkatarrh, Conjunctivitis catarrhalis. 

Als Augenkatarrh bezeichnen wir jene Entzündung, welche mit ver- 
mehrter Gefässinjection, mit leichter Schwellung und Lockerung des Ge- 
webes der Bindehaut, und mit Ausscheidung eines veränderten eiweiss- 
oder schleimähnlichen Secretes an die freie Oberfläche verläuft. Die Röthe, 
Lockerung und Schwellung ergreift stets die Bindehaut vom Lidrande bis 
in die Übergangsfalte in ihrer ganzen Ausdehnung, und zwar am obern 
und untern Lide zu gleicher Zeit und in gleichem Grade, bei höheren 
Graden auch die Conjunct. bulbi. 

Symptome. A. Die Röthe erscheint in frischen Fällen hell, Schar- 
lach- oder gelblichroth, im Tbarsaltheile dicht, im Übergangstheile schütter 
netzförmig , an der geschwellten halbmondförmigen Falte gleichmässig 
(fleischroth), in der Übergangsfalte bisweilen ecchymotisch. Später wird 
die Röthe dunkler, mehr gleichförmig, mehr auf den Tarsaltheil, nament- 
lich gegen die Winkel hin concentrirt (daher Ophthalmia angularis bei 
älteren Auetoren"), die Übergangsfalte schmutzig- oder röthiichgelb. 

Die Schwellung des Übergangstheiles sieht man am deutlichsten an 
der halbmondförmigen und an der Übergangsfalte, welche letztere in Form 
eines dunkel- oder gelblichrothen lockeren Bandes den Bulbus umgibt. 
Die Schwellung der Schleimfollikel in Form äusserst feiner, krystallheller 
oder blassgelblich-dnrchsichtiger Bläschen im Tarsal- , vorzüglich aber im 
Übergangstheile ist ein minder constantes Symptom ; sie sitzen im Paren- 
chym, ragen nur wenig über die Oberfläche empor, und verschwinden im 
Tarsaltheile sehr bald. Sie kommt dem Katarrh nicht ausschliesslich zu.*) 
Die Schwellung des Papülarkörpers ist nie beträchtlich; nur nach längerer 
Dauer gibt sie dieser Partie ein feinkörniges oder filziges Aussehen mit 
gleichmässiger dunkler Röthe. Erst dann geht das Durchscheinen der 
Meibom' sehen Drüsen verloren. Nach monate-, jahrelanger Dauer kann 
die Bindehaut des Lides stellenweise oder durchaus ein leicht sehnen- 
artiges Aussehen bekommen, so als ob sie mit einer dünnen Lage Milch 
überzogen wäre. 

*) Verschwürung dieser Follikel konnte ich trotz aller Aufmcrksamlieit auf diese Erscheinung niemals wahrnehmen. 
Ähnliche staubl(ürnc|\engiosse Erhebungen auf der Conjunctiva palp. sind vielleicht durch Erguss von Serum 
unter das Epilheliurn bedingt, da sie sehr bald wieder verschwinden. 



Katarrh -~ Symptome. 9 

Das Secret, anfangs sparsamer, später reichlicher, erscheint in Form 
lichtgrauer oder graugelber Flocken oder eiweissähnlicher Fäden, welche 
sich gern in den Übergangsfalten verbergen, oder in wasserklarer Flüs- 
sigkeit schwimmen. Die consistenteren Bestandteile legen sich gern an 
die Winkel besonders an die Karünkel und an die Cilien an, und ver- 
trocknen an der Luft zu gelblichen, spröden Krusten, besonders während 
des Schlafes — daher das Verklebtsein der Cilien und Lider beim Er- 
wachen. Reichlicher ausgeschieden, und die Lidspalte überströmend, er- 
weicht es die Epidermis der Lidränder — Excoriationen — nicht sowohl 
durch eine gewisse Schärfe, wie allgemein angegeben wird, als vielmehr 
durch die beständige Benetzung. Es reagirt nicht stärker alkalisch, als 
die. Thränenflüssigkeit im normalen Zustande, und enthält nur mehr Epi- 
thelien, theils aufgelöst, theils unzerstört (einfach abgestossen), Schleim- 
und Fettkugeln (letztere wohl von den stärker absondernden Meibom'schen 
Drüsen). Auf eine gesunde Bindehaut übertragen, ruft es nicht eine gleiche 
Reihe von Krankheitserscheinungen hervor, ist also nicht ansteckend. 
So fand ich es wenigstens in einigen, freilich nicht genug zahlreichen 
Fällen, welche ich zu Impfversuchen benützte. Andere, später anzufüh- 
rende Thatsachen machen es jedoch sehr wahrscheinlich, dass auch ganz 
einfache Katarrhe durch Überpflanzung vervielfältigt werden können, we- 
nigstens unter gewissen besonderen Verhältnissen. 

Die Bindehaut des Augapfels kann auf doppelte Weise in Mitleiden- 
schaft gezogen werden, theilweise nämlich, oder durchaus. Im erstem 
Falle bildet sich unweit der Cornea gegen den äussern Winkel hin eine 
partielle starke Gefässeinspritzung sowohl in als unter der Bindehaut, und 
an der Spitze derselben eine Pustel mit consecutiver Geschwürbildung, 
mit Auflockerung und Anschwellung der umgebenden Bindehautpartie. 
Diese Form hat man desswegen Ophthalmia catarrhalis pustularis ge- 
nannt. Wird hingegen die Bindehaut des Augapfels durchgängig ergriffen, 
so sieht man mehr weniger zahlreiche Gefässe aus dem Übergangstheile 
gegen die Cornea hin verlaufen, und bei höheren Graden zu einem grob- 
maschigen Netze sich ausbreiten. Diese Gefässe . erscheinen auffallend 
hochroth, erweitert, zickzackähnlich verlaufend, gegen die Cornea hin 
nicht selten mit kleinen Ecchymosen umgeben, und in dem Maasse, als 
die Bindehaut serös geschwellt ist, leicht verschiebbar. Hiedurch sowohl, 
als durch ihre Farbe unterscheiden sie sich sogleich von den unter der 
Tunica vaginalis bulbi verlaufenden vorderen Ciliargefässen, welche bei 
derlei heftigen Augenkatarrhen gleichfalls stärker injicirt erscheinen, und 
bisweilen selbst einen rosenrothen Saum um die Cornea herum bilden 



10 Bindehaut. 

(da sie mit den Conjunctivagefässen nahe an der Cornea anastomosiren). 
Solche Formen hat man Ophthalmia catarrhalis genannt, zum Unterschiede 
-von der auf den Tarsair- und Übergangs theil beschränkten, dem einfachen 
Augenkatarrh. Fälle dieser Art, wenn sie mit Ecchymosen und starker 
seröser Schwellung auftreten, wurden wohl auch als rolhlaufartige Binde- 
hautentzündung beschrieben. 

Die seröse Schwellung des Übergangs- und des Scleraltheiles und 
submucösen Zellstoffes erreicht bisweilen, namentlich bei älteren Indivi- 
duen und nach plötzlicher Verkältung (scharfem Wind, kalten Umschlägen), 
einen so hohen Grad, dass die Conjunctiva bulbi schlaffe, gelbliche Wülste 
oder einen förmlichen Wall um die Cornea herum bildet. QOedema calidum 
auct.). In solchen Fällen ist dann auch ödematöse Schwellung der Cutis 
an den Lidern, mindestens längs der Ränder, vorhanden. 

Mit dieser Schwellung der Conjunctiva bulbi kommt in seltenen Fäl- 
len -partielle Erweichung der Bindehaut vor. Es bilden sich nahe an der 
Cornea hirse- bis hanfkorngrosse weisse Stellen, an denen das Epithelium 
abgestossen zu sein scheint ; die Umgebung derselben ist etwas stärker 
geröthet und geschwellt; zur Eiterbildung auf denselben kommt es nicht; 
sie verzögern die Heilung, ohne anderweitige nachtheilige Folgen zu haben. 

Die Hornhaut wird beim Augenkatarrh in der Regel nicht betheiligt; 
nur bei altern Leuten erfolgt gern Verlust des Epitheliums derselben, und 
zwar nächst dem Limbus conjunctivae, und in Folge dessen oberflächliche 
Verschwärung der Hornhautfasern, welche dann wohl auch den centralen 
Theil in Form einer Sichel oder eines Reifens umkreist. Durchbohrung 
sämmtlicher Faserlagen sah ich niemals eintreten. 

B. Unter den subjectwen Erscheinungen des Augenkatarrhs steht 
das Gefühl von Druck, als ob Staub oder Sand unter dem obern Lide 
läge, obenan. Es kommt besonders in der ersten Zeit, bei noch nicht 
chronisch gewordenem Leiden vor. Da fremde Körper übrigens alle Er- 
scheinungen des Katarrhs hervorrufen können, nehme der Arzt in allen 
Fällen, wo der Kranke dieses Gefühl angibt, eine genaue Besichtigung 
der Bindehaut vor, und halte diese Erscheinung erst dann für ein Symp- 
tom eines einfachen Katarrhes, wenn er sich von dem Nichtvorhandensein 
einer solchen mechanischen Ursache überzeugt hat. (Vergl. über fremde 
Körper.) Nach längerer Dauer pflegt mehr das Gefühl von Jucken, 
Beissen, Brennen u. dgl. vorhanden zu sein. Es kommen auch Fälle 
vor, wo der Kranke über gar keinen Schmerz oder lästiges Gefühl klagt, 
oder blos über Trockenheit der Augen und Schwere der Lider (Abends 
oder Morgens beim Erwachen"). 



Katarrh — Ätiologie. 11 

Ohngefähr dasselbe Verhältniss findet statt in Bezug auf Lichtscheue 
und Thränenfluss ; künstliches Licht belästigt derlei Augen weit mehr, 
als das Tageslicht (wegen der freien, strahlenden Wärme). 

Alle diese Sensationsanomalien treten in den Abendstunden stärker 
hervor, häufig auch schon Nachmittags. *) Sie können auch fehlen. 

Der farbige Dunstkreis, welchen derlei Kranke gewöhnlich um die 
Kerzenflamme sehen , scheint so wie das zeitweilige Trübsehen durch 
dünnne Schleimschichten auf der Hornhaut bedingt zu sein, wenn nicht 
durch Störung in dem Epithelialleben des Hornhautüberzuges. 

Vorkommen und Ursachen. Der Augenkatarrh kommt bald 
als substantives, bald als consecutives Leiden vor; in andern Fällen stellt 
er gleichsam nur eine Theilerscheinung, nur die Theilnahme der Schleim- 
haut des Auges an gleicher Erkrankung der Schleimhäute der Respirations- 
organe etc. dar. 

In letzterer Eigenschaft erscheint er bei vielen Blutkrankheiten, 
Typhus, Masern, Scharlach, beim acuten Luftröhren- und Nasenkatarrh 
in Folge von Verkältung bei Entzündung der Tonsillen , während des 
Zahnens, bei Hydrocephalus acutus etc. Nach Professor Fischers Beob- 
achtung wird der Augenkatarrh wenn auch nicht geradezu erzeugt, so 
doch begünstigt und unterhalten durch abnormen Zustand der Verdau- 
ungsorgane; er macht insbesondere aufmerksam auf den Geuuss von 
Branntwein, von sehr fetten oder stark gesalzenen Nahrungsmitteln. 

Als consecutive Erscheinung finden wir den Augenkatarrh bei behin- 
derter Durchgängigkeit des Thiänennasencanales , bei Entzündung der 
Augenliderdrüsen (sowohl der im Tarsus eingeschlossenen, als der um 
die Haarzwiebeln gelagerten), bei mechanischer Reizung der Bindehaut 
durch fremde Körper **) , beim Trachoma zur Zeit frischer Infiltration, 
bei Hornhautentzündungen mit Geschwürsbildung, bei congestiven und 
entzündlichen Zuständen der Chorioidea. Bei Greisen finden wir sehr oft 
einen dem katarrhalischen sehr nahe oder gleichkommenden Zustand von 
Röthe, Lockerung und abnormer Secretion der Bindehaut. Er kommt mit 
einem gewissen Grade von Erschlaffung der Haut und der Muskeln vor, 
am Auge namentlich mit starker Runzelung der Haut und verminderter 
Energie des Augenlidschliessers, daher sich der Rand des untern Lides 

B ) Beer meinte, diese Verschlimmerung hängt mit der erhöhten Turgescenz aller Schleimhäute während der Ver- 
dauung zusammen. Dass eine solche Verschlimmerung eintritt, und zwar anch dann< wenn der Kranke sicji 
keinem künstlichem Lichte aussetzt, ist Thatsache der Beobachtung. 

"*) Ein katarrhalischer Zustand der Bindehaut wird oft begünstigt und unterhalten durch Chalazien, besonders wenn 
sie nach innen aufgebrochen sind ; bei altern Leuten sind häufig Concremente, gelbliche harte Körner in den 
.tleibom'schen Drusen, die Ursache langwieriger katarrhalischer Zufälle. 



12 , Bindehaut. 

gern senkt, oder auch mehr oder weniger auswärts umstülpt. Er scheint 
auf Atomie der Bindehaut und ihrer Gefässe zu beruhen; die Hyperämie 
ist eine passive {Ophthalmia senilis auctorum.) 

Als Substantive s Leiden erscheint der Augenkatarrh theils allein, 
theils neben andern entzündlichen Affectionen des Auges bei Individuen 
jeden Alters und jeder Constitution in Folge unreiner, zumal mit anima- 
lischen Ausdünstungen überfüllter Luft, und in Folge plötzlich unter- 
drückter Transpiration. Zu gewissen Zeiten, die jedoch nicht an den 
Stand der Erde zur Sonne gebunden sind, wie manche glauben, erscheint 
er epidemisch ; es erkranken dann Individuen unter den verschiedensten 
Verhältnissen. Der Umstand, dass dann in manchen Familien die meisten 
oder sämmtliche Mitglieder ergriffen werden, erregt mindestens gegrün- 
deten Verdacht auf Contagiosität, wenn auch diese bisher nicht direct 
(durch Impfungen) nachgewiesen werden konnte. Die Veränderungen 
der Atmosphäre, welche das Entstehen der Katarrhe überhaupt hegünstigen, 
kennen wir nicht. 

Den Katarrh mit Pustelbildung auf der Sclera, gegen den äussern 
Winkel hin, sah ich beinahe nur bei jungen Leuten (am häufigsten zwi- 
schen dem 15. und 25. Jahre) vorkommen. Ich kenne Leute, welche 
durch mehrere Jahre hindurch jeden Frühling oder Herbst von dieser 
Form befallen wurden, bald auf dem einen, bald auf dem andern Auge. 
Bei den meisten waren anderweitige Manifestationen von Scrophulosis 
zugegen, oder früher da gewesen. 

Vorhersage. Der Augenkatarrh setzt weniger Exsudat ins Paren- 
chym, als vielmehr an die freie Oberfläche. Daher erleidet die Bindehaut 
nur bei längerer Dauer eine bleibende Veränderung, die oben erwähnte 
oberflächliche Schrumpfung, welche aber weiter keinen Nachtheil bringt. 
Die wichtigste Veränderung ist eine gewisse Erschlaffung des Gewebes 
und Erweiterung der Blut efässe; sie begünstigen das Fortbestehen 
der lästigen Secretion. Katarrhalisch afficirte Augen sind aber für 
äussere Schädlichkeiten weit empfänglicher, und so kommt es, dass sie 
leicht einerseits von acuter Bindehautblenorrhöe (siehe diese) befallen 
werden, dass der Katarrh, wie man gewöhnlich sagt, unter ungünstigen 
Verhältnissen in acute Bindehautblennorrhöe übergeht, und dass zum Ka- 
tarrh andererseits gern Entzündung der Hörn- oder Regenbogenhaut oder 
beider zugleich hinzutritt. Letzteres erfolgt insbesondere häufig, wenn 
Vorhaltung durch scharfen Wind, Zugluft, kalte Umschläge, unzeitig oder 



Katarrh — Prognose. 13 

unzweckmässig angewendete Augenwässer auf ein solches Auge ein- 
wirken *). 

Durch die Excoriationen kann der langwierige Katarrh zu Blepharo- 
phimosis, durcli die Hornhautgeschwüre bei alten Leuten zu peripherischen 
Trübungen führen. Professor Fischer behauptet, in Folge langwieriger 
Katarrhe wahre Gesichtsschwäche, — Amblyopia — beobachtet zu haben. 

Der Substantive Augenkatarrh ist leicht zu heilen, .in 6 — 10 Tagen, 
wenn nur die erregenden und ähnlich wirkenden Schädlichkeiten beseitigt 
werden können ; er schwindet dann auch wohl von selbst. 

Als Theilausdruck allgemeinen Schleimhautleidens hat er eine sehr 
untergeordnete Bedeutung, und wird an sich wohl nicht leicht ärztliche 
Obsorge erheischen. 

Beim consecutiven hängt die Prognose von der Möglichkeit ab, das 
Gründübel zu heilen. Er nimmt hier gewöhnlich einen chronischen Ver- 
lauf an, oder kehrt doch, wenn auch für eine Zeit beseitigt, über kurz 
oder lang wieder zurück. 

Doch hinterlässt auch der ganz einfache Augenkatarrh längere Zeit 

*) Diese Behauptung folgt aus einer Menge verlässlicher Beobachtungen. Ich will in aller Kürze nur einige erwäh 
nen. Ein Bäcker erkrankte im Sommer 1846 — zu welcher Zeit mir ungewöhnlich viele Augenkatarrhe vorka- 
men — zuerst auf dem linken, und nach einigen Tagen auf dem rechten Auge. Seiner Angabe nach war die 
Krankheit beiderseits eine Ophthalmia catarrhalis massigen Grades gewesen, wie ich sie auch noch auf dem 
linken Auge vorfand. Er Hess mich wegen des rechten Auges rufen, an welchem ich die Zeichen einer Kera- 
toiritis fand. Er hatte sich auf dieses Auge durch 2 Tage kalte Umschläge gegeben, nicht weil es heftiger er- 
krankt war, sondern weil er diese nicht zugleich auf beide Augen geben konnte, ohne in seiner Beschäftigung 
unterbrochen zu werden. Fast zu derselben Zeit rief mich ein Beamter, der, wie mir sein Ordinarius sagte, 
schon früher an einem Augenkatarrh gelitten hatte und jetzt ganz auf dieselbe Weise erkrankt zu sein angab. 
Es waren beide Augen zugleich und in gleichem Grade ergriffen worden. Er hatte sich auf das rechte ein 
Stückchen rohes Fleisch über die Lirler gebunden - auf den Rath eines Laien — und mit dem andern fortge- 
arbeitet. Am andern Tage wurde er durch Trübsehen und heftige Schmerzen auf diesem Auge erschreckt. Ich 
fand Keratitis (die Cornea durchaus leicht getrübt und gelockert, wie mit Nadeln gestochen, ringsherum eine 
starke Rosenröthe, heftige Lichtscheue, keine schleimige Secretion , wie auf dem andern Auge). Im November 
1849, wo mir sowohl im Spital als in meiner Privatpraxis das häufigere Vorkommen von Augenkatarrhen auffiel, 
war ein Müllergesell an einer Entzündung des rechten Auges erkrankt, welche, seinen Angaben zufolge, höchst 
wahrscheinlich nichts anderes war, als eine Ophthalmia catarrhalis Er war in das Spital der Barmherzigen 
Brüder gegangen, wo man ihm anfangs einfache, später eiskalte Umschläge gegeben hatte. Nach 14tägiger 
energischer Anwendung von diesen Umschlägen und von Abführmitteln wurde er auf die Augenklinik gebracht. Die 
Hornhaut war in ihrer untern Hälfte eitrig infiltrirt, nach unten und aussen mit einem hanfkorngrossen Geschwüre 
versehen, mehr als die Hälfte der vordem Kammer mit einem eiterähnlichen Exsudate angefüllt, die Iris entfärbt 
und aufgelockert. — Ich, nach meinen Erfahrungen, begreife nicht, wie Ruete die Anwendung kalter Umschläge 
bei Augenkatarrhen so unbedingt empfehlen konnte. Dr. von Hasner meint, „das häufige (?) Entstehen der Iris 
beim Katarrh in den meisten (!) Fällen durch die Fortpflanzung der Hyperämie auf die Hornhaut, den Ciliarkör- 
per und die Iris" erklären zu können, weil er in keinem Falle die geringste Spur von Rheumatismus nachwei- 
sen konnte. Aber wie diese Fortpflauzung geschehe, das zu beantworten bleibt er natürlich schuldig. Er will 
„die Fortwanderung des Processes auf die Iris deutlich genug beobachtet haben." 



14 Bindehaut. 

eine gewisse Empfindlichkeit gegen grelles Licht, scharfe Luft, Anstren- 
gung bei Kerzenlicht, und eben desshalb zu Recidiven.*) 

Behandlung. Diese ist verschieden, je nachdem wir die Binde- 
haut im Zustande der Reizung (activen Hyperämie, Congestion) oder der 
Erschlaffung (passiven Hyperämie) finden. Der erstere Zustand pflegt nur 
einige Tage (3—5) vorhanden zu sein, und gibt sich durch lebhafte 
Röthe, Thränenfluss und Lichtscheue und drückenden Schmerz unter dem 
obern Lide kund. In diesem Stadium wende man keine örtlichen Mittel 
an, nur bei statker ödematöser Schwellung der Lider oder der Con- 
junetiva bulbi trockene warme Tücher. Allgemeine Blutentziehungen sind 
nie, örtliche wohl nur selten angezeigt. 

Ist gleichzeitig Nasen- oder Luftröhrenkatarrh da, so halte man den 
Kranken in gleichmässiger Temperatur, gebe reichlich Wasser oder Thee 
zu trinken, und wirke bei trockener Haut durch kleine Gaben Brechwein- 
stein oder Brechwurzel auf die Transpiration. 

Wo keine Anzeige vorhanden, auf die Haut zu wirken, hingegen 
Stuhlverstopfung mit oder ohne erhöhten Blutandrang zum Kopfe besteht, 
reiche man kühlende Abführmittel, namentlich Mittelsalze. 

Die Augen schütze man vor Rauch, Staub, scharfer Luft, Anstren- 
gung bei Kerzenlicht, welche sich übrigens gewöhnlich von selbst ver- 
bietet, überhaupt vor reizenden Einflüssen. Selten wird es nöthig sein, 
den Kranken das Zimmer oder selbst das Bett hüten zu lassen ; selten 
wird eine Beschränkung in den Nahrungsmitteln, etwa mit Ausnahme von 
Bier- oder Weingenuss, erforderlich sein. 

Sind Lichtscheue und Thränenfluss sehr heftig, wie diess gewöhnlich 
bei scrophulösen Individuen der Fall ist, so müssen erst diese Zufälle ge- 
mildert werden, was nebst dem bereits Angegebenen in der Regel durch 
Einreibungen von Unguetitum cinereum mitExtr. belladonnae bald erreicht 
wird. Man gibt 5—10 Gran Extr. beilad. auf 1 Drachme und lässt die 
Salbe alle 3 — 4 Stunden bohnengross an die Stirn und Schläfe aufstrei- 
chen, so dass die Stirn immer fett bleibt. Darüber kommt ein einfacher 
Papierschirm. **) 

Ist das Stadium der Erschlaffung eingetreten, dann sind adstrin- 



") Von einer besomlern Modification des lialarrhes, welche sich durch Bildung eigentümlicher, fischrogen- oder 
frosclilaichähnlicher Exsudate unter dem Epithelium der Bindehaut auszeichnet, und welche ich bisher nur in 
geschlossenen Körperschaften unter dem Einflüsse unreiner, gesperrter, durch Uberfüllung mit Menschen ver- 
derbler Luft beobachtet habe, kann füglich erst im V. Abschnitte, bei der lehre vom Trachoma die Rede sein. 

") Ein Viertelbogen Papier wird so zusammengelegt, dass er etwas langer und breiter als die Slirn ist, um mittelst 
eines durchgezogenen Bindefadens so befestigt zu werden, dass er die Stirn und die Schlafen bedeckt, und 
etwa 1 Zoll über die Augenbrauen herabreicht. 



Katarrh — Therapie. 15 

girende Augenwässer angezeigt. Für einfache frische Fälle sind am wirk- 
samsten Lösungen von Silbersalpeter oder von Sublimat. Argenti nitrici 
gr. I — IV in aq. dest. uncia, D. in vitro Charta nigra obducto, S. Täg- 
lich 1 — 2mal einige Tropfen in's Auge zu träufeln. *) Die Sublimatlösung 
nach Conradi enthält */ 4 Gran Ätzsublimat in 2 Unzen Aq. destill, mit 
Y 2 Drachme Quittenschleim und 6 — 8 Tropfen Laudan. liquid. Sydenh. 
Eine kleine Dosis davon wird erwärmt (ungefähr wie frisch gemolkene 
Milch), und damit werden die Lidränder 2— 3mal des Tages gehörig be- 
netzt, mittelst der Finger oder mittelst eines Leinwandfleckchens. Zu 
bemerken ist, dass in Fällen, wo deutliche abendliche Verschlimmerung 
auftritt, die Anwendung von Collyrien zu dieser Zeit sehr oft nicht gut 
vertragen wird, die Zufälle steigert. Andere Ärzte empfehlen eine Lösung 
von 4 — 8 Gran Alumen crudum, andere die von 6 — 10 Gran Sulfas zinci 
in 4 Unzen destillirten Wassers mit oder ohne Opiumtinctur. 

Hat der Katarrh über die Zeit gedauert, in welcher er von selbst 
zu heilen pflegt, ist die Schleimhaut mehr gelockert und dunkler geröthet, 
die Secretion reichlicher und consistenter, Excoriationen veranlassend : 
dann sind stärkere Collyrien nöthig, Für solche Fälle können insbeson- 
dere empfohlen werden: Lapid. divini gr. XVI, Aq. dest. unc. IV, Tinct. 
aiiodyn. dr. I, aceti litharg. gutt. IV**); oder Collyrii adstr. lutei, aquae 
dest. ää unc. IL ***) M. D. S. wie die Aqua Conradi zu gebrauchen, oder 
eine stärkere Lösung von Argent. nitricum. Solche Kranke mögen wohl 
scharfen Wind und Regenwetter vermeiden, übrigens aber sehr fleissig 
sich in freier reiner Luft bewegen. Das Verweilen in Räumen, wo viele 
Menschen beisammen sind, wirkt auf katarrhalisch afficirte Augen in der 
Regel auffallend nachtheilig. 

Manche Individuen vertragen durchaus keine Augenwässer, dagegen 
recht gut Augensalben. Abgesehen von jenen acuten Fällen, wo heftige 
Lichtscheue und starker Thränenfluss oder Ödem der Lider und der 
Conjunctiva bulbi noch jede Art von Collyrium verbieten, sind es insbe- 
sondere jene chronischen Formen, welche von einem krankhaften Zustande 
der Augenliderdrüsen unterhalten werden, welche den Gebrauch von 



*) Diess geschieht am besten mittelst eines Federkieles ; dieser wird oben und unten etwas abgeschnitten, mit dem 
dickern Ende in die Flüssigkeit eingetaucht, dann das dünnere mit dem Zeigefinger bedeckt, und letzterer, so 
wie die Flüssigkeit abtropfen soll, entfernt. (Heber.) 
M ) Lapis divinus St. Yvessi : Cupri sulphurici, cali nitrici, alumin. crudi aa unica mit 1 j 2 Drachme Camphora rasa; 

Beers Präparat enthält Aerugo statt Cuprum sulphur. 
***) Collyr. adstr. luteum (Aqua Horsti) : Salis ammon. gr. XV, Sulfat, zinci dr. dimid., solulis in aq. dest. comm. 
unciis V adde Camphorae in uncia una alkoholis grav. specif. 0,850 solutae gr. IX, Croci austr. gr. duo. Mixta 
diger in calore Reaum. 30° — 35° ad perfectam croci extract. Refrige'r. fiitr. et exhib. usui. 



16 Bindehaut. 

Augensalben erheischen. Hier können empfohlen werden : eine Salbe 
aus '/ 2 — 2 Gran weissein und die aus eben so viel rothem Präcipitat auf 
1 Drachme Fett, abends an die Lidränder, später an die innere Fläche 
der Lider erbsengross eingestrichen; ist das Auge noch zu empfindlich 
dagegen, so streiche man sie, aus 2 — 4 Gran auf 1 Drachme bereitet, 
an die äussere Fläche der Lider. Bei stärkerer Erschlaffung und reich- 
licher Seeretion fand ich folgende Mischung sehr vortheilhaft : Hydr. praec. 
rubri gr. II — IV, Lapid. divini alkoholis. gr. IV — VIII, Land. liq. Syd. 
gtt. X — XV auf 1 Drachme Fett, bei Ophthalmia senilis noch mit y 2 Gran 
Campher versetzt, den man übrigens auch der einfachen rothen Präcipi- 
tatsalbe beimischen kann. 

Der Katarrh mit Pustelbildung an der Conjunctiva bulbi erfordert 
keine abweichende Behandlungsart, ausser dass man, da man es gewöhn- 
lich mit sogenannten vollsaftigen, torpiden Individuen zu thun hat, die 
Cur mit etwas stärkeren Abführmitteln, Senna oder Jalappa, beginnt, und 
sobald die Pustel geborsten, täglich 1 — 2mal reines Laudan. Sydenh. auf- 
träufelt. In einigen Fällen musste das Geschwür mit Cuprum sulphuricum 
oder mit Lapis infernalis touchirt werden, um die Heilung zu beschleunigen. 

Gegen die grosse Empfindlichkeit der Augen, welche bis weilen noch 
längere Zeit zurückbleibt, sind zu empfehlen: die Aqua opii*) oder ver- 
dünnte Aqua laurocerasi zur mehrmaligen lauwarmen Bähung der Lider 
die Tinctura Galbani, mittelst eines mehrfach zusammengelegten Leinwand- 
fleckes lauwarm auf die geschlossenen Lider zu legen. 

Gegen das zurückbleibende lästige Gefühl von Trockenheit und 
Schwere, namentlich früh beim Erwachen : Bestreichen der Lidränder mit 
Speichel oder abends vorher mit Mandelöl, mit einer schwachen weissen 
Präcipitatsalbe. Fischer behauptet in einigen Fällen gegen dieses lästige 
Übel nur die Quellen von Teplitz wirksam gefunden zu haben. 

Ich habe vorzüglich nur solche Mittel aufgeführt, deren Wirksamkeit ich durch 
vielfache Anwendung zu erproben Gelegenheit hatte. Erst vor Kurzem behandelte ich 
eine Schauspielerin an einem Katarrh des rechten Auges, mit dunkelrother , sammet- 
artiger Bindehaut der Lider, reichlichem, gelblich grauen und ziemlich dicken Secrete, 
starken Excoriationen und äussest lästigem Jucken und Beissen. Zugleich war die 
Schleimhaut der rechten Seite der Nase stark aufgelockert und dunkelroth, und sonderte 
eine sehr consistente, eiterähnliche, zu harten Krusten vertrocknende Flüssigkeit reich- 
lich ab. Der Zustand der Nasenschleinihaut besserte sich und heilte endlich ganz nach 
Anwendung einer starken weissen Präcipitatsalbe. Das Augenleiden besserte sich auf 
eines und das andere der oben angeführten Mittel, kehrte aber immer von Zeit zu Zeit 
wieder. Auch Touchirungen der Bindehaut mit Cuprum sulphuricum hatten keinen blei- 

*) Opii puri uiic. jj, aq. comm. libr. j, abstruhanlur illieo in retorta vilrea lege artis unc. vjjj. 



Katarrh — Therapie. 17 

benden Erfolg'. Ich löste nun einen Skrupel Borax in einer Unze Aqua opii und Aqua 
destill, comm., zu lauwarmen Bähungen der Lider, und in Zeit von 14 Tagen war das 
Übel bleibend behoben , das uns über 3 / 4 Jahre gequält hatte. Es waren eben keine 
Veränderungen in den Gesundheits- oder äussern Verhältnissen der Kranken eingetreten, 
denen ich die Heilung hätte zuschreiben können. 

Ich will demnach nicht gesagt haben, dass man, auch bei richtig gestellter Dia- 
gnosis, immer mit diesen Mitteln ausreichen werde. Noch weniger aber mag ich jenen 
beipflichten, welche aus dem Umstände, dass man von den verschiedenen Auetoren so 
verschiedene und so viele Mittel empfohlen findet, schliessen dürfe, sie nützen alle 
nichts, die Krankheit heile am Ende von selbst. Ich habe absichtlich hierüber control- 
lirende Beobachtungen angestellt, unter möglichst gleichen Verhältnissen, auch bei dem- 
selben Individuum nur an einem der gleich erkrankten Augen, und habe die Über- 
zeugung gewonnen, dass eines und das andere Mittel, gehörig angewandt, die Krank- 
heit schneller behebt, ja auch dass die Krankheit Monate lang fortbesteht, trotz Entfer- 
nung äusserer Schädlichkeiten, wenn man auf das erkrankte Gebilde nicht die geeig- 
neten Mittel anwendet. Ehe man aber über die Wirksamkeit eines Mittels sich ein 
Urtheil erlaubt, muss man überzeugt sein: a) dass man dasselbe wirklich für den Zu- 
stand verordnet, für den es empfohlen wurde, 6) dass nicht äussere oder innere (im 
Organismus oder am Auge selbst vorhandene)'Verhältnisse die Wirksamkeit des Mittels 
vereiteln ""'), und c) dass der Kranke das Mittel auch wirklich so anwendet, wie es an- 
gewandt werden soll ; gar oft findet man, dass es der Patient mit der ärztlichen An- 
ordnung eben nicht so genau genommen. 

Makenzie'"'"') bemerkt über die Behandlung der katarrhalischen Ophthalmie S. 325: 
„Die katarrhalische Ophthalmie weicht' leicht einer sehr einfachen Behandlung, die 
hauptsächlich örtlicher und stimulirender Art ist. Ich erstaunte zuerst über die Wahr- 
heit dieser Thatsache, als ich im Jahre 1817 zu Wien Zeuge war, mit welchem glück- 
lichen Erfolge Prof. Beer die Krankheit behandelte. Diese Besultate meiner eigenen 
Praxis haben in mir die Überzeugung befestigt, ■ — dass eine örtliche stimulirende Be- 
handlung die zuverlässigste sei." „Die Empfindung, als ob Sand im Auge sei, wird 
durch Anwendung des salpetersauren Silbers (2—4 Gran auf eine Unze täglich einmal 
einen grossen Tropfen einzuträufeln) jederzeit gemildert und die Entzündung gedämpft. 
Ich habe manchmal andere Ärzte in bedenkliche Unruhe versetzt, wenn ich vorschlug, 
auf die Oberfläche eines so äusserst vasculösen Auges eine Auflösung von Höllenstein 
zu träufeln, und es hat mir nicht wenig Vergnügen gewährt, sie in Erstaunen zu finden, 
wenn den folgenden Tag nach Anwendung dieses Mittels alle Symptome sich sehr ge- 
bessert hatten. — Ich habe viele hundert Fälle nach dem oben auseinander gesetzten 
Plane und immer mit demselben Erfolge behandelt." Makenzie erklärt sich gegen die 
Anwendung des essigsauren Bleies und des schwefelsauren Zinkes. — Mit Makenzie 
und Beer stimmen so ziemlich die meisten Auetoren überein. Dagegen entlehne ich 

*) Ein Apothekergehülfe litt seit mehreren Monaten an Zufällen des linken Auges, wie sie ein Katarrh zu erregen 
pflegt. Er hatte verschiedene Mittel gebraucht, und war endlich auf die Vermuthung gekommen, ein etwa hirse- 
korngrosses, hartes Wärzchen im innern Drittel des obern Lides, zwischen der äussern und innern Lefze des 
Randes, möge die Ursache sein; ich möchte dieses entfernen. Ich widersprach dem, fand aber bald dass er 
Recht hatte; nach Abtragung dieses Wärzchens wichen jene Zufälle von selbst. Seitdem sind mir noch zwei 
Fälle dieser Krankheit vorgekommen, worauf ich bei den Krankheiten der Lider zu sprechen kommen werde. 
* a ) Praktische Abhandlung über die Krankheilen des Auges, Weimar 1832. 

Arlt, I. O 



18 Bindehaut. 

aus Dr. Hasner's Buche *) folgende Stelle, Seite 37: „Wir warnen vor der Anwendung 
reizender adstringirender Collyrien, welche so gern die Hyperämie der Scleralconjun- 
ctiva steigern und zur Iritis Veranlassung geben. Zur Heilung dieser Krankheit genügte 
uns fast in allen Fällen die Entfernung der schädlichen Potenzen, ein geregeltes augen- 
diätetisches Verhalten, Vermeidung von übermässigem Lichtreiz, von Anstrengung der 
Augen. Bei stärkerer Hyperämie haben wir nebstdem ein leichtes antiphlogistisches Salz 
als Purgirmittel angewendet." — Die Erfahrung wird dem Leser am besten zeigen, wer 
viel und gut beobachtet, wer die Wahrheit gesprochen. 

II. Blennorrhoische Bindehautentzündung, Conjunctivitis blen- 
norrhoica, Bindehautblennorrhöe. 

So nennen wir jene Entzündung- der Bindehaut, welche nicht nur 
mit reichlicherer Ausscheidung schleimig-eitrigen Secretes an die freie 
Oberfläche, wovon sie ihren Namen erhielt, sondern auch mit Erguss 
serös-plastischen Exsudates in das Parenchym der Bindehaut, nament- 
lich in den Tarsal- und Übergangstheil verläuft. 

Sie befällt jederzeit die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung, und 
zwar am obern und untern Lide zugleich und in demselben Grade ; nur 
die Conjunctiva bulbi kann, bei niederen Graden, sehr wenig betheiligt 
sein. Das überall gleichmässige und gleichzeitige Erkranken des Papillar- 
körpers und die Ausscheidung des schleimig-eitrigen Secretes an die 
Oberfläche charakterisiren eigentlich diese Krankheit, und bald ist die 
eine bald die andere dieser Erscheinungen die vorwaltende. Das Secret 
ist ansteckend. 

Symptome. Die Erscheinungen, von denen diese tiefere Erkran- 
kung des Bindehautgewebes begleitet wird, sind verschieden je nach dem 
rascheren oder langsameren Verlaufe des Processes, und je nach dem 
Grade von Heftigkeit, den sie erreicht hat oder zu erreichen droht.**) 

1. Reihe. Fassen wir zuerst jene Fälle in ein Schema zusammen, 
welche gleich von Anfang einen sehr raschen Verlauf und die Tendenz, 
den höchsten Grad zu erreichen, darbieten. 

A. Im 1. Grade lässt sich die Krankheit vom Katarrh, als dessen 
Polenzirung sie in vielen Beziehungen betrachtet werden kann, nur dann 
unterscheiden, wenn abgesehen von ätiologischen Momenten (constatirter 
Impfung , massenweisem Vorkommen) folgende Erscheinungen ausge- 
prägt sind : 

*) Entwurf einer anatom. Begründung der Augenkrankheiten, Prag 1847. 
***) Die Umstünde, weiche auf den Verlauf und die Steigerung der Krankheit Einfiuss nehmen, können füglich erst 
in dem Absätze ober Vorkommen und Ursachen erörtert werden. 



Blennorrhoe — Symptome. 19 

«) wenn die Bindehaut der Lider nicht bloss gelockert und ge- 
schwellt (im Tarsaltheile feinkörnig, im Übergangstheile wulstig), son- 
dern auch (wenigstens über dem Tarsus) gleichmässig geröthet (hoch- 
oder dunkelroth) ist, so dass die Meibom'schen Drüsen nicht mehr 
durchscheinen. — Ist dabei auch die Augapfelbindehaut von mehr weniger 
zahlreichen, hochrothen, aus der Übergangsfalte gegen die Cornea hin 
verlaufenden und sich allmählig verlierenden, leicht verschiebbaren Ge- 
fässen durchzogen, oder selbst serös infiltrirt, ergibt sich aus dem Be- 
funde selbst oder aus anamnestischen Momenten, dass dieser Zustand 
erst seit kurzem besteht, so hat man Ursache, denselben als Beginn einer 
Blennorrhoe zu betrachten. 

b) Sollte aber die Secretion nicht bloss vermehrt und verändert 
sein, nicht bloss in reichlicher wasserklarer Flüssigkeit mit gelblichen 
Flocken bestehen, sondern trüb, molken- oder fleischwass er ähnlich sein 
(mit consistenteren gelblichen Flocken oder Fäden), so kann man sicher 
sein, dass man es mit einer Blennorrhoe zu thun haben wird, welche 
um so gewisser bald in den 2. Grad übergeht, wenn bereits auch die 
Lider über dem Tarsus angelaufen, wärmer oder selbst geröthet sind 
(acutes Odem). 

Bei der Mehrzahl der sporadisch auftretenden Blennorrhöen ist dieser 
Zustand von so kurzer Dauer (12 — 36 Stunden), dass der Arzt im All- 
gemeinen ihn selten zu Gesichte bekommt 

Im 2. Grade ist die Schwellung der hoch- oder dunkelroth ge- 
tünchten Bindehaut vom Lidrande bis in die halbmondförmige und Über- 
gangsfalte schon beträchtlich, so dass nicht nur die Meibom'schen Drüsen 
nicht mehr durchscheinen, sondern auch die innere Lidkante nicht mehr 
scharf erscheint, und die Aufsaugung der Thränen wegen Wegdrängung 
der Thränenpunkte und Schwellung der halbmondförmigen Falte behindert 
ist. Die Schwellung ist besonders im Übergangstheile auffallend. Derselbe 
erscheint glatt, hell- oder dunkelroth, wulstig, weich und sulzartig, oder 
derb und prall*); die hell- oder dunkelrothe halbmondförmige Falte ragt 
bisweilen zwischen den Lidern hervor , und die ziegel-, fleisch- oder 
bläulichrothe Übergangsfalte läuft wie ein Gürtel um den untern Umfang 
des Bulbus. — Die Bindehaut der Sclera erscheint schon deutlich serös 
infiltrirt, von zahlreichen , ziegel- oder scharlachrothen, mehr weniger 
dicht verzweigten und leicht verschiebbaren Gefässen (wenigstens an der 

-) Die Wülste oder Falten, welche der Übergangstheil bildet, werden bei etwas langsamerem Verlaufe manchmal 
uneben angetroffen, durch etwas erhabene, etwas lichtere, fast durchscheinend Aussehende Hügel, welche viel- 
leicht geschwellte Follikel, vielleicht auch partielle Erhebungen des F.piiheliums durch serösen Er^uss sind 

2* 



20 Bindehaut. 

Peripherie) durchzogen, oft auch stellenweise ecchymotisch. Das Secret 
ist bereits trüb, anfangs dünn, lichtgraulich, molkenähnlich oder gelb- 
lich-röthlich, mit consistenteren gelben Flocken, später dicker, weissgelb, 
in manchen Fällen als zäher Schleim den Bulbus überziehend, in andern 
als rahmähnliche Flüssigkeit aus der Lidspalte vorquellend, die Haut ex- 
coriirend. Die Geschwulst der Lider ist in der Regel schon so stark, 
dass die Lidspalte wenig- oder gar nicht geöffnet werden kann, und selbst 
die Falte der Haut des obern Lides bisweilen verstrichen ist, rosen- oder 
violeüroth (die Röthe nimmt gegen die Peripherie hin ab), weich, nur 
bei tieferem Drucke empfindlich, wärmer anzufühlen. 

NB. In manchen Fällen ist die innere Fläche der Lider mit einer 
dünnen Schichte croupösen, sehr bald zerfliessenden Exsudates bedeckt, 
welches gewöhnlich nur bei Blennorrhöen des 3. Grades, doch auch da 
nicht constant beobachtet wird. Ich sah in einigen solchen Fällen Rück- 
bildung und Genesung- eintreten, ohne dass es zu den Zufällen des 3. 
Grades kam. Ebenso zeigt die Hornhaut bisweilen auch schon beim 2. 
Grade der Krankheit einen erhöhten Glanz. 

Ist die Blennorrhoe zum 3. Grade gestiegen, so sind alle Erschei- 
nungen des 2. Grades, nur gesteigert, vorhanden, und dazu kommt noch 
Gesehwulst der Conjunctiva bulbi. — Die Lider können wegen der Ge- 
schwulst selten mehr umsiülpt, oder auch nur so weit abgezogen werden, 
dass man ihre Bindehaut ganz zu Gesichte bekäme. Die Geschwulst pflegt 
die Höhe des Augenbrauenbogens zu übersteigen und über das Wangen- 
bein hinabzureichen; sie ist vom innern bis zum äussern Winkel gleich- 
massig (weil seeundär zur Entzündung der Bindehaut), und unterscheidet 
sich schon hiedurch von der durch andere Affectionen bedingten. — Das 
Secret, durchaus trüb und mehr gleichmässig, eiterähnlich oder jauchig-, 
bald dicker, bald dünner, ist reichlich, häufig so, dass es stromweise über 
die Wange herabfliesst. — Die Geschwulst der Conjunctiva bulbi ist ent- 
weder gleichmässig, und umgibt die Hornhaut als ein gespannter, derber, 
ziegel- oder blaurother Wall, oder ungleichmässig, in Form von schlaffen, 
blasenähnlichen Wülsten, welche bisweilen die Cornea theilweise, selten 
gänzlich bedecken. Sie schreitet von der Übergangsfalte gegen die Cor- 
nea hin vor, und ist durch seröse Infiltration des submueösen Bindege- 
webes bedingt *). 

") In mnnchen Fällen sichl man beim Beginn des 3. Grades, seilen früher, nahe an der Cornea, und zwar fast immer 
gegen einen oder gegeu beide Winkel hin dreieckige weisse Stellen entstellen, welche gegen die intensivere 
Rothe ringsherum abstechen. Sie haben weder diagnostische noch prognostische Bedeutung, indem sie allmälig 
spurlos verschwinden. Form und Lage deuten darauf hin, dass der Druck der I.ider zu ihrer Bildung beiträgt. 
Wir haben hei der Ophthalmia catarrhalis von einer ähnlichen Erscheinung gesprochen. 



Blennorrhoe — Symptome. 21 

Die Cornea zeigt bei diesem Grade meistens einen erhöhten Glanz 
und wird später sehr häufig gefährdet, entweder durch Entzündung und 
Versch wärung (in Folge des Druckes durch die Geschwulst der Lider 
und des BindehautwahVs) , oder durch partiellen Epithelialverlust und 
seichte Geschwüre (Resorptionsgeschwüre); seltener geschieht es, dass 
sich Pannus auf derselben entwickelt. — Tritt Entzündung der Cornea 
ein, so bekommt dieselbe durchaus oder theilweise ein mattes, licht- 
graues oder graulichweisses Ansehen , wird endlich in dieser Partie 
weissgelb und zerfliesst (verschwärt) , oder schwillt an und berstet in 
wenig Stunden oder Tagen. Die Zerstörung reicht nie bis in die Sclera 
hinein. Die Entwicklung des. Pannus (Ausscheidung von Exsudat und 
Gefässentwicklung unter dem Epithelium der Cornea) erfolgt ebenfalls 
sehr rasch, bisweilen selbst binnen 12 Stunden, indem sich gleichsam 
der gelockerte, geschwellte und gefässreiche Limbus conjunctivae cor- 
neae von oben her ausbreitet, und einen mehr weniger weit herab- 
reichenden Überzug der Cornea bildet. 

Das croupöse Exsudat auf der Bindehaut der Lider, dessen wir 
schon beim 2. Grade erwähnten, fehlt bei heftigen Fällen des 3. Grades 
selten. Wo es vorhanden ist, hat man Grund, Entzündung und Verschwä- 
rung der Cornea zu befürchten. Entfernt man dasselbe durch Aufspritzen 
von Wasser oder durch Abstreifen mit einem Tuche, Spatel u. dgl., so 
blutet die Bindehaut, eine Erscheinung, die bisweilen auch spontan und 
ohne deutlich croupöses Exsudat eintritt, und. an und für sich ohne Be- 
deutung für die Prognosis ist. 

Dii; Blennorrhoe des 3. Grades gehört vermög ihrer Heftigkeit unter 
jene Augenkrankheiten, welche Fieber erregen, ausgenommen bei sehr 
torpiden Individuen und minder stürmischem Verlaufe der Krankheit. 

B. Die subjeetiven Erscheinungen sind beim 1. Grade im Ganzen 
dieselben, wie beim Katarrh, von welchem sich, wie gesagt, die Krankheit 
so zu sagen nur durch das tiefere Erkranktsein des Bisidehautparenchyms 
unterscheidet. 

Beim 2. Grade fehlen heftige Lichscheue und starke, reissende, 
drückende oder stechende Schmerzen nur bei etwas langsamerem Verlaufe 
oder bei sehr torpiden Individuen, bei welchen diese Erscheinungen auch 
im 3. Grade und unter ganz acutem Verlaufe häufig in auffallend niedri- 
gem Grade auftreten, wohl auch fehlen. 

Bei praller, hochrother und heisser Geschwulst der Lider und des 
Bindehautwalles um die Cornea haben die Kranken in der Regel fürch- 
terliche Schmerzen zu ertragen, zu welchen noch, wenn die Geschwulst 



22 Bindehaut. 

den' Bulbus drückt, lästige Lichterscheinungen kommen, die Qual des 
Übels zu vollenden. 

Ich habe diese Krankheit, welche von den mildesten bis zu den heftigsten For- 
men so verschiedene Erscheinungen darbietet, und doch, wie die allmäligen Übergänge 
zeigen, immer einen und denselben Process darstellt, nach Graden geschildert, nicht 
etwa, um hiedurch strenge Grenzen zwischen den einzelnen Formen zu ziehen, welche 
in der Natur nicht vorkommen, sondern nur, um es mir bei der Beschreibung möglich 
zu machen, die Aufmerksamkeit auf die relative Heftigkeit der einzelnen Erscheinungen 
zu lenken. Nicht die Gegenwart des einen oder des andern Symptoms an und für sich 
entscheidet, wenn man fragt, ob die Krankheit eine Blennorrhoe und wie heftig diese 
sei, sondern ein gewisses Verhältniss mehrerer Symptome neben und nach einander. 

Würde dieser Satz immer fest im Auge behalten, die acute Bindehautblenorrhöe, 
diese so gefährliche Krankheit des Auges, würde nicht so oft mit andern ähnlichen 
Entzündungsformen verwechselt werden. Es wird nicht überflüssig sein, durch einige 
Beispiele anschaulich zu machen, wie wichtig die Festhaltung obigen Satzes für die 
Diagnosis, und mithin auch für die Prognosis und Therapie ist. 

Ein junger Mann wird von einem Arzte ins Spital angewiesen „mit acuter ßin- 
dehautblennorrhöe." Das obere Lid des linken Auges ist so stark geschwollen, dass 
die Geschwulst die Höhe des Augenbrauenbogens überragt, und die Falte des obern 
Lides verstrichen ist ; das untere Lid ist wenig geschwollen, im innern Winkel ist eine 
massige Menge Schleim angesammelt, die Cilien sind in Büschel verklebt; der Kranke 
klagt über heftige Schmerzen und Lichtscheue; beim Öffnen der Lidspalte entleert sich 
eine wasserklare Flüssigkeit. Es ist der 3. Tag der Krankheit. Bei so starker Ge- 
schwulst der Lider und am 3. Tage noch kein gleichmässig schleimig-eitriges, minde- 
stens trübes Secret; das kann keine Blennorrhoe sein. Die Lider werden auseinander 
gezogen, der Kranke jammert dabei vor Schmerz; die Bindehaut im Tarsallheile injicirt, 
im Übergangs- und in der äusseren Hälfte des Scleraltheiles stark ödematös. Letztere 
Erscheinung fordert zur Betastung des obern Lides gegen den äussern Winkel hin auf; 
nahe der äussern Commissur fühlt man eine erbsengrosse Stelle hart, äussest empfind- 
lich, die Haut darüber etwas mehr geröthet. Wir verordnen warme Umschläge; nach 
einigen Tagen bricht der Abscess nach aussen auf, der Kranke ist in kurzer Zeit von 
— einem Gerstenkorn geheilt. 

Ein Doctor der Medicin ruft mich zu seinem 4jährigen Knaben, der schon eini- 
gemale an scrofulöser Augenentzündung gelitten hatte. Seit 5 Tagen klagt der Knabe 
wieder über das linke Auge, ist lichtscheu und hält es verdeckt. Heute, nach besonders 
heftigen Schmerzen, sieht der Vater das Auge an, findet die Geschwulst des obern 
Lides so stark, dass es über das untere herabragt, und zu seinem grössten Schrecken 
die Lidspalte voll eitriger Flüssigkeit. Auf den ersten Anblick glaube ich ebenfalls eine 
Blennorrhoe vor mir zu haben; ich öffne die Lidspalte, um die Hornhaut zu sehen, der 
Knabe schreit vor Schmerz. Es entleert sich der Eiter und etwas blutige Flüssigkeit, aber 
die Hornhaut ist rein, und die Conjunctiva bildet keinen Wall um die Cornea, sie ist 
nur etwas stärker injicirt; die Bindehaut des untern Lides ausser netzförmiger Röthe 
normal, die Meibom'schen Drüsen deutlich durchscheinend. — Das ist also bestimmt 
keine Bindehautbleiinorrhöe. Beim Betasten des obern Lides fühlt man in der Gegend 
des obern Randes des Knorpels eine etwa erbsengrosse, härtere und sehr empfindliche 



Blennorrhoe — Symptome. 23 

Stelle. Ich ziehe das Lid etwas vom Bulbus ab , und sehe nun die Stelle, wo ein 
Gerstenkorn sich nach innen entleert hat. 

Eine Dienstmagd wird von einem Augenarzte wegen Bindehautblennorrhöe des 
linken Auges auf die Augenklinik angewiesen. Die Geschwulst der Lider ist so , wie 
bei einer Blennorrhoe 3. Grades. Es ist der 3. Tag der Krankheit. Beim Offnen der 
Lider kein Schmerz: die Conjunctiva bulbi bildet rings um die Cornea einen blassrothen 
Wall, welcher aber in der innern Hälfte des Bulbus stärker ist, und die Cornea nicht 
ganz erreicht; heftige Kopfschmerzen, massige Lichtscheu, reichlicher Thränenfluss ; im 
innern Winkel und an den Cilien zäher gelblicher Schleim; die Bindehaut des untern 
Lides über dem Tarsus gleichmässig hellroth; der Übergangstheil kann der Geschwulst 
wegen nicht besichtigt werden. So heftige Erscheinungen und noch wasserklares 
Secret (trotz der ziemlich reichlichen Schleimflocken) am 3. Tage — man betastet genau 
die Gegend des Thränensackes und überzeugt sich: die Affection der Lider und des 
Bulbus ist consecutiv zu einer Thränensackentzündung. 

Und so können Rothlauf der Lider, Verletzungen der Bindehaut, Entzündung der 
Chorioidea u. s. w. mehr weniger für Blennorrhoe imponiren. 

Schubert Johanna, 27 Jahre alt, kam am 10. October 1848 in die Anstalt. Die 
Lider des linken Auges massig geschwollen (die Falte des obern Lides nicht verstri- 
chen), leicht geröthet, die Cilien durch Schleim zu Büscheln verklebt, die Conjunctiva 
bulbi zu einem gleichförmigen 3 / 4 — 5 / 4 ' ;/ hohen blassrothen Walle rings um die Cornea 
erhoben, auf dieser nach unten und aussen ein leichtes Resorptionsgeschwür; die Binde- 
haut im Tarsal- und Übergangstheile dicht netzförmig und hoch geröthet, wenig ge- 
lockert, nicht mit Schleimflocken besetzt, nur über der Karunkel etwas gelblicher 
Schleim ; brennende und drückende Schmerzen im Auge und in der entsprechenden 
Kopfhälfte. Die Anamnesis gab über diesen sonderbaren Befund Aufschluss. Die Kranke 
hatte vor 5 Tagen einen drückenden Schmerz im linken Auge bekommen (sie handelt 
mit Holzkohlen), und den Tag darauf das Auge mit Seifenwasser ausgewaschen; nun 
wurde das Auge röther, die Lider schwollen an, und die entsprechende Kopfhälfte 
schmerzte heftig. Sofort wendete die Kranke ein Collyrium aus Cuprum sulfuricum und 
nachher kalte Umschläge an, und da das Leiden ärger wurde, brachte man sie auf die 
Au^enkrankenabtheilung. Wir hatten es offenbar mit einer durch chemisch wirkende 
Schädlichkeiten bedingten oder doch gesteigerten Bindehautentzündung zu thun. Der 
Verlauf bestätigte diese Ansicht. 

Auf die Ähnlichkeit mit Fällen von Trachoma acutum können wir erst später zu 
sprechen kommen. 

2. Reihe, In einer zweiten Reihe von Fällen, welche wir gleichfalls 
als Blennorrhöen bezeichnen müssen, finden wir mehr einen schleppenden 
(chronischen) Verlauf und nicht die Tendenz zur Ophthalmoblennorrhoe 
von vorn herein, insofern als die Krankheit hauptsächlich auf die Binde- 
haut der Lider beschränkt bleibt (Blepharoblenorrhöe), und eine Steige- 
rung nur durch die Einwirkung neuer Schädlichkeiten nach bereits er- 
folgtem Ausbruche der Krankheit eintritt. Während in der ersten Reihe 
die Ausscheidung schleimig-eitriger Flüssigkeit an die Oberfläche vorwaltet, 



24 Bindehaut. 

und die Infiltration der Gewebe im Allgemeinen mehr eine seröse ist, 
finden wir in der zweiten Reihe die Schleim- oder Eitersecretion spär- 
licher, relativ zur Schwellung der Bindehaut, diese hingegen mehr von 
plastischem (faserstoffigem) Exsudat durchsetzt und desslialb wuchernd, 
die sogenannten Granulationen bildend*). 

Der 1. Grad, oder wenn man will , das 1. Stadium, lässt sich we- 
sentlich von einer Ophthalmia catarrhalis nicht unterscheiden, wenn nicht 
anamnestische Momente (vorzüglich das massenweise Auftreten der Krank- 
heit) oder das Missverhältniss zwischen den objectiven und subjecliven 
Symptomen, das rasch eingetretene sammetarlige hoch- oder dunkelrothe 
Aussehen des Tar •saltheiles und die stärkere Schwellung und intensi- 
vere Röfhe der halbmondförmigen und der Übergangs falte gegründeten 
Verdacht erregen, dass man es mit einer beginnenden Blennorrhoe dieser 
Art zu thun haben werde. Dieser Zustand kann mehrere Tage andauern, 
ohne dass sich das befallene Individuum für krank hält, zumal wenn es 
das Verklebtsein der Augen nach dem Schlafe wenig beachtet. 

Aufmerksame Kranke klagen beim Beginn der Krankheit über das 
Gefühl der Trockenheit oder Rauhigkeit, später über Drücken oder Bren- 
nen, das Auge sieht wie verweint aus, und geht, wie man zu sagen pflegt, 
leicht über, nölhigt zum öftern Auswischen. 

Untersucht man so eine Bindehaut, gut abgetrocknet, mit der Loupe, so sieht 
man in der ersten Zeit wohl noch eine dicht netzförmige, bald aber mehr eine gleich- 
massige oder vielmehr aus lauter Punkten oder Gruppen von Punkten bestehende 
Röthe. Die Anordnung dieser Punkte erinnert auf den ersten Blick an den warzigen 
Bau der Bindehaut unter dem Mikroskope betrachtet, wie ihn unter Andern Eble (Über 
den Bau der Bindehaut, Wien 1828) auf der 1. Tafel Fig. 4 unübertrefflich abgebildet 
hat. — In manchen Fällen sieht man einzelne glänzende, bläscheuähnliche Hügel, deren 
Deutung ■ — ob Erhebungen durch Serum, ob geschwellte Follikel — mir noch proble- 
matisch ist. Sie sind jedenfalls nichts Charakteristisches, da sie auch bei einfachen 
acuten Katarrhen beobachtet werden. 

Im 2. Grade (Stadium) ist die Krankheit schon deutlich charakteri- 
sirt. Die auffallendsten und constantesten Symptome sind: die Schwel- 
lung, Infiltration der Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung, vom Lid- 
rande bis in die halbmondförmige Übergangsfalte , ihre gleichmässige 
ziegel-, fleisch- oder dunkelrothe Färbung, so dass vom Durchscheinen 
der Meibom'schen Drüsen — ausser etwa in einem linearen Streifen längs 

*) Je nachdem man bald das eine, bald das andere dieser 3 Momente mehr in's Auge fasste, hat man die hieher 
gehörigen Fälle — im Gegensalze zu der 1. Reihe, der acuten Bindehautblennorrhöe — bald als chronische 
Bindehautblennorrhöe, bald . als Blepharoblennonhüe, bald auch als granulöse Bindehautentzündung bezeichnet. 
Von andern Standpunkten aus hat man für die hieher gehörigen Fälle den Namen ophihalmia militaris aegypliaca 
u. dgl. gehraucht. 



Blennorrhoe — Symptome. 25 

des Lidrandes — keine Spur vorhanden ist, und das gleichmässige oder 
doch nur sehr wenig verschiedene (in anatomischen Verhältnissen be- 
gründete) Auftreten dieser Veränderung auf dem obern und untern Lide 
zugleich ; mehr variabel ist schon die Alienation der Secreiion. 

So weit im gesunden Zustande der Pupillarkörper reicht, also am 
untern etwa l j & '", am obern gegen 1'" über den Orbitalrand des Tarsus 
hinaus erscheint die deutlich infiltrirte, geschwellte, verdickte Bindehaut 
mit dicht aneinander gedrängten, ziemlich gleich hohen und gleich gros- 
sen Wärzchen besetzt, welche je nach der verschiedenen Dauer bald 
feiner (staubähnlich) und weicher, bald gröber und derber sind, mit der 
Zeit jedoch an Grösse mehr ungleich werden. Sind sie sehr weich, 
ziegel-, fleisch- oder bläulichroth, so bluten sie leicht bei Berührung, 
(nachdrücklicherem Abtrocknen, Bestreichen mit Cuprurn sulfuricum); nach 
monatelangem Bestehen werden sie, falls keine Rückbildung (Heilung) 
eintritt, an der Oberfläche blässer, durch den gegenseitigen Druck fast 
palissadenähnlich aneinander gedrängt, wohl auch an der anfangs glatten 
und rundlichen Oberfläche durch den Druck des Bulbus etwas abgeplattet, 
eckig, hahnenkammähnlich und knorpelhart. Nie kann man eine deutliche 
Basis solcher Wärzchen unterscheiden, und beim starken Abziehen des 
untern oder beim Umstülpen des obern Lides erscheinen sie wie durch 
Einrisse oder Schrunden getrennt. Die stärkste Tendenz zur Wucherung 
zeigt sich immer gegen den Orbitalrand hin und etwas hinter demselben, 
besonders am obern Lide, wo die mit Exsudat durchsetzten und über- 
deckten Papillen in späterer Zeit manchmal zu einer oder zu zwei darm- 
ähnlichen (erst rothen, dann grauen) Wülsten verschmolzen sind. 

Indem man sich gewöhnte, so zu sagen jede Unebenheit, jede Erhöhung auf der 
Bindehaut mit dem übrigens sehr schlecht gewählten Worte Granulation zu bezeichnen, 
und sofort es nicht der Mühe werth fand, die Bedeutung dieses Wortes zu erfassen, 
d. h. in jedem speciellen Falle sich Rechenschaft zu geben, wodurch denn eigentlich 
solche Erhöhungen bedingt seien , warf man die verschiedensten Zustände zusammen 
und brachte, je mehr man sich an die einseitig aufgefasste Erscheinung hielt, desto 
mehr Verwirrung in die Lehre von den Bindehauterkrankungen. Vier verschiedene Zu- 
stände sind es vorzüglich, welche uns als einander mehr weniger ähnliche Erhöhungen 
auf der Bindehaut des Tarsal- und Übergangtheiles erscheinen, und wovon 2 als Ver- 
größerung normaler Elemente der Bindehaut, 2 als Neubildungen (katexochen) zu be- 
trachten sind. Zu den ersteren gehören: «) die vergrösserten geschwellten Follikel, 
welche vorzugsweise im Übergangstheil vorkommen, nie eine bedeutende Grösse zei- 
gen, stets mehr durchscheinend und nur wenig emporragend sind, und bei den ver- 
schiedensten Zuständen der Bindehaut (mit Hyperämie und seröser Schwellung) auftreten 
können. Wir haben ihrer bereits mehrmal Erwähnung gethan, und werden ihnen auch 
bei der Conjunctivitis scrofulosa wieder begegnen. 6) Die vergrösserten Pupillen des 



26 Bindehaut. 

Tarsaltheiles der Bindehaut, die wir so eben als der Bindehautblennorrhöe vorzüglich 
zukommend bezeichneten und beschrieben. Sie kommen aber auch, wenn gleich mehr 
sammetartig, feinzottig oder feinkörnig bei länger dauernden (chronischen) katarrhali- 
schen Zuständen der Bindehaut, und mehr als secundäre, keineswegs constante oder 
wesentliche Erscheinung bei jener Krankheit vor, die wir weiterhin als Trachoma be- 
schreiben werden. 

Als reine Neubildungen beobachtet man c) ganz kleine, höchstens mohnkorn- 
grosse fast krystallhelle Bläschen, bedingt durch serösen Erguss unter das Epithelium 
bei acuten Processen, und desshalb niemals lange (mehrere Tage) bestehend, theils über 
den Tarsus, theil im Übergangstheile , wohl auch nächst dem Limbus conjunctivae 
cornea und auf der Cornea selbst vorkommend, d) Erguss von eiweiss-faserstoffigem 
Blastem m Form rundlicher Körner, theils unter das Epithelium, theils in das Parenchym 
der Bindehaut oder selbst in die tiefen Gebilde. Wir können diese Erscheinung erst 
bei der Lehre von Trachoma, bei welcher Krankheit diese Neubildung das primäre, 
constante und maassgebende Phänomen ist, einer genauen Besprechung in Bezug auf 
sein Auftreten, Vorkommen und Umwandeln unterziehen, und erwähnen hier nur, dass 
solche Bildungen, wenn auch nur als untergeordnete und secundäre Erscheinung, 
nicht nur bei unserer zweiten Reihe von Blennorrhöen, sondern auch, wie uns zuverläs- 
sige Beobachtungen belehrten, bei Fällen der ersten Reihe, bei acuten (selbst bei durch 
Impfung mit Trippersecret entstandenen) Schleimflüssen der Bindehaut beobachtet wer- 
den können. 

Bisweilen schon bald nach dem Eintritte, in der Regel aber est nach längerem 
(Wochen — Monate) Bestehen des 2. Grades dieser Blennorrhoe, aber auch nach un- 
vollständiger Lösung von höchst acut aufgetretenen (sogenannten Tripper-) Blennor- 
rhöen findet man ein lichtgraues, beinahe durchscheinendes Exsudat in Form von rund- 
lichen, glatten Hügelchen , theils auf den Papillen , theils unter dem Epithelium des 
Übergangstheiles abgelagert, bald mehr bald weniger von Gefässchen überschlängelf 
Oft, wo ich bloss einfache Vergrösserung der Papillen vor mir zu haben glaubte, zeigte 
mir die Loupe, dass hie und da auf den etwas stärker vorragenden Papillen diese 
Neubildung begann. Eben dieses genauere Betrachten mit einer möglichst scharfen 
Loupe überzeugte mich , dass die Bildung von lichteren , fischrogen- oder froschlaich- 
ähnlichen Bläschen oder Hügelchen an und für sich nicht, wie ich früher glaubte, dem 
Trachoma eigenthümlich sei, sondern, dass man bei der Frage , ob man eine blennor- 
rhoische oder eine trachomatöse Conjunctiva vor sich habe, noch auf andere Momente 
Rücksicht nehmen müsse. Von diesen wurden einige bereits angedeutet; die vollstän- 
dige Diagnostik kann erst bei der Lehre vom Trachoma gegeben werden. 

Ali der halbmondförmigen und Übergangsfalte erscheint die Wul- 
stung oder Verdickung- der Bindehaut nicht warzig, sondern gleichmässig, 
beinahe glatt, nur nach längerem Bestehen bisweilen etwas uneben (durch 
stellenweise etwas mehr gehäuftes grauliches Exsudat), übrigens ebenfalls 
durchaus fleisch- oder dunkelroth; die Übergangsfalte läuft wie ein wul- 
stiges Band um den untern Umfang des Bulbus. Man kann in ihr nicht 
leicht einzelne Gefässe unterscheiden; nur in der Scleralbindehaut sind 
gewöhnlich sehr zahlreiche Gelasse, in der ersten Zeit wohl auch Ec- 



Blennorrhoe — Symptome. 27 

chymosen oder ein rosenrother Saum urn die Cornea herum vorhanden. 
In minder heftigen Fällen oder nach längerer Dauer reicht die Gefäss- 
einspritzung der Scleralbindehaut nicht bis in den Limbus conjunctivae hinein. 

In der ersten Zeit schwimmt das Auge in Thränen — man sieht 
oft deutlich, dass der Lidrand wegen Schwellung des Papillarkörpers sich 
nicht an den Bulbus anschmiegen kann, — und in dem klaren Secrete 
schwimmen mehr weniger zahlreiche gelbliche Flocken. In andern Fällen 
ist das Secret durchaus trüb, molkenähnlich, mit dickeren Flocken. Nach 
längerem Bestände findet man mehr ein dickes , schleimig-eitrig aus- 
sehendes, oder auch in Fäden gewalztes Secret, welches oft erst nach 
künstlicher Entfaltung des Wülste bildenden Übergangstheiles sichtbar wird, 
oder sich in den Schrunden und Furchen, zwischen den hypertrophischen 
Papillen verbirgt. Die Secretion wird in dem Maasse sparsamer, als die 
Wucherungen des Papillarkörpers blässer und derber werden. Bei trocke- 
nem heiterem Wetter ist die Secretion geringer, der Kranke fühlt sich 
wohler, durch Secret, Lichtscheu und verschiedene Sensationsanomalien 
weniger belästigt als in feuchter, namentlich aber in gesperrter, durch 
Zusammenwohnen Vieler verunreinigter Luft. 

Die ödematöse Schwellung und blasse Röthe der Lider (nur über 
dem Tarsus), welche hier nie einen sehr hohen Grad erreicht, besteht 
nur die ersten 6 — 10 Tage, falls die Krankheit sich nicht (unter ungün- 
stigen äussern Verhältnissen) zum 3. Grade steigert. Die Lidspalte er- 
scheint dann auch nicht sowohl in Folge der Lichtscheu etwas weniger 
geöffnet, als vielmehr durch eine gewisse Schwere (vermöge der Binde- 
hautwucherung des obern Lides.) 

In welcher Weise endlich auch die Cornea betheiligt werden könne, 
ohne dass die Krankheit sich zur eigentlichen Ophthalmoblennorrhoe ge- 
steigert haben muss, werden wir bei den „Ausgängen" dieser Krankheit 
anführen. 

Die Steigerung zum 3. Grade ist bei diesen Fällen, die gleich von 
vorn hinein sich mehr durch Infiltration der Bindehaut als durch reich- 
liche Secretion und Odem der Lider auszeichnen, im Allgemeinen selten, 
und erfolgt in der Regel nur dann, wenn nach erfolgtem Ausbruche der 
Krankheit noch namhafte schädliche Einflüsse auf das Auge einwirken. 
Ist aber die Krankheit zur Ophthalmoblennorrhoe gestiegen, so stimmen 
solche Fälle der 2. Reihe ganz mit denen der 1. Reihe überein, es lässt 
sich kein einziges erhebliches Unterscheidungsmerkmal mehr angeben. *) 

*) In die Erörterung- der Frage, ob die in die 2. Reihe gestellten Fälle von denen der 1. Reihe nicht etwa wesent- 
lich verschieden seien, können wir erst später eingehen. 



28 Bindehaut. 

Aul' die Gefahr hin, weitschweifig zu erscheinen, will ich, um nur meinen Lesern 
ein möglichst klares Bild von dem Ensemble der Erscheinungen vorzuführen, 'die Schil- 
derung einiger Fälle, so viel als möglich naturgetreu wieder gegeben, aus meinem 
Tagebuche hier einschalten. Sie können in so fern als Repräsentanten von mehr als 
500 Fällen,, welche ich beobachtete, betrachtet werden, als sie keine absichtlich aus- 
gewählten, sondern mehr zufällig herausgegriffen sind. 

L. Andrioli, Gemeiner des Infanterieregiments Haugwitz, gross, von kräfti- 
gem und gesundem Aussehen, schwarzem Haar, lichtgrauer Iris, mit ziemlich flach- 
liegenden Augen, angeblich seit 2 Monaten krank, kam am 20. September 1850 
(als sogenannt reeidiv aus dem Filialspitale) in das Artilleriespital am Hradschin. 
Sehr wenig Lichtscheue, sehr wenig Thränenfluss, keine Schmerzen, kein Odem 
der Lider, keine Ansammlung von Schleim im innern Augenwinkel, nur zwischen 
den Falten des Übergangstheiles gelbliche Flocken und Fäden. Beide Augen in glei- 
chem Grade erkrankt, die Veränderungen am obern und untern Lide nicht mehr von 
einander verschieden , als es eben in der Verschiedenheit der anatomischen Verhältnisse 
bedingt ist. Die Lidbindehaut ist bis in den Übcrgangstheil gleichmässig hochroth und 
geschwollen, über dem Tarsus feinkörnig, Körnchen an Körnchen gedrängt. Wird das 
obere Lid umstülpt und sorgfältig und wiederholt abgewischt, so erscheint die Binde- 
haut dennoch fortwährend glänzend, glatt, mit einer Unzahl glatter Hügelchen besetzt. 
Vermeidet man bei Anwendung einer Loupe das Spiegeln der eben zu betrachtenden 
Partie, so sieht man ein lichtgraues Gitterwerk, ähnlich den feinsten Blattrippen eines 
Eichenblattes (getrocknet und durch Nadelstiche des Parenchyms beraubt), mit dazwi- 
schen eingelagerten, etwas hervorragenden Gruppen von rothen Pünktchen und Fleck- 
chen. Nur gegen den Lidrand hin sieht man senkrecht auf denselben auslaufende rothe 
Streifchen. Bei Betrachtung des Übergangstheiles am untern Lide sieht man die 2 
Wülste nächst dem Tarsus uneben durch minder dicht an einander gedrängte, ganz 
flache, unter der Loupe graue und etwas durchscheinende, körnchenähnliche Erhaben- 
heiten; die Übergangsfalte selbst ist gleich der halbmondförmigen glatt und eben, ohne 
einzelne Exsudatkörner, ohne einzelne Gefässe, bläulichroth. Die Coujunctiva bulbi ist 
durchaus netzförmig geröthet, die Äderchen scharlachroth, sehr leicht verschiebbar, bis 
in den limbus conjunctivae corneae hinein eingespitzt, die Bindehaut dazwischen gelb- 
lich; die vordem Ciliaraterien sind wenig injicirt, bilden wenigstens keinen rosen- 
rothen Saum um die Cornea. Die Hornhaut normal. 

M. Stabe, Gemeiner vom Dom Miguel Infanterie-Regimente, von gesundem Aus- 
sehen, bereits Ende Juni erkrankt, dann in das Spital der Reconvalescenten transferirt, 
wurde vor vier Tagen, wie man sagte, reeidiv, und bot am 20. September 1850 fol- 
gende Erscheinungen dar. Heftige Lichtscheu, starke, drückende Schmerzen , leichtes 
Odem der Lider (die Lidspalte wird geschlossen gehalten, obwohl die Falte des obern 
Lides nicht verstrichen ist), die Cilien durch Schleim in Büschel verklebt, reichliche 
Absonderung wasserklarer Flüssigkeit mit einzelnen gelblichen Flocken, die Ränder der 
Lider etwas geröthet mit Spuren von Excoriationen. Die Bindehaut am obern und untern 
Lide beider Augen gleichmässig ergriffen, durchaus hellroth, geschwellt, dicker, grob 
sammetaitig oder feinkörnig, von Thränen überfluthet auch nach mehrmaligem Abwi- 
schen (am obern Lide) stets feucht und glänzend, hie und da nebstdem mit feinen, 
staubähnlichen, glatten Erhebungen besetzt. Unter der Loupe sieht die Bindehaut licht- 
grau aus mit dazwischen eingesprengten hochrothen Punkten und Gruppen von solchen 



Blennorrhoe — ,S3 r mptome. 29 

Punkten; nur gegen den Lidnind hin kann man mit der Loupe noch einzelne Gefäss- 
reiserchen unterscheiden; gegen den Orbitalrand des Tarsus hin ist die Wucherung der 
Bindehaut etwas stärker. Der Übergangstheil des untern Lides bildet 4 Wülste, davon 
die erstem 3 mit einzelnen, leichten, flachen, nur ein wenig lichteren Erhöhungen 
durchsetzt, die halbmondförmige und Übergangs falte hochroth und eben. Die Conjun- 
ctiva bulbi massig serös infiltrirt, von einzelnen Gelassen durchzogen; um die Cornea 
ein schmaler, rosenrother Gefässsaum, Cornea und Iris normal, die Pupille enger. Vom 
20. Juli, also aus der Zeit der ersten Invasion , finde ich folgende Beschreibung in 
meinen Notizen. Der Mann, 24 Jahre alt, von gesundem Aussehen, bietet bloss solche 
Erscheinungen dar, wie man sie bei gewöhnlichen Augenkatarrhen findet. Keine Licht- 
scheue, in den innern Winkeln etwas gelblicher Schleim , zwischen den Falten des 
Übergangstheiles einige Schleimfäden. Die Bindehaut des obern und untern Lides beider 
Augen "blassrotb , wenig gelockert , über dem Tarsus fein sammetartig, die Meibom'schen 
Drüsen sichtbar, die Übergangs- und halbmondförmige Falte leicht geschwellt. Dieser 
Fall wurde damals unter die Katarrhe gerechnet; er wäre, gleich beiläufig 20 andern, 
gar nicht in's Spital gekommen, wenn nicht angeordnet gewesen wäre, jeden der so- 
genannten Ophthalmia militaris Verdächtigen sogleich unter besondere Obhut zu stellen. 

Johann Hoftmann, von Prinz Emil Infanterie, kam am 24. Juli 1850 in's Spital, 
nachdem er bereits im Mai erkrankt war. Aufnahme des Befundes am 20. September: 
Der Mann ist gross, hat eine kräftige Muskulatur, gesundes Aussehen, und fühlte sich 
weder vor noch nach dem Ausbruche der Augenkrankheit irgendwie unwohl. Er hat 
blonde Haare, blaue Iris, die Augen weder flach noch tief liegend. Keine Lichtscheue; 
beim Anblick der Augen fällt nur die Vergrösserung der halbmondförmigen Falte auf; 
auf der Karunkel ein wenig Schleim. Das obere und untere Lid beider Augen in glei- 
chem Grade erkrankt; die Bindehaut vom Lidrande bis in den Übergangstheil ge- 
schwellt und hochroth, über dem Tarsus feinwarzig (durchaus gleich grosse Wärzchen), 
unter der Loupe (die etwa 4'/ 2 mal vergrössert) sieht man lauter kleine Wärzchen, die 
bei schief auffallendem Lichte glänzen, bei gerader Ansicht als aus rothen Punkten be- 
stehend erscheinen, und durch gelblichgraue, lichte Streifen getrennt sind. Am untern 
Übergangstheile sieht man grössere Erhabenheiten, graulich, etwas durchscheinend, hie 
und da von Gefässchen überschlängelt, welche erst unter der Loupe deutlich werden, 
mit ziemlich deutlich umschriebener Basis ; über dem Tarsus fehlen dieselben. Zwischen 
den Falten des Übergangstheiles consistentere, gelbe Flocken. 

Ich benützte diesen Mann , der in seiner Muttersprache mit mir reden konnte und 
Bildung genug zu haben schien, seinen Angaben Glauben zu schenken, zur Erhebung 
anamnestischer Momente. Er war bereits Ende Mai erkrankt, und zwar binnen 2 Tagen 
auf beiden Augen, in einem Dorfe (mehrere Meilen von Prag), wo 72 Mann lagen. 
Hievon sollen .7 — 8 augenkrank geworden sein. Er war mit noch 8 Andern in einem 
Hause einquartirt, wovon nebst ihm noch 2 erkrankten, und beschuldigte als Ursache 
den Umstand, dass sie bei grosser Hitze auf einem 1 Stunde entfernten Ackerfelde 
exerciren mussten , und starkem Staube ausgesetzt waren. Sie schliefen übrigens alle 
9 auf einem Boden unmittelbar unter einem Ziegeldache, wo die Hitze sehr gross und 
kein Luftzug war. Von den Dorfbewohnern war ihm nicht bekannt, dass Jemand er- 
krankt wäre; auch soll Niemand mit einem ähnlichen Augenleiden behaftet unter sie 
se kommen sein. Ein Kamerad von ihm, ebenfalls noch im Spitale, bestätigte diese 
Angaben. 



30 Bindehaut. 

Johann Muntian , von Dom. Miguel Infanterie, klein, schwarzes Haar, lichtbraune 
Iris, nicht sehr muskulös, ziemlich blass aussehend, doch seiner Aussage nach sonst 
gesund. Die Lidspalte etwas weniger geöffnet, wässeriges Aussehen der Augen, ganz 
leichtes Ödem der Lider, Abstehen der Lidränder vom Bulbus (wegen Schwellung der 
Bindehaut), Schleim im innern und äussern Winkel und zwischen den Cilien. Beide 
Augen am obern und untern Lide in gleichem Grade ergriffen. Das Secret, welches 
beim Abziehen der untern Lider zwischen denselben und den Bulbis erscheint, ist mol- 
kenartig trüb mit einzelnen zäheren gelbgrauen Flocken , welche sich bisweilen auch 
auf die Cornea legen. Die Bindehaut von der innern Lefze des Lidrandes bis in die 
Übergangsfalte hochroth, über den Tarsus feinkörnig, wie bestaubt, unter der Loupe 
glatt, glänzend, lichtgrau mit Gruppen rother Punkte dazwischen; auch gegen die innere 
Lefze des Lidrandes hin kann man keine Gefässchen unterscheiden. Nach längerer 
Umstülpung des obern Lides und wiederholtem Abtrocknen (durch 8 — 10 {Minuten) 
blieb die Bindehaut immer gleich feucht, und bildeten sich feine, zähe, eiweissähnliche, 
nur sehr schwer mit dem Nagel abstreifbare Fäden. Der Mann, im Juni erkrankt, war 
mehrere Wochen im Filialspitale gewesen, und nach erneuerter Heftigkeit des Übels 
den 19. September wieder in's Garnisonsspital am Hradschin gekommen. 

Johann Ferensuk, von Dom Miguel Infanterie, mit lichtbraunem Haar und blauer 
Iris und sonst von gesundem Aussehen, kam Anfangs Juli in's Spital ; am 16. Juli notirte 
ich folgenden Befund. Die Lider von aussen normal; fast gar keine Lichtscheue; die 
Bindehaut vom Lidrande bis in die halbmondförmige und Übergangsfalte blassroth, ge- 
schwellt, feinwarzig; zahlreiche Wärzchen bieten an der Spitze ein gelbliches Aussehen 
dar, und verleihen der Bindehaut (des obern Lides) ein gelblich punktirtes Aussehen; 
die Meibom'schen Drüsen nicht mehr durchscheinend, die halbmondförmige Falte massig 
gelockert und geschwellt, und gleich der Übergangsfalte glatt und eben; die Conjun- 
ctiva bulbi fast gar nicht geröthet; die Secretion besteht in wenig seröser Flüssigkeit 
mit gelblichen Flocken im innern Winkel. — Dieser Zustand wurde als 1. Grad des 
fraglichen Übels bezeichnet. — Befund am 21. Juli. Die Krankheit hat allmälig zuge- 
nommen, und zwar auf beiden Augen gleich. Die Cutis der obern Lider ist bis zu 
den Augenbrauen, die der untern bis über die Wangen herab geschwollen, blassroth, 
weich, wärmer, die Falte des obern Lides ist jedoch nicht verstrichen; die Lidspalte 
wird besonders wegen der heftigen Lichtscheue nur von Zeit zu Zeit ein wenig ge- 
öffnet; am innern und äussern Winkel und längs des untern Lidrandes sind ziemlich 
starke Excoriationen vorhanden. Die Bindehaut stark geschwellt, vom Lidrande an bis 
in die Übergangsfalte hellroth, im Tarsaltheile sammetartig. mit einer ganz dünnen 
Schichte graulichen Exsudates belegt, welches sich nur theilweise abstreifen lässt; der 
flüssige Theil des Secretes eiterähnlich, ziemlich reichlich ; die halbmondförmige Falte 
sehr stark geschwollen, besonders am linken Auge. Die Conjunctiva bulbi sehr stark 
injicirt und gelockert, auf dem linken Auge einen flachen Wall um die Cornea bil- 
dend. Am 24. Juli fand ich bereits in der linken Cornea einen hanfkorngrossen Durch- 
bmch, die Iris vorgefallen, die vordere Kammer aufgehoben. — Blennorrhoe 3. Grades. 

Johann Henne , von derselben Conipagnie , war einer der wenigen, die nur auf 
Einem Auge erkrankten. Das rechte obere Lid war am 16. Juli massig geschwollen, 
die Lidränder etwas exeoriirt, die Lichtscheu massig ; die Conjunctiva durchaus er- 
krankt, blassroth, über den Tarsus nur wenig sammetartig, die Meibom'schen Drüsen 
nicht durchscheinend., der Übergangstheil nicht stark gewulstel, so auch die massig 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 31 

stark inücirte Conjunctiva bulbi. Massig reichliches wässeriges Secret mit einzelnen 
gelben Flocken. — Bis zum 21. Juli war die Krankheit (unter Anwendung örtlicher 
Blutentziehungen, Eisumschläge, Einspritzungen von Nitras argenti, nebst sehr fleissi- 
ger Reinigung des Auges und Anwendung von Purganzen) so weit gestiegen , dass 
ich die Cornea bereits erweicht und eitrig infiltrirt fand. Die Geschwulst des obern 
Lides war bereits wieder geringer, als 2 Tage vorher. — Dies war eigentlich der 
einzige Fall, der mit totaler Zerstörung der Hornhaut verlief, unter etwa 120 Soldaten, 
die ich im Artilleriespitale am Hradschin zu sehen Gelegenheit hatte. Das linke Auge 
blieb gesund. 

Verlauf und Ausgänge. Die Blennorrhoe durchläuft, wie zum 
Theil aus dem Vorhergehenden erhellt, nicht immer alle 3 Grade ; sie 
kann mit dem zweiten eben so gut rückgängig werden, wie nach dem 
ersten. Wovon diess abhänge, welche Umstände hierauf Einfluss nehmen, 
wird aus dem weitern Verfolge dieser Abhandlung ersichtlich werden. 
Ist der Grund der Steigerung zum 3. Grade schon gleichsam mit dem 
Entstehen der Krankheit selbst gegeben (z. B. durch Übertragung von 
eiterähnlichem Secrete eines blennorhoischen Auges), so durchläuft sie 
den 2. und vorzüglich den 1. Grad so schnell, dass der Arzt selbst schon 
24 Stunden nach dem Beginn der Krankheit den 3. Grad völlig ausge- 
bildet finden, und das Auge in 36 — 48 Stunden (vom Beginn) unrettbar 
verloren sein kann, durch Zerstörung der Hornhaut. 

Bleibt die Krankheit auf den 1. Grad, beschränkt, so nimmt sie 
einen langsamen Verlauf (sich selbst überlassen), wird häufig für Katarrh 
angesehen und behandelt, häufiger gar keiner ärztlichen Behandlung un- 
terworfen. Als solche liommt sie wohl häufig bei Neugebornen vor, doch 
auch bei Erwachsenen, wo sie nicht, selten eine Menge von Individuen 
befallen hat. *) ehe der Arzt eines (etwa wegen grösserer Hartnäckigkeit 
oder wegen Steigerung zu höhern Graden) zur Behandlung bekommt. Sie 
kann unter günstigen Verhältnissen von selbst heilen, unter minder gün- 
stigen zu leichter Hypertrophie des Pupillarkörpers , Erschlaffung des 
Übergangstheiles und massiger Schleimsecretion führen, und durch Ein- 
wirkung äusserer Schädlichkeiten (unreiner Luft, Verkältung) zur Blen- 
norrhoe 2. oder 3. Grades gesteigert werden. 

Erreicht die Blennorhöe den 2. Grad, so geschieht diess in der 
Regel schon unter so heftigen objectiven und subjecliven Erscheinungen, 
dass die Kranken bestimmt werden, ärztliche Hülfe zu suchen. Diese 
Steigerung entsteht entweder in Folge von Misshandlung des 1. Grades, 

') Die Herren Militärarzte, welche beim Ausbruche dieser Krankheit unter den Truppen ffanze Bataillons visitirten, 
wissen dies wohl am besten. 



32 . Bindehaut. 

oder in Folge heftigerer äusserer (innerer?) Schädlichkeiten gleich von 
vorn hinein. 

Gerade in den milderen, nicht gleich zum Übergange in den 3. Grad 
strebenden Fällen zeigt die Krankheit wenig Neigung zur spontanen Hei- 
lung, im Gegentheile entschiedene Tendenz zur Wucherung des Papillär- 
körpers, und zu bald sparsamer, bald reichlicherer Secretion schleimig- 
eitriger Flüssigkeit, so wie zu hartnäckiger, Monate, Jahre langer Dauer, 
nachdem an die Stelle der ödematösen Geschwulst der Lider eine mehr 
weniger beträchtliche Verdickung und selbst Vergrösserung der Lider 
gelreten ist. 

Solche wahrhaft chronische Blennorrhöen können durch Einwirkung 
äusserer Schädlichkeiten jeden Augenblick zum 3. Grade gesteigert wer- 
den, ausserdem aber zu mannigfaltigen Structurveränderungen der Binde- 
haut und der benachbarten Gebilde führen. 

Das in die Bindehaut, namentlich in und auf die Papillen abgelagerte 
Exsudat organisirt sich, wenn es nicht resorbirt und somit die Bindehaut 
wieder normal geworden ist, allmählig mehr und mehr, nachdem das nor- 
male Gewebe durch den Druck des Infiltrates mehr weniger verdrängt 
worden, und. so tritt an die Stelle des normalen Bindegewebes in grös- 
serer oder geringerer Ausdehnung und Tiefe ein Narbengewebe. Dieses 
erscheint glatt, sehnenartig-glänzend, silber- oder bläulichweiss, flächen- 
oder streifenartig ausgebreitet. Bedeutende Schrumpfung der Bindehaut 
in Folge dieses Processes tritt jedoch nicht ein, auch nicht nach mehr- 
jährigem Bestehen dieser Infiltration des PupillarkÖrpers (ich kenne Fälle 
von mehr als 5jähriger Dauer), ausser nach unzweckmässiger Anwendung 
von Atzmitteln behufs der Zerstörung dieser sogenannten Granulationen.*) 

Die Exsudatablagerung findet nur in der Bindehaut, besonders im 
Papillarkörper statt, ebenso die consecutive Schrumpfung. Verschrumpfung 
des Knorpels erfolgt daher niemals, eher eine leichte Vergrösserung, und 
die Krankheit führt demgemäss nie zur Einwärtswendung des Lidrandes 
(Trichiasis und Entropium), hingegen durch starke Wucherung der Binde- 
haut leicht zur Auswärt sslülpung des Lides, Ectropium, bald des obern, 
bald des untern, nicht leicht beider zugleich, und dann besonders werden 
die Wucherungen gern hart und trocken. Bei Kindern scheint diese Art 
Ectropium, nach meinen Erfahrungen, leichter zu entstehen. 

c ) Schon aus diesem Grunde allein sollte mau dieseu unpassenden Namen aufgeben, da derselbe immer zu dem 
gewohnten Schlendrian Veranlassung gehen wird, den hypertrophischen Papillarkörper s"o wie wuchernde Ge- 
schwhrsgranulation zu behandeln. 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 33 

In andern Fällen wird das Lid nicht nur dicker, sondern auch 
breiter (von oben nach unten), besonders das obere, und hängt dann 
vermöge seiner Schwere tiefer herab, stellt den sogenannten Vorfall des 
obern Lides, Ptosis palp. superioris dar. 

In Folge der lang andauernden vermehrten Secretion kann sich, 
wie beim Katarrh, durch Excoriationen Blepharophimosis bilden. 

In seltenen Fällen entsteht consecutive ein chronisch verlaufender 
blennorrhoischer Zustand des Thränenschlauches', häufiger kommt aber 
das umgekehrte Verhältniss vor, nämlich rlass nach lange bestellendem 
blennorrhoisehem Zustande des Thränenschlauches sich ein chronisch- 
blennorrhoischer Zustand der Bindehaut entwickelt. 

Die Hornhaut wird in jenen Fällen, wo die Zufälle des 3. Grades 
nicht auftreten, nur wenig gefährdet, in der ersten Zeit durch kleine und 
mehr oberflächliche Geschwüre, nach monatlanger Dauer und öfterer Ver- 
schlimmerung der entzündlichen Zufälle durch Pannus, obwohl dieser 
unter die seltenem Nachkrankheiten der Blennorrhoe überhaupt gehört. 

Aus den vielen Fällen von Blennorrhoe, welche uns im Jahre 1848 das Findel- 
haus lieferte, und wovon viele der ersten, die meisten aber der zweiten Eingangs ge- 
schilderten Reihe angehörten, will ich, bevor ich diese Endemie ausführlicher bespreche 
(siehe weiter unten), wenigstens einen Fall herausheben. 

Jos. Spotterbach, 8 Jahre alt, Findling, erkrankte einige Tage vor seiner Auf- 
nahme auf die Augenkrankenabtheilung des allgemeinen Krankenhauses am 9. April 
1848 auf dem rechten Auge. Der Knabe , für sein Alter gehörig entwickelt, von ge- 
sundem Aussehen, gut genährt, mit schwarzbraunem Haar und blaugrauer Iris , weiss 
über das Frühere nichts Verlässliches anzugeben. Die Lider des rechten Auges stark 
geschwollen, blassroth, wärmer; die Cilien durch wässrige Flüssigkeit zu Büscheln 
verklebt, der Lidrand etwas stärker geröthet. Die Bindehaut, etwa 3 / 4 Linien hinter der 
innern Lefze des Lidrandes angefangen , über den Tarsus und im Übergangstheile 
gleichmässi^ hochgerothet, mit vielen einzelnen bläschenartigen Erhabenheiten besetzt, 
welche auf der Übergan°-s- und halbmondförmigen Falte fehlen ; die Meibom'schen 
Drüsen nicht sichtbar, ausser längs des Lidrandes in der oben angegebenen Breite von 
'/ 2 — 3 / 4 Linien. Die Conjunctiva sclerae von einzelnen hochrothen, leicht verschieb- 
baren Gefässen durchzogen , doch nicht geschwollen, die Cornea rein, die Secretion 
massig, das Secret serös mit einzelnen Schleinillocken. Am linken Auge die Lider 
nicht geschwollen, bloss die Lidränder etwas angelaufen und geröthet, die Cilien durch 
Schleim in Büschel verklebt, die Conjunctiva im Tarsal- und Übergangstheile massig 
injicirt, nur wenig gelockert, die Conjunctiva sclerae und die* übrigen Gebilde normal. 
Brennende Schmerzen im rechten Auge, massige Lichtscheu*). Am 16. April war 

*) Ich behandelte damals absichtlich bloss mit kalten Umschlägen und leichten Abführmitteln bei grösster Sorse füf 

Reinigung der Augen. Da diess einer der ersten Fälle war, so machten mich die bläschenartigen Erhabenheiten 

auf der Conjunctiva sluliig ob ich es nicht etwa mit Trachomen zu thun habe, um so mehr, da fast nur seröse 

Serrtlion der Bindehaut vorhanden war. Ich wurde inuess bald durch diesen Fall und Hoch mehr durch das 

Arlt. 1. 3 



34 Uimlt'liaiit. 

die Geschwulst der Lider fast verschwunden , die Cilien durch vertrockneten 
Schleim verklebt, die Secretion unbedeutend, schleimig, die Bindehaut dagegen 
noch stark infiltrit, und besonders gegen den Übergangstheil hin mit stärkeren 
Wärzchen besetzt. Am 19. waren plötzlich wieder die Lider stark geschwollen, die 
Geschwulst hellroth, die Coijjunctiva zeigte eine stärkere Entwicklung des Papillarkör- 
pers, das Secrel war nicht nur reichlicher, sondern auch molkig trüb. Dasselbe Krank- 
heitsbild entwickelte sich nun auch auf dem linken Auge. Am 25. April war die linke 
Cornea noch rein, die rechte aber nach unten etwa V" oberhalb des Randes im Um- 
fange eines Hanfkornes getrübt, eitrig inliltrirl. Es entstand ein Geschwürchen, welches 
am 29. bereits ganz reine Ränder zeigte . trotzdem aber doch zum Durchbruche der 
Cornea führte. Der Knabe musste, nachdem die Secretion längst wieder serös gewor- 
den und der Irisvorfall fest überhäutet war, dennoch wegen der Infiltration des Papil- 
larkörpers bis Mitte Juni im Spital behalten werden. 

Rud. Limbek, 21 Jahre alt, Corporal von Dom Miguel Infanterie, stark blond, von 
gesundem, blühendem Aussehen, erkrankte bereits den 1. Mai 1850. Am 15. Juli no- 
tirle ich folgenden Befund. Ausdruck massiger Lichtscheu, ziemlich reichlicher Thrä- 
nenfluss, sparsame Schleimflocken ; die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung ergriffen, 
und zwar auf beiden Augen ; vom Lidrande bis an die Übergangsfalte gleichmässig hell- 
roth und stark geschwellt, über den Tarsis feinkörnig, feiuwarzig, im Übergangstheile 
wulstig, uneben (mit einzelnen, gleichsam eingesprengten, lichteren, graulichen Er- 
höhungen, deren Basis nicht deutlich begrenzt erscheint) , die halmondförmigen Falten 
stark geschwollen und dunkelroth; die Conjunctiva bulbi von zahlreichen Gefässen 
durchzogen, die vorderen Ciliargefässe stark injicirt, rings um die Cornea einen rosen- 
rothen Saum bildend. Der Limbus conjunctivae deutlich geschwellt, mit kleinen, staub- 
ähnlichen lichten Körnchen besetzt und von zahlreichen Gefässen durchzogen, oben 
gegen //", unten gegen l L'" breit. Der durchsichtige Theil der Cornea theils mit 
kleinen halbdurchsichtigen, bläschenähnlichen Erhabenheiten besetzt, theils mit kleinen 
Grübchen versehen, und desshalb das Sehen etwas getrübt; auf der rechten Cornea ist 
der durchsichtige Theil der Cornea ganz normal. Am 24. Juli war (nach Einreibungen 
von weissem Präcipitat mit Extr. bellad. an die Stirn und Schläfe) die Besserung der 
Zufälle am Bulbus aulfallend, die Lichtscheu schon sehr gering, der Thränenfluss massig, 
die Infiltration der Conjunctiva palpebr. fast gleich. Als ich — nach meiner Rückkehr 
von Wien — am 20. September das Spital wieder besuchte, war der Mann bereits 
geheilt entlassen. 

Fälle, welche die Zeichen des 3. Grades darbieten, was, wie gesagt, 
bald in sehr kurzer Zeil, bald nach längerem Bestände des 1. oder 2. 
Grades geschieht, nehmen durchgehends einen acuten und in der Regel 
äusserst gefährlichen Verlauf. 

Die Gefahr liegt in dem Ergriffenwerden, der Cornea; auf diese ist 
also vor allem die Aufmerksamkeit zu richten. Die Hornhaut wird nicht 
leicht ergriffen, bevor nicht die übrigen Krankheitserscheinungen ihren 

rasche Nachfolgen von nahe an 50 Füllen (lauter restiluirlcn Findlingen aus einem und demselben Gebäude) voll- 
kuiliincn überzeugt, dass ich es mil Blennorrhoe, nicht mit Trachom zu ihun halle; einige spätere Fälle zeigten 
sehr reichliches," schleimig-eitriges, selbst eroupöses Exsudat. 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 35 

Höhepunkt erreicht haben. Wenn die Geschwulst des obern Lides bereits 
zu sinken beginnt, die Haut leichte Runzeln bekommt, und die Schmerzen 
anfangen nachzulassen: dann wird man durch die Affection der Hornhaut 
aus dem Wahne, das Ärgste glücklich überstanden zu haben, aufge- 
schreckt. Vor dem Ablaufe dieses Zeilpunktes und vor genauer Besich- 
tigung- der Cornea stelle man also nie eine günstige Prognose. Binnen 
wenig- Stunden kann man die Hornhaut ganz rein — und getrübt oder 
schon in Verschwörung begriffen linden. Die Erweichung, eitrige Infil- 
tration und Zerstörung- der Cornea betrifft gewöhnlich einen sehr grossen 
Theil, oft die ganze Cornea, bei Neugebotenen am häufigsten die Mitte. 
Die Zerstörung trifft die oberen Faserschichten der Cornea in grösserer 
Ausdehnung als die tiefern, führt jedoch nur in äusserst seltenen Fällen 
nicht zur Durchbohruno- der letztern und zur Berstung der Descemel'schen 
Haut, mithin zum Ausflusse des Humor aqueus, Prolapsus iridis u. s. w. 

Aus dem Umstände, dass im Verlaufe heftiger Bindehautblennorrhöen so häufig 
Horiihautgesclncüre und Excorialionen an der Cutis der Lider entstehen, hat man ge- 
schlossen, dass die Schärfe des Secretes die Ursache dieser Erscheinungen sei, ja man 
hat sogar die Behauptung aufgestellt, dass die Blennorrhoe aufhören würde gefährlich 
zu sein, wenn man ein Mitlei hätte, die Hornhaut vor der Berührung mit jener Flüs- 
sigkeit zu schützen. 

Zuvörderst muss bemerkt werden, dass Jene, welche diese Behauptung auf- 
gestellt haben, es unterlassen hatten , diese Flüssigkeit auf ihre chemische Beaction zu 
untersuchen. Sie hatten sich wohl vorzüglich auf das gleichzeitige Vorkommen der 
Exfoliationen an den Lidrändera gestützt. Allein zu diesen möchte wohl die beständige 
Benetzung der Haut weit mehr beitragen, als die Schärfe des Secretes. Anhaltende 
Benetzung der Epidermie mit einer indifferenten Flüssigkeit reicht am Ende auch hin, 
diese zu erweichen. Höhere Temperatur, und wenn auch nur schwach alkalische 
Reaction, oder die Gegenwart von Neutralsaizen wird natürlich diese Wirkung beför- 
dern. Daher kommen auch bei einfachen katarrhalischen und scrophulöteea Bindehaut- 
entzündungen solche und oft noch ausgedehntere Excoriationen vor, und doch hat 
Niemand behauptet, dass bei diesen das Secret der Cornea ätze. — Vor Kurzem kam 
ein übrigens ganz gesunder Mann auf die Augenklinik ; es war ihm vor 3 Wochen ein 
Steinsplitter in's rechte Auge geflogen und hr.tte die Hornhaut durchbohrt. Ein kleiner 
Theil der Iris war vorgelagert, die übrige Iris grünlich, die Pupille eng und verzogen, 
rings um die Hornhaut dunkle Rosenröthe, die Bindehaut über dem Tarsus dicht-, im 
Übergangstheile schütter-netzförmig geröthet. reichliche Absonderung einer ganz wasser- 
klaren. die gewöhnliche Reaction der Thränen zeigenden Flüssigkeit — und doch war 
das untere Lied in seiner ganzen Länge auf 3'" breit, gerade so weit, als die benetzten 
Wimpern des obern Lides über das untere Verabreichten, sehr stark excoriirl. — Auch bei 
Blennorrhöen des 2. Grades kommen eben so in- und extensive Excoriationen vor, und 
dennoch bleibt die Cornea unversehrt. Diese wird erst dann ergriffen, wenn die Ent- 
zündung von den Lidern auf den Bulbus übergegangen, wenn die Blennorrhoe, wie man 
sagt, zur Ophthalmoblennorrhoe geworden ist. 

3* 



3(5 Bindehaut. 

Der Trübung und Verschwärung der Cornea geht ein erhöhter Glanz derselben 
voraus. Auch nachdem sie trüb geworden, sieht man ihre Oberfläche noch eben und 
glatt, mindestens ohne Grübchen. In manchen Fällen sieht man die Trübung wieder 
verschwinden, ohne dass es zu einem Substanzverinste der Cornea, ja auch nur ihres 
Epitheliums kommt. In einigen Fällen, wo das von acuter Blennorrhoe ergriffene Auge 
an einer Hornhautnarbe (aus früherer Zeit) litt, sah ich (beim Eintritte des 3. Grades) 
mehrere Gefassehen in der Hornhaut sichlbar werden, welche zu der Narbe verliefen. 
— Ganz anders verhält sich die Cornea, wenn wirklich ätzende Substanzen, Mineral- 
säuren, flüssige Alkalien u. dgl. mit ihr in Berührung gekommen sind. In den gelin- 
desten Fällen wird wenigstens das Epithelium zerstört und abgestossen. 

Man nehme das Secret von einem blennorrhoischen Auge, dessen Hornhaut eben 
in Verschwärung begriffen ist, und bringe es auf die Hornhaut eines Kaninchens: es 
wird sich keine Spur von Ätzung zeigen. Prininger hat blennorrhoisches Secret in die 
Augen von Amaurotischen gebracht ; es erfolgte wohl später eine Blennorrhoe, keines- 
wegs aber augenblicklich in einigen Stunden eine Veränderung der Cornea. Tripper- 
kranke bringen das Secret von den Genitalien an die Augen ; es ensteht eine Blennorrhoe 
der Bindehaut, welche zur Verschwärung der Cornea führt, aber nur, nachdem die Blen- 
norrhoe den 3. Grad erreicht hat ; es ist nicht ein einziger Fall bekannt, wo die Horn- 
haut gleich von vorn herein angegriffen worden wäre. Wir kennen keine scharfe Flüs- 
sigkeit, kein Ätzmittel, welches, mit einem organischen Gebilde in Berührung gebracht, 
dasselbe mehrere Tage unversehrt Hesse, und erst dann zerstörte. 

Ferner müsste man annehmen, dass das blennorrhoische Secret seine ätzende 
Eigenschaft plötzlich verliere, während es alle seine physicalischen Eigenschaften, die 
Anstecknngskraft nicht ausgenommen, beibehält. Wäre die Zerstörung der Hornhaut 
Folge der Ätzung durch das Secret, dann wäre nicht einzusehen, warum nicht in 
allen Fällen die ganze Cornea zerstört wird, warum sich das Secret sehr oft gerade 
nur eine kleine Stelle zur Zerstörung aussucht, und zwar bis auf die Descemet'sche 
Haut, indess doch die ganze Oberfläche der Hornhaut demselben ausgesetzt ist. Nun 
diese eine Stelle einmal durchbrochen ist, bleibt die übrige Cornea unversehrt; nicht 
einmal von den Geschwürsrändern aus, wo doch das schützende Epithelium fehlt, sieht 
man bisweilen weiter eine Zerstörung eintreten, trotzdem, dass das Secret noch eben 
so reichlich, noch eben so gefärbt, eben so dick- oder dünnflüssig ist, wie zu Anfang 
jener Zerstörung, und trotzdem, dass das Secret aus dieser Periode durch Fbertragung 
auf ein gesundes Auge eine ebenso heftige Blennorrhoe hervorzurufen vermag, wie das 
vom Beginne der Verschwärung. 

Wir können demnach die Verschwärung der Cornea nicht als Folge der ätzenden 
Eigenschaft des Secretes betrachten; sie ist vielmehr durch das Übergreifen der Ent- 
zündung auf der Hornhaut bedingt. Offenbar wird jede rapide Zerstörung der Cornea, 
welche die Ophthalmoblennorrhoe zu den traurigsten Augenübeln stempelt, durch ge- 
hemmten Rücklluss des Blutes von derselben verursacht. Die Cornea erhält einen 
grossen , wenn nicht den grössten Theil ihres Blutes aus jenen Zweigen der vordem 
Ciliararlerien , welche durch und unter dem Limbus conjunctivae corneae verlaufen- 
Hält man sich die anatomischen Verhältnisse gegenwärtig, und bedenkt man, wie gross 
der Druck sein muss, den nicht nur die Lider, namentlich das unlere (welches ge- 
wöhnlich von dem obern bedeckt wird), sondern insbesondere der Bindehautwall (die 
bis zur innersten Grenzt des Limbus conjunctivae infiltrirte Conjunctiva bulbi) auf die 



Blennorrhoe — Verlauf — Ausgänge. 37 

Tunica vaginalis bulbi (die darin und darunter verlaufenden Ciliargefässe) ausüben, so 
müsste man sich sogar wundern, wenn unter solchen Umständen in der Cornea sich 
keine Stasis entwickeln sollte. Wir können demnach den Vergleich dieser Art von 
Hornhautzerstörung mit dem brandigen Absterben anderer Organe nur für einen tref- 
fenden, bezeichnenden erklären. Die untere Partie der Cornea wird häufiger von dieser 
Yerschwärung ergriffen; die ihr entsprechenden Gefässe haben aber auch häufiger einen 
grösseren Druck zu erleiden, als die am übrigen 'Umfange der Cornea befindlichen. Mit 
dein Durchbruche der Cornea und dem Ausflüsse des Humor aqueus kann die Span- 
nung bedeutend gemindert oder ganz behoben, die Circulation in der Cornea bedeu- 
tend freier werden, mithin die Entzündung und Verschwärung der Cornea auf eine 
kleine Partie beschränkt werden, Hierauf können natürlich noch andere Umstände 
Einfluss nehmen, wie wir bei der Lehre von den Hornhautgeschwüren sehen werden. 
Ich habe zwar die von mehreren Praktikern vorgeschlagene Punction der Cornea hier 
noch nicht geübt; sie dürfte aber, zu rechter Zeit vorgenommen, von grossem Nutzen 
sein. Aus diesem Grunde erweisen sich auch — meines Erachtens — Excisionen aus 
dem Bindehautwalle so nützlich, wenn sie nur zu rechter Zeit und gehörig vorgenom- 
men werden. 

Hiemit soll keineswegs gesagt sein, die Cornea werde einzig und allein nur auf 
diese Weise gefährdet. In minder acut verlaufenden Fällen sieht man nicht selten 
Hornhautgeschwüre noch auf ganz andere Art entstehen, entweder halbmondförmig 
längs des Randes, innerhalb des Limbus conjunctivae, oder rundlich und gleichfalls 
mehr im peripherischen Theile. Diese entstehen, indem an irgend einer hirse- bis 
liasengrossen Stelle die Cornea trüb, graulich-gelb und undurchsichtig, sofort erweicht 
und in Eiter verwandelt wird. Die auf diese Weise entstandenen Geschwüre nehmen 
keinen so zerstörenden Charakter an , greifen namentlich nicht so weit und so 
rasch in die Breite, eher noch in die Tiefe, und führen demnach wohl oft zu Horn- 
hautnarben, seltener zu Irisvorfällen, und noch seltener zu wesentlicher Beeinträchtigung 
des Sehvermögens. 

Eben so soll mit obigem Nachweise keineswegs gerathen sein, die fleissige Rei- 
nigung der Augen von dem blennorrhoischen Secrete zu vernachlässigen , so wenig 
man rathen könnte, irgend eine andere, dem Auge fremde Substanz zwischen den 
Lidern zurückzulassen. Aber ich sorge für die Abspülung dieses Secretes, nicht weil 
ich diess für hinreichend halte, der Zerstörung der Hornhaut vorzubeugen, sondern weil 
ich ein blennorrhoisches Auge auch vor grellem Lichte, Rauch, Staub, unreiner Luft und 
dgl. zu schützen Ursache habe. 

Diese Horiihautgeschwüre haben das Eigenthümliche, dass nie eine 
Eiiersenkang zwischen den Faserschichlen der Cornea, ein Unguis, dabei 
auftritt. (Vergl. Krankheiten der Cornea.) 

Hingegen gesellt sich, wenn die Verschwärung bis auf die tiefern 
Schichten gedrungen, nicht selten Iritis dazu, gleichviel, ob bereits 
Durchbruch erfolgt ist, oder nicht.*) 

-) Der Grund hievon liegt vielleicht darin, dass die tieferen, nächst der Descemefschen Haut liegenden Gelassenen 
der Cornea von jenen Zweigchen der vordem Ciliararterien kommen, welche dureh die Sclera zur Iris treten. 



38 Bindehaut. 

Diese kündigt sich durch das Auftauchen heftiger Schmerzen nach 
dem Verlaufe der sensitiven Zweige des N. trigeminus, stärkere Licht- 
scheue und reichlicheren Thränenfluss an. Wird ein grosser oder der 
grösste Theil der Hornhaut erhalten und mit der Zeit wieder durchsich- 
tig, so findet man die Pupille verengert und mehr oder weniger voll- 
ständig durch Exsudat verdeckt, wenn nicht etwa der ganze Pupillarrand 
in die. Hornhautnarhe hineingezogen erscheint 

Die übrigen Gebilde des Bulbus nehmen selbst bei der heftigsten 
Bindehautblennorrhöe nicht an der Entzündung Theil. 

Hornhautgeschwüre können endlich im Verlaufe der Blennorrhoe, 
und zwar nicht bloss im 3., sondern auch beim 2. Grade entstehen durch 
partiellen Verlust des Epitheliums und consecutive Zerstörung (Erwei- 
chung?) der Hornhautfasern; es sind diess die sogenannten Resorptions- 
geschwüre. Sie zeigen weder einen grauen Grund, noch eitrig infiltrirte 
Rander, können daher der Beobachtung leicht entgehen, wenn man das 
Auye nicht spiegeln lässt. Sie sind in der Rege! klein, i / q — 1 Linie im 
Durchmesser, und führen äusserst selten zur Durchbohrung der Hornhaut. 

Die weitern Veränderungen und Folgen der Hornhaulgeschwüre 
werden füglich erst bei der Lehre von den Krankheiten der Hornhaut 
besprochen werden können, da sie dieselben sein können, wie nach an- 
derweitig entstandenen Hornhautge.schwüren. 

So wie die Blennorrhoe gradatim bis zur grössten Höhe steigt, so 
erfolgt auch die Rückbildung in Abstufungen, die Hornhaut mag nun be- 
schädigt worden sein, oder nicht. Blieb diese unversehrt, so kann auch 
eine sehr heftige Form in 4 Wochen ganz beendigt sein, da die Blen- 
norrhoe 3. Grades lange nicht die Neigung zum Übergange in die chro- 
nische Form, zur Wucherung des Papillarkörpers zeigt, wie insbesondere 
die des 2. Grades. Relativ seilen findet man an Augen, welche solche 
Veränderungen der Hornhaut darbieten, wie sie nur in Folge des 3. 
Grades vorkommen können, jene Nachkrankheiten, welche wir beim 2. 
Grade beschrieben haben. Doch ist die Behauptung, dass die eigentlichen 
Bleunorrhöen, z. B. die durch Übertragung mit Tripperschleim entstan- 
denen, keine sogenannten Granulationen hinterlassen, ganz gewiss irrig. 
Ich habe in constatirten Fällen dieser Art nicht nur Hypertrophie des 
Papillarkörpers, sondern auch sogenannte graue Granulationen selbst im 
Übergangslheile beobachtet. 

Häufiger hingegen kommen hier einige andere vor, welche nur als 
Folgen des 3. Grades beobachtet werden, a) Wucherung der Scleral- 
bindehaut, derart, dass diese in Form schlaffer, fleischrother Wülste die 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursache«. 39 

Cornea zum Theil oder gänzlich verdeckt, und die Lider aus einander 
drängt, oder umstülpt (als exophthalmia fungosa beschrieben). Es ist 
vorgekommen, dass man solche Fälle mit Carcinoma bulbi verwechselte, 
und die Ausrottung des ganz gesunden Augapfels vornahm, weil man 
unterlassen hatte, sich mittelst einer Sonde von dem Zustande der Cornea 
zu überzeugen, b) Wucherung der Bindehaut in Form eines Flüge/feiles. 
(Siehe die Abhandlung über dieses.) c) Wucherung der halbmondför- 
migen Falte oder lappenarlige Verlängerung der Übergangsfalte. 

Manche Auetoren führen unter den Nachkrankheiten der acuten 
Bindehautbleunorrhöe 3. Grades noch vermehrte Ansammlung des Humor 
aqueus (Hydrops camerae) und Verflüssigung und Vermehrung des Glas- 
körpers (Hydrops corporis vitrei, hydrops oculi posterior) oder beides 
zugleich (Hyilrophtbalmus mixtus , Buphthalmus), so wie andererseits 
Schwund des Augapfels ohne vorausgegangene Verschwärung der Cornea 
(Alrophia bulbi) an; aus eigener Beobachtung kenne ich diese Zustände 
als unmittelbare Folgen der Bindehautblennorrhöe nicht. 

Vorkomme!! und Ursachen. Die Bindehautblennorrhöe kommt 
am häufigsten vor bei Neugeborenen und bei Erwachsenen des Jünglings- 
und Mannesalters, besonders bei Soldaten und Findelhaus ammen. Der 
Grund hievon liegt nicht in einer besondern Disposition, sondern in den 
Verhältnissen, unter den' n diese Individuen leben, wie wir weiter unten 
sehen werden. 

Die Blennorrhoe , als eine durch äussere Einflüsse hervorgerufene 
Krankheit, verschont, wo diese einwirken ; kein Alter, kein Geschlecht, 
keine Constitution u. s. w. Sie wird nur selten — siehe weiter unten — 
als Ausdruck eines Allgemeinleidens zu betrachten sein, und nur insofern 
könnte man von einer gewissen Disposition dazu sprechen, als uns die 
Erfahrung zeigt, dass äussere Einflüsse bei gewissen Individualitäten zur 
Blennorrhoe führen, die bei andern nur Katarrh erregen. Einen solchen 
Einfluss der Individualität sehen wir zwar bei Neugeborenen, bei scro- 
fulösen Kindern, bei schlecht genährten, durch langwierige Schleimflüsse 
und profuse Eiterungen herabgekommenen Individuen, bei alten Leuten 
mit Erschlaffung der Haut und der Schleimhäute sich geltend machen: 
wir sind jedoch nicht im Stande, die besondern Merkmale solcher Indi- 
vidualitäten, das Eigentümliche dieser Disposition, näher zu bezeichnen. 

Die Blennorrhoe erscheint theils sporadisch, bei einzelnen Indivi- 
duen und zu unbestimmten Zeiten, theils massenweise, zu gewissen Zeiten 
häufiger, besonders aber in geschlossenen Körperschaften in rascher Auf- 



40 Bindehaut. 

einanderfolge. — Den näheren Erörterungen hierüber müssen wir eine 
genauere Betrachtung des blennorrhoischen Secreles vorausschicken. 

Das Secret einer blennorrhoischen Bindehaut ist in Bezug auf seine 
Menge und sonstigen Eigenschaften nicht immer eines und dasselbe. Bei 
den Fällen der i. Reihe ist es nur relativ kurze Zeit nach dem Beginn 
wasserklar mit consistenteren, gelblich grauen Flocken; so wie die übri- 
gen Erscheinungen heftiger werden, erscheint das Secret durchaus trüb, 
graulich-gelblich, rötblich, dünn, mit consistenteren Flocken, molken- 
fleischwasser-ähnlieh oder gleichmässig dicker, rahmähnlich, grünlich gelb. 
Letztere Eigenschaft zeigt es in der Regel dann, wenn auch die übrigen 
Erscheinungen für den höchsten Grad der Entzündung sprechen. Doch 
finden in dieser Beziehung sehr viele Ausnahmen statt, und es wäre 
durchaus gefehlt, die Consistenz und überhaupt das Aussehen des Se- 
cretes allein als Massstab für die Heftigkeit der Entzündung aufzustellen. 
Bei Neugeborenen ist das Secret im Allgemeinen reichlicher und consi- 
stenter, als bei Erwachsenen; es quillt da, auch wenn der Bulbus nicht 
ergriffen und die Geschwulst der Lider nicht gerade sehr gross ist, sehr 
oft als eine dicke, eiterähnliche Masse hervor, sobald man die Lidspalte 
öffnet, und kann wegen seiner Consistenz gewöhnlich nur durch Auf- 
träufeln oder Einspritzen lauen Wassers vollständig entfernt werden. 
Auch bei Erwachsenen steht seine Menge und Consistenz nicht immer 
in geradem Verhältnisse zur Heftigkeit und Gefährlichkeit der Krankheit. 

So wie die übrigen Krankheitserscheinungen ihren höchsten Grad 
erreicht haben, ist in jedem einzelnen Falle auch das Secret am reich- 
lichsten und dicksten: von da an bleibt es mehrere Tage unverändert, 
wenn auch die übrigen Zufälle, namentlich die subjectiven, und die Ge- 
schwulst der Lider schon bedeutend nachgelassen haben. Sodann wird 
es wieder sparsamer und dünner, wie gewöhnlich bei Blennorhöen des 
2. Grades, endlich scheidet es sich wieder in einen wasserklaren Theil 
und mehr weniger dicke Flocken. 

So lange das Secret trüb ist, zeigt es stets eine Menge von Eiter- 
kugeln und Eiterkörperchen *) ; rothes Lakmuspapier färbt es schneller 

") „Die nähere Untersuchung des Entzündungsproductes stellt dasselbe in die Classc der croupösen Exsudate als 
blassgelbes oder weissgraues, opakes, auf der Oberfläche der Bindehaut erstarrendes Product, welches in Eiter 
zerfällt, und dadurch die Gewebe in einen Schmelzungsprocess zu versetzen (?) im Stande ist. Mikroskopische 
Untersuchung: bei dem zu einer' Membran erstarrten, der Bindehaut fest anklebenden Exsudate, auf welches 
kein Wasser eingewirkt halle — geronnener Faserstoff als Stroma, in welchem die Eiterzellen sitzen; bei der Exsu- 
dalschichte, welche nach der Einwirkung der Douehe abgezogen wurde - Faserstroma, Kernzellen mit 1 — 3 
Kernen, nackte grosse Kerne und Epithelialzellen; nach der Einwirkung einer Hüllensleinlösung von 2 Gran auf 
1 Unze — eine verschieden gefaltete, aus Faserstoff und Exsudalkcruen bestellende iUcmbram : bei dem zerflossenen 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Secret — Impfung. 41 

und stärker blau, als das wasserklare Secret. Auf die Cutis gebracht, 
bringt es gar keine Veränderung hervor. Auf eine gesunde Bindehaut 
übertrafen, bewirkt es zwar anfangs keine Veränderung, aber nach Ver- 
lauf von Yjj bis 4 Tagen dieselben krankhaften Erscheinungen, welche 
das Auge darbot, von dem der Impfsloff genommen wurde. Das blen- 
norrhoische Secret ist also ansteckend, und zwar durch unmittelbare 
Übertragung, durch Betastung. 

Diesen Satz , der sich im Allgemeinen schon aus einer Menge von Beobachtun- 
gen ergeben hatte, hat Piringer durch eine Reihe von sinnreichen Versuchen zur Evi- 
denz nachgewiesen. Nach ihm bewirkt das rein seröse, wasserklare Secret von Blen- 
norrhoe des 1. Grades, so wie die wasserklare Flüssigkeit chronisch gewordener Blen- 
norrhöen gar keine Ansteckung. — Das molkige oder fleischwasserähnliche Secret des 
1., so wie auch des schwach ausgebildeten 2. Grades, welches nur wenig- Spuren eines 
wahren Schleimes (wenig Eiterkugeln) zeigt, bewirkt nur eine Blennorrhoe des 1. Gra- 
des, und diese bleibt in der Regel bei diesem Grade stehen, wenn sie nicht durch 
äussere Einflüsse gesteigert wird. Dasselbe gilt von dem dünnen Secrete chronischer Blen- 
norrhöen. — Hingegen bewirkt das schleimige Secret einer Blennorrhoe des 2. Grades 
so gut stets eine Blennorrhoe, die zum 3. Grade steigt, wie das dicke, eiterähnliche Se- 
cret des 2. oder 3. Grades. Eine solche Blennorrhoe verläuft immer sehr acut, erreicht 
den 2. oder den 3. Grad sehr schnell. * 

Die Änsteckungskrrift kann gemindert, selbst auf gehohen werden durch starke Ver- 
dünnung mit Wasser, durch Verstockung und lange Aufbewahrung. — Der Schleim einer 
acuten Blennorrhoe 3. Grades verliert seine Kraft selbst durch 50 — lOOmalige Verdünnung 
nicht. — Ein Leinwandläppchen, mit Schleim besudelt, und an der Luft getrocknet, kann 
ohne Anstand von nicht blennorrhoischen Augenkranken zum Abwischen der Augen ver- 
wendet werden, wenn der getrocknete Schleim bereits über 36 Stunden alt ist. So wie 
Impfstoff aufbewahrt, steckt er nach 60 Stunden noch an, nach längerer Zeit nicht mehr. 
— Hieraus ergibt sich, wie und wann Waschweiber durch die Wäsche, Leute durch den 
gemeinsamen Gebrauch von Schwämmen, Waschschüsseln und Handtüchern angesteckt 
werden können, und warum bei der Unreinlichkeit der ärmeren Leute und bei der gros- 
sen Zahl von Tripperkranken — das blennorrhoische Secret der Genitalien verhält sich 
auf gleiche Weise — dennoch die Blennorrhoe des Auges nicht noch häufiger vorkommt, 
als dies der Fall ist. Hieraus ergibt sich auch die Nutzlosigkeit mancher Massregeln, 
Avelche man behufs der Verhütung der Weiterverbreitung des Übels vorgeschlagen und 
wirklich ausgeführt hat, das Verbrennen der Kleider, Aufreissen des Fussbodens, Aus- 
weissen der Zimmer u. dgl. 

Je höher der Grad der den Impfstoff liefernden Blennorrhoe ist, je acuter sie 
verläuft, desto schneller folgt auf die Impfung der Ausbruch . der Blennorrhoe, von 
Blennorrhoe des 3. Grades schon in 6 — 12 Stunden, von Blennorrhöhe des 2. Grades in 
12- — 24. längstens 36 Stunden. Das frische molkige Secret einer Blennorrhoe des 1. 
Grades wirkt meistens erst nach 60 — 70 Stunden, das frische schleimige Secret einer 

Exsudate — Eiterzellen; in dem 1 — 2 Minuten alten Exsudate findet man rängliche, spindelförmige Kerne, welche 
sogar in einigen Fällen zu sehr kurzen, dünnen, scharf conlourirlen Fasern ausgezogen erscheinen." Dr. Bednar 
über Jie Bknnurrh uta neonaturum in der Zeitschrift der Gesellschaft der Wiener Ärzte, 5. Jahrg. 2. Heil, S. 138. 



42 BSiidehaut. 

chronischen Blennorrhoe in 72 — 96 Stunden. Schneller wirkt übrigens das Secret aus 
dem Stadium der Zunahme, des Steigens der Blennorrhoe, langsamer das von einer 
bereits in der Abnahme oder Bückbildung begriffenen. Später erfolgt der Ausbruch, 
wenn das Secret einige Zeit der Luft ausgesetzt, noch später, wenn es bereits einge- 
trocknet war. 

Bei reizbaren Individuen erfolgt der Ausbruch früher. Ganz gesunde oder bloss 
katarrhalisch erkrankte Bindehäute erkranken viel schneller, leichter, und zum Theil 
auch viel heftiger, als solche, welche durch chronische Entzündung bereits organische 
Veränderungen erlitten haben. — Gesteigert wird die Empfänglichkeit der Augen für 
das Contagium durch den Aufenthalt in gesperrter, unreiner, mit animalischen Dünsten 
geschwängerter Luft. 

So gut als ein Handtuch, das Waschwasser u. dgl. kann auch die 
Luft zum Träger des Confagiums werden- Das blennorrhoische Secret 
imprägnirt die Luft durch Verdunstung, durch Suspension feiner Parti- 
kelclien desselben in der Luft. So wie aber starke Verdünnung dieses 
Secretes mit Wasser hinreicht, die Ansteckungskraft desselben zu mildern 
oder ganz aufzuheben, so ivirkt auch nur eine stark imprägnirle Luft 
ansteckend, und eine minder imprägnirte Luft nur dann, wenn sie bereits 
katarrhalisch afßcirte Augen trifft oder auf gesunde Augen längere Zeit 
einwirkt. — Die Ansteckung durch die Luft, welche durch eine Menge 
Beobachtungen nicht nur wahrscheinlich gemacht, sondern bestimmt nach- 
gewiesen ist, geschieht also hier keineswegs so, wie bei jenen Krank- 
heiten, welche ein sogenanntes flüchtiges Contagium entwickeln, wie die 
Blattern, die Masern, der Scharlach, der Typhus u dgl. Die Festhaltung 
dieses Unterschiedes ist natürlich von grössler Wichtigkeit in Bezug auf 
die Prophylaxis, in Bezug auf medicinisch-poüzeiliche Massregeln. 

Soll die Luft hinreichend imprägnirt werden, so ist nothwendig, 
dass in einem relativ engen Räume viele an Bindehautblennorrhöe Er- 
krankte sich befinden, dass die Luft wenig erneuert wird, und dass die 
Temperatur derselben einen gewissen Grad von Höhe erreicht. Feuch- 
tigkeit der Luft begünstigt diese Weiterverbreitung wesentlich, und es 
dürfte nach den Thatsachen, die zu diesem Postulate drängen, nicht mehr 
als Hypothese zu betrachten sein, wenn die Wasserdünste, die feinen 
Bläschen, welche bekanntlich unsere Atmosphäre durchtränken, für die 
Träger des Contagiums durch die Luft erklärt werden. 

Gegen die Annahme eines flüchtigen Contagiums (im gewöhnlichen und eigentli- 
chen Sinne des Wortes) hat bereits Piringer schlagende Beweise angeführt. ,«) In 
Spitälern wurde von einem hochgradig blennorrhoischen, und daher im Bette liegenden 
Kranken noch nie ein anderer Kranker angesteckt ; wenn ja einmal ein Kranker neben 
einem Blennorrhoischen diese Krankheit bekam, so Hess sich wenigstens die NichtÜber- 
tragung niemals nachweisen, war im Gegentheil die Übertragung nachweisbar oder 



Blennorrhoe — Vorkommen —Ursachen — Contag. in distans. 43 

doch sehr wahrscheinlich. So im Spital zu Gratz, wo Piringer zur Zeit der Epidemie 
1838 unter 17 Aügenkranken stets 8 — 11 meistens hochgradige Blennorrhöen liegen 
hatte; so im Jahre 1841 und 1848 zu Prag, wo auf der Klinik und Abtheilung 
für Augenkranke ein ähnliches Verhältniss stattfand, als das Findelhaus eine Menge 
Ammen mit acuter Bindehautblennorrhöe in die Anstalt lieferte. — Im Jahre 1842 ent- 
stand bei einem Kranken, dem der Assistent Dr. Seikora ein Flügelfell abgetragen 
hatte. 3 Tage nach der Operation eine acute Bindehautblennorrhöe. Durch 3 Betten 
getrennt von diesem lag ein Kranker mit acuter Bindehautblennorrhöe. Es entstand 
eine kleine Debatte zwischen uns, welche damit endete, dass ich nachwies, die Wär- 
terin habe — aus Bequemlichkeit denselben hölzern Napf, der für den Blennor- 
rhoischen zu den Eisumschlägen verwendet worden war, nachher für den Operirten 
gebraucht. b) Piringer fand, dass ein zum Einstreichen von Laudanum in ein blen- 
norrhoisch.es Auge gebrauchter Pinsel die Krankheit nicht überpflanzte , wenn er nur 
einlach mit Löschpapier abgewischt wurde, während er häufig Ansteckung bewirkte, 
wenn man diese Abstreifung des Schleimes unterlassen hatte. — c) Es ist auffallend, 
dass in Spitälern und Findelhäusern Arzte und Wärterinnen frei bleiben, wenn nicht 
unmittelbare Übertragung oder sehr langes Verweilen in den überfüllten Zimmern statt 
findet. Eben so bleiben bekanntlich unter dem Militär die Officiere, Ärzte und Kran- 
kenwärter frei, ausser sie stecken sich durch nachweisbare Unvorsichtigkeit oder über- 
mässig langes Verweilen in inficirter Luft an. — d) Die Krankheit wird nie durch 
Gesunde in fremde Y\ ohnungen verschleppt, was bei den flüchtig-contagiösen Krank- 
heiten nachgewiesen ist. — e) Bloss an die Haut, selbst an die Lider (und das reich- 
lich) gebracht, bewirkt auch das eiterähnliche Secret keine Ansteckung, was bei nur 
einiger Flüchtigkeit des Contagiums der Fall sein müsste. — f) Endlich verlaufen alle 
Krankheiten , welche ein wichtiges Corttagiunj erzeugen, stets mit heftigem Fieber, 
welches der Entwicklung der charakteristischen Zufälle vorausgeht. Die Blennorrhoe 
erregt erst nachträglich und nur dann Fieber, wenn sie sehr heftig und das Individuum 
sehr reizbar ist. Was man zur Vertheidigung der Lehre von einem flüchtigen Conta- 
gium dieser Krankheit angeführt hat, ist theils unwahr, z. B. dass man beim Eintritt 
zu solchen Kranken ein eigenthi'unliches Jucken in den Augen verspüre, theils feilsch 
gedeutet, wie z. B. dass die Blennorrhöen sich verschlimmern, wenn mehrere solche 
Kranke in ein Zimmer gelegt werden, oder dass auch andere Bindehautkrankheiten 
bei längerem Verweilen unter Biennorrhoischen gern den blennorrhoischen Charakter 
annehmen. 

In Bezug auf die materielle Übertragung verhält sich das blennor- 
rhoische Secret von den Genitalien ganz so, wie das einer blennorrhoi- 
schen Bindehaut. Tripperschleim auf die Bindehaut gebracht, ruft ganz 
dieselben Erscheinungen hervor. Diess ist durch directe Versuche, na- 
mentlich von Piringer, nachgewiesen worden, abgesehen von zahlreichen 
(zufälligen) Beobachtungen. 

Die acute Bindehautblennorrhöe kommt (abgesehen von Neugebore- 
nen und -\om sogenannten epidemischen Auftreten — wovon später — ) 
beinahe nur bei Leuten vor, welche bereits mannbar sind; bei Leuten, 
die über 50 Jahre alt sind, ist die sporadische Blennorrhoe eine Selten- 



44 Bindehaut. 

heit. Es konnte ferner selbst dem oberflächlichsten Beobachter kaum 
entgehen, dass diese Art blennorhoisch Erkrankter fast durchgehends an 
Blennorrhoe der Genitalien eben gelitten haben oder noch litten. Diese 
Thatsachen waren so auffallend, dass sie die Arzte auf einen ursäch- 
lichen Zusammenhang dieser Umstände aufmerksam machen mussten. 
Aber nur wenige gingen auf den Gegenstand tiefer ein, und viele be- 
gnügten sich gar bald mit der Annahme eines Consensus zwischen der 
Schleimhaut der Genitalien und der Bindehaut. Andere machten sich die 
Erklärung dadurch leicht, dass sie, eben so willkürlich, von einer Über- 
tragung des Tripperstoffes mittelst des Blutes, von sogenannter Metastasis 
sprachen. Hingegen gingen auch manche von jenen, welche in der ma- 
teriellen Übertragung, in der Verunreinigung der Augen mit dem Secrete 
der Genitalien das richtige Verhältniss beider Affectionen zu einander 
erkannt hatten, in so fern zu weit, als sie jede Bindehautblennorrhöe, 
welche sie kurz nach oder während eines Trippers beobachteten, schon 
ohne weiteres in ursächlichen Zusammenhang mit diesem brachten, nicht 
bedenkend, dass ja Tripperkranke so gut wie Nichttripp er kranke durch 
andere äussere Einflüsse eine Bindehautblennorrhöe bekommen können, 
weil man sonst annehmen müsste, dass der Genita lienschleimfluss vor dem 
Bindehautschleimflusse schütze. 

Unter mehr als 200 Fällen von acuter Bindehautblennorrhöe (bei 
Erwachsenen, jedoch ohne Einschluss des Militärs, *) worunter 30 spo- 
radische, konnte ich keinen für consensuell oder metastatisch erklären 
Die Beweise, welche die Aucloren für dieses ursächliche Verhältniss an- 
führen, sind durchaus nicht genügend. 

Feldmann (Walther und Ammons Journal für Chirurgie und Augenheilkunde. 
N. F. 3. J.) beruft sich gegen Riccord auf die Behauptung Trousseau's, dass Individuen, 
bei denen Hautwunden früher sehr leicht heilten, nachdem sie an Wunden gelitten, 
deren Heilung nothwendig an langwierige Eiterung gebunden war, hiedurch eine solche 
Vulnerabilität der Haut erhalten, dass von nun an selbst kleinere Verletzungen nicht 
mehr ohne Eiterung heilen. Auf analoge Weise könne es auch geschehen , dass in 
Folge eines Trippers eine solche Umwandlung des Blutes eintrete, dass wenn durch 
irgend eine Ursache ein Augenkatarrh hervorgerufen wird, dieser sodann als Blen- 
norrhoe verläuft. 

Hecher (Erfahrungen im Gebiete der Chirurgie und Augenheilkunde, Erlangen 
1845) nimmt sowohl die metastatische als die consensuelle Form an. Beide sollen sich 
rücksichtlich der Heftigkeit und schnellen Entwickelung von einander wenig unterschei- 
den. Er meint, wenn bei einem Tripperkranken z. B. durch Verkältung ein Augen- 
katarrh entstehe, so nehme dieser eine eigenthümliche speeifische Richtung, ohngefähr 

"J Die beim Militär beobachteten Falle weiden .später besonders besprochen. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Tripper. 45 

so, wie bei einem scrophulösen Individuum ein gewöhnlicher Augenkatarrh auch einen 
eigentümlichen Charakter annehme. Eis sei durch zahlreiche Beobachtungen erwiesen, 
dass nicht iu allen Fällen von Augentripper unmittelbare Übertragung des Secretes von 
den Genitalien auf die Augen statt finde, sondern in vielen Fällen müsse diese (con- 
sensuelle) Entstehungsweise angenommen werden. Immer seien hier beide Augen 
ergriffen, einige Subjecte bekommen erfahrungsgemäss bei jedem Tripper die Augen- 
entzündung und können diess selbst mit Sicherheit voraussagen , und nicht selten ent- 
stehe gleichzeitig mit der Augenentzündung eine (gleichfalls consensuelle) Gelenksent- 
zündnng, welche beide in unverkennbarer Wechselwirkung stehen und bei gehöriger 
Berücksichtigung des Harnröhrenleidens schnell und sicher gehoben werden können. — 
Ich gestehe, dass ich den Behauptungen Hecker's Glauben schenken würde, wenn er 
nicht offenbar Falsches als Thatsache angeführt hätte, namentlich: „durch Besudlung 
des Menschenauges mit Tripperschleim entsteht gewöhnlich nur eine unbedeutende, 
mehr auf die Schleimhaut der Lider beschränkte Entzündung." Diese von Beer und 
Walther aufgestellte Behauptung ist längst durch verlässliche Beobachtungen und, was 
mehr sagen will, durch directe Versuche widerlegt. Das gleichzeitige Auftreten der 
Entzündung an beiden Augen nimmt Hecker ebenfalls nicht so genau, denn er sagt 
später : „nicht selten wandert der Krankheitsprocess von einem Auge zu dem andern 
in 12—24 Stunden." 

In derselben Lage sind wir zu Walther (System der Chirurgie, 1848, 3. Band 
S. 190). „Die Übertragung des Trippersecretes pflegt nur eine geringe schnell vor- 
übergehende Entzündung der Conjunctiva bulbi (Taraxis) zu erzeugen; der Augentripper 
(jede durch Suppression, Consensus oder Metastasis erzeugte Bindehautblennorrhöe) 
sei sogleich in seinem ersten Entstehungsmomente Ophthalmopyorrhöe , ohne voraus- 
gegangenes blepharopyorrhoisches Stadium." Man trete unbefangen zum Krankenbette, 
oder, wenn das nicht genügend erscheint, man impfe mit Tripperschleim (in pannöse 
oder amaurotische Augen), und man wird sehen, was man von solchen Angaben zu 
halten hat. 3Ian versuche nur, ob man im Stande sei, aus der Blennorrhoe eines Neu- 
geborenen jederzeit und mit Sicherheit anzugeben, ob die Mutter an einem Scheiden- 
tripper (syphilitisch) leide, oder nicht; denn das müsste man, wenn Walthers Behaup- 
tung wahr wäre, offenbar im Stande sein. 

Hingegen sind folgende Thatsachen wohl zu berücksichtigen : a) Gar oft besteht 
noch ein leichter Ausfluss aus den Genitalien, wo man denselben schon für beendigt 
hält, und gerade wenn der Ausfluss nicht mehr reichlich ist, vernachlässigt der Kranke 
die Reinigung der Finger leichter als vordem, b) Man beobachtet den Augentripper 
(nach Piringer u. A.) häufiger bei Männern, eben weil hier die Reinigung umständlicher 
ist. und weil hier öfter Veranlassung zur Besudlung der Finger gegeben Avird. Freu- 
denmädchen werden viel seltener von acuter Bindehautblennorrhöe ergriffen als mit 
der Gefahr eines Scheidenschleimflusses Unbekannte, c) Meistens wird zuerst das 
rechte Auge ergriffen, und, wird der Kranke vor Übertragung gewarnt, so bleibt die 
Blennorrhoe auf ein Auge beschränkt, was bei der Annahme von Consensus oder Meta- 
stasis nicht wohl begreiflich wäre. 

Man würde sehr irren, wenn man nur bei jenen, die selbst an 
Blennorrhoe der Genitalien leiden, diese als Ursache der Augenblennorr- 
höe ansehen wollte. Nicht selten geschieht die Übertragung- von den 



46 Bindehaut. 

Genitalien des einen Individuums auf die Augen eines zweiten mittelst 
des Waschwassers, des gemeinschaftlichen Gebrauches eines Handtuches, 
desselben Bettes u. dgl. 

Eine Dienstmagd wusch sich mit dem Wasser, mit welchem blennorrhoische 
Augen gereinigt worden waren. (Piringer.) Aminen im Findelhaus thun dieses bisweilen 
absichtlich, um wegen „böser Augen" aus der Anstalt entlassen zu werden. Diess ge- 
standen mir mehrere nachträglich ein. — Ein Kanonier kam mit einem Tripper in seine 
Heimat ; sein Bruder schlief mit ihm, und bekam eine Bindehautblennorrhöe, dann der 
2. Bruder, endlich auch die Mutter. (Piringer.) 

Eben so braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, dass 
bei Frauen nicht jede Vaginalblennorrhöe eine Ansteckung voraussetzt, 
dass bei manchen kurz vor oder nach der Periode ein schleimiger Aus- 
fluss besteht u. s. w. Durch Verunreinigung mit diesem Ausflusse kann 
eine Bindehautblennorrhöe hervorgerufen werden — wie ich in zwei 
Fällen bestimmt erfahren habe — ohne dass zur Zeit, wo die Augen- 
krankheit ausbricht, 2 — 4 Tage später, ein Ausfluss aus den Genitalien 
mehr besteht, ohne dass die betreffende Person die darauf gestellte Frage 
bejahet, im Gegentheile sie vielleicht entschieden zurückweist. 

Fälle dieser Art müssen wohl jeden Arzt zur grössten Vor- und 
Umsicht bestimmen, wenn es sich um Erforschung der Ursache einer 
sporadischen Bindehautblennorrhöe handelt. Zum Glück liegt hier rück- 
sichtlich der Prognosis und Therapie weniger an der Constatirung der 
Ursache, die man gar oft nicht erfährt, als an den örtlichen Erschei- 
nungen, was allerdings nicht der Fall sein würde, wenn die Lehre von 
der Metastasis des Trippers wahr wäre ; denn dann hätte man, wie auch 
ihre Anhänger rathen, nichts Eiligeres zu thun, als den Genitalientripper 
wieder in Fluss zu bringen. Dann würde man aber auch meistens sagen 
können : Deliberante Roma — Sagunthus perit. 

Mitunter, wenn auch selten, kommen Fälle acuter Blennorrhoe vor, 
wo man durchaus nicht im Stande ist, eine Ansteckung von andern Augen 
oder von den Genitalien nachzuweisen, wo nicht der mindeste Anlass zu 
einem Verdachte hierauf vorhanden ist, im Gegentheile, wo man anneh- 
men muss, dass sich die Blennorrhoe spontan und primär entwickelt 
habe. Dieselben Umstände, welche die katarrhalische Bindehautentzündung 
erregen, scheinen auch die blennorrhoische Entzündung hervorrufen zu 
können, sobald sie heftiger einwirken, und das Individuum hiezu disponirt 
ist. Zwischen heftigem Katarrh und gelinder Blennorrhoe, Blennorrhoe 
des 1. Grades, kann ohnehin erst dann streng unterschieden werden, 
wenn das Secret trüb geworden ist, oder der Papillarkörper deutlich 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Atmosphäre. 47 

infiltrirt erscheint. Das trübe Aussehen des Secretes fehlt aber auch 
wieder zu Ende der Blennorrhoe, selbst der heftigsten. Es liegt demnach 
nichts Widersinniges in der Behauptung, dass Katarrhe durch äussere 
Einflüsse zu Blennorrhöen gesteigert werden können , dass zwischen 
Katarrh und Blennorrhoe unter gewissen Umständen nur ein Gradunter- 
schied vorhanden sei. 

Es ist Thatsache der Beobachtung, dass die Bindehautblennorrhöen 
zu gewissen Zeiten häufiger vorkommen und gefährlicher verlaufen, und 
dass man weder für die eine noch für die andere Erscheinung irgend 
einen hinreichenden Grund auffinden kann. Man sucht diesen in atmo- 
sphärischen, jedoch nicht näher gekannten Veränderungen. Mehr als alles 
andere, mehr weniger Hypothetische dürfte der hygrometrische Zustand 
der Atmosphäre zu beachten sein. Wenigstens deuten eine Menge Er- 
scheinungen darauf hin, dass ein grosser Wassergehalt der Atmosphäre 
die Weiterverbreitung des Übels begünstigt. 

„In Ägypten, wenigstens zu Cairo, herrscht das Leiden immer fort, im Juli und 
August häufiger, aber in manchen Jahren nur wenig und mehr unter der ärmeren Classe, 
in manchen Jahren dagegen so, dass arm und reich, jung und alt ergriffen wird. In 
solchen Zeitperioden bemerkt man, dass die meisten Erkrankungen an jenen Individuen 
vorkommen, die einen geschlossenen Verein bilden, zahlreich beisammen wohnen, na- 
mentlich unter Soldaten." Piringer. (S. 30.) — Derselbe bemerkt hierüber ferner: „In 
den Wintermonaten 1838 kamen zu Graz sowohl unter den Erwachsenen, als unter 
den Neugeborenen fast gar keine Blennorrhöen vor, obgleich das Findelhaus sehr mit 
Kindern und Ammen angefüllt war, und wegen strenger Kälte nicht so gut gelüftet 
werden konnte. Die einzigen wenigen Blennorrhöen zeigten sich nur an den Kindern 
blennorrhoischer Mütter. Kaum trat im März Thauwetter, unstäte Witterung, viele 
Winde, häufiges Schwanken in der Quecksilbersäule ein, so wurde das für die blen- 
norrhoischen Kinder bestimmte Zimmer bald überfüllt, obwohl die Zahl der Gebärenden 
jetzt viel geringer war, und die Zimmer fleissig gelüftet werden konnten. Gleichzeitig 
gab es in der Privatpraxis sehr viele blennorrhoische Neugeborene , und unter den 
Kindern bis zum 10. Jahre herrschten ungewöhnlich viele Blennorrhöen des 1. und 2. 
Grades, die sich bei einigen auch zum 3. Grade steigerten." — Guillie (Bibliotheque 
ophthalm. Paris 1820. Tom. I. *) , welcher sich durch Einimpfung blennorrhoischen 
Secretes bei 4 amaurotischen Kindern (mit gesunder Bindehaut) von der Ansteckungs- 
kraft desselben überzeugt hat, erzählt folgende Thatsache: „Das französische Sklaven- 
schiff Rödeur verliess Hävre am 24. Jänner 1819, um nach der Küste von Afrika zu 
segeln, erreichte seine Bestimmung den 14. März, und warf ßonny gegenüber die Anker 
aus. Die Schiffsmannschaft, aus 22 Köpfen bestehend, war die ganze Reise über und 
während ihres Aufenthaltes zu Bonny bis zum 6. April gesund. Keine Spur von Oph- 
thalmie war unter den Bewohnern der Küste zu bemerken gewesen, und erst nachdem 

der Rödeur 15 Tage lang unter Segel war und beinahe den Äquator erreicht hatte, 

i 

') Mali enzie 1. c. S. 311. 



48 Bindehaut. 

brachen die ersten Symptome dieser fürchterlichen Krankheit aus. — Man machte zuerst 
die Bemerkung, dass die Neger, 160 an der Zahl und zusammengedrängt im Schiffs- 
räume (Schiff von 200 Tonnen) und zwischen den Verdecken, von einer beträchtlichen 
Röthe in den Augen befallen seien , welche sich rasch von einem Auge aufs andere 
verbreitete. Anfangs schenkte die Schiffsmannschaft dieser Erscheinung geringe Auf- 
merksamkeit, in der Meinung, dass der Mangel an frischer Luft im Schiffraume und 
die spärlichen Wasserrationen daran Schuld seien; denn bereits war die Ration für den 
Tag auf 8 Unzen beschränkt, und etwas später kam auf den Mann täglich nur ein 
halbes Glas. Man hielt es für hinlänglich, ein Augenwasser aus einem Aufgüsse von 
Fliederblüthen anzuwenden , und nach dem Rathe eines Mannes , der den Schiffsarzt 
machte, die Neger der Reihe nach auf's Verdeck zu bringen. Diese heilsame Mass- 
regel musste aber bald aufgegeben werden, denn die unglücklichen Afrikaner stürzten 
sich aus Herzensangst über das Schreck, iche ihrer Lage und aus Schmerz über ihre 
verlorene Freiheit einander umarmend, über Bord. — Die Krankheit, welche sich unter 
den Negern ebenso fürchterlich als rasch verbreitet hatte, fing jetzt an, selbst die 
Schiffsmannschaft zu bedrohen. Der erste von der Mannschaft, den die Krankheit er- 
griff, war ein Matrose, welcher unter dem Verdeck, dicht an der vergitterten Abtheilung 
schlief, welche mit dem Schiffsräume in Verbindung stand. Den folgenden Tag ergriff 
die Ophthalmie einen jungen Burschen, und von hier an innerhalb 3 Tagen war der 
Capitän und fast die ganze Schiffsmannschaft afficirt. — Des Morgens beim Erwachen 
empfanden die Patienten ein schwaches Prickeln und Jucken in den Lidrändern, welche 
roth und angeschwollen wurden. Den folgenden Tag hatte die Geschwulst der Augen- 
lider zugenommen und war mit starkem Schmerz verbunden. Um denselben zu mindern, 
wurden Breiumschläge von Reis so heiss aufgelegt, als man dieselben vertragen konnte. 
Am 3. Tage der Krankheit stellte sich ein Ausfluss von gelblichem Eiter ein, welcher 
anfangs ziemlich dünn war, aber nachher zähe und grünlich wurde. Er war dabei so 
reichlich, dass die Patienten ihre Augen nur alle Viertelstunden öffnen konnten, wo er 
sich in Tropfen ergoss. Vom Beginn dieser Krankheit an fand beträchtliche Empfind- 
lichkeit gegen das Licht und Thränenfluss statt. Als endlich der Reis verbraucht war, 
wurden gekochte Nudeln zu Breiumschlägen benutzt. Den 5. Tag bekamen einige 
Patienten Blasenpflaster auf den Nacken ; da aber die Canthariden bald erschöpft wa- 
ren, so versuchte man sie damit zu ersetzen, dass man mit Senf verschärfte Fussbäder 
anwendete , und die geschwollenen Augenlider heissen Wasserdämpfen aussetzte. — 
Der Schmerz nahm von Tag zu Tag zu, wie auch die Zahl derjenigen, welche ihr 
Gesicht verloren, so dass die Schiffsmannschaft, ausser der Furcht eines Aufstandes 
unter den Negern, noch die schreckliche Anwartschaft hatte, nicht im Stande zu sein, 
das Schiff bis zu den Caraibischen Inseln zu fuhren. Ein einziger Malrose war der 
Contagion entgangen, und auf ihm beruhte die Hoffnung Aller. Der Rödeur war bereits 
mit einem spanischen Schiffe, dem Leon, zusammengetroffen, dessen ganze Mannschaft 
so sehr an derselben Krankheit litt, dass sie das Schiff nicht mehr zu führen vermochte, 
sondern die Hilfe des Rödeur ansprach. Die Matrosen des Rödeur konnten indessen 
wegen der Neger ihr eigenes Schiff nicht verlassen, und hatten auch keinen Raum, die 
Mannschaft des Leon aufzunehmen. Die Schwierigkeit, so viele Patienten in einem so 
engen Räume zu verpflegen, und der Mangel an Proviant wie an Medicamenten Hess 
die Überlebenden diejenigen beneiden, welche starben. — Einige Matrosen tröpfelten 
Branntwein zwischen ihre Augenlider und spürten davon einige Erleichterung. Den 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Atmosphäre. 49 

12. Tag kamen die Matrosen, die sich etwas erleichtert fühlten, auf das Verdeck, um 
den andern beizustehen. Manche waren dreimal von der Krankheit befallen worden. 
— Als das Schilf Guadeloupe am 21. Juni erreichte, befand sich die Schiffsmannschaft 
in einem traurigen Zustande ; aber bald nachher wurde sie durch den Genuss frischer 
Lehensmittel und durch ein einfaches Waschmittel von süssem Wasser und Citronensaft,. 
was eine Negerin angerathen hatte , auffallend besser. Nachdem sie 3 Tage gestanden 
waren, wurde der einzige Mann , welcher unterwegs frei geblieben war, nun auch von 
denselben Symptomen befallen, und die Ophthalmie hatte denselben Verlauf, wie am 
Bord des Schiffes. — Von den Negern blieben 39 gänzlich blind, 12 von ihnen hatten 
jeder ein Auge verloren, und 14 hatten mehr oder weniger beträchtliche Flecken auf 
der Cornea. Von der Schiffsmannschaft verloren 12 ihr Gesicht, von 5 verlor jeder 
ein Auge; 4 derselben hatten beträchtliche Flecken und Adhäsionen der Cornea mit 
der Iris.« 

Eine Epidemie in der Erziehungsanstalt für Soldatenkinder zu Chelsea im Jahre 
1*0 1 beschreibt Patrick Macgregor. *) — „Zu Anfang April wurden zwei Brüder mit entzün- 
deten Augen in die Krankenanstalt gebracht; die Entzündung war aber so unbedeutend, 
dass ihre Aufnahme nicht nöthig war. Sie wurden desshalb ausser der Anstalt behandelt, 
und durch die gewöhnlichen Mittel binnen 8 — 10 Tagen, hergestellt. Zu Ende dieses 
Monats wurden 6 Knaben zu mir gebracht ; drei derselben hatten die Krankheit in einem 
heftigen Grade, und wurden in die Anstalt aufgenommen, die 3 andern erhielten die 
Anweisung täglich zu erscheinen, um ärztliche Hilfe zu erhalten. — Im Mai wurden 
nicht weniger als 44 Knaben und 5 Mädchen, mit Ophthalmia behaftet, in die Anstalt 
gebracht. Die schlimmsten wurden aufgenommen, aber für alle war nicht Raum, und 
selbst einige von den aufgenommenen mussten unter andern Patienten unterbracht 
werden. — Am Morgen des 4. Tages nach ihrer Aufnahme wurden 2 Knaben in dem- 
selben Krankensaale, die an andern Krankheiten litten, von Entzündung der Augen 
ergriffen, und im Verlaufe dieser Woche bekam auch die Wärterin die Krankheit, und 
zwar in einem so heftigen Grade, dass sie mehrere Tage lang des Gesichtes beraubt 
und 3 W ochen lang unfähig war, die Geschäfte ihrer Stelle zu besorgen. Etwa um 
dieselbe Zeit bekam ihr Sohn, ein 12jähriger Knabe, welcher die Wartung der Kranken 
besorgt hatte, und einige Tage nachher ihre beiden Jüngern Kinder, wie auch mehrere 
andere Patienten in demselben Krankensaale die erwähnte Augenkrankheit. — Im Juni 
wurden 58 Knaben und 32 Mädchen ergriffen. Es wurde im Allgemeinen die Bemer- 
kung gemacht, dass bei ihnen die Krankheit heftiger sei als bei jenen, welche im Mai 
erkrankt gewesen waren. Im Verlaufe dieses Monats bekam auch die Wärterin des 
Mädchenspitals die Krankheit, und ihr Ehemann, ein pensionirter Bewohner des Chelsea- 
Hospitals , der täglich seine Frau besuchte , wurde auch , nebst 2 zuweilen dienst- 
tuenden Wärterinnen von der Krankheit ergriffen. Bei näherer Untersuchung fand sich, 
dass der eben erwähnte Pensionär um diese Zeit im Chelsea-Hospital die einzige an 
Ophthalmie leidende Person gewesen sei. — Die Frau eines Feldofficiers war um diese 
Zeit im Military-Asylum zum Besuche. Sie hatte einen Sohn von 5 — 6 Jahren, welcher 
mit den andern Kindern zu spielen pflegte. Er zog sich die Ophthalmie zu, und 4 oder 
5 Tage nach dem Ausbruche derselben wurde auch seine Schwester , ein 2jähriges 
Kind, ja einige Tage später sogar die Mutter selbst davon ergriffen. — Diese Umstände 

; ) Makenzie c. I. S. 343 

Ar lt. J. & 



50 Bindehaut. 

erregten Aufsehen , und es wurden jetzt mit besonderer Aufmerksamkeit diejenigen, 
welche einige Symptome der Krankheit hatten, sogieich von den andern Patienten ge- 
trennt, und auch die andern Mittel benützt, welche gewöhnlich angewendet werden, 
um den Fortschritt einer Contagion zu hemmen. — Im Juli verbreitete sich die Oph- 
thalmie noch immer, und mehrere derjenigen Kinder, welche die Krankheit gehabt 
hatten und genesen waren , bekamen sie zum 2. Male. 65 Knaben und 30 Mädchen 
wurden diesen Monat von der Krankheit befallen. Sie schienen die Krankheit heftiger zu 
haben, und wurden auch nicht so leicht hergestellt, als jene, welche in den vorherge- 
henden Monaten afficirt gewesen waren, obschon die Behandlung bei allen dieselbe blieb. 
Die Witterung war jetzt weit wärmer, als im Juni. — Im August bekamen 69 Knaben 
und 21 Mädchen die Krankheit; ein Knabe und ein Mädchen von ihrer eigenen Mutter 
aus Schottland gebracht, langten eines Abends zu Ende dieses Monats im Asylum an, 
und wurden sogleich aufgenommen. Die Kinder wurden von der Wärterin ohne mein 
Vorwissen in einen Saal gebracht, in welchem sich Patienten befanden, die an Oph- 
thalmie litten. Als ich die Krankenanstalt am nächsten Vormittag besuchte, liess ich die 
Kinder sogleich in einen andern Saal bringen, und dennoch hatten beide Kinder am 
3. Morgen nach ihrer Ankunft Symptome der Ophthalmie, die in keiner Hinsicht, von 
jenen verschieden waren , welche bei den andern Patienten beobachtet wurden. — Alle 
Knaben von 5 — 6'/ 2 Jahren bilden eine einzige Gesellschaft. Es wurde die Bemerkung 
gemacht , dass im vergangenen und gegenwärtigen Monate fast die ganze Gesellschaft 
die Ophthalmie bekam. Der Fortschritt der Krankheit konnte in den Schlafsälen dieser 
Knaben in der Ordnung der Betten , von einem zum andern, nachgewiesen werden, 
bis endlich fast alle afficirt waren. Die zwei Wärterinen dieser Gesellschaft schliefen 
immer in ihren Sälen und waren die einzigen der Anstalt (diejenigen im Krankenhaus 
ausgenommen), welche an der Krankheit litten. Gegen die Mitte dieses Monats bekam 
auch ich die Ophthalmie, und obgleich die entzündlichen Symptome in 10 Tagen sich 
gaben, so erholte ich mich von ihren Wirkungen doch erst nach 5 — 6 Wochen. — Im 
September bekamen 16 Knaben und 4 Mädchen die Krankheit; im October 16 Knaben 
und 7 Mädchen ; im November 9 Knaben und 6 Mädchen, und vom 22. November bis 
Ende December sind nur 2 Fälle vorgekommen, und zwar bei 2 Brüdern, die zusam- 
men geschlafen, und im Monat August die Krankheit in einem heftigen Grade gehabt 
hatten." — P. Macgregor hebt zum Schlüsse noch hervor, dass die Krankheit ziemlich 
einen Monat unter den Knaben geherrscht hatte, ehe die Mädchen von ihr afficirt 
wurden, dass alle Erwachsene , die sich nicht mit den Patienten vermischten, von der 
Krankheit frei blieben, während diejenigen, welche mit den Patienten in Verbindung 
standen, sämmtlich von der Ophthalmie ergriffen wurden, mit alleiniger Ausnahme des 
Assistenzwundarztes. „Es schien auch, als ob eine innigere Verbindung mit der affi- 
cirten Person als bei den meisten andern contagiösen Krankheiten zur Mittheilung er- 
forderlich sei. Diess lässt sich von den Dienstboten des Krankenhauses und von den 
beiden Wärterinen folgern, welche die kleinen Knaben warteten, und die Sache zu 
leichtsinnig nahmen, wogegen die andern Dienstboten der Anstalt verschont blieben." 
„Die Krankheit war weit heftiger in ihren Anfällen und von längerer Dauer bei heisser 
und schwüler, als bei kalter, ode r gemä ssigter Witterung." „Man hat Grund, anzuneh- 
men, dass sie am nieisU^fj^oiStal^El^^ÄBiCaiigsstadium gewesen sei, wo nicht nur 
eine active. Enlzündu4W~p ^sondern auch ein^b^trächtlicher, purulenter Ausfluss vor- 
handen war." ^Qj 

Mftim 1917 



Blennorrhoe — Vorkoni men — Ursachen — Neugeborene. 51 

Was die Blennorrhoe bei Neugeborenen betrifft, so müssen die 
Fälle, welche in der Privafpraxis vorkommen, getrennt betrachtet werden 
von jenen in Findclhä'usern. 

Man hat im Allgemeinen eine Menge Umstände als Ursache der 
Blennorrhoea neonatorum angeführt. — a) Grelles Licht. Es ist schwer 
zu begreifen, warum hier das Licht gerade nur auf die Bindehaut, und 
nicht auf die Netzhaut schädlich einwirken soll, da es bekannt ist, dass 
die Sehkraft in Folge solcher Bleunorrhöen niemals leidet, wenn nicht 
durch Hornhaut- oder Kapseltrübungen. *) — 6) Verhältung wird nur zu 
häufig als Ursache angegeben, wenn man es unterlässt, nach andern zu 
forschen, oder wenn man solche nicht sogleich auffindet. Man hat sogar 
das Tragen der Kinder zur Taufe beschuldigen wollen, und doch ist die 
Krankheit in Ländern, wo diess nicht geschieht, erwiesenermassen nicht 
seltener. Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass hie und da ein Kind 
aus dieser Ursache eine mehr weniger heftige Bindehautentzündung be- 
komme; nur sei man mit dieser Ursache nicht so allgemein bei der 
Hand, wie es manche thun. — c) Unreine Luft mag wohl mitunter Ur- 
sache sein, doch gewiss nicht so allgemein, als man glaubt. Die Krank- 
heit müsste sonst bei armen Leuten weit häufiger vorkommen, als bei 
wohlhabenden, was eben nicht der Fall ist. So viel aber ist gewiss, dass 
unreine Luft die einmal ausgebrochene Krankheit steigert und bösartiger 
macht. — d) Jener Einßuss der Luft, den wir den epidemischen nennen, 
kann nicht geläugnet werden. Es ist Thatsache, dass zu gewissen Zeiten 
sowohl in als ausser den Findelhäusern häufiger solche Bleunorrhöen vor- 
kommen. Dieser Einfluss dürfte sich jedoch weniger in der ursprüngli- 
chen Erzeugung als vorzüglich durch Verschlimmerung der leichteren 
Grade dieser Krankheit geltend machen, welche als solche selten zur 
Kenntniss der Arzte gelangen. — e) Sichergestellt ist die Ansteckung 
durch blennorrhoisdien Schleim beim Durchgange des Kopfes durch die 
Geburtswege, wobei man denn natürlich nicht immer gleich an Syphilis 
denken wird. Die Constatirung dieser Ursache ist nicht immer wohl zu- 
lässig, und erheischt grosse Vorsicht von Seite des Arztes. Man hat 
Grund, diese Ursache zu vermuthen, wenn die Blennorrhoe des Auges in 
Bezug auf die Zeit des Ausbruches sich so verhält, wie der nach einem 
unreinen Beischlafe entstandene Tripper, wenn die Bindehautblennorrhöe 
zwischen dem 2. und 5. Tage nach der Geburt auftritt. Doch ist zu 

e ) Chelius, Ausenheilkunde I. B. S. 121 meint, dass auch bei Erwachsenen durch starke Einwirkung des Lichtes 
nicht selten „Blephnrophlhalmie" erregt werde. Dieser Ausdruck ist so vag, dass es unmöglich ist, sich auf eine 
Widerlegung dieser Behauptung einzulassen. Er beweist mindestens für die in Bede stehende Frage gar nichts. 



52 Bindehaut. 

bemerken, dass der erste Beginn leicht übersehen wird, zumal wenn das 
ansteckende Secret sehr mild war, und dass solche Fälle oft erst später 
durch obgenannte (a — d) ungünstige Einflüsse einen die Aufmerksamkeit 
oder Besorgniss der Umgebung erregenden Grad von Heftigkeit erlangen, 
daher sehr leicht dafür imponiren, als wären sie durch starkes Licht, 
Zugluft u. dgl. hervorgerufen worden, erst am 10., 14. Tage oder noch 
später entstanden. Bei Schwängern mit Blennorrhoea vaginae kann man 
mit grösster Wahrscheinlichkeit voraussagen, das Kind werde an Binde- 
hautblennorrhöe erkranken ; wie es komme, dass dennoch manche Kinder 
von solchen Müttern ganz gesund bleiben, ist schwer zu erklären. Viel- 
leicht hat die schnellere oder langsamere Geburt hierauf den meisten 
Einfluss. Wir bemerken übrigens dasselbe Verhältniss, wenn mehrere 
Männer kurz nach einander den Coitus mit einer an Blennorrhoea vaginae 
leidenden Person pflegen. — /) Dr. Em. Mildner (im 13. Bd. der Präger 
inedicinischen Vierteljahrschrift) hat meines Wissens zuerst darauf auf- 
merksam gemacht, dass bisher gewöhnlich unter dem Namen Blennorrhoea 
neonatorum eine Menge von Augenentzündungen zusammengefasst wur- 
den, die davon ganz verschieden sind, und, was nicht minder wichtig ist, 
dass diese Entzündung der Bindehaut gar oft nur als Reflex gewisser 
Allgemeinlciden aufs Auge, oder als Theilnahme der Bindehaut an all- 
gemeinen katarrhalischen und croupösen Entzündungen anderer Schleim- 
häulparfien zu betrachten sei. 

Dr. Mildner fand im hiesigen Findelhause unter 300 augenkranken Neugeborenen 
112 mit Katarrh der Luftwege oder des Darmeanales, 94 mit croupösen Affectionen der 
Mund- und Rachenschleimhaut, 6 mit Odem der Unterextremitäten, 5 mit Zellgewebs- 
sclerois, 9 mit wanderndem Rothlauf, 3 mit Nagelgefässentzündung, 7 mit Entwicklung 
acuter Abscesse in verschiedenen Gegenden. Von diesen 300 Augenkranken sind 37 
gestorben. — Er betrachtet die Bindehautblennorrhöe bei Neugeborenen mit überwie- 
gender Wahrscheinlichkeit als Localkrankheit, wenn die Mutter gesund ist, und das 
Kind lebenskräftig und gesund aussieht, wenn eine der ohgenannten schädlichen Po- 
tenzen local einwirkte, die Ophthalmie nur an Einem Auge auftrat oder doch viel 
früher begann, besonders aber keine Symptome einer Allgemeinkrankheit, namentlich 
keine katarrhalischen oder croupösen Processe auf andern Schleimhäuten vorhanden 
sind. — Eine solche Blennorrhoe beginnt immer (primär) in der Bindehaut, erzeugt 
selten Ulcerationen der Hornhaut, und das gewöhnlich nur partielle, und nur unter 
fortwährender Einwirkung ungünslisjer Einflüsse bedeutendere Zerstörungen ; sie wird 
nur bei grosser Heftigkeit von fieberhaften Allgemeinsymptomen begleitet; ihre Dauer 
ist (relativ) kurz; die Heilung kann mit rein örtlichen Mitteln, und zwar oft binnen 
wenig Tagen erzielt werden. — Stammt dagegen das Kind von einer kranken Mütter, 
ist es schlecht genährt, leidet es bereits an katarrhalischen oder croupösen Processen 
anderer Schleimhäute, ist kein local einwirkendes Moment nachweisbar, beginnt die 
Ophthalmie an beiden Augen gleichzeitig und mit gleicher Intensität und ist gleich 






Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Fintleliiäuser. 53 

anfangs Fieber vorhanden oder selbst vorausgegangen : so wird man selten einen 
Fehlschluss machen, wenn man die Blennorrhoe für den Ausdruck eines Allgemein- 
leidens hält. — Verlauf, Dauer und Proguosis dieser Art unterliegen so vielen Verschie- 
denheiten, dass sich keine allgemeinen Anhaltspunkte angeben lassen. Die zu Grunde 
liegende fehlerhafte Blutmischung bezeichnet Dr. Mildner theils als Albuminosis, krank- 
haftes Üherwiegen des Eiweissstoffes , welches besonders durch das Einathmen sauer- 
stoffarmer Luft, daher durch Zusammenhäufen vieler Menschen in Einem Locale begün- 
stigt werde, theils als Pyämie, welche bei Neugeborenen häufig durch Entzündung der 
Vabelii'efässe eingeleitet wird. — Diese wären demnach beim Auftreten der Blennor- 
rhoea neonatorum vor allem als letzte Ursachen scharf ins Auge zu fassen, und zwar 
auch dann, wenn die Blennorrhoe als ein örtliches Leiden begonnen, im weitern Ver- 
laufe einen schlimmen Charakter annimmt. 

In Findelhäuscrn kommt die Krankheit ungleich häufiger vor, als 
bei einer gleich grossen Anzahl ausserhalb solcher Anstalten Geborener, 
und sie verläuft hier im Allgemeinen bei weitem heftiger und bösartiger. 
Wenn man auch annimmt, was Piringer behauptet, das die Kinder der 
Erstgebärenden im Allgemeinen leichter an Blennorrhöen erkranken, und 
dass die Kinder syphilitischer Mütter selten von der Blennorrhoe verschont 
bleiben, so muss es doch gewiss ausser diesen, allerdings in Gebärhäu- 
sern öfters vorkommenden Umständen, und ausser den oben erwähnten 
äussern und innern Ursachen der Bindehautblennorrhöe noch andere Ver- 
hältnisse geben, w r elche die Erkrankung so häufig und so bösartig machen. 
Hieher sind zu rechnen : vor allem das Zusammengedrängtsein vieler In- 
dividuen in Einem Hause, in Einem Zimmer, welches sich in solchen An- 
stalten oft nicht vermeiden lässt, oft genug aber mehr als nöthig erhöht 
wird. Man denke sich nur Ein Zimmer, wenn auch sehr geräumig, mit 
10 — 12 Ammen, jede mit einem, viele auch mit zwei Kindern. Wenn auch 
keines der Kinder bereits blennorrhoisch erkrankt wäre: schon die er- 
höhte Ausdünstung der Wöchnerinnen, der Loehialfluss, die Excremenle 
der Kinder müssen die Luft verunreinigen ; nehmen wir nun noch hinzu 
die geringe Reinlichkeilsliebe solcher Leute von Haus aus, und die Un- 
lust, mit welcher viele die Kleinen, grossentheils nicht ihre eigenen, pfle- 
gen; und man wird es begreiflich finden, wie schwer es für das Wart- 
personale und für die inspicirenden Ärzte wird, den gehörigen Grad von 
Reinlichkeit zu erhalten. Alle diese Umstände müssen um so nachthei- 
liger wirken, wenn unter diesen Kindern sich auch nur einige blennor- 
rhoische befinden: wie aber erst dann, wenn man alle blennorrhoischen 
Kinder in ein sogenanntes „Augenkrankenzimmer* legt! 

Die Zahl der Individuen mit acuter Bindehautblennorrhöe, welche ich theils im 
allgemeinen Krankenhause (vom April 1840 bis April 1842, und vom Anfang Oc tober 



54 Bindehaut. 

1846 bis Ende 1849), theils in der Stadt genauer zu beobachten Gelegenheit hatte, 
beträgt 281. 

Hierunter waren 107 Ammen, 4 Wärterinen und 52 fünf- bis eilfjährige Kinder 
aus der Findelhausanstalt, 70 sporadische Fälle bei Erwachsenen, 45 Neugeborene (aus 
der Stadt und Umgebung) und 3 scrophulöse Kinder von 2 — 5 Jahren. 

Diese Krankheit, welche im hiesigen Findelhause so zu sagen nie ausgeht, kam 
besonders im Jahre 1841 und 1846 unter den Ammen, im Jahre 1848 unter den grössern 
Kindern in der Findelanstalt auffallend häufig vor. 

A. Vom October 1838 bis Juli 1839 waren 11 Ammen auf die Augenklinik ge- 
bracht worden, 4 mit Blennorrhoe, welche rasch den 3. Grad erreichte, 7 mit Blennor- 
rhoe des 1. Grades, von Professor Fischer gewöhnlich Ophthalmia calarrhalis in puer- 
pcris genannt, und in seinem Lehrbuche*) Seite 92 beschrieben. Die Frage, ob sie 
nicht etwa mit dem Secrete von den Augen der Kinder an ihre Augen gekommen 
wären, verneinten Alle. Eine beschuldigte starke Zugluft als Ursache ; diese fieberte 
gleich zu Anfang der Krankheit, und litt auch an Nasenkatarrh. Die meisten und hef- 
tigsten Fälle kamen Ende Februar, im März und Anfang April vor. 

Vom October 1839 bis Juli 1840 kamen 19 leichter und 2 schwerer erkrankte 
Ammen ins Spital. Davon hatten 14 in eigens dazu bestimmten Zimmern augenkranke 
Kinder gesäugt, 7 behaupteten, nicht in die Nähe solche Kinder gekommen zu sein; 
einige hievon beschuldigten Zugluft (auf den Gängen) als Ursache. Der Ausbruch der 
Krankheit war 14 Tage bis 3 Monate nach der Entbindung erfolgt. Nur 1 erkrankte 
Ende November, 1 im December, 6 im Jäner, 4 im Februar, 1 im März, 2 im April, 5 
im Mai und 1 im Juni. 

Im Schuljahr 1841 stieg die Zahl rasch auf 55, bei 30 in der mildern, bei 25 
in der heftigem oder heftigsten Form. Im October erkrankten 2 (mit sogenannten 
Puerperalkatarrh), im November 9 (davon 7 an Blennorrhoe höheren Grades), im De- 
cember 8 (davon 5 heftiger), im Jänner 8 (davon 3 heftiger), im Februar 7 (davon 2 
heftiger), im März 5 (davon 1 heftiger), im April 5 (davon 1 heftiger), im Juni 2 (1 
heftiger), im Juli 1 (heftiger), im August 4 (3 heftiger), im September 4 (1 heftiger), 
und von da an bis Ende April 1842 Niemand. Die heftigsten Formen traten im No- 
vember auf, zu welcher Zeit auch 4 anderweitig entstandene Blennorrhöen in die An- 
stalt kamen. Mehr als 30 waren in den für blennorrhoische Kinder bestimmten Zimmern 
der Findelhausanstalt als Aminen verwendet, einige in wenig Tagen, andere 2 — 6 Wochen 
nach ihrem Aufenthalte daselbst ergriffen worden. Drei gestanden, sich absichtlich mit 
dem Wasser gewaschen zu haben, mit welchem die Augen der Kinder gereinigt worden 
waren, um „böse Augen" zu bekommen und desshalb aus der Anstalt entlassen zu 
werden; sie büssten leider mit dem Verluste eines, die eine auch mit dem Verluste 
beider Augen. Andere hatten sich ihre Augen mit dem Leinwandflecke gerieben, der 
zum Abwischen der blennorrhoischen Augen des Kindes benutzt worden war. Mehrere 
halten den Ausbruch des Übels bemerkt, kurz nachdem sie heftig geweint, einige 
nachdem es (bei stürmischem Wetter) in den Zimmern geraucht, mehrere nachdem sie 
sich (auf den Gängen) heftiger Zugluft ausgesetzt hatten. Vier meinten sich dadurch 
angesteckt zu haben, dass sie das augenkranke Kind des Nachts zu sich in's Bett ge- 



") Lehrbuch Her Entzündung und organischen Krankheiten des menschlichen Auges, Prag 1846, bei Burrosch 
und Andre. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Fiiulelhänser. 55 

nominell hatten. Die Mehrzahl wusste keine Veranlassung" anzugeben, und diess war 
auch bei vielen der Fall, welche weder in dem Augenkrankenzimmer verwendet wor- 
den waren, noch in andern Zimmern blennorrhoische Kinder zu saugen gehabt hatten. 
Die Zahl der blenorrhoischen Kinder war nämlich so gross, dass fast in jedem Zimmer 
der Anstalt einige belassen werden niussten. 

Die Findelanstalt, im 2. Stocke des Gebärhauses auf dem sogenannten „Wind- 
berge" gelegen, bot damalt. mehrere Übelslände (in Bezug auf die Blennorrhoe) dar, 
welche im Frühling 1841 von einer Conunission erhoben wurden, und hier nicht un- 
erwähnt bleiben dürfen. Bei der alljährlich wachsenden Zahl der daselbst Aufzuneh- 
menden war zunächst nicht genug Raum vorhanden, so dass die Zimmer mit Ammen 
und Kindern überfüllt werden musslen. Die Augenkranken wurden in drei Zimmern un- 
terbracht, wovon 2 untereinander, und das 3. mit einem für Syphilitische bestimmten 
conimunicirten. Zu je zweien führte nur Ein Zugang vom Corridor. In dem 1. Zimmer 
waren 9 Kinder mit 6 Ammen, in dem zweiten 8 Kinder mit 6 Aminen, in dem dritten 
1 1 Kinder mit 6 Ammen, in dem vierten 2 Kinder mit 1 Amme und 4 grössere (re- 
stituirte) Findlinge. Zur Zeit des grössten Andranges stieg die Zahl der blennorrhoi- 
schen Kinder in den beiden ersten, eigentlich nur Einen Raum bildenden Zimmern auf 
24. in dem 3. auf 16 Kinder, nebst den erforderlichen Ammen. Die Verdunkelung 
wurde mittelst Fensterläden und Vorhängen, die Lüftung mittelst Öffnen der Fenster 
(im Winter nur der kleinern Flügel) vorgenommen. Die Ammen bedienten sich eines 
Waschbeckens und Handtuches gemeinschaftlich. Für sämmtliche blennorrhoische Kinder 
war nur eine Wärterin bestimmt, und ausser dem Primärarzte und dem Hauschirurgen, 
welcher nebstdem andere, viel Zeit raubende Geschäfte zu besorgen hatte, kein Arzt 
vorhanden. 

Diesen Übelständen wurde sofort möglichst abgeholfen, und namentlich ein 
eigener Arzt dem Primarius zur Aushilfe beigegeben. Seitdem ist die Blennorrhoe unter 
den Ammen wohl zu verschiedenen Zeiten wieder häufiger und heftiger aufgetreten, 
aber nie mehr in dem Grade, wie 1841. Man ersieht diess aus der nachfolgenden 
Tabelle, welche ich nach den Protokollen der Klinik und Abtheilung für Augenkranke 
und nach den Monatsberichten der Findelanstalt entworfen habe, nachdem mir der Herr 
Primarius Dr. Böhm und der Herr Director Dr. Riedl die Einsicht in dieselben bereit- 
willigst gestatteten. 



56 



Bindehaut. 



Zahl d. 


Kinder 


über 


haupt 


Zahl d.blenn.Kiiider 




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Aus der Findel- 
anstalt kamen | 
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1840 



1841 



Jan er 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

Oetober 

November 

December 



73 


135 


129 


18 


61 


152 


146 


9 


58 


170 


154 


9 


55 


179 


175 


18 


41 


156 


139 


14 


44 


166 


161 


11 


38 


166 


156 


15 


33 


156 


147 


6 


36 


16« 


127 


8 


67 


137 


117 


13 


74 


161 


142 


15 


77 


182 


162 


25 



19 
9 
14 
1d 
17 
19 
17 
13 
15 
21 
21 
23 



Ja n er 


72 


188 


173 


27 


Februar 


60 


173 


134 


28 


März 


71 


188 


186 


31 


April 


42 


166 


146 


22 


Mai 


39 


172 


143 


20 


Juni 


48 


185 


175 


17 


Juli 


41 


142 


139 


8 


August 


36 


153 


150 


8 


September 


31 


140 


127 


12 


Oetober 


32 


152 


152 


7 


November 


25 


150 


138 


4 


December 


33 


162 


147 


14 



20 
27 
29 
17 
18 
14 
18 
19 
14 
14 
10 
9 



9 
13 
10 

12 
6 
9 
7 
8 

18 
6 

12 

15 



4 


42 


7 


7 


— 


6 


— 


1 


— 


35 


4 


4 


— 


4 


__ 


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3 


32 


2 


2 


— 


1 


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2 


26 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


— 


25 


6 


6 


— 


5 


— 


— 


1 


24 


5 


4 


1 


1 


— 


— 


1 


19 


1 


1 


— 


1 


— 


. — 


— 


25 


3 


3 


— 


3 


— 


— 


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40 


2 


2 


— 


1 


— 




4 


39 


4 


4 


— 


2 


— 


— 


1 


43 


8 


8 


— 


8 


— 


— 


9 


43 


4 


4 


— 


4 


— 


— 



38 



12 


4 


37 


11 


11 


— 


11 


— 





12 


5 


42 


6 


6 


— 


6 


— 





14 


7 


22 


7 


7 


— 


7 


— 





18 


4 


22 


4 


4 


— 


4 


— 


— 


22 


7 


23 


2 


2 


— 


3 


— 





15 


5 


22 


2 


2 


— 


2 


— 





14 


— 


21 


— 


— 


— 


1 


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— 


10 


4 


18 


5 


5 


— 


4 


— 





11 


1 


19 


3 


3 


— 


4 


— 





6 


1 


17 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 


— 


19 














11 


— 


21 















42 



1842 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

Oetober 

November 

December 



34 
55 
68 
53 
31 
26 
31 
29 
37 
32 
25 
30 



206 


165 


20 


12 


238 


193 


32 


19 


213 


194 


34 


28 


177 


183 


16 


35 


178 


166 


17 


20 


155 


141 


9 


17 


171 


167 


6 


16 


182 


171 


3 


10 


158 


153 


10 


14 


203 


191 


19 


8 


180 


158 


17 


4 


180 


164 


22 


4 



2 138 

3 44 



43 
26 
24 
30 
23 
26 
25 
18 
20 
IS 



1843 



Jäner 


20 


223 


203 


19 


3 


21 


1 


16 














Februar 


31 


217 


204 


14 


5 


9 


1 


16 














Mär/, 


30 


200 


166 


23 


3 


21 


- 


19 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


April 


42 


229 


194 


19 


7 


25 


3 


26 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Mai 


58 


189 


182 


24 


7 


14 


-^ 


19 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Juni 


4l 


194 


182 


11 


8 


14 


— 


20 


— 


— 


— 


— 


1 


— 


Juli 


42 


154 


146 


17 


9 


9 


— 


23 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


August 


33 


148 


143 


5 


8 


8 


— 


20 


1 


1 


— 


1 


* 


i 


September 


33 


162 


150 


6 


11 


9 


— 


23 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Oetober 


39 


157 


148 


9 


13 


10 


1 


20 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


November 


39 


147 


143 


10 


;2 


16 


— 


20 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


December 


33 


157 


113 


11 


10 


13 


- 


22 


— 


— 


— 


. 


— 


— 



1S44 



Jäner 


26 


159 


149 


10 


10 


11 


— 


22 


__ 


— 


— 


— 


— 


_ 


Februar 


2;5 


152 


131 


11 


10 


13 




28 


1 


1 


— 


1 


1 


— 


März 


34 


174 


153 


16 


10 


28 • 




28 


1 


1 


— 


— 


— . 


— 


April 


39 


197 


167 


21 


13 


15 


— 


38 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Mai 


4« 


199 


179 


19 


17 


12 


4 


38 


— 


— 


_ 


— 


— 


— 


Juni 


49 


2(10 


181 


15 


20 


18 


— 


41 












— 


Juli 


53 


159 


183 


17 


21 


16 


2 


37 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


August 


42 


171 


157 


6 


23 


21 


— 


35 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


September 


47 


179 


164 


8 


22 


21 


— 


45 


_ 


— 


— 


— 


— 


— 


Oetober 


54 


175 


181 


7 


24 


8 


1 


28 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


November 


41 


184 


169 


10 


16 


14 


2 


34 








- 


— 


1 


— 


December 


46 


199 


16S 


29 


17 


18 


7 


41 


— 


— 


- 


~ 


- 


— 



BSeiuiorrhöe — Vorkommen — Ursachen — Fintlelhäuser. 



57 



Zahl d. 


Kinde 


überhaupt 


Zahl d.blenn.H 


inderl 


Ammen 




Aus der Findel- 

anstalt kamen 
auf die Augen- 
klinik u. Aulheil. 


1 c~3 > 


i = 1 

3 = | 
Q "** 1 

wahr. 


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d. Blennorrhoe 

Zahl dersellien 
überhaupt 


E 


J| 


1 


E 

E" 
-< 


il 


E= 1 



1845 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



48 


219 


186 


28 


23 


21 


4 


41 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


53 


209 


178 


30 


28 


20 


9 


43 














54 


223 


170 


38 


27 


16 




51 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


69 


214 


200 


31 


24 


24 




36 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


52 


230 


184 


34 


22 


18 




42 


— 


— 


— 


— 


._ 


— 


64 


200 


163 


33 


12 


28 




47 


1 


1 


— . 


1 


— 


- 


68 


223 


207 


25 


24 


17 


S 


42 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


59 


179 


169 


15 


26 


15 


3 


36 














54 


1*5 


157 


22 


25 


7 


3 


34 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


60 


225 


207 


24 


18 


12 


3' 


28 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


54 


184 


174 


17 


19 


15 


Q- 


27 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


57 


188 


150 


30 


21 


15 


tt> 


30 


3 


3 


— 


3 


— 


— 



1846 



Jäner 


55 


189 


165 


34 


20 


8 


* 


29 


3 


2 


1 


2 


— 


— 


Februar 


45 


214 


159 


42 


22 


14 




35 














März 


58 


255 


211 


39 


19 


16 


2 


40 


2 


2 


— 


2 


— 


— 


April 


63 


235 


183 


34 


18 


12 


B. 


42 


2 


— 


2 


— 


— 


— 


Mai 


77 


238 


216 


39 


21 


14 


" 


38 


2 


2 


— 


2 


— 


1 


Juni 


60 


207 


178 


25 


18 


16 


5" 


45 


6 


4 


2 


4 


. — 


— 


Juli 


64 


222 


187 


22 


23 


16 


£- 


46 


3 


3 


— 


3 


— 


1 


August 


77 


195 


199 


17 


26 


9 


j= 


38 


7 


7 


— 


7 


— 


1 


September 


56 


170 


155 


10 


23 


12 


» 


31 












1 


October 


61 


195 


171 


14 


15 


.20 


3 
O 


31 


1 


1 


— 


1 


— 


— 


Xovember i 


71 


215 


206 


10 


17 


18 


3- 


29 


2 


2 


— 


2 


— 


1 


December | 


70 


209 


183 


14 


19 


16 


» 


37 


3 


3 


— 


3 


1 


— 



26 



1847 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



72 

64 

83 

54 

81 

83 

85 

103 

108 

108 

112 



211 
241 

210 
240 
250 
218 
207 
183 
190 
216 
226 



202 
202 
204 
174 
210 
186 
157 
160 
168 
183 
202 



26 
23 
19 
15 
27 
24 
27 
27 
30 
47 
32 



1 1 



19 



1848 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



129 

116 

129 

144 

127 

110 

149 

102 

87 

86 

66 

48 



219 
230 
240 
214 

229 
190 

184 
139 
184 
179 
182 



209 
182 
186 
195 
209 
119 
173 
126 
167 
181 
185 



2411201 



37 
32 
30 
47 
40 
38 
30 
34 
37 
31 
12 
4 



16 



1849 



Jäner 

Februar 

März 

April 

Mai 

Juni 

Juli 

August 

September 

October 

November 

December 



70 
71 
70 
66 
73 
58 
74 
59 
51 
52 
52 



238 
215 
222 
205 
232 
222 
213 
162 
184 
203 
230 



210 


27 i 


196 


20 


193 


32 


167 


31 


208 


39 1 


174 


32 i 


202 


26 


154 


16 


266 


17 


173 


30 


188 


33 


— 


— 



12 
16 
21 
19 
19 
11 
11 
13 
14 
12 
16 



1 — 



58 Bindehaut. 

Dieses Vorkommen der Bindehautblenorrhüe unter den Ammen der Findelanstalt 
gibt in mehrfacher Beziehung Aufschluss über diese Krankheit. 

1. Eine Quelle derselben liegt in der unmittelbaren Übertragung des Secretes 
durch Belastung, mittelst der Finger, eines Tuches, des hinreichend gesättigten Wasch- 
wassers u. dgl. Diese Verbreitungsweise liess sich bei einigen constatiren, bei vielen 
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit supponiren (bei jenen, welche die Krankheit vom 
Weinen, vom Rauche, vom Schlafen mit dem Kinde herleiten) ; allein sie war bei 
einer sehr grossen Zahl ganz gewiss nicht vorhanden. 

2. Das Ergriffenwerden so vieler Individuen in Einem Räume, ohne dass eine 
Übertragung durch Betastung stattgefunden hatte , führt natürlich zu der Annahme 
einer Ansteckung durch die Luft. Ein flüchtiges Contagium entwickelt diese Krankheit 
ganz gewiss nicht , wenigstens nicht so wie Masern, Scharlach, Blattern u. dgl. Die 
Annahme einer besondern Verderbniss der Luft als Folge des Zusammcnwohnens Vieler 
in einem Locale genügt auch nicht. Hingegen deuten alle Umstände darauf hin, dass 
die Suspension des eitrigen Secrets in der Luft es ist , welche die Ansteckung in 
distans bewirkt. Nur wo die Luft wenig erneuert, zugleich in eine höhere Temperatur 
versetzt, und wo so viel Secret zur Verdunstung vorhanden ist, kann ^die Luft so mit 
demselben imprägnirt werden, dass sie zum Träger des Contagiums wird. So erklärt 
sich das häufigere Vorkommen bei strenger Kälte und in den heissen windstillen Som- 
merlagen; so erklärt sich, warum erst längeres Verweilen in derart imprägnirter Luft 
ansteckt; so erklärt sich, warum die Aminen nicht mehr erkranken, seitdem die Blen- 
norrhoe den Neugeborenen durch Anwendung der ektrolischen Methode minder lang- 
wierig und minder ergiebig an Secret geworden ist ; *) so erklärt sich endlich, warum 
dem Umsichgreifen der Krankheit am sichersten ein Ziel gesetzt wird, wenn man die 
Blennorrhoischen unter andere Augenkranke oder Gesunde vertheilt. Wo nicht viel 
Secret zur Verdunstung vorhanden ist, da kann die Luft nicht leicht bis zu jenem 
Grade gesättigt werden, dass sie dem gesunden Auge ein gehörig concentrirtes Con- 
tagium zuführen könnte. Starke Verdünnung mit Wasser reicht ja auch hin, die An- 
steckungskraft des eitrigen Secretes aufzuheben, oder doch so zu schwächen, dass es 
nur eine ganz gelinde, dem Katarrh mehr weniger nahe stehende Entzündung zu er- 
zielen vermag. — Hier drängt sich natürlich die Frage auf, ob bloss das blennor- 
rhoische Secret der Bindehaut geeignet sei, durch Suspension in der Luft gesunden 
Augen gefährlich zu werden, oder ob auch ähnliche Secrete von andern Schleimhäuten, 
namentlich von den weiblichen Genitalien nach dem Puerperium, eine gleiche Wirkung 
hervorzubringen vermögen. Scheint auch das häufigere Vorkommen der Bindehaul- 
blennorrhöe zu Zeiten, wo Puerperalfieber herrschen, zur Bejahung dieser Frage ein- 
zuladen, so ist man doch bei den gegenwärtig vorliegenden Prämissen noch nicht zu 
einem solchen Schlüsse berechtigt. 

3. Die Ansteckung in distans, welche unbedingt zugegeben werden muss, und nur 
durch Sättigung der Luft mit dem verdünsteten Secrete erklärt werden kann, reicht 
aber noch keineswegs hin, über das Vorkommen aller, nicht durch Betastung entstan- 
denen Fälle während jener Zeit Aufschluss zu geben. Wir bekamen viele Ammen aus 



Ä ) Ich bin überzeugt, dass die seil 1848 auf meine Empfehlung eingeführte Ahorlivmelhode nach Chassaignac und 
Bednar die Ursache ist, dass 1849 so wenig Aminen erkrankten. Vergl. Dr. Grün in der Prager medicinischen 
Vierteljahrschr.fl B. XXII. S. To und B. XXIII. S. 141, und Dr. Olar B. XXV, S. 112. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Findelhäuser. 59 

der Findelanstalf, welche nicht im Augenkrankenzimmer gewesen, viele, welche nicht 
einmal in die Nähe blennorrhoischer Kinder gekommen waren, noch an ßlennorrhoea 
vaginae gelitten hatten. Wir sind genöthigt, noch eine besondere Disposition in der Luft 
oder tellurische Einflüsse anzunehmen, wenn gleich wir dieselben näher zu bezeichnen 
nicht im Stande sind. Alle Welt gibt zu, dass Entzündungen gewisser Schleimhautpartien 
zu gewissen Zeiten auffallend häufig und heftig vorkommen, und man war noch nicht im 
Stande, die atmosphärisch-tellurischen Veränderungen, auf die man zuletzt hingewiesen 
wird, näher zu bezeichnen. Ich will nur auf die Influenza hindeuten, deren Verhältniss 
zum gewöhnlichen Katarrh der Luftwege vor allen an das Verhältniss zwischen der 
Bindehautblennorrhöe und dem Augenkatarrh erinnert. Dass aber 

4. die Bindehautblennorrhöe in Beziehung auf atmosphärisch-tellurische Einflüsse 
mit dem Augenkatarrh ganz gleiche Bedeutung habe , nur heftigere Formen darbiete : 
das sahen wir eben an den Ammen, welche aus der Findelanstalt in's Spital gebracht 
wurden. Bei den sogenannten Puerperalkatarrhen konnte gar oft nicht bestimmt wer- 
den, ob die Krankheit auf dieser Stufe stehen bleiben, oder aber zur Blennorrhoe des 
3. oder mindestens des 2. Grades steigen werde. Oft von ganz gleichen Formen war 
die eine binnen wenig (5 — 12) Tagen geheilt, die einfache Versetzung aus der Findel- 
in die Augenheilanstalt (wo in einem Saale auch 15 — 18 Personen, aber mit verschie- 
denen Augenkrankheiten zusammen wohnten) hatte zur Heilung der Krankheit hinge- 
reicht, indess bei andern (auch wenn kein Verdacht auf Ansteckung durch Betastung 
vorhanden war) das Übel unaufhaltsam bis zum 3. Grade stieg, oder doch in einiger 
Zeit die bekannte Wucherung des Papillarkörpers und schleimig-eitriges (zur Impfung 
geeignetes) Secret zeigte. Man hatte die Nützlichkeit dieser einfachen Entfernung au s 
der Findelanstalt sehr bald erkannt, und desshalb auch einige leichtere Fälle geradezu 
in ihre Heimat entlassen. Von diesen nun kam eine Amme, welche bereits 8 Tage zu 
Hause gewesen war, und in dieser Zeit nur an den Erscheinungen eines einfachen 
Augenkatarrhs gelitten hatten, mit einer heftigen Bindehautblennorrhöe auf die Augen- 
klinik, nachdem sie 2 Tage vorher bei stürmischem Wetter eine Fussreise gemacht hatte 
(Mai 1841). 

B. Noch mehr bestärkt in diesen Ansichten wurden wir durch die Bindehaut- 
blennorrhöe, welche im Jahre 1848 unter den restituirten Findlingen herrschte. (Vergl. 
obige Tabelle.) 

Findlinge, welche verschiedenen Parteien auf dem Lande zur Verpflegung über- 
lassen worden waren, werden aus verschiedenen Ursachen der Findelanstalt zurückge- 
geben, namentlich in jenem Alter, wo die Anstalt die geringste Vergütung für dieselben 
leistet, also besonders zwischen dem 5. und 10. Jahre, und zwar mehr Knaben als 
Mädchen, welche letztere man in Haushaltungen eher verwenden, nutzbar machen kann. 
Die Zahl dieser restituirten Kinder in der Findelanstalt kann demnach leicht auf 20—30 
männliche und 10 — 20 weibliche Individuen steigen. Von diesen Findlingen nun, wel- 
chen in der Anstalt einige Zimmer zugewiesen sind, kamen im Jahre 1848 allein 46 
mit acuter Bindehautblennorrhöe in die Augenheilanstalt. Die Zahl der Erkrankten war 
aber weit grösser, wie ich mich bei der im Sommer 1848 abgehaltenen Commission 
überzeugte; denn nur die heftiger erkrankten waren in's Spital übersetzt worden. 

Die Blennorrhoe unter den restituirten Findlingen verlief im Allgemeinen viel 
milder als bei den Ammen. Nur bei 3 von jenen 46 Erkrankten entstand Hornhaut- 
Entzündung mit Verschw ärung. und nur 1 Auge hievon erblindete. Die Krankheit blieb bei 



60 Bindehaut. 

den meisten auf den 2., bei sehr vielen auf den 1. Grad beschränkt, und die Steige- 
rung zum 3. Grade erfolgte meistens erst nach längerem Bestehen des 1. und 2. Grades. 
Sie charakterisirle sich mehr durch Schwellung der Lidbindehaut, als durch reichliche 
Seeretion, und führte desshalb in einigen Fällen zu Ektropium. Der Verlauf war dem- 
nach minder gefährlich als hartnäckig ; nur wenige der Kranken konnten schon nach 
einigen Tagen entlassen werden, wie diess bei den leicht erkrankten Ammen sehr häutig 
der Fall gewesen war; viele mussten bloss wegen Hartnäckigkeit der Wucherungen 
des Papillarkörpers und der schleimig -eitrigen Secretion 4 — 5 Monate im Spitale zu- 
rückbehalten werden. 

Wenn man auch annimmt, der Keim zu diesen zahlreichen Erkrankungen sei 
durch einen oder einige Findlinge in die Anstalt gebracht worden , welche von der 
in der ersten Kindheit überstandenen Blennorrhoe vielleicht niemals völlig befreit, oder 
später zufällig daran erkrankt gewesen waren; wenn man auch annimmt, dass das 
Übel sich von einem Kinde auf das andere verbreitet habe, sei es durch Betastung oder 
durch die imprägnirte Luft (die Kinder schliefen zu 6' — 8 — 10 in kleinen Zimmern eines 
wegen Platzmangel gemietheten Privatgebäudes) , so bleibt es doch noch immer un- 
erklärt, warum die Krankheit gerade in diesem Jahre eine solche Ausbreitung gewann, 
wie nie zuvor, niemals nachher. Wie viel aber die Ansteckung durch tastbare Gegen- 
stände und noch mehr durch die Luft in den Wohn- und Schlafzimmern zur Verbrei- 
tung der Krankheit beigetragen hatte, das zeigte der Erfolg der Massregeln, welche 
die Commission in dieser Beziehung anordnete, und welche vorzüglich die Sonderung 
der Gesunden von "den Kranken, fortwährende Sorge für Erneuerung der Luft und eine 
gehörige Dislocation und ärztliche Pflege auch jener bezweckten, deren Übersetzung 
in's Spital nicht für nothwendig befunden wurde. (Anwendung von Cuprum sulfur. in 
Substanz, von Argent. nitricum in mehr weniger concentrirter Lösung.) 

C. Sporadische Fälle bei Erwachsenen kamen mir theils im Spitale, theils in 
der Privatpraxis 70 vor, 29 bei männlichen, 41 bei weiblichen Individuen. (Ich zähle 
nur die acuten Fälle und nur jene, welche wegen der Blennorrhoe selbst, nicht wegen 
der einen oder der andern Nachkrankheiten, z. B. Staphyloma corneae, Cataracta centralis 
u. dgl. zur Behandlung kommen.)'") 

«) Von den 29 Männern litten 16, von den 41 Weibern 14 zur Zeit der Ent- 
stehung der Augenblennorrhöe an Blennorhöe der Genitalien in verschiedenen Stadien. 
Das Übel befiel in den meisten Fällen nur Ein Auge, wenn der Kranke gleich in den 
ersten Tagen in ärztliche Behandlung gekommen war; es trat 20mal zuerst am rechten, 
lOmal zuerst am linken Auge auf; nur in 6 Fällen wurde auch das 2. Auge ergriffen. 
Nur wenige wussten sich zu erinnern, dass sie bei dieser oder jener Gelegenheit mit 
dem Secrete der Genitalien an die Augen gekommen sein könnten. Viele , von den 
weiblichen Individuen die meisten, läugneten ganz dreist jede Aftection der Genitalien; 
wo sich die Untersuchung der Genitalien nicht Avohl vornehmen liess, wurde die Wäsche 

*) Dr. von Hasner, welcher seine Beobachtungen ebenfalls grösslentheils im hiesigen Spital machte, vom Juli 1S44 
bis Oclober 1846, bezeichnet das Verhältniss der weiblichen Individuen mit Bindehautblennorrhöe zu den männ- 
lichen mit den Zahlen 6 :1 (98:15), ohne hervorzuheben, dass dieses Verhältniss in unserer Anstalt durch be- 
sondere Umstände bestimmt werde, nämlich dadurch, dass das Spital die meisten Blennorrhoischen aus dem 
Findelhause erhält (in jenem Zeiträume, laut obiger Tabelle mindestens 30), und dass übrigens von den Hand- 
werkern, welche Zünfte bilden, fast nur die Schlosser und Tischler in's Spital, die übrigen aber zu den „Barm- 
herzigen" gebracht werden. 



Blenori'höe — Vorkommen — Ursachen — Sporadisch. 61 

besichtigt, und diese gab uns oft ganz unzweideutige Beweise, dass eine Blennorrhoe 
der Genitalien vorhanden war. Aus dem Status praesens jedoch, und auch aus dem 
Verlaufe Hess sich niemals bestimmen, ob die Bindehautblennorrhöe durch Übertragung 
von den Genitalien oder auf irgend eine andere Art entstanden war. 

b} Bei 6 Individuen (2 männlichen, 4 weiblichen) hatte Ansteckung von andern 
Kranken bestimmt oder höchst wahrscheinlich statt gefunden. Ein Knabe von 8 Jahren 
kam mit seinem Vater, welchem beide Hornhäute in Folge von Blennorrhoe (aus nicht 
ermittelbarer Ursache) zerstört waren, 1840 (Juni) in's Spital, und ein Knabe von 14 
Ja Inen, dessen älterer Bruder an einem Tripper litt, bekam im Juni 1849 eine Blen- 
norrhoe 3. Grades, nachdem auch mehrere Geschwister an Blennorrhoe 1. Grades er- 
krankt gewesen waren. Die Frau eines Schlossers , welche ein an Blennorrhoe er- 
kranktes Kind säugte, erkrankte kurz nach einander auf dem rechten und linken Auge, 
und 3 Dienstmädchen waren in Verkehr mit Personen gestanden, welche, der Beschrei- 
bung nach , an chronischer Bindehautblennorrhöe litten. So war z. B. die eine auf 
Besuch zu ihren Verwandten nach Hause gegangen, welche sämmtlich schon länger an 
Böthe und vermehrter Absonderung der Augen litten, und war schon den 2. Tag, 
nachdem sie mit ihnen gemeinschaftlich ein Handtuch gebraucht hatte, von Drücken 
und Schneiden und heftigem Thränen der Augen, und den 4. Tag von allen Symptomen 
einer Blennorrhoe befallen worden, welche jedoch im Ganzen einen milden und kurzen 
Verlauf (3 Wochen) machte. 

c) Bei 40 Individuen, 4 männlichen und 6 weiblichen, musste Verhüllung als 
alleinige, oder doch wesentlich beitragende Ursache angenommen werden. Ich will 2 
Fälle dieser Art etwas genauer anführen. S. E., 34 Jahre alt, verheirathet, kam am 11. 
October 1847 auf die Augenkrankenabtheilung. Die Lider beider Augen geschwollen, 
doch die Falte des obern Lides nicht verstrichen, die Lidränder gleichmässig geröthet, 
die Cilien durch Schleim in Büschel verklebt. Die Bindehaut der untern Lider gleich- 
massig hochroth. leicht geschwollen, feinkörnig, im Übergangstheile wulstig ; auch der 
Baum zwischen der äussern und innern Lefze (Kante) des Lidrandes hochroth und fein 
granulirt; die Bindehaut über dem Tarsus überdiess mit einer dünnen, florähnlichen 
Läse weisslieh grauen Exsudates bedeckt; die Bindehaut des obern Lides, so weit 
man sie untersuchen kann, von derselben Beschaffenheit. Die Conjunctiva bulbi zu 
einem schlaffen, blassrothen Walle rings um die Hornhaut erhoben. Die Hornhaut des 
linken Auges nach innen von einem hanfkomgrossen Geschwüre eingenommen, dessen 
Mitte weissnrau und etwas hervorgetrieben erscheint ; die vordere Kammer aufgehoben. 
Die rechte Hornhaut nach innen und unten, ! / 2 '" vom Rande entfernt, gleichfalls ein 
durchbohrendes Geschwür darbietend, die Öffnung durch die Iris verlegt, die vordere 
Kammer nur etwas kleiner. Massig reichliches molkenartiges Secret mit dicken gelben 
Flocken. — Die Kranke hat vor 2 Jahren einen Rheumatismus im Kniegelenk über- 
standen; die Fragen nach verschiedenen Affectionen, welche auf das Augenleiden Bezug 
haben konnten , beantwortete sie verneinend ; man überzeugte sich , dass keine Blen- 
norrhoe der Genitalien vorhanden war; sie war mit keinem Augenkranken in Berührung 
gekommen. Sie war als Wäscherin häufig dem Einflüsse der feuchten und ziehenden 
Luft ausgesetzt. Vor 10 Tagen trat ohne Veranlassung ein Gefühl von Druck im 
äussern Winkel des rechten Auges ein , dann Empfindlichkeit gegen das Licht und 
etwas Röthe; früh war dasselbe durch Schleim verklebt. Da auch Kopfschmerzen hin- 
zutraten , räucherte sie Tücher mit Flussrauch und band sie über die leidende Seite. 



02 Bindehaut. 

Die Zufälle wurden ärger; dessen ungeachtet beschäftigte sich die Kranke den 3. Tag 
mit Wäsche und Fussboden-YYaschen, wobei sie starker Zugluft ausgesetzt war. Die 
Menstruen, welche sonst immer regelmässig durch 8 Tage flössen, und jetzt ungefähr 
um dieselbe Zeit eingetreten waren, wo das Auge zu leiden anfing, wurden von diesem 
Tage an sparsamer, und hörten schon den 5. Tag ganz auf. Am 4. Tage hatten sich die 
Zu (alle am rechten Auge verschlimmert, und am 5. erkrankte auch das linke Auge, auf 
beiden gesellte sich alsbald starke Geschwulst der Lider, Ausfluss einer eiterähnlichen 
Flüssigkeit und zuletzt Unmöglichkeit, Gegenstände wahrzunehmen, hinzu. Wir fanden 
beiderseits eine Blennorrhoe 3. Grades. — Z. J., Kellner, 24 Jahre alt, erkrankte am 26. 
Jäner 1842 auf dem linken Auge; er empfand leichte drückende Schmerzen, und be- 
merkte, dass es thränte. Denselben Tag Abends musste er sehr häufig bald in einen 
mit xWenschen überfüllten und hell beleuchteten Saal, bald in's Freie. In der Nacht schwoll 
das Auge an, die Schmerzen wurden heftiger, das Thränen reichlicher. Am 27. über- 
schlug er kaltes Wasser, jedoch nur kurze Zeit, da Geschwulst und Schmerzen dabei 
ärger wurden. Abends gesellte sich Fieber dazu. Am 28. verordnete ein Arzt, ein 
gelbes Augenwasser; das Übel wurde ärger, der Ausfluss aus dem Auge reichlich, 
weisslich. Am 29. fanden wir die Lider gleichmässig ödematös bis zur Höhe des Augen- 
brauenbogens geschwollen, etwas empfindlich, wärmer, gegen den Rand violett; die 
Lidspalte konnte spontan nicht geöffnet werden, die Cilien waren in Büschel verklebt; 
die Conjunctiva palpebr. bläulichroth, geschwollen, die Übergangsfalte wulstig; die 
Conjunctiva bulbi bildete einen 3'" hohen Wall rings um die Cornea; diese rein und 
glänzend; auf der Bindehaut zahlreiche Flocken, zum Theil in einer molkenähnlichen 
Flüssigkeit schwimmend. Brennende Schmerzen im Auge, Lichtscheue, abendliche 
Exacerbation , massiges Fieber. — Der Kranke ist von zarter Constitution ; er soll im 
18. und 19. Jahre an Lungenentzündung, im 21. an Bluthusten gelitten haben. Nebstdem 
litt er zu verschiedenen Zeiten an reissenden Schmerzen in verschiedenen Partien, zur 
Zeit, als das Auge erkrankte, in der Gegend des rechten Musculus sternocleidoma- 
stoideus, so dass er den Kopf schief halten musste. Er gestand offen, wohl in früherer 
Zeit an Tripper gelitten zu haben, jetzt aber seit mehr als einem Jahre sei er ganz 
gesund, auch mit Niemandem, von dem er sich hätte anstecken können, in Berührung 
gekommen ; er sei bloss in Folge der Verkältung erkrankt, und zwar so bedeutend, 
weil er sich, bereits erkrankt, nicht habe schonen können. Da wir keine Ursache 
hatten, gegen die Angaben des Kranken Zweifel zu hegen, auch keine Spur von Tripper 
fanden, setzten wir 10 Blutegel an die Schläfe und gaben 4 Gran Tart. stibiatus in 3 
Unzen Aq. dest., alle 10 Minuten 1 Esslöffel, fleissige Reinigung des Auges mit lauem 
Wasser, strenge Diät, gleichmässige Temperatur. Es erfolgte 4mal Erbrechen und eini- 
gemal Stuhl. Am 30. war die Geschwulst der Lider um die Hälfte kleiner, das Secret 
weniger reichlich, der Puls normal. Unter Fortsetzung des Tart. stib. r. d. bis zum. 2. 
Februar gingen alle Symptome gleichmässig zurück, nur die Schwellung der Conjunctiva, 
namentlich des Papillarkörpers blieb bis gegen Ende Februar. Am 4. Februar Abends 
traten, ohne dass man eine Veranlassung eruiren konnte, heftige Schmerzen, vom Auge 
sich über den Kopf verbreitend, ein,, verloren sich jedoch nach Anwendung eines Bla- 
senpflasters auf den Nacken . und eines Abführmittels, und am 22. Februar stellte sich, 
gleichfalls ohne bekannt gewordene Ursache, eine heftige Angina tonsillaris mit Fieber- 
bewegungen ein, wesshalb der Kranke erst am 2. März als völlig gesund erklärt werden 
konnte. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 63 

d) Von den 24 Fällen, wo durchaus nichts über die Ursache ermittelt werden 
konnte, kommen die meisten auf die Jahre 1847 und 1848. Von den 7 Männern hievon 
war der jüngste 20, der älteste 40 Jahre alt, jener ein Schullehrergehilfe, dieser ein 
Bauer (Vater des eben erwähnten 8jährigen Knaben). Unter den andern 5 waren 4 
Taglöhner und ein Pferdeknecht, von 24 — 30 Jahren. Unter den 17 weiblichen Indi- 
viduen mit gänzlich zweifelhafter oder unbekannter Ursache war ein 11 jähriges 
Mädchen mit Blennorrhoe mildern Verlaufes (seit 6 Wochen) auf beiden Augen, und eine 
12jährige Taglöhnerstochter mit hochgradiger Blennorrhoe des rechten Auges, dann eine 
ledige Taglöhnerin von 46 Jahren mit hochgradiger Blennorrhoe (seit 14 Tagen), und 
eine 36jährige ledige Person, welche bereits mehrere Wochen lang wegen eines Vitium 
org. cerebri auf der Internabiheilung behandelt und daselbst auf dem linken Auge an 
einer Blennorrhoe höhern Grades erkrankt war. Unter den übrigen 13 waren 7 ledige 
dienstlose Mädchen, 2 Nähterinnen, 1 Nadelstechers-, 1 Schmiedstochter und eine Fa- 
briksarbeiterin, alle im Alter von 18 — 27 Jahren, endlich ein Ziegeldeckerseheweib, 
letztere zur Zeit der Aufnahme bereits 14 Tage krank. 

Dreimal wurde ich zu Kindern (Mädchen von 2 — 5 Jahren gerufen), welche an 
acuter Bindehautblennorrhöe erkrankt waren, ohne dass man eine äussere Ursache, am 
wenigsten Ansteckung, supponiren konnte. Es waren blonde Kinder mit dünnem Kno- 
chenbau, zarter Haut, leichten gerötheten Wangen, lebhaftem Wesen. Das Leiden war 
mehr eine heftige Blepharoblennorrhöe, und zwar beider Augen; in allen diesen Fällen 
war die Conjunct. palp. mit einer mächtigen croupösen Exsudatschichte belegt, welche 
sich bei zweien erst nach einigen Tagen durch Erweichung und Zerfliessung ablöste. 
Trotzdem die Geschwulst der Lider gross und das Secret dann reichlich und dickflüssig 
war, blieb doch in allen Fällen die Conjunctiva bulbi von Geschwulst und somit auch 
die Cornea von Entzündung frei ; die Kranken genasen bei fleissiger Reinigung der 
Augen unter Anwendung gelinder Abführmittel und Einreibungen von Unguentum cine- 
reum mit etwas Extr. belladonnae an Stirn und Schläfe. 

Unstreitig in der grössten Ausbreitung und Heftigkeit ist die Binde- 
liautblennorrhöe unter dem Militär in den stehenden Heeren des jetzigen 
Jahrhunderts vorgekommen. 

Nach dem Berichte Larrey 's, *) obersten Militärarztes des französischen Heeres, 
entwickelte sich diese A u genentzündung,' welche in Ägypten einheimisch ist, bald nach 
der Landung der Truppen daselbst (2. Juli 1798), und verbreitete sich so schnell unter 
denselben, dass schon in den letzten Monaten dieses und in den ersten des folgenden 
Jahres fast alle Soldaten (das ganze Heer bestand aus etwa 32000 Mann) davon ergriffen 
waren. Nach Assalini, einem der ausgezeichnetsten Ärzte bei dieser Expedition, wurden 
jedoch diejenigen Truppen, welche längs den Ufern des Nils aufgestellt waren, ferner 
jene, die im Delta verblieben, dann die Division Desaix, welche den Nil in Oberägypten 
besetzt hielt, und besonders die Sappeurs, welche man bei dem Bau der fliegenden 
Brücke zwischen Gizeh und der Insel Raoudah verwendete, vorzüglich mitgenommen. 
Larrey leitet die ungeheuer schnelle Ausbreitung dieser Entzündung, oder, besser ge- 
sagt, das schnelle Ergriffenwerden fast aller Soldaten, von den beschwerlichen Märschen 

'") Die geschichtlichen Bemerkungen sind entlehnt ans B. Eble's Monographie über die sogenannte contagiose oder 
ägyptische Augenentzändung, Stuttgart 1839, bei Imle und T.iesching. 



64 Bindehaut. 

her, welche die Truppen in jener Zeit mitten durch dürre, wasserleere Sandwüsten 
machen, und sich hier nun auf einmal erst der glühenden Tageshitze, dann der feuchten 
Kälte in der Nacht Preis geben mussten, ohne sich dagegen schützen zu können. In 
dem folgenden Feldzuge, 1800, hatten Ruhe, die nöthige Vorsicht auf den Märschen 
und die Acclimatisirung das Übel fast unmerklich gemacht. Als aber die Armee im 
Anfang des Jahres 1801 gegen die bei Abukir gelandeten Engländer marschiren mussle, 
und am 21. März die Schlacht bei Alexandrien geliefert hatte, bewirkten diese Um- 
stände, dann die Hitze, die beschwerlichen Schanzarbeiten und die kalten Nächte den 
abermaligen Ausbruch des Übels, welches jetzt die schwächsten Individuen, z. B. 
Blessirte und solche, die schon einmal daran gelitten hatten, befiel. Ein grosser Theil 
der Truppen, welche in den feuchten Gegenden campiren mussten, wurden aügenkrank, 
und in 2'/ 2 Monaten wurden mehr als 3000 Mann in 's Spital geschickt. Die Krankheit 
yynrde von Larrey, Assalini und' den andern Ärzten als katarrhalische Ophthalmie 
(Fluxion catarrhale) behandelt, und scheint nur in sehr wenig Fällen schlimme Folgen 
hinterlassen zu haben. Nachdem der Rest der Armee (13000 Mann) nach Frankreich 
zurückgekehrt war, nahm diese Augenentzündung bedeutend ab, und es ist seitdem in 
den verschiedenen Armeen Frankreichs nie mehr eine solche Augenentzündungsepi- 
demie vorgekommen. 

Dagegen wurde die italienische Armee, welche einen Theil des grossen franzö- 
sischen Heeres bildete, seit dem Jahre 1805 bis zu ihrer Auflösung 1815 von diesem 
furchtbaren Übel in verschiedenen Garnisonen häufig, und zwar jederzeit epidemisch 
heimgesucht. Zuerst trat die Krankheit bei der italienischen Legion, dem nachmaligen 
6. Infanterieregiment, welche 1803 die Insel Elba gemeinschaftlich mit dem früher in 
Syrien gestandenen 6. französischen Regimente besetzte, auf. Weil nun, wie Laverini 
berichtet, unter dem letzten Regimente, welches schon in Syrien Augenkranke dieser 
Art gehabt haben soll, auch während seines Aufenthaltes auf Elba immer solche Au- 
genkranke vorkamen, und seitdem die Augenkrankheit auch unter dem 6. ital. Regi- 
mente um sich griff, so behaupteten Omodei u. A., die Krankheit sei aus dem Orient 
aus Ägypten eingeschleppt worden. Omodei und die Anhänger seiner Ansicht behaupten, 
dass diese Krankheit durch 3 Bataillons des 6. italienischen Regiments, welche 1808 
nach Spanien geschickt wurden, nach Spanien, durch die übrigen Bataillons aber von 
Elba aus 1810 nach Mantua und 1811 nach Ancona verpflanzt, und so auch den übri- 
gen hier befindlichen Truppenabtheilungen mitgetheilt worden. Indessen herrschte nach 
Assalini die Krankheit schon im Mai 1791 unter einigen Bataillons modenesischer 
Truppen, welche nach Reggio geschickt wurden, und beschränkte sich auch später 
keineswegs auf das 6. italienische Regiment und die mit ihm in Berührung gekommenen 
andern Regimenter, sondern es befiel 1808 auch das 1. leichte italienische Infanterie- 
regiment zu Vicenza so stark, dass, nach Assalini, 600 Mann erkrankten, nach Cimba 
1809 die italienischen Garde-Grenadiere auf ihrem Marsche nach Ungarn, nachdem sie 
schon 2 Jahre früher in Mailand viele derlei Augenkranke hatten, und 1809 die Zög- 
linge der Militärschule zu Mailand, welche Assalini speziell untersuchen musste. Am 
heftigsten wüthete die Krankeit in Ancona. Zuerst brach die Epidemie 1811 in dem 
6. Regimente aus, und erreichte 1812 eine solche Stärke und Bösartigkeit, dass von 
1500 Soldaten 97 auf einem und 49 auf beiden Augen erblindeten. Auch 1813 dauerte 
das Übel noch fort, so dass in diesem Jahre noch 65 Mann das Augenlicht verloren. 
In allen diesen Epidemien unter den italienischen Truppen zeigte sich übrigens sehr 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 65 

auffallend, dass die Infanterie vorzugsweise vor der Cavallerie, und dass die Rekruten 
am häufigsten ergriffen wurden. Bis 1817 kam in Oberitalien unter dem Militär weiter 
keine Epidemie vor ; Ende dieses und Anfangs des folgenden Jahres erschien die 
Krankheit in dem Militärspitale zu Livorno, und von da bis 1824 hörte sie daselbst nie 
ganz auf, doch nahm ihre Verbreitung von Zeit zu Zeit ab. 

Die englische Armee, welche 1800 bei Abukir landete, wurde nach" Larrey's 
Angabe, gleichzeitig mit den Franzosen und auch eben so häufig von dieser Augen- 
krankheit befallen. Auch ergriff das Übel die Bemannung einzelner vor Anker liegender 
Kriegsschiffe in Masse, und brach nach der 1803 erfolgten Räumung Ägyptens durch 
die nach Malta, Sicilien, Gibraltar und England zurückkehrenden Truppen unter der 
Garnison dieser Orte wieder aus. In Gibraltar, dessen Garnison eine Zeit lang fast 
ganz aus Regimentern bestand, welche in Ägypten gewesen 'waren, und mehr oder 
weniger an der Augenentzündung gelitten hatten, herrschte dieselbe sehr häufig, und 
ergriff später nicht nur die übrigen Regimenter, welche den ägyptischen Feldzug nicht 
mitgemacht hatten , sondern auch die Civilbewohner von Gibraltar. Nach J. Vetch 
stimmten alle englischen Militärärzte darin überein, dass alle Regimenter der englischen 
Armee , welche mit jenen in Garnison zu liegen kamen, die an dieser Krankheit in 
Ägypten oder auf dem mittelländischen Meere gelitten hatten, von derselben heimge- 
sucht wurden; doch gesteht er selbst ein, dass jene Soldaten seines (52. Infanterie-) 
Regiments, bei welchem die Krankheit zuerst erschien, früher an derselben in Irland 
bereits gelitten, und sie von da unter die Freiwilligen der irländischen Miliz, welche 
zu diesem Regimente gestossen waren, verpflanzt hatten. Vom 2. Bataillon dieses Re- 
gimentes, welches aus mehr als 700 Mann bestand, sind vom August 1805 bis August 
1806 allein 663 mit dieser Krankheit in's Spital aufgenommen worden, und hievon 40 
auf einem, 50 auf beiden Augen erblindet. Nach Adams hat diese Augenkrankheit seit 
der Zeit, als die brittische Armee in Ägypten war, in England unter den Regimentern 
die schrecklichsten Verheerungen angerichtet. In dem 52. Regimente sollen vom Juli 
1805 bis Mai 1806 im Ganzen 1341 Mann augenkrank geworden sein, und das Übel 
bis zum December desselben Jahres mit gleicher Heftigkeit fortgedauert haben, ja das 
Regiment noch in den Jahren 1809 und 1810 nicht ganz davon befreit gewesen sein- 
in Malta erlosch die Krankheit erst 1805, und in Sicilien, wo sie 1806 nach der Lan- 
dung der Engländer ausgebrochen war, dauerte sie fast stationär fort bis zum Abzug 
der Truppen. Später hat sich die Krankheit vorzüglich unter den in Frankreich stehen- 
den Truppen häufig gezeigt. Im Jahre 1815 wurden 300 — 400 Mann von einem Garde- 
Regiment bei Waterloo augenkrank ; in andern Regimentern herrschte das Übel nur etwas 
gelinder ; aber zu Cambrai, wo die Engländer ein Spital errichtet hatten, belief sich 
die Zahl solcher Augenkranken täglich auf 150 — 250 Mann, so dass kein Mann der in 
dieser Stadt einquartirten Coldstream-Garden verschont blieb. Unter dem Civile jedoch 
verbreitete sich die Krankheit nicht. In dem Militär-Asyl, einer Anstalt für Soldaten- 
waisen, welche gewöhnlich 1200 bis 1400 Kinder enthält, kamen vom Jahre 1804, wo 
die Krankheit zum ersten Male beobachtet wurde, bis zum Jahre 1811 beinahe 1500 
Krankheitsfälle, die Recidiven mitgerechnet, vor. Doch war das Übel nicht so bös- 
artig, als unter den Soldaten. Im Jahre 1818 gab es mehr als 500 blinde Invaliden 
in England. 

Was das österreichische Militär betrifft, so liegt, nach Eble, bis zum Jahre 1822 
nicht eine einzige Thatsache vor, woraus man auf eine unter denselben epidemisch 
Arll, I. 5 



66 Bindehaut. 

herrschende Augenlidblennorrhöe schliessen könnte. Im Jahre 1822 — 1823 trat dieselbe 
zu Klagenfurt im 13. Infanterieregimente auf, welches 1814 aus den Überresten der 
ehemaligen französisch-italienischen 1., 2., 4. und 6. leichten Infanteriereginlenter ge- 
bildet worden war, und in welchem sich bei seiner Zusammensetzung mehrere Indivi- 
duen befanden, die theils wirklich unter der Armee in Ägypten gedient hatten und 
daselbst sogar augenkrank gewesen waren, theils die Epidemie zu Ancona mitgemacht, 
oder auf Elba, Palma nouva, in Spanien, Sicilien, Mantua und zu Vicenza dieselbe oder 
eine ähnliche Augenkrankheit überstanden hatten ; es sollen sogar einige derselben noch 
augenkrank zum Regiment gekommen sein. Diese Umstände zusammen genommen gaben 
Veranlassung zu der Behauptung, die im Jahre 1822 epidemisch ausgebrochene Augen- 
krankheit stamme aus Ägypten. Diese Behauptung erhielt neue Stärke durch den 
Umstand, dass dieses Regiment schon 1815 zu Brunn und 1816 zu Klagenfurt viele 
Augenkranke hatte, worunter selbst 3 Unterärzte, und dass überhaupt dieses Übel bis 
zum Jahre 1822 niemals ganz getilgt wurde. Das Regiment verlor vom Jahre 1815 bis 
1822 im Ganzen 52 Mann durch theilweise oder gänzliche Erblindung. Im Frühjahr 

1822 steigerte sich die Krankheit, begünstigt durch die strengen Waffenübungen, die 
ausserordentlich heisse und sehr oft plötzlich wechselnde Witterung, so wie durch die 
häufigen Orkane. Im April erkrankten plötzlich 12 Mann, und nun nahm die Zahl bis 
Ende August immer mehr zu, dann bis Ende December wieder ab, so dass von 402 
Augenkranken nur noch 27 Mann verblieben. Als man aber auf Veranlassung des hiezu 
eigens nach Klagenfurt abgeschickten Dr. Wernek im Jänner 1853 das ganze Regiment 
in seinen verschiedenen Stationen, so wie auch die Knaben des dortigen Militärerzie- 
hungshauses einer genauen Untersuchung unterzog, erwies sich die Zahl der Kranken 
als 492, wozu im Februar weitere 131, im März 30, im April 102, im Mai 113, im 
Juni 59, im Juli 19, im August 5 und im September 10 kamen, so dass seit Anfang 

1823 zusammen 961, und während der ganzen Epidemie 1300 Individuen, worunter 
über 200 mit acuter Blennorrhoe, erkrankt waren. Dennoch war der Ausgang über- 
haupt günstig zu nennen, besonders von dem Augenblicke an, als man die Krankheit 
zweckmässiger behandelte und für ansteckend betrachtete. Die Zahl der ganz und 
theilweise Erblindeten war 76, und davon fallen 72 ganz allein in die Zeit vor dem 
Jäner 1823. — Nach einer 10jährigen Pause, während welcher die ganze österreichi- 
sche Armee von jeder epidemischen Augenentzündung frei blieb, brach an demselben 
Orte und fast unter gleichen atmosphärisch-tellurischen und Militärdienstes-Verhältnissen 
(1832) eine der eben beschriebenen an Stärke nicht viel nachstehende, aber doch 
nicht so bösartige Epidemie aus. Diesmal waren es nicht Italiener, sondern das 2. 
Bataillon vom Peterwardeiner und das 1. und 2. Bataillon vom Grasdiner Grenzregi- 
ment und 1 Bataillon des 7. Infanterieregimentes, welche in und um Klagenfurt kaser- 
nirten. Die Erziehungskuaben blieben diesmal verschont. Man war durchaus nicht 
im Stande, einen ursächlichen Zusammenhang der jetzigen mit der früheren Epidemie 
nachzuweisen. Diesmal, wo man die früheren Erfahrungen verständig benützte, er- 
blindete von 946 Augenkranken, worunter gegen 100 acute Blennorrhöen, kein einziger 
ganz, 2 nur einerseits, und 5 wurden wegen unheilbarer Nachkrankheiten für dienst- 
untauglich erklärt. Vom 2. Bataillon des Peterwardeiner Grenzregimentes, also von 
1238 Mann, erkrankten 920, vom Gradiscaner Regiment nur 13, vom Bataillon des 7. 
Infanterieregiments ebenfalls nur 13 Mann. Die Epidemie dauerte vom Juli bis De- 
cember, und erreichte ihre grösste Höhe am 3. October. Das hauptsächlich ergriffene 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 67 

Bataillon lag in der Waisenhauskaserne, und die Epidemie begann, nachdem kurz vor- 
her die Kaserne gereinigt und geweisst worden war, was bei sehr ungünstiger Witte- 
rung geschah. Im Juli und August überschritt die Krankheit nie den niedern Grad, 
wurde daher auch für eine gewöhnliche katarrhalische gehalten und als solche be- 
handelt. Erst im September erreichte das Übel mit steigender Extensität auch eine 
immer grössere Intensität, nämlich den 2. und in ein paar Fällen den 3. Grad. 

Die grösste Ausbreitung erlangte die Krankheit unter den preussischen Truppen 
vom Jahre 1813 bis 1820. Unter dem Armeecorps, mit welchem General York die 
ans Russland fliehenden Franzosen verfolgte, nahm die früher herrschende Nervenfieber- 
Epidemie im Frühjahre 1813 bedeutend ab ; dagegen zeigten sich die ersten Spuren 
einer Augenentzündung in den verschiedenen Truppenabtheilungen, vorzüglich bei der 
Infanterie des 3. Armeecorps , welches die Franzosen bis Magdeburg verfolgt hatte. 
Dr. Krantü zählte bei dem 1. ostpreussischen Infanterieregiment von seinem Marsche 
aus Königsberg bis zur Schlacht bei Leipzig an 700 Augenkranke (katarrhalische *f)\ 
welche sämmtlich ohne üble Folgen wieder hergestellt wurden. Vom Infanterieregiment. 
Kolberg, welches ebenfalls bei mancherlei Mängeln und Noth den grössten Mühselig- 
keiten ausgesetzt war , wurden 1813 im Mai 250 Mann von einer (katarrhalischen) 
Augenentzündung befallen, und auch diese sollen alle beim Regimente glücklich be- 
handelt und geheilt worden sein. Nicht minder erfreuliche Berichte erhielt man vom 
2. Ostpreussischen Grenadierbataillon, welches vom 1. Mai bis Ende August desselben 
Jahres 185, vom 13. Infanterieregimente, welches in diesem Jahre 267, dann vom 1. 
Landwehr-Infanterieregimente, welches binnen Jahresfrist 1500, und vom 1. ostpreussi- 
schen Infanterieregimente, welches während der Belagerung von Torgau an 200 derlei 
.Augenkranke hatte. Fast auf gleiche Art lauten die Berichte "von den übrigen Infan- 
terieabtheilungen; nur bei dem 6. Reserve-Infanterieregimente, welches bei den Bela- 
gerungen von Stettin, Torgau und Wittenberg verwendet und ebenfalls von dieser 
Krankheit epidemisch heimgesucht wurde , 'steigerte sich dieselbe öfters bis zur Oph- 
thalmoconjunctivitis (Chemosis und Phlegmone), wurde aber doch, bis auf sehr wenige 
Fälle, eben so leicht und vollständig wie bei den andern Regimentern bezwungen. 
Die sämmtlichen Cavallerieregimenter blieben fortan von der Epidemie verschont, und 
die katarrhalische Augenentzündung kam bei ihnen höchstens sporadisch, und da ver- 
hältnissmässig selten vor. Die preussischen Mililitärärzte dieser Zeit machen auf ein 
gewisses Wechselverhältniss der Augenepidemie mit der Typhusepidemie unter den 
Truppen aufmerksam. Mit dem Herbste 1813 zeigte sich diese Augenkrankheit bald 
bei einzelnen Individuen , bald bei mehreren zugleich , und vorzugsweise bei einer 
beträchtlichen Anzahl von Individuen bestimmter Truppengattungen in sehr heftigem 
Grade und mit nicht selten sehr unglücklichen Ausgängen, daher man sie denn auch 
Ophthalmia maligna vel perniciosa nannte. Als solche trat dieselbe vorzüglich auf, 
nachdem die Armee während des Waffenstillstandes die Gegenden von Dresden, Torgau, 
Wittenberg und Magdeburg eingenommen hatte. In den Jahren 1814 und 1815 mehrte 
sich die Zahl der perniciösen Angenentzündungen am stärksten bei den Infanterie- 
abtheilungen, namentlich bei dem 1. und 3. Bataillon des 5. ostpreussischen Landwehr- 
regiments, beim 16. Infanterieregiment, welche beide früher immer verschont geblieben, 
ferner in dem Füselirbataillon des 1. westpreussischen Infanterieregiments zu Kosel. 
Als die preussische Armee in Eilmärschen nach Frankreich rücken musste, liess sie in 
Münster . Mainz . Koblenz . Düsseldorf. Wesel, Aachen. Lüttich. Namur und Mastricht 



68 Bindehaut. 

viele Blennorrhoische zurück, welche in die Behandlung von Gräfe kamen. Nach def 
Schlacht bei Waterloo schien die Krankheit als Seuche unter der preussischen Armee 
ihre grösste Höhe erreicht zu haben. Mit dem eintretenden 2. Frieden und der kalten 
Jahreszeit nahm das Übel bedeutend ab, zeigte sich jedoch unter einzelnen Truppen- 
körpern noch immer vorherrschend, und wüthete namentlich 1818 am vorherrschendsten 
im 2. Garderegiment zu Berlin selbst. Ungeachtet sich die Anzahl der von 1813 — -1817 
von dieser Augenentzündung Befallenen nicht genau bestimmen lässt, lässt sich jedoch 
annehmen, dass sie 20.000 bis 25.000 betrug. Hievon sind ungefähr 150 ganz und 
250 halb blind geworden. Merkwürdig ist , dass die fliehenden Franzosen nur vom 
Typhus, nicht aber von der Augeneutzündung heimgesucht wurden, und ferner dass, 
nach Dr. Balte, die Krankheit unter den Soldaten zuerst in den östlichen Gegenden, 
namentlich in Königsberg, Danzig und Breslau, welche zu Sammelplätzen des Heeres 
dienten, zum Vorschein kam. Auch wurden vorzüglich die Rekruten, besonders jene 
der Landwehr- und der Reserveregimenter und die Reservelazarethe in Pommern und 
Brandenburg davon heimgesucht. So wie die Sammel- und EinÜbungsplätze nach dem 
Innern des Landes hin sich mehrten, und wie die schon formirten Truppentheile von 
Ostpreussen und Schlesien sich der Oder und Elbe näherten, so vermehrte sich auch 
unter ihnen die Zahl der Augenkranken, welche übrigens bei den Belagerungstruppen 
am grössten war, wogegen die Artillerie meist verschont blieb. Im Jahre 1818 erschien 
das Übel mit seiner alten Bösartigkeit unter den preussischen Besatzungstruppen von 
Mainz, während die Österreicher gänzlich davon frei blieben. Es ergriff zuerst das 34. 
Infanterieregiment, welches aus Schlesien nach Mainz gekommen war, dann auch die 
andern preussischen Regimenter daselbst. Die Augenkrankheit entwickelte sich im 
Juni und Juli, wurde im August und September höchst bösartig, zeigte diesen Charakter 
im October und November nicht mehr so allgemein, legte ihn im December, Jäner und 
Februar 1819 gänzlich ab, und gab so Hoffnung, den gelindesten Grad anzunehmen. 
Aber bald stieg sie wieder zum 2. und 3. Grade, und übte ihre ganze Bösartigkeit 
vorzüglich an den während des Winters eingetroffenen Rekruten, welche sie fast ohne 
Ausnahme ergriff. Als im März und April 1819 das Übel immer mehr wuchs, wurde 
Piust nach Mainz geschickt. Damals war bereits der 3. Theil von dem preussischen 
Antheil der Besatzung ergriffen, also 1146 Mann: am letzten April belief sich die ganze 
Zahl der Augenkranken auf 329, am 9. Mai auf 529. Rust ordnete sehr gut combinirte, 
sowohl auf Zerstörung des Contagiums, als auf Verhinderung seiner Wiedererzeugung, 
Fortpflanzung und Übertragung abzweckende, medizinisch-polizeiliche Massregeln an, 
und regelte die Behandlung durch eine eigene ärztliche Instruction. Im Juni wuchsen 
201, im Juli 63, im August 54, im September noch 53 Augenkranke zu. Mit der Zahl 
des Zuwachses verminderte sich auch die Intensität, so dass die letzten Zuwächse 
schon binnen einigen Tagen das Spital wieder verlassen konnten. Im October war die 
Epidemie als beendigt anzusehen. Die Gesammtzahl aller von dieser Epidemie ergriffen 
gewesenen Soldaten belief sich sonach auf 1798 Mann, worunter jedoch 250 Recidive. 
Üherdiess waren 1 Regimentsarzt, 2 Lazarethchirurgen und 12 Krankenwärter erkrankt. 
Zu den 11 gänzlich Erblindeten und 38 mit mehr weniger Störung des Gesichtes davon 
Gekommenen waren seit der Ankunft Rust's nur 8 unglücklich endende Fälle, worunter 
2 mit bedeutenden Fehlern auf beiden Augen, hinzugekommen. — Nach Baltz hat man 
die Gesammtzahl der vom Jahre 1813 — 1821 von dieser Augenentzündung ergriffenen 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 69 

preussischeu Soldaten auf 30.000 und die der Erblindeten auf 1100 gesetzt; erstere 
scheint ihm zu hoch, letztere zu niedrig angesetzt zu sein. 

Die Schilderung des Auftretens dieser Krankheit unter den schwedischen, 
neapolitanischen, russischen und belgischen Truppen etc. kann füglich übergangen 
werden, da sie zur Erörterung der hier in Rede stehenden Fragen kaum neue Belege 
liefern dürfte. 

Die Schilderung der Augenentzündung unter dem Militär, wie sie 
uns die verschiedenen Auetoren überliefert und zum Theil durch Abbil- 
dungen *) dargestellt haben, beweist, dass diese Entzündung theils als 
Katarrh, theils als Blennorrhoe niedem und höhern Grades angesprochen 
werden muss, und mit der katarrhalischen und blennorrhoischen Entzün- 
dung, wie wir sie in Findelhäusern beobachten, in allen wesentlichen 
Zufällen übereinstimmt. **) Der Name Ophthalmia militaris ist demnach 
ganz zu verwerfen. Dasselbe gilt von dem Ausdrucke Ophthalmia aegy- 
ptiaca, welcher seit Omodei gang und gäbe geworden ist. Abgesehen 
davon, dass sich ein objeetiver Unterschied zwischen einer durch Impfung 
von Blennorrhoea neonatorum oder Tripperschleim erzeugten Blennorrhoea 
conjunctivae und einer sogenannten Ophthalmia aegyptiaca durchaus nicht 
nachweisen lässt, konnte auch der vermeintliche ägyptische Ursprung bei 
verschiedenen Epidemien gar nicht nachgewiesen werden, es waren im 
Gegentheile Momente genug vorhanden, welche die spontane Entwicklung 
der Krankheit als Ophthalmia catarrhalis und deren Steigerung zur Blen- 
norrhoea leicht begreiflich machen, und diess rasche Umsichgreifen der- 
selben einzig und allein erklären. Epidemien von Augenentzündungen — 
und epidemisch können nur Bindehautentzündungen auftreten — wurden 
übrigens schon im 17. und 18. Jahrhunderte beobachtet und beschrieben 
(z. B. 1565 in Holland, 1699 und 1701 in Schlesien, 1703 zu Rom, 1712 
zu Ferrara, 1761 unter den Soldaten in Westphalen, 1777 in Wien), 
wenn auch zu unvollständig, als dass sich aus der Beschreibung selbst 
der Idenditätsbeweis herstellen liesse; Epidemien einfach katarrhalischer 
Augenentzündung kommen auch heut zu Tage an verschiedenen Orten 
vor; die Steigerung solcher Fälle zu Blennorrhöen möglich zu finden 
braucht man in der That nicht die Zuflucht zu einem aus Ägypten stam- 
menden Stoffe zu nehmen, man sieht sie oft genug erfolgen auch bei 



-) J. B. Müller, „Erfahrungen über die contagiöse Augenentzündung, Mainz 1821" und „die neuesten Resultate 
über die ansteckende Augenliderkrankheit am Niederrhein, Leipzig 1823;" Eble, „Bau und Krankheiten der 
Bindehaut, Wien 1828" und „Die contagiöse oder ägyptische Augenentzündung, Stuttgart 1839;" Gräfe, „Die 
epidemische contagiöse Augenblennorrhöe Ägyptens, Berlin 1823" u. A. m. 
c -) In wie fern auch Fälle, welche als Trachoma anzusprechen sind, mit in jene Schilderungen einbezogen wurden, 
soll später, wo vom Trachoma die Rede sein wird, erörtert werden. 



70 Bindehaut. 

sporadischen Fällen, sobald nur einzelne der Übelstände einwirken, denen 
das Militär, namentlich die Infanterie, in dem ersten Viertel dieses Jahr- 
hunderts so reichlich ausgesetzt war. 

Mit meiner Arbeit über die Krankheiten der Bindehaut beinahe zum Abschluss 
gekommen, erhielt ich endlich auch Gelegenheit, die sogenannte Ophthalmia militaris 
contagiosa seu aegypliaca selbst in grossen Massen zu beobachten. Nachdem mir An- 
fang Juni 1850 auffallend viele Leute aus der Stadt mit Ophthalmia catarrhalis zuge- 
kommen waren, so dass ich auch meine Schüler auf diesen Umstand aufmerksam zu 
machen veranlasst war, sagte mir Anfang Juli der Stabsarzt Dr. Metzler von Andelberg, 
dass nun seit einigen Wochen auch in der Prager Garnison die bereits seit mehren 
Monaten in Galizien herrschende Augenkrankheit sich zu zeigen anfange, und zwar bei 
dem ungarischen Regimente Dom Miguel, welches in der Karolinenthaler Kaserne auf 
einem Dachboden einquartirt war. Durch die Güte des Regimentsarztes Dr. Bleyle 
erhielt ich Gelegenheit, die im Artilleriespital am Hradschin unterbrachten Augenkranken 
so oft und so viel ich wollte zu untersuchen und zu beobachten. Eine Menge Um- 
stände jedoch — worunter Mangel an- der nöthigen Zeit und Unkenntniss der unga- 
rischen, walachischen etc. Sprache nicht die geringsten — machten es mir unmöglich, 
die Krankheit in ihrem ganzen Auftreten und in allen ihren Beziehungen zu den äussern 
Verhältnissen so zu beobachten, dass ich eine streng wissenschaftliche und umfassen- 
dere Schiiderung dieser Epidemie — wenn man so sagen darf — zu liefern im Stande 
wäre. Es möge hier vorläufig genügen, dass ich hier in Prag im Ganzen etwa ISO 
Fälle von verschiedener Heftigkeit und Dauer zu sehen bekam, in Salzburg 15, und in 
Wien beiläufig 370 (229 in der Rennwegkaserne durch die Güte der Herren Doctoren 
Opitz und Low, 140 im Josephinum durch die Güte des Hrn. Stabsarztes Dr. Brmn 
und der Herren Doctoren Kolarschik und Gernath~). Nebstdem sah ich Leute, grössten- 
theils Invaliden, welche in den letzten 3 Jahren in Italien (Florenz), in Ungarn (Te- 
mesvar), in Galizien (Cernovic, Lemberg, Krakau), in Mähren (Olmütz) und in Böhmen 
(Königgrätz) erkrankt waren. 

Ich gewann zunächst die Überzeugung, dass an diesen Orten ganz dieselbe 
ie herrscht oder herrschte, welche nebst vielen Andern Müller in Mainz, Eble 
'in Wien, Wernek und von Rosas in Klagenfurt beobachtet und beschrieben haben, und 
dass diese Ophthalmie von jener, welche ich 1848 unter den restituirten Findlingen ge- 
sehen, in keinem wesentlichen Punkte differirt. 

1. Es kamen, wenigstens zu Anfang hier in Prag, zahlreiche Fälle vor, welche 
man, hätte man sie isolirt im Civile gesehen, ganz gewiss nur für Ophthalmia catar- 
rhalis erklärt haben würde. Mehrere davon blieben als solche stehen, und konnten nach 
mehreren Tagen für geheilt erklärt werden. 

2. In der Mehrzahl der Fälle waren die Erscheinungen vorhanden, welche ich 
oben als den ersten oder den zweiten Grad der Blennorrhoe minder schnellen Verlaufes 
(Liepharoblennorrhöen) bezeichnend, angeführt habe. Im Allgemeinen war die Infil- 
tration der Augenlidbindehaut vor der Production schleimig-eitriger Flüssigkeit an der 
freien Oberfläche vorherrschend ; doch fehlte es nicht an Fällen, wo das Secret nicht 
nur sehr reichlich, sondern auch durchaus trüb, molken- oder fleischwasserähnlich 
erschien. 

3. Die Infiltration der Bindehaut gab sich in solchen Fällen nicht nur durch 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 71 

gleichmässige hohe oder dunkle Röthe und Undurchsichtigkeit der Bindehaut, sondern 
auch durch deutliche Schwellung derselben kund. Bald sah man den Tarsaltheil sam- 
metaftig, wie mit dicht an einander gedrängten Stauhkürnchen hesäet, bald fein-, bald 
grobkörnig, die einzelnen Erhabenheiten dicht an einander gedrängt, hoch- oder dun- 
kelroth, von ziemlich gleicher Grösse. Der Übergangstheil erschien entweder einfach, 
wulstig und glatt (ohne körnige Erhabenheiten), oder er war durch Einsprengung licht- 
grauer Körner zugleich etwas uneben. 

4. Das Vorkommen lichtgrauer oder gelblicher bläschen- oder körnchenähnlicher 
Exsudate, sogenannter grauer Granulationen, welche nicht als einfach vergrösserte Pa- 
pillen, sondern als selbstständige Ablagerungen auf oder neben die Papillen betrachtet 
werden mussten, war, ohne Zuziehung einer Loupe, nur als relativ seltene Erscheinung 
zu betrachten. In der Rennwegkaserne, wo ich in Bezug auf dieses Symptom eine 
Zählung vornahm, fand ich dasselbe nur bei 25 von 228 Kranken. — Unter der Loupe 
betrachtet, zeigten die etwas mehr vergrösserten Papillen gleichsam die Anfänge sol- 
cher Neubildungen, massenhaft auf die Papillen aufgelagertes Exsudat. Oft schienen 
mehrere Papillen durch solche Exsudate in Eins verschmolzen zu sein. Eine solche 
Verschmelzung war oft schon mit freiem Auge über dem Orbitalrande des Knorpels 
zu erkennen, wodurch 1 — 2 graue Wülste entstanden. Man erinnere sich der S. 28 
mitgetheilten Krankheitsgeschichten.) 

5. Viele Fälle, welche heute noch als Ophthalmia catarrhalis gelten konnten, 
zeigten nach 2 — 3 oder mehr Tagen die Erscheinungen, welche das tiefere Erkrankt- 
sein der Bindehaut nicht mehr verkennen Hessen. In einem solchen Falle entwickelten 
sich unter unsern Augen in 5 — 6 Tagen die Erscheinungen einer exquisiten Blennorrhoe 
(3. Grades) auf beiden Augen. 

6. Die Steigerung zum 3. Grade war im Allgemeinen sehr selten ; ich sah in 
Prag nur 3, in Wien nur 5 heftigere Fälle. Unter den Invaliden, die ich in Prag 
sah, waren 8, welche nach den Veränderungen der Cornea und nach ihren Beschrei- 
bungen zu schliessen, die Krankheit im 3. Grade überstanden haben mussten. 

7. Auf 100 Kranke kamen nur 2 — 3, welche zur Zeit, wo ich sie sah, bloss 
auf einem Auge erkrankt waren; bei den übrigen waren beide Augen zugleich, oder 
binnen wenigen Tagen ergriffen worden. 

8. Alle boten daher nicht nur an dem obern und untern Lide, sondern auch 
auf beiden Augen im Ganzen dieselben Erscheinungen (bis auf die Hornhaut) und in 
demselben Grade dar. 

9. In keinem einzigen Falle, auch nicht bei den Invaliden, wovon einige bereits 
vor 2'/ 2 Jahren erkrankt waren, sah ich Verschrumpfung der Bindehaut — ausser nach 
intensiven Ätzungen mit Lapis infernalis — niemals eine Spur von Verschrumpfung 
oder Verbildung des Knorpels, oder eine Einwärtswendung der Wimpern oder des 
ganzen Lidrandes. Ich sah hier aber auch kein Ectropium, wie ich es unter den re- 
stituirten Findlingen doch 2mal zu Gesicht bekommen hatte. Von den Invaliden litten 
2 an Pannus. 

10. Der Grund, dass ich unter den 500 Fällen in Prag und Wien so selten die 
Erscheinungen der Ophthalmoblennorrhoe, und im Ganzen darunter nur 4 Augen un- 
rettbar (durch Verschwärung der Cornea) verloren zu sehen bekam, liegt wohl nicht 
so sehr in dem mildern Auftreten der Krankheit an und für sich, als vielmehr in den 
zeitig genug eingeleiteten entsprechenden Sanitäts-Massregeln, im Verein mit einer im 



72 Bindehaut. 

Allgemeinen sehr zweckmässigen Behandlung. Man Hess es, wenn man so sagen darf, 
gar nicht zur höhern Potenzirung des Contagiums kommen. Die weitern Sätze werden 
diesen Ausspruch rechtfertigen, wenn wir uns gegenwärtig halten, dass wir uns unter 
Krankheit nicht überhaupt etwas zu denken haben, das gleichsam als etwas Selbst- 
ständiges seinen Sitz da oder dort im Organismus aufschlägt, sondern nur eine Reihe 
zusammenhängender abnormer Erscheinungen, deren Auftreten entweder in der ur- 
sprünglichen Form und Mischung der organischen Materie selbst, oder in der Einwir- 
kung abnormer äusserer Verhältnisse, oder in beiden zugleich gegeben ist, und deren 
Weiterentwicklung nebst ihren ursächlichen Momenten überdiess noch von den bereits 
hiedurch eingeleiteten Veränderungen eines oder mehrer Organe abhängt. 

11. Die Augenkrankheit unter den Soldaten musste .als durch äussere Momente 
bedingt und zwar als bloss auf das Auge beschränkt, als ein rein örtliches Leiden be- 
zeichnet werden. Ich sah Leute von allen Nationen von den verschiedensten Körper- 
constitutionen u. s. w. ergriffen. Ich konnte keinen Unterschied finden in Bezug auf 
die Farbe des Haares oder der Iris, in Bezug auf die Beschaffenheit der Haut ; auch 
Individuen mit deutlichen Attributen der Scrofulosis litten nicht an heftigeren Zufällen, 
als andere kerngesund aussehende. Die Leute, wenn nicht von heftigen Schmerzen 
oder von der Furcht \or Erblindung gequält, befanden sich körperlich ganz wohl; 
diejenigen, welche ich genauer um ihr gegenwärtiges und früheres Befinden befragen 
konnte, sprachen nie von Störungen der Gesundheit im Allgemeinen, welche mit dem 
Augenleiden auch nur im Entferntesten hätten in ursächlichen Zusammenhang gebracht 
werden können. Auch von katarrhalischen Affectionen anderer Schleimhautpartien, 
namentlich des Tractus respiratorius, war im Allgemeinen keine Rede. Ein gleiches 
Verhältniss hatte ich 1848 unter den restituirten Findlingen beobachtet.*) 

12. Eine besondere Beschaffenheit der Atmosphäre als begünstigendes iMoment 
zur Hervorrufung dieser Krankheit ist möglich, selbst wahrscheinlich, jedoch nicht 
nachweisbar. Wir dürfen sie daher bei dem gegenwärtigen Standpunkte unseres Wis- 
sens weder negiren, noch in den Vordergrund stellen. Vor allem darf der Umstand 
nicht übersehen werden, dass die Krankheit mitten in dichtbevölkerten Städten unter 
den Soldaten auftrat, ohne dass das Civile in einer auch nur proportionirten Anzahl 
erkrankte. Man kann diese Krankheit daher keineswegs eine epidemische, streng ge- 



Wenn Dr. Gulz , der uns in seiner Monographie über die sogenannte ägyptische Augenentzündung, Wien 1850 
(Keck & Sohn), eine so treffliche Abhandlung über diese Krankheit geliefert, dass, wenigstens was die beiden 
ersten Abschnitte (Katarrh und Blennorrhoe) betrifft, ihm wohl jeder Sachverständige darüber die vollste Aner- 
kennung zollen wird, sich veranlasst sieht, eine besondere Dyskrasie, eine allgemeine Krankheit als Ursache des 
massenweisen Auftretens der Ophthalmie unter dem Militär anzunehmen, und somit diese Ophthalmie in 3 Formen 
zu scheiden, wovon die im 3. Abschnitte besprochene, das Trachoma, von den beiden ersten — Katarrh und 
Blennorrhoe — keineswegs graduell, sondern wesentlich verschieden sein soll, so kann ich ihm in dieser Hin. 
sieht durchaus nicht beistimmen. Meines Erachtens sind wir nicht berechtigt, eine Dyskrasie anzunehmen, welche 
sich einzig und allein an der Bind.ehaut und sonst nirgends am ganzen Körper offenbart. Wir sind nicht be- 
rechtigt anzunehmen, dass Jemand, der sich ein paar Stunden in einer mit „Trachomatöseu" angefüllten, schlecht 
gelüfteten Localität aufhält und nun eine Ophthalmie bekommt, die sich von der bei den bereits Erkrankten nicht 
unterscheiden lässt, plötzlich auch die Dyskrasie eingeimpft erhalten habe. Oder soll man in allen solchen 
Fällen — und deren sind eine Masse constatirt — annehmen, sie haben jene Dyskrasie latent in sich getragen? 
Freilich gibt es da einen Ausweg, man sagt: derart entstandene Fälle seien nur Katarrh oder Blennorrhoe. 
Dann möchte ich aber doch lieber sagen: die Fälle, welche den Stoff hiezu lieferten, waren wohl auch nur 
Katarrhe und Bleiinorrhöeii mit dem vorwaltenden Symptome der sogenannten Granulation. 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 73 

nominen auch nicht eine endemische nennen. — Zwar ist es Thatsache, dass entzünd- 
liche Affectionen der Schleimhäute und katarrhalische Erscheinungen der Bindehaut 
insbesondere zu gewissen Zeiten auffallend häufig vorkommen, so dass man am Ende 
auf atmosphärische Abnormitäten als bedingende Momente nothwendig hingewiesen 
wird, doch würde man gewiss sehr fehlen, wenn man diesem unbekannten Etwas alles 
in die Schuhe schieben, es als den allgemeinen Sündenbock hinstellen wollte. Wir 
müssen das epidemische Auftreten von Bindehautkatarrhen zugeben , weil es That- 
sache der unmittelbaren Beobachtung ist; die Steigerung katarrhalischer Bindehaut- 
entzündungen zu Blennorrhöen und deren massenhaftes Auftreten jedoch ist zunächst 
durch das Hinzukommen anderer Momente bedingt, 

13. Der Soldat lebt unter mancherlei Einflüssen, welche seine Augen, in specie 
die Bindehaut um so mehr zu reizen im Stande sind, je weniger er daran gewöhnt ist. 
Es dürfte vielleicht nicht so viel Gewicht auf ungewohnte, den Rückfluss des Blutes 
vom Kopfe behindernde Kleidung, nicht so viel Gewicht auf den Einfluss grellen Lich- 
tes, als vielmehr auf den Staub, den Rauch und die verschiedenen scharfen Dünste, 
so wie auf den oft grellen Temperaturwechsel zu legen sein, welchem der Soldat theils 
beim Exerciren, theils beim Kasernenleben, theils beim Beziehen mancher Wachtposten 
ausgesetzt ist. Diese Umstände vermögen schon an und für sich, wie factisch erwie- 
sen, Bindehautkatarrhe zu erregen, sie vermögen, wie nicht minder constatirt, das 
einmal ausgebrochene Leiden zu steigern. Bindehautkatarrhe, auf diese Weise entstan- 
den, kommen unter dem Militär wohl eben so häufig, wenn nicht öfter «vor, wie unter 
dem Civile. Sie imponiren aber nicht als Epi- oder Endemie, so lange sie vereinzelt 
dastehen, so lange nicht noch Umstände hinzugekommen sind, welche das massenweise 
Auftreten bedingen. 

14. Die Bedingungen zum massenweisen Auftreten sind aber gegeben, wenn, 
vorläufig abgesehen von dem Einflüsse, welchen vielleicht eine specielle Luftconsti- 
tution gibt, die Soldaten ungewöhnlich zahlreich zusammengedrängt werden, und das 
(bei sich durch Übertragung weiter verbreitet. Mit der Zusammendrängung ist schon 
die stärkere und leichtere Einwirkung der unter 12 angeführten Schädlichkeiten im 
Allgemeinen gegeben; für sich allein würde dieser Umstand das so häufige Erkranken 
nicht erklären, wenn wir nicht, durch andere Umstände belehrt, die Überzeugung ge- 
wonnen hätten, dass das Übel unter den bestimmten Verhältnissen ein contagiöses sei. 

15. Ich war zwar nicht in der Lage, beim Militär mich direct von der Conta- 
giosilät dieses Leidens zu überzeugen , bin aber von dieser vollkommen überzeugt 
durch folgende Thatsachen : a~) Dass nicht nur die aar' et-o/r/v sogenannte acute Binde- 
hautblennorrhöe, sondern auch das Secret der chronischen, wie sie unter dem Civile 
mitunter vorkommt , ansteckend sei , darüber kann nach den Versuchen von Jäger? 
Piringer u. A. kein Zweifel mehr obwalten ; ich habe mich selbst durch Impfungen 
überzeugt. — 6) Die unter den Findlingen 1848 herrschende Bindehautkrankheit, 
welche ich anfangs für Trachoma zu halten geneigt war, später aber nothwendig als 
Blennorrhoe mildern, im Allgemeinen mehr durch Infiltration der Lidbindehaut als durch 
reichliches Secret charakterisirten Verlaufes anerkennen musste, war offenbar anstek- 
kend, und sie war, nach allen Erscheinungen zu schliessen, in keinem wesentlichen 
Punkte von dieser Ophthalmia militaris verschieden. — c) Unter den Leuten, welche 
sich im Juni 1850 in auffallender Zahl mit Ophthalmia catarrhalis bei mir Rathes er- 
holten, war auch ein Einnehmer von der Kettenhrücke. Die Zufälle t waren so heftigi 



74 Bindehaut. 

dass ich ihm rieth, zunächst einige Tage zu Hause zu bleiben, fleissig Bitterwasser zu 
trinken, und ein entsprechendes Verhalten zu beobachten; nach Besänftigung der Zu- 
fälle — in 4 — 5 Tagen — gab ich ihm ein Collyrium aus 1 — 2 Gran Nitras argenti auf 
1 Unze. Der Zustand besserte sich mehr und mehr, und nach 10 — 12 Tagen erschien 
er nicht mehr bei der Ordination. Ich hielt ihn für geheilt. Nach ohngefähr 14 Tagen 
kam er wieder, mit dem Bilde einer Blennorrhoe 2. Grades. Die Bindehaut war durch- 
aus hochroth, stark geschwellt , grobsammetartig, im Übergangstheile wulstig, die Se- 
cretion reichlich, etwas trüb mit zahlreichen gelben Flocken, am linken Auge auch die 
Conjunctiva bulbi deutlich serös geschwellt. Er schrieb diese Verschlimmerung dem 
Umstände zu, dass er, noch nicht völlig- geheilt, seinem Amte wieder vorgestanden, 
und dass ihm der Wind vielleicht den Kalkstaub (von einem Baue in der Nähe) in die 
Augen getrieben habe. Ich stellte ihm nun die Gefahr vor, und besuchte ihn in seiner 
Wohnung. Dort fand ich seine Frau bereits an demselben Übel erkrankt, und ebenso 
sein 3 — 4jähriges Kind, nur dass bei diesen beiden das Secret bloss wässrig mit gelben 
Flocken und die Conjunctiva bulbi bloss leicht injicirt war. Sie wussten nicht, wie 
sie zu diesem, seit einigen Tagen allmälig entstandenen Übel gekommen waren, und 
genasen unter derselben Behandlung, wie der Mann, ohne dass die Erscheinungen 
früher ärger wurden. — d) Im Winter 1850 herrschte dasselbe Übel unter den Militär- 
Erziehungsknaben am Slup (in dem Thale, welches den Wysehrad von Prag trennt). 
Kunde davon erhielt ich durch 2 Knaben, welche des Augenleidens wegen von ihren 
Angehörigen rfcich Hause genommen und zu mir gebracht worden waren. Die Er- 
scheinungen waren dieselben, wie ich sie später so oft unter dem Militär sah, als 2. 
Grad des Übels mit trübem Secrete. Es sollen damals über 20 Knaben solche „böse 
Augen" gehabt haben. Bevor ich mir Gelegenheit verschafft, die Anstalt selbst zu be- 
suchen, waren leider die Kinder schon zu den Faschingsferien nach Hause entlassen 
worden, und, wie man mir sagte, das Übel bereits grösstentheils behoben. Nur 2 Zu- 
rückgebliebene zeigten noch die bekannte feinkörnige und wulstige Beschaffenheit der 
Bindehaut. Von den oben genannten beiden Knaben nun machte ich die Angehörigen 
auf die Gefahr der Ansteckung aufmerksam. In dem einem Hause wurde alles befolgt, 
in dem andern liess man einen Bruder in demselben Zimmer schlafen, und nach wenig 
Tagen kam dieser, und etwas später auch die Schwester mit demselben Übel behaftet 
zu mir. — e) Unter den Invaliden , welche mich wegen verschiedenen Nachkrankheiten 
an der Cornea consulirten, waren mehrere, welche wegen Blessuren , Wechselfieber 
u. dgl. in's Spital gekommen, in sogenannte Augenkrankenzimmer gelegt worden, und 
nach kürzerem oder längerem Aufenthalte daselbst von demselben Übel wie ihre Ka- 
meraden ergriffen worden waren, ohne über das Wie und Warum irgend Rechenschaft 
geben zu können. Von einem Artilleriecorporal , welcher mit einem partiellen Horn- 
hautstaphylome des rechten und völliger Genesung des linken Auges (nach 3monatIi- 
cher Dauer) davon gekommen war , erhielt ich folgende Angaben. Seine Compagnie, 
aus 180 Mann bestehend, war am 29. September 1849 zusammengesetzt, und mit einer 
Division von Bainer-Infanterie (über 500 Mann) in einer Kasemattenkaserne einquarlirt 
worden. Dieses Locale war zwar geräumig, aber sehr feucht und kalt, und konnten 
bei der später eintretenden strengen Kälte die Fenster sehr wenig geöffnet werden. 
Die ganze Compagnie hatte nur einen Ausgang aus den Zimmern. Nach und nach 
erkrankte wenigstens die halbe Compagnie an den Augen, aber nur 20 — 30 Mann so 
stark, dass sie in's Spital gebracht werden mussten. Von der Infanterie sollen nur 






Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 75 

wenige erkrankt sein. Dieser Corpora! selbst hatte das Übel in einem sehr hohen 
Grade, die Lider zwar nicht gar stark geschwollen, aber sehr roth, beständiger Ansiluss 
von wässriger Flüssigkeit und Eiter, fürchterliche Schmerzen, besonders Brennen, 
so dass er durch 5 — 6 Wochen Tag und Nacht nicht geschlafen zu haben versichert. 
Um die Ursachen des Augenleidens befragt, wusste er ausser den oben erwähnten 
Umstanden nichts anzugeben, und bemerkte, es sei möglich, das dasselbe durch einen 
eben auf diese Art an den Augen leidenden Kanonier eingeschleppt worden sei, wel- 
cher mit Transport aus Galizien angekommen und unter sie eingereiht worden sei, 
wenigstens seien in der nächsten Umgehung dieses Mannes die ersten Erkrankungen 
vorgekommen. — f) Alle Thatsachen, welche sowohl bei dem gegenwärtig als bei 
dem seit Anfang dieses Jahrhunderts an verschiedenen Orten massenweise aufge- 
tretenen Augenübel in Bezug auf Contagiosität und Nichtcontagiosität angeführt worden 
sind, linden ihre einfache Erklärung in dem, dass man zugibt, auch dieses Übel sei 
ansteckend, und zwar nicht bloss durch Contaet, sondern auch in distans, letzteres 
jedoch nur dann , wenn gewisse Bedingungen hiezu vorhanden sind. Ich muss hier, 
um unnothige Wiederholung zti vermeiden, auf das zurückweisen, was ich S. 40 über 
das blennorrhoisehe Secret überhaupt, und S. 54 über meine Beobachtungen im hiesigen 
Gebär- und Findelhause bereits angeführt habe, und hebe nur noch hervor, dass man, 
um die graduelle Verschiedenheit der einzelnen Fälle sowohl als der einzelnen Epide- 
mien (ich bediene mich dieses Wortes nur der Kürze wegen) zu begreifen, aller jener 
Umstände eingedenk bleiben muss, welche, wenn ich so sagen darf, auf die Potenzi- 
rung des Contagiuins erfahrungsgemäss Einfluss nehmen. Ich sehe in Bezug auf die 
Weiterverbreitung dieser Bindehautentzündung unter dem Militär die grösste Analogie 
dieses Processes mit dem Hospilalbrande und mit dem Puerperalfieber. — Diese Au- 
genkrankheit kommt unter der Infanterie nur desshalb ungleich häufiger vor, weil bei 
dieser die Momente theils zur Entstehung, theils.zur Verbreitung in distans am häufig- 
sten gegeben sind, vor allem in der massenhaften Zusammenhäufung. Lassen wir 
andere Truppenkörper in gleiche Verhältnisse treten, und sie sind weder durch ihre 
Kleidung noch durch ihre Nahrung u. dgl. geschützt. — Anfüllung der Luft mit Was- 
serdünsten, sei sie nun allgemein in dem Zustande der Atmosphäre, .oder durch Bezie- 
hen feuchterer Gegenden und Wohnungeu , oder endlich durch Zusammenleben in 
relativ engen und wenig, gelüfteten Localiläten gegeben, begünstigt die Verbreitung in 
distans mehr als alles' Andere. So sehen wir die Franzosen in Ägypten an den Nie- 
derungen des Nils, im Delta, die Sappeurs (beim Brückenschlagen) vorzüglich leiden, 
so die Engländer in ihren Schiffräumen, so die Preussen am meisten an der Elbe, am 
Niederrhein u. s. w. So sehen wir die Krankheit in- und extensiver sich entfalten, wenn 
die Atmosphäre schwül ist, wenn Gewitter im Anzüge sind. So sehen wir strenge Kälte 
der Krankheit Einhalt legen, falls die Truppen nicht in enge, wenig gelüftete Räume 
zusammengedrängt werden. Je mehr die Luft, die den Mann umgibt, mit Wasserdünsten 
gefüllt ist, welche in Form der kleinen Bläschen in derselben schweben, je mehr 
Partikelchen des Secretes von der erkrankten Bindehaut mit diesen Bläschen in der 
Lull suspendirt sind, eine desto kürzere Zeit des Verweilens in solcher Luft reicht hin, 
die Krankheit an gesunden und um so leichler an gereizten Augen hervorzurufen. Je 
heftiger die Blennorhöe. deren Secret zur Imprägnirung der Luft dient, desto leichter 
die Infection und desto heftiger die dadurch hervorgerufene Krankheit. — </) Und so 
begreifen wir endlich auch, wie alle sanitäts-polizeilichen .Massregeln, welche .sich bei 



76 Bindehaut. 

den verschiedenen Epidemien (sit venia verbo) heilsam erwiesen, endlich darauf hinaus- 
laufen, dass sie, nebst der unmittelbaren Übertragung durch tastbare Gegenstände, die 
Imprägnirung der Luft mit dem Secrete solcher Augen möglichst verhindern. Man hebe, 
sobald sich die ersten Erkrankungen in einem Truppenkörper zeigen, alle Leute, die 
auch nur katarrhalische Erscheinungen darbieten, aus den gesunden heraus ; man prüfe 
die Quartiere, in welchen die ersten Erkrankungen vorkamen, in Bezug auf die hier 
wichtigen Momente, und dringe auf die gehörige Abstellung der Übelstände ; man son- 
dere die leichter Erkrankten von den schweren Fällen, und sorge in dem Masse, als 
das Secret reichlicher und mehr eiterähnlich ist, um so mehr für relativ grosse Locali- 
täten zur Unterbringung derselben ; und endlich, man lasse in den Krankenzimmern lieber 
Licht und frische Luft, als Finsterniss und allerhand Dünste herrschen ; und ich zweifle 
nicht, dass man auch künftighin dasselbe günstige Resultat überall erreichen wird, wel- 
ches diessmal hier in Prag und in Wien erreicht wurde. 

16. Schliesslich will ich noch bemerken, dass ich mich mit der in neuester 
Zeit geltend gemachten Ansicht, diese Krankheit sei „Trachoma oder granulöse Oph- 
thalmie" zu nennen, durchaus nicht einverstanden erklären kann, einmal, weil ich zwi- 
schen dieser Krankheit und dem, was man allgemein Blennorrhoe zu nennen überein- 
gekommen ist, durchaus keinen wesentlichen Unterschied finden konnte , und dann, 
weil ich, anf den Sprachgebrauch, wenigstens auf Celsus und Rosas gestützt, *i) den 
Namen Trachoma für eine ganz andere Reihe krankhafter Veränderungen und Erschei- 
nungen gewählt habe. Sorgfältige Beobachtung und Vergleichung jener Bindehaut- 
krankheiten, welche mit sogenannten Granulationen verlaufen, und von meinem Lehrer 
Professor Fischer und Andern im Allgemeinen nur als Blennorrhöen (acuten oder chro- 
nischen Verlaufes) bezeichnet wurden, hatte mich bereits im Jahre 1844 zu der Über- 
zeugung gebracht, dass hier zwei ganz verschiedene Krankheiten zusammen geworfen 
wurden, verschieden in Bezug auf die ätiologischen Momente, verschieden in Betracht 
des jeweiligen Ensemble und der Reihenfolge der Erscheinungen, verschieden endlich 
in Bezug auf die Folgen für die der Bindehaut benachbarten Gebilde, und somit auch 
verschieden in Bezug auf Prognosis und Therapie im weitesten Sinne des Wortes. 
Professor Fischer nahm in sein zu Ende 1845 erschienenes Lehrbuch wohl die beiden 
Namen Trachoma und Blennorrhoe auf, ohne jedoch die Unterscheidungsmerkmale ge- 
nauer anzugeben. Nun schrieb Dr. Hasner von Artha, welcher mich jene Unterschei- 
dung am Krankenbette (während meiner Supplirung als Primärarzt im Herbste 1844) 
praktisch durchführen gesehen hatte, 1846 seinen „Entwurf zur anatomischen Begrün- 
dung der Augenkrankheiten", und stellte darin die Behauptung auf, die sogenannte 
Ophthalmia militaris seu aegyptiaca sei nichts Anderes, als Trachoma. Da ich bis dahin 
ebensowenig wie er Gelegenheit gehabt hatte, das fragliche Übel unter dem Militär 
selbst zu beobachten, so begnügte ich mich, jenen Aufsatz über Trachoma zu veröffent- 
lichen, es der Zukunft überlassend, ob mir Gelegenheit würde, mich mit eigenen Augen 
zu überzeugen. Diese hatte ich nun, und ich würde über diesen Punkt weiter kein 
Wort verloren haben, wenn nicht, wie ich aus den in Wien erschienenen Schriften 
ersehe, Hasner's Ansicht*'"") — obwohl stark modificirt — adoptirt worden, und somit 



*") Siehe meinen Aufsatz über Trachoma in der Prager medicinischen Vierteljahrschrift, 1848, IS. B. S. 41 etc. 
**) Hasner hat uns nicht gesagt, was er unter Granulationen versiehe. Er lässt dieselben auch aus andern patholo- 
gischen Processen entstehen, erklärt sie aber doch für ein substanlives Erkranken, soll wohl hcissen : für eine 



Blennorrhoe — Vorkommen — Ursachen — Militär. 77 

wieder die alte Begriffsverwirrung in dieses Feld gezogen worden wäre. Nach meinen 
Ansichten über Terminologie thut man sehr unrecht, wenn mann diese Krankheit unter 
dem Militär „granulöse Ophthalmie oder Trachoma" nennt. Mir ist der Käme für irgend 
eine Krankheit das Mittel, eine gewisse Reihe krankhafter Veränderungen und Erschei- 
nungen zu bezeichnen, welche neben und nach einander vorkommen und in einem 
gewissen Verhältnisse zum Organismus und zu den Aussendingen stehen, und deren 
notwendiger (sich gegenwärtig bedingender) Zusammenhang entweder bereits als sol- 
cher erkannt und in einzelnen Fällen nachweisbar ist, oder doch aus dem mehr we- 
niger constanten Vorkommen neben und nach einander postulirt werden muss. Soll 
der Ausdruck „granulöse Ophthalmie, Trachoma" bloss anzeigen, dass bei der in Rede 
stehenden Ophthalmie die Bildung sogenannter Granulationen ein hervorragendes — 
denn constant ist es offenbar nicht — Symptom sei, will man jeden Complex von Er- 
scheinungen , bei welchen dieses zweideutige Symptom auftreten kann, Granulations- 
process oder Trachoma nennen, so habe ich nichts einzuwenden, als dass man eben 
nur ein Symptom , nicht aber eine Krankheit damit bezeichnet. Man stellt sich dann 
auf denselben Standpunkt, wie jene, welche den Ausdruck „Diarrhöe, Erbrechen, 
Hornhautfleck" u. dergl. als Krankheitsnamen gelten lassen wollen. Man wende nicht 
ein, dass ich in denselben Fehler verfalle, wenn ich diese Krankheit „Blennorrhoe" 
nenne. Uns ist der Ausdruck „Blennorrhoe," wenn gleich in Ermangelung eines bes- 
sern, das Wesen vielleicht näher bezeichnenden , nur von einer Erscheinung ent- 
lehnt, gleich vielen andern , durch den Sprachgebrauch sanctionirten , z. B. Typhus, 
Scharlach, Brechruhr u. dgl. nicht mehr die blosse Bezeichnung eines Symptomes, son- 
dern einer Reihe von neben und nach einander bestehenden Erscheinungen, geknüpft 
an bestimmte, nur nach dem Grade und der raschern oder langsamem Aufeinanderfolge 
verschiedene Veränderungen der Bindehaut und ihrer Nachbarorgane, welche, einmal 
vorhanden, nur auf eine bestimmte Reihe ätiologischer Momente zurück - und auf eine 
bestimmte Reihe nachfolgender Veränderungen und Erscheinungen weiter schliessen 
lassen. Und das ist ja am Ende die Aufgabe ^der Terminologie. Bedient man sich 
aber des Ausdruckes „Trachoma" zur Bezeichnung der unter dem Militär herrschenden 
Ophthalmie, so gebe man entweder zu, dass man damit nur ein Symptom bezeichnen 
will, welches bei dieser Krankheit nebst andern auch vorkommt, aber auch bei andern, 
vermög des Vorkommens, der Ursachen, der consecutiven Veränderungen etc. als von 
dieser ganz verschiedenen Krankheiten vorkommen kann , oder man wähle dann für 
diese, und zwar für jene Krankheit einen andern Namen, welche ich nach Celsus und 
Rosas als selbstständig und von der Blennorrhoe verschieden nachgewiesen habe, und 
auf welche ich im Verlaufe dieser Abhandlnng noch ausführlich zu sprechen kommen 
werde. — Wenn man, wie diess in Wien geschehen, sagt, diese Krankheit unter dem 
Militär erscheine theils als Katarrh, theils als Trachoma, theils als Blennorrhoe, so sin- 
ken diese Namen zur blossen Symptombezeichnung herab. Es kommt mir gerade so 
vor, als wenn man zur Zeit einer Epidemie die leichteren und schwereren Fälle als 

eigenthümliche, selbständige Krankheit. Ihm ist es über jeden Zweifel erhaben, dass die Krankheit epidemisch, 
endemisch und sporadisch auftreten könne — was versteht er wohl unier Epidemie ? — Über die Contagfosität 
dagegen konnte er zu keinem bestimmten Resultate kommen, gibt dieselbe jedoch, um nicht in Widerspruch zu 
gerathen, halb und halb zu, und erwähnt dann noch einer besondern KörperbeschafTenheit, selbst einer besondern 
ElutbeschafJenheit als disponirender Ursache. Diejenigen, welche dies fragliche Übel jetzt beim Militär beobach- 
teten, werden am besten beurlheilen, was von diesen Angaben zu halten ist. 



78 Bindehaut. 

verschiedene Krankheiten aufstellen, z. B. bei einer Ruhrepirlemie von Diarrhöen und 
Dysenterien sprechen wollte. Eine solche Auffassung kann nicht ohne wichtige Conse- 
quenzen bleiben, weder für die Wissenschaft, noch für die Praxis. Hier sehe ich ein 
Individuum mit den sogenannten Granulationen der Bindehaut Monate, Jahre lang unter 
den Mitgliedern einer zahlreichen Familie leben, entweder ohne Ahnung von demsel- 
ben, oder mit bald mehr bald weniger entzündeten Augen, am Ende wohl auch (durch 
Pannus u. dergl.) erblinden, und keines der im nächsten Verkehr mit ihm stehenden 
Individuen erkrankt an denselben Zufällen; dort trägt auch ein oder das andere Indi- 
viduum die sogenannten Granulationen mit bald mehr bald weniger entzündlichen Zu- 
fällen der Bindehaut an sich, und kaum ist es in einen Verein von Individuen einge- 
treten, so bekommen schon mehrere derselben die nämlichen Erscheinungen. Was 
nützt mir's, den granulösen Zustand der Bindehaut zu kennen , wenn ich mir nicht 
Rechenschaf! zu geben weiss, warum in dem einen Falle Ansteckung erfolgt, in dem 
andern nicht, und warum auch Augen, die keine Granulationen darbieten, anstecken 
können. 

Die Prognosis ist verschieden, je nach dem Grade und Stadium, 
so wie nach dem rascheren oder langsameren Auftreten der Krankheit, 
und nach deren sporadischem oder massenweisem Vorkommen; bei Kin- 
dern ist vor allem darauf Rücksicht zu nehmen, ob das Leiden local oder 
als Ausdruck eines Allgemeinleidens zu betrachten ist. — Dass äussere 
Verhältnisse, insbesondere die Möglichkeit für reine Luft zu sorgen, und 
die Kranken zu dislociren, sehr wohl zu berücksichtigen sind, ergibt sich 
aus dem über die Ätiologie Bemerkten. — Kennt man die Quelle der 
durch Betastung entstandenen Blennorrhoe, dann kann man sich bei der 
Prognosis zum Theil auch nach der Qualität des Impfstoffes richten. 

Wo die Krankheit nur den 2. Grad erreicht, bloss als Blepharoblen- 
norrhöe verläuft, ist für das Sehvermögen wenig, oder nichts zu fürchten; 
solche Fälle sind eher hartnäckig, als gefährlich. — Croupöses Exsudat 
auf der Bindehaut der Lider deutet beim 3. Grade der Krankheit immer 
auf grosse Gefahr für die Hornhaut. — Spontane Blutungen an . und für 
sich haben weder eine günstige noch eine ungünstige Bedeutung. — 
Starkes Überragen des Bindehautwalles über die Cornea oder grosse Derb- 
heit desselben, lässt Zerstörung derselben durch Druck befürchten. 

Die verschiedenen Ausgänge haben wir bereits bei der Schilderung 
der einzelnen Grade kennen gelernt, theils werden wir sie bei der Lehre 
von den Krankheiten der Hornhaut noch näher besprechen. — Wo die 
Hornhaut nicht ergriffen wird, wo keine Geschwüre auf derselben ent- 
stehen, gefährdet die Krankheit das Sehvermögen nicht. 

Die Dauer der Krankheit ist sehr verschieden; Fälle des 1. Grades 
können in 5 — 8 Tagen geheilt sein; Fälle des 2. Grades können in 2—3 
Wochen verschwinden, aber auch eben so viele Monate — Jahre dauern; 



IlfcnnorBiiöe — Prognosis — Behandlung. 79 

Fälle des 3. Grades werden in der Regel nur durch Krankheiten der 
Cornea langwierig, seltener durch Wucherung des Papillarkörpers. 

Die Behandlung erfordert: 

/. Berücksichtigung der ätiologischen Momente. 

a) Im Allgemeinen sind schädliche Einflüsse möglichst zu beseiti- 
gen ; grelles Licht, Zugluft, Rauch, Staub, Verunreinigung der Luft durch 
Zusammenhaufen vieler Kranken, Trocknen der Wäsche im Zimmer u. dgl., 
damit die Krankheit nicht gesteigert werde. Neugeborene sollen gar nicht, 
oder nicht viel gebadet werden. Die schwer, Erkrankten sind von den 
leicht Erkrankten und Reconvalescenten zu sondern. Die Augen sind 
fleissig von dem Secrete zu reinigen, alle 1 / 4 — 1 / <i Stunden, je nach der 
Reichlichkeit und Consistenz desselben. Bleibt es zwischen den Lidern 
zurück, so wirkt es reizend, steigernd auf die Krankheit der Bindehaut. 
Das Reinigen geschieht durch Einträufeln oder Einspritzen lauen Wassers ; 
letzteres muss sehr vorsichtig geschehen, am besten mit der Mildner'- 
schen Glasspritze, welche einen vorn abgerundeten und am Halse leicht 
gekrümmten Schnabel hat. 

b) Die Weiterverbreitung ist möglichst zu verhüten, sowohl die durch 
Betastung, als die durch die Luft. Es ist weit mehr Gewicht zu legen 
auf die fleissige Erneuerung der Luft, als — wie man gewöhnlich thut 

. — auf die Verdunklung des Zimmers ; die Temperatur ist eher etwas nied- 
riger, als höher zu halten. — Der Kranke und die Wärtersleute müssen 
auf die ansteckende Beschaffenheit aufmerksam gemacht werden, welche 
so lange fortdauert, als das Secret noch trüb, schleim- oder eiterähnlich 
ist, — Bei reichlichem Secret kann es geschehen, dass dasselbe unver- 
merkt über den Nasenrücken fliesst, zumal während des Schlafes. 

c) Dem zu besorgenden Ausbruche der Krankheit ist möglichst vor- 
zubeugen, bei Kindern blennorrhoischer Mütter durch augenblickliche Aus- 
spülung der Augen mit lauem Wasser, nach zufälliger Impfung durch 
energische Anwendung eiskalter Umschläge. Nach Piringers Versuchen 
kann der Ausbruch der Blennorrhoe hiedurch sicher verhindert werden, 
auch wenn zur Impfung das Secret einer höchstgradigen Blennorrhoe 
verwendet wurde, sobald nur bald nach der Impfung energisch kalte Um- 
schläge angewendet werden. 

2. Berücksichtigung des Grades der Krankheit, ihres mehr acuten 
oder mehr chronischen Verlaufes und des Stadiums, so wie einzelner 
besonderer Zufälle und Ausgänge (symptomatische Behandlung). 

a) Mittel, um die Entzündung zu dämpfen : 
«. Ein Aderlass kann nöthig werden nur bei erwachsenen und 



80 Bindehaut. 

kräftigen Individuen, wenn die Entzündung rasch zunimmt, oder bereits 
den 3. Grad erreicht hat und Fieber erregt, mit intensiver Rölhe, hoher 
Temperatur, Prallheit und Empfindlichkeit der Lidgeschwulst und des Bin- 
dehautwalles, und mit heftigen anhaltenden Kopfschmerzen verläuft (sy- 
nochöser Charakter). Die Menge des Blutes: 8 — 12 Unzen; zu wieder- 
holen : wenn diese Erscheinungen zwar nachgelassen, aber bald wieder- 
kehren. Der Aderlass hat nur symptomatischen Werth; nie glaube man, 
durch die Reichlichkeit oder Häufigkeit desselben der Blennorrhoe 
Meister werden zu können. Man bedenke stets, dass, wenn die Krankheit 
trotz des Aderlasses zu Hornhautgeschwüren führt, die Verschwärung um 
so rascher und ausgedehnter, und die Heilung um so langsamer erfolgt, 
je mehr man den Kranken durch zu reichliche Antiphlogose herunter 
gebracht hat. 

ß. Unter den örtlichen Blutentziehungen ersetzen Blutegel bei Neu- 
geborenen die Stelle des Aderlasses, sind also nur bei kräftigen Kindern 
anzulegen, zu i höchstens 2 Stück, ohngefähr 1 Zoll vom Auge entfernt, 
über dem Jochbogen. Auch bei Erwachsenen sind sie an die Schläfe- 
gegend und so weit als möglich vom Auge entfernt anzulegen, und zwar 
mindestens 6 Stück, sonst nützen sie nichts. Sie passen nach voraus- 
geschicktem Aderlass, oder, wo dieser nicht nothwendig erschien, wenn 
die entzündlichen Zufälle rasch zuzunehmen drohen, oder wenn bei schon 
ausgebildeter Blennorrhoe des 2. oder 3. Grades die Geschwulst der 
Lider derb, heiss, hellroth, empfindlich, das Auge sehr lichtscheu, die 
Schmerzen im Auge und Kopfe heftig sind. Ihre Wirkung fand ich in 
vielen Fällen auffallend, nicht nur in Bezug auf Erleichterung des Kran- 
ken, sondern auch in Bezug auf die Verminderung der Augenlidgeschwulsl. 
— Keinen Nutzen sah ich in dieser Beziehung von Scarißcationen der 
Bindehaut, , öfters dagegen eclatanten Erfolg vom Ausschneiden kleiner 
Stückchen aus dem Bindehautwalle, wenn sich's darum handelte, die Cor- 
nea von dem Drucke zu befreien, welchen der Bindehautwall auf diese 
und deren Rand ausübt. 

Martini'") hat dieses Mittel verworfen, weil er seiner Theorie zufolge befürchtete, 
das scharfe Secret der Bindehaut könne dann um so leichter auf die tiefern Gewebe 
zersetzend einwirken. Ich fand, dass die dadurch gesetzten Wunden im Gegentheilc 
sehr rasch heilen, in 24 — 48 Stunden. Auch die Furcht vor nachfolgender Verkürzung 
der Bindehaut wird durch die Erfahrung widerlegt; ohnehin ist ja die zu einem Wall 
erhobene Bindehaut so ausgedehnt, dass ein 2 Linien breiter Streifen, aus der ge- 
dehnten Bindehaut ausgeschnitten, gewiss nicht '/ 2 Linie der normalen Bindehaut beträgt. 

*) Über den Einfliiss der Secretionsflüssigkeiten. 



Blennorrhoe — Behandlung. 81 

y. Knappe Diät ist bei den ßlennorrhöen der 1. Reihe nothwendig, 
so lange die entzündlichen Zufälle noch steigen und in hohem Grade 
anhalten ; doch hüte man sich, die Reproduction zu weit herabzudrücken, 
aus demselben Grunde, der unter a. angegeben wurde. Bei nicht stür- 
mischem Auftreten der Krankheit ist eine merkliche Beschränkung in der 
Nahrung ganz überflüssig. 

d. Derselbe Gesichtspunkt gilt für den Gebrauch von Abführmitteln, 
Ein wohlthätiger Einfluss derselben auf das entzündete Auge überhaupt 
kann nicht in Abrede gestellt werden. Es liegen zahlreiche und un- 
zweifelhafte Beobachtungen hierüber vor. Doch wird man nie eine Binde- 
hautblennorrhöe durch Purgirmittel allein heilen. 

s. Brechmittel und schw eis streib ende Mittel werden insbesondere in 
solchen Fällen, wo Yerkältung zur Entstehung beigetragen hat, von 
Anfang zu versuchen sein, ohne dass man indess darüber die rechte Zeit 
zu wirksameren Mitteln zu versäumen hat. Von allgemeinen Bädern sah 
ich keinen Nutzen , sie können leicht schaden , besonders bei Neu- 
geborenen. Professor Fischer *) sah guten Erfolg von Spiritusbädern 
nach Dzondi. 

s. Die energische Anwendung eiskalter Umschläge, so lange die 
entzündlichen Zufälle der Bindehaut und der Lider zunehmen, gehört zu 
den wichtigsten, wirksamsten Mitteln. Wo die Anzeige zu Blutentzie- 
hungen vorhanden ist, müssen diese voraus geschickt werden. 

Man nimmt 4 — 6fach zusammengelegte Leinwandflecke, so gross, dass sie ein 
wenig über den Augenhöhlenrand hinausragen; vom Eise genommen, müssen sie 
so weit ausgedrückt werden, dass sie nicht triefen. Sie sollen das Auge nicht drücken, 
aber überall gut anliegen. Sie müssen, je nach der Wärmeentwicklung, selbst alle 
3 — 5 Minuten gewechselt werden, und zwar Tag und Nacht. Wo man sie nicht gehörig 
geben kann, fange man lieber gar nicht damit an. Wo die Cutis gegen die fortwährende 
Benetzimg sehr empfindlich ist, schütze man sie durch ein Stückchen Wachstaffet. Mit 
dem Nachlass der Wärmeentwicklung werden diese Umschläge dem Kranken gewöhnlich 
lästig, wenigstens nicht mehr angenehm; dann sind sie wegzulassen. Bei Neugeborenen 
genügt kaltes Wasser; doch dürfte auch dieses, nach meinen Erfahrungen zu schliessen, 
bei Kindern in der Regel entbehrt werden können. Hat man kein Eis, so setze man 
zu 1 Pfund Wasser '/ 2 Drachme Bleizucker oder % Unze Bleiessig, oder gebe Aqua 
Goulardi. Lerche hat eine Mischung aus 1 Theil Branntwein, 1 Theil Essig und 12 
Theilen Wasser empfohlen, besonders für jene Kranken, welche Eis- oder einfache 
Wasserumschläge nicht gut vertragen. 

rj. Hautreize sind unnütze Plagen für den Kranken, sowohl beim 
acuten, als beim chronischen Verlaufe. 



') Lerbueh der Entzündungen und organischen Krankheilen, S. 130 
Arlt, I. 



82 Bindehaut. 

Es ist unbegreiflich , wie Ärzte bei dieser Krankheit noch Vesicantien an den 
Nacken oder hinter die Ohren legen können ; sie nehmen auf die Blennorrhoe nicht den 
geringsten Einflnss. Ebenso weiss man nicht, was 'man zu dem Rathe jener sagen soll, 
welche auf die äussere Fläche der Lider ein Vesicans legen, oder durch Anwendung 
des Höllensteines daselbst einen Brandschorf erzeugen. Nützen etwa solche Mittel beim 
Harnröhren- oder Scheidentripper? 

&. Einreibungen von Unguentum cinereum an die Stirn und Schläfe 
erweisen sich in gelinderen Fällen bei Neugeborenen sowohl als bei Er- 
wachsenen sehr wohllhätig, allein oder mit Opium oder Extr. belladonnae, 
je nachdem Lichtscheu und erhöhte Empfindlichkeit oder Schmerzen ner- 
vöser Art da sind. Im 2. Stadium und bei mehr torpidem Auftreten 
nimmt man lieber eine Salbe aus 3 — 6 Gran weissem Präcipitat auf 1 
Drachme Fett. Diese Salbe, etwas schwächer, wird auch mit gutem Erfolg 
an die Lider äusserlich 2 — 5mal täglich aufgestrichen, wenn die Krank- 
heit mit starker Wucherung der Bindehaut und reichlicher dicker Secre- 
tion mehr chronisch verläuft. *) 

b) Mittel gegen die nervösen Schmerzen. Die heftigen Schmerzen, 
welche die acute Bindehautblennorrhöe begleiten, sind nicht immer durch 
die Entzündung der Bindehaut oder — bei tiefer dringenden Hornhaut- 
geschwüren — der Iris bedingt. Bei reizbaren Individuen treten nicht 
selten äusserst heftige Schmerzen im Auge und der entsprechenden Kopf- 
hälfte ein; sie sind nicht anhaltend, kommen mehr anfallsweise, besonders 
in der Nacht; sie dauern fort, auch nachdem die Heftigkeit der Entzün- 
dung gebrochen ist, werden durch Anlegung von Blutegeln und Eis- 
umschlägen nicht gemildert, oft im Gegentheile gesteigert. Am hilfreichsten 
erwies sich mir das von Fischer,. Gobee und A. empfohlene Pulver aus 
2 Gran Sulfas chinini mit */„ Gran Opium, nächst dem: Pulvis Doveri oder 
Einreibungen von Ung. cinereum mit Opium (6 — 10 Gran auf 1 Drachme) 
oder Mandelöl mit Morphium aceticum (4 — 6 Gran auf 1 Drachme); bis- 
weilen sind trockene warme Tücher an die entsprechende Kopfhälfte von 
guter Wirkung. Rust und Müller haben die China in Pulverform, alle 2 
Stunden */„ Drachme, als das wirksamste Mittel empfohlen. 

c) Mittel gegen die Wucherung des Papillarkörpers, der Übergangs- 
falte und der Scleralbindehaut, welche nach gebrochener Heftigkeit der 

*) Das Aufsireichen von Ungucnt. cinereum mil 2—4 Gran extract. hyosciami an die Stirn und Schläfe, alle 2 — 3 
Stunden wiederholt, scheint mir bei den Fällen von Blennorrhoea neonatorum, welche ich in der Privatpraxis zu 
behandeln halte, nächst dem fleissigen Reinigen der Augen mit lauem Wasser und der Sorge für reine Luft das 
wirksamste Mittel zu sein. Erst dann, wenn die Geschwulst der Lider zu sinken begann, habe ich eine Lösung 
von 1 j 2 — 2 Gran Arjenl. nitricum in 1 Unze Wasser oder slark verdünnte Oniumtinotur eingeträufelt, innerlich 
nichts, ausser ein leichtes Abführmittel verordnet, und ich habe in der Tbat nicht Ursache, mit den Resultaten 
unzufrieden zu sein. Ich werde bei den Horuhaulkrniikhcilcn auf diesen Gegenstand zurückkommen. 



Blennorrhoe — Behandlung. 83 

Entzündung gern zurückbleiben. Oben an steht die Tinctura opii crocata, 
welche schon sehr bald nach dem Eintritte des 2. Stadiums angewandt 
werden kann, anfangs verdünnt, später rein. Ihr zunächst stehen Einrei- 
bungen der Salbe aus weissem Präzipitat (3 — 6 Gran auf 1 Drachme) 
an die äussere Fläche der Lider, oder, halb so stark, an die innere 
Fläche. Sind "einzelne Wucherungen so gross, dass man sie mit der 
Scheere abtragen kann, so zögere man nicht, es zu thun, zumal wenn 
sie nicht bald dem Bestreichen mit Laudanum weichen. Sind sie nicht 
so gross, locker, leicht blutend, so touchire man sie mit Cuprum sulfu- 
ricum oder mit einer Pasta aus Lapis infernalis und Gummi arabicum 
(z. B. 1 Scrupel Argent. nitricum und 2 Scrupel Gummi mit Aq. dest. 
angemacht und in Stängelform gebracht) ; oder nach Demarres Vorschlag 
Argentum nitricum mit Kali nitricum (in verschiedenen Proportionen) zu- 
sammengeschmolzen; sind sie härter, so nehme man Lapis infernalis in 
Substanz, doch ohne zu tief einzuwirken. 

d) Die Behandlung der verschiedenen Hornhautgeschwüre und ihrer 
Folgen, so wie auch des Pannus folgt bei der Lehre von den Krankheiten 
der Cornea. 

3. Nebst dieser, im Allgemeinen den Symptomen angepassten Be- 
handlung sind noch mehrere sogenannte specifische Methoden vorgeschla- 
gen worden. Hieher gehören: 

a) Die Touchirung mit Lapis infernalis in Substanz, zuerst von 
englischen Ärzten, dann aber besonders von den Niederländern Kerst 
und Gobee empfohlen, und zwar nicht nur bei chronischen, sondern auch 
bei ganz acuten und bei den heftigsten Fällen. Selten wird ein Aderlass 
vorausgeschickt, noch seltener Blutegel. Beim 2. Grade touchirt man 
bloss die Bindehaut der Lider, beim 3. auch die des Bulbus, bis ein 
weisser Brandschorf entsteht; dann wird Milch eingeträufelt, bei heftiger 
Geschwulst ein Aderlass gemacht, bei heftigen Schmerzen Chinin mit 
Opium verabreicht. Der Schorf löst sieh in 1 — 2 Tagen, und die Tou- 
chirung wird dann wiederholt, wenn nicht die Geschwulst der Bindehaut 
und die Secretion merklich abgenommen haben. Selten ist eine dritte Tou- 
chirung nothwendig. Nach gebrochener Heftigkeit der Entzündung wird 
die Goulhriesche Salbe eingestrichen, aus 2 — 6 Gran x\rgent. nitricum auf 
1 Drachme Fett. 

Ich habe diese Methode in 6 Fällen 3. Grades angewandt; bei 4 Individuen 
war der Erfolg überraschend . namentlich in Bezug auf das schnelle Sinken der Lid- 
geschwulst und Nachlassen der Kopfschmerzen ; bei 2 traten aber so gut wie bei der 
symptomatischen Behandlung Hornhautgeschwüre ein. Für die Privatpraxis dürfte diese 

6* 



84 Bindehaut. 

Methode am wenigsten passen, da sie einen so energischen Eingriff erheischt, ohne 
völlige Sicherheit zu gewähren. , 

ö) Auflösungen von Lapis infernalis in verschiedener Stärke wurden 
von verschiedenen Auetoren, namentlich von Engländern als speeifisch 
empfohlen. In neuester Zeit legte Chassaignac *) besonders Gewicht 
darauf, dass vor der Anwendung der Silberlösung das croupöse Exsudat, 
welches die Bindehaut in allen Fällen überziehen soll, durch kräftiges 
Aufspritzen kalten Wassers mittelst eines Douche- Apparates zu entfernen 
sei. Bednar **) in Wien überzeugte sich, dass warmes Wasser dieselben 
Dienste leiste, ja zu diesem Zwecke noch besser sei, und Grün ***) in 
Prag führte statt des Doucheapparates die Mildner'' sehe Glasspritze ein. 
Je heftiger der Fall, desto stärker muss die Silberlösung sein, 5 — 10 
Gran Argent. nitricum auf 1 Unze Aquae dest.; Primarius Böhm lässt 
selbst 15 Gran auf 1 Unze zu diesen Einspritzungen nehmen, und zwar 
bei Neugeborenen. Wesentlich noth wendig ist, dass die Bindehaut vor 
der Anwendung der Silberlösung genau gereinigt werde, und dass, wenn 
die Bindehaut nach der Anwendung der Silberlösimg abermals einen 
grauen Überzug zeigt, dieser neuerdings mittelst eines kräftigen Wasser- 
strahles oder selbst mittelst einer Pincette entfernt werde. Dieses Manöver 
wird 2 — 3mal in 24 Stunden wiederholt. 

Die Resultate, welche Bednar im Wiener und Grün im Prager Findelhause mit 
dieser Methode erzielten, lauten überraschend günstig. Nach den wenigen Fällen, welche 
ich bisher auf diese Weise zu behandeln Gelegenheit hatte, muss ich annehmen, dass 
man bei Erwachsenen mit dieser Methode auch kein günstigeres Verhältniss erzielen 
werde, als bei der sogenannten symptomatischen Behandlung. 

c) Varlez's Methode f), eine filtrirte Lösung von 1 Scrupel bis 1 Drachme Chlor- 
kalk auf 1 Unze Aq. destill, zwei- bis dreimal des Tages einzuträufeln, scheint wenig 
Aufnahme gefunden zu haben. Ammon empfahl l / 2 Drachme Chlorkalk auf 6 Unzen 
Wasser, später Chlorwasser mit Belladonnaextract in destillirtem Wasser vorzüglich bei 
Blennorhoea neonatorum ff). 

d) Hanke f f f ) rühmt vorzüglich das Jod als gegen die Wucherung und Secretion 
der Bindehaut wirksam. Er wendet verschiedene Jodpräparate theils zu Fomentationen 
der Lider, theils zu Injectiouen zwischen die Lider, theils auch innerlich an. — Ich 
habe diese Methode so genau als möglich nach Hanke's Angabe in 4 Fällen angewen- 
det, bin jedoch eben nicht zu weiteren Versuchen aufgemuntert worden. Bloss die von 
Hanke empfohlenen Einspritzungen von 1 — 2 Gran Zincum muriat. in einem Infusum 



") Gazette roedio. 1847 N. 35. Prag. Vjschr. 18. B. AnaleUten. 

»») Zeilschr. d. Gesellschaft d. Ärzte in Wien, 5. Jahrg. 2. Heft. S. 138. Prag. Vjschr. 2t. B., Analeklen, S. 88. 
***) Die Abortivmethode bei Ophth. neonat.. Prager Vjschr. 22. B., Originalaufs. S. 25, u. 23. B. Orig. S. MI. 
t) Gerson und Julius Magazin, 1828, S. 132. 
ff) v. Walther's und Ammon's Journal. I. B. 1. St. 
+tf) Die contagiöse Augenblennorrhöe, Leipzig, 1840. 



Blennorrhoe — Behandlung. 85 

herbae hyosciami schienen mir eine wohlthätige Wirkung durch Beschränkung der Se- 
cretion zu üben. 

e) Vom Einblasen fein gepulverten Calomels nach Dupuytrens und Fricke's Vor- 
gang, so wie von dem von Mayor in Lausanne (wohl mehr für chronische Fälle) em- 
pfohlenen Einführen eines mit Calomelpulver gepuderten Baumwollbäuschchens zwischen 
den Bulbus und die Lider erhielt ich nicht den gerühmten Erfolg, von ersterem in zwei 
Fällen sogar entschiedenen Nachtheil, starke partielle Enzündung der Conjunctiva bulbi 
da, wo sich zufällig etwas Pulver angehäuft hatte. 

f) Nicht glücklicher war ich mit dem Einstreuen von 1 — 2 Gran feingepulvertem 
Plunibum aceticum neutrum, welches Dr. Buys in Bruges und Cunier in neuester Zeit 
so bewährt gefunden haben wollen. Ich habe es gleichfalls nur bei chronischen Fällen 
(eigentlich bei Trachoma) gegen die sogenannten Bindehautgranulationen versucht. Ich 
sah bei einem Soldaten, dem dieses Pulver in Mainz aufgestreut worden war, dasselbe 
nach 4 Monaten noch an der Bindehaut des obern Lides haften, ohne dass desshalb 
die Granulationen beseitigt werden. 

Eine für alle Fälle und für jeden Zeitraum passende specifische 
Methode haben wir Bisher trotz den Lobpreisungen so Vieler, nicht er- 
hallen, und — wir werden sie auch nie erhalten. Das sehlendrianmässige 
Handhaben der einen oder der andern Methode, wie sich ein solches 
namentlich da gern einschleicht, wo Kranke in grossen Massen zu be- 
handeln sind, wird immer möglichst zu vermeiden sein. Vergessen wir 
nie, dass wir es nicht mit einem Parasiten, mit der personificirten Krank- 
heit, zu thun haben, den wir gleichsam ausrotten müssen, sondern mit 
einem Organe, dessen Structur und Function in Folge abnormer äusserer 
— vielleicht auch innerer — Einflüsse verändert sind, und dass auf das 
hiedurch veränderte Sein dieses Organes nicht bloss äussere, sondern 
auch innere, im Organismus selbst gelegene Momente einen sehr wich- 
tigen Einfluss nehmen können, welche bei der Prognosis und Therapie — 
der Aufgabe des Arztes — sehr zu berücksichtigen sind. 



III. Conjunctivitis membranacea. 

Diese Form von Entzündung der Bindehaut steht — morphologisch 
betrachtet — der Conjunctivitis blennorrhoica seu pyorrhoica in so fern 
sehr nahe, als sie gleichfalls faserstoffiges Exsudat nicht nur in's Paren- 
chym, sondern vorwaltend an die freie Oberfläche setzt, unterscheidet 
sich jedoch von dieser dadurch, dass dieses Exsudat an der Oberfläche 
nicht bald in Eiter übergeht, sondern in Form einer Membran gerinnt, 
und selbst Verwachsung der Conjunctiva bulbi mit der Conjunctiva palpe- 
brarum herbeiführen kann. Ich hatte noch nicht Gelegenheit, diese wenig- 



86 Bindehaut. 

stens in ihrer exquisiten, durch den höchsten Grad von Plasticilät des 
Exsudates ausgezeichneten Form deutlich von der Blennorrhoe verschie- 
dene Krankheit hinreichend oft zu beobachten, um selbständig eine Schil- 
derung derselben entwerfen zu können. Bei Kindern, sowohl bei neu- 
geborenen, als bei mehrjährigen, habe ich Fälle beobachtet, welche man 
zwar noch als Blennorrhoe gelten lassen konnte, welche aber doch vor- 
waltend durch die Bildung eines sehr plastischen Exsudates an der freien 
Oberfläche der Bindehaut ausgezeichnet waren. Ich möchte auch hier, 
wie bei allen andern Entzündungsformen der Bindehaut, welche wir 
gleichsam als verschiedene Species hinstellen, in Erinnerung gebracht 
wissen, dass nur extreme Fälle sich auf den ersten Blick als der einen 
oder der andern Reihe (Species) angehörend kundgeben, dagegen überall 
Fälle vorkommen, bei denen man nur unter Berücksichtigung aller Mo- 
mente (auch der anamnestischen) mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit, 
oft aber auch gar nicht, sich für das eine oder für das andere ent- 
scheiden kann. — Folgender Fall, den uns Dr. Bouisson in Cunier's 
Annales d'oeulist. T. XVII. S. 100 mitgetheilt hat, möge als Repräsentant 
exquisiter Fälle von Conjunctivitis membranacea dienen. — Ein Mann von 
46 Jahren kam Ende November 1845 in's Spital zu Montpellier. Man fand 
nicht nur die Conjunctiva palpebr. et bulbi heftig entzündet, sondern auch 
das den Bulbus umgebende Zellgewebe der Orbita, indem der Bulbus 
etwas nach vorn gedrängt erschien, und das obere Lid stark anspannte. 
Zugleich war die chemotisch angeschwollene Conjunctiva bulbi in Form 
hochrother Wülste zwischen den Lidern vorgetrieben, und ergoss sich 
eine reichliche Menge eitrigschleimiger Flüssigkeit aus der Lidspalte ; von 
der Cornea konnte man wegen der Grösse der Geschwulst nichts wahr- 
nehmen. Dabei heftiger Schmerz und Gefühl von Pulsation im Auge, 
Kopfschmerzen, Fieber, gänzliche Schlaflosigkeit. Dieses Übel war in 
Folge von Verkältung entstanden, und scheint Anfangs für eine acute 
Bindehautblennorrhöe gehalten worden zu sein. Trotz einem reichlichen 
Adeilasse, 20 Blutegeln an die Schläfe, und Einreibungen von Ung. cinereum 
mit Bellad. an die Umgebung des Auges stieg die Entzündung noch immer. 
Den 30. wurden die Blutegel wiederholt, Pillen aus Calomel mit Opium 
verordnet und, da die Conjunct. bulbi sehr stark geschwollen war, eine Par- 
tie derselben ausgeschnitten. Hierauf wurde die Absonderung etwas spar- 
samer, aber eine graue Exsudatschichte überzog nun die Bindahaut, und 
wurde immer dicker. Den 31. wurde wegen der beträchtlichen Spannung 
der Lider die Lidspalte erweitert, was dem Kranken Erleichterung ver- 
schaffte. Allmälig verdickte sich jene grauliche Membran so, dass sie B. 



: 



Conjunctivitis naenibranacea. 87 

für abgestorbene Bindehaut hielt und dieselbe mit einer Pincette anzog, 
um sie zu entfernen. Sie folgte dem Zuge leicht, und bot zur nicht gerin- 
gen Überraschung des Arztes die Merkmale einer mit Eiter infiltrirten Pseudo- 
membran dar; die Bindehaut darunter erschien roth, sehr gefässreich 
und empfindlich. Tags, darauf, den 3. December, hatte sich wieder eine 
ähnliche Membran gebildet, welche am 4. abermals abgezogen wurde. 
Sie bot das Aussehen einer fest gewordenen Fibrin dar, und war in den 
Maschen der untern Fläche mit Eiter infiltrirt; nach ihrer Entfernung, 
welche sich ohne Schmerz und leicht bewerkstelligen Hess, blutete die 
Bindehaut ein wenig. Ins Wasser gelegt, um den Eiter abzuspülen, nahm 
sie ein filziges und gefranztes Aussehen an. Am Auge bildete sich als- 
bald wieder eine Pseudomembran, so wie auch die Stelle am Nacken, 
welche einige Tage vorher mittelst eines Vesicators entblösst worden 
war, mit sehr dicken plastischen Gerinseln bedeckt erschien. Am 5. 
December drohte auch das rechte Auge von demselben Processe ergriffen 
zu werden, was jedoch durch ein Collyrium aus Nitras argenti verhindert 
wurde ; als man vom linken Auge die Pseudomembran zum 3. Male ab- 
löste, zeigte sich die Cornea theilweise durch Eiterung zerstört. Das Ca- 
lomel musste ausgesetzt werden, da bereits Salivation eingetreten war. 
Es bildete sich nun keine Pseudomembran mehr, und der Bulbus schrumpfte 
unter reichlicher schleimigeitriger Absonderung mehr und mehr zusammen, 
nachdem sich ein grosser Tlieil seines Inhaltes entleert hatte. Die Binde- 
haut der Lider war verdickt , stark gewulstet , und veranlasste ein 
Ektropium, das nach ungefähr 1 Monat von selbst zurückging. Ende 
Jäner verliess der Mann das Spital. Später sah B. denselben zu wieder- 
holten Malen. Die Bindehaut war nun trocken, gleichsam in Cutis um- 
gewandelt, und mit einer leichten Schichte kleienartiger Schüppchen be- 
deckt. (Xerophthalmus.) — Dr. Guersant fils veröffentlichte in der Gaz. 
des höpit. 1845' Nr. 41 eine Beobachtung, welche, wenn auch unvollstän- 
dig, doch in mehrfacher Beziehung höchst interessant, und über die 
Bildung faserstoffigen Exsudates auf der Conjunctiva Aufschluss gebend 
erscheint. Ein Mädchen von 3 Jahren wurde in das Kinderspital zu Paris 
aufgenommen. Sie bot eine in ihren äussern Erscheinungen nur wenig 
heftige Ophthalmie dar. Obwohl die Lider nur wenig geschwollen, und nur 
ein leichter Ausfluss eiterförmigen Secretes vorhanden war, nahm man 
doch eine zweimalige Cauterisalion der Palpebralbindehaut vor. Während 
dem, den 2. oder 3. Tag nach der Aufnahme des Kindes, zeigten sich 
die Prodrome von Scarlatina, und das Kind erlag nach einigen Tagen 
dieser Affection in einem Zustande von Schwäche und äusserster Nieder- 



88 Bindehaut. 

geschlagenheit. Die Untersuchung des Rachens hatte keine Zeichen von 
Angina membranacea geboten; die Sprache war etwas behindert gewesen; 
das einzige beunruhigende Zeichen war der Zustand allgemeiner Schwäche 
gewesen. Die Autopsie aber zeigte auf den Tonsillen eine Lage eines 
graulichen Breies, welche auch die ganze hintere Partie des Gaumen- 
segels bedeckte, und von da in die Choannen, vielleicht auch noch weiter 
vorwärts, was man nicht untersuchen konnte, sich erstreckte. Eine Pseudo- 
membran bedeckte die Bindehaut sowohl an den Lidern als auch auf 
dem ganzen Bulbus. Dieselbe war sehr dick, wenigstens l 1 /,, Millimeter, 
und konnte mit einer Pincette fas.t in ihrer ganzen Ausdehnung, ohne 
einzureissen, abgezogen werden. G. behauptet, dass diese Membran nicht 
als Product der Cauterisation betrachtet werden könne; dass sich diese, 
nach seinen Erfahrungen, ganz anders verhalten, lange nicht eine so hohe 
Consistenz und Cohäsion darbieten. Guersant der Vater versicherte, dass 
er während seiner langjährigen Praxis in mehreren (5 — 6) Fällen die Bil- 
dung solcher Pseudomembranen auf der Conjunctiva bei Kindern auch ohne 
jene AiFection der Rachenschleimhaut beobachtet habe. Jene Pseudomem- 
bran, in Weingeist aufbewahrt, zeigt ohngefähr 1 Millim. Dicke, eine gelb- 
lichweisse Farbe, und die Form eines eingestülpten Blindsackes, welche 
gegeben ist, wenn man sich denkt, dass die Membran nicht nur die Binde- 
haut in ihrer ganzen Ausdehnung, sondern auch die Cornea als ein 
dunkler und dichter Schleier überzog. 

Die Conjunclivis membranacea scheint zuerst von Prof. Fr. Jäger als eine be- 
sondere Form der Bindehantentzündung' unterschieden worden zu sein (Babor. disser. 
tatio inaug. de conjunetivide membranacea, Viennae 1835). Einzelne Beobachtungen 
finden sich bei : Joann. Seikora, dissertatio inauguralis medica de Xerophthalmo, Pragae 
1842; Rifjler, Augenkrankheiten des Orients, in der Zeitschrift der Gesellschaft der 
Wiener Ärzte, 1849, Märzheft S. 726 ; D. Pilz, Prager inedicinische Vierteljahrschrift , 
1850, 27. Band, S. 14; D. Guh, die sogenannte ägyptische Augenentzündung, Wien 
1850, S. 34 u. m. A. 

IV. Conjunctivitis scrofulosa. 

Die scrofulöse Bindehautentzündung charakterisirt sich im Allgemei- 
nen durch umschriebene Exsudation unter das Epithetium der Conjunctiva 
sclerae oder der Cornea in Form von Bläschen, Pusteln oder Knötchen, 
und durch Gefässentwicklung in der Conjunctiva bulbi, welche dieser 
Exsudation in Bezug auf Sitz und Ausdehnung entspricht, also eigentlich 
partiell ist und nur bei zahlreicher Eruption ausgebreitet, selbst allge- 
mein wird. 






Conjunctivitis serofulosa — Symptome. 89 

Sie kommt vorzüglich im Kindes- und Knabenalter, ziemlich häufig 
im Jünglingsalter, seltener in spätem Jahren vor. Sie zeigt entschiedene 
Tendenz zur Eiter- und Geschwürbildung. Die Reactionser scheinungen 
(Röthe, Schmerz, Lichtscheu) stehen in keinem Verhältnisse zur Product- 
bildung, sind bald ungemein heftig, bald auffallend gering und in ersterem 
Falle offenbar des Morgens heftiger, als Abends. 

Sie zeigt überdiess die Charaktere scrofulöser Entzündungen überhaupt; ein von 
äussern (unmittelbar auf's Auge wirkenden) Schädlichkeiten mehr weniger unabhängiges 
Auftreten und häufiges Recidiviren, hartnäckige Dauer der einzeln Anfälle, Übersprin- 
gen von einem Auge zum andern, und Wechseln mit andern scrofulösen Affectionen, 

Symptome. Sitz der Entzündung ist die Bindehaut des Augapfels, 
und zwar vorzüglich der Bindehautsaum der Hornhaut; selten erfolgt 
die Exsudation diesseits, in der Scleralbindehaut, häufig dagegen jenseits 
im Bereiche der durchsichtigen Hornhaut, deren Epithelium, wie man hier 
deutlich sieht, als Fortsetzung der Bindehaut auf die Hornhaut zu be- 
trachten ist *). — Gewöhnlich erscheint die Exsudation nur an Einer 
Stelle; seltener erscheinen mehrere Bläschen oder Pusteln zugleich, und 
nur ausnahmsweise geschieht die Exsudation so, dass der ganze Binde- 
hautsaum infiltrirt oder der ganze Epithelialüberzug der Cornea dadurch 
emporgehoben und uneben (hügelig) erscheint. 

Das Exsudat ist niemals wasserklar, und bildet entweder grauliche 
halbdurchsichtige Bläschen auf der Cornea, welche allmälig verschwinden, 
oder in kurzer Zeit bersten und seichte Geschwürchen mit graulichem 
oder fasl reinem Grunde hinterlassen, — oder es bildet gelbliche, oft 
sehr wenig erhabene Pusteln, welche bisweilen nicht aufbrechen, ge- 
wöhnlich aber früher oder später tiefere Geschwüre mit eifrig inßltrirlem 
Grunde und Rande zur Folge haben, und welche im Bereiche der Sclera 
so gut , wie in dem der Cornea vorzukommen pflegen, — oder endlich 
das Exsudat ist consistenter, und erscheint in Form von Knötchen auf der 
Cornea, von wulstigen Erhabenheiten auf dem Rande derselben, oder in 
Form eines staubähnlichen, graulichen, von zahlreichen Gefässen durch- 
setzten Überzuges der ganzen Hornhaut, als sogenannter Pannus 
scrofulosus. 



'J )Iau hat die Krankheit, wenn die Eruption über der Sclera erfolgt: Conjunctivitis, wenn über der Cornea: 
Keratitis genannt, und beide getrennt abgehandelt. Die Exsudalion findet indess so oft zu gleicher Zeit oder 
kurz nach einander auf der Cornea und über der Sclera statt, dass eine solche Trennung ganz unnatürlich er- 
scheint. Der Krankheitsprocess erscheint als ein der Conjunctiva angehüriger, und die Affection der Cornea als 
eine secundäre ; diese als eine „superfizielle" zu bezeichnen, und demgemäss der „parenchymatösen' 1 gewisser- 
massen entgegen zu setzen, ist unrichtig, weil der Process oft sehr tief eingreift, selbst das ganze Parenchym 
der Cornea zerstören kann. 



90 Bindehaut. 

Die Gefässeinspritzwig ist partiell, bündeiförmig, wenn die Exsuda- 
tion partiell ist; sie verbreitet sich mehr weniger auf die ganze Con- 
junctiva bulbi, wenn mehr weniger ausgebreitete Bläschen-, Pustel- oder 
Knötchen-Eruption statt findet. Zur Zeit und kurz vor der ersten Ex- 
sudation erscheinen gewöhnlich nur die entsprechenden vordem Ciliar— 
arterien stärker injicirt, und man sieht desshalb nicht selten eine hiedürch 
bedingte Rosenröthe rings oder zum Theil um den Rand der Cornea 
herum; die Gefässe der Bindehaut, die eigentlich das bilden, was die 
Auetoren als charakteristisch (bündeiförmig) beschrieben haben, erscheinen 
gewöhnlich erst einige Zeit nach schon erfolgter Exsudation. Sie laufen 
wie Besenrüthchen aus der Übergangsfalte gegen die Exsudate hin, selbst 
wenn diese auf der Hornhaut sitzen. Auf der Cornea verlaufen sie bis- 
weilen in Form eines Bändchens, vom Limbus conjunctivae aus gegen die 
Mitte, indem sie ein grauliches oder gelbliches Exsudatkügelchen gleich- 
sam vor sich her drängen, und eine gerade Linie oder einen Bogen, wie 
ein Hufeisen, beschreiben, Formen, welche Prof. Fischer als scrofulöses 
Gefässbändchen und Pseudogefässbändchen zu bezeichnen pflegte. Ihre 
Bahn bleibt noch lange, nachdem dieses Exsudatknötchen verschwunden 
ist, als linearer graulich weisser Streifen auf der Cornea zurück. 

Die Bindehaut der Lider kann bei der Conjunctivitis scrofulosa sich 
ganz normal verbalten ; in der Regel findet man sie jedoch im Tarsal- 
theile netz- oder selbst gleichförmig geröthet, wohl auch serös ge- 
schwellt, und mit äusserst feinen, krystallhellen Bläschen (serösen Erguss? 
geschwellten Follikeln?) durchsetzt, letzteres besonders im Übergangs- 
theile. Nach lange dauernden oder nach wiederholten Anfällen kann die 
Bindehaut , wenigstens über den Tarsis , - ganz dieselbe Beschaffenheit 
zeigen, welche wir beim chronischen Katarrh geschildert haben. 

Veränderung der Secretion der Bindehaut kommt der Conjunctivitis 
scrofulosa als solcher nicht zu; hingegen findet vermehrte Thränenabson- 
derung und hiemit parallel gehende Lichtscheu sehr häufig statt. Ist die 
Lichtscheu heftig, dann pflegen mich die Lider krampfhaft geschlossen 
zu werden, dann klagen die Kranken auch gewöhnlich über heftige, die 
Augen von Zeit zu Zeit durchzuckende, flüchtige Stiche, selbst in der 
Nacht. 

Diese Zufälle (Thränen, Lichtscheu, Augenlidkrampf und Schmerzen) 
stehen nicht in geradem Verhältnisse zur In- and Extensität der Af- 
fection des Bulbus, fehlen oft, wo letztere einen hohen Grad erreicht hat, 
sind oft unglaublich gross, wo man die partielle Entzündung am Bulbus 
kaum auffinden kann, und unterscheiden sich von den gleichnamig-on 



Conjunctivitis scrofulosa — Vorkommen — Ursachen. 91 

Erscheinungen bei andern Bindehautentzündungen durch ihre morgendliche 
Exacerbation und abendliche Re- oder Iniermisston, 

Neben den Symptomen der Conjunctivitis scrof. können zugleich die 
des Augehkat'arrhes vorhanden sein. Dann ist letzterer gewöhnlich das 
zuerst auftretende Übel, seltener das hinzutretende; letzteres geschieht 
besonders dann, wenn am Bulbus Geschwürbildung entstanden ist. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Form von Entzündung kommt 
so häufig mit anderweitigen Erscheinungen von Scrofulosis (Tubercu- 
losis) vor, dass man alle Ursache hat, dieselbe als Theilerscheinung 
dieses Allgemeinleidens zu betrachten. Bisweilen bildet sie das erste 
Glied in der Reihe jener Erscheinungen, deren Grund man allgemein in 
jener, leider nicht näher gekannten Blutmischling sucht, welche die scro- 
fulöse genannt wird. 

Die Scrofulosis ist entweder als Anlage ererbt oder angeboren, oder 
sie ist erworben, durch mancherlei schädliche Einflüsse nach der Geburt 
hervorgebracht *). Verschiedene äussere Einflüsse sind im Stande, die 
fehlerhafte Blutmischung früher und stärker, als es unter andern Verhält- 
nissen geschehen würde, durch mancherlei krankhafte Processe in die 
Erscheinung treten zu machen. Dieselben Schädlichkeiten sind im Stande, 
die fehlerhafte Blutmischung bei ganz gesunden Kindern zu erzeugen, so 
wie wir täglich unter Vermeidung dieser Schädlichkeiten die bereits er- 
worbene, ja selbst die bestimmt ererbte oder angeborene krankhafte Dia- 
thesis auf Jahre oder für immer zurücktreten und verschwinden sehen. 

Zu diesen Schädlichkeiten gehören laut Erfahrung vor allen : 1. 

*) Diese Anschauungsweise hat besonders in neuerer Zeit manchen Widerspruch gefunden. Einige meinen, man 
solle überhaupt gar nicht von Scrofulosis und scrofulösen Krankheitsformen als Ergebniss einer besondern Blut- 
mischung sprechen, weil wir nicht wissen, worin diese bestehe. Wir werden diese Meinung bejptlichten, sobald 
man überhaupt nicht mehr von fehlerhafter Blutmischung als Grundursache gewisser Krankheiten, z. B. des 
Typhus, des Scorbutes, der Tuberculosis u. dgl. sprechen wird. Eine gewisse Reihe von krankhaften Erschei- 
nungen, als deren Grund wir bei dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft eine fehlerhafte Mischung 
des Blutes zu bezeichnen angewiesen sind, nennen wir Scrofulosis, Tuberculosis, Syphilis, Krebs u. s. w., gleich- 
wie wir eine gewisse Reihe von Erscheinungen als elektrische, magnetische u. s. w. bezeichnen, ohne am Ende 
den letzten Grund dieser Erscheinungen anders als mit dem Namen Elektricität, Galvanismus u. s. w. angeben zu 
können. — Andere erklären sich dagegen, dass man sagt, gewisse Krankheiten oder Anlagen hiezu seien erblich. 
Die Erscheinungen, welche zur Annahme dieser Erblichkeit geführt haben, Hessen sich ganz einfach und einzig 
und allein aus der Einwirkung der Aussendinge auf den menschlichen Organismus erklären. Diess heisst ohnge- 
fähr so viel, als sagen: Jedes Ding ist das, was es ist, nur durch das, was ausser ihm ist, was auf dasselbe 
einwirkt. Es wird hiebei Wirkung ohne Gegenwirkung als möglich supponirt. Gibt man aber zu, dass die Materie, 
welche bei der Zeugung -den Stoff zur Weiterbildung, zum künftigen Organismus gibt, nicht stets eine und die- 
selbe sei, dann muss man auch zugeben, dass sie gegen das, was ausser ihr ist, verschieden reagiren werde, 
und dass ihr späteres Sein, ihre materielle Beschaffenheit (ihre Anlagen, ihre Kräfte) als Product aus 2Factoren, 
dem -Urslofle und den äussern Einflüssen, zu betrachten sei. Zeigt dieses Product krankhafte Erscheinungen, so 
kann die Ursache in dem einen Factor so gut wie in dem andern zu suchen sein. 



02 Bindehaut 

Ungesunde, insbesondere, feuchte und dumpfige Luft in den Wohnzimmern, 
wenn die Wände feucht sind, wie so häufig in ncugebaulen, zu früh be- 
zogenen Häusern, oder in den gegen Norden gelegenen, oft halb unter- 
irdischen S.tuben armer Stadtbewohner oder in Zimmern, welche mit 
Menschen überfüllt sind und wenig gelüftet werden, zumal wenn zugleich 
darin gekocht, gewaschen und Wasche getrocknet wird, und wenn die 
Kinder wenig Gelegenheit haben, sich im Freien- m bewegen. — 2. 
Schlechte Nahrung, Unordnung im Essen. Nicht so sehr an und für 
sich, als vielmehr in Verbindung mit Mangel an frischer Luft und freier 
Bewegung, wirken schwer verdauliche Speisen nachtheilig auf die Ulut- 
bereitung, und auch die besten Nahrungsmittel führen zu schlechter Blut- 
bildung, wenn die Kinder überfüttert werden, und so oft, als es ihnen 
eben einfällt, Ess- oder Nascljwaaren bekommen. — 3. Harte Behandlung 
so wie vorzeitige und übermässige Anstrengung der Geisteskräfte schei- 
nen nicht ohne begünstigenden Einlluss auf die Entwicklung der Scro- 
fulosis zu sein. — 4. Nach schweren Krankheiten, namentlich nach Blat- 
tern, Masern, Scharlach u. dgl. bemerkt man häulig die Zeichen der Sero- 
fulosis bei früher anscheinend ganz gesunden Kindern. 

Das scrofulöse Allgemeinleiden gibt sich durch verschiedene Er- 
scheinungen kund. Man unterscheidet gewöhnlich den sogenannten tor- 
piden und den erethischeu scrofulösen Habitus. In der Wirklichkeit kommt 
der eine wie der andere selten so rein ausgeprägt vor, wie sie die ab- 
Stracte Schilderung darstellt; von einem Extrem zum andern gibt es all— 
mälige Übergänge. Als Attribute des erethischen bezeichnet man: schlan- 
ken Körperbau, dünne Knochen, langen Mals, schmalen Brustkorb, dünne 
/arte Haut mit leicht gerötheten Wangen, lebhaftes Temperament, frühe 
lünlwieklung der geistigen Anlagen. Den torpiden eharakterisiren: ein 
mehr schwerfälliger Körperbau mit kurzem Halse und grossem Unter- 
leibe, blasse, mehr aufgedunsene als gut genährte Maul und Muskulatur, 
dicke, wulstige, baldig exeoriirle Nasenflügel und Oberlippe, Anschwellung 
der llalsdrüsen, verschiedene chronische Hautausschläge, schwerfälliger 
(Jang, träges Temperament, geringe oder verspätete Entwicklung der 
geistigen Anlägen. 

Hei solchen Individuen nun entwickeln sich, theils auf äussere Ver- 
anlassungen, theils ohne solche, Bindehautentzündungen mit den oben be- 
schriebenen Merkmalen, und zwar bei den erelhisch-scrofulösen gewöhn- 
lich mit Bläschenbildung, heftiger Lichtscheue und starkem Thränenflusse-, 

selbst mit Augenliderkrampl'e, bei den torpiden hingegen mehr mit Pu- 






Conjunctivitis scrofulosa — Vorkommen — Ursachen. 93 

Stelbildung und relativ geringen oder gar keinem der oben genannten 
Zufälle. 

Den Anstoss zu solchen Entzündungen pflegen zu geben: 1. acute 
oder chronische Hautausschläge, Masern, Scharlach, Milchschorf u. dgl. — 
2. Katarrhalische Augenentzündungen, oder vielmehr die Veranlassungen 
zu diesen; bei scrolulösen Individuen verläuft der Katarrh gewöhnlich 
nicht wie bei andern, sondern combinirt sich meistens mit der als Con- 
junctivitis serofulosa geschilderten Form. — 3. Verletzungen der Augen ; 
ein Staubkorn, das in's Auge geräth, ein leichter Sloss mit dem Finger 
u. dgl. reicht oft hin, diese Form hervorzurufen. — 4. Starke Anstrengung 
der Augen, zumal bei künstlichem Lichte, bewirkt oft dasselbe. — 5. 
Sehr häufig entsteht sie ohne äussere Veranlassung, vorzüglich zur Zeit 
des Zahnens, zur Zeit der Pubertät. — 6. Unverkennbar ist der Einfluss 
der Jahreszeiten; am häufigsten kommt diese Form im Spälherbste und 
zeilig im Frühlinge vor; besonders wenn die Witterung feucht und 
s für /irisch ist. 

Sie befällt seilen beide Augen zugleich, gewöhnlich eines nach dem 
andern, wechselt oft, indem sie auf dem schon für genesen gehaltenen 
Auge mit erneuerter Heftigkeit ausbricht, und kehrt oft durch viele 
Jahre um dieselbe Zeit wieder. — Sie wechselt bisweilen mit andern 
scrolulösen Affeetionen, namentlich mit Ohrenilüssen, Beinhautentzündung 
und Hautausschlägen, am Auge selbst mit Augenliderdrüsenenlzündung und 
sogenannten Gerstenkörnern, kommt übrigens auch mit diesen und andern 
acuten Eruptionen, namentlich mit Schwellung der Oberlippe und Nasen- 
katarrh zugleich vor. — Den Ausbruch der Augenkrankheit kündigen, 
namentlich bei reizbaren, schlecht genährten Kindern, nicht selten Fie- 
bererscheinungen an, und diese dauern dann mehr oder weniger lange 
fort. Die Kinder sind besonders in der Nacht unruhig, schreien oft aus 
dem Schlafe auf, zeigen verminderte Esslust, vermehrten Durst, erhöhte 
Temperatur, sehr frequenten Puls, Sluhlverstopfung, trüben Urin u. dergl. 
— Sie erscheint am häufigsten in der Zeit zwischen dem 1. und 2. Zah- 
nen (inclusive), häufig um die Zeit der Pubertät, und da ist sie gewöhn- 
lich am hartnäckigsten und gefährlichsten, seltener im Mannes- und hö- 
hern Alter. Sie ist überhaupt eine der häufigsten Augenkrankheiten. 

Verlauf und Ausgänge. Beim ersten Beginn, bevor man noch 
deutliche Exsudate an der Conjunctiva bulbi wahrzunehmen vermag, be- 
merkt man stärkere Turgescenz und lebhafte Rölhe der Bindehaut über 
den Meibom'schen Drüsen. Gehört das Individuum zu den reizbaren, 
oder tritt die Conjunctivitis zugleich mit Hautausschlägen (chronischen 



94 Bhfidehaut. 

oder acuten) auf, so kündigt die Krankheit ihren Ausbruch zugleich durch 
heftige Lichtscheue und reichlichen Thränenßuss, häufig auch durch mehr 
weniger anhaltenden Augenliderkrampf und flüchtige Stiche im Auge an. 
Diese Erscheinungen stehen, wie schon bemerkt wurde, in keinem geraden 
Verhältnisse zur Heftigkeit der Affection des Bulbus, im Gegentheile: gerade bei dem 
heftigsten Blepharospasmus pflegt der Bulbus sehr wenig zu leiden. Sie sind nichts 
anderes, als Folgen des Reflexes, welchen die Reizung der im Tarsaltheile verzweigten 
sensitiven Äste des Trigeminus auf die Ciliar- und den Thränendrüsennerven und auf 
den Nervus facialis ausüben. — Man hat diese Erscheinungen bald von Mitleidenschaft 
der Sclera und Retina, bald von gleichzeitiger Entzündung des Corpus ciliare herzu- 
leiten versucht. Die beste Widerlegung finden diese Hypothesen darin, dass ein Staub- 
körnchen, an die- innere Flache der Lidknorpel gerathen, dieselben Erscheinungen au- 
genblicklich hervorruft, und, bald entiernt, eben so schnell wieder verschwinden lässt, 
so wie ferner darin, dass die Conjunctivitis scrofulosa, auch wenn diese Erscheinungen 
im höchsten Grade und selbst Monate lang- vorhanden waren, dem Sehvermögen nie- 
mals Gefahr bringt, ausser durch Trübungen der Hornhaut in Folge von Exsudation auf 
derselben. Wenn wir aber bei Ophthalmia catarrhalis, und noch mehr, wenn wir bei 
Blennorrhoea acuta, wo doch die Bindehaut des Tarsaltheiles noch mehr leidet, diese 
Erscheinungen lange nicht in so hohem, nicht in entsprechendem Grade auftreten sehen, 
so dürfen wir nicht übersehen, dass wir hier Individuen vor uns haben, bei denen das 
Nervensystem, namentlich im Bereiche des Sympathicus, noch auf andere Reize krank- 
haft erhöht reagirt. Unter den vielen Erscheinungen, welche auf diese krankhafte 
Reizbarkeit hindeuten , will ich nur an die bei scrofulösen Kindern so häufig vorkom- 
mende Erweiterung der Pupille erinnern , welche man gewöhnlich dem Wurmreize 
zuschreibt, wenn auch Jahre lang keine Spur von Enthelminthen in den Excrcmenten 
bemerkbar wird. Schon das Typische in dem Auftreten - — die ganz gewiss nicht von 
der Dämpfung des Lichtes allein abhängige -abendliche Remission — hätte den Finger- 
zeig geben sollen, da man es hier nicht mit einer rein durch Entzündung, sondern 
durch Affection des vegetativen Nervensystems bedingten Erscheinung zu thun habe' 
abgesehen von der Wirkung der Heilmittel — auf welche wir weiter unten zu spre- 
chen kommen werden. 

Es geschieht, dass man Tage-, ja Wochen - lang die Augen 
nicht zu sehen bekommt, wenn man nicht zum gewaltsamen Öffnen der 
Lider sich entschliessen will. Man vermeide dieses, wo man nicht Ur- 
sache hat, zu vermuthen, es möchte dem Kinde ein fremder Körper 
zwischen die Lider gerathen sein. So lange der Rand des obern Lides 
nicht geschwollen und geröthet erscheint, und in der Lidspalte sich nicht 
ein schleimigeitriges Secret ansammelt, kann man sicher sein, dass sich 
keine grösseren Hornhautgeschwüre entwickelt habenj mithin dem Sehver- 
mögen noch kein Nachlheil erwachsen ist. Wo aber diese Erschei- 
nungen eingetreten sind, ist die Untersuchung des Auges, selbst wenn 
sie einige Gewalt erforderte, dringend nothwendig, nicht nur wegen der 
Prognosis, sondern auch, um sich vor Verwechslung mit andern Zu- 



Conjunctivitis scrofulosa — Verlauf — Ausgänge. 95 

ständen, namentlich mit acuter Bindehautbleimorrhöe oder einem nach 
innen aufgebrochenen Gerstenkorn zu sichern. 

Die passendste Zeit zur Untersuchung- sehr lichtscheuer Augen ist gegen die 
Abenddämmerung. Solche Kinder fürchten sich in der Regel sehr vor der Berührung, 
ja schon vor der Besichtigung ihrer Augen. Man thue gar nicht, als ob man ihr Auge 
untersuchen wolle, unterrede sich anscheinend mit der Mutter oder einem der Geschwi- 
ster, nehme eine der Spielsachen in die Hand u. dgl. So bekommt man bei Benützung 
eines günstigen Augenblickes am ehesten Gelegenheit, das Auge des Kindes zu sehen. 
Zureden nützt nichts; gutmüthige Kinder bemühen sich oft auf eine Mitleid erregende 
Art vergebens, sich absichtlich in's Auge sehen zu lassen; furchtsame oder verwöhnte 
gerathen in den Zustand der grössten Aufregung, wenn man gleich brevi manu über 
sie herfällt, auch nachher noch, so oft man nur in's Zimmer tritt, so oft sie nur vom 
Arzte hören. Ich bin zu Kindern gerufen worden, deren Altern mich gleich im voraus 
baten, ich möchte nur nichts merken lassen, dass ich der Doctor sei. Hat man sich das 
Zutrauen des Kindes auf obige oder ähnliche Weise gewonnen, dann ist die genauere 
Untersuchung selten schwierig. Wo nicht Gefahr im Verzuge, warte man lieber einige 
Tage zu. Später, wenn im Verlaufe der Behandlung grössere, durchbohrende Horn- 
hautgeschwüre entstehen, kommt es dem Arzte gar sehr zu Gute, das Kind ohne ge- 
waltsames Sträuben untersuchen zu können. Schreitet man hiezu, so thue man es in 
einer solchen Lage des Kindes, dass man wo möglich gleich beim ersten Emporziehen 
des obern Lides die Hornhaut mit Einem Blicke übersehen könne. Nie ziehe man beide 
Augenlider gleichzeitig ab, aus einander, am Avenigsten dann, wenn im äussern Winkel 
Excoriationen vorhanden sind. Dass man bei kleineren Kindern auf unvermuthete Wen- 
dungen des Kopfes, bei grösseren auf unwillkürliches Abwehren mit den Händen, und 
dadurch mögliches Anstossen des Auges an die Finger gefasst sein müsse, braucht wohl 
nur für den Anfänger in der Praxis bemerkt zu werden. 

Die Conjunctivitis scrofulosa ist bald ganz ohne, bald wieder von 
der grössten Gefahr für das Sehvermögen. Diess hängt ab: von dem 
Sitze des Exsudates, von dessen Beschaffenheit und von den hiedurch be- 
dingten Folgezuständen; nebstdem sind die Körperbeschaffenheit des 
Kranken und die Verhältnisse, unter denen er lebte oder leben inuss, 
jederzeit mit in Anschlag zu bringen. — Erfolgt die Exsuclalablagerung 
bloss über der Sclera oder knapp am Rande der Cornea, im Limbus con- 
junct. corneae, so ist das Sehvermögen niemals gefährdet, das Exsudat 
mag wie immer beschaffen sein. Geschah die Exsudatablagerung im cen- 
tralen Theile der Cornea, gegenüber der Pupille oder nahe daran, dann 
sind temporäre oder stationäre Störungen des Gesichtes, in argen Fällen 
selbst gänzlicher Verlust des Sehorganes zu fürchten. — Erscheint das 
Exsudat auf der Cornealoberfläche diffus, in Form zahlreicher Körnchen, 
von Gefässen durchsetzt, als Pannus scrofulosus, so ist die Krankheit 
nicht so sehr gefährlich, als langwierig. Eine stationäre Beeinträchtigung 
des Gesichtes ist hiebei nur nach längerer Dauer zu besorgen, und zwar, 



69 Bindehaut. 

wenn entweder die Cornea an Elasticität und Resistenz verloren und dess- 
halb eine stärkere Wölbung angenommen hat, was fälschlich als Hydrops 
camerae bezeichnet wurde, oder wenn das zwischen die Cornea und deren 
Epithelialüberzug abgelagerte Exsudat bereits so fest (organisirt) ge- 
worden ist, dass es nicht mehr durch Resorption eliminirt werden kann 
(Vergl. Lehre von den Hornhautkrankheiten.) — Erscheint die Conjun- 
ctivitis als sogenanntes scrofulöses Gefässbändchen, so bringt sie dem 
Gesichte nur in so fern Gefahr, als sie eine bandartige Trübung zurück- 
lässt, welche in der Regel sehr hartnäckig ist, viele Monate, selbst Jahre 
lang fortbesteht. Völlig stationär ist jedoch eine solche Trübung nicht. — 
Erscheint die Conjunctivitis mit Rläschen- oder Pustelbildung, so hängt 
die Redeutsamkeit derselben von dem Umstände ab , ob sie zur Ge- 
schwürsbildung auf der Cornea führt, oder nicht. Je deutlicher das 
Exsudat über die Umgebung sich erhebt, desto sicherer kommt es zur 
Schmelzung, zur Geschwürsbildung. Je staturirter, je mehr gelb (eiter- 
ähnlich) das Exsudat aussieht, desto leichter führt es zu tiefer und aus- 
gebreiteter Zerstörung der Hornhautfasern. Daher wird die Conjunctivitis 
mit Bläschenbildung im Allgemeinen für weniger gefährlich geschildert, 
als die mit Pustelbildung. Risweilen findet man bloss einen kleinen, grau- 
oder weissgelben Punkt auf der mittlem Partie der Cornea, vielleicht in 
einer Zeit, wo die partielle Gefässeinspritzung, die bei seinem Entstehen 
vorhanden war, bereits wieder verschwunden ist; derselbe führt weder 
zu tieferem, noch zu ausgebreitetem Substanzverluste, und doch hinter- 
lässt er eine Trübung, welche Monate — Jahrelang fortbestehen kann. 
Die Trübungen, welche zurückbleiben, nachdem die Rläschen oder Pusteln, 
ohne zu bersten, resorbirt worden sind, pflegen nur transitorisch zu sein. 
Wenn das Exsudat zur Geschwürsbildung Veranlassung gegeben hat, 
dann können die Folgen sehr verschieden sein. War das Exsudat wenig 
saturirt (Rläschenform), so führt es in der Regel nur zu seichtem und we- 
nig ausgebreitetem Substanzverlusle. Solche Geschwürchen können leicht 
übersehen werden, weil ihr Grund wenig oder gar nicht getrübt erscheint. 
Erst mit der Zeit, wenn die zum Ersätze ausgeschwitzte Substanz 
fester zu werden beginnt, pflegen solche Stellen trüb zu werden; es 
entwickelt sich eine Narbe, halbdurchsichtig, graulich oder milchblau, 
mit verwaschenen Rändern. Es sind mir Kinder vorgeführt worden, bei 
denen die vorausgegangene Entzündung, Rläschen- und Geschwürsbildung 
nicht beachtet, oder fast vergessen worden war, und wo die auf diese 
Weise sich kundgebende Heilung für eine besondere neue Krankheit, 
für das Wachsen eines Fleckes auf dem Auge gehalten wurde. Selten 






Conjunctivitis serofulosa — Folgen — Prognosis. 97 

führen solche Geschwüre (nach Bläschenbildung) zu tieferem Substanz- 
Verluste oder gar zur Durchbohrung der Hornhaut. Die Folgen der 
tiefern Hornhautgeschvvüre werden wir bei den Krankheiten der Hornhaut 
näher angeben. 

Hornhautgeschwüre mit deutlich grauem oder gelbem Grunde, in 
der Regel die Folge von Pustelbildung bei dieser Ophthalmie, zeigen weit 
mehr Tendenz, sowohl sich auszubreiten, als auch die Hornhaut zu durch- 
bohren. Die Zerstörung der Hornhaut gewinnt aber hier nicht bloss durch 
eitrige Infiltration der Ränder an Ausdehnung, sondern bisweilen auch 
dadurch, dass der Eiter sich zwischen den Faserschichten der Hornhaut 
senkt, und in Gestalt der Lunula am Nagel in der untersten Partie der 
Cornea ansammelt, was man Unguis genannt hat. In glücklichen Fällen 
wird ein solcher Congestionsabcess durch Resorption entfernt; in andern 
erfolgt Erweichung und Zerstörung der untern Hornhautpartie. — Bei 
grösseren und tieferen Eiterherden in der Cornea tritt bisweilen Iritis 
mit Exsudatbildung in der vordem Kammer (Hypopiuni) hinzu. Wenn die 
Symptome der Iritis, wie gewöhnlich, nicht deutlich ausgesprochen sind, 
•fcder wenn der Zustand der Iris, wegen Trübung der Cornea nicht sicher 
beurtheilt werden kann, ist es schwer, Hypopium von Unguis zu unterschei- 
den. Die Anhaltspunkte für die Diagnosis können erst später angegeben 
weiden. — Auf welche Weise derlei Geschwüre die -Veranlassung zu gros- 
sen Hornhautnarben, Hornhautfisteln, Staphylomen u. s. w., so wie zu Ent- 
zündung und Zerstörung des ganzen Augapfels führen können, lässt sich 
ebenfalls erst später erörtern. — Eben so kann auf andere, mehr indi- 
rect bedingte Nachübel vorläufig nur nominell hingedeutet werden. Hieher 
gehören : Einwärtsstülpung des Lidrandes in Folge anhaltenden Augen- 
lidkrampfes (sehr selten), Verwachsung der Cutis des obern Lides mit 
der des untern vom äussern Winkel her (Blepharophimosis) in Felge 
anhaltender Benetzung durch die Thränen (Excoricationen) , Schielen, 
Kurzsichtigkeit, Schwäche der Retina (in Folge dessen, dass der Kranke 
sich gewöhnt, nur Eines Auges sich zu bedienen), Verkrümmung der 
Wirbelsäule (in Folge der wegen Lichtscheue fehlerhaften Haltung des 
Kopfes) u. dgl. 

Bei der Stellung der Prognosis sind überdiess sowohl die äussern 
als die innern Verhältnisse des Kranken, und die Möglichkeit oder Un- 
möglichkeit, hierauf günstig einzuwirken, wohl in Anschlag zu bringen. 
Wo das scrofulöse Allgemeinleiden ererbt oder angeboren, oder wo es 
durch unabänderliche Schädlichkeiten erworben ist und fort genährt wird, 
da sind nicht nur die einzelnen Anfälle der Conjunctivitis hartnäckig, 

Arlt, I. 7 



98 Bindehaut. 

sondern kehren auch häufig- bald auf dein einen, bald auf dem andern 
Auge zurück, namentlich im Frühlinge und Herbste. Durchaus hartnäckiger 
und gewöhnlich auch gefährlicher sind jene Anfälle, welche um die Zeit 
eintreten, wo das Individuum mannbar werden soll, oder einige Jahre 
später. Weibliche Individuen derart bekommen ihre Menstruation ge- 
wöhnlich sehr spät, um's 17. — 20. Jahr herum, und sehr unregel- 
mässig. Je mehr die Attribute des sogenannten torpiden Habitus ausge- 
prägt sind, desto langwieriger pflegt der Verlauf, desto schwieriger die 
Cur zu sein; den günstigsten Einfluss pflegt auf das Ausbleiben der Re- 
cidive der Eintritt gewisser Lebensepochen zu nehmen, der Zahnwechsel 
um's 7. Jahr, der Eintritt der Pubertät, die erste Schwangerschaft. — Auf 
gleiche Weise überraschend wirkt oft der gänzliche Wechsel der Le- 
bensweise und Lebensverhältnisse, die Übersiedlung in eine andere Ge- 
gend , der Besuch eines Badeortes , längerer Aufenthalt auf dem 
Lande u. dgl. 

Die Behandlung muss eben so gut auf das allgemeine als auf 
das örtliche Leiden gerichtet werden, sonst würde gar oft nicht nur eine 
Recidive nach der andern erscheinen, sondern auch der einzelne Anfall 
sehr in die Länge gezogen und gesteigert werden. Sie erfordert 
zunächst : 

Ä) Besondere Rücksicht auf die oben erwähnten disponirenden und 
excilirenden Momente, die Krankheit mag nun erblich, angeboren oder 
erworben sein. 

1. Sorge für gesunde Luft. In feuchten, dumpfigen, überfüllten, 
zumal gegen Norden gelegenen, Jahr aus Jahr ein den Sonnenstrahlen ent- 
zogenen Zimmern wird man nicht leicht einen Anfall scrofulöser Augen- 
entzündung schnell und sicher beheben, geschweige denn das Übel von 
Grund aus heilen. Wo es die Umstände nicht erlauben, eine bessere 
Wohnung zu beziehen, oder einige Monate auf dem Lande zuzubringen, 
lasse man so viel als möglich die Zimmer lüften, und die Kinder in's 
Freie bringen, wenn nicht gerade nasskaltes oder stürmisches Wetter ist. 
Einem Kinde 3 wegen einfacher Conjunctivitis scrofulosa den Genuss der 
frischen Luft zu versagen, ist mindestens unnöthig. 

2. Sorge für zweckmässige Nahrung. Diese bestehe, im Allgemeinen 
gesagt, in einfachen und leicht verdaulichen Speisen. 

Sauere, sehr feite, sehr gewürzte Speisen und Zuckerwerk müssen vermieden 
werden, chcnso Hülsenfrüchte; Gemüse (ausgenommen die gclhcn Rüben und die grü- 
nen Ebsen gekocht oder gedünstet, Spinat und Spargel), so wie Erdäpfel und ßrod 
dürfen nur in geringer jffenge gegeben werden, besonders wenn das Kind wenig Be- 






Conjunctivitis serofulosa — Therapie. 99 

wegung im Freien machen kann. Obst reiche man mir in ganz ausgereiftem Zustande, 
sauere Äpfe!, Johannes- und Stachelheeren, Birnen, Nüsse, Kastanien, Mandeln u. dgl. 
lieher gar nicht. Die Entzündung am Auge ist keineswegs der Art, dass man Ursache 
hätte, den Genuss von Fleischspeisen zu untersagen. Den sogenannten Erethischen 
sagt im Allgemeinen eine reizlose, kühlende, mehr aus Vegetabilien bestehende Kost 
zu, während Torpide mehr animalische Kost, selbst mit Zusatz von etwas Gewürz, besser 
vertragen. Zum Getränke in der Regel Wasser, für schlecht genährte, jedoch nicht zu 
reizbare Kinder etwas Bier, wenn sonst keine Gegenanzeige vorhanden ist. 

Eine Hauptsache ist strenge Ordnung. Nichts stört die Verdauung und 
Chylusbildung mehr, als das fortwährende Vollstopfen mit Ess- und Nasch- 
waaren. Lieber lasse man die verwöhnten Kinder durch einige Tage 
trotz der Augenentzündung weinen ; diess schadet ihnen lange nicht so 
sehr, als die alte Unart ; in wenig Tagen sind sie anders gewöhnt, wenn 
man sich's nur angelegen sein lässt. 

3. Wohl zu berücksichtigen sind ferner der Einfluss des Lichtes, der 
Wärme und der Reinlichkeit. In Bezug auf das Licht, dessen wohlthä- 
ligen Einfluss auf die Vegetation wohl Niemand verkennt, soll hier nur 
bemerkt werden, dass man dem Streben solcher Kranken, sich dem Lichte 
zu entziehen, nur bis zu einem gewissen Grade nachgeben darf; sonst 
wird die Lichtscheue nur um so heftiger und hartnäckiger. Insbesondere 
schadet es, derart entzündete Augen zu verbinden. Das Auge wird unter 
dem von Thränen durchfeuchteten Verbände förmlich gebrüht und dem 
Lichte noch mehr entwöhnt; eine häufige Folge des Verbindens ist das 
Schielen, oder auch die Gewohnheit, sich nur eines Auges zum genaueren 
Sehen zu bedienen. — In Bezug auf die Pflege der Reinlichkeit muss 
bemerkt werden, dass Bäder nicht gut vertragen werden, so lange die 
Augen noch lichtscheu sind; später können sie, nach allgemeinen Regeln, 
bald mit Malz, bald mit Steinsalz oder andern Mitteln versetzt, bald auch 
einfach und zwar warm oder kalt verordnet, von entschiedenem Nutzen 
gegen das Allgemeinleiden sein. 

4. Geistige Anstrengung und moralische Behandlung sind nicht 
ausser Acht zu lassen. Kinder mit solchen Augenentzündungen werden, 
weil man ihnen des Augenleidens wegen alles gewährt, gern so verzogen, 
dass sie die Tyrannen ihrer Umgebung spielen. Andererseits ist man oft 
hart gegen sie, indem man sie zum Lernen anhält, ehe noch die über- 
mässige Empfindlichkeit gegen das Licht ganz beseitigt, und ehe heilbare 
Hornhautflecke geheilt sind. Die Folgen davon sind Kurzsichtigkeit, Schie- 
len, baldige Recidive der Entzündung. 

5. Dass äussere Schädlichkeiten, welche im Allgemeinen zu katar- 
rhalischen Bindehautentzündungen Anlass geben, bei Kindern mit scrofulöser 



110 Bindehaut. 

Augenentziindung oder besonderer Neigung hiezu insbesondere zu meiden 
sind, braucht wohl kaum erst erörtert zu werden. 

B) Würdigung der Erscheinungen am Auge selbst. 

1. Ist Lichtscheu und Thränenfluss in hohem Grade vorhanden, oder 
sogar Augenliderkrampf, so müssen diese Zufälle vor allem gemildert 
werden. Ist dabei das Kind ohne Fieber, und keine Diarrhöe, im Ge- 
gentheile, wie gewöhnlich, Stuhlverstopfung vorhanden, so beginne man 
die Cur mit einem Abführmittel, bei reizbaren Individuen mit einem ecco- 
proticum. bei torpiden mit einem drasticum, bei letzteren wohl auch mit 
einem Brechmittel Diese Mittel sind auch, falls keine Gegenanzeige vor- 
handen, im weitern Verlaufe der Behandlung von Zeit zu Zeit zu wieder- 
holen. Blutentziehungen, selbst örtliche, sind mindestens überflüssig, bei 
Kindern geradezu schädlich. 

Als die wirksamsten Mittel gegen Lichtscheue und Augenlidkrampf 
kann ich nach vielfältiger Erfahrung empfehlen : 

a) Einreiben oder vielmehr Aufstreichen einer Salbe aus 4 — 6 
Gran Präcipitatus albus und 6 — 12 Gran Extractum belladonnae mit 1 
Drachme Fett gut verrieben, an die Stirn und Schläfe, von den Augen- 
brauen bis zum Kopfhaar, alle 2 — 4 Stunden erneuert, so dass die Haut 
immer gehörig fett bleibt. Das Abwischen verhindert man durch einen 
einfachen Papierschirm. *) Ist das Präparat gut, und wird es fleissig aufge- 
strichen, so bewirkt es binnen wenig Tagen einen pustulösen Ausschlag 
auf der Stirn 5 dann ist es wegzulassen, ingleichen, wenn die Pupille 
anfängt, weiter zu werden. Hiemit ist auch die Lichtscheu, sehr oft auch 
grösstenteils die Entzündung behoben. Wirkt es nach 8 — lOtägigem 
Gebrauche nicht, so bestehe man nicht länger darauf, und wähle an- 
dere Mittel. 

6) Nächstdem erwiesen sich mir besonders wirksam Einreibungen 
der Autenrieth' sehen Salbe zwischen die Schulterblätter, l /< i Drachme 
Tartarus stibiatus auf 2 Drachmen Fett, und, um den Schmerz zu mildern 
und minder grosse Pusteln hervorzurufen, mit 1 Scrupel Pulv. corticis 
mezerei versetzt. Bei fieberhafter Aufregung dürfen sie gar nicht, bei 
reizbaren Individuen müssen sie sehr vorsichtig angewendet werden ; bei 
Kindern unter 5 — 6 Jahren werden sie nicht leicht nothwendig. Man setze 
sie nicht zu lange fort, damit keine zu tiefen Geschwüre oder Intoxi- 



") Augenschirme aus Karlenpapier oder aus Taflet über Draht gespannt werden von den Kindern nicht wohl ver- 
■ tragen. Ich lasse ein Elatt weisses oder wenn mau will grünes Papier so zusammenlegen, dass es etwas breiler 
wird, als die Stirn, und etwa so lang, als der Abstand von einem Ohr zum andern. Dieses wird miltelst eines 
oben durchlaufenden Fadens so um 'den Kopf befestigt, dass es etwas über die Augen herabragt. 



Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 101 

cationserscheinungen eintreten. Ich würde einem so unliebsamen Mittel 
nicht das Wort führen, wenn ich nicht durch bestimmte Thatsachen von 
seiner Wirksamkeit tiberzeugt worden wäre. 

c) Ein vorzügliches Mittel besitzen wir in dem Conhim maculatum 
{Cicuta virosa). Dasselbe wird innerlich verabreicht, als Pulvis herbae zu 
2 — 5 Gran, oder als Extractum zu % — 1 Gran, oder als Alkaloid, Coniin 
zu Y 10 — 7 S Gran täglich 2 — 3mal, bei anhaltendem Augenlidkrampfe am 
besten in allmälig gesteigerter Gabe. Man beginnt z. ß. mit 1 Gran Extr. 
conii, gibt den 2. Tag 2, den 3. Tag 3mal 1 solches Pulver, den 4. Tag 
nichts, den 5. Tag 3, den 6. Tag 4, den 7. Tag 5 Stück, den 8. Tag 
nichts, den 9. Tag 5 u. s. w. Man wird nicht leiclit nöthig haben, und 
es wäre auch nicht gerathen, auf mehr als 8 Gran in 24 Stunden zu 
steigen. Bei Säurebildung in den ersten Wegen verbinde man es zweck- 
mässig mit Maynesia carbonica oder mit Baryta muriatica. Die Anwen- 
dung dieses letzteren Mittels erheischt jedoch, wie bekannt, grosse Vorsicht. 
Eine zweckmässige Formel ist z. B. Barytae muriaticae, Extracti conii ma- 
culati a'a scrupulum, solve in aquae dest. vel aquae cinnamoni et Syr. 
cort. aurant. ä~a unica dimidia, täglich 2 — 3mäl 20 — 30 Tropfen, allmälig 
steigend zu nehmen. Ein verlässlicheres Präparat ist das Coniin. Coniin 
grana duo , solve in spiritus vini scrupulo et aquae dest. unc. quatuor 
täglich 2 — 3mal 20 — 40 Tropfen, allmälig steigend; oder: Coniini % 
Gran mit Eleosacch. cort. aurant. Charta cerata, täglich 1 — 2mal. 

d) 3Ian wird nicht leicht nöthig haben, nach andern Mitteln sich umzusehen; 
dennoch wird es gut sein, deren mehrere zu kennen. Fomente mit einer Lösung aus 
7 2 — 1 Drachme Borax und eben so viel Aqua laurocerasi in 7 Unzen dest. Wassers 
täglich 2 — 3mal durch l / 2 Stunde lauwarm angewandt leisteten mir in den paar Fällen, 
wo ich sie verordnete, ganz gute Dienste. Prof. Fischer (Win. Unterr. 'S. 273 und 
Lehrbuch S. 213) sah gute Wirkung von der Tinctura bignoniae, mit 2 — 3 Theilen 
Wasser verdünnt, täglich 2 — 3mal lau in's Auge geträufelt. Derselbe empfiehlt auch 
die Tinclura Galbani, mittelst eines Leinwandbäuschchens einige Male des Tages durch 
einige Minuten lauwarm über die Lider zu legen, oder innerlich einige Tropfen der 
Tinctura Fabae Ignalii oder der Tinctura Rhois toxicodendri in Zuckerwasser zu ver- 
abreichen. Cunier (Annales d'Ocul. T. lo. p. 62) rühmt die Blausäure, namentlich ein 
Collyrium aus 3 Unzen Aqua belladonnae dest. mit % Drachme Acidum hydrocian. 
medicin. (Acidi prussici puri pars 1 in aq. part. 8) zu Einträuflungen oder zu Wa- 
schungen und Bähungen der Lider, letztere alle 20 — 30 Minuten vorzunehmen, oder 6 
Gran Cyanuretum potassae in 2 Unzen Aq. belladonnae. Deval (Ann. d'Oc. T. 13. p. 
71) lässt nach Demours das Kerbelkraut (Chaerophyllum sativum Lam.) durch 10 Mi- 
nuten kochen und die Nacht hindurch in Form von Cataplasmen auf die Lider anwen- 
den, sodann das Auge oft mit einer concentrirten Abkochung desselben waschen. Vom 
Eiublasen oder Einstreuen des Kalomelpulvers nach Flicke u. A. bin ich durch einige 



102 Bindehaut. 

Fälle, wo es sich über der Conjunctiva bulbi in Klümpchcn angesammelt und partielle 
Entzündung erregt hatte, abgeschreckt worden. — Zu Jüngkens Methode, die licht- 
scheuen Kinder gewaltsam starkem Tageslichte auszusetzen, oder mit dem Kopfe mo- 
mentan in ein Gefass voll kalten Wassers einzutauchen, konnte ich mich bisher eben 
so wenig entschliessen, wie zu Ruele's Verfahren, kalte Umschläge anzuwenden; am 
wenigsten scheinen mir diese Behandlungsweisen für die Privatpraxis zu passen. Kalte 
Umschläge ordinären sich hierorts die Laien von selbst, und man kann so zu sagen 
täglich beobachten, wie viel damit Unheil gestiftet wird, auch in Fällen, wo sie nach 
Ritete angezeigt wären. 

2. Ist die Heftigkeit der Lichtscheue gebrochen, dann kommt es auf 
den Zustand der Cornea an, welche Behandlung einzuleiten ist. 

a) Bei den sogenannten scrofulösen Gefässbändchen, welche Form 
nur mit sehr geringer oder gar keiner Lichtscheu verläuft, besteht die 
örtliche Behandlung in der Einreibung- einer Salbe aus 3 — 6 Gran weissem 
Präcipitat auf 1 Drachme Fett, 3— 4mal in 24 Stunden, an die äussere 
Fläche der Lider. Ist das Kind nicht verständig genug, nachher mit ge- 
schlossenen Augen Y 2 — 1 Stunde liegen zu bleiben, so wähle man die 
Zeit des Schlafes hiezu. 

6) Beim Pannus scrofufosus sind Einträuflungen von lauwarmer 
Aqua Conradi, von Laudanum liq. Sydenh., in hartnäckigen Fällen von 
Collyrium adstr. luteum, die wirksamsten der örtlichen Mittel. 

c) Jene seltene Form, welche mit der Bildung eines gelblich- oder 
graulich -sulzigen Exsudates in Form von Knötchen oder Wülsten im 
Limbu& conjunet. corneae auftritt (Vergl. Prager Vjschr. e 12. Band, Seite 73), 
und sehr langsam verläuft, erfordert das Bestreichen mit Laudanum Syd., 
Cuprum sulfur. oder gummirtem Lapis. 

d) Bei der Bildung kleiner Bläschen oder Pusteln ist oft schon das 
leichte Abführmittel oder die Mercurialsalbe an die Stirn und Schläfe hin- 
reichend, die Rückbildung einzuleiten; nach gemilderter Lichtscheue mag 
man eine schwache Lösung von Sublimat, von Nitras argenti oder Lau- 
danum einträufeln; in der Regel aber ist dann der rothe Präcipitat, 1 — 2 
Gran auf 1 Drachme, vor dem Einschlafen an die Lidränder eingerieben, 
das beste Mittel, die Resorption zu beschleunigen. — Sind die Bläschen 
oder Pusteln etwas grösser, namentlich erhabener, so erfolgt die Abstos- 
sung des überkleidenden Epitheliums, und somit die Umwandlung in ein 
Geschwür bald früher, bald später von selbst. Ich habe das Betupfen 
solclier Pusteln mit einem zugespitzten Lapis inf. in zahlreichen Fällen 
angewendet, kann ihm aber nicht das günstige Zeugniss geben, das ihm 
gegeben worden ist. Einreibungen von Unguentum ciiiereum oder von 
einer etwas stärkern weissen Präcipitatsalbe an die Stirn und Schläfe 






Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 103 

und Verabreichung- gelinderer oder stärkerer Abführmittel, je nachdem 
die einen oder die andern sonst zulässig- oder angezeigt waren, schienen 
mir noch am ehesten geeignet, der Vergrösserung solcher Exsudationen 
Schranken zu setzen. Auch den Einträuflungen von verschieden starken 
Lösungen des Argentuni nitricum, des Sublimates, des Cadmium sulfuricum 
u. s. w. kann ich in dieser Beziehung durchaus nicht das Wort reden. 

e) Seichte Geschwürchen mit reinem oder nur wenig trübem Grunde 
erfordern in der Regel keine andere Behandlung, als die eben angege- 
bene. Greifen sie aber weit um sich oder in die Tiefe, oder bleiben sie 
Tage-, Wochenlang stationär, dann ist zu unterscheiden, ob diess unter 
Forlbestehen oder Steigerung der Gefässeinsprilzung, des Thränenflusses 
und der Lichtscheu, oder aber unter Nachlass oder völliger Abwesenheit 
dieser Erscheinungen geschieht, mit andern Worten, ob ihre Zunahme, 
ihr Bestand mit entzündlichen Zufällen, oder mit einem sogenannten tor- 
piden Zustande des Auges und Gesammtorganismus einhergeht. Im 
erstem Falle sind Abführmittel zu reichen, die Nahrung einzuschränken, 
31ereurialeinreibungen an die Umgebungen der Augen vorzunehmen ; im 
letzteren Falle ist durch örtliche Beizmittel, durch kräftige Kost, durch 
tonische und erregende Arzneimittel der zur Narbenbildung uöthige Grad 
von Reaction anzustreben. — Unter die örtlichen Reizmittel gehören 
a) trockene warme Tücher oder Kräutersäckchen (Flor, chamomillae, flor. 
sambuci a~a unc. dimid., farin. fabarum vel secalin. unciam, in doppelte 
feine Leinwand eingenäht und gut durchsteppt), wenn bei eitriger Infil- 
tration ödematöse Schwellung der Bindehaut oder der Lider auftritt; 
ß) Einträuflungen von verdünntem oder selbst reinem Laudanum liq. Syd., 
1— 2mal in 24 Stunden, oder von einer Lösung aus 1 — 5 Gran Nitras 
argenti in 1 Unze Wasser, oder von 2 — 4 Gran Lapis divinus mit Y 2 — 1 
Scrupel Tinctura opii simpl. in 1 Unze Wasser; y) selten wird man in 
die Lage kommen, ein Geschwür wegen Mangel an Reaction mit Tinctura 
jodinae oder mit Lapis infernalis in Substanz betupfen zu müssen; mit 
letzterem sei man, besonders in der Privatpraxis, namentlich als Anfänger, 
nicht zu schnell bei der Hand. 

f) Sind die Hornhautfasern bis auf die tiefsten oder bis auf die 
Descemet'sche Haut zerstört, und diese in Form eines durchsichtigen 
Bläschens vorgetrieben, Keratokele, oder ist bereits völliger Durchbruch 
der Cornea, einfach oder mit Vertreibung der Iris erfolgt, dann ist nebst 
dem unter e~) auseinander gesetzten Verfahren noch ruhige Lage des 
Kranken, mindestens Vermeidung jeder stärkeren Muskelanstrengung und 
heftigem Bewegung nothwendig, um so strenger, je mehr dadurch Gefahr 



104 BindeBiaut. 

zur Verziehung oder gar Schliessung der Pupille gesetzt ist, und sich 
Staphyloma partiale oder totale zu entwickeln droht. Die Begründung 
dieser Vorsichtsmaassregel, so wie die weitere Behandlung des Irisvor- 
falles und der Folgezustände können füglich erst bei der Lehre von den 
Hornhautkrankheiten gegeben werden. 

C) Auswahl der Arzneimittel, welche theils zur Beseitigung des 
einzelnen Anfalles von Conjunctivitis, theils zur Verbesserung des con- 
stitutionellen Übels innerlich zu geben sind. 

Der angehende Praktiker findet eine Menge Mittel gegen die Scrofulosis empfoh- 
len. Es würde voreilig sein , daraus den Schluss zu ziehen, dass eigentlich keines 
etwas tauge. Allerdings besitzen wir kein Mittel, das in allen Fällen hilft, aber es 
gibt Mittel von ausgezeichnetem, erprobtem Nutzen. Die Kunst des Arztes besteht 
hier im Individualisiren und in der gehörigen Beharrlichkeit. Eigene sorgfältige Beob- 
achtung am Krankenbette muss hier das Meiste thun ; die Erfahrung Anderer kann nur 
die allgemeinsten Anhaltspunkte geben. Wenn irgendwo, so scheint es hier nothwendig, 
vor dem Schlendrian so mancher Arzte zu warnen, welche, so oft ihnen ein Kind mit 
scrofulöser Augenentzündung vorkommt, nach gewohnter Weise das Mittel verschreiben, 
das in ihrer Feder steckt, ohne Wahl, selbst ohne Rücksicht auf die Dosis. Kinder, 
zum Skelett abgemagert, werden ohne weiters" mit Abführmitteln oder Vesicantien 
hinter den Ohren tractirt, während Andere nichts zu kennen scheinen, als irgend ein 
Collyrium, dessen Formel ihnen noch von der Schule her geläufig ist. 

1. Salzige Abführmittel bekommen den scrofulösen Kindern im 
Allgemeinen nicht gut; man sei also damit eben so vorsichtig, wie mit 
Blutentziehungen. Für Reizbare passen: ein leichter Aufguss von Senna,*) 
Aqua laxativa Viennensis, für kleinere Kinder Hydromel infantum, Syrup. 
cichorei cum rheo, für Torpide ein stärkeres Infusum sennae oder Ele- 
cluarium lenitivum, Kalomel mit Jalappa in Zwischenräumen von einigen 
Tagen. Abführmittel sind besonders bei torpiden Individuen, namentlich 
wenn chronische Hautausschläge im Gesichte oder am Kopfe vorhanden 
sind , von Zeit zu Zeit etwas stärker anzuwenden. Bei Crusta lactea 
habe ich den Thee aus Herba jaceae mit Milch, und damit es die Kinder 
leichter nehmen, mit ein wenig Caflee, oder, wo ich zugleich purgiren 
wollte, mit Sennesbtättern, oft mit augenscheinlich gutem Erfolge ange- 
wandt. — Bei Zeichen von Magensäure verbinde man mit dem Abführ- 
tränkchen Bicarbonas sodae, Lapis cancrorum, oder Magnesia,, oder reiche 
diese Mittel, falls die Kinder sie nehmen, in Pulverform, allein oder mit 
Rheum. 

«) Um da» Leibschneiden, welches sie verursachen, zu vermeiden, lasse man die miltelst Alkohol entharzten Blätter 
nehmen. Sehr gut genommen und vertragen werden sie auch, wenn man sie nach Beseitigung der Stiele mit 
dem CulTee infundirl, den man zum Frühstück gihl. 



Conjunctivitis scrofulosa — Therapie. 105 

2. Brechmittel zu Anfang der Cur, wohl auch später immer nach 
einigen Tagen wiederholt, fand ich oft von entschieden guter Wirkung 
bei torpiden Individuen, namentlich wenn grosse Hornhautpusteln oder 
Geschwüre mit gelben, wulstigen, oder von zahlreichen Gefässen über- 
zogenen Rändern — jedoch ohne Durchbruch oder Gefahr hiezu — oder 
wenn Eiter zwischen den Hornhautfasern oder in der vordem Augenkammer 
angesammelt war. — Tartarus stibiatus r. d. passt besenders, sobald es 
die Verdauungsorgane zulassen, bei frequentem Pulse und leicht erreg- 
barem Blutandrange zum Kopfe. Den Aethiops antimonialis habe ich 
(nach von Walthers Rath bei schlecht genährten torpiden Individuen, 
besonders wenn gleichzeitig chronische Hautausschläge vorhanden sind) 
theils allein, theils mit Conium, Magnesia oder Rheum verabreicht; ich 
sah zwar niemals eine eclatante Wirkung, glaube jedoch die Beobach- 
tungen noch weiter fortsetzen zu müssen. Aethiops mineralis, Pulvis 
Plumeri, so wie überhaupt stärkere Mercurialpräparate, bei Serofulösen 
durch längere Zeit anzuwenden, halte ich wenigstens bei Conjunctivitis 
scrof. nicht für angezeigt. 

3. Die Hauptrolle bei der arzneilichen Behandlung spielen die 
tonischen Mittel, deren viele als Specißca empfohlen wurden. Hieher ge- 
hören der Eichelcaffee, die grünen Schalen und Blätter von Nux juglans 
regia, der Calamus aromaticus u. dgl. Die China, welche von Kindern 
am besten als Infus um oder Extractum frigide paratum vertragen wird; 
das Chinin, bei Kindern zu 1, bei Erwachsenen zu 2 Gran 2 — 3mal des 
Tages verabreicht, hat Makenzie als ein vorzügliches Mittel empfohlen, 
wenn nach Vorausschickung eines Abführ- oder Brechmittels Lichtscheu 
und Thränenfluss noch heftig sind, der Puls jedoch nicht sehr rasch ist, 
in welchem Falle kleine Gaben von Brechweinstein angewendet werden 

sollen. Das Eisen, am besten als Ferrum carbonicum sacharatum 
allein oder, wenn es gelind eröffnend wirken soll, mit Rheum; letztere 
Eigenschaft hat auch die Verbindung von weinsteinsaurem Eisen und Kali 
(Ferri tartrici, Kali tartrici et Elaeosacch. aurant. a~a Drachmam D. in 
dos. aeq. XII, täglich 2-3 Stück). Das Jod, Jodkali , Jodeisen, bei 
möglichster Vermeidung stärkmehlhaltiger Nahrungsmittel in entsprechender 
Gabe angewandt, ist unstreitig eines der wirksamsten Mittel gegen Scro- 
fulosis im Allgemeinen. Es eignet sich mehr für torpide Individuen, und 
kann meistens erst nach behohenem Anfalle, oder bei sehr schleppendem 
Verlaufe der Conjunctiwitis angewendet werden. Dasselbe gilt von der 
Adelheidsquelle und dem Haller Wasser. Ein unschätzhares Mittel bei 
erethischen (atrophischen) serofulösen Individuen ist der Leberthran. Er 



10G Bindehaut. 

kann ohneweiters schon während des Anfalles der entzündlichen Zufälle 
am Auge in Anwendung gezogen werden. Man gibt ihn täglich zweimal 
zu 1 Kaffee - Kinder - Esslöffel , zur Milderung des unangenehmen 
Geschmackes mit etwas Syrupus emulsivus oder mit etwas Citronensaft. 
Kinder, welche ihn nicht nehmen wollten , Kinder, welche bei äusserster 
Abmagerung zugleich an erschöpfendem Durchfalle litten, liess ich vor dem 
Schlafengehen am ganzen Körper damit einreiben und in ein Leintuch 
einwickeln ; es gibt wenig Mittel, von denen ich so entschieden gute 
Wirkung gesehen, wie von diesen Einreibungen. Ob die Baryta muria- 
tica wirklich die Heilkräfte habe, die man ihr gegen die Scrofulosis zu- 
geschrieben, muss ich nach meinen Erfahrungen noch dahin gestellt sein 
lassen. Ich reichte sie selten allein, meistens in Verbindung mit der 
Cicuta, deren bereits oben Erwähnung geschah, oder mit Eisen (Terrae 
ponderosae saht, et ferri muriat. a~a dr. semis, Aq. dest. com. et Syr, 
aurant. a~a unciam, M. D. S. Täglich 2 — 3mal ] / 2 — 1 Kaffeelöfel voll 
zu nehmen). 

4. Zum Schlüsse erwähnen wir noch der Gegenreize, Vesicantien, 
Fontanelle, Haarseile. Erstere fand ich meist unnütz, letztere beide 
geradezu schädlich. Wann Gegenreize anzuwenden sind, und dass hiezu 
die Authenrieth'sche Salbe wohl das beste Mittel, wurde bereits erörtert. 

V. Conjunctivitis trachomatosa, Trachoma s. asperitudo 

conjunctivae. 

Die irachomatöse Bindehautentzündung charakterisirt sich durch 
Ablagerung eines sulzigen Exsudates in Form isolirter, selbstständiger 
Körner oder Hügel, nicht bloss unter das Epithelium der Bindehaut der 
Lider und (bei höhern Graden) selbst des Bulbus, sondern auch in das 
Parenchym der Bindehaut und in die tiefern Gebilde (Knorpel und Zell- 
stoff), und durch Einleitung von Schrumpfung der infiltrirfen Gewebe. 

Sie besteht nicht in primärer Erkrankung des Papillarkörpers, geht 
nicht nothwendig und nicht gleich von Anfang mit Schwellung der ganzen 
Bindehaut und Ausscheidung flüssigen Exsudates an die freie Oberfläche 
einher, und ist nicht ansteckend, wie die Blennorrhoe, mit der sie bisher 
so häufig verwechselt oder für gleichbedeutend gehalten wurde. Die 
Ursache der Ablagerung jener umschriebenen, gelblichen, sulzigen Exsudate 
unter das unversehrte Epithelium und in die tiefern Gebilde muss zuletzt 
in einem Allgemeinleiden, in Krankheit des ganzen Organismus gesucht 



Trachoma — Symptome. 107 

werden. Das Vorhandensein vermehrter und unveränderter Secretion ist 
hier nicht wesentlich, und findet nur unter besondern Verhältnissen statt. 

Eine gewisse Rauhigkeit oder vielmehr Unebenheit der Lidbindehaut, 
welche eben durch den Namen angedeutet wird, bleibt immer eine her- 
vorstehende Erscheinung dieser Krankheit in allen ihren Formen und 
Stadien, wenn sie auch derselben nicht ausschliesslich zukommt. Diese 
Rauhigkeit ist bedingt durch die Exsudate, welche in Bezug auf ihre 
Form (Kugelform) und ihren Sitz (unabhängig von einem bestimmten 
Elemente der Bindehaut, Papillarkörper oder Schleimfollikel) eine gewisse 
Selbstständigkeit darbieten, und durch die Veränderungen, welche die 
davon infiltrirten Gebilde durch diese Exsudate und deren Metamorphosen 
erleiden. 

Die Ausscheidung der Exsudate kann ohne merkliche Röthe, 
Schwellung und Secretionsveränderung der Bindehaut vor sich gehen; 
sie beginnt in der Regel am untern Lide, und kann von da auf das obere, 
zuletzt auch auf die Conjunctiva bulbi und auf die Cornea übergehen. 
Die Krankheit ist an keinen bestimmten Verlauf gebunden, kann Jahre 
lang dauern, von Zeit zu Zeit frische Nachschübe bildend. Sie com- 
binirt sich häufig mit den Zufällen der Conjunctivitis scrofulosa, häufiger 
noch mit denen der Conjunctivitis catarrhalis, und schliesst die Erschei- 
nungen der Blennorrhoe nur in so fern aus, als diese durch rasche Ent- 
wicklung und Heftigkeit des entzündlichen Processes Resorption der das 
Trachom charakterisirenden Exsudate herbeiführen. 

Die Symptome sind verschieden, je nachdem die Exsudate bloss 
an der Oberfläche der Bindehaut, unter dem Epithelium — aufgelagert — 
oder auch zugleich im Parenchym — inßltrirt — erscheinen, ferner je 
nachdem die Exsudate rasch, unter heftigen Reactionserscheinungen oder 
allmälig und unvermerkt abgelagert werden, endlich je nach den Meta- 
morphosen, welche die Exsudate selbst und die davon infiltrirten Gewebe 
bereits erlitten haben. 

1. Grad. Auflagerung. Auf der Bindehaut im Tarsal- und im Über- 
gangstheile, bisweilen auch an der Peripherie des Scleraltheiles sieht man 
mohn- bis hirsekorngrosse, grauliche oder gelbliche, glatte, etwas 
durchsichtige, hügelartige oder halbkugliche Erhabenheiten mit deutlich 
begrenzter rundlicher Basis emporragen. — Diese Exsudathügel erscheinen 
zuerst im Tarsaltheile der Bindehaut, mit Ausnahme eines ohngefähr 1 
Linie breiten Streifens längs der innern Lefze des Lidrandes, welcher 
nur selten, und zwar erst nach Monate langer Dauer hie und da von 
einem solchen Korne eingenommen erscheint. Alsbald treten sie im 



108 Bindehaut. 

Übergangs theile auf, dessen lockeres Bindegewebe ihrer Ausbreitung viel 
günstiger zu sein scheint. Oft, wo die über dem Tarsus sitzenden sehr 
klein und flach, oder aber bereits wieder verschwunden sind, ist der 
Übergangstheil bis zur Sclera hin mit zahlreichen, weit grösseren, aber 
auch in der Regel blasseren und etwas tiefer eingesenkten Körnern 
besetzt. Doch gibt es auch Fälle, wo der Übergangstheil beinahe oder 
ganz verschont bleibt, selbst nach langer Dauer, (bei der Infiltration); 
worauf wir später zu sprechen kommen werden. — Niemals, sie mögen 
noch so gedrängt an einander sitzen, verlieren sie die rundliche Form 
des Scheitels ; sie werden nie eckig, nie palissaden- oder hahnenkamm- 
ähnlich angeordnet ; im Übergangstheile jedoch verschmelzen sie durch 
Aneinanderstossen gern zu 2 — 3 Wülsten mit transversalen Einschnü- 
rungen, nachdem sie oft lange reihenweise an einander gestellt, gleich 
Perlenschnüren bestanden haben. — Solche Ablagerungen können nicht 
nur an der halbmondförmigen Falte und an der Thränenkarunkel, sondern 
auch an der Scleralbindehaut vorkommen, und zwar in letzterer anfangs 
einzeln und fast krystallhell , später confluent, drüsenartig und gelblich- 
sulzig, wie gekochter Sago*). 

Geschieht der Erguss des dieselben bildenden Blastems unter das 
Epithelium allmälig, so erscheint die Bindehaut zwischen diesen isolirt 
stehenden Hügeln selbst über dem Tarsus nur wenig injicirt und noch 
so durchscheinend, wie im normalen Zustande , nur gleichsam etwas 
schlaffer und mehr gelblich, oder blass gelblichroth, und von veränderter 
oder vermehrter Seeretion ist dann gewöhnlich keine Spur vorhanden. 
Sehr oft wissen die Kranken gar nicht, dass sie ein Augenleiden an sich 
tragen ; man bekommt daher die Krankheit in dieser Form nur selten 
zu Gesichte. 

Zu 2 Mädchen von 8 bis 10 Jahren (beide aus wohlhabenden Familien) wurde 
ich gerufen, weil sie, wie die Altern sagten, sich ein häufiges Zwinkern angewöhnt 
hatten, und selbes nicht lassen wollten; ein Mädchen von 9 Jahren kam mit ihrer au- 
genkranken Pflegemutter zu mir, und ich wurde nur nebenbei befragt, wie es komme, 
dass die Augen des Mädchens, wenn sie weine, immer längere Zeit roth bleiben ; von 
3 im Jünglingsalter stehenden Individuen consultirten mich 2 wegen Kurzsichtigkeit, 
und 1 befragte mich wegen Drücken in den Augen nach längerem Lesen oder Schrei- 



*) Diese auf- oder oberflächlich eingelagerten, sulzigen Exsudate müssen unterschieden werden nicht nur von jenen 
winzigen,, fast nur staubkorngrossen, durchsichtigen Erhebungen des Epitheliums im Tarsaltheile, welche nach 
2 — 3 Tagen wieder verschwinden, sondern auch von den ebenfalls kryslallhellen oder matlgrauen, höchstens 
mohnsamengrossen Erhabenheilen im Übergangstheile, welche durch Schwellung der Follikel bediugl sind. Wir 
haben von beiden bereit» in den früheren Abschnitten gesprochen. 



Traehonia — Symptome. 109 

ben. Alle, bis auf das 9jährige Mädchen, boten diese Erscheinung nur an den untern 
Lidern dar. 

In andern Fällen bietet die Bindehaut der Lider nebst diesen Ex- 
sudaten noch die Zeichen der katarrhalischen Entzündung dar, namentlich 
die Schleimsecretion und Hyperämie, und der Kranke klagt über das Ge- 
fühl eines fremden Körpers unter dem obern Lide, auch wenn dieses 
sowohl im Tarsal- als im Übergangstheile von solchen Auflagerungen 
noch ganz frei ist. 'Die Zufalle, welche wir dem Katarrh (sensu stricto) 
zuschreiben, können beseitigt werden, sobald der Kranke aus der ge- 
sperrten unreinen Luft entfernt wird, und etwa noch ein adstringirendes 
Collyrium anwendet: jene Exsudate aber bestehen fort (wochenlang), 
und geben der Bindehaut ein lockeres, unebenes, gelblichrotb.es Aus- 
sehen. — Von Aussen erscheinen die Lider ein wenig angelaufen, die 
Lidspalte wird nicht gehörig geöffnet, das Auge ist empfindlicher gegen 
grelles Licht, gegen scharfe Luft, Staub, Rauch, Anstrengung der Seh- 
kraft u. dgl., die Lider können nach dem Schlafe schwerer geöffnet wer- 
den, auch wenn sie nicht gerade verklebt sind , und ermüden besonders 
bei künstlicher Beleuchtung so, als ob man nicht ausgeschlafen hätte. 

Geschieht hingegen die Ausscheidung rasch, so erscheint die Binde- 
haut durchaus serös geschwellt und mehr weniger hyperämisch, mit den 
genannten Körnern besetzt, und von Thränen überfluthet, in welchen hie 
und da Schleimflocken schwimmen. Die seröse Schwellung ist natürlich 
im Übergangstheile am stärksten ; in heftigeren Fällen schwillt auch die 
Conjunctiva bulbi und die Cutis der Lider stärker an (ödematös). Dabei ist 
der Kranke sehr lichtscheu, und wird gewöhnlich von heftigen, drückenden 
oder reissenden und stechenden Schmerzen gequält. — Ist das umgebende 
Gewebe stark hyperämisch, dann sieht man ganz feine Gefässreiserchen von 
demselben auf diese Exsudathügel emporsteigen, und ihnen eine röthlich- 
gelbe Farbe verleihen; der Scheitel derselben bleibt jedoch immer noch 
durchscheinend, opalartig glänzend: mittelst der Loupe sieht man um die 
noch immer deutliche Basis herum nicht selten kleine Ecchymosen. — 
Diese Hyperämie tritt von Zeit zu Zeit, wenn frische Nachschübe erfol- 
gen oder die Bindehaut sonst gereizt wird, stärker auf; man bemerkt 
sie aber auch oft, wenn Resorption jener Exsudate statt findet. Bei län- 
gerer Dauer macht sie den Papillarkörper über den Tarsus intensiv roth, 
fein zottig oder fein warzig, selbst deutlich hypertrophisch, ein Zustand, 
der noch fortbestehen kann, nachdem jene Exsudatkörner grösstentheils 
oder ganz verschwunden sind, oder bloss noch im Übergangstheile oder 
am obern Lide aufgefunden werden können. Mit diesem Zustande der 



110 Bindehaut. 

Hyperämie und der Schwellung- des Papillarkörpers ist dann auch Ver- 
mehrung und Veränderung der Secretion, wie beim Katarrh, vorhanden. 

Ich war lange der Ansicht, dass der bisher geschilderte Befund-, stets nur als 
erster Grad des Trachoma zu betrachten sei, indem ich oft genug darauf die weitern 
Veränderungen der Bindehaut und Nachbargebilde eintreten sah, welche mit jenen zu- 
sammengenommen uns eben den Begriff dieser Krankheit geben, und indem ich auch 
in zahlreichen Fällen auf jene ursächlichen Momente zurückgeführt wurde, welche das 
weiter vorgeschrittene Übel voraussetzt. Allein unbefangen und sorgfältig fortgesetzte 
Beobachtungen überzeugten mich, dass man auch hier, wie überall, sich nicht an eine 
Erscheinung allein halten dürfe, dass es kein an und für sich pathognomonisches Sym- 
ptom gebe, kurz, dass diese sulzigen, rundlichen Exsudate nicht bloss bei der in Rede 
stehenden Krankheit (Trachoma) vorkommen, sondern auch als Theilerscheinung, wenn 
gleich ungleich seltener und nur unter gewissen Verhältnissen, bei Katarrh und bei der 
Blennorrhoe nieder« Grades und langsameren Verlaufes. Hatten mich früher einzelne 
Fälle auf die Vermuthung geführt, es können wohl auch bei rein örtlichen Krankheiten, 
beim Katarrh und bei der Blennorrhoe unter gewissen Verhältnissen ganz gleiche Exsudate 
auftreten, so wurde ich endlich durch die Beobachtung der sogenannten Ophthalmia mili- 
taris (vergl. S. 70) und durch nachfolgende Beobachtung über dieses Verhältniss aufgeklärt. 

Aus dem hiesigen Waisenhause zu Set. Johann, welches ohngefähr 80 Knaben 
im Alter von 6 — 13 Jahren versorgt, wurden mir vom Med. Ordinarius des Hauses, 
Dr. Junyk, seit dem Sommer 1849 mehrere Zöglinge zugeschickt, welche auf beiden 
Augen jenen Zustand darboten, den ich oben als Trachoma 1. Grades mit katarrhali- 
schen Zufällen beschrieben habe. Der Umstand, das bis Mitte Jänner 1850 bereits 5 
derart erkrankte Knaben mich besuchten, bestimmte mich, das ganze Institut zu unter- 
suchen. Ich fand Anfang Februar unter 78 Zöglingen, welche eben zu Hause waren, 
nur 39 ganz gesund ; von den erkrankten zeigten 9 bloss eine mehr weniger dicht 
netzförmige Injection und Lockerung oder leichte Schwellung der Bindehaut über dem 
Tarsus und im Übergangstheile, und nur geringe, eiweiss- oder schleimähnliche Se- 
cretion (in Form eines halbdurchsichtigen Fadens oder einer blassgelblichen Flocke), 
ohne dass sie übrigens von Lichtscheu, Thränenfluss , Druck unter dem obern Lide 
u. dgl. merklich belästigt wurden. Bei den übrigen (30) sassen theils über dem Tarsus 
(mit Ausschluss eines etwa 1 Linie breiten Saumes längs der innern Lefze), theils im 
Übergangstheile und besonders in der Übergangsfalte, bei vielen aber auch in der 
Coiijunctiva bulbi (nächst der Concavität der halbmondförmigen Falte und im oberen 
Umfange der Scleralbindehaut) gelbliche, sulzige, halbdurchsichtige, glatte Körnchen 
oder Hügel, welche in der Übergangsfalte häufig zu länglichen, darmähnlichen Wülsten 
verschmolzen waren. Diese Hügel konnten weder für hypertrophische Papillen , noch 
für geschwellte Follikel gehalten werden, weil sie auch an der Conjunctiva bulbi be- 
obachtet wurden. Sie erschienen in allen Fällen über dem Tarsus viel kleiner, als im 
Übero-ano-stheile. Die Bindehaut selbst war in mehreren Fällen auffallend bla^s (bei 
schwächlicheren, schlechter aussehenden Kindern), in andern dicht netzförmig und hell 
geröthet, in den meisten gelblich roth, und im Allgemeinen etwas schlaffer und locke- 
rer aussehend, wenigstens im Übergangstheile; rücksichtlich der Secretion und der 
Sensationsanomalien verhielten sich diese Fälle im Allgemeinen nicht anders, als die, 
welche (\tn Zustand eines einfachen Kalarrhes darboten. Nur eine geringe Zahl der 



Trachoma — Symptome — Diagnosis. 111 

Kinder war iür auffenkrank gehalten worden; man war daher nicht wenig üherrascht, 
dass ich so viele für krank erklärte. Es konnten mir daher auch üher die Dauer, Ent- 
stehung und Ausbreitung des Übels keine Aufschlüsse gegeben werden. — Die Kinder 
wohnen seit dem Herbste 1849 im Piaristenkloster, nachdem das für sie bestimmte, viel 
gesünder gelegene, mit einem grossen Hofraume und Garten versehene und geräumige 
Zimmer enthaltende Waisenhaus anfangs zu einem Choleraspilal, später zu einer Militär- 
Kaserne bestimmt worden ist. Die im Piaristenkloster ihnen zugewiesenen Zimmer sind 
niedrig, relativ klein, für Licht und frische Luft wenig zugänglich; auch bei offenen 
Fenstern (in den Frühlings- und Sommermonaten) kam mir die Luft darin noch immer 
dunstig und dumpfig vor. -» 

Zunächst drang sich die Frage auf, ob das Übel ansteckend sei, oder ob so 
viele Individuen zugleich (oder doch kurz nach einander) nur desshalb ergriffen wor- 
den waren, weil sie alle denselben schädlichen Einflüssen ausgesetzt waren. Stellte 
sich das Übel als ansteckend heraus, so war zu ermitteln, ob das Contagium von 
aussen eingeschleppt oder in der Anstalt selbst sich entwickelt hatte. Leider war ich 
nicht in der Lage, alle notwendigen Erhebungen zur Beantwortung dieser Fragen 
pflegen zu können. So viel aber kann ich in Bezug auf die Contagiosität mit Be- 
stimmtheit versichern, dass von dem Lehr- und Dienstpersonale des Institutes Niemand 
erkrankte (und die Lehrer waren doch viele Stunden des Tages, 4 — 5, in den gedrängt 
vollen Lehrsälen), dass auch von Verschleppung der Krankheit durch die Kinder zu 
ihren Altern oder Geschwistern trotz der öfter stattfindenden Besuche kein Fall aus- 
findig gemacht werden konnte, dass trotz der Einführung von Vorsichtsmaassregeln, 
welche geeignet waren, die Ansteckung durch Übertragung (Betastung) zu verhüten, 
dennoch in den nächsten 6 Wochen noch viele Knaben (zusammen über 50) erkrank- 
ten, und dass mehrere Impfungen, welche ich mit dem schleimigen Secrete vornahm, 
keinen Ausbruch der Krankheit bewirkten. — Musste nun der Grund des Übels mit 
grösster Wahrscheinlichkeit nicht in Ansteckung, sondern in Einwirkung schädlicher 
Einflüsse gesucht werden , welchen diese Kinder sämmtlich ausgesetzt waren, und 
welchen nur die geringere Zahl widerstand, so f'rug sich's, ob diese Einflüsse sich nur 
bei jenen geltend machen konnten, welche schon eine krankhafte Disposition in sich 
trugen, oder auch bei ganz gesunden Kindern, und ob diese Einflüsse auf die ganze 
Consituation einwirkten, oder aber ob sie bloss die Augen, die Bindehaut trafen"")- — 
Eine genaue Untersuchung sämmtlicher (78) Zöglinge nach den Ferien (am 12, Octo- 
ber) ergab folgenden Befund. Von 23 Neuaufgenommenen hatten nur 15 noch ganz 
gesunde Augen; bei 1 zeigte bloss das linke, bei 2 das rechte und linke Auge netz- 
r förmige Röthe und Lockerung der Bindehaut mit sparsamer Schleimsecretion, und bei 
5 waren nebstdein an den untern Lidern staub- und mohnkorngrosse, gelbliche Hügel- 
chen vorhanden, welche sich bei dem einen auch bereits an den obern Lidern zeigten. 
Von diesen 8 Knaben war nur der eine (und zwar der, welcher bereits oben und 
unten solche Exsudate darbot) erst 8 Tage, die andern aber 2 bis 8 Wochen in der 

°) Zwischen Luft und Bindehaut iindet ohne Zweifel eine Wechselwirkung slalt, welche für die Vegetation der Bin- 
dehaut von grossem Einflüsse ist. Die Qualität der Lull dürfte für die Function der stets feuchten Bindehaut 
eben so wenig gleichgültig sein, als für die Schleimhaut der Respirationsorgane. Übermässig langes Wachen 
führt zu stärkerer Injectiou der Bindehautgefässe ; aber auch nach dem Schlafe sind dieselben mehr injicirt; wer- 
den viele Personen längere Zeit in einem engen Räume eingeschlossen, so wird die Bindehaut des Augapfels 
gleichfalls riilher und schlaffer. 



112 Bindehaut. 

Anstalt; von den 15 Gesunden war nur Einer 14 Tage, die andern alle eine kürzere 
Zeit daselbst. Von den übrigen (55) Kindern, welche bereits länger (1 — 5 Jahre) in 
der Anstalt waren, konnten nur 5 für ganz gesund erklärt werden; 2 zeigten bloss 
netzförmige Injection, Lockerung und sparsame Schleimsecretion der Bindehaut; 48 
boten nebstdem die Bildung jener Exsudate in den mannigfachsten Abstufungen (nach 
Grösse, Zahl und Ausbreitung) dar. — Als ich nun am 22. December d. J. wieder alle 
Kinder durchmustert, und den Befund mit der Beschreibung vom 12. October verglich, 
ergab sich, dass von jenen 23 Neulingen seitdem wieder 5 erkrankt waren, 1 mit ein- 
fach katarrhalischen Erscheinungen, 4 überdiess mit jenen kleinen solitären Exsudaten-; 
dagegen waren von den früher Kranken 2 genesen, und 1 zeigte nun auch an den 
obern Lidern solche Körnchen. Der Zustand der altern 55 Zöglinge war im December 
im Allgemeinen besser, als im October, wobei übrigens nicht unbemerkt bleiben darf, 
dass man in der Zwischenzeit alle mögliche Sorgfalt angewandt hatte, die Luft in den 
Zimmern rein zu erhalten, und die Kinder in's Freie zu schicken. Wir fanden nament- 
lich bei allen die Injection und die Schleimproduction der Bindehaut viel geringer, bei 
vielen Fällen mit Granulationen letztere ganz fehlend ; die 5 im October gesund Be- 
fundenen waren es noch, die 2 mit einfach katarrhalischen Erscheinungen waren jetzt 
ganz genesen, 7 mit leichter Exsudatbildung waren nun auch von dieser befreit, und 
bei 5 waren die Granulationen sparsamer und flacher (selbst nur als gelbe Flecke 
wahrnehmbar) geworden; nur bei 3 erschienen die Exsudate grösser, und bei 1 hatten 
sie sich auch an den obern Lidern stark entwickelt. 

Zur Erläuterung möge die specielle Beschreibung einiger Fälle dienen. Kallas 
A., 1 Jahr in der Anstalt, von gesundem Aussehen, leidet seit unbestimmt langer Zeit 
an beiden Augen. Befund am 12. October. Die Bindehaut der Lider gelblich roth, 
gelockert, die Meibomschen Drüsen deutlich durchscheinend; etwa V" hinter der innern 
Lefze des Lidrandes beginnen zahlreiche , kaum mohnkorngrosse , fischrogenähnliche 
Körnchen ; der Tarsaltheil das obern Lides zeigt denselben Zustand, nur sind diese 
Körnchen gegen den Winkel und gegen den Orbitalrand des Tarsus hin gedrängter und 
grösser ; der Übergangstheil frei von solchen Körnern , nur leicht geschwellt ; keine 
Schleimsecretion (wenigstens nicht im Momente der Untersuchung) , keine Klage über 
Drücken, Lichtscheu u. dgl. Unter der Loupe erschien die für das freie Auge gelblich 
röthliche Bindehaut massig dicht injicirt, hie und da röthlich punktirt, und darauf opal- 
artig glänzende, halbdurchsichtige, ganz glatte Hügelchen. Am 22. Dezember war der 
Befund im Ganzen derselbe, nur der Übergangstheil bereits auch mit solchen Körnchen 
besetzt. - — Hepncr, 2 Jahre in der Anstalt, hatte im Herbste 1849 dasselbe Leiden mit 
exquisit grossen Körnern gehabt, und mich desshalb durch einige Monate besucht, um _ 
mit Cuprum sulfuricum touchirt zu werden. Nachdem die Exsudate grösstentheils resorbirt 
waren, war er nicht mehr bei mir erschienen. Wir fanden am 12. October 1850 die 
Exsudate bis auf kleine lichte Stellen verschwunden , nur im Übergangstheile noch 
zahlreiche, hirschkorngrosse Körner , und am 22. December waren auch diese völlig 
verschwunden, die Bindehaut durchaus normal, nur etwas mehr gelblich uad schlaffer, 
als gewöhnlich. — Martinovsky, 4 Jahre in der Anstalt. Am 12. October : Die Binde- 
haut schütter netzförmig injicirt, über dem Tarsus zerstreute und kleine, im Übergangs- 
theile etwas grössere und mehr gedrängt stehende Körnchen; der Befund an den obern 
Lidern beinahe derselbe, nur die Exsudate kleiner und sparsamer; im obern Umfange 
der Conjuncliva bulbi zahlreiche, halbdurchsichtige gelbliche Hügel ; zwischen den 



Ti'ciehoina — Symptome — Diagnosis. 113 

Cilien einige Schleimkrusten. Am 22. December konnte der Knabe unter die Gesunden 
gezählt werden. — Seidl, 1 Jahr in der Anstalt, von blühend gesundem Aussehen. Am 
12. October gleichfalls beide Augen ergriffen; zwischen den Cilien ein wenig Schleim, 
alle 4 Lider leidend, die obern jedoch relativ wenig; die Bindehaut überall vollkom- 
men durchscheinend , schütter netzförmig geröthet , an den untern Lidern über dem 
Tarsus kleine und solitäre, im Übergangstheile und an der halbmondförmigen Falte 
hirschkorngrosse, gelbliche, sulzige, rosenkranzähnlich an einander gereihte Körner; an 
dem linken Auge auch auf der Conjunctiva bulbi einige solche Exsudate. Am 22. 
December waren auch an den obern Lidern namentlich gegen die Winkel hin ziemlich 
grosse Körner zu bemerken. 

Alle Thatsachen, welche ich an den Zöglingen des Waisenhauses im Verlauf 
von fast 1 V a Jahren wahrgenommen, bringen mich zu dem Schlüsse, bei diesen Kin- 
dern habe sich in Folge der Verhältnisse, unter denen sie leben, namentlich in Folge 
der gesperrten Luft eine eigenthümliche Vegetationsanomalie der Bindehaut erzeugt, 
welche jenem Zustande, den wir Katarrh nennen, noch am nächsten steht. Ich sah 
mehrmals in Fällen, wo anfangs nur rein katarrhalische Zufälle an der Bindehaut wahr- 
genommen worden waren, jene eigenthümliche Exsudate auftreten, und dabei die 
übrigen Zufälle fortbestehen oder auch mehr weniger zurücktreten. Ich möchte diesen 
Zustand nicht zu den Blennorrhöen rechnen ; es fehlte das primäre Schwellen des Pa- 
pillarkörpers , es fehlte die Production schleimig eitrigen Secretes, oder dieses war 
doch auffallend spärlich, es fehlte endlich die Contagiosität, oder musste wenigstens 
sehr in Zvveifel gezogen werden. Ich kann diese Krankheit aber auch nicht als Tra- 
choma bezeichnen, weil, ausser der Bildung jener eigenthümlichen Exsudate die übri- 
gen Erscheinungen, welche zusammen genommen uns eben den Begriff des Trachoma 
geben, nicht vorhanden waren , und namentlich die consecutiven Zufälle in keinem 
Falle beobachtet wurden. Ich habe bei einigen Knaben hirse-, ja beinahe hanfkorn- 
grosse Auflagerungen durch mehr als 6 Monate beobachtet, und demnach weder eine 
Infiltration des Knorpels, noch auch nur eine nachträgliche Schrumpfung der Bindehaut 
eintreten sehen. Ich habe in keinem einzigen der mitunter sehr heftigen Fälle den 
Bulbus auf andere Weise mitleiden sehen, als dass in der Sclerabindehaut sich ein- 
zelne derlei Exsudate zeigten. Ich fand durchaus keinen wesentlichen Unterschied am 
Auge; ob nun das Kind ganz gesund oder schwächlich oder manifest scrofulös aussah. 
Ja gerade zwei Kinder, die lange an Conjunctivitis scrofulosa litten, zeigten auch nach 
mehrmonatlichem Aufenthalte unter den übrigen Kindern keine Spur jener sogenannten 
Granulationen. 

Ich betrachte demnach die Bildung dieser eigenthümlichen Exsudate als etwas 
Accessorisches, um so mehr, nachdem ich mich überzeugt habe, dass solche graue Gra- 
nuletionen , wie man sie auch genannt hat, auch bei Blennorrhoe auftreten können, 
und zwar nicht blos bei Blennorrhöen, welche unter dem Militär und andern geschlos- 
senen Körperschaften massenweise auftreten , sondern auch bei isolirt vorkommenden, 
z. B. durch Impfung mit Triperschleim erzeugten Blennorrhöen. Nur durch diese An- 
schauungsweise glaube ich der Anforderung genügen zu Können, dass man jede Krank- 
heit und jedes Glied derselben nach allen Beziehungen auffasse, nicht aber eine Erschei- 
nung allein aus der ganzen Reihe herausgreife, und sodann als Krankheit hinstelle. Wer 

aber jede Krankheit der Bindehaut, welche jene „grauen Granulationen" darbietet, ohne- 
Arli, i. o 



114 Bindehaut. 

weiters Trachoma nennt, der hat einen andern Standpunkt gewählt; er nennt mit diesem 
Worte ein Symptom, nicht eine Krankheit. 

Um in jedem speciellen Falle zu bestimmen, ob dieser Befund die 
Bedeutung eines rein örtlichen, bloss durch aussetze Verhältnisse bedingten 
Leidens habe, oder aber als Ergebniss eines Allgemeinleidens, als erste 
Reihe jener Erscheinungen zu betrachten sei, welche wir als dem Tra- 
choma zukommend noch weiterhin angeben werden, hat man jedesmal 
nebst dem örtlichen Befunde auch alle die Momente zu berücksichtigen, 
welche auf die Herbeiführung dieses Zustandes Einfluss genommen haben 
konnten, und welche wir theils im I. und II. Abschnitte angeführt haben, 
theils in diesem Abschnitte (über Verlauf — Ursachen und Vorkommen des 
Trachoms) noch anführen werden. Wir werden auch hier gar oft nicht 
im Stande sein, eine bestimmte Diagnosis zu stellen, wie wir bei Blen- 
norrhöen minder heftigen Verlaufes gleichfalls oft nicht sogleich zu ent- 
scheiden vermögen, ob wir einen Katarrh oder eine Blennorrhoe vor uns 
haben (nach dem momentanen Befunde). 

Anders verhält sich's, wenn die Krankheit bereits den 2. Grad 
erreicht hat. — Im Stadium der Infiltration der Exsudate in das Pa- 
renchym der Bindehaut und der unterliegenden Gebilde sind die Erschei- 
nungen am Auge selbst schon so charakteristisch, dass gewöhnlich schon 
aus ihnen allein die Diagnosis „Trachoma" gestellt werden kann. 

Nebst den Auflagerungen, welche wohl auch schon grösstentheils 
resorbirt sein können, sieht man entweder im Tarsal- oder im Über- 
gangstheile, in der Regel aber in beiden zugleich ganz dieselben gelb- 
lichen, sulzigen, etwas durchsichtigen Körner tief eingebettet, und zwar 
stellenweise, einzeln oder gruppenweise (Aggregate von gelatinähnlichen 
Kugeln) oder durchaus als mehr gleichmässige, nur durch flache Erhe- 
bungen unebene sulzige Infiltration der ganzen Bindehaut, und dabei auch 
die Lidknorpel dicker, minder geschmeidig, derb und prall. 

Untersucht man die Bindehaut zur Zeit der eben stattfindenden Abla- 
gerung oder zur Zeit eines frischen Nachschub es von Exsudaten, was bei 
etwas acuterem Vorgange des Processes unter starker Hyperämie, Lichtscheu, 
Thränenfluss und heftigen Schmerzen geschieht, so erscheint der zwischen den 
Infiltraten befindliche Papillarkörkörper blutreich (hell- oder dunkelroth) und 
stark geschwellt, der Übergangstheil licht- oder schmutzig-roth, von den ger- 
nannten Körnern durchsetzt, und in dem reichlichen wasserklaren Secrete 
schwimmen hie und da gelbliche Flocken. Tritt nun auch noch seröse Schwel- 
lung der Bindehaut des Augapfels und Ödem der Lider dazu, so könnte die 
Krankheit wohl mit einer Blennorrhoe des 2. oder 3. Grades verwechselt 



Trachoina — Symptome — Diagnosis. 115 

werden; doch steht die Menge des consistenten Secretes hier in keinem 
Verhältnisse zur Schwellung der Bindehaut und der Lider, und die Be- 
achtung der Entwicklung, des Verlaufes und des eigentümlichen Ver- 
haltens jener selbstständigen Exsudate vermag die Diagnosis zu sichern. 
Das eigenthümliche Verhalten der Exsydate liegt eben darin, dass sie 
auch im Tarsaltheile tief eingebettet, wenn nicht als gleichmässig tiefere 
Infiltration, und nicht, wie bei Blennorrhöen langsameren Verlaufes, als 
mächtiger aufgelagertes Exsudat auf den vergrößerten Papillen erscheinen. 

Erfolgte diese Ablagerung allmälig, oder ist die damit auftretende 
Blutüberfüllung und seröse Schwellung bereits zurückgegangen, so findet 
man weiter keine oder nur sehr wenig Absonderung schleim- oder 
eiweiss-ähnlieher Materie, und die Bindehaut erlangt allmälig nicht nur 
ein zur Schwellung (Verdickung) auffallend blasses (gelblichtroth.es), son- 
dern auch ein relativ mehr trockenes Aussehen. Die den Tarsus über- 
ziehende Partie erscheint gewöhnlich durchaus graugelblich, aufgewulstet, 
wie sulzig, doch derb, anämisch, und auf dieser ziemlich gleichmässig 
verbreiteten Wulstung sieht man hie und da noch sagoähnliche Erhö- 
hungen. In andern Fällen erscheinen nur einzelne Partien so verändert, 
und zwischen denselben sieht man Papillarkörper in hypertrophischem, hy- 
perämischem und geschwelltem, oder auch in ziemlich normalem Zustande. 
Die Übergangsfalte ist blassroth oder gelblichroth, von sulzigen Körnern 
wie von gekochtem Sago durchsetzt, nach längerem Bestände des Übels 
oft in eine Art Wulst erhoben, welche bei starkem Abziehen des untern 
Lides frei emporragt, und auch durch die stärkste Ausdehnung sich nicht 
verschwinden machen (ausglätten) lässt. In solchen Fällen ist auch die 
Veränderung der Lidknorpel bereits deutlich ausgesprochen. Besonders 
ist es das obere Lid, welches dicker, minder geschmeidig und schwerer 
umstülpbar wird. 

Mit dieser Infiltration der Bindehaut, des Knorpels und des sub- 
mueösen Bindegewebes (im Übergangstheile) tritt nun in der Regel auch 
Exsudation an der Conjunctiva bulbi, namentlich am Limbus conjunctivae 
und von da auf der Cornea ein. Letztere ist unter dem Namen Pannus 
beschrieben worden. Die Bildung des Pannus erfolgt gleichfalls entweder 
allmälig, unvermerkt, oder stürmisch, unter heftigen Zufällen. Sie hat die 
grösste Ähnlichkeit mit dem Vorgange bei Conjunctivitis scrofulosa, welche 
in vielen Fällen auch schon früher, gleichsam als Vorläufer, intercurrirt. 
Es wird nämlich das Bindehautblättchen (die Epithelialschicht) der Cornea 
— gewöhnlich vom obern Rande her — trüb, mattgrau, sueculent, und 
allmälig von Gefässen durchzogen, welche deutlich als Fortsetzungen der 

8* 



116 Bindehaut. 

Gefässe der Conjunctiva bulbi, zum Theil auch der vordem Ciliargefässe 
erscheinen; weiterhin wird das Epithelium hie und da durch grauliche 
Exsudate in Form kleiner Hügelchen emporgehoben, die Oberfläche der 
Cornea deutlich uneben, wie mit Staub oder Gries bestreut. Dabei kann 
die Gefässentwicklung so reichlich sein, dass die Cornea, ja der ganze 
Bulbus wie mit einem rothen Tuche belegt aussieht (Pannus vasculosus 
s. tenuis). In andern Fällen wird die Cornea mit einer dicken Schichte 
graulichgelben Exsudates — stellenweise oder durchaus — und von 
mehr weniger zahlreichen Gefässen tiberzogen, so dass die tiefern Ge- 
bilde gar nicht mehr durchscheinen (Pannus carnosus s. crassus), und 
bleibt Wochen-, Monate -lang in diesem Zustande. Die Exsudate 
durchlaufen dann ähnliche Metamorphosen, wie die an den Lidern ab-, 
gesetzten, worauf wir später zu sprechen kommen werden. Es geschieht 
aber auch, dass solche umschriebene Exsudate auf der Cornea sich ganz 
so verhalten, wie jene bei der Conjunctivitis scrofulosa, zur oberfläch- 
lichen oder tieferen Geschwürsbildung führen. Das Nähere hierüber kann 
erst bei der Schilderung des Verlaufes und der Ausgänge dieser Krank- 
heit gegeben werden. 

Der folgende Fall mag zur Erläuterung des acuten Auftretens tieferer Infiltration 
dienen. — F. E., 20 Jahre alt, Ladendienerin in einer Schnittwaarenhandlung, schlief in 
einer engen, finstern, mit Menschen überfüllten Wohnung der Judenstadt, war aber 
stets gesund und seit 3 Jahren regelmässig menstruirt. Sie ist kräftig gebaut, üppig 
genährt, mit lebhaft gerötheten Wangen. Vor 3 Monaten erkrankte sie an den Augen- 
ohne bekannte Ursache, ohne in die Nahe eines Augenkranken (mit Verdacht auf An, 
steckung) gekommen zu sein, unter drückenden Schmerzen in beiden Augen, mit 
Lichtscheu, Thränenfluss und starker Röthe des Weissen im Auge; die ersten Erschei- 
nungen waren constant am Morgen intensiver, und Hessen von circa 3 Uhr Nachmittags 
in der Regel nach. Das Übel wechselte unter der Behandlung mit Blutegeln, Augen- 
salben, Vesicantien und Purgirmitteln , wurde "bald geringer, bald heftiger. Am 30. 
September kam die Kranke in's Spital. — Ausdruck heftiger Lichtscheu, so dass die 
genauere* Untersuchung erst den 3. Tag vorgenommen werden konnte. Die Lidränder 
etwas angelaufen und geröthet, reichlicher Thränenfluss, keine Schleimansammlung- 
Die Bindehaut im Tarsal- und Übergangstheile des rechten Auges gleichmässig gerö- 
thet, in letzterem geschwellt, die Meibom'schen Drüsen nur gegen den Lidrand her 
etwas durchschimmernd; ohngefähr V" hinter dem Lidrande und weiterhin bis in die 
Übergangsfalte sieht man in der stark gelockerten Bindehaut zahlreiche, mohn-, hirsen- 
korngrosse, sulzige, froschlaichähnliche, durchscheinende, hügelartige Auflagerungen, 
die Conjunctiva sclerae von der Peripherie her von zahlreichen Gefässen durchzogen 
(wovon einzelne wie Besenrüthchen zur Cornea streichen), aufgelockert, hie und da I 
mit ähnlichen Exsudaten durchsetzt; der Limbus conjunctivae von oben und von innen 
her stark injicirt, infiltrirt, wie bestaubt; im Bereiche der durchsichtigen Hornhaut 
einige punktförmige, gelblichgraue, ganz wenig erhabene Exsudate, zu welchen sich 



Trachoma — Symptome — Diagnosis. 117 

einige Gefässchen vom benachbarten Limbus conjunctivae erstrecken. Brennende und 
reissende Schmerzen in den Augen. — Massige Verdunklung, Infus, sennae c. sale 
aniaro, 6 Gran weissen Präcipitates mit 10 Gran Extr. beilad. auf 1 Drachme Fett alle 
3 Stunden an die Stirn und Schläfe abzustreichen, die Nahrung auf Suppe und Obst- 
speise beschränkt. — Bis zum 6. October war die Lichtscheu grösstenteils behoben, 
am 10. konnten die Auflagerungen der Bindehaut bereits mit Cuprum sulphuricum tou- 
chirt werden, nachdem die Schwellung des Limbus conjunctivae zurückgegangen und 
die Exsudate auf der Cornea grössentheils resorbirt waren. Am 21. waren auch die 
Exsudate im Tarsal- und Übergangstheile schon bedeutend kleiner, und am 26. befand 
sich die Kranke bereits so wohl, dass wir keinen Anstand nahmen, sie zu entlassen. 
Das linke Au°-e hatte ausser Hyperämie der Bindehaut keine merklichen krankhaften 
Erscheinun°en dargeboten. — Am 20. November kam die Kranke wieder in die An- 
slalt. Angeblich nach Verkühlung hatten sich brennende und stechende Schmerzen in 
den Augen und heftige Lichtscheu eingestellt; diese Symptome waren auch diesmal 
des Morgens viel heftiger gewesen. Wir fanden das obere Lid des rechten Auges 
stark geschwollen, den Augenbrauenbogen etwas überragend, blassroth, weich, nicht 
besonders empfindlich, noch wärmer; das untere Lid minder stark geschwollen; Aus- 
druck der heftigsten Lichtscheue, beim gewaltsamen Offnen der Lidspalte entleert sich 
ein Strom heisser, wasserklarer Flüssigkeit. Die Bindehaut über dem Tarsus des untern 
Lides nicht netzförmig geröthet, gelockert und geschwellt; hie und da sieht man gegen 
den Rand her die Meibom'schen Drüsen durchschimmern; weiterhin sieht man hirse- 
korngrosse, gelbe, von Gefässchen überschlängelte Körnchen auf der Bindehaut sitzen, 
am zahlreichsten in dem stark geschwellten Übergangstheile. Die Bindehaut des obern 
Lides, so weit sie besichtigt werden konnte, ebenso beschaffen. Die Conjunctiva bulbi 
grobmaschig injicirt, in einzelnen Fällen mit mohnkorngrossen, blassgelblichen, halb- 
durchsichtigen Bläschen versehen, besonders nach oben und innen. Der Limbus con- 
junctivae von oben her stärker injicirt; im Bereiche der durchsichtigen Cornea mehrere 
gelblichweise, hirsekorngrosse , ein wenig erhabene Flecken (flache Pusteln). — Am 
linken Auge die Cornea und Conjunctiva bulbi frei, die Bindehaut der Lider fast eben 
so beschaffen, wie auf dem rechten Auge. Dumpfer Kopfschmerz, glühend heisse und 
rothe Wangen, beschleunigter Puls , zeitweise Schwindel. — Behandlung wie beim 1. 
Anfalle ; gar keine Linderung. Am 25. Eintritt der Menstruation, hierauf Linderung der 
Kopf- und Augenschmerzen und der qualvollen Lichtscheue. Vom 29. an wurde % Gran 
Coniin täglich 2mal verabreicht, musste jedoch bald mit einem kühlenden Abführmittel 
vertauscht werden. Die Exsudate auf der Cornea erweichten, und es entstanden kleine 
Geschwürchen mit zahlreicher Gefässentwicklung; die Lichtscheu dauerte in gleichem 
Grade fort, mit unbedeutenden Schwankungen. Am 12. December setzten wir 8 blutige 
Schröpfköpfe in die Kreuz- und Lendengegend, und rieben die Brechweinsteinsalbe 
mit Seidelbast zwischen die Schulterblätter ein, während innerlich Decoct. graminis mit 
Kali tartaricum fortgesetzt wurde. Vom 16. an besserte sich der Zustand täglich mehr 
und mehr; nicht nur Lichtscheu und Schmerzen wurden geringer, sondern auch die 
Exsudate in der Conjunctiva nahmen merklich ab. Jetzt erst konnten wir die Binde- 
haut in ihrer ganzen Ausbreitung untersuchen. Die beinahe farblosen Exsudatkörnchen 
in der Conjunctiva bulbi waren grösstentheils verschwunden ; wurde das obere Lid stark 
aufwärts gezogen, und zugleich der Bulbus abwärts gerollt, so bemerkte man eine 
gegen 2 Linien breite und an 3 / 4 Linien dicke Wulst, die geschwellte und von zahl- 



1 1 8 Bindehaut. 

reichen, hirsrkorngrossen, gelblichen, su!zi»en Exsudatkugeln durchsetzte Übergangs- 
falle, welche den Bulbus oben gürtelförmig umfassle. Unter Fortsetzung der Medicin 
wurde durch mehrere Tage die Salbe von weissem Präzipitat und Extr. beilad. an die 
Stirn eingerieben, und tätlich ein Tropfen laudanum liq. in's Auge geträufelt. Dabei 
verlor sich die Lichtscheu gänzlich, die Lockerung und der Gefässreichthum der Binde- 
haut nahmen zusehends ab, die seichten Hornhatitgeschwüre wurden reiner. Vom 3. 
Jüner konnten bereits die Touchirungen der Lidbindehaut und jenes wulstigen Gür- 
tels am oben) Unifange der Sclera vorgenommen werden. Die Verabreichung von 
Medicamenteri erschien weiter nicht nothwendig, die Kranke wurde so viel als möglich 
in's Freie geschickt ; am 5. Februar konnte sie entlassen werden. Die rechte Hornhaut 
bot nun an der Stelle der früheren Exsudate und Geschwürchen leichte Trübungen, die 
Conjnnctiva palpebr. nur im Übergangstheile leichte Schwellung mit kleinen Resten der 
kornigen Exsudate dar. Das linke Auge hatte keine ortliche Behandlung erfordert. 
Die Exsudatkörner im Tarsal- und Übergangstheile waren hier allmälig verschwunden, 
die Conjunctiva bulbi und die Cornea nie afficirt worden. Von Schleimsecretion war 
während der ganzen Krankheit äusserst wenig zu bemerken, nur Verklebung der Cilien 
in Büschel war durch längere Zeit vorhanden gewesen. 

In wie fern der jeweilige Symptomencomplex durch die Metamorphosen, 
welche die Exsudate selbst und die davon infiltrirten Gebilde erleiden, 
und welche oft an dem einen Lide oder auch nur an einem Theile eines 
Lides bereits eingetreten sind, während an andern Partien noch frische 
Infiltration statt findet, mit der Zeit verändert wird, kann erst im nächsten 
Absätze auseinander gesetzt werden. 

Verlauf und Ausgänge. Die Krankheit zeigt im Allgemeinen 
einen chronischen Verlauf, selbst wenn sie unter acuten Zufällen aufge- 
treten ist; sie dauert Monate-, in der Regel Jahre-lang, und setzt 
auch der rationellsten Behandlung nicht selten die grösste Hartnäckigkeit 
entgegen, sei es nun dadurch, dass von Zeil zu Zeit wieder frische Ex- 
sudate nachkommen, oder dadurch, dass die Resorption der vorhandenen 
nicht vor sich gehen will. Sie führt sehr häufig zu mehr weniger be- 
trächtlicher Beeinträchtigung des Sehvermögens, selten jedoch zu gänz- 
lichem (und unheilbarem) Verluste desselben. 

Die Krankheit entwickelt sich oft, nachdem die Erscheinungen der 
Conjunctivitis scrofnlosa längere Zeit oder zu wiederholten Malen vor- 
ausgegangen sind, seltener nach Blepharadenitis. Die entzündlichen Zufälle? 
Virelche die raschere und namentlich die tiefere Infiltration begleiten, 
zeichnen sich häufig durch enorme Lichtscheu und Thränenabsonderung, 
durch morgendliche Exacerbation, nicht selten mit Bläschen- oder Pustel- 
eruption auf der Cornea oder deren Linibus aus. Diese Erscheinungen 
treten oft ohne äussere Veranlassung auf, machen bei der sorgfältigsten 
Pflege und Behandlung bald auf dem einen, bald auf dem andern Auge 



Traelioma— Verlauf — Ausgänge.. 119 

Recidive, am häufigsten im Spätherbste oder zeitig im Frühlinge, und 
dauern mit einer Hartnäckigkeit an, die den Kranken, wie den Arzt muth- 
los machen kann. Solchen Anfällen geht manchmal ohne alle andere 
Ursache Fieber voraus. Der 1. Grad lässt vollständige Heilung zu, von 
selbst oder durch Unterstützung von Seite der Kunst. Die Exsudate 
werden allmälig resorbirt. Die Körner werden flacher, und es erscheint 
dann an der Stelle des gelben Hügels (über dem Tarsus) bloss ein gelb- 
licher lichter Fleck, bisweilen selbst eine lichte Vertiefung, welche allmälig 
kleiner wird, wohl auch ein schiefergraues Pünktchen (durch einige Zeit) 
hinterlässt. Allmälig wird dann auch die umgebende Bindehaut wieder 
blässer und durchscheinend , endlich durchaus normal. — Piringer *), 
welcher diesen Zustand der Bindehaut ganz naturgetreu beschrieben hat? 
sah denselben durch 5 Jahre an einem 15jährigen scrofulösen Militär— 
erziehungsknaben unverändert fortbestehen. — Vereiterung oder Ver- 
jauchung dieser Exsudathügel sah ich nie eintreten; nur in einem Falle 
erfolgte eine Art Zerfallen des Exsudates, jedoch ohne consecutive Ge- 
schwürsbildung in der Bindehaut. 

J. B., 36 Jahre alt, Schneider, früher Soldat, kam am 5. November 1849 wegen 
Entzündung des rechten Auges auf die Augenklinik. Beide Augenlider geschwollen, 
die Geschwulst blassroth, wenig empfindlich, wenig wärmer, höher als der Augen- 
brauenbogen. Die Lidspalte kann kaum auf 1 Linie weit geöffnet werden; die Cilien 
durch etwas gelblich-schleimiges Secret und Thränen in Büschel verklebt, in dem 
reichlichen, wasserklaren Secrete der Bindehaut (Thränen ?) schwimmen einzelne gelb- 
liche Flocken. Die Bindehaut über dem Tarsus leicht geschwellt, netzförmig injicirt, 
durchscheinend (die Meibom'schen Drüsen sichtbar), dagegen im Übergangstheile stark 
geschwollen, wulstig, gleichmässig geröthet, hie und da ecchymotisch, mit zahlreichen 
Erhabenheiten bezetzt, welche sich zum Theil in den Tarsaltheil herein erstrecken. 
Diese Erhabenheiten oder Körner sind mohn-, hirsekorngross, durchscheinend, gelblich 
grau, einige davon gelblich weiss und matt, wie erweichter Tuberkel; die meisten 
dieser Körner sitzeji gleichsam im Parenchym, ragen wenig über die Oberfläche der 
gelockerten und gewulsteten Bindehaut empor. Die Conjunctiva bulbi stark geschwol- 
len, einen gegen 1 Linie hohen schlaffen Wall um die Cornea bildend, gelblich blass- 
roth (serös infiltrirt und von zahlreichen Gefässen durchzogen), auf dem Bande der 
Cornea (limbus conjunctivae) als weisslicher Beifen noch fest anliegend. Die Cornea 
und die übrigen Gebilde des Auges normal. Massige Lichtscheu, Gefühl und Druck 
unter den Lidern, zeitweise Stechen im Auge, über Tag fehlend oder nur gering, 
Abends und in der Nacht ziemlich stark vorhanden. — Das linke Auge wird als ge- 
sund bezeichnet, doch findet man seine Bindehaut etwas mehr injicirt, den Übergangs- 
theil mit zahlreichen, mohnkorngrossen , graugelben, glatten, etwas durchscheinenden 
Körnchen besetzt, am untern Lide zahlreicher und mächtiger, als am obern, übrigens 

•) Die Blennorrhoe am Slensehenau^e, Gratz 1851, S. 278. 



120 Bindehaut. 

durchaus keine Abnormität an diesem Auge. — Der Kranke gibt an, er sei vor 8 Jah- 
ren an Tuberculosis pulmonum erkrankt, und nach 3wochentlicher Behandlung ziemlich 
gesund aus dem Mililärspital entlassen worden. Vor 3 Jahren erkrankte er an Hämoptoe 
und in der letzten Zeit wurde er in der Stadt an Husten und Brustschmerzen ärztlich 
behandelt. Er ist schlecht genährt, die Haut blass, die Muskulatur schlaff, in der Spitze 
der rechten Lunge etwas gedämpfter Percussionsschall. — Vor 3 Jahren nun traten 
zum ersten Male Zeichen eines Augenleidens auf, wie bei einem Augenkatarrh, verlo- 
ren sich jedoch bald wieder von selbst, und der Mann hielt seitdem seine Augen nicht 
für krank, obwohl er zu verschiedenen Zeiten ein leichtes Drücken unter dem obern 
Lide und manchmal etwas Verklebtsein der Cilien beim Erwachen bemerkte. Als Ur- 
sache der gegenwärtigen Entzündung des rechten Auges, welche vor 6 Tagen begann, 
bezeichnet der Kranke eine Reise bei starkem Winde, welche er vor 8 Tagen zu Fuss 
gemacht hatte. — Den Befund des rechten und linken Anges zusammen haltend, und 
die sonstigen positiven und negativen Angaben des Kranken und seinen allgemeinen 
Zustand berücksichtigend, konnten wir diese Affection als Trachoma bezeichnen, wenn 
gleich wir keine völlige Sicherheit hatten , ob die auf beiden Augen bestehenden Ex- 
sudate nicht etwa bloss als Folge von äusseren Schädlichkeiten, das ganze Leiden 
mithin als ein rein örtliches (katarrhalisehes, mit dieser eigenthümlichen Modifikation) zu 
betrachten seien. Die heftigen Zufälle am rechten Auge konnten sofort als Folge der 
Verkältung, aber auch als Zeichen frischer Infiltration zu betrachten sein. Wir ent- 
schieden uns für letzteres, weil diese Zufälle bloss auf dem rechten Auge auftraten, 
und weil relativ zu ihnen die Production schleimigen Secretes sehr gering war. Durch 
die Aufnahme in's Spital war mehreren Anzeigen entsprochen ; wir legten 8 Blutegel 
an die rechte Schläfe, reichten ein Purganz aus Senna und Glaubersalz, und machten 
Einreibungen von Ung. einer, auf die Stirn und Schlafe. Die meisten Exsudatkörner 
wurden weiss, erweichten und zerfielen in eine schleimige Masse, wie Tuberkel ohne 
Geschwürbildung , die übrigen schwanden durch allmälige Resorption. Nachdem die 
Geschwulst der Lider und der Conjunctiva bulbi binnen 4 Tagen zurückgetreten war, 
wurde Laudan. liq. Syd. eingeträufelt, und vom 8. Tage der Behandlung an die Binde- 
haut der Lider, und diess auch auf dem linken Auge, mit Cuprum sulfuricum touchirt, 
Diese Touchirungen wurden nach dem 15. Tage, an welchem der Mann die Anstallt 
verliess, in Zwischenräumen von einigen Tagen fortgesetzt, und in Zeit von 6 Wochen 
war die Bindehaut zum normalen Zustande zurückgeführt. — Es muss noch bemerkt 
werden, dass nachträglich auch die Frau dieses Mannes unsere Hilfe in Anspruch nahm. 
Sie hatte in der letzten Zeit beim Nähen öfters ein lästiges Drücken in ihren Augen 
empfunden, jedoch niemals entzündliche Zufälle an denselben bemerkt. Das Leiden auf 
dem linken Auge ihres Mannes hatte sie auf die Vermuthung geführt, ob sie nicht 
ebenfalls an ihren Augen denselben Zustand habe. Sie bot auf beiden Augen den- 
selben Befund dar, wie der Mann auf dem linken, und wurde durch die Touchirungen 
mit Cuprum sulfur. in Zeit von 7 Wochen geheilt. Es liess sich auch bei ihr das Leiden 
nicht mit Gewissheit als Trachoma erklären; wenn Jemand behauptet hätte, dass gleiche 
Vorkommen bei beiden deute auf Ansteckung oder auf gemeinschaftliche Einwirkung 
äusserer Schädlichkeiten, etwa feuchter, gesperrter Luft u. dgl., so hätten wir ihn nicht 
widerlegen können; das aber muss auf der andern Seite auch angeführt werden, dass 
sie an deutlich nachweisbarer Tuberculosis pulmonum litt und sehr schlecht aussah, 
obwol die Leute gerade nicht unter den schlechtesten Verhältnissen lebten. Sei dem 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Schrumpfung. 121 

nun, wie immer, ich wollte hier nur auf eine eigenthümliche Metamorphose jener Ex- 
sudate aufmerksam gemacht haben. 

Unter dem fortwährenden Einflüsse ungünstiger Umstände allmälig 
oder nach Einwirkung heftig excitirender Momente auch plötzlich geht 
die Krankheit in den 2. Grad über. Dann ist völlige Heilung in dem 
Maasse weniger möglich, als die Infiltration tiefer eingedrungen ist, und 
weiter um sich gegriffen hat, oder als sie länger fortbestanden und ver- 
schiedene consecuüve Zustände eingeleitet hat. 

Die tiefere Ablagerung dieser körnigen Exsudate scheint gar nicht 
erfolgen zu können, ohne dass die davon infiltrirten Gewebe blutreicher, 
und namentlich von Serum durchfeuchtet und erweicht werden. Mehrere 
Erscheinungen deuten darauf hin, dass durch diese infiltrirten Exsudate 
das Gewebe nicht nur der Bindehaut, sondern auch des submucösen Zell- 
stoffes und der Lidknorpel sammt den Meimbomschen Drüsen allmälig ver- 
drängt werde, und dass die Exsudate endlich selbst zum Theil resorbirt, 
zum Theil in Fasergewebe umgewandelt werden, welches nach und nach 
bis zu einem gewissen Grade schrumpft, und der verkürzten Bindehaut 
durchaus oder stellenweise ein sehnenartiges Aussehen gibt. 

Waren die Ablagerungen im Tarsaltheile sehr mächtig, dazwischen jedoch noch 
immer Papillarkörper frei geblieben, so erhält die Bindehaut nach dieser Umwandlung 
ein unebenes und geflecktes Aussehen, durch sehnenartige Streifen und dazwischen 
befindliche erhabene oder vertiefte dunkelrothe Stellen. Die erhabenen sind entweder 
hypertrophischer oder hyperämischer, massig geschwellter Papillarkörper, welcher all- 
mälig zur Normalität zurückkehren kann, oder aber es sind Reste der auf und in die 
Bindehaut abgelagerten Exsudate, welche durch Absonderung des übermässig angehäuf- 
ten Epitheliums, durch Aufsaugung der flüssigen Theile . und Umwandlung derselben in 
Fasergewebe (Exsudatfaser, Bindegewebsfaser) ihre Form eingebüsst haben, unregel- 
mässig zackig, blass, grau und gelblich, hie und da ecchymotisch gesprenkelt aus- 
sehen (im Bereiche des Knorpels), und nach unsanfter Berührung oder nach Umstülpung 
des Lides wohl auch ein wenig Blut ergiessen. — Die Vertiefungen zwischen den ge- 
nannten sehnigen Streifen scheinen dadurch bedingt zu sein, dass einzelne der tiefer 
eingebetteten Körner abgestossen oder resorbirt wurden. Niemals f sah ich an demselben 
eine Blutung, niemals eine Secretion wie bei Geschwüren. Solche Grübchen erschei- 
nen fein punktirt, fein warzig, und werden allmälig von einer feinen, glatten Membran 
ausgekleidet, die noch lange Zeit etwas deprimirt bleibt. — Da sehr häufig an einer 
Stelle noch frische Exsudation geschieht, während an andern bereits Abstossung, Re- 
sorption und Schrupfung eingetreten ist, so bemerkt man oft dunkelrothe, erhabene 
oder vertiefte Stellen wie Inseln zwischen sehnenartig glänzenden Streifen oder Elek- 
ken, und daneben noch hie und da fischrogen- oder froschlaichähnliche Körner zu- 
gleich auf demselben Lide. — Die Bildung solcher sehnigen Streifen oder Flecke ist 
keine Erscheinung, welche in allen Fällen eintreten muss. Auch nach ziemlich reich- 
licher Durchsetzung der Bindehaut und der tiefern Gebilde mit solchen Exsudaten kann 
der Process ohne bedeutende bleibende Structurveränderung rückgängig werden. Die 



122 Bindehaut. 

Bindehaut bleibt dann während und oft noch lange nach der Beseitigung jener Exsu- 
date in einem Zustande von Wulstung, dunkler Röthe und Absonderung mehr weniger 
reichlichen und consistenten Schleimes, und nur die Vergleichung des Zustandes beider 
Lider vermag in der Regel da, wo die eigenthümlichen Exsudate bereits verschwunden 
und nicht durch sehnige Streifen versehen sind, die Diagnosis zu sichern, da der Pro- 
cess, wie wir weiterhin sehen werden, wenigstes beim chronischen Verlaufe, niemals 
beide Lider zugleich und in gleichem Grade ergreift. 

Dichte sehnige Streifen entstehen nur im Bereiche des Knorpels, 
viel häufiger und mächtiger am obern als am untern Lide. Der mäch- 
tigste läuft gewöhnlich ohngefähr 1 Linie hinter der innern Lefze des 
Lides, und ist von dieser durch einen dunkelrothen, feinwarzigen Saum 
getrennt. Diese Erscheinung fällt zusammen mit der oben angeführten 
Thatsache, dass die Infiltration der genannten Körner den Lidrand fast 
niemals erreicht, sondern erst ohngefähr 1 Linie hinter demselben be- 
merkt wird. Von diesem Streifen rückwärts, gegen den Übergangstheil 
hin, erscheint dann, nachdem die Exsudate in Fasergewebe umgewandelt 
sind, die Bindehaut entweder von einzelnen, netzartig angeordneten 
sehnigen Streifen durchsetzt, oder durchaus glatt, blutarm, nur von ein- 
zelnen, tiefer gelegenen Gefässen durchzogen, bläulichweiss glänzend 
(wie mit einer dünnen Schichte Milch überzogen), ohne Spur von Pa- 
pillarkörpern, ohne Spur von Schleimfollikeln, und in ihrer Flächenaus- 
breitung mehr weniger verkleinert. Auch die Meibom'schen Drüsen gehen 
nach und nach verloren. 

Im Jahre 1848 starb J. S., welchen wir auf der Augenkrankenabtheilung in den 
Jahren 1846 und 1847 zu wiederholten iMalen mit Trachoma cum panno behandelt 
hallen, endlich im allgemeinen hrankenhause an Tuberculosis pulmonum. Auf dem 
rechten Auge war die Cornea und die angrenzende Partie der Scleralbindehaut xero- 
tisch; aus Rücksicht auf die Glaubensgenossen des Todten konnte ich bloss die Tarsi 
der obern Lider extirpiren. Die Conjunctivalfläche der Tarsi erschien glatt, glänzend, 
hie und da mit kleinen Grübchen besetzt. Die hintere Hälfte der Tarsi war dünner, 
während die vordere fast die normale Dicke hatte ; in jener war die Bindehaut sammt 
dem Tarsus in ein festes, glänzendes, weisses Narbengewebe umgewandelt, welches 
auf der dem Bulbus zugekehrten Fläche deutlich einige strahlige und unregelmässig 
verzweigte ästige Ausläufer besass, und ein Netz bildete, welches zwischen sich die 
obbemerklen Grübchen erkennen liess. Hier war von einer Meibom'schen Drüse keine 
Spur zu sehen. Die vordere (untere) Hälfte zeigte bis zum Rande noch deutlich das 
Fasergevvebe der Augenlidknorpel; die in ihm sitzenden Meibom'schen Drüsen fehltan 
an zahlreichen Stellen , nur hie und da waren noch einige erhalten , welche beim 
Drucke eine spiralförmig gewundene, weisslichc Schmeermasse austreten Hessen. Keine 
reichte über die Mitte des Knorpels hinaus. Die innere Kante des Lidrandes war we- 
niger scharf, hie und da ganz verwischt. 

Dieser Ausgang an und für sich, wenn nicht zugleich einer oder 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Schrumpfung. 123 

der andere von den übrigen Folgezuständen (die wir eben anführen 
wollen) mit vorhanden ist, kann als ein relativ günstiger betrachtet wer- 
den. Die also veränderte Bindehaut scheint die Fähigkeit zu Recidiven 
verloren zu haben, und dennoch die wesentlichen Eigenschaften zu ihrer 
Function wieder zu besitzen. Der folgende Fall scheint mir vor vielen 
andern diess insbesondere darzuthun. 

B. Z. kam in ihrem 18. Jahre, den 10. Jäner 1839, auf die Augenklinik mit 
chronischer Bindehaulblennorrhöe, wie wir damals, unter Prof. Fischer, die Krankheit 
nannten. (Ich will zunächst einen getreuen Auszug aus der damals abgefassten Kran- 
kengeschichte liefern, und erst dann den weitern Verlauf und Befund angeben.) Sie 
hatte in Gemeinschaft mit vielen Andern ein feuchtes, in einer sumpfigen Gegend ge- 
legenes Zimmer bewohnt, und als Kind lange an Kopfgrind und Anschwellungen der 
Lymphdrüsen des Halses gelitten. Die Katamenien traten im 16. Jahre ein, flössen aber 
unregelmässig, setzten mehrmals durch viele Monate aus; dabei hatte sie häufig an 
Kopfschmerzen, Herzklopfen und stechenden Schmerzen in den Waden gelitten, war 
bei jeder körperlichen Anstrengung sehr leicht ermüdet , und hatte, so wie auch itzt, 
in der Regel blass ausgesehen. Das Augenleiden begann in ihrem 14. Jahre auf dem 
rechten Auge mit Thränenfluss und Lichtscheu ; dazu kam das Gefühl von Druck unter 
dem obern Lide, Verklebtsein der Lider beim Erwachen, und abendliche Verschlimme- 
rung. Dieser Zustand dauerte durch etwa ein halbes Jahr, bald mit Verschlimmerung, 
bald mit Nachlass der genannten Zufälle, wobei jedoch das Weisse des Auges beständig, 
obgleich nicht in gleichem Grade, roth gewesen sein, und das Sehvermögen nach und 
nach abgenommen haben soll, so dass endlich die Kranke nur noch grössere Gegen- 
stände, und zwar w r ie durch einen dichten Nebel wahrnehmen, weder lesen noch nähen 
konnte. Nach '/. 2 Jahre wurde das linke Auge auf dieselbe Weise ergriffen. Es inter- 
currirten häufige Vasenkatarrhe. Als das Übel unter Anwendung verschiedener Mittel 
über 1 Jahr gedauert hatte, wurde sie im Jahre 1838 auf die Augenklinik aufgenom- 
men, wo man wegen Einwärtswendung der Cilien zuerst am rechten, bald aber auch 
am linken obern Lide die Abtragung des Lidrandes nach Heister vornahm, und sodann 
eine Salbe aus weissem Präcipitat an die innere Fläche der Lider einstrich. Nach 
20wöchentlicher Behandlung w 7 urde sie entlassen. Nachdem sie sich längere Zeit für 
geheilt gehalten hatte, wurde sie, ihrer Beschreibung nach, wieder häufig von Katar- 
rhen der Augen und der Nase befallen. Während der jedesmaligen Dauer solcher 
Entzündungen soll jedoch das Weisse des Auges immer roth, in der Zwischenzeit nur 
von einzelnen Gefässen durchzogen gewesen sein. Nach der mehrmaligen Wiederkehr 
solcher Entzündungen bemerkte sie abermals am rechten Auge allmälige Abnahme des 
Gesichtes, welche sich Anfangs December 1838 auch auf dem linke Auge einstellte : 
auch sah sie jetzt manche Gegenstände doppelt. Anfang Jäner setzte sie sich bei 
schwitzendem Körper starker Zugluft aus ; bald darauf wurden die entzündlichen Er- 
scheinungen an den Augen heftiger; dazu kamen stechende, aussetzende Schmerzen in 
der Umgebung des rechten Auges und heftige Lichtscheu. — Befund am 10. Jäner 
1839. An beiden obern Lidern fehlt der Rand — in Folge der Operation; an beiden 
untern ist die innere Kante abgerundet. Die Bindehaut des rechten untern Lides gleich- 
förmig dunkelroth, geschwellt, über dem Tarsus sammetaitig, die des linken untern 



142 Bindehaut. 

Lides gleichförmig blassroth; der Übergangstheil beiderseits eingeschrumpft; die Binde- 
haut der obern Lider dunkelroth, sammetartig, gegen den obern Rand des Tarsus und 
im Übergangstheile mit zahlreichen körnigen Exsudaten besetzt, der Knorpel schmäler 
(von oben nach unten) und dicker, wulstig. Die rechte Hornhaut von aussen her ge- 
trübt, wie mit Staub bestreut und von einzelnen Gefässchen durchzogen; die angren- 
zende Partie der Scleralbindehaut aufgelockert, von zahlreichen Gelassen durchsetzt, 
welche einzelne Ästchen auf die Cornea abgeben, und deutliche Falten bilden, wenn 
die Kranke dieses Auge nach aussen wendet ; nach innen sitzt in der Hornhaut am 
Rande ein rundlicher, undurchsichtiger Fleck (Narbe). Die linke Hornhaut in der Mitte 
leicht getrübt in Folge oberflächlicher Geschwürchen ; am innern Rande derselben ein 
sehnenartig glänzender, undurchsichtiger Fleck, zu welchem einige erweiterte Gefässe 
aus der Scleralbindehat verlaufen ; mit diesem Auge allein werden einzelne Gegen- 
stände doppelt gesehen. — Im Verlaufe der Behandlung intercurrirten mehrmals Ver- 
schlimmerungen der entzündlichen Zufälle am Auge, einige Male mit der Eruption 
eines Bläschens am Rande der Cornea und partieller Gefässentwicklung, so dass das 
Einstreichen der weissen Präcipi talsalbe zeitweise ausgesetzt werden musste. Ferner 
mussten mehrmals aus den untern Lidern einzelne Cilien, welche sich gegen den Bul- 
bus gekehrt hatten, ausgezogen werden. Nach und nach wurde die Bindehaut blässer; 
man sah aber, dass sie einschrumpfte und stellenweise ein glattes, sehnenartig glän- 
zendes Aussehen bekam. Am 16. Juni 1839 glaubte man die Kranke als geheilt ent- 
lassen zu können. Allein schon am 25. August kehrte sie in die Anstalt zurück unter 
der Diagnosis ; Blennorrhoea chronica oc. utr. cum panno. oc. sin. et intercurrente ca- 
tarrho. Ihr Zustand scheint diessmal nicht nur sehr hartnäckig, sondern auch mit der 
Zeit schlimmer geworden zu sein; denn als ich Anfang April 1840 als Assistent in 
die Anstalt kam, war auf beiden Augen ein sehr dicker Pannus vorhanden, wie ich 
ihn seither nie mehr in solcher Ausdehnung zu sehen bekam. Auf der einen wie auf 
der andern Cornea lag eine dicke, gegen 1 Linie hohe Exsudatschichte, von sehr zahl- 
reichen Gefässen durchzogen, hie und da gleichsam speckig. Das Exsudat erstreckte 
sich nach oben noch über die Cornea hinaus , unten jedoch blieb ein kleiner Theil 
Cornea noch sichtbar, obgleich auch getrübt und von Gefässen überzogen. — Die 
Fruchtlosigkeit der bisherigen Behandlung — Einstreichen einer weissen Präcipitalsalbe 
und Einträufeln von Laudanum liq. Sydenh. — bald einsehend, entschloss ich mich, 
diesen Ülierzug der Hornhäute mit Lapis infernalis in Substanz zu entfernen. Das 
Mittel wurde in Zwischenräumen von 2 — 3 Tagen sehr gut vertragen ; Exsudate und 
Gefässe schwanden bis auf eine leichte Trübung, gegen welche Laudanum eingeträufelt 
wurde. Aber nach einigen Wochen erfolgte eine Recidive der Art, dass jene Entar- 
tung noch ärger war. Nach fruchtlosen Einträuflungen von Solutio sulfatis zinci wurde 
der Lapis infernalis abermals angewandt, bis die Hornhaut sichtbar wurde, dann aber 
Solutio argenti nitrici — 2 — 4 Gran auf 1 Unze — durch mehre Wochen fortgesetzt. 
Bei einem ziemlich guten Zustande der Augen musste die Kranke am 10. August we- 
gen einer Intermittens zu den Internisten transferirt werden ; nach ihrer Genesung hie- 
von, am 18. August, wurden Tonica angewendet und die Kranke fleissig in's Freie 
geschickt. Den 4. October konnte sie als geheilt entlassen werden. An den Lidern 
zeigte sich keine Spur von Granulationen, auch nicht im Übergangstheile ; die Binde- 
haut war im Ganzen massig geschrumpft, überall glatt, stellenweise sehnenartig glän- 
zend. Wegen Neigung des untern Lidrandes zur Einwärtswendung war beiderseits die 



Traehonia — Verlauf — Ausgänge — Symblepharon poster. 125 

Ausscheidung einer Hautfalte gemacht worden. — Am 23. November 1840 kam die 
Kranke abermals in die Anstalt. An der Bindehaut war nichts Abnormes, ausser einer 
eigentümlich schwäralichen (bleigrauen) Farbe über der Sclera, welche dieselbe in 
Folge der langen Anwendung der Lapislösung angenommen halte. Aber die Kranke 
konnte das rechte Auge nicht schliessen. Es war Lagophthalmus eingetreten, theils in 
Folge der Abtragung des Lidrandes, theils in Folge der Schrumpfung des Knorpels und 
der Bindehaut; in einem geringen Grade war dieses Übel auch auf dem linken Auge 
vorhanden. Die Augen wurden durch Licht, scharfe Luft, Staub u. dgl. sehr belästigt, 
so dass sie ihrer Arbeit als Dienstmädchen bei einem Bauer nicht wohl vorstehen 
konnte. Der Versuch, am linken obern Lide Cilien durch Transplantation einzuheilen, 
blieb ohne Erfolg. Ich schob nun eine Hornplatte unter das rechte obere Lid, und 
führte parallel dem Lidrande und 2 Linien von demselben entfernt einen Schnitt durch 
die Cutis und alle Gebilde darunter, die Conjunctiva mit begriffen. Der Schnitt begann 
am äussern Orbitalrande über den Knochen, und endete am innern Ende des Tarsus ; 
in diese horizontale Spalte pflanzte ich ein entsprechendes Hautstück, welches aus der 
Wangenhaut gebildet und an der Basis umgebogen wurde, mittelst der umschlungenen 
Naht. Die Einheilung desselben gelang, nur an der Spitze (nach innen) starb ein 
kleiner Theil ab. Der Lagophthalmus war dadurch gehoben und blieb es, obwohl in 
der Folge (nach einigen Jahren) das eingepflanzte Hautstück in Form einer dicken 
Wulst etwas vorsprang. Die Kranke ist nun seit ihrer Entlassung am 24. März 1841 
ganz gesund geblieben. Erst im Jahre 1850 kam sie wieder in die Anstalt, wegen 
Einwärtswendung einiger Cilien der untern Lider, welche die Ätzung mit Schwefelsäure 
erheischte. Beide Hornhäute sind fast ganz rein, die Kranke kann wieder nähen, lesen 
u. dgl. Ihre Bindehäute sehen wie gegerbt aus, glatt, feucht, glänzend, blass ; die 
Ubergangsfalten fehlen, die Conjunctiva bulbi bildet bei stärkeren Bewegungen des 
Bulbus leicht Falten. 

Der Übergangstheil wird in Folge des Processes eigenthümlich glatt, 
minder durchsichtig, in ein dichtfasriges, fibroides Gewebe verwandelt. 
Zunächst sieht man die Übergangsfalte verstrichen; weiterhin entstehen, 
wenn man das untere Lid abwärts zieht, während man den Kranken auf- 
wärts blicken lässt, senkrecht (von oben nach unten) verlaufende Fältchen; 
in einem noch höhern Grade der Schrumpfung fehlt der ganze Über- 
gangs-, und im höchsten Grade auch der Scleraltheil der Bindehaut. Auf 
diese Weise führt die Krankheit zu dem Zustande, welchen von Ammon 
Symblepharon posterius genannt hat, und, wenn wegen gänzlicher Ver- 
schrumpfung (gleichsam Verzehrung) der Bindehaut der Lidrand mit dem 
Cornealrande unmittelbar verbunden erscheint, und desshalb der Augapfel 
von den Lidern nicht mehr bedeckt werden kann, zu dem Zustande, den 
man Legophthalmus nennt. 

Es gibt Fälle, in welchen die Infiltration und consecutive Schrumpfung mehr 
oder ganz allein im Tarsaltheile und Tarsus mit den Meibomschen Drüsen, und andere, 
in welchen sie vorzugsweise im Übergangstheile der Bindehaut in die Erscheinung 



126 Bindehaut. 

tritt ; in der Regel tritt die Schrumpfung in beiden Theilen zugleich oder kurz nach 
einander und in ziemlich gleichem Grade auf. 

Dieses Verdrängtwerden des normalen Bindegewebes durch das 
infiltrirte Exsudat, und das nothwendig darauf folgende Umgewandelt- 
werden der Bindehaut in eine einfache Zellenmembran, welche mit der 
Zeit mehr und mehr in sich zusammenschrumpft, kann endlich auch zur 
Störung der Thränenabsonderung führen. Abgesehen davon, dass die 
Ausführungsgärige der Thränendrüse verengert und endlich verschlossen 
werden müssen, wenn dieser Process die betreffende Partie der Bindehaut 
des obern Lides ergreift, kann auch die grossentheils oder durchaus 
in ihrer Struetur veränderte Bindehaut ihren Beitrag zur Thränenflüssigkeit 
nicht mehr liefern, und das gleichfalls veränderte Epithel an ihrer Ober- 
fläche löst sich nicht mehr in der allenfalls noch vorhandenen Thränen- 
flüssigkeit auf,' sondern erscheint trocken, anfangs fettglänzend, später 
ganz matt, rauh, und mit trockenen Schüppchen belegt. Mit einem Worte : 
es entwickelt sich partieller oder totaler Xerophthalmus. Während der 
partielle Xerophthalmus auch in Folge anderer Krankheitsprocesse be- 
obachtet wird, namentlich bei Hornliautslaphylomen, sah ich den totalen 
mit Ausnahme einiger seltenen Fälle , wo wahrscheinlich Conjunctivitis 
membranacea vorangegangen war, nur in Folge von Trachoma mit allge- 
meiner Schrumpfung der Bindehaut, also mit Symblepharon totale und 
Lagophthalmus. 

J. P., 19 Jahre alt, Schlossergesell, klein und schwächlich gebaut, von einem 
tuberculosen Vater abstammend, und selbst die Attribute der Scrofulosis darbietend, 
leidet seit drei Jahren an den Augen. Als Ursache bezeichnet er Sand, der ihm vom 
Winde in's rechte Auge getrieben worden sei. — Als besonders hervorstechende 
Erscheinungen werden Lichtscheu und Thränenfluss und heftige stechende Schmerzen, 
welche besonders in den Morgenstunden stark auftraten, bezeichnet. Das Übel war 
bald besser, bald schlimmer gewesen; nach ungefähr 1 '/ 2 Jahren fand sich ein Arzt 
bestimmt, am rechten untern Lide einen Theil des Haarzwiebelbodens abzutragen. Aber 
auch nachher war er von seinem Übel nicht befreit, bis es ihn, Anfang Jäner 1845, 
zwang, in's allgemeine Krankenhaus zu geben. Ich notirte damals folgenden Status 
praesens""): „An seinen Augen sieht man den Process der Schrumpfung der Conjun- 
ctiva ganz so, und zwar in verschiedenen Stufen, wie ich ihn in dem Aufsatze über 
Trichiasis und Entropium (7. Band S. 46) geschildert habe. Das linke Auge scheint 
dem Ansehen nach ganz gesund zu. sein, aber die innere Fläche des untern Lides er- 
scheint glatt, milchweiss, serös glänzend, gegen den Lidrand und gegen den äussern 
Winkel hin noch wie eine Mucosa aussehend, fein warzig, dunkelroth und aufgelockert ; 
die Uhergangsfalte und die halbmondförmige Falte geschwunden ; am obern Lide sieht 

man (innen) einige sehnige Streifen, ziemlich parallel dem Lidrande, durch einige 

• 

*) Siehe meinen Aufsalz über das Flügelfell, in der Prager Vierleljahrschrift, 8. Ed., S. 90. 



Trachonia — Verlauf — Ausgänge — Xerophothalmus. 127 

Zwischenstreifen unregelmässig verbunden, und dazwischen, wie Inseln, einige dunkel- 
rothe Stellen, davon 3 deutlich vertieft, im Grunde glatt: der Knorpel von oben nach 
unten höchstens 2 l / i '" breit, minder geschmeidig als im normalen Zustande. Am rech- 
ten Auge wurde wegen partieller Trichiasis bereits ein Theil des untern Lidrandes ab- 
getragen. Die Bindehaut ist hier so stark geschrumpft, dass sie als glatte, sehnen- 
artige Membran beinahe unmittelbar von der Narbe am Lidrande auf den Bulbus über- 
geht, besonders in der Mitte des Lides ; auch am obern Lide ist die Schrumpfung so 
bedeutend, dass gegen den innern Winkel hin eine vom Lide auf den Bulbus gehende 
Falte entsteht, sobald man das Lid ein wenig aufwärts zieht; der Knorpel ist sehr 
schmal und muldenförmig gerollt, von dichten, glänzenden, weissen Streifen an der 
Innenfläche durchzogen, am Rande wulstig; die initiiere Partie des Lidrandes einwärts 
gewendet, so dass die Wimpern den Bulbus berühren. Im innern Winkel ist die Scle- 
ralbindehaut ganz so beschaffen, wie bei einem gewöhnlichen Flügelfelle, und zwar 
von der Hornhaut an bis zu der ganz zerstrichenen halbmondförmigen Falte (oder 
vielmehr bis zur Karunkel hin), nämlich etwas verdickt und sehnenartig glänzend. Auf 
der Hornhaut sieht man gegen den innern Winkel hin eine flache Narbe, rundlich, von 
etwa l l / 2 "' im Durchmesser, ziemlich tief in die Hornbautsubstanz hineinragend. Die 
genannte Entartung der Bindehaut erstreckt sich noch auf einen Theil dieser Narbe ; 
lässt man den Kranken nach innen oder schief nach unten und innen, oder aber schief 
nach oben und innen sehen, so sieht man, dass die verdickte, sehnenartige Bindehaut 
auf dem innern Theile der Narbe nicht so fest aufsitzt, indem sie Falten bildet. Der 
Streifen, an welchem die entartete Bindehaut so locker auf der Cornea sitzt, ist etwas 
über x i, 1 '" breit. Auf ähnliche Art ist die verdickte und sehnenartige Bindehaut, welche 
sich von der Mitte des untern Lides auf den Bulbus fortsetzt, von dem untern Theile 
des Hornhautrandes losgelöst (darüber in Falten verschiebbar), nur bemerkt man hier 
keine Narbe in der Bindehaut. Der übrige Umfang d er Cornea, mit einem leichten 
Pannus überzogen, wurde ganz rein, nachdem die einwärts gewendeten Wimpern waren 
abgetragen worden." — Der Kranke wurde am 13. März 1845 in einem leidlichen 
Zustande seiner Augen entlassen, und betrieb wieder seine Profession. Am 21. No- 
vember 1848 starb derselbe auf der Abtheilung für Brustkranke an Tuberculosis (acute 
Infiltration in den Lungen mit Cavernenbildung und im Darmkanale mit Geschwürsbil- 
dung). Das rechte Auge, welches ich sammt der Thränendrüse und dem Thränensacke 
aufbewahre, bietet nun die Erscheinungen eines vollständig ausgebildeten Xerophthal- 
mus dar. An dem untern Lide fehlen die Cilien im mittlem Theile — da wo früher 
ein Arzt den Haarzwiebelboden abgetragen hatte; am obern Lide fehlen sie in den 
äussern 2 Dritteln — da, wo auf der Klinik dieselbe Operation gemacht worden war. 
Die noch übrigen Cilien stehen äusserst verworren, nach den verschiedensten Rich- 
tungen hin. Am obern Lide ist der Knorpel kaum noch 2 Linien breit, am untern ist 
er auf einen etwa 1 , 2 // ' breiten Saum geschwunden. Die Bindehaut geht am untern 
Lide fast unmittelbar vom Rande des Lides auf den Bulbus über, am obern überzieht 
sie den Knorpel in einem etwas über 1 Linie breiten Streifen (rückwärts vom Lid- 
rande), und hängt dann ebenfalls mit dem Bulbus zusammen. Von der halbmondiör- 
migen Falte ist keine Spur vorhanden , auch die Thränenpunkte und die Thränen- 
karunkel lassen sich nicht mehr auffinden. Die Bindehaut selbst erscheint ganz trocken, 
grau, nur wenig durchscheinend, fein runzlich und mit kleinen Schüppchen bedeckt. 
Sie lässt sich von der Sclera und selbst von der Cornea bis zum Umfange der obge- 



128 Bindehaut. 

nannten Narbe als eine zähe Membran lospräpariren. Die Peripherie der Cornea dar- 
unter erscheint fast normal, nur etwas weniger durchsichtig. — Der Thränensack ist 
zu einem übergrossen durchscheinenden Säckchen ausgedehnt, mit Flüssigkeit gefüllt, 
seine Mündung in den Thränennasenkanal obliterirt. Die Thränendrüse ist kaum als 
solche zu erkennen, hat nur '/ 3 der normalen Grösse, und ist in eine fettähnliche Masse 
umgewandelt. (Weiter wurde das Präparat, um es für weitere Demonstrationen zu er- 
halten, nicht untersucht.) An dem linken Auge kann man an der nur wenig kleinern 
Thränendrüse deutlich die einzelnen Acini unterscheiden. Der Tarsus des obern Lides 
ist 3"- breit, innen ganz glatt, sehnig glänzend; nach aussen hin sieht man einige ver- 
tiefte Pünktchen, welche mir die Mündungen der Thränengänge zu sein schienen; von 
den Meibom'schen Drüsen sieht man nur am Rande kurze Spuren. Der Knorpel ist in 
eine fibroide Platte umgewandelt. 

Die Infiltration und nachträgliche Schrumpfung des Knorpels, deren 
wir bereits mehrmals erwähnt haben, führt sehr häufig zur Einwärtswen- 
dung der Cilien als Distichiasis oder als Trichiasis, oder des ganzen 
Lidrandes, als Entropium. *) 

In Folge der Infiltration allein schon, oft ehe es noch zu merk- 
licher Schrumpfung der Bindehaut und des Knorpels gekommen ist, bemerkt 
man, dass mehr weniger Wimpern den Lidrand in abnormer Richtung 
durchbohren, mehr gegen die innere Kante hin hervorsprossen, und so 
gleichsam eine 2. Reihe von Cilien — Distichiasis — bilden. Diese, in 
abnormer Richtung und an abnormer Stelle wachsenden Cilien sind ge- 
wöhnlich dünner und blässer, als die in der äussern Kante sitzenden, und 
deuten hiedurch sowohl als durch ihre Verkrümmung auf Erkrankung des 
Haarzwiebelbodens hin. 

Zur Einwärtswendung der an normaler Stelle hervorsprossenden 
Cilien — Trichiasis — oder endlich selbst der Cutis des Lidrandes — 
Entropium — tragen mehrere Umstände bei. Wir haben bemerkt, dass 
die Bindehaut längs des Lidrandes, ohngefähr \'" breit, von den ge- 
nannten sulzigen Exsudaten frei zu bleiben pflegt. Hat aber die Krank- 
heit den 2. Grad erreicht, so erscheint dieser Saum geschwellt, fein 
warzig, dunkelroth, daher die innere Kante des Lidrandes minder scharf, 
gleichsam abgerundet; so wie aber diese Hypertrophie des Papillarkörpers 
endlich zurückgeht, schrumpft auch diese Partie zusammen, und die 
innere Lidkante geht verloren, erscheint wie abgeschliffen. Die Folge 
davon ist, dass die äussere Kante mit den Cilien ihre Lage zum Bulbus 
ändert, und dass letztere allmälig dem Bulbus zugewendet werden, längs 
des ganzen Lidrandes oder an einem grösseren Theile desselben. — Hat 
der Knorpel bedeutend gelitten, so schrumpft er von oben nach unten, 

") Vergl. meinen Aufsatz hierüber in der Prager Vierteljahrschrift, 1845, 3. Heft. 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge — Entropium — Pannus. 129 

wird schmäler, und zugleich muldenförmig gekrümmt. Diess begün- 
stigt nun die Einwärtswendung des Lidrandes noch mehr. Dazu kommt 
noch, dass an solchen Augen die innere Portion des musculus orbicularis 
palp. (Muse. Albini) in Folge der häufigen, selbst krampfhaften Schliessung 
der Lidspalte bei den von Zeit zu Zeit heftiger auftretenden entzündlichen 
Zufällen in einen Zustand habitueller Contraction geräth, und den Lidrand 
auch wenn die innere Kante nicht abgerundet wäre, einwärts drängt, so 
wie endlich die Blepharophimosis, welche als Folge der Excoriationen 
bei den einzelnen entzündlichen Anfällen sehr häufig zu diesen Übeln 
hinzutritt, und schon an und für sich geeignet ist, Entropium zu bewirken, 
bei inveterirten Trachomen selten fehlt. 

Die gegen den Bulbus gerichteten Cilien reizen denselben fort- 
während, unterhalten und steigern die Entzündung der Bindehaut und 
gefährden das Gesicht durch ihre Wirkung auf die Cornea. Sie erregen 
oder steigern den schon vorhandenen Pannus; noch mehr aber schaden 
sie dadurch, dass sie Verschwörung der Cornea, theilweis oder durchaus, 
und deren weitere Folgen einleiten; in seltenen Fällen bildet sich, 
gleichsam zum Schutze der Cornea, eine Art Schwiele oder Verdickung 
des Epithelialilberzuges, welche so aussieht, als ob man ein Stückchen 
Papier oder ein dünnes, fettglänzendes oder trocknes Häutchen auf einen 
Theil der Cornea angeklebt hätte, ein wenig erhaben ist, und scharf 
begrenzte Ränder zeigt. Solche schwielige Partien können auch im Be- 
reiche der Scleralbindehaut entstehen, wenn diese lange einen solchen 
mechanischen Reiz, Druck oder Reibung zu ertragen hat. Sie werden 
mit der Zeit ganz trocken (partieller Xerophthalmus), auch wenn sonst 
der ganze Bulbus gehörig feucht und glänzend erscheint. 

Jene Form des Pannus, welche einzig und allein Folge der mechanischen Rei- 
zung ist. und eigentlich als Keratitis traumatica bezeichnet werden muss, lässt sich in 
der Regel leicht von dem eigentlichen Pannus, welcher die Bedeutung der Conjuncti- 
vitis scrofulosa oder des Trachoma hat, unterscheiden. Der Pannus (als Theilerschei- 
nung des Trachoma) entwickelt sich immer vom Limbus conjunctivae aus, und charak- 
terisirt sich durch Auflagerung von Exsudaten auf die Cornea ; er ist nie auf die 
Cornea allein beschrankt, sondern erscheint nur als Fortsetzung der Entzündung von 
der Conjunctiva bulhi auf das ßindehautblättchen der Cornea, welches — physiologisch, 
sowohl als pathologisch — nur als Fortsetzung der Scleralbindehaut auf die Cornea zu 
betrachten ist. Jene Keratitis hingegen, welche einzig und allein durch einwärts ge- 
wendete Wimpern erregt wird, zeigt nicht Auflagerung, sondern Infiltration des Exsu- 
dates in das Cornealgewebe selbst; die Gefä'sse, welche man dabei bemerkt, kommen 
gleichsam unter dem Linibus conjunctivae hervor, oder gehen unter demselben weg zu 
den Zweigen der vordem Ciliargei'ässe. Haben solche Trübungen längere Zeit bestan- 
den, so widerstehen sie lange oder für immer jeder Behandlung. 

Arlr, i. 9 



130 Bindehaut. 

Der Pannus ist, wie bereis erwähnt wurde, nur als Fortsetz nng des 
Krankheitsprocesses von den Lidern auf den Bulbus, in specie auf di e 
Cornea, zu betrachten. Dieselbe Affection, wie auf der Cornea, kann 
immer auch in der Conjunctiva sclerae nachgewiesen werden, namentlich 
unter dem obern Lide, wo die Bindehaut dann gelblich, uneben und von 
zahlreichen Gebissen durchzogen erscheint. Geschieht die Exsudatabla- 
gerung rascher, und unter zahlreicher Gefässenlwicklung, so wird die 
Substanz der Cornea serös durchfeuchtet und erweicht; sie verliert ihre 
Elasticität, gibt dem Drange des Humor aqueus nach, und wölbt sich 
stärker nach vorn. So entsteht jener Folgezustand, welchen man, wie 
von selbst einleuchtet, ganz unrichtig Wassersucht der Augenkammer 
genannt hat (Hydrops anterior oder Hydrops camerae). Der Name Kcrat- 
ektasia ex panno dürfte die Natur dieses Übels besser bezeichnen. Der- 
selbe entsteht häufiger bei Pannus vasculosus als bei Pannus crassus. 

Der Pannus erscheint sehr häufig im Gefolge des Trachoma. Er entwickelt sich 
beinahe immer von oben her. Es lag demnach sehr nahe, die Ursache desselben in 
den sogenannten Granulationen, in der Reizung der Hornhaut durch dieselben zu su- 
chen, und ihn desshalb als traumatisch zu bezeichnen. Das mechanische Moment mag 
vielleicht einigen Einfluss auf die Entstehung, wenigstens auf die Unterhaltung dieses 
Zustandes üben, gewiss aber einen sehr untergeordneten. Er kommt nicht bloss da vor, 
wo solche Granulationen, einwärts gewendete Cilien u. dgl. vorhanden sind, sondern auch 
bei bereits glatt gewordener Bindehaut; er steht in keinem geraden Verhältnisse zu 
der Grösse, Härte und Dauer der sogenannten Granulationen ; er tritt bald ganz allmä- 
lig, bald aber auch rasch, gleichzeitig mit andern entzündlichen Erscheinungen auf, 
welche jede frische, durch äussere oder innere Ursachen erregte Infiltration begleiten, 
und welche die Auetoren als scrofulöse, katarrhalische oder katarrhalisch-rheumatische 
Ophthalmien bezeichnet haben. "") Ich sah dieselben mehrmals ohne alle äussere Ver- 
anlassung in der grössten Heftigkeit, selbst mit fieberhafter Aufregung des Gesainmt- 
organismus auftreten, **) und dabei den Pannus selbst in 24 Stunden über die Hälfte, 
über die ganze Cornea sich ausbreiten. Vom Limbus conjunctivae corneae, welcher 
bekanntlich oben an 3 / 4 '" breit ist, geschieht an der Spitze der allmälig vorrückenden 
Gefässe- Ablagerung organisationsfähigen Blastem- unter das Epithelium der Cornea. 
Sehr häufig sieht man die Cornea mit ähnlichen Bläschen oder vielmehr Körnern be- 
deckt, wie die trachomatöse Conjunctiva palpebrarum ; in andern Fällen, namentlich 
bei stürmischer Ausscheidung, berstet das Epithelium, und es kommt zur oberflächli- 
chen Geschwürsbildung. Bei Trichiasis und Entropium , wo erwiesener Massen die 



•) l'iiinqi:r 1. c. S. 161. „Auf unserer Abtheilung war mehrmals ein Srhuslergesell mit einer katarrhaliseh-rheuma- 
lischen Augenentzündung, bei deren Abnahme sich jederzeit ein leichter, bald wieder schwindender Pannus ein- 
gestellt halle. Diessjährig sahen' wir bei demselben im Laufe eines solchen Entzündunganfalles in der Tiefe 
der nur weniir katarrhös ergriffenen, blassrolhen und kaum aufsrelockerlen Bindehaut des linken Auges drei 
solche Bläschen" — wie heim Trachom — „entstehen und verschwinden. Es folgte aber keine Blennorrhoe, 
wohl aber kam wieder ein Pannus nach." 

'"") Vergl, Fischer klin. Unterricht, S. 60. 



Trachoma — Verlauf — Ausgänge— Pannus — Cornealgesclnv. 131 

Cilien und der Lidrand die Cornea anhaltend reiben und drücken, 'sehen wir" endlich 
ganz andere Folgen auf der Cornea auftreten, A\ie bereits S. 129 angegeben wurde. 
Wäre der Pannus Folge des Druckes, der Reibung der Cornea" durch die Granulatio- 
nen, dann Hesse sich in der That das Auftreten des sogenannten Hydrops camerae 
nicht begreifen. 

Wenn der Pannus nicht zur Ausdehnung der Cornea führt, so lässt 
er eine Restitutio ad integrum zu, vorausgesetzt, dass er einerseits nicht 
zu tieferer Geschwürsbildn.ng, anderseits nicht zur Umwandlung des Exsu- 
dates in stationäres Narben- oder Fasergeivebe geführt hat. Nach län- 
gerem Bestände organisirt sich nämlich das Exsudat, und schrumpft zu 
einem dünnen, halbdurchsichligen, sehnenartig glänzenden, unveränder- 
lichen Überzuge, welchen schon Piringer als unheilbar erkannt, und 
Pannus siecus genannt hat. Zum Glück reicht derselbe selten bis vor die 
Pupille herab. 

Dieselbe Form, welche wir als Conjunctivitis scrofulosa beschrieben 
haben, pflegt nicht selten dem Auftreten des Trachoma vorauszugehen, 
und noch häufiger während der verschiedenen Grade und Stadien des- 
selben zu intercurriren. Oft lange, nachdem der grösste Theil des Ex- 
sudates und der Gefässe von der Oberfläche der Cornea verschwunden 
sind, sieht man leichte Abschliffe, sogenannte Resorptionsgeschwüre fort- 
bestehen, welche oft nur beim Spiegeln der Cornea wahrnehmbar werden, 
sich äusserst langsam ausfüllen, und oberflächliche Trübungen für lange 
oder für immer zurücklassen. In andern Fällen führt die rasche Schmel- 
zung dieser umschriebenen Exsudate ganz auf dieselbe Weise, wie bei 
der Conjunctivitis scrofulosa, zu tieferen, selbst durchbohrenden Geschwü- 
ren und deren Folgezuständen. 

Auf andere, als die bisher besprochene Weise, bringt das Trachoma 
an und für sich dem Auge keine Gefahr. 

Zerstörung der Cornea durch Malacie oder eitrige Infiltration wie bei der acuten 
Bindehautblennorrhöe habe ich auch bei den heftigsten Fällen nicht beobachtet. Schwä- 
chung der Sehkraft durch Beeinträchtigung der Ernährung des Auges, veränderte Pi- 
smentalablaijerunff u. s. w., wie Dr. Hasner angibt, ist weder durch untrügliche Zeichen 
an Lebenden, noch durch Sectionen nachgewiesen. 

Die Krankheit beginnt im untern Lide. Man trifft sehr oft Kranke, 

bei denen bloss das untere Lid leidet, das obere (bis etwa auf leichte 

Hyperämie und Schwellung der Bindehaut) ganz gesund befunden wird, 

hingegen wohl nie einen Fall, wo bei Auflagerung oder Infiltration an 

dem obern Lide das nntere normal gefunden würde. Die Krankheit geht 

aber auch am untern Lide früher zurück, und scheint überhaupt, nach 

den consecutiven Veränderungen zu schliessen, hier öfters sich mehr in 

q* 



132 Bindehaut. 

oberflächlicher Exsudalion zu erschöpfen, als in die Tiefe zu greifen. 
In der Mehrzahl inveterirter Fälle, die dem Arzte zu Gesichte kommen, 
sind die Körner am untern Lide bereits geschwunden, die Bindehaut er- 
scheint dann über dem schmalen Knorpel entweder gleichmässig dunkel- 
roth und sammtartig aufgelockert, allenfalls gegen die Winkel hin noch 
mit einem oder dem andern blassen Korne versehen, oder stellenweise 
wie mit Milch überzogen, und der Übergangstheil ist verstrichen, wenn 
nicht schon Symblepharon posterius beginnt. In solchen Fällen kann man 
leicht glauben, man habe einen chronischen Katarrh vor sich, wenn man 
das obere Lid nicht umstülpt, und auch hier seine Aufmerksamkeit vor- 
züglich auf den Übergangstheil richtet, denn auch hier können die ge- 
nannten Körner über dem Tarsus bereits geschwunden sein, während sie 
im Übergangstheile noch fortbestehen. 

Nur in Fällen, welche mehr acut aufgetreten zu sein scheinen, 
findet man die genannten Körner und die dadurch eingeleiteten Ver- 
änderungen am obern und untern Lide so ziemlich auf gleicher Entwick- 
lungsstufe. 

Niemals, die Körner mögen noch so gross und zahlreich sein, ent- 
steht in Folge dieser Krankheit Ektropium, sehr leicht dagegen, wenn 
spontane Schrumpfung eintritt, Trichiasis oder Entropium, häufig Symble- 
pharon posterius, in seltenen Fällen selbst Xerophthalmus. 

Dieses verschiedene Verhalten in Bezug auf Verlauf und Ausgänge 
bietet eines der wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale dieser Krankheit 
von der Blennorrhoe, mit welcher sie so häufig zusammengeworfen wurde. 

Vorkommen und Ursachen. Das Vorkommen des Trachoma, 
dieser zusammenhängenden Beihe krankhafter Erscheinungen, welche wir 
in den vorhergehenden beiden Absätzen beschrieben haben, steht in einem 
so auffallenden Verhältnisse zu dem Vorkommen der Scrofulosis und Tu- 
berculosis, dass eine innigere Beziehung zu diesem Allgemeinleiden nicht 
in Abrede gestellt werden kann. 

Es soll hieniit nicht gesagt sein, dass solche Exsudate, wie wir sie so eben 
kennen gelernt, unmittelbar das Ergebniss einer fehlerhaften Blutmischung seien; es 
soll nicht gesagt sein, dass diese Exsudate selbst vielleicht scrofulöse oder tuberculöse 
Ablagerungen in der Bindehaut seien, denn sie kommen erwiesener Maassen auch bei 
solchen Individuen vor, bei denen sich nie, weder zur Zeit, noch vor, noch nach dem 
Auftreten des Augenleidens eine solche Dyskrasie anderweitig nachweisen lässt, und 
wir sind weder mit freiem Auge, noch mit der Loupe oder mit dem Mikroskope im 
Stande, in der Form, Structur, oder den Metamorphosen einen namhaften Unterschied 
dieser sogenannten Granulation anzugehen, gleichviel ob sie bei innerlich gesunden 
Individuen (bei Katarrh und Blennorrhoe) oder bei ausgesprochenem A'llgenieinleiden 



Trachoma — Vorkommen — Ursachen. 133 

vorkommen. Aber der Grund, dass diese anfänglich so wie heim Katarrh und der 
Blennorrhoe nur oberflächlich abgelagerten Exsudate endlich auch das Farenchym der 
Bindehaut, den Knorpel, den submucösen Zellstoff und die Cornea einnehmen, liegt 
eben in dem Umstände, dass die Augenentzündung' zuletzt durch ein Allgemeinleiden 
bedingt ist Und eben das auf diese Weise zu •Stande gekommene entzündliche Bindc- 
hautleiden mit diesen körnigen Exsudaten und seinem immer eigenthümlicher gestalte- 
tten Verlaufe, je weiter es gediehen ist, haben wir, um es als von andern ähnlichen 
wesentlich verschieden zu, bezeichnen, Trachoma genannt. Will man aber den Aus- 
druck Trachoma überall in Anwendung bringen , wo man die in Rede stehenden Ex- 
sudate vorfindet, dann unterscheide man nur, ob das Übel bloss durch äussere Momente 
(unreine Luft, Contagium etc.) allein, oder durch innere Ursachen vorwaltend bedingt 
sei; man bediene sich dann etwa, um diesen für den Arzt gewiss wichtigsten Unter- 
schied anzudeuten, allenfalls der Ausdrücke: Trachoma catarrhale, blennorrhoicum, 
scrofulosum, und füge noch hinzu, dass die erstem beiden erfahrungsgemäss jene Me- 
amorphosen nicht herbeiführen, welche das letztere bei langer Dauer fast constant 
nach sich zieht. 

Das Trachoma entwickelt sich beim Vorhandensein dieser Anlage 
spontan, in Folge des Allgemeinleidens allein, oder auf verschiedene 
äussere Veranlassungen, welche theils auf das Auge, theils auf den Ge- 
sammtorganismus nachtheilig einwirken. 

Bisweilen geben traumatische Eingriffe den Anstoss zur Entwick- 
lung desselben, häufiger Verkältung, am häufigsten unreine Luft, der 
Aufenthalt in feuchten, dumpfigen, wenig gelüfteten, mit Menschen über- 
füllten Localitäten, dürftige und schlechte Nahrung, kümmerliche Lebens- 
verhältnisse überhaupt. Die Krankheit kommt unverkennbar unter Leuten, 
die in dürftigen Umständen leben, bei weitem häufiger vor, als bei wohl- 
habenden, obwohl auch diese nicht davon verschont bleiben, sobald sie 
Einflüssen ausgesetzt werden, welche die Constitution des Körpers her- 
unterbringen. 

Rücksichtlich des Alters fällt die Zeit der Entstehung am häufigsten 
mit den Jahren des Mannbarwerdens zusammen, und zwar vor dem Zu- 
standekommen desselben. Bei Kindern unter 5 Jahren kommt es — nach 
meinen bisherigen Beobachtungen — gar nicht, und von da bis zum 12. 
Jahre auch nur ausnahmsweise vor. Im Mannes- und Greisenalter ent- 
wickelt es sich sehr selten ; bei Individuen dieses Alters datirt es 
meistens aus einer früheren Periode ; doch kommen mitunter Fälle vor, wo 
das erste Auftreten in die Zeit der Involution (der klimakterischen Jahre) 
fällt. — Es liegen mir mehrere Beobachtungen vor, aus denen ich, theils 
nach den consecutiven Veränderungen am Auge, theils nach den An- 
gaben der betreffenden Kranken annehmen muss, dass diese in den 
Jünglingsjahren an Trachoma litten, denn durch 15—20 Jahre von dem- 



134 Bindehaut. 

selben wenigstens scheinbar geheilt, i. e. von entzündlichen Zufällen ver- 
schont blieben, und erst zur Zeit der Involution neuerdings von solchen 
Zufällen, namentlich von Ablagerung auf der Cornea (Pannus) befallen 
wurden. Es kehrten Leute, welche in der hiesigen Klinik vor 15 — 20 
Jahren an sogenannter chron. Blennorrhoe (Fischer) behandelt und nach 
Abtragung des Haarzwiebelbodens (wegen Trichiasis oder Entropium) ge- 
heilt entlassen worden waren, und sich Jahre lang wohl befunden hatten, 
in ihrem spätem Alter mit Trachoma cum panno in die Anstalt zurück. 

Es erscheint eniwecler auf beiden Augen zugleich, und schreitet auch 
auf beiden in ziemlich gleichem Grade vorwärts, oder es befällt das 2. 
Auge erst nach längerer Dauer auf dem erst ergriffenen. Nur selten 
bleibt es Monate lang auf ein Auge beschränkt, und niemals noch kam 
mir ein Fall von weit gediehenem Trachom (mit Schrumpfung) des einen 
Auges bei noch ganz frei gebliebener Bindehaut des andern Auges vor. 

Bei mehr als zwei Dritteln der Kranken, welche ich an Trachoma 
zu behandeln hatte, und von denen mir genaue Erhebungen vorliegen, 
bot entweder der Status praesens oder die Anamnesis unzweideutige 
Merkmale der Scrofulosis dar. Bei vielen der Erwachsenen Hess sich Tu- 
berculosis pulmonum mit grösster Wahrscheinlichkeit, bei mehreren mit 
Bestimmtheit nachweisen. Aber auch die übrigen zeigten fast durchge- 
hends eine blasse und aufgedunsene, oder erdfahle und welke Haut, ge- 
ringe und schlafFe Muskulatur, Trägheit in den Bewegungen des Körpers, 
Trägheit in den Verrichtungen des Unterleibes. Bei der Mehrzahl der 
weiblichen Individuen war die Menstruation ungewöhnlich spät, meistens 
erst nach dem 17. Jahre, eingetreten, und erfolgte sofort sparsam oder 
unregelmässig. Nur eine sehr geringe Zahl konnte für relativ gesund 
erklärt werden. 

Es findet bei dieser Krankheit, wenigstens im Stadium der Infiltration und noch 
mehr in dem der Schrumpfung-, ein gleiches Yerhältniss statt, wie bei der Conjuncti- 
vitis scrofulosa, bei der Iritis syphilitica u. s. w. Es gibt Formen, welche so charak- 
teristisch sind, dass man nur das Auge zu sehen braucht, um zu wissen, was für 
einem Individuum es gehört, dass man aus den Produkten am Auge mit Sicherheit 
auf das bedingende Allgemeinleiden zurückschliessen kann. Ist aber umgekehrt das 
Augenleiden weder in Bezug auf den Befund, noch in Bezug auf den bisherigen Ver- 
lauf und die Entstehungsweise so charakterisirt, dass man Grund hat, auf das fragliche 
Allgemeinleidcn als bedingendes Moment zuriickzuschliessen , dann können gleichzeitig 
vorhandene oder vorhergegangene sonstige Merkmale der Scrofulosis oder Tuberculosis 
wohl mehr weniger Verdacht auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem 
örtlichen und diesem allgemeinen Leiden erregen, nie aber für sich allein den Aus- 
schlag geben. 

Bisher habe ich zwar nur fünfmal Gelegenheit gehabt. Individuen 



Trachoma — Vorkommen' — Ursachen. 135 

zu seciren. an denen ich im Lehen Trachoma diagnoslicirt hatte, aber alle 
zeigten Tuberculosis pulmonum, oder waren geradezu in Folge dieses 
Leidens gestorben. 

Zu diesen gehören der oben erwähnte J. Peter (S. 126) und J. S. (S. 122). Aus 
dem Jahre 1844 bewahre ich ein Präparat von Xerophthalinus als Ausgang von Tra- 
choma; es stammt von einem Maane, bei welchem nebst andern auch obsolete Lungcn- 
tuberculosis gefunden worden war. — A. Jelinek, 45 Jahre alt, Taglöhnerin aus Kosir 
starb am 15. Mai 1846 an Tuberculosis pulm. Ich hatte sie nur einige Tage vor dem 
Tode gesehen, und aus den consecutiven Veränderungen am linken Auge geschlossen, 
dass der partielle Xerophtalmus des rechten Auges nichts anderes, als das Ergebniss 
von Trachoma sein könne. — An Tuberculosis starb auch der ßuchbinderssohn Dvorsky 
(in der Stadt), bei welchem ich im Jahre 1842 wegen Pannus als Folge mehrjährigen 
Trachomas die Einimpfung der acuten Bindehautblennorrhöe unternommen, jedoch nur 
vorübergehende Besserung erzielt hatte. Seine Mutter und seine Schwester litten gleich- 
falls an Trachoma ; bei ersterer waren, als ich sie in Behandlung nahm, Bindehaut und 
Lidknorpel bereits so weit geschrumpft, dass nach und nach an sämmtlichen Lidern 
der Haarzwiebelboden hatte abgetragen werden müssen (theils von Herrn Dr. Ryba, 
theils von mir), letztere genas unter Touchirungen mit Cuprum sulfuricum und ent- 
sprechender Allgemeinbehandlung (welch letztere namentlich Eisen- und Chinapräparate 
erforderte) in Zeit von 4—5 Jahren, und befindet sich jetzt tm Allgemeinen so wohl, 
dass, wer ihr jahrelanges Kranksein nicht selbst beobachtet, kaum glauben würde, sie 
sei früher scrofulös (tuberculös) gewesen, und nur die sehnigen Streifen der verkürzten 
Bindehaut und die Verschmälerung der Lidknorpel verräth dem Sachkundigen das vor- 
ausgegangene örtliche Uebel. 

Hat man Gelegenheit, Leute mit Trachoma zu Hause, als Familien- 
mitglieder zu beobachten, so wird man nicht selten überrascht durch die 
Bemerkung, dass mehrere Mitglieder der Familie an Trachoma leiden, 
oft ohne es zu wissen, und es kommen Fälle vor, welche man weder 
durch Supponirung eines Contagiums, noch durch die Annahme, dass 
dieses Übel durch gemeinschaftliche äussere Schädlichkeiten erzeugt oder 
unterhalten worden sei, erklären kann, im Gegentheile, man wird zur 
Annahme einer innern Disposition gedrängt, welche selbst als ererbt oder 
angeboren betrachtet werden muss. 

So litt in der Familie Dworsky auch der Vater, ein Buchbinder, an den Augen, 
aber das Uebel gab sich hier nur als chronischer Katarrh kund, und obwohl ich den 
Mann durch mehr als 6 Jahre beobachtete , konnte ich doch nie solche Exsudate, wie 
beim Trachoma, und noch weniger die consecutiven Erscheinungen wahrnehmen. — 
Eine Frau von 30 und etlichen Jahren, welche seit beiläufig 20 Jahren zu verschiedenen 
Malen durch Zufälle belästigt wurde, wie sie die Leute gewöhnlich bei katarrha- 
bscher Bindehautentzündung angeben , consultirte mich vor 4 Jahren wege dieses 
Übels. Ich fand Trachoma, die Bindehaut bereits merklich geschrumpft. Nach einiger 
Zeit brachte sie mir ihre 1 1 '/Jährige Tochter, welche öfters an Conjunctivitis scrofu- 
losa leidet. Diese bot an den untern Lidern das Stadium der tiefern, an den obern 



136 Bindehaut. 

das der oberflächlichen und solitären Exsudatablagerung dar. Mit den Entzündungs- 
zufällen am Auge, welche sich deutlich als Conjunctivitis scrofulosa erwiesen, und oft 
von sehr heftiger und hartnäckiger 'Lichtscheu begleitet waren , traten gewöhnlich 
starke Anschwellung der Oberlippe, Excoriationen an den Nasenlöchern und stärkere 
Anschwellung der Lymphdrüsen am Halse ein. Die 2. Tochter dieser Frau kam in 
spälerer Zeit einmal mit der älteren Schwester zu mir, „weil ihre Augen auch etwas 
roth wären", mit oberflächlichen Exsudaten an den untern Lidern ; weiterhin wurde 
mir die dritte Tochter wegen einer Struma vorgeführt, und endlich auch die jüngste, 6 
Jahre alt, beide mit geringer oberflächlicher Ablagerung. Die Mutter war erstaunt, 
dass ich auch diese beiden für angenkrank erklärte. Der Vater ist gesund, ebenso der 
Dienstbote, welchem die Kinder , da die Mutter wenig zu Hause ist, den ganzen Tag 
überlassen sind. — In andern Fällen leidet ein und das andere Glied der Familie an 
Trachoma, andere dagegen an andern krankhaften Erscheinungen, welche wir als Aus- 
druck der Scrofulosis zu betrachten berechtigt sind. — Eine Jüdin vom Lande litt seit 
einer langen Reihe von Jahren an ihren Augen; beim Herrannahen der klimakterischen 
Jahre wurde sie häufiger von entzündlichen Zufällen belästigt. Allmälig war Schrum- 
pfung der Bindehaut und der Knorpel eingetreten, und mussten die Cilien von Zeit zu 
Zeit ausgezogen, endlich sammt den Zwiebeln entfernt werden. Vor 3 Jahren brachte 
sie ihre 17jährige Tochter wegen hartnäckiger Blepharadenitis und theilweiser Madarosis 
zu mir, und nach einiger Zeit ihren 15jährigen Sohn, welcher bereits seit 2 Jahren bei 
einem Kaufmann in der Lehre stand, und nun wegen beginnendem Pannus (Trachoma 
im Stadium der tiefern Infiltration und theilweise Schrumpfung) sich gleichfalls längerer 
Behandlung unterziehen musste. — Von 3 Schwestern aus der Gegend von Pilsen kam 
die eine vor 2, die andere vor 1 Jahre mit Trachoma und consecutiver Trichiasis in's 
allgemeine Krankenhaus. Die Eltern sind längst todt; die jüngste Schwester, 20 Jahre 
alt, diente bereits seit ihrem 14. Jahre in Marienbad; erst dort erkrankten ihre Augen, 
und zwar fand ich bei ihr dasselbe Leiden, wie bei ihren beiden altern, ihr übrigens 
so ähnlichen Schwestern, dass ich sie anfangs mit der einen verwechselte. Sie- war 
seit ihrem 14. Jahre mit ihre Schwester nicht in Berührung gekommen, und versi- 
cherte, auch in Marienbad mit Niemanden zusammen gekommen zu sein, von dem sie 
sich etwa hätte anstecken können. 

Bei Leuten aus der ärtnern Classe, wo das Trachoma ungleich häu- 
figer beobachtet wird, kann man leicht auf die Vermuthung kommen, ob 
nicht Unreinlichkeit, dürftige Nahrung, Kummer und Elend die Ursachen 
seien, dass diese Kranken im Allgemeinen so schlecht aussehen. Ich 
habe indessen die Krankheit auch oft bei wohlhabenden Leuten gefunden, 
die in durchaus günstigen Verhältnissen lebten, und diese insbesondere 
waren es, welche mich aufmerksam machten, dass ein von äussern Ver- 
hältnissen mehr weniger unabhängiges, ein constitutionelles Leiden als 
letzte Ursache dieser Augenkrankheit angenommen werden müsse. Die 
ungünstigen äusseren Verhältnisse, welche die Armuth mit sich bringt, 
wirken theils direct auf die Bindehaut (unreine Luft u. dgl.), theils indi- 
rect, durch ihren Einfluss auf die ganze Constitution. 



Traf homa — Vorkommen — Ursachen. 137 

Den Antheil, welchen das innere, constitntionelle Leiden an der Er- 
zeuouno- dieses Auoenübels hat. finden wir bereits von sehr vielen ßc- 
obachtern anerkannt, und mehr weniger deutlich bezeichnet. So finden 
wir bei Celsus *) folgende denkwürdige Stelle : „Haec autem (asperitudo) 
inflammationem oculorum fere sequitur, interdum major, interdum levior; 
nonnunquam etiam ex asperitudine lippitudo fit; deinde asperitudinem 
ipsam äuget fitque ea in aliis brevis, in aliis longa, et quae vix unquam 
finiatur. In hoc gener e valetudinis quidam crassas durasque palpebras 
et ßculneo folio et asperato specillo, et interdum scalpello eradunt, ver- 
sasque quotidie medicamentis suffricant. Quae neque nisi in magna ve- 
tustaque asperitudine, neque saepe facienda sunt. Nam melius eodem ratione 
virtus et idoneis medicamentis pervenifur." Diese Stelle enthält unsere 
Lehre vom Trachoma gleichsam in nuce. Wer nur einige Übersicht über 
die Krankheiten hat, welche am Auge vorkommen, kann nicht verkennen, 
dass die Palpebrae durae, crassae et intus asperae nichts anders bedeuten 
können, als Trachom im Stadium der tiefern Infiltration. Auch das Ver- 
halten der Krankheit in Bezug auf die entzündlichen Zufälle ist in dieser 
Stelle genau so angedeutet, wie wir es heute bei den Fällen finden, die 
wir als Trachoma bezeichnen. Und bei dieser Krankheit wird nun ge- 
warnt, sich zu viel auf örtliche Mittel zu stützen; es wird die Diät (im 
weitern Sinne des Wortes) und die Verabreichung passender Arznei- 
mittel als wichtiger, zweckmässiger erklärt, der Einfluss, den ein Allge- 
meinleiden auf das örtliche Übel übt, bestimmt anerkannt. Kann man 
nicht läugnen, dass Celsus die Krankheit in Bezug auf ihre Erscheinungen 
und auf ihren Verlauf der Hauptsache nach richtig, ich möchte sagen 
classisch, gezeichnet habe, so darf man wohl auch annehmen, dass seine 
Worte über die Therapie auf richtige Beobachtungen gestützt seien; und 
könnte man auch die Worte „ratione victus" anderweitig deuten, die 
Worte „idoneis medicamentis" können nur auf ein inneres Leiden als 
Ursache dieses Augenübels bezogen werden. Rosas **) unterscheidet das 
secundäre Trachom von dem primären, und bezeichnet letzteres als ein 
kacheklisches Leiden, welches, sobald es bei kachektischen Individuen 
vorkomme, leicht wiederkehre, so lange, als der allgemeine krankhafte 
Zustand fortbestehe. 

Wer durch eine Reihe von Jahren Gelegenheit hatte, verschiedene 
Augenkrankheiten zu beobachten, der wird finden, dass das, was die 



") De "re medica, 1. VI. 
•*) Handbuch der Augenheilkunde. Wien 1-530, II. S. 300. 



138 Bindehaut. 

Auetoren Pannus genannt haben, im Allgemeinen am häufigsten als 
Symptom, als Theilerscheinung des Trachorna vorkommt, und dass somit, 
wenn dieselben von Allgemeinleiden als Ursache des Pannus sprechen, 
diese Behauptung vorzugsweise auf das Trachom zu beziehen ist. *) 

Bei der Prognosis kommen jederzeit alle die Momente zur Be- 
rücksichtigung und Combination, welche wir in Bezug auf den Grad, den 
Verlauf und die Ausgänge, so wie auf die disponirenden, excitirenden und 
unterhaltenden Verhältnisse besprochen haben. Bei keiner andern Krankheit 
der Bindehaut wird es in der Regel so schwer sein, sich über die wahr- 
scheinliche Dauer auszusprechen, wie hier, wo man gar oft, wenn die 
Beseitigung der entzündlichen Zufälle und der Exsudate an den Lidern, 
auf der Cornea, nach Wochen-, Monate-langer Behandlung gelungen ist, 
trotz der sorgfältigen Regelung und Überwachung der diätetischen Ver- 
hältnisse plötzlich durch einen frischen Nachschub (an den Lidern, auf der 
Cornea) auf den alten Standpunkt zurückgeworfen wird. Ist man nun selbst 
unter den günstigsten äussern Verhältnissen vor Rückfällen nicht sicher, 
so ist man es im Allgemeinen um so weniger, wenn, wie das am häu- 
figsten der Fall ist, es absolut unmöglich ist, die Diät — im weitern 
Sinne des Wortes — gehörig zu reguliren. Leute, die mit ganz glatter 
Binde- und Hornhaut aus der Behandlung entlassen wurden, kehren nicht 
selten über kurz oder lang mit dem frühem Zustande, oder, wenn -die 
geschrumpfte und verkürzte (grösstenteils oder ganz in Narbengewebe 
verwandelte) Bindehaut zu neuen Ablagerungen gleichsam unfähig ge- 
worden ist, mit einem mehr weniger ausgebreiteten und mächtigen Pannus 
zurück. Nur mit dem Eintreten eines bessern Aussehens des Kranken, 
mit den Zeichen der Besserung oder Behebung des Allgemeinleidens 
kann man auf dauernde oder bleibende Beseitigung des örtlichen Übels 
rechnen. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass der einmal eingeleitete 
örtliche Process, auch wenn die äussern und innern Verhällnisse des 
Kranken sich günstiger gestaltet haben, an und für sich von der Art ist, 
dass er Wochen, Monate zur Rückbildung erfordert, und dass sich diese 
Rückhildung nur gleichsam reguliren und befördern, keineswegs erzwingen, 
präeipitiren lässt. Bei der Stellung der Prognose, bei der Belehrung, dass 
diese Krankheit einer sorgfältigen Bflege und ärztlichen Behandlung be- 
dürfe, wenn sie ohne Gefahr für das Auge ablaufen soll, vergesse der 



*) Vcrgl. Walther Lehre von den Augenkrankheiten, 1819, I!. S. 312, Andrae Augenheilkunde, 1946, II. S. 414. 
Fischer ktin. Unterricht, 1832, S. t'<$, Piringer I. ovo. 121, Beer Lehre von den Augenkrankheiten, 1817, S. 
031 II. m. A. 



Trachoma — Prognosis — Therapie. 139 

Arzt nie, dass es mitunter Fälle gibt, wo selbst der 2. Grad der Krank- 
heit am Ende von selbst und ohne wesentliche bleibende Naehtheile 
verschwindet. 

Behandlung. So wie man einen Kranken mit Trachoma in Be- 
handlung nimmt, lenke man sein Augenmerk vor allem auf die Verhält- 
nisse, unter deren Einflüsse derselbe lebt. Welche Momente hier vorzüglich 
zu berücksichtigen seien, bedarf nach dem bisher Gesagten wohl keiner 
weitern Auseinandersetzung, und es möge hierüber nur noch das reca- 
pitulirt werden, was bei der Behandlung der Conjunctivitis scrofulosa in 
dieser Beziehung bemerkt wurde. Insbesondere aber will ich noch darauf 
aufmerksam machen, dass nächst der Regulirung der Diät im weitesten 
Sinne des Wortes, so weit sie nur zulässig ist, die Aufheiterung des Ge- 
rn Utk es eine Hauptsache für die Behandlung bildet. Diese Kranken, welche 
gewöhnlich erst nach Monate-, Jahre-langer Dauer zum Arzte kommen, 
und zwar erst dann, wenn sie durch wiederholte entzündliche Anfälle oder 
durch pannöse Trübung der Hornhaut in ihren Verrichtungen gehindert 
werden, oder wenn sie bereits nicht mehr ohne Führer herumgehen 
können, sind in der Regel theils äusserst kleinmüthig, theils in Folge von 
allerhand fruchtlosen Heilversuchen höchst unschlüssig und unbeständig. 
Man mache also einem solchen Kranken vor allem andern begreiflich, wie 
das Eine nicht minder als das Andere jeden Heilversuch paralysire, man 
fordere Zutrauen und Ausdauer auch für den Fall, dass die Cur länger 
dauern, die Heilung durch unverschuldete Rückfälle verzögert werden sollte. 

Das zweite Moment der Behandlung bildet die genaue Berücksich- 
tigung des Allgemeinbefindens des Kranken, welches dann theils für die 
Diät, theils für die zu verabreichenden Medicamente maassgebend sein 
wird, wenn irgend Abnormitäten vorhanden sind, welche auf das örtliche 
Leiden einen Einfluss nehmen können. Die allgemeine Behandlung wird 
sich nach dem, was über die Beziehung des Trachoma zum Gesammt- 
organismus und zu den Schädlichkeiten, welche diesen treffen, gesagt 
wurde, im Allgemeinen und im Besondern dem praktischen Arzte von 
selbst ergeben. Bald wird Entfernung aus ungünstigen Verhältnissen das 
Wirksamste sein, bald werden Purgantia oder Solventia speciellen Indi- 
cationen entsprechen, bald endlich die sogenannten Emenagoga oder Ro- 
borantia, namentlich Tonica am ehesten den Zustand des Gesammtorga- 
nismus zu verbessern die meiste Aussicht geben. (Vergl. das über die 
Behandlung der Scrofulosis S. 98 — 106 Gesagte.) 

In Bezug auf die örtlichen Erscheinungen ist zu unterscheiden, ob 
entzündliche Zufälle als Begleiter frischer Infiltration oder als zufällige 



140 Bindehaut. 

Complicalionen vorhanden sind. Erstere vertragen durchaus keine ört- 
lichen Mittel, namentlich keinerlei Augenwässer. Am besten werden sie 
durch Darreichung entsprechender Abführmittel und durch Einreibungen 
von Mercurialsalben an die Stirne und Schläfe, der Lichtscheu entspre- 
chend mit Extr. hyosciam. oder beilad. versetzt, beschwichtigt. Örtliche 
Blutentziehungen werden selten, allgemeine niemals noth wendig; kalte 
Umschläge habe ich nie versucht, wohl aber von Laien oft fruchtlos an- 
wenden sehen. Diese Erscheinungen, namentlich Lichtscheu. Thränenfluss 
und Schmerzen im Auge und im ganzen Kopfe, sind bisweilen nicht nur 
äusserst heftig, sondern auch so hartnäckig, dass am Ende kein Mittel 
anschlägt, wie z. B. in dem Falle, den Professor Fischer in seinem Lehr- 
buche, Prag 1846 S. 141, beschrieben hat, oder der, den Eble (1. c. 
1828) S. 82 anführt. Man hüte sich in solchen Fällen, das constitutio- 
nelle Leiden über dem örtlichen ausser Acht zu lassen, dieses auf Kosten 
des Gesammtorganismus durch stark eingreifende Mittel brechen zu wollen. 
— Man überzeuge sich überdiess jedesmal, ob solche heftige Zufälle 
nicht etwa durch die Einwärtswendung von Cilien, oder durch einen 
fremden Körper erregt und unterhalten werden, oder ob etwa eine Com- 
plicalion, z. B. Iritis vorhanden sei. — Sind diese heftigen Zufälle so 
weit gemildert, dass es möglich wird, das obere Lid zu umstülpen, so 
nehme man, wenn nicht etwa Hornhautgeschwüre mit heftig entzündlichem 
Charakter, oder frischer Durchbruch der Hornhaut und Irisvorfall vor- 
handen sind, keinen Anstand, die Körner mit einem Stück Lapis oder Cu- 
prum sulfuricum zu touchiren, da die Erfahrung gezeigt hat, dass man 
dadurch den Rest jener Zufälle oft schnell beseitigt. 

Beim Bestreichen der Exsudathügel auf und in der Bindehaut mit 
Lapis infernalis oder mit Cuprum sulfuricum darf man nie ausser Acht 
lassen, dass man nicht so sehr durch Ätzung zerstören, als vielmehr 
durch einen gewissen Grad von Reizung schnellere Resorption einleiten 
will. Ob man täglich touchiren soll, und wie stark, das kann immer 
nur nach der Wirkung der letzten Application des Mittels bestimmt werden. 
Das Auge muss sich von der jeweiligen Reizung stets wieder erholt 
haben, und es müssen während des Zeitraumes, wo die Touchirungen vor- 
genommen werden, die entzündlichen Zufälle, namentlich die Röthe, Licht- 
scheu u. dgl., von Zeit zu Zeit merklich abnehmen, sonst hat man Grund 
zu vermulhen, dass man zu slark oder zu oft touchirt. Nicht immer ist 
es nothwendig, die ganze Lidfläche zu touchiren ; oft wird es gerathen 
sein, nur das eine Lid zu bestreichen. Es gibt Fälle, in welchen das 
Touchiren weder mit Lapis noch mit Cuprum, vertragen* wird, und in 



Trachoma — Therapie. 141 

andern Fällen kann der Arzt nicht hinreichend oft zum Kranken kommen, 
um die Touchirungen vorzunehmen. In solchen Fällen lasse man eine 
Salbe aus 3 — 6 Gran weissem Präcipitat (auf 1 Drachme) an die äussere 
Fläche der Lider, oder eine aus 1 — 4 Gran (allmälig steigend) an deren 
innere Fläche einstreichen, was am besten mittelst des Fingers geschieht. 
Dieses Mittel führt jedoch im Allgemeinen langsamer zum Ziele, nützt 
wohl auch gar nichts, selbst bei gehöriger Anwendung. Etwa vorhan- 
dener Pannus contraindicirt diese Salbe keineswegs, wie man behauptet 
hat. Ich habe namentlich auf Professor Fischer's Klinik unläugbare Wir- 
kung davon gesehen, bediene mich jedoch im Allgemeinen am liebsten 
des Cuprum, oder des mit Gummi arab. vermischten Lapis. 

Der Nutzen dieser Behandlung der mit Exsudaten durchsetzten Binde- 
haut besteht darin, dass so rasch als möglich Resorption derselben 
(thejlweise auch Zerstörung) eingeleitet, mithin (abgesehen von der Ab- 
wendung der Gefahren, welche der Cornea aus -dem langen Bestehen der 
Krankheit erwachsen) die Verdrängung, die Atrophirung der Elemente der 
Bindehaut durch diese Neugebilde so viel und so zeitig als möglich ver- 
hütet, und hiermit die traurigen Folgen dieser Verschrumnfung der Binde- 
haut und des Knorpels (Trichiasis, Entropium, Xerophthalmus) möglichst 
abgehalten oder beschränkt werden. 

Der Pannus, in der Regel das Übel, das den Kranken trieb, ärzt- 
liche Hilfe zu suchen, weicht im Allgemeinen mit den Exsudaten in der 
Lidbindehaut gleichen Schrittes zurück, besteht indess manchmal hart- 
näckig fort, oder entwickelt (verschlimmert) sich von neuem, auch wenn 
die Lider bereits glatt geworden sind. Ich habe bereits einen Fall an- 
geführt, wo ich keinen Anstand nahm, die Exsudate auf der Cornea selbst 
mit dem Lapis zu ätzen und nachträglich Nitras argenti einzuträufeln. In 
der Regel reichen die Touchirungen der Lider hin, auch den Pannus 
schwinden zu machen. Einträuflungen von Laudanum liq. Sydenh., z. B. 
Abends, wenn man Morgens touchirt hat, pflegen die Heilung des Pannus 
sehr vortheilhaft zu unterstützen. Scarificationen der zur Cornea lau- 
fenden Gefässe hielt ich a priori für unnütz , und Circumcisionen der 
Cornea für zu wenig gleichgiltig , als dass ich mich dazu hätte ent- 
schliessen können, ohne vorher alles Andere versucht zu haben. Die 
Bindehaut schrumpft ohnehin leider nur zu oft; wie könnte man sich da 
ohne die grösste Noth entschliessen, Stücke aus der Bindehaut auszu- 
schneiden oder durch Umkreisen der Cornea mit Lapis zu zerstören? 
Dagegen habe ich auf Fr. Jägers und besonders auf Piringers Versuche 
und genaue Angaben gestützt, mich nicht gescheut, die Heilung ver- 



142 Bindehaut. 

zweifelter Fälle von Pannus durch Impfung- blennorrhoischen Secretes zu 
versuchen, und in den 3 Fällen, wo ich sie vorgenommen, nicht Ursache 
gehabt, dieses Mittel als zu riskant zu verwerfen. Man sei nur vorsichtig 
in Bezug auf die Wahl des Impfstoffes. (Vergl. S. 41, über die Eigen- 
schaften des blenn. Secretes.) Die Impfung nützt nichts, wenn nicht eine 
Blennorrhoe höhern Grades hervorgerufen wird, doch würde es auch ge- 
fehlt sein, den Impfstoff von einer Blennorrhoe zu nehmen, die eben zum 
3. Grade steigt, oder mit Zerstörung der Cornea verläuft. 

Nachdem der Pannus der Hauptsache nach verschwunden ist, bleiben 
oft durch längere Zeit leichte Trübungen oder kleine Tacetten zurück, 
welche das Gesicht mehr weniger beeinträchtigen. Man lasse die Kranken 
so viel als möglich sich im Freien bewegen, wie überhaupt während der 
ganzen Cur, und setze entweder die zeitweiligen Einträufelungen von 
Laudanum liquid. Sydenh. oder Lapis inf. fort, oder lasse eine massig 
starke weisse Präcipitatsalbe an die äussere Fläche der Lider einstreichen. 
— Entstehen im Verlaufe des Trachoma mit Panuusbildung tiefere oder 
selbst durchbohrende Geschwüre der Hornhaut, so ist der Fall nach den 
S. 103 gegebenen Momenten zu beurtheilen und zu behandeln. 

Der sogenannte Pannus siccus widersteht selbst der Impfung. Die 
callöse Verdickung des Epitheliums nach anhaltender Reibung der Cornea 
habe ich in 2 Fällen durch Abtragung mit dem Staarmesser unschädlich 
zu machen gesucht; doch blieb die Stelle nachher trüb; hingegen hellte 
sich in einem Falle (der Zustand kommt eben nur sehr selten vor) eine 
derartige Trübung bedeutend auf, und dürfte vielleicht mit der Zeit ganz 
geschwunden sein unter dem fortgesetzten Gebrauche der weissen Prä- 
cipitatsalbe an die Lidränder. 

Unheilbar ist die consecutive Ausdehnung der Cornea, sobald sie 
einigermassen beträchtlich geworden ist. In zwei solchen Fällen trat beim 
Einreiben von Veratrinsalbe (2 — 3 Gran auf eine Drachme) an die Stirn 
und Schläfe, in einigen andern beim Gebrauche der Jodkalisalbe (4 — 6 
Gran) an derselben Stelle, und in einem Falle unter Anwendung der Ma- 
gnetelektricität merkliche Abnahme der Cornealwölbung ein; doch sind 
meine diessfälligen Beobachtungen noch zu wenig zahlreich, als dass 
ich diese Veränderung - geradezu jenen Mitteln zuschreiben dürfte, um so 
mehr, da diese mich in einigen andern Fällen im Stiche Hessen. Fruchtlos 
dagegen erwies sich die Punction der Cornea, auch wenn ich sie mehrmal 
und in kurzen Zwischenräumen (2—3 Tagen) nach einander vornahm. 

Die Blepharophimosis, welche in Folge von Excoriationen der Cutis 
vom äussern Augenwinkel her enthteht, unterhält durch den häufigem Augen- 



Traehonia — Therapie — Blepharophimosis — Trichiasis. 143 

lidschlag eine beständige Reizung der Bindehaut, macht das so noth- 
wendige Umstülpen des obern Lides *) sehr schwierig oder unmöglich, 
und kann endlich, auch wenn Bindehaut und Knorpel nicht merklich oder 
gar nicht geschrumpft sind, zur Einwärts Wendung der Wimpern, wenig- 
stens im äussern Winkel führen. Sie lässt sich durch ein sehr einfaches 
operatives Verfahren beheben. Es handelt sich darum, die abnorme Ver- 
wachsung zu trennen und die Wiedervereinigung zu verhüten. Das Erstere 
erreicht man durch Einführen eines gekrümmten Spitzbistouri's zwischen 
den Bulbus und die äussere Commissur bis zum Orbitalrande hin (bei 
sehr unruhigen Kranken auf einer als Leiter vorgeschobenen Hohlsonde), 
Ausstechen in der Gegend des Orbitalrandes und Trennen der Verwach- 
sung sammt der äussern Commissur beim Vorschieben des Messers 
Ist nun auf diese Weise sowohl am obern als am untern Lide eine 

a b 

^\™^/ förmige Wunde gebildet, deren Spitze a nach innen, und 

c 

deren Schenkelenden b und c nach aussen gerichtet sind, so dass die 
Wundfläche bei stark auseinander gezogenen Lidern etwa folgende Figur 

c e , 

^i -y 6 

beschreibt %2\S. und die Blutung gestillt, so erreicht man den 2. 



y 

Zweck durch Anlegung der blutigen Naht, derart, dass man, wo möglich, 
zuerst die Bindehaut in dem Punkte a fasst und mit b zusammen zu heften 
sucht, oder, wo diess nicht möglich, sich begnügt, blos c mit d, e mit f, 
i mit k und g mit h durch Hefte zu vereinen. Die Punkte f und g sind 
gewöhnlich so gelegen, dass man die Nadel durch die Bindehaut führen, 
mithin die Conjunctiva an die Cutis heften muss, was bekanntlich die 
Vereinigung per primam intenlii nein nicht hindert. Sollte diess auch nur 
an einem Schenkel, z. B. in % k und g h gelingen, so ist dem Wieder- 
eintritte der Blepharophimosis hinlänglich vorgebeugt, wie ich nach zahl- 
reichen Beobachtungen versichern kann. 

Bei Distichiasis, Trichiasis oder Entropium hat die Ausdehnung 

*) Wenn ich mich von dem Zustande der Bindehaut am obern Lid einmal überzeugt, und Touchirungen mit Cnprum 
sulf. für nothwendig erkannt habe, so umstülpe ich das obere Lid nicht zu jeder Touchirung, sondern nnr von 
Zeit zu Zeit, um mich von dem Fortschritte der Heilung zu überzeugen. Ich ziehe nämlich, um zu touchiren, 
das obere Lid stark vom Bulbus ab, die Cutis über den Orbitalrand aufwärts rollend, und bringe das etwa 1 Zoll 
lange, 3 — 4 Linien breite und beiläutig 2 Linien dicke, vorn wohl abgerundete und geglättete Stück Kupfervitriol 
zwischen Bulbus und Cornea so bis zum Cbergangslheile hinauf, dass ich es beim langsamen Hin- und Herbe- 
wegen immer gegen das Lid aneedrückt halte. Auf diese Weise werden immer auch die Exsudate im Ühergangs- 
theile berührt. Will man sich dieses, allerdings einige Fertigkeit erfordernden Manövers nicht bedienen, und 
dennoch auch den Übergangstheil des obern Lides touchiren, so fahre man, wie im 12. Bande der Prager medic. 
Vjschr. angegeben, mit dem Ätzmittel zwischen dem Orbitalrande des umstülpten Lides und dem Bulbus 2— 3mal 
von eitlem Winkel zum andern hin und her. 



144 Bindehaut. 

und der Grad des Übels, sein Vorkommen an dem obern oder untern 
Lide, und die Bereitwilligkeit des Kranken, sich dem einen oder dem 
andern Verfahren zu unterziehen, einen wichtigen Einfluss auf die 
Wahl dieses letztern; nicht minder ist auch der jeweilige Zustand 
der Bindehaut zu berücksichtigen. — Erscheint die Distichiasis oder 
Trichiasis partiell, nur auf wenige Cilien beschränkt, so ist wohl im 
Allgemeinen das öftere Ausziehen derselben mit der Beer'schen Cilien- 
pincette das Beste, ausser der Kranke kann dasselbe nicht oft genug vor- 
nehmen lassen oder selbst vornehmen, oder will ein für alle Mal davon 
befreit sein. Dieses Ausziehen kann übrigens auch bei ausgedehnter ab- 
normer Richtung der Cilien (aus was immer für Ursache) vorge- 
nommen werden, sobald die Radicalhilfe verschmäht wird, oder noch 
nicht räthlich erscheint ; man kann 20 und mehr Cilien in einer Sitzung 
ausziehen, ohne dass man sich vor zu heftiger Reizung zu fürchten 
braucht. Nach Monate-, Jahre-lang wiederholtem Ausziehen werden die 
nachwachsenden Cilien immer dünner und sparsamer, bleiben wohl auch 
ganz aus. — Das Abhalten der Cilien mittelst eines gut klebenden Gold- 
schlägerhäutchens oder mittelst Collodium nützt bei dieser Art von Tri- 
chiasis und Entropium nichts. Wir werden später darauf zurückkommen. 
— Radicale Hilfe gewähren nur einige operative Eingriffe. Bevor man sich 
bei Distichiasis, Trichiasis oder Entropium, durch Trachoma bedingt, zu 
irgend einer Operation entschliesst, muss man den Zustand der Bindehaut 
und des Knorpels in Bezug auf die bereits eingetretene oder mit Grund 
noch zu fürchtende Schrumpfung und Verkürzung sehr genau prüfen. 
Hievon hängt zum Theil die Wahl der Methode, zum Theil auch die Art 
der Ausführung jeder einzelnen Methode ab. — Die hier anwendbaren 
Operationen haben den Zweck, entweder die Cilien sammt dem Haar- 
zwiebelboden zu entfernen, oder ihnen sammt dem Lidrande eine andere 
Stellung zum Bulbus zu geben. 

Die älteste Methode, schon von Bartisch und Heister geüht, bestellt in der Ab- 
tragung des Haarzwiebelbodens sammt dem ganzen Lidrande, vom Thräncnpunkte bis 
zur äussern Commissur. Sie setzt somit nocb stärkere Versclimälerung des ohnehin 
geschrumpften Augenlides, führt nachträglich leicht zu Lagophthalnius, und befreit den 
Bulbus, auch wenn dieser Nachtheil nicht eintritt, von einem Reize, um ihn in der 
Regel einem andern , nicht minder gefährlichen auszusetzen. Diesen übt theils die 
scharfe Kante , welche die Narbe bildet, theils die Cutis, welche relativ zur Bindehaut 
viel zu lang, sich gern über den Lidiand gegen den Bulbus überschlägt, und überdiess 
noch in Folge der beständigen Befeuchtung exeoriirt und mehr schmerzhaft wird. — 
Beer und Fr. Jäger*) verschonten die Knorpel und die Conjitnctiva hei der Abtragung 

") llo.sp, iliss. de diagnosi et cura radic. Trfch., Dislich. el Enlröpif, Viennae 1618. 



Trachoma — Therapie — Trichiasis. 145 

des Haarzwiebelbodens, indem sie, den Bulbus gleichfalls durch eine unter das Lid ge- 
schobene Hornplatte schützend, einen etwa 1 % — 2 Linien breiten Hautstreifen vom Thrä- 
nenpunkte bis zur äusseren Commissur mit einem Bauchscalpell umschrieben, und den- 
selben, an dem einen Ende mit einer Pincette gefasst, sammt den Haarzwiebeln in rasch 
auf einander folgenden Messerzügen vom Knorpel lospräparirten. Hiedurch wurde zwar 
die Verschmälerung des Augeulides und die nachfolgende Einwärtswendung der Narbe 
vermieden, doch der untere Wundrand oft sehr ungleichmässig, leicht zackig, und 
die exacte Entfernung aller Haarzwiebeln äusserst shhwierig. — Flarer in Pavia"*) 
half diesen Übelständen dadurch ab, dass er, nach eingeführter Hornplatte, ein Spitz- 
bistouri in den Lidrand einsticht (nahe am Thränenpunkte) und, den Mündungen der 
Meibom'schen Drüsen folgend, das etwa 1 V 2 Linien tief eingesenkte Messer bis zum 
äussern Ende des Lidrandes führt. Er spaltet durch diesen Schnitt den Lidrand auf 
1 '/j Linien tief in 2 Platten, deren innere die Conjunctiva und den Lidknorpel mit den 
Meibom'schen Drüsen, deren äussere die Cutis, die Fasern des Muse. Albini und die Cilien 
sammt ihren Zwiebeln in sich fasst. Nun führt er, gleich Jäger, einen Schnitt durch 
die äussere Platte, zu Anfang und zu Ende in den Lidrand ausmündend , fasst den 
Lappen an dem einen Ende mit der Pineete, und hebt ihn einfach ab, oder trennt, 
was wohl fast immer nöthig ist, die noch gebliebenen Verbindungen mit dem Messer 
oder mit der Scheere. — Ich habe dieses Verführen, seit es mir bekannt geworden^ 
immer dem Beer'schen unbedingt vorgezogen. Bisweilen wird es nothwendig, in Bezug 
auf die eine oder andere Cilie nach gestillter Blutung noch eine Nachlese zu halten ; 
die allenfalls zurückgebliebenen Bulbi verrathen sich auch schon dem sanft über die 
Wunde hinstreifenden Finger. — Fröbelius in Petersburg'""") verfuhr im Wesentlichen 
auf dieselbe Weise, nur führte er den ersten Schnitt weiter rückwärts, schon in der 
Conjunctiva, und den zweiten halbmondförmigen in der Mitte mehr aufwärts, so dass 
er ein 2 — 3 Linien breites Hautstück umschrieb, welches er dann vom Muse, orbicularis 
mittelst Pincette und Scalpell löste, worauf er dann, gegen den ersten Schnitt vor- 
rückend, die Exstirpation der Bulbi nach Jäger's Manier vollendete. Sofort heftete er die 
Conjunctiva an die Cutis, und versichert, auf diese Weise dem Übelstande des Jäger'- 
schen Verfahrens, nämlich der bisweilen nachfolgenden Einwärtswendung der schar- 
fen Narbe, sicher vorgebeugt zu haben. — Vacca Berliitghieri führte vom Thränen- 
punkte bis zum äussern Ende des Knorpels einen Schnitt durch die Cutis, parallel dem 
Lidrande und etwa 2 Linien von demselbem entfernt und führte sodann vom innern 
und äussern Ende dieses Schnittes je einen senkrechten, also etwa 2 Linien langen 
Schnitt bis zum Lidrande; sodann drang er, diesen Lappen zurückschlagend, bis auf 
die Bulbi ein, "exstirpirte jeden derselben, und brachte die Cutis wieder in ihre Lage 
"zurück. Die ihrer Zwiebel beraubten Cilien wurden nach geschehener Vertheilung 
ausgezogen, wenn sie nicht von selbst ausfielen. Wie sinnreich auch dieses Verfahren, 
so scheint es doch eben eine nur gut ausgedachte, wohl aber schwerlich ausführbare 
Methode zu sein. 

Alle diese Methoden haben leider den Nachtheil, dass sie das Auge des Schutzes 
und der Zierde berauben, welche die Cilien demselben bieten. 

Das schon von Celsas geübte Ausschneiden einer Falte aus der Haut der Lider, 



*) Zanerini, dissert. sopra Trichiasi, Pavia 1829. 

*) Caspers Wochenschrift für die ges, Hcilkde. 1845 N. 4. 

AHI, 1. l(j 



146 Bindehaut. 

so wie das Zerstören einer Partie derselben durch Schwefelsäure (nach Callisen, Hel- 
ling u. A.) kann bei der durch Schrumpfung der Bindehaut und des Knorpels beding- 
ten Einwärtswendung der Cilien im Allgemeinen nur einen sehr geringen und unbe- 
ständigen Pfützen gewähren, wenigstens an den obern Lidern, wo selbst der breiteste 
Substanzverlust in der Cutis den vermeintlichen Zweck, das Gleichgewicht in de r 
Spannung zwischen Cutis und Conjunctiva wieder herzustellen, nicht verwirklichen 
würde. An den untern Lidern sah ich, wenn die Knorpel nicht bedeutend verbildet 
war, mehrmals guten und bleibenden Erfolg von dem einen wie von dem andern. — 
Bei starker Verbildung des Knorpels (am obern Lide) hat Adams dem Crampton'schen 
Verfahren,"") bei welchem der Augenlidrand nächst dem Thränenpunkte und nächst 
der äussern Commissur auf 2 Linien hoch senkrecht gespalten, das Mittelstück nach 
Aussen gebogen , und durch Heftpflaster bis zur Heilung jener Wunden in der ge- 
hörigen Lage erhalten werden soll, dadurch mehr Sicherheit des Erfolges zu geben 
gesucht, dass er jene senkrecht durch alle Schichten des Lides geführten Schnitte mit- 
telst eines Querschnittes durch die Augenlidbindehaut bis tief in den Tarsus vereinigt, 
und so fort, um die Auswärtsrollung zu bewirken und zu erhalten, eine mehr weniger 
breite Falte aus der Haut des obern Lides ausschneidet. Ich kann aus eigener Erfah- 
rung kein Urtheil über die Wirksamkeit dieeses Verfahrens abgeben, da ich mich seit 
dem Jahre 1844 eines eigenen Verfahrens bediene, und noch nicht Ursache hatte, von 
demselben wieder abzugehen. Ich habe dasselbe als eine Modification der von Jäsche 
angegebenen Methode""*) bereits in der Prager medicinischen Vierteljahrschrift, 1845, 
im 7. Bande beschrieben ; es besteht in Folgendem. Nachdem man eine Hornplatte 
unter das obere Lid gebracht, und selbe einem Gehilfen übergeben hat, rollt man das 
obere Lid auf derselben aufwärts, so dass der Lidrand so weit als nöthig von der 
Platte absteht, sticht ein Spitzbistouri nächst dem Thränenpunkte mit auswärts gerich- 
teter Schneide mitten zwischen der äussern und innern Lefze des Lidrandes (da, wo die 
Mündungen der Meibom'schen Drüsen erscheinen) auf 1 1 / 2 Linien Tiefe ein, und spaltet 
das Lid durch Fortführen des Messers auf die Art in eine innere und äussere Platte, wie 
oben bei der Flarer'schen Methode angegeben wurde. Alsdann führt man, die Haut 
des Lides über der Platte gehörig spannend , parallel dem Lidrande und etwa 1 V 2 
höchstens 2 Linien über demselben, einen Schnitt durch die äussere Platte, welcher so- 
wohl nach innen, als nach aussen um wenigstens eine Linie länger sein soll, als der 
am Lidrande geführte. Indem die zweite Wunde senkrecht auf die erste geführt wird, 
soll, wie bei Flarer's Verfahren, die äussere Platte, welche die Cutis, die Fasern des 
Orbicularis und die Cilien sammt ihren Zwiebeln zu enthalten hat, falls die Schnitte 
gehörig geführt sind, in eine förmliche Brücke verwandelt sein, welche nur zu beiden 
Seiten mit dem Lide noch verbunden ist. Wäre diess nicht der Fall, die Brücke, we- 
nigstens in der Mitte, nicht verschiebbar, so führe man das Spitzbistouri durch die 
obere Wunde so ein, dass die Spitze in der untern zum Vorschein kommt, und be- 
werkstellige durch Fortschieben des Messers die Communication beider Wunden. Ist 
diess erreicht, so schreitet man zur Ausschneidung eines halbmondförmigen Hautstückes, 
dessen Breite verschieden gross zu sein hat, je nach dem Grade der Einwärtswendung 
des Lidrandes und je nachdem die Haut mehr weniger schlaff und ausgedehnt, gleich- 



•) Essay of the Enlropion, London 1805 
") MediC. Zeit. Russlands, 1S11 N. 9. 



Traehoiua — Therapie — Tricliiasis. 147 

sam überschüssig ist. Die Secante des Halbmonds bildet der oben genannte zweite 
Schnitt; die Bogenlinie beschreibt man als 3. Schnitt mit dem Messer, vom Anfange 
des 2. Schnittes ausgehend und am Ende desselben endend. Hierauf fasst man die Cutis 
an einem Ende mit der Pincette, und präparirt sie mit einer krummen Scheere oder mit dem 
31esser von M. orbicularis los. Sollte letzterer muthmasslicher Weise in Folge der habituellen 
Contraction zur Unterhaltung des Entropiums beitragen , stärker entwickelt sein, so 
durchschneide man die innern (gegen den Lidrand hin liegenden) Fasern desselben 
senkrecht, und schreite dann zur Anlegung der blutigen Naht, wobei dann das mittelste 
Heft zuerst anzulegen ist. Bei Ausschneidung einer Falte aus der ganzen Länge des 
Lides ist die Anlegung von 5 Heften nothwendig und hinreichend. So wie die Naht 
vollendet ist, klafft die erste Schnittwunde stark, und man sieht die Meibom'schen 
Drüsen im Knorpel bloss liegen, indem die äussere (obere) Pfatte des Lidrandes höher 
hinaufgerückt und so gestellt ist, dass die Cilien wagrecht oder selbst etwas aufwärts 
gerichtet stehen. Überschläge von kaltem Wasser werden mehr zur Linderung des 
brennenden Schmerzes als wegen zu besorgender heftiger Reaction gegeben. Nach 
30 — 36 Stunden können und müssen die Hefte entfernt werden. Die Wunde am Lid- 
rande bedeckt sich mit einer, sehr plastischen, röthlichgelblichen Substanz, und heilt in 
3 — 6 Tagen ohne Eiterung. Der schlimmste Zufall ist, dass, wenn man nicht sehr 
vorsichtig operirt, manchmal die Hautbrücke an einer oder der andern Stelle durch 
Eiterung zerstört wird; vielleicht auch dass manchmal die Ursache der Eiterung im 
Individuum selbst liegt. Es gehen dann die Cilien verloren, oder man muss nach- 
träglich die Abtragung des Haarzwiebelbodens vornehmen. Wenn man die Narkoti- 
sirung durch Schwefeläther oder Chloroform vornimmt, ist die Operation einerseits 
leichter und genauer ausführbar, andererseits nicht so abschreckend für die Kranken, 
wie sie es sonst sein müsste. Ausser der Eiterung kann kein schlimmer Zufall ein- 
treten, es müssten denn einige Cilien wieder in nachtheiliger Richtung nachwachsen, 
was indess fast immer durch die sich bildende Narbe später verhindert wird, oder es 
wendet sich der Lidrand wieder einwärts, uud erfordert dann die Abtragung. Diejeni- 
gen, welche im Verlaufe der letzten 4 Jahre meine Klinik besuchten, werden mir be- 
zeugen, dass ich genug befriedigende Resultate erhielt, um diese Methode auch ferner 
vor allen andern zu versuchen und zu üben. 

Ich hatte erwähnt , dass man , bevor man zu einer oder der andern Operation 
schreitet, den Zustand der Bindehaut genau prüfen, und bedeutende Exsudate so gut 
als möglich früher zur Resorption zu bringen trachten solle, weil, wenn die Operation 
dem gegenwärtigen Zustande angepasst wird, später, wenn beträchtliche Schrumpfung 
nachfolgt, auch der günstigste Erfolg vereitelt werden kann. Ich hatte diese Warnung 
bereits in meinem oben citirten Aufsatze über Trichiasis und Entropium ausgesprochen, 
besonders für jene Fälle, wo man die Abtragung des Haarzwiebelbodens vornimmt, 
schon auch aus dem Grunde, weil sich dann das Lid schwer oder gar nicht umstülpen, 
mithin die Krankheit sich nicht in ihrem Heerde angreifen Iässt. Dr. von Hasner hat 
darüber bemerkt, er habe auch nach abgetragenen Cilien die Lider sehr leicht um- 
stülpt. Trotzdem kann ich nicht umhin, meinen Rath zu wiederholen, und gestehe 
offen, dass ich wenigstens nicht in allen Fällen im Stande war, derlei verstümmelte 
Lider zu umstülpen. 



10* 



148 Bindehaut. 

VI. Exantheme der Bindehaut. 

Wenn schon die in den beiden vorhergehenden Abschnitten bespro- 
chenen Krankheiten mehr weniger Analogie mit jenen Erkrankungen der 
allgemeinen Bedeckungen, die wir exanthematische Processe nennen, dar- 
bieten, so ist diess noch viel mehr der Fall bei jenen, welche wir in 
diesem Abschnitte erörtern wollen, und bei denen wir keinen Anstand 
nehmen, sie geradezu als Exantheme der Bindehaut zu bezeichnen. Sie 
stellen, wenn man die Bindehaut als Fortsetzung, als Einstülpung der 
Cutis betrachten will, nur eine Theilerscheinung der allgemeinen Haut- 
krankheil dar. Es muss jedoch in Bezug auf die acuten Exantheme gleich 
in vorhinein bemerkt werden, dass nur jene Eruptionen auf der Binde- 
oder Hornhaut als Exantheme, als Theilerscheinung der Hautkrankheit 
betrachtet werden können, welche mit der Efflorescenz der Hautkrankheit 
zugleich auftreten, jene Eruptionen dagegen, welche z. B. bei Blattern im 
Stadium der Abtrocknung oder nach gänzlich vollendetem Krankheits- 
process der Cutis auf dem Auge vorkommen, eine ganz andere Bedeu- 
tung, namentlich die der Conjunctivis scrofulosa haben, da es bekannt ist, 
dass nach Scharlach, Masern, Blattern u. dgl. gar oft in verschiedenen 
Organen Manifestationen der Scrofulosis auftauchen, von denen man vor 
jenen Krankheiten keine Ahnung hatte. 

Die Blattern (Variola, Variolosis) schlagen ihren Sitz nicht nur an 
der Cutis der Lider, nicht nur in dem Zwischenräume zwischen der 
äussern und innern Lefze des Lidrandes ; besonders des untern, sondern 
auch an der Conjunctiva, und zwar nächst der innern Lefze des Lidrandes 
(etwa 1 Linie weit), oder nächst dem Limbus conjunctivae corneae oder 
auf der Cornea selbst auf. — An dem Lidrande werden sie leicht den 
Haarzwiebeln und den Meibom'schen Drüsen gefährlich, hinterlassen Ma- 
darosis (bleibenden Verlust einzelner Cilien), Distichiasis, partielle Tri- 
chiasis, Verwachsung einer oder der andern Mündung der Meibom'schen 
Drüsen, Stockung des Secretes in den letzteren, Bildung von harten, kalk- 
artigen, die Bindehaut mehr weniger reizenden Concrementen, kleine rölh- 
liche Vertiefungen und Einkerbungen des Lidrandes (Narben), und somit 
gewöhnlich auf die eine oder die andere Weise einen gereizten Zustand 
des Auges, welcher dasselbe zu grösserer Anstrengung unfähig und über- 
haupt für äussere Schädlichkeiten empfänglicher macht. — Blattern in der 
Gegend des Limbus conjunctivae werden nur in dem Maasse gefährlich, 
als sie weiter in die Cornea hineingreifen. Ich sah sie in mehreren Fällen 
sehr zeitig bersten, durch baldigen Durchbruch des Epitheliums gleichsam 



Exantheme — Blattern — Masern — Scharlach. 149 

abortiv zu Grunde gehen. — Blattern auf der Cornea selbst sollen, 
wenn sie, ohne zu bersten grösser werden, mit einer Staarnadel oder mit 
einem fein zugespitzten Lapis infern, geöffnet werden, um der tiefern und 
weitern Infiltration der Cornea vorzubeugen. Die nach denselben entste- 
henden Geschwüre sind nach den bei der Lehre von den Krankheiten der 
Cornea gegebenen Momenten zu beurtheilen und zu behandeln. 

Da mir nicht hinreichende Erfahrungen zu Gehote stehen, so nehme ich keinen 
Anstand, der Vollständigkeit wegen einige mir wahr und wichtig scheinende That- 
sachen aus Beer L. c. II. S. 517 etc. zu entlehnen. „So lange hloss vermehrter Thrä- 
nenfluss, aber keine merkliche Lichtscheu mit der variolösen Augenlidentzündung ver- 
bunden ist, darf man versichert sein, dass die Bindehaut des Augapfels von dem Reflexe 
der Entzündung noch völlig unangetastet ist; findet der Arzt aber Trockenheit des 
Auges und Lichtscheue, eine Empfindung, als ob Sand oder ein fremder Körper im 
Auge wäre, so muss er, so gut es sich thun lässt, mit möglichster Schonung die 
Augenlidspalte öffnen, um sich von dem Zustande des Bulbus zu überzeugen." „Die 
Pocken der Augenlider müssen, sobald sie vollgefüllt sind, mit einer Staarnadel ge- 
öffnet werden ; die Lidränder müssen von dem Eiter und später von den Borken ge- 
reinigt und jedesmal gut abgetrocknet werden ; dem Lichte und der trockenen, wo 
möglich warmen Luft, - muss (während der Eiterung und Abtrocknung) freier Zutritt 
gestattet werden." Beer hat beobachtet, dass vorzüglich bei scrophulösen Kindern mit 
der Blatterneruption sich nicht selten eine Blepharo-, selbst Ophthalmoblennorrhoe 
entwickelt, welche fast immer mit Zerstörung der Cornea verläuft. — Auf das Mit- 
leiden des Thränenschlauches bei der Blatternkrankheit werden wir später zu sprechen 
kommen. — Droht Blatterneruption auf dem Bulbus, namentlich auf der Cornea, so 
empfiehlt Beer kalte Umschläge auf das Auge. Trifft der Arzt bereits gefüllte Pusteln, 
so räth Beer sie mit einer Staarnadel oder Lanzette zu öffnen. Dieselben Mittel, welche 
man zur Verhütung von Blatternarben im Gesichte empfohlen hat, können auch an den 
Lidern versucht werden, als : Bestreichen derselben mit einer Mischung von gelbem 
Wachs und Baumöl; Auflegen eines Goldblättchens mittelst Gummiwassers, früh und 
Abends erneuert, vom 1. Tage der Eruption bis zum Eintritt des Eiterungsfiebers; Be- 
streichen mit Ung. hydr. cinereum; Auflegen des Emplastr. de Vigo (empl. ammon. 
cum hydrarg.) beim ersten Erscheinen des Exanthemes, wodurch alle damit bedeckten 
Pusteln in kleine Tuberkel verwandelt werden sollen, die durch Abschuppung schwinden. 
Alle (Ost. Wochenschr. 1842, N. 50) hat eine Mischung aus 10 Gran Campher mit 2 
Drachmen Schwefeläther, mittelst Compresschen auf die Lider gelegt, bewährt gefunden. 

Bei Masern und Scharlach participirt die Bindehaut an dem 
Leiden des Haut- und Schleimhautsystemes bald in Form von Hyperämie, 
bald in Form von Katarrh, seltener in Form von Katarrh mit unge- 
wöhnlich starker Lichtscheu, starker Injection der vordem Ciliararterien 
(rosenrothem Gefässsaum um die Cornea), erhöhtem Glanz und nach- 
folgender Bläscheneruption auf der Cornea. (Acutes Odem der Cornea, Kera- 
titis serosa?). Dieses Augenleiden verdient daher . im Allgemeinen keine 
besondere Berücksichtigung, ausser der nöthigen Temperirung des Lichtes 



lö( ) Bindehaut. 

und Entfernung des Secretes mit lauem Wasser. Bei zu heftiger Licht- 
scheu werden Einreibungen von Unguent. cinereum mit Extr. beilad. an 
die Stirn und Schläfe Linderung verschaffen. Sind in Folge der klehien, 
bald berstenden Wasserbläschen auf der Cornea Geschwürchen entstanden, 
so hat man sich nach den Regeln zu benehmen, welche weiter unten bei 
den Krankheiten der Cornea gegeben werden. Treten andere, als die ge- 
nannten Erscheinungen auf, so sind sie gewiss nicht in dem exanthema- 
tischen Processe als solchem allein, sondern durch andere Verhältnisse 
bedingt. Diese müssen eruirt, und darnach Prognosis und Terapie ein- 
gerichtet werden. — Auf die Malacia corneae, welche sich bisweilen nach 
solchen Ophthalmien entwickelt, werden wir bei den Krankheiten der 
Cornea zu sprechen kommen. 

Bei Leuten, die an chronischen Hautausschlägen litten, habe 
ich einige Male Bindehautentzündungen beobachtet, welche in Bezug auf 
die Form grosse Ähnlichkeit mit der Conjunctivis scrofulosa darboten, 
jedoch rücksichtlich des Verlaufes und des Vorkommens durchaus nicht 
für solche gehalten werden konnten, im Gegentheil als gleichbedeutend 
mit der Hautkrankheit betrachtet werden mussten. Leider ist die Zahl 
meiner Beobachtungen zu gering, und da einige in die erste Zeit meines 
ärztlichen Wirkens fallen, zum Theil auch zu wenig exact, als dass ich 
hierüber eine selbstständige Schilderung zu entwerfen vermöchte. Ich er- 
wähne dieser Affection keineswegs, um die mit Recht aufgegebene Lehre 
von der Psorophthalmie, von den Augenentzündungen nach unterdrückten 
Hautausschlägen u. dgl. wieder aufzunehmen, sondern nur um anzudeuten, 
dass über das Vorkommen von Bläschen, Pusteln u. dgl. an der Conjun- 
cliva bulbi, als in ursächlichem Zusammenhange mit Hautkrankheiten stehend, 
die Acten noch lange nicht als geschlossen betrachtet werden können. 

Im Jahre 1840 kam ein 20j ähriges Mädchen auf die Augenklinik, welche in 
ihrem 12. Jahre an einem Kopfausschlage gelitten hatte, übrigens aber gesund gewesen 
war, obwohl sie unter sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt hatte. Im 16. Jahre, einige 
Monate nach ihrer ersten Entbindung, hatte sie sich durch Ansteckung die Krätze zuge- 
zogen, von welcher sie sich in einigen Tagen durch eine Salbe befreite und geheilt 
blieb. Im 20. Jahre erkrankte das rechte Auge; es zeigten sich einzelne Pusteln an 
den Augenlidern und deren Umgebung, welche allmälig in Krusten übergingen; dazu 
gesellte sich Druck unter dem obern Lide, reichlicher Thränenfluss, Verklebung der 
Lider beim Erwachen und starkes Jucken an den mit Pusteln besetzten Partien. Sie 
wurde, wie ich nachträglich aus dem Protokoll ersah, damals mit Ophthalmia impeti- 
nosa auf die Klinik genommen, und erst nach einer halbjährigen Behandlung mit Sub- 
limatwaschungen und Schwefelpulvern geheilt entlassen. In ihrem 23. Jahre kam sie 
wieder auf die Augenklinik. Wir fanden die Lidränder des rechten Auges etwas an- 
gelaufen, stellenweise excoriirt, £egen den innern Winkel hin der Cilien verlustig, die 



Verletzungen — Zufälle. 151 

vorhandenen Cilien an der Basis mit kleinen, harten Krusten umgeben, die Haut des 
untern Lides verkürzt (ohne sichtbare Narbe), daher der Lidrand etwas auswärts ge- 
wendet (leichtes Ectropium), die Bindehaut gleichförmig geröthet, aufgelockert, sam- 
metartig; die Conjunctiva im äussern Drittheil netzförmig injicirt, die Sclera darunter 
rosenroth, in der Bindehaut etwa 1 Linie nach aussen vom Hornhautrande eine gelbe, 
hirsekorngrosse Pustel, welche durch viele Tage unverändert fortbestand ; nächst dem 
Augenbrauenbogen in der Schläfe zwei gelbliche, zugespitzte, mit einem rothen Hof 
umgebene, stark juckende Pusteln ; eine solche auch am rechten Oberarme. Gefühl, 
als läge Sand unter dem obern Lide, massige Lichtscheu, häufiges Thränen, festes Ver- 
kleben der Lider am Morgen. Es wurde ein Purgans und sodann täglich 2mal 5 
Gran flor. sulfuris gegeben, örtlich Waschungen mit 1 Gran Sublimat und 1 Skrupel 
Laudan. liq. in 4 Unzen Wasser; die Kranke verliess nach 14 Tagen die Anstalt 
ganz gesund. 

VII. Verletzungen der Bindehaut. 

Die Bindehaut kann durch fremde Körper mechanisch oder chemisch 
verletzt werden. — Mechanisch wirkende Körper erregen entweder bloss 
die Zufälle der Reizung, Schmerz, Thränenfluss, Lichtscheue und Gefäss- 
injection, oder Entzündung, also überdiess Lockerung des Gewebes und 
Exsudation mit oder ohne consecutive Wucherung oder Verschwäruno- 
der Bindehaut, oder endlich Trennung des Zusammenhanges, Blutung, 
Ecchymosen, Verschwärung oder abnorme Verwachsung. — Die chemisch 
wirkenden haben je nach dem Grade ihrer Einwirkung bald oberfläch- 
lichen, bald tiefem Substanzverlust, weiterhin Verschwärung, Schrumpfung 
und gegenseitige Verwachsung der sich berührenden Bindehautplatten 
zur Folge. 

Die gewöhnlichsten fremden Körper, welche in's Auge zu gerathen 
pflegen, sind: kleine Stückchen von Steinen, Glas, Kohlen, Eisen, Stroh, 
Federn, Nägel, Holz oder Knochen, ferner Insecten (oder Theile davon), 
Wimper- oder Kopfhaare, Grannen, Samenhülsen, Tabak, Pfeffer, Schiess- 
pulver, endlich Asche, Kalk oder Mörtel, Ätzkali, Lapis infernalis, sie- 
dendes Wasser, Mineralsäuren, glühende oder geschmolzene Metalle. 

Die Zufälle nach der Einwirkung einer solchen Schädlichkeit sind 
in der Regel so heftig, dass der Kranke bald ärztliche Hilfe sucht, und 
die Ursache ausdrücklich bezeichnet. Dann ist nichts nöthig, als dass 
der Arzt weiss, wie er den fremden Körper aufzusuchen, zu entfernen, 
und die Folgen desselben zu behandeln hat. Es geschieht aber auch, 
dass diese heftigen Zufälle erregt werden, und der Kranke sich der Ver- 
anlassung dazu nicht im mindesten bewusst ist, oder dass der fremde 
Körper erst in sehr später Zeit Zufälle erregt, welche den Kranken be- 



1$2 Bindehaut. 

stimmen, ärztliche Hilfe zu suchen, nachdem er auf das Eindringen eines 
fremden Körpers ganz vergessen hat, oder gar nicht meint, dass zwischen 
diesem uud seinem gegenwärtigen Augenleiden ein ursächlicher Zusam- 
menhang statt finden könne. Dieser letztere Fall kommt besonders dann 
vor, wenn der fremde Körper in den faltigen Übergangstheil gerathen ist. 
Er gibt dann entweder zu hartnäckiger Lichtscheu mit Augenlidkrampf, 
oder zu partieller Wucherung der Bindehaut und Einkapselung, oder bloss 
zu den Erscheinungen eines chronischen Augenkatarrhes Veranlassung. 
In allen diesen Fällen muss man oft die Gegenwart eines fremden Körpers 
als möglich voraussetzen, und genau untersuchen; und anderseits muss 
wieder in Erwägung gezogen werden, dass diese Zufälle oft noch fort- 
dauern können, nachdem der fremde Körper längst durch Zufall entfernt 
wurde, und dass eine mechanische Verletzung nicht selten den ersten 
Anstoss zu einer Augenentzündung gibt, welche in ihrem weitern Be- 
stehen durch ein Allgemeinleiden bedingt wird, wie z. B. Conjunctivitis 
scrofulosa, Trachoma, Iritis syphilitica. 

Wenn man Verdacht auf die Gegenwart eines fremden Körpers hat, 
so untersuehe man die Bindehaut in ihrer ganzen Ausdehnung. Augen- 
lidkrampf oder sehr heftige Lichtscheu können vorher die Anwendung 
eiskalter Umschläge oder lauwarmer Fomente aus Infusum herbae hyos- 
ciami und Temperirung des Lichtes notbwendig machen. Nie setze man 
den Kranken gerade dem Licht gegenüber, sondern so, dass dieses von 
der Seite her einfällt. Man weiss ferner aus Erfahrung, dass der Kranke 
das eine Auge viel leichter offen halten und beliebig dirigiren kann, 
wenn er das andere mit der Hand oder mittelst einer Binde geschlossen 
hält. — Zuerst ziehe man das untere Lid abwärts, und mache den Über- 
gangstheil dadurch vortreten, dass man das abgezogene Lid ein wenig 
gegen den untern Orbitalrand rückwärts drückt, und den Kranken nach 
oben sehen lässt. Bei etwas tiefer liegenden Augen wird der Übergangs- 
theil leichter sichtbar, wenn man den Kranken bei fixirtem Lide das 
Auge stark abwärts rollen lässt. Iudem man sofort den Kranken nach 
aussen blicken heisst, sei man zugleich auf die halbmondförmige Falte 
aufmerksam, hinter welcher sich bisweilen der fremde Körper verbirgt. 
— Am häufigsten jedoch sitzen kleine fremde Körper, die durch den 
Wind oder auf Eisenbahnen in die Augen getrieben werden, an der 
innern Fläche des obern Lides, etwa 1 Linie hinter der innern Lefze 
desselben. Man umstülpe daher das Lid, und benutze, um auch durch- 
sichtige Theilchen, Kiesel- oder Glassplitterchen zu entdecken, das Spie- 
geln der Conjunctiva bei seitlich einfallendem Lichte, oder man fahre 



Verletzungen — Fremde Körper. 153 

sanft mit dem Finger über diese Stelle hin. Ist die Umstülpung nicht 
möglich, so kann man versuchen, den fremden Körper dadurch zu besei- 
tigen, dass man das obere Lid über das untere herabzieht und schnell 
auslässt; nicht selten streifen die Cilien des untern Lides denselben ab. 
— Um fremde Körper im Übergangstheile des obern Lides zu erkennen, 
ziehe man dessen Haut stark gegen den Orbitalrand an, und lasse den 
Bulbus abwärts rollen, oder man fasse die Cilien des obern Lides mit 
Daumen und Zeigefinger, und ziehe sie ein wenig abwärts an und vom 
Augapfel ab, indem man den auf einem Stuhle sitzenden Kranken den 
Kopf stark zurückbeugen lässt. In manchen Fällen kann noch das Ein- 
gehen mit einer Knopfsonde oder mit einem Daviel'schen Löffel nöthig 
werden. Häufig fällt der fremde Körper bei diesen Manövern von selbst 
heraus, und man merkt diess wohl auch aus dem plötzlichen Verschwinden 
des Druckes, Stechens u. dgl. 

Bleiben fremde Körper längere Zeit im Tarsaltheile sitzen, so 
werden sie gewöhnlich durch Eiterung flott gemacht, und durch das 
reichlichere Secret-der Bindehaut fortgespült. Bisweilen geschieht es 
jedoch auch, dass die Entzündung ringsum zur Wucherung der Bindehaut 
oder zur förmlichen Einkapselung des fremden Körpers führt. Letztere 
beiden Folgen treten weit häufiger in dem lockeren und weniger em- 
pfindlichen Übergangstheile ein. 

Makenzie "") S. 186 erzählt Fälle von Monteath, einen, wo ein Strohhalm von 
y. 2 Zoll Länge im Übergangstheile einen sogenannten Schwamm der Bindehaut von der 
Grösse einer Haselnuss hervorgerufen hatte, und erst nach wiederholter Exstirpation 
entdeckt wurde , und einen zweiten, wo ein Baumzweig von 3 / 4 Zoll Länge und der 
Dicke eines Rabenfederkieles durch 5 Monate eine Entzündung unterhielt, die mit den 
verschiedensten Mitteln behandelt worden war. Der Kranke war beim Herabgehen von 
einem steilen Berge in ein Gesträuch gefallen; in dem Augenblicke hatte er die Em- 
pfindung gehabt, als ob irgend ein Theil seines Auges verletzt worden sei; das Auge 
war seitdem immer empfindlich geblieben. Monteath umstülpte endlich das obere Lid, 
und fand hoch oben im Übergangstheile einen schwammigen Zustand der Bindehaut; 
durch Untersuchung mit einer Sonde gewann er die Überzeugung von der Gegenwart 
des fremden Körpers. — Prof. Fischer**) zog einer Frau ein langes, zusammenge- 
rolltes Hauthaar aus, welches in der Gegend des äussern Augenwinkels nur mit der 
Spitze aus der partiell angewulsteten Bindehaut hervorragte, und von welchem früher 
Niemand eine Ahnung gehabt hatte. Derselbe erzählt S. 10 folgenden Fall. Ein Forst- 
mann kam auf die Klinik, weil er das rechte Auge, an dem er sonst keine Schmerzen 
hatte, nicht öffnen konnte; er stemmte sich gegen jeden Versuch, es zu öffnen, wegen 
heftiger Schmerzen. Es hatte ihn drei Wochen vorher ein Zweig ins Auge geschlagen, 



*") Prakt. Abhandlung- über die Krankheiten des Auges, Weimar 1822. 
•*) Lehrbueh der Entrundungen etc. Prag 1846, S. 9. 



154 Bindehaut. 

als er durch's Geslripp eilte. Als nun die Lider mit Gewalt geöffnet wurden, fiel ein 
y 4 Zoll langes, dürres Stück eines Fichtenzweiges, grösstentheils in Schleim gehüllt, 
aus dem sonst ganz gesunden (?) Auge. — Zweier Fälle, wo Krebsaugen unter das 
obere Lid geschoben und langst vergessen (oder vielmehr für wieder herausgefallen 
erachtet) worden waren, habe ich in der Prager Vierteljahrschrift im 12. Bande Seite 
76 erwähnt. 

Ist der fremde Körper vermöge seiner spitzigen Oberfläche oder 
vermög der Gewalt, mit welcher er namentlich die Conjunct. bulbi traf, 
in die Substanz der Bindehaut oder noch tiefer eingedrungen, so erregt 
er entweder Eiterung und Ausstossung, oder auch Einkapselung und Ein- 
heilung. Makenzie 1. c. S. 187 erzählt, dass Wardrop ein Stückchen Ba- 
salt in einer Zellenmenibran dicht an der Sclera eingeschlossen fand, 
welches bereits vor 10 Jahren eingedrungen war. 

Sitzen fremde Körper derart, dass sie die Cornea reiben oder 
drückene, so führen sie entweder eine Art Hornhautschwiele herbei, oder 
eine pannöse Trübung (Keratitis superficialis), gewöhnlich aber Verschwä- 
rung und die traurigen Folgen der Hornhautgeschwüre. Diese treten ins- 
besondere häufig ein, wenn Grannen oder die Spelzen von gewissen Ge- 
treidearten ins Auge gerathen, und gar nicht oder nur unvollständig ent- 
fernt werden. (Vergl. den Artikel Hornhautentzündung.) 

Im Jahre 1845 wurde ich zu einem Mädchen von 4 Jahren gerufen, Niemand 
hatte eine Ahnung, dem Kinde könne Etwas in's Auge gefallen sein. Das Kind litt sein 
3 Tagen au heftigem Blepharospasmus, und konnte nicht wohl näher untersucht wer- 
den ; da es in der linken Achselgrube einige geschwollene Drüsen hatte, glaubte ich 
ein scrofulöses Augenleiden vor mir zu haben, und leitete demgemäss die Behandlung 
ein. Nach 3 Tagen nahm man einen andern Arzt, weil das Kind noch immer nicht 
besser werden wollte. Etwa '/ 2 Jahr später bekam ich das Kind zufällig zu sehen, 
und bemerkte ein Staphylom, welches die untere Hälfte der Cornea einnahm. Jetzt 
erfuhr ich, dass ungefähr 14 Tage nach meinem Ausbleiben ein Stückchen Stroh aus 
dem Auge gekommen, welches dem Kinde wahrscheinlich in der Nacht in's Auge ge- 
rathen war. 

Die Beschaffenheit der fremden Körper und ihr Sitz gibt im Allge- 
meinen an, wie man sie zu entfernen habe. — Bei oberflächlichen sitzenden 
reicht das Abstreifen mit dem Zipfel eines leinenen Tücheis oder mit einem 
Daviel'schen Löffel u. dgl. hin ; in andern Fällen, namentlich bei Tabak 
oder Pfeffer ist das Einspritzen lauer Milch oder lauen Wassers das 
zweckmäsigste. — Feine Glassplitterchen bleiben am leichtesten an einem 
mit Leinwand umhüllten Griffel haften. — Tiefer sitzende und längere 
Körper müssen oft mit einer Pincette gefasst werden. Pulverkörner, Glas- 
spliltcr u. dgl., wenn sie in die Conjunctiva bulbi eingedrungen, fassl 
man sammt einem möglichst kleinen Theile der Bindehaut mit der Pin- 



Verletzungen — Fremde Körper — Atzung. 155 

cette und entfernt sie mittelst der Scheere. So kleine Substanzverluste 
werden von der nachgiebigen, durch Beiziehung der Wundränder verhei- 
lenden Bindehaut ohne Nachtheil ertragen ; die Narbe wird unsichtbar, 
während z. B. eingeheilte Pulverkörner sehr entstellen. 

Mit der Entfernung des fremden Körpers schwinden in der Regel 
auch die Folgen, die Zufälle der Reizung und Entzündung zum Verwun- 
dern schnell, und man hat im Allgemeinen dem Kranken nichts zu sagen. 
als dass er sich bis zur völligen Erholung des Auges vor Anstrengung 
desselben, Staub, Rauch, Zugluft u. dgl. hüte. War die Verletzung in- 
und extensiver, so bilden kalte Umschläge in frischen Fällen das sou- 
veraine Mittel , neben welchem nur ausnahmsweise die Vorausschickung 
einer örtlichen Blutentziehung und kühlender Abführmittel bei Ruhe des 
Körpers und beschränkter Kost nothwendig werden dürfte. Fand zugleich 
beträchtliche Quetschung statt, so setze man zu den kalten Umschlägen 
bald etwas Weingeist oder spir. roris marini, spir. serpylli u. dgl. zu, und bei 
grössern Blutaustretungen Tinctura arnicae. — Ist aber das Stadium der 
Reizung und Ausschwilzung vorüber, ist bereits Eiterung, schleimig- 
eitrige Secretion, dunklere Röthe und mehr Erschlaffung der Bindehaut ein- 
getreten, dann dassen kalte Umschläge nicht mehr, und man hat den 
Fall nach den bei der Ophthalmia catarrhalis gegebenen Grundsätzen zu 
behandeln. — Partielle Wucherungen der Bindehaut werden mit der 
Scheere abgetragen, oder mit Lapis geätzt, wenn ihre Heilung mittelst 
Laudanumaufträuflungen nicht zu erreichen sein sollte. 

Die Einwirkung ätzender Stoffe pflegt den Kranken in der Regel 
sogleich zur ärztlichen Hilfe zu treiben. Man überzeuge sich zunächst, 
ob nicht noch etwas davon zurückgeblieben sei und noch fortwirke. Kalk, 
Mörtel, Asche, Lapis u. dgl. müssen sogleich durch Einspritzen, Einträu- 
fein oder Einpinseln von Flüssigkeiten entfernt werden, welche sie nicht 
chemisch lösen, sondern wo möglich zersetzen oder mindestens einhüllen, 
wie Öl, zerlassene Butter, Rahm, Milch; ist nichts dergleichen bei der 
Hand, so suche man sie durch einen raschen Wasserstrahl rasch abzu- 
spülen, ehe sie sich noch auflösen können. 

Die darauf folgende Entzündung pflegt in der Regel sehr heftig zu 
sein, und erheischt strenge Antiphlogose. Nebstdem aber ist wohl zu be- 
rücksichtigen, ob nicht in Folge der Anätzung Verwachsung der Lider 
untereinander, Anchyloblepharon, oder der Lider mit dem Bulbus, Sym- 
blepharon (anterius), oder beides zugleich zu besorgen sei. Diess ist 
beinahe immer der Fall, wenn Mineralsäuren oder geschmolzene Metalle 
in's Auge gespritzt sind. Nebst der energischen Anwendung eiskalter 



156 Bindehaut. 

Urnschläge ist dann das wiederholte Einträufeln schleimiger oder öliger 
Mittel und häufiges Abziehen der sich berührenden Flächen von einander 
nothwendig, leider aber oft genug erfolglos. Jeder Fall will hier indivi- 
duell aufgefasst sein. Bisweilen kann die Unterhaltung eines künstlichen 
Ectropiurns mittelst Heftpflasterstreifen oder mittelst auf die Haut ge- 
strichenen Collodiums von Nutzen sein, bisweilen das Einlegen einer 
dünnen Schale von Wachs, wie ein künstliches Auge geformt. Jede Linie 
Raum, die man der um sich greifenden Verwachsung abtrotzt, ist Gewinn 
für die nachträglich vorzunehmenden Operationsweisen des Anchylo- und 
Symblepharon. 

Ist bei Verwachsung des Bulbus mit der innern Lidfläche die Cor- 
nea ganz oder grösstentheils (wenigstens so weit, dass noch nötigenfalls 
eine künstliche Pupille gebildet werden könnte) frei geblieben, und nimmt 
die Verwachsung nicht mehr als höchstens die Hälfte des obern oder des 
untern Lides ein, so kann man noch mit Aussicht auf günstigen Erfolg 
ein operatives Verfahren zur Behebung dieses Zustandes in Anwendung 
bringen. Das Schwierige der Aufgabe liegt nicht so sehr in der Trennung 
der Verwachsung, als vielmehr in der Verhütung der Wiederverwachsung. 

Dr. Gulz hat meines Wissens zuerst darauf aufmerksam gemacht, 
dass es auch hier, wie bei ähnlichen chirurgischen Fällen, z. B. bei ver- 
wachsenen Fingern, vor allem darauf ankomme, die Wiederverwachsung 
von der Stelle aus, wo die beiden Wundflächen in einem Winkel zusam- 
menstossen, dadurch zu verhindern, dass man jener Stelle früher einen 
Epithelialüberzug zu verschaffen sucht. Wenn demnach die Verwachsung 
bis zur Übergangsfalte rückwärts reicht, und nicht mit einer Sonde um- 
gangen werden kann, so führe man einen dünnen Bleidraht mittelst einer 
krummen Nadel so durch die Basis (den hintersten oder tiefsten Theil) 
der Verwachsung zwischen Lid und Bulbus durch, dass derselbe ohn- 
gefähr in der Gegend und der Richtung der Übergangsfalte verläuft. 
Die beiden Enden des Bleifadens werden dann entweder auf die äussere 
Fläche des Lides geführt und angeklebt, oder auch früher einmal ge- 
kreuzt, so als ob man die Verwachsung abbinden wollte. Nun bleibt der 
Faden so lange (8 — 14 Tage) liegen, bis er sich sehr leicht hin und her 
bewegen und auch vor- und rückwärts schieben lässt, kurz bis man an- 
nehmen kann, dass der Kanal, in welchem er verläuft, callös, mit Epi- 
thelium überkleidet, in eine Art Fistelgang verwandelt sei. Man kann 
den Bleidraht so anfertigen lassen, dass ein Theil dünner, der andere 
allmälig dicker wird, und dass man durch Weiterziehen desselben jenen 
Kanal allmällig weiter und weiter macht. Erst dann darf man zur Tren- 



Verletzungen — Symblepharon — Anchyloblepharon. 157 

nung der Verwachsung schreiten, und von der Anwendung der oben 
angegebenen Mittel Erfolg erwarten. — Ist die Verwachsung brei- 
ter (in der Richtung von einem Winkel zum andern), so dass die 
Durchführung des Fadens durch die ganze Länge der Basis unmöglich 
wird, so fasse man nur einen Theil derselben in die Ligatur, und nehme 
bei der 2. oder 3. Partie dasselbe Manöver vor. Ich habe in drei Fällen 
durch dieses Verfahren den günstigsten Erfolg erreicht, und würde das- 
selbe allen andern vorziehen. 

Angedeutet, wenn man will, findet man dieses Verfahren in der Idee schon bei 
Fabric von Hilden (Observat. chirurg. Centur. VI. p. 503. Francofurti ad Moenum 1646), 
welcher bei Verwachsung der Augenlider unter einander einen seidenen Faden von 
einem Augenwinkel zum andern unter der Verwachsung durchführte, die Enden des 
Fadens sodann zusammen knüpfte, ein Gewicht daran hing, jmd binnen 8 Tagen die 
Verwachsung gehoben sah. — Nach Ruete*') hat bereits Himly die Einführung eines 
Bleidrahtes oft mit dem günstigsten Erfolge angewendet ; er drehte den Bleidraht täglich 
enger zusammen (die Schlinge verkleinernd), uud Hess denselben bis zur Durchschnei- 
dung der Adhäsionen liegen. — Amnion verfuhr bei kleineren Verwachsungen in dem 
mittlem Theile des Lides derart, dass er mittelst einer Scheere an jeder Seite der Ver- 
wachsung einen Schnitt führte, welcher den andern so traf, wie die beiden Schenkel 
eines V, und sodann die Wunde wie bei einem Coloboma oder wie bei einer Hasen- 
scharte vereinigte, wobei das aus dem Lide excidirte Vförmige Stück auf dem Bulbus 
sitzen blieb. Nach geschehener Vereinigung der Wundränder unter einander soll das 
am Bulbus zurückgelassene Stück abgetragen werden. — Dieffenhach verfuhr derart, 
dass er zuerst die Verwachsung trennte, dann den der Gilien beraubten Lidrand (mittelst 
einer durch das Augenlid bis auf dessen Cutis gegen den Orbitalrand durchgeführten 
Schlinge) nach innen umklappte, und auf diese Art der Wundfläche am Bulbus die 
Cutis gegenüber zu stehen brachte , bis die Wundränder der Conjunctiva bulbi ein- 
ander verwachsen waren. — dinier '""*) will einen Fall von Symblepharon, wo das 
obere Lid nach Verbrennung mit einem glühenden Eisen in grosser Ausdehnung mit 
dem Bulbus, znm Theil auch mit der Cornea verwachsen war, dadurch geheilt haben, 
dass er, nachdem er die Verwachsung mit dem Messer getrennt hatte, die Wundfläche 
des Lides und des Bulbus mit Lapis infernalis in Substanz , und die folgenden Tage 
abwechselnd, bald die erstere, bald die letztere, mit einer Lösung von 10 Gran Argent. 
nitricum in 1 Drachme Wasser bestrich. 

Die Beseitigung des Anchyloblephwon ist wohl nur dann anzu- 
streben, wenn der Bulbus noch zum Sehen geeignet ist oder doch ge- 
macht werden kann (was durch umsichtige Untersuchung mit der Sonde 
und mittelst Sehversuchen nicht minder als durch genaue Erhebung der 
Anamnesis möglichst sicher zu stellen ist), oder wenn der Kranke die 
Einlegung eines künstlichen Auges wünscht, und Hoffnung ist, die Be- 



*) Lehrbuch der Ophthalmologie, Braunschweig 1846, S. 395. 
*■) Annales d'oculisl. B. XI. S. 270. 



158 Bindehaut. 

dingungen hiezu zu erreichen. Es versteht sich übrigens hier wie überall, 
dass die allgemeinen Bedingungen zu operativen Eingriffen gegeben sein 
müssen. Ist mit dem Anchyloblepharon nicht zugleich Symblepharon vor- 
handen, so wird die Trennung auf einer untergeschobenen Halbsonde 
oder mittelst eines Knopfbistouris nicht so schwierig sein, und die Wie- 
derverwachsung dadurch am besten verhindert werden können, dass man 
an dem obern oder an dem untern, wo möglich an beiden Lidern zugleich 
die Conjunctiva an die Cutis durch feine Nähte anheftet, wenigstens gegen 
den äussern Winkel hin, und die Lider möglichst von einander entfernt 
zu halten sucht. 

Nach diesen Regeln mag man beurtheilen, ob etwas, und was bei 
Fällen von Complication des Ankylo- und Symblepharon noch mit Wahr- 
scheinlichkeit auf günstigen Erfolg zu thun sei. 



VIII. Flügelfell, Pterygium. 

So nennt man eine , durch Entzündung bedingte, partielle , dem 
Flügel einer Fliege nicht unähnliche Entartung der Conjunctiva bulbi, deren 
Basis gegen die Peripherie des Bulbus gerichtet ist, deren Spitze über 
den Limbus conjunctivae in die Cornea hineinreicht, und deren Ränder, 
wenigstens nahe an der Hornhaut, nicht nur scharf begrenzt, sondern 
auch deutlich umstülpt erscheinen. Es fällt in der Regel sogleich durch 
seinen Reichthum an erweiterten Blutgefässen auf, welche von der Peri- 
pherie convergirend gegen die Cornea verlaufen, und erst nach dem Er- 
löschen aller entzündlichen Thätigkeit in dieser Partie verschwinden. Je 
nach dem Blutreichthume und der Menge des in diesem Theile abgela- 
gerten Exsudates hat man ein Pt. lernte und crassum s. carnosum 
unterschieden. 

Sein Sitz entspricht im Allgemeinen der Richtung eines der geraden 
Augenmuskeln ; am häufigsten kommt es im innern, seltener im äussern 
Winkel, noch seltener nach oben oder unten vor. — Die Basis des 
Flügelfelles liegt vom Rande der Hornhaut mehr weniger entfernt, je 
nach der Dauer und Ausbildung der Krankheit. Sie verliert sich bis- 
weilen kaum l 1 /^ Linien von der Cornea entfernt allmälig in gesunde 
Bindehaut. Bei weiterer Entwicklung reicht es bis an die halbmondför- 
mige oder Übergangsfalte, bei noch höherem Grade sieht man namentlich 
die erslere ganz verstrichen, selbst die Drüschen der Karunkcl auf den 



Flügelfell — Diagnosis — Entwicklung. 159 

Bulbus herübergezerrt, und zuletzt wohl auch die ganze betreffende Partie 
des Übergangstheiles so geschrumpft, dass der Lidknorpel an den Bulhus 
angeheftet erscheint (Symblepharon posterius wie bei Trachoma). — 
Die Ränder des auf der Sclera befindlichen Theiles (Rumpfes) sind ge- 
wöhnlich ein wenig über die Umgebung erhaben, doch nicht immer 
scharf markirt; beide Erscheinungen treten gegen die Cornea hin immer 
deutlicher hervor, und in der Gegend des Limbus conj. erscheinen die 
Ränder in der Regel, wenigstens der eine, so stark umstülpt, dass man 
mit einer Sonde oder Borste % — 1 Linie, selbst noch tiefer darunter 
eindringen kann. — Der Hals des Flügelfelles (über dem Hornhautrande), 
dessen Breite von der Breite der Entartung auf der Cornea abhängt, lässt 
sich in der Regel mit einer Blömerschen Pincette leicht von seiner Un- 
terlage emporheben, und nach Abtragung desselben erscheint in der 
sonst unveränderten Cornea eine Art Furche oder Eindrückung. Er ist 
anfangs graulich und weich, bei älteren Pterygien weisslich, sehnenartig, 
glänzend und derb, nicht selten von knorpelähnlicher Beschaffenheit. Er 
zeigt, wenn er etwas breiter ist, centripetale Vertiefungen und Erhö- 
hungen, Riefen, welche fächerartig gegen die Basis hin verlaufen und 
sich allmälig verflachen. — Die Spitze des Flügelfelles ist in der Regel 
nicht spitzig, wie man sie gewöhnlich abgebildet findet, sondern rundlich, 
oder vieleckig, zackig, und stellt mehr einen unregelmässigen, etwas er- 
habenen Fleck, bisweilen selbst von 2 Quadratlinien Umfang dar. Sie ist 
im Allgemeinen grauliehweiss, bisweilen stellenweise mehr gesättigt und 
undurchsichtig, nächst dem Hornhautrande deutlich erhaben und begrenzt, 
im übrigen Umfange allmälig abgeflacht und in gesunde Substanz über- 
gehend. — So lange das Flügelfell lebhaft geröthet erscheint, findet man 
auf der Cornea nächst der Spitze der Trübung oder auf derselben ein 
oder einige kleine, ziemlich reine Geschwürchen ; sie werden oft erst 
dann sichtbar, wenn man das Spiegeln der Cornea benützt, und können 
Wochen-, Monate-lang in derselben Form und Lage beobachtet werden. 
Sind sie geheilt, so sieht man an ihrer Stelle entweder eine flache Narbe 
oder eine seichte Vertiefung mit glatter Oberfläche. 

Die Entwicklung des Flügelfelles erfolgt vom Limbus conjunctivae 
aus ; es vergrössert sich von hier allmälig gegen die Peripherie hin, und 
andererseits rückt die Spitze allmälig gegen das Centrum der Cornea vor. 
Mit Ausnahme der nach acuter Bindehautblennorrhöe entstandenen, immer 
sehr rasch entwickelten Flügelfelle findet man allgemein, dass nur lange 
bestehende Pterygien weit in die Cornea hineinragen. Der Process kann 
nicht nur die Mitte der Cornea erreichen, sondern auch dieselbe über- 



160 Bindehaut. 

schreiten. *) Das Flügelfell ist als eine Herbeiziehung oder Herein- 
zerrung der Bindehaut auf die Cornea zu betrachten, seine 'Entstehung setzt 
zunächst seichte Geschwürchen auf dem Rande der Cornea und Herbei- 
ziehung des Limbus conjunctivae zur Vernarbung ; weiterhin eine gestei- 
gerte Nachgiebigkeit der Bindehaut (Erschlaffung), anhaltende und doch 
nie über einen gewissen Grad gesteigerte Reizung derselben, und dadurch 
bedingte Durchtränkung der Bindehaut mit Exsudat, Verdrängung ihres 
Gewebes und endliche Schrumpfung der also erkrankten Partie voraus. 

Das Flügelfell kommt fast nur bei Leuten vor, welche bereits ein 
höheres Alter erreicht haben und vermög ihrer Beschäftigung häufig 
mechanisch-chemisch wirkenden Schädlichkeiten ausgesetzt sind. Aus dem 
Umstände, dass Flügelfelle meistens im innern Winkel, welcher solchen 
Einflüssen besonders zugängig ist, und grösstenteils nur bei Leuten vor- 
kommen, welche dem Einfallen von Kalktheilchen, Steinsplitterchen, Staub 
u. dgl. ausgesetzt sind, zog bereits Beer den Schluss, dass die Entste- 
hung des Flügelfelles hauptsächlich durch dieselbe bedingt werde, ohne 
übrigens anzugeben, wie diess geschehen möge. Benedict (Abhandlungen 
aus dem Gebiete der Augenheilkunde) beschuldigt nebstdem hauptsächlich 
scharfe, ammoniakalische Ausdünstusigen, weil er dieses Leiden besonders 
bei Leuten, die sich viel mit der Pferdezucht abgeben, häufig beobachtet 
habe. Wenn Jüngken (Lehre von den Augenkrankheiten, Berlin 1832) 
katarrhalische Augenentzündungen mit abdomineller Complication als Ur- 
sache ansieht, und meint, das Flügelfell müsse eigentlich im Unterleibe 
curirt werden, so scheint diese Ansicht einzig und allein auf das vor- 
zugsweise Vorkommen bei altern Leuten und. auf das Vorhandensein er- 
weiterter Gefässe basirt zu sein. Ich habe zu den allgemeinen bekannten 
(oben genannten) Ursachen, welche auch mir ein sorgfältiges Examen in 
mehr als 50 Fällen nachwies, nur noch die Explosion und den Dampf 
von Schiesspulver, so wie das Einspritzen verdünnter Mineralsäuren ins 
Auge hinzuzufügen. 

Unter 36 genauer aufgezeichneten Fällen war die Krankheit nur bei 3 Weibein 
und 2 Männern unmittelbare Folge von acuter Bindehautblennorrhöe mit Hornhaut- 
geschwüren ; von den übrigen 25 Männern und 6 Weibern war das jüngste Indivi- 
duum 36, die meisten über 50 Jahre alt. Der Beschäftigung nach befanden sich 
darunter: 3 Maurer, 1 Töpfer, 1 bei einer Kalkbrennerei Beschäftigter, 1 Müller, 
1 Strassenmeister, 1 Schneider, 1 Seiler, 3 auf Schüttböden mit ; Getreide Beschäftigte, 
1 Bräuergesell, 1 Bürstenbinder, 2 Viehhirten, 1 Kutscher, 1 Jäger, 1 Bergmann und 13 
Taglühner. Die Entartung kam bei allen im innern Winkel vor, bei 10 Individuen 

*) Yergl. meinen Aufsatz über Pleryyium in der Prager medic. Vierleljahrschrift, 1845, VIII. B. S. 73. 



Flügelfell — Ätiologie. 161 

bloss am rechten, bei 6 bloss am linken, bei 15 an beiden Augen; nur bei einem Tag- 
löhner war zugleich am äussern Winkel des rechten Auges ein Flügelfell, während in 
jedem Innern Winkel ein stärker entwickeltes sass. Von gleichzeitigen Krankheiten am 
Auge kamen vor: 12mal chronischer Katarrh oder Trachom (darunter 3mal mit Tri- 
chiasis oder Distichiasis an demselben oder an dem andern Auge), 7mal Cataracta (dar- 
unter 3mal mit hintern Synechien), 3mal mit Hornhautflecken ausser dem Bereiche des 
Flügelfells, lmal Glaucom, lmal Amblyopia congest. Bei vielen waren Augenentzün- 
dungen (nach ihrer Aussage) vorausgegangen,, ohne dass die Patienten sie mit der in 
Rede stehenden Folgekrankheit in unmittelbaren Zusammenhang zu stellen wussten, da 
diese sich unbemerkt, ohne viel Schmerz und Röthe entwickelt hatte. 

Als Folge acuter Bindehautblennorrhöe sieht man das Flügelfell nur dann, wenn 
Hornhautgeschwüre entstanden waren. Hier, wo die Ausbildung der äussern Umrisse 
viel rascher zu Stande gekommen ist, sieht mau oft geradezu einen Theil der sonst 
nicht sehr veränderten Bindehaut in die Hornhautnarbe hineingezogen. Wenn ich recht 
beobachtet, so trägt zu dieser Herüberziehung der Bindehaut über den unzerstörten 
Hornhautrand vor allem der Umstand bei , dass die Bindehaut, nachdem sie früher 
wallartig geschwellt war, nun bei beginnender^ Hornhautvernarbung schlapp sich über 
den Cornealrand hereinschlägt und mit dem zur Deckung des Cornealsubstanzverlustes 
abgesetzten Exsudate wahrscheinlich desshalb verwächst, weil sie selbst noch an einer 
oder der andern Stelle des Epithels verlustig, excoriirt ist. Desshalb entstehen auch in 
Folge von Ophthalmoblennorrhoe relativ zu andern Stellen Flügelfelle am häufigsten 
nach oben, und ich habe einen Fall gesehen, wo die Conjunctiva bulbi mit einer Stelle 
des Obitalrandes des obern Knorpels (nach Touchirungen) verwachsen und gegen diese 
Stelle so hingezogen war, wie sonst gegen den Cornealrand. 

Fragen wir uns, wie es komme, dass mechanisch-chemisch wirkende Schädlich- 
keiten es sind, welche als veranlassende Momente zur Bildung des Flügelfelles be- 
trachtet werden müssen, so liegt, die Annahme sehr nahe, dass oberflächliche Verlez- 
zung, Zerstörung des Epitheliums, seichte Geschwürsbildung die nächste Folge dersel- 
ben sei, und dass auf diese Weise, wenn die Bindehaut etwas schlafler ist, wenn sie, 
nächst dem Limbus conjunctivae excoriirt, sich über den angrenzenden, gleichfalls ex 
coriirten Cornealtheil hereinlegt, Verwachsung der Bindehaut mit der Hornhaut einge- 
leitet werde. — Diess zugegeben, erklären sich die weiteren Folgen sehr einfach. Die 
wenn auch geringe Hereinzerrung der Bindehaut zur Cornea setzt an und für sich 
schon Reitzung der betreffenden Partie; wirken nun, wie in der Regel, noch fortwäh- 
rend äussere Reize auf diese Partie ein, so geräth diese in Entzündung, wird gefäss- 
reicher, lockerer, von Exsudat durchtränkt. Das also veränderte Gewebe unterliegt 
nach Resorption der flüssigen Theile des Exsudates einer um so stärkeren Schrumpfung, 
je mehr es durch die Entzündung in ein Neugebilde verwandelt ist, je mehr das nor- 
male Gewebe verdrängt, durch Exsudat ersetzt worden ist. Ist auf diese Art nur die 
dem Hornhautrande nächste Partie verändert worden, so reicht diess hin, die entfern- 
tem Partien nach und nach in denselben Process zu ziehen, indem durch die Schrum- 
pfung der zuerst ergriffenen Stelle, die nächst angrenzende von ihrer Unterlage gegen 
die früher erkrankte Stelle herübergezogen wird. Andererseits kann die Heilung der 
oberflächlichen Geschwürchen an der Cornea nicht leicht zu Stande kommen, theils 
weil die Reaction zu unbedeutend ist, theils weil wohl in den meisten Fällen immer 
wieder ähnliche schädliche Einflüsse einwirken, ohne heftigere Zufälle zu erregen. 

Arlt, I. 11 



162 Bindehaut. 

Untersucht man abgetragene Flügelfelle mikroskopisch, so findet man, je nach 
dem Alter und der Consistenz derselben, nebst mehr weniger Bindegewebsfasern Ex- 
sudat auf verschiedenen Stufen der Organisation, bis zum förmlichen Faser- oder Nar- 
bengewebe, als welches sich übrigens wenigstens der Halstheil schon mit freiem Auge 
an seinem sehnigen Glänze und seiner Knorpelhärte oft deutlich erkennen lässt. Hält 
man bei Flügelfellen, welche bereits Ausglättung der halbmondförmigen Falte herbei- 
geführt haben, den Augenlidschlag einige Zeit ab, so werden die sehnenartigen Partien 
desselben mehr weniger trocken. — Breitet man ein Taschentuch über ein Bett oder 
Canape, fasst es an einer Seite mit 2 Fingern, und zieht es dann in der Richtung 
der Ebene, in der es liegt, an, so entsteht eine fächerähnliche Faltung, welche die 
Form des Flügelfelles vollkommen repräsentirt. 

Wenn bei vielen Entzündungen, namentlich bei der Conjunctivitis scrofulosa, Ge- 
schwürchen auf dem Hornhautrande vorkommen, und dennoch keine Flügelfelle ent- 
stehen, so darf man nicht vergessen, dass hier auch die übrigen Bedingungen nicht 
vorkommen, nämlich: dass der Substanzverlust nur oberflächlich und daher keine ge- 
hörige Reaction vorhanden ist, und dass die Scleralbindehaut theils wegen höhern Alters, 
theils wegen wiederholter Reizungszustände (in Folge der chemisch-mechanischen Schäd- 
lichkeiten, denen solche Leute in der Regel Jahre lang ausgesetzt waren) in einen Zu- 
stand von Erschlaffung (Faltung beim Einwärtswenden des Bulbus) und theilweiser 
Excoriation nächst dem Bulbus conjunctivae gerathen ist. Stärkere Anätzungen, oder 
tiefere Geschwüre geben aber desshalb keinen Anlass zur Bildung ejnes Flügelfelles, 
weil sie tiefer eindringen, mit heftigerer Reaction in der Umgebung verlaufen, und zur 
festen Verwachsung mit der Sclera oder mit dem Rande der Cornea führen, wodurch 
dem Verzerren der Bindehaut vorgebeugt wird. Die glaubwürdigsten Auetoren ver- 
sichern, dass das Flügelfell , wenn es noch nicht zu weit gediehen, in der ferneren 
Entwicklung gehemmt (geheilt) werden könne, bald durch Scarificationen, bald durch 
Einträufeln von Laudanum , beld durch stark adstringirende oder ätzende Mittel. Die 
Wirkung kann wohl keine andere sein, als dass durch Erregung eines gehörigen Gra- 
des von Reaction rasche Vernarbung des Cornealgeschwüres herbeigeführt wird. 

Das Flügelfell gehört mehr unter die entstellenden als unter die 
gefährlichen Krankheiten des Auges; doch ist es eben nicht ohne Gefahr 
für die Functionen desselben. Bisweilen heilt es von selbst, wahrscheinlich, 
wenn das Auge weiterhiu den erregenden schädlichen Potenzen nicht 
mehr ausgesetzt wird. Das Geschwürchen auf der Hornhaut vernarbt, 
die flügelähnliche und mehr weniger entartete Falte der Bindehaut wird 
blass, gefässarm. Hat das Flügelfell eine beträchtliche Grösse erreicht 
und ist es sehr dick und blutreich, dann bietet auch die übrige Binde- 
haut die Zeichen der (katarrhalischen) Entzündung dar. Ist es bereits 
zur Verzerrung der halbmondförmigen Falte gekommen, dann wird auch die 
Aufsaugung der Thränen, und weiterhin selbst die freie Beweglichkeit 
des Bulbus mehr weniger behindert. — Dass das Flügelfell (mittelst der 
Geschwürchen) bis zur Mitte der Hornhaut und selbst darüber hinaus 
vorrücken kann, wurde bereits früher erwähnt. Hiemit droht es auch 



Flügelfell — Prognosis — Therapie. 163 

dem Gesichte nachtheilig zu werden. Es versichern aber glaubwürdige 
Auetoren (Prof. Fischer in seinen Vorlesungen, und Chelius*), dass bei 
Flügelfellen, welche noch nicht bis in die Gegend der Pupille reichen, 
das Gesicht oft merklich beeinträchtigt sei. Es lässt sich diese Beobach- 
tung auf zweierlei Weise erklären: a) entweder haben diese Beobachter 
kleine Facetten an der Spitze des Flügelfelles übersehen, oder &) was 
mir wahrscheinlicher ist, das Flügelfell wirkt mittelst Druck auf die 
Cornea störend auf deren Wölbung ein. Wenn wan nämlich Flügelfelle 
mit etwas härterem Halse abträgt, so kann man sie auf der Cornea nächst 
dem Rande förmlich wie aus einer Grube herausheben; sie hängen nur 
am Umfange der Spitze fest mit der Cornea zusammen. 

Die Behandlung des Flügelfelles richtet sich , abgesehen von der 
Abhaltung äusserer Schädlichkeiten, sofern solche möglich ist, vorzüglich 
nach dem Grade der Entartung. Sie ist nicht bloss aus kosmetischen, 
sondern auch aus prophylaktischen Rücksichten einzuleiten, wenn gleich in 
der Regel nur erstere es sind, die den Kranken zur ärztlichen Hilfe drängen. 
Bei noch wenig grossen und frischen Flügelfellen versuche man, durch 
Betupfen der Spitze mit laudanum liquidum, mit Cuprum sulfur. oder mit 
Lapis infernalis einen hinreichenden Grad von Reaction, Vernarbung ein- 
zuleiten. Wo diess erfolglos bleibt, wegen Verhältnissen des Kranken nicht 
anwendbar erscheint, oder wegen längeren Bestandes und grösserer Aus- 
dehnung der Entartung nicht den gehörigen Erfolg (wenigstens in Bezug 
auf die Entstellung) verspricht, schreite man zur Abtragung. 

Indem der Gehilfe das obere und das untere Lid gehörig fixirt, und 
der Kranke das Auge nach der entgegengesetzten Seite wendet, fasse 
man das Flügelfell über dem Rande der Cornea mit einer anatomischen, 
oder, was viel zweckmässiger, mit einer etwas stärkeren Blömer'schen 
Pincette, und ziehe den gefassten Theil etwas gegen sich an. Hierauf 
stosse man ein feines Spitzbistouri oder ein Staarmesser zwischen den 
Hals des Flügelfelles und die Cornea, und präparire, gegen das Centrum 
der Cornea hin, die Spitze (den Kopf) des Flügelfelles so rein als möglich 
von der Cornea los, was bisweilen in 1 — 2 Zügen gelingt. Sodann ziehe 
man den auf einer Seite frei gewordenen Hals etwas stärker gegen sich 
an, und trenne den entarteten Theil, den Rändern folgend, mit einer 
geraden oder nach der Fläche gekrümmten Scheere auf 1 — 2 Linien über 
den Hornhautrand hinaus (gegen die Peripherie hin) so knapp als möglich 
von der Sclera los, und vereine die beiden divergirenden Schnitte sodann 



*) Handbuch der Augenheilkunde, Stuttgart 1839, S. 410. 

11* 



164 Bindehaut. 

durch 2 convergirende derart, dass die ganze Wundfläche ein Rhomboid 
darstellt, von welchem der eine spitzige Winkel gegen die Mitte, der 
andere gegen die Peripherie des Bulbus gerichtet ist. Für die Errei- 
chung des Zweckes ist es nicht nothwendig, und in anderer Beziehung 
sogar nachtheilig, sehr grosse Flügelfelle bis zur Peripherie, z. B. bis zur 
halbmondförmigen Falte oder Karunkel hin abzutragen; nur von dem 
Rande der Cornea und von dem angrenzenden Theile der Sclera (bis auf 
wenigstens 1 Linie weit von der Cornea weg) muss alles Krankhafte 
sorgfältig entfernt werden, und wo diess nicht sogleich gelungen, muss 
man entweder noch mit Scheere oder Messer nachhelfen, oder nachträg- 
lich mit Lapis infernalis ätzen. Ist es gelungen, in der Gegend, wo der 
Limbus conjunctivae sein sollte, eine feste Verwachsung der Wundränder 
unter sich und mit der Sclera und Cornea zu bewirken, so hat man 
auch keine Recidive zu fürchten. — Die Weisung, die Wunde nicht drei- 
eckig, sondern rhomboidal zu formen, beruht auf der Beobachtung, dass 
Substanzverluste der Scleralbindehaut durch Beiziehung von der Seite her 
gedeckt werden. Nach 2—3 Tagen erscheint die Wunde mit weissem 
plastischem Exsudate bedeckt, die angrenzende Bindehaut lebhaft injicirt 
und geschwellt. Allmälig zieht sich jene Exsudatmasse gleichsam auf das 
Centrum zurück, und die angrenzende Bindehaut rückt über die lebhaft 
gerötheten (fein granulirenden) Ränder gegen dasselbe vor: es entsteht 
eine strahlige Narbe, welche, wenn der Substanzverlust nicht zu gross 
war, immer weniger und weniger bemerkbar wird, doch nie ganz ver- 
schwindet. Hat man, nach obiger Angabe, die Sclera gehörig bloss 
gelegt, so erscheint die Narbe etwas vertieft, i. e. die Bindehaut an die 
Sclera angeheftet, und eine fernere Verzerrung der Bindehaut an dieser 
Stelle unmöglich. Hat man aber auch diese Vorsicht beobachtet, aber, 
wie gewöhnlich gerathen wird, der Wunde eine dreieckige Form gegeben, 
so ist nicht nur der Substanzverlust unnöthig grösser, sondern es bildet 
sich die Narbe auch derart, dass gleichsam ein zweites, wenn auch kür- 
zeres, die Cornea nicht erreichendes Flügelfell (Pterygium secundarium) 
entsteht. Nachstehende Figuren werden die Sache besser erläutern, als 

Worte. Fig. 1 e \ 1 ) ) Fig. 2. e T"jp ) Wenn bei Fig. 1. Heilung 



d Ty^^s a 



eintritt, so wird a mit b und c mit d vereint, die Narbe mehr linear; 
wenn bei Fig. 2 Heilung eintritt, so wird zwar a mit b vereint, bei 
c und d aber entstehen spitze Winkel, indem die Linien ac, bd, cd mit 
ihrem mittleren Theile gegen das Centrum der Wundfläche vorrücken, 
und namentlich der Punkt e stark gegen die Cornea hingedrängt wird. 



FHig-elfell — Therapie. 165 

Die Figur bekommt vor noch erfolgter Vernarbung ohngefähr folgende 

c 

Gestalt B^-i un d nacn derselben liegt e als Spitze eines einem Fliigel- 

d 

feile nicht unähnlichen Dreiecks nahe am Hornhautrande. 

Sinnreich ist Szokalsky's Verfahren.*) Er nimmt einen seidenen Faden, und führt 
jedes Ende in eine besondere krumme Nadel, sticht die eine im innern Winkel am obern 
Rande des Flügelfelles ein, führt sie zwischen dem Flügelfelle und der Sclera abwärts, 
und unter dem untern Rande demselben aus. Die Spitze der Nadel wird mit der Pin- 
cette gefasst und aus der Wunde gezogen, so dass der doppelte Faden ungefähr 4 Zoll 
lang zum Vorschein kommt. Die 2. Nadel wird auf dieselbe Weise nächst dem Horn- 
hautrande durchgeführt, und der hier ebenfalls doppelte Faden eben so lang durch- 
gezogen. Durch Abschneiden der Nadeln zerfällt der Faden in 3 Theile. Mittelst des 
ersten wird durch Verknüpfung des obern und untern Endes die Basis, mittelst des 
3. die Spitze zusammengeschnürt ; der mittlere, welcher nach oben eine Schlinge bildet, 
wird langsam angezogen, und am untern Rande des Flügelfelles zugebunden, so dass 
durch diese Ligatur der zwischen der 1. und 3. Ligatur befindliche Theil des Flügel- 
felles von der Sclera abgeschnürt wird, und die gesunde Conjunctiva oberhalb des 
Flügelfelles mit der unterhalb desselben in Berührung kommt. Die Fäden dieser 3 
Ligaturen werden unter dem Augenlide mit Heftpflaster befestigt, die Lider verklebt und 
kalte Umschläge gegeben. Nach 4 Tagen wird der Verband abgenommen, der zwi- 
schen den Ligaturen eingeschnürte Theil mit der Pincette gefasst, und aus dem Auge 
entfernt. Die Vernarbung soll iu kurzer Zeit, und niemals sollen Recidiven erfolgen. 
— Hasner 1. c. S. 78, die Thatsachen, welche für das Weiterschreiten des Flügelfelles 
und die ähnliche Gefährdung des Gesichtes sprechen, ignorirend, und dazu noch die 
ganz irrige Behauptung aufstellend, bei jeder Operatio pterygii „müsse ein beträcht- 
liches Stück der gesunden Bindehaut entfernt werden," hat den originellen Rathschlag 
gegeben, jedes Pterygium ohne Unterschied sich selbst zu überlassen. Über den Werth 
solcher Vorschläge können nicht Worte, nur unparteiische Beobachtungen und Versuche 
am Krankenbette entscheiden. Ein einziger Fall von Heilung durch die Operation be- 
weist mehr, als die sogenannte „tägliche Erfahrung" misslungener Fälle, sobald diese 
nicht umständlich angeführt werden. 

Mit dem Flügelfelle nicht zn verwechseln ist der sogenannte Fettfleck, Pingue- 
cula, Pterygium pingue. Man findet diese Erscheinung sehr häufig bei Leuten mittlem 
und höhern Alters ohne alle Beschwerden, ohne alle krankhafte Erscheinungen weder 
am Auge, noch sonst wo im Körper, ohne nachweisbare Veranlassung. Sie besteht in 
einem gelblichen, gewöhnbch dreieckigen, mit der Basis zur Cornea, mit der Spitze 
gegen den innern und äussern Winkel hin gerichteten Flecke, welcher gerade so aus- 
sieht, als ob die Bindehaut hier mit Fett unterpolstert wäre, und kommt stets nur in 
der Richtung der Lidspalte, gerade zu einer oder zu beiden Seiten der Hornhaut vor 
Ausser der partiellen Entfärbung des Weissen des Auges bringt der Fettfleck niemals 
einen Nachtheil. Nach Wellers chemischer Untersuchung soll dieses Gebilde kein Fett, 
sondern Eiweissstoff und Gallerte enthalten. Es wird wohl kaum je ein 3Iensch so eitel 
sein, dass er sich zur Exstirpation dieses Fleckes entschlösse, und von andern Mitteln 
dürfte gar nichts zu erwarten sein. 

Archiv für physiologische Heilkunde, von Roser und Wunderlich, 1845, N. 2. 



166 Bindehaut. 



IX. Partielle Wucherung der Bindehaut. 

a) Partielle Wucherungen, analog den Wundgranulationen, bemerkt 
man am häufigsten im Tarsaltheile der Bindehaut, und zwar in Folge von 
Abscessen (Gerstenkörnern), welche sich nach innen (durch die Binde- 
haut) entleert haben. Oft findet man zwischen den warzen- oder poly- 
penähnlichen dunkelrothen Auswüchsen mittelst einer Sonde noch den 
Eingang in die Abscesshöhle. An den Bestand dieser Granulationen (im 
eigentlichen Sinne des Wortes) knüpft sich in der Regel ein Zustand der 
Bindehaut, welcher dem als Katarrh beschriebenen mehr weniger nahe 
oder gleich kommt; diesen letzteren gründlich zu beseitigen, müssen jene 
Karunkeln abgetragen oder abgeätzt, und etwaige Reste des Hagel- oder 
Gerstenkorns nach den (weiter unten anzugebenden) Regeln beseitigt 
werden. Von ähnlichen Wucherungen als Hüllen fremder Körper in oder 
unter der Bindehaut haben wir bereits Seite 153 gesprochen. 

b) In dem innern Augenwinkel habe ich bei 3 Individuen, einem 
Goldarbeiter von 42, einem Lederlakirer von 45, und einem Dienst- 
mädchen von 20 und etlichen Jahren eine eigenthümliche Form schwam- 
miger Excrescenz der Bindehaut gesehen. Bei dem Mädchen, welches 
ein Jahr vorher an einem äusserst heftigen (acuten) Gelenksrheumatismus 
gelitten hatte, übrigens aber stets gesund gewesen war, hatte sich im 
innern Winkel eine erbsengrosse Warze gebildet, welche mit einem sehr 
dünnen Stiele zwischen der Thränenkarunkel und der halbmondförmigen 
Falte fest sass, und sehr oft reichlich blutete. Nachdem ich den Stiel 
knapp an seinem Ursprünge mit einer Scheere durchschnitten hatte, musste 
ich den Stumpf wiederholt mit Lapis infernalis betupfen, um die Blutung 
zu stillen. Bei den zwei Männern war die ebenfalls auf einem dünnen, 
aber sehr kurzen Stiele sitzende Wucherung der Form nach blumenkohl- 
ähnlich, blassroth und feinwarzig, wie eine Walderdbeere, weder blutend 
noch schmerzend; nur nach der Abtragung erfolgte auffallend reichliche 
Blutung, so dass ich jedesmal Lapis oder Cuprum sulfur. anwenden 
musste. Überdiess hatten diese Fälle das Eigenthümliche, dass bei dem 
einen durch iy 2 , bei dem andern durch zwei Jahre die Abtragung und die 
Atzung der Basis von Zeit zu Zeit wiederholt werden musste, da immer 
wieder an irgend einer andern Stelle ein neuer Schwamm emporschoss 
und wucherte, bis endlich die ganze Partie vom Thränenpunkte bis zur 

albmondförmigen Falte und Thränenkarunkel in Folge der wiederholten 



Polypöse und schwammige Excrescenzen — Krebs. 167 

Touchirung ein glattes, gleichsam gegerbtes Aussehen bekam. Der Gold- 
arbeiter ist jetzt gegen 2, der Lakirer über 4 Jahre geheilt geblieben. 

c) Der Markschwamm der Bindehaut (den ich nach eigenen Be- 
obachtungen wenig kenne) entsteht nach Chelius *) entweder unter der 
Form von blass- oder gelblichrothen, den gewöhnlichen Schleimpolypen 
ähnlichen Geschwülsten, welche einzeln oder zu mehreren von der Con- 
junctiva bulbi, vorzüglich an der untern Übergangsfalte sich entwickeln, 
verschiebbar und schmerzlos sind, und bei ihrer Vergrösserung sich über 
die ganze Bindehaut ausbreiten ; oder es bildet sich ein rother oder 
bläulicher Fleck in der Conjunctivae welcher sich zu einem Knötchen 
erhebt, und in kürzerer oder längerer Zeit sich zu einer weichen schwam- 
migen Masse vergrössert; oder es entsteht in dem wuchernden Knötchen 
ein Geschwür, aus dem sich die fungöse Masse erhebt. — In dem einen 
wie in dem andern Falle vergrössert sich die Masse oft sehr rasch, und 
treten dann die Charaktere solcher Geschwülste und Geschwüre deut- 
licher hervor, während zu Anfang eine Unterscheidung von den soge- 
nannten gutartigen Geschwülsten und Wucherungen oft nicht möglich ist. 

Chelius erzählt S. 488 folgenden Fall. „Bei einem 50 Jahre alten, dem Anscheine 
nach völlig gesunden Manne entstanden auf beiden Augen hohnengrosse, in ihrer Be- 
schaffenheit den Schleimpolypen vollkommen ähnliche , schmerzlose und bewegliche 
Geschwülste in der Conjunctiva sclerae, welche ausser einer höchst unbedeutenden 
Beschwerde bei den Bewegungen der Augenlider und des Augapfels mit gar keiner 
weitern Veränderung des Auges verbunden waren. Die Geschwülste wurden mitttelst 
Pincette und Scheere vollständig exstirpirt, und die Wunden heilten schnell ohne irgend 
einen Zufall. — Nach einiger Zeit entstanden wieder ähnlische Geschwülste in der 
Conjunctiva, zugleich aber auch eine Anschwellung der linken Mandel und Beschwerde 
beim Schlingen. Nachdem diese wieder abgetragen waren, wurde der Kranke, da jetzt 
der bösartige Charakter des Übels sich offenbar zeigte, der Schmier- und Hungercur 
unterworfen, welche kräftig einwirkte, den Kranken in den höchsten Grad von Abma- 
gerung versetzte, und die Anschwellung der Mandel völlig entfernte. Der Kranke er- 
holte sich bald und gewann ein gutes Aussehen; es wurde ihm ein Haarseil in den 
Nacken gesetzt. Da das Wohlbefinden lange Zeit ganz ungestört blieb, und keine Spur 
der früheren Geschwülste sich zeigte, so liess der Kranke das Haarseil eingehen — 
und nun dauerte es nicht lange, so stellten sich ähnliche Anwüchse in beiden Nasen- 
höhlen ein, welche sich schnell vergrösserten, so dass ich eine Masse derselben mit 
der Polypenzange auszog , welche eine ganze hohle Hand füllte. Nach einiger Zeit 
entstand Auftreibung der Nasenwurzel, die Knochen wurden durchbrochen, und es ent- 
wickelte sich ein Schwammgewächs, welches die Grösse einer Faust erreichte, häufig 
blutete, und plötzlich unter den heftigsten Schmerzen sich abstiess. Der Krake erholte 
sich wieder, und es hatte den Anschein, als weun die eiternde Stelle sich vernarben 

*) Handbuch der Augenheilkunde, Stuttgart 1839, II. B. S. 166. 



168 Bindehaut. 

wollte. Allein die Wucherung des Schwammgewächses begann wieder, und führte 
später den Tod durch Hirnaffection herbei. 



X. Ergüsse unter der Bindehaut. 

1. Blutergüsse (Apoplexie) unter die Conjunctiva, namentlich am 
Bulbus, kommen dem praktischen Arzte ziemlich häufig - zu Gesichte wegen 
des Schreckens, in welchen sie den Betroffenen zu versetzen pflegen. 
Sie haben indessen in der Regel sehr wenig zu bedeuten, und erfordern 
an und für sich kaum jemals eine ärztliche Behandlung. Sie entstehen 
theils nach Schlägen auf die Augen und deren Umgebung, theils nach 
forcirtem Blutandrange und gehemmtem Rückflusse, wie z. B. beim Heben 
schwerer Lasten, beim Erbrechen, schwerer Stuhlentleerung, Niesen, 
Husten, besonders Keuchhusten u. dgl., theils auch ohne äussere Veran- 
lassung, namentlich bei älteren Personen, und in Folge allgemeiner Blut- 
erkrankung, beim Scorbut. Will man ihre Aufsaugung beschleunigen, oder 
den etwa misstrauischen Kranken von andern Mitteln abhalten, so gebe 
man Einreibungen von Tinct. arnicae mit Spir. roris marini an die äussere 
Fläche der Lider. Dem massenhaft angehäuften Blute durch einen Ein- 
schnitt in die Bindehaut einen Ausweg bahnen zu müssen, wird wohl 
selten angezeigt sein. Der Ecchymosen bei Entzündungen der Bindehaut 
wurde bereits oben erwähnt. 

Lufterguss (Emphysem) unter der Bindehaut soll, als äusserst 
seltene Erscheinung, bei Knochenbrüchen, namentlich des sinus front, vor- 
kommen. Sollte derselbe grosse Spannung verursachen, so mache man 
einen feinen Einstich, und lasse den Kranken das Schneuzen vermeiden. 

Seruinerg&iss (Ödem) kommt als selbstständige Krankheit wohl 
selten vor, meistens symptomatisch, und zwar bei Hydrops anasarca, mit 
Ödem der Lider zugleich, bei Ophthalmia catarrhalis, namentlich bei altern 
Leuten, wo das Oedema conjunctivae bulbi bisweilen auffallend in den Vor- 
dergrund der Erscheinungen tritt, bei Erysipelas faciei et palpebr., bei 
rheumatischer Hörn- und Regenbogenhautentzündung, insbesondere aber 
bei Entzündungen mit Eiterbildung, diese mag nun in den Lidern, im Thränen- 
sacke, in den Gebilden des Bulbus oder in den demselben benachbarten tie- 
fern Organen ihren Sitz haben. Das Ödem der Conjunctiva bulbi erscheint 
in Form gleichmässiger, weicher, mehr weniger hoher durchscheinender 
und blasser Schwellung und Lockerung der Bindehaut, oder in Form 
blassgelber oder blassrother (von feinen Gefässchen überschlängelter) 



Ödem— Abscess — Einfache Cysten. 169 

Wülste zuerst an der Peripherie, dann auch nächst der Cornea — dem 
Sitze des Abscesses, wenn es durch einen solchen bedingt ist, im Allge- 
meinen immer zunächst, oder daselbst doch früher und stärker ent- 
wickelt. Es ist bisweilen das erste -Symptom, welches den Arzt auf einen 
benachbarten Entzündungs- oder Eiterherd aufmerksam macht. Nach dem 
Schwinden desselben bleiben gern ecchymotische Stellen zurück. Es er- 
fordert an und für sich keine Behandlung, nur verbietet es, es mag was 
immer für eine Bedeutung haben, jederzeit die Anwendung kalter Um- 
schläge, und ebenso alle Arten von Augen wässern, Tropfen, Salben u. dgl. 
aufs Auge. Trockene warme Tücher, leicht über das Auge herabhängend, 
ohne es ganz zu verdecken oder zu drücken, sind im Allgemeinen das 
Mittel, welches die Gegenwart dieses Zufalles erheischt. 

Eine Art chronischer seröser Infiltration der Bindehaut rings um 
die Hornhaut, als ein l 1 /^ — 2 Linien breiter flacher Wulst kommt bisweilen 
in Folge von Entzündung der vordem Partie der Selera vor, welche bald 
mit Keratitis, bald mit Iritis combinirt auftritt, und später besonders be- 
sprochen werden soll. Die Kunst scheint nichts beitragen zu können, 
diesen Zustand rückgängig zu machen. 

Eitererguss (Abscesse) unter der Bindehaut habe ich einige Male 
bei scrofulösen Kindern gegen den äussern Augenwinkel hin gesehen, 
ohne ermitteln zu können, welche Erscheinungen vorausgegangen waren. 
Ich halte die Bildung solcher umschriebener Eiterherde für analog der 
Bildung von Gerstenkörnern in den Lidern, und glaube, das Makenzie, 
1. c. S. 189 solche Fälle vor sich gehabt habe, als er die Schilderung 
der „phlegmonösen Entzündung unter der Bindehaut" entwarf. Ich füge 
nur noch hinzu, dass der Eiter in einigen Tagen verschwand, ohne dass 
es zu irgend einem Durchbruche der Bindehaut kam, welche überhaupt 
wenig (nur durch Hyperämie) an dem Processe Antheil zu nehmen schien. 

Cystenbildung unter der Conjunctiva bulbi gehört unter die sel- 
tensten Erscheinungen. Die Bildung einfacher seröser Cysten unter der 
Bindehaut habe ich in Folge von Stössen auf den Bulbus beobachtet. *) 
Einen Fall dieser Art, den ich im Jahre 1841 auf der Klinik beobachtete, 
hat Prof. Fischer in seinem Lehrbuche S. 23 beschrieben. 

Eine Frau von 43 Jahren stiess sich mit einem Baumaste an das rechte Auge 
( s / 4 Jahre vor ihrer Aufnahme) , worauf sich Verlust des Gesichtes und heftige ent- 
zündliche Zufälle einstellten. Nach Verlauf einiger Tage sah sie wieder, jedoch doppelt. 
(Das linke Auge war von Jugend auf phthisisch.) Wir fanden unterhalb der Cornea 

*) Vergl. Schön, pathologische Anatomie de» Auges, Hamburg 1828, S, 166. 



170 Bindehaut. 

eine zuckererbsengrosse, weisslichgraue, elastische, verschiebbare, unschmerzhafte, von 
den Lidern nicht ganz bedeckbare, mit einer klaren, eiweissähnlichen Flüssigkeit ge- 
füllte Blase , welche zwischen der Conjunctiva und der Sclera sass, und nach Auf- 
schlitzung der erstem leicht angeschält werden konnte. Die Iris war nach oben und 
innen vom Ciliarbande in mehr als l / 4 ihres Umfanges losgetrennt, und dieser Streifen 
so gelagert, dass neben der in einen schmalen Streifen verwandelten natürlichen Pupille 
noch eine grosse, dreieckige, künstliche Pupille (nach innen und oben) bestand, und 
nur durch letztere das Sehen vermittelt wurde. Theils nach diesem Befunde, theils 
nach den Angaben der Kranken musste man annehmen, dass der Stoss das untere Lid 
und durch dasselbe den Bulbus gerade da getroffen hatte, wo sich später jene Cyste 
entwickelte. — Auf welche Weise solche Cysten von der durch einen Riss der Sclera 
unter die Conjunctiva bulbi vorgefallenen Krystalllinse unterschiedeu werden können, 
kann erst bei den Krankheiten der Krystalllinse angegeben werden. 

Spontan entwickelt sich unter der Conjunctiva bulbi der Cysticercus 
cellulosae (Finnenwurm). Ich fand in den zwei Fällen, die ich beobach- 
tete, eine erbsengrosse Blase mit fast durchsichtigen Wandungen und 
fast wasserklarem Inhalte; an der Basis erschien die Hervorragung etwas 
eingeschnürt; die Cyste liess sich auf der Sclera hin und her schieben, 
und die sie bedeckende Bindehaut war von einzelnen Gefässen überzogen. 
Sicher stellen liess sich die Diagnosis erst nach dem Ausschälen der 
Cyste, aus dem Auffinden der eigenen Hülle, der Saugnapfe und des 
Hakenkranzes. Die Cyste hatte sich ohne bekannte Veranlassung unter 
geringen entzündlichen Zufällen entwickelt, und in Zeit von einigen Mo- 
naten die genannte Grösse erreicht. Eine besondere Disposition liess 
sich nicht nachweisen, die Individuen waren jugendlich, das eine 32, das 
andere 26 Jahre alt. Sichel (Gaz. d'Hop. 1845 N. 55) beobachtete einen 
Cysticercus subconjunctivalis bei einem l 1 ^ Jahre alten Knaben mit scro- 
fulöser Anlage. Baum (Ammons Monatschr. 1838 H. 1) und Höring (ibid. 
1839 H. 5) haben ähnliche Beobachtungen veröffentlicht. 

In den Tropenländern hat man nicht selten Gelegenheit, Augenentzündungen zu 
beobachten, welche durch die Gegenwart von Filaria medinensis unter der Conjunctiva 
(im Übergangs- und Scleraltheile) erregt und unterhalten werden. (Vergl. Mongin in 
Richter's Chir. Bibl. I. B. S. 90, Bajon über die Krankh. auf der Insel Cayenne 1781, 
Gärtner in Schön's pathol. Anat. 1828, S. 226, Larrey, der die Filaria mehrmals in 
Ägypten beobachtete, u. m. A.) 



XI. Warzen der Bindehaut. 

Die hier zu besprechende, meines Erachtens stets angeborene Ab- 
normität ist unter den verschiedensten Namen beschrieben worden, von 



Verruca. 171 

Himhj*) als Chondroma conjunctivae, auch als Lipoma crinosum, von 
Gräfe**) als Trichosis bulbi, von Makenüe (Wardrop) einfach als Ge- 
schwülste oder Sarkome d. r Conjunctiva, von fiyba ***) als behaarte 
Muttermäler u. dgl. m. f) Man findet an der Conjunctiva bulbi dieselbe 
Missbildung, welche an der Cutis unter dem Namen Warze, Verruca be- 
kannt ist. Ihr Sitz ist zum Theil auf der Cornea, zum Theil auf der 
Sclera, also eigentlich in der Gegend des Limbus conjunctivae, da, wo 
wir auch die an die Analogie der Conjunctiva mit der Cutis erinnernde 
Bläschen- und Pustelbildung am häufigsten bemerken. Unter 5 Fällen, 
wozu noch 2 an Thieraugen kommen, war der Sitz des Gewächses nur 
ein einziges Mal nicht gegen den äussern Winkel hin, sondern nach innen 
und unten. Die Haarbildung auf demselben wird entweder gleich in der 
ersten Jugend oder erst zur Zeit der Mannbarkeit bemerkt. 

Anna Hrba, 24 Jahre alt, trägt am rechten Auge eine Warze, genau so beschaf- 
fen, wie die gewöhnlichen angeborenen Warzen z. B. in der Gesichtshaut vorkommen. 
Dieses Gebilde sitzt zum grössern Theile über der Sclera, zum Theile über der Cornea, 
gegen den äussern Winkel hin. Es ist von aussen nach innen etwa b'" lang, von 
oben nach unten fast 4'" breit, an der erhabensten Stelle etwas über 2'"' hoch, von 
der Farbe der allgemeinem Bedeckung, mit vielen kurzen, braunen Härchen besetzt, 
gegen die Spitze hin trocken, beim Anfühlen derb, elastisch, nicht schmerzhaft, ein 
wenig verschiebbar. Auf der Cornea steiler, gegen den äusseren Winkel hin sich all— 
mälig abflachend, geht es unmerklich in die Cornea und in die Conjunctiva bulbi über ; 
aus letzterer sieht man, besonders vom äussern Winkel her, viele erweiterte Gefässe 
zu demselben hinstreichen. Beim Schliessen der Lider wird es nicht völlig bedeckt. 
Von der Hornhaut sind etwa 3 / 4 frei, vollkommen durchsichtig, und normal gewölbt' 
sonst sind alle Theile des Auges gesund, das Sehvermögen etwas schwächer. Das 
Gewächs besteht von Geburt an, und soll in den letzten 6 — 7 Jahren merklich an 
Grösse zugenommen haben. — Ich nahm die Abtragung mittelst Pincette, Scalpell und 
Scheere vor; Blutung und Schmerz waren ziemlich stark; Sclera und Cornea zeigten 
sich darunter unversehrt; mit ersterer hing die Geschwulst durch kurzes und derbes 
Zellgewebe so fest zusammen, dass ich Mühe hatte, diese Membran rein zu präpariren; 
auf der letzteren war die Verbindung bloss an der Peripherie der Geschwulst inniger, 
sonst liess sich diese hier leicht ablösen, und die Cornea erschien darunter rein, 
durchsichtig, weder merklich vertieft, noch erhaben, und an der Trennungsfläche von 
der Warze mit zahlreichen Blutpunkten besetzt. Unter Anwendung von kalten Um- 
schlägen bedeckte sich die Wundfläche mit einer weisslichen, dicken, eiterähnlichen 



*) Die Krankheiten und fllissbildungen des menschlichen Auges, Berlin 1632, B. II. S. 15 u. 19 
••) Gräfe und Walther's Journal, 3. u. 4. B. 
*") Ryba in Ammon's Monatsehrift, I. B. G. H. 

•y Vergl. meinen Aufsatz in der Prager Vierteljahrschrift, 1846, B. 12, S. 78; ferner Dusensy Dissertation über die 
Krankheiten der Hornhaut, Prag 1833 ; Fronmüller in Walter und Ammon's Journal, N. F. II. B. S. 180, und 
Küchler ibid. III. B. S. 58 ; Pluskai österreichische medicinische Wochenschrift, 1843, S. 48, und Fischer 
Lehrbuch, 1846, S. 303. 



172 Bindehaut. 

Masse, und nach einigen Tagen mit lebhaft rothen Granulationen ; nach etwa 6 Tagen 
rückte die Conjunctiva bulbi von den Rändern her allmällig gegen das Centrum der 
Wunde, und umschnürte den 14. Tag die indess hoch emporwuchernden Granulationen, 
welche sofort mit Lapis infirnalis touchirt werden mussten. Die entblösstc Stelle der 
Cornea wurde allmälig weisslich, sehnig glänzend, doch nicht kleiner. Die Kranke 
ging Ende der 4. Woche, noch vor gänzlicher Vernarbung, nach Hause. — Die 
abgetragene Warze, einer genauen Untersuchung unterworfen , zeigt alle 3 Schichten 
der allgemeinen Bedeckung, Epidermis, Corium und Panniculus adiposus, und ist 
zahlreich mit Haaren besetzt. Die Grösse dieser Warze war besonders durch reiche 
Fettablagerung in das grobmaschige Zellgewebe ihrer untersten Lagen gegen den 
äussern Augenwinkel hin bedingt. Ich bewahre dieselbe nebst einem von Dr. Ryba 
dem pathologisch-anatomischen Cabinete übergebenen Auge von einem Rinde mit einer 
ähnlichen Bildung auf. 



Anhang*. 

XII. Krankheiten der Thränenkarunkel, 

Die Thränenenkarunkel erscheint als ein röthlichgelbes feinkörniges 
Hügelchen auf dem innern Rande der halbmondförmigen Falte, umgeben 
von dem hufeisenförmigen Wall, welchen die Cutis bei ihrem Übergange 
in die Bindehaut zwischen den Thränenpunkten und dem Ligamentum 
palpebr. internum bildet. Sie besteht aus Talgdrüsen, welche durch 
lockeres Bindegewebe verbunden sind, und trägt an der Oberfläche feine, 
oft kaum bemerkbare Härchen. Die ziemlich regelmässig geordneten 
Drüsen sind (nach Huschke) kegelförmige, überall mit Acinis besetzte 
Körper, die an der Seite jedes Haares zu 2 — 4, mit ihrem acinösen Aus- 
führungsgange allmälig zugespitzt nach der Oberfläche laufen, und sich 
in der Haarscheide öffnen. Das Secret ist talgartig, und bestimmt, das 
Überfliessen der Thränen über die umgebende Cutis zu verhindern. 

Die Entzündung der Karunkel findet man unter dem Namen En- 
kanthis inflatn. beschrieben. Ich habe nur Einen Fall beobachtet, den 
ich nach den Angaben der Äuctoren für dieses Leiden halten konnte und 
inusste. Ein ganz gesund aussehendes, jedoch von einer in hohem Grade 
scrofulösen Mutter geborenes Kind von 3 / 4 Jahren bekam binnen 24 
Stunden nach einem Spaziergange Röthe im innern Augenwinkel, Licht- 
scheu und Thränenfluss, und äusserte starken Schmerz. Den 3. Tag war 
das Auge (das linke) stark nach aussen gedrängt; im innern Winkel sah 



Caruncula lacrymalis — Enkanthis inflammata. 173 

man eine hellrothe , bohnen- , später haselnuss - grosse Anschwellung 
statt der halbmondförmigen Falte und Thränenkarunkel. Da ich an die 
Lehre von der Enkanthis nicht recht glaubte, weil ich in der Zeit von 
mehr als 6 Jahren nie etwas dergleichen gesehen hatte, so dachte ich 
an die Ablagerung von Krebsmaterie in dieser Gegend, und ordinirte 
nichts, ausser entsprechende Diät. Nach 5 Tagen ging die Geschwulst 
zurück; es schien an einer Stelle sich etwas Eiter entleert zu haben ; 
der Augapfel kehrte in seine gehörige Lage zurück, und es blieb zuletzt 
keine Spur der Krankheit übrig. 

Beer 1. c. I. B. S. 377 sah diese Entzündung ^nach dem Eindringen 
fremder Körper, Monteath (bei Makenzie 1. c. S. 198) in Folge einwärts 
gewendeter Wimpern, Makenzie nach Verkältting entstehen; Benedikt 
eHandb. Thl. I. S. 266) und Weller (Augenkrankh. 1830. S. 169) sahen 
sie überdies in Folge griesartiger Concremente der Karunkel selbst 
entstehen. 

Als Ausgänge dieser Entzündung führen die Auetoren an : a) eitrigen 
Schwund, Rhyas, und b) bleibende Vergrösserung oder Wucherung, En- 
kanthis. Letztere soll dem Bestreichen mit Laudanum Sydenh. weichen 
und ist wohl zu unterscheiden von der medullären und melanotischen 
Infiltration dieses Gebildes, welche nicht so selten vorkommen sollen. 

Überdiess ist zu bemerken, dass sich auf der Thränenkarunkel bis- 
weilen stärkere und längere Wimperhaare entwickeln, welche die Binde- 
haut beständig reizen, und desshalb fleissig ausgezogen werden müssen 
Trichiasis s. Trichosis caruneulae, und dass sich in derselben so wie 
in den Meibom'schen Drüsen nicht selten kalkige Concremente bilden 
lithiasis caruneulae, die man einfach anszuschälen hat. Auch Filaria 
medinensis und Cysticercus wurden in dieser Partie beobachtet. 



II. Buch. 

Die Hornhaut, Tunica cornea. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen*^) 

Die Hornhaut bildet etwas mehr als den 6. Theil der heutigen 
Kapsel des Bulbus, und kann füglich mit einem Uhrglase verglichen werden. 
Ihre vordere Fläche ist spärlich gewölbt (nach einem Radius von 
3,495'" im Mittel), ihre hinlere ausgehöhlt (nicht sphärisch, sondern para- 
bolisch, nach einem Parameter von 5 — 6'" — Krause). Die Basis 
der vordem Fläche ist nicht kreisrund, sondern oval, und misst von 
einer Seite zur andern 5"', (4 2 / 3 — 5 1 //"), von oben nach unten 4 1 / /", 
(47 5 — 4 4 / 5 "") ; die Basis der hintern Fläche ist kreisrund, und misst 
5 — ÖVg'" im Durchmesser. Die Dicke der Hornhaut, zwischen 0,3 — 0,7'", 
also im Mittel l /a'"j ist in der Mitte nicht dieselbe, wie gegen die Peri- 
pherie hin, und zwar bei Erwachsenen in der Mitte relativ geringer, beim 
Kinde dagegen relativ grösser als am Rande (Rosas), wo sie stets we- 
nigstens 7,2 "' beträgt. 

Die Wichtigkeit der Kenntniss dieser Grösrenverhältnisse kann erst bei der Lehre 
von den Krankheiten der Linse, insbesondere bei der Lehre von der Operation des grauen 
Slaares gehörig gewürdigt werden. Rücksichtlich der regelmässig sphärischen Wölbung der 

") Hiezu wurden vorzüglich benützt : Rosas Augenheilkunde, 1S30, B.I., -Hyrtl Anatomie, Huschke in Sömmering's 
Anatomie, Leipzig 1844, Pappenheim Gewebelehre des Auges, Breslau 1842 und E. Brücke Anatomische Be- 
schreibung des menschlichen Augapfels, Berlin 1847, 



Anatomie — Physiologie. 175 

Cornea soll hier nur in vorhinein bemerkt werden, dass uns die spiegelglatte Ober- 
fläehe der Cornea ein Mittel an die Hand gibt, jene zu beurtheilen. Die Cornea stellt 
nämlich einen Convexspiegel dar, welcher uns die vorgehaltenen Gegenstände in ver- 
kleinertem Maassstabe zeigt. Die Grösse des Spigelbildes auf der Cornea wird bei glei- 
cher Grösse und gleicher Entfernung des leuchtenden Objectes, wozu man am besten 
die Rahmen eines Fensters wählt, offenbar von der grössern oder geringern Wölbung 
der vordem Fläche der Cornea abhängen, und zwar wird eine stärker gewölbte Cornea 
(ceteris paribus) ein kleineres Bild geben. Wir werden auf dieses diagnostische Hilfs- 
mittel bei der Lehre von der Accomodation des Auges, von der Kurz- und Weitsichtig- 
keit zurückkommen, und erwähnen nur noch, dass uns die Abspiegelung der Fenster- 
rahmen auf der Cornea zugleich das sicherste und bequemste Mittel bietet, die Regel- 
mässigkeit der Cornealoberfläche, die Gegenwart kleiner Erhöhungen öder Vertiefungen 
zu erkennen und zu beurtheilen. Ich weiss, dass Fälle mit leichten Vertiefungen (Re- 
sorptionsgeschwürchen), oder mit leichter Erhebung des Centruins der Cornea (Kerato- 
konus im ersten Beginn) für Schwäche der Sehkraft selbst, für Amblyopia amaurotica 
gehalten und behandelt wurden, welche mich das Prüfen des Spiegelbildes der Cornea 
sogleich als Cornealleiden erkennen Hess. 

Um sich von dem Rande der Cornea und seiner Vereinigung mit 
der Sclera eine richtige Vorstellung zu machen, denke man sich den- 
selben beinahe parallel zur Sehachse abgeschnitten. (Vergl. Fig. 7 u. 8 der 
beigegeb. Tafel). Indem sich die etwas dünnere Sclera an diesen schiefen 
Rand anschmiegt, oder vielmehr, indem die Comealfasern in dieser Gegend 
plötzlich ihre Natur ändern, in Scleralfasern übergehen, reichen die ober- 
flächlichen Faserlagen der Sclera weiter nach vorn, als die tiefern. Dieses 
Übergreifen der Sclera über den Rand der Cornea hat im obern und im 
untern Umfange der Cornea eine grössere Ausdehnung, als zu beiden 
Seiten, gegen welche hin es allmälig geringer wird. Und hiemit erklärt 
sich die obige Angabe, dass nur die hintere Fläche der Cornea durch 
eine Kreislinie, die vordere dagegen durch eine (ziemlich) ovale Linie 
begrenzt sei. Denkt man sich die Scheibe oder Ebene, welche die Iris 
bildet, vergrössert, so würde sie von dem vordersten Theile der 
Sclera einen Reifen abschneiden, dessen äussere Fläche zu beiden Seiten 
mindestens eine halbe, oben nahezu eine ganze, unten etwa 3 / 4 Linie 
breit sein würde. Bei Kindern tritt das Übergreifen der Sclera über die 
Cornea weniger (im horizontalen Durchmesser fast gar nicht), bei Greisen 
dagegen stärker hervor ; bei Kindern erscheint daher auch die vordere 
Fläche der durchsichtigen Hornhaut beinahe kreisrund, bei Greisen stets 
eiförmig (das stumpfere Ende von innen, das minder stumpfe nach aussen). 

Die Hornhaut besteht aus 2 Membranen, der eigentlichen Hornhaul- 
s-ub stanz und der Descemet' 'sehen Haut, und hat sowohl an ihrer vordem 
als an ihrer hintern Fläche einen Epithelialüberzug. Den der vordem 



176 Hornhaut. 

Fläche haben wir gleichsam als Fortsetzung der Binde- über die Horn- 
haut bereits kennen gelernt; der der hintern Fläche besteht aus einer 
einfachen Lage dünnwandiger sechseckiger Pflasterzellen mit runden 
Kernen, und geht nach dem Tode sehr bald verloren. 

Die eigentliche Hornhautsubstanz liegt zwischen dem sogenannten 
Bindehautblättchen und zwischen der Descemet'schen Haut. Sie besteht 
aus Bindegewebsfasern, welche sich netzförmig kreuzen, und mehr in die 
Breite als in die Tiefe verflechten, so dass man die Cornea leicht in Fa- 
serschichten oder Blätter zerlegen kann, welche deren Fläche parallel 
verlaufen. Die Primitivfasern (von 0,005 Millim. Breite und 0,003 Millim. 
Dicke) sind glatt, farblos und durchsichtig, und liegen in den einzelnen 
Bündeln regelmässig neben einander. Im Wasser werden sie opalartig 
getrübt, und schwellen rosenkranzähnlich an. Sie schliessen viel farblose, 
durchsichtige, wässrige Flüssigkeit zwischen sich ein, nach deren gewalt- 
samer Auspressung die Cornea welk, matt und undurchsichtig erscheint ; 
sie wird aber wieder hell, wenn man sie in Wasser legt. Durch längeres 
Kochen löst sich das Hornhautgewebe in Chondrin (Knorpelleim), also 
nicht wie die Sclera und anderes Bindegewebe in Leim (Tischlerleim) 
auf; durch Mittel, welche Eiweiss und Gallerte gerinnen machen (Wein- 
geist, Mineralsäuren, siedendes Wasser), verliert sie ihre Durchsichtigkeit. 
Das Gewebe der Hornhaut muss daher als ein eigenthümliches, von dem 
der Sclera in vielen Beziehungen verschiedenes bezeichnet werden. — 
Das Gewebe der Hornhaut geht unvermerkt in das der Sclera über. Die 
Faserbündel schieben sich gleichsam in einander. Die Verbindung der 
Sclera mit der Cornea ist eine unzertrennlich feste, und die Grenzlinie 
ist an der vordem Fläche nur durch die Durchsichtigkeit und Undurch- 
sichtigkeit der Fasern angegeben. An der hintern Fläche dagegen be- 
findet sich eine Furche, welche, indem sie durch die Descemet'sche Haut 
gedeckt wird, ein Kanälchen, den Canalis Schlemmii *) darstellt, bei Er- 
henkten oft mit Blut gefüllt, und ungefähr so geräumig sein soll, um 
eine dünne Borste aufzunehmen (Brücke). (?) 

An die Hornhautsubstanz hinten angelagert, und mit ihr fest, wenn 
auch nicht unzertrennlich vereinigt, ist die Descemet'sche Haut, schon 
1729 von Buddel zu London, später (1758) von Descemet und Demours 
beschrieben. Nach Henle hat sie mit der Linsenkapsel ganz gleiche phy- 
sikalische Eigenschaften und wird als „Glashaut" beschrieben, weil sie 

a ) Der Canalis Schlemmii scheint eine Art Sinuj venosus für die Cornea zu sein; Brücke gelang es, von demsel- 
ben aus die Venen zu injiciren , welche die vordem Ciliararterien begleiten. I. c. S. 50 



Anatomie — Physiologie. 177 

farblos und so gleichförmig durchsichtig ist, wie Glas. Sie lässt durchaus 
keine Faserung, höchstens eine leichte Streifung wahrnehmen*), kann 
vermög ihrer Brüchigkeit und festen Vereinigung mit der eigentlichen 
Cornea von dieser nur in kleinen Partien gelöst werden, und rollt sich 
sogleich wie Papier, welches lange zusammen gerollt war. Nur nach 
längerer Maceration der Cornea in Wasser wird ihre Verbindung mit 
dieser so gelockert, dass man sie in ihrer ganzen Ausdehnung ablösen 
kann.**) Sie selbst wird weder durch diese Maceration, noch durch 
Aufbewahrung in Weingeist oder in Säuren getrübt. Sie reicht etwas 
weiter rückwärts, als die Cornea, endet ringsum (Henle) mit einem zu- 
geschärften Rande zwischen Cornea und Ligamentum ciliare da, wo von 
diesem die Iris nach dem Centrum hin abgeht, hängt mit jenem Liga- 
mentum fest zusammen, und bedeckt somit den Canalis Schlemmii von 
innen her. Gefässe und Nerven sind in ihr ebenso wenig nachgewiesen, 
als deutliche Faserung. Sie ist, wie wir sehen werden, einer bedeu- 
tenden Ausdehnung fähig, wen diese allmälig erfolgt. 

Huschke betrachtet diese Membran, welche nach Henle l / l43 '", nach Krause y 2So '" 
dick ist, als Fortsetzung der Lamina fusca, etwa in der Art, wie man die Cornea als 
Fortsetzung der Sclera betrachten kann. „Untersucht man die Haut kurz vorher, ehe 
sie sich mit dem Ciliarband verbindet, so wird man sehen, dass sie die glasartige Be- 
schaffenheit verliert, und die beginnende zellfaserige Textur nicht verkennen. Sie wird 
zugleich hier locker, dicker, und zieht man sie an, und hebt das Ligamentum pecti- 
natum iridis mit ab, so kann man sie über den Boden der Scleroticalfurche weg ver- 
folgen, und es werden Stücke von der innern Hautschicht der Sclerotica {Lamina fusca) 
mit abgelöst." 

Die Hornhaut ist farblos, vollkommen durchsichtig, sehr fest und 
dicht, biegsam und elastisch. Nach Rosas ist sie in spätem Jahren dichter, 
als bei Kindern, wo sie dafür, wenigstens in der Mitte, relativ dicker ist. 
Sie ist einer sehr starken momentanen Abplattung fähig, ohne zu bersten : 
diess beweisen jene Fälle, wo die Iris theilweise oder ringsum vom Ciliar- 
bande losreisst, wenn ein Stoss die Hornhaut trifft. Eher berstet die 
Sclera an irgend einer Stelle ihres vordem Umfanges und lässt die Con- 
tenta des Bulbus, namentlich die Iris oder die Linse unter die Bindehaut 
austreten; Rupturen der Cornea gehören zu den grössten Seltenheiten. 



5 ) Dr. von Hessling in Jena (Froriep's Notizen, 1848, N. 111) will in der Descemefschen Haut des Ochsenauges 
deutliche Faserung gesehen haben, was auch Pappenheim und Valentin behaupten. 

-~) An einem Kaninchenauge, an welchem ich 10 Tage vorher die Discissio capsulae lentis per corneam gemacht 
hatte, und massige Entzündung der Iris eingetreten war, blieb, als Prof. Bochdalek die. Sclera in der Gegend 
der Insertionsstellen der 31. recti durchschnitten hatte, und diese sammt der Cornea nun vorsichtig abzog, die 
ganze Descemet'che Haut iu ihrer Verbindung mit dem Ligamentum ciliare zurück, offenbar weil ihre Verbindung 
mit der Curnea locker geworden war. Ich bewahre das Präparat in Weingeist. 
Arlt, I. f2 



178 Bindehaut. 

Ein Fall dieser Art soll von St. Yves beschrieben worden sein; Dr. Müdner 
schildert einen Fall in der Prager Vierteljahrsschrift, 13. B. S. 65. Der Riss ging in 
beiden Fällen von der Descemet'schen Membran aus, und betraf jedenfalls nur die 
tiefern Schichten, wenn nicht vielleicht die Wasserhaut allein. 

In den ersten Monaten des Fötuslebens ist die Hornhaut undurch- 
sichtig, opalartig; eine solche Trübung bleibt bisweilen nach der Geburt 
Monate- Jahre-lang zurück. — Andrerseits tritt im hohem Alter, aus- 
nahmsweise schon ums 40. Jahr herum, eine Trübung der Hornhaut ein, 
welche von eigentlich krankhaften Zuständen wohl unterschieden werden 
muss. Es ist diess der unter dem Namen Greisbogen (Gerontoxon, Arcus 
senilis) bekannte graue Streifen, welcher den Kand der Hornhaut in Form 
eines Regenbogens ganz oder zum Theil einnimmt, und worauf wir später 
zurückkommen werden. 

Die Hornhaut besitzt bei ihrer bekannten geringen Empfindlichkeit 
dennoch nicht nur Nerven, welche Bochdalek, Schlemm, Pappenheim u. A. 
als Zweige der Ciliarnerven ziemlich weit über den Rand hinein ver- 
folgt haben, sondern auch Gefässe, und zwar Vasa serosa, welche für 
gewöhnlich nur Blutplasma, bei congestiven und entzündlichen Zuständen 
aber auch Blutkügelchen führen. Römer, Schröter, van der Kolk, Hyrll 
und J. Müller haben Blutgefässe der. Cornea injicirt, und Huschke glaubt 
wenigstens beim Pferdeauge , durch vordere Ciliararterien Leimmasse 
in die Hornbautgefässe getrieben zu haben. — Beobachtungen am Kran- 
kenbette haben mich überzeugt, dass es eine doppelte Lage von Blut- 
gefässen in der Cornea gibt, nämlich eine oberflächliche, nahe unter dem 
Eptlhelium der Cornea, und eine tiefere, nächst der Wasserhaut. — Die 
oberflächlichen Gefässe kommen ganz gewiss von den vordem Ciliar— 
und den Muskelästen der Arteria ophlhalmica. Diese werden bekanntlich 
in der Gegend der Sehnen der geraden Augenmuskeln als bläulich rolhe 
Äderchen auf der Sclera sichtbar, laufen geschlängelt gegen die Cornea 
hin und spalten sich hier in oberflächliche und tiefere Zweige. Die tiefern 
dringen 1 — 2" hinter der vordem Grenzlinie der Sclera, durch diese in die 
Tiefe zur Iris und zum Corpus ciliare. Sie sind nicht an allen Augen 
gleich mächtig und zahlreich, und werden manchmal, auch nachdem sie 
längere Zeit sehr stark ausgedehnt gewesen waren, wieder unsichtbar; 
rostfarbige oder schiefergraue Punkte, wie Stecknadelstiche bleiben dann 
als Spuren an den Durchbohrungsstellen der Sclera zurück. Die ober- 
flächlichen lösen sich in jenes feine Gefässnetz auf, welches im vor- 
dersten Theile der Tunica vaginalis bulbi mit jenem Gefässnetze anasto- 
mosirt, welches die von der Arteria larsea superior et inferior und Art. 






Anatomie — Physiologie. 179 

lacrymalis kommenden Gefassehen der Conjunctiva bulbi bilden. Dieses 
Gefässnetz der vordem Ciliararterien ist im normalen Zustande nicht 
sichtbar, tritt aber oft wie mit einem Schlage, nach Einwirkung eines 
heftigen Reizes auf den Augapfel, noch deutlicher bei acuten Entzün- 
dungen der Cornea, Iris oder Chorioidea als die feinste Injection, als 
rosenrother Saum rings um die Cornea in die Erscheinung. Aus diesem 
Netze nun entwickeln sich ringsum zahlreiche Gefässreiserchen, welche 
theils in den Limbus conjunctivae corneae eintreten, theils unter demselben 
wie unter einem Gürtel in die Substauz der Cornea oberflächlich ein- 
dringen, und dort centripetal verlaufen. (Nach Römer theilt sich jedes 
solches Gefässreiserchen in der Cornea in 2 — 3 sehr feine Ästchen, deren 
Ende sich in der Mitte der Cornea deutlich in die Tiefe senken, und in 
deren Substanz verlieren.) — Die tiefere Gefässlage der Cornea erhält 
ihre Zweigchen wahrscheinlich aus dem Circulus arteriosus iridis major, 
also von den hintern langen Ciliararterien, und wohl zugleich auch viele 
von jenen Zweigchen der vordem Ciliargefässe, welche die Sclera nahe 
an der Cornea durchbohren ; erstere dürften die Ciliarnerven, welche vom 
Ligamentum ciliare zur Cornea treten, in ihrem Laufe begleiten. 

Man sieht häufig Zweigchen der vordem Ciliararterien so nahe am Rande der 
Cornea, kaum V 2 '" weit von der Grenzlinie der vordem Cornealfläche entfernt, sich 
durch die Sclera in die Tiefe senken, dass sie, ohne unter einem spitzigen Winkel 
rückwärts zu gehen - — was jeder Wahrscheinlichkeit entbehrt — gar nicht zur Iris 
gelangen könnten. — Alan kann die Gefässe, welche man am Krankenbette in der 
Cornea beobachtet, und deren mehr weniger tiefe Lage sich am besten nach ihrem 
Abstände vom Limbus conjunctive schätzen lässt, keineswegs sammt und sonders für 
neugebildete halten; man wird sich bald überzeugen, dass sich in sehr vielen Fällen 
das Dasein von blutführenden Gefässen nicht als Neubildung, wohl aber als Erweite- 
rung schon bestehender Kauälchen deuten und begreifen lässt; man wird diese Deu- 
tung einzig und allein -zulassen müssen, wenn man findet, dass der Verlauf solcher 
Gefässe ein bestimmter, centripetaler ist, wenn man sie in ganz durchsichtiger Substanz 
und zwar sehr bald — ■ 2 bis 3 Tage — ■ nach dem Beginn der Entzündung verlaufen 
sieht, wenn man sie an Augen findet, welche die Zeichen von Iris oder Chlorioiditis, 
keineswegs aber deutliche (plastische) Exsudation in der Cornea darbieten. — Ich sah 
mehrere Male nach Beendigung des, noch ganz im Bereiche des durchsichtigen Theiles 
der Cornea geführten Hornhautschnittes (behufs der Extractio cataractae) eine leichte 
Blutung eintreten, welche, da auch die Iris nicht im mindesten verletzt worden war, 
sich nur dann begreifen liess, wenn man annahm, es seien mit dem Durchschneiden 
der Cornea zugleich Gefässchen durchschnitten worden, welche etwas Blut austreten 
lassen konnten. *) — Mit der Breite des für den Eintritt der Ciliararterien in die Cornea 

*) Dr. Pilz, welcher zu der Zeit, wo ich diesem Gegenstände speciell meine Aufmerksamlieit widmete, mein Assistent 
war, und gemeinschaftlich mit mir Beobachtungen und Untersuchungen darüber anstellte, hat bereits im Jah 
181S im 20. Bande der Prager Vierteljahrschrift einen grossen Theil derselben veröffentlicht. 

12* 



180 Hornhaut. 

bestimmten Saumes der Sclera und Conjunctiva stimmt auch die Zahl und Mächtigkeit 
der vordem Ciliararterien überein. Die stärksten und zahlreichsten Ästchen derselben 
kommen von oben, wo jener Saum bekanntlich am breitesten ist; von der Sehne des 
M. rectus externus her kommt nur eine vordere Ciliararterie, und dem entsprechend ist 
auch jener Saum gegen den äussern Winkel hin am schmälsten. ' Wie die Iris ihre 
mächtigsten Blutgefässe (die hintern langen Chiliararterien) im horizontalen, so erhält 
die Cornea ihren Nahrungsstoff vorwaltend im verticalen Durchmesser ihrer Basis. 

Was den Einfluss der Nerven auf das Leben der Cornea betrifft, so ist derselbe 
bekanntlich durch Fodera, Mayo, Magendie u. A. hinreichend nachgewiesen worden, 
und ich erlaube mir, die Resultate der Versuche, welche Szokalsky *) mit Longet und 
Pappenheim hierüber angestellt haben, in Kürze mitzutheilen. Nach Durchschneidung 
des Trigeminus diesseits des Ganglion Gasseri geht zunächst das Tastgefühl im Bereiche 
der durchschnittenen Nerven verloren, und es wird somit auch die Bindehaut un- 
empfindlich. Die Pupille verengert sich stark, ohne ihre Veränderlichkeit bei verschiede- 
nen Lichteindrücken einzubüssen. Einige Stunden nachher fängt die Pupille an, weiter 
zu werden, ohne ihre Beweglichkeit zu verlieren. Um dieselbe Zeit den 2. Tag fängt 
die Hornhaut an, undurchsichtig zu werden, und zwar zuerst in ihrer Mitte, ohne ihre 
Glätte an der Oberfläche zu verlieren. Die Cornea erscheint, wenn man sie jetzt ana- 
tomisch untersucht, an der Stelle der Trübung dicker, ohne dass man in derselben 
Spuren einer Neubildung nachweisen kann. — Lässt man das Thier länger leben, so 
merkt man, dass die Hornhauttrübung sich gleichmässig von der Mitte nach der Peri- 
pherie verbreitet. Am 8. oder 10. Tage ist sie milchweiss, und sieht wie angeschwollen 
(erhaben) aus. Anatomisch untersucht erscheint die Hornhaut jetzt noch mehr verdickt, 
und zwar nicht bloss wie früher durch wässerigen Erguss, sondern auch durch ein 
organisationsfähiges, körniges Exsudat. — Bleibt das Thier noch länger am Leben, so 
fängt die Cornea an, sich in der Mitte zu erweichen, das Bindehautblättchen fällt ab, 
und die Cornealsubstanz löst sich schichtenweise auf. Durchlöcherung der Cornea und 
Entleerung der Contenta des Bulbus sind die weitern Folgen. — Wenn man den 
Krankheitsprocess, welcher in der Hornhaut nach der Durchschneidung des N. trige- 
minus statt findet, in nähere Erwägung bringt, so sieht man, dass er sich wesentlich 
von dem Entzündungsprocesse unterscheidet. „In den zahlreichen Untersuchungen, 
welche ich mit Dr. Pappenheim gemacht habe, hat keiner von uns in der entarteten 
Hornhaut weder Entzündungskugeln noch Eiterkörperchen gefunden; der aus der Ver- 
wesung der Cornea hervorgegangene Detritus bestand aus dem körnigen Exsudat und 
den in kleinere Theilchen zerfallenen Hornhautfasern." Es muss übrigens noch bemerkt 
werden, dass, wenn die Durchschneidung zwischen dem Ganglion Gasseri und dem 
Gehirn vorgenommen wird, wohl das Tastgefühl verloren geht, die Hornhaut aber ihre 
Durchsichtigkeit behält, mithin die Trübung und Zerstörung der Cornea eigentlich von 
der Zerstörung des Ganglion Gasseri und des grossen sympathischen Nerven abhängt, 
welcher mit diesem Ganglion und mit dem Ramus ophthalmicus trigemini in nähere 
Vcrhindung tritt. Welchen Einfluss die Durchschneidung des Halstheiles des Sympath. 
inagnus auf die Ernährung des Auges, in specie der Cornea nehme, hat bereits 
Poürfour du Petit 1712 durch Experimente an Hunden gezeigt. 



'■) Ruscr un.l Wim. Ii-rliu'li Aichiv, b. Jalll 



Anatomie — Physiologie. 181 

Der Stoffwechsel in der Cornea muss ein sehr lebhafter sein, weil 
beträchtliche Wunden derselben in kurzer Zeit per primain intentionem 
heilen, weil selbst bedeutende Substanzverluste vollkommen (ohne blei- 
bende Narben) gedeckt werden können, und weil ausgebreitete Exsudate 
in derselben von selbst (oder unter Anwendung reizender Mittel) zur 
Resorption gebracht werden. Diejenigen, welche der Cornea Blutgefässe 
(Vasa serosa) absprechen, suchen die Quelle ihrer Ernährung im Humor 
aqueus. Dieser kann aber zu diesem Zwecke nicht bestimmt sein, weil 
die Cornea von ihrer Durchsichtigkeit nichts verliert, wenn der Humor 
aqueus durch irgend eine Öffnung (Fistel) der Cornea Tage- Wochen-lang 
aussickert, oder wenn die Iris und die Cornea durch faserstofl'iges 
Exsudat so mit einander verklebt sind, dass die Durchtränkung der Cor- 
nea mit Humor aqueus nichts weniger als wahrscheinlich ist. 

Die Function der Cornea besteht vorzüglich in der Aufnahme und 
Brechung der Lichtstrahlen, welche unter einem kleineren Winkel als 
48° auf ihre Oberfläche gelangen. Sie wirft jedoch nicht nur die unter 
einem grössern Winkel, sondern auch einen Theil der unter einem kleinern 
Winkel auffallenden Strahlen zurück, da sie gleich andern durchsichtigen 
Medien nicht absolut für alles Licht permeabel ist; hierauf beruht das 
Phänomen der Spiegelung der Cornea. — Wenn wir auch nicht im 
Stande sind, die Strahlenbrechung durch die Cornea und den Humor 
aqueus mathematisch nachzuweisen, da uns hiezu nicht nur mathematisch 
scharfe Angaben über die Krümmungshalbmesser der Cornealoberflächen 
und über die Dicke der Cornea, sondern auch über die Brechungs- 
exponenten (Dichtigkeitsverhältnisse) dieser durchsichtigen Medien fehlen : 
so sind wir doch im Besitze positiver Thatsachen, welche beweisen, dass 
Cornea und Humor aqueus vereint die Lichtstrahlen convergent zum 
Achsenstrahle brechen, und dass namentlich die Krümmung (Wölbung) 
der Cornea für den Refractionszustand des Auges nichts weniger als 
gleichgiltig ist. Vorläufig möge es genügen, zu bemerken, dass Leute, 
denen die Krystalllinse mangelt (nach Staaroperationen — wo, wie wir 
nachweisen werden, von einer Regeneratio lentis keine Rede sein kann), 
mit freiem Auge noch so feine Gegenstände in verschiedenen Distanzen 
zu unterscheiden vermögen, dass eine Vereinigung der Lichtstrahlen auf 
der Netzhaut nothwendig vorausgesetzt werden muss. 

Dr. Meyer *) fand an Ochsenaugen die Brennweite länger, wenn er Cornea und 
Humor aqueus entfernt hatte, und vindicirt der Cornea im Verein mit dem Humor 

-) Prager medic. Vierteljahrschrift, 28. Band, ausserordentliche Beilage, S. 1. 



182 Hornhaut. 

aquens als einen Sammelmeniscus einen wesentlichen Antheil an der Strahlenbrechung. 
Wenn dagegen Professor Engel *) die Linse als das einzige lichtbrechende Medium 
angesehen wissen will, so kann seinen Angaben schon darum kein Vertrauen geschenkt 
werden, well er einen der wichtigsten Umstände ganz übersehen hat, nämlich dass 
die Linse im Auge nicht wie bei seinen Experimenten von Luft, sondern von Medien 
umgeben ist, welche die Brechung der Lichtstrahlen beim Ein- und Austritte aus der 
Linse wesentlich modificiren müssen. „Es beruht auf einem Irrthume, wenn man glaubt, 
die Krystalllinse müsse die stärkste Brechung einleiten, weil sie den höchsten absoluten 
Brechungscoeflicienten (= 1,47) hat. Sie wirkt vielmehr schwächer, als die Hornhaut, 
weil diese ihren absoluten (=1,33), jene dagegen nur ihren verhältnissmässigen Bre- 
chungscoefficienten (= 1,102) in Rechnung bringen kann." Valentin. **) 

Wenn aber die Cornea als ein zur Strahlenbrechung wesentliches 
Organ des Auges erklärt, und ihr somit ein entschiedener Einfluss auf 
den Refractionszustand des Auges (Kurz- oder Weitsichtigkeil) vindicirt 
wird, so soll damit keineswegs behauptet sein, dass die momentanen Ver- 
änderungen, welche man mit dem Worte Accomodation des Auges an- 
zudeuten pflegt, irgendwie in der Cornea zu suchen seien, im Gegentheil 
wir werden bei der Lehre von der Accomodation beweisen, dass die 
Cornea an dieser Function sich durchaus nicht betheilige, nicht betheiligen 
könne. — Nicht nur die Durchsichtigkeit, sondern auch die Glätte und der 
Glanz der Cornea setzen zunächst die normale Erzeugung des Epitheliums 
auf der Cornea und dessen beständige Auflösung in der Thränenflüssigkeit 
voraus. Hiezu ist vor allem die öftere Wiederholung des Augenlidschlages 
nothwendig, und das Mattwerden der Cornea der Sterbenden ist gewiss 
vor allem dem längeren Offenstehen der Augen zuzuschreiben. Die An- 
nahme, dass die Cornea durch das Durchdringen des Humor aqueus feucht 
erhalten werde, lässt sich nicht rechtfertigen, am wenigsten durch die 
Erscheinungen, die man an todten Augen hiefür angeführt hat. Somit kann 
man auch nicht behaupten, dass die Cornea ihren Antheil zur Thränen- 
feuchtigkeit liefere. Hiemit soll übrigens nicht gesagt sein, dass die Cornea, 
wenn sie nicht von den Thränen befeuchtet würde, schon an und für 
sich trocken erscheinen müsste. 



*) Prager medic. Viehteljahrschrift, 25 B. S. 167 u. f. 
**) Lehrbuch der Physiologie, Braunschweig 1818, B. II. S. 105. 



Entzündung — scrofulöse — Symptome. 183 

B. Krankheiten der Cornea. 

I. Entzündung der Hornhaut. Keratitis. 

Die Entzündung der Hornhaut kommt entweder selbstständig und für 
sich allein, oder in Folge von Entzündungen anderer Gebilde und ge- 
meinschaftlich neben diesen vor. 

Sie gibt sich im Allgemeinen kund : durch Trübung und Lockerimg 
des Gewebes der Hornhaut, und durch stärkere Injection der vordem 
Citiararterien (Bildung eines mehr weniger breiten und intensiven rothen 
Saumes um die Cornea). 

Symptome,, Verlauf, Ausgänge und Verhalten gegen die Therapie sind 
auch bei den selbstständigen Formen sehr verschieden, je nach den 
ursächlichen Momenten. Daher unterscheiden wir eine Keratitis scrofu- 
losa, rheumatica und traumatica. — Von dem Antheile, welchen die 
Substanz der Cornea an den Entzündungen der Bindehaut nehmen kann, 
haben wir bereits im I. Buche gesprochen ; ihre Mitleidenschaft bei Ent- 
zündung der tiefern Gebilde des Auges werden wir bei diesen kennen 
lernen. 

1. Scrofulöse Hornhautentzündung, Keratitis scrofulosa. 

Die scrofulöse Hornhautentzündung oharakterisirt sich im Allge- 
meinen durch die Ablagerung plastischen, nie zu Eiterung führenden 
Exsudates in die Substanz der Cornea, mit mehr wetiiger deutlicher Ge- 
fässentwicklung in derselben, durch ihr von äussern Schädlichkeiten zu- 
nächst unabhängiges Auftreten, hartnäckiges Fortbestehen und Wiederkehren 
(Bedingtsein im Allgemeinleiden), und durch die Notwendigkeit einer 
allgemeinen Behandlung. Sie ist vorzugsweise eine Krankheit des Jüng- 
lings- und Knabenalters. 

Symptome. Die Trübung der Hornhaut erscheint gefleckt (wenig- 
stens stellenweise gesättigter) , wolkig (mit verwachsenen Rändern), 
weisslich- oder gelblichgrau und matt; nur selten und da nur auf 
kurze Zeit wird die Cornea durchaus und fast gleichförmig getrübt, 
gelblich weiss oder grau und undurchsichtig. — Die Lockerung des Ge- 
webes gibt sich dadurch kund, dass die Cornea minder glatt und glänzend, 
wie mit äusserst zahlreichen und feinen Nadelstichen getupft erscheint, 
ohne jedoch irgend beträchtliche Erhabenheiten oder Verliefungen (Ge- 
schwüre) zu zeigen; nur bei höheren Graden und nach längerer Dauer 



184 Hornhaut. 

wird der mittlere Theil der Cornea etwas prominenter. — Die Gefäss- 
einspritzung betrifft nicht nur das capillare Netz rings um die Cornea 
und die Stämmchen der Ciliararterien, sondern auch die Gefässe im Be- 
reiche der Cornea selbst, und zwar die in und unter dem Limbus con- 
junctivae verlaufenden, oft auch die tiefern (nächst der Descemet'schen 
Membran). 

In manchen Fällen tritt die Exsudatablagerung, in andern die Gefässeinspritzung 
mehr in den Vordergruud des Eindruckes, den der erste Blick auf den Beobachter 
macht; aber nie fehlt die eine oder die andere dieser Erscheinungen gänzlich, wenn 
man die Krankheit in ihrem ganzen Verlaufe zu beobachten Gelegenheit hat. Es scheint 
demnach weder nothwendig, noch zweckmässig, diese Fo.rm mit Fischer, Schindler 
u. A. in Keratitis vasculosa und lymphatica zu trennen. So lange noch Lockerung der 
Cornea besteht, wird man auch die Gefässeinspritzung in derselben (oberflächlich oder 
tief) kaum jemals vermissen. Die Trübung (das Exsudat) besteht aber oft noch sehr 
lange (Monate — Jahre) fort, wenn der exsudative Process längst erloschen ist. Solche 
Fälle können aber, wenigstens vom prognostischen und therapeutischen Standpunkte 
aus, nicht mehr als Entzündungen betrachtet werden. — Man wird die Eigentümlich- 
keit in den Erscheinungen dieser Form von Keratitis leicht begreifen, wenn man be- 
denkt, dass die Exsudation ursprünglich nicht diffus, sondern circumscript, in lauter 
kleinen Herden neben einander geschieht, daher nur bei grösserer Menge confluent 
wird, und dass bei einem exsudativen Processe, welcher Tage-, Monate- lang dauert, 
ohne das Gewebe der Cornea total zu verändern, die Erweiterung und Überfüllung der 
Gefässe kaum fehlen kann. 

Diese Form kann mit bedeutender Exsudation auftreten, ohne erheb- 
liche nervöse Zufälle, Schmerzen, Lichtscheu und Thränenfluss zu erregen 
Trübung des Gesichtes ist nicht selten die erste Erscheinung, die den 
Kranken zum Arzte treibt. Die Schmerzen bestehen meistens nur in 
leichtem Drücken oder Stechen. Wenn aber die Exsudation unter stär- 
kerer Gefässeinspritzung rascher erfolgt, dann sind auch diese Zufälle 
ausserordentlich heftig, und der Kranke jammert vor Schmerzen nicht nur 
im Auge, sondern auch in der entsprechenden Jyopfhälfte, und hält die 
(bisweilen leicht ödematösen und durch die beständige wässrige Secretion 
excoriirten) Lider wegen enormer Lichtscheu krampfhaft geschlossen. In 
der Mehrzahl solcher Fälle ist eine Verschlimmerung dieser Zufälle in 
den Morgenstunden manifest. 

Verlauf und Ausgänge. Der Verlauf ist, auch wenn die Krank- 
heit mit heftigen Reaclionserscheinungen auftritt, immer ein äusserst lang- 
samer, Wochen, ja viele Monate lang andauernd, continuirlich oder mit 
wechselnder Besserung und Verschlimmerung. 

Zunächst zeigt sich bei erhöhtem Glänze der Cornea (Congestion ?) 
eine mehr weniger intensive und ausgebreitete Röthe auf dem vordersten 



Entzündung — scrofulöse — Verlauf — Ausgänge. 185 

Theile der Sclera (manchmal nur in der obern oder untern Hälfte); 
sofort erscheinen die unter dem Limbus conjunctivae zur Cornea tre- 
tenden Gefässchen injicirt, in der Regel bloss im obern Umfange der 
Hornhaut, selten bloss im untern, öfter an beiden zugleich. Man sieht an 
der ergriffenen Partie einen von äusserst dicht neben einander liegenden 
Gefässchen gebildeten Meniscus von % — 7 3 '" Breite, und darüber auch 
den Linibus conjunctivae selbst injicirt und etwas geschwellt. Die con- 
cave Seite jenes Meniscus erscheint, indem die centripetal verlaufenden 
Gefässchen alle in der Bogenlinie wie abgeschnitten endigen, scharf, be- 
grenzt, die convexe stösst unmittelbar an das capillare Netz über der 
Sclera. Alsbald sieht man an den Spitzen der Gefässe ein lockeres grau- 
liches Exsudat in Form kleiner Körnchen oder Fleckchen in die Substanz 
der Cornea abgelagert werden. Dieses wird allmälig oder plötzlich (über 
eine Nacht) mächtiger, und breitet sich, bald mit, bald ohne gleichzei- 
tiges Vorrücken jener Gefässchen, bis in oder über das Centrum der 
Cornea aus. Zugleich entwickeln sich nun auch in der Tiefe der Cornea 
Gefässchen gleichfalls centripetal verlaufend, und manchmal so dicht an 
einander gedrängt, dass man glauben könnte, der dadurch bedingte tiefere 
Meniscus sei durch Blutaustritt in der Cornea nächst der Descemet'schen 
Haut bedingt. Bisweilen sieht man ein oder das andere tiefere Gefäss 
in noch ganz durchsichtiger Substanz verlaufen. Ihre tiefe Lage kann 
man am besten nächst oberflächlichen Gefässchen oder nächst dem Horn- 
hautrande nach ihrem Abstände von jenen oder vom Limbus conjunctivae, 
besonders mit Hilfe einer scharfen Loupe, bemessen. In Fällen, die 
mit heftigen subjectiven Zufällen un<l stürmischer Gefässinjection ver- 
laufen, rücken endlich die oberflächlichen und die tiefen Cornealgefässe 
von allen Seiten her, am weitesten jedoch von oben und von unten her 
gegen das Centrum der Cornea vor, und drängen, der Cornea das Aus- 
sehen eines rothen Tuches gebend, das Exsudat gleichsam vor sich her. 
Haben die Gefässe den centralen Theil der Cornea noch frei gelassen, 
und ist dieser stark von Exsudat durchsetzt und daher gelblichweiss und 
mehr weniger prominirend: so glaubt man jeden Augenblick, es müsse 
zur Verschwärung dieser Partie kommen, was. ich indessen bei mehr als 
100 Fällen (von Keratitis scrofulosa überhaupt) nur zwei Mal, und zwar 
bei sehr vernachlässigten und äusserst herabgekommenen Kranken ein- 
treten sah. 

Anfang Oclober 1848 wurde ein 9jähri^es, äusserst blass und abgemagert aus- 
sehendes Mädchen (mit dünnen Knochen und sehr aufgetriebenem Unterleibe) zu mir 
gebracht. Beide Augen boten das Bild einer Keratis scrofulosa dar, so ausgeprägt, 



186 Hornhaut. 

wie ich es bis dahin noch nie beobachtet hatte. Nebst der Rosenröthe auf dem vor- 
dem Theile der Sclera war- die Cornea ringsum von äusserst zahlreichen Gefässen 
durchzogen, röthlich aussehend, in der Mitte dagegen graulich weiss und stärker vor- 
ragend, übrigens durchaus gelockert, wie mit Nadeln gestochen, matt und glanzlos- 
Ich ordinirte Einreibungen von weissem Präcipitat mit Extr. belladonnae an die Stirn 
und Schläfe (wie bei Conjunctivitis scrofulosa mit starker Lichtscheu), innerlich Ma- 
gnesia mit Coniiun maculatum, entsprechende Diät. Am 12. October war der Zustand 
des rechten Auges besser, der des linken schlimmer. Die Cornea sah hier einem ab- 
gestutzten Kegel ähnlich. Die Abstutzungsfläche, i. e. der centrale Theil der Cornea, 
von ungefähr 1V 2 '" Durchmesser, war seicht gewölbt, gelblich weiss, stark aufge- 
lockert, wie zum Verschwären angeschickt; der Mantel (der peripherische Theil) stieg 
vom Rande ziemlich steil empor (der mittelste Theil der Cornea konnte gut 2"' über 
die Basis der Cornea emporgehoben sein), war ziemlich glatt, von zahlreichen' Gefässen 
durchzogen, beinahe blutroth aussehend. Nebst obigen Mitteln Einreibungen des gan- 
zen Körpers mit Oleum jecoris aselli. Am 16. October, der Zustand des rechten Auges 
viel besser, die Hornhaut gegen die Peripherie hin schon stellenweise durchsichtig » 
am linken Auge fast derselbe Zustand. Am 20. October. Rechts nur noch wenige Ge- 
fässe im Bereiche der Cornea, und das Exsudat viel sparsamer; links fast keine Än- 
derung des Zustandes , nur weniger Gefässe. Die Salbe musste wegen Ekzem der 
Stirnhaut ausgesetzt werden ; die Einreibungen von Oleum jecoris werden fortgesetzt, 
innerlich: Decoct. taraxaci ex unc. dimid. unc. quatuor, Melag. graminis et syr. eich. c. 
rheo ä~a unciam , extracti conii scrupulum, bicarb. sodae scr. duos. M. D. Alle 3 Stun- 
den 1 Esslöffel. Am 28. October. Rechts auffallende Besserung; keine Lichtscheue; 
die Kranke erkennt einen kleinen Schlüssel, Kupfer- und Silbermünzen selbst am Ge- 
präge; links ist der weisse Pfropf aus dem Centrum der Cornea gleichsam heraus- 
gefallen, die Öffnung durch die Iris verstopft, die Iris an die bereits halb durchsichtige 
Peripherie der Cornea angelegt. Am 7. November war die rechte Hornhaut beinahe 
ganz rein, links dagegen eine centrale Grube, von etwa V" im Durchmesser, die Iris 
noch nicht ganz überhäutet, wesshalb Einträuflungen verdünnter Opiumtinctur ordinirt 
wurden. Weiterhin wurde die Kranke nicht mehr zu mir gebracht. *) Erst im Jahre 
1850 kam der Vater mit diesem Kinde wieder zu mir. Ich erkannte dasselbe anfangs 
nicht, denn es hatte ein viel gesünderes Aussehen gewonnen, und, was mich am mei- 
sten überraschte, das linke Auge zeigte bloss eine kleine, halbdurchsichtige Narhe ohne 
Spur einer vordem Synechie. Hätte ich mir den Befund vom November 1848 nicht 
genau aufgeschrieben und aufgezeichnet gehabt; ich würde jetzt es für unmöglich hal- 
ten, dass an dieser Stelle die Cornea durchbohrt und die Iris bloss gelegt gewesen war. 
Die Ursache, wesshalb das Kind neuerdings zu mir gebracht wurde, war eine Recidive 
am rechten Auge. 

So wie der eigentlich exsudative Process aufhört; sieht man die 
Besserung damit eintreten, dass zunächst die oberflächlichen, der Corneal- 
gefässe sparsamer werden, und hiemit auch der peripherische Theil der 
Cornea sich aufhält; im mittleren Theile dagegen bleibt die Cornea in der 
Regel am längsten getrübt. Das Zerfallen gleichmässig trüber Flecke in 

'■') Znrda, tlc Keratitide scro,fulosa, Ticini regii 1824, eiwähiil HtfiLjchp Beobachtungen! 



Entzündung — scrofulose — Verlau f — Ätiologie. 187 

einzelne kleinere ist immer ein günstiges Zeichen. Mit dem Beginn dieser 
Resorption scheinen bisweilen in der Tiefe neue Gefässe aufzutauchen. 

In andern Fällen findet nur geringe, bisweilen kaum merkliche Ge- 
fässentwicklung bei relativ reichlicher Exsudation statt; dann pflegen auch 
die übrigen Zufälle sehr gelind, der Verlauf aber um so hartnäckiger zu 
sein. Stets wird man auch hier die Injection in der Gegend des Limbus 
conjunctivae und ein oder dss andere tiefere Gefässchen mittelst der 
Loupe auffinden können, und die stärkere Injection der Ciliararterien über 
der Sclera, selbst ein rosenrother Gefässsaum, wird wenigstens nach 
etwas längerer Besichtigung des Auges bemerkbar werden. Die voraus- 
gegangene Erweiterung der Ciliargefässe lässt sich oft lange nach dem 
Erlöschen des exsudativen Processes noch an rostfarbigen oder schiefer- 
grauen Punkten in dem vordem Theile der Sclera erkennen. — Die Trü- 
bung wird, wenn sie auch einige Zeit beinahe gleichmässig gesättigt aus- 
sah, bald wieder wolkig und fleckig, *) und in manchen Fällen zeigen sich 
dann kreideähnliche Stellen, offenbar durch Verkalkung des Exsudates 
entstanden; diese widerstehen zwar der Resorption sehr lange, doch 
selten für immer. Nur dann , wenn solche Exsudate überhaupt sehr lange 
(viele Monate- Jahre-lang) fortbestanden, und die Hornhautfasern durch 
Druck in grösserer Ausdehnung zum Schwinden gebracht haben, bleibt 
die Hornhaut daselbst unheilbar getrübt. Sonst aber hellen sich derart 
getrübte Hornhäute zum Verwundern vollständig auf, und die Krankheit 
gehört somit im Allgemeinen unter die wenig gefährlichen. — Auch 
stärkere Wölbung der Cornea sieht man höchst selten,, und bei weitem 
nicht so oft, wie nach Pannus zurückbleiben. Nur der Limbus conjun- 
ctivae bleibt oft zeitlebens als ein mehr weniger breiter und langer trüber 
Bogen oder vollständiger Kreis zurück, und in Fällen, wo diese Keratitis 
mit Iritis oder Scleritis zugleich verlief — worauf wir später zurück- 
kommen werden — sehen wir eine mehr weniger breite, weiter gegen 
das Centrum der Cornea hineinragende Trübung (die sogenannte Sclero- 
sirung der Cornea) zurückbleiben, jedoch an und für sich das Sehver- 
mögen nicht beeinträchtigen. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Krankheit kommt im Allge- 
meinen eben nicht häufig vor. In der Art, wie sie eben geschildert wurde, 
erscheint sie nur bei scrofulösen (tuberculösen) Individuen. 

*) Fr. Järjrr (in Rohm's Dissertation de scrofuloseos ad oculum formis, Vindobouae 1838) erinnert an die Ähnlich- 
keit der Trübungen, welche der Randtheil df-r Cornea nach Rückgang der GfTjSseinsjjntzun^ zeigt, mit dem aus 
Fibrillen zusammengesetzten Barte einer Schreibfeder ; man sieht, wie das Exsudat längs der Wandungen der. Ge- 
fäschen ahselagert wurde. 



188 Hornhaut. 

Sie erscheint am häufigsten um die Jahre der Pubertät, selten vor 
dem 12., selten nach dem 25. Jahre; niemals sah ich sie vor dem 6. 
Jahre auftreten; bei Weibern sah ich sie bei Annäherung der klimakte- 
rischen Jahre wiederkehren, wo sie um die Zeit der Pubertät schon vor- 
handen gewesen war. 

Die davon befallenen Individuen, wenn sie nicht, wie in der Regel, 
deutliche Zeichen der Scrofulosis an sich tragen, sind im Allgemeinen 
schlecht genährt, haben eine schlaffe Musculatur, blasse, spröde und 
trockene Haut, und leiden an habitueller Trägheit der Leibesöffnung. Bei 
weiblichen Individuen sind gewöhnlich Störungen der Menstruation vor- 
handen. — Zur Section habe ich bisher nur ein Individuum bekommen, 
welches unzweifelhaft diese Form gehabt hatte ; die Untersuchung der 
Lungen wies Tuberculosis nach. 

Diese Krankheit befällt ihre Individuen bald ohne wahrnehmbare äus- 
sere Veranlassung, bald nach dieser oder nach jener Schädlichkeit, wofür 
u. A. in Fischer' s klin. Unterrichte S. 307 — 321 die lehrreichsten Beispiele 
angeführt sind. Beinahe oder völlig schon beseitigt, kehrt sie bald auf 
demselben, bald auf dem andern Auge wieder. Meistens befällt sie beide 
Augen kurz nach einander, selten eins im Knaben-, das andere erst im 
Mannesalter u. s. w. — Unter den sogenannten äussern Veranlassungen 
nehmen jene den ersten Platz ein, welche das Auge mehr indirect treffen ; 
wir müssten in dieser Beziehung nur die beim Trachom erörterten Mo- 
mente wiederholen. 

Prognosis. Diese ergibt sich im Allgemeinen aus der Würdigung 
der örtlichen Erscheinungen, mit Berücksichtigung dessen, was über den 
Verlauf, die Ausgänge und die ätiologischen Momente gesagt wurde. — 
Fälle mit vorwaltender Gefässeinspritzung nehmen im Allgemeinen einen 
minder schleppenden Verlauf. — Fälle, die um die Zeit der Pubertät oder 
später auftreten, sind im Allgemeinen hartnäckiger, als die im Knabenalter. 
— Nach eingetretener Schwangerschaft sah ich das Leiden von selbst zu- 
rückgehen, nachdem es Monate-lang der arzneilichen und diätetischen Be- 
handlung widerstanden hatte. — Gleichzeitige Affection der Iris oder Sclera 
lässt rücksichtlich der Cornea unheilbare Trübung befürchten. 

Behandlung. Das Leiden ist in zweifacher Beziehung aufzufassen, 
als Entzündung mit mehr weniger heftigen Reactionserscheinungen, und 
als Ausdruck eines im ganzen Organismus haftenden Übels. 

Bei starkem Blutandrange zum Auge, Schinerzen, Lichtscheu und 
Thränenflnss beginne man die Behandlung mit einer örtlichen Blutent- 
ziehimg an der Schläfe oder hinter dem Ohre und mit einem kühlenden 



Entzündung — scrofulöse — Therapie. 189 

Abführmittel. Den bereits \on Makenzie empfohlenen Tart. stibiatus, be- 
sonders in Verbindung mit Glaubersalz fand ich unter solchen Umständen 
auch hier besonders nützlich. Die antiphlogistische Behandlung ist zu 
wiederholen, so oft die Zeichen stärkeren Blutandranges neuerdings auf- 
treten ; nur vergesse man nicht, dass derlei Individuen die schwächende 
Behandlung nicht in dem Grade wie Andere vertragen, und die mehr 
chronische Affection vehement eingreifende Mittel gar nicht erfordert. 
Nur bei reichlichem Exsudate, wo Gefahr bleibender Trübung oder ab- 
normer Wölbung der Cornea droht, mag man Calomel oder Sublimat mit 
Opium bis zu den Vorboten der Affection des Zahnfleisches reichen : je 
schlechter das Individuum aussieht, und insbesondere bei Frauenzimmern 
mit Menstruationsanomalien, hüte man sich vor innerlichem Mercurialge- 
brauch. Diese fordern im Gegentheile Mittel aus der Reihe der sogenann- 
ten Solventia und Tunica. Die Präparate von China, namentlich Extractum 
frig. par., und Sulfas chinini, yon Ferrum, besonders Carbonas, Tartras und 
Melas ferri mit Rheum, Extractum conii macul., bei Menstruationsanomalien 
mit Aloe, Mirrha, Frond. sabinae u. dgl. verbunden, können in dieser Be- 
ziehung als wahre Antiphlogistica betrachtet werden. Bei altern Individuen 
sind vorzüglich Solventia angezeigt, namentlich Mineralwässer: Kreuz- 
brunnen, Ragozi, Salzquelle, die kühlem Quellen von Karlsbad u. dgl. In 
Bezug auf die allgemeine Behandlung rnuss überhaupt auf das bei den 
Abschnitten über Conjunctivitis scrofulosa und Trachoma Gesagte zurück- 
gewiesen werden. — Örtlich werden, sobald der eigentlich exsudative 
Process nachlässt, sehr bald Stimulantia vertragen, Einträuflungen von Lau- 
danum liquidum, von Aqua Conradi, Cadmium sulfuricum; weiterhin der 
rothe Präcipitat. das Jodkali in Salbenform (letzteres besonders an die 
Stirn und Schläfen), die Elektricität. 

Der Lehrer wird aus dieser Darstellung entnehmen, dass meine Angaben, auf 
sorgfältige und vielfache Beobachtungen gestützt, im Wesentlichen mit denen von 
Flarer (in Zardas oben citirter Dissertation, welche die erste Abhandlung über diese 
Form bildet), Cheliiis (1. c. I. B. S. 187), Rosas (S. 435), Makenzie (S. 407) und 
Fischer (klin. Unterr. S. 307) übereinstimmen. Amnion (bei Wendler) hat die Formen, 
welche zu kalkartigen Trübungen führen, Keratitis phosphotica, Walther jene, welche 
bei weiblichen Individuen mit Monstruationsanomalien auftritt, Keratitis amenorrhoica 
genannt. Andere haben jene Fälle, welche mit stärkerer Gefässeinspritzung verlaufen, 
als Pannus beschrieben, mithin ganz verschiedene Processe unter einem Namen zusam- 
mengefasst. Zur Erläuterung des Ganzen mögen hier noch einige meiner Beobachtun- 
gen einen Platz finden. 

Ein Lehrergcl.ilfe von 30 Jahren wurde im Schulj;hre 1847 auf die Augenklinik 
aufgenommen, wegen einer Entzündung auf dem rechten Auge. Wir fanden rings um 
die Cornea einen gegen 1'" breiten Gefässsaum, die Stämmchen der Ciliararterien etwas 



190 Hornhaut. 

erweitert, die Cornea im obern Drittel leicht getrübt, graulich, wolkig, an der Ober- 
fläche fein gestichelt, nebstdem noch 2 grössere graue Fleckchen mit verwachsenen 
Rändern beinahe der Pupille gegenüber; das Sehvermögen getrübt, so dass er Buch- 
staben von s / 4 "' Höhe nur mühsam, von 2 //" Höhe gar nicht erkannte: Lichtscheu und 
Thränenfluss gering; die übrigen Gebilde des Auges normal. Der Kranke sah schlecht 
aus, hatte eine luride Gesichtsfarbe, trockene, spröde Haut, geringe Muskulatur. Er 
hatte das Sehvermögen des linken Auges — das weiter unten beschrieben werden soll 
— bereits durch eine Entzündung in seinem 8. Jahre verloren, lebte in dürftigen Ver- 
hältnissen, musste z. B. durch Abschreiben (in den Abendstunden bei Kerzenlicht) sich 
einen Theil seiner Lebensbedürfnisse decken, und wohnte seit einem Jahre in einer 
feuchten und kalten Stube. Schon im vorigen Winter hatte sich mehrere Male eine 
Entzündung beider Augen eingestellt, welche mit partieller Röthe und Pustelbildung 
nächst dem Cornealrande verlaufen war. Endlich war er durch eine mehrtägige Hä- 
moptoe sehr herabgekommen, und bald nachher hatte das jetzige Übel begonnen, mit 
lebhaftem Brennen im innern Winkel des rechten Auges, mit zeitweiligen flüchtigen 
Stichen, und mit Lichtscheue, welche ihn besonders in den Morgenstunden belästigte; 
in der dritten Woche dieser Krankheit begann auch das Gesicht trüb zu werden, und in 
der 6. Woche kam er zu uns mit obigem Zustande. Obwohl nun das Übel dem Grade 
nach unbedeutend erschien, so zeigte es sich äusserst hartnäckig, und fing erst dann 
an , den örtlichen Mitteln (Einträuflungen von Aqua Conradi , rother Präcipitatsalbe, 
endlich Jodkalisalbe an Stirn und Schläfe) zu weichen, als der Kranke beim Gebrauche 
des Oleum jecoris aselli, bei einer nahrhaften Kost und fleissiger Bewegung im Freien 
ein auffallend besseres Aussehen bekam. Er konnte nach 10 Wochen entlassen wer- 
den, jedoch noch mit merklichen Trübungen im obern Segmente der Cornea. Im Jahre 
1850 besuchte mich derselbe wieder, sich zu zeigen, wie gut er aussehe, und wie 
ungestört er nun sein Auge brauchen könne. Die damals auch durch Percussion nach- 
weisbare Tuberculosis pulmonum scheint seitdem rückgängig geworden zu sein. — 
Das linke Auge befindet sich noch wie damals in folgendem Zustande. Es ist grösser 
als das rechte (in der Achse), birnförmig, härter anzufühlen; die Cornea ist "rings um 
verdunkelt, von oben und von unten auf beinahe 2'" Breite, in der Mitte durchsichtig 
(der durchsichtige Theil 4'" lang, 1V 2 " ; breit); der verdunkelte Theil der Cornea ist 
bläulich weiss, porzellainartig; durch den durchsichtigen Theil erkennt man die etwa 
1 \l 2 '" hinter der Cornea gelegene gelbbräunliche Iris, in deren Pupille eine dünne 
Membrann ausgespannt erscheint. Die bimförmige Gestalt des Bulbus ist dadurch be- 
dingt, dass die Basis der Cornea nach vorn gerückt ist, durch Ausdehnung des vor- 
dersten Theiles der Sclera, was man auch den Einmündungsstellen der erweiterten 
vordem Ciliararterien in der Sclera beurtheilen kann. — Aus diesem Befunde ergibt 
sich, dass dieser Kranke in seinem 8. Jahre dieselbe Krankheit, Keratitis scrofulosa, 
jedoch im Verein mit Scleritis und Iritis gehabt habe — was übrigens in der Abhand- 
lung über die Krankheiten der Sclera seine volle Begründung erhalten wird — dass 
derselbe sodann von Augenentzündungen frei blieb, bis endlich missliche Verhältnisse 
neuerdings die Manifestation des Allgemeinleidens am Auge hervorriefen, erst als Con- 
junctivitis, dann als Keratitis scrofulosa. — B. Th., 26 Jahre alt, in früher Jugend 
scrofulös, später jedoch meistens gesund, kam Ende December 1847 auf die Klinik. 
Auf beiden Augen waren die Augenlidränder leicht geröthet und geschwellt, die untern 
gegen den äussern Winkel exeoriirt, die Conjuncliva im Tarsaltheile netzförmig injicirt, 



Entzündung — scrofulüse — Therapie. 191 

im Übergangstheile etwas gelockert, im Scleraltheile normal. Unter letzterem sieht 
man am linken Ange die stark injicirten, dunkelrothen, vordem Ciliargefässe gegen die 
Cornea hin verlaufen, und rings um diese dann einen l'/o'" breiten rosenrothen Saum 
bilden. Oben und unten an der Cornea- erscheint der Linibus conjunctivae stark injicirt, 
etwas geschwellt und gelockert, grauroth (durch Exsudat und äusserst zahlreiche Ge- 
fässchen); die unter dem Limbus verlaufenden (oberflächlichen) Gefässe der Cornea 
siud nach oben und aussen so gedrängt, dass sie dem freien Auge als ein blutrother 
Meniscus erscheinen ; einzelne Gefässchen ziehen in der Oberfläche der Cornea gegen 
deren Mitte hin. Die Cornea ist (mit Ausnahme des 4. Theiles nach innen und unten) 
durchaus wollkig getrübt, lichtgrau, aufgelockert, fein punktirt, nach oben und aussen 
auch etwas prominent (geschwellt?); durch den nach innen und unten befindlichen 
durchsichtigen Theil der Cornea kann man sich überzeugen, dass die Iris nicht mit- 
leidet. Geringe Schmerzen, geringe Lichtscheu, massiger Thränenfluss , bedeutende 
Störung des Sehens. Die Kranke schreibt dieses Übel, welches vor 4 Wochen be- 
gonnen, dem Unistande zu, dass sie vor 8 Wochen eine feuchte Wohnung bezogen, in 
welcher sie sich auch sonst unwohl . wenn nicht gerade krank befand. Sie sieht 
blass und etwas gedunsen aus, zeigt eine dicke Oberlippe, breite Nasenflügel, schlaffe 
Muskulatur. Das Augenleiden begann mit drückenden Schmerzen im linken Auge, wozu 
sich später Röthe des Weissen und Thränen gesellten ; nachdem diese Erscheinungen, 
welche immer des Morgens bis gegen die 9. Stunde heftiger gewesen, allmälig zuge- 
nommen hatten, bemerkte die Kranke zu Ende der 3. Woche, dass sie wenig sah, und 
suchte desshalb ärztliche Hilfe. Wir legten 8 Blutegel an die linke Schläfe, liessen 
alle 3 Stunden Ung. Cinereum an die Stirn und Schläfe aufstreichen, verabreichten ein 
Decoct. graminis mit kali tartr., tinct. rhei und malago gram., und erlaubten eine leichte 
Fleischkost. Nach einigen Tagen mussten abermals Blutegel gesetzt und ein infus, 
sennae gegeben Averden. Hierauf ordinirten wir Pulver aus l / 3 Gran Calomel, l / 4 Gran 
Digitalis (pulv. fol.) und 2 / 3 Gran Extr. conii macul. mit Magnesia, und entliessen die 
Kranke über dringendes Verlangen in bedeutend gebessertem Zustande, jedoch mit 
noch ziemlich starken Hornhauttrübungen. — Ein Zufall liess mich dieselbe etwa '/ 2 
Jahr später wieder sehen; ich erkannte sie nicht sogleich: sie hatte, da sie nun in 
bessern Verhältnissen lebte, ein blühend gesundes Aussehen erlangt, und sah ganz gut; 
nur eine ganz kleine maculöse Trübung der Cornea nach oben und aussen, und einige 
schiefergraue Punkte in der Sclera (etwa 1 1 / % " von der Cornea weg) liessen mich das 
vorangegangeue Leiden noch erkennen. — Kr. F., 8 Jahre alt, kam am 17. Jäner 1848 
auf die Klinik. Links die Conjunctiva im Tarsaltheile netzförmig injicirt, sonst normal ; 
die Cornea in ihrer ganzen Ausdehnung durch weisslich graue, wolkige Flecke ge- 
trübt, normal glänzend, normal gewölbt; man sieht die Pupille durchscheinen; die 
Ciliargefässe sind noch etwas ausgedehnt. Rechts sind die Lidränder leicht ödematös, 
die Conjunctiva tarsi netzförmig injicirt; die Conjunctiva bulbi zeigt nach innen und 
oben 3. nach unten und aussen 2 stärker injicirte , scharlachrothe, verschiebbare Ge- 
fässe; unter derselben sieht man eine Menge bläulich rother Gefässe von den Muse, 
rectis aus der Tiefe kommend, die sich gegen die Cornea hin verzweigen, und einen 
etwa 1 i / 2 '" breiten, rosenrothen Saum bilden. In der Mitte der Cornea ein gelblich 
weisser, unregelmässijrer und nicht scharf begrenzter Fleck, gegen 2'" im Durchmesser, 
die Cornea daselbst undurchsichtig, matt, gelockert, etwas prominirend (bei der Seiten- 
ansicht deutlich erkennbar) ; der peripherische Theil der Cornea, mit Ausnahme einer 



192 Hornhaut. 

Stelle nach innen und oben blntroth, wie von ausgetretenem Blute durchsetzt; die 
genauere Besichtigung zeigt, dass diese Färbung durch eine Menge feiner, dicht neben 
einander liegender Gefässchen bedingt ist, welche vom Rande der Cornea sich in deren 
Substanz gegen die Mitte hin verzweigen. Die Schmerzen nicht bedeutend, Morgens 
und Abends stärker; die Lichtscheu heftig, das Sehvermögen besonders auf dem rech- 
ten Auge sehr getrübt. — Der Kranke ist körperlich wenig entwickelt, schlecht genährt, 
von torpid-scrofulösem Habitus. Das Augenleiden begann vor 10 Wochen (Anfang 
November 1847) links mit Schmerzen, Lichtscheu, Thränenfluss und allmäligem Trüb- 
sehen; 14 Tage später erkrankte das rechte Auge unter denselben Zufällen. Ein Arzt 
hatte ein Vesicans an die Schläfe, später an den Nacken, und ein Augenwasser ver- 
ordnet; nach Anwendung des letzteren soll sich das Leiden auffallend verschlimmert 
haben. — ■ Wir ordinirten Einreibungen von Ung. cinereum an die Stirn und Schläfen, 
Pulver wie im vorigen Falle, leichte Fleischkost, Nach eiuigen Tagen minderte sich 
die Röthe der Sclera, das Exsudat in der Cornea wurde jedoch mehr von Gefässen 
eingeengt ; statt jener Pulver gaben wir tart. stib. d. refr., und gingen Anfang Februar 
zu einem Decoct. graminis mit Syr. eich. c. rheo, Ende Februar zum Jodkali (1 Dr. 
in 6 Unzen, täglich 2 Esslöffel) über. Allmälig begann die Aufhellung der Cornea unter 
Abnahme der Gefässe daselbst von der Peripherie her, was wir (vom 26. Februar an) 
durch Einreibungen einer Jodkalisalbe an die Stirn und Schläfe (5 — 7 Gran auf 1 Dr.) 
zu befördern suchten. Mitte März war die Peripherie der Hornhäute fast ganz rein, 
die Centra zeigten jedoch weissliche, kalkige Trübungen. Auch diese nahmen allmälig 
ab, und waren zur Zeit der Entlassung, welche den 18. Mai geschehen musste, bis 
auf ganz kleine, das Gesicht wenig störende Fleckchen geschwunden. 

2. Rheumatische Hornhautentzündung^ Keratitis rheumatica. 

Soll V er kältung am Auge eine Entzünduno; der Hornhaut erregen 
— denn nur diess wollen wir durch den Beisatz „rheumatica" bezeichnet 
wissen — so muss sie schon heftiger eingewirkt haben, und eben desshalb 
erscheint die Cornea selten ganz allein ergriffen. Es leidet fast immer 
die Conjunctiva, insbesondere aber die Tunica vaginalis bulbi ; bei höheren 
Graden auch der vorderste Theil der Sclera, und noch häufiger die 
Iris mit. 

Diess gibt uns Aufschluss, warum die Beschreibung dieser Form bei den ver- 
schiedenen Auetoren unter verschiedenen Namen (rheumatische, rheumatisch-katarrha- 
lische oder katarrhalisch-rheumatische) Ophthalmie zu suchen ist, und warum dieselben 
von der Affeclion der Cornea oder der Iris nur nebenbei und als von etwas Accesso- 
rischem Erwähnung thun. Häufig sind wohl auch Fälle von acutem Auftreten des Tra- 
chöma und von Keratitis scrofulosa, wenn sie gerade mit Lichtscheu, Thränenfluss und 
reissenden oder stechenden -Schmerzen höheren Grades verliefen, für Keratitis rheuma- 
tica oder Ophthalmia catarrhalis-rheumatica genommen worden, wie sich diess z. B. in 
den Schriften von Fischer, Sichel u. A. nachweisen lässt. Ich behielt aber den Aus- 
druck „rheumatisch" bei, weil man ihn einmal für Krankheiten, die durch Verkältung 
entstehen, angenommen hat, und weil diese Ophthalmie mit jenen Affectionen andere 



Entzündung — rheumatische — Symptome. 193 

Oreane. die man rheumatische nennt, in Bezug auf Symptome, Verlauf, Ausgänge und 
Therapie die grösste Ähnlichkeit zeigt. 

Die hielier gehörigen Fälle zerfallen ohne Zwang in zwei Reihen 
oder Formen, die sich zu einander ohngefähr so verhalten, wie Katarrh 
und Blennorrhoe; eine strenge Sonderung ist nicht möglich. Zum An- 
haltspunkte dient das Exsudat, welches bei der einen Form vorwaltend 
serös oder serös-albuminös, bei der andern vorwaltend faserstoffig ist 
und zur Eiterung führt. 

Allgem. Charakter. Die durch Verkältung herbeigeführte und hie- 
durch einzig und allein (nicht gleichzeitig durch Aligemeinleiden) be- 
dingte Hornhautentzündung tritt im gelinderen Grade mit gleichmässig 
verbreiteter graulicher Trübung der Hornhaut, im höhern Grade mit 
Abscessbiklung in derselben auf. Gefässentwicklung in der Cornea zeigt 
sieh nie, ausser bei längerem Bestände oder nach bereits erfulgtem 
Aufbruche des Abscesses. Sie ist immer von einiger seröser Schwellung 
der 'Scleralbindehaut begleitet, so wie auch von heftigen subjectiven Er- 
scheinungen, Schmerz und Lichtscheu. Der mindere Grad gehört zu den 
leichtesten, in kurzer Zeit vollständig heilbaren Formen, da bloss vor- 
waltend seröses Exsudat ins Parenchym gesetzt wird; der höhere, mit 
eitrigem Exsudate auftretende Grad gehört zu den gefährlichsten, theils 
wegen Zerstörung der eitrig infiltrirten Hornhautpartie, theils wegen Eiter- 
senkung, theils endlich wegen der fast constant hinzutretenden Iritis mit 
reichlichem Exsudaterguss in die vordere Kammer und in die Pupille. 
Der Verlauf ist im Allgemeinen sehr acut (wenn man die Folgen der 
Eiterung nicht mit einrechnet). *) 

Symptome, a) Bei der rheumatischen Hornhautentzündung mit 
vorwaltend serösem Exsudate erscheint die Trübung über die ganze Horn- 
haut oder doch über den grössten Theil derselben ausgebreitet, fast 
durchaus gleich gesättigt, lichtgrau, halbdurchsichtig, wie ein ange- 
hauchtes Glas, die Cornea an der Oberfläche matt und eben, oder hie 
und da mit kleinen Wasserbläschen oder nach deren Berstung mit kleinen 
Facetten versehen; der Limbus conjunctivae von zahlreichen, hellrothen 
fast parallelen Gefässchen injicirt, welche sich meistens über den Cor- 

-') Die hieher gehörige« Fälle in dieser \rt auffassen!, werden wir nicht genö hig't sein, zur Erklärung iler Eigen- 
tümlichkeiten in Bezug auf Symplome and Verlauf irgend etwas Specilisches, etwa eine besondere Blutmischung 
u. dgl. zu supponiren. Die besondere Veranlassung macht, dass mit der Cornea zugleich die Conjuncliva und 
die Tunica vaginalis bulbi mit erkrankt, dass serös albuminöses oder eitriges Exsudat und zwar sehr rasch aus- 
geschieden wird, und eben hieraus resulliren Erscheinungen, welche in exquisiten Füllen so einzig in ihrer Art 
sind, dass man aus ihnen wieder auf die Ursache zurück, und auf den weitern Verlauf vorwärts schliessen kann, 
während sie in audern Fällen dagegen sehr wenig Charakteristisches zeigen. 

Arli, i. i3 



194 Hornhaut. 

nealrand hinaus verfolgen lassen, die Cornea selbst von jeder Gefässein- 
spritzung frei, dagegen von einem blass-rosenrothen Gefässsaume rings 
über dem vordem Theile der Sclera (gewöhnlich über \'" breit) umgeben, 
die Conjunctiva bulbi, wenn nicht von scharlachrothen Gefässchen durch- 
zogen, .so doch ödematös gelockert oder geschwellt. Bei dieser an- 
scheinend geringen Affection klagt der Kranke über heftige Schmerzen 
in der Umgebung des Auges, in der ganzen Kopfhälfle; er bezeichnet 
dieselben in der Regel von selbst als ziehend, reissend, aussetzend, 
Abends und in der Nacht gesteigert; ebenso pflegen Lichtscheu und 
Thränenßuss in auffallend hohem Grade vorhanden zu sein , und bei 
schneller auftretenden Fällen werden häufig auch febrile Erscheinungen 
wahrgenommen, namentlich in den ersten Tagen. Vermehrte Schleim- 
secretion der Bindehaut kommt dieser Form an und für sich nicht zu 

6) Der rheum. Hornhautentzündung mit eitrigem Exsudate gehen 
entweder die eben genannten Erscheinungen durch einige Zeit voraus, 
oder die Entzündung tritt sehr bald mit der Bildung eines Abscesses in 
der Substanz der Hornhaut auf. Man sieht dann im mittlem Theile der 
Cornea im Umfange eines Hanfkornes und darüber einen Eiterherd, diese 
Partie weissgelb, undurchsichtig, wohl auch prominirend, oder die vordem 
Blätter schon zerstört, den Abscess in ein Geschwür mit eitrig infil- 
trirtem Grunde und eben solchen Rändern verwandelt, oder endlich die 
Stelle des Abscesses grau, eingesunken , und den Eiter zwischen den 
Faserschichten der Cornea gesenkt, an der untersten Stelle in Form 
eines Mensicus oder unregelmässig begrenzten Klumpens angesammelt, 
Congeslionsabscess (Unguis, Onyx). So lange nicht bereits Resorption 
(Reinigung des Geschwüres) und Wiederersatz des Substanzverlustes be- 
gonnen hat, sieht man keine Gcfässe im Bereiche der Cornea; rings um 
die Cornea sieht man eine doppelte Gelasslage, eine tiefere, welche als 
violett roiher Saum uro die Cornea erscheint (Injection der Ciliaraterien) 
und eine oberflächliche, Scharlach- oder blutrothe, welche der Coniun- 
ctiva angehört und bis zum coneaven Rande des Limbus conjunctivae 
reicht ; die Conjunctiva ist überhaupt in ihrer ganzen Ausdehnung ge- 
lockert, geschwellt, von hoch- oder dunkelrolhen Gefässen durchzogen, 
an den Lidern gleichmässig mth und eine schleimig-eitrige Flüssigkeit 
absondernd. Fast immer erscheint auch die Cutis längs des Lidrandes 
serös geschwellt und blass- oder bläulichroth. Schmerzen, wie die bei 
a) beschriebenen, Lichtscheu und Thränenfluss sind von Anfang, zur Zeit 
der Exsudation, in sehr hohem, später oft in auffallend niedrigem Grade 



Eidzündiiug — rheumat. — Verlauf— Ausgänge— Prognosis. 195 

vorhanden. Dasselbe gilt von der Beschleunigung des Pulses, der er- 
höhten Temperatur der Cutis, und den übrigen febrilen Erscheinungen. 

Verlauf, Ausgänge, Prognose. Der Verlauf ist im Ganzen ge- 
nommen ein sehr rascher; die Krankheit hat in wenig Tagen ihren Höhe- 
punkt erreicht, und es hängt sodann von äussern Verhältnissen des (übri- 
gens gesunden) Individuums ab, ob das Auge früher oder später der 
Genesung zugeführt wird. Hat man Gelegenheit, die Krankheit im Beginn 
zu beobachten, so kann man sie noch nicht mit Bestimmtheit als Keratitis 
diagnosticiren. Durch kürzere oder längere Zeit, selbst 5 — 6 Tage, 
sieht man nämlich noch keine Trübung, im Gegentheile bisweilen sogar 
einen erhöhten Glanz der Cornea, wohl aber jene lebhafte Rosenrölhe 
über dem vordersten Theil der Sclera und jene fein in den Limbus con- 
junctivae hereinsprilzenden Gefässchen, dabei Lichtscheue, Thränenfluss und 
Schmerzen im Auge und in der entsprechenden Kopfhälfte in auffallend 
hohem Grade. Da nun nach diesem Befunde eben so gut Iritis als Kera- 
titis oder beides zugleich auftreten kann und aufzutreten pflegt, so be- 
greift man leicht, warum ältere Auetoren denselben eigens als Oph- 
thalmia rheumatica abhandelten, deren Sitz in die Sclera verlegten, und 
von Keratitis oder Iritis als etwas zufällig Hinzutretendem sprachen. 
Möglich, dass sie Fälle beobachteten, wo es nicht zur deutlichen Trübung 
der Cornea oder zu deutlichen Zeichen der Iritis kam. (Ich sah jeder- 
zeit das eine oder das andere nachkommen.) 

Die Keratitis rheumatica mit lymphatisch-serösem Exsudate gehört, 
für sich allein, nicht unter die gefährlichen Krankheiten; sie bewirkt nur 
eine leichte Trübung, welche in der Regel von selbst verschwindet, oder 
mehr weniger zahlreiche und grosse Facetten, welche gleichfalls, freilich 
oft erst nach Wochen, von selbst heilen. 

Die Hornhautentzündung mit Abscessbildung hingegen gehört zu den 
gefährlichsten Augenübeln. Sie zerstört die Faserschichten der Hornhaut 
in verschiedener Ausdehnung und Tiefe. Im günstigsten Falle bilden sich 
oberflächliche Narben, welche jedoch nur bei jugendlichen und sonst ge- 
sunden Individuen, und da nur so lange, als sie noch nicht zu fest ge- 
worden sind, eine Aufhellung durch Ersatz normaler Hornhautsubstanz 
zulassen. Der Hornhautabscess hat aber gewöhnlich auch Eitersenkung 
zwischen den Faserschichten zur Folge, und führt hiedurch nicht selten 
zu weit ausgedehnterer Zerstörung, als man befürchtet hatte. — Es ist 
ferner bekannt, dass er, wenn er in ein Geschwür übergegangen, gern 
tiefer dringt, und endlich Blosslegung und Berstung der Descemet' sehen 
Haut und deren Folgen einleitet. — Aber auch schon vor einem solchen 

13* 



196 Hornhaut. 

Durchbruche, und selbst wenn es nicht zu diesem kommt, pflegt zugleich 
die Iris in Entzündimg versetzt zu werden, sobald ein tieferer Eiterherd 
in der Hornhaut zu Stande kommt, und es erscheint dann in Folge dieser 
Iritis in der vordem Augenkammer ein gelbliches eiterähnliches Exsudat 
angesammelt — eine Erscheinung, welche man Hypopium spurium ge- 
nannt hat, weil man glaubte, diese Flüssigkeit sei Eiter, welcher in die 
vordere Kammer gelange, wenn so ein Abscess nicht nach vorn, sondern 
rückwärts in das Kammerwasser sich entleere. 

Ich konnte mich von dieser Entstehungsweise des sogenannten Hypopium niemals 
überzeugen, eben so wenig, als davon, dass der Eiter die Descemet'sche Haut rück- 
wärts drängen, und also nur scheinbar in der vordem Kammer gelagert sein sollte 
(wie Dr. Pilz meint) ; wohl aber weiss ich aus genauen Beobachtungen, dass in Fällen, 
die sich auf diese Weise hätten erklären lassen, diese Annahme durch kein Zeichen be- 
gründet werden konnte, hingegen anderweitige Zeichen offenbar auf Iritis hinweisen. — 
Eben so wenig konnte ich mich jemals von der sogenannten Eintrocknung eines Cor- 
nealabscesses überzeugen, und glaube, man habe hievon dann gesprochen, wenn der 
Eiter allmälig resolbirt worden war, und einer dichten gelblichen Narbe Platz gemacht 
hatte. — Ich betrachte diese Iritis als Folge der Keratitis , weil ich sie auch bei Blen- 
norrhoe mit tieferer Hornhauteiterung, und was noch klarer für diese Ansicht spricht, 
weil ich sie in Fällen beobachtete, wo die Hornhaut z. B. durch ein Stückchen Ätzkalk 
in Eiterung versetzt, die Iris ganz gewiss nicht verletzt worden war. 

Als erstes Zeichen der Resorption und der beginnenden Vernarbung 
sieht man gewöhnlich zahlreiche oberflächlich, und einzelne tief in der 
Cornealsubstanz verlaufende Blutgefässe auftreten , welche häufig noch 
lange fortbestehen, nachdem rings um die Cornea alle abnorme Gefäss- 
injection verschwunden ist. Die weitern Folgen dieser Hornhautabscesse 
werden wir in dem Abschnitte über die Hornhautgeschwüre näher 
erörtern. 

Vorkommen und Ursachen. Diese Krankheit kommt eben nicht 
häufig vor, wenigstens ungleich seltener, als die durch atmosphärische 
Einflüsse bedingte Conjunctivitis. Sie setzt keine besondere Disposition 
voraus, wenn man auch zugeben muss, dass Individuen, die einmal daran 
gelitten, leichter als andere wieder davon befallen werden. Wenn sie im 
Kindesalter nie, im Knabenalter selten beobachtet wird, so liegt der 
Grund wohl darin, dass Individuen dieses Alters nie oder selten den be- 
treffenden Gelegenheitsursachen ausgesetzt werden. Als Veranlassung 
bezeichnen die davon Befallenen in der Mehrzahl der Fälle Verkältung, 
namentlich schnelle Abkühlung, scharfen Wind oder Zugluft hei schwiz- 
ztiidem Kopfe. Insbesondere pflegen diese Schädlichkeiten dann zu jenem 
Zustande zu führen, wenn sie auf bereits katarrhalisch affieirte Augen 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. 197 

einwirken. Ingleichen entsteht diese Form gern, wenn auf derlei Augen 
kalte Umschläge, Augenwasser u. dgl. unzeitig und unzweckmässig an- 
gewendet werden. (Vergl. S. 13.) bei alten Leuten bedarf es im Allge- 
meinen eines weit geringeren Grades von Verkältung, diese Krankheit 
zu erregen, und bei diesen vor allen kommt es gern zur Abscessbildung. 
— Die Krankheit ergreift selten beide Augen zugleich, und wenn auch 
beide Augen ergriffen sind, so findet man das Leiden doch selten auf 
beiden Augen in gleichem Grade ausgesprochen. 
Die BehandSnng erfordert: 

1. Strenge Abhaltung der Gelegenheitsursache und ähnlich wirkender 
Potenzen, so wie alles dessen, was bei acuten Augenentzündungen über- 
berhaupt zu meiden ist, wie : grelles Licht, Anstrengung des andern Auges, 
erhitzende Getränke u. dgl. Der Kranke muss das Zimmer, wenn nicht 
selbst das Bett hüten. 

2. Antiphlogose. Ein Aderlass ist bei einfacher Keratitis nicht noth- 
wendig; Blutegel hingegen werden bei einigermassen starken Reactions- 
erscheinungen nicht leicht umgangen werden können; dasselbe gilt von 
kühlenden, salzigen Abführmitteln. 

3. Die nach hinreichender Blutentziehung noch vorhandenen Schmer- 
zen werden am besten durch trockene warme Tücher (6 — 8fach zusam- 
mengelegte Leinenservietten) um die entsprechende. Kopfhälfte (etwas über 
das Auge herabhängend) und reichliche Einreibungen von UnguenL einer- 
mit Opium (5 — 8 Grad auf 1 Dr.) an die Stirn und Schläfe gemildert. 
Das Aufstreichen dieser Salbe soll vor dem Eintritte der abendlichen 
Exacerbation geschehen 

4. Nach gebrochener Heftigkeit der entzündlichen Zufälle Diaphore- 
tica: tart. stibiatus r. d., Pulv. Doveri, infusum ipecac, spir. Minderen, 
roob sambuci. Hautreize (Kren- oder Senfteige, Kantharidenpflaster am 
Nacken) können sodann viel zur Linderung der Kopfschmerzen beitragen, 
und letztere zeigen sich namentlich zur Abstumpfung der durch längere 
Zeit zurückbleibenden Empfindlichkeit der Augen gegen Licht und scharfe 
Luft sehr erspriesslich. Bäder sind erst beim Eintreten der Reconvales- 
cenz zulässig, und besonders bei etwas mehr protrahirtem Verlaufe der 
gelindern Form (a) oder bei entschiedener Neigung zu Recidiven sehr 
wohlthätig. 

5. Ist viel Eiter zwischen den Faserschichten der Hornhaut, oder 
viel Exsudat in der Augenkammer angesammelt, so sind Brechmittel am 
geeignetsten, die Resorption zu bethätigen, falls nicht die Entzündung 
noch so heftig ist, dass fortwährend noch reichliche Exsudatioa erfolgt. 



198 Hornhaut. 

Wo jedoch die Cornea nahe daran ist zu bersten, sind Brechmittel wegen 
der dadurch herbeigeführten Anstrengung gegenangezeigt. Von Dr. 
Schmalz wurde die Polygala senega (Decoct. ex dr. jj — dr. jjj) vorge- 
schlagen; sie wirkt jedenfalls nur s^hr langsam. Mit Abführmitteln muss 
man in solchen Fällen, namentlich bei minder jugendlichen und kräftigen 
Individuen, vorsichtig sein. 

6. Die künstliche Entleerung des in der Augenkammer reichlicher 
angesammelten Exsudates durch einen gegen 3"' langen Einstich am untern 
Rande der Cornea, ist bisweilen das einzige Mittel, das Sehvermögen 
ganz oder doch zum Theil zu retten, oder doch den Kranken wenigstens 
von den wüthenden Kopfschmerzen zu befreien. 

So sehr ich früher gegen diesen Eingriff war, so haben mich einige eclatante 
Erfolge nun von der Vortrefflichkeit desselben überzeugt; nur darf man, sobald das 
Exsudat mehr als l / 3 der vordem Augenkammer ausfüllt, und den unter 5) angeführten 
Mitteln nicht in 2 — 3 Tagen zu weichen beginnt, nicht lange damit zögern, und muss 
die völlige Entleerung dadurch vermittelt werden, dass man entweder beim Herausziehen 
des lanzenförmigen Messers oder nachträglich die Wunde gehörig klaffen macht. 

7. Mercurialmittel sind behufs der Resorption innerlich nicht anzu- 
wenden, bei a nicht nothwendig, bei b leicht schädlich. Örtlich dagegen, 
an die Stirn und Schläfe erweisen sich Einreibungen von Ung. cinereum 
allein oder mit Opium oder Hyosciamus selbst während des exsudativen 
Processes als sehr willkommene Mittel zur Unterstützung der Cur. 

8. Die fernere Behandlung des Abscesses oder Geschwüres der 
Hornhaut folgt in dem Abschnitte über „Hornhautgeschwüre und Horn- 
hauttrübungen." 

9. Alle Mittel aufs Auge selbst sind schädlich, so lange noch ent- 
zündliche Reizung besteht und frische Exsudation geschieht; den Über- 
gang zu der unter 8 angedeuteten Behandlung macht man am besten mit 
Einträuflungen von verdünnter Tinctura opii crocata, oder von Lapislösung. 

Postmeister W., circa 50 Jahre alt, von sehr gesundem und kräftigen Aussehen, 
kam Ende Juni zu mir mit einer Entzündung des linken Auges. Der Rand des obern 
Lides war etwas ödematös angelaufen, die Conjunctiva palpebr. dicht netzförmig inji- 
cirt, die Conjunctiva bulbi von ziemlich zahlreichen, leicht verschiebbaren, hochrothen 
Gefässchen durchzogen, die vorderen Ciliararterien stark injicirt; rings um die Cornea 
einen gegen 2 Linien breiten, bläulichrothen Saum bildend, die Cornea und die Iris voll- 
kommen normal, das Sehen ungetrübt, der Kranke nur durch Lichtscheu und Thränen, 
vorzüglich aber durch heftige, reissende Schmerzen in der Umgebung des Auges be- 
lästigt ; im innern Winkel war ein Klümpchen gelblichen Secretes angelagert. Der 
Mann war sehr ängstlich, weil er bereits vor 2 Jahren auch eine Augenentzündung 
mit ähnlichen Erscheinungen gehabt, lange damit zugebracht, und doch noch einen 
bedeutenden Fleck fetwa eine linsengrosse. halbdurchsichtige Narbe) fast mitten auf 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. J99 

der Cornea davongetragen hatte; er war um so mehr besorgt, weil er schon zu ver- 
schiedenen Malen an Gichtanfällen gelitten hatte. Dieses letztere Leiden hatte ihn be- 
stimmt nach Karlsbad zu gehen, und dort hatte ihn eben, als er mit der Cur ziemlich zu 
Ende war, die Augenentzündung befallen. Wenn ich nun auch seine Furcht in Bezug 
auf eine gichtische Affection des Auges nicht theilte , so konnte ich mich bei mir selbst 
doch nicht ganz beruhigen , weil ich nicht recht wusste, was jene starke Rosenröthe 
und die heftigen Schmerzen eigentlich bedeuten sollten. Hatte gleich die Krankheit 
mit den gewöhnlichen Erscheinungen einer Conjunctivitis catarrhalis begonnen, so war 
sie diess gegenwärtig offenbar nicht mehr. Ich hielt daher den Kranken streng im 
Zimmer, bei temperirtem Lichte, etwas restringirter Kost und völliger Ruhe, und ordi- 
nirte ein trockenes, gewärmtes Leintüchel über die entsprechende Kopfhälfte, und ein 
leichtes, kühlendes Abführmittel, nach 2 Tagen Einreibungen von Ung. cinereum mit 
Opium an die Schläfegegend, und den 3. Tag Kren (Meerrettig) mit Mehl und warmem 
Essig gemischt, handtellergross zwischen die Schulterblätter. Nachdem hierauf jene 
Zufälle merklich abgenommen, stellte sich den 6. Tag eine leichte Trübung der Cornea 
ein. wie wenn man ein Glas angehaucht hätte, und hiemit leichtes Trübsehen. Beides 
verlor sich nach 4 Tagen, und der Kranke war somit den 10. Tag der Behandlung 
reconvalescent. Jetzt verdiente wohl auch die Angabe des Kranken, dass er sich sein 
Übel durch die nächtliche Reise von Karlsbad hieher verschlimmert habe, mehr Berück- 
sichtigung, als ich ihr Anfangs zu schenken geneigt gewesen war. 

Ein Bäckergesell von 46 Jahren und gesundem Aussehen kam am 12. Mai 1850 
auf die Klinik. Beide Augen werden wegen Empfindlichkeit gegen das Licht nur halb 
geöffnet; gegen den äussern Winkel hin leichte Excoriationen, im innern Winkel etwas 
Schleim. — Am rechten Ange die Conjunctiva palp. netzförmig blass geröthet, leicht 
geschwellt, die Meibom'schen Drüsen undeutlich durchscheinend; der Übergangstheil 
blassroth, wulstig, mit einigen Schleimfäden belegt; die Conjunctiva bulbi von sehr 
sparsamen und wenig ausgedehnten Gefässen durchzogen, serös iniiltrit, leicht in 
Falten verschiebbar. Die Cornea zeigt beinahe in der Mitte zwei etwa hirsekorngrosse, 
an der Oberfläche glatte und glänzende Flecke (Narben nach einer Entzündung im 5. 
Lebensjahre). Des Morgens sind die Lider verklebt ; sonst ist dieses Auge normal. 
(Conjunctivitis catarrhalis — maculae corneae.) — Auf dem linken Auge bietet die 
Conjunctiva palp. dieselben Erscheinungen dar; die Conjunctiva bulbi ist von zahlrei- 
chen hochrothen Gefässen durchsetzt, bedeutend serös geschwellt ; die Cornea beinahe 
durchaus leicht getrübt, graulich matt, minder glänzend, etwa 2'" vom äussern Rande 
einwärts mit einem seichten graulichen Grübchen versehen; der Limbus conjunctivae 
ringsum fein injicirl, auf dem vordem Theile der Sclera ein rospnrother Gürtel. Das 
Sehvermögen bedeutend getrübt; Lichtscheu und Thränenfluss heftiger, als rechts, 
nebstdem drückende und reissende Schinerzen im Auge und dessen Umgebung. — Der 
Kranke soll in seinem 5. Jahre eine Augenentzündung mit heftiger Lichtscheu über- 
standen, und nach mehrmonatlicher Dauer einen Fleck auf dem rechten Auge behalten 
haben. Vor 10 Tagen bekam er drückende und brennende Schmerzen in beiden Au- 
gen, welche roth wurden, das Licht nicht gut vertrugen, und des Morgens verklebt 
waren. Zur Linderung wandte er kalte Umschläge an, wobei sich das Übel jedoch 
steigerte, und Trübung des Gesichtes (auf dem linken Auge) auftrat. — Wir setzten 
S Blutegel vor das linke Ohr und verabreichten '/ 2 Gran Tart. stib. in 6 Unzen Eibisch- 
decoct bei übrigens gehörigem Verhalten. Es erfolgte keine Erleichterung; wir setzten 



200 Hornhaut. 

zu derselben Medicin eine halbe Uuze Glaubersalz, und Hessen Ung. einer, mit Opium 
(6 Gran auf eine Drachme) an die Umgebung aufstreichen. Schon den |5. Tag der Be- 
handlung war die Gefässinjection sehr gering, das Cornealgeschwürchen ganz rein, die 
katarrhalischen Symptome ganz gewichen, und der Kranke genas binnen 12 Tagen bis auf 
eine leichte Facette der Cornea, deren Heilung der Kranke nicht abwartete. 

Ein 38 Jahre alter, rüstig gebauter und gut genährter Müllerbursch , welcher 
früher nie krank gewesen zu sein versichert, erkrankte den 20. November 1849 auf 
dem rechten Auge , angeblich in Folge von Zugluft bei schwitzendem Körper. Er 
bemerkte des Morgens leichten Schmerz und bedeutende Röthe dieses Auges ; da der 
Schmerz bald sehr heftig wurde, ging er in's Spital der Barmherzigen, wo man ihm 
bloss eiskaltes Wasser überschlug. Da er nebst Steigerung der übrigen Zufälle endlich 
auch Abnahme des Gesichtes bemerkte, kam er den 2. December auf die Klinik. — 
Hier fanden wir: die Lider normal, nur rechts die Hautvenen etwas ausgedehnt, die 
Conjunctiva im Tarsal- und Übergangstheile netzförmig injicirt, stark gelockert (die 
Meibom'schen Drüsen wenig durchscheinend), die Conjunctiva bulbi besonders in der 
untern Hälfte stark injicirt, serös infiltrirt, den Limbus conjunctivae ringsum von zahl- 
reichen Gefässen eingespritzt und . etwas geschwellt , den vordem Theil der Sclera 
violettroth, die Cornea getrübt und gelockert, wie mit Nadeln gestochen. Unterhalb 
der Mitte der Cornea sieht man einen hanfkorngrossen Substanzverlust, an welchen 
nach oben und aussen eine etwas seichtere , jedoch breitere Vertiefung der Cornea 
stösst. Während man durch die obere Hälfte der Cornea noch die Iris und die Pupille 
wahrnehmen kann, erscheint die untere Hälfte überdiess durch ein gelblich graues Ex- 
sudat getrübt. Die Iris ist entfärbt, gelblich röthlich , von der Pupille nur die Hälfte- 
sichtbar, die untere Hälfte der Augenkammer mit einer eiterähnlichen Materie angefüllt. 
Die Lichtempfindung undeutlich, kein Schmerz, geringe Lichtscheu, massige Thränen- 
secretion mit etwas Schleim. — Wir stellten die Prognosis zweifelhaft und ordinirten 
ein Emeticum und Ung. cinereum an die Stirn und Schläfe. Da sich keine Besserung 
zeigte, öffnete ich am 4. December die vordere Kammer durch einen gegen 3'" langen 
Einstich knapp am untern Rande der Cornea. Gleich nach der Operation entleerte sich 
nur wenig von der Flüssigkeit, und wie es schien, grösstenteils nur der zwischen 
den Faserschichten der Cornea angesammelte Theil, denn die Cornea wurde daselbst 
sogleich durchscheinend, und das Exsudat in der vordem Kammer verlor nicht seine 
convexe Oberfläche. Am 5. December jedoch war beinahe alles Exsudat bis auf eine 
geringe Spur au-; der vordem Kammer verschwunden, und nur eine Art Pfropf in der 
Pupille zurück, welcher diese ausfüllte. Die Cornea war auffallend reiner, bis auf die 
Stelle des tiefern Geschwüres, dessen Grund und Ränder noch getrübt erschienen. Der 
heftige Schmerz, der bisher jede Nacht eingetreten war, war die letzte Nacht ausge- 
blieben , die Lichtempfindung deutlicher geworden. Den 6. December. Der obere und 
äussere Theil des Pupillenrandes hat sich von dem geschrumpften und weniger gelb 
aussehenden Exsudate zurückgezogen; der Kranke kann die Zahl der vorgehaltenen 
Finger richtig angeben. Die Injection der Ciliargefässe ist noch bedeutend, von neuer 
Exsudation jedoch nirgends eine Spur vorhanden. Einreibungen von Ung. einer, wie 
früher, trockene, wanne Tücher über das Auge leicht herabhängend, innerlich Decoct. 
graminis mit '/^ Unze Kali tart. und Melago graminis. Den 7. December. Die obere 
Hälfte <ltr Cornea normal; man sieht die untere Hälfte der Iris mit einem leichten 
Grau belegt, den kleinen Kreis dunkler gefärbt. Vom 8. December an wurde folgende 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. 20t 

Mixtur verordnet: Decocti rad. polyg. senegae ex dr. jj. unc. V, Kali tart., mucil. gummi 
arab. et melag. gramin. a*a unc. ß. Alle 3 Stundqn 2 Esslöffel. Von nun an nahm die 
Injection allmälig so ab, dass wir am 17. December bereits Laud. liq. Sydenh. einträu- 
feln konnten. Wir Hessen nun den Kranken ohne Medicin, verabreichten ihm nahr- 
haftere Kost, und Hessen ihn herumgehen. Den 29. December. Die Injection der Con- 
jnnctival- und Ciliargcfässe sehr gering, das Hornhautgeschwür flach, ohne Gefässe, 
leicht getrübt, die übrige Cornea rein, die Iris der Farbe nach der andern gleich. Der 
Pupillarrand nach innen und unten durch hintere Synechien fixirt, nach oben und 
aussen mit Einträuflungen von Belladonna stark zurückweichend. Einträuflungen einer 
schwachen Lösuug von Lapis infernalis. — Zustand bei der Entlassung am 11. Jäner- 
Der Kranke erkennt mit diesem Auge nicht nur grössere Gegenstände, sondern auch 
die Zeiger einer kleinen Taschenuhr, er kann selbst Druckschrift von V" Höhe lesen, 
wenn die Pupille durch Belladonna erweitert wird. Die Iris ist nämlich in 2 /s ihres ' 
Umfanges (nach innen und unten) fixirt, durch graubraune Fäden, welche von ihr zu 
ei nein inohnkorngrossen Exsudate auf der Kapsel verlaufen. Die Cornea zeigt an der 
Stelle des Geschwüres eine seichte, durchscheinende, noch nicht ausgeglättete Vertie- 
fung, welche ringsum von einer sich allmälig verwischenden, bläulich grauen Trübung 
umgeben wird. Die Stelle des Einstiches ist nur undeutlich erkennbar. Man sieht 
nirgends Gefässe in der Cornea; der Zustand des Bulbus ist im Allgemeinen durchaus 
nicht gereizt. 

Ein Fiacre von 54 Jahren , dem Branntweintrunke ergeben, früher angeblich nie- 
mals krank, bemerkte den vorletzten December 1848 drückende Schmerzen in den 
Augen und etwas Röthe derselben. Am Sylvesterabend musste er bei heftig entgegen 
wehendem kaltem Kordostwinde vor die Stadt fahren (nach Karolinenthal). Der Wind 
traf vorzüglich das linke Auge, er konnte dasselbe vor Schmerz nicht offen halten* 
von Zeit zu Zeit entleerte sich ein Strom von Thränen. Als er spät in der Nacht nach 
Hause kam. bemerkte er, dass ihm zwar nicht, wie er geglaubt hatte, etwas ins Auge 
gefallen, dasselbe jedoch geröthet sei. Er band es daher mit einem Tuche zu und 
legte sich nieder, konnte jedoch vor heftigen Schmerzen nicht schlafen. Trotzdem sass 
er am Neujahrstage wieder auf dem Bocke, musste jedoch, da die Schmerzen und die 
Lichtscheu unerträglich wurden, die folgenden 3 Tage zu Hause, theils im Stalle, theils 
in der Stube zubringen , und am 4. Jäner Abends ins Spital gehen. Wir fanden am 
5. Jäner das linke obere Augenlid leicht ödematös geschwollen, an den Cilien und im 
äussern Winkel einen weissiiehen Schaum, ziemlich reichlichen Thränenfluss, starke 
Lichtscheu. Die Conjunctiva bulbi stark netzförmig injicirt, leicht verschiebbar; dar- 
unter die Ciliargefässe blauroth, rings um die Cornea einen violettrothen Gürtel bil- 
dend, bis in den Limbus conjunctivae eingespritzt. Die Cornea nur in der Mitte deut- 
lich getrübt, mitten in der trüben Stelle des Epitheliums verlustig (wie abgeschliffen). 
Die Iris leicht entfärbt, minder lebhaft beweglich, die Pupille enger, doch ohne Ex- 
sudat. Umflortes Sehen, Lichtscheu, Thränenfluss, über Tag zeitweilig-, in der Kacht 
anhaltend -stechende Schmerzen, welche sich über die entsprechende Kopfhälfte aus- 
breiten. Der Puls etwas beschleunigt, die Temperatur der Haut erhöht, die übrigen 
Functionen ungestört. Nebst entsprechender Regulirung der Diät und des Lichtes: 
Ruhe im Bett, 10 Blutegel an die linke Schläfe, Einreibungen von Ung. einer, mit 
e\tr. opii aquos.. darüber trockene warme Tücher , und infus, sennae cum sale Glaub. 
Den 6. Jänner. Das Geschwür auf der Cornea grösser, die Iris mehr beweglich, die 



202 Hornhaut. 

Pupille gleich contrahirt; die übrigen Erscheinungen unverändert. Den 7. Jäner. Die 
Schmerzen in der Nacht geringer, ebenso die Injection der Scleralbindehaut. Das Ab- 
führmittel bleibt weg. Vom 8. bis 14. Jäner keine merkliche Veränderung am Auge; 
Abnahme des Appetites. Den 15. Jäner. In der Nacht geringere Schmerzen, wenig 
Schlaf, über Tag nur Gefühl von Druck im Auge; die Conjunctiva bulbi gegen den 
äussern Winkel hin stärker serös infiltrirt, das Cornealgeschwür tiefer, breiter und 
trüber, die Ins in ihrer Bewegung freier. Infus, sennae c. sale Glaub., Ung. einer, c. 
opio. Den 17. Jäner. Diarrhöe. Ein lauwarmes Bad. Den 18. Jäner. Im untern 
Umfange der Cornea erscheint eine Eitersenkung, mit horizontaler Begrenzung nach 
oben; wie der Kranke seine Lage wechselt, ändert sich bald auch die Lage dieser 
Flüssigkeit. Fortdauer der Diarrhöe. Ein warmes Bad. Den 19. Jäner. Im Bade war 
der Kranke ohnmächtig geworden, hierauf ein reichlicher Schweiss am ganzen Körper 
ausgebrochen. Der Kranke versichert, die erste Nacht gut geschlafen zu haben. Als er 
des Morgens aufstehen wollte, empfand er einen stechenden Schmerz im linken Kniegelenke, 
so dass er nicht gehen konnte. Das Auge fanden wir bedeutend besser, die Röthe der 
Conjunctiva und Sclera geringer, das Geschwür reiner, den Onyx jedoch unverändert. 
Das Kniegelenk war leicht geschwollen, besonders über dem untern Ende des innern Con- 
dylus femoris, bei Berührung schmerzhaft. Die Diarrhöe hat aufgehört. Blutegel an 
diese schmerzhafte Stelle, Einreibungen von Ung. cinereum, Umhüllung mit Cumpressen. 
Den 20. Jäner. Die Geschwulst am Knie grösser, jede Bewegung unmöglich. Abermals 
8 Blutegel an die äussere Seite, und Einwicklung in Werg. Den 22. Jäner. -Der Onyx 
ist breiter geworden, das Geschwür länger und tiefer, sein Grund ziemlich rein. Der 
Eiter zwischen den Hornhautfasern stellt einen Halbmond dar, und nimmt die innere 
Partie ein, da der Kranke nur auf der rechten Seite liegen kann ; dass aber der Eiter 
wirklich nur in der Cornea sich befinde, lässt sich bei Besichtigung der vordem Kam- 
mer von oben und aussen her erkennen. Das Exsudat in der Kniegelenkskapsel ver- 
mindert, aber der ganze Unterschenkel bis zum Fussriicken geschwollen, an letzterem 
ödematös, an der Wade geröthet und derb anzufühlen. Der Puls beschleunigt, voll, 
die Zunge trocken, belegt, der Durst erhöht, Aufstossen, nach reichlicherem Trinken selbst 
Erbrechen, Meteorismus, Diarrhöe, mit vielen flüssigen Stühlen ohne Blut, ohne Schleim- 
flocken. Mixt, gummosa mit extract. opii aquos. Den 24. Jäner. Des Nachts Deliriren, 
häufige Entleerungen, oft ohne dass es der Kranke meldet, dunkler, sparsamer Urin ; 
früh ein starker Schüttelfrost, und im Allgemeinen ein Krankheilsbild von Pyämie, mit 
Metastase auf die Lunge, zwei Tage später auch mit Bildung von Eiterpusteln über die 
ganze Cutis. Im Auge füllte sich die vordere Kammer mehr als zur Hälfte mit Eiter, 
die Iris wurde entfärbt, die Cornea aufgelockert und getrübt, die Conjunctiva bulbi 
stark ödematös. Der Kranke starb auf der Internabtheilung, wohin wir ihn am 
28. Jäner transferirt hatten. — Scctionsbefund, Auf der Cornea fehlt das Epithelium in 
der nächsten Umgebung des Geschwüres; dieses ist etwa 2'" lang, 1 '/ 2 '" breit, und reicht 
in der Mitte bis nahe an die Descemefsche Haut; diese selbst ist unversehrt, nirgends 
durchbrochen. In der vordem Kammer theils flüssiges, theils festes Exsudat, letzteres 
sowohl an der Iris als an der Cornea locker haftend, und unter dem Mikroskope Eiter- 
kugeln zeigend. Eine grauliche Exsudatschichte soll auch auf der Zonula Zinii gelegen 
haben *). Die Kniegelenkskapsel mit Eiter gefüllt, in der Scheide des M. gastrokuemius 

*) Ii'h war rin Zeil dieser Section erkrankt, und kann demnach nur lias mitlheilen, was mir mein Assistent adnotirl hat. 



Entzündung — traumatische — Verletzungen. 203 

namhafte Eiterablagerungen; im rechten Pleurasäcke sulziges Exsudat, entsprechend 
dem untern Lungenlappen, der sich im Zustande schlaffer Hepatisation befand. 

5. Traumatische Entzündung der Hornhaut, Keratitis traumatica. 

Von einem Zusammenfassen der hieher gehörigen Fälle unter eine 
gemeinschaftliche Schilderung kann keine Rede sein, nachdem die Ver- 
letzung der Art und dem Grade nach unendliche Verschiedenheiten dar- 
bieten kann, und somit auch die Reaction als Folge derselben schon bei 
ein und derselben Individualität sehr variiren müsste. Dennoch lassen 
sich diese Fälle ohngefähr in zwei Reihen ordnen, je nachdem die Ein- 
wirkung des fremden Körpers blosse Ausschwilzung plastischen Exsudates 
zur Wiedervereinigung der Wunde oder zum Wiederersatz der Hornhaut- 
substanz herbeiführt, oder aber Vereiterung der betroffenen und angren- 
zenden Partie. Bloss objeetiv aufgefasst, werden sich die hieher gehö- 
rigen Fälle von der Keratitis rheumatica nicht durchgehends unterscheiden 
lassen, w r enn nicht etwa die Einwirkung eines fremden Körpers an be- 
sondern Merkmalen, z. B. linearem Verlaufe der Trennung des Zusam- 
menhanges u. dgl. zu erkennen ist. Im Allgemeinen müssen demnach 
die anamnestischen Momente genau erhoben, und wo diese unglaubwürdig 
erscheinen (z. B. bei Simulanten, in gerichtlichen Fällen) der weitere 
Verlauf abgewartet werden. Die nähere Belehrung hierüber lässt sich 
erst in dem folgenden Abschnitte geben. 



II. Verletzungen der Hornhaut. 

1. Durch mechanisch wirkende Schädlichkeiten. 

a) Quetschung der Hornhaut verursacht in der Regel eine heftige 
Entzündung derselben mit Abscessbildung und deren Folgen, der fremde 
Körper mag nun in die Substanz eingedrungen (gequetschte Wunde), oder 
sogleich abgeprallt sein. 

b) Kleinere fremde Körper haften bisweilen oberflächlich an der 
Cornea, und erregen gewöhnlich so heftige Zufälle, dass der Betroffene 
so bald als möglich Hilfe sucht. Dennoch geschieht es, dass der fremde 
Körper Tage-, Wochen-lang sitzen bleibt, und erst später heftige Ent- 
zündung der Hornhaut, gewöhnlich mit Eiterbildung erregt. 

So wird ein Fall von Morgagni erzählt, wo der Flügel eines kleinen Insektes, in 
der Cornea zurückgeblieben war, und ein Geschwür erzeugte, welches augenblicklich 
besser wurde, als man die Ursache erkannt und entfernt hatte. Nach Wenzt blieb die 



204 Hornhaut. 

Hülse eines Samenkorns 4 Monate auf der Cornea eines Kindes sitzen, und wurde 
für eine Pustel gehalten. Es waren aber rings um die Cornea eine Menge varicöser 
Gefässe vorhanden , die wie die Radien eines Kreises nach allen Seiten verliefen. 
Wetizl überzeugte sich, dass die vermeintliche Pustel nichts anderes war, als die harte 
Schale eines Hirsekorns, welche auf der Cornea dergestalt sass, dass ihr scharfer Rand 
sich an die Cornea angelegt, ihre glatte, convexe Oberfläche wie eine Pustel ausge- 
sehen hatte ""')• Salomon **) beschreibt einen Fall, wo ein feines Häutchen von Hafer- 
stroh beinahe ein Jahr auf der Cornea haftete, bis er es erkannte und entfernte. 

c) Andere fremde Körper dringen in die Substanz mehr weniger 
tief ein, z. B. Funken glühenden Eisens, Stein- oder Glassplitterchen, 
Pulverkörner u. dgl. Dieselben erregen augenblicklich stärkere Injeetion 
der vordem Ciliararterien, Thränenfluss, Lichtscheu, Schmerz, seihst Au- 
genlidkrampf. Eben dieses plötzliche Auftreten der Zufälle muss den Arzt 
auf die Vermuthung eines fremden Körpers führen, wenn nicht schon die 
Aussage des Kranken ihn darauf leiten sollte. — Wird die Ursache nicht 
bald erkannt und entfernt, so dauern nicht nur jene Zufälle fort, sondern 
es kommt auch zur Ausschwitzung plastischen und noch häufiger eitrigen 
Exsudates in die angrenzende Partie oder in die ganze Hornhaut. Die 
Eiterung führt entweder einfach zur Flottmachung und Abstossung des 
fremden Körpers, oder zur Senkung des Eiters zwischen die Faser- 
schichten der Cornea, und falls sie tiefer greift, auch gern zu Iritis mit 
eitrigem Exsudat in der Augenkammer. Solche Fälle verhalten sich dann 
im Allgemeinen so wie die von Keratitis rheumat. mit Abscessbildung. 
Seltener geschieht es, dass der fremde Körper in eine Schicht plastischen 
Exsudates eingehüllt wird, fortan keine entzündlichen Zufälle erregt, 
und für immer sitzen bleibt, oder erst nach langer Zeit, wenn neuerdings 
Schädlichkeiten auf die Hornhaut einwirken, zur Entzündung mit Eiterung 
führt. Pulverkörner wachsen noch am ehesten ohne weitere Zufälle ein. 
— Wenn der fremde Körper bereits von selbst oder durch Eiterung ent- 
fernt, wenn er sehr klein oder durchsichtig, oder endlich, wenn er durch 
Exsudat und Gefässentwicklung verdeckt ist, dann kann die Diagnosis in 
Ermanglung verlässlicher Angaben von Seite des Kranken sehr schwierig, 
und oft nur mittelst Ausschliessung auf überwiegende Wahrscheinlichkeit 
gestellt werden. Hiebei ist nicht zu übersehen, das eine Verletzung des 
Auges z. B. bei scrofulösen Individuen nicht selten den ersten Anstoss zur 
Localisirung eines Allgemeinleidens abgibt, und dass bei ganz gesunden in 
Folge verkehrten Verhaltens nach einer Verletzuno; eine Hornhautent- 



*) Mnltcnzie 1. c. S 294. 
■ ro ) Atomon'« Zeitschrift, ii. S. 332. 



Verletzungen — Fremde Körper. 205 

Zündung - entstehen kann, welche nicht Folge der Verletzung; sondern von 
Verkühlung oder von Misshandlung mit allerhand widersinnigen Mitteln ist. 

Kleine Körper, die nicht zu tief eingedrungen sind, lassen sich 
meistens mit dem Spatel des Daviel'schen Löffels oder mit der convexen 
Seite einer Rosas'schen Sichelnadel absireifen; selten wird es nöthig, 
sie mit einer Staarnadel herauszugraben. Man hüte sich, die Reizung- und 
Verletzung der Cornea unnöthig- zu vermehren. — Man setze, wenn man 
keinen geeigneten Gehülfen zur Hand hat, den Kranken so, dass dessen 
Kopf eine feste Lehne finde, und das Licht so einfalle, dass es den 
Kranken möglichst wenig blendet, und das Spiegeln der Cornea die ge- 
naue Einsicht auf den betroffenen Fleck nicht hindert. Der Kranke schliesse 
mit der einen Hand das andere Auge, und werde angewiesen, mit der 
andern nicht nach der des Operateurs zu greifen. Je nachdem es be- 
quemer ist, bald mit der rechten, bald mit der linken Hand, fasst nun der 
Operateur das Instrument, und versucht die Entfernung des fremden 
Körpers, indem er mittelst des Daumens einer- und mittelst des Zeige- 
fingers andererseits die Lider auseinander zieht und leicht an den Bulbus 
andrückt. (Zieht man die Lider stark vom Bulbus ab, so wird derselbe 
sehr unruhig.) Hat man ein spitziges Instrument, so sei man auf un- 
vermuthete Bewegungen des Bulbus um so mehr gefasst, als die Gefahr 
der Verwundung der Cornea grösser ist. Der braune Beschlag-, welcher 
nach dem Eindringen von Eisenfunken zurückbleibt, soll abgekratzt werden, 
wenn es ohne Gefahr übermässiger Reizung geschehen kann. Leichter 
füllt sich das dadurch bewirkte Grübchen wieder aus, als ein solcher Be- 
schlag verschwindet. Es versieht sich, dass man dabei auf die geringe 
Dicke der Hornhaut nicht zu vergessen hat. — Den Vorschlag, Eisen- 
splitter mittelst eines starken Magnetes anzuziehen, oder mittelst gehörig 
verdünnter Essigsäure aufzulösen, wird man wohl selten in Anwendung 
zu bringen nöthig haben. 

Ist der fremde Körper tiefer eingedrungen, oder läuft er schief 
zwischen den Hornhautfasern fort, wie z. B. Holz- oder Glassplitter, dann 
hat man zu berücksichtigen, ob man ihn noch fassen kann, oder nicht. 
Darnach wird man ihn entweder mit einer Pincette fassen, oder den 
Wundkanal mit einem Staarmesser erweitern. Man hat sich weniger zu 
scheuen, eine etwas grössere Schnittwunde zu machen, als durch ver- 
gebliche Versuche den spröden Körper abzubrechen oder noch tiefer 
hineinzutreiben, oder durch Zerrung und Zerreissung die Wunde zu ver- 
grössern. Nicht gar zu fest sitzende Glassplitter lassen sich oft mittels 
eines mit Leinwand umhüllten Griffels abstreifen. 



206 Hornhaut. 

d. Wunden der Cornea, ohne Gegenwart fremder Körper, erregen 
verschiedene Zufälle, je nachdem sie rein geschnitten, oder zugleich 
gequetscht sind, wie die meisten Stich- und die Risswunden, und je nach- 
dem sie durchbohrend sind, oder nicht, ersteres mit oder ohne Verlust 
d^s Humor aqueus, mit oder ohne Vorfall der Iris. — Wunden mit 
Quetschung der Ränder oder Erschütterung der ganzrn Cornea führen 
sehr leicht zu mehr weniger ausgebreiteter Entzündung und Vereiterung. 

— Reine Schnittwunden bedingen diese Folgen nur dann, wenn sie kleine 
Lappen bilden, oder wenn die Vereinigung per primam intentionem durch 
schlechtes Verhalten gehindert wird, oder wenn das Individuum sonst 
krank ist, insbesondere, wenn es stark herabgekommen, an Lues gelitten 
und viel Merkur gebraucht, öftere Anfälle von Rothlauf gehabt hat, über- 
haupt zu Eiterung einfacher Hautwunden disponirt ist. Es versteht sich 
übrigens von selbst, dass auch die Grösse der Wunde und das unge- 
störte Anliegen der Wundränder an einander von grossem Einflüsse ist, 

— Durchdringende Hornhautwunden setzen theüweisen oder gänzlichen 
Verlust des Kammerwassers, häufig auch Vorfall der Iris und dessen wei- 
tere Folgen. Wir werden darauf in dem Abschnitte über „Hornhautge- 
schwüre" zurückkommen, und erwähnen nur in voraus, dass in Fällen 
durchdringender Hornhautwunden überhaupt ruhige Lage des Kranken die 
erste Bedingung zur Heilung ist. — Entsteht die Frage, was mit der 
vorgefallenen Iris zu geschehen habe, so muss man wissen, dass die 
Entfernung derselben aus der Hornhautöffnung nur dann wünschenswerth 
und zulässig erscheint, wenn sich letztere nachher durch Berührung der 
Wundränder völlig schliessen kann. Das Zurückgehen der Iris wird 
begünstigt: durch Abhaltung aller Muskelanstrengung, durch sanftes Hin- 
und Herstreichen mit dem Daumen über die geschlossenen Lider und 
dann rasches Öffnen der Lidspalte, durch Anwendung des Galvanismus 
nach Schindler (mittelst einer Pincette, deren einer Arm, von Silber, an 
den prulapsus, der andere, von Kupfer, an die Sclera angehalten wird), 
oder, bei mehr centralen Vorfällen durch Einträuflung von Belladonna 
Wollte man die prolabirte Iris mit dem Daviel'schen Löffel zurück- 
schieben, so müsste man wenigstens sehr vorsichtig zu Werke gehen. 
Wäre ein Theil der Iris fest eingeklemmt und nur sehr schwer oder gar 
nicht zurückschiebbar, so würde ich ihn lieber mit einer Scheere ab- 
schneiden, als reponiren oder mit Lapis infernalis ätzen. 



Verletzungen— Chemische Substanzen. 207 

2. Durch chemisch wirkende Substanzen. 

Verbrühung der Hornhaut mit siedendem Wasser bewirkt, bei leich- 
terem Grade, nur TriÜ ung und Abstossung des Epitheliums, welches sich 
unter gelinden Zufallen bald wieder ersetzt. — Verbrühung mit Mineral- 
säuren oder geschmolzenen Metallen führt in der Regel nicht nur zu 
Verwachsung des Bulbus mit den Lidern (vergl. S. 155), sondern auch 
zu unheilbarer Trübung der etwa frei gebliebenen Cornea, und zwar 
mittelst Suppuraiion oder Sphacelus. — Gerieth ungelöschter Kalk oder 
Mörtel auf die Cornea, so kann man sicher sein, dass eine heftige sup- 
purative Entzündung nachfolgt, und dass, auch wenn es nur zu ober- 
flächlicher Veischwärung kommt, eine niemals völlig aufhellbare Narbe 
zurückbleibt. Greift aber die Veischwärung etwas tiefer, so tritt Iritis und 
Hypopium hinzu. Das Anschlagen von Feuerflammen an die offenen Augen 
versetzt nicht nur die Hornhaut, sondern gewöhnlich den ganzen Bulbus 
in suppurative Entzündung. 

Rücksichtlich der Folgezustände nach den verschiedenen mechanisch- 
oder chemisch wirkenden Schädlichkeiten ist noch zu bemerken, dass, 
wenn fremde Körper nicht bei Zeiten entfernt werden, wenn die Ver- 
letzung mit einer gewissen Erschütterung erfolgte, die Wunde gerissen 
oder stark gequetscht ist, wenn nachher nicht bald entsprechende Hilfe 
geleistet wird, oder das Individuum überhaupt sehr vulnerabel ist: die 
Entzündung nicht nur die Cornea, sondern mehrere Gebilde, namentlich 
die Conjunctiva bulbi und die Iris, ja selbst die Chorioidea, den ganzen 
Bulbus ergreifen, die sogenannte Chemosis oder Panophthalmitis trauma- 
tica vorstellen !<ann. 

Chemosis nannte man jede Entzündung am Augapfel, welche mit starker Infiltra- 
tion der Conjunctiva bulbi, so dass dieselbe einen förmlichen Wall um die Cornea bil- 
dete, und mit hinzutretender Entzündung der Cornea, häufig auch der Iris verlief, und 
entschiedene Tendenz zur Vereiterung der Cornea zeigte. Nach dieser Anschauungs- 
weise war die Bindehautblenorrhöe 3. Grades so gut eine Chemosis, wie die Keratitis 
rheumatica oder traumatica mit Eiterung. — Panophthalmitis nannte man die Augen- 
entzündung dann, wenn nebst Entzündung der Cornea und Iris und der wallähnlichen 
Geschwulst der Conjunctiva auch heftigere Entzündung der Chorioidea mit plastischem 
oder eitrigem Exsudate auftrat, und wegen der damit verbundenen serösen Infiltration 
der Tunica vaginalis bulbi im hintern Umfange des Bulbus (analog der Schwellung der 
Conjunctiva im vordem Bereiche) der Augapfel unter heftigen Schmerzen und feurigen 
Erscheinungen aus der Orbita vorwärts gedrängt wurde. 

Behandlung der consecutiven Zufälle. Ist der fremde Körper ent- 
fernl, oder war ein solcher gar nicht zurückgeblieben, dann hängt es 



208 Hornhaut. 

von den bereits eingetretenen oder mit Wahrscheinlickeit zu erwar- 
tenden Zufällen ab, welche Behandlung- einzuleiten sei. — Dauern Licht- 
scheu, Tliränenfluss und Schmerzen nach Entfernung des fremden Körpers 
noch fort, so gebe man kalte Umschlüye ; steigen sie noch, so sind über- 
diess örtliche Blutentziehungen und starke salzige Abführmittel angezeigt; 
fangt die Conjunctiva bulbi noch vor dem Eintritte der Eiterung an zu 
schwellen, womit gewöhnlich auch Anschwellung und stärkere Wärme 
des obern Lides und heftige Schmerzen im Auge und der Umgebung ver- 
bunden sind, so kann bei kräftigen Individuen und raschem Steigen der 
Zufälle selbst ein Aderlass nöthig werden. — So wie aber Eiterung ein- 
getreten ist, was gewöhnlich unter dunklerer Böthe und schleimig eitriger 
Absonderung der Bindehaut, so wie unter zeitweiligem Nachlasse der 
Schmerzen geschieht, dann sind weder allgemeine ßlutentziehungen noch 
starke Purganzen, am wenigsten aber kalte Umschläge angezeigt ; im Ge- 
gentheile, der Kranke fühlt sich nach vorausgeschickter örtlicher Blut- 
entziehung, wo diese wegen starker Congestion nöthig erschien, bei 
Anwendung trockener warmer Tücher und Einreibungen von Ung. cinereum 
mit Opium an die Stirn und Schläfe wohler. — Dass übrigens Ruhe des 
Körpers und Gemüthes, restringirte Diät, so wie Abhaltung aller reizenden 
Einflüsse um so strenger zu beachten sind, je grösser die In- und Exten- 
sität der Verletzung, braucht wohl kaum erst näher erörtert zu werden. 

Zur leichtern Orientirung mögen folgende Beispiele dienen. ■ — Einem jungen 
Manne war, als er seinen Zögling mit einer dürren Rathe züchtigte, ein Stückchen 
derselben ins rechte Auge gesprungen. Er empfand sogleich lebhaften Schmerz, als 
ob etwas im Auge läge, Lichtscheu und Tliränenfluss und kam 3 Stunden darauf zu 
mir. Ich fand keinen fremden Körper, nur die Cornea oberflächlich verletzt, das Epi- 
thelium an einer hanfkorngrossen Stelle unterhalb der Pupille abgestreift, rings um die 
Hornhaut einen sehr stark injicirten Gefässsaum, die Pupille ausserordentlich eng. Unter 
Anwendung von kalten Umschlägen, Ruhe und etwas Bitterwasser war der Kranke den 
4. Tag vollkommen genesen. — Eine Frau von 50 Jchren hatte sich, 4 Stunden bevor 
ich sie sah, an ein heisses Ofcnthürl gestossen, derart, dass die Kante desselben mitten 
über den Nasenrücken und die rechte Cornea (bei offenem Auge) gegangen war. Ich 
fand auf dem Nasenrücken einen röthlichen Streifen (1. Grad von Verbrennung), auf 
der Cornea vom innern bis zum äussern Bande einen etwa 1'" breiten, weissgrauen, 
weder erhabenen, noch vertieften Streifen, die übrige Cornea rein, die Bindehaut nir- 
gends verletzt, weder unter dem obern, noch unter dem untern Lide einen fremden 
Körper, dennoch das Auge ungemein lichtscheu, von Thränen überströmt, und anhal- 
tend heftig schmerzend, die Lider leicht angelaufen. Buhe, Eisumschläge, Diät, ein 
Eccoproticum. Den 3. Tag war die Trübung der Cornea verschwunden, das mittler- 
weile abgestossene Epilhelium vollständig ersetzt, die Iris frei, aber dennoch Lichtscheu 
und Thränenfluss heftig. Den 5. Tag konnte die Verletzte wieder ausgehen. — Bei 
einem jungen Manne fanden wir 24 Stunden, nachdem ihm frisch angemachter Mauer- 



Verletzungen. — Beispiele. 209 

kalk ins linke Auge gespritzt war, die Lider massig geschwollen, die Conjunctiva 
palp. nächst dem Rande der Lider in einer Ausdehnung von 3'" Länge und V" Breite 
mit graulich weissem, fest aufsitzendem Exsudate überzogen, in der Umgebung gleich- 
förmig hochroth und aufgelockert, die Conjunctiva bulbi dicht netzförmig, gegen den 
innern Winkel hin stellenweise ecchymotisch geröthet, und die Cornea in der untern 
Hälfte ihres Epithelialüberzuges beraubt. Der Fall wurde interessant dadurch, dass 
sich das Epithelium der Cornea binnen 24 Stunden bis auf eine hirsekorngrosse Stelle 
ersetzte. Schon den 6. Tag der Behandlung verlangte der Kranke entlassen zu werden, 
da die Trübung des Gesichtes schon den 4. Tag völlig verschwunden, und die Re- 
actionserscheinungen von der Anätzung der Conjunctiva palpebr. bis auf ein Minimum 
herabgesunken waren. — Eine Dienstmagd, welche bereits mehrmals an Augenentzün- 
dungen und an Anschwellungen der Halsdrüsen gelitten hatte, wurde Anfang Septemcer 
1846 von einer Kuh mit dem Schweife in das linke Auge geschlagen. Die nächsten 
Folgen waren brennender Schmerz, Röthe des Weissen, später Gefühl von Druck unter 
dem obern Lide, Lichtscheu und Thränenfluss. Dennoch blieb die Kranke bei ihrer 
Beschäftigung, und kam erst 7 Wochen später, als nämlich auch auf dem rechten 
Auge Röthe, Schmerz und Lichtscheu auftraten, auf die Klinik. Das rechte Auge bot 
das gewöhnliche Bild einer Ophthalmia catarrhalis pustularis dar, nebst mehrern Horn- 
hautflecken als Folge vorausgegangener scrofulöser Bindehautentzündungen. Auf der 
linken Hornhaut bemerkte man nach unten und aussen einen erbsengrossen, schmutzig- 
geblichen, undurchsichtigen Fleck. Auf den ersten Blick konnte man ihn für eine 
Pustel halten ; bei näherer Untersuchung ergab sich, dass er durch Eindringen eines 
fremden Körpers und die dadurch gesetzte Reaction bedingt war. Mit dem Spatel des 
Daviel'schen Löffels wurde ein gelbliches, sprödes, etwas knirschendes Klümpchen 
entfernt, worauf ein hanfkorngrosses Grübchen mit grauem Grunde sichtbar wurde. 
Man hätte nun erwarten sollen, dass die Reaction abnehmen, und das Geschwür ver- 
heilen- würde. Im Gegentheile, trotz energischer Antiphlogose kam es zum Durch- 
bruche der Hornhaut an der verletzten Stelle. Leider entzog sich die Kranke der weitern 
Beobachtung, da indessen das rechte Auge, dessentwegen sie in's Spital gekommen 
war, vollkommen genesen war. — Ein achtjähriger Knabe hatte sich mit der Spitze 
eines Messers in's rechte Auge gestochen. Man hatte einige Stunden kalte Umschläge 
gegeben, und, da der Kleine weiter über nichts klagte, ihm erlaubt, vor's Thor zu 
gehen, wo er sich tüchtig herumtummelte, so dass er ganz erhitzt nach Hause kam. 
In der Nacht waren Schmerzen eingetreten. Als ich den 2. Tag Morgens gerufen 
wurde, fand ich eine etwa V" lange Stichwunde unterhalb der Pupille, wahrscheinlich 
nicht durchdringend, weil weder Humor aqueus fehlte, nocK die Iris gegen jene Stelle 
verzogen war. Das Auge war nur massig lichtscheu, in der Umgebung der Wunde 
leicht geröthet. Ich verordnete Ruhe und kalte Umschläge, alle 5 Minuten zu wech- 
seln, und stellte die Prognosis günstig. Der Knabe war zwar schwächlich und mager, 
hatte eine sogenannte Vogelbrust, sah jedoch übrigens gesund aus. Den 3. Tag fand 
ich die Cornea durchaus matt und trüb, in der Peripherie nur undeutlich durchschei- 
nend, die Ciliargefässe stark, die Conjunctivalgefässe massig injicirt, die Lider etwas 
angelaufen, Lichtscheu und Thränenfluss heftig. Ich liess die kalten Umschläge aus- 
setzen, dafür Ung. einer, mit Opium an die Stirn und Schläfe aufstreichen und gab 
ein Infusum sennae mit syr. cichorei c. rheo. Am 4. Tage keine Änderung; am 5. die 
Hornhaut in der Mitte heller, so dass der Kranke die Finger wieder zählen konnte; 
Arlt, i. 14 



210 Hornhaut. 

an der Stelle der Verletzung klafft die Hornhaut, so dass man einen linearen Streifen 
der Iris bloss liegen sieht. Dieselbe Therapie. Am 6. Tage fand ich Alles verändert, 
die Hornhaut in voller Eiterung, nach unten und aussen bereits erweicht, wie in Fetzen 
zwischen den Lidern vorragend, starkes Odem der Conjunctiva bulbi und der Lider. 
Man hatte wider mein Gebot den lebhaften Knaben nicht nur aufstehen, sondern auch 
auf den Gang gehen lassen. Von nun an trat unaufhaltsam Vereiterung der Cornea, 
Blosslegung der Iris und Verlust der Linse ein, und durch etwa 14 Tage ragte selbst 
eine Flocke Glaskörper vor, die sich durch Vereiterung abstiess. Die Verletzung hatte 
Anfang September statt gefunden ; die Vernarbung mit massiger Verminderung der 
Grösse des Bulbus war erst Ende October vollendet. — Prof. Fischer (Lehrbuch S. 45) 
beschreibt folgenden Fall als Chemosis. Ein 40jähriger Schnitter von starker Körper- 
constitution hatte sich zur Zeit der Ernte mit einer Kornähre das rechte Auge verletzt. 
Trotz Schmerz, Lichtscheu und Röthe arbeitete er nicht nur denselben und den fol- 
genden, sondern, mit verbundenem Auge, auch den 3. Tag noch fort. Am 4. Tage 
musste er vor Schmerzen in dem Dorfe bleiben, wo man ihm ein Krebsauge unter das 
Augenlid schob, und mancherlei Hausmittel gebrauchen liess. Da die Zufälle täglich 
ärger wurden, ging der Kranke den 8. Tag nach Prag, wo das verletzte Auge den 
28. Juli in folgendem Zustande gefunden wurde: die Lidränder stark angelaufen; unter 
der Mitte der Hornhaut ein Geschwür, dessen Umgebung, besonders nach unten, grau- 
lich weiss und aufgelockert; die übrige Hornhaut matt, grau getrübt, doch noch durch- 
sichtig, besonders nach oben, von wo man erkennt, dass in der vordem Kammer eine 
gelbe, eiterähnliche Flüssigkeit bis zum Pupillenrande herauf angesammelt ist; die 
Pupille selbst und die Regenbogenhaut bieten keine merklichen Veränderungen dar; 
rings um die Hornhaut ist die Scleralbindehaut in einen hochrothen Wall erhoben, 
welcher in der untern Hälfte viel höher ist, als in der obern. Der Patient klagt nebst 
Blindheit des Auges über anhaltende, drückend-spannende, stechend-reissende Schmer- 
zen im Auge und im Kopfe, welche ihn schon mehrere Nächte nicht schlafen Hessen; 
er hat kein Verlangen nach Speisen, erhöhten Durst, frequenten Puls, Stuhlverstopfung. 
Ordination : ein Aderlass auf 12 Unzen, ein Purgans antiphlog., ruhige Lage, strenge 
Diät. Den 29. Juli. Nach dem Aderlass hat der Kranke fast die ganze Nacht geschla- 
fen; es sind 2 Stühle erfolgt; der Eiter in der vordem Kammer hat auffallend abge- 
nommen; übrigens keine Änderung. Mittags nahmen die Schmerzen im Auge und 
Kopfe wieder zu, und gegen Abend sah man wieder mehr Exsudat in der vordem 
Kammer; es wurde desshalb wieder ein Aderlass gemacht und das Purgans fortgesetzt. 
Darauf erfolgte eine ruhige Nacht, des Morgens 4 Stühle. Am 31. Juli. Des Niveau 
des Eiters wieder niedriger, als am 30., doch nicht so, wie am 29. Am 2. August 
wurde neuerdings zur Ader gelassen; die darauf folgende Erleichterung der Schmer- 
zen war unbedeutend und der Eiter erreichte gegen Abend schon den Pupillarrand, 
wesswegen wir die Hornhaut an ihrem untersten Ende öffneten; der Eiter entleerte 
sich ganz, und der Schmerz im Auge und Kopfe verschwand augenblicklich. Am 
3. August war der Kranke, der die Nacht sehr gut geschlafen hatte, ganz neberlos. Am 
5. August musste die Hornhaut neuerdings punktirt werden, um den wieder angesam- 
melten Eiter zu entleeren. Vom 6. August an erfolgte keine solche Ansammlung mehr 
und bedeutende Besserung, so dass vom 7. August an bereits eine schwache Lösung 
von Lapis divinus cum laud. Sydenh. eingeträufelt werden konnte, der Zustand des 
Kranken bei nahrhafter Kost von Tag zu Tag besser wurde, und derselbe Ende August 



Malacie. 211 

mit gerettetem Sehvermögen entlassen werden konnte, da die Hornhautnarbe nicht im 
Bereiche der Pupille lag. 



III. Malacie der Hornhaut 

Auf diese seltene Affection hat meines Wissens zuerst Prof. Fischer 
in seinem Lehrbuche S. 275 aufmerksam gemacht. Er bezeichnet sie 
als Folge unterdrückter Masern, und erinnert an die Ähnlichkeit mit der 
Versehwärung der Cornea, welche nach Durchschneidung des Ganglion 
cervicale supremum oder des Trigeminus diesseits des Ganglion Gasseri 
bei Thieren beobachtet wird. *) Er beobachtete diese Form 3mal bei 
Kindern unter grosser Unruhe und Gehirnaffection nach einem heftigen 
Fieber, die Hornhaut wurde in Folge des gehemmten Nerveneinflusses 
auf die Ernährung ergriffen, bei normalen Augenlidern, auffallender 
Anästhesie der Augen und erweiterten Blutgefässen der ConjuncL bulbi 
trüb, vollkommen undurchsichtig, aufgelockert, weich, und in 24 — 48 
Stunden durch Exulceration zerstört; die Kinder starben in kurzer Zeit 
nach dem Ausbruche des Übels an den Augen. 

Da meine diessfälligen Beobachtungen gleichfalls nicht zahlreich 
sind, so ziehe ich es vor, statt einer allgemeinen Schilderung dieselben 
speciell anzuführen. — Dr. K. Hess mich in ein Haus rufen, in welchem 
im August 1847 drei Kinder an Scarlatina erkrankt waren. Zwei derselben 
waren bereits reconvalescent, das dritte, ein Knabe von 47a Jahren, war 
vor 8 Tagen von Fieber und darauf von sehr reichlichem Exanthem be- 
fallen worden. Seit einigen Tagen hatte man ein leichtes Verklebtsein der 
Augen, seit gestern eine leichte Trübung der rechten Hornhaut bemerkt. 
Ich fand (am 8. Tage der Krankheit) den Knaben sehr abgemagert (seit 
etwa 3 Tagen), die Haut durchaus auffallend Mass, brennend heiss, die 
Lippen trocken, rissig, den Athem übelriechend, die Stimme heiser, das 
Athmen beschleunigt, den Unterleib eingesunken, den Stuhlabgang häufig 
und sehr dünnflüssig; der Knabe lag wie betäubt, ohne Theilnahme, bei 
jeder Berührung ächzend, übrigens oft sich unruhig hin und her werfend. 
— Die rechte Hornhaut war durchaus gleichmässig getrübt, undurch- 
sichtig, aufgelockert, erweicht ; die linke Hornhaut matt, leicht getrübt, 
ohngefähr so wie bei einem Cadaver 36 Stunden nach dem Tode. Die 
Bindehaut war auf beiden Augen blass, nur im untern Theile über der 
Sclera von einigen Gefässchen mit einzelnen Ecchymosen versehen und 

*•) Vgl. Slilling über Spinalirration, Leipzig 1840, und SrokaUki in Rojcr und Wunderlich 1 » Archiv, 1846, S. I o3. 

14* 



212 Hornhaut. 

etwas aufgelockert. Wir verabreichten eine Medicin mit Extr. chinae 
frig. par. Am 9. Tage erschien die linke Hornhaut eben so verändert, 
wie am 8. die rechte; der Zustand dieser war im Ganzen derselbe. Wegen 
profuser Diarrhöe wurde nebstdem Plumb. acet. verordnet. 10 Tag: 
rechts die Cornea in eine Masse wie Schmierkäse erweicht, in der Mitte 
bereits abgestossen , daher die unverletzte Descemet'sche Haut als 
durchsichtige, krystallhelle Blase in der Grösse einer Linse (Ervum lens) 
sichtbar; links die Hornhaut undurchsichtig, aufgelockert, doch noch ganz 
vorhanden. Die Injection der Conjunctiva bulbi noch immer auffallend 
gering. 11 Tag: die Descemet'sche Haut ist geborsten, etwas später 
die Linse abgegangen, eine klare durchsichtige Masse (Glaskörper) ragt 
aus der Öffnung hervor; das linke Auge heute so, wie gestern das 
rechte. Die Conjunctiva bulbi etwas mehr aufgelockert, doch nur sparsam 
von Gefässen durchzogen. Bis zum 14. Tage waren beide Hornhäute 
ganz abgestossen, die Conjunctiva bulbi zu einem flachen und leicht ge- 
rötheten Walle erhoben. Am 15. Tage zeigten sich Eiterablagerungen 
an der rechten Handwurzel, und am 17. Tage erfolgte nach einem mehr- 
tägigen gänzlich soporösen Zustande der Tod. Die Section wurde nicht 
gestaltet. — Am 18. October 1847 wurde ich zu einem Bäcker gerufen, 
dessen 7 Monate altes Kind vor 3 Wochen abgestillt, und wenige Tage 
darauf von Diarrhöe und Aptlien befallen worden war. Dasselbe schien 
von Natur aus stark zu sein, sah aber jetzt ganz anämisch aus, wie aus 
weissem Wachs geformt, war trotz der sorgfältigen Einhüllung am ganzen 
Körper kühl, machte nur selten eine geringe Bewegung mit den Extre- 
mitäten, hielt die tief eingefallenen Augen halb geöffnet, lag ganz apa- 
thisch da, und gab nur manchmal einen leisen, kreischenden Laut von 
sich. Der behandelnde Arzt hatte die Ursache in unzweckmässiger Er- 
nährung des Kindes erkannt, und bereits seit einigen Tagen geeignete 
Anordnung getroffen, um diesem Übelstande abzuhelfen. Seit 4 Tagen 
hatte man etwas Schleimabsonderung an den Augen, doch ohne erheb- 
liche Röthe derselben bemerkt; Tags vorher waren dem Arzte kleine 
Flecke auf den Hornhäuten aufgefallen. Ich fand auf jeder Hornhaut ein 
Hanfkorn-, beinahe Linsen-grosses Geschwür, oder vielmehr die Hornhaut 
war in der Mitte in eine eiterähnliche Masse verwandelt und durch- 
brochen, denn die Iris war an die Cornea angelagert, der Humor aqueus 
also ausgeflossen. Diese Stelle war auf dem rechten Auge etwas unter- 
halb des Centrum der Cornea, auf dem linken etwas auswärts davon ge- 
lagert, beinahe cirkelrund, und von der umgebenden, übrigens vollkommen 
durchsichtigen und glatten Hornhautsubstatiz scharf abgegrenzt. Die 



Geschwüre — Vorkommen — Ursachen. 213 

Augen boten, indem der Lidsehlag sehr selten und langsam erfolgte, ein 
eigenthümliches befremdendes Aussehen dar. Die Conjunctiva bulbi war 
nicht im mindesten von Gefässen durchzogen, die Ciliargefässchen nicht 
abnorm injicirt; die Lider weder geschwollen, noch geröthet; keine Spur 
von Lichtscheu oder Schmerz; man konnte die Augen ganz bequem 
untersuchen. Wir verordneten nebst der sorgfälltigsten Pflege Kukuruz- 
wasser mit Milch zur Nahrung, und Extr. chinae frig. par. mit Acid. phos- 
phor. in einer M. gummosa. Schon den 20. ging es dem Kinde im Allge- 
meinen auffallend besser. Die Diarrhöe war gering, der Mund reinigte 
sich; die Haut wurde wärmer und besser gefärbt, die Extremitäten mehr 
bewegt. Die Hornhautgeschwüre waren nicht nur nicht grösser, sondern 
auch reiner, die kleine Öffnung in der Descemet'schen Haut durch die Iris 
verlegt, die Augenkammer wieder hergestellt. Am 22. sah man deutlich, 
dass das Kind nun bei zweckmässiger Pflege und Nahrung gedieh ; die 
Hornhautgeschwüre fingen an kleiner zu werden. Von nun an, schritt 
die Besserung sichtlich vorwärts, und das Kind kam mit leichten Horn- 
hautnarben davon. Anfangs Jäner 1851 suchte ich dieses Kind auf; es 
sieht blühend gesund aus, und hat auf jedem Auge eine etwa hirsen- 
grosse Hornhautnarbe . mit vorderer Synechie, welche das Gesicht nicht 
stört. Die Cornealwölbung ist weder an der Stelle der Narbe, noch in 
der Umgebung verändert.*) 



IV. Geschwüre der Hornhaut.""""*) 

In Folge verschiedener, meistens entzündlicher Affectionen des Auges 
bemerkt man Vertiefungen in der Hornhaut, durch mehr weniger bedeu- 
tenden Substanzverlust bedingt, und noch nicht mit Epithelium überzogen. 
Diese Vertiefungen, im Allgemeinen Geschwüre genannt, zeigen entweder 
den Grund und die Ränder grau oder gelblichweiss, eitrig infiltrirt, bald 

*) Dieser Fall erinnert unwillkürlich an Hagendie's bekannte Versuche an Hunden, bei welchen, nachdem er sie 
bloss mit Zucker und destillirtem Wasser gefüttert hatte, vordem Tode centrale durchbohrende Hornhautgeschwüre 
entstanden. Memoire sur les Propietes nutritives des Substances, qui ne contiennent pas d'Azote, Paris 1816 

**) Wenn ich dem aufgestellten Systeme nicht streng folgend, der Besprechung der hieher gehörigen Zustände der 
Cornea einen eigenen Abschnitt widme, somit dieselben gleichsam als selbständig, als Krankheiten hinstelle, so 
geschiet diess nur der Kürze und der Deutlichkeit wegen. Diese Zustände stellen nur Mittelglieder dar, denen 
verschiedene andere vorausgehen und nachfolgen können. Sie bieten aber, gleichviel ob auf diese oder auf jene 
Weise entstanden, so viel gemeinschaftlich zu Bosprechendes dar, dass ihnen ein eigener Abschnitt gewidmet 
werden, und aus den einzelnen Capiteln darauf hingewiessen werden musste, wenn nicht häufig dasselbe wieder- 
holt werden wollte, und ebeu durch diese Zusammenfassung konnte ihre Schilderung nur an Klarheit und Deut- 
lichkeil gewinnen. 



214 Hornhaut. 

mit, bald ohne Blutgefässentwickelung in der Umgebung, und heissen dann 
Eitergeschwüre, oder sie erscheinen ganz rein, oft nur durch die Seiten- 
ansicht (beim Spiegeln der Cornea) erkennbar, stets ohne Gefässentwick- 
lung, als sogenannte Resorptionsgeschwüre. Letztere erscheinen entweder 
gleich von vornherein als solche, oder als Folgezustand der ersteren; nicht 
leicht (ohne besondere Veranlassung) findet der umgekehrte Fall statt. 

Hornhautgeschwüre überhaupt kommen vor: 1. Bei Conjunctivitis 
catarrhalis; diese sind peripherisch gelagert, gewöhnlich sichelförmig, 
innerhalb des Limbus conjunctivae verlaufend, haben meistens die Charak- 
tere der Resorptionsgeschwüre, und werden daher selten gefährlich. — 
2. Bei Conjunctivitis blennorrhoica. Hier entstehen entweder Resorptions- 
geschwüre (bei minder acutem Verlaufe), oder Eitergeschwüre durch 
partielle Entzündung mit Eiterbildung, oder durch Verschwärung, 
Nekrosirung eines mehr weniger grossen Theiles, selbst der ganzen 
Cornea. Die Eitergeschwüre haben hier das Eigentümliche, dass sie 
nie zur Eitersenkung zwischen den Faserschichten der Cornea führen, 
und dass sie, auch wenn sie weit um sich greifen, nie ganz bis zur Sclera 
hinreichen. — 3. Vielleicht die häufigste Quelle von Hornhautge- 
schwüren ist die Conjunctivitis scrofulosa mit Bläschen- oder Pustel- 
bildung auf der Cornea, so wie auch das ihr nahe stehende Trachom auf 
gleiche Weise, und Exantheme, namentlich die Blattern, durch Eruption 
auf der Cornea zu Geschwüren Anlass geben. Diese Geschwüre sind im 
Allgemeinen rund, bald rein, mehr oberflächlich und daher ohne Gefahr 
(Resorplionsgeschwüre, besonders bei Conjunctivitis scrofulosa und Tra- 
choma mit Bläschenbildung), bald eitrig infiltrirt, Grund und Ränder grau 
oder gelblichweiss, tiefer dringend, und alle hiemit verbundenen Gefahren 
einleitend. Diese Geschwüre sitzen, gleich den Pusteln, bisweilen halb auf 
der Cornea, halb auf der Sclera und zerstören bisweilen auch den Rand- 
Iheil der letzteren. — 4. Der Resorplionsgeschwürchen beim Pterygium 
wurde bereits Erwähnung gethan. — 5. Die Keratitis rheumatica setzt 
bald ganz oberflächliche, reine und gefahrlose Geschwürchen, bald aus- 
dehnte und in die Tiefe oder ganz durchdringende Geschwüre, welche 
fast immer, wenn nicht die Folgen des Durchbruches, so doch unheil- 
bare Trübungen zurücklassen. — 6. Dasselbe gilt von Substanzverlusten, 
welche durch mechanisch- oder chemisch-wirkende Schädlichkeiten ein- 
geleitet werden. — Eitergeschwüre, durch Conjunctivitis scrofulosa, Va- 
riola, Keratitis rheumatica oder traumatica eingeleitet, vergrössern die 
Zerstörung der Hornhaut sehr gern durch Senkung des Eiters zwischen 
den Fiiserschichten der Cornea. — 7. Die spontane Verschwörung oder 



Geschwüre — Folgen — Heilung. 215 

Malacie der Cornea endlich gebort, wie wir gesehen haben, an und für 
sich in der Regel unter die gefährlichsten Zerstörungen der Hornhaut- 
substanz. — 8. Nicht übergangen werden dürfen endlich jene Hornhaut- 
geschwüre, welche bei schwer erkrankten Individuen (an Typhus, Cholera, 
Puerperalfieber u. dgl.) in dem untern Segmente der Cornea entstehen, 
wahrscheinlich in Folge des mehr weniger aufgehobenen Augenlidschlages. 
Zuerst wird bei solchen Kranken die Bindehaut, namentlich in der untern 
Hälfte des Bulbus, stärker injicirt, und sondert eine sehr bald zu gelben 
Krusten vertrocknende Flüssigkeit ab; sofort sieht man eine solche gelb- 
liche Kruste längs des Randes des untern Lides über die Cornea streichen, 
und gleichsam an diese angetrocknet ; entfernt man dieselbe, so findet 
man die Cornea darunter bereits mehr weniger getrübt, selbst schon 
erweicht, und in ein Geschwür mit grauem Grunde verwandelt. Wenn 
der Kranke dem Allgemeinleiden nicht erliegt, so kann dieser Zustand 
der Cornea viele Tage lang unverändert bleiben, ohne Durchbruch der 
Cornea und mit Hinterlassung einer unbedeutenden Narbe heilen. 

Sobald ein Hornhautgeschwür Gegenstand der Prognosis und The- 
rapie wird, genügt es nicht, bloss dessen Sitz, Ausdehnung und Tiefe, 
die Beschaffenheit seines Grundes, seiner Ränder und Umgebung, seiner 
Entstehungsweise aus diesem oder jenem Krankheitsprocesse u. s. w. 
möglichst genau zu eruiren — man muss überhaupt wissen, auf welche 
Weise der Substanzverlust wieder gedeckt werden kann, welche Folge- 
zustände durch Geschwüre eingeleitet werden können, und welche Um- 
stände auf dieses verschiedene Verhalten Einfluss zu nehmen pflegen. 

Wo immer eine Vertiefung in der Cornea durch Substanzverlust 
entstanden ist, da wird diese niemals durch Beiziehung der benachbar- 
ten Partien gedeckt, sondern dureh plastisches Exsudat f welches jene 
Vertiefung mehr weniger vollständig ausfüllt, und welches die Eigen- 
schaften jener Elemente, zu deren Ersatz es geliefert wurde (der Horn- 
hautfasern und Epithelien), in mehr weniger Zeit und in mehr weniger 
Vollkommenheit oder aber niemals wieder erlangt. 

Denken wir ans, um das Gesagte mehr in concreto zu betrachten, z. B. ein 
Hornhautgeschwür von etwa 1 1 / 2 '" Durchmesser, trichterförmig wie gewöhnlich, in der 
Mitte etwa V 3 '" tief, Grund und Ränder grau, letztere etwas geschwellt, weil von Ex- 
sudat infiltrirt. Soll ein solches Geschwür nicht weiter um sich greifen, so muss zu- 
nächst die Schmelzung der Ränder und des Grundes, die Eiterbildung aufhören, Grund 
und Ränder müssen ein reineres Aussehen annehmen. So wie diess geschehen ist, 
finden wir eine allmälige Abnahme sowohl der Tiefe ab des Umfanges. Nach und 
nach, wie diess Grübchen kleiner geworden, erscheint die betroffene Stelle nicht mehr 
so rein und hell, sondern mehr weniger getrübt, und diese Trübung kann in dem 



216 Hornhaut. 

Maasse zunehmen, wie die Vertiefung endlich ausgefüllt wird. Diese Erscheinung ist 
selbst Laien bekannt; sie bezeichnen sie oft als eine neu entstehende Krankheit, als 
das Wachsen eines Fleckes oder Felles auf dem Auge, in dem sie die das Geschwür 
einleitende Krankheit bereits verschwunden wähnen. Sobald nun kein eigentliches 
Grübchen mehr vorhanden ist, sobald die afficirte Stelle wieder glatt, mit Epithelium 
überkleidet erscheint, findet man die mehr weniger trübe Stelle entweder vollkommen 
gewölbt, das Spiegelbild z. B. von den Fensterrahmen regelmässig, wie auf gesunden 
Hornhautpartien, oder diese Stelle erscheint leicht aufgeflacht, wie wenn man die Horn- 
haut daselbst abgeschliffen hätte. Diess hängt nämlich davon ab, ob das plastische 
Exsudat, welches zum Ersatz geliefert wurde, vor dem völligen Abschlüsse durch Epi- 
thelium in hinreichender oder in zu geringer Menge gesetzt wurde. Nur selten, unter 
weiter unten zu erörternden Umständen, geschieht es, dass der Callus, wenn man so 
sagen darf, in excessiver Menge abgelagert wird und eine Erhöhung an dieser Stelle 
bewirkt. In dem Falle, wo der Substanzverlust nicht vollkommen gedeckt wurde, 
bleibt dann in der Regel jener leichte Abschliff zurück. Wurde die Grube gänzlich 
und gehörig ausgefüllt, so hängt es zwar zunächst von der Beschaffenheit des Exsu- 
dates ab, ob dasselbe nach längerem Bestände trüb und undurchsichtig, als einfaches 
Faser- oder Narbengewebe stehen bleibt, oder ob es allmälig in ein den Cornealfasern 
völlig analoges, homogenes Gewebe verwandelt werde oder nicht; es haben aber auf 
die Möglichkeit dieser Umwandlung noch eine Menge Umstände Einfluss, welche wir 
zum Theil in diesem, zum Theil aber auch erst in dem folgenden Abschnitte (über 
Hornhauttrübungen) ausführlicher besprechen können. 

Es ist Thatsache der Beobachtung, dass mehr weniger grosse Par- 
tien der Hornhaut, welche durch Eiterung zerstört und, gleichsam pro- 
visorisch, durch ein mehr weniger trübes Gewebe ersetzt worden waren, 
nach einiger Zeit wieder vollkommen durchsichtig, gewölbt und glatt 
werden können. Man sieht in den Fällen, wo diese Metamorphosen auf 
einander folgen, niemals weder eine Spur von Beiziehung der Geschwürs- 
ränder, wie z. ß. nach Substanzverlusten in der Cutis oder in einer 
Schleimhaut, daher auch niemals strahlige Narben, noch ein einfaches 
Nachwachsen gesunder Hornhautsubstanz vom Cornealrande her (als Ma- 
trix), wie bei den Horngebilden (Nägeln oder Haaren). Man muss 
demnach obigen Vorgang als wirkliche Regeneration verloren gegangener 
Hornhautpartien betrachten, man muss zugeben, dass die Hornhaut, we- 
nigstens unter gewissen Bedingungen, regenerationsfähig sei. 

Ich hatte diesen Satz, über dessen Richtigkeit man mit sich im Reinen sein 
muss, bevor man in die Lehre von den Cornealgeschwüren und deren Folgen weiter 
eingehen kann, zuerst in meinem Aufsatze über das Hornhautstaphylom (Prag. Vjchr. 
1844, B. II.) und über Centralkapselstaar (Österr. med i ein. Woehenschr. 1845, N. 10 
und 11) durch Beobachtungen nachzuweisen versucht. Dr. Hasner 1. c. S. 97 fertigt 
meine Behauptung, ohne auf jene Beobachtungen hinzuweisen, mit der einfachen Ver- 
dächtigung ab, „sie beruhe auf Täuschung." Er gibt dagegen folgende Erklärung: „Wenn 
ein Theil des Hornhautparenchyms durch Vereiterung zu Grunde gegangen ist, so ent- 






Geschwüre— Regeneration. 217 

wickeln sich in der Tiefe des Geschwüres Gefässe, welche die Ansetzung des pla- 
stischen Exsudates vermitteln, das in Fasern umgewandelt wird. Diese Fasern an die 
Geschwürsränder geheftet, bringen bei ihrer Contraction Schrumpfung, eine Dehnung 
der Hornhaut (!) hervor. In eben dem Maasse, als demnach die Narbe kleiner wird, 
gewinnt der durchsichtige Theil der Hornhaut an Breite; wenn zudem noch das paren- 
chymatöse Exsudat in der Umgebung des Geschwüres resorbirt wird, so erscheint nach 
vollendeter Vernarbung ein grösserer Theil der Hornhaut durchsichtig, als bei der um- 
fangreichen Zerstörung hätte vermuthet werden können. Dass eine Dehnung der Horn- 
haut, besonders so lange sie infiltrirt ist, leicht möglich ist, beweist der oben ange- 
führte Fall (mit Ausdehnung der Cornea in Folge entzündlicher Infiltration) und die Ver- 
grösserung der Hornhaut bei der Kammerwassersucht. Aus denjenigen Fällen übrigens, 
welche zum Beweise der Regeneration der Hornhaut angeführt werden, ergibt sich leicht, 
dass keine andern, als die angeführten Umstände im Spiele waren." — Die Dehnbarkeit 
der Cornea hat Niemand geläugnet. Hasner hat nur ignorirt oder übersehen, dass die 
Hornhaut 1. an Stellen, wo sie in beträchtlicher Ausdehnung und Tiefe (selbst mit 
Durchbruch zerstört war, in manchen Fällen wieder vollkommen durchsichtig, und 2. 
auch wieder vollkommen gewölbt vorgefunden wird, und 3. dass man auch die unver- 
sehrt gebliebenen Partien .in Bezug auf ihre Wölbung nicht im mindesten verändert fin- 
det, seihst wenn die Cornea z. B. in der Mitte eine sehr dichte und unheilbare Narbe 
darbietet. — Ist auch Hasner 's Angabe, dass sich in der Tiefe des Geschwüres Gefässe 
entwickeln, sehr ungenau, selbst unrichtig, weil nicht allgemein giltig, so ist doch so 
viel wahr, dass im Grunde des Geschwüres plastisches Exsudat abgelagert wird, sobald 
die Yernarbung beginnt. Man denke sich nun, naeh Hasner's Angabe, es beginne die 
Organisirung dieses Exsudates, die Bildung von Fasern und sofort Schrumpfung 
derselben; man denke sich eine solche Faser, mit beiden Enden an gegenüberstehende 
Punkte des Geschwürsrandes geheftet, allmälig contrahirend , mit solcher Kraft, 
dass die umgebende gesunde Partie nachgeben, sich ausdehnen muss. Die fixen Punkte 
sind die Anheftungsstellen an den Geschwürsrand. Könnte bei diesem Vorgänge jene 
schrumpfende Faser wohl jemals in der Mitte vorwärts gewölbt werden? müsste sie 
nicht vielmehr stets in gerader Linie verlaufen? Und doch sehen wir in jenen Fällen, 
wo Hornhautnarben mit der Zeit spurlos verschwanden, die Wölbung der Cornea da- 
selbst nicht im mindesten verändert. - — Hasner's Erklärung geräth aber auch in direk- 
ten Widerspruch mit der Erfahrung, dass man, und zwar eben nicht selten, von 
offenbaren Cornealgeschwüren nach mehr weniger langer Zeit gar keine Spur mehr 
vorfindet. Hasner's Erklärung liesse sich noch annehmen bei Hornhautnarben, welche 
durch das ganze Leben hindurch bleiben, und nur allenfalls mit der Zeit kleiner wer- 
den. Was ist aber aus jener, die angebliche Dehnung der Cornea vermittelnden Ex- 
sudatfaser geworden, wenn endlich keine Spur des Geschwüres und der consecutiven 
Narbe mehr vorhanden ist? Ist diese etwa spurlos verschwunden, oder endlich auch 
durchsichtig geworden? Und endlich, hat man denn je eine positive Erscheinung 
wahrgenommen, welche jene Dehnung der umgebenden Partie nachwiese? Hat man 
je beobachtet, dass die umgebende Cornealpartie eine Andeutung von Faltung darbiete, 
wie wir bei Narben der Cutis oder einer Schleimhaut bemerken.? Faltung der Cornea 
wird allerdings beobachtet, aber nie bei einfachen Hornhautnarben; immer wird man 
finden, dass die Cornea dann gegen einen peripherischen fixen Punkt hingezogen ist, 
wie z. B. wenn die Hornhautwunde nach dem Schnitte behufs der Extraction durch 



218 Hornhaut. 

Eiterung heilt. — Ich kann demnach heute noch nicht anders, als vor mehreren Jah- 
ren mir die Thatsachen des spurlosen Verschwindens von Hornhautgeschwüren und 
Narben erklären; ich muss annehmen, dass das zur Deckung des Substanzverlustes 
gesetzte plastische Exsudat unter gewissen Bedingungen in ein den Cornealfasern völlig" 
homogenes Gewebe umgewandelt werden könne, und diese Erklärung scheint mir auch 
richtiger, als die, zu welcher Demours durch jene überraschende Erscheinung de* 
spurlosen Verschwindens von Hornhautnarben bestimmt wurde. Dieser Auetor meinte- 
nämlich, die Cornea wachse vom Rande her nach, wie der Nagel von der Matrix, und 
auf diese Weise werden bisweilen Hornhautnarben völlig eliminirt. Ich brauche wohl 
kaum zu erwähnen, dass diese Erklärung mit unsern Kenntnissen über Anatomie und 
Physiologie der Cornea durchaus nicht im Einklang steht, und dass dann kleine peri- 
pherische Cornealtrübungen oder eingeheilte fremde Körper, z. B, Rostflecke, Pulver- 
körner, allmälig von der Peripherie gegen das Centrum vorrücken müssten. Wollte 
man jene Erscheinung des endlichen Verschwindens von Narben ja als Nachwachsen 
gesunder Cornea betrachten, so müsste wenigstens die von den tiefern Cornealgefässer» 
durchzogene tiefste Schicht der Cornea als Matrix angenommen werden. 

Die vorzüglichsten Bedingungen zur Regeneration zerstörter Horn- 
hautpartien sind: 

1. Dass die Descemet'sche Haut unversehrt geblieben, nicht bleibend 
vorgewölbt noch eingerissen wurde ; wenn letzteres statt gefunden, so 
darf der Riss nicht gross gewesen sein, und es müssen sich die Zipfel 
derselben, welche beim Einreissen entstanden, nachträglich wieder voll- 
kommen mit einander vereinigt haben. Wo immer die Descemet'sche 
Membran in ihrer Continuität bleibend gestört ist, z. B. durch Einheilung 
eines Theiles der Iris in die Cornealöffnung, da kann von einer Wieder- 
aufhellung der Cornea an dieser Stelle keine Rede sein. 

2. Jugendliches Alter des Kranken und günstiger Zustand der Er- 
nährung überhaupt. Die schlagendsten Fälle von Regeneration der Cornea 
findet man unstreitig bei Kindern, welchen in Folge von Blennorrhoe eine 
mehr weniger beträchtliche Partie der Cornea zerstört worden war. Bei 
herabgekommenen, namentlich bei alten Individuen hinterlassen relativ 
kleine Geschwürchen der Cornea bleibende Trübungen. 

3. Ein gewisser Grad von Reaction (Vergl. S. 103). Nicht nur die 
Ausfüllung der Vertiefung mit plastischem Exsudate, sondern auch dessen 
Umwandlung in Fasern, welche der Cornea homogen sind, kann durch 
äussere Einflüsse bald befördert, bald behindert und vereitelt werden. 
Der alte Erfahrungssatz, dass unter Anwendung von Bleisalzen Hornhaut- 
geschwüre zwar leichter vernarben, aber auch unheilbare Trübungen hin- 
terlassen, ist eben so wahr als bekannt. — Die nähere Erörterung dieser 
und ähnlich wirkender Umstände kann erst später gegeben werden. 

a) Blosse Erosionen oder Epithelialverluste, wie wir sie in Folge 



Geschwüre — Erosionen — Resorptionsgeschwüre. 219 

von katarrhalischen und rheumatischen Entzündungen, am reinsten aber 
nach leichten Verletzungnn mit mechanisch- oder chemisch-wirkenden 
Substanzen beobachten, ersetzen sich in jedem Alter ohne erhebliche 
Reaction vollständig, selbst wenn sie über einen grossen Theil der Cornea 
sich ausdehnen. Sie erfordern keine besondere örtliche Behandlung. 

b) Sogenannte Facetten oder Resorptionsgeschwüre erstrecken sich 
nicht, wie man fälschlich angegeben, bloss auf das Epithelium, sondern 
stets auch auf die obersten Schichten der Cornealfasern. Hieven kann 
man sich überzeugen, wenn man eine derart facettirte Cornea aus dem 
Cadaver nimmt, und das Epithelium überall abstreift; an der Stelle der 
Facette bleibt ein mehr weniger tiefes Grübchen in der Hornhautsubstanz 
zurück. Diese Resorptionsgeschwüre, welche am häufigsten nach Con- 
junctivitis scrofulosa mit Bläschenbildung zurückbleiben, werden bei eini- 
germassen lebenskräftigen Individuen in kurzer Zeit unter den Erschei- 
nungen eines wenig oder gar nicht gereizten Zustandes des Auges von 
plastischem Exsudate ausgefüllt, welches in der Tiefe Hornhautfasern, an 
der Oberfläche Epithelium bildet, und in relativ kurzer Zeit vollkommen 
durchsichtig wird. Sie können aber auch Monate lang ziemlich unver- 
ändert fortbestehen, bevor es zu dieser Umwandlung kommt. Findet hin- 
gegen übermässige Reizung statt, wird das Anschiessen plastischen Stoffes 
gleichsam präeipitirt, so bleibt derselbe längere Zeit trüb, es bildet sich 
eine grauliche, später bläuliche und halbdurchsichtige Narbe, welche 
jedoch, wenn sie noch nicht Jahre lang bestunden hat,, und das Indivi- 
duum nicht zu sehr herabgekommen ist, von selbst verschwinden oder 
durch örtliche Reizmittel zum Schwinden gebracht werden können. — 
Sie erfordern nur dann die Anwendung leichter Reizmittel, wenn sie ohne 
Zeichen von Reizungen des Bulbus lange Zeit unverändert fortbestehen. 
Eine schwache Lösung von Nitras argenti oder das Betupfen mit anfangs 
verdünntem, später mit reinem Laudanum liq. Sydenh. schienen mir die 
zweckmässigsten örtlichen Mittel, den Ersatz des Substanzverlustes zu be- 
günstigen. 

Ich habe einige Male derlei kleine Trübungen im Cadaver zu untersuchen Gele- 
genheit gehabt und gefunden, dass wenn ich die Cornea mit einem Scalpell abgeschabt 
hatte, um den Epithelialüberzug vollständig zu entfernen, an der Stelle der Trübung 
nur eine seichte Depression oder ein leichtes Grübchen zurückblieb, woraus ich schlies- 
sen möchte, dass daselbst wegen unzureichender Reaction die Cornealfasern nicht er- 
setzt, und die Vertiefung durch dicker aufgehäuftes Epithel ausgefüllt wurde; denn 
vor dem Abschaben hatte ich in mehreren Fällen, wo ich genau darnach forschte, daselbst 
nicht die mindeste Vertiefung wahrnehmen können. Solche Trübungen Hessen sich im 
Leben vielleicht dadurch beseitigen, dass man das Epithelium abschabte, und hiedurch 



220 Hornhaut. 

zugleich das Anschiessen plastischen Exsudates und die Bildung von Cornealfasern an 
jener Stelle einleitete. Es ist jedoch mehr als wahrscheinlich, dass man diesen Zweck 
auch durch andere Mittel erreichen kann, wie wir in dem Abschnitte über Hornhaut- 
trübungen nachweisen werden. 

c) Die Eitergeschwüre sind bald sehr klein, wie häufig bei Con- 
junctivitis scrofulosa, bald sehr gross, selbst über die ganze Cornea aus- 
gedehnt, wie bei der Bindehautblennorrhöe. — Die Ränder sind entweder 
sehr steil oder terrassenförmig; sie sind nur dann unterminirt, wenn das 
Geschwür aus einem Abscess entstanden ist, oder wenn der Eiter sich 
zwischen den Faserschichten der Cornea senkt; sie erscheinen dann ein 
wenig eingesunken, während sie sonst gewöhnlich etwas erhaben oder 
aufgeworfen erscheinen (durch Erweichung und Infiltration). — Das 
Wichtigste dabei ist, zu bestimmen, ob sie noch den entzündlichen Char- 
akter an sich tragen, oder mehr in einem torpiden Zustande verharren, 
oder aber zur Heilung sich anschicken,*} Im ersteren Falle erscheint 
die nächste Umgebung leicht getrübt und gelockert oder geschwellt, der 
Process von Thränenfluss, Lichtscheu, lebhafter Injection der entspre- 
chenden vordem Ciliar- und ßindehautgefässe, wohl auch von mehr we- 
niger lebhaften Schmerzen im Auge und dessen Umgebung oder selbst 
von ödematöser Schwellung des obern Augenlides begleitet, und der Sub- 
stanzverlust greift sichtlich (in wenig Tagen) in die Tiefe oder Breite, 
allein oder zugleich, um sich. — Im 2. Falle fehlen die genannten Re- 
actionserscheinungen ganz oder grösstenteils ; es können sich wohl auch, 
wie im 1. Falle, eine Menge von erweitesten Gefässen entwickeln, welche 
vom Limbus conjunctivae zum Geschwüre laufen, aber die Grösse des 
Geschwüres und die Infiltration der Ränder nimmt sichtlich weder zu 
noch ab, der Zustand bleibt viele Tage, ja Wochen-lang ziemlich unver- 
ändert, bis endlich Durchbruch der Cornea und hiemit stärkere Reaction 
eintritt. Diesen Charakter zeigen die Geschwüre gern, wenn sie klein 
aber tief sind, und etwas weiter vom Rande der Cornea entfernt sitzen. 
— Tritt Heilung ein, so werden die Ränder und allmälig auch der Grund 
reiner, und es schiesst plastische Lymphe an, welche die Vertiefung 
allmälig ausfüllt. Dieses Anschiessen plastischer Lymphe ist nicht selten 
von Gefässentvvicklung in der Tiefe der Hornhautsubstanz begleitet, oder 
vielmehr diese geht demselben schon voraus. Bei grösseren Geschwüren, 
namentlich wenn sie nahe an den Hornhautrand reichen, entwickeln sich 
oft, als Zeichen der beginnenden Vernarbung, auch an der Oberfläche 

*) Ich brauche woh! kaum zu erinnern, dass mit dieser Unterscheidung nur einige Anhaltspunkte, keine haarscharfe 
Sunderuug gegeben sein seil. 



Geschwüre — Eitergeschwüre — Heilung — Narben. 221 

eine Masse Gefässe, vom Limbus conjunctivae und unter demselben 
hervor kommend, dicht an einander gedrängt, und einen förmlichen* Wulst 
bildend, oder einzeln; endlich nehmen diese Gefässe an Zahl und Umfang 
ab, und in demselben Maasse erscheint die ausgeschwitzte Lymphe minder 
klar, wird graulich, allmälig dichter und trüber, von einzelnen Gefässchen 
durchzogen, zuletzt auch eben, sich dem Niveau der unversehrten Um- 
gebung anschliessend, oder etwas deprimirt, selten darüber erhaben und 
höckerig. Jene Partien der Cornea, welche unter starker Gefässentwick- 
lung restituirt werden, erlangen weit seltener einen so hohen Grad von 
Durchsichtigkeit, wie die durch Anschliessen von Lymphe unter minder 
heftigen Erscheinungen ersetzten. Doch hat auf die Möglichkeit der nach- 
folgenden Aufhellung auch der Umstand Einfluss, ob die tiefern Hornhaut- 
schichten ihre normale Wölbung beibehalten oder nicht ; wo diese stär- 
ker vorgetrieben wurden, erlangt das die oberflächlichen Schichten er- 
setzende Exsudat nie völlig die Eigenschaften normaler Hornhautsubstanz. 
In Bezug auf die Behandlung solcher Hornhautgeschwüre an und 
für sich kann füglich auf das bei Besprechung der Conjunctivitis scro- 
fulosa S. 103 lit. e Gesagte verwiesen werden. Prognosis und Therapie 
können jedoch durch mancherlei Folgezustände der Cornealgeschwüre 
wesentlich modificirt werden, und desshalb müssen wir diesen letzteren 
eine ausführlichere Betrachtung widmen. 

1. Der Substanzverlust wird vollständig durch plastisches Exsudat 
gedeckt , welches früher später in vollkommen durchsichtige Horn- 
hautsubstanz mit normalem Epithelium an der Oberfläche umgewandelt 
werden kann, mithin, wenigstens mit der Zeit, völlige Heilung zulässt. 
Das den Übergang bildende trübe Gewebe kann als eine Art von provi- 
sorischem Callus betrachtet werden. Unter welchen Bedingungen dieser 
Ausgang zu erwarten stehe, wurde bereits (S. 218) angegeben. Welche 
Mittel anzuwenden sind, um diese Aufhellung zu begünstigen, werden wir 
in dem nächsten Abschnitte (über Hornhauttrübungen) erörtern. 

2. Ersatz des Substanzverlustes durch Exsudat, welches als Nar- 
bengewebe gleichsam auf einer niedrigeren Organisationsstufe stehen 
bleibt, und nie mehr eine Aufhellung zulässt. Dieses einfache Faser- 
oder Narbengewebe füllt entweder die Grube vollständig aus, oder un- 
vollständig, mit einer Depression oder Abplattung (ein sehr häufiger Fall), 
oder es ragt etwas über das Niveau der nicht zerstörten Umgebung 
empor, auch bei unveränderter Wölbung der tiefsten Schichten und der 
Wasserhaut. Der erste und zweite Zustand können zugleich vorkommen, 
dieser in der Mitte oder nach der einen Seite hin, jener in der Umge- 



222 Hornhaut. 

bung oder überhaupt da, wo die Zerstörung minder tief eingedrungen 
war; der letzte Befund ist immer mit krankhafter Epithelialproduotion 
vereint, und relativ selten. — Solche unheilbare Trübungen stehen zu 
befürchten, wenn der Substanzverlust (auch ohne Durchbruch) sehr tief 
geht, namentlich bei sehr steilen Geschwürsrändern, wenn torpide Eiter- 
geschwüre sehr lange fortbestehen, wenn das Individuum älter oder sehr 
herabgekommen ist, wenn das Auge durch örtliche Mittel überreizt wird; 
namentlich sind es die bleihaltigen, nach Kunier auch die aus Kupfer-, 
Zink- oder Kadmium-Salzen und Opiumtinctur bereiteten Augenwässer, 
welche in dieser Beziehung nachtheilig wirken. 

3. Der Eitersenkung {Unguis, Onyx) zwischen den Faserschichten 
der Cornea wurde bereits mehrmal Erwähnung gethan. Beim Bestände 
eines Eitergeschwüres in der Cornea sieht man nicht selten einen gelben 
Streifen, ähnlich der Lunula am Nagel oder einem Halbmonde, an der 
tiefsten (abhängigsten) Stelle der Cornea, einen kleinen Congestions- 
abscess, welcher indess nach oben nicht immer durch eine gerade oder 
regelmässig gekrümmte Linie begrenzt ist. 

4. Eiterbildung in der vordem Augenkammer (Hypopium), welche 
höchst wahrscheinlich das Ergebniss von Iritis ist. Wir haben bereits 
mehrmal erwähnt, dass bei grösseren, und namentlich bei tieferen Horn- 
hautgeschwüren und bei Hornhautabscessen (Vergl. S. 37, 196) die Zeichen 
von Iritis bemerkt werden. Diese Iritis tritt nur bisweilen mit der Bildung 
reichlichen eiterähnlichen Exsudates in der vordem Augenkammer auf, 
welches, indem es die unterste (abhängigste) Stelle einnimmt, zu oberst 
durch eine gerade oder Bogenlinie begrenzt erscheint, und in seltenen 
Fällen sogar mehr als die Hälfte der Augenkammer einnimmt. 

Wenn die Eiteransammlung nicht sehr bedeutend ist, kann die Be- 
antwortung der Frage, ob man Unguis oder Hypopium vor sich habe, 
sehr schwierig, selbst unmöglich sein, wenigstens für den Augenblick. 
Der Eiter senkt sich, er mag zwischen den Faserschichten der Cornea 
oder zwischen Cornea und Iris eingeschlossen sein, stets nach der tiefsten 
Stelle, und wechselt somit seinen Ort je nach der Stellung oder Lage 
des Kranken. Auf die Zeit, binnen welcher diese Ortsveränderung er- 
folgt, darf man desshalb nicht viel Gewicht legen, weil ein dünner Eiter 
zwischen den Hornhautfasern früher seine Lage ändern wird, als ein 
dicker Eiter in der Augenkammer, und weil wir eben ein anderweitiges 
Kennzeichen für die Consistenz des Eiters nicht besitzen. Zudem macht 
sich die Attraction der festen Wandungen der Augenkammer auf dieses 
Contentum um so mehr gegen das Gesetz der Schwere geltend, je ge- 






Geschwüre — Unguis — Hypopium. 223 

ringer dessen Menge ist. Ingleichen kann eine kleine Quantität in der 
Cornea eingeschlossenen Eiters sich dem Auge des Beobachters, wenn 
er die Cornea gerade von vorn betrachtet, ebenso leicht entziehen, als 
Eiter in der Augenkammer, wenn er zwischen den hintersten Faser- 
schichten der Cornea gelagert ist, und somit durch die Scleralfalze ge- 
deckt wird. Eher noch kann eine scharfe Loupe Aufschluss geben. Sitzt 
nämlich der Eiter zwischen den Faserschichten, so erscheint er der 
Oberfläche der Cornea näher, und für die Oberfläche der Cornea gibt der 
Limbus conjunctivae einen Anhaltspunkt, wenn nicht! oberflächliche Ge- 
fässchen, welche aus dem Limbus in's Bereich der Cornea hineinragen. 
Ganz sicher aber kann man über den Sitz der Eiteransammlung in der 
Cornea dann sein, wenn sich von dem Geschwüre bis zum Unguis ein 
trüber Streifen gleichsam als Bahn des Eiters zwischen den Faserlagen 
der Cornea verfolgen lässt, was indessen nur selten der Fall ist. Dennoch 
habe ich es beobachtet, und begreife desshalb nicht, wie man überhaupt 
an der Eitersenkung in der Cornea, an dem Vorkommen der Unguis 
zweifeln konnte. — Andererseits kann bei geringer Eiteransamm- 
lung nur die Gegenwart von unzweifelhaften Symptomen der Iritis den 
Ausschlag für Hypopium geben. Die Verengerung der Pupille und die 
geringere Beweglichkeit der Iris können jedoch hier nichts entscheiden, 
da beide Symptome auch bei einfachen Hornhautgeschwüren (ohne Unguis 
oder Hypopium) vorzukommen pflegen. Ist aber mehr Eiler vorhanden, 
dann kann man sich hinreichende Gewissheit über dessen Sitz ver- 
schaffen, wenn noch eine Partie der Cornea so weit durchsichtig ge- 
blieben ist, dass man durch dieselbe zwischen der Iris und Cornea hin- 
einsehen kann, was in der Regel von oben her am ehesten möglich ist. 
Unguis und Hypopium bilden sich jederzeit nur bei jenem Zustande 
der Eitergeschwüre, welchen wir als den entzündlichen geschildert haben. 
Beide, insbesondere aber das Hypopium, bestehen aber bisweilen noch 
fort, wenn der Zustand des Cornealgeschwüres mehr ein torpider ge- 
worden ist. In Bezug auf die Behandlung müssen wir daher auf die S. 
103 und 197 gegebenen Anhaltspunkte verweisen. Am schwierigsten ist 
es zu bestimmen, wenn man von der antiphlogistischen zu der reizenden 
Behandlung zu übergehen habe. Es ist mir, zur grossen Belehrung meiner 
Kliniker widerfahren, dass der bereits verschwundene Unguis wieder er- 
schien, nachdem ich (vorzeitig) Laudan. liq. eingeträufelt, oder die Wu- 
cherungen der Bindehaut (bei Trachoma) mit Cuprum sulfur. touchirt hatte, 
und zwar in demselben Falle 2— 3mal. Sie konnten so am besten durch 
eigene Anschauung kennen lernen, wie vorsichtig man mit den gegen 



224 Hornhaut. 

Hornhautgeschwüre viel zu allgemein empfohlenen örtlichen und allge- 
meinen Reizmitteln sein müsse. — Die Folge des Unguis ist, sobald man 
nicht vorsichtig zu Werke geht, Zerstörung der Cornea in grossem Um- 
fange. Die Folgen des Hypopium sind zunächst fürchterliche Schmerzen, 
wie bereits auseinandergesetzt wurde, weiterhin Zerstörung der Cornea, 
selbst des ganzen Bulbus, aber auch in günstigeren Fällen die Ausgänge 
der Iritis, wovon später. 

5. Wenn die tiefsten Schichten in etwas grösserer Ausdehnung 
bloss gelegt sind, # und, bevor sie noch durch Exsudat gedeckt wurden, 
dem Andränge des Kammerwassers nachgeben, oder, wenn diess mit der 
allein noch unversehrten Wasserhaut geschieht, so entsteht der Zustand, 
welchen man Keratokele genannt hat. Es erhebt sich aus dem Grunde 
des Geschwüres ein krystallhelles Bläschen, oder es wird der mehr we- 
niger umfangreiche und früher concave Grund des Geschwüres in Form 
einer kleinen Kuppel convex. Die weitern Folgen sind verschieden, je 
nachdem diese Keratokele berstet oder nicht. 

Die Folgen des Durchbruches werden wir unter 6. betrachten. Ent- 
steht kein Durchbruch, was nur selten geschieht, so wird das jene Vor- 
treibung allmälig überkleidende Exsudat in der Regel in eine undurch- 
sichtige und stationäre Narbensubstanz verwandelt. Als seltener Ausgang 
kommt hier das vor, dass die in grösserem Umfange (auf 1"' Durch- 
messer und darüber) bloss gelegten und kuppelartig über das Niveau der 
Umgebung vorgewölbten tiefern Faserlagen einen Überzug von Exsudat 
erhalten, welches stellenweise oder durchaus einen sehr hohen Grad von 
Durchsichtigkeit erlangt, nachdem es fest geworden und mit Epithel über- 
zogen ist; nur rings herum bezeichnet constant ein permanent undurch- 
sichtiger Reifen die Stelle, wo die vorgewölbte Partie mit den oberfläch- 
lichen Faserlagen der Umgebung verwachsen ist. Dieser Zustand, der 
eigentlich nichts anders als eine stationär gewordene Keratokele ist, 
wurde bisher in seiner Bedeutung und Entstehung meistens verkannt. 
Einige Auetoren rechneten ihn zu den Staphylognen, und nannten ihn 
Staphyloma pellucidum, und zwar je nach der Form bald conicum, bald 
globosum; andere hielten ihn mit dem, was man Keratokonus oder Hy- 
perkeratosis genannt hat, für identisch, worauf wir später zurück kommen 
werden; nur Prof. Rosas (Lehrb. S. 738) hat denselben unter dem 
Namen Keratokele seu Uvalio corneae ziemlich getreu beschrieben. Die 
grösste stationäre Keratokele, welche ich gesehen, glich der Hälfte einer 
Zuckererbse; die hemisphärische Vortreibung war nicht central, mehr 
nach oben und aussen gelesen, ringsum von einem schmalen weissen 



Geschwüre — Keratokele — Durchbruch. 225 

Reifen umgeben, an der Oberfläche vollkommen glatt und glänzend, stel- 
lenweise halb-, grösstenteils aber ganz durchsichtig, die vordere Kammer 
entsprechend vergrössert, in der Pupille einige Exsudatfäden. — Der Vor- 
schlag, dieser Vorwärtswölbung dadurch zuvorzukommen, dass man den 
Humor aqueus durch einen seitlich gemachten Einstich abzapft, verdient 
gewiss Beachtung. Nach eigener Erfahrung kann ich indess noch kein 
Urtheil darüber abgeben. Man wird in jedem speciellen Falle in Er- 
wägung ziehen müssen, ob ein solcher Einstich ohne Gefahr, starke Re~ 
action zu erregen, geschehen könne oder nicht. Ist die Keratokele einmal 
fest geworden, dann nützt weder die Punction noch die Ätzung derselben 
mit Lapis. 

6. Wenn in Folge eines tiefer dringenden Geschwüres die Desce- 
mefsche Haut berstet, so fliesst zunächst der Humor aqueus aus, und der 
Bulbus ändert seine Form. Zwischen den Wandungen und dem Inhalte 
des Bulbus findet nämlich, da beide elastisch sind, permanent ein ge- 
wisser Grad gegenseitigen Druckes statt. Wird dieser plötzlich an einer 
Stelle gehoben, so muss das Kammerwasser schon aus dieser Ursache 
allein nach dieser Stelle gedrängt werden und ausfliessen, selbst dann, 
wenn die Öffnung nach oben gerichtet ist. Das Gesetz der Schwere 
kommt hier gar nicht in Betracht. Wohl aber kann eine verstärkte Cou- 
traction der Augenmuskeln sowohl das Bersten der Wasserhaut als auch 
den Ausfluss des Kammerwassers begünstigen und beschleunigen. 

Die Augenmuskeln sind im Stande, einen Einfluss auf die Hülle und den Inhalt 
des Bulbus zu üben, sobald erstere in ihrer Integrität (Continuität, Elasticität und Re- 
sistenz) gestört ist. — Denken wir uns den Bulbus durch eine Kreislinie in eine vor- 
dere und hintere Halbkugel geschieden, und nennen wir jene Linie den Äquator, das 
Centrum der Cornea den vordem, das der Sclera den hintern Pol, so liegen die In- 
sertionsstellen der Muse, recti einige Linien diesseits, die der Muse, obliqui mehrere 
Leuen jenseits des Äquators. Die fixen Punkte der M. recti liegen rings um das Fora- 
m n optieum. die der M. obliqui am Orbitalrande (ohngefahr in gleicher Ebene mit der 
Basis corneae). Denken wir uns nun den Bulbus fix, sein Centrum (den Drehpunkt) 
unverrückbar; so sind auch die Insertionsstellen jener Muskeln am Auge fixe Punkte 
(im Momente simultaner, gleichmassiger Contraction) , und dieselben müssen, da sie 
offenbar krumme Linien beschreiben (mit der Concavität sich an den grössten Umfang 
des Bulbus am Äquator anschmiegen), bei jeder simultanen stärkern Contraction einen 
erhöhten Druck auf die Sclera und hiemit auch auf den Glaskörper ausüben, sobald 
der Bulbus überhaupt compressibel ist. Compressibel ist er aber ganz gewiss, sobald 
seine Hülse (Cornea oder Sclera) ihre Resistenz und Elasticität verloren, und noch 
mehr, sobald die Cornea durchbrochen ist. — Es ist klar, dass man über diese Frage 
im Beinen sein muss. wenn man die consecutiven Zustände tieferer oder durchboh- 
render Cornealgeschwüre deuten will. Ich hatte desshnlb in meinem oben citirten 
Aufsatze über das Hornhautslaphyloni diesen Einfluss der Muskeln auf die Contenta des 
ah., l. \ 5 



226 Hornhaut. 

Bulbus aus pathologischen Beobachtungen nachzuweisen versucht, und ihn kurzweg als 
Vis a tergo bezeichnet. Szokahki*) gebührt das Verdienst, denselben im Wege des 
Experimentes erwiesen zu haben. „Vor der Entdeckung der erschlaffenden Eigenschaft 
des Äthers und des Chloroforms gelang es mir in nieinen ophthalmologischen Vorle- 
sungen nie, die Extraction der Cataracta an Kaninchen zu demonstriren ; unmittelbar 
nach dem Hornhautschnitte sprang die Linse aus dem Auge heraus." „Schneidet man 
an einem Kaninchen alle geraden Muskeln des einen Auges durch, und öffnet man 
dann die Hornhaut auf beiden Augen so, wie man es bei der Extraction der Cataracta 
zu machen pflegt, so stürzt die Linse aus dem Auge vor, dessen Muskel unberührt 
blieben, während sie in dem vorher präparirten Auge ganz ruhig an ihrer Stelle bleibt. 
Dieser Umstand zeigt augenscheinlich, dass es die geraden Augenmuskeln sind, welche 
die Linse nach vorn drängen." Jener Einfluss der Augenmuskeln macht sich insbeson- 
dere geltend, so oft andere Muskelgruppen in erhöhter Thätigkeit sind; so beim Hu- 
sten, beim Erbrechen, bei stärkerer Wirkung des Preliun abdominale, beim Heben 
schwerer Lasten u. dgl. Sie erfolgt gegen unsern Willen, synergisch. — Halten wir 
uns diese Thatsachen gegenwärtig, so werden wir leicht begreifen, warum Ruhe des 
Körpers vor Allem nothwendig ist, wenn durchdringende Geschwüre oder Wunden der 
Hornhaut heilen sollen. Es ist eine bekannte Sache, dass man Leuten, denen die ver- 
dunkelte Linse extrahirt wurde, in den ersten Tagen nichts Hartes zum Kauen gibt, 
dass man ihnen verbietet, sich z. B. mit den Füssen anzustemmen, um sich auf ihrem 
Lager höher hinaufzuschieben u. s. w. ; es ist eine bekannte Sache, dass wenn ein 
derart Operirter vom Niesen oder Husten befallen wird, die bereits verharschte Horn- 
hautwunde leicht wieder aufreisst, gleichviel, ob der Schnitt nach oben oder nach unten 
geführt wurde. 

So wie der Humor aqueus ausfliesst, erfolgt weder ein merkliches 
Einsinken der Cornea, noch Eintritt von Luft in die Kammer, sondern 
Iris und Linse rücken vorwärts, und somit auch der Glaskörper, was 
nicht gedacht werden kann, ohne dass die Sclera mit der Neiz- und Ader- 
haut letzterem folgen; mit andern Worten: der Bulbus wird in seinem 
Umfange kleiner, seine Durchmesser im Äquator werden relativ kürzer, 
itidess die Achse von einem Pole zum andern dieselbe bleibt. Erfolgt 
der Abiluss des Kammerwassers mit einer gewissen. Rapidität, was nur 
bei grössern Hornhautöffniingen und unter gesteigerter Contraction der 
Augenmuskeln zu geschehen pflegt, so kann in diesem Momente zugleich 
die Zonula Zinnii einreissen, und Glaskörper ausfliessen, oder, was sel- 
tener geschieht, die vordere Kapsel bersten, worauf wir später zurück- 
kommen. — Ob bei diesem Vorgänge sogleich oder erst später auch ein 
Theil der Iris mit in die Hornhautöffnung hineingedrängt werde, hängt 
theils von der Lage und Grösse dieser letzteren ab, theils von der Ge- 
schwindigkeit des Stromes, mit welcher das Kammerwasser ahfliesst, **) 

-) II. .»er und WunderKch's Archiv, 7. Jahrgang S. »595. 
"') Di-ui Voi fallen rler Iris beim Hqri\uaii(schnilte behufs ilcr Extractian ISssl sich bekanntlich am beste« vorbeugen. 



Geschwüre — Diirchhruch — Fistel. 227 

theils endlich von dem Einflüsse, welchen die Augenmuskeln nachträglich 
ausüben. 

Fragen wir uns nun, ob unter solchen Umständen noch Heilung 
möglich sei, unter welchen Bedingungen, und wie sie zu Stande kommen 
könne, überhaupt welche Folgezustände zu erwarten stehen, so müssen 
wir vor allem unterscheiden: an welcher Stelle der Durbruch erfolgte, 
wie gross die Öffnung in der Descemet' sehen Haut, wie weit die Zer- 
störung der Hornhaulfasern in den oberflächlichen, wie weil in den tie- 
fem Schichten um sich gegriffen habe, ob eine weitere Zerstörung 
noch ferner zu besorgen sei, ob auf lebhaften Stoffwechsel und auf Ruhe 
van /Seite des Kranken -zu rechnen sei, ferner ob die Iris bloss ange- 
lagert oder in die Öffnung mehr weniger stark hineingetrieben sei, ob 
ein so/elter Vorfall seif kurzem oder schon lange bestehe, ob die vor- 
gefallene Iris entzündet sei, und endlich ob dem Abflüsse des Kammer- 
wassers Schranken gesetzt seien, oder nich}. 

Jeder sieht ein, dass, wenn das Auge nicht zu Grunde gehen soll, 
dem Aussickern des Humor aqueus zuerst bleibende Schranken gesetzt 
werden müssen. Dieser Zweck wird zunächst durch mechanische Ver- 
legung oder Verstopfung der Ausflussöffnung, weiterhin aber durch or- 
ganische Schliessung, durch Verwachsung mittelst plastischen Exsudates 
vermittelt. Zur Verlegung oder Verstopfung der Öffnung dient in den 
meisten Fällen die Iris, selten die Kapsel allein, bisweilen beide zugleich. 
Dieser mechanische Abschluss der Atigenhülse ist unerlässliche Bedin- 
gung zu dem nachfolgenden organischen. Würde das Kammerwasser fort- 
während aussickern können, so würde eine Vereinigung der Geschwürs- 
ränder durch plastisches Exsudat niemals zu Stande kommen. Das erste 
günstige Zeichen nach erfolgtem Durchbruche der Cornea ist demnach 
das, dass sich zwischen der Iris und Cornea wieder Humor aqueus an- 
sammelt, und zwar nicht bloss auf einige Stunden, sondern bleibend. 
Letzteres findet nur dann statt, wenn von Seite der Geschwürsränder 
plastisches Exsudat geliefert wird, und den Grund der Öffnung ausfüllt 
oder überzieht, oder wenn die Iris förmlich in die Öffnung eingeklemmt 
wird. Den Zustand permanenter oder häufig wiederkehrender Entleerung 
des Kammerwassers durch eine solche Hornhautöffuung nennt man Horn- 
hautfistel. Wenn er Wochen- Monate-lang besteht, so führt er endlich 



wenn man den Schnilt nicht zu rasch beendig!, und umgekehrt lässt sich bei der Beer'schen Irideklomie das 
hier erwünschte Vorfallen der Ins g;e«öhnlich dadurch erzielen, dass man das pyramidale Messer tiefer einstössl 
und sehr ra ch zurückzieht. 

15* 



228 Hornhaut. 

zu bleibender Lageveränderung der Linse und der Iris mit mehr weniger 
deutlicher Abplattung der Cornea, oder Verkleinerung des ganzen Bulbus, 
wenn nicht — auf gewisse Veranlassungen — zu heftiger, mit Eiterung 
verlaufender Entzündung sämmtlicher Gebilde {? anophthalmitis) und end- 
lich zu Phthisis bulbi. 

Von der grössten Wichtigkeit ist das Verhalten der Descemet'schen 
Haut. Dieselbe reisst im Momente der Berstung in Zipfel, und diese 
schlagen sich nach aussen um den Geschwürsrand um. Wird demnach 
die Iris nicht weit in die Öffnung hineingetrieben, so kommt sie mit den 
Geschwürsrändern gar nicht in Berührung. Das fernere Verhalten ge- 
staltet sich nun verschieden je nach der Grösse des Einrisses und der 
hiedurch gebildeten Zipfel der Wasserhaut. 

Ist die Öffnung central gelagert, oder peripherisch, aber so klein, 
dass die Iris gleichfalls nicht stark in dieselbe hineingedrängt werden 
kann, so können jene Zipfel allmälig wieder in ihre ursprüngliche Lage 
zurückgedrängt werden, und zwar dadurch, dass von den Geschwürs- 
rändern plastisches Exsudat abgelagert wird. Während nun der Abfluss 
des Kammerwassers noch rein mechanisch abgehalten wird, werden jene 
Zipfel einfach wieder an einander gelegt und durch mehr weniger mächtig 
aufgelagertes Exsudat in ihrer Lage erhalten. Hiernit ist der organische 
Ahschluss der Augenhülse gegeben, und zwar bleibend, wenn die zarte 
Exsudatschichte nicht durch wiederholten stärkern Andrang des Kammer- 
wassers durchbrochen wird. Ist aber dieser Abschluss geschehen, dann 
ist auch der physicalische Grund entfallen, durch welchen Iris oder Kapsel 
an die Cornea angedrängt wurden, der Humor aqueus sammelt sich zwi- 
schen Iris und Kapsel einerseits und • zwischen der Cornea anderseits 
wieder an, und der weitere Verlauf ist von nun an derselbe, wie bei 
tiefern Hornhautgeschwüren überhaupt. Das Merkwürdige dabei aber ist 
das, dass es Fälle gibt, wo sowohl der Einriss der Descemet'schen Haut 
als die darüber gebildete provisorische Hornhautnarbe mit der Zeit spurlos 
verschwinden, dass somit nicht jeder Hornhautdurchbruch eine unheil- 
bare Trübung hinterlassen muss. 

Diese Behauptung, so paradox sie auch erscheinen mag, besonders den Ansichten 
gegenüber, die- wir in verschiedenen ophlhalniologischen Schriften hierüber finden, 
ist nichts desto weniger wahr und auf unzweifelhafte Beobachtungen gestützt. Den 
Satz, dass die Dcscemet'sche Haut in Zipfel reisst, und sich gleichsam als schützender 
Überzug (gegen Berührung der Iris mit den Geschwürsländern bis zu einem gewissen 
Grade) über die Geschwür»riinder nach aussen umschlägt, hat zuerst mein verehrter 



Geschwüre — Durchbrach — Heilung — Prolapsus iridis. 229 

Freund Dr. Müdner*) durch zahlreiche Untersuchungen an Leichen nachgewiesen, und 
ich habe mich von der Richtigkeit seiner Angahen hierüber oftmals überzeugt. Ich habe 
ferner Fälle beobachtet, wo längere Zeit nach constatirtem Durchbrucoe der Hornhaut 
diese nicht die geringste Spur einer Trübung darbot; ich habe Fälle beobachtet, wo 
man die Stelle des Einschnittes, den man behufs der Extraction oder der Künstlichen 
Pupillenbildung in der Cornea gemacht halte, nach einiger Zeit nicht mehr aufzufinden 
vermag; ich habe überdiess Augen anatomisch untersucht, und ohne Spur einer Narbe 
in der Wasserhau! gefunden, obwohl aus anderweitigen Veränderungen (Trübung der 
Cornea gegenüber einem Ceutralkapselstaare) angenommen werden musste, dass die 
Cornea an dieser Stelle durchbrochen gewesen war. Da man jedoch diesen letzteren 
Schluss als einen Circulus vitiosus bezeichnen könnte, so will ich vorläufig nur anfüh- 
ren, dass auch in der Linsenkapsel, welche bekanntlich ganz gleiche Eigenschaft«* 
zeigt, wie die Descemet'sche Haut, kleinere Wunden spurlos vernarben können. Als 
Beleg für diese Behauptung führe ich einen von mir genau beobachteten Fall an, wel- 
chen Professor Fischer in seinem Lehrbuche (S. 324). veröffentlicht hat. Ein junger Mann 
starb (1840) den 17. Tag, nachdem ich die Zerstücklung eines weichen. Staares durch die 
Cornea vorgenommen hatte. Wir hatten deutlich einige Stückchen der Linse in die 
vordere Kammer treten und nach mehreren Tagen verschwinden gesehen ; die Kapseln 
waren also ganz gewiss eröffnet worden. Bei der Section, welche Professor Bochdalek 
mit seiner bekannten Genauigkeit vornahm, und bei welcher insbesondere die Kapseln 
näher untersucht wurden, weil der Staar so ausgesehen hatte, wie ihn ältere Auetoren 
als Kapsellinsenstaar schildern, fand sich, dass die Kapseln wohl schlaff, etwas eingesun- 
ken, aber nirgends getrübt waren, ja es Hessen sich sogar die Stellen der Einschnitte 
nicht auffinden, die Kapseln waren ohne Spur einer Narbe wieder völlig geschlossen, 
und die scheinbare Trübung der Kapsel erwies sich als ein feiner, leicht abschabbarer 
Beschlag ihrer Innenfläche mit trüber Rindensubstanz. 

Ist die Öffnung in der Wasserhaut etwas grösser, so wird, selbst 
wenn sie ziemlich central liegt, gewöhnlich ein mehr weniger grosser 
Theil der Iris in dieselbe hineingedrängt, sogleich oder nach einiger 
Zeit ; es entsteht das, was man Vorfall der Iris nennt. Auch durch eine 
nicht gar grosse Öffnung kann ein relativ grosser Theil der Iris heraus- 
gedrängt werden; die Grösse des Vorfalles ist also nicht nach der Basis 
allein zu beurlheilen. In der Regel spricht man von Prolapsus iridis nur 
da, wo noch mindestens 1 / 3 der Hornhaut nicht geöffnet ist; diesem 
Theile entsprechend ist dann auch noch vordere Augenkammer und, we- 
nigstens nach einiger Zeil, wieder Humor aqueus vorhanden, wenn nicht 
dessen Ausfliessen neben der blossgelegten Irispartie noch gestattet ist. 
Von der totalen Blosslegung der Iris werden wir erst später sprechen 
können. — Kleinere und frische Irisvorfal'e können wieder zurückgehen, 
ohne r'ass eine Verwachsung zwischen Iris und Cornea zurückbleibt, ja 
es kann selbst die Hornhaut an einer solchen Stelle wieder vollkommen 

£ J Präger medicinisohe Vierteljahrschriil. 13. B S 56. 



230 Hornhaut. 

durchsichtig werden, wenn sonst die Bedingungen hiezu vorhanden sind. 
Der grösste Prolapsus, welchen ich (ohne Synechie) heilen sah, war ohngefähr 
hanfkorngross. Es versteht sich von selbst, dass so ein Vorfall weder 
eingeklemmt noch entzündet sein darf. Die Iris muss durch die nach 
aussen umgeschlagenen Zipfel der Wasserhaut vor Verwachsung mit den 
Geschwürrändern der Cornea geschützt sein, und sie muss, so wie von 
diesen plastisches Exsudat abgelagert wird , zurückgedrängt werden 
können. Ich kann, auf unzweifelhafte Beobachtungen gestützt, gegen 
Ruete, von Walther u. A. ganz bestimmt behaupten, dass nicht jeder 
Prolapsus iridis eine vordere Synechie hinterlassen müsse. 

Wenn hingegen die Iris eingeklemmt oder entzündet ist, so ist auf die 
Heilung ohne bleibende Merkmale der frühern Vereinigung nicht zu rechnen. 
Einklemmung erfolgt, wenn eine grössere Irispartie in eine relativ enge 
Öffnung der Wasserhaut hineingetrieben wurde, Entzündung des vor- 
gefallenen Theiles erfolgt fast immer, wenn die Basis des Vorfalles 
grösser ist, mehr als l'/ 2 /// im Durchmesser beträgt; doch können auch 
kleinere Vorfälle sich entzünden, wenn sie stark eingeklemmt sind, oder, 
wenn sie von aussen stark gereizt werden, durch Collyrien, Salben, Be- 
tupfen mit Lapis, durch Staub u. dgl. Dann schwillt die blossgelegte Iris- 
partie an, wird dunkler gefärbt, später bJass- oder fleischrolh, oft deut- 
lich granulös, und hie und da von Gefässchen durchzogen. Eine solche 
Entzündung bleibt in der Begel auf die blossgelegte Partie beschränkt? 
und geht nur unter besonders ungünstigen Verhältnissen, bei neuerdings 
auf das Auge einwirkenden Schädlichkeiten, auf die ganze Iris über. Der 
entzündete Prolapsus bedeckt sich mit einer Schicht plastischen Exsudates, 
welches mit dem von der Cornea ausgeschwitzten in Eins verschmilzt, 
und nach erfolgter Organisation unzertrennliche Verbindung zwischen Iris 
und Cornea bedingt. Diesen Zustand hat man im Allgemeinen Synechia 
anterior genannt ; man gebraucht jedoch diesen Namen gewöhnlich nur 
zur Bezeichnung kleinerer Verwachsungen. Wenn nämlich die Hornhaut- 
narbe endlich völlig consolidirt , und die Augenkammer wieder herge- 
stellt erscheint, so nimmt die nicht betheiligt gewesene Irispartie wieder 
ihre normale Lage ein, und nur der getroffene Theil streicht zur Horn- 
hautnarbe vorwärts. In seltenen Fällen sieht man die Iris durchaus 
wieder in ihrer normalen Lage, und nur ein Faden fest gewordenen Ex- 
sudates, welcher von der Hornhautnarbe zu dem gegenüber liegenden 
Punkte der Iris verläuft, deutet auf den vorausgegangenen Zustand; mit- 
unter trifft man auch einen Fall, wo auch diese fadenförmige Verbin- 
dung zerrissen ist (durch Schrumpfung des Exsudates ?) und einige 



Geschwüre — Durchbrucli — Vord. Synechie. 231 

Parlikelchen vom Pigmente der Iris in die Hornhautnarbe eingeheilt sind, 
ein Befund, welcher um so gewisser als Rest der ehemaligen Verbindung 
zwischen Iris und Cornea gedeutet werden kann, wenn die gegenüber- 
liegende Partie der Iris noch in ihrer Farbe und Structur verändert er- 
scheint. Häufiger geschieht es, dass ein Theil der Iris ganz in die Horn- 
hautuarbe einheilt, und man denselben als einen bräunlich- oder bläu- 
lich-grauen oder schwarzen Fleck mitten in der Hornhautnarbe erkennt. 
Die altern Auetoren nannten diesen Zustand nach der Ähnlichkeit mit 
dem Kopfe eines in ein Brett geschlagenen Nagels Clavus. — Je nach- 
dem nun solche Narben mit verderer Synechie verschieden gelagert sind, 
oder verschieden grosse Stellen einnehmen, setzen sie mehr weniger 
Nachtheil für das Sehvermögen. Sitzen sie peripherisch, so schaden sie nur 
dann, wenn sie grösser sind, und eine merkliche Verziehung der Pupille 
nach dieser Gegend hin verursachen. Sehr hohe Vorfälle können, auch wenn 
sie keinen grossen Umfang an der Basis haben, selbst völlige Verschlies- 
sung der Pupille bedingen, indem ein zu grosser Theil der Iris in die 
Narbe eingelöthet wird. Die schlimmsten Fälle sind aber jene, wo das 
Cornealgeschwür mehr central sitzt, und der Pupillarrand theilweise oder 
total mit der Hornhaut verwächst; bleibt auch noch ein Theil des Pupil- 
larrandes frei, so wird diese Öffnung doch gewöhnlich durch die Narbe 
verdeckt, welche sich eben nicht bloss auf die Stelle der Verwachsung 
selbst beschränken muss, sondern sich in der Regel noch darüber hinaus 
erstreckt. Narben, welche die Spuren von vorausgegangener oder noch 
bestehender Verwachsung der Iris mit der Cornea in sich tragen, sind 
absolut nie mehr aufhellbar, wenigstens so weit nicht, als die Ver- 
wachsung oder deren Spur sich erstreckt. 

Den Vorgang, wo ein Vorfall spurlos zurücktritt, oder wo derselbe ohne blei- 
bende Vortreibung über das Niveau der Umgebung in die Wunde einheilt, bezeichnet 
man gewöhnlich mit dem Ausdrucke: „die vorgefallene Iris ziehe sich zurück." Diese 
Bezeichnung ist in so fern unrichtig, als dadurch der Iris eine gewisse Activität bei- 
gelegt wird, indess sie sich dabei doch mehr passiv verhält, ihre Contractionen auf 
den geschilderten Vorgang wenig oder gar keinen Einfluss nehmen. Die eingeklemmte 
oder entzündete Iris wird allmälig mit Exsudat überdeckt, welches, wenn nicht von 
der Iris zugleich, so doch von den Geschwürsrändern der" Cornea geliefert wird. 
Dieses den Vorfall überkleidende Exsudat wird allmälig fester und dichter, und ver- 
wandelt sich in eine anfangs durchsichtige, später graue oder bläulich-weisse Mem- 
bran, welche mit dem Hornhautgewebe ein Continuum bildet, und in dem Maasse 
schrumpft, als sie fester und resistenter wird. Dieses Exsudat ist nicht immer gleich- 
massig verbreitet, indem es stellenweise mächtiger ist; besonders da, wo der Ge- 
schwürsrand vorspringende Winkel (Vorsprünge in die Hornhautgrube) bildet, entstehen 
einzelne balkenähnliche Verbindungen gegenüberstehender Punkte des Geschwürsrandes 



232 Hornhaut. 

welche den Prolapsus in zwei, drei und mehrere Abtheilungen theilen. Hiedurch er- 
halten grössere Vorfälle einige Ähnlichkeit mit einer Brombeere oder mit einer Wein- 
traube- Wir werden diesen Zustand, welcher tu dem Namen Staphyloma racemosum 
Veranlassung gegeben hat, weiterhin noch einmal besprechen- — Nach dem Gesagten 
mag der Leser beurtheilen, was von dem allgemein aufgestellten Rathschlage zu halten 
sei, bei Irisvorl'allen Mydriatica anzuwenden, den Vorfall mechanisch zurückzuschieben, 
ihn mit Lapis infernalis zu ätzen, mit der Scheere abzuschneiden u. dgl. Wenn irgend 
wo, so gilt wohl hier der Satz: „Qui bene distinguit, bene medcbitur." 

7. Ist das durchbohrende Geschwür mehr central gelegen, so wird 
es, je nach der Lage und Ausdehnung der Öffnung in der Wasserhaut, 
entweder durch die Kapsel allein, oder durch diese und die Iris zugleich 
verlegt. Die Folge davon kann einfache Heilung mit oder ohne statio- 
näre Hornhautnarbe sein, oder es entsteht nebstdem eine Art Cataracta 
capsulae centralis, oder permanente Verwachsung der tordern Kapsel 
mit der Hornhautnarbe (mit oder ohne gleichzeitige Synechia anterior), 
oder es kommt zur Berstung der Kapsel und deren weiteren Folgen, 
die wir später erörtern werden. — So wie der Humor aqueus abfliesst, 
und Iris und Linse an die Cornea rücken, wird auch die Pupille constant 
verengert, und bleibt eng, bis die Cornealöffnung wieder geschlossen ist. 
Diess erklärt uns, warum die Kapsel, wenn sie bei Hornhautgeschwüren 
in Mitleidenschaft gezogen wird, stets nur in ihrem Centrum oder doch 
nicht weil davon erkrankt. Es ist übrigens eine interessante Erscheinung, 
dass, wie früher die Wasserhaut, so nach erfolgtem Durchbruche auch 
die Kapsel ihre Integrität oft durch viele Tage behauptet. *) Dieses Durch- 
sichtigbleiben der Kapsel setzt bekanntlich Kranke, deren Hornhaut durch 
Eiterung mehr weniger zerstört ist, für eine Zeit in den Wahn, sie 
werden wieder selten^ weil sie, nachdem die Kapsel bloss gelegt ist, 
wieder Gegenstände wahrnehmen. — Kehren wir indess zum eigent- 
lichen Gegenstande unserer Betrachtung zurück. War die Durchbruchstelle 
sehr klein, und beginnt in der Cornea der Process der Heilung mit der 
Reinigung des Geschwüres und dem Ansätze plastischer Lymphe, so kann 
bei Verlegung der Öffnung durch die Kapsel ganz dasselbe eintreten, 
was wir bei einfacher Verlegung durch die Iris beobachten. Wir sehen 
aber auch, namentlich bei etwas grösserer Öffnung, bisweilen eine andere 
Folge eintreten. Es bleibt nämlich auf der Kapsel, in oder nahe am 
Centrum derselben, ein Klümpcheh Exsudat zurück, welches nach und nach 
durch Abschluss der Öffnung in der Wasserhaut von dieser abgeschnürt 



Wollte man die Zerstörung der Cornea bei der acuten Bindeh.itithlennorrhoe der „Schärfe des Secretes" zu- 
schreiben, so müssle muu annehmen, dass Wjsscrltaut und Kapsel dieser atzenden Pjteuz sehr lange widerstehen 



Geschwüre — Durchbruch — C'entralkapselstaar. 233 

wird, und nach Wiederherstellung der Augenkammer als ein mehr 
weniger erhabenes Hügelchen auf der Kapsel sitzen bleibt. Hellt sich 
dann die restituirte Cornea wieder auf, so wird derjenige, welcher diese 
Krankheit nicht in mannigfaltigen Übergangsgliedern gesehen hat, an jede 
andere Ursache eher denken, als an die wahre, das durchbohrende Horn- 
hautg-eschwür. 

Diese Ansicht über das Eitstehen dieser Form von Cataracta centralis capsnlae 
anter. habe ich bereits 1845 in der österreichischen Wochenschrift Nr. 10 und 11 aus- 
gcspiochen. Ich habe sie seitdem nicht, nur durch zahlreiche Beobachtungen an Le- 
benden, sondern auch durch mehrere Sectionen ergänzt und bestätigt gefunden. Am 
häufigsten ist es die Blennorrhoe der Neugeborenen, welche zur Entstehung derselben 
Veranlassung gibt ; doch sah ich sie auch in Folge von Pustel- und Geschwürsbildung 
bei Blattern und bei Conjunctivitis scrofulosa. Sobald durch den oben geschilderten 
Vorgang die Hornhautöffnung völlig geschlossen ist, und das Auge durch den Wieder- 
ersatz des Humor aqueus seine normale Spannung erlangt, weicht auch die Kapsel mit 
der Linse wieder in ihre Lage zurück. In der Regel bleibt nun keine Spur von der 
Anlagerung der Kapsel an die Wasserhaut übrig, als ein Klümpchen jenes Exsudates, 
welches die Cornea lieferte, auf der Kapsel; ausnahmsweise sieht man jedoch diesen 
Klumpen noch durch einen Exsudatfaden mit der HornKautnarbe in Verbindung bleiben, 
ja in einem Falle sah ich die Kapsel mittelst dieses Exsudates mit der Hornhautnarbe 
enj verwachsen, und dadurch das ganze Linsensystem vorwärts gezogen. Dieser Fall 
betraf einen 13jährigen Kaufmannslehrling, welchen ich auch meinen Zuhörern auf der 
Klinik vorführte. Die linke Hornhaut ist in Folge einer in der ersten Kindheit über- 
sttndenen Augenentzündung in der Mitte in eine undurchsichtige Narbe verwandelt, 
und diese steht mittelst eines weissen Pfropfes, welcher, ohne den ringsum freien Pu- 
pilarrand zu berühren, durch den humor aqueus rückwärts verläuft, mit der Kapsel in 
Verbindung. Die Basis dieses Pfropfes auf der Kapsel hat 2 / 3 — 3 / 4 '" im Durchmesser; 
dit Iris bewegt sich, wie gesagt, ganz frei; die vordere Kammer ist natürlich sehr 
enff. der Pupillenrand von der hintern Wand der Cornea etwa '/ 2 '" weit entfernt. — 
W'ller hat diesen Vorgang nach Blennorrhoea neonatorum ganz richtig aufgefasst und 
beschrieben; nur meinte er, das Exsudat auf der Kapsel werde durch Entzündung 
di«ser letztern und von dieser selbst geliefert. Bei dieser Ansicht ist aber schwer zu 
begreifen, warum das Exsudat, welches nicht seiten auf der Kapsel in Form einer Py- 
ranide aui'<jethürmt ist, sich auf einen so kleinen Funkt beschränkt, warum keine hin- 
tere, im Gegentheil häufiger vordere Synechien zugleich angetroffen werden, und 
A\arum die Stelle des Exsudates auf der Kapsel in Fällen, wo noch eine Hornhautnarbe 
schtbar ist. auch immer genau dieser letztern entspricht. — Hmcranek (Österreichische 
Vochenschrift. 1847, Nr. 35) nimmt an, „dass das Exsedat auf der Kapsel von der 
entzündeten Hornhaut geliefert werde, aber ohne Durchbruch dieser letztern; er meint, 
das gelockerte und poröser gewordene Cornealgewebe lassen den Humor aqueus durch- 
treten, mithin Kapsel und Cornea in Berührung treten; wegen starker Verengerung der 
Pupille werde nur auf den centralen Theil der Kapsel Exsudat abgelagert ; werden nun 
mit dem Nachlasse der Entzündung die exsudirten Massen resorbirt, erscheine mit dem 
V\ iedereintreten der vitalen und physicalischen Eigenschaften der Humor aqueus in der 



234 Hornhaut. 

Augenkammer, lasse der Druck der Sclera in Fol^e des festeren Haltpunktes am Cor- 
nealrande nach, und nehme mit dem Umfange dieses auch der Raum des Bulbus zu: 
so trete die Kapsel, sich von der Innenfläche der Cornea ablösend, in ihrer Mitte mit 
einem Theile der anklebenden Exsudatinasse belegt, zurück und stelle auf diese Weise 
die centrale Kapselcataracta dar." Diese Ansicht bedarf wohl kaum einer Widerlegung; 
sie beruht auf einer Menge viel zu unwahrscheinlicher Voraussetzungen. — Dr. von 
Hasner, 1. c. S. 185, findet es unbegreiflich, wie man Cornealgeschwüre zum Entstehen 
des centralen Kapselstaares für nöthig halten konnte; er habe denselben sehr häufig 
im Verlaufe der Iritis vor seinen Augen entstehen sehen ; auch der angeborene Cen- 
tralstaar, wenn er überhaupt vorkomme, dürfte durch eine fötale Iritis entstehen." Man 
möchte nach diesen Worten fast zweifeln, ob Hasner wisse, was die Auetoren lisher 
Centralkapselstaar genannt heben. Er, der sonst die Angaben „sehr häufig, oft etc." 
tadelt, gibt uns hier keine numerischen Verhältnisse. Mit diesr allgemeinen Redensart 
sind die bestimmten Beobachtungen, welche ich in dem oben citirten Aufsatze um- 
ständlich angeführt, weder widerlegt, noch anders erklärt. Wenn aber Iritis die Ur- 
sache dieses Staares ist, warum entsteht derselbe, wie allgemein bekannt, beinahe nur 
im Kindesalter, und am häufigsten nach Blennorrhoea neonatorum? warum kommt Jer- 
selbe dann so oft mit Hornhauttrübungen und mit vordem Synechien, und warum nie 
mit hintern Synechien vor? warum findet man so häufig an demselben oder an dem 
andern Auge anderweitige Folgen durchbohrender Hornhautgeschwüre, dagegen riienals 
die Folgen primärer und substantivier Iritis? Gefährdet etwa die Blennorrhoe mehr die 
Iris als die Cornea? Die Iritis erzeugt, wie jedermann weiss, Exsudat am Pupillm- 
rande und in der Pupille; diese Exsudate werden wohl theilweise, nie aber ringsum 
von dem Pnpillenrande frei. Die Wissenschaft würde übrigens dem Dr. Häsner Dnik 
schulden, wenn er auch nur einen jener zahlreichen Fälle, von denen er spricht, ge- 
nau beschrieben und allenfalls abgebildet hätte. So lange diess nicht geschehen, müssen 
wir seine Angaben als unbegründet zurückweisen. — Beck (Ammon's Zeitschrift, I. B. 
I. H.) hat einen Fall beschrieben und abgebildet. Ein 20jähriger Mann gab das Leiden 
seines linken Auges als angeboren an; genauere Nachforschung machte es wahr- 
scheinlich, dass er an Ophthalmia neonatorum gelitten hatte. Beck sah „in der Pup.lle 
eine Cataracta caps. centr. anterior, und dieser entsprechend eine Trübung der Des;e- 
mel'schen Haut, etwas unter der mittlem Höhe der Pupille; weiter nach unten waen 
noch einige trübe Stellen in dem Descemet'schen Homhaultheile. Von der obersen 
Hornhauttrübung, welche dem untern Pupillarrande (bei massig verengerter Pupile) 
gegenüber lag, ging ein Gefäss, welches unter der Loupe sehr deutlich wurde, duich 
den Humor aqueus nach oben und rückwärts zum obern Pupillarrande ; dieses Gefass 
spaltete sich auf der Mitte des Weges in 5 kleine Ästchen, welche sich in die vorda-e 
Fläche des kleinen Iriskreises inserirten und verloren; wurde die Pupille künstlich er- 
weitert, so bildete sie in dieser Gegend, wo die Gefässe in die Iris mündeten, einm 
Vorsprung." — Ich halte diesen Fall nicht für angeboren, wie Beck, welch»r 
die hier bemerkten Gefässe für Reste der Pupillarmembran hält; mir ist es wahr- 
scheinlicher, dass in Folge von Blennorhöe die Hornhaut durchbohrt war, und einer- 
seits Hornhautnarben zurückblieben, andererseits eine Auflagerung auf der Kapsel, unci 
als Rest der frühern Synechie zwischen Iris und Cornea die genannte Gefässverbin- 
dung. — Es würde mich zu weit führen, die von mir genau beobachteten Fälle an 
Lebenden hier zu beschreiben ; mehrere der instruetivsten sind in dem oben citirten 



Geschwüre — Durclibrudt — Centralkapselstaar. 235 

Aufsätze angegeben. Seit jener Zeit habe ich überdiess 6mal Gelegenheit gehabt, 
vordere Centralkapselstaare im Cadaver zu untersuchen. Ich lasse hier die Beschrei- 
bung von zweien Folgen. Am 20. März 1849 untersuchte ich das linke Auge einer 
auf der Frauenabtheilung gestorbenen Wöchnerin. Das stark nach innen abgelenkte 
(schielende) Au<je bot eine Hornhautnarbe in der innern Hälfte der Cornea dar ; das 
Centrum dieser Narbe entsprach ohngefähr dem innern Pnpillarrande bei mittlerer 
Weite der Pupille. Diese Narbe war mit der entsprechenden Partie der Iris verwach- 
sen, und dadurch die Pupille etwas nach innen verzogen ; auf der vordem Kapsel 
sass, etwas einwärts vom Centrum, ein mohnkorngrosser, kreideweisser, scharf- 
begrenzter Hügel; er Hess sich mit einem Scalpelle ablösen, ohne dass die Kapsel ein- 
riss. Diese erschien aber an dieser Stelle ein wenig eingedrückt, und die Rindensub- 
staiiz der Linse war unter diesem Grübchen ein wenig getrübt. Jener Hügel verhielt 
sich unter dem Mikroskope ganz wie fibroides oder Narben-Gewebe. — Am 1. iMärz 
1850 untersuchte ich das linke Auge eines auf der chirurgischen Abthcilung verstor- 
benen 16jährigen Jünglings. Die Cornea schien vollkommen durchsichtig und glatt zu 
sein : bei genauerer Besichtigung bemerkte man vom Centrum nach innen eine leichte 
Trübung. Es wurde nun das Epithelium von der ganzen Cornea sorgfältig abgestreift, 
und nun sah man in der Mitte der Cornea eine leichte Depression, und da, wo man 
den Fleck bemerkt hatte, also etwas mehr nach innen, eine zweite, etwas grössere 
und tiefere Depiession. Es schienen die obersten Faserschichten zu fehlen, und die 
Grübchen oder Abschliffe durch mächtigeres Epithel ausgeglichen gewesen zu sein. 
Diese Abschliffe waren übrigens vollkommen glatt, der grössere leicht getrübt. Die 
vordere Kammer normal, die Farbe der Iris matter, ihre Structur unverändert; die 
Pupille vollkommen rund, etwas über 2'" im Durchmesser haltend; mitten auf der 
Kapsel ein knorpelähnlicher Kegel mit einer warzenähnlichen Spitze, welche in die 
vordere Kammer hereinragt. Die Basis etwa 3 / t '" im Durchmesser scharf begrenzt, 
nicht regelmässig rund. Hinter diesem Kegel sieht man den Kern der Linse getrübt, 
mattgrau, etwa 2'" im Durchmesser. Nach Eröffnung des Bulbus fand man die hintere 
Wand der Cornea, die Wasserhaut vollkommen normal, auch da, wo man vorn die 
vertiefte Trübung bemerkt. Die vordere Kapsel durchaus undurchsichtig, eben so die 
Zonula Zinnii. An der Linse Hessen sich 3 Regionen unterscheiden; die äusserste, 
l / 3 '" breit, war vollkommen durchsichtig, normal; die zweite, '/ 2 '" breit, war durch- 
scheinend, nur sehr wenig getrübt; die dritte war eben der oben besprochene ganz 
trübe Hern von etwas über 2'" Durchmesser. 31itten auf der Kapsel sass jene pyra- 
midenförmige Erhabenheit. Die warzenähnliche Spitze wurde mit einer Pincette ge- 
fasst ; sie löste sich los. doch riss die Kapsel dabei von einer Seite zur andern ein, 
und man konnte nicht unterscheiden, ob ein Stückchen von der Kapsel mit der Pyra- 
mide in Verbindung geblieben war, oder nicht. Nach Entfernung der Pyramide sah 
man eine Grube in der Linsensubstanz an dieser Stelle. — In einem dritten Falle 
zeigte die liapsel rings um diesen Hügel eine leichte Runzelung. im zweiten konnte ich 
keine Depression der Kapsel bemerken; es waren Augen von Kindern, die erst kurz 
vorher an Blennorrhoe gelitten hatten. In keinem Falle war ich im Stande, Spuren 
der Pupillarmembran oder Spuren von Iritis aufzufinden, ausgenommen die Stelle, wo 
die Iris mit der Hornhaut verwachsen war. In jenen 2 Fällen von Kindern war das 
Exsudat auf der krystallhellen Kapsel noch ziemlich weich und auch nicht so gesättigt 
weiss, sondern an den Rändern etwas durchscheinend. In allen Fällen, die ich zur 



23(3 Hornhaut. 

Section bekam, waren die Hornhäute in der mittlem Partie getrübt, und war die frü- 
here Durbruchsstelle der Descemet'schen Membran in 4 Fällen noch deutlich zu er- 
kennen. Im Jahre 1849 kam ein Mann von 30 Jahren auf die Klinik.. In Folge einer 
in den ersten Lebenslagen überstandenen Augenentzündung war das linke Auge phthi- 
sisch, das rechte bot beim Bestände einer Cataracta capsularis centralis (pyramidalis) 
mit Nystagmus ein so unvollständiges Gesicht dar, dass der Mann genöthigt war, als 
herumziehender Musiker sich sein ßrod zu suchen. In der letzten Zeit war ihm auch 
das Alleingehen beschwerlich geworden ; ein Grund dieser Verschlimmerung konnte 
nicht aufgefunden werden. Ein Arzt, der diesen Mann von Jugend auf genau kannte, 
versicherte mich, diese Trübung im rechten Auge ganz gewiss schon von jeher bemerkt 
zu haben. Die Hornhaut erschien vollkommen normal, die Iris frei beweglich; auf der 
Kapsel sass ein alabasterähnlicher Zapfen, an der Basis etwa 2 / 3 '" im Durchmesser;- 
ob die Spitze bis an die Cornea reiche, Hess sich nicht bestimmen. Ich betäubte den 
Kranken durch Chloroform, um das beständige Hin- und Herrollen des Bulbus zu be- 
seitigen, machte am äussern Hornhautrande einen 3"' langen Einschnitt, und zog den 
nächst der Spitze mit einer feinen Pincette gefassten Zapfen leicht heraus. Die Wunde 
war bald geheilt ; aber es trübte sich die Linse, weil die Kapsel trotz aller Vorsicht 
geborsten war. Nachdem nun die Linse a ina *% resorbirt worden und die Pupille voll- 
kommen schwarz geworden war, entdeckten wir, was unserer Forschung früher ent- 
gangen war, nämlich eine leichte diffuse Trübung des mittlem Theiles der Cornea, 
offenbar, weil jetzt der Grund hinter dieser Trübung schwarz war. 

8. Eine nicht seltene Folge grösserer und zugleich durchbohrender 
Hornhautgeschwüre isl das sogenannte Hornhaut* taphylom. Die Alten 
gebrauchten diesen Namen nur zur Bezeichnung jener krankhaften Zu- 
stände des Auges, namentlich der Cornea, welche eine gewisse Ähnlich- 
keit mit einer Weinbeere darbieten. Eist in späterer Zeit wurd' n auch 
andere Zustände so benannt, und die verschiedenartigsten Krankheiten 
unter einen Namen zusammengefasst. Wir können nur jene Krankheits- 
formen mit dem Namen Staphyloma belegen, welche folgende Merkmale 
darbieten: a) Hervorragung der Hornhaut über die natürliche Wölbung, 
so dass diese Erhabenheit mindestens dem Drittel (Segmente) einer mehr 
weniger grossen Beere gleicht; ß) Trübung mit Struclurveränderung der 
vorragenden Partie, wenn nicht durchaus, so doch im grössteu Theile, 
und y) Verwachsung der getrübten Partie mit der Iris. 

Beinahe alle spätem Auetoren sprechen auch von einem Staph^Ioina pellucidum, 
und setzen dann zur Bezeichnung der eigentlichen und ursprünglich so genannten Krank- 
heit das Beiwort opacum zu. Auf diese Weise wurden die heterogensten Zustände 
zusammengeworfen, so dass am Ende jede partielle Vorragung am Bulbus als Staphy- 
loma angesprochen werden müsste. So figurirt der sogenannte Hydrops camerae, auf 
den wir später noch zurückkommen, als Staphyloma pellucidum sphacricum ; so jene 
seltene Form, die man Kerakotpnus oder Hyperkeratosis nennt, als Staphyloma pellu- 
cidum conicum ; jene Keraloektasie endlich, welche wir als stationär gewordene Kera- 
tokele kennen gelernt haben, wird, je nach der rein zufälligen Form, bald als kugel-, 



Geschwüre — Durchbruch — Staphylom. 237 

hafd als kegelförmiges durchsichtiges Staphylom aufgeführt, obgleich es manchmal eher 
ein opakes zu nennen wäre. 

Das nach diesen Merkmalen charakterisirte, eigentliche Hornhaut- 
staphylom ist entweder ein totales, wenn die Verbildung die Hornhaut 
ganz oder beinahe ganz betrifft, oder ein partielles, wenn mindestens 
noch ein Drittel der Cornea normal ist; bei totalen wird sich zeigen, 
dass der Befund nicht nur äusserlich, sondern auch im Innern des Auges 
ein verschiedener ist, je nachdem es als globosum (sphaericum) oder 
conicum erscheint. 

Dieses Staphylom nun ist eigentlich nichts anderes, als die theil- 
weise oder durchaus mit Narbengewebe überzogene und vorwärts 'ge- 
drängte Regenbogenhaut. Ein etwas grösserer (breiterer) Clavus z. B., 
zugleich stark nach aussen gewölbt, gibt ein partielles Staphylom; die 
Veränderung, welche wir beim Clavus finden, über die ganze Hornhaut 
verbreitet, und dabei merklich ausgedehnt, (kegel- oder kugelförmig vor- 
wärts getrieben), gibt das Bild eines totalen Staphyloms. In der That 
kommen am Krankenbette zwischen Clavus und Staphylom so verschie- 
dene Zwischenglieder vor, dass der eine Diagnostiker einen Fall noch 
als Clavus bezeichnen wird, den der andere schon Staphyloma nennt. 

Das Staphylom entsteht niemals, ohne dass Entzündung der Cornea 
vorausgegangen, und zwar Entzündung mit Geschwürsbildung in der 
Cornea. Sämmtliche Angaben der Auetoren über die Ätiologie dieser 
Krankheit führen uns auf Entzündungen zurück, welche zu ausgedehnterer 
Verschwärung der Cornea zu führen pflegen. Soll aber ein Geschwür 
der Cornea zu Staphylombildung führen können, so müssen deren Faser- 
schichten nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Breite auf mindestens 
2 Quadratlinien Umfang zerstört sein. Nach kleineren Zerstörungen der 
Hornhautfasern sah ich nie ein Staphylom sich entwickeln. Der physi- 
kalische Grund hievon soll später angegeben werden. Es muss ferner 
die Wasserhaut nicht nur eingerissen, und somit der Humor aqueus ab- 
geflossen sein, sondern es muss auch die Iris in einiger Ausdehnung 
bloss gelegt, und mit dem an die Stelle der Cornea tretenden Narben- 
geicebe verwachsen sein. Wo ein beständiges oder zeitweises Aussickern 
des Humor aqueus gestattet ist, bildet steh niemals ein Staphylom. Mit 
andern Worten: nur bei grösseren und die Hülse des Bulbus völlig ab- 
schliessenden Irisvorfällen steht die Bildung eines Staphyloma überhaupt 
zu besorgen, und wo diese Bedingungen nicht vorhanden sind, kann alles 
andere, nur kein Staphylom entslehen. Die Gefahr der Staphylombildung 



238 Hornhaut. 

besteht aber auch nur unter diesen Verhältnissen nur so lange, als das die 
Iris bereits überkleidende Exsudat noch weich und dehnbar ist. Ein mit 
schon völlig organisirtem, dichtem, sehnenartig glänzend aussehendem 
Exsudate überzogener Irisvorfall, ein förmlich ausgebildeter Clavus kann 
nie in ein Staphylom übergehen, er müsste denn abgetragen oder durch 
Ulceration zerstört werden. Die letzte Bedingung zur Slaphylombilduno- 
ist endlich die, dsss ein solcher Vorfall durch momentanen oder anhal- 
tenden Druck von hinten wirklich ausgedehnt werde, was in der Recrel 
durch stärkere Contraction der Augenmuskeln eingeleitet wird. 

Den ersten Anstoss zur Staphylombildung gibt unter den eben angegebenen 
Verhältnissen eine momentane Vorwärtsdrängung der flüssigen Contenta des Bulbus. 
Das noch nicht hinreichend resistent gewordene Exsudat über der Iris, welches den 
Bulbus im Verein mit dieser nach vorn abschliesst, gibt in diesem Momente den An- 
dränge von hinten nach, und zieht sich, da es natürlich der gehörigen Elasticität ent- 
behrt, nicht wieder auf das frühere Volumen zusammen. Der leere Raum, welcher 
nun beim Nachlass der stärkeren Muskelcontraction in dem Auge entstehen müsste, 
wird allmälig durch Erguss seröser Flüssigkeit ausgefüllt. Dieser Erguss findet ent- 
weder bloss in der hintern Augenkammer, zwischen der vorgefallenen Iris, der Kapsel, 
der Zonula und dem Corpus ciliare statt, oder er erfolgt, wenn der Glaskörper bei 
jener Ausdehnung stark mit beiheiligt wurde, in diesem. Wir werden darauf später 
zurückkommen, und wollen nur erst die Veränderungen in der Iris und Cornea be- 
trachten. Jenem Andränge wird nicht nur die von nachgiebigem Exsudate überzogene 
Iris, sondern auch die Cornea, so weit ihre Resistenz durch Vereiterung der oberfläch- 
lichen und Erweichung der allenfafls noch übrig gebliebenen tiefern Schichten ver- 
mindert ist, mehr weniger nachgeben, und wegen mangelnder Elasticität auch nicht 
mehr zu ihren) früheren Umfange zurückweichen. Die ganze Vortreibung wird durch 
den nachdrückenden serösen Erguss allmälig wieder gespannt. Übersehen wir dabei 
nicht, dass jene momentane Einwirkung auf das ohnehin noch greeizte oder entzündete 
Auge wohl kaum ohne Einfluss auf gesteigerte Ausschwitzung in demselben bleiben 
kann: so werden wir begreifen, wie von nun an die einmal über das Niveau der 
Umgebung vorgetriebene Partie durch letzteren Vorgang allein allmälig mehr und 
mehr ausgedehnt werden kann , wie von nun an die Hervortreibung allmälig zu- 
nehmen kann. Bei dem anhaltenden Reizungszustande, in welchem der Vorfall und 
sein Überzug durch diese fortwährende Ausdehnung und durch den Druck von Seile 
der Lider, so wie durch den Reiz der Luft u. dgl. versetzt wird, ist es ferner begreif- 
lieh, dass fortwährend nicht nur seröser Erguss im Innern des Auges erfolgt, sondern 
dass auch in den vorgetriebenen Geweben selbst Ausschwitzungen erfolgen. Diese 
verlaufen theils mit weiterer Lockerung und Erweichung der betroffenen Gewebe, theils 
mit Blulgc Tassentwicklung in der Umgebung und in der Pseudomembran« selbst, theils 
endlich mit Verstärkung der letztern durch Ansatz von .Faserstoff, welcher sich allmälig 
organisirt. Auf diese Weise geschieht es, dass Staphylome, welche in der ersten Zeit 
nach ihrem Eitstehen durch enorme Ausdehnung der blossgelegten Iris und Rarefici- 
rung ihrer Fasern förmlich durchsichtig waren (von der Seite her, bei durchfallendem 
Lichte angesehen), nach längerer Zeit völlig undurchsichtig werden. — Trägt man in 



Geschwüre — Purchlmich — Staphylom. 239 

diesem Zeitpunkte so ein Staphylom ab, so findet man, dass es aus einem weichen, 
succulenten , wenig elastischen , hie und da von erweiterten Gefässen durchzogenen, 
gegen den Rand und gegen die hintere Fläche hin wohl auch noch ziemlich unver- 
änderte Hornhautfasern zwischen sich einschliessenden Faser- oder Narbengewebe 
besteht, bisweilen dünner, bisweilen aber auch 2 — 3mal so dick, als die normale 
Hornhaut. An der vordem Fläche findet man eine mächtige Lage mehr weniger ver- 
änderter Epithelialzellen. Dieses Epithelium von einer abnormen Matrix geliefert, 
wird gewohnlich stellenweise abgestossen , wodurch kleine Excoriationcn entstehen, 
indess es an andern Stellen übermässig angehäuft wird, sich in den Thränen nicht 
mehr auflöst, und mehr weniger trocken erscheint. An der hinteren Fläche sieht mau 
stellenweise noch Reste der Wasserhaut und darüber Hornhautfasern. Diese Reste er- 
scheinen manchmal als Zipfel oder Balken, an der Innenfläche und an den Seitenrän- 
dern (durch Umschlagen der Descemet'chen Haut über die unzerstörten Hornhaut- 
partien) glatt, und von den Rudimenten der enorm ausgedehnten Iris leicht (durch 
Abstreifen) zu befreien. Wo aber die Wasserhaut fehlt, da erscheint die hintere Fläche 
der Pseudocornea rauh, uneben, durch Querbalken auf grubenähnliche Vertiefungen 
netzähnlich, mit den Irisfasern und Pigmentzellen innigst A'ereint. Mit diesem Befunde 
stimmt der Vorgang überein, welchen wir am Krankenbette bei der Überhäutung grös- 
serer Irisvorfälle beobachten, dass nämlich, wie bereits oben bemerkt wurde, von den 
Geschwürsrändern der Cornea durch Anschiessen plastischen Exsudates sich Vorsprünge 
bilden, welche , wenn zwei gegenüberstehende sich endlich erreichen, gleichsam Brük- 
ken oder Bänder darstellen, die den Vorfall einschnüren, in mehrere kleinere Vorfälle 
abtheilen, während die zwischenliegenden Inseln erst später mit einer dünnern Mem- 
bran überzogen werden. Jene Bänder nun stellen beim ausgebildeten Staphylom die 
genannten balkenähnlichen Vorragungen der hintern Fläche vor. Wenn es geschieht, 
dass anfangs diese dickern Streifen der Vis a tergo widerstehen, die dazwischen be- 
findlichen Partien dagegen nachgeben, so bekommt das Ganze eine Ähnlichkeit mit 
einer Brombeere, und wurde, wie schon bemerkt, von den altern Staphyloma race- 
mosum genannt. Es liegt am Tage, dass dieser Zustand leicht in ein Staphyloma ve- 
rum übergehen kann. — Die Pseudomembran, welche die Stelle der Cornea ganz oder 
theilweise vertritt, schrumpft wie alle derlei Neugebilde mit der Zeit etwas zusammen ; 
sie wird dichter und derber, und setzt dann dem Andränge der Contenta des Bulbus 
einen festen Widerstand entgegen. In ihr, wie in allen solchen Neugebilden, sieht 
man hie und da bisweilen fettige und kalkige Ablagerungen. Die Abschieferung des 
krankhaften Epitheliunis , vielleicht auch die übermässige Spannung, und hie und da 
wohl auch die mangelhafte Ernährung bewirken bisweilen kleine Verschwärungen; in 
Folge derselben wird an dieser Stelle das Gewebe so dünn, dass es durchscheinend, 
ja beinahe durchsichtig wird, und der Kranke vermag dann, wenn sonst keine Hinder- 
nisse da sind, selbst Gegenstände grösseren Umfanges zu unterscheiden. In andern 
Fällen erfolgt Durchbruch, Ausfluss wässeriger Flüssigkeit und Znsammensinken der 
Geschwulst bis zu einem gewissen Grade. Diese Öffnung schliesst sich dann wieder, 
bricht abermals auf, und so wiederholt sich der Process durch Monate, Jahre, bis 
bleibende Schliessung oder Panophthalmilis (wovon später) eintritt. Ah den meisten 
alten Staphylomen lässt sich eine oder die andere dünne, durchscheinende, bläulich- 
schwarze Stelle auffinden. — Wir haben bei der Schilderung der Entwickelung des 
Staphyloms von serösem Ergüsse im Innern des Auges gesprochen, Derselbe erfolgt 



240 Hornhaut. 

entweder unmittelbar hinter der Iris, oder in die Zellen des Glaskörpers, oder an bei- 
den Orten zugleich. Denken wir uns a) den Fall, dass eine mehrere Quadratlinien 
grosse Partie der Hornhaut bis auf die tiefsten Schichten oder auch gänzlich zerstört, 
und dass nach Abfluss des Humor aqueus die Öffnung bloss durch die Iris und Exsudat 
verlegt sei. In einem solchen Falle besteht die hintere Augenkainmer, und vielleicht 
theilweise auch die vordere. Der Umstand, ob beide noch communiciren (durch die 
mehr weniger beschränkte Pupille) oder nicht, hat auf die weitern Folgen keinen Ein- 
fluss, wohl aber der, ob unter diesen Verhältnissen die Linse momentan stärker vor- 
getrieben oder selbst die Zonula zerreissen wird, ä) Wird die Linse einfach vorgetrie- 
ben, ohne dass ihr Aufhängeband (die Zonula) oder die Hülse (die Kapsel) berstetl 
so drängt sie einfach den Humor aqueus und durch diesen den nachgiebigen Theil der 
vorderen Wand des Bulbus auswärts, und weicht beim Nachlass der stärkern Muskel- 
wirkung wieder in ihre Lage zurück. Geschieht diess plötzlich, so fällt der ausge- 
dehnte Prolapsus etwas zusammen, und wird erst in dem Maasse wieder gespannt, als 
die den Humor aqueus separirenden Gebilde serösen Erguss liefern; erfolgt das Zu- 
rücktreten der Kapsel und Zonula in ihre normale Lage allmälig, so wird der Prola- 
psus durch den Humor aqueus in gleicher Spannung erhalten. ß~) Riss wegen stärkeren 
Andranges des Corpus vitreum die Zonula ein , so tritt Glaskörper in die hintere 
Kammer, und es kann nun, je nachdem mehr seröses oder mehr faserstoffiges Exsudat 
geliefert wird, zu zellig-fibröser Verwachsung der Glashaut mit dem Prolapsus kommen, 
oder zu einfach serösem Ergüsse, bald in die hintere Augenkammer, bald in das Cor- 
pus vitreum. y) Riss endlich die Kapsel ein, so wird die Linse allmälig resorbirt, oder 
sie schrumpft sammt der Kapsel zu einem Klumpen zusammen, welcher entweder mit 
der Zonula und Hyaloidea noch verbunden bleibt, oder von beiden mehr weniger iso- 
lirt wird. Diess ist nun der Befund partieller oder totaler Staphylome, bei welchen die 
Vergrösserung des Bulbus allein oder vorzugsweise durch serösen Erguss zwischen 
Prolapsus und Corpus vitreum gebildet ist. — b) Wenn dagegen die Hornhautöffnung 
so gelagert oder so gross ist. dass zu ihrer Verlegung nothieendig auch die vordere 
Kapsel beitragen muss, dann wird der Umstand, ob bloss das Centruin oder die ganze 
Kapsel mit der Iris und Pseudocornea verwächst, zunächst von Einfluss auf die weitern 
Metamorphosen sein. Dann wird relativ wenig oder gar kein seröser Erguss zwischen 
Iris, Kapsel und Zonula entstehen können, und wir finden die Vergrösserung des Bulbusl 
ausschliesslich oder vorwaltend durch Vermehrung und Verflüssigung des Glaskörpers 
bedingt, offenbar desshalb, weil, wenn durch momentan stärkere Wirkung der Augen- 
muskeln die mit der Pseudocornea verwachsene Linse mit vorwärts gedrängt wurde, 
die Zellen des Glaskörpers einreissen und hiemit der Anstoss zur Erkrankung des Glas- 
körpers gegeben wurde. — Wir haben oben der Thatsache erwähnt, dass nur grössere 
Irisvorfälle die Gefahr der Staphylombildung einschliessen , kleinere niemals. Nach 
meiner Ansicht liegt die Ursache in einem physikalischen Gesetze. Wenn bei stärkerem 
Andränge der Contenta des Bulbus (durch Muskeleinwirkung) der Druck auf eine klei- 
nere Partie gerichtet ist, so widersteht sie demselben nicht und reisst ein ; es kommt 
zur Berstiing. nicht aber zur Ausdehnung jener Partie, welche nicht den entsprechen- 
den Widerstand zu leisten vermag. Wenn der Druck hingegen auf eine grössere nach- 
giebige Partie gerichtet ist, so kommt es nur zur Ausdehnung, und erst bei ungleich 
höherer Kraft des Druckes zur Berstung, Eben so wird, wenn das den Irisvorfall 



Geschwüre — Durchbruch — Staphylom. 241 

überkleidende Exsudat bereits fest geworden, in stationäres Fasergewebe unigewandelt 
ist, dasselbe eber bersten, als sich ausdehnen. 

Hat der ausgedehnte Irisvorfall sammt seiner Bedeckung einen ge- 
wissen Grad von Festigkeit erlangt, so dass er nicht weiter ausgedehnt 
werden kann, und erfolgt ob der Fortdauer des Congestions- und Reizungs- 
zuslandes der Ciliargefasse vermehrte Ausscheidung von Humor aqueus: 
so wird auch der vorderste Theil der Sclera, da, wo ihn die Ciliar- 
gefasse zahlreich durchsetzen, in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem die 
Cornea lange von einem violetten Saume in dieser Gegend umgeben 
war, bei strotzender Überfüllung der Ciliargefasse, erweicht dieser Theil 
der Sclera, gibt dem Drange des Humor aqueus nach, und wird in Form 
bläulicher Wülste, ähnlich den Hügeln varicöser Hautvenen, hervorge- 
trieben. Man hat solche Staphylome varicöse genannt, weil man diese 
Ausdehnung für Varices des Corpus ciliare hielt. Diese Wülste liegen 
aber, wie mich Sectionen gelehrt haben, immer noch diessseits, i. e. vor 
dem Corpus ciliare, und müssen wohl unterschieden werden von jenen, 
welche bei Erkrankung des Glaskörpers oder der Chorioidea beobachtet 
werden. Ihre Lage lässt sich am besten nach den Eintrittsstellen der 
vordem Ciliararterien in die Sclera beurtheilen. Bläuliche Wülste, welche 
diesseits jener Eintrittsstellen sich befinden, deuten jederzeit nur auf 
vermehrte Ansammlung des Humor aqueus, auf einen wahren Hydrops ca- 
merae posterioris. Wir sehen ihn bisweilen auch in Folge chronischer 
Iritis, worauf wir später zu sprechen kommen werden. Die Basis der 
Cornea oder Pseudocornea ist dann, wenn die Sclera ringsum jenem 
Drucke nachgegeben hat, vom hintern Pole des Augapfels weiter ent- 
fernt, als bei einem einfachen Staphylome. — War die Muskelcontraction, 
welche den ersten Anstoss zur Vorwärtswölbung gab, heftiger, so kommt 
es nicht immer zur einfachen Ausdehnung des Vorfalles und zum Serum- 
erguss hinter demselben, sondern es kann auch geschehen, dass die Lin- 
senkapsel berstet, oder dass die Zonula Zinnii und die Zellen des Glas- 
körpers einreissen. Daher finden wir bei Totalstaphylomen nicht selten die 
Linse fehlen ; sie wird, nachdem die vordere Kapsel geborsten, resorbirt, 
und der Raum durch seröse Flüssigkeit gefüllt; in seltenen Fällen 
schrumpft die blossgelegte Linse zu einem unförmlichen, mitunter auch 
Kalkconcremente, selbst Knochenbildung enthaltenden Klumpen sammt der 
Kapsel zusammen, oder man findet sie, in der Kapsel eingeschlossen und 
von der Zonula sowohl als von der Hyaloidea isolirt, frei in der Höhle 
des Staphylomes schwimmend. Doch kann die Linse auch schon vor dem 
Abschluss des Auges durch die Iris und die sie bedeckende Pseudo- 

Arlt, i. \ Q 



242 Hornhaut. 

membran abgegangen sein, wie schon oben bemerkt wurde, ein Zufall, der 
vor der Slaphylombildung keineswegs sichert. — Die Einreissung der 
Zonula und der Glashaut pflegt einen hydropischen Zustand des Glas- 
körpers, Verflüssigung und Vermehrung der Glasfeuchtigkeit, zur Folge 
zu haben. In Folge dessen wird der Augapfel in seinem hintern Um- 
fange vergrössert, die Sclera wird durchaus oder stellenweise verdünnt 
und ausgedehnt, die Netzhaut gelähmt; es entstehen die sogenannten 
Varices chorioideae oder Staphyloma cum varicositate bulbi, wie sich die 
Altern auszudrücken pflegen. — Die Berstung der Kapsel oder der Zo- 
nula kann übrigens bei Totalstaphylomen noch durch einen Umstand be- 
günstigt werden, den wir besonders hervorheben müssen. Wenn bei aus- 
gedehnter Yerschwärung der mittlere Theil der Cornea zerstört wurde, 
so wird die Öffnung nicht durch die Iris allein, sondern auch durch die 
vordere Kapsel verlegt, oder, wenn Iritis entstand, durch einen Exsudat- 
pfropf in der Pupille. Die Folge hievon ist Verwachsung der Kapsel 
mit der Iris und Pseudocornea. Tritt nun eine stärkere Muskelcontraction 
ein, bevor die Pseudocornea noch das hinreichende Widerstandsvermögen 
erlangt hat, so muss entweder die Kapsel bersten oder die Zonula, und 
hiemit sind dann die Bedingungen zu den genannten krankhaften Ver- 
änderungen solcher Augen gegeben. 

Wir haben Eingangs erwähnt, dass wir ein allgemeines und ein 
theilweises Hornhautstaphylom unterscheiden. Beim partiellen ist noch 
mindestens V 3 der Cornea vollkommen gesund, und dem entsprechend 
auch vordere Augenkammer vorhanden. Nimmt das partielle Staphylom 
weniger als % der Hornhaut ein, so ist in der Regel auch noch Pupille 
vorhanden, nur ein Theil des Pupillarrandes der Iris mit der Pseudo- 
cornea verwachsen. Doch pflegt beim partiellen Staphylom auch der 
gesunde Theil der Cornea nicht die normale Wölbung zu besitzen, son- 
dern dachförmig zu der vorgetriebenen Pseudocornea aufzusteigen. Der 
Sitz des partiellen Staphyloms ist gewöhnlich in der untern Hälfte der 
Hornhaut, selten in der obern; der Grund liegt darin, dass Hornhaut- 
geschwüre an und für sich in der obern Partie nicht so häufig vorkom- 
men, und dass die im horizontalen Durchmesser sitzenden sich gern 
durch Eitersenkung nach untenzu vergrössern; vielleicht auch, dass das 
obere Augenlid der Vis a tergo einigen Widerstand entgegensetzt. 

Treten die Bedingungen zur Staphylombildung bei centralen Horn- 
hautgeschwüren auf, so entwickelt sich gern Totalstaphylom, und zwar, 
wenn ringsum noch ein breiter Saum Hornhaut unversehrt ist, ein kegel- 
förmiges. Es verwächst dann die Pseudocornea gewöhnlich nicht nur mit 



Geschwüre — Durchbrach — Staphylom. 243 

dem ganzen Pupillarrande, sondern auch mit dem Centrum der vordem 
Kapsel, und die Muskelcontraction, welche eben den ersten Anstoss zur 
Vorwärtsfcreibung der Pseudocomea gibt, bewirkt Zerreissung der Zellen 
des Glaskörpers und der Zonula durch Vorwärtszerrung der Kapsel und 
Linse, wenn nicht etwa die Kapsel selbst berstet. Das Staphylom muss aber 
in solchen Fällen, wo noch ringsum ein Saum von unversehrter Cornea 
besteht, und nur der centrale Theil derselben bis auf die Wasserhaut zer- 
stört ist, eine kegelförmige Gestalt annehmen, weil die Vis a tergo nur 
in der mittlem Partie nicht den gehörigen Widerstand findet. Ringsum, 
nächst der Basis corneae, erscheint dann die Iris einfach an die Cornea 
angelagert. Dass aber der Vorgang wirklich so ist, wie wir eben an- 
gegeben haben, beweist der übereinstimmend gleiche Befund bei allen 
kegelförmigen Totalstaphylomen. Bei allen diesen findet man die Kapsel 
mit der Pseudocomea verwachsen, und, wo sie nicht geborsten ist, auch 
die Linse mit vorwärts gezogen; bei allen findet man den Glaskörper 
verflüssigt und vermehrt. Daher ist es auch das kegelförmige Total- 
staphylom insbesondere, welches zu Ektasien der Sclera im hintern Um- 
fange des Bulbus führt. 

Das partielle Staphylom an und für sich stört das Sehvermögen 
nur in so fern, als es die Pupille verzieht oder aufhebt, oder als es 
den unversehrten Homhauttheil in eine schiefe Fläche verwandelt. Den 
Inhalt der kuppelähnlichen Vortreibung bildet seröse Flüssigkeit, Humor 
aqueus; in manchen Fällen mag wohl auch durch die an einer Stelle 
eingerissene Zonula etwas Glaskörper in diesem Raum eingedrungen sein : 
in solchen Fällen dürfte auch das Linsensystem eine mehr weniger 
schiefe Lage einnehmen. Beim totalen pflegt die Lichtempfindung nur 
dann aufgehoben zu sein, wenn der Glaskörper bedeutend verflüssigt 
und vermehrt, und die Sclera ektatisch ist. 

Diese Ansichten über das Hornhautstaphylom , im Wesentlichen bereits in dem 
oben citirten Aufsatze enthalten, sind seitdem der Hauptsache nach angenommen wor- 
den, wie die Aufsätze von Sichel, Frerichs. Hasner. Hawranek u. A. zeigen. Die Lehre 
vom Staphylom ist somit heutzutage wesentlich verschieden von der, w.elche Beer und 
nach ihm Viele aufgestellt hatten. Hifr von einem Punkte der Ueer'schen Theorie 
konnten sich mehrere, namentlich Chelius jun. und Hasner nicht trennen, nämlich da- l 
von . dass Abschluss der vordem Augenkammer von der hintern (Pupillensperre) zur 
Staphylombildung nothwendie sei. Dr. Hasner. eine Vis a tergo nicht zugebend, er- 
klärt „die Vortreibung der Iris einfach durch die hebende Wirkung der im Auge ange- 
sammelten Flüssigkeit." — ^Die Regenbogenhaut, im normalen Zustande eine per- 
forirte Membran kann leicht durch pathologische Zustände zur imperforirten werden, 
wo sodann die hintere Augenkammer einen vollkommen geschlossenen Sack darstellt. 
Es ist leicht erklärlich, welchen wesentlichen Einfluss auf das Entstehen von Form- 

16* 



244 Hornhaut. 

fehlem des Auges ein solcher Abschluss der mit Flüssigkeit gefüllten Aucrenkammer 
haben muss, besonders in solchen Fällen, wo die vordere Kammer durch Zerstörung 
der Hornhaut vernichtet wurde. Die dehnbare Iris muss sodann durch die Flüssigkeit, 
welche sie einschliesst und deren Secretion fortwährt, immer mehr hervorgedrängt, 
und auf diese Art die Höhle des Auges bedeutend vergrössert werden." — „Die den 
Vorfall von einigem Umfange überkleidende Pseudomembran vermag nur dann dem 
Drucke des Humor aqueus zu widerstehen , wenn die Iris mit ihrer hintern Wand 
gleichzeitig an die Kapsel geheftet ist; ist eine solche Verwachsung nicht vollständig 
eingetreten, dann wird häufig nach einiger Zeit die Secretion des Humor aqueus wieder 
bedeutender, und es tritt eine neue Vorbauchung auf. Auch die Entfernung der Linse 
schützt nicht immer; nur dann, wenn die Verwachsung der Iris mit der vordem Kapsel 
fest geworden ist, sind wir vor Recidiven sicher." — Nach diesen Angaben muss ich 
annehmen, dass Hasner wenig oder gar kein staphylomatöses Auge anatomisch unter- 
sucht habe. Ich will, um nicht meine Untersuchungen als maassgebend aufzustellen, 
nur auf Frerichs *) Angaben verweisen, welche sich auf 17 Objecte beziehen, und 
denen wohl Niemand Wahrhaftigkeit absprechen wird. „Unter 17 Fällen von Staphy- 
loma war lOmal die Linsenkapsel sammt der verdunkelten Linse durch Exsudat fest an 
die Iris angeklebt, die hintere Augenkammer also verschwunden, in 1 Falle fehlte die 
Linse ganz, in den 6 übrigen Eällen war sie in. ihrer Stellung geblieben, und hier er- 
schien die hintere Augenkammer geräumiger, als gewöhnlich." — „Der Glaskörper war 
in mehreren Fällen über das Corpus ciliare vorgefallen, und durch bandartige Adhäsionen 
fest mit der hintern Fläche des Staphyloms verwachsen." Mit Frerichs Angaben stimmen 
auch die von Rosas u. A. überein, wenigstens in Bezug auf das kegelförmige Staphylom, 
von welchem ausdrücklich gesagt wird, „dass nicht allein die verbildete Cornea mit 
der Iris ganz oder theilweise verwachsen, sondern auch die Iris mit dem Krystallkörper 
und dieser mit den Nebengebilden fest verbunden, somit die Secretion der wässrigen 
Feuchtigkeit unterdrückt, die hintere Augenkammer völlig aufgehoben, und der Glas- 
körper entmischt und angehäuft sei." Von Ammons **) acht genaue Krankengeschichten 
dienen gleichfalls zur Bestätigung des Gesagten. — Zum Schlüsse sei nur noch an die 
bekannte Thatsache erinnert, dass auch bei noch offener Pupille sich ziemlich grosse 
Staphylome entwickeln, und dass die Anlegung einer künstlichen Pupille, wo solche 
noch anwendbar, weder das Entwickeln noch das Weiterschreiten der staphylomatösen 
Verbindung zu hindern im Stande ist. 

9. Als Folgen durchbohrender Hornhautgeschwüre sind endlich jene 
Zustände zu bezeichnen, welche im Allgemeinen unter den Namen: 
Phthisis corneae, applanatio corneae, und phthisis bulbi bekannt sind. Mit 
dem Namen Phthisis corneae belegt man jenen Zustand der Hornhaut, wo 
dieselbe in Folge von Eiterung ganz oder grösstentheils zerstört und 
mehr weniger durch stationäres Narbengewebe ersetzt, letzteres jedoch 
nicht beträchtlich vorwärts gewölbt, sondern eher platt oder selbst vertieft 
erscheint. Abplattung der Cornea nennt man gewöhnlich jenen Zustand, 
wo die Cornea nur theilweise durch Eiterung zerstört, sonst aber normal, 

*) Hannov. Annat. 1847, H. 4. 
**) Zeilschr. für Ophlhalm. 1. B. S. 80 — 102. 



Geschwüre — Phthisis corneae — Phthisis bulbi. 245 

nur platt oder selbst runzlich eingezogen erscheint. Hiebei können selbst 
noch 2 / 3 der Hornhaut durchsichtig und durch eine geringe Menge Humor 
aqueus von der Iris geschieden sein; aber es fehlt die Wölbung der 
Hornhaut, und die Pupille ist durch Verwachsung des Pupillarrandes mit 
der Hornhautnarbe aufgehoben. Die Iris hat in solchen Fällen immer 
ihre normale Structur und Farbe mehr weniger eingebüsst. Man kann 
leicht verleitet werden, in solchen Fällen auf Anlegung einer künstlichen 
Pupille anzutragen, weil dieser Befund an und für sich die sonstigen Be- 
dingungen zur Pupillenbildung nicht ausschliesst. Es nützt jedoch die 
Operation nichts, weil (wie ich mich in einigen Fällen überzeugt habe) 
der Kranke auch durch die schönste Pupille nicht mehr sehen kann, als 
vordem. Der Grund davon liegt wahrscheinlich nicht so sehr in dem 
Verluste der Wölbung der Cornea, als vielmehr darin, dass ein solcher 
Zustand eigentlich dadurch zu Stande kommt, dass dem Humor aqueus 
vor der völligen Vernarbung durch längere Zeit das Aussickern gestattet 
war, und hiedurch die Ernährung des Auges zu stark beeinträchtigt 
wurde. Es muss übrigens bemerkt werden, dass Bulbi, welche äusserlich 
nur die Merkmale von Phthisis oder Applanatio corneae (ohne Verklei- 
nerung des hintern Umfangs des Bulbus) darbieten, bei der Eröffnung 
bisweilen dieselben Erscheinungen zeigen, wie phthisische Bulbi. — Die 
Phihisis bulbi, schon äusserlich durch mehr weniger beträchtliche 
Schrumpfung des ganzen Augapfels und in der Begel auch durch Ein- 
kerbung in der Gegend der Muse, recti (viereckige Gestalt) leicht erkenn- 
bar, bietet bei der Section im Allgemeinen die Folgen von Chorioiditis 
und Schwund des Glaskörpers, oft auch Verlust der Linse dar, und wird 
demnach bei den Krankheiten der Chorioidea erst ausführlich besprochen 
werden. Hier kann zunächst nur angedeutet werden, auf welche Weise 
diese Folgen durch Hornhautgeschwüre eingeleitet werden. — Ich glaube 
diess am füglichsten durch einige Krankengeschichten erörtern zu können. 

Eine Frau, 28 Jahre alt, welche in Folge von Hornhautgeschwüren auf der 
rechten Hornhaut mehrere übernarbte Irisvorfälle hatte, wovon der grösste, etwas un- 
terhalb und vor der beinahe aufgehobenen Pupille, ein wenig (etwa 1 / 4 Linie) über 
das Niveau der Umgebung vorragte, fühlte beim Zerbrechen eines Holzastes (über's 
Knie) in ihrem Auge eine Veränderung; es thränte, wurde roth, schmerzte mehr und 
mehr, und wurde, da sie ihre häuslichen Geschäfte fort verrichtete, binnen wenig 
Tagen in einen Zustand versetzt, den ich, als ich gerufen wurde, als beginnende Pan- 
ophthalmitis erkannte. Jener Vorfall war geborsten, die Iris in die Öffnung einge- 
klemmt, die Conjunctiva bulbi ringsum in einen Wall erhoben, der Bulbus aus der 
Orbita vorgedrängt. Der Ausgang in Phthisis bulbi war nicht mehr zu verhüten. — 
Ich trug ein nach acuter Blennorrhoe entstandenes zuckererbsengrosses , nach unten 
und innen von der etwas verzogenen Pupille sitzendes Staphylom wegen Entstellung 



246 Hornhaut. 

und wegen Reibung am untern Lide hei einem 19jährigen Mädchen ah; nach Abnahme 
des Verbandes (am 5. Tage) hatten sich die Wundränder nach Wunsche genähert, und 
das Übrige war durch eine durchscheinende Membran verschlossen, welche die nächsten 
Tage dicker und fester zu werden schien, aber, nachdem wir der Kranken am 8. 
Tage erlaubt hatten, ein wenig aufzusitzen, sich vorwärts wölbte, wesshalb wir die 
Kranke abermals 5 Tage ruhig liegen Hessen, und eine Lösung von Lapis divinus ein- 
träufelten. Die Narbe schien nun hinlänglich fest zu sein , um die Kranke nicht nur 
sitzen, sondern auch herumgehen zu lassen. Aber schon nach einigen Tagen , als die 
Kranke trotz unserer Warnung, nichts Schweres zu heben, sich selbst aufbettete und 
die Matratze hob, trat Berstung und Ausfluss eines guten Theiles vom Glaskörper ein. 
Das so glücklich wieder hergestellte Sehvermögen (die gegen das Staphylom schief 
aufsteigende Hornhaut vor der Pupille hatte wieder die gehörige Lage erhalten) wurde 
leider bei der darauf folgenden Vernarbung sehr beschränkt, sei es nun durch Verlust 
des Glaskörpers, oder, was mir wahrscheinlicher, durch Verrückung der Linse. — 
Anfang Juni 1840 wurde ich zu einem 13jährigen Knaben gerufen, welcher seit 4 
Wochen an einer Augenentzündung litt. Ende Mai hatten mehrere Kinder der zahl- 
reichen Familie an Augenentzündung gelitten, welche der Beschreibung nach ein etwas 
heftiger Katarrh gewesen zu sein scheint. Anfang Juni war auch dieser Knabe so 
erkrankt; bei ihm soll jedoch das Übel heftiger geworden sein, nachdem er an einem 
heissen Tage 1 Stunde Weges sehr schnell gegangen, und noch vom Schweisse trie- 
fend, den Rückweg in einem offenen Wagen gemacht hatte. Der Umstand, dass bei den 
übrigen Kindern das Übel unter der Behandlung eines Wundarztes mit Augenwässern 
und kalten Umschlägen zurückgegangen war, hatte die Altern zu der Meinung gebracht, 
es werde auch hier nichts zu bedeuten haben, obwohl der Knabe bereits 4 Wochen 
krank, die Lider stark geschwollen, und der Ausfluss eiterähnlich war, bis ein be- 
kannter Arzt zufällig in's Haus kam, und sie auf die Grösse der Gefahr aufmerksam 
machte. — Ich fand die Lider bereits massig geschwollen, bläulich -roth, runzlich 
die Lidbiudehaut hochroth , stark geschwollen , die Scleralbindehaut nur einen flachen 
Wall bildend, das Secret eiterähnlich und ziemlich reichlich; die rechte Hornhaut war 
unterhalb des Centrums durchbrochen, das Geschwür etwa hanfkorngross mit gelblich- 
grau infiltrirten Rändern, die Iris an die Cornea angelagert, die Pupille von oben her 
sichtbar, hirsekorngross ; links war nur die untere Hälfte der Cornea erhalten, die 
obere Hälfte zerstört, die Iris blossgelegt, die Pupille durch Verziehung der Iris ge- 
schlossen. Der Knabe war übrigens gesund, eine Vergrösserung der Geschwüre war 
nicht leicht zu besorgen , auf gehörige Pflege war zu rechnen ; ich stellte also die 
Prognosis bezüglich des rechten Auges günstig, bezüglich des linken zweifelhaft, 
ordinirte ruhige Lage, fleissige Reinigung der Augen mit lauem Wasser, Einträuflungen 
einer Lösung von Nitras argenti, Einreibungen von weissem Präcipitat mit Extr. bella- 
donnae an die Stirn und Schläfe, und eine leichte, nahrhafte Kost. Bald reinigten sich 
die Geschwüre, und der Humor aqueus sammelte sich wieder an; rechts heilte nur 
eine ganz kleine Partie der Iris in die Narbe ein, links wurde der Vorfall von Exsudat 
und allmälig von einer dünnen Membran überzogen. Ende August war das rechte 
Auge so gut als möglich geheilt, nämlich mit einer etwa 1'" im Durchmesser haltenden 
Narbe, welche nur mit ihrem obern Rande einen kleinen Theil der Pupille deckte , und 
mit einer die Rundung und Beweglichkeit der Pupille kaum störenden vordem Syne- 
chie; an dem linken Auge war die untere Hälfte der Hornhaut vollkommen gewölbt 



Geschwüre — Phthisis bulbi. 247 

und durchsichtig, die obere Hälfte durch eine bläulich-weisse Membran ersetzt, welche 
die Iris deckte und fast im Niveau der normalen Wölbung zurückhielt, die Pupille war 
jedoch aufgehoben , indem der Pupillarrand durchaus in jene Narbe hineingezogen, und 
die untere Hälfte der Iris sehr ausgedehnt erschien. Da der Knabe nun beinahe 12 
Wochen das Zimmer und grösstentheils auch das Bett gehütet hatte, liess ich ihn an- 
fangs im Zimmer und nach 8 Tagen auch im Garten herumgehen. Ende September 
wurde ich plötzlich gerufen. Der muntere Knabe , den man schon für genesen hielt, 
war, trotzdem ich ihm wiederholt Vorsicht rücksichtlich stärkerer Muskelanstrengung 
dringend empfohlen hatte, auf einen Baum geklettert, und hatte darauf Schmerzen im 
linken Auge bekommen. Man hatte ihn in's Bett gelegt, und kalte Umschläge gegeben. 
Ich fand den 3. Tag den Vorfall so stark ausgedehnt, dass er schon von aussen an 
der Wölbung des obern Lides sichtbar war. Zugleich waren die Lider etwas ange- 
laufen, die Conjunctiva bulbi ödematös geschwellt, die Ciliargefässe stark injicirt. 
Nachdem diese consecutiven Erscheinungen unter Anwendung von Blutegeln und Eis- 
umschlägen bei ruhiger Lage zurückgegangen waren , blieb der Zustand des Vorfalles 
(Staphyloms) unverändert, und ich nahm mir vor, dasselbe später abzutragen, weil 
die Familie in Kurzem in die Stadt übersiedeln sollte. Ehe es noch hiezu kam, überass 
sich der Knabe (am Kirchweihfeste) und bekam Erbrechen. Den 2. Tag gerufen, fand 
ich die rechte Cornea an der Stelle der Narbe geborsten, aus der Öffnung etwas Glas- 
körper heraushängend , die Lider und die Conjunctiva bulbi ziemlich stark ödematös 
geschwollen. Man kann sich meinen Schrecken denken ; der Knabe hatte mit diesem 
Auge bereits wieder gelesen und geschrieben, und nun musste ich es gleichfalls für 
verloren halten. Trotzdem that ich, was zu thun war, suchte der weitern Ausbildung 
von Entzündung des Glaskörpers und der Chorioidea mit dem Ausgange f in Eiterung 
und Phthisis bulbi (denn dieser Gang war nach den vorhandenen Zufällen offenbar 
zu befürchten) durch örtliche Blutentziehungen, Eisumschläge, Diät u. s. w. vorzu- 
beugen, und war in der That so glücklich, das Auge mit unversehrtem Sehvermögen 
genesen zu sehen, Nachdem diess geschehen, der Riss wieder vernarbt und der Knabe 
in die Stadt gebracht worden war, nahm ich gegen Ende November die Abtragung des 
Staphyloms an dem linken Auge vor. So wie ich den Hornhautschnitt vollendet hatte, 
trat die krystallhelle Linse sammt der Kapsel heraus. Da ich den Kranken im Bette 
operirt hatte, ging wenig Glaskörper verloren, und nach 14 Tagen war an die Stelle 
des Staphyloms eine ziemlich feste Narbe getreten , der Bulbus nur wenig kleiner als 
der andere. Von nun an sah ich den Knaben, der wieder anfing, seine Studien fort- 
zusetzen, selten, bis zwei Tage nach Weihnachten. Das rechte Auge war abermals an 
derselben Stelle geborsten; die Veranlassung wnrde mir, wahrscheinlich aus Furcht 
vor neuerlichen Vorwürfen, verborgen gehalten; ein Mitschüler gab nachträglich an, 
der Knabe habe einen schweren Schubladkasten vorgezogen. Diessmal entwickelten sich 
unaufhaltsam die bekannten Symptome der sogenannten Panophthalmilis , und endeten 
mit Phthisis bulbi, nachdem die Cornea vereitert und die Linse abgegangen war. So 
gingen durch eine Reihe unvorhergesehener Zufälle beide Augen eines hoffnungsvollen 
Knaben zu Grunde; denn der Hoffnung, durch Anlegung einer künstlichen Pupille im 
untern Theile des linken Auges das Gesicht wenigstens theilweise herzustellen, gebe 
ich selbst fast keinen Raum. 

Mit der Kenntniss der Folgen, welche Hornhautgeschwüre je nach 
ihrem Sitze, ihrer Grosse und Tiefe haben können, und der Bedingungen 



248 Hornhaut. 

unter denen Heilung- oder doch Abhaltung- schlimmerer Ausgänge möglich 
ist, haben wir auch die wichtigsten Anhaltspunkte für die Proynosis und 
Therapie gewonnen. Durchbohrende Geschwüre sind zunächst wie alle 
Hornhautgeschwüre nach ihrem Charakter zu behandeln, welcher bald ent- 
zündlich, bald torpid ist oder eben den zum Ersätze des Substanzverlustes 
hinreichenden Grad von Reizung zeigt. (Vergl. S. 96, 103 u. 220.) — So- 
dann ist alles zu vermeiden, was die Augenmuskeln primär oder synergisch 
zu stärkerer Contraction anregen, die bereits verlöthete Öffnung wieder 
sprengen oder die Iris vorwärts drängen und einklemmen könnte. Alle 
andern Mittel, die Iris zurückzubringen, sind fruchtlos oder geradezu 
schädlich. Das Atzen mit Lapis infernalis ist nur dann zulässig, wenn 
eine Fistel besteht, und selbst da wird man es nicht selten umgehen 
können, wenn es gelingt, auf die Reproduction im Allgemeinen durch 
gute Kost, frische Luft, Aufheiterung des Gemüthes u. dgl. günstig ein- 
zuwirken, und örtlich den gehörigen Grad von Reizung durch Einträufeln 
einer elwas stärkern Lösung von Lapis infernalis, Lapis divinus, Alumen, 
besonders aber von Opiumtinctur zu erregen. 

Bei frischen, nicht entzündeten oder eingeklemmten Vorfällen lasse 
man den Kranken nicht bloss strenge Rückenlage beobachten, sondern 
auch die Augen geschlossen halten, nöthigenfalls durch Verkleben der 
Lider. — So lange der Irisvorfall die Zeichen von Entzündung darbietet, 
muss mehr weniger antiphlogistisch, mindestens nicht reizend verfahren 
werden. — Ist der Vorfall höher und breiter, so dass sich Staphylom zu 
entwickeln droht, so trage man den erhabensten Theil desselben mit 
einer nach der Fläche gekrümmten Scheere vorsichtig ab. Die hinter dem 
Prolapsus angesammelte wässrige Flüssigkeit entweicht, und ehe die 
Schnittwunde heilt, hat das den Vorfall überkleidende Exsudat in der 
Regel die gehörige Consistenz gewonnen, um dem weitern Andränge der 
Flüssigkeit entsprechenden Widerstand zu leisten. Die blosse Punction 
gewährt nicht diesen Erfolg, wenigstens nicht so sicher, und muss ge- 
wöhnlich oft wiederholt werden. Die Atzung mit Lapis infernalis oder 
mit Butyrum antimonii mittelst eines Pinsels erregt leicht zu starke Rei- 
zung; es kann heftige Entzündung darauf folgen, selbst eitrige Zerstö- 
rung der ganzen Cornea oder des Bulbus. Bei messerscheuen Indivi- 
duen begnüge man sich damit, dass man täglich 1 — 2mal einen Tropfen 
anfangs verdünnter, später reiner Tinct. opii crocata mittelst eines Haar- 
pinsels auf den Prolapsüs träufelt. Der Erfolg tritt langsamer, aber 
dennoch ziemlich sicher ein. Ist aber der Überzug eines grössern und 
stärker vorgetriebenen Prolapsus bereits in eine dichte Pseudomembran 



Geschwüre — IJeliandlung nach erf. Durchbruche. 249 

umgewandelt, dann nützt weder das Einträufeln von adstringirendreizenden 
Mitteln, noch die Excision; man hat dann ein förmliches Staphylom vor 
sich, und muss unterscheiden, ob es partiell oder total ist. 

Beim partiellen Staphylom fragt sich's, ob noch Pupille vorhanden 
ist, oder nicht, und ob dieselbe nicht etwa durch Verziehung bis zu einer 
für die Lichtstrahlen kaum durchgängigen Spalte, oder durch Verziehung 
hinter die das Staphylom umgebende Hornhauttrübung, oder endlich durch 
dachförmiges Aufsteigen des gesunden Hornhauttheiles unbrauchbar 
gemacht ist. Wo keiner dieser Fälle statt findet, sei man mit jedem 
operativen Eingriffe sehr vorsichtig, wohl bedenkend, dass der Erfolg 
jeder Operation (auch unter den günstigsten Bedingungen unternommen) 
durch unvorhergesehene und unvermeidliche Zufälle vereitelt werden 
kann, und dass der Kranke hier nichts Geringeres riskirt, als die Function 
eines Auges. Ist das Sehen durch dachförmiges Aufsteigen der gesunden 
Hornhautpartie beeinträchtigt, so entferne man das Staphylom nach den 
weiter unten angegebenen Regeln. Ist die Pupille gesperrt, zu einer 
feinen Spalte verzogen, oder durch unheilbare Hornhauttrübung verdeckt, 
so ist die Bildung einer künstlichen Pupille allein oder zugleich mit der 
Abtragung des Slaphyloms angezeigt, vorausgesetzt, dass die übrigen Be- 
dingungen hiezu vorhanden sind (Yergl. Krankheiten der Iris). Letztere 
ist dann nöthig, wenn das Staphylom das Auge in gereiztem Zustande 
erhält, sich an den Lidern, reibt, Lichtscheu, Thränenfiuss, Schmerzen u. 
dgl. unterhält, noch fortwährend zunimmt, oder von Zeit zu Zeit berstet. 
Ob nun die Abtragung des Staphylomes oder die Anlegung der Pupille 
früher zu geschehen habe, das muss der individuellen Beurtheilung jedes 
speciellen Falles überlassen bleiben. Da, wo nur noch die Iridodialysis 
möglich ist, kann man vielleicht unmittelbar nach der Abtragung des 
Staphyloms durch die Öffnung mit dem Häkchen eingehen, die Iris vom 
Ciliarbande lösen, hervorziehen und abschneiden. 

Beim Totalstaphylom hat man verschiedene Heilmethoden vorge- 
schlagen, die Compression, die wiederholte Punction, die Einziehung 
eines Seidenfadens durch die Basis (mit oder ohne Abbindung), die 
Atzung der erhabensten Partie mit Lapis infernalis oder mit Spiessglanz- 
butter, die Ausschneidung einer kleinen Partie an der grössten Wölbung, 
und die gänzliche Abtragung mit Messer und Scheere. Nur diese letzte, 
besonders von Beer gewählte und empfohlene Methode hat sich bewährt ; 
die andere wendet heutzutage kaum noch Jemand an. Man unternimmt 
diese Operation, entweder weil man den Kranken von den lästigen Zu- 
fällen, welche das Wachsthum der Geschwulst und deren Reizung durch 



250 Hornhaut. 

die Lider, Staub u. dgl. mit sich bringt, befreien, oder weil man die 
dadurch gesetzte Entstellung beseitigen will. Von einer Wiederherstellung 
des Gesichtes kann natürlich keine Rede sein. Man hat wohl vorge- 
schlagen, in die durch die Abtragung entstandene Wunde die frisch aus- 
geschnittene Hornhaut eines Thieres einzuheilen ; allein schon die Ver- 
suche der Einheilung bei Thieren selbst sind misslungen ; die transplan- 
tirte Hornhaut verdunkelte sich und verschrumpfte, auch wenn sie wirk- 
lich eingeheilt war. *) — Die Abtragung geschieht, indem man ein etwas 
stärkeres Staarmesser an einer Seite der Basis des Staphyloms ein- und 
an der entgegengesetzten aus-sticht, so dass man beim Fortschieben der 
Klinge die Hälfte oder zwei Drittel der Basis durchschneidet. Den hie- 
durch gebildeten Lappen fasst man mit einer gutgezähnten Pincette, zieht 
ihn etwas an, und führt dann eine hinlänglich starke, am besten eine 
etwas nach der Fläche gekrümmte Scheere so ein, dass man mit einem 
Schnitte die ganze Pseudomembran abtragen kann. Es versteht sich von 
selbst, dass in diesem 2. Momente ein Gehilfe beide Lider fixiren muss, 
während im 1. der Operateur selbst das untere abziehen kann. Es ist 
besser, den Schnitt mit dem Messer nach unten zu führen; man kann 
dann den Lappen leichter fassen und den Bulbus fixiren, der sich gerne 
nach innen und oben unter das Lid verbirgt. Es ist wichtig, den Schnitt, 
wo möglich, genau an der Grenze zwischen dem etwa noch vorhandenen 
gesunden Gewebe an der Peripherie und der Pseudomembran zu führen, 
nicht tiefer, weil sonst unnöthig eine grössere Wunde gebildet wird, aber 
auch nicht im Bereiche der Pseudomembran, weil diese, besonders wenn 
sie bereits sehr fest geworden ist, weniger fähig ist, die zur Deckung 
des Substanzverlusles , zur Schliessung der AVunde nöthige plastische 
Lymphe auszuschwitzen, und sich gehörig zusammen zu ziehen. Aus 
diesem Grunde ist auch die blosse Excision gewöhnlich erfolglos, we- 
nigstens bei älteren Slaphylomen. Man lasse den Kranken schon vor der 
Operation sich ins Bett legen, besonders wenn man Ursache hat, Aus- 
fluss des Glaskörpers zu befürchten. Wo nach Abtragung des Staphyloms 
die Linse vorwärts gedrängt erscheint (die vordere Kapsel soll mit den 
Ciliarfortsätzen beinahe in einer Ebene liegen), bewirke man deren Aus- 
treten sogleich durch einen Kreuzschnitt in die vordere Kapsel,, sonst 
heilt die Wunde sehr schwer, und die dieselbe mit der Zeit deckende 
Pseudomembran kann neuerdings vorwärts gedrängt werden. — Die 
Wunde heilt durch Anschiessen plastischer Lymphe, welche ringsum von 

j Suhr den nächsten Abschnitt. 



Geschwüre — Behandlung nach erf. Durchbruche. 251 

dem Stumpfe der Cornea und Iris geliefert wird. In dem Maasse, als 
dieses Exsudat sich organisirt, wird die Öffnung enger, nach Verlust der 
Linse bisweilen etwas vertieft. Nach Abtragung von Totalstaphylomen 
wird die Basis corneae durch Schrumpfung des Narbengewebes kleiner, 
wenigstens dann, wenn die Linse oder ein beträchtlicher Theil des Glas- 
körpers verloren gingen. — Im Allgemeinen muss man den Kranken selbst 
nach der Abtragung eines partiellen Staphyloines durch 8 — 12 Tage ruhig 
und mit verklebten Augen auf dem Rücken liegen, und nur nach den 
ersten 4 — 6 Tagen etwa zum Essen sitzen lassen. So lange die vordere 
oder, nach Abgang der Linse, die hintere Kapsel noch krystallhell zu 
Tage liegt, ja so lange dieselbe nicht von einer Pseudomembran tiber- 
zogen ist, welche graulich getrübt, und etwas derber aussieht, muss der 
Kranke jede die Muskeln mehr in Anspruch nehmende Bewegung unter- 
lassen. Wo immer die neugebildete Pseudomembran sich merklich über 
das Niveau der Umgebung erhebt, ist man nicht sicher, dass nicht Ber- 
stung oder neue starke Hervortreibung derselben eintritt. 

Die Vorsichtsmaassregeln, welche man bei Irisvorfällen überhaupt zu 
beobachten hat, sind in noch grösserer Strenge und Umsicht einzuhalten, 
wenn rasche totale Vereiterung der Cornea eintritt, weil hier um so 
leichter Berstung der Kapsel oder Zonula und hiemit Verlust der Linse 
und eines Theiles, ja des ganzen Glaskörpers erfolgt. In manchen Fällen, 
wenn der Druck, den die gespannten Wandungen des Bulbus auf den 
flüssigen Inhalt üben, plötzlich aufgehoben wird, wie dieses unter andern 
auch nach Abtragung von Staphylomen geschieht, bersten die Gefässe der 
Chorioidea, und es erfolgt ein so starker Bluterguss entweder zwischen 
Sclera und Chorioidea, oder zwischen Chorioidea und Retina, dass die 
von dem apoplektischen Herde einwärts gelegenen Gebilde vorwärts 
und durch die Öffnung mehr weniger herausgedrängt werden. Diess ge- 
schieht gewöhnlich unter fürchterlichen Schmerzen und lästigen Licht- 
entwicklungen, oft mit Erbrechen, welche Zufälle oft durch nichts zu 
stillen sind, als dadurch, dass man die durch die Hornhautöffnung hervor- 
gepressten Gebilde mit einer Scheere abträgt, und den Kranken unter 
Anwendung kalter Umschläge ruhig liegen lässt. Die Erscheinungen, die 
darauf folgen, sind fast immer die der Panophthalmitis und endlich die der 
PlUhisis bulbi. — Schliesslich wollen wir noch bemerken, dass in Fällen, 
wo die Cornea so gut als verloren ist, dennoch alles aufgeboten werden 
muss, die Bildung eines Staphylomes oder den Ausgang in Phthisis bulbi 
zu verhüten ; für die Kranken wird es nicht gleichgiltig sein, ob sie sich 
nachträglich noch der Operation des Staphyloms zu unterwerfen haben 



252 Hornhaut. 

oder nicht, und für die meisten wird es auch als Gewinn zu betrachten 
sein, wenn der Stumpf des Bulbus wenigstens so gross bleibt, djss nach 
Eiulegung eines künstlichen Auges dieses noch eine gewisse Beweglich- 
keit erhalten könne. Wir werden darauf noch zurückkommen. 



V. Trübungen der Hornhaut. *) 

Störung der Durchsichtigkeit der Cornea pflegt man nur dann mit 
diesem allgemeinen Namen zu bezeichnen, wenn dieselbe nicht als Theil- 
erscheinung der noch bestehenden Entzündung wahrgenommen wird. 
Wenn demnach eine trübe Stelle der Cornea noch deutlich gelockert 
oder geschwellt erscheint, wenn die Injection der vordem Ciliargefässe 
noch auf Fortbestand des exsudativen Processes deutet, oder wenn noch 
die Merkmale eines Geschwüres oder einer Wunde vorhanden sind, 
spricht man nicht von Trübung, sondern von Entzündung, Geschwürs- 
bildung u. s. w. 

Bei den hieher gehörigen Zuständen ist es nothvvendig, nicht nur 
auf die physicalischen Merkmale, In- und Extensität, Farbe, Oberfläche 
u. s. w., sondern auch insbesondere auf den Sitz der Trübung und auf 
deren Entstehungsweise genauer einzugehen, wenn sich's um die Feststel- 
lung der Prognosis und der Therapie handelt. Rücksichtlich des Sitzes 
werden wir, um uns die übersichtliche Schilderung zu erleichtern, zu- 
nächst jene Trübungen besprechen, welche ausschliesslich oder vorwal- 
tend das Epithelium betreffen, daran die an der Wasserhaut haftenden 
reihen, und mit der Betrachtung jener enden, welche das Parenchym 
allein oder nebst diesem noch das eine oder beide der ebengenannten 
Gebilde zugleich betreffen. — In Bezug auf die Entstehung werden wir 
auf Trübungen stossen, welche als Folgen von Entzündung, Geschwürs- 
bildung, Verletzung etc. zu betrachten sind, und auf solche, bei welchen 
abnorme Ernährung mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit als Ursache 
angenommen werden kann. — Beginnen wir unsere Betrachtungen so- 
gleich mit den letztgenannten. 

1. Es gibt eine angeborene Trübung der Hornhaut. Bis jetzt lässt 

*) Ks erschien mir zweckmässig, auch diesen Zustünden der Hornhaut, gleich den Geschwüren, einen eigenen Ab- 
schnitt zu widmen. Sind sie auch grösstentheils nur als Mittel- oder als Endglieder von Krankheitsprocassen zu 
betrachten, welche in andern Abschnitten besprochen werden, und somit dorthin gehörig, so wird doch, wie ich 
mich heim Unterrichte am Krankenbette überzeugte, ihr Studium durch eine gemeinschaftliche und übersichtliche 
Betrachtung wesentlich erleichtert. 



Trübung — angeborene — Arcus senilis. 253 

sich noch nicht entscheiden, ob die Ursache davon Entzündung im Fötus, 
oder Hemmung in der Entwicklung ist. In dem Falle, den ich als an- 
geboren constatiren konnte, waren die Hornhäute durchaus getrübt, stellen- 
weise etwas intensiver, besonders gegen die Mitte hin, an der Peripherie 
noch so weit durchscheinend, dass man sich von der Gegenwart der 
vordem Kammer und der Pupille überzeugen konnte. Die Hornhäute 
waren wie aus Milchglas gebildet, an der Oberfläche ganz glatt und 
glänzend, doch matt, ehvas weniger gewölbt, etwas kleiner, nicht rund, und 
zwar nicht oval, sondern an ihrer Basis eine Art von Trapezoid darstel- 
lend. Der Knabe war 10 Jahre alt, und hatte deutliche Lichtempfindung, 
ohne Gegenstände unterscheiden zu können. Er ist leider späterhin nicht 
mehr zu mir gekommen. Schön *) beschreibt einige vielleicht hieher ge- 
hörige Fälle, unter welchen besonders die von Ferrar interressant sind, 
indem derselbe bei neugebornen Kindern, 3 Geschwistern eine sonder- 
bare Undurchsichtigkeit der Hornhaut beobachtete, welche nach und nach 
vom äussern Winkel her von selbst verschwand." Der eben daselbst 
erzählte Fall von Kieser erinnert durch die rhomboidale Form der Horn- 
haut sehr an meine Beobachtung, und gewinnt dadurch an Bedeutung, 
dass „die Mutter des Kranken an einem ähnlichen Bildungsfehler, jedoch 
in viel geringerem Grad, auf beiden Augen gelitten haben soll." Leider 
ist die Beschreibung viel zu unvollständig, um eine nähere Deutung zuzu- 
lassen. Maclagan **) beschreibt in der London medical Gazette fol- 
genden Fall bei einem Neugeborenen: Keine Spur von Entzündung oder 
eitrigem Ausfluss; die linke Hornhaut ganz undurchsichtig, die rechte 
bloss in den untern zwei Dritteln so beschaffen, indem die Trübung sich 
allmälig nach oben verliert; die Trübung veränderte ihre Lage nicht, 
war also nicht durch den Humor aqueus bedingt; einige Wochen nach- 
her hellte sich die rechte, 3 Monate nach der ersten Untersuchung auch 
die linke Hornhaut von oben herauf, und zwar von selbst. Sechs Monate 
nach der Geburt war am rechten Auge nur noch ein sehr kleiner Fleck 
übrig, und die obere Partie des linken so durchsichtig, dass das Kind 
die Pupille den Objecten gerade gegenüber stellen konnte, um sie zu 
sehen. Später wurde das Kind der Beobachtung entzogen. Tavignot***) 
hat einen Fall von angeborener Hornhauttrübung mit gleichzeitig man- 
gelhafter Entwicklung der Iris beschrieben. 

2. Ganz gewiss ohne allen Zusammenhang mit vorausgegangenen 

*) Palholos. Anatomie des Auses, S. 67. 
**) Pra?er medic. Vierteljabrsclirift, 17. B. Aoal S. 66. 
'•*) Gaz. med. 1847. X. 29. 



254 Hornhaut 

congestiven oder entzündlichen Zuständen der Cornea entwickelt sich auf 
dem Randtheile der Cornea eine Trübung, welche man wegen ihrer 
bogenförmigen Gestalt und wegen ihres Vorkommens im höhern Alter 
Greisbogen, Arcus senilis s. Gerontoxon genannt hat. Diese lichtgraue 
Trübung nimmt den peripherischen Theil der Cornea in Form eines 
Bogens oder eines Ringes ein. Sie ist nach aussen, gegen den Limbus 
conjunctivae hin, scharf begrenzt, und von diesem stets durch einen 
schmalen, vollkommen durchsichtigen Streifen getrennt; nach innen ver- 
liert sie sich allmälig gegen den mittlem Theil der Cornea, ohne deren 
Centrum jemals zu erreichen. Daher wirkt diese Trübung an und für 
sich auch niemals störend auf das Sehvermögen. Da der Limbus con- 
junctivae (zumal bei Älteren) im obern und im untern Segmente der 
Cornea breiter ist, als zu beiden Seiten, so erscheint der Arcus senilis, 
wenn er rings herum geht, nicht kreisrund, sondern eiförmig. Im Ca- 
daver findet man sowohl das Epithelium als die Descemet'sche Haut 
normal; nur die Hornhautfasern erscheinen unter dem Mikroskope etwas 
breiter, zeigen schärfere und dunklere Contouren und einen mehr ge- 
schlängelten Verlauf. — Der Greisbogen kommt nur im höhern Alter vor, 
ausnahmsweise schon um's 36. — 40. Jahr; man trifft aber auch Leute 
von 70 — 80 Jahren, welche diese Erscheinung nicht darbieten. Ich kenne 
eine Dame, welche höchstens 40 Jahre alt ist, ihrem Aussehen nach 
jedoch auf 30 geschätzt werden könnte, und doch auf beiden Augen 
einen vollständig ausgebildeten Arcus senilis darbietet. Sie hat nie an 
den Augen gelitten, ist jedoch in hohem Grade weitsichtig. Auffallend 
ist, dass Leute mit Gerontoxon stets zugleich an Weitsichtigkeit leiden 
(nicht aber umgekehrt) ; ja ich habe Fälle beobachtet, wo das Gerontoxon 
bloss an einem Auge vorkam, und auch nur dieses eine Auge an Weit- 
sichtigkeit litt. Worin aber der letzte Grund dieser Trübung endlich zu 
suchen sei, wissen wir nicht. Sie lässt sich, wenn man will in Parallele 
setzen mit dem Ergrauen der Haare und mit dem Trübwerden der Linse 
(Cataracta senilis), mit welchen Erscheinungen sie häufig zugleich vor- 
kommt. Doch erscheint sie auch ganz für sich allein. (Vergl. den Ab- 
schnitt der Cataracta.) 

3. Punkt- oder fleckenartige Trübungen an der hintern Wand der 
Cornea sind als Exsudate zu betrachten, welche in Folge von Iritis durch 
Präcipitation aus dem Humor aqueus dorthin abgelagert werden. Ihren 
Sitz erkennt man nicht sowohl durch die Seitenansicht, wie gewöhnlich 
angegeben wird, als vielmehr aus der Art ihres Entstehens (anderwei- 
tigen Spuren vorausgegangener Iritis), und aus ihrem Abstände von der 



Trübung — der Wasserhaut — des Epitheliums. 255 

vordem Fläche, namentlich wenn sie mehr gegen die Peripherie hin 
liegen, wo der Limhns conjunctivae einen guten Anhaltspunkt für die 
vordere Cornealfläche abgibt Wir werden von diesen Trübungen erst 
bei der Besprechung der Iritis ausführlicher handeln können. 

4. Trübungen des Epithelialüberzuges der Cornea erscheinen theils 
für sich allein, theils mit Trübungen des Parenchyms der Hornhaut. Die 
häufigste Veranlassung dazu gibt der Pannus (vergl. Conjunctivitis scro- 
fulosa und Trachoma), sodann die Einwärtswendung von Cilien oder die 
Gegenwart kleiner fremder Körper j wenn nach Resorptionsgeschwüren 
Trübungen zurückbleiben, so ist, wie wir sehen werden, schon das Pa- 
renchym der Cornea selbst mehr weniger dabei betheiligt. 

ä) Wenn der Pannus lange fortbesteht, und endlich das unter das 
Epilhelium der Cornea abgelagerte Exsudat nach dem Verschwinden der 
sichtbaren Gefässe in ein fibroides Gewebe umgewandelt worden ist, so 
findet man die Cornea durchaus oder theilweise (besonders in der obern 
Hälfte) getrübt, durchscheinend oder halbdurchsichtig, eben und glatt, aber 
sehnenartig glänzend, wie mit einer dünnen Aponeurose überzogen. Pi- 
ringer scheint diesen Zustand unter Pannus siccus verstanden zu haben. 
Er ist unheilbar; nur in zwei Fällen sah ich einige Besserung nach be- 
harrlicher Anwendung der weissen Präcipitatsalbe (auf's Auge) ein- 
treten. — Hat man Gelegenheit , so ein Auge am Cadaver zu unter- 
suchen, so findet man, dass zwischen Cornea und Epithelium eine Art von 
Bindegewebe eingeschoben ist, welches als Neugebilde, als organisirtes 
Exsudat, betrachtet werden muss. Man kann dann eine dünne Membran 
als unmittelbare Fortsetzung der Bindehaut über den Limbus conjunctivae 
herein präpariren, unter welcher die Cornea mehr weniger unversehrt zum 
Vorscheine kommt. Demnach könnte man diesen Zustand auch als Über- 
häutung der Cornea bezeichnen. Ich besitze mehrere Präparate, welche 
diesen Befund sehr schön nachweisen. 

6) In Folge partieller Reizung durch einwärts gekehrte Cilien findet 
man bisweilen eine schwielenähnliche Verdickung des Epitheliums auf 
der Hornhaut. Es sieht so aus, als ob man ein Stück dünnes Häutchen 
auf die Hornhaut aufgelöthet hätte. Die mehr weniger unebene Ober- 
fläche solcher Plaques erscheint seidenartig — oder fettglänzend, oder 
ganz trocken, wohl desshalb, weil sich das massenweise angehäufte und 
in seinen Zellen (welche mehr epidermisartig sind) veränderte Epithe- 
lium nicht mehr in der Thränenflüssigkeit auflöst. Eine ähnliche Epithe- 
lialwucherung kommt übrigens auch nicht selten bei tiefern und grössern 
Hornhautnarben, insbesondere aber bei Staphylomen vor. Sie ist gleich- 



256 Hornhaut. 

falls unheilbar, und die dagegen vorgeschlagene Abtragung der Entartung 
erwies sich (mir wenigstens) erfolglos. 

c) Ich habe mehrmals in Cadavern kleine, halbdurchsichtige, nebel- 
ähnliche Trübungen, sogenannte Nebelflecke der Cornea untersucht. Nach- 
dem ich das Epithelium von der ganzen Oberfläche sorgfältig mit einem 
Scalpell abgeschabt hatte, zeigte sich die Cornea an jener Stelle voll- 
kommen rein und glänzend, aber deutlich vertieft oder wie abgeschliffen. 
Die Trübung war also in solchen Fällen ganz oder grösstenteils durch 
reichlicher angehäuftes (mehr weniger verändertes?) Epithelium bedingt, 
welches den Verlust der Hornhautsubstanz verdeckt hatte. Die Trübungen 
setzten mithin offenbar Substanzverlust der Cornea voraus, und gehören 
demnach füglich zu den in dem folgenden Absätze zu besprechenden. 

5. Die Trübungen, welche in Folge von Entzündung der Corneal- 
substanz selbst (mit oder ohne Geschwürsbildung primär oder secundär) 
zurückbleiben, sind bei weitem die häutigsten, und sie sind es vorzugs- 
weise, welche gewöhnlich unter dem allgemeinen Namen „Hornhaut- 
trübungen" aufgeführt werden. 

Man hat diesen Trübungen von Alters her die verschiedensten Namen beigelegt, 
als : Macula, Nephelium, Nebula , Nebecula , Achlis , Aegis seu Aegias seu Macula nu- 
bosa ; Leucoma , Margarita seu Perla, Albugo seu Paralampsis; Cicatrix u. s. w. — 
Beer suchte die Lehre von den Hornhauttrübungen besser zu begründen und zu ver- 
einfachen, indem er sie dem Grade nach in Maculae, Leucomata und Cacatrices unter- 
schied, und dabei zugleich auf die verschiedene Entstehungsweise und auf die ver- 
schiedenen anatomischen Veränderungen hindeutete. Maculae nannte er halbdurchsich- 
tige Trübungen mit verwachsenen Rändern ; er bezeichnete sie als meistens nur ganz 
oberflächlich sitzend, und leitete sie von „der Gerinnung des zwischen den Lamellen 
der Hornhaut in dem äusserst zarten Bindungsgewebe befindlichen lymphatischen Dun- 
stes" her. Leucoma nannte er undurchsichtige Trübungen , die sich gegen die Peri- 
pherie hin allmälig verlieren; er meinte, in solchen Fällen habe sich der lymphatische 
Dunst schon zu einer Pseudomembran umgebildet, daher erscheine die Trübung weiss, 
kreideweiss oder perlmutterartig glänzend, über das Niveau mehr weniger sanft auf- 
gewölbt, beim Berühren mit der Sonde hart, callös, Cicatrix s. Oule hingegen nannte 
er undurchsichtige Trübungen mit scharf begrenzten Rändern ; sie erscheinen nach ihm 
immer perlenmutterartig glänzend und bei der Berührung mit der Sonde hart, abge- 
plattet oder deutlich vertieft, häufig mit vordem Synechien vereint; er leitete nur diese 
Trübungen von wirklicher Zerstörung der Hornhautfasern durch Eiterung und von un- 
mittelbarer Verwachsung der Hornhautfasern unter einander ab. — Auf diese einfache 
Diagnostik nun stützte Beer seine prognostischen und therapeutischen Regeln. Er er- 
klärte die Narben für absolut unheilbar, die Leucoma für bedingt heilbar, die einfachen 
Flecke (Maculae) für in der Regel leicht und vollständig heilbar , und theilte seinen 
Ansichten über die pathologisch-anatomischen Veränderungen gemäss auch die von der 
Empirie gebotenen Heilmittel in 2 Hauptclassen , welche wir weiter unten ausführlich 
besprechen werden. 



Trübung — Einlaches Exsudat — Narben. 257 

Diese Trübungen können bedingt sein : a) durch Ablagerung- faser- 
sloffigen Exsudates zwischen die mehr weniger unversehrten Fasern der 
Cornealsubstanz; b) durch Exsudat, welches an die Stelle der durch Ei- 
terung-, Atzung u. dgl. zu Grunde gegangenen Cornealfasern getreten ist, 
und entweder «) noch einer weitern Umwandlung (in wahre Corneal- 
fasern) fähig ist, oder /?) bereits unveränderliches Faser- oder Narben- 
gewebe darstellt; c) durch a und b zugleich und zwar, wie gewöhnlich, 
b in der Mitte, a in der Peripherie der getrübten Stelle. 

Trübungen, einzig und allein durch Exsudat zwischen den Hornhaut- 
fasern bedingt, sind meistens die Folge jener Form von Keratitis, die 
wir als scrofulosa geschidert haben. Sie sind in der Regel heilbar, selbst 
wenn sie undurchsichtig sind, hie und da wohl auch ein kreideartiges 
Aussehen zeigen. Nur nach längerem Bestände reichlicher Exsudate ge- 
schieht es, dass die davon eingeschlossenen Hornhautfasern durch Druck 
zu Grunde gehen , und eine solche Stelle nie mehr völlig durchsichtig 
wird. Die genannte Hornhautentzündung combinirt sich ferner zuweilen 
mit Entzündung der Iris und des vordersten Theiles der Sclera, und nach 
dieser Combination bleibt nicht selten eine opalartige Trübung des peri- 
pherischen Theiles der Cornea (ringsum oder stellenweise) zurück, ein 
Zustand, den man Sclerosirung der Cornea genannt hat. Diese letzt- 
genannte Veränderung der Cornea ist jederzeit unheilbar; es scheint, dass 
sie mit Obliteration der unter dem Limbus conjunctivae zur Cornea tre- 
tenden Zweige der vordem Ciliararterien complicirt ist. 

Die häufigste Quelle der Hornhauttrübungen im engern Sinne dieses 
Wortes sind Geschioüre oder Abscesse der Hornhaut. Man kann sich 
davon überzeugen, entweder indem man Kranke mit Hornhautgeschwüren 
oder Abscessen hinreichend lange beobachtet, oder wenn man sich die 
Mühe nimmt, bei den verschiedenen Hornhauttrübungen auf die Art ihrer 
Entstehung genau zurückzugehen. Man wird sich so am besten üher- 
zeugen, dass man es in den meisten Fällen mit Narben (im wahren Sinne 
des Wortes) zu thun habe, mit Trübungen, welche dadurch bedingt sind, 
dass an der betreffenden Partie Hornhautfasern verloren gegangen waren, 
und an ihre Stelle Exsudat getreten ist, welches den Substanzverlust 
mehr weniger vollständig deckt, und welches die Wiedererzeugung nor- 
maler Hornhautfarern an dieser Stelle vermittelt (provisorischer Callus), 
oder förmlich unmöglich macht (Narbengewebe). In nicht gar lange be- 
stehenden Fällen findet man auch die umgebenden unversehrten Horn- 
hautfasern noch von Exsudat durchsetzt. 

Bevor wir nun zur näheren Betrachtung dieser Zustände übergehen, 
Arie, i. 17 



258 Hornhaut. 

erscheint es nolhwendig, auf die Functions Störungen, welche dadurch be- 
dingt werden können, aufmerksam zu machen, damit die Wichtigkeit der 
nachfolgenden Erörterungen um so klarer hervortrete. — Jede noch so 
geringe Hornhauttrübung setzt, sobald sie der Pupille gegenüber liegt, 
eine Störung des Gesichtes. Man hat gesagt, ganz kleine (punktförmige) Trü- 
bungen stören das Sehvermögen nicht. Als Beweis hat man angeführt, 
dess viele Augen mit derlei kleinen, ja selbst mit merklich grössern 
Trübungen ein vollkommenes Gesicht besitzen, und dass solche trübe 
Stellen auf die Klarheit des Netzhautbildes keinen Einfluss nehmen können, 
weil sie der Linse zu nahe liegen 5 man solle nur ein Convexglas, z. B. 
von 1 Zoll Brennweite nehmen, es dem Fenster gegenüber vor eine 
weisse Wand halten, und man werde keinen Unterschied in dem Licht- 
kreise (focus) bemerken, ob man nun vor dem Glase einen Stecknadel- 
kopf vorhalte, oder nicht. Dieser Vergleich passt offenbar nicht hieher, 
denn am Auge ist die Linse nicht das einzige, ja sogar das untergeord- 
nete Organ für die Strahlenbrechung. Fleckchen auf der Cornea sind also 
vielmehr mit Fleckchen oder Schrammen auf Glaslinsen (Loupen oder 
Brillen) zu vergleichen. Wie nachtheilig aber selbst die feinsten Schrammen 
oder Flecke auf Augengläsern wirken, wissen die Brillenträger am besten. 
— Es ist allerdings wahr, dass Viele von der Gegenwart einer kleinen 
Trübung an einem oder an beiden Augen gar nichts wissen, ja dass Viele 
trotz dem ganz gut sehen. Das zeigt aber nur, dass dem Auge Mittel 
zu Gebote stehen, jene Störung mehr weniger unschädlich zu machen. 
Diese Mittel liegen theils in unwillkürlicher (durch Reflex angeregter) 
Abänderung des Refractionszustandes , theils in psychischer Intention, 
welche gleichsam instinktmässig von gewissen störenden Eindrücken ab- 
strahiren lehrt. 

Dass grössere und dichtere Hornhauttrübungen das Gesicht stören, und zwar um 
so ärger, je mehr sie den Lichtstrahlen den Zutritt zu der Pupille verwehren , ist all- 
gemein bekannt und anerkannt. Um den Einfluss kleiner und unscheinbarer Trübungen 
kennen zu lernen, stehen uns zwei Wege zu Gebote : der des Experimentes, und der 
der Beobachtung an Kranken. — Da die Cornea (im Verein mit dem Kammerwasser) 
eine Sammellinse darstellt, so können wir aus Experimenten mit Convexgläsern wohl 
auf das Verhalten der Cornea unter «ähnlichen Verhältnissen zurückschliessen. Bringen 
wir Jemanden, der zu feinem Arbeiten Convexgläser nöthig hat, auf dem einen oder 
auf beiden Gläsern im mittlem Theile kleine Flecke oder Schrammen an, so sieht er 
nicht mehr so gut, wie durch das reine und unversehrte Glas. Muss er sich dennoch 
dieses Glases weiter bedienen, so reichen seine Augen zu jenen Arbeiten nicht so aus' 
wenigstens nicht so lange, als vordem, sie ermüden leicht, oder er muss die Brille 
twas weiter vom Auge rücken, oder das Object etwas entfernter halten, oder aber 
stärkeres Licht suchen. Sein Auge wird also, wo nicht ganz unfähig, mit einem sol- 



Trübung — Folgen — Gesichtsslürnng. 259 

eben Glase zu arbeiten, entweder vorzeitig ermüdet, oder es ändert seinen Refractions- 
zustand, und wird nach langer fortgesetztem Gebrauche solcher Gläser weitsichtiger, 
d. h. es bedarf, wenn die beschädigten Gläser erst nach längerer Zeit mit reinen ver- 
tauscht werden, schon etwas mehr gewölbte Gläser, um wieder so klar und in der- 
selben Nähe, wie früher, zu sehen, während, wie man aus andern Fällen ersieht, 
wenn das beschädigte Glas bei Zeiten mit einem reinen von derselben Brennweite 
vertauscht wird, das Auge in gleichem Refractionszustande verbleibt. — Wenn Jemand, 
der gewohnt ist, sich beider Augen zu bedienen , und der auf beiden Augen nicht nur 
die gleiche Energie , sondern auch denselben Refractionszustand besitzt, ein leicht ge- 
trübtes (z. B. blassblaues oder über einer Kerzenflamme leicht angerauchtes) Glas vor 
das eine Auge, z. B. vor das linke hält, und nun mit beiden Augen liest, so wird er 
bemerken, dass er das Lesen auf diese Art nicht so lange aushält, als wenn er mit 
beiden Augen frei oder mit dem reehten Auge allein (bei völlig verdecktem oder zu- 
gehaltenem linken) liest. Er wird finden, dass er bei diesem Experimente die Schrift 
nicht so rein erkennt, dass bei längerer Fortsetzung des Experimentes das freie Auge 
sich mehr anstrengen muss, dass endlich die Buchstaben anfangen Farbensäume zu 
bekommen, zu schwanken, zu verschwimmen u. s. w. Woher diese Erscheinung? 
Wir sehen mit beiden Augen zugleich bekanntlich nur Ein Bild des Objectes, so lange 
die Lichtstrahlen identische Netzhautstellen treffen. Wie das eine Auge seitlich ab- 
gelenkt wird, somit die Lichtstrahlen von demselben Objecte nicht auf correspondirende 
Netzhautstellen fallen, erscheint ein Doppelbild jenes Objectes. Sollen wir aber scharf 
sehen, so muss das Bild, das dein einen Auge angehört, dem des andern auch an 
Deutlichkeit völlig oder nahezu gleich kommen , i. e. der Gesichtseindruck muss auf 
beiden Augen die gleiche Energie besitzen, die Bilder, welche durch Deckung in 
Einen Eindruck verschmelzen, müssen auch eine gleiche oder nahezu gleiche Deutlich- 
keit besitzen. Wenn demnach auf dem einen Auge das Netzhaulbild minder deutlich 
ist, als auf dem andern, so entsteht die Wahrnehmung eines Doppelbildes, welches 
jedoch vermög der Deckung nicht als ein getrenntes, sondern als Mischung aus einem 
deutlichen und undeutlichen wahrgenommen wird. Dieser Gesammteindruck hält dann 
das Mittel der Deutlichkeit, welches eben aus jener Mischung resultirt. Ich kenne 
einen Collegen, welcher ein sehr scharfes Gesicht beider Augen besitzt, mit der Eigen- 
thümlichkeit, dass ihm das rechte Auge allein die Gegenstände etwas röthlich, das 
linke allein etwas grünlich erscheinen lässt ; mit beiden Augen zugleich sieht er die 
Gegenstände in der natürlichen Farbe. Diesen Zustand, welcher die Deckung der 
Netzhautbilder, ihre Verschmelzung in Einen Gesammteindruck am besten zeigt, kann 
man künstlich nachmachen, wenn man vor das eine Auge ein röthliches, vor das aiv 5 - 
dere Auge ein grünes Glas hält, oder auch andere complemenläre Farben wählt; man 
wird dann beim Gebrauche beider Augen das Object weder roth noch grün, sondern 
in der natürlichen Farbe erkennen. Während dieses Experiment die Qualität betrifft, 
zeigen uns andere Experimente mehr den Einfluss der Quantität oder Itensität. Man 
träufle Jemanden, der auf beiden Augen gleiche Sehkraft und gleiche Refraction be- 
sitzt, in das eine Auge einige Tropfen gelösten Belladonnaextractes ein. So wie sich 
die Pupille dieses einen Auges erweitert hat , mithin der Refractionszustand desselben 
geändert ist, sieht derselbe namentlich nahe Gegenstände undeutlich; so wie man das 
veränderte Auge zuhält, sieht er wieder so gut, wie vorher. Die Schwäche des Ge- 
sammteindruckes ist offenbar das Resultat aus der Mischung des deutlichen und un- 

17* 



260 Hornhaut. 

deutlichen Eindruckes. Dasselbe Resultat erhalt man, wenn man ein schwach con- 
caves oder ein schwach convexes Glas vor das eine Auge hält, und auf demselben 
physiologischen Gesetze beruht die oben angegebene Erscheinung bei dem Experimente 
mit einem vor das Auge gehaltenen schwach getrübten Glase. So wie man aber ein 
stark convexes, oder ein stark coneaves, oder ein sehr trübes Glas vor das eine Auge 
hält, also die Formirung eines die Netzhaut noch hinreichend anregenden Bildes ver- 
hindert, ist man in derselben Lage, wie wenn man dieses Auge ganz verdeckt. — 
Wenden wir das Gesagte auf die Hornhauttrübungen an (in dem Abschnitte über die 
Trübungen der Linse werden wir ganz dasselbe wiederfinden), so finden wir, dass 
bei grössern und dichtem Hornhautflecken des einen Auges gar kein oder nur ein so 
undeutliches Bild erzeugt wird, dass es, falls das andere Auge gesund ist, ganz ver- 
nachlässigt wird, dass es die Netzhaut zu schwach anregt, um wahrgenommen und be- 
achtet zu werden. Geringere Trübungen der einen Hornhaut wirken aber gerade da- 
durch störend auf die Function des andern (gesunden) Auges ein, dass sie ein nicht 
genug deutliches Bild zulassen, welches mit dem des andern (gesunden) Auges ver- 
schmelzend, den Gesammteindruck schwächt. Wir finden in der That diese Erscheinung 
am Krankenbette so oft, dass sie wohl jedem aufmerksamen Beobachter bekannt sein 
dürfte. Insbesondere sind es Leute mit frisch entstandenen leichten Hornhauttrübungen 
(oder Resorptionsgeschwüren) , und noch öfter Leute mit beginnender und langsam 
vorschreitender Linsenverdunklung des einen Auges , an Avelchen man diese Wahrneh- 
mung machen kann. Sie müssen, wenn sie mit dem gesunden Auge feinere Gegen- 
stände genauer betrachten wollen, das kranke Auge förmlich zuhalten ; sie sagen : das 
kranke Auge blende sie ; Cataractöse wünschen sich ordentlich die völlige Verdunklung 
desselben. Nicht selten berichten solche Cataractöse dann , wenn die Trübung des 
einen Auges hinreichend dicht geworden ist, dem Arzte mit einer gewissen Freude^ 
dass sie nun mit dem andern Auge wieder besser sehen. Und auf gleiche Weise fand 
ich Patienten, welche in Folge überstandener Hornhautentzündung Flecke behielten, 
darüber in Bestürzung gerathen, dass sie durch den nach und nach dünner und kleiner 
gewordenen Fleck im Sehen mehr genirt waren, als früher durch die grössere Trü- 
bung , indem sie diese Erscheinung natürlich auf Rechnung des bisher gesund geblie- 
benen Auges schreiben zu müssen glaubten. 

Nicht minder interessant ist es, die Mittel kennen zu lernen, durch welche diese 
Störung ausgeglichen zu werden pflegt. Viele Erscheinungen, die nichts als Folgen 
leichter Hornhauttrübungen des einen oder beider Augen sind, werden nur dann ver- 
ständlich, wenn man das so eben erörterte Gesetz der Deckung eines vollkommen 
klaren und eines undeutlichen Bildes und der dadurch gesetzten Verschmelzung in 
einen minder deutlichen Gesichtseindruck kennt. 

Kleinere Trübungen des mittlem Theiles der Cornea führen, zumal 
bei jugendlichen Individuen , zur Kurzsichligheit. Wird ein Gegenstand 
dem Auge näher gebracht, so gelangen relativ mehr Lichtstrahlen von 
demselben zum Auge, als dann, wenn er entfernter gehalten wird. Die 
Menge der Lichtstrahlen, welche — bei gleich gross gedachter Pupille — 
von ein und demselben Gegenstande aus verschiedenen Entfernungen zur 
Netzhaut gelangt, verhält sich bekanntlich umgekehrt wie die Quadrate 



Trübung — Folgen — Kurzsiöfitigkeit — Ermüdung. 261 

dieser Entfernungen. Da ferner die Lichtstrahlen' von einem nahen Ge- 
genstände mehr divergent zum Auge gelangen , als die von einem ent- 
fernten , so werden von einem nahen Gegenstande auch aus diesem 
Grunde mehr Lichtstrahlen neben einem kleinen Hornhautflecke zur Pu- 
pille gelangen, als von einem entfernten. Aus diesen Gründen nun ge- 
schieht es, dass ein Kranker mit solchen Trübungen sich gewöhnt, alle 
Gegenstände relativ näher zu bringen , als ein Gesunder , und diese Ge- 
wohnheit führt, wie wir in dem Abschnitte „über die Krankheiten des 
Accommodationsvermögens" nachweisen werden , wenigstens in früheren 
Lebensjahren zu einer bleibenden Veränderung des Refractionszustandes, 
zur Kurzsichligkeit, welche auch nach dem Verschwinden der Ursache 
(der Hornhauttrübung) fortzudauern pflegt. Der Veränderung des Re- 
fractionszustandes kommt noch der Umstand zu Gunsten, dass bei cen- 
tralen Hornhauttrübungen die Pupille caeteris paribus etwas grösser zu 
sein pflegt. — Ob nun die Trübung auf beiden oder nur auf einem Auge 
vorhanden ist, das pflegt in Bezug auf dieses Endresultat gleich zu sein; 
dennoch kommen Fälle vor, wo bloss das eine Auge kurzsichtig wird 
und bleibt, das andere dagegen den normalen Refraclionszustand nicht 
einbüsst. Dieses hängt vorzüglich von der Art und Weise ab, wie der 
Kranke seine Augen zur Zeit der Dauer der Trübung verwendete. Wir 
müssten , um diesen Ausspruch schon hier vollständig zu rechtfertigen, 
das ganze Capitel über die Accommodation ausführlich besprechen, wess- 
halb wir lieber auf dasselbe verweisen. — Entstehen leichte Hornhaut- 
trübungen in spätem Jahren , wo eine Abänderung des Refractions- 
zustandes in den Zustand der Kurzsichtigkeit nicht so leicht möglich ist, 
so pflegen andere Störungen einzutreten , welche wir so eben besprechen 
wollen. Die gewöhnlichste ist Mangel an Ausdauer beim Betrachten 
naher und kleiner Objecte, und Unfähigkeit, entferntere Gegenstände 
deutlich wahrzunehmen. 

Der Zustand vorzeitiger Ermüdung der Augen, des Mangels an 
Ausdauer beim Lesen, Schreiben u. dgl. ist häufig die Folge kleiner und 
unscheinbarer Hornhautflecke. Man sieht diesen Zustand nicht bloss dann 
eintreten, wenn Erwachsene , deren Beruf grössere Anforderungen an die 
Sehkraft stellt, von solchen Trübungen befallen werden, sondern er ent- 
wickelt sich auch bei Leuten, welche derlei Flecke vielleicht seit der 
ersten Jugend an sich tragen , sobald sie in die Lage kommen , ihre 
Augen mehr als früher zur anhaltenden Betrachtung winziger Gegen- 
stände verwenden zu müssen. Dieser Zustand entwickelt sich nicht etwa 
bloss bei beiderseitigen Trübungen, sondern auch, wenn die eine Cornea 



262 Hornhaut. 

allein betroffen ist, und die Kranken kommen dann gewöhnlich den Arzt 
zu consultiren , nicht wegen des einen Auges , das die ohnehin ge- 
wöhnlich als von lange her schwächer bezeichnen, sondern wegen des 
andern, bisher gesunden, nun aber die Dienste bei der Arbeit versagenden 
Auges. Man kann sich in den Zustand solcher Leute leicht versetzen, 
wenn man sich selbst vor das eine Auge ein leicht getrübtes Glas hält, 
und nun längere Zeit liest. Das unverdeckte Auge hält die Anstrengung 
nicht lange aus. Es sucht nämlich — um figürlich zu sprechen — gleichsam 
das an Deutlichkeit des Gesammteindruckes zu ersetzen, was demselben 
durch die Mischung mit dem undeutlichen Bilde des nndern Auges ent- 
zogen wird, und die Retina und die Aceommodationsorgane halten diesen 
Zustand nicht lange aus. Es kommt dabei häufig zu der bekannten Er- 
scheinung des Mücke ns ehe ns — auf die wir in dem Capitel über das Aecom- 
modationsvermögen zurückkommen — und zu den Erscheinungen der 
Ermüdung, welche unter den Namen Asthenopie, Hebetudo visus, Ambly- 
opia ex abusu visus u. dgl. beschrieben worden sind. 

Bei bloss einseiliger Trübung, oder bei einerseits etwa stärkerer 
Trübung erfolgt in Fällen, ico die Trübung in der Jugend entsteht, die 
Gewohnheit zu schielen, in Fällen späterer Erkrankung die des zeitwei- 
ligen Zukneipens der Lider des schlechteren Auges. Es geschieht diess 
unwillkürlicb , instinktmässig, durch Reflex auf einen der Musculi recti 
oder auf den Muse, orbicul. palpebrarum. So wie bei andern nicht allzu- 
bedeutenden Störungen des Gesichtes, geschieht es auch bei leichten 
Hornhauttrübungen, dass der Kranke, der gewohnt ist, zur Betrachtung 
der gewöhnlichen Gegenstände sich beider Augen zu bedienen (weil bei 
diesen die Ulideutlichkeit des einen Bildes nicht so sehr in Anschlag 
kommt), das schwächere Auge zukneipt, und zwar je nach dem Refrac- 
tionszustande dieses und des gesunden Auges entweder bei Betrachtung 
eines winzigen und nahen Gegenstandes, oder so oft er mit dem bessern 
Auge deutlich in die Ferne sehen will. Leute, die es in diesem Zukneipen 
noch nicht zu einer gewissen Fertigkeit gebracht haben , pflegen das 
schwächere Auge geradezu mit der Hand zu verdecken. — Die Ablen- 
kung des Auges durch einen der geraden Augenmuskel, das Schielen, 
erfolgt in der Regel nach innen, seltener nach aussen, ausnahmsweise 
uach oben oder nach unten. Ist das Individuum zur Zeit der eintreten- 
den Gesichtsslürung noch jung, werden seine Augen ausschliesslich oder 
vorwaltend für nahe Gegenstände in Anspruch genommen , so erfolgt 
beinahe conslant die Ablenkung nach innen, Strabismus internus s. con- 
vergens. Tritt die Gesichtsstörung (aus was immer für einer Ursache, 



Trübung — Schielen) — Nystagmus — Eins. Sehen. 263 

also nicht bloss hei Hornhautflecken) erst in spätem Jahren ein, so 
kommt, es fast ausschliesslich nur zur Ablenkung nach aussen, Strabismus 
ext rem US s. divergens. Die Intention zu dieser Ablenkung geht eben von 
jener Störung des Gesainmleindruckes durch das undeutliche Bild des 
schwächeren Auges aus. Sie tritt anfangs nur vorübergehend, nur beim 
genauem Betrachten eines Gegenstandes ein , wird aber später gewöhn- 
lich permanent. Doch gibt es Leute, welche nur dann schielen , wenn sie 
etwas genauer betrachten wollen. Dieses Schielen hat demnach ganz 
denselben Zweck, wie das Zukneipen oder Zuhalten des schwächern Au- 
ges, nämlich den störenden Eindruck, das Nebelbild zu beseitigen, um 
dann mit einem Auge allein und somit besser, deutlicher zu sehen. Es 
ist unbegreiflich, wie ein Wal/her u. A. behaupten konnten, das mit einem 
Hornhautflecke versehene Auge werde abgelenkt, damit neben einem Flecke 
vorbei die Lichtstrahlen zur Netzhaut gelangen können. Wenn man auch 
aller Kenntnisse über die Physiologie des Auges und namentlich über 
das Einfachsehen mit zwei Augen bar wäre: die einfache Beobachtung 
allein müsste diesen Männern Fälle genug vorführen , wo das Auge ge- 
rade so abgelenkt wird , dass ein Wahrnehmen des Objectes dann um so 
weniger möglich wird. Da wir jedoch den Erörterungen über das Schie- 
len überhaupt in dem Abschnitte „über die Krankheiten der Augen- 
muskel u nicht unnöthig vorgreifen wollen, so genüge das Gesagte zum 
Nachweise, dass Hornhautrübungen nicht selten zu Strabismus führen, 
und dass diese seeundäre Affeclion der Augenmuskeln fortbestehen kann, 
auch wenn die Ursache, die Hornhauttrübung, längst verschwunden ist. 

Bestehen bedeutendere centrale Hornhauttrübungen von der ersten 
Kindheit an, so werden sie Ursache des beständigen Oscitlirens der 
Bulbi, des Nystagmus. Da hier nur von den geringeren Hornhauttrü- 
bungen die Rede sein soll, um die Wichtigkeit der folgenden Erörterun- 
gen (über die Behandlung derselben) hervorzuheben, so muss rücksicht- 
lich dieses Folgezustandes gleichfalls auf den Abschnitt „über die Krank- 
heiten der Augenmuskeln" verwiesen werden. 

Man kann diesen Ansichten über die genannten conseculiven Ge- 
sichtsfehler entgegenstellen, dass eine Ungleichheit der Sehkraft (mit oder 
ohne Hornhauttrübungen) und ein ungleicher Refractionszusland bei sehr 
vielen Menschen wahrgenommen wird , ohne dass jene Zustände, die wir 
als Folgen jener Ungleichheit bezeichneten, vorkommen. Wir kennen 
diese Thatsache, und sind weit entfernt, sie im mindesten in Abrede zu 
stellen. Aber sie zeigt uns eben nur, dass im Organismes, wo jederzeit 
so viele Momente zugleich in Anschlag zu bringen sind, wenn sich's 



264 Hornhaut. 

darum handelt, aus Wirkungen auf Ursachen zurückzuschliessen, eben ein 
Moment für sich allein nicht hinreicht, eine genügende Erklärung zu 
geben. So gut wir nicht wissen , warum es in dem einem Falle bloss 
zum zeitweiligen Schielen oder Zukneipen der Lider , in dem andern zur 
Kurzsichtigkeit, und in einem dritten zum Mangel an Ausdauer im Sehen 
kommt, können wir auch nicht bestimmen, warum in andern Fällen keine 
dieser Folgen eintritt. Mancher Mensch gewöhnt sich, nur mit dem bessern 
Auge zu sehen, wenigstens zu genauerem Unterscheiden sich bloss des 
bessern zu bedienen, ohne dass es zu einer Ablenkung etc. des schwä- 
chern Auges kommt ; ein anderer arbeitet mit dem einen Auge , ohne 
dass ihn das schwächere Bild, welches das andere liefert, nur im min- 
desten stört. Es darf uns bei Beurtheilung solcher Fälle nicht entgehen, 
dass man — bald mit, bald ohne Bewusstsein oder Absicht — von ge- 
wissen störenden Sinneseindrücken abstrahiren lernen kann. Wer sich 
mit dem Mikroskope beschäftigt, weiss, dass ihn der feinste Ritz des 
Glases, welches das Object trägt oder deckt, anfangs beträchtlich, allmälig 
aber gar nicht beirrte ; er weiss, dass es ihn anfangs viele Mühe kostete, 
den Eindruck auf das linke (offen gehaltene) Auge zu vernachlässigen, 
während er mit dem rechten in das Instrument sah. — Wenn man übri- 
gens Leute mit nur wenig differenter Sehkraft oder Sehweite beider 
Augen aufmerksam beobachtet und examinirt, so wird man finden, dass 
es doch gewisse feine Arbeiten oder gewisse Distanzen gibt , bei denen 
ihre Augen nicht jene gehörige Schärfe und Ausdauer zeigen, welche sie, 
nach dem bessern Auge allein zu schliessen, zeigen sollten. (Ich ver- 
weise in dieser Beziehung auf meine Abhandlung über Amblyopie im 4. 
Bande der Prager Vierteljahrschrift.) Die meisten Leute mit ungleicher 
Sehkraft oder Sehweite bedienen sich zu dem gewöhnlichen Sehen beider 
Augen; so wie sie aber eine feinere Arbeit verrichten oder in die Ferne 
sehen wellen, bedienen sie sich nur des einen, hiezu allein geeigneten 
Auges , und abstrahiren von dem schwächeren Eindrucke des andern. 
Wo aber der Gesichtseindruck des einen Auges überhaupt ein sehr 
schwacher ist, da ist eine solche Abstraction gar nicht nolhwendig. Diess 
ist z. B. der Fall bei Schielenden, und hierin liegt der Grund, dass sie 
in späterer Zeit nicht doppelt sehen. 

Man wird, wenn ich mich klar ausgesprochen habe, aus dieser Dar- 
stellung ersehen, wie wichtig es ist, dass man der kleinsten Hornhaut- 
trübung, sobald sie im Bereiche der Pupille liegt, seine tolle Aufmerk- 
samkeit schenke, dass man bei allen solchen Hornhauttrübungen jede 
grössere Anstrengung der Sehkraft untersage, so lange es nicht gelungen 



Trübung — Prognosis. 2(55 

ist, die Aufhellung der Hornhaut zu bewerkstelligen, falls diess überhaupt 
möglich ist, namentlich bei Kindern, und dass es gewissenlos ist, die 
Ellern nicht hierauf aufmerksam zu machen. Man nehme sich nur die 
Mühe, alle, die an Ermüdung der Augen (Asthenopie), an Schielen, an 
Kurzsichtigkeit leiden, genau zu examiniren und zu untersuchen, und man 
wird sich überzeugen, dass das, was soeben über Hornhauttrübungen 
gesagt wurde, eben so wahr als wichtig ist. 

Es fragt sich nun : kann der Arzt bei Hornhauttrübungen etwas zum 
Besten des Kranken thun, oder hat er diesen ohneweiters seinem Schick- 
sale zu überlassen? — Schon Beer beklagte sich, dass viele, selbst be- 
rühmte Augenärzte dieser wichtigen Frage nicht die gehörige Aufmerk- 
samkeit schenken, daher es komme, dass nicht selten Quacksalber manchen 
als unheilbar erklärten Augenkranken heilen. Trotz den seither ge- 
machten Erfahrungen hat man in neuester Zeit wieder behauptet, die 
Hornhauttrübungen heilen entweder von selbst, oder gar nicht; es be- 
ruhe auf Täuschung, wenn man glaube, die Kunst vermöge etwas dagegen. 
Allein dadurch, dass man die Ansichten älterer Arzte bespöttelt, ohne die 
von ihnen aufgestellten Behauptungen mit wissenschaftlichen Gründen zu 
widerlegen, wird der Wissenschaft und Kunst kein Dienst erwiesen. Wir 
haben gerade bei Hornhauttrübungen, wenn sie bei einem und demselben 
Individuum auf beiden Augen in ganz gleicher Weise vorkommen, was doch 
nicht selten der Fall ist, die schönste Gelegenheit zu prüfen, ob die so- 
genannten „Hornhaut-aufhellenden Mittel" etwas zu leisten im Stande 
sind, oder nicht. Meine Versuche hierüber haben mich zu dem Resultate 
geführt, dass die von Beer u. A. aufgestellten Grundsätze der Hauptsache 
nach richtig sind. 

Wir kennen nur zwei wesentlich verschiedene Formen von Trü- 
bungen des Hornhautparenchyms (in Folge von entzündlichen Zuständen), 
nämlich: Exsudate zwischen den noch bestehenden Hornhautfasern, und 
Exsudate an der Stelle der durch Eiterung oder mechanisch - chemisch 
wirkende Einflüsse zerstörten Hornhautfasern. Es braucht wohl kaum 
wiederholt zu werden, dass beide Formen neben einander zugleich vor- 
kommen können, ja dass die letztere fast nie ohne die erstere (in der 
Umgebung der Narbe) vorkommt. Man hat sich somit bei jeder Horn- 
hauttrübung zu fragen, ob zur Beseitigung derselben einfache Resorption 
des Exsudats oder wirkliche Regeneration der betroffenen Partie not- 
wendig sei , und weiterhin , ob auch die Bedingungen %u der einen oder 
zur andern vorhanden seien. — Trübungen der ersten Art schwinden in 
der Regel von selbst, sobald der exsudative Process erloschen ist, und 



266 Hornhaut. 

man hat sich hier sehr zu hüten, dass man nicht vorzeitig örtliche Reiz- 
mittel anwende. Sie schwinden um so leichter, je mehr das Exsudat ein 
seröses ist; doch gehen auch sehr faserstoffreiche, ein gelblichweises Aus- 
sehen darbietende Trübungen nicht selten von selbst zurück. Wir sind jedoch 
durch bestimmte Beobachtungen zu der Einsicht gekommen, dass sich 
die Aufhellung solcher Hornhäute durch entsprechende Behandlung be- 
schleunigen lässt, und dass derlei Trübungen nach Jahre-langem Bestände 
oft in kurzer Zeit durch die Kunst beseitigt werden können. Eine Aus- 
nahme findet nur dann statt, wenn nach langem Fortbestehen reichlichen 
Faserstoffexsudates die eigentlichen Hornhautfasern atrophirt sind, was 
sich nach vorausgegangener merklicher Schwellung der Cornea dadurch 
kund gibt, dass die von dem allmälig schrumpfenden Exsudate durchsetzte 
Hornhautpartie etwas platter und flacher, sehnen- oder porzellanartig glän- 
zend aussieht oder bei Berührung mit einer Sonde derb und hart erscheint. 
Bei den durch Substanzverlust der Cornea und unvollständige Re- 
generation gesetzten Trübungen fragt sich's , abgesehen von der Compli- 
calion mit der durch einfache Exsudation gesetzten Trübung der Um- 
gebung, zunächst, wie tief die Zerstörung reichte. Eine oberflächliche 
Trübung dieser Art erscheint in der Regel halbdurchsichtig oder stark 
durchscheinend , nebel- oder rauchähnlich mit verwachsenen Rändern. 
Solche Trübungen sind, wenn sonst die Bedingungen von Seite des Ge- 
sammtorganismus günstig sind, leicht heilbar. Doch lasse man sich nicht 
täuschen; bisweilen bietet eine solche Trübung durchaus ein solches Aus- 
sehen dar, und reicht doch sehr tief; diess ist der Fall, wenn die ge- 
trübte Stelle zugleich vertieft oder abgeschliffen erscheint, weil das zur 
Deckung des Substanzverlustes gesetzte Exsudat schon mit Epitheliuin 
überzogen wurde, bevor es noch das Niveau der Umgebung er- 
reichte. Solche vertiefte Hornhauttrübungen sind schwer oder gar nicht 
heilbar. — Tiefere Geschwüre lassen gerne das zurück, was Beer 
Leucoma nannte , nämlich eine in der Mitte undurchsichtige , weisse 
oder gelblichwcisse Trübung von glattem dichtem Aussehen. Solche 
undurchsichtige Trübungen mit verwachsenen Rändern sind bald heilbar, 
bald unheilbar. Diess hängt hauptsächlich von dem Zustande des Ge- 
sammtorganismus und von der Dauer dieser Krankheit ab. Bei Kindern, 
welche in Folge von Blennorrhoca neonatorum sehr bedeutende Leu- 
come darboten, sah ich die Cornea allmälig maculös (halbdurchsichlig) 
und endlich wohl auch vollkommen durchsichtig werden. — Trübungen, 
welche nach durchbohrenden Hornhautgescliwüren oder Wunden mit 
vordem Synechien entstanden, sind wenigstens so weil, als die Yerwach- 



Trübung — Prognosis. 2(37 

sung mit der Iris reicht, absolut unheilbar. — Derb aussehende undurch- 
sichtige Trübungen mit deutlicher Vertiefung oder Abflachung in der 
Mitte sind unheilbar. — Trübungen mit vermehrter Wölbung des getrübten 
Theiles hellen sich niemals auf. Stellen sie eine geheilte Keratokele dar, 
so bleibt das Gesicht permanent gestört, auch wenn der centrale Theil einen 
ziemlich hohen Grad von Durchsichtigkeit erlangt. — Trübungen, welche 
wegen abnorm angehäuften und veränderten Epitheliums über die Wöl- 
bung der Cornea emporragen, lassen sich wahrscheinlich auch durch 
Abtragung desselben nicht beheben. — Der Umfang der Trübung hat 
wohl einigen, aber lange nicht so viel Einfluss auf die Heilbarkeit, als 
man glauben sollte; gerade ganz kleine, aber tief reichende Trübungen 
sind oft weit hartnäckiger, als ausgedehntere, aber mehr oberflächliche. 

Eine zweite Frage bei dieser Form von Hornhauttrübungen, den 
eigentlichen Hornhautnarben, ist die, wie lange die Trübung bereits be- 
stehe, und welchen Grad von Festigkeit oder Dichtheit sie bereits an- 
genommen habe. Das an die Stelle der verloren gegangenen Hornhaut- 
fasern getretene Exsudat wird, wenn es nicht in normale Hornhautfasern 
umgewandelt worden ist, mit der Zeit immer dichter und fester, und 
bekommt ein silber- oder sehnenartig glänzendes, mitunter auch kreiden- 
weisses oder fettartiges Aussehen. Der Grad seiner Consistenz lässt sich 
auf diese Art nicht bloss mit der Sonde, sondern auch schon durch den 
einigermassen geübten Blick beurtheilen. Bisweilen bilden sich selbst 
Kalkconcremente, nach einigen Beobachtern auch wahre Verknöcherungen 
in denselben. Je weiter nun diese Metamorphose gediehen ist, desto 
schwieriger wird die Elimination und der Ersalz durch neues Exsudat, 
welches in normale Hornhaut umgewandelt werden kann. 

Die 3. Frage endlich betrifft den Zustand des Gesammtorganismus 
überhaupt, und den des Auges insbesondere. Je jünger, je gesünder, 
lebenskräftiger das Individuum überhaupt, desto mehr kann man auf Eli- 
mination des Exsudates und auf Umwandlung des an seine Stelle tre- 
tenden frischen Ergusses in homogenes Hornhautgewebe rechnen. Bei 
Individuen, die das 40. Jahr überschritten, bei Individuen, die vor der 
Zeit gealtert, sehr herabgekommen sind, können auch kleine und un- 
scheinbare Hornhauttrübungen jedem Heilversuche widerstehen. Bei 
Kindern, deren Cornea ihr Wachsthum noch nicht vollendet hat, sieht 
man Farben, die bis in die tiefsten Schichten reichen, selbst solche, die nach 
durchbohrenden Geschwüren entstanden waren, wenn nur die Wölbung 
der Cornea nicht gelitten, und die Iris nicht mit der Cornea in Verbin- 
dung geblieben, in Zeit von einigen Monaten oder Jahren sogar von 



2G8 Hornhaut. 

selbst spurlos oder bis auf leichte unscheinbare Trübungen ver- 
schwinden. 

Beer 1. c. II. B. S. 91 erzählt folgenden Fall. „Ich hatte ein Sjähriges Mädchen, 
welches durch eine von Seite des Augenarztes vernachlässigte scrofulöse Augenentzün- 
dung des Gesichtes vollkommen beraubt war, indem die rechte Hornhaut gänzlich Ieuco- 
matös. in der Hornhaut des linken Auges aber ein ungeheurer, vertrockneter, leuco- 
matöser Abscess *) zurückgeblieben war, durch volle 7 Jahre in der Cur ; aber es 
wurde auch für seine unerschöpfliche Geduld so reichlich belohnt, dass das rechte 
Auge kaum eine merkliche Spur des Leucoms am untersten Rande der Hornhaut und 
das linke Auge eine ldeine, dem Gesichte gar nicht hinderliche JVarbe trägt." S. 93. 
,.E> ist für denjenigen, der es nicht selbst erfahren hat, oder der wenigstens nie 
Augenzeuge davon war . wirklich unglaublich, xcie viel Gutes der Arzt in derlei Fällen 
oft für die gerne Zukunft seines Kranken thuii kann, wenn er seinen mit ungetrübter 
Einsicht regulirten Heilplan auch mit ausharrender Geduld durchführt. Es stiessen mir 
in meiner Praxis mehrere Fälle auf, in welchen ich durch die völlige Beseitigung des 
maculösen oder leucomatösen Umfanges von Hornhautnarben dem Kranken das Gesicht 
an diesem Auge, das er schon seit seiner Kindheit für verloren hielt, vollkommen 
wieder gab. und somit den Unglücklichen von gänzlicher Blindheit rettete, welcher so 
eben durch Eiterung das andere Auge plötzlich verloren hatte, das er bis dahin allein 
gebrauchen konnte. — In andern Fällen dieser Art, in welchen es nur auf Wiederher- 
stellung des Gesichtes in Einem Auge ankam, indem das andere verloren war, gelang 
es mir durch die völlige Beseitigung des maculösen oder leucomatösen Umfanges der 
Hornhautnarbe, in der Hornhaut einen so bedeutenden Terrain zu gewinnen, dass ich 
nachher mit dem glücklichsten Erfolge zunächst der Xarbe eine künstliche Pupille an- 
legen konnte." Man mag allerhand gegen Beers Theorien einzuwenden haben; aber Wahr- 
heitsliebe und die Gabe, gut zu beobachten, wird ihm gewiss Niemand absprechen können. 

Welche Miffel man nun zu wählen habe, um derlei Trübungen zu 
beseitigen, dazu hat uns Beer folgende Anhaltspunkte gegeben: 1. Je 
mehr die Farbe der Verdunklung oder des Fleckes der Hornhaut ins 
Dunkelgraue fällt, 2. je mehr sich die verdunkelte Stelle an ibrem Um- 
fange verwäscht, folglich je weniger sichtbar ihre angeblichen Grenzen 
sind, 3. je matter die verdunkelte Stelle aussieht, je weniger sie irgend 
einen Glanz zeigt, und endlich 4. Je mehr feine, kaum sichtbare Blut- 
gefasschen aus der zunächst angrenzenden Bindehaut der Sclera gegen 
die getrübte Stelle der Hornhaut hinlaufen, ohne diese wirklich zu er- 
reichen, und noch viel weniger zu überströmen: desto bestimmter sind 

'") An eine Eintrocknung des F.ilers im Siune Beer's u. A. glaubt heut zu Tage natürlich Niemand mehr; dass aber 
diesem schlecht gewählten Ausdrucke wirklich eine eigenlliümllche Trübung der Hornhaut zu Grunde liegt, welche 
sich nach Abscessen entwickelt, ist nicht zu läugnen. Es durfte nicht ohne Interesse sein, zu hören, wie sich 
ein Mikroskopiker unserer Tage, nämlich Szokalski, in Roser und Wunderlich'* Archiv, ls46, S. 227, hierüber 
ausspricht. „Der zwischen den Homhaulfasern gebildete Eiler kann sich im weitern Verlaute entweder entleeren, 
oder er vertrocknet in der Hornhaulsubslanz. Sein Eiterserum verschwindet durch Resorption, die Eiterkürperchcn 
verschmelzen zu einer gelblichen Masse, und verbinden sich organisek mit der Hornheulsubslanz, in Jcrcii Mille 
sie einen äusserst schwer beilbaren Flecken bilden." 



Trübung — Therapie. 269 

sogleich mischungsändcrnde Mittel angezeigt, welche nach Maassgabe 
ihrer Wirksamkeit stufenweise verstärkt werden müssen. — Hingegen 
1. je weisser, je undurchsichtiger die getrübte Stelle der Hornhaut ist, 
je mehr sich ihre Farbe dem Kreidenweiss nähert, je mehr der Fleck 
dabei glänzt, 3. je mehr sich die getrübte Stelle über die Oberfläche der 
Hornhaut aufwölbt, und 4. je reiner von Blutgefässen die zunächst an- 
grenzende Bindehaut der Sclera ist, desto weniger sind gleich anfangs 
mischungsändernde Mittel angezeigt, desto mehr muss man anfangs die 
schwächsten mischungsändernden Mittel mit den vorbereitenden (öligen, 
schleimigen, erweichenden) vermengen. — Man mag von Beer's Theorie 
über das Wesen der Hornhauttrübungen und über die Wirkung der 
Mittel dagegen denken, was man will : praktisch bleiben die von dem- 
selben gegebenen Anhaltspunkte für die Wahl der Medicamente unter 
allem, was seine Nachfolger hierüber gesagt haben, noch immer die ver- 
lässlichsten und brauchbarsten. 

Wollen wir nicht annehmen, dass alle die Männer, welche verschie- 
dene Mittel, ursprünglich meistens den sogenannten Volks- und Geheim- 
mitteln angehörig, als in der That heilsam und bewährt anempfohlen 
haben, sich selbst täuschten, oder Andere absichtlich täuschen wollten, 
so bleibt nichts übrig, als dieselben am Krankenbette selbst zu ver- 
suchen, und mit Hilfe unserer gegenwärtigen medicinischen Kenntnisse 
und Ansichten eine rationelle Anschauung über deren Wirkungsweise an- 
zustreben ; denn nur das auf bestimmte Grundsätze gestützte Handeln 
kann den Arzt von dem einfachen Empiriker unterscheiden. Zunächst 
erscheint demnach die Kenntniss dieser Mittel und ihrer Anwendungsweise 
nothwendig. Alle diese Mittel zerfallen in solche, welche die allmälige 
Umwandlung der trüben Stelle in eine durchsichtige anstreben, und in 
solche, welche die Trübung mehr weniger rasch (durch chemische oder 
mechanische Zerstörung) beseitigen. Die vorläufige Aufzählung der ge- 
rühmtesten dieser Mittel und ihrer Anwendungsweise wird dem Pharmako- 
dynamiker und Pathologen die Würdigung ihres Heilwerthes wesentlich 
erleichtern. Beginnen wir mit der ersten Reihe. 

A) Zu den Mitteln, welche allmälige Umwandlung der getrübten in 
durchsichtige Hornhaut bewirken sollen, gehören: 

1. Die Elektricität und die Acupunctur. Bei Anwendung der ersteren 
wird der Strom, so stark ihn der Kranke verträgt, durch das obere Augen- 
lid und irgend eine andere Stelle des Körpers durch 5 — 10 Minuten ge- 
leitet, bis das Auge reichlich thränt und die Bindehaut sich stark injicirt ; 
die letztere besteht in der schrägen Einführung einer feinen Acapunctur- 



270 Hornhaut. 

nadel mitten in die trübe Stelle und Belassung in dieser, bis dieselben 
Zufälle eintreten. 

2. Wasserdämpfe, mittelst eines engen und langen Trichters un- 
mittelbar auf den Augapfel geleitet, ingleichen warmer Malvenaufguss 
oder gewärmter Quittenschleim. 10 — 12mal des Tages in's Auge zu träu- 
feln. Beer, der diese Mittel empfiehl, macht aufmerksam darauf, dass 
bei Anwendung dieser Mittel, besonders wenn letztere nicht gewärmt 
oder (relativ) zu häufig gebraucht werden, leicht bedeutende Auflocke- 
rung und Ödem der Conjunctiva bulbi, selbst Ödem der Lidränder ent- 
stehen. Die Hornhauttrübungen selbst sollen dadurch ein mehr lockeres 
und sulziges Aussehen bekommen. 

3. Ölige Mittel, wie : Axungia viperina, Liquamen hepatis muslelae 
fluviatilis (Aalrutenleberöl), Oleum jeeoris asselli, reine Ochsen- oder 
Fischgalle, Nussöl und ähnliche bekannte Volksmittel, täglich 2 — 4mal 
mittelst eines Pinsels wo möglich auf die Cornea selbst aufgetragen, und 
mittelst des obern Lides gut verrieben, haben nach Beer u. A. im frischen 
Zustande mehr eine erweichende, im ranzigen Zustande mehr eine rei- 
zende, die Resorption direct betätigende Wirkung. Den ranzigen Ölen 
und dem (r» ur in geringer Dosis zur Fisch- oder Ochsengalle beizumen- 
genden) Honig anzureihen sind die brenzlichen Öle, z. B. Papieröl, und 
einige ätherische Öle, z. B. Wachholderöl, welche das Auge auch in 
kleiner Dosis stark reizen. 

4. Verschiedene Substanzen in Wasser gelöst, täglich 1 — 2mal 
mittelst eines Pinsels einzuträufeln. Setzt man bei jenen, deren Vehikel 
nicht speciell genannt ist, eine Unze Aqua destill, als Suscipiens voraus, 
so können sie rücksichtlich der Intensität ihrer Wirkung ohngefähr in 
nachstehende Reihenfolge gebracht werden. 

a) Extr. cicutae (ein Scrupel in zwei Drachmen Wasser gelöst); 

b) Extr. chelidonii majoris oder Extr. aloes aquos. (zehn Gran auf 
zwei Drachmen), mittelst eines Pinsels einzuträufeln ; 

c) Laudanum liquid. Sydenh., anfangs mit Wasser verdünnt, später 
unvermischt ; 

d) Sublim, corros. ein Viertel Gran mit vier — acht Tropfen Lau- 
danum liquid, oder: sublim, corros. gr. dimid. cum opii colati gr. quatuor ; 

e) Argenti nitrici gr. */ a — 2 ; *) 

*) Die unter c, d und e genannten Mittel, namentlich das Laudantim, sind besonders bei frisch entstandenen Trü- 
bungen, sobald nur der exsudative oder ulcerüse Process aufgehört hat, unschätzbare Mittel, die Resorption zu 
belhätigcn. Vgl. über Hornhautentzündung und Horiihaiit<reschv.nre. 



Trübung — Therapie. 271 

f) Cadmi sulfurici gr. 1—2; 

g~) Salis ammon. et sacch. albi a~a scrup. in aquae menlhae unica ; 

h) Boracis venetae et sacch. albi a~a gr. quindeeim cum extraet. 
aloes aquos. et extr. opii aq. a~a gr. tribus; 

i) Aquae benedict. Rulandi (Vini slibiali) uncia cum essentiae aloes 
et liquam. myrrhae a~a drachma ; 

/r) Barylae muriaticae gr. quinque in aquae laurocer. uncia, alle 2 
Stunden zu 1 Tropfen ; 

/) Kali caustici oder Kali carbonici (Salis tartari) gr. duo ; 

tri) Salis volat. cornu cervi (Carbon, ammon. pyro-oleosi) dr. decem 
cum salis tartari dr. una et melis despum. dr. tribus, mittelst eines Pin- 
sels aufzutragen. 

5. Mittel in Salbenform. Als Vehikel nimmt man frische unge- 
salzene Butter, frisches Schweinfett, Cacaobutter, eine Mischung von 
Wachs und Mandelöl, oder eine Mischung aus 4 Theilen Wallralh, 2 
Theilen weissem Wachs, 16 Theilen Mandelöl und 12 Theilen Rosen- 
wasser (Ung. anglican. album nach Wendler*). 

Da bei diesen Salben aber viel darauf ankommt, dass die festen Bestandteile immer 
sehr gut vertheilt sind und bleiben, so wird man nicht nur den Apotheker hiezu durch 
den Beisatz „51. exaetissime" oder „-M. F. ung. ophthalm." anzuweisen, sondern auch bei 
der Wahl des Vehikels die Temperatur, die Jahreszeit zu berücksichtigen haben. Bei den 
folgenden Formeln wird eine Drachme Excipiens als Normale vorausgesetzt. Diese 
Salben werden am besten vor dem Schlafengehen, bei Kindern, welche sich dawider 
strauben, während des ersten festen Schlafes linsen-, erbsen-gross zwischen die Lider 
gebracht, mittelst eines Pinsels oder mit der Spitze eines Fingers, und dann durch 
sanftes Reiben der geschlossenen Lider möglichst gut verlheilt. 

a) Merc. praec. rubri gr. unum — quatuor ; 

Merc. praec. rubri gr. sex et tutiae praepar. (oxydi zinci) gr. tritt ; 

Praecip. rubri gr. sex, vitrioli cyprini pulveris. gr. quinque et cam- 
phorae oleo ovor. subact. gr. duo. 

Praecip. rubri, cerae flavae et butyri rec. a~a drachma una. 

Praecip. rubri gr. octo, flor. zinci gr. tria, axung. et liquam. hepat. 
mustel. fluviat. a~a drachma una, nach Beer, wenn man die Wirkung noch 
steigern will, noch mit einigen Granen zum feinsten Staub gepulverten 
Glases (Yitrum alkoholisat.) vermischt; 

6) Unguentum citrinum Ph. Lond. (Ware); 

c) Kali hydrojodici gr. duo — quatuor Chelius) ; **) 



*) Wallher und Ammon's Zeitschrift für Augenheilkunde, 8. B. 4. St. 
•") Ich wende dieses Präparat lieber zu zehn - fünfzehn Gran auf zwei Drachmen Fett zu Einreibungen auf die Slirne 



272 Hornhaut. 

d) Salis volat. cornu cervi gr. quinque, felis tauri inspiss. dr. unam 
et extr. chelidonii dr. duas, M. exactiss. (bei Rosas) ; 

e) Kali canstici gr. tria cum olei nucis jugland. drachma (bei 
Rosas). 

6. Pulver, theils aus löslichen, Iheils aus unlöslichen Bestandtheilen, 
mittelst eines Pinsels auf die Hornhaut aufzustreuen (von Laien mittelst 
einer Federspule eingeblasen). Ihre Anwendung erheischt in Bezug auf 
die gleiehmässige Vertheilung grosse Vorsicht, wenigstens bei den wirk- 
sameren. Beispielsweise nur einige derselben , als : Fein gepulverter 
Zucker, fein gepulvertes Glas ; eine Drachme Natrum muriat. mit einer 
halben Drachme Lapis cancrorum ; eine Drachme Weinstein und Zucker 
mit einer halben Drachme pulv. oss. sepiae ; eine Drachme Borax mit 
zehn Gran limat. stanni alkoholis. und zwei Drachmen Zucker, allenfalls 
auch noch mit etwas Bimsstein gemischt u. s. w. 

Die meisten, vielleicht alle diese Mittel wirken dadurch, dass sie 
einen gewissen Grad von Entzündung erregen. So weit uns der Vorgang, 
den wir Entzündung nennen, überhaupt bekannt ist, wissen wir, dass mit 
dem Momente der Erweiterung der Gefässe und mit der Verlangsamung 
des Blutstromes darin, zugleich Durchschwitzung des Blutserums in das 
umgebende Parenchym, somit Lockerung und Durchfeuchtung desselben, 
und erst bei höheren Graden und längerer Dauer des Processes auch 
Austretung von Faserstoff statt findet. Wenn demnach die genannten 
Mittel wirklich einen gewissen Grad von Entzündung (nach Rosas „einen 
an Entzündung grenzenden Reizungszustand" der Binde- und Hornhaut) 
erregen, so lässt es sich recht gut denken, dass sie, indem sie serösen 
Erguss bewirken, dadurch einerseits Erweichung, Auflösung und Resorp- 
tion fest gewordener Exsudate vermitteln, anderseits das Anschiessen 
plastischen Exsudates und Umwandlung desselben in normale Hornhaut- 
fasern möglich machen, falls sonst die Bedingungen hiezu vorhanden sind. 
Dass aber die meisten jener Mittel einen gewissen Grad von Entzündung 
erregen, wenn sie „lege artis" angewendet werden, sieht man nicht nur 
aus ihren pharmakodynamischen Eigenschaften, sondern auch aus den 
Vorschriften, wie sie angewendet werden sollen. Es wird ausdrücklich 
bemerkt, dass sie auch beim Vorhandensein aller sonstigen Bedingungen 
nichts nützen, wenn sie nach der jedesmaligen Anwendung nicht einen 
gewissen Grad von Reaction hervorrufen, und dass sie geradezu schaden, 

und Schlafe an, alle 3 — 4 Stunden bohnen-gross. und verstärke die Wirkung durch Zusatz von 1 — 2 Gran reiner 
Jodine, Auf diese Weise kann es schon sehr bald nach beendigter Entzündung ungewandt werden, und isl, wie 
ich oft beobachtete, von entschiedener Wirkung. 



Trübung — Therapie. 273 

wenn diese Reaetion zu bedeutend wird. Wir werden auf diese Vor- 
schriften noch zurückkommen, und bemerken nur, dass es von wenig 
Consequenz zeugt, wenn man behauptet, fest gewordene Exsudate (Gra- 
nulationen) in der Bindehaut lassen sieh durch Bestreichen mit Cuprum 
sulfurieum, durch Scarificationen, durch Einstreichen von Mercurialsalben 
iL dgl. zur Resorption bringen, dieselben oder ähnliche Mittel seien da- 
gegen unnütz bei fest gewordenen Exsudaten der Cornea. Diese solle 
man sich selbst überlassen, während jene mit allerhand Mitteln anzu- 
greifen seien. Auch gegen fest gewordene Bindehautexsudate sind eine 
„Unzahl von Mitteln" empfohlen worden, aber hier hat man Anstand ge- 
nommen, jene beliebte Beweisführung in Anwendung zu bringen. Die 
Hervorrufung eines acuten Processes durch Einimpfung blennorrhoischen 
Secretes bei inveterirtem Pannus ist gewiss die klarste und bestimmteste 
Antwort, welche uns die Natur auf die Anfrage gibt, auf welche Weise 
bereits fest gewordene, mehr weniger organisirte Exsudate eliminirt werden. 

Meduna Franziska, 24 Jahre alt, kam Ende Juli 1850 in's Krankenh'aus. Das 
rechte Auge bot nebst Erweiterung der vordem Ciliargefässe eine allgemeine Trübung 
der Cornea dar; die Cornea war gehörig gewölbt, an der Oberfläche glatt, bläulich 
weiss, in der untern Hälfte undurchsichig, in der obern etwas durchscheinend. Durch 
letztere konnte man noch wahrnehmen, dass die Iris wenigstens hier nicht mit der 
Cornea verwachsen sei und eine dunkle Farbe habe; auch deutete eine dunklere Stelle 
darauf hin, dass die Pupille, wenn auch eng, doch wahrscheinlich nicht völlig gesperrt 
sei. Die Kranke, auf dem linken Auge völlig und unheilbar erblindet, hatte auf dem 
rechten Auge noch deutliche Lichtempfindung, konnte jedoch nicht einmal die Zahl der 
vorgehaltenen Finger bestimmen, und musste geführt werden. — Dieses Auge befand 
sich angeblich seit 10 Jahren in diesem Zustande, und zwar in Folge einer Entzün- 
dung, welche ohne manifeste Veranlassung entstanden war und allmälig zur Erblindung 
geführt hatte. Das linke Auge war 2 Jahre später (im 16. Lebensjahre) erkrankt, nach 
Angabe der Kranken auf dieselbe Weise, jedoch unter ärztlicher Hilfe wieder besser 
geworden, so dass sie wieder arbeiten konnte (als Taglöhnerin) ; heftiges und anhal- 
tendes Weinen soll vor 5 Jahren Verschlimmerung und Erblindung des (linken) Auges 
herbeigeführt haben, wahrscheinlich durch Keratoiritis. Im Jahre 1846 hatte der Assi- 
stent der Augenklinik zu wiederholten Malen die Anlegung einer künstlichen Pupille, 
jedoch ohne Erfolg, vorgenommen; jetzt ist mit diesem Auge absolut nichts mehr anzu- 
fangen. — Den Befund des rechten und linken Auges und die freilich sehr mangelhaften 
Angaben über dessen Zustandekommen mit dem Aussehen der Kranken und deren sonstigem 
Befinden zusammenhaltend, konnten wir mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, die 
Trübung der rechten Hornhaut sei einfach durch Ablagerung von Exsudat zwischen die 
Hornhautfasern (Keratitis scrofulosa) zu Stande gekommen, und versuchten es, dieselbe 
aufzuhellen. Wir begannen die Cur mit Einträuflungen von Oleum jecoris aselli, 
und mit einer Einreibung aus 5 Gran Jodkali an die Stirn und Schläfe. Diese Mittel 
hatten bis Mitte September keinen andern Erfolg, als dass die Kranke angab, sie nehme 
Licht und Schatten deutlicher wahr, und dass der obere Theil der Cornea mehr licht— 
Arlt, I. 18 



274 Hornhaut. 

grau wurde. Die Cur wurde nun auf einige Wochen dadurch unterbrochen, dass die 
Kranke einen Abortus erlitt; Anfang October setzten wir dieselbe damit fort, dass wir 
2 Gran Jodkali , mit einer Drachme Fett verrieben, täglich 2mal zwischen die Lider 
einstrichen. Am 14. November fanden wir plötzlich bei der Morgenvisite die Lider 
ödematös geschwollen, die Bindehaut der Lider dicht netzförmig injicirt und aufgelockert, 
die Conjunctiva bulbi zu einem blassrothen Wall rings tun die Cornea erhoben, die Cornea 
durchaus stärker getrübt und sulzig aufgelockert, wie zur Verschwörung bereit, die Kranke 
von Lichtscheu, Thränenfluss und heftigen Schmerzen gequält. Ungewiss, woher diese 
Erscheinungen, ordinirten wir ein starkes Abführmittel, Blutegel an die Schläfe, Ruhe 
Diät. Bei genauerem Nachforschen zeigte sich's, dass die Jod kalisalbe durch Ranzig- 
werden des Fettes zersetzt worden war, und das Auge zu heftig gereizt hatte, wie ich 
schon einige Male, wenn auch nicht in so hohem Grade, beobachtet habe. (Die Fett- 
säure verbindet sich mit dem Kali, und Jod wird frei.) Nachdem nun diese Zufälle bis 
am 22. October wieder verschwunden waren, zeigte sich die obere Hälfte der Cornea 
so bedeutend aufgehellt, dass der Fall Alle, die ihn beobachteten, überraschte. 

Ob die von Beer als vorbereitende, als einfach Erweichung und 
Auflösung - der Exsudate bewirkende Büttel bezeichneten Arzneistoffe, wie 
z. B. der Wasserdunst, die fetten Öle u. dgl. wirklich bloss diese Wir- 
kung haben, müsste erst durch vielfältige umsichtige Beobachtungen und 
Versuche noch weiter bestätigt werden. Vorläufig kann man bloss auf 
die analoge Wirkung dieser Mittel in andern Organen hindeuten. 

Mit dem bisher Gesagten glauben wir im Allgemeinen den Weg, den man bei 
heilbaren Hornhauttrübungen einzuschlagen hat, so weit als möglich vorgezeichnet zu 
haben. Möglichst genaue Kenntniss des pathologisch -anatomischen Zustandes der 
Cornea und der Bedingungen, unter denen Aufhellung der getrübten Cornea 'zu er- 
warten steht, ist das erste Erforderniss, welches der Arzt zum Krankenbette mitbringen 
muss, Dieselbe nützt ihm jedoch wenig, wenn er nicht durch die nöthige Ausdauer 
und durch die Kunst, gut zu beobachten, unterstützt wird. Man kann z. B. recht gut 
wissen, wann eine Operation vorzunehmen oder zu unterlassen sei; man kann recht 
gut gelernt haben, welcher Vorgang bei einer Operation einzuhalten, welche Instru- 
mente, welche Gehilfen etc. nöthig, und welche Zufälle einen überraschen können, 
ohne desshalb schon, auch bei grosser manueller Fertigkeit, ein guter Operateur zu 
sein. Was der Anfänger oder der Stümper mit den gerühmtesten und künstlichsten 
Instrumenten nicht zu bewirken vermag, erreicht der Gebüte, der Meister mit einer 
einfachen Klinge. So auch der Heilkirnstier bei Hornhauttrübungen; er braucht nicht 
viele der Mittel, aber er versteht es, die wenigen zu rechter Zeit und in rechter Form 
und Dosis anzuwenden, weil er weiss, welche Gegenwirkung er von Seite des Orga- 
nismus zu erwarten hat. — Obwohl wir nun überzeugt sind, dass jeder Arzt sich hier 
seinen Weg selbst bahnt, und der denkende und beharrliche Beobachter der Natur die 
rechte Bahn am Ende von selbst findet, so mögen doch einige specielle Andeutungen 
hier noch ein Plätzchen finden. 

1. Sich selbst und dem Kranken einen sichern Anhaltspunkt zur 
Beurtheilung des Erfolges der Cur zu verschallen, stelle man nicht nur 
beim Beginn, sondern auch während der Dauer derselben von Zeit zu 



Trübung — Therapie. 275 

Zeit genaue Sehversuche an, der Art, dass man den Kranken Gegen- 
stände von verschiedener Grösse bestimmen lässt. Gesetzt, er unter- 
scheide noch Buchstaben von %'" Höhe und x j tl 4 " Dicke, so zeigt man 
ihm auch kleinere Lettern, etwa von 1 a / 2 "' Höhe; erkennt er auch diese 
noch, so gehe man zu noch kleineren über, so lange, bis man zu solchen 
kommt, welche er nicht mehr zu unterscheiden vermag. Werden dann 
nach einigen Wochen wieder Sehversuche gemacht, und erkennt der 
Kranke unter übrigens gleichen Verhältnissen den Gegenstand, den er 
früher nicht erkannte, so wird ihm das der beste Sporn zum Ausharren 
und zur gewissenhaften Befolguno- des ärztlichen Rathes sein. Arzt und 
Kranker läuschen sich nur zu leicht mit dem, was sie hoffen, oder ver- 
lieren die Geduld, wenn nicht bald eclatante Veränderungen eintreten. 

2. Wenn bei der Anwendung der sogenannten vorbereitenden oder 
erweichenden Mittel sich weder die Farbe noch die Consistenz des 
Fleckes ändert, so soll man nach Beers Rathe nicht nur mit den Mitteln 
wechseln, sondern selbst die trübe Stelle mit einer Staarnadel seicht sca- 
rißciren, und nach neuerlichem Gebrauche jener Mittel diese Operation 
nach Umständen wiederholen, versteht sich, wenn man es nicht mit einem 
absolut unheilbaren Flecke zu thun hat. 

3. Wenn das Auge nach einiger Zeit sich gleichsam an den Reiz 
des einen oder des andern Mittels gewöhnt hat, so soll man entweder 
vorerst mit den wirksamen Bestandtheilen in der Dosis steigen, oder zu 
stärkern Mitteln übergehen. Oft wird es gerathen sein, die Receptivität des 
Auges durch mehrtägige Pausen zu steigern. Mittel in Pulverform wirken 
im Allgemeinen heftiger, als die Mittel in Salbeform, und diese heftiger 
als Lösungen. — Als Zeichen, aus denen man auf den gewünschten 
Grad von Reaction schliessen kann, gelten : massiger Thränenfluss, leichte 
Röthe und Schwellung der Lidränder oder wenigstens der Bindehaut, er- 
höhte Empfindlichkeit gegen das Licht, mehr weniger lebhafter Schmerz 
— welche Zufälle jedoch nicht über eine Stunde anhalten sollen (Rosas). 
Je nach dem Grade und der Dauer dieser Zufälle mag man dann beur- 
theilen, ob man die Dosis vermindern, oder ein milderes Mittel wählen, 
oder dasselbe Mittel nur jeden 2. oder 3. Tag anwenden solle. 

4. In wie fern das diätetische Verhalten, nahrhafiere Kost, Bewegung 
in Freien, Anregung des Auges zum Sehen u. s. w. die Cur unterstützen 
können, dürfte sich nach den früher gegebenen Andeutungen beurtheilen 
lassen. Durch innere Mittel direct auf Hornhauttrübungen wirken zu 
wollen, hat man theils als fruchtlos, theils als zu gewagt längst aufge- 
geben. Ein gleiches Loos dürfte auch der Rath verdienen, die Cur der 

18* 



276 Hornhaut. 

Hornhauttrübungen durch Etablirung von künstlichen Geschwüren u. dgl. 
zu unterstützen. — Beim Gehrauche der Karlsbader Mineral-Wässer hat 
man (Dr. Ryba, Wagner, Fleckles) öfters zufällig die Wahrnehmung ge- 
macht, dass Hornhautflecke abnahmen oder verschwanden. 

B. Trübungen, welche auf die genannte Weise gar nicht oder nur 
sehr langsam behoben werden können, suchte man mehr direct, theils 
auf chemischem, theils auf mechanischem Wege, und in kürzerer Zeit 
zu beseitigen. 

G. Crusell *) Hess den negativen Pol einer aus 4 — 6 vierzölligen Plat- 
tenpaaren bestehenden galvanischen Säule mittelst einer stumpfen Spitze oder 
eines metallenen Knöpfchens an die getrübte Stelle der Hornhaut halten. 

Richter u. A. riethen, in der getrübten Stelle eine kleine Grube 
zu machen, und in diese etwas Butyrum antimonii oder Lapis infernalis 
zu bringen. 

Das Ausschneiden oder Abtragen der verdunkelten Partie, schon zu 
Galens Zeiten gekannt, später mit verschiedenen Modificationen von Mead, 
Larrey, Wardrop, Darwin u. A. wieder geübt, wurde in neuester Zeit 
über Dr. Gulz's **) Anregung besonders von französischen Ärzten, na- 
mentlich von Malgaigne ***) empfohlen. 

Ich war nicht so glücklich, weder mit dem Galvanismus, noch mit der viel- 
besprochene Abrasio corneae erfreuliche Resultate zu erzielen. Fast alle Auetoren, 
welche diese Methoden mit Glück geübt haben wollen, haben die Hauptsache, um die 
sich's hier handelt, übersehen oder nur nebenbei erwähnt. Die einfache Entfernung 
der getrübten Partie wird nichts nützen, wenn an die Stelle der entfernten Substanz 
nicht normales Hornhautgewebe erzeugt wird. Die Frage über die Regeneration der 
Hornhaut und deren Redingungen hätte vor allem erörtert werden müssen. Nur 
Malgaigne spricht von Wiederersatz der Cornea , und darum trägt der von ihm ver- 
öffentlichte Fall noch am ehesten die Charaktere der Glaubwürdigkeit in sich. Er 
stellte der Akademie der Wissenschaften zu Paris ein 18jähriges Mädchen vor, welches 
er durch Abtragung der vordem Hornhautlamellen von einer anderweitig unheilbaren (?) 
Verdunklung geheilt hatte. Diese hatte in ihrem 13. Jahre wiederholt an Augenent- 
zündungen gelitten, und seitdem bestand auf dem rechten Auge ein Fleck, der das 
Gesicht bedeutend störte, und bis zum 16. Jahre stationär blieb. Diesen zu entfernen, 
wurde derselbe mit einem Kreisschnitte, etwa 2'//" im Durchmesser, umschrieben, und 
die vordem Blätter der Cornea (bis zur Hälfte ihrer Dicke) abgetragen. Der Erfolg 
war nicht bloss bis zum Austritte aus dem Spitale befriedigend, sondern auch noch 
2 Jahre später, im Mai 1845, obwohl das Auge bei unzweckmässiger Beschäftigung 
neuerdings mehrmal von Entzündungen heimgesucht worden war. Es hatte sich der 
Substanzverlust allmälig wieder ersetzt, und die Kranke konnte nun ohne Anstand 

*) Über den Galvanismus als chemisches Heilmillel gegen örtliche Krankheiten, Petersburg 1811. 
"") Österreichische Wochenschrift, 1842, N. 24. 
•••) Cunier Ann. d'Ocul T. X1I1 , und Journal de Chirurgie, par Malgaigne, T. V., 1845. 



Abiioriiitäteii der Wölbung. , 277 

nähen und lesen. — Wenn Dieffetibaoh *) ein hervorragendes Centralleucom bei einem 
2jährigen Kinde entfernt haben will, indem er dasselbe aus der ganzen Dicke der Horn- 
haut herausschnitt, und die Wunde durch einen Faden heftete, so ist ein Zweifel gegen 
das glückliche Resultat wohl erlaubt, um so mehr, da derselbe Auclor z. B auch be- 
hauptet, Strabismus nach innen und oben durch die Durchschneidung des M. obliquus 
superior geheilt zu haben. — In gleicher Lage sind wir zu Hasuers **) Vorschlag der 
Keratektomie. „Ich verrichte diese Operation, welche nur in Fällen hartnäckiger, be- 
sonders verkalkter Exsudate an der Hornhautoberfläche, niemals aber bei Trübungen der 
Hornhautsubstanz angezeigt ist, mit dem Staarmesser, der Fischer'schen Pincette und 
Louis'sehen Scheere. Vorerst wird das Messer zur Seite der Trübung in die Hornhaut 
eingestochen, unmittelbar zteischen dem Cornealüberzuge und der Cornea selbst durch- 
geführt, und an der andern Seite der Trübung ausgestochen. Der durch Fortbewegung 
des Mcs;>ers gegen die Nase hin gebildete oberflächliche Lappen wird nun mit der Pin- 
cette gefasst und an seinem Grunde mit der Scheere scharf abgeschnitten. Sorgfältig muss 
hiebet die Verletzung der Hornhaut selbst vermieden werden, indem eine Abtragung ihrer 
Fasern selbst eine neue Verdunklung herbeiführen könnte." — Mehr kann man von der 
Kunst (oder von der Gläubigkeit des Lesers?) nicht verlangen. 

Reisinger, Himly, Stilling u. A. versuchten bei total und unheilbar 
getrübter Hornhaut diese rein abzutragen, und in die Öffnung die Horn- 
haut eines Thieres einzuheilen. Allein die transplantirte Hornhaut wurde, 
auch wenn die Einheilung erfolgte, in kurzer Zeit trüb und schrumpfte 
zusammen, f) 

Autenrieths ff) Idee , bei unheilbarer Hornhautverdunklung eine 
künstliche Pupille in der Sclerotica anzulegen, führte zwar zu zahlreichen 
Versuchen an Thieren, jedoch nie zu einem auch nur einigermassen ent- 
sprechenden Resultate. 

Unter welchen Umständen bei theilweisen unheilbaren Hornhautver- 
dunklungen dem Kranken durch Anlegung einer künstlichen Pupille noch 
zu einem mehr weniger guten Gesichte verholfen werden könne, wird 
bei der Lehre von den Krankheiten der Iris angegeben werden. 



VI. Abnormitäten in der Wölbung der Cornea. 

Die meisten der hieher gehörigen Zustände der Cornea sind als 
Folgen der bisher besprochenen Krankheiten der Binde- . und Hornhaut 

*) Über Excision ron Cenlralleucomen, in AtnmoiTs Zeitschrift für Ophthalmie. 1831. B. I. 
**) 1. c. S. 123. 
t| Über Keratoplastik, siehe nebstdem Ttwme dissert. de corneae Iransplant. Bonae 1 S34, Slrauah in Kasper's Wo- 
chenschrift, 1S40, X. '23, Feld nann in Walther und Ammon's Journal für Chirurgie, 1844, B. III oder Gaz. 
med. de Paris, 1842, Pf. 45 und 51. 
ii) Tübinger Blätter für Naturwissenschaft, B. I. S. 83, Amman, die Sclerektomie in dessen Zeitschrift für Augen- 
hei.kuade,lS3l,B. I. 



278 Hornhaut. 

zu betrachten, und wurden demnach gehörigen Ortes bereits erwähnt und 
erörtert. Bisweilen, wenn gleich selten, finden wir jedoch die Wölbung 
der Cornea auch ohne vorausgegangene Entzündung verändert. Hieher 
gehören : 

1. Die kegelförmige Verbildung der Hornhaut, Keratoconus, von 

Himly als Hyperkeratosis, von Andern als Staphyloma pellucidum conicum 
beschrieben. 

Man sieht den mittlem Theil der Cornea kegelförmig erhaben; der 
Randtheil hat, wenigstens so lange der Zustand noch nicht zu einem 
höheren Grade entwickelt ist, seine normal»' Wölbung; der Übergang in 
den Kegel ist kein plötzlicher, sondern ein allmäliger : die Spitze des 
Kegels ist mehr weniger abgerundet, wie ein Zuckerhut, und entspricht 
nicht immer streng dem Centrum der Hornhaut. Die Durchsichtigkeit der 
Hornhaut ist eben so wenig gestört, als ihre Glätte und ihr Glanz ; man 
erkennt daher die Krankheit nur dann, wenn man die Cornea von der 
Seite her ansieht, oder wenn man das Bild betrachtet, welches die Cornea 
vermög ihrer spiegelnden Oberfläche von den gegenüber befindlichen Ob- 
jeeten entwirft; die queren und senkrechten Balken eines gegenüber be- 
findlichen Fensters erscheinen nicht mehr als regelmässig krumme Linien. 
Das eigenthümliche Funkeln und Opalisiren, welches man als charakteristisch 
angegeben hat, ist nicht immer vorhanden, mag nur bei höheren Graden 
und bei gewissen Wendungen des Auges gegen das Licht vorkommen. 
Dasselbe gilt von der Trübung an der Spitze des Kegels, welche nach 
Einigen, z. B. Sichel, constant vorkommen soll. — Die subjeetiven Er- 
scheinungen werden sehr verschieden beschrieben. Im Allgemeinen lässt 
man diese Kranken kurzsichtig sein, weil sie aufhören, fernere Gegenstände 
unterscheiden zu können. Diess gibt jedoch den Begriff dessen, was wir 
Kurzsichtigkeit nennen, durchaus nicht ; es fehlt hier ein wesentliches 
Merkmal dieses abnormen Refractionszustandes , nämlich die Fähigkeit, 
nahe und kleine Gegenstände mit gehöriger Schärfe und Ausdauer be- 
trachten, und mit Hilfe entsprechend coneaver Gläser auch entfernte Ob- 
jecto deutlich wahrnehmen zu können. Die Störung des Gesichtes ist ver- 
schieden, je nach dem Sitze und der Grösse jener kegelförmigen Vorra- 
gung. Einige sehen gewisse Gegenstände doppelt, oder mehrfach, Andere 
sehen die Objecte mit Farbenkreisen umgeben, Andere verworren, Andere 
endlich überhaupt Undeutlich oder auch gar nicht. Die Erscheinung des 
Doppelt- oder Mehrfachsehens tritt insbesondere bei leuchtenden oder 
glänzenden Gegenständen hervor; eine Kerzenflamme, ein Metallknopf 



Keratocoiius. 279 

wird 10 — 20 und mehrmach bemerkt. Brewster *) erklärt diese Erschei- 
nung durch feine Unebenheiten an der Oberfläche des Kegels ; er will 
dieselben an einer grossen Menge von Fällen constant beobachtet haben ; 
Andere konnten sich von deren Gegenwart nicht überzeugen. 

Die übrigen Gebilde des Auges können dabei vollkommen normal 
sein und bleiben. Das Hornhautübel selbst entwickelt sich öfters nur 
auf einem, seltener auf beiden Augen zugleich oder bald nach einander. 
Die Entwicklung erfolgt in der Regel langsam und unvermerkt, ohne 
Schmerz, ohne Röthe, ohne Lichtscheu u. dgl. Es macht sich nur durch 
Störung des Gesichtes bemerkbar. Zu einem gewissen Grade gediehen, 
bleibt es dann Jahre-lang, selbst zeitlebens unverändert ; nur die Spitze 
pflegt mit der Zeit trüb zu werden. Spontane Berstung einer solchen 
Cornea ist bisher nie beobachtet worden. 

Die Cornea scheint an der betroffenen Stelle verdünnt und hervor- 
getrieben, nicht aber, wie Adams, Himly, Rosas u. A. meinten, verdickt 
zu sein. M. Jage?' **) und Walker f) fanden nach dem Tode den Kegel 
verdünnt. Die Vortreibung der Cornea ist wahrscheinlich durch partielle 
Erweichung des Gewebes derselben bedingt, deren Grund man mit 
Pickford ff) in mangelhaftem Nerveneinflusse auf die Ernährung der 
Cornea suchen kann. 

Es gibt wenig Krankheitsformen am Auge, über welche so verschiedene An- 
sichten aufgestellt wurden, wie über diese. Wir werden der Erörterung derselben 
einige verlässliche Beobachtungen vorausschicken; dadurch dürften wir am ehesten in 
Stand gesetzt werden, jene verschiedenen Ansichten zn würdigen. — Den 1. Fall von 
Keratocoiius sah ich bei Prof. Fr. Jäger in Wien an einem chlorotischen Mädchen von 
15 — 16 Jahren. Genau beobachtet habe ich jedoch nur einen 2. Fall hier in Prag. 
Fräulein von Gr., 18 Jahre alt, wurde im Jahre 1846 von Dr. Friedr. Bach zu mir 
gebracht. Dieser Arzt, welcher seit Jahren fast täglich in das Haus dieses Mädchens 
kam. befürchtete die Entwicklung einer Amaurosis des linken Auges, indem das Mädchen 
seit beiläufig 8 Wochen über Abnahme des Sehvermögens auf diesem Auge und über 
Blendung des rechten Auges durch das linke klagte. Er hatte das Aiige von Anfang 
an wiederholt und sorgfältig besichtigt, jedoch kein Zeichen von Entzündung des 
Auffes oder von Trübung der durchsichtigen Medien wahrnehmen können. Als ich nun 
das Auge untersuchte, und namentlich die Cornea in Bezug auf ihre physicalischen 
Eigenschaften prüfte, fanden wir zu nicht geringer Überraschung, dass das Bild der 
Fensterrahmen auf der linken Cornea sich nicht regelmässig abspiegelte , und die An- 
sicht von der Seite her verschaffte mir Gewissheit, was ich vor mir hatte. Die voll- 



-') Makenzie 1. c. S. 512. 

"p Schmidt, Dissertation über Hyperkeratosis, Erlangen 1830. 

f) Principles uf Ophthalmie surgery, London 1834, S. 80. 

James Picktord, ou the con cal Cornea. Dublin 1844. 



280 Hornhaut 

kommen durchsichtige und spiegelglatte Cornea ragte in ihrem Centrum (ein klein wenig 
nach aussen und oben vom mathematischen Mittelpunkte) gegen '/ 2 Linie mehr vor- 
wärts, und zeigte, von der Seite betrachtet, einige Ähnlichkeit mit einer Fenster- 
scheibe, die einen kleinen durchsichtigen Wirbel enthält. Von einer Trübung, von 
einem Substanzverluste oder von einer Lockerung des Gewebes der Cornea war eben 
so wenig eine Spur vorhanden, wie von Thränenfluss, Lichtscheu, Schmerz und In- 
jeetion der vordem Ciliargefässe. Die Kranke war einfach im Lesen, Nähen u. dgl. 
gehindert, und musste, um feinere Sachen länger gut auszunehmen, das linke Auge 
verdeckt halten. Nähere Gegenstände unterschied sie zwar (mit dem linken Auge) 
noch eher, als entfernte, aber doch auch nicht deutlich, und das Auge ging ihr bald 
über (fing an zu thränen). Das Mädchen hatte durch mehr als 3 Jahre an Chlorosis 
gelitten, und litt unzweifelhaft an Tuberculosis, welcher Krankheit auch bereits ihre 2 
Brüder erlegen sind. Kurze Zeit vor dem Auftreten des Augenleidens war sie durch 
mehre Wochen von einer äusserst heftigen Prosopalgie, angeblich Folge von Ver- 
hältung, geplagt worden. Ich wendete örtlich keine vehementen Mittel an, nur Ein- 
träuflungen von Laudanum Syd. , und später von einer schwachen Silberlösung, und 
leitete vielmehr eine gegen das Allgemeinleiden gerichtete diätetische und arzneiliche 
Behandlung ein, liess die Kranke namentlich längere Zeit und zu wiederholten Malen 
Eisenpräparate nehmen, und die bessere Jahreszeit beim Gebrauche des Giesshübler 
und des Liebwerder Wassers auf dem Lande zubringen. Ohngefähr 2 Jahre nach dem 
Beginn des Augenübels bildete sich an der Spitze des Kegels eine leichte Trübung 
(man könnte sie mit einem Fixsterne am Firmamente vergleichen, wenn man sich statt 
des Glanzes ein mattes oder bläuliches Weiss denkt), und zwar ohne Spur von Ent- 
zündung oder von Substanzverlust, und diese Trübung besteht nun beiläufig 3 
Jahre unverändert fort. Sie ist jetzt durch das Leiden des linken Auges im 
Arbeiten mit dem rechten viel weniger behindert, jedoch noch immer nicht im Stande, 
feinere Gegenstände mit Ausdauer zu betrachten. Mit dem linken Auge allein kann 
sie den feinsten Druck lesen, wenn sie ihn auf 3 Zoll nähert; Personen kann sie bei 
einer Entfernung von mehr als 4 Schritten nicht mehr genau unterscheiden. Ihr 
Allgemeinbefinden ist seit einem Jahre ziemlich gut, wenigstens besser als in früheren 
Jahren. 

Dr. Heyfelder "") hat folgenden Fall veröffentlicht. „Bei einem 32 Jahre alten Manne 
von scrofulösem Habitus und auffallend flacher Stirnbildung zeigte die Hornhaut beider Augen 
jene konische Hervortreibung, welche von einigen Hyperkeratosis, von Andern Cornea 
conica, von noch Andern Staphyloma conicum genannt worden ist. Auf dem rechten Auge 
bildete die vorzugsweise stark ausgesprochene Hervortreibung eine zuckerhut-ähnliche 
Pyramide, deren Spitze dem Centrum der Pupille und der Hornhaut entsprach, auf dem 
linken Auge war die Hervorragung weniger scharf gezeichnet, und glich mehr einem 
Maulwurfshügel, aber auch hier entsprach der höchste Punkt dem Centrum der Cornea. 
Auf beiden Augen war die Hornhaut vollkommen durchsichtig. Das Licht reagirte nur 
wenig auf die Regenbogenhaut; die Pupille erweiterte sich jedoch auf Anwendung von 
Belladonna,. Von vorn beobachtet erschienen beide Augen, wie wenn sie der Pupille 
gegenüber Peilen trügen; von der Seite betrachtet, hatte die konische Hornhaut einen 
krystallartigen , opalisirenden Schein. Das Sehvermögen des linken Auges war nicht 

*) Aninioc"a Zeibcfirifl lur Ophthalmie. IV. B. S, 1>9. 



Keratoconus. 281 

in dem Grade schwach als auf dem rechten; dennoch konnte der Mann auf 6 Schritte 
nicht mehr unterscheiden. Genau erkannte er nun diejenigen Dinge, welche er nicht 
gerade den Augen gegenüber, sondern seitwärts oder unter die Nase hielt. Besser 
ging dicss einige Minuten nach dem Eintröpfeln der Bilsenkrautauflösung von statten. 
— Der Kranke hatte dieses Augenübel seit seiner frühesten Kindheit. Nach den Ver- 
sicherungen seiner Mutter ist er nicht mit demselben auf die Welt gekommen, sondern 
hat es im 2. Lebensjahre während des Keuchhustens , an welchem er ungewöhnlich 
litt, unter einem heftigen Hustenanfalle bekommen. In wie fern diess richtig ist, muss 
dahin gestellt bleiben." — Walther *) fane einen „Keratoconus bei einem 21jährigen 
scrofulösen Manne nach einer heftigen Blepharophthalmie. Nach 2jährigem Bestehen 
des Übels sah man am rechten Auge eine halbkugliche Hervorragung der Cornea, 
welche im ganzen Umfange krystallhcll und durchsichtig, an der Spitze aber weiss- 
grau getrübt war. Die Hervorragung hielt die Mitte zwischen der Kegel- und Kugel- 
form, und war an der höchsten Stelle etwa 1'" höher als die Cornea im gewöhnlichen 
Zustande. Die Kegelspitze entsprach nicht dem Centrum der Cornea, sondern sass von 
diesem nach unten und innen. Das Verhalten der Iris in jeder Beziehung normal. Von 
dem Leuchten und Funkeln der Cornea konnte man bei keiner Stellung etwas be- 
merken. Der Kranke sah alle, auch entfernte Gegenstände deutlich (?), doch wie 
durch einen Nebel. Dreiecke, Vierecke und andere geometrische Figuren unterschied 
er als solche, aber mehrere etwas fein und in einander gezogene Linien flössen ihm 
gleichsam zusammen. Um die Kerzenflamme sah er prismatische Farben. — Der Fall, 
den Schön **J beobachtete, „betraf einen 31jährigen Mann von kachektischem Äusseren, 
der schon von seiner frühesten Kindheit mit grosser Kurzsichtigkeit behaftet war, wel- 
cher später eine wirkliche Amblyopie folgte, die sich jetzt zur fast vollkommenen 
Amaurose ausgebildet hat, so dass der Mann nur noch sehr schwach sehen kann. Die 
ersten Spuren der kegelförmigen Hervortreibung der Hornhaut beider Augen zeigten 
sich vor ohngefähr 8 Jahren, und sie hat sich jetzt so weit ausgebildet, dass ihre 
Höhe auf dem rechten Auge l'/ 2 '", auf dem linken fast 2'" beträgt. Der Mittelpunkt 
des durchsichtigen Hornhautkegels befindet sich etwas unterhalb des queren Durch- 
messers der Hornhaut, und ist an der äussersten Spitze am linken Auge etwas getrübt, 
während der am rechten noch vollkommen durchsichtig ist. Beide Hornhäute funkeln 
wie ein Krystall, so dass man die Pupille nicht sehen kann. Die blaue Iris ist noch 
etwas beweglich, die Pupille nicht verzogen und schwarz." — Ammon ***) will das 
Übel, welches übrigens schon Taylor 1766 unter dem Namen Ochlodes beschrieben, 
als angeboren beobachtet haben. „Im Juli 1830 kam ein junger 21 jähriger Mann zu 
mir. der auf beiden Augen eine Cornea conica hatte. Dieses Übel war, so viel ich 
erfahren konnte, angeboren. Der Mensch war blond, und ausser seinem Augenleiden 
gesund : nur der Schädel war oben sehr schmal (Spitzkopf); er hatte im 16. Lebens- 
jahre die Schneiderei zu lernen angefangen, allein nach 5 Jahren hatte er, wegen 
bedeutender Kurzsichtigkeit, das Geschäft wieder verlassen müssen. Auf dem rechten 
Auge war das Übel am stärksten; in der Ferne sah er mit demselben gar nicht, in 
der Nähe mit Mühe. Zu bemerken war hiebei , dass er leicht einen Gegenstand für 



*) Journal für Chirurgie und Augenheilkunde von Walther und Ammon, N. F. 5. Heft. 
**) Pathologische Anatomie, Hamburg lö^ö S. IUI 
•"*) Zeitschrift für Ophthalmologie. I. B. S. I2'i. 



282 Hornhaut. 

zwei, zwei für drei, und drei für 5 ansah, wenigstens war diess ziemlich constant der 
Fall, wenn ich ihn die Zahl der vorgehaltenen Finger bestimmen liess. In der Spitze 
der conischen Hornhaut war weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge eine 
Trübung wahrzunehmen , die viele Beobachter bei diesem Leiden beobachtet haben 
Nichts desto weniger hat das Auge einen eigenlhümlichen opalisirenden Schein, wenn 
man es aus einer näheren Entfernung beobachtet, und vorzüglich dann, wenn man es 
von der Seite betrachtet. Diess ist bei weitem weniger auf dem linken Auge der Fall, 
wo die sehr spitze Wölbung der Cornea aber auch gewiss 1 '/ 2 — 2'" geringer ist. Ich kann 
nicht sagen, dass die kranke Wölbung der Cornea zuckerhutförmig sei; es liegt jedoch 
ausser allem Zweifel, dass sie sehr hoch und sehr spitzig [ist. Sieht man gerade auf 
das Auge, so bemerkt man über der Pupille gleichsam einen Glasring, der über jene 
hinweg geht, und von dem eigentümlichen Lichtreflex herkommt." 

Adams und seine Nachfolger haben ihre Ansicht, dass dieses Übel in krankhafter 
Verdickung der Cornealsubstanz bestehe , nur mit sehr zweideutigen Gründen unter- 
stützt. Der veränderte Refractionszustand des Auges und das funkelnde Aussehen sind 
eben so wenig beweisend hiefür, als das harte Anfühlen oder das schwierigere Ein- 
dringen der Nadel bei der Punktion. — Sichel *) hat offenbar Unrecht, wenn er be- 
hauptet, diese Krankheit setze Hornhautgeschwüre voraus und biete constant an der 
Spitze eine Trübung (wenigstens unter der Loupe) dar. Ich weiss wenigstens von 
dem einen Falle ganz bestimmt, dass weder Entzündung vorausgegangen, noch Trü- 
bung vorhanden war , und viele der besten Beobachter versichern dasselbe. Auch 
Lhommeau **) , der Sichers Angaben auf Berardüs Klinik an 2 Fällen prüfte, konnte in 
dem einen weder mit freiem noch mit bewaffnetem Auge etwas von jener narbigen 
Verdunklung auffinden. — Chelius ***) u. in. A. halten dafür, die Ausdehnung der Horn- 
haut sei durch den Druck übermässig abgesonderten Kammerwassers bedingt, die Krank- 
heit also eine Art Hydrops, und somit die Kegelform ganz unwesentlich. 

Nach meiner Ansicht ist aber die kegelförmige Verbildung der Hornhaut von der 
mit bleibender Vortreibung geheilten Keralokele nicht minder verschieden, als von der 
nach Pannus oder Keratitis zurückbleibenden Ausdehnung der Cornea, welche man 
unpassend genug als Hydrops camerae oder als Staphyloma pellucidum sph. beschrieben 
findet. Allen 3 Zuständen kommt vermehrte Ansammlung von Kammerwasser als Fol<je 
verminderter Resistenz der Cornea zu, und der Name Hydrops ist desshalb ungenau, 
weil der Grund der Verwölbung der Cornea zunächst nicht in vermehrter Ausscheidung 
des Humor aqueus, sondern in der verminderten Resistenz der Cornea liegt. Die Ur- 
sache der verminderten Resistenz ist aber bei diesen Zuständen eine sehr verschiedene, 
bei dem einen Verschwärung der obern Faserschiehten der Cornea, bei dem zweiten 
entzündliche Erweichung und Lockerung des Cornealgewebes , und bei dem dritten 
keines von beiden, sondern höchst wahrscheinlich mangelhafte Innervation. Erinnert 
man sich des Einflusses, welchen die Ciliarnerven auf den Zustand der Cornea aus- 
üben (Vergl. S. 180), und übersieht man nicht, dass die Individuen, bei welchen diese 
Krankheit der Cornea beobachtet wird, im Allgemeinen die Zeichen allgemeiner Ge- 
sundheitsstörung mehr weniger deutlich ausgeprägt an sich tragen, so wird man sehr 



<') Cuiiier Annales d'Octil. Suppl. II. p. 125. 
*»j Ibid. S. 17'.). 
*'*) Handbuch der Augenheilkunde, I!. B. S. .TU. 



Keratoconiis. 283 

versucht, diese Umstände mit einander in ursächlichen Zusammenhang zu bringen, we- 
nigstens die Disposition zu dem örtlichen Leiden in einem Allgemeinleiden zu suchen. 
Bei dem einen von mir beobachteten Individuum ist Tuberculosis bestimmt nachgewie- 
sen ; das andere war chlorotisch, beide jugendlich. M. Jägers Fall erlag der Phthisis. 
Rosas 1. c. S. 635 beobachtete das Leiden vorzugsweise bei „Mädchen unter 14 Jahren, 
die mit der ScroIVldiathcsc behaftet sind"; mehrere Fälle, die Andreae vorkamen, „be- 
trafen sehr serol'ulöse Frauen, die vorlängst syphilitisch gewesen waren. 

Unter den bisher vorgeschlagenen Heilmethoden dürfte die von Pickford em- 
pfohlene noch am ehesten Hilfe leisten (wenigstens palliativ für das zweite Auge). Sie 
besteht in der Anwendung tonischer Mittel, denen in der Regel ein Brech- oder Ab- 
führmittel vorausgeschickt wird. Die von ihm angeführten Krankengeschichten sind in 
Kürze folgende: 1. Fall. Ein Frauenzimmer von 28 Jahren wurde am 1. Mai 1832 mit 
conischer Hornhaut des linken Auges aufgenommen. Ein Blasenpflaster auf die Schläfe, 
nachher mit Gerat, canthar. verbunden; innerlich 8 Gran von den blauen Pillen alle 
Abende, und eine Mixtur aus Chinin und Magn. sulfur. 2mal täglich. 5. Mai : Jod in- 
nerlich, äusserlich als Collyrium, und jeden Abend in Salbenform in die Augenlider 
eingerieben. 7. Juni: neben dem Jod ein Brechmittel aus Zincum sulfur. 2mal wö- 
chentlich früh Morgens zu nehmen. 12. Juli: eine Disposition zu demselben Übel auf 
dem rechten Auge bedeutend vermindert; es ist noch immer ein Kreis um die mit 
diesem Auge angeschauten Gegenstände, doch kann die Kranke mit demselben besser 
und in grösserer Entfernung lesen. 26. Juli: die Brechmittel werden nun alle Morgen 
gereicht, Jod innerlich und äusserlich fortgesetzt, von Zeit zu Zeit Blutegel an das 
Auge, und statt der Jodsalbe eine stärkere Mercurialsalbe. 25. October: bedeutend 
gebessert entlassen. — 2. Fall. Anna H., 21 Jahre alt, hysterischen Krampfanfällen un- 
terworfen, aufgenommen am 12. März 1833 mit kegelförmiger Hornhaut nur des linken 
Auges. Zinc. sulfur. 1 Scr. mit Magn. sulfur. 4 Dr. alle Morgen zu nehmen. Nach 12 
.Monaten vollkommen geheilt entlassen. Ungefähr 13 Monate später wegen eines Rück- 
falles wieder aufgenommen. Dieselbe Behandlung wurde einige Monate hindurch mit 
gleich gutem Erfolge angewendet. — 3. Fall. Maria B., 27 Jahre alt, Schneiderin, am 
17. September 1839 wegen sehr bedeutend conischer Hornhaut des linken Auges auf- 
genommen. Tart. emet. granum mit Magn. sulfur. dr. 2 jeden Morgen zu nehmen. 
13. December: entschieden besser, die Hornhaut flacher. 4. Februar 1840: die Horn- 
haut noch flacher, die Kranke sagt, sie könne besser sehen. 24. November : bedeutend 
gebessert, und nach eigenem Wunsche entlassen. Am 10. Mai 1842 wieder aufgenom- 
men mit conischer Hornhaut; dieselbe Behandlung. Am 2. Mai 1843 wurde die Kranke 
entlassen, hinlänglich hergestellt, ihr Geschäft wieder aufzunehmen, und mit gebessertem 
Allgemeinbefinden. 

Chelius 1. c. S. 353 versichert, bei einem Mädchen von 20 Jahren durch ein 
Setaceum am Nacken, durch von Zeit zu Zeit gereichte Abführmittel, durch fortgesetzten 
Gebrauch von Spongia tosta mit Digitalis und durch Einreibungen von Jodkalisalbe 
an die Umgegend des Auges bedeutende Besserung bewirkt zu haben. Sichel empfiehlt 
methodisch wiederholte Betupfung der Spitze des Kegels mit Lapis infernalis, während 
Andere die oftmalige Punction der Cornea empfehlen. Gibson will zwei Schwestern 
durch die Anwendung eines Chinadecoctes mit Alaun geheilt, und Ware vom täglich 
3 — 4maligen Einträufeln /eines starken Tabakaufgnsses bessern Erfolg, als von vielen 
andern Mitteln gesehen haben. 



284 Hornhaut. 

2. Vergrösserung und vermehrte Wölbung der ganzen Hornhaut 
kommt bald als angeborener, bald als erworbener Zustand, wenn gleich 
höchst selten vor. Die Cornea variirt nicht nur in ihrer Dicke, sondern 
auch in ihrer Grösse und in ihrer Wölbung bei verschiedenen Individuen 
in hohem Grade. Ich kenne einen jungen Mann, der auf dem einen Auge 
eine merklich grössere und gewölbtere Cornea besitzt, als auf dem andern, 
und diesem Zustande entsprechend ist auch das eine Auge kurz-, das 
andere weitsichtig. Vor 2 Jahren kam mir ein Mann zur Operation des 
grauen Staars, welcher auffallend grosse Hornhäute hatte (über 6'" im 
Durchmesser) ; dieselben waren vollkommen rein und regelmässig gewölbt, 
und gaben vermög ihrer stärkern Convexität kleinere Spiegelbilder, als 
normale Hornhäute. Vom Vorausgehen irgend einer entzündlichen Affe- 
ction war bei diesem überhaupt zu genaueren Angaben über seinen Zu- 
stand nicht geeigneten Individuum nichts zu eruiren. — Vergrösserung 
der Hornhaut mit allgemeiner Vergrösserung der Bulbi habe ich nur 
einmal bei einem Knaben von 15 Jahren, angeblich als angeborenen 
Zustand beobachtet, jedoch damals nicht gehörig gewürdigt. 

3. Abnorme Kleinheit und verminderte Wölbung. Wenn wir von 
unbeträchtlichen Schwankungen in der Grösse der Basis Corneae bei ver- 
schiedenen Individuen und Nationen absehen, so kommt hier nur jene 
regelwidrige Kleinheit der Cornea in Betracht, welche bei Mikrophthalmus 
congenitus vorkommt, und jene, welche selbst unbeschadet der übrigen 
physikalischen Eigenschaften bisweilen an atrophischen Bulbis beobachtet 
wird. Es ist in der That eine interessante Erscheinung, an einem Auge, 
welches in Folge von Chorioiditis oder in Folge von Glaskörperverlust, 
z. B. durch eine penetrirende Scleralwunde, auf % seines Volumens re- 
ducirt ist, die Cornea, gleichsam en miniature, ganz durchsichtig und 
glänzend zu finden. Dass bei jenem Refractionszustande, welcher unter 
dem Namen Weitsichtigkeit bekannt ist, nicht sowohl verminderte Wöl- 
bung der Cornea, als vielmehr andere Veränderungen des Auges im Spiele 
sind, um diesen Zustand zu bedingen, werden wir in dem Capitel über 
diesen Zustand erörtern, und erinnern vorläufig bloss, dass man nur zu 
häufig von verminderter Wölbung der Cornea zu sprechen gewohnt ist, wo 
man eigentlich bloss von verminderter Grösse der Augenkammer sprechen 
sollte. Nicht geringere Wölbung der Cornea, sondern Vorwärtsgerücktsein 
der Iris und der Linse bildet (wenigstens zum Theil) den objeetiv wahr- 
nehmbaren Befund jener Augen, welche die Fähigkeit verloren haben, nahe 
Gegenstände mit der gewöhnlichen Schärfe und Ausdauer zu erkennen* 



Erklärung der Abbildungen. 



Fig. 1, 2, 3 und 4 stellen Veränderungen dar, welche die Binde- 
und Hornhaut in Folge acuter Bindehautblennorrhöe bei einem 22jährigen 
Mädchen (mit Blennorrhoea vaginae) in der 4. Woche darboten. 

Fig. 1. Das Auge in natürlicher Grösse gezeichnet, das untere Lid möglichst 
stark abwärts gezogen. Die Cornea bis zum Rande zerstört, die Iris blossgelegt, durch 
einzelne balkenähnliche Streifen zurückgehalten und eingeschnürt, aber auch an den 
leicht vorgewölbten inselähnlichen Partien schon grösstenteils mit einer bläulichweissen, 
mehr weniger durchscheinenden Membran überzogen. — Die Bind haut zeigt über dem 
Tarsus eine Menge kleiner, dicht aneinander gedrängter, hochrother, warzenähnlicher 
Hüffelchen (vergrösserte Papillen) , welche den freien Rand des Lides nicht erreichen ; 
unmittelbar dahinter (darüber) erscheint der etwas weniger rothe, stark geschwellte, 
wulstig vortretende Übergangstheil , mit 6 gelblichen, halbdurchsichtigen, lichten und 
glatten Körnern besetzt, welche wie kleine Kügelchen von gekochtem Sago zur Hälfte 
über die Oberfläche der Umgebung emporragen; zwischen diesem wulstigen Theile und 
dem Bulbus läuft die stark geschwellte Übergangsfalte als unmittelbare Fortsetzung der 
halbmondförmigen Falte nach aussen, und zeigt gleichfalls mehrere derlei Körnchen. 

Fig. 2 stellt dasselbe Auge vergrössert dar , wie dasselbe unter der Loupe 
erschien. Am Tarsaltheile erscheint längs des Lidrandes ein von zahlreichen feinen Ge- 
fässchen durchzogener, nicht merklich geschwellter Saum; die rothen warzenähnlichen 
Hüjelchen des Tarsaltheiles erscheinen, wie noch deutlicher aus der, einen noch mehr 
vergrösserten Theil der Bindehaut darstellenden. 

Fig. 3 ersichtlich wird, ziemlich regelmässig angeordnet, gleichsam aus Gruppen 
rother Punkte zusammengesetzt und durch lichtere Streifen geschieden; Übergangstheil 
und Falte zeigen einzelne Gefässchen und die genannten ovalen Exsudatkörner ver- 
grössert. Am Bulbus selbst erscheinen mehrere erweiterte Gefässe, von welchen einige 



28ß Erklärung der Abbildungen. 

gleichsam unter dem Lirabus conjunctivae cjmeae zu dem Narbengewebe der Cornea 
hin durchtreten, und sich daselbst verzweigen. 

Fig. 4 zeigt das obere Lid desselben Auges vergrössert; die beiden- lichten 
Flecke nach innen und oben stellen solche lichte, sagoähnliche Exsudate dar, welche 
gleichsam auf die vergrosserten Papillen aufgelagert sind, und gleich denen am untern 
Lide unter der stärksten Loupe, die uns zu Gebote stand, an und für sich durch kein 
Merkmal von jenen Gebilden unterschieden werden konnten, von denen bei Fig. 5 und 
6 die Rede sein wird. 

Fig. 5 und 6 stellen die Veränderungen der Bindehaut dar, welche 
bei einem Weibe von 35 Jahren als Trachoma constatiit wurden. 

Fig. 5 zeigt das umstülpte obere Lid des rechten Auges, etwas vergrössert. Das 
Lid ist ungemein verdickt, prall, schwer zu umstülpen ; die Bindehaut längs des Lid- 
randes fast normal, nur von feinen Gefässchen durchzogen , die feinern Ringelchen 
stellen die vergrosserten Papillen vor , welche zwischen den zahlreich und massenhaft 
aufgelagerten und tief infiltrirten sulzigen Exsudathügeln noch sichtbar geblieben sind ; 
an der Conjunctiva bulbi erscheinen zahlreiche Gefässe, welche sich bis auf die an ihrer 
Oberfläche leicht getrübte und unebene Cornea erstrecken (Pannus). 

Fig. 6 zeigt das untere Lid des linken Auges in natürlicher Grösse. Auf dem 
Tarsaltheile sitzen ziemlich tief eingebettet einzelne sulzige Exsudate, nur wenig empor- 
ragend, fast parallel dem Lidrande angeordnet; der Übergangstheil ist fast durchaus 
in eine sehnig glänzende, bläulichweisse, fast gefässlose Membran verwandelt, und so 
geschrumpft, dass die Übergangsfalte fehlt, und beim Aufwärtsblicken nahezu verticale 
Falten entstehen, deren grösste schräg nach innen und oben zur halbmondförmigen 
Falte hinzieht. 

Fig. 10. Das untere Lid eines Knaben aus dem Waisenhause. 
(Siehe S. HO.) 

Längs des Lidrandes ist die Bindehaut normal, nur von einzelnen Gefässchen 
durchzogen ; weiterhin sieht man die ganze Bindehaut mit dicht an einander gedrängten 
lichtgelben Hügeln besetzt, welche über den Tarsus ungefähr mohnkorngross und 
nicht confluent, auf dem Übergangstheile dagegen an %'" hoch aufgethürmt und zu 
unregelmässigcn Wülsten verschmolzen sind. Das obere Lid desselben Auges, welches 
auf der andern Seite der Tafel abgebildet war, musste wegen einiger wesentlicher 
Fehler radirt, und konnte dann nicht mehr gezeichnet werden. Es zeigt die Bindehaut 
durchaus normal, nur etwas lockerer und gelblichroth, und mit punktförmigen bis mohn- 
korngrossen, ganz isolirt stehenden lichtgelben Körnchen besetzt. 

Diese Abbildungen haben den Zweck, zu zeigen, dass ich ganz dieselben 
Exsudatabbildungen, welche man wohl auch als „graue Granulationen" beschrieben hat, 
und welche bald der sogenannten Ophthalmia aegyptiaca, bald dein Trachoma als charak- 
teristisch zukommend bezeichnet wurden, bei verschiedenen Erkrankungsweisen der 
Bindehaut beobachtet habe. Sie können demnach nicht als pathognomonisches Zeichen 



Erklärung der Abbildungen. 287 

für die eine oder die andere Art der Entzündung der Bindehaut betrachtet werden. Nur 
im Verein mit sämmtlichen übrigen Erscheinungen (dem Raum und der Zeit nach auf- 
gefasst) kann ihre Bedeutung vorstanden werden. In den ersten 4 Figuren tritt offenbar 
die Schwellung des Papillarkörpers, die gleichmässige dunkle Rüthe und die starke Schwel- 
lung der Bindehaut selbst in den Vordergrund der Erscheinungen, nachdem die reich- 
liche schleimig- eitrige Secretion, kurze Zeit vorher das auffallendste Symptom, beinahe 
ganz verschwunden ist. Die Bildung jener isolirten sulzigen Exsudate spielt sowohl an 
dem untern als an dem obern Lide eine sehr untergeordnete accessorische Rolle. — In 
Fig. 5 dagegen fällt die Bildung dieser sulzigen Exsudate , ihre tiefe Infiltration und 
die dadurch bedingte Verdickung des Lidknorpels sogleich als die bedeutendste Er- 
scheinung auf, und Fig. 6 zeigt nebst frischen Exsudaten bereits jene Metamorphosen, 
welche — auf Grundlage anderweitiger Beobachtungen — als Endglieder jener Reihe 
von Erscheinungen erkannt werden, welche wir mit dem Namen Trachoma belegen. — 
Fig. 10 endlich zeigt jene Exsudatbildung als vorwaltende Erscheinung, aber ohne er- 
hebliche Veränderung der umgebenden Bindehaut (am obern Lide), ohne erhebliche 
Veränderungen der Secretion, ohne Verdickung des Lidknorpels. Die Bedeutung dieser 
Exsudate kann hier nur nach Wochen-, Monate-langer Beobachtung, oder, wie es hier 
der Fall war, nach dem Vorkommen der niedrigsten Grade des Beginnens der Krank- 
heit bei massenweisem Auftreten mit Sicherheit bestimmt werden. 

Die Figuren 7, 8 und 9 haben den Zweck, zunächst das Verhältniss 
der Cornea zur Sclera, und weiterhin überhaupt die Lage und Anordnung 
der einzelnen Gebilde des Bulbus in einem Durchschnitte zu zeigen. 

Dieselben lassen zwar noch manches zu wünschen übrig, dürften indessen in der 
Hauptsache, Lage und Verhältniss der einzelnen Theile zu einander, noch immer rich- 
tiger sein als die bisher erschienenen. Was indess in diesen Zeichnungen noch fehler- 
haft oder unklar dargestellt erscheinen sollte, kann sich der Leser sehr leicht corrigiren, 
dadurch, dass er sich die Durchschnitte führt, so wie ich sie geführt habe , und eine 
gute Loupe zur Hand nimmt. 

Man nehme ein möglichst frisches Auge, schäle es aus der Tunica vaginalis und 
Conjunctiva bulbi gleichsam heraus, und stutze sowohl die Muskeln als den Nervus 
opticus nahe an der Sclera ab. Sodann messe man die Achsen vom vordem zum hintern 
Pol und im Äquator (vertical und horizontal), den Längen- und den Höhendurch- 
messer der Cornea innerhalb des Limbus conjunctivae, und die Entfernung der Inser- 
tionsstellen der M. recti vom Cornealrande, und lege dann den Bulbus mit dem hintern 
Pole auf ein Stückchen Holz ; indem man sofort mit den Fingern der linken Hand den 
Bulbus leicht frört, setzt man ein möglichst scharfes Messer (Rasirmesser) senkrecht auf 
die Cornea, und dringt mit 3 — 4 ziehend-drückend geführten Schnitten ohngefähr bis 
zu den Insertionsstellen der Recti vor. Um die Luxation der Linse so viel als möglich 
zu vermeiden, wird nun der Schnitt durch die Sclera bis zum hintern Pole mittelst einer 
Scheere vollendet, und der über die Scleraränder überhängende Glaskörper abgeschnitten. 
Wenn man nun jede Hälfte des Bulbus sogleich in eine mit Wasser gefüllte Schale legt, 
so wird man mit dem Zirkel sich überzeugen , dass die Durchmesser genau dieselben 
geblieben sind, somit die festen Theile des Auges ihre frühere Form und Lage wieder 



288 Erklärung der Abbildungen. 

einnehmen. AVer selbst nicht zeichnen kann , lege sich das Auge in ein Schälchen, 
welches gerade so tief ist, dass die Durchschnitsebene der auf die Convexität gelegten 
Augenhemisphäre gerade in's Niveau des Randes der Schale zu liegen kommt, und 
giesse so viel Wasser zu, dass dasselbe noch etwas über den Rand der Schale empor- 
ragt ; darauf nun decke man ein möglichst dünnes Glas (Cylinderuhrglas), welches auf 
der einen Seite mittelst Bimsstein ein wenig matt geschliffen ist, so dass man mit einem 
etwas härteren Bleistifte bequem darauf schreiben, und doch die Conturen des dar- 
unter liegenden Auges und seiner Theile genau sehen kann (bei Sonnenschein). 

Fig. 7 stellt die untere Hälfte eines Auges (linken) von einer 30- 
jährigen Frau dar. 

Fig. 8 zeigt einen solchen Durchschnitt (von der rechten Seite) ver- 
grössert (Durchmesser = 2). 

Fig. 9. Äussere Hälfte eines von oben nach unten durchschnittenen 
Bulbus einer 50jährigen Frau. 



Eine Menge Durchschnitte möglichst frischer Bulbi zeigte mir ein ganz anderes 
Verhältniss der Iris und des Ligamentum ciliare zur Cornea und Sclera, als namentlich 
Prof. Brüche in seiner sonst so schätzenswerthen Abbildung des menschlichen Auges 
angegeben hat. Die Iris entspringt nämlich nicht, wie Brücke es dargestellt, am Rande 
der Cornea von dem Ligamentum ciliare, sondern sie tritt nächst den Ciliarfortsätzen 
aus jenem Gebilde hervor, so dass die vordere. Augenkammer nicht von der Cornea 
und Iris allein, sondern zwischen diesen beiden auch noch von der vordem Fläche 
des im Duchschnitte dreieckig erscheinenden Ligamentum ciliare begrenzt wird. Übrigens 
liegen die Firsten des Processus ciliaris stets noch vor dem Rande der Linse, und die 
Iris sah ich niemals in einer Ebene liegen, sondern jedesmal ein wenig nach vorn 
ausgebaucht. Das Nähere hierüber folgt bei der Lehre von den Krankheiten der Iris. 



Binde .und Komi tut 




DIE 

KRANKHEITEN DES AUGES, 

für praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

früher o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Prag, jetzt zu Wien. 



IL Band. 



Die Krankheiten der Sclera, Iris, Chorioidea und 

Linse. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 

Verlag von F. A. Credner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



DIE 

KRANKHEITEN DER SCLERA, 

IRIS, CHORIOIDEA UND LINSE, 

für 

praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

früher o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Prag, jetzt zu Wien. 



Fünfter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 






Verlag von F. A. Credner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



III. Bach. 



Die weisse oder Lederhaut, Tunica sclerotica, 
und die Scheidenhaut, Tunica vaginalis. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

a) Die Sclera bildet gleichsam das Gehäuse des Augapfels, in 
welches die Cornea gleich einem Glase eingefügt ist. Sie wird durch 
die flüssigen Contenta des Bulbus gespannt erhalten, und übt auf die- 
selben vermöge ihrer Elasticität einen gewissen Druck aus. Diese bei- 
den Momente sind bei Beurtheilung ihrer Grösse und Gestalt jederzeit 
in Anschlag zu bringen. 

Sie bildet im Allgemeinen die Schale einer Kugel, welche, wenn 
man sich die Cornea in gleicher Flucht fortlaufend denkt, von vorn 
nach hinten sehr stark abgeplattet, und überdiess an jenen Stellen, wo 
die Musculi recti ihre Wölbung berühren, seicht eingedrückt erscheint. 
Im Innern der Sclera kann das Verhältniss der Durchmesser ohngefähr 
so bezeichnet werden, dass der horizontale Durchmesser im Äquator 
um '/*"' länger erscheint, als der verticale, und dieser noch um 7 2 '" 
länger als die Achse von vorn nach hinten (wenn man sich die Cornea 
nicht stärker gewölbt denkt, als die Sclera). 

Die Dicke dieser Schale ist nicht überall gleich. Am beträchtlichsten 
ist sie am hintern Pole, also 1%"* auswärts vom Centrum der Inser- 
tionsstelle des N. opticus;* hier misst sie im normalen Zustande über 
5 2 Linie (0,580'"j; von hier an wird sie in ihrer Ausbreitung allmälig 
dünner; vom Äquator bis zur Insertion der Musculi recti kann die 
Dicke auf *J* — V 5 "' geschätzt werden; durch die Sehnen dieser Muskel 
verstärkt, zeigt sie im vordem Drittel eine Dicke von 2 /5'". Die Dicke 
dieser Membran ist gleich der der Cornea in der Jugend beträchtlicher, 
als im höhern Alter, und steht zur Dicke der Cornea immer in dem 

Arlt Augenheilkunde. II. 1 



2 Lederhaut. 

Verhältnisse, dass die dickste Partie (am hintern Pole) noch immer 
etwas dünner ist, als die Cornea gegen den Rand hin. 

An ihrer äussern Fläche ist sie rauh (filzig) und durch laxes Binde- 
gewebe mit der Tunica vaginalis bulbi locker verbunden. Ihre innere 
Fläche ist glatt, und von der Lamina fusca ausgekleidet, einer dünnen 
zelligen Membran, welche eigenthümliche stark pigmentirte braune Zel- 
len zeigt. Mit der innerhalb derselben liegenden Chorioidea hängt sie 
nur durch die Nerven und Gefässe zusammen, welche durch die Sclera 
hindurch zur Ader- und Regenbogenhaut verlaufen; an ihrem vordem 
Ende jedoch ist sie mit dem Ciliarbande sehr fest verbunden. Hievon 
später. 

An der Eintrittsstelle des N. opticus hängt sie fest mit dessen 
Scheide zusammen, wesshalb sie Einige als Fortsetzung derselben be- 
trachten. Die 2 Sehnen der M. obliqui im hintern, und die 4 Sehnen 
der M. recti im vordem Umfange der Sclera gehen mit ihren Fasern 
unmittelbar in deren Gewebe über, indem sie sich fächerartig ausbrei- 
ten. Die Verbindung mit der Cornea wurde bereits besprochen. (S. 
Hornhaut, Seite 175 und Taf. I. Fig. 7, 8, 9.) 

Die Sclera besteht aus dicht zusammengewebten Fasern, welche 
gegen ihre innere Fläche zu immer dichter in einander verflochten sind, 
und in verschiedenen Richtungen sich durchkreuzen. Im hintern Um- 
fange scheinen die longitudinalen, von der Sehnervenscheide gegen die 
Peripherie hin und vorwärts verlaufenden, die vorwaltenden zu sein; 
wenigstens findet man in dieser Gegend bisweilen verdünnte Stellen, 
welche diese Richtung einhalten, und durch das Auseinanderweichen 
dieser Fasern bedingt zu sein scheinen; im vordem Umfange sind die 
querverlaufenden Fasern vorherrschend. — Durch Maceration wird sie 
in 2 — 3 Wochen zu einer breiigen Masse aufgelöst; durch Kochen wird 
sie in Leim verwandelt. — Sie ist sehr fest, viel weniger elastisch. 
Fälle von Berstungen der Sclera kommen eben nicht selten vor, we- 
nigstens in ihrem vordem Drittel. 

Ihre sparsamen Gefässe entspringen theils aus den hintern kurzen, 
theils aus den vordem Ciliararterien und von den Muskelästen der 
Art. ophthalmica. Sie bilden ein weitmaschiges Netz von Capillaren 
letzter Ordnung {Brücke). — Nerven hat Professor Bochdalek*) mit Be- 
stimmtheit in ihr nachgewiesen. Sie sind Zweige der Ciliarnerven. 

Die dichte fasrige Structur, die Armuth an Gefässen und Nerven 
und die sehr untergeordnete Bestimmung der Sclera, die Flüssigkeiten 
des Bulbus zu umschliessen und den Muskeln feste Angriffspunkte zu 

») Präger Vierteljahrschrift, Bd. 24. S. 119. 



Anatomie — Physiologie. 3 

gewähren, machen es begreiflich, warum die Sclera der Entzündung* 
nur sehr wenig unterworfen ist, ja selbst gegen directe Eingriffe, che- 
mische und mechanische Verletzungen, auffallend wenig reagirt. Nicht 
nur Stich- und Schnitt-, sondern auch Risswunden der Sclera heilen 
ohne merkliche Röthe oder Schwellung der Ränder. Sie kann von 
Eiter, im Innern des Auges angesammelt, durchbrochen werden; auch 
Enkephaloidablagerung kommt in derselben vor. Nach meiner An- 
schauungsweise bietet sie, wenigstens ihre oberflächliche Schicht, auch 
das Substrat entzündlicher Erscheinungen dar, deren Beschreibung weiter 
unten folgt. 

b) Die Scheidenhaut des Augapfels, Tunica vaginalis bulbi, ist eine 
den Bulbus, so weit die Sclera reicht, umhüllende zelligfibröse Mem- 
bran von bläulich weisser Farbe, welche nur durch schlaffes, äusserst 
dehnbares und fettloses Bindegewebe mit der Sclera zusammenhängt, 
und somit eine Art Kapsel oder Scheide bildet, in welcher sich der 
Bulbus nach jeder Richtung leicht drehen kann. Sie entspringt an der 
Eintrittsstelle des Sehnerven in die Orbita, umgibt diesen und die um 
denselben liegenden Ciliarnerven, umfasst sodann den Bulbus, wird von 
den 6 Augenmuskeln schief durchbohrt, hängt mit den Sehnen dersel- 
ben zusammen, schmiegt sich vor den Musculis rectis mehr und mehr 
an die Sclera und an die Bindehaut darüber an, und verliert sich unter 
der Conjunctiva bulbi allmälig gegen den Hornhautrand hin, nachdem 
sie dünner und dünner geworden, und in der Nähe der Cornea mit 
dem Stroma conjunctivae gleichsam in Eins verschmolzen ist. 

Von der Gegend, wo die Musculi recti in diese Hülle eintreten, 
um noch eine Strecke in derselben zu verlaufen, geht ein ähnliches 
zelligfibröses Gewebe gleichsam als Unterlage für die Bindehaut unter 
derselben bis zum Orbitalrande des obern und des untern Lidknorpels, 
und vermittelt so einen festeren, wenn gleich äusserst dehnbaren Zu- 
sammenhang der Tunica vaginalis bulbi mit der Fascia tarso-orbitalis, 
jener schon viel dichteren und resistenteren Membran, welche vom Or- 
bitalrande der Knorpel an den freien Knochenrand rings um die Orbita 
verläuft. 

Hat man die Conjunctiva und die Tunica vaginalis bulbi hinter den 
Sehnen der geraden Augenmuskel, so wie diese selbst ringsum durch- 
schnitten, so kann man den Bulbus leicht wie aus einer Schale her- 
auslösen, indem man nur noch die M. obliqui und den N. opticus sammt 
den ihn umgebenden Gefäss- und Nervenzweigchen zu trennen braucht. 

Die Scheidenhaut des Augapfels, oder vielmehr das lockere Binde- 
gewebe zwischen ihr und der Lederhaut ist einer bedeutenden Schwel- 



4 Lederhaut. 

hing durch seröse Infiltration fähig; diese kann so bedeutend werden, 
dass der Bulbus dadurch aus der Orbita hervorgedrängt wird, und dass 
der vordere Theil sanimt der Conjunctiva jenen 2—3'" hohen Wall 
rings um die Cornea darstellt, von welchem bei den Krankheiten der 
Bindehaut die Rede war. 

Vermöge ihrer Zähigkeit verhindert sie, wenn man einen der Muse, 
recti noch im Bereiche derselben durchschneidet, das freie Zurückwei- 
chen des • Muskelbauches, so dass sie in einem gewissen Grade die 
durchschnittene Sehne vertritt, und die Beweglichkeit des Bulbus nach 
dieser Seite hin vermittelt ; nur wenn der Muskel ausserhalb dieser zel- 
ligfibrösen Scheide durchschnitten, oder wenn die Wunde in derselben 
sehr lang (über 3'") gemacht worden ist, wird die Herrschaft des be- 
treffenden Muskels über den Bulbus mehr weniger vollständig aufge- 
hoben. (Näheres hierüber bei der Lehre vom Schielen.) 

Der hintere Theil, vom Opticus bis zu den Insertionsstellen der 
M. recti, wurde als Bomiefsche Kapsel, der vor jenen Insertionsstellen 
gelegene hingegen als Tenon'sche Membran beschrieben. 



B. Krankheiten der Sclera. 

I. Entzündung der Scle?*a 
kommt entweder selbstständig und isolirt, oder gleichzeitig mit Keratitis, 
Iritis oder Chorioiditis vor; in letzterem Falle erscheint sie meistens als 
consecutives Leiden. 

1. Die selbstständige ScleiHtis tritt — nach meinen Beobachtungen 
— nur partiell auf, und zwar im vordem Umfange, in der Gegend, wo 
die vordem Ciliararterien die Sclera durchbohren. 

Symptome und Verlauf. Auf der Sclera, ein bis zwei Linien 
vom Bande der Hornhaut entfernt, entsteht ein licht-, dann dunkel- 
rosenrother Fleck, in welchen sich stark eingespritzte Ciliargefässe auf- 
lösen. Dieser Fleck wird alsbald zu einer leichten Erhabenheit, welche 
die Form und Grösse einer halben Linse, selbst einer halben Zucker- 
erbse (nur etwas flacher) erreicht. Man könnte meinen, es sei eine 
Conjunctivitis pustularis im Anzüge; man überzeugt sich jedoch bald, 
dass das Infiltrat nicht in, sondern tief unter der Bindehaut sitzt, ja es 
gewinnt sehr bald das Aussehen, als wäre die geröthete Sclera selbst 
an dieser Stelle emporgedrängt, so allmälig ist der Übergang von der 
gesunden zur erkrankten Partie. Das Infiltrat erscheint als eine derbe 
gleichmässige Aufwulstung ; in manchen Fällen jedoch sieht man an der 






Entzündung. 5 

ergriffenen Stelle ein Aggregat von gelblichen Körnern, welche durch 
geschwelltes Bindegewebe und zahlreiche Blutgefässe zu Einem Hügel 
vereint sind. Nachdem ein solcher Hügel einige Wochen bestanden 
hat, wird er nach und nach flacher; die ergriffene Stelle wird zunächst 
vom Rande her, dann durchaus dunkelviolett, schiefergrau, bleifarben, 
endlich (nach Monaten) normal. Das Exsudat wird einfach resorbirt, 
ohne jemals in Eiterung zu übergehen oder bleibend zu induriren. — 
Der Process kann mit der Bildung eines einzigen Hügels abgethan 
sein; es können aber auch 2 — 3 kurz nach einander entstehen; meistens 
findet aber der Vorgang statt, dass während der Rückbildung an Einer 
Stelle eine frische Ablagerung in der Nachbarschaft entsteht, und hie- 
durch die Dauer der Krankheit auf ein halbes Jahr und darüber aus- 
gedehnt wird. 

Die Kranken, namentlich ältere Personen, werden in der Regel 
nur durch ein lästiges Gefühl von Druck unter dem obern Lide (der 
Process verläuft meistens in der obern Hälfte des Bulbus), durch dumpfen 
Kopfschmerz, weniger durch Empfindlichkeit gegen Licht, scharfe Luft 
und Anstrengung der Sehkraft belästigt. Über Störung des Gesichtes 
klagen sie nur dann, wenn die Infiltration des Exsudates bis in die 
Hornhaut hereinreicht, und die Umgebung (bis vor die Pupille hin) auf- 
gelockert und mehr weniger getrübt wird. Bei Einwirkung der ge- 
nannten Reize tritt leicht vermehrte Thränenabsonderung ein, und 
die Bindehaut liefert bisweilen ein Secret, wie bei Katarrh, ohne in- 
dess mehr als die Zeichen von Hyperämie darzubieten. 

So hartnäckig und lästig dieses Übel auch ist, so bringt es doch 
— nach meinen Beobachtungen — weder der Function noch der Form 
des Auges bleibenden Nachtheil. Niemals sah ich, auch nach Jahre 
lang fortgesetzter Beobachtung solcher Individuen, weder eine Formver- 
änderung (Hervortreibung) der Sclera, noch bleibende Störung der Seh- 
kraft nachfolgen. 

Diese Krankheit ist meines Wissens zuerst yon Dr. Sichel *) naturgetreu beschrieben 
worden , und zwar als „partielle Entzündung der Chorioidea und des subconjunctivalen 
Zellgewebes." Auch Prof. J. N. Fischer führt sie in seinem 1846 erschienenen Lehrbuche 
S. 57 und 1S3 als Chorioiditis an. Ich habe mich bereits in einem Eeferate über Sichel' s 
Aufsatz **) für die Ansicht ausgesprochen, dass das Substrat dieses Processes die Sclera 
(ihre äussern, minder dichten Faserlagen) sei, und bin durch spätere Beobachtungen hierin 
nur bestärkt worden. Zum Schlüsse dieses Artikels werden einige Beobachtungen mög- 
lichst getreu beschrieben werden, wornach dann der Leser selbst sich sein Urtheil bilden 
mag ; vorläufig will ich zur Begründung meiner Behauptung nur folgende Punkte hervorheben. 

*) Bulletin ge'ner. de Therapeut. 1S4T. 
**) Prager Vierteljahrschr. 17. Bd., Anal. S. 88. 



6 Lederhaut. 

Nimmt man an, die Chorioidea, der Ciliarkörper sei der eigentliche Herd der 
Krankheit, so kann man das Entstehen der oft beträchtlichen Erhöhungen (bis zu 1 '/&'") 
doch nur von gleichzeitiger Infiltration entweder der Tunica vaginalis bulbi oder der Sclera 
selbst erklären. Denn es lässt sich nicht denken, dass ein Infiltrat der Aderhaut allein 
die Sclera an einer umschriebenen Stelle so beträchtlich hervortreiben könne, ohne auch 
nach innen einen Druck auszuüben , welcher sich offenbar durch Störung des Gesichtes, 
mindestens durch Veränderungen in der Iris kund geben müsste. Bei der Schilderung 
der Krankheiten der Chorioidea wird sich herausstellen, dass eine nur einigermassen er- 
hebliche Exsudation in diesem Gebilde jederzeit manifeste Veränderungen in der Function, 
selbst in den physikalischen Eigenschaften der Iris bedingt, und dass namentlich jenen 
Stellen, wo die Chorioidea mit der Sclera verwachsen und diese sofort hügelartig vor- 
getrieben ist, Atrophirung des Irisgewebes entspricht. — Positiv beweisend, dass diese 
hügeligen Anschwellungen nicht durch Auswärtsdrängung der Sclera, und eben so wenig 
durch Infiltration des „subconjunctivalen Zellgewebes" allein bedingt sein können, sind 
jene Fälle dieser Krankheit, wo das Centrum der infiltrirten Stelle etwas weiter vorn 
liegt, und ihre Peripherie noch in die durchsichtige Hornhaut hereinreicht. Hält man 
sich in solchen Fällen die relative Lage der Cornea, Sclera und Iris zum Corpus ciliare 
genau gegenwärtig, und sieht man sofort von der Seite her zwischen der infiltrirten 
Cornealpartie und der Iris gegen das Ligamentum ciliare hin in die vordere Augenkam- 
mer hinein, so erkennt man leicht, dass der Ciliarkörper es nicht sein kann, von dem 
die krankhaften Erscheinungen ausgehen, und eben so wenig die Tunica vaginalis bulbi, 
weil beide nicht so weit nach vorn reichen. — Wenn man überdiess sieht, dass mitunter 
ein solcher Hügel deutlich aus einzelnen kleineren Erhöhungen (Körnern) zusammenge- 
setzt ist, so gibt man die Ansicht, die Sclera sei hier von einem unter ihr befindlichen 
Exsudate nach aussen gedrängt, gewiss ohne Weiteres auf. — Die missfarbigen Stellen, 
welche nach Resorption des Infiltrates zurückbleiben, zeigen deutlich, dass der Sitz des- 
selben nicht in der Tunica vaginalis allein gesucht werden kann. Man sieht nämlich die 
Verfärbung deutlich unter den Ciliargefässen, während jene Hülle mit der in dieser Gegend 
schon innig mit ihr zusammenhängenden Bindehaut über denselben liegt. 

Es gibt Arzte, welche der Sclera überhaupt die Fähigkeit absprechen, in jenen 
Zustand,, den wir Entzündung nennen, zu übergehen, einmal wegen ihrer Armuth an 
Gefässen und Nerven, und dann, weil sie nicht im Stande waren, durch absichtliche 
Verletzungen bei Thieren Scleritis hei-vorzurufen. Auf den ersten Grund gestützt, hätte 
man vor nicht gar langer Zeit auch der Cornea die Fähigkeit, sich zu entzünden, ab- 
sprechen können, denn es waren weder Gefässe noch Nerven in dieser Membran ana- 
tomisch erwiesen. Der Umstand, dass ein Organ auf mechanisch-chemische Verletzungen 
nicht mit entzündlichen Erscheinungen antwortet, berechtigt uns — meines Erachtens — 
noch nicht, ihm die Entzündungsfähigkeit überhaupt abzusprechen. Mit der Eigentüm- 
lichkeit des Baues und der Ernährung eines Organes im normalen Zustande sind auch 
schon Eigenthümlichkeiten jener abnormen Zustände gegeben, welche wir, nach allgemei- 
nen Principien, als Entzündung bezeichnen müssen. In dem gleichzeitigen "Vorkommen 
der genannten Exsudate im Bereiche der Sclera mit Exsudaten in der Cornea erkennen 
■wir — nach unserer Anschauungsweise — die histologische Verwandtschaft dieser im 
Fötus noch nicht differenzirten Membranen selbst, und es kann eben nur in der vorge- 
fassten Meinung, dass die Sclera sich überhaupt nicht entzünden könne, der Grund ge- 
sucht werden , dass man Erscheinungen , die man in der Sclera bemerkt , auf andere 
Gebilde bezogen hat. — Will man aber den Ausdruck Scleritis für die in Rede stehende 






Entzündung. 7 

Krankheit desshalb nicht gelten lassen , weil das Exsudat in der Sclera noch nicht mit 

dem Messer, mit dem Mikroskope nachgewiesen ist, so streiche man vorläufig auch den 

Namen Chorioiditis oder Kyklitis für diese Form, denn auch in dem Corpus ciliare hat 
man — für diese Fälle — das supponirte Exsudat noch nicht nachgewiesen. 

Vorkommen, Ursachen. Diese Form von Scleritis kommt selten 
vor. Ich habe nur 16 Fälle davon beobachtet, 9 bei Männern, 7 bei 
Weibern. Zwei Männer und eine Frau waren circa 70, zwei Männer 
über 50, ein Mann und eine Frau über 40, die übrigen (2 männlich, 
5 weiblich) zwischen 20 und 30, ein Knabe 12 und einer 9 Jahre alt. 
Keines dieser Individuen konnte, abgesehen von dem Augenleiden, für 
gesund erklärt werden. Bei den altern waren deutliche Symptome trä- 
ger Circulation in den Unterleibsorganen, bei den Jüngern (bis auf 
einen Mann, welcher eben eine Iritis syphilitica überstanden hatte), 
waren Zeichen von Scrofulosis noch vorhanden oder früher da gewesen. 
— Das Augenleiden entstand ohne äussere Veranlassung, bei 1 Indivi- 
duum angeblich nach Verkühlung-, bei 1 nach längerem Weinen. Frische 
Eruptionen erfolgten, auch nachdem die Kranken unter günstige Ver- 
hältnisse und unter den Einfluss von Medicamenten, welche eben an- 
gezeigt erschienen, gesetzt waren. Nur in zwei Fällen wurden beide 
Augen ergriffen, und in zweien kehrte das Übel nach jahrelanger 
Pause auf demselben Auge wieder. 

Behandlung. Diese muss (nach der mir zu Gebote stehenden 
Erfahrung) mehr eine allgemeine, diätetische und pharmaceutische sein, 
entsprechend dem Zustande des Gesammtorganismus. Örtliche Mittel 
sind theils unnöthig (Blutentziehungen), theils schädlich (Collyrien, kalte 
Umschläge). Kur Einreibungen von Mercurial- oder Jodkalisalben an 
die Stirn und Schläfe, und in einem späteren Stadium, wenn die Ge- 
lasse dunkler und mehr ausgedehnt erscheinen, Einträuflungen von 
Tinctura opii crocata, können beschleunigend auf den Eesorptionsprocess 
einwirken. Die Art und Weise, wie ich solche Fälle behandelt habe, 
dürfte aus den nachfolgenden Krankengeschichten besser, als aus all- 
gemeinen Angaben ersichtlich werden. 

Ein rüstig gebauter Schänkwirth von 50 Jahren kam im December 1845 zu mir 
mit dieser Form am rechten Auge. Man sah von der Cornea nach innen und oben einen 
dunkelbläulich-rothen Hügel auf der vordem Partie der Sclera, 2 — 3"' im Durchmesser, 
V" hoch, das Centrum Vi — 2'" vom Rande der Cornea entfernt. Der Hügel sah wie 
eine flache Pustel, jedoch ohne Spur von Eiter aus, war von zahlreichen erweiterten 
Gefässen durchzogen und umgeben , und von einem violettrothen Hofe der Sclera ein- 
gesäumt, in welchen er sieh allmälig verflachte. Dabei keine Lichtscheu, keine Störung 
des Sehens, nur Druck im Auge, und zu Zeiten Kopfschmerz in der rechten Schläfe- 
und Stirngegend. Iris und Cornea in jeder Beziehung normal. Träge Stuhlentleerung, 
öfters Ejreuzschmerzen. zuweilen Abgang von Blut mit dem Stuhle. — Leicht verdauliche 



8 Lederhaut. 

Kost, Beschränkung im Genüsse von Kaffee und Bier, Cremor tartari mit Rheuni und etwas 
Schwefelblumen. Ende Februar kam der Kranke wieder. An der Stelle des Hügels sah 
man einen schiefergrauen Fleck in der Sclera; daneben nach innen ein neuer Hügel, 
Cornea und Iris frei; das Auge leicht thronend, drückender Kopfschmerz; die Sehkraft 
nicht geschwächt. Acht Blutegel an die Schläfe, dann Einreibungen mit Ung. cinereum 
mit Opium an die Stirn lind Schläfe; innerlich Bitterwasser, täglich zweimal 1 /z Seidel. 
Anfang Mai erschien der Kranke zum dritten Male. An der Stelle der ersten und zweiten 
Infiltration livide Färbung der Sclera; daneben (unter dem obern Lide) ein neuer, jedoch 
minder erhobener und breiter Hügel, welcher etwas näher an der Cornea sitzt, und mit 
seiner Peripherie noch in diese hereinreicht. Der Kranke sieht wie durch einen leichten 
Rauch. Nach fünfwöchentlichem Gebrauche des Marienbader Kreuzbrunnens erfolgte keine 
frische Exsudation mehr, und das Auge war im August d. J. bereits zum normalen Zu- 
stande zurückgekehrt. 

„W. W.,*) eine 40jährige Frau von zarter und reizbarer Körperconstitution, krän- 
kelt seit Jahren an einer Plethora abdominalis, welche sich durch Vollsein des Unterlei- 
bes, Wechsel des Appetites und der Verdauung, leichte Hämorrhoidalbeschwerden , harte 
Stuhlentleerung über den zweiten, dritten Tag mit abwechselnder, erleichternder Diarrhöe 
etc. kund gibt. Die Leber ist etwas vergrössert; die Menstruation war und ist stets 
regelmässig. Seit mehreren Monaten leidet sie am linken Auge. Nach der Erzählung 
ihres Arztes fing die Krankheit mit einer partiellen venösen Gefässinjection im äussern 
Winkel an, diese Scleralstelle war bläulich von Farbe, etwas hügelig, mit mehreren Schichten 
varicöser Blutgefässe sowohl in der Sclera als Conjunctiva bedeckt. Patientin klagte 
dabei über Eingenommenheit des Kopfes, über einen leichten drückenden Schmerz in 
der linken Schläfegegend, und über ein lästiges Vollsein dieses Auges, als wäre es etwas 
grösser. Dasselbe war wohl nicht lichtscheu, aber doch gegen grelleres Sonnenlicht 
mehr empfindlich, als das gesunde rechte Auge. Iris und Pupille waren normal, das 
Sehvermögen nicht gestört. Blutegel wurden mit Erleichterung der Schmerzen gesetzt, 
das Ung. hydr. ein. eingerieben und auflösende Salze, Tart. tartaris. etc. gebraucht. Nach 
einiger Zeit minderte sich das Übel bedeutend, aber nach einer starken Verkältung durch 
Zugluft trat es stärker und hartnäckiger als zuvor auf. Dasselbe Krankheitsbild zeigte 
sich nun mehr nach aufwärts, und verliess die vorige Stelle ganz sammt der hügeligen 
Erhabenheit, mit Hinterlassung einer bläulichen Färbung in der Sclera. Dieselben Heil- 
mittel wurden angewendet; die Eingenommenheit des Kopfes, der Stirnschmerz wichen, 
aber das örtliche Übel des Auges verliess nur seinen Platz, um weiter hin, gegen den 
innern Winkel von Neuem auszubrechen: auf diese Art umkreiste es die ganze Scleral- 
fläche, und nahm auch einigemal die alten Stellen wieder ein. Es mochten 6 — 7 bald 
grössere bald kleinere Hügel entstanden sein; wenn sich ein neuer erhob, verschwand 
der vorhergehende allmälig. Man hatte die Aqua Conradi versucht ; sie wurde nicht 
vertragen ; auf Einträuflungen von Tinct. opii vin. war es offenbar schlimmer geworden. 
Von der Patientin um unsere Meinung gefragt, fanden wir die Sclera schon wieder ganz 
eben, aber von bläulicher Farbe, die Bindehaut noch mit einzelnen, stark varicösen Ge- 
lassen durchzogen, sonst keine Abweichung vom normalen Zustande. Wir riethen ihr die 
Mineralcur von Marienbad an , Heiterkeit des Geistes und sehr fleissige Bewegung in 
freier Luft. Verhindert durch häusliche Verhältnisse trank sie zu Hause durch mehrere 
Monate die Egerer Salzquelle, und ihr Auge verlor jede Spur der frühern Krankheit. 

*) Dieser Fall ist in Prof. Fischers Lehrbuche S. 183 beschrieben, und hier desshalb aufgenommen, weil 
ich diese Kranke, im Jahre 1844, mit demselben Übel wieder behaftet, beobachtete. 



Entzündung. 9 

Ein Jahr später zwang sie ihr Leberleiden, sich der Cur in Karlsbad zu unterziehen." — 
So weit Prof. Fischer, dessen Erzählung sich auf die Jahre 1841 und 1842 bezieht. Mitte 
November 1S44 erkrankte sie abermals auf dem linken Auge, ohngefähr auf dieselbe 
Weise. Ich fand intensive Röthe und Anschwellung der Sclera unter dem obern Lide, 
etwa 2'" breit und 3'" lang, mit ziemlich scharf begrenzten Rändern. Die Röthe und 
Schwellung wanderte von hier allmälig gegen den innern "Winkel herunter. Diessmal 
war das Sehvermögen getrübt, und zwar dadurch, dass von der afficirten Stelle der Sclera 
her auch die Cornea leicht getrübt und gelockert war. Thränenfluss und Lichtscheu 
waren massig, die Pupille war vollkommen rund und schwarz, die Iris in jeder Bezie- 
hung normal. Ich liess die Kranke Karlsbader Schlossbrunnen trinken, und später Jod- 
kalisalbe an die Stirn und Schläfe aufstreichen. Nach ungefähr 8 Wochen waren alle 
Zufälle bis auf Missfarbigkeit der Sclera verschwunden. Den folgenden Sommer gebrauchte 
die Kranke die Kur von Franzensbad (Salzquelle). Sie ist bis heutigen Tages an ihren 
Augen vollkommen gesund. 

In dem folgenden Falle trat das in Rede stehende Leiden während des Verlaufes 
einer Keratitis scrofulosa auf. P. J., 29 Jahre alt, Dienstmagd, von massig starkem Körper- 
bau, schlecht genährt, am Halse mehrere Narben von vereiterten Lymphdrüsen darbietend, 
wurde Ende October iS49 auf die Klinik aufgenommen , und zwar mit den (bekannten) 
Svmptomen einer Keratitis scrofulosa, welche auf dem rechten , erst seit 4 Wochen er- 
krankten Auge in voller Blüthe stand, auf dem linken, nach viermonatlicher Dauer, nur 
noch einzelne Exsudatflecke in der Cornea und Erweiterung der vordem Ciliargefässe 
zeigte. Während der Behandlung dieses Leidens entwickelte sich Ende November auf 
dem rechten Auge eine umschriebene Entzündung der Sclera. Wir fanden am 26. No- 
vember folgenden Zustand : Das linke Auge frei von Entzündung. Am rechten die Cornea 
durchaus leicht getrübt, ungleichmässig, stellenweise gelblichgrau, von Gefässen durch- 
zogen, und zwar innerhalb des obern und des untern Limbus conjunctivae am stärksten; 
die Gefässe liegen theils oberflächlich in der Cornea, theils tief, namentlich in der untern 
Partie der Cornea. Die Injection der Ciliargefässe ist massig. Nach unten und aussen 
von der Cornea erscheint eine zuckererbsengrosse Stelle der Sclera dunkelroth, ein 
wenig erhaben, die Bindehaut deutlich durch ein unter ihr gelegenes Infiltrat empor- 
gehoben. Lichtscheu und Thränenfluss heftig; flüchtig stechende Schmerzen im Auge. 
— Die Erhöhung wurde sehr bald flacher, minder gefässreich, ringsherum missfarbig; 
am 4. December war die betreffende Stelle bloss durch schiefergraue Färbung zu er- 
kennen. Am 18. December erfolgte eine neue Eruption etwas unterhalb der frühern, 
etwa l'V weit vom Hornhautrande entfernt. Die Trübung der Cornea hatte indess 
so weit abgenommen, dass man die Iris und Pupille mit Bestimmtheit als normal bezeich- 
nen konnte. Anfang Februar wurde die zuerst ergriffene Stelle der Sclera , welche nun 
nahezu ihre normale Färbung erlangt hatte, neuerdings roth und erhaben. Das Fort- 
schreiten der Aufhellung der Cornea wurde dabei nicht beeinträchtigt, und das Sehver- 
mögen dem entsprechend besser, bis die Kranke endlich am 12- April als geheilt (bis 
auf einige trübe Fleckchen der rechten Hornhaut und eine etwa haselnussgrosse bleigraue 
Stelle der Sclera) entlassen werden konnte. — Die Behandlung bestand nebst Regulirung 
der Diät (leichte Fleischkost in massiger Menge) anfangs in Verabreichung eines Decoct. 
gTaminis mit Kali tartar. und Tinct. rhei aquosa, später von Pillen aus Baryta muriat., 
Sapo medic, Extr. aloes und Extr. millefolii, wobei die Kranke auch allmälig ein besseres 
Aussehen gewann, und die früher sehr unregelmässige Menstruation in Ordnung kam. 
Örtlich wurden anfangs Einreibungen von Ung. cinereum mit Belladonna, später von Jod- 



1 Lederhaut. 

kali au die Stirn und Schläfe, zuletzt Einträufiungen von Laud. liq. Syd. auf das Auge 
angewendet. 

Str. A. , 9 Jahre alt, schon in den ersten Jahren seines Daseins von mancherlei 
scrofulösen Affectionen, namentlich von Infiltration der L)'mphdrüsen am Halse und von 
Augenentzündungen heimgesucht, und unter sehr dürftigen Verhältnissen lebend, erkrankte 
im Frühlinge 1S47 abermals an Entzündung beider Augen, welche so hartnäckig — mit 
einzelnen Remissionen — fortbestand, dass derselbe Ende November endlich nach Prag 
gebracht wurde. Zur Zeit der Aufnahme auf die Klinik charakterisirte sich das Augen- 
leiden theils durch oberflächliche Hornhautnarben (Folgen von Bläschen- oder Pustel- 
und Geschwürsbildung auf der Cornea), theils durch frische umschriebene Exsudate in 
Form von mohn- bis hirsekorngrossen Hügelchen auf der Cornea, und durch ober- 
flächlich (aus der Conjunctiva bulbi über die Cornea) verlaufende einzelne Gefässchen, 
bei massiger Lichtscheu und normaler Beschaffenheit der übrigen Gebilde. Da der Knabe 
sehr herabgekommen aussah, reichten wir ihm Fleischkost, und nach Yorausschickung 
eines Infusum sennae täglich 2mal 1 Löffel Oleum jecoris aselli ; an die Stirn und Schläfe 
wurde eine Salbe aus 12 Gran weissem Präcipitat und 1 Scrupel Extr. beilad. mit zwei 
Drachmen Fett 5 — 6mal täglich aufgestrichen, später verdünntes Laudanum Sydenh. 
auf die Bulbi eingeträufelt. Das Auftreten heftigerer Lichtscheu bestimmte uns, vom 7. 
December an, Pulver aus Extr. conii maculati mit Magnes. carbon. und etwas Aethiops 
antim. zu verwenden. Unter dieser Behandlung besserte sich das Augenleiden so, dass 
am 20. December die Lichtscheu verschwunden, und die Exsudate auf der Cornea um 
mehr als die Hälfte resorbirt waren. In den nächsten Tagen erfolgte jedoch frische 
Exsudation , und zwar im Bereiche der Sclera. Wir bemerkten den 25. December an 
dem linken Auge, nach aussen von der Cornea, die Sclera intensiv geröthet und etwas 
geschwellt (in einer Ausdehnung von etwa 3 Quadratlinien). Dass das Infiltrat nicht in 
der Bindehaut sitze, liess sich daran erkennen, dass diese Membran, von einzelnen hell- 
rothen Äderchen durchzogen, und leicht serös infiltrirt, sich deutlich darüber verschieben 
liess. Die bläuliche Färbung, der tiefe Sitz der geschwellten und gerötheten Partie, und 
das Verhalten der vordem Ciliararterien zu denselben bestimmten uns, den Sitz des In- 
filtrates noch unter der Tenon'schen Kapsel anzunehmen. An dem rechten Auge fanden 
wir zwischen der Hornhaut und dem äusseren Augenwinkel drei solche, jedoch kleinere 
Stellen. Am 28. December war die ergriffene Partie des linken Auges bloss an violett- 
rother Färbung (ohne Schwellung) zu erkennen, der Zustand des rechten Auges unver- 
ändert. Mitte Jäner 1848 erweichte eines der Exsudate auf der rechten Hornhaut; es 
entstand ein Geschwürchen, welches zu Durchbohrung der Cornea und zu Anlagerung 
der blossgelegten Irispartie an letztere führte. Mitte Februar wurde der Knabe von 
Masern befallen, welche auf den Zustand der Augen keinen merklichen Einfluss nahmen. 
In der Zeit bis Anfang Mai traten wiederholt Eruptionen an der Conjunctiva bulbi (theils 
am Limbus conjunctivae, theils im Bereiche der Cornea) auf, welche wir lediglich als 
Conjunctivitis scrofulosa bezeichnen mussten. Anfang März bildete sich an dem obern, 
Anfang Mai an dem untern Lide des rechten Auges ein Gerstenkorn; an verschiedenen 
Stellen des vordem Umfanges der Sclera zeigte sich zu wiederholten Malen intensive 
Pvöthung mit mehr weniger deutlicher Schwellung und Hinterlassung missfarbiger Flecke. 
Gegen Anfang Mai entstand, nachdem der Knabe durch mehrere Tage gefiebert hatte, 
frische und sehr ausgedehnte Infiltration der Sclera oberhalb der Hornhaut (an beiden 
Augen), und ruckte allmälig bis ins Bereich der Hornhaut herein, so dass man hier die 
Grenze zwischen Cornea und Sclera nicht mehr bestimmen konnte. Das Infiltrat erwies 



Entzündung. 1 1 

sich als ein Conglomerat von lichten gelblichen Körnern und zahlreichen Blutgefässen ; 
auf der Sclera Mar es von einem violetten, auf der Cornea von einem lichtgrauen Hofe 
eingesäumt. Wir Hessen nun den Knaben Adelheidsquelle, später Haller Wasser trinken. 
Zu Anfang Juni, wo derselbe von Blattern ergriffen wurde, war auf beiden Augen die 
Sclera wieder normal , bis auf livide Färbung an den zuletzt ergriffenen Partien. Bald 
nach seiner Genesung von den Blattern musste er wegen Periostitis an der rechten Hand- 
wurzel auf die chirurgische Abtheilung transferirt werden. Von diesem Übel befreit, 
und am 30. Juli wieder auf die Augenabtheilung aufgenommen, blieb der Knabe nun 
von frischen Anfällen verschont, und wurde am 28. August in seine Heimat entlassen, 
mit der Weisung, bei Wiederkehr der Augenentzündung zurückzukommen. Diess geschah 
Ende April 1 $49, nachdem das Übel im März mit erneuerter Heftigkeit als Keratoscleritis 
aufgetreten war. Nach 4wöchentlicher Behandlung ging der Knabe abermals in ge- 
bessertem Zustande (das Sehvermögen war nur durch die Hornhautflecke beeinträchtigt) 
nach Hause, erlag jedoch, zwölf Wochen später, einem acut aufgetretenen Brustleiden, 
welches Verwandte von ihm, die mir die Kunde davon überbrachten, als Auszehrung 
bezeichneten. 

2. Viel häufiger finden wir an der Sclera Erscheinungen, welche 
füglieh nur auf Entzündung dieser Membran bezogen werden können, 
vereint mit Entzündung der Chorioidea, Iris oder Cornea, und zwar in 
dem Verhältnisse, dass die Scleritis als einfach neben Iritis oder Kera- 
titis bestehend, oder aber als Folge von Keratitis, Iritis oder Chorioiditis 
betrachtet werden muss. In manchen dieser Fälle beschränken sich die 
entzündlichen Erscheinungen in der Sclera auf eine kleine und um- 
schriebene Stelle dieser Membran, in der Mehrzahl aber leidet die vor- 
dere Partie derselben rings oder doch um einen grossen Theil des Um- 
fanges der Hornhaut herum. 

Es ist durch verlässliche Beobachtungen sicher gestellt, dass bei 
Chorioiditis mit eitrigem Exsudate bisweilen nicht die Cornea es ist, 
welche vom Eiter durchbrochen wird, sondern die Sclera. Man kann 
sich diesen Vorgang ohne Erweichung und Infiltration des Gewebes der 
Sclera selbst nicht wohl denken. — Wir werden ferner in dem Ab- 
schnitte über die Krankheiten der Chorioidea finden, dass bei Chorioi- 
ditis mit faserstoffig-plastisckem Exsudate einzelne Stellen der Sclera 
aufs Innigste mit der Chorioidea und Retina verwachsen, und sofort in 
Form bläulichschwarzer Hügel hervorgetrieben werden können. Auch 
dieser Befund lässt mit grösster Wahrscheinlichkeit auf Theilnahme der 
Sclera an dem Entzündungsprocesse schliessen. 

Bei gewissen Formen von Iritis und Keratitis wird der vorderste 
Theil der Sclera (auf 2 — 3'" Breite) ringsum (oder doch in einem gros- 
sen Theile des Unifanges) nicht nur intensiv geröthet, sondern auch 
merklich geschwellt, dann violett und livid, endlich so ausgedehnt, dass 
entweder die Basis der' Cornea weiter vorwärts rückt, und der Bulbus 



1 2 Lederhaut. 

von vorn nach hinten länger (birnförmig) wird, oder dass an der be- 
troffenen Partie stationäre schwarzblaue Hügel oder Wülste entstehen. 
Dieser Zustand des vordem Umfanges der Sclera kommt am häufigsten 
mit Symptomen von langwieriger Iritis vor, deren Grundursache in 
scrofulösem (tuberculösem) Allgemeinleiden gesucht werden muss. In 
sehr vielen Fällen leidet auch die Cornea, und zwar in jener Form, 
welche wir als Keratitis scrofulosa kennen gelernt haben. Dann ent- 
wickelt sich häufig die sogenannte Sclerosirung der Cornea, indem 
diese Membran in mehr weniger grosser Ausdehnung vom Rande her 
mit Exsudat durchsetzt wird, und nach Organisirung desselben ein der 
Sclera ähnliches Aussehen erhält, so dass die Grenze zwischen Cornea 
und Sclera sich mehr weniger verwischt. — Die genannten Verände- 
rungen des vordersten Theiles der Sclera nimmt man auch bisweilen 
bei Hornhautstaphylomen wahr (vergl. S. 241). Nachdem intensive 
Röthe, Lockerung und Schwellung dieser Partie lange Zeit bestanden 
haben, rückt die Basis der Cornea weiter vorwärts, oder es entwickeln 
sich unmittelbar hinter derselben bläuliche Hügel oder Wülste — ein 
Zustand, den man als Staphyloma annulare, Staphyloma corporis ciliaris 
beschrieben findet. In andern Fällen findet man, nachdem intensive 
Röthe und Schwellung der Sclera rings um die Cornea lange bestanden 
hat, nicht Ausdehnung, sondern Einschrumpfung der betroffenen Partie 
der Sclera. Diese Einschrumpfung gibt sich durch eine in der Gegend 
des Canalis Schlemmii verlaufende Rinne und schiefergraue Färbung 
der Sclera kund. Dabei können die Iris und die Cornea die Spuren 
vorausgegangener Entzündung zeigen, aber auch (eine oder die andere) 
ganz normal erscheinen. Seltener noch, als dieser Ausgang, ist der in 
bleibende Verdickung der Sclera und der darübergelegenen Tunica va- 
ginalis und Conjunctiva. Letztere beiden erscheinen dann über der 
porzellainartig aussehenden Sclera gleichsam ödematös, einen flachen 
Wall um die Cornea bildend. 

Man kann hier fragen, ob diese Erscheinungen durch Hyperämie, Lockerung-, 
Schwellung und Infiltration der Sclera selbst bedingt, oder ob sie, wie von Amnion, Ta- 
vignot und m. A. angenommen haben, als Folgen von Entzündung des unter diesem Theile 
der Sclera gelegenen Corpus ciliare zu betrachten seien. — Ich theilte früher die Meinung, 
dass die bläulichen Hügel und Wülste, welche man namentlich bei Hornhautstaphylomen 
und nach chronischer Iritis unmittelbar hinter der Basis corneae findet, durch Entzündung 
und Verwachsung des Corpus ciliare und der darüber liegenden Sclera eingeleitet werden. 
Durch die anatomische Untersuchung eines besonders eclatanten Falles dieser Art bin 
ich jedoch überzeugt worden , dass solche Wülste noch vor dem Corpus ciliare liegen 
können, und dann bloss durch Verdünnung und Ausdehnung jenes schmalen Saumes der 
Sclera bedingt sind , welcher diessseits des Corpus ciliare liegt. (Siehe die den Krank- 
heiten der Kinde- und Hornhaut beigegebene Tafel, Fig. 7, S und 9.) An diesem Bulbus 



Entzündung. 13 

ist von der Hornhaut nur noch der äusserste Rand vorhanden , alles Übrige durch ein 
kugelförmig gewölbtes und mit der Iris verwachsenes Narbengewebe ersetzt; umgeben ist 
die Cornea von einem dunkelblauen, darmähnlichen Wulste, welcher oberhalb der Cornea 
gegen 3'", unterhalb etwa 1 l f% ul - breit und ohngefähr in derselben Proportion auch nach 
aussen vorgewölbt ist. Hinter diesem Wulste ist die Sclera nirgends partiell hervorge- 
trieben, noch bedeutend verfärbt, wohl aber durchaus verdünnt tind ausgedehnt, so dass 
der Bulbus vom vordem zum hintern Pole fast l'/a, im Äquator gegen l'A Zoll im 
Durchmesser misst. Ein Durchschnitt, vou vorn nach hinten geführt, zeigte, dass die 
Vergrösserung im hintern Umfange durch Verflüssigung und Vermehrung der Glasfeuchtig- 
keit und consecutive Ausdehnung der ihn umgebenden 3 Membranen (Retina, Chorioidea 
und Sclera) verursacht war. Das Corpus ciliare war gleichfalls dünner und ausgedehnt, 
aber nirgends mit der Sclera verwachsen, und die genannte partielle Ausdehnung (der 
bläuliche Wulst rings um die Cornea) liegt, wie man noch jetzt an dem Präparate deut- 
lich seilen kann, vor dem Ligamentum ciliare. Die mit der Pseudocornea verwachsene 
Iris war demnach vom Ligamentum ciliare losgezerrt, und stand mit demselben nur durch 
einzelne Fäden (Gefässe?) in Verbindung. Die Zonula Zinnii war (durch Zerrung) zer- 
rissen, und die in der Kapsel eingeschlossene Linse war geschrumpft, und schwamm in 
der ungeheuer erweiterten (hintern) Augenkammer. — Nach diesem Befunde wird man 
versucht, die bläulichen Hügel, welche man bei obgenannteu Zuständen des Auges un- 
mittelbar hinter der Cornea findet, als einfache Ektasien der Sclera, ohne Verwachsung 
dieser Membran mit dem Corpus ciliare zu betrachten, und ihren Sitz noch vor dieses 
Gebilde zu versetzen. Und in der That erhält diese Ansicht eine feste Stütze in dem 
Verhalten der vordem Ciliararterien zu diesen Wülsten. Wo man diese Gefässe erst jen- 
seits (hinter) solcher Wülste sich in die Sclera einsenken sieht, da hat man guten Grund 
anzunehmen, dass auch das Corpus ciliare hinter denselben liegt. 

Hält man sich gegenwärtig, dass die vordem Ciliararterien (und die ihnen ent- 
sprechenden Venen) in und unter der Tunica vaginalis^bulbi zum vordersten Theile der 
Sclera verlaufen, mit ihren Hauptzweigen 1 — 1 1 h'" hinter dem Hornhautrande durch die 
Sclera eindringen, um durch das Ligamentum ciliare zur Iris zu gelangen, mit zahlrei- 
chen Astchen aber nicht nur die Tunica vaginalis bulbi und die mit dieser innig zu- 
sammenhängende vorderste Partie der Bindehaut, sondern auch die Cornea und die Sclera 
selbst versorgen, und dass diese Gefässe mit den hintern langen und kurzen Ciliararterien 
(und Venen) innerhalb der Sclera durch zahlreiche Verbindungen zusammenhängen : so 
hegreift man leicht, wie bei Hyperämie oder Entzündung der Chorioidea, der Iris oder 
der Cornea auf dem vordersten, ja auf dem ganzen sichtbaren Theile der Sclera reich- 
liche Gefässinjection, selbst gleichmässige Röthe sichtbar werden kann, ohne dass dess- 
halb schon Entzündung der Sclera selbst vorhanden sein rnuss. Wir sind demnach weit 
entfernt, aus intensiver und weit verbreiteter Röthe (der Sclera) allein schon Scleritis zu 
diagnosticiren, und noch weniger stimmen wir jenen bei, welche die Sclera vorzugsweise 
zum Herde der sogenannten rheumatischen Ophthalmien machten. Das Irrige dieser 
Anschauungsweise ist in den letztverflossenen zehn Jahren hinreichend erwiesen worden. 
Wir können aber auch jenen nicht beitreten, welche der Sclera die Fähigkeit, sich zu 
entzünden, a priori absprechen, und der schlecht begründeten altern Ansicht von der 
Scleritis die nicht viel besser bestellte von der Kyklitis substituiren. 

Dr. von Arnmoris Angaben über die Entzündung des Orbiculus ciliaris (ligamentum 
ciliare) *) waren nicht geeignet, die Ophthalmologen zu überzeugen, dass das Ligamentum 

*) Rust's Magazin für die gea. Heilkunde, 1830, 30. Band, S. 240. 



1 4 Leclerhaut. 

ciliare es sei, von welchem die entzündlichen Erscheinungen ausgehen, die dieser Autor 
beschrieb. Die jener Abhandlung beigegebene illuminirte Tafel gibt noch ein sehr un- 
richtiges Bild von der Form und Lage des Ciliarbandes. Die zwei Jahre später veröffent- 
lichten*) pathologisch anatomischen Untersuchungen zeigten wohl, dass im Ligamentum 
ciliare Veränderungen vorkommen, wie wir sie in andern Organen nach Entzündung vor- 
finden ; der Beweis aber, dass diesen Veränderungen gerade jene Erscheinungen vorangingen,, 
welche eben als „Entzündung des Orbiculus ciliaris" oder als „Ophthalmodesmitis" be- 
schrieben wurden, wird sowohl in diesem Aufsatze, als in den 1838 erschienenen „Klini- 
schen Darstellungen der Krankheiten des menschlichen Auges" S. 23 Taf. VIII. vergeblich, 
gesucht. Tavignot's Abhandlung über Kyklitis**) bewirkte wohl, dass seitdem am Kran- 
kenbette sowohl als in den Schriften verschiedener Autoren sehr häufig die Rede von 
Kyklitis ist; besser begründet aber wurde diese Lehre weder durch Tavignot noch durch, 
seine Nachbeter. Es wurde überdiess, was Ammon bloss vom Orbiculus ciliaris behauptet 
hatte, auf das ganze Corpus ciliare übertragen, obwohl Ammon nebst der Entzündung 
des Orbiculus eil. ausdrücklich noch von Entzündung des Corpus ciliare spricht. — Da 
dieses Organ der unmittelbaren Beobachtung entzogen ist, so müssen erst genaue und 
vollständige Krankengeschichten — Symptome während des Lebens und Sectionsbefund 
— beigebracht werden, bevor wir es unternehmen können, aus Erscheinungen an der 
Sclera, Cornea und Iris auf Kyklitis als Grundursache zurückzuschliessen. Wir können 
wohl annehmen, dass bei jeder heftigen Entzündung der Iris und Chorioidea (im engern 
Sinne des "Wortes), wahrscheinlich auch der Cornea, das Corpus ciliare mit entzündet sei; 
es ist auch möglich, dass die Entzündung eines oder des andern dieser Gebilde so zu 
sagen vom Corpus ciliare ausgehe, aber nachgewiesen ist dieses Verhältniss noch nicht, 
und eben so wenig kennen wir die Symptome, welche der Kyklitis an und für sich, 
zukommen. Wenn wir dagegen in der zu Tage liegenden Sclera intensive und gleich- 
massige Böthe, Lockerung und deutliche Schwellung, nachträglich schiefergraue Färbung 
und häufig auch bleibende Structurveränderung — Erweichung und Ausdehnung — oder 
consecutive Schrumpfung — auftreten sehen, so müssen wir annehmen, dass die Sclera 
selbst an dem Entzündungsprocesse Theil nehme, dessen Herd möge nun die Cornea, 
oder die Iris oder das Corpus ciliare sein. 

L. A. , 22 Jahre alt, wurde am 23. October 1850 auf die Klinik aufgenommen. 
Zustand des rechten Auges: Der Bulbus beiläufig 1'" länger in der Achse, als im nor- 
malen Zustande ; die Basis der Cornea weiter vorwärts gerückt durch Ausdehnung des 
vordem Theiles der Sclera; die Form des Bulbus daher konisch, birnähnlich. Die 
Sclera unmittelbar hinter der Cornea auf 2 — VI-*.'" Breite schiefer- oder bleigrau; von 
den zahlreich sichtbaren , jedoch massig erweiterten vordem Ciliargefässen dringen 
die stärksten schon an der hintern Grenze jenes missfarbigen Ringes durch die Sclera 
in die Tiefe; mehrere dieser Einmündungen machen sich als rostfarbige Punkte bemerk- 
bar. Der Limbus conjunctivae corneae sehr ausgeprägt, breit und trüb; seine coneave 
Grenze unregelmässig, indem hie und da Trübungen bis zur Grösse eines Hanfkornes 
in das Bereich der durchsichtigen Hornhaut vorspringen. Dem unteren Theile des Pu- 
pillarrandes gegenüber drei gesonderte rundliche, halbdurchsichtige, graue, hirsekorn- 
grosse Flecken in der Cornea (an der Descemetschen Haut?), ausserdem die Cornea 
rein und glänzend. Die vordere Augenkammer grösser als gewöhnlieh, indem die eine 

*) Amnions Zeitschrift f. d. Ophthalmologie, 2. Bd., S. 215—221. 
**) De la cyclite ou inflammation du cercle ciliaire in L'expe'rience, Journal de me'decine et de chirnrgie, 
Mai 18-14, Nr. 359 u. 360. 



Wunden — Berstungen. 15 

ebene Scheibe vorstellende liehtbraime Iris so tief liegt, dass sie, durch die Sclera nach 
aussen verlängert gedacht, diese ohngefähr 1 '/a'" hinter der concaven Grenze des Limbus 
conjunctivae durchschneiden würde. Farbe und Structur der Iris lassen nichts Abnormes 
wahrnehmen ; der Pupillarrand ist von braunpigmentirtem, nur mit einer Loupe erkenn- 
barem Exsudate eingesäumt, welches die Iris auf Licht und Schatten nur wenig reagiren 
lässt; die mittlere Grösse der nahezu runden Pupille beträgt l l k'". Die Kranke kann 
mit diesem Auge noch lesen. — Zustand des linken Auges : Der Bulbus etwas kleiner, 
als im normalen Zustande , die Conjunctiva bulbi bildet rings um die Cornea einen ge- 
gen 3'" breiten und z k'" hohen "Wulst, welcher allem Anscheine nach durch seröse 
Infiltration bedingt ist, und die Charaktere eines chronischen Ödems darbietet. Diese 
Wulstuug erscheint farblos , das Serum lässt sich zur Seite drücken , und nimmt seine 
frühere Lage erst nach längerer Zeit wieder ein ; unter ihr verlaufen stark injicirte 
jedoch nicht sehr zahlreiche Gefässe , welche sich in die Sclera einsenken ; an der 
Bildung derselben ist auch der Limbus conjunctivae betheiligt. Von diesem aus ragen 
einzelne getrübte Flecke in die durchsichtige Hornhaut hinein. Diese zeigt unterhalb 
ihrer Mitte eine Narbe, nach einer in früher Jugend erhaltenen Schnittwunde. In diese 
Narbe ist der Pupillarrand eingewachsen und hiedurch die Pupille gesperrt. Dieses Auge 
zeigt trotzdem noch deutliche Lichtempfiudung. — Die Kranke verlor vor 3 Monaten 
ihren Mann , dann auch den Vater und Bruder durch die Cholera , wesshalb sie viel 
weinte. Sofort wurden ihre Augen roth und lichtscheu, thränten viel, und das Gesicht 
(des rechten Auges) trübte sich allmälig unter anfangs heftigeren, später gelinderen 
Schmerzen in den Augen, besonders aber nach der Bichtung des Nervus infraorbitalis. 
Zur Zeit der Aufnahme waren alle diese Zufälle, auch die Böthe der Sclera (des 
Weissen im Auge) bereits seit 14 Tagen geschwunden, nur die Trübung des Gesichtes 
besonders für die Fernsicht hatte die Kranke bestimmt, bei uns Hilfe zu suchen. Die 
Kranke versicherte wohl, stets gesund gewesen zu sein, sah aber sehr schlecht aus, und 
bot beinahe hühneieigrosse Anschwellungen der Lymphdrüsen am Halse dar. "Wie und 
wann dieselben entstanden seien, wusste sie nicht. Auf ihre Aussagen konnte man sich 
überhaupt, bei ihrer geringen geistigen Entwicklung, wenig verlassen. Wir haben be- 
reits bei den Krankheiten der Hornhaut S. 188 einen ähnlichen Fall beschrieben, und 
werden bei den Krankheiten der Iris noch einige anführen, welche den Antheil, den 
der vordere Theil der Sclera bei Entzündung der Cornea oder Iris nehmen kann, an- 
schaulich zu machen geeignet sein dürften. 



LT. Wunden und Berstungen der Sclera. 

Wunden, welche der Sclera absichtlich — bei Staaroperationen — 
oder zufällig beigebracht werden, heilen ohne merkliche Entzündungs- 
zufälle und in kurzer Zeit. Nur in so fern, als sie etwa zu viel (über 
1 3 ) Glaskörper austreten lassen, oder als die Netzhaut durch Erschüt- 
terung gelitten, können sie bedenklich werden. Wenn Glaskörper durch 
die Wunde heraushängt, so wird er allmälig trüb und eiterähnlich, end- 
lich abgestossen. Wunden nächst der Cornea lassen bisweilen die Iris 
vorfallen, bei grösserer Ausdehnung und gleichzeitiger Erschütterung 
auch die aus ihrer Kapsel gelöste Krystalllinse. Ein solcher Irisvorfall 



1 6 Lederhaut. 

kann zunächst die Zufälle der Einklemmung (heftige Kopfschmerzen, 
Erbrechen) erregen; nach Vernarbung der Wunde und Einheilung der 
Iris in dieselbe bleibt die Pupille verzogen (Coloboma) oder selbst ge- 
sperrt (durch Verziehung der Iris gegen die Wunde hin). 

Berstung der Sclera ist eine nicht gar seltene Folge von Stössen 
auf das Auge. Die Stelle der Berstung liegt (nach den mir bekannten 
Beobachtungen) nie weiter als 3 y// hinter dem Kande der Hornhaut, 
meistens ganz nahe an diesem; die Richtung des Risses ist eine ver- 
schiedene, nahe an der Cornea jedoch der Basis dieser Membran so 
ziemlich parallel. Durch die Wunde dringt entweder Humor aqueus, 
oder Iris, oder Glaskörper, in seltenen Fällen die ganze Linse vor. 
Diese Vorfälle sind dann, da die Tunica vaginalis und die Conjunctiva 
eher ausgedehnt als zerrissen werden, von einer oder von beiden Mem- 
branen bedeckt. Die Linse kann allmälig resorbirt werden; ich besitze 
ein Präparat, wo einige Kalkconcremente als Rest derselben übrig ge- 
blieben sind. Die Iris heilt in den Riss ein, und hinterlässt einen 
schwärzlichen etwas eingezogenen Fleck. Auch Ciliarfortsätze können 
mit in die Narbe hineingezerrt werden. Die ausgetretenen Flüssigkei- 
ten können allmälig resorbirt werden, aber auch zu einfacher Cysten- 
bildung Anlass geben, welche Cysten dann mit sehr breiter Basis auf 
der Sclera aufsitzen und eine wasserklare oder weingelbe dünne Flüs- 
sigkeit enthalten. 

Einem 17 Jahre alten Schlossergesellen flog am 8. December 1851 ein Stück 
stumpfspitziges Eisen in den innern Winkel des rechten Auges, und durchbohrte die 
Bindehaut und Sclera circa 1'" hinter dem Eande der Cornea, also gerade Yor der In- 
sertion des Muse, rectus internus. Wir fanden am 10. Decbr. die von oben nach unten 
(dem Hornhautrande nahezu parallel) verlaufende Wunde 2'" lang, nicht genaii linear, 
sondern zackig und in der Mitte auf 3 /V" klaffend. Die Wundränder waren durch eine 
blasenähnlich vorgewölbte eiweissartige Substanz (Glaskörper) auseinander gedrängt. Der 
Kranke, welcher mit diesem Auge noch ziemlich gut zu sehen versicherte, wurde zu 
schleunigem Eintritt in's Spital aufgefordert, kam jedoch erst am 14. December. Bis dahin 
hatte er unserer Ordination gemäss fleissig kaltes Wasser übergeschlagen. Am Tage 
des Eintritts in die Klinik fanden wir den Glaskörper etwas weniger vorgewölbt, doch 
vollkommen wasserblau," die Wunde schmäler, und in der Mitte auf l h'" Breite klaffend, 
die Wundränder vom obern und untern Winkel her durch brückenähnliche Faden 
der Sclera und Bindehaut mit einander verbunden. Die Conjunctiva bulbi durchaus von 
zahlreichen Gefässen durchzogen und serös infiltrirt; Röthe und Schwellung in der 
nächsten Umgebung der Wunde am stärksten, im obern Umfange des Bulbus am gering- 
sten. Die vordem Ciliargefässe stark injicirt, die Sclera rosenroth, so weit man 
sie sehen kann. Der Bulbus etwas kleiner und weich anzufühlen. Fast keine Lichtscheu ; 
reichliches Thränenträufeln, da wegen Veränderung der Form des Thränensees die Auf- 
saugung der Thrünen gehindert ist. Die Cornea in jeder Beziehung normal. Die vordere 
Kammer vergrössert, weil die Iris und die Linse rückwärts gesunken sind. So weit, als 



Wunden — Berstungen. 17 

hinter der Iris die Ciliarfortsätze gegen die Achse hereinragen, hat die Iris ihre normale 
Lage ; innerhalb dieses Kreises aber liegt die Iris tiefer, was man bei seitlieh einfallendem 
Lichte an einer Art Kreisfurche deutlich erkennen kann, welche dadurch gebildet wird, 
dass der kleine Kreis und der grösste Theil des grossen Kreises, der Iris sich an die 
Krystalllinse anschmiegen, also von jener Kreisfurche an sich wieder sanft aufwölben. 
Im Übrigen erscheint die Iris vollkommen so beschaffen, wie an dem linken Auge, selbst 
in Bezug auf die Beweglichkeit, indem sie auch (selbst bei verdecktem linken Auge) 
lebhaft gegen Licht und Schatten reagirt; nur ist die (vollkommen runde und schwarze) 
Pupille etwas enger, als auf dem linken Auge (IV2'" im Durchmesser, wenn die des 
letzteren 2'" misst). Der Verletzte sieht die gewöhnlichen Gegenstände, aber minder 
deutlieh; die Zeiger einer kleinen Taschenuhr erkennt er, jedoch nicht über 10" Entfer- 
nung; durch eine V" weite Öffnung in einem Kartenblatte erkennt er sie auf 12 — 14", 
aber auch uicht rein und scharf. Weitere Schversuche vorzunehmen wagten wir nicht, 
wegen Gefahr, das Auge zu sehr zu reizen. Der Kranke klagte nicht über Schmerzen. 
Erbrechen oder Neigung dazu war nie vorhanden gewesen. — Wir Hessen den Kranken 
mit geschlossen gehaltenen Augen ruhig liegen, verabreichten ein Eccoproticum, und 
liessen fleissig kaltes Wasser mit etwas Tinctura arnicae überschlagen. Der durch die 
Wunde vorragende Glaskörper wurde allmälig trüb. Am 26. December war diese trübe 
Flocke bereits abgestossen, und die Wunde der Bindehaut sowohl als die der Sclera ge- 
schlossen. Die Veiheilung des Scleralrisses war ohne deutliche Schwellung der Wund- 
ränder erfolgt ; die Narbe gab sich nur durch schiefergraue Färbung zu erkennen. Der 
Verletzte verlangte am Hl. December entlassen zu werden. Der Bulbus war noch immer 
etwas kleiner, die Iris lag noch tiefer, das Sehvermögen verhielt sich so wie am Tage 
der Aufnahme. Unserer Aufforderung, nach einigen Wochen (zur Erhebung des Befundes) 
wieder zu kommen, hat der Kranke leider nicht entsprochen. 

Ein Tag lühner von 50 Jahren, auf dem linken Auge von Jugend auf beinahe gänz- 
lich erblindet, wurde 3 Monate vor seiner Aufnahme auf die Klinik (am 5. Juni 1850) 
von einem Ochsen mit dem Hörn in das rechte Auge gestossen. Heftige Schmerzen, 
Abfluss von Thränen und Blut, und Verlust des Gesichtes waren die Erscheinungen, die 
er als unmittelbare Folgen bezeichnet. Die ärztliche Behandlung bestand in örtlichen 
Blutentleerungen, kalten Umschlägen, Einreibungen einer Salbe an die Stirn und Schläfe, 
und später in Einträuflungen brauner Tropfen. Nachdem die entzündlichen Erscheinungen 
sich verloren hatten, war in der 9. Woche soviel Sehkraft wiedergekehrt, dass er die 
Zahl der vorgehaltenen Finger anzugeben vermochte. Die Pupille soll immer rein ge- 
wesen, und die Hervorragung am Bulbus, welche wir so eben beschreiben wollen, soll 
gleich nach der Verletzung entstanden und seit 4 Wochen etwas kleiner geworden sein. 
— Wir fanden den Bulbus in Bezug auf Grösse, Form und Beweglichkeit normal, etwas 
weicher, die Cornea rein; nach innen und oben von letzterer lag unter der Bindehaut (und 
Tunica vaginalis?) auf der Sclera ein Körper, der ohne Weiteres als die vorgefallene 
Linse erkannt werden konnte. Sie war bernsteingelb und halbdurchsichtig, gegen 3'/a"- 
breit, über V" dick, -und liess sich ein wenig verschieben. Die Bindehaut darüber und 
in der Umgebung war gelblich und von einzelnen Gefässen durchzogen. Die vordere 
Kammer grösser. Die Iris, in der äussern und untern Partie normal, nach innen und oben 
vom Ciliarbande abgelöst, und (ohngefähr im horizontalen Durchmesser des Auges) 
in der Pachtung vom Ciliar- zum Pupillarrande quer durchrissen, so dass die Pupille 
hier bis zur Peripherie reicht, und das abgelöste Irisstück in Form eines lichtgrauen 
Bändchens gleichsam als Scheidewand zwischen der alten und der neuen Pupille im 
Arlt Augenheilkunde. II. 2 



18 Lederhaut. 

Kammerwasser herabhängt. Die nach innen und unten gelegene Partie der Iris hinter 
den Rand der Sclera zurückgezogen, wahrscheinlich gegen den Einriss in der Sclera, 
welcher durch eine schiefergraue Stelle, V" hinter dem Limbus conjunctivae, angedeutet 
erscheint. Da zu erwarten stand, die vorgefallene Linse werde allmälig aufgesogen wer- 
den, so unternahmen wir nichts zur Beseitigung derselben. Dagegen versahen wir den 
Kranken mit einer Staarbrille von drei Zoll Brennweite, mit welcher er einen kleinen 
Schlüssel, die Zeiger einer Taschenuhr, das Gepräge von Geldmünzen und drgl. erkannte, 
und ganz beglückt die Rückreise in seine Heimat am 17. Juni antrat. 

Ein Mädchen von 10 Jahren stach sich im 7. Jahre mit einem Messer in das 
rechte Auge. Das Messer muss, nach den später eingetretenen Veränderungen zu schliessen, 
schief durch den obern Theil der Cornea und Sclera bis zum Glaskörper eingedrungen 
sein, jedoch so, dass die Bindehaut über der Sclera wenig oder gar nicht verletzt wurde. 
Längere Zeit — die Kranke erinnert sich der Zufälle nicht genau — währten Lichtscheu, 
Thränenfluss und Schmerzen; das Sehvermögen nahm aber erst allmälig ab, bis auf Licht- 
empfindung, welche erst vor 4 Monaten gänzlich verloren ging. Zu dieser Zeit erhob 
sich nämlich, ohne dass neuerdings eine Schädlichkeit eingewirkt hatte, und ohne dass 
anderweitige Zufälle eintraten, bloss unter dem Gefühle von Spannung in der obern 
Hälfte des Bulbus (unter dem Lide) eiu gelbliches Bläschen, welches nach und nach die 
gegenwärtige Grösse erreichte. Wir fanden die Cornea normal gewölbt, glatt und glän- 
zend, in dem nach unten und aussen gelegenen Drittel vollkommen durchsichtig, von 
da nach innen und oben aber bläulich weiss undurchsichtig. Die schiefergraue (an dem 
gesunden Auge lichtblaue) Iris nahezu an die Cornea anliegend. Eine lineare, ganz weisse 
Nai-be, durch die Cornea von innen nach aussen und oben verlaufend, und nach aussen 
und oben noch circa 2'" weit in die Sclera hineinreichend, bezeichnete die Richtung des 
Schnittes. Oberhalb dieser Narbe zeigte sich folgende Veränderung. Es erhob sich auf 
der Sclera eine blassgelbe, durchscheinende, blasenähnliche, elastische, nicht verschiebbare 
und mit breiter Basis aufsitzende Geschwulst, welche zum Theil noch über den Rand 
der Hornhaut herein reichte. Sie erstreckte sich vom obern Rande des Muse, rectus 
internus bis zum untern Rande des Rectus externus herum, und von der Cornea bis über 
den Aequator bulbi hinauf, und erhob sich mindestens 4'" hoch über der Sclera. Wenn 
man bei möglichst stark abgezogenem obern Lide die Kranke abwärts blicken Hess, sah 
man deutlich, dass die Geschwulst von der Bindehaut und der Tunica vaginalis bedeckt 
war. Das Fluidum war also zwischen diesen beiden Membranen einerseits, und zwischeu 
der Sclera (zum Theil auch der Cornea) andererseits eingeschlossen, und es konnte nur 
das nicht bestimmt werden, ob dasselbe durch irgend eine Öffnung in der Sclera mit 
den Flüssigkeiten im Innern des Bulbus in Verbindung stehe oder nicht. Um für den. 
Fall der Communication das Contentum nicht zu schnell zu entleeren, wurde durch den 
erhabensten Theil (nach innen und oben, nahe an der Cornea) mittelst einer krummen 
Nadel ein Faden durchgeführt, die Schlinge angezogen, und mittelst einer kleinen Louis- 
schen Scheere ein 2 Quadratlinien grosses Stück aus der Wandung des sogleich collabirenden 
Sackes ausgeschnitten. Das wasserklare gelbliche Fluidum war albumenhaltig. Die Hülle 
schmiegte sich nun an die Sclera und Cornea an ; an der entblössten Stelle lag die Sclera 
frei zu Tage. Es erfolgte nicht die geringste Reaction ; nach 4 Wochen, wo die Kranke 
entlassen zu werden verlangte, hatte sich die Öffnung in der Binde- und Scheidenhaut 
fast um gar nichts verkleinert. — Ich bin des Erachtens, dass in diesem Falle durch di& 
Scleralwunde etwas Glaskörper ausgetreten war und nach Verheilung der Wunde zur Bil- 
dung dieser Cyste Veranlassung gegeben hatte, welche sowohl über der Sclera als über 



Ausdehnungen — Staphylome. 19 

der Cornea die Bindehaut, soweit diese sich noch über jene erstreckt, allmälig empor- 
drängte. 

III. Ausdehnungen de?' Sclera, Ektasiae et Staphylomata sclerae. 
Ausdehnung und Verdünnung- der Sclera, in ihrem ganzen Umfange 
oder an einzelnen Partien, kommt als Folge sehr verschiedener Zu- 
stände vor, deren Verständniss grösstenteils die Kenntniss der Krank- 
heiten der tiefern Gebilde, namentlich der Chorioidea, der Retina und 
des Glaskörpers voraussetzt. 

Gleichmässige Ausdehnung und Verdünnung aer ganzen Sclera fin- 
den wir zunächst bei Vermehrung und Verflüssigung der Glasfeuchtig- 
keit, einem Zustande, den man bei altern Autoren unter dem Namen 
Hydrops posterior und Buphthalmus beschrieben findet. Seröser Erguss 
zwischen der Sclera und Chorioidea oder zwischen dieser und der Re- 
tina bewirkt selten allgemeine, häufiger partielle Sclerektasie. 

Partielle Ausdehnung und Verdünnung kommt entweder im hintern 
Umfange des Bulbus vor, und ist dann im Leben nicht mit Sicherheit 
zu erkennen, oder seitlich, am Äquator bis zur Gegend des Corpus ci- 
liare, oder endlich vorn, nächst der Cornea, und zwar vor dem Corpus 
ciliare. Diese Zustände sind als Staphyloma posticum, St. laterale und 
St. anticum (St. corporis ciliaris, St. annulare), in früherer Zeit auch 
als Cirsophthalmus oder Varicositas bulbi beschrieben worden. 

Eine Art Staphyloma posticum kommt als angeborener Zustand mit 
Coloboma iridis et chorioideae vor, und zwar in der untern Partie der 
hintern Hemisphäre des Bulbus. Die vollständige Beschreibung des 
Befundes folgt weiter unten, bei den Krankheiten der Iris und Cho- 
rioidea. 

Eine andere Form von Ausdehnung und Verdünnung der hintern 
Hemisphäre, worauf Scarpa zuerst aufmerksam gemacht hat, entsteht 
erst in späterer Zeit, und zwar vom hintern Pole aus. Man findet die 
Sclera zunächst in der Gegend des hintern Poles, also auswärts vom 
Eintritte des N. opticus, bei höheren Graden aber auch weiterhin, selbst 
rings um den Opticus herum verdünnt und hemisphärisch ausgedehnt, 
daher den Bulbus von vom nach hinten verlängert, auf 13 bis 17 /y/ . 
Die Ein- und Ausmündungsstellen der hintern Ciliararterien und Venen 
sind so erweitert, dass sie sogleich als schwarze oder rostbraune Punkte 
in die Augen fallen; hie und da laufen dunkle Streifen, entstanden 
durch das Auseinanderweichen der Scleralfasern , vom hintern Pole 
gegen den Äquator hin. Der Übergang der verdünnten und ausge- 
dehnten Partie in die übrige, normale Sclera ist ein allmäliger. Inner- 
halb der Sclera sind die Aderhaut und Netzhaut als continuirliche und 

2* 



20 Lederhaut. 

isolirte Membranen vorhanden, aber gleichfalls verdünnt und ausge- 
dehnt, und erstere, so weit die Sclerektasie reicht, auffallend pigment- 
arm. Die Glasfeuchtigkeit ist vermehrt und in dem hintersten Drittel 
des Raumes dünnflüssig, jedoch gegen die Linse hin oder auch durch- 
aus von ziemlich normaler Consistenz. Die übrigen Gebilde des Bulbus 
können dabei völlig normal sein. 

Ich hatte diesen Befund mehrmals zufällig an Augäpfeln älteier Individuen beob- 
achtet, die ich behufs der Untersuchung von Arcus senilis oder von Linsentrübungen 
secirte, und denselben als senilen Schwund der Sclera, analog dem der Schädel- 
knochen betrachtet.*) Einige spätere Untersuchungen und ein Sectionsbefund, welchen 
Professor Ritterich veröffentlicht hat, lassen mich vermuthen, dass dieser Zustand in 
inniger Beziehung zur Kurzsichtigkeit stehe. Iiitterich fand nämlich diesen Zustand an 
dem Auge eines in hohem Grade Kurzsichtigen, und ich fand ihn wiederholt bei centra- 
ler Hornhaut- und zweimal bei centraler Kapseitrübung, welche bekanntlich mit dem 
Eefractionszustande kurzsichtiger Augen zugleich vorzukommen pflegen. Leider konnte 
ich in den mir vorgekommenen Fällen nichts über den Befractionszustand dieser Augen 
während des Lebens erfahren, und muss die Erörterung dieser Frage spätem Nach- 
forschungen anheimstellen. Wir werden bei der Lehre von der Kurzsichtigkeit darauf 
zurückkommen. 

Das Staphyloma sclerae anticum (annulare) erscheint in Form ein- 
zelner dunkelblauer Hügel oder Wülste unmittelbar hinter der Cornea. 
Die Hügel variiren von der Grösse eines Hirsekornes bis zu der einer 
halben Zuckererbse, oder einer halben Bohne; die darmähnlichen Wülste 
sind in der Regel oberhalb der Cornea am breitesten und höchsten, 
sodann unterhalb derselben, können aber auch in Form eines Ringes 
die ganze Cornea umschliessen. Durch starke Ausdehnung können 
ihre Wandungen so dünn werden, dass sie (von der Seite her ange- 
sehen) das Licht wie eine Blase durchlassen. An ihrer hintern Grenze 
sieht man die Ein- und Austrittsstellen der vordem Ciliargefässe , an 
ihrer vordem den concaven Rand des Limbus conjunctivae corneae. 
Sie kommen entweder für sich allein vor, oder gleichzeitig mit Ektasien 
in der Gegend des Corpus ciliare oder der eigentlichen Chorioidea, 
welche wir als Staphylomata lateralia beschreiben werden. An Augen, 
deren Hornhaut ganz oder grösstentheils in Narbengewebe verwandelt 
und mit der Iris verwachsen ist, kommt mit diesem Staphyloma sclerae 
anticum bisweilen allgemeine Ausdehnung und Verdünnung der Sclera 
vor, wodurch der Bulbus den Umfang einer grossen Wallnuss erlangen 
kann. Der innere Befund eines solchen Auges wurde bereits S. 12 be- 
schrieben. Auch dann, w^enn in Folge chronischer Iritis die Iris vom 
Ciliarrande her mit der Cornea verwachsen ist, können solche Staphy- 
lomata antica sich entwickeln, indem die vorderste Partie der Sclera 

*) Prager mediciu. Vierteljahrachrift. 19. Band. S. 58. 



Ausdehnungen — Staphylogne. 21 

allmälig erweicht und ausgedehnt wird, die Cornea und Iris vorwärts 
rücken, das Ligamentum und die Processus ciliares aber an ihrer Stelle 
bleiben, und somit der Raum, den wir hintere Kammer nennen, mehr 
weniger erweitert wird. (VergL Krankheiten der Iris.) 

Die seitlichen Scleralstaphylome erscheinen als isolirte oder aggre- 
girte bläuliche Hügel in der Gegend des Äquators, öfters vor demselben, 
wohl auch in der Gegend des Corpus ciliare. Sie sind in der Mehr- 
zahl als Folgen von Entzündung der Chorioidea zu betrachten, und be- 
ruhen dann auf Verwachsung der Sclera, Chorioidea und Retina unter- 
einander. Diess ist durch Sectionen und Wahrnehmungen während des 
Lebens nachgewiesen. Ob Exsudation zwischen der Sclera und Cho- 
rioidea oder Vermehrung und Verflüssigung des Glaskörpers allein solche 
partielle Ektasien der Sclera bewirken können, muss erst durch ge- 
nauere und verlässlichere Beobachtungen, als die bisher bekannt ge- 
wordenen, festgestellt werden. Sarcomatöse und melanotische Ablage- 
rungen, sie mögen von der Netz-, Ader- oder Lederhaut ausgehen, 
können mehr weniger ähnliche Hügel bewirken. 

Die Prognosis und Behandlung hängt, wie aus dem Gesagten er- 
hellt, von der zu Grunde liegenden Krankheit ab. Ausführlicheres 
hierüber kann also erst bei den Krankheiten der Iris, der Chorioidea 
und des Glaskörpers gegeben werden. 






IV. Buch. 

Die Regenbö gen hau t, Iris. 



A. Anatomische und physiologische Bemerkungen. 

Die Regenbogenhaut hat die Gestalt einer in der Mitte durchbohr- 
ten Scheibe, welche zwischen die Hornhaut und Krystalllinse eingescho- 
ben ist, und die Augenkanmier in eine vordere und hintere scheidet. 
Sie steht nur an ihrer Peripherie mit den festen Gebilden des Auges 
in Verbindung; sonst ist sie überall vom Kammerwasser umspült. 

Die vordere Fläche der Iris , welche verschiedene Farbentöne von 
Blau, Grau, Gelb und Braun, und mehr weniger deutliche Faserung 
darbietet, bildet — streng genommen — keine Ebene; sie erhebt sich 
vom Pupillarrande ziemlich steil bis in die Gegend einer zackigen, dem 
Pupillarrande parallel verlaufenden Kreislinie, und verflacht sich dann 
allmälig gegen den Ciliarrand hin. Diese zackige Linie, welche beson- 
ders an liebten Regenbogenhäuten deutlich ausgeprägt erscheint, schei- 
det somit die Vorderfläche der Iris in eine innere schmale, und in eine 
äussere breite Zone, welche sich Uberdiess durch Verschiedenheit der 
Faseranordnung und der Färbung in demselben Auge von einander un- 
terscheiden. Die innere Zone — der kleine Kreis — erscheint wegen 
seiner dichteren und mehr regelmässig centripetalen Faserung etwas 
wulstig, strahligfaltig, sammetähnlich, und in der Regel dunkler gefärbt, 
als der grosse Kreis; nur an dunkelbraunen Regenbogenhäuten zeigt er 
oft eine hellere Färbung, als jener. Die äussere Zone — der grosse 
Kreis — zeigt zahlreiche, an lichten Augen fast weisse Fasern, welche 
wellenförmig gekrümmt vom Ciliarrande gegen den Pupillarrand hin 
verlaufen. Sie weichen, bevor sie in den kleinen Kreis eintreten, häu- 
f • auseinander, lassen hiedurch verschieden grosse, meist rhomboidale 
Lucken zwischen sich (Oryptae iridis), und bilden dann durch zahl- 



Anatomie — Physiologie. 23 

reiche Anastomosen die genannte zackige Linie, innerhalb welcher sie 
theils in Bündeln vereint, und daher ähnliche Lücken oder Gruben 
zwischen sich lassend, theils einzeln neben einander zum Vorschein 
kommen, und sodann dicht gedrängt zum Pupillarrande verlaufen.*) — 
Der Randtheil dieser Fläche, welcher unmerklich in die der vordem 
Augenkammer zugewendete Fläche des Ciliarbandes übergeht, ist dem 
Auge des Beobachters von vorn her entzogen, weil der Durchmesser 
der Vorderfläche der Iris an jedem Auge mindestens x \i til grösser ist, 
als der Durchmesser der durchsichtigen Hornhaut. 

Die hintere Fläche, etwas kleiner als die vordere, verläuft von den 
Ciliarfortsätzen in Einer Flucht bis zum Pupillarrande, und zeigt von 
ihrer Peripherie her strahlenförmige Erhabenheiten, welche gleichsam 
Ausläufer der Ciliarfortsätze darstellen. Sie erhält durch die an ihr 
haftende dicke Pigmentlage das Aussehen eines dunkelbraunen Sammtes. 

Indem diese Pigmentschicht auch den Pupillarrand überzieht (ein- 
säumt), erscheint dieser schwarzbraun, wovon man sich mit einer Loupe 
(bei getrübter Linse auch mit freiem Auge) überzeugen kann. Die im 
Allgemeinen kreisrunde Pupille, welche bei verschiedenen Zuständen 
des Auges — wovon später — einen verschiedenen Durchmesser (von 
1 — ö'") zeigen kann, liegt nicht genau im Centrum der Iris, sondern 
etwas ('/V") nach innen, so dass der Abstand des Pupillarrandes vom 
Ciliarrande an der Schläfenseite etwas grösser ist, als an der Nasen- 
seite. 

Der CiUarvand, welcher auf der innern Fläche des Ciliarbandes 
haftet, ist nach hinten durch Gefässe mit den Ciliarfortsätzen, nach 
vorn durch eigenthümliche elastische Fasern (das Döllingersche Band) 
mit der Descemetschen Haut verbunden. Ein massiger Zug an der 
Iris mittelst eines Häkchens oder einer Pincette reicht hin, die Iris aus 
dieser dreifachen Verbindung zu lösen; diese Lösung erfolgt nicht sel- 
ten in mehr weniger grossem Umfange, selbst ringsherum, wenn durch 
einen Stoss aufs Auge die Cornea abgeplattet, und ihre Basis sammt 
dem Ciliarbande momentan erweitert wird. Während des Ablösens der 
Iris vom Ciliarbande nimmt man deutlich wahr, dass die Anheftung der 
Iris mehr eine zackige, als continuirliche ist, und zwar den Ciliarfort- 
sätzen entsprechend. 

*) An vielen Augen sieht man noch eine dritte Zone, einen äussersten oder grössten Kreis der Iris. Er 
ist in lichtgrauen oder lichtblauen Regenbogenhäuten an dunklerer (schwarzblauer) Färbung zu erken- 
nen, in dunkelbraunen von dem eigentlichen grossen Kreise durch einen lichten (flammenden) Reifen 
getrennt. Diesem äussersten Kreise entsprechen an der Hinterfläche der Iris die Fortsätze des Cor- 
pus ciliare, und dem eben genannten Reifen entsprechen die Firsten der Ciliarfortsätze oder der Rand 
der Linsenkapsel. 



24 Regenbogenhaut. 

Die Lage der Iris ist im Allgemeinen senkrecht auf der Sehachse. 
Sie erscheint aber dem Auge des Beobachters immer etwas näher an 
der Cornea, und etwas nach vorn gewölbt, auch wenn sie letzteres 
wirklich nicht ist. Der Grund hievon liegt in der Strahlenbrechung 
durch die Cornea und den Humor aqueus. Aus demselben Grunde er- 
scheint uns auch, worauf E. R. Weber*) zuerst aufmerksam gemacht 
hat, die Pupille immer etwas grösser, als sie wirklich ist. 

Legt man ein pianconvexes Glas auf die Zeilen eines Buches , so bemerkt man 
dieselbe Erscheinung an den Buchstaben. Diese "Wirkung der Cornea wird aufgehoben, 
wenn man vor dieselbe Wasser bringt. In dem Momente, wo man einen Bulbus mit 
der Cornea unter Wasser senkt, erscheint auch die Pupille enger, und die Iris flach und 
zugleich tiefer hinter der Cornea gelagert; so wie das Auge wieder auftaucht, erscheint 
die Pupille grösser, die Iris nach vorn gewölbt und der Cornea näher gerückt. Doctor 
Cermdk**) hat einen Apparat (Orthoskop) construirt, um diese Phänomene auch an Le- 
benden beobachten zu können. — Eine bequeme Methode, die Pupille und Iris des eigenen 
Auges vergrössert zu sehen, hat Weber in derselben Abhandlung S. 3 gegeben. „Lentem 
vitream ex piano convexam ad speculum planum cera ita affigas, ut superficies ejus plana 
piano speculo insideat. Guttula aquae in marginem illata efficies, ut spatium perexiguum 
inter planas superficies interpositum aqua repleatur. Hoc modo enim aer interpositus 
removebitur, et nimia lucis reflexio arcebitur. Quo facto, speculoque oculo nostro satis 
admoto, radii lucis ab iride tua profecti primum per corneam in aerem transgrediuntur : 
hie prima lucis refractio oritur, qua fit, ut pupillam amplificatam eernamus ; deinde con- 
vexam lentis superficiem intrantes secunäam refractionem patiuntur, eoque modo imaginem 
iridis iterum augent; hinc per planam lentis superficiem in speculum ineidunt, ibique 
reflexi lentem vitream penetrant, et per convexam superficiem ejus in aerem redeuntes 
tertiam refractionem subeunt, qua itidem amplior iridis imago redditur. Sic radii lucis in 
eundem oculum, quo profecti sunt, redeuntes efficiunt, ut oculo oculi eiusdem imaginem 
miruin in modum amplificatam eernamus." Linsen unter 3" Brennweite eignen sich zu 
diesem Versuche nicht, weil man dann den Spiegel zu nahe an das Auge halten muss, 
und sich hiedurch zu viel Licht benimmt. 

Eine Ebene, durch die Peripherie der Iris gelegt und nach aussen 
durch die Sclera verlängert, würde diese letztere nahezu V" hinter dem 
Cornealrande durchschneiden. Man kann daher auch von der Sclera 
aus bequem in die vordere Augenkammer mit einem Messer eindrin- 
gen, ohne die Iris anzustechen. (Siehe später „Bildung künstlicher 
Pupillen".) 

Die Entfernung einer durch den Pupillarrand gelegten Ebene von 
dem Centrura der Descemetschen Haut variirt von 3 /i — l 1 /*'"» abgesehen 
von krankhaften Zuständen, welche noch stärkere Abweichungen bedin- 
gen können. Die Lage des Pupillarrandes hängt von der Lage der 
Linse und ihrer Kapsel ab, und steht daher in innigster Beziehung zur 

*) Annotationcs anatomicae et physiologicae , prograaimata collecta, fasciculi tres, Lipsiae apuü C. F. 
Kühler, 1851. 
**) Prngcr medicin. Vicrteljahrschrift. 32. Bd., S. 154. 



Anatomie — Physiologie. 25 

Grösse der Augenkaimner, zur Menge des Humor aqueus. Denn der 
Pupiliarrand, oft auch die ganze innere Zone der Iris, liegt, sobald die 
Pupille nicht über 1 ,u weit ist, knapp an der vordem Kapsel an. 

Diese Angabe über die Lage des Pupillarrandes der Iris zur Kapsel widerspricht 
zwar fast allen bisherigen, ist aber nichts desto weniger richtig. Was ich schon aus dem 
so leichten Entstehen von Anlöthungen der Iris an die Kapsel, aus der häufig beobach- 
teten, genau der Wölbung der Kapsel entsprechenden Vorwärtswölbung der innern Partie 
der Iris, und aus der Nähe (oder vielmehr aus dem Mangel aller Entfernung) verdunkelter 
Kapselpartien zur Iris vermuthet hatte, erwiesen mir glücklich gelungene Staaroperationen 
zur Evidenz. Aus vielen mag eine, auch anderweitig sehr interessante Beobachtung hier 
einen Platz finden, um den Leser anzuregen, sich in analogen Fällen selbst zu überzeugen. 

E. A., 41 Jahre alt, Dienstmagd, wurde Ende August 1851 mit folgendem Befunde 
aufgenommen. Das rechte Auge schielt nach innen. Die Iris reagirt gegen Licht und 
Schatten lebhaft, und erscheint an diesem Auge etwas stärker vorwärts gewölbt, als auf 
dem linken : die Tiefe der Augenkammer kann auf 3 /V" geschätzt werden. Die vordere 
Kapsel erscheint vollkommen durchsichtig. Die Linse ist verflüssigt, denn hinter der Kapsel 
sind eine Menge lichtgrauer Schüppchen suspendirt, welche bei jeder Bewegung des Bulbus 
in Bewegung gerathen, und bei gewissen Stellungen zum Lichte wie Glimm erblättchen 
glänzen. Das Schillern dieser Blättchen erscheint in verschiedener Tiefe hinter der Kapsel, 
doch scheinen sie nicht tiefer zu reichen, als bis zur Gegend der hintern Kapsel. An dem 
linken Auge erscheint bloss der Kern der Linse getrübt, bläulich weiss, Kapsel \md Bin- 
densubstanz durchsichtig. Die Regenbogenhaut an diesem Auge auch iu Bezug auf die Lage 
normal. — Um die Diagnosis, dass hier die Linse verflüssigt und zum Theil in Cholesteariu- 
krystalle verwandelt sei, völlig sicher zu stellen, eröffnete ich bei künstlich erweiterter 
Pupille die Hornhaut des rechten Auges (durch einen etwa 2'" langen Einstich am Bande der- 
selben), schlitzte von diesem Einstiche aus mit einer Staarnadel die Kapsel ein, und fing den 
Inhalt derselben mit einem an die Wange gehaltenen Uhrglase auf. Er bestand aus einer klaren 
Flüssigkeit mit tafelförmigen Krystallen, die sich als Cholestearin erwiesen, aus Fettkörnchen 
und feinen Xadeln. Als am vierten Tage der Verband vom Auge abgenommen wurde, zeigte 
das Auge weder Eöthe noch Lichtscheu. Die Kranke zählte die vorgehaltenen Finger 
prompt und richtig. Die Untersuchung bei hinreichend starkem Lichte zeigte nun die 
Lage der Iris merklich verändert; diese Membran erschien nicht mehr ausgebaucht, sondern 
ganz eben, dabei aber frei beweglich, und bei raschen Wendungen des Bulbus schlotternd. 
— Später wurde dieselbe Beobachtung der Lageveränderung auch an dem linken Auge 
gemacht, nachdem die Discission der Kapsel einmal von der Cornea und später von der 
Sclera aus gemacht worden war. — Für die in Rede stehende Frage halten wir jedoch 
nur die Beobachtung an dem rechten Auge für strenge beweisend, weil hier das Zurück- 
weichen der Iris nach Entleerung der Kapsel auf keine andere Weise erklärt werden 
kann, das Auge weniger als bei jeder andern Staaroperation verletzt wurde, keine Spur 
von Reaction zeigte, hintere Synechien, Veränderungen in der Form des Glaskörpers, 
u. s. w. gar nicht supponirt werden können. Auch die Seite 16 angeführte Beobachtung 
ist in Bezug auf die Lage der Iris zur Kapsel sehr instruetiv. 

V\'enn die vordere Kapsel der Cornea näher liegt, als 5 /V", dann 
liegt auch der Pupiliarrand weiter nach vorn, als der Ciliarrand. Diess 
sehen wir bei Neugeborenen, deren Linse vermöge ihrer grössern Wöl- 
bung weiter nach vorn ragt, aber auch bei Greisen (richtiger gesagt: 



26 Regenbogenhaut. 

bei Presbyopischen), deren Linsensystem der Cornea näher gerückt er- 
scheint, — Zwischen die vordere Kapsel und den Pupillartheil der Iris 
ist jederzeit nur so viel Humor aqueus eingeschoben, als nach den Ge- 
setzen der Attraction zwischen zwei Platten eindringen muss. Diese 
mittelbare Anlagerung der Iris an die Kapsel sichert dem Pupillartheile 
der Iris seine ruhige Lage bei den verschiedenen raschen Bewegungen 
des Bulbus; bei mehr Flüssigkeit zwischen Iris und Kapsel müsste die 
Iris beständig vor- und rückwärts schwanken, schlottern. Und in der 
That sieht man diese Erscheinung im Bereiche des grossen Kreises, so 
oft man die Iris unmittelbar nach einer raschen Bewegung des Bulbus 
scharf tixirt, eben weil hinter dem grossen Kreise schon eine mächti- 
gere Lage von Humor aqueus vorhanden ist. Wenn die Linse ver- 
schrumpft oder aufgesogen, oder selbst nicht mehr (mittelst der Zonula 
Zinii) fest an den Ciliarkörper angeheftet ist, dann sieht man die Iris 
in ihrer ganzen Ausdehnung schlottern, und die Spannung der Iris 
durch die Kreisfasern am Pupillarrande (die Verengerung der Pupille) 
ist nicht im Stande, der Iris eine ruhige Lage zu sichern. Sie muss 
sich gleich jedem andern in einer Flüssigkeit beweglich suspendirten 
Körper nach den Gesetzen der Trägheit (der ihm von aussen ertheilten 
Geschwindigkeit) bewegen. 

Die vordere Kapsel und die innere Portion der Iris verhalten sich 
wie zwei Platten, welche nur durch so viel Flüssigkeit getrennt sind, 
als nach physikalischen Gesetzen nothwendig ist. Die Iris muss daher 
der Linse folgen, wenn diese (sammt der Kapsel) ein wenig zurück- 
weicht, und behauptet nur in so fern eine gewisse Selbstständigkeit, 
als sie sich an der Kapsel in centripetaler und centrifugaler Kichtung 
fortschieben kann. Man hat nicht selten Gelegenheit zu sehen, dass 
eine kleine Portion der Iris in eine Hornhautnarbe eingeheilt ist, und 
dass die ganze übrige Iris eine Ebene oder doch keine stärkere Wöl- 
bung bildet, als an andern Augen, wo eine solche Synechie fehlt. Ich 
wüsste nicht, wodurch dieses Bestreben der Iris, ihre normale Lage so 
viel wie möglich wieder einzunehmen, erklärt werden könnte, wenn 
nicht dadurch, dass man annimmt, die Iris werde durch eine ganz 
dünne Flüssigkeitslage bestimmt, sich an die Kapsel anzuschmiegen. 

Das Gewebe der Iris ist sehr weich, locker und ungemein dehn- 
bar. Es kann auf die doppelte Dimension (und darüber) ausgedehnt 
werden, ohne einzureissen. Es besteht vorwaltend aus Arterien und 
Venen, welche theils direct, theils durch Capillarien in einander über- 
gehen, aus zahlreichen Nerven und aus Muskelfasern; diese Elemente 
sind durch zartes, mit mehr weniger Pigment durchsetztes Bindegewebe 



Anatomie — Physiologie. 27 

mit einander vereinigt. Ihre Vorderfläch©', welche durch die Arterien 
und Nerven jenes fasrige Aussehen erhält, ist mit dem nämlichen Pfla- 
sterepithel belegt, wie die hintere Fläche der Cornea, und gewinnt hie- 
dureh einen gewissen Glanz, während ihre Hinterfläche eine gleiche, 
nur viel mächtigere Pigmentlage zeigt, wie die Innenfläche der Aderhaut. 

Seit Zinn nahmen die meisten Anatomen an, dass die Descemetsche Haut als Tu- 
nica serosa sich auf die Yorderfläehe der Iris fortsetze. Henle, Brücke u. m. A. fanden 
diess nicht bestätigt. Huschte *) schliesst auf das Vorhandensein eines serösen Überzuges 
der Vorderfläehe aus ihier Glätte, aus der Gegenwart von Pflasterepithel, und aus ihrer 
Verbindung mit der Descemetschen Haut; überdiess sehe man sie als einen hellen dünnen 
Hand an Falten einer frischen, und an Durchschnitten von gehärteter und getrockneter 
Iris. Luschka**) hat nicht bloss den Epithelialüberzug, sondern auch eine Lage seröser 
d. i. den serösen Häuten eigenthümlicher Fasern auf der Vorderfläche der Iris (bis zur 
Innern Zone hin) gefunden. — Nach demselben Auetor ist auch die hintere Fläche von 
einer zwischen die Iris und das Pigment eingeschobenen Schicht seröser Fasern und 
Epithelium überzogen, auf welcher dann das Pigment frei aufliege, während nach HuschJce 
und Hyrtl das Pigment unmittelbar auf dem Gewebe der Iris aufliegen, aber durch ein 
was<erhelles Häutchen (Membrana limitans, Pacini ) gedeckt und zusammen gehalten 
werden soll. 

Von der Menge und Vertheilung des Pigmentes in der Substanz der Iris hängt 
die dunkle Farbe der Eegenbogenhaut ab. Die Neger haben eine so dunkelbraune Iris, 
dass man aus einiger Entfernung ihre Pupille kaum unterscheiden kann. Leute mit blon- 
den Haaren haben in der Regel eine blaue oder blaugraue Iris. Die Iris der Neuge- 
borenen erscheint blau, weil das Stroma iridis noch kein Pigment enthält, und das Pig- 
ment der Hinterfläche durch das weissgraue Gewebe der Iris durchschimmert. Bei den 
Kakerlaken , wo auch das Pigment der Hinterfläche fehlt , erscheint die Iris hellblau- 
röthlich, durch die von den Blutgefässen der Chorioidea zurückgeworfenen Strahlen. — 
In seltenen Fällen erscheint die Iris des einen Auges braun, die des andern blau; in 
andern findet man die äussere oder innere Hälfte blau, die andere braun; minder selten 
zeigen lichte Regenbogenhäute einzelne dunklere Flecke oder Punkte als Folge partieller 
Pigniententwickelung. 

Die Arterien, der Iris sind die zwei hintern langen Ciliararterien, 
welche ihr fast ausschliesslich angehören, und zahlreiche Aste der hin- 
tern kurzen und der vordem Ciliararterien. — Die hintern langen Ciliar- 
arterien verlaufen, nachdem sie im hintern Umfange des Bulbus die 
Sclera durchbohrt haben, zwischen dieser und der Aderhaut vorwärts 
zum Ciliarbande, und zwar in oder etwas über dem horizontalen Meri- 
diane der Schläfen- und Nasenseite, und jede von einem stärkeren Ci- 
liarnerven begleitet. Im Ciliarbande theilt sich jede in einen auf- und 
in einen abwärts steigenden Ast, aus welchem zahlreiche Zweigchen 
für das Ciliarband, vorzüglich aber für die Iris entsjn'ingen , in deren 

*) S. Th. Sbmmering's Lehre von den Eingeweiden und Sinnesorganen , umgearbeitet von Huschke, 
Leipzig, 1S44. S. 702. 
**) Die Structur der serösen Häute des Menschen, Tübingen, 1851. S. 3S. 



28 Regenbogenhaut. 

Peripherie zuletzt auch die Euden dieser vier Äste eintreten. — Von 
den vordem Ciliar arterien (vergl. I. B., S. 178) durchbohren die für die 
Iris bestimmten Äste die Sclera 1— l'/a'" hinter dem Eande der Cornea, 
und dringen durch das Ciliarband, von wo sie Zweigchen an den Ci- 
liarkörper abgeben, in den Ciliarrand der Iris ein. Hier bilden sie ge- 
meinschaftlich mit den meisten Zweigen der hintern langen Ciliarar- 
terien durch gabelförmige Spaltung und gegenseitige Anastomosen ein 
kreisförmiges Gefässnetz, den grossen Oefässkreis der Iris, aus welchem 
zahlreiche geschlängelte Zweigchen gegen den Pupillarrand verlaufen. 

— Eine grosse Menge ihres Blutes endlich erhält die Iris aus jenen 
zahlreichen Zweigen der hintern kurzen Ciliararterien, welche zwischen 
den Ciliarfortsätzen der Chorioidea bis zur Iris fortkriechen, und sich 
in dieselbe, mehr von der hintern Fläche her, einsenken. — Innerhalb 
des grossen Gefässkreises der Iris verlaufen die zahlreichen Äderchen, 
sie mögen nun aus diesem Kreise oder direct aus den genannten drei 
Quellen entspringen, mehr weniger stark geschlängelt gegen die innere 
Zone, an deren Peripherie sie durch zahlreiche Anastomosen abermals 
einen Gefässkranz, den kleinen Gefasskreis der Iris, bilden. Die aus 
diesem hervorgehenden Ästchen lösen sich in der innern Zone endlich 
in Capillargefässe auf, oder biegen am Pupillarrande einfach in Venen 
um. — Die Arterien der Iris zeichnen sich nebst ihrem stark geschlän- 
gelten Verlaufe besonders durch verhältnissmässig (zu ihrem Lumen) 
dicke Wandungen aus, daher sie auch ihr Contentuni nicht durchschei- 
nen lassen. 

Die Venen der Iris liegen hinter dem Arteriennetze, und verlaufen, 
durch häutige Anastomosen verbunden, vom Pupillar- zum Ciliarrande. 

— Die zahlreichsten und mächtigsten entsprechen den hintern kurzen 
Ciliararterien, und führen ihr Blut durch die Chorioidea zu den Wir- 
belvenen dieser Haut. — Andere Zweigchen vereinigen sich zu zwei 
Stämmchen, welche den hintern langen Ciliararterien entsprechen, und 
diese begleiten. — Ob die den vordem Ciliararterien entsprechenden 
Venen der Iris in den Schlemnischen Canal eintreten, wie Brücke 
(nach Arnold und Retsius) annimmt, ist zweifelhaft; wahrscheinlicher 
ist es, dass die Venen, welche man aus dem vordem Theile der Sclera 
neben den gleichnamigen Arterien austreten sieht, direct aus dem Ci- 
liarbauclc und der Iris kommen. Wenn der Schlemmsche Canal als 
ein Blutleiter zu betrachten ist, so muss man schon aus seiner Lage 
(zur Cornea und Iris) schliessen, dass er für das aus der Cornea, nicht 
aber für das aus der Iris zurückfliessende Blut bestimmt sei. Brücke 
1. c. S. 50 führt auch an, dass es ihm selbst nie gelingen wollte, Venen 



Anatomie — Physiologie. 29 

der Blendung mit Sicherheit in den genannten Canal hinein zu verfol- 
gen, oder von demselben aus einzuspritzen. 

Durch die Ciliarnerven wird die Iris mit motorischen, sensitiven 
und sympathischen Nervenfasern reichlich versehen. Sie verzweigen 
sich vorzüglich an der Vorderfläche der Iris, und bilden in der Gegend 
des kleinen Gefässkreises zahlreiche Bögen und Schlingen. 

Die Ciliarnerven kommen mit Ausnahme von 1 — 2 Stämmchen (den 
langen Ciliarnerven, welche direct von N. nasociliaris abgehen) sämmt- 
lich (12 — 17) aus dem Ganglion ciliare, einem plattrunden Knötchen von 
etwa {'" Durchmesser, welches an der äussern Seite des N. opticus, 
ohngelahr 3 i" hinter dessen Eintrittsstelle in den Bulbus liegt. Dieses 
Ganglion entsteht constant aus 3 Wurzeln, nämlich aus der kurzen 
oder motorischen vom N. oculomotorius, aus der langen oder sensitiven 
vom N. nasociliaris (einem Aste des R. ophthalmicus N. trigeminij, und 
aus Fasern des N. sympathicus, welche vom Carotidengeflechte aus dem 
Sinus cavernosus durch die obere Augenhöhlenspalte zur Radix longa 
oder zum Ganglion selbst gelangen. — Nachdem diese Nerven die 
Sclera unweit vom N. opticus schräg durchbohrt haben, und in der 
äussern Fläche der Chorioidea bis zum Ciliarbande vorgedrungen sind, 
spalten sie sich gabelförmig, und verschmelzen in diesem Gebilde zu 
einem unentwirrbaren Geflechte, aus welchem die zahlreichen für die 
Iris bestimmten Zweige hervorgehen. 

Dass die Iris Muskelfasern besitze, und zwar glatte, nicht querge- 
streifte, dafür sprechen die mikroskopischen Untersuchungen von Va- 
lentin, Pappenheim, Krause, Brücke u. m. a., und die Bewegungen der 
Iris, welche man sich füglich nicht anders, als durch Muskeln vermittelt 
denken kann. Am leichtesten erkennbar sind die Ringfasern. Diese 
umgeben den Pupillarrand in Form eines gegen l J2 w breiten Ringes, 
und liegen hinter den Gefässen und Nerven unmittelbar unter der Pig- 
mentschicht, so dass man an blauen Augen nur das Pigment abzuspü- 
len braucht, um diesen derberen und dunkleren Reifen schon mit freiem 
Auge zu erkennen. Die Radialfasern entspringen von jenem Theile 
des Ciliarbandes , welcher sich mit dem vordem Ende der Sclera fest 
verbindet, und werden durch einen Ring von circulären Fasern, den 
Annulus tendinosus Doellingeri, zugleich an das Ende der Descemetschen 
Membran geheftet. Gleich nach ihrem Ursprünge lassen sie die Arte- 
rien und Nerven zwischen sich hindurch treten, verlaufen centripetal, 
und mseriren sich in den äussern Rand des Sphinkters. 

Durch die Ringfasern wird die Pupille verengert, durch die Strah- 
lenfasern erweitert. Die Bewegungen der I?ns erfolgen, ohne dass wir 



30 Regenbogenhaut. 

uns derselben bewusst werden, und sind zunächst der Adaptirung des 
Auges zum Sehen untergeordnet. Durch die verschiedene Grösse der 
Pupille wird die Menge des Lichtes für die Netzhaut regulirt. 

Lässt man auf Ein Auge (oder beide) abwechselnd bald stärkeres, 
bald schwächeres Licht einfallen, so verengert und erweitert sich die 
Pupille beider Augen, entsprechend dem Grade des Lichtes. 

Diese Bewegung der Iris erfolgt nicht vermöge directer Reizung 
der Iris durch das Licht, sondern in Folge von Erregung der Netzhaut, 
Fortpflanzung auf das Sensorium commune, und Reflex auf die zur Iris 
tretenden Fasern des N. oculomotorius beider Augen. 

E. H. Weber setzte eine Linse in eine kleine Öffnung eines Kartenblattes, und 
Hess, 'während beide Augen beschattet waren , das im Brennpunkte vereinigte Licht bloss 
auf die Iris wirken; dabei blieb die Pupille weit; sie verengte sich aber augenblicklich, 
wenn der Lichtkegel durch die Pupille auf die Netzhaut geleitet wurde. 

Durchschneidet man, wie Mayo*) und Magendie**) zuerst gethan, den N. opticus 
in der Schädelhöhle, so wird die Pupille (nach momentaner Verengerung) weit, und 
verengt sich auch bei dem stärksten Lichte nicht. Durchschneidung des N. oculomotorius 
bringt dieselbe Wirkung hervor. — Kneipt man den Opticus, so verengert sich die Pupille 
so oft, als man den Sehnerven berührt; dasselbe erfolgt auf Reizung des N. oculo- 
motorius. — Wird, bei unversehrtem Oculomotorius, das peripherische Ende des durch- 
schnittenen Opticus gezerrt, so bleibt die Pupille unverändert: sie verengert sich augen- 
blicklich, so wie man das centripetale Stück dieses Nerven reizt. Wurde aber der N. 
oculomotorius früher durchschnitten , so bewirkt jedwede Reizung des N. opticus keine 
Veränderung der Pupille. 

Wird, wenn beide Augen dem Lichte ausgesetzt sind, das eine Auge 
beschattet, so erweitert sich nicht nur die Pupille des letzteren, son- 
dern auch die des andern Auges, und beide Pupillen nehmen sofort 
einen Grad von Weite an, welcher ungefähr die Mitte hält zwischen 
der Weite, welche der beiderseitigen Beschattung, und der, welche der 
beiderseitigen Beleuchtung entspricht. Diese Erscheinung harmonirt mit 
dem oben aufgestellten Gesetze, dass der Reflex auf den Oculomotorius 
nicht unmittelbar von der Netzhaut auf die Ciliarnerven, sondern mittelst 
des Sensorium commune ausgeht. Wird nur Eine Netzhaut dem Lichte 
ausgesetzt, so ist die Erregung des Centralorganes nur halb so stark, 
als wenn beide Netzhäute gereizt werden. 

Verengerung der Pupillen erfolgt auch, wenn die sensitiven Zweige 
des Trigeminus, namentlich die Zweige des R. ophthalmicus gereizt wer- 
den, z. B. durch einen fremden Körper in der Binde- oder Hornhaut 
u. dgl., vorausgesetzt, dass die Fortpflanzung des Reizes zum Sensorium 

*) Mayo sur les nerfs ce're'braux etc. Anatomical and physiologieal commentaries, London 1S23. 
**) Mageudie journ. de Physiologie exp. 1824, T. IV. p. 311. 



Anatomie — Physiologie. 31 

commune und der Reflex von diesem auf die Iris mittelst des Oculo- 
motorius nicht unterbrochen ist. 

Die Durchschneidung des Trigeminus hebt bloss die Empfindlichkeit der von ihm 
■versehenen Partien auf, stört aber das Verhältniss zwischen Opticus und Oculomotorius 
nicht. Die Eetina bleibt nach Durchschneidung der Trigemini noch eben so empfindlich 
für das Licht, und die Pupillen verengern sich auf Eeize, die den Opticus oder Oculo- 
motorius treffen, noch eben so lebhaft, wie vorher. 

Die Pupillen verengern sich, wenn die Sehachsen mehr convergent 
werden, also beim Betrachten naher Gegenstände; sie erweitern sich, 
wenn sie — beim Fixiren entfernter Objecte — minder convergent 
werden. Diese Bewegung der Iris hängt nicht von dem Grade der 
Beleuchtung der Objecte, nicht von der grössern oder geringern Diver- 
genz der ins Auge kommenden Lichtstrahlen, noch von der Accommo- 
dation des Auges für nahe und ferne Gegenstände, sondern lediglich 
von der Veränderung der Convergenz der Sehachsen zu einander ab. *) 

Man halte einen dunkeln Körper sehr nahe vor die Augen , so dass nur wenig 
Licht in dieselben gelangen kann. Ein Beobachter daneben wird die Pupille sehr ver- 
engert finden, so lange die Augen auf einen Punkt dieses nahen Körpers gerichtet wer- 
den, sogleich aber sehr erweitert, sobald durch ein gegenüberstehendes Fenster entfernte 
Objecte betrachtet werden, trotzdem die Augen jetzt weit stärkerem Lichte ausgesetzt 
sind. — Dass die grössere oder geringere Divergenz der Lichtstrahlen, welche von nahen 
und fernen Objecten in unser Auge gelangen, nicht die nächste Ursache dieser Iris- 
bewegung ist, hat JE. H. Weber theils durch Versuche mit coneaven und convexen 
Gläsern nachgewiesen — das Vorhalten von Concavgläsern bewirkte bei unveränderter 
Achsenstellung keine Pupillenverengerung — theils aus Beobachtungen an Cataractösen 
gefolgert, bei welchen diese Irisbewegung mit der Achsenänderung auf dieselbe Weise 
wie bei Gesunden erfolgt. — Aus Versuchen , welche Weber theils an sich , theils an 
Andern machte, ergab sich, dass die Pupillen sich verengerten, sobald die Augen ein- 
wärts gewendet gehalten wurden , gleichviel ob man ein nahes oder ein fernes Object 
betrachtete. Der Impuls zu dieser Veränderung der Pupille geht gleichzeitig mit dem 
Impulse, das Auge einwärts zu richten (die Sehachsen mehr convergent zu machen), vom 
Sensorium commune aus. Durch Übung kann man es dahin bringen , beide zu isoliren, 
die Bewegung der Iris hervorzurufen, ohne die Achsenstellung zu verändern. Auf 
diesem Acte der Isolirung beruht das sogenannte willkürliche Bewegen der Iris, auf 
welches Purkyne**) zuerst aufmerksam gemacht hat. 

Ein eigentümliches Schwanken der Iris zwischen Verengerung und Erweiterung 
der Pupille beobachtet man gleichsam als allmälig ersterbenden Nachhall, wenn die Iris 
durch Wechsel von Licht und Schatten oder direct vom Oculomotorius aus in stärkere 
Bewegung versetzt worden war. Dieser Zustand (Hippus) kann sowohl an gesunden, 
als auch an amaurotischen Augen vorkommen, und bei letzteren leicht zu der Annahme 
verleiten , dass die Netzhaut noch für Licht und Schatten empfindlich sei , wenn diess 
auch in der That nicht mehr der Fall ist. 

*) Ausführlicheres hierüber in E. H. Weber de motu iridis (Annotationes anatom. physiolog. etc. wie 
oben). 
**) Beobachtungen und Versuche zur Physiologie der Sinne, Prag 1819. 



32 Regenbogenhaut. 

Die Pupillen verengern sich am meisten während des Schlafes. 
Diese Erscli einuiii;- ist analog der Contraction anderer Schliessmuskeln, 
namentlich des Spbincter vesicae und des Spliincter ani. Während des 
Schlafes vermag der erstere eine weit grössere Menge Urin zurückzu- 
halten, als beim Wachen. 

Eine eben so starke, aber bleibende Verengerung der Pupille er- 
hält man hei Säugethieren, namentlich beim Hunde, wenn man den N. 
sympathicus in der Gegend des 3. oder 4. Halswirbels durchschnitten 
hat. Diese Verengerung beruht darauf, dass die Radialfasern gelähmt 
sind, und nun den Ringfasern kein Antagonist mehr entgegensteht. 

„"Wird bei einem Hunde der N. sympathicus und vagus, die innigst zusammen- 
hängen, am Halse durchschnitten, so erfolgt (wie Ruete*) oft gesehen zu haben ver- 
sichert) zuerst durch den Reiz der Durchschneidung eine starke Erweiterung, und gleich 
darauf mehrmals wiederholte, verstärkte und dann bleibende Contraction der Pupille." „Hatte 
JBifJi den N. vagus allein oberhalb seiner Verbindung mit dem N. sympathicus im Hunde 
durchschnitten, so verengerte sich die Pupille (nach vorhergegangener Erweiterung in 
Folge des Reizes). Reizte Biffi den aufsteigenden Ast des obersten Halsknotens vom 
Sympathicus mechanisch, so erweiterte sich das Sehloch in auffallendem Grade. Wurde 
derselbe gänzlich entfernt , so verkleinerte sich die Pupille innerhalb einer halben 
Minute, und blieb sofort hartnäckig verengert. Wenn Valentin nach Durchschneidung 
des Sympathicus die verengte Pupille durch Belladonna erweiterte, so erreichte sie nie- 
mals jene Grösse, welche sie vor jener Durchschneidung durch dieses Mittel annahm."**) 

Verengerung der Pupille erfolgt demnach entweder in Folge erhöh- 
ter Action des N. oculomotorius und der von ihm versehenen Ringfasern, 
oder in Folge geschwächten (aufgehobenen) Einflusses des N. sympa- 
thicus (vagus?j auf die Strahlenfasern, wodurch der Spbincter pupillae 
ein relatives Übergewicht erhält. 

Erweiterung der Pupille hingegen entsteht entweder in Folge ver- 
minderten (aufgehobenen) Einflusses des N. oculomotorius auf den 
Spbincter, oder in Folge vermehrten Einflusses des Sympathicus auf 
den Diktator pupillae. 

Die Kenntniss dieser Gesetze gibt uns den Schlüssel zur Erklärung einer Menge 
pathologischer Erscheinungen. 

Lähmung des N. oculomotorius oder der Ciliarnerven hat jederzeit Erweiterung und 
Unbeweglichkeit der Pupille des entsprechenden Auges zur Folge — Mydriasis. 

Bei einfacher Lähmung der Netzhaut oder des Sehnerven — Amaurosis — erscheint 
die Pupille, wenn das andere Auge gesund ist, weder erweitert (relativ zu der des ge- 
sunden Auges) noch unbeweglich; sie wird aber gross und starr, sobald man das ge- 
sunde Auge vollständig verdeckt (mit Ausnahmen, welche bei der Lehre von den Krank- 
heiten der Netzhaut näher besprochen werden sollen). 

Wenn ein Amaurotischer seinen Sehachsen plötzlich eine stärkere oder geringere 

*) Lehrbuch der Ophthalmologie, Braunschweig 1845, S. 181. 
**) Valentin Lehrbuch der Physiologie, Braunschweig 1819, II. B. S. 424. 



Anatomie — Physiologie. 33 

Convergenz gibt, so können die Pupillen eine merkliche Bewegung zeigen, synergisch. 
mit dem Impulse auf die Muskeläste des N. oculomotorius. 

Die Beobachtung, dass bei manchen Amaurotischen bei ruhiger Haltung der Bulbi, 
folglich auch bei unverrückter Achsenstellung dennoch deutliche Irisbewegungen auf Licht 
und Schatten bemerkt ■werden, obwohl die Kranken den Unterschied zwischen Licht und 
Schatten selbst nicht wahrnehmen , steht mit den angeführten Gesetzen nur in schein- 
barem, nicht in reellem Widerspruche. Ein Lichteindruck, viel zu schwach, um das Sen- 
sorium commune zur Empfindung von Licht oder Schatten anzuregen, kann stark genug 
sein, jene Reflexwirkung im Bereiche des Oculomotorius zu erzeugen. "Wenn ein Kranker 
Licht und Schatten nicht zu unterscheiden vermag, so folgt daraus noch nicht, dass der 
-wechselnde Eindruck, der dabei auf die Netzhaut geschieht, in der Netzhaut gleichsam 
zu Grunde gehe, im Gegentheil, er kann fortgepflanzt und auf den Oculomotorius reflectirt 
werden, wenn er auch nicht zum Bewusstsein gelangt. Ich habe mehrmals Amaurotische 
untersucht, welche bei gewöhnlicher Tageshelle Licht und Schatten nicht unterscheiden 
konnten, und doch dabei merkliche Bewegungen der Iris darboten. Liess ich aber sehr 
helles Licht mit dichtem Schatten wechseln, so hatten sie auch bestimmt und untrüglich 
die Empfindung von diesem Wechsel. Es dürfen übrigens jene Schwankungen der Iris, 
deren wir oben unter dem JS T amen Hippus gedachten, nicht mit Bewegungen verwech- 
selt werden, welche unmittelbare Folgen des Lichtwechsels sind. 

Wird die Pupille eines Auges durch Belladonna erweitert, so wird sie auch starr, 
und verändert sich bei wechselndem Lichteinflusse auf das andere Auge nicht. Hieraus 
folgt, dass die Belladonna nicht auf die Netzhaut, sondern nur auf die Ciliarnerven und 
zwar auf den Sphincter pupillae lähmend einwirkt ; denn würde sich die Pupille wegen 
gesunkener Energie der Netzhaut erweitern , so müsste sie den Veränderungen der 
Pupille des gesunden Auges eben so gut folgen , wie an einem Auge, welches z. Beisp. 
durch Erschütterung der Netzhaut oder durch Durchschneidung des Sehnerven allein er- 
blindet ist. Valentin' s Versuch zeigt überdiess, dass an der höchsten Erweiterung der 
Pupille durch Belladonna auch der Dilatator pupillae activen Antheil nimmt, insofern er 
nach Lähmung des Sphinkters keinen Antagonisten zu überwinden hat, und sich contrahirt. 
Träufelt man in ein Auge, dessen Iris durch vielfache Synechien an die Kapsel geheftet 
ist, wiederholt eine hinreichend starke Lösung von Belladonna ein, so bekommt die 
Pupille zwischen den Synechien starke Ausbuchtungen, eine Erscheinung, die sich 
nicht durch blosse Erschlaffung oder Lähmung des Sphinkters erklären lässt, sondern 
positiv Contraction der Radialfasern voraussetzt. Hieraus ergibt sich, wie und wann 
die wiederholte Einträuflung von Belladonna zur Behebung hinterer Synechien nützlich 
werden könne, wann und wie dasselbe Mittel bei Prolapsus iridis eine Wirkung er- 
warten lasse, und was von der Besorgniss jener Ärzte zu halten sei, welche die Ein- 
träuflung von Belladonna bei peripherischen Vorfällen der Iris aus Furcht, selbe zu ver- 
grössern, widerrathen. 

Erweiterung der Pupillen ist eines der constantesten Symptome von Depression der 
Gehirnthätigkeit, z. B. durch Schädelbrüche, Geschwülste, Blut- oder Serumerguss ; hier ist 
der Sphinkter erschlafft oder gelähmt. Sie erscheint aber auch bei gastrischen Zuständen, bei 
Wurmreiz, bei Onanie u. dgl., und ist hier höchst wahrscheinlich durch Reizung des Sym- 
pathicus und Vagus, mithin durch excessive Contraction des Dilatator pupillae bedingt. 

Verengerung der Pupille hingegen begleitet Zustände mit stärkerer Erregung des 
Gehirnes, so wie andrerseits Zustände mit deprimirtem Einflüsse des N. sympathicua. 
Zeichen von Erkrankung des Rückenmarkes (medulla oblongata) und Amaurosis mit auf- 
Arlt Augenheilkunde. II. 3 



34 Regenbogenhaut. 

fallend verengerter Pupille kommen so häufig zusammen vor, dass eine enge Pupille bei 
Amaurotischen jederzeit zur sorgfältigsten Untersuchung des Rückenmarkes (seiner 
Functionen) auffordert. 

Ausserdem steht die Weite der Pupille in einem gewissen Verhält- 
nisse zum Refractions zustande des Auges. Relativ grössere Pupille und 
tiefere Lage der Iris und Linse hinter der Cornea (daher grössere vor- 
dere Augenkamnier, nicht wie es gewöhnlich heisst: stärkere Wölbung 
der Cornea) kommen so häufig mit Kurzsichtigkeit vor, dass man aus 
jenen auf diese und aus dieser auf jene (in der Regel) schliessen kann. 
Bei Weitsichtigen ist die Pupille auffallend eng und die Iris sammt der 
Linse vorwärts gerückt. — Nach Senkung der Linse (spontan oder 
durch Operation) oder nach Entfernung derselben (durch Extraction 
oder Resorption) wird die Pupille jederzeit enger gefunden, als vorher 
(auch in solchen Fällen, wo durchaus keine Synechien vorhanden sind). 
— Entleerung des Humor aqueus macht die Pupille jederzeit eng, oft 
auch wenn sie stark durch Belladonna erweitert worden war. 

Die Iris hat ausser dem, dass sie durch verschiedene Weite der 
Pupille die Menge des Lichtes für die Netzhaut regulirt, offenbar auch 
die Bestimmung der sogenannten Diaphragmen an optischen Instrumen- 
ten, nämlich die Abhaltung der Randstrahlen zur Vermeidung von Zer- 
streuungskreisen auf der Netzhaut. Insofern als die Pupille beim Be- 
trachten naher Objecte sich verengert und die Bildung von Zerstreuungs- 
kreisen, welche hier am stärksten ausfallen müsste, verhindert, bethei- 
ligt sie sich an der Accommodation des Auges, und vervollkommnet 
dieselbe. 

Aus dem grossen Gefässreichthume der Iris darf man schliessen, 
dass sie (im Vereine mit den Ciliarfortsätzen) zur Absonderung des 
Humor aqueus bestimmt sei. Sie kann aber nicht die einzige Quelle 
dieser Flüssigkeit sein, weil der Humor aqueus nicht versiegt, wenn 
die Iris, wie ich in einem Falle beobachtet, ringsum losgerissen und 
zu einem unscheinbaren Klumpchen zusammen geschrumpft ist. 

Eben so darf die Resorption der Linse, wenn die vordere Kapsel 
hinreichend eröffnet ist, oder von Blut und Exsudat in der Augenkam- 
mer nicht der Iris allein zugeschrieben werden; denn in jenem Falle 
totaler Iridodialysis war das Blut, welches die gauze Kammer ausge- 
füllt hatte, in Zeit von 8 Wochen vollständig resorbirt worden. 

Über das Verhalten der Iris gegen verschiedene mechanische Ein- 
wirkungen siehe Iritis traumatica. 



Eiitziindimg im Allgemeinen — Symptome. 35 



B. Krankheiten der Regenbogenhaut. 
I. Entzündung der Iris. 

A. Im All gemeinen. 

Die Iris befindet sich oft mit andern Gebilden des Auges zugleich 
im Zustande der Entzündung; sie ist im Verlaufe einer Augenentzün- 
dung häufig das zuerst und vorwaltend, häufig das consecutiv oder se- 
cimdär ergriffene Organ; sie kann aber auch ganz allein für sich jene 
Veränderungen durchmachen, welche wir Entzündung nennen. Dem- 
nach basirt sich das Verständniss sehr vieler krankhafter Zustände am 
Auge auf die Kenntniss der Iritis und ihrer Folgen. 

Die Symptome, welche durch Iritis gesetzt werden können, sind: 

1. Vermehrte Injectioii der vordem Ciliararterien, gewöhnlich als 
ein rosenrother Saum auf der Sclera rings um die Hornhaut wahrnehmbar. 

Da diese Gefässe der Iris einen beträchtlichen Antheil ihres Blutes zuführen, und 
mit den tiefern Ciliargefässen anastomosiren, so ist es begreiflich, warum diese abnorme 
Injection bei keinem Falle von Iritis fehlen kann. Diese zonenfürmige Röthe kann partiell 
erscheinen, "wenn die Iritis partiell ist ; sie wird bei schleichendem Verlaufe der Entzün- 
dung oft nur dann deutlich, wenn das Auge momentan durch grelleres Licht, scharfe 
Luft. Weinen u. drgl. gereizt wird; sie wird bei heftigen Entzündungen selbst über 2'" 
breit, und bei gleichzeitiger Affection der Bindehaut bald durch ein mehr weniger dichtes, 
verschiebbares, Scharlach- oder hochrothes Gefässnetz, bald durch gleichmässige Böthe 
und Schwellung der Binde- und Scheidenhaut (Chemosis) verdeckt. 

Diese Injection der vordem Ciliararterien, respective der rosenrothe Gürtel um die 
Cornea herum, ist im Allgemeinen das erste Zeichen des Beginnens, ihre Abnahme das 
erste Zeichen des Sinkens der Entzündung. An und für sich jedoch hat sie keine spe- 
cifische Bedeutung für Iritis ; sie kommt auch bei Entzündung der Bindehaut (mit Exsu- 
dation am Limbus», der Hornhaut, der Aderhaut etc. vor. 

2. Verfärbung der Iris, partiell oder durchaus, ins Graue, Grüne 
oder Röthliche. 

Man kann im Allgemeinen sagen, eine lichte Iris werde grünlich, eine dunkle 
röthlich ; besser ist's, sich in jedem Falle gegenwärtig zu halten, wodurch diese Farben- 
änderung bedingt werden könne. Drei Momente sind hiebei vorzüglich in Anschlag zu 
bringen. «. Die Hyperämie der Iris und die Stasis, vermöge welcher die überfüllten Ge- 
fässe leicht der Iris ein röthliches Aussehen geben, selbst für das freie oder bewaffnete 
Auge sichtbar werden können ; bei hohen Graden acuter Iritis kann daher auch eine 
blaue oder graue Iris ein röthliches Aussehen darbieten, und bei chronischer Iritis werden 
bisweilen einzelne sehr erweiterte Gefässe der Iris schon für's freie Auge sichtbar, ß. Das 
zweite Moment ist die veränderte Consistenz der Iris; das entzündete Organ ist nicht nur 
blutreicher, sondern auch lockerer, serös durchfeuchtet, und kann schon desshalb allein 
nicht in der normalen Farbe erscheinen, y. Das wichtigste Moment ist die Ausscheidung 

3* 



36 Regenbogenhaut. 

graulich-gelben Exsudates, welches sich entweder als ein dünner Anflug auf der Vorder- 
fläche der Iris ablagert, oder einige Zeit in halbflüssigem Zustande im Humor aqueua 
suspendirt bleibt, bis es sich in Form von Punkten oder Flocken an die hintere Wand 
der Cornea niederschlägt, oder als gelbliche Masse in der Augenkammer zu Boden setzt. 
Es werden demnach den von der Iris zurückgeworfenen Lichtstrahlen graugelbe (von 
dem halbdurchsichtigen Exsudate) beigemengt, und die Farbe der Iris hiedurch mannig- 
fach nuancirt. Die Mischung blauer und gelber Strahlen lässt die Iris grünlich erscheinen; 
es kann aber auch eine braune Iris wie mit einem leichten Grau überzogen aussehen. 

Die Verfärbung der Iris ist der Eeihe nach das zweite Symptom der Iritis, welches 
sich deutlich wahrnehmen lässt. Sie bleibt oft lange nach dem Erlöschen des Exsuda- 
tionsprocesses zurück. Stationäre Farben-Veränderung der Iris, stellenweise oder durchaus, 
wird jedoch nur durch Ablagerung von Exsudat in das Gewebe der Iris selbst bedingt. 
Sie lässt sich von der durch Atrophie der Iris bedingten Entfärbung (siehe Chorioiditis) 
ebenso leicht unterscheiden, wie von angeborenen partiellen oder totalen Farbenspielen, 
deren schon im vorigen Abschnitte Erwähnung gethan wurde. 

Grünlich wird die entzündete Iris eigentlich nur im grossen (ge- 
wöhnlich lichter gefärbten) Kreise; der kleine Kreis wird gewöhnlich 
dunkler als früher, und diese Farbenveränderung pflegt eines der ersten 
Symptome zu sein im Verein mit einer leichten Schwellung derselben 
Partie der Iris. Dunkelfarbige Eegenbogenhäute nehmen meistens eine 
matte, wie durch grau gedeckte Farbe an; ein röthliches Aussehen tritt 
nur bei höhern Graden von Iritis auf. 

3. Exsudation, in den Humor aqueus, an die Oberfläche der Iris, 
besonders am Pupillarrande, in das Parenchym der Iris. Das Exsudat 
ist entweder serös mit wenig Faserstoff, oder vorwaltend faserstoffig 
(eitrig), selten hämorrhagisch. Weder die Plasticität, noch die MeDge 
des Exsudates steht immer in geradem Verhältnisse zur Heftigkeit der 
übrigen Zufälle der Entzündung. 

So lange man nicht im Stande ist, Exsudat als Product der Iritis wahrzunehmen, 
lässt sich auch die Gegenwart von Iritis selbst nicht mit Bestimmtheit behaupten. Man 
muss demnach wissen, wo und wie die Exsudate aufzutreten pflegen. 

Auf Exsudation im Parenchym kann man schliessen, wenn das Gewebe der Iris 
deutlich geschwellt, ihre Faserung merklich verändert, verwischt erscheint. Der kleine 
Kreis ist es insbesondere, welcher zuerst und am meisten ein aufgelockertes, schwammig- 
filziges Aussehen bekommt. Die Exsudation im Parenchym tritt aber auch bisweilen um- 
schrieben auf, in Form von gelben Knötchen oder Hügeln, welche von feinen Gefässchen 
überschlängelt sind. 

Die Exsuddtion an der Vorderfläche der Iris erscheint als lichtgrauer oder gelblicher 
Anflug, und trägt das Meiste zur Verfärbung der Iris bei. 

Wird plastisches Exsudat am Pupillarrande ausgeschieden, und diess geschieht bei 
jeder nur einigermassen heftigen Iritis sehr bald, so wird der Pupillarrand an die Lin- 
senkapsel angelüthet, und zwar stellenweise oder ringsherum, oder es bildet sich eine 
förmliche Membran, welche die Pupille wie ein Spinngewebe ausfüllt; bei heftigen Fällen 
wird die Pupille durch eine dickere Exsudatlage verschlossen. 



Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 37 

Sectionen haben nachgewiesen, dass auch an der hintern Fläche der Iris Exsudat 
ausgeschieden werden kann, ja dass bei manchen Formen die Exsudation vorzugsweise 
an der hintern Fläche erfolgt — Uveitis mancher Autoren. Das Exsudat drängt dann 
die Iris stellenweise vor, oder es zeigt sich als ein lichtgrauer Saum, welcher am Pu- 
pillarrande gleichsam von der Hinterfläche der Iris vorgeschoben erscheint, oder in Form 
von Zacken oder Fransen, und ist in solchen Fällen bald mehr bald weniger mit dunkel- 
braunem Pigmente belegt. 

Sehr oft wird bei Exsudation an der Hinterfläche der Iris etwas 
Pigment abgestossen. Dasselbe präcipitirt sich dann allein oder mit 
faserstoffigem Exsudate vermengt an die hintere Wand der Cornea, in 
Form brauner oder schwärzlicher Punkte. 

Der in den Humor aqueus ausgeschiedene Faserstoß' verursacht anfangs allgemeine 
Trübung desselben, was leicht für Trübung der Cornea imponiren kann. Rasch und in 
grösserer Menge ausgeschieden, senkt er sich in der vordem Augenkammer sogleich oder 
in kurzer Zeit zu Boden, und bietet eine dem Unguis (vergl. I. B. S. 222) ähnliche Er- 
scheinung dar. Xur selten wird so viel Exsudat geliefert, dass es die Hälfte oder selbst 
zwei Drittel der Augenkammer einnimmt. Diese Erscheinung hat man Hypopyum verum 
genannt. — Minder rasch und minder reichlich ausgeschieden, präcipitirt sich der faser- 
stoffige Theil des Exsudates allmälig auf die den Humor aqueus umschliessenden Gebilde, 
und wird als gleichmässige Trübung, später in Form von graugelben oder graubrau- 
nen Punkten an der hintern Wand der Cornea, in selteneren Fällen auch auf der vordem 
Fläche der Linsenkapsel sichtbar. — Ist das Exsudat vorwaltend serös, so kanD Yergrös- 
serung der Augenkammer eine Zeit lang die einzige Erscheinung sein, welche dessen 
Gegenwart andeutet. 

4. Die Schwellung und Lockerung des Geioebes der Iris, deren be- 
reits erwähnt wurde, tritt nur bei gewissen Formen und bei höheren 
Graden der Iritis so deutlich auf, dass sie als Anhaltspunkt für die Dia- 
gnosis benützt werden kann. 

Die Iris erscheint etwas matter, dann leicht sammtartig- , endlich grobfilzig-aufge- 
lockert. und in demselben Masse dicker, wulstig, endlich selbst der Cornea näher gerückt. 
Diese Veränderung betrifft zuerst und vorzugsweise die innere Zone der Iris, und muss 
wohl unterschieden werden von der jjassiven Vorwärtsdrängung der Iris, welche gleichfalls 
in Folge von Entzündung einerseits durch Anlöthung der Iris an die Cornea, andererseits 
durch Anhäufung von Humor aqueus oder von faserstoffigem Exsudat zwischen ihr und 
der Linsenkapsel bewirkt wird. 

5. Verminderte oder aufgehobene Beweglichkeit der Iris, mit mehr 
weniger beträchtlicher Verengerung der Pupille. Beides kann vorhan- 
den sein, noch bevor es zur Fixirung des Pupillarrandes durch Exsu- 
dat gekommen ist. * 

Durch die Hyperämie und Stasis, noch mehr aber durch die seröse Durchträn- 
kung und Schwellung des Gewebes werden die Muskelfasern der Iris auf gleiche "Weise 
in ihrer Function beeinträchtigt, wie in andern Organen, z. B. die Muskeln des Darm- 

Lkanals bei Peritonaeitis oder bei Dysenterie. Ist die Entzündung über die ganze Iris 
verbreitet, so müssen die Strahlenfasern so gut wie die Ptingfasern ergriffen, gelähmt 
werden. Bevor es jedoch zur völligen Unterdrücke g der Muskelaction kommt, bringt 



38 Regenbogenhaut. 

die Affection der sensitiven Zweige des Ciliarsystems eine vermehrte Contraction des 
Spkinctcr pupillae hervor. Schon der gewöhnliche Lichtreiz anf die Netzhaut ruft ver- 
möge dieser Reizung der Ciliarnerven in dem entzündeten Organe eine schmerzhafte 
Empfindung hervor, und die Folge davon ist eine verstärkte (ungewöhnliche) Reflex- 
action im Oculomotorius, im N. lacrymalis und im N. facialis. Daher wird auch die 
Pupille des andern (gesunden) Auges in erhöhtem Masse verengert, und zwar, da hier 
der Sphinkter dem Impulse frei folgen kann, nicht selten weit mehr, als in dem kranken 
Auge; daher entsteht vermehrte Thränenab sonderung, Verengerung oder Verschli essung 
der Lidspalte. Wenn nun, wie gewöhnlich, noch vor völliger Lähmung des Sphinkters 
Exsudation am Pupillarraude erfolgt, so wird die Iris bei enger Pupille an die Kapsel 
angelöthet, und kann sofort aus diesem Grunde sich nicht mehr zurückziehen. Diese 
Fixirung des Pupillarrandes bei verengerter Pupille wird aber wahrscheinlich auch noch 
durch einen andern Umstand begünstigt. Es erfolgt nämlich die Exsudation vorzugs- 
weise zur Nachtzeit. Während des Schlafes ist die Pupille enger, als bei dem inten- 
sivsten Lichtreize , wahrscheinlich nicht allein wegen erhöhten Nerveneinflusses auf den 
Sphinkter, sondern auch wegen gleichzeitiger Erschlaffung des Dilatators der Pupille. 
Schläft nun der Kranke während oder nach der Exsudation, so erfolgt die Anlöthung 
der Iris an die Kapsel bei enger Pupille. Bei genauer Beobachtung findet man sehr 
häufig, dass sich Partien der Iris, welche nicht an die Kapsel angeheftet sind, auf ver- 
schiedenen Liehtreiz noch deutlich bewegen. — Iritis mit weiter Pupille gehört unter 
die Seltenheiten, daher auch über das Ursächliche dieser Ausnahme vor der Hand nichts 
Bestimmtes angegeben werden kann. So viel ist gewiss, dass die Verengerung der 
Pupille bei Iritis, so lange nicht Exsudate den Pupillarrand vielseitig fixiren, in geradem 
Verbältnisse zur Lichtscheu und zum Thränenflusse steht. Wo Schwellung und Locke- 
rung des Parenchyms der Iris deutlich ausgesprochen sind, pflegt die Pupille relativ 
enger zu sein, als bei jenen Formen, welche sich durch Exsudation in den Humor aqueus 
mit Präcipitation auf die hintere Fläche der Hornhaut auszeichnen. 

6. Störung des Sehens kann in sehr verschiedenem Grade stattfin- 
den, vom leichtesten Trübsehen bis zur blossen Lichtempfindung'. 

Sie ist zum Theil durch die behinderte Beweglichkeit der Iris, vorzüglich aber 
durch die Gegenwart von Exsudat in der Augenkammer, an deren Wandungen und in 
der Pupille bedingt. Völlige Blindheit wird durch einfache Iritis niemals gesetzt, sondern 
nur, wie wir weiter unten zeigen werden, durch das Hinzutreten von Chorioiditis. Auf 
Entzündung, mindestens auf bedeutende Congestion der Chorioidea deuten übrigens auch 
die Lichterscheinungen, welche bisweilen bei acuter Iritis bemerkt werden, während das 
Mückensehen, welches bei chronischer Iritis ziemlich häufig vorkommt, zuvörderst in der 
Trübung der durchsichtigen Medien und in der gestörten Accommodation des Auges be- 
gründet ist. (Siehe unten die betreffenden Kapitel.) 

7. Sehmerzen im Auge und nach der Ausbreitung des Nervus supra- 
oder infraorbitalis, 

8. Gesteigerte Empfindlichkeit gegen das Licht und gegen jede An- 
strengung der Sehkraft, vom niedrigsten Grade bis zur heftigsten Licht- 
scheu, und 

9. Thränenfluss sind Erscheinungen, welche aus einer und dersel- 
ben Quelle, aus der Affection der sensitiven Zweige der Ciliarnerven 



Entzündung im Allgemeinen — Verlauf — Ausgänge. 39 

entspringen, daher mit einander immer so ziemlich gleichen Schritt 
halten, bald in kaum merklichem, bald im höchsten Grade vorhanden 
sind. Sie geben im Vereine mit der Injection der Ciliargefässe den 
sichersten Massstab für den rascheren oder langsameren Verlauf, so wie 
für das Steigen und Fallen der Entzündung ab. 

Die Schmerzen nach dem Verläufe der sensitiven Zweige des Trigeminus und der 
Thränenfluss sind Eeflcxerscheinungen von der Affection der Ciliarnerven, und sind daher 
auch von der Erregbarkeit des Nervensystems überhaupt abhängig, und in so ferne 
können sie auch mit mehr weniger deutlichen Re- und Intermissioncu auftreten. Diese 
letztere Erscheinung gab Veranlassung zur Annahme einer Iritis intermittens. 

Die Lichtscheu hängt auch bei Iritis nicht, wie Cad€ und Tavignot behaupteten, 
von der schmerzhaften Zerrung ab, welche die Bewegungen der Iris in dem gleichzeitig 
entzündeten (?) Strahlcnbande verursachen sollen; denn sie dauert auch bei völlig unbe- 
weglicher Iris und bei völlig geschlossener Pupille häufig noch fort. Sie ist direct in 
der Reizung der Ciliarnerven durch den Exsudationsprocess selbst begründet, und der 
gewohnte Reiz des Auges, das Licht, wird vermöge der physiologischen Beziehung, in 
welcher Netzhaut und Ciliarnerven zu einander stehen, eben so wenig ohne Schmerz 
vertragen, als z. B. ein leichter Druck auf das entzündete Auge, oder rascher Tempe- 
raturwechsel u. dgl. — Der Ansicht Sichel's, dass heftige Lichtscheu bei Litis auf Ent- 
zündung der Netzhaut deute, steht die schon von Makenzie angeführte Thatsache ent- 
gegen, dass eine künstliche Pupille oft das Gesicht wieder herstellt, wenn nach Iritis mit 
der heftigsten Lichtscheu die Pupille durch Exsudat verschlossen ist. 

10. Hyperämie und Ödem benachbarter Gebilde, der Conjunctiva 
Tbulbi, der Cornea, der Augenlider. 

Bei acut und heftig auftretenden Fällen selbst einfacher Iritis kann es geschehen, 
dass nicht nur die Conjunctiva bulbi von zahlreichen Gefässen durchzogen und durch 
Serumerguss geschwellt, sondern auch die Cornea matt, glanzlos, ödematös wird; Röthe 
und Schwellung des obern Augenlides (längs des Randes) deuten immer auf einen hohen 
Grad einer acut verlaufenden Iritis. 

11. Fieber, gastrische Erscheinungen. Die Iritis gehört unter jene 
Augenentzündungen, welche an und für sich, durch ihre Heftigkeit 
allein, den Gesammtorganismus in Mitleidenschaft ziehen können, offen- 
bar mittelst des Ciliarnervensystemes , so wie es eine bekannte Sache 
ist, dass selbst leichtere Verletzungen der Ciliarnerven Brechneigung 
und wirkliches Erbrechen zu erregen pflegen. 

Dem gegenüber muss aber, um kein irriges Bild von der Iritis zu entwerfen, 
auch bemerkt werden, dass es Fälle gibt, wo Kranke, namentlich solche, die ihre Augen 
nicht zu besonders feinen Arbeiten verwenden, auf dem einen Auge allmälig durch 
Iritis erblinden, und erst durch irgend einen Zufall auf diesen Verlust aufmerksam ge- 
macht werden. So gering können die Zufälle sein, welche den exsudativen Process in 
der Lis begleiten. 

Verlauf und Ausgänge. Die Symptome, welche der Iritis zu- 
kommen, variiren in den verschiedenen Fällen sowohl in Bezug auf 
den jeweiligen Complex, als in Bezug auf ihre Reihenfolge mehr, als 



40 Regenbogenhaut. 

vielleicht bei irgend einer andern Augenentzündung. Nur selten wird 
man die meisten oder alle genannten Symptome wahrnehmen; in der 
Regel muss die Diagnosis auf das Vorhandensein mehrerer, und auf die 
Unmöglichkeit, deren Gegenwart anderweitig zu erklären, gestützt werden. 

a. In einer Reihe von Fällen, die man als acute bezeichnen kann, 
kündigt sich der Ausbruch der Entzündung dem Kranken durch ein 
Gefühl von Druck oder Völle im Augapfel, alsbald auch durch mehr 
weniger heftige Schmerzen nach dem Verlaufe des N. supra- oder in- 
fraorbitalis, durch Lichtscheu, Tbränenfluss und Trübung des Gesichtes 
an. Untersucht man das Auge, so findet man die vordem Ciliararterien 
stärker injicirt, gewöhnlich einen rosenrothen Saum um die Cornea 
bildend, die Pupille von mittlerer Grösse oder enger, die Iris minder 
beweglich (langsamer und kleinere Excursionen machend), mehr weni- 
ger verfärbt (besonders im kleinen Kreise dunkler), minder glänzend 
(matt). Bald früher, bald später sieht man die Iris (im kleinen Kreise) 
gelockert und geschwellt, den Pupillarrand minder scharf, die Pupille 
minder schwarz (wegen Trübung des Humor aqueus oder wiegen Exsu- 
daten im Bereiche der Pupille). — Bisweilen sind heftige Schmerzen 
in der Stirn (wohl auch im Hinterhaupte) und Übligkeiten oder Er- 
brechen die ersten Zufälle, welche Iritis ankündigen. 

b. In einer andern Reihe von Fällen besteht durch einige Zeit (oft 
viele Tage) stärkere Injection der Ciliararterien oder zonenförmige 
Röthe auf dem vordem Umfange der Sclera, gesteigerte Empfindlich- 
keit des Auges gegen Licht und Anstrengung, und vermehrte Thränen- 
absonderung; erst allmälig gesellen sich Trübung des Gesichtes, dann 
leichtere, endlich heftigere Schmerzen, letztere oft paroxysmenweise, und 
Zeichen von Exsudation im Humor aqueus, in der Pupille oder in der 
Iris hinzu. Solche Fälle sind häufig für Scleritis gehalten w r orden, zu 
welcher, wie man meinte, erst später Iritis hinzutrete. Bei minder stür- 
mischem Auftreten kann es vorkommen, dass man die Iris wenig oder 
gar nicht verfärbt, die Beweglichkeit ringsum oder bis auf eine und 
die andere Stelle ungestört, die Pupille unverengert oder selbst erwei- 
tert, und dennoch bereits Exsudat an der hintern Wand der Hornhaut, 
an einer und der andern Stelle des Pupillarrandes , oder in der Sub- 
stanz der Iris selbst (in Form eines gelblichen Hügels oder Knotens; 
findet. 

c In andern Fällen endlich, grösstenteils als Iritis chronica be- 
schrieben, ist Exsudation und dadurch bedingte Störung des Sehver- 
mögens das erste Symptom, welches die Gegenwart von Iritis andeutet 
Einige graue Punkte an der hintern Wand der Cornea, oder eine viel- 



Entzündung im Allgemeinen — Verlauf — Ausgänge. 41 

leicht nur partielle Anschwellung und Verfärbung der Iris und ein oder 
mehrere vorspringende Winkel, welche der Pupillarrand bei gewöhnlichem 
Stande oder bei (kunstlicher) Erweiterung der Pupille bildet, oder aber 
eine spinnwebenartig in der Pupille ausgebreitete Membran, dabei etwas 
stärkere Injection der vordem Ciliararterien (und Venen) und grössere 
Empfindlichkeit gegen helleres Licht und Anstrengung der Augen — 
welche letzteren Symptome oft erst im Momente genauerer Unter- 
suchung des Auges deutlich hervortreten : diess kann die Summe der 
Erscheinungen sein, welche dem Arzte die Anwesenheit der Iritis ver- 
rathen. Solche Fälle sind daher auch als Iritis occulta beschrieben 
worden. Der minder aufmerksame, und selbst der minder geübte Beob- 
achter kann leicht ein Leiden der Netzhaut — Amblyopie — vor sich 
zu haben vermeinen. 

Die Iritis, sie mag wie immer auftreten, bedroht das Sehvermögen 
einmal durch die Exsudate, welche sofort das freie Eindringen der Licht- 
strahlen bis zur Krystalllinse mehr weniger behindern, noch ärger aber 
durch Veränderungen der Chorioidea und Netzhaut, in gewissen Fällen 
auch der Hornhaut, welche die Sehkraft absolut vernichten. 

1. Die häufigste Folge von Iritis sind einzelne hintere Synechien. 
Der Pupillarrand wird durch plastisches Exsudat an einer oder an meh- 
reren Stellen an die Linsenkapsel angelöthet, und zwar für immer oder 
für unbestimmt lange Zeit. Solche Verklebungen entstehen gewöhnlich 
schon in einer sehr frühen Periode des Iritis, und geben sich durch 
vorspringende Winkel des Pupillarrandes kund. Sie sind entweder grau 
oder durch Pigment gedeckt. Sie kommen bald ringsherum, bald nur 
an einer und der andern Stelle vor, in letzterem Falle bei weitem häu- 
figer in der untern als in der obern Hälfte des Pupillarrandes. Wenn 
die Pupille zur Zeit, wo man das Auge betrachtet, ebenso eng ist, als 
zur Zeit ihrer Entstehung, so können sie der Beobachtung leicht ent- 
gehen. Ihre Gegenwart lässt sich, falls die Beweglichkeit der Iris nicht 
gänzlich aufgehoben ist (bei sehr heftiger Entzündung), durch Beschat- 
tung der Augen, noch besser durch Einträufeln von Belladonna erkenn- 
bar machen. — Sie beeinträchtigen die Function des Sehens um so 
mehr, je weiter sie gegen das Centrum der Kapsel vorragen, und je 
mehr sie die Bewegung der Iris hindern. Diese Störung des Gesichtes, 
-welche sich am meisten bei rascheren Übergängen zwischen Licht und 
Schatten, und unter Verhältnissen, die eine genauere Accommodation des 
Auges erfordern, fühlbar macht, ist besonders in der ersten Zeit lästig; 
nach und nach vermindert sie sich, und es können Kranke, welche auf 
einem oder auf beiden Augen beträchtliche Synechien darbieten, sich 



42 Regenbogenhaut. 

eines nahezu normalen Gesichtes erfreuen. Manche Synechien verlieren 
sich mit der Zeit spurlos; andere hinterlassen graue oder braune Punkte 
auf der Kapsel; die meisten sind bleibend. — Ob die Kunst etwas ver- 
möge, Synechien schwinden zu machen, lässt sich bis jetzt weder be- 
jahen noch verneinen. Ich habe in mehreren Fällen solche Augen durch 
Einstreichen von rothem Präcipitat (in Salbenform) stark gereizt (hin- 
reichend lange nach erloschenem Exsudationsprocesse), und dann in 
Zwischenräumen von 3 — 5 Tagen Belladonna (3 — 4 Gran Extr. auf 
\ Drachme Wasser) eingeträufelt, konnte mich aber von der Nützlich- 
keit dieses mehrseitig empfohlenen Verfahrens bisher noch nicht ge- 
nügend überzeugen. In physiologischer Beziehung interessant ist die 
Thatsache, dass der Pupillarrand überall, wo er frei ist, gegen die Peri- 
pherie zurückweicht. Darf man annehmen, dass die Belladonna den 
Sphincter pupillae erschlafft, dann kann dieses Phänomen wohl nur da- 
durch entstehen, dass durch diese Erschlaffung die Kadialfasern ihres 
Antagonisten entledigt werden, und nun sich frei contrahiren können. 
Dann hat aber auch die wiederholte künstliche Erweiterung der Pupille 
behufs der Tilgung hinterer Synechien einen Grund a priori für sich. 

In chronisch verlaufenden Fällen von Iritis bildet sich ein Zustand 
aus, den man als ringförmige hintere Synechie bezeichnen kann. Der 
Pupillarrand wird mittelst eines bald mehr bald weniger breiten Saumes 
von Exsudat fixirt, Dieser Saum ist lichtgrau oder braun, nimmt die 
Hälfte, zwei Drittel oder den ganzen Eand der Pupille ein, und heftet 
die Iris bleibend an die Kapsel. Seine Lage zum Pupiilarrande ist oft 
eine solche, dass es aussieht, als wäre dieser Saum von der hintern 
Augenkammer aus zwischen Iris und Kapsel vorgeschoben worden. 
Gegen das Centrum der Pupille hin verliert sich dieser Saum allmälig, 
indem er dünner und dünner wird; die Pupille selbst ist dann nur in 
ihrer innersten Mitte frei von Exsudat. 

2. In andern Fällen wird die Pupille ganz oder Iheilweise gesperrt 
durch eine bald dünnere, bald dickere, membranartig in derselben aus- 
gespannte Exsudatschichte. Ganz dünne Membranen haben mit einem 
Spinnengewebe grosse Ähnlichkeit, nicht nur in Bezug auf den eigen- 
thümlichen Glanz und auf den Grad der Durchsichtigkeit, sondern auch 
in Bezug auf die Anheftung an den Pupillarrand. Der Eand einer sol- 
chen Membran ist meistens an einzelnen Stellen frei, nur durch isolirte 
Zacken an die Iris angeheftet. Indem die dadurch entstehenden Lücken 
völlig schwarz erscheinen, machen sie die Gegenwart der Membran 
selbst leicht erkennbar. Dickere Membranen fallen sogleich durch ihre 
Undurchsichtigkeit auf. Auch sie stehen — nach längerem Bestände — 



Entzündung im Allgemeinen — Verlauf — Ausgänge. 43 

oft nur durch einzelne Zacken mit der Iris in Verbindung. Es kom- 
men Fälle vor, wo das Exsudat die Form eines Sternes, oder eines 
Kreuzes darbietet. Totale Pupillensperre durch unmittelbare Berührung 
(Verwachsung) des Pupillarrandes dürfte wohl unter die grössten Sel- 
tenheiten gehören. Immer, die Pupille mochte noch so stark verengert 
sein, konnte ich das dieselbe verschliessende Exsudat als einen licht- 
grauen oder gelblichen Pfropf in derselben wahrnehmen. — Je dünner 
die Exsudatschichte, oder je grösser einzelne Lücken zwischen ihr und 
der Iris, desto weniger bedeutend ist die Störung des Sehvermögens. 
Es gibt Kranke, welche durch eine sehr enge Öffnung (wie ein Nadel- 
stich) für die Nähe und Ferne noch ein auffallend scharfes Gesicht be- 
sitzen. — Derlei Exsudate in der Pupille verschwinden niemals, wohl 
aber können sie dünner werden, und an einer oder der andern Stelle 
sich von der Iris loslösen. Dass ein Exsudat, welches die Mitte der 
Pupille einnimmt, jemals ringsum frei geworden wäre, und somit einen 
ähnlichen Befund, wie bei Catar. capsul. centralis dargestellt hätte 
(vergl. I. B. S. 233), habe ich niemals beobachtet. Es ist diess auch 
sehr unwahrscheinlich. — Ich habe mehrere Augen mit solchen Membra- 
nen in der Pupille secirt, und gefunden, dass sich die Iris sammt der 
Membran sehr leicht von der Kapsel abheben Hess. Die Kapsel war 
darunter vollkommen glatt und durchsichtig. In andern Fällen ist die 
Anlöthung des Exsudates an die Kapsel eine feste. In seltenen Fällen 
entwickeln sich Gefässchen (vom Pupillarrande aus) in dickeren Exsu- 
daten. Zwischen der Kapsel und diesen Exsudaten selbst besteht wohl 
selten eine eigentliche organische Verbindung. — Der Kunst bleibt in 
Fällen, wo den Lichtstrahlen der Durchgang zum Innern des Auges 
durch solche Exsudate verwehrt ist, nur noch ein operatives Eingreifen 
übrig, die Anlegung einer künstlichen Pupille, wovon im nächsten Ab- 
schnitte die Rede sein wird. 

Wenn, wie nicht selten geschieht, in derart veränderten Augen Trübung der Linse 
hinzutritt, so entsteht das, was man Cataracta accreta genannt hat. Die Exsudate in der 
Pupille selbst, bei ungestörter Durchsichtigkeit der Kapsel und der Linse, hat man in frü- 
herer Zeit als Cataracta spuria, lvmphatica u. dgl. bezeichnet. Letztere Benennung ist 
heut zu Tage ziemlich allgemein — und mit Recht — ausser Gebrauch gekommen. 

3. "Wenn bei Iritis sehr viel faserstoffiges Exsudat in den Humor 
aqueus ausgeschieden wird, so setzt sich dasselbe zu Boden, und stellt 
das sogenannte Hypopyum dar. Man sieht eine gelbliche Materie zwi- 
schen Cornea und Iris in dem untersten Theile der Augenkammer ange- 
sammelt; ihre obere Fläche erscheint concav, mit zwei Hörnern wie ein 
Halbmond, wenn nur wenig Exsudat sich zu Boden gesetzt hat, oder 



44 Regenbogenhaut. 

eben, wenn die Flüssigkeit ein Drittel oder die Hälfte der Augenkam- 
mer ausfüllt, oder uneben und höckerig, wenn das Exsudat sehr con- 
sistent und mehr zu einem Klumpen geronnen ist. Von der Menge und 
von der Consistenz des Exsudates hängt es auch ab, ob dasselbe seinen 
Ort mit der Lage des Kranken verändert oder nicht. Ich habe noch 
keinen Fall gesehen, wo das Exsudat den Humor aqueus ganz ver- 
drängt hätte. In dem ärgsten Falle war noch */» desselben vorhanden. 
— Ob das Exsudat eitrig sei oder nicht, lässt sich selten mit Gewiss- 
heit bestimmen. Man darf diese Beschaffenheit voraussetzen, wenn 
gleichzeitig Keratitis mit Abscess- oder Geschwürsbildung, oder Chorioi- 
ditis mit eitrigem Exsudate (s. Krankheiten der Chorioidea) vorhanden 
ist. Alsdann steht Verschwärung und Durchbruch der Cornea mit deren 
weiteren Folgen zu befurchten. Ausserdem werden solche Exsudate, 
sofern sie nicht künstlich (durch die Punctio corneae) entleert werden 
müssen — vgl. I. Bd. S. 197 — allmälig resorbirt. In den meisten die- 
ser Fälle bleibt dann eine mehr weniger dicke Exsudatmembran in der 
Pupille zurück. ■ — Ausserdem können solche Exsudate auch zur Ver- 
klebung des peripherischen Theiles der Cornea und Iris führen, worauf 
wir später noch zurückkommen. 

Beer*) und nach ihm Viele haben die Behauptung aufgestellt, dass heftige Iritis zur 
totalen Verwachsung der Iris und Cornea und sofort zur Entstehung von Hornhautstaphylom 
führen könne. Diese Ansicht muss dahin berichtigt werden, dass Iritis nur dann zur 
Staphylombildung Anlass geben kann, wenn sie dxirch eitriges Exsudat Verschwärung und 
Durchbohrung der Cornea gesetzt hat. Durch das bei Iritis gelieferte Exsudat können 
Iris und Cornea wohl in grosser Ausdehnung mit einander verklebt werden; eine eigent- 
liche Verwachsung findet aber niemals statt, und noch weniger eine Hervorlreibung beider 
Gebilde zusammen. Auch die Combination von Iritis und Keratitis führt niemals zur 
Staphylombildung, ausser wenn die Cornea (durchaus oder in einer grössern Partiel durch 
Eiterung bis zum Durchbruche zerstört worden ist. 

Man spricht ferner seit Beer fast allgemein von Eiteransammlung in der vordem 
Augenkammer als Folge von Abscessen in der' Iris. Ich war bisher auch bei den heftigsten 
Fällen von Iritis nicht im Stande, jene gelben Hügel in der Iris aufzufinden, welche bersten 
und Eiter in die Augcnkammer ergiessen sollen , und eben so wenig konnte ich jemals 
ein Geschwür oder gar eine Durchlöcherung der Iris durch ein Geschwür wahrnehmen. 

4. Punktförmige Trübinuj der hintern Flüche der Cornea ist eine 
Erscheinung, welche sehr häufig längere Zeit nach Iritis zurückbleibt. 
Es gibt Fälle von Iritis, wo diese Erscheinung schon während der Iritis 
selbst in den Vordergrund der Symptome tritt, während sie in andern 
Fällen gänzlich fehlt, oder eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Man 
sieht mehr weniger zahlreiche lichtgraue oder graubraune (schwärzliche) 
Punkte oder Flecke, deren Sitz bei genauerer Betrachtung auf die hiu- 

*) Lehre von dun Augenkrankheiten, Wien 1813, I. B. S. 438. 



Entzündung im Allgemeinen — Verlauf — Ausgänge. 45 

tere Wand der Cornea bezogen werden muss. Bisweilen löst sich eine 
scheinbar gleichmässige Trübung der Hornhaut erst unter der Loupe in 
solche Punkte auf. Die Loupe ist auch im Allgemeinen das beste Mit- 
tel, die Entfernung dieser Exsudate von der vordem Fläche der Horn- 
haut zu beurtheilen. Mit freiem Auge entdeckt man sie am ehesten, 
wenn man das Auge so stellen lässt, dass die Pupille (als schwarzer 
Hintergrund] hinter dieselben zu stehen kommt. Braune Punkte wer- 
den an Augen mit blauer oder grauer Iris dieser gegenüber besser 
sichtbar. — Sie verursachen, wenn sie der Pupille gerade gegenüber 
sitzen, mehr weniger Störung des Gesichtes; allmälig jedoch verschwin- 
den sie, ohne einen bleibenden Nachtheil zu hinterlassen, von selbst. — 
In Fällen frischer Präzipitation erscheint bisweilen die Cornea darüber 
leicht getrübt und gelockert, wie mit feinen Nadeln gestichelt (Ödem 
der Cornea), ein Zustand, welcher von Entzündung der Cornea, Infiltra- 
tion derselben mit Exsudat selbst, wohl unterschieden werden muss. 

Da bei manchen Formen von Iritis die übrigen Zufälle der Entzündung sehr gering- 
fügig sein können, da namentlich Verengerung und Verzogensein der Pupille fehlen können, 
so wurde in solchen Fällen von vielen Beobachtern die Affection der Iris übersehen oder 
als Nebensache betrachtet, und die Quelle dieser Exsudate in Entzündung der Desceniet- 
schen Haut gesucht. Von der Irrthümlichkeit dieser Anschauungsweise überzeugt, nehmen 
wir keinen Anstand jene Fälle, welche seit Wardrop als Hydromeningitis (Jüngken), Hy- 
datoditis {Fischer) , Aquocapsulitis (Malcenzie) , Keratoiritis (Rosas) , Keratite pointille'e 
(Desmarres) u. dgl. beschrieben worden sind, als Iritis anzusprechen. 

Niemals treten solche Punkte an der hintern Wand der Hornhaut auf, ohne dass 
Zeichen von Iritis vorhanden sind. Diese Punkte erscheinen in der Mehrzahl der Fälle 
nur an der untern Hälfte der Cornea, und wenn ja an der obern Hälfte welche vorkom- 
men, so sind diese kleiner und spärlicher, als in der untern. Warum sollte die Desce- 
metsehe Haut, wenn sie sich überhaupt jemals entzündet (?), gerade nur immer in der untern 
Hälfte (mehr) Exsudat liefern ? — Der schlagendste Beweis aber ist der, dass man bisweilen 
Gelegenheit bekommt, einzelne Exsudatflocken oder Punkte vor der Präcipitation im Kam- 
merwasser hin und her schweben zu sehen. Ich habe ferner zwei Fälle beobachtet, wo 
solche Exsudate , nachdem der Kranke während der Iritis beständig auf der Einen Seite 
im Bette gelegen war , in der entsprechenden Seitengegend der Cornea , und nicht, wie 
gewöhnlich, in der untern Hälfte derselben abgelagert waren. — Die zu Klümpchen ge- 
ronnenen Exsudate folgen denselben Gesetzen (der Schwere und Trägheit), welchen z. B. 
frisch geronnener Käse folgt, wenn man Flocken davon in eine mit Wasser gefüllte Flasche 
gibt , diese verstopft , und dann rasch hin und her bewegt. Daher kann man bisweilen 
schon aus der Form und aus der Anordnung dieser Trübungen erkennen, dass sie an die 
hintere Hornhautwand gleichsam angeschwemmt sind, wie Sand am Ufer. Die vorwalten- 
den Bewegungen des Bulbus sind die von oben nach unten, und umgekehrt. Daher sieht 
man auch bisweilen ganz deutlich, dass in den Fluctuationen, von welchen die Exsudat- 
moleküle vor ihrer Präcipitation bewegt wurden, diese Richtung vorwaltete, und die mei- 
sten oder sämmtliche Präcipitate haben Anhängsel, die alle nach Einer Richtung hin sich 
allmälig verlieren. Ein andermal sind um einen Kernpunkt Exsudate angelagert, wie 



46 Regenbogenhaut. 

ein Hof um eine Kerzenflamme. Dass dem Auftreten dieser Punkte allgemeine Trübung 
des Kammerwassers (scheinbar der Hornhautfläche) vorhergeht, hat man oft genug Ge- 
legenheit zu beobachten. — In einigen Fällen habe ich ganz dieselben Punkte zugleich 
auf der vordem Fläche der Linsenkapsel wahrgenommen. — Wenn Wardrop versichert, 
durch die Entleerung des Kammerwassers (Paracentesis corneae) in frischen Fällen die 
Durchsichtigkeit der vordem Kammer augenblicklich wieder hergestellt zu haben, so kann 
er offenbar nur Fälle vor sich gehabt haben, wo die Exsudate noch im Humor aqueus 
suspendirt oder lose an die Cornea angelegt waren. 

5. Nach chronischer Iritis mit Ausscheidung von Exsudat in das 
Kamnierwasser und in die Pupille als vorwaltender Erscheinung tritt 
sehr oft Anlötkurig der Iris an die Cornea ein, und zwar von der Peri- 
pherie her, stellenweise oder ringsherum. Wenn in solchen Fällen zu- 
gleich der Pupillarrand ringsum oder theilweise an die Kapsel fixirt 
ist, so erhält der mittlere (zwischen Ciliar- und Pupillarrand gelegene) 
Theil der Iris ein eigenthümlich buckliges Aussehen, ähnlich einer 
Kugelhupfform oder einem feuerspeienden Berge mit vertieftem Krater. 
Die Ursache dieser Form- und Lageveränderung der Iris liegt theils in 
jener Anlöthung an die Cornea, theils in der Fixirung des Pupillarran- 
des; dass auch Exsudat (flüssiges oder festes) hinter der Iris sich an 
diesem Effecte betheiligen könne, ist durch Sectionen erwiesen. Nie- 
mals aber liegt diesem Zustande eine Anschwellung oder Verdickung 
der Iris selbst zu Grunde, und die von Amnion eingeführte Bezeich- 
nung Iridauxesis ist daher eine irrige; denn die Iris ist in solchen 
Fällen jederzeit verdünnt, und wird allmalig atrophisch. Sie zeigt im 
Allgemeinen eine licht schiefergraue Färbung und stellenweise, wo ihre 
Fasern aus einander weichen, dunklere Flecke oder Streifen. Das die 
Iris und Cornea verklebende Exsudat ist bisweilen so dünn, dass man 
es, wenigstens in späterer Zeit, nicht mehr als das bindende Mittel 
wahrnehmen kann. — Dieser Zustand ist in der Regel bleibend, und 
kommt sehr häutig mit einem der beiden folgenden Zustände vor. 

6. Wenn die entzündliche Affection der Iris sehr lange fortbesteht, 
oder mit scheinbaren oder wirklichen Intervallen öfters und durch län- 
gere Zeit wiederkehrt, so geschieht es, dass der vorderste Theil der 
Sclera erweicht und ausgedehnt wird und bläuliche Hügel oder Wülste 
unmittelbar an der Basis corneae bildet. Die Sclera wird durch den 
in überflüssiger Menge ausgeschiedenen Humor aqueus ausgedehnt und 
hervorgetrieben (Staphyloma sclerae anticum). Dabei kann das Sehver- 
mögen gänzlich aufgehoben sein (durch den Druck nach rückwärts), 
oder auch den mechanischen Hindernissen (Exsudaten in der Pupille) 
entsprechend sich verhalten. In wie fern das Corpus ciliare an der 
Zustandebringung dieser Veränderung des Bulbus Theil nehme, lässt 



Entzündung; im Allgemeinen — Vorkommen — Ursaehen. 47 



c 9 na "»o 



sich nicht bestimmen; so viel aber ist gewiss, dass in manchen Fällen 
die vorderste Partie der Sclera selbst von Exsudat durchtränkt und so- 
fort in ihrem Gewebe verändert werde. (Vergl. Krankh. der Sclera, 
S. 11—15.) 

7. Durch Hinzutreten von Chorioiditis kann die Iritis zu gänzlicher 
und unheilbarer Blindheit führen. Dieser traurige Ausgang kann bei 
acut verlaufender Iritis unter Steigerung sämmtlicher Zufälle eintreten; 
er wird aber bei weitem häufiger nach chronischer Iritis beobachtet, 
wo er sich ganz allmälig und unvermerkt entwickelt. Eine klare Dar- 
stellung dieses Zustandes kann erst in dem Buche über die Krankhei- 
ten der Chorioidea gegeben werden. Hier sei vorläufig nur bemerkt, 
dass, wenn Chorioiditis zu chronischer Iritis hinzugetreten ist, der Bul- 
bus allmälig entweder verkleinert oder vergrössert wird. In ersterem 
Falle verliert der Bulbus an Consistenz, wird weicher, teigig anzufüh- 
len, endlich viereckig, in der Gegend der Musculi recti eingedrückt, 
atrophisch; in letzterem Falle entstehen, unter vermehrter Consistenz 
des Bulbus, jenseits des Corpus ciliare bläuliche Hügel oder Hervor- 
treibungen der Sclera (Staphyloma sclerae laterale). 

Die Thatsaehen , dass nach, chronischer Iritis nicht selten Atrophie des Bulbus, in 
andern Fällen dagegen Vergrösserung mit theilweiser Ausdehnung der Sclera folgt, dass 
sehr oft, auch wenn die Form des Bulbus nicht verändert ist, dennoch die Sehkraft ver- 
nichtet erscheint, und zwar durch Lähmung der Netzhaut, und dass an Augen, welche 
durch chronische Iritis bis auf mehr weniger deutliche Lichtempfindung erblindet sind, 
auch ganz gut gelungene künstliche Pupillen nichts nützen, diese Thatsaehen Hessen wohl 
ein Erkranken der tiefern Gebilde des Bulbus (Chorioidea, Retina, Glaskörper) errathen, 
und eine allmälige Ertödtung der Netzhaut bestimmt voraussetzen ; dass jedoch die Cho- 
rioidea das Gebilde sei, von welchem aus jene Erscheinungen eingeleitet werden, ist — 
mir wenigstens — erst in letzterer Zeit aus einigen Sectionen klar geworden. Der Sym- 
ptomencomplex, welcher seit Beer unter der Aufschrift: Ophthalmia interna (communis) 
beschrieben wurde , darf fernerhin wohl mit Becht auf die Combination von Chorioiditis 
mit Iritis bezogen werden. Bei der Lehre von den Krankheiten der Chorioidea werden 
anatomische Befunde solcher Augen beschrieben werden. 

Vorkommen und Ursachen. Die Iritis kommt am häufigsten im 
Jünglings- und Mannesalter vor, selten im Greisen- und Knabenalter. 
Vor das 6. Lebensjahr fällt unter 100 Fällen von Iritis kaum einer, es 
müsste denn durch einen traumatischen Eingriff oder consecutiv bei 
Hornhautgeschwüren Iritis entstanden sein. Das Geschlecht macht — 
nach meinen Zählungen — keinen erheblichen Unterschied. Dunkle 
Farbe der Begenbogenhaut scheint dem Entstehen von Iritis günstiger 
zu sein, als lichte. Das linke Auge wird häufiger ergriffen, als das 
rechte, und wenn — wie gewöhnlich bei schleichendem Verlaufe — 
beide Augen nach einander erkranken, so beginnt der Process häufiger 



48 



Regenbogenhattt. 



an dem linken Auge. Fälle von gleichzeitiger Erkrankung beider Augen 
sind selten. 

Eine übersichtliehe Zusammenstellung sämmtlicher Fälle von Iritis , welche in den 
Jahren 1847 bis 1851 in das hiesige allgemeine Krankenhaus aufgenommen wurden, und 
welche sich, mit Ausschluss der traumatischen und consecutiven Fälle, auf 162 belaufen, 
ergibt folgende Data. 



Vom 5.- 


-8. Jahre 


8.- 


-15. 


15.- 


-25. 


25.- 


-45. 


45.- 


-70. 


Mannlich 


"Weiblich 


M. W. 


M. W. 


M. W. 


M. W. 


acut chron. 


acut chron. 


ac, ehr. ac. ehr. 


ac. ehr. 


ac. ehr. 


ac. ehr. 


ac. ehr. 


ac. ehr. 


ac. ehr. 


— 1 


1 1 
2 


1 6 

7 


— 3 
3 


6 13 


12 22 


21 22 


13 13 


8 4 
12 


7 8 


1 


19 


34 


43 


26 


15 



Zahl der Männer 82, der Weiber 80. Bloss auf dem linken Auge litten 40, bloss auf 
dem rechten 35 , auf beiden 87 Individuen. Die Zahl der chronischen Fälle, und, was 
hiemit in nahem Zusammenhange steht, die Zahl beiderseitiger Iritiden nach dieser 
Tabelle kann keinen Massstab abgeben für das wirkliche Vorkommen ; denn in die Augen- 
heilanstalt der Hauptstadt kommen — aus leicht begreiflichen Gründen — viele bloss auf 
Einem Auge Erblindete nicht so leicht, als beiderseits Erblindete, und acute Fälle un- 
gleich seltener als chronische. 

Dass traumatische Eingriffe an und für sich hinreichen, Iritis zu 
erregen, ist durch zahlreiche Beobachtungen erwiesen. Durch Versuche 
an Thieren hat Jedermann Gelegenheit, sich davon zu überzeugen. Zu- 
fällige Verletzungen sind es viel seltener, welche die Iris allein in Ent- 
zündung versetzen, als absichtliche Eingriffe, namentlich Staaropera- 
tionen. (Das Nähere hierüber kann erst bei den Krankheiten der Linse 
angeführt werden.) 

Dass Verhüllung in mannigfacher Weise Iritis erregt, ist gleichfalls 
Thatsache der Beobachtung. Es wurde bereits S. 12 und 13 im I. B. 
bemerkt, dass katarrhalisch afficirte Augen sehr leicht von Keratitis 
oder Iritis befallen werden, wenn Verkältung durch scharfen Wind, 
Zugluft, kalte Umschläge, unzweckmässig angewendete Augenwässer 
u. dgl. auf sie einwirken. Dasselbe beobachten wir aber auch an früher 
ganz gesunden Augen und bei ganz gesunden Individuen, unmittelbar 
nachdem sie bei erhitztem Körper sich der Zugluft oder rascher Abküh- 
lung des Kopfes ausgesetzt haben. In andern Fällen ist ein länger 
einwirkender (gewöhnlich ein wenig beachteter) Luftzug die einzige 
Schädlichkeit, Avelcher der Kranke vor dem Entstehen der Iritis ausge- 
setzt war. — Wer in zahlreichen Fällen und oft auf überraschend über- 
einstimmende Weise Iritis nach derlei Einflüssen der Temperatur ent- 
stehen sah, dem wird sich die Vermuthung, dass diese selbst die Ur- 
sache von Iritis sein können, unwillkürlich aufdrängen. Man kann ihm 
aber das bekannte „post hoc: propter hoc" entgegenhalten, so lange 



Entzündung im Allgemeinen — Vorkommen — Ursachen. 49 

sein Schluss nicht noch durch andere Gründe unterstützt wird. Nun 
zeigt aber die Beobachtung- solcher Fälle in Vergleich mit anderweitig 
entstandenen Fällen von Litis unzweideutig ein verschiedenes Verhal- 
ten sowohl in der Reihenfolge als auch in der Gruppirung der Symptome, 
und ein verschiedenes Verhalten in Bezug auf die ärztliche Behand- 
lung. Sehen wir vorläufig von den Symptomen ab, von denen weiter 
unten ausführlicher gesprochen werden soll, so wird das verschiedene 
Verhalten solcher Fälle zur Therapie allein schon genügen, darzuthun, 
dass obiger Schluss nicht bloss auf das ,,post hoc: propter hoc" gestützt 
sei. In der Mehrzahl der Fälle traumatischer (durch Verletzung allein 
bedingter) Iritis ist nebst örtlicher Blutentziehung die Anwendung kal- 
ter Umschläge das verlässlichste Mittel, nicht nur dem Kranken Linde- 
rung zu verschaffen, sondern auch dem Fortschreiten des Exsudations- 
processes Schranken zu setzen. Bei rheumatischer (durch Verkältung 
überhaupt bedingter) Iritis werden kalte Umschläge nicht nur nicht ver- 
tragen, sondern sogar nachtheilig (durch Steigerung der Entzündung); 
trockene Wärme dagegen wirkt entschieden wohlthätig, und Schutz vor 
Temperaturwechsel ist hier vor Allem zur Milderung des Übels not- 
wendig. 

Dass allgemeine Syphilis die einzig und allein hinreichende Ur- 
sache von Iritis werden kann, ist durch dieselbe Schlussweise nachge- 
wiesen worden. Es musste aufmerksamen und unbefangenen Beobach- 
tern sehr bald auffallen, dass bei Leuten, die an Chancre gelitten, nicht 
selten ganz ohne örtlich einwirkende Schädlichkeit Iritis entstand. Das 
noch häufigere gleichzeitige Vorkommen von Iritis mit anderweitigen 
Manifestationen allgemeiner Syphilis machte es noch mehr wahrschein- 
lich, dass die Iritis so gut wie das Exanthem oder das Halsgeschwür 
u. dgl. Ausdruck des Allgemeinleidens sei. Unterstützt wurde dieser 
Schluss durch manche Eigenthümlichkeiten im Auftreten und Verlaufen 
solcher Fälle — wovon weiter unten die Rede sein wird — und zu 
solcher Gewissheit, dass heutzutage Niemand mehr daran zweifelt, er- 
hoben wurde dieser Schluss durch das Verhalten solcher Fälle zur The- 
rapie. Man überzeugte sich nämlich bald, dass solche Fälle vor Allem 
eine gegen das Allgemeinleiden gerichtete Behandlung erfordern. 

Auf ähnliche Weise, wie die Syphilis, verhält sich auch die Scro- 
fulosis zur Iritis. Bei Individuen, welche in früherer Zeit mehr weniger 
deutliche Symptome dieses Allgemeinleidens an sich trugen, und noch 
mehr bei Individuen, welche in späterer Zeit noch an andern Gebilden 
des Körpers Affectionen darbieten, die zuletzt nur auf Scrofulosis oder 
Tuberculosis bezogen werden können, entwickelt sich häufig ohne direct 

Arlt Augenheilkunde. II. 4 



50 Regenbogenhaut. 

wirkende äussere Schädlichkeiten Iritis, welche hartnäckig fortbesteht, 
scheinbar erloschen wieder auflodert, über kurz oder lang auch das an- 
dere Auge ergreift, und beide Augen mit gänzlichem Verluste des Seh- 
vermögens bedroht, sofern es nicht gelingt, im Gesammtorganismus 
günstige Veränderungen hervorzurufen, die Blutmischung, so zu sagen, 
zu verbessern. 

Eine auffallend langsam und mit gelinden Zufällen verlaufende, 
meistens aber durch Hinzutreten von Chorioiditis mit gänzlicher Ver- 
nichtung der Sehkraft endende Iritis sehen wir auch bei sonst gesun- 
den Individuen entstehen, nachdem sie durch deprimirende Einflüsse, 
anhaltenden Kummer, schlechte und unzureichende Nahrung, schwere 
Krankheiten (Typhus, Intermittens, Missbrauch von Mercur) u. dgl. sehr 
herabgekommen sind. Das unvermerkte Auftreten auf dem einen und 
über kurz oder lang auch auf dem andern Auge, ohne dass irgend eine 
äussere Schädlichkeit oder eine bekannte Dyskrasie mit dem Augen- 
leiden in ursächliche Beziehung gebracht werden kann, und die in 
allen Fällen deutlich ausgesprochene Neigung zur Vernichtung der Seh- 
kraft nicht nur durch Pupillensperre, sondern auch durch Atrophirung 
der Iris, des ganzen Bulbus, falls es nicht bei Zeiten gelingt, durch 
diätetische und arzneiliche roborirende Behandlung günstig auf die Er- 
nährung überhaupt einzuwirken, machen es mehr als wahrscheinlich, 
dass in dem kachektischen Zustande des Gesammtorganismus die haupt- 
sächlichste, wenn nicht die einzige Ursache der Erkrankung des Auges 
zu suchen sei. Andeutungen über diese Form, bei welcher die soge- 
nannte antiphlogistische Behandlung nachtheilig wirkt, finden wir bei 
verschiedenen Autoren, namentlich bei Makenzie (1. c. S. 484 „pseu- 
dosyphilitische Iritis") und bei Rosas (Handbuch der Augenheilkunde, 
2. Band, S. 604 „Lymphkachexie der Iris"j. 

Wenn durch heftige Entzündung mit Eiterung das eine Auge ver- 
loren gegangen ist, namentlich nach Verletzungen, so sehen wir in vie- 
len Fällen kurz darauf das andere Auge unter den Erscheinungen chro- 
nischer Iritis und Chorioiditis allmälig erblinden, ohne dass man irgend 
ein anderes ätiologisches Moment auffinden kann, als eben die unmit- 
telbar vorhergegangene Vernichtung des ersten Auges durch Entzün- 
dung. In manchen Fällen treten mehr die Erscheinungen von Iritis 
auf, in andern mehr die von Chorioiditis, und zwar in letzterer so, 
dass man anfangs eine primär und für sich bestehende Erkrankung 
der Netzhaut (Amaurosis) vor sich zu haben vermeint. Der Schluss, 
dass die Erkrankung des zweiten Auges mit dem Verluste des ersten 
in ursächlichem Zusammenhange steht, beruht nicht auf dem blossen 



Entzündung im Allgemeinen — Vorkommen — Ursachen. 51 

„post hoc", sondern vorzüglich auf der vielfach bestätigten Wahrneh- 
mung', dass die Erkrankung des zweiten Auges vorzüglich dann erfolgt, 
wenn dasselbe schon der gewohnten Anstrengung oder starkem Licht- 
einflusse ausgesetzt wird, so lange in dem bereits vernichteten noch 
Entzündung fortbesteht, und dass das zweite Auge durch hinreichend 
lange fortgesetzte Schonung — bis in dem Stumpfe ein unwandelbarer 
Zustand eingetreten ist — am sichersten vor Erblindung geschützt wer- 
den kann. Ob in solchen Fällen der Sehnerv (dessen Neurilem bis 
zum Chiasma) das vermittelnde Agens sei, oder der N. trigeminus und 
Sympathicus (die Ciliarnerven), lässt sich bei dem gegenwärtigen Stande 
unseres Wissens nicht entscheiden ; das Letztere ist das Wahrscheinlichere. 

Diese Aufzählung von ursächlichen Momenten der Iritis macht keinen Anspruch auf 
Vollständigkeit. Es ist möglich, dass es ausser den genannten noch andere gibt, welche 
Iritis an und für sich zu bedingen im Stande sind. So muss es vorläufig noch unentschieden 
bleiben, ob grelles Licht und übermässige Anstrengung der Augen beim Betrachten feiner 
Gegenstände Iritis zu erzeugen vermögen. Wenn ein und der andere Kranke diesen 
Schädlichkeiten das Entstehen einer Augenentzündung (Iritis) zuschreibt, so genügt diess 
offenbar nicht, diesen Schluss zu rechtfertigen. Auch das ist noch kein Beweis, wenn 
ein Autor sich begnügt, zu bemerken, er habe zwei oder drei Fälle von Iritis durch 
grelles Licht entstanden beobachtet. Unwillkürlich drängt sich bei solcher Angabe die 
Frage auf, wie sich in diesen Fällen die Netzhaut verhalten habe. Bis jetzt liegen wohl 
verlässliche Beobachtungen über Blendung der Netzhaut durch grelles Licht und über 
Ermüdung der Accommodationsorgane durch übermässige Anstrengung vor; die Entste- 
hung einfacher Iritis auf diese Weise hingegen hat weder verlässliche Beobachtungen, 
noch triftige Gründe a priori für sich. So viel darf jedoch als erwiesen betrachtet wer- 
den, dass der gereizte Zustand verletzter Augen, namentlich nach Staaroperationen, durch 
vorzeitig und übermässig einwirkendes Licht sehr leicht zur Entzündung (auch der Iris) 
gesteigert werden kann. Wer auch nur eine massige Zahl von Staaroperationen gemacht 
hat, der ist gewiss aus eigener Anschauung überzeugt, dass die Begulirung des Lichtes 
bei der Nachbehandlung von grösster Wichtigkeit sei. Eben so leicht kann man sich 
überzeugen, dass bereits entstandene Iritis durch relativ zu starkes Licht gesteigert werde. 
Dasselbe gilt, mutatis mutandis, von vorzeitiger und von übermässiger Anstrengung 
der Augen. 

Wir werden beim Studium der Ätiologie der Iritis auf dieselbe Weise, wie bei 
der Conjunctivitis , Keratitis etc. z\ir Entscheidung der Frage hingedrängt, ob die Iritis 
immer in gleicher Weise auftrete und verlaufe, sie möge nun durch dieses oder jenes 
ursächliche Moment erregt und bedingt werden, oder ob sie sich in ihren Erscheinungen 
je nach der Verschiedenheit der ätiologischen Momente verschieden verhalte. 

Gesetzt, es wäre in einem gegebenen Falle erwiesen, dass die Entzündung der Iris 
durch ein bestimmtes ursächliches Moment , z. B. durch Syphilis bedingt sei. Dann 
unterliegt es wohl auch keinem Zweifel, dass die Behandlung eine andere sein müsse, 
als wenn die Entzündung durch ein anderes Moment, z. B. durch Verkältung oder durch 
ein Trauma bedingt wäre. Wer diess nicht zugibt, der braucht überhaupt gar keine 
Ätiologie. Ich zweifle indessen, dass es irgend Jemanden gebe, welcher im Ernst meint, 
man könne (um bei dem einmal gewählten Falle zu bleiben) in der That eine durch 

4* 



52 Regenbogenhaut. 

Syphilis bedingte Iritis eben so behandeln, wie eine anderweitig bedingte, und habe sich 
nur an den Grad und allenfalls an hervorstechende Symptome zu halten. 

Ist es aber nöthig, verschieden bedingte Fälle auch verschieden zu behandeln, dann 
muss das ätiologische Moment, wo möglich, noch vor der Behandlung sicher gestellt wer- 
den. Um diess zu können, mag zunächst der Kranke erzählen, was der Entstehung der 
Iritis unmittelbar vorausging, mag auch vielleicht bis auf die erste Lebenszeit zurückge- 
gangen werden. Sodann muss der Arzt an die Erfahrung appelliren , und untersuchen, 
ob die Anamnesis und der Befund des ganzen Körpers solche Momente aufweisen, welche 
bereits in zahlreichen Fällen als Ursachen der Iritis beobachtet und als solche constatirt 
wurden, oder ob allgemeine Gesetze der Anatomie, Physiologie und Pathologie überhaupt 
es als zulässig und als wahrscheinlich erscheinen lassen , dass im vorliegenden Falle die 
Iritis vielleicht auch auf eine bisher noch nicht beobachtete Weise hervorgerufen worden 
sei. Durch diesen Vorgang wird man jedoch in der Pegel nur so weit kommen, dass 
man sagen kann: im vorliegenden Falle ist die Iritis gewiss oder wahrscheinlich nicht 
durch diese oder jene vermeintliche Ursache bedingt , sie ist mit mehr weniger Wahr- 
scheinlichkeit aus dieser oder jener Veranlassung hervorgegangen. Viel Sicherheit wird 
man aber auf diese Weise kaum jemals erlangen. 

Gesetzt aber, es wäre durch vielfältige Beobachtungen sicher gestellt, dass die Art 
und Weise, wie die Iritis in die Erscheinung tritt (von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende), 
Verschiedenheiten zeigt, welche der Verschiedenheit der ätiologischen Momente entspre- 
chen, z. B. dass eine durch Verkältung bedingte Iritis anders in die Erscheinung trete, 
als eine durch Syphilis bedingte, dann würde dieser Erfahrungssatz, zu dem vorerwähnten 
Vorgange hinzugenommen, offenbar in jedem speciellen Falle dem Schlüsse auf das Cau- 
salmoment um so mehr Leichtigkeit und Sicherheit gewähren, je deutlicher in ihm die 
von der Erfahrung angegebenen Kennzeichen ausgesprochen sind. Ja es wird dann der 
Vorgang am Krankenbette , dass man zuerst den Befund des Auges genau aufnimmt, 
ehe man den Kranken anderweitig untersucht und um das Vorausgegangene befragt, in 
der Pegel der beste sein, weil dann die Angaben des Kranken den Arzt nicht präoecu- 
piren können. 

Die Erfahrung hat uns in der That viele sehr schätzenswerthe Thatsachen in Bezug 
auf Verschiedenheit der Symptome und des Verlaufes je nach Verschiedenheit der ätio- 
logischen Momente an die Hand gegeben. Wir finden sie niedergelegt in den Schilde- 
rungen, welche seit Beer bei verschiedenen Autoren unter den Namen traumatische 
(genuine), rheumatische, syphilitische, scrofulöse, arthritische etc. Iritis entworfen wurden. 
Es lag aber in dem Entwickelungsgange, den die medicinischen Wissenschaften überhaupt 
und die Augenheilkunde insbesondere genommen haben, dass man diese Schilderungen 
mehr und mehr zu speeificiren suchte, dass man solchen Schilderungen, welche auf einer 
mehr weniger beschränkten Zahl von Beobachtungen fussten, mitunter zu viel Allgemein- 
giltigkeit zuschrieb , und vorzüglich , dass man sich gewöhnte, Krankheiten und Krank- 
heitsprocesse als etwas für sich Bestehendes, gleichsam als Parasiten im Organismus und 
nicht bloss als das Abweichen einzelner oder mehrerer Organe und ihrer Function vom 
normalen Zustande zu schildern. So entstanden endlich die bekannten Krankheitsfamilien, 
z. B. des Rheuma , der Syphilis , der Gicht u. dgl., welche der Idealisirung und der Sy- 
stemsucht einen weiten Spielraum eröffneten. Man stützte die Unterschiede häufig auf 
isolirt aufgefasste Erscheinungen , wo doch nur durch scharfe Auflassung der gesammten 
Erscheinungen am Auge sowohl als am übrigen Körper die Diaguosis gefunden werden 
kann. Man suchte für jede Krankheit pathognomonische Kennzeichen. — Diese Blossen 



Entzündung im Allgemeinen — Vorkommen — Ursachen. 53 

nuissten bald erkannt werden. Man begann aber nicbt damit, das Schlechte vom Brauch- 
baren auszuscheiden, sondern man warf Alles zusammen über Bord, und behauptete sofort, 
„die Iritis sei immer nur eine, ob sie durch diese oder jene Ursache hervorgebracht 
werde." Mit gleichem Rechte kann man auch sagen, es gebe nur Eine Conjunctivitis. 
Diese Auffassuugsweise ist aber unseres Erachtens kein Fortschritt, sondern ein Rück- 
schritt in der Augenheilkunde. Mit der Annahme dieses Principes hört man auf, in je- 
dem einzelnen Falle zu forschen, in welcher Beziehung Augenkrankheiten zum Gesammt- 
organismus stehen. 

Es gibt eine Thatsache , welche Jene wohl beherzigen mögen , die da behaupten, 
die Art und Weise, wie die Iritis auftritt und verläuft, sei durchaus unabhängig von dem 
ätiologischen Momente, es lasse sich aus den Symptomen der Iritis niemals ein Rückschluss 
auf die ätiologischen Momente ziehen. Diese Thatsache ist die, dass Arzte, welche die 
Erscheinungen der Iritis in zahlreichen Fällen beobachtet und mit den jeweiligen ätio- 
logischen Momenten verglichen haben, aus den Symptomen am Auge allein, noch vor Un- 
tersuchung des Gesammtorganismus und vor Befragung des Kranken um ursächliche Mo- 
mente, in vielen Fällen mit grösster Wahrscheinlichkeit, und nach Eruirung des bisherigen 
Verlaufes selbst mit Gewissheit das ätiologische Moment bestimmen. Diess wäre offenbar 
nicht möglich, wenn die Erscheinungen der Iritis niemals und in keiner Weise durch 
da? ätiologische Moment modificirt würden. Prof. Ruute meint zwar, man pflege, ehe man 
eine Augenentzündung z. B. für scrofulös erklärt, sich doch früher erst das Individuum 
anzuschauen, und stütze sich eigentlich nicht auf die Erscheinungen am Auge, sondern 
vielmehr auf die Merkmale der Scrofulosis am übrigen Körper. Möglich, dass ein und 
der andere Praktiker auf diese Weise vorging. Der rationelle Arzt wird aber gewiss 
eine Bindehautentzündung, welche bei einem eclatant scrofulösen Individuum vorkommt, 
nicht schon dieses Vorkommens wegen , sondern nur dann für scrofulös erklären , wenn 
dieselbe Charaktere zeigt, welche sie in zahlreichen andern Fällen gezeigt hat, wo ihr 
Bedingtsein durch Scrofulosis auch anderweitig nachgewiesen worden war. (Vgl. I. B. 
S. 89.) Denn wenn ein eclatant scrofulöses Individuum seine Augen z. B. mit Tripper- 
schleim verunreinigt und eine Blennorrhoe bekommt , so wird doch wohl Niemand diese 
Bindehautentzündung für eine scrofulöse erklären. Man mag dann sagen: Blennorrhoea 
in individuo scrofuloso, aber niemals: Blennorrhoea scrofulosa. — Auf gleiche Weise 
können bei einem Indididuum Zeichen allgemeiner Syphilis und zugleich Iritis vorhanden 
sein , und ich werde mich dadurch allein noch keineswegs bestimmen lassen, die Iritis 
schon wegen dieses Vorkommens allein mit Gewissheit für syphilitisch zu erklären. — 
Wenn mir ein Kranker mit einer Bindehautblennorrhoe versichert, er habe diese Krank- 
heit davon, dass ihn Jemand ins Auge gestossen , so werde ich ihm das nicht glauben, 
weil mich eigene und fremde Erfahrung gelehrt hat, dass diese Reihe krankhafter Erschei- 
nungen niemals aus einer traumatischen Einwirkung allein hervorgehen kann. Wenn ein 
Kranker mit Iritis zu mir kommt, welche dieselben Erscheinungen darbietet, wie ich sie 
oft an Kranken beobachtet habe, welche an Lues litten, und welche auch nur mit dieser 
zugleich gründlich geheilt werden konnte, so werde ich berechtigt sein , auf's Genaueste 
nachzuforschen , ob nicht Merkmale einer primären Affection vorhanden sind. Auf eine 
solche Untersuchung aber in jedem Falle zu dringen, wäre wohl eben so gefährlich als 
lächerlich. Diess müssen aber jene Arzte, welche die Modifikation der Iritis durch die 
ätiologischen Momente in Abrede stellen, offenbar jederzeit thun, wenn sie nicht etwa 
sich mit der blossen Angabe des Kranken begnügen oder die Entzündung nach all- 
gemeinen Principien überhaupt behandeln wollen. Denn es ist Thatsache der Beobach- 



54 Regenbogenhaut. 

tung, dass die Reihe der seeundären Erscheinungen auch mit Iritis beginnen kann, dass 
die Lues nicht jedem am Gesichte geschrieben steht, und dass ihre Einimpfung auch nicht 
immer einen lockeren Lebenswandel voraussetzt. Es gibt Fälle, wo Entzündungen der Haut 
(Exantheme) sich in ihren Erscheinungen, in der Art und Weise, wie sie beginnen und 
fortschreiten, so eigentümlich verhalten, dass der geübte Diagnostiker daraus allein mit 
grosser Sicherheit, selbst mit Gewissheit auf Syphilis als Grundursache zurückschliesst. 
Es kommen Entzündungen der Schleimhäute (Geschwüre an den Genitalien, am Eachen 
u. s. w.j vor, wo die Erscheinungen an und für sich hinreichen, das Grundübel erkennen 
zu lassen, auch dann wenn die Infection in Abrede gestellt wird. Hat man wohl einen 
Grund a priori, bei Entzündung der Eegenbogenhaut ein gleiches Verhalten zu negiren? 

Wenn 'wir aber behaupten, es sei möglich, aus der Art und Weise, wie die Iritis 
auftritt und verläuft, auf das ursächliche Moment zurückzuschliessen, so müssen wir, um 
Missverständnissen vorzubeugen, noch zwei wesentliche Punkte besonders hervorheben. 
Erstens stützt sich dieser Schluss immer nur auf Indnction undAnalogie, und wir werden 
daher bei der Gegenwart charakteristischer Merkmale in einem gegebenen Falle immer 
nur sagen können : da sich dieser Fall von Iritis so verhält, wie gewöhnlich bei Syphilis, 
Scrofulosis u. s. w., so ist anzunehmen , dass auch in diesem Falle Syphilis, Scrofulosis 
zu Grunde liege. Der Befund am Auge kann uns in keinem Falle der anderweitigen 
Constatirung der Ursache (durch Anamnesis und Untersuchung des übrigen Körpers) über- 
heben. — Und zweitens wir behaupten nicht, dass sieh jede z. B. durch Syphilis bedingte 
Iritis immer so äussern müsse , wie wir später angeben werden ; wir behaupten nicht, 
dass in Fällen, wo die Erscheinungen am Auge nicht so scharf wie in constatirten ecla- 
tanten Fällen ausgeprägt gefunden werden, das Vorhandensein des entsprechenden ätiolo- 
gischen Momentes schon negirt werden könne. Es kommen Fälle genug vor, wo die Er- 
scheinungen am Auge so wenig markirt sind , dass sie gar keinen Anhaltspunkt geben, 
auf die Ursache der Iritis zu schliessen. Dann wird aber auch die Angabe des Kranken 
und die Constatirung dieses oder jenes Allgemeinleidens einer genaueren Diagnosis keine 
hinreichende Stütze geben, und man wird sich mit der allgemeinen Diagnosis : Iritis be- 
gnügen müssen , bis etwa der weitere Verlauf oder das Verhalten zu Arzneimitteln von 
bekannter Wirkung nähere Aufschlüsse geben. 

Obwohl wir nun an die Schilderung der Iritis nach den ätiologischen Momenten 
weit geringere Anforderungen stellen, als bisher gewöhnlich geschehen ist, so sind wir 
doch überzeugt, dass sie für den pi-aktischen Arzt von wesentlichem Nutzen, ja unent- 
behrlich sein werde. 

Zum Schlüsse dieser — vielleicht schon etwas zu weitläufigen Erörterungen will 
ich noch durch einen speciellen Fall die Bedeutung dieser Anschauungsweise für das 
praktische Leben erläutern. In mein Ordinationszimmer trat ein junger Mann mit Ent- 
zündung des linken Auges. Ohne ihn weiter zu fragen, untersuchte ich das Auge, und 
sagte ihm, er habe wohl vor kürzerer oder längerer Zeit an einem Chancre gelitten, 
denn ich fand die Zeichen der Iritis so, wie in der Regel bei Lues. Anfangs war der 
junge Mann betroffen — er war Bräutigam — dann gestand er mir, dass er seit 8 Wo- 
chen von einer solchen Affection geheilt sei. Er war besonders desshalb erstaunt, weil 
sein Arzt ihn noch Tasjs vorher gesehen , und gar nichts von einem solchen Übel er- 
wähnt hatte. Derselbe hatte ihm anfangs ein Augenwasser, später innerlich Tart. stibi- 
atus r. d., und zuletzt, als heftige Lichtscheu dazu kam, Einreibungen von Autenrieth- 
scher Salbe zwischen die Schulterblätter verordnet. Und doch mussten die Symptome, 
welche Syphilis vermuthen Hessen, bereits seit einigen Tagen deutlich vorhanden gewesen 



Entzündung - traumatische — Symptome. 55 

sein ! Oder meinte dieser Arzt, man könne eine Iritis syphilitica mit Tart. stibiatus hei- 
len, weil es nur Eine Iritis gibt? 



B. Arten der Iritis. 

1. Iritis traumatica; Verletzmigen der Iris überhawpt. 

Die Iris verträgt, trotz ihres Gefäss- und Nervenreichthumes , sehr 
bedeutende mechanische Verletzungen, ohne sich zu entzünden. Nur 
Druck und Quetschung-, zumal wenn sie länger andauern, haben gern 
Iritis zur Folge. 

Die beste Gelegenheit, das Verhalten der Iris gegen traumatische 
Eingriffe beim Menschen zu studiren, bieten die Staaroperationen und 
die Pupillenbildungen. Es geschieht, dass man beim Hornhautschnitt 
(behufs der Extraction) ein Stückchen aus der Iris ausschneidet, und 
zwar entweder aus dem grossen oder aus dem kleinen Kreise. Im er- 
sten Falle entsteht eine zweite Pupille, welche nur dann durch Exsudat 
verschlossen wird, wenn die Öffnung sehr klein war, im zweiten Ver- 
größerung der (natürlichen) Pupille, entsprechend der Grösse des aus- 
geschnittenen Stückes, niemals jedoch Entzündung der ganzen Iris, höch- 
stens Verwachsung der Wundränder mit der Kapsel. Hat man behufs 
der Pupillenbildung bei freiem Pupillarrande einen Theil des letzteren 
durch die Hornhautwunde herausgezogen und abgeschnitten, so erfolgt 
gleichfalls keine Iritis, sondern nur eine Vergrösserung der Pupille nach 
der entsprechenden Richtung hin; die Wundränder bleiben frei oder 
wachsen im Bereiche des kleinen Kreises an die Kapsel an, und bieten 
dem Sphincter pupillae fixe Punkte zur Contraction. Trennt man durch 
einen Querschnitt die Ringfasern, was bisweilen bei der Extraction nöthig 
wird, so entsteht eine bleibende Spalte, Coloboma iridis (traumaticum). 
Schnitte oder Stiche, welche die Radialfasern quer getroffen haben, hin- 
terlassen nur dann eine bleibende Öffnung, wenn der Sphinkter durch 
vordere oder hintere Synechien fixirt und der grosse Kreis der Iris hie- 
durch zugleich sehr ausgedehnt und straff gespannt war. 

Nach mechanischen Einwirkungen auf das Auge, welche geeignet 
sind, dasselbe momentan zu comprimiren und die Cornea für einen 
Augenblick abzuplatten, geschieht es, dass die Iris in mehr weniger 
grossem Umfange vom Ciliarkörper los- und wohl überdiess auch noch 
quer (vom Ciliar- zum Pupillarrandej durchgerissen wird. Dieser Unfall 
hat wohl in der Regel starken Blutaustritt in die Augenkammer, nie- 
mals jedoch (mindestens sehr selten) Entzündung der Iris in ihrer To- 



56 Regenbogenhaut. 

talität zur Folge. Der Bluterguss steht nicht immer in geradem Ver- 
hältnisse zur Verletzung der Iris; bisweilen kann man die Stelle, aus 
welcher das Blut kam, selbst nach erfolgter Aufsaugung desselben nicht 
auffinden. Es ereignet sich auch, dass in Folge ähnlicher Gewalttä- 
tigkeiten die vorderste Partie der Sclera an irgend einer Stelle berstet, 
die entsprechende Irispartie von dem zur Öffnung strömenden Kammer- 
wasser mit fortgerissen und in dieselbe eingeklemmt wird, und den- 
noch eben so wenig allgemeine Iritis nachkommt, wie wenn eine Por- 
tion der Iris in eine Wunde oder Geschwürsöffnung der Hornhaut vor- 
fällt und allmälig einheilt. Würde in solchen Fällen das Sehvermögen 
nicht durch Erschütterung der Netzhaut (und hiedurch bedingte Amblyo- 
pie oder Amaurosis) gefährdet — ein Unfall, der selten ausbleibt — 
würde nicht, was jedoch seltener erfolgt, nachträglich die Linse getrübt 
(wegen Zerreissung der vordem Kapsel oder der Zonula Zinnii), so 
würden solche Fälle eben nur in so fern von Bedeutung sein, als sie 
Vergrösserung oder Verziehung der Pupille, oder Doppeltsehen (durch 
Entstehung einer peripherischen Pupille) setzen. 

Wird dagegen die Iris bei absichtlichen oder zufälligen Verletzun- 
gen gequetscht, oder wird sie durch eingedrungene fremde Körper, 
durch die dislocirte Linse, oder durch einzelne Staarreste anhaltend ge- 
drückt, so entsteht sehr häufig Entzündung derselben. Die Fälle, wo 
kleine fremde Körper in der Substanz der Iris oder in der vordem 
Kammer durch partielle Entzündung eingekapselt werden, sind äusserst 
selten. In der Regel erregen sie allgemeine Iritis, zu welcher fast 
immer auch Chorioiditis und Keratitis mit eitrigem Exsudate hinzutritt. 

Eine Iritis, welche nach einer Verletzung des Bulbus entsteht, kann 
zu dieser in einem sehr verschiedenen Verhältnisse stehen. Einmal ist 
die Iritis als unmittelbare Folge der Verletzung der Iris selbst zu be- 
trachten; die Verletzung reichte an und für sich hin, die Iris in Ent- 
zündung zu versetzen; die Reactionserscheinungen folgen hier der Ver- 
letzung so zu sagen wie der Schatten dem Lichte. — In andern Fällen 
entzündet sich die Iris nicht sowohl wegen der Verletzung selbst, als 
vielmehr desshalb, weil sie durch einen im Auge zurückgebliebenen 
Körper, oder durch die entkapselte Linse, oder durch einzelne Staar- 
reste gereizt wird. Hier kann die Entzündung der Iris mehrere Tage, 
selbst Wochen lang nach der Verletzung entstehen. Ihr Verlauf ist 
bald äusserst heftig, und droht mit Eiterung, consecutiver Keratitis, 
Chorioiditis, Panophthalmitis, bald ungewöhnlich protrahirt und mit Pu- 
pillensperre endend. — In einer 3. Reihe von Fällen litt durch die Ver- 
letzung vielleicht nur die Cornea, und die Iris entzündet sich erst, nach- 



Entzündung — traumatische — Symptome. 57 

dem sich ein Abscess oder ein tieferes Geschwür der Cornea entwickelt 
hat (vergl. I. B. S. 222), oder die Iris wird von der verletzten Chorioi- 
dea aus in Mitleidenschaft gezogen. — Es gibt endlich Fälle, wo das 
Auge durch eine Verletzung im Ganzen wenig leidet, und erst desshalb 
Iritis (oder Keratoiritis u. dgl.) entsteht, weil der Kranke bei gereiztem 
Zustande des Auges dieses anstrengte, starkem Lichte oder einer Ver- 
kältung aussetzte, oder an einer Dyskrasie, z. B. an Lues leidet. 

Es ergibt sich hieraus, dass nicht jede Iritis, welche nach einer 
traumatischen Beleidigung des Auges entsteht, desshalb schon für eine 
traumatische, d. h. durch das Trauma allein bedingte zu erklären sei. 
Die Constatirung dieses Verhältnisses kann in einzelnen Fällen von 
hoher Bedeutung sein; nicht nur behufs der Prognosis und Therapie, 
sondern auch in gerichtsärztlicher Beziehung. Der Arzt muss sich auch 
hier vor Allem an die Symptome und deren Aufeinanderfolge und an 
das halten, was bisher aus Erfahrung über solche Fälle bekannt ist, 
uni von objectivem Standpunkte aus auf das ursächliche Moment zu- 
rtickschliessen zu können. 

Die meisten Individuen haben in dem Momente, wo die Iris ver- 
letzt wird, die Empfindung eines lebhaften Schmerzes im Auge. Wenn 
Ubliijkeiten, Brechneigung, wirkliches Erbrechen nach einer Verletzung 
des Auges auftreten, so hat man guten Grund, auf Beleidigung der lie- 
genbogen- oder Aderhaut zu schliessen, es müsste denn (nach andern 
Umständen und Zufällen) Gehirnerschütterung anzunehmen sein. Diese 
Zufälle können vorübergehen, ohne dass es zur Iritis kommt. Sie sind 
aber als Zeichen von beginnender und in der Regel mit grosser Hef- 
tigkeit drohender Iritis (Chorioiditis) zu betrachten, wenn sie erst mehrere 
Stunden oder Tage nach erfolgter Verletzung auftauchen. Die Wahr- 
scheinlichkeit, dass Iritis eintrete, steigt noch höher, wenn Schmerzen 
in der Umgebung des Auges, in der Stirn, in der Nasenwurzel, in den 
Zähnen des Oberkiefers hinzutreten. Doch können diese Zufälle feh- 
len, oder sie können noch auf zeitweilige flüchtige Stiche im Auge be- 
schränkt sein, wenn bereits Iritis vorhanden ist, durch Besichtigung des 
Auges constatirt werden kann. Da jedoch das verletzte Auge sehr 
häufig nicht so starkem Lichte ausgesetzt werden kann, als zur Unter- 
suchung der Iris selbst nöthig ist, da bei durchdringenden Wunden des 
Bulbus, namentlich nach der Extraction des grauen Staares, schon die 
Abnahme des Verbandes (Öffnung der Lickpalte) das Auge grosser Ge- 
fahr aussetzen kann, so ist es nöthig, jene Erscheinungen zu kennen, 
welche mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit auf Iritis schliessen lassen, 
auch ohne dass man den Bulbus selbst (genauer) zu untersuchen braucht. 



58 Regenbogenhaut. 

Nach jeder Verletzung tritt vermehrte Thränenabsonderung ein. 
Dieselbe vermindert sich jedoch, namentlich nach Operationen, in Zeit 
von einigen Stunden, und wird in Kurzem aufs Normale reducirt, falls 
nicht eine anderweitige, als die zur Verschliessung der Wunde nöthige 
Eeaction eintritt. Wurde das verletzte Auge durch Verklebung der 
Lider (mittelst Streifen englischen Pflasters) wohl verschlossen, so kann 
es geschehen, dass die im Bindehautsacke angehäuften Thränen das 
Gefühl von Drücken oder Stechen erregen, welches jedoch verschwin- 
det, sobald die Thränen sich einen Ausweg gebahnt haben. Der Ver- 
letzte pflegt die über die Wangen herabfliessenden Thränen als heiss zu 
bezeichnen, sobald Entzündung der Iris (Cornea oderChorioidea) im Zuge 
ist. Wenn vor dem dritten Tage nach einer Staaroperation oder Pupillen- 
bildung im innern Winkel mehr Schleim angesammelt erscheint, als an dem 
unversehrten andern Auge, und nicht etwa schon vor der Verletzung ein 
Zustand der Bindehaut vorhanden war, welcher vermehrte und veränderte 
Secretion derselben bedingt, so hat man Grund, diese Erscheinung als 
Zeichen von Entzündung der Hörn- oder Begenbogenhaut zu betrachten. 
Erhöhung der Temperatur der Cutis an der verletzten Seite, namentlich 
über dem Wangenbeine, ist geeignet, Verdacht auf Iritis zu erregen. Sie 
fehlt nur bei sehr gelind auftretender und langsam verlaufender Entzün- 
dung, kann aber auch anderweitig veranlasst sein. Schnullt das obere 
Augenlid an, wenn auch nur am Rande, so hat die Entzündung der Iris 
(oder Cornea) sicher schon einen bedeutenden Grad erreicht. 

Wenn eine nach einem Trauma entstandene Iritis nicht als unmittel- 
bare Folge der Verletzung selbst auftritt, so werden die Erscheinungen 
und der Verlauf je nach den mitwirkenden ursächlichen Momenten man- 
nigfaltig modificirt, und es lässt sich für solche Fälle eben keine allge- 
meine Schilderung entwerfen. 

Die von mechanischen Momenten allein oder vorwaltend abhängigen 
Fälle totaler Iritis zeichnen sich durch deutliche Entfärbung, Lockerung 
und Schwellung des Gewebes, häufig auch durch deutliche Gefassein- 
spritzung auf der Iris aus. Stets ist dabei die Pupille sehr verengert, 
falls nicht mechanische Hindernisse entgegenstehen oder die Chorioidea 
der Ausgangspunkt der entzündlichen Zufälle ist, und mehr als bei irgend 
einer andern Form droht hier die Gefahr, dass die Pupille durch reich- 
liches faserstojfiges Exsudat gesperrt werde. Bei grösserer Heftigkeit 
kommt es auch zur Eiter ansammlung in der Augenkammer. Mit dieser 
raschen und faserstoffreichen Exsudation zugleich bemerkt man starke 
Tnjection der vordem Ciliar arter ien (einen rosen- oder violettrothen Saum 
um die Cornea) und consecutive Hyperämie, selbst Schwellung der Con- 



Entzündung — traumatische — Behandlung. 59 



»s 



jimctiva bulbi, letztere oft so stark, dass die Bindehaut einen hoch- oder 
dimkeirothen Wall um die Hornhaut herum darstellt. Wenn heftige 
Schmerzen, Lichtscheu und Thränenfluss, auffallend gedrückte Gemüths- 
stimmung, Appetitlosigkeit, Brechneigung, Pulsbeschleunigung, erhöhte 
Hautwärme u. dgl. auch in den ersten Tagen bisweilen fehlen, oder nur 
unbedeutend sind, so bleiben sie doch bei andauernder und zunehmender 
Entzündung selten aus. 

Es geschieht mitunter , dass ein Individuum , dessen Iris bei einer Operation oder 
zufalligen Verletzung arg mitgenommen wurde, ohne Entzündung derselben durchkommt, 
waä dass hingegen Iritis auftritt, wo der Operateur weder sich noch dem Kranken einen 
Torwurf machen kann, und sich doch keine andere Ursache der Iritis, als eben das 
Trauma selbst, constatiren lässt. Man macht z. B. die Extraction bei einer ganz gesun- 
den Person; die Operation geht nach Wunsche von Statten, und der Kranke verhält sich 
auch nachher zweckmässig. Es treten den 2. und selbst den 3. Tag weder subjective 
noch objective Erscheinungen ein , welche Verdacht auf Entzündung überhaupt erregen 
könnten. Auf einmal in der Nacht etwa träumt der Operirte, er habe sich an das Auge 
ge.?tossen. oder er wird durch einen flüchtigen Stich im Auge erschreckt, und es fliessen 
einige Zähren über die Wange. Des Morgens findet der Arzt vielleicht ein und das 
andere der obgenannten objectiven Svnrptonie, vielleicht auch keines derselben (oder 
nicht verlässlich ausgesprochen). Er wartet noch einen Tag zu , da keine eclatanten 
Zu! alle auftreten, und entfernt den 5. oder 6. Tag den Verband. Der Kranke sieht nichts, 
oder wenig. Der Arzt erkennt, dass Iritis mit mehr weniger reichlichem Exsudate ein- 
getreten ist, auch schon bei sehr massiger Beleuchtung, wenn nämlich die Hornhaut- 
wunde geschlossen, die Hornhaut ungetrübt, und dennoch das Auge ohne Glanz, ohne 
jenes Feuer erscheint, welches die offene Pupille dem Auge auch im Halbdunkel verleiht, 
und wenn zugleich das Weisse des Auges rings um die Hornhaut deutlich geröthet ist. 

Wenn zu den Symptomen, die auf einfache Iritis deuten, nicht in 
wenig Tagen Erscheinungen hinzutreten, welche von Theilnahme der 
Cornea, der Chorioidea oder sämmtlicber Gebilde des Augapfels an dem 
Entzündungsprocesse zeugen, so hat man ausser mechanischer Beschrän- 
kung oder Aufhebung des Sehvermögens (partieller oder totaler Pupil- 
lensperre) nichts zu fürchten, und es ist dem Processe mit diesem Aus- 
gange gleichsam die Spitze abgebrochen. Eine Ausnahme machen nur 
jene Fälle, wo ein fremder Körper im Auge zurückgeblieben ist, oder 
wo das Auge durch die dislocirte oder entkapselte Linse beständig ge- 
reizt wird, und die Entzündung jeden Augenblick mit erneuerter Hef- 
tigkeit auflodern kann, gewöhnlich aber die Sehkraft auf eine mehr 
schleichende und unvermerkte Weise (durch allmälige Exsudation im 
Glaskörper oder von Seite der Chorioidea) vernichtet wird. 

Behandlung. So wie bei jeder Verletzung muss auch hier zu- 
vörderst untersucht werden, ob nicht irgend ein fremder Körper in die 
Iris oder noch tiefer eingedrungen sei. Man wird ihn natürlich zu 



60 Regenbogenhaut. 

entfernen suchen, wo dieses geschehen kann, ohne das Auge durch die 
hiezu nöthigen Eingriffe noch grösserer Gefahr auszusetzen , als das 
Zurückbleiben desselben dem Auge zu bringen droht. Nähere Andeu- 
tungen hierüber lassen sich nicht geben. Sodann ist wo möglich zu 
ermitteln, ob die Linse durch die Verletzung etwa dislocirt oder min- 
destens die vordere Kapsel eingerissen wurde, weil dann nicht nur Ca- 
taracta, sondern auch Reizung der Iris durch dieselbe zu fürchten steht. 
Das Nähere hierüber kann erst bei der Lehre von den Krankheiten 
der Linse angegeben werden. Wie man sich bei Vorfällen der Iris 
durch Hornhautwunden zu benehmen habe, wurde bereits B. I. S. 229 
besprochen. Dieselben Grundsätze gelten auch bei Vorfällen der Iris 
durch Einrisse oder Wunden der Sclera. 

Nicht minder wichtig ist, dass man bei Verletzungen, welche den 
Bulbus einer Erschütterung aussetzten, des lähmenden Einflusses nicht 
vergesse, welchen diese auf die Netzhaut auszuüben pflegt. Bei Augen, 
welche in Folge eines Stosses, Hiebes u. dgl. eine Lostrennung der Iris 
vom Ciliarbande, eine Zerreissung ihres Parenchyms, starke Blutaus- 
tretung in der vordem Augenkammer u. s. w. darbieten, ist nicht so 
sehr die nachfolgende Reaction (Entzündung der Iris) zu fürchten, als 
Amblyopie oder Amaurosis. Am ehesten kann man diesem traurigen 
Ausgange noch durch frühzeitige Anwenduug spirituös-aromatischer Um- 
schlüge vorbeugen. Ich gehe in solchen Fällen sehr bald, selbst den 
ersten Tag noch, von Eisumschlägen zur Anwendung der Tinctura ar- 
nicae montanae über, indem ich sie mit kaltem Wasser, später mit Spi- 
ritus vini, spir. roris marini, oder einem ähnlichen Mittel (allmälig we- 
niger und weniger) verdünne. 

Steht nach der Art der Verletzung oder nach den bereits eingetre- 
tenen Zufällen eine heftige Iritis zu befürchten, oder ist diese bereits 
in vollem Gange, so säume man nicht, wenn sonst die Individualität 
des Verletzten es zulässt, einen Aderlass vorzunehmen, oder mindestens 
eine entsprechende Zahl Blutegel (8 — 16) an die Schläfe und hinter 
das Ohr zu setzen, und beide oder nur letztere zu wiederholen, sobald 
nicht ein merklicher und dauernder Nachlass der entzündlichen Zufälle 
eingetreten ist. Unmittelbar nach den Blutentziehungen sind kalte Um- 
schläge, gehörig angewendet, das zweckmässigste Mittel, vorausgesetzt, 
dass nicht bereits Eiterung eingetreten ist. Es versteht sich, dass man 
die Cur durch knappe Diät, strenge Ruhe (der Augen und des Körpers), 
Abhaltung aller örtlichen und allgemeinen Reize, namentlich Temperi- 
rung des Lichtes, und durch sahige Abführmittel unterstützen muss; 
bei drohender oder bereits vorhandener reichlicher Exsudation in der 



Entzündung — traumatische — Behandlung. 61 

Pupille reiche man Ccrfomel in grossen Gaben, etwa zu 2 Gran alle 
3 bis 4 Stunden. Ist die Heftigkeit der Zufälle gebrochen, so mache 
man Einreibungen von Unguentum cinereum mit Opium an die Stirn 
und Schläfe (4 — 8 Gran auf 1 Drachme); Belladonna oder Hyoscyamus 
können erst viel später in Anwendung kommen, wenn keine Exsuda- 
tion mehr erfolgt und auch die auf Congestion beruhenden Erscheinun- 
gen ganz oder giösstentkeils verschwunden sind. 

Die Ansichten der Ärzte über die Wirkung der Belladonna (des Hyoscyamus) sind 
sehr verschieden. Sie erweitert im gesunden Auge die Pupille, wenn man sie in ent- 
sprechender Dosis innerlich verabreicht, oder von einer Lösung des Extractes (2 — 3 
Gran in 1 Drachme Wasser) einige Tropfen in den Bindehautsack bringt, oder dasselbe 
Präparat (S — 10 Gran mit t Drachme unguentum) an die Stirne und Schläfe aufstreicht. 
Wir haben uns bereits oben (S. 33) ausgesprochen , dass wir uns diese Wirkung nur 
durch Erschlafl'uug des Sphinkters und ungeschwächte Thätigkeit der Badialfasern er- 
klären können. Wir haben ferner, gestützt auf Analogie, S. 38 uns für die Ansicht ent- 
scheiden müssen , dass bei jeder heftigen Iritis sowohl der Sphinkter als der Dilatator 
ihr Contractionsvermögen verlieren. Wir begreifen also schon a priori nicht, wie die 
Belladonna ihren EinÜuss auf den Sphinkter während heftiger Iritis geltend machen, oder 
wie sie ihn bei Zunahme der Entzündung bleibend ausüben könne. 

Ich bin aber auch nie im Stande gewesen, während einer nur einigermassen hef- 
tigen Iritis (abgesehen von mechanischen Hindernissen in der Pupille) die Pupille durch 
Belladonna zu erweitern, oder durch zeitige Anwendung von Belladonna die Pupille er- 
weitert zu erhalten, wenn Iritis im Anzüge war. Ich habe Versuche hierüber theils nach der 
Extraction, theils nach der Reclination gemacht, in Fällen, wo Iritis zu befürchten stand 
und auch wirklich eintrat. Ja ich bin sogar von der Anwendung der Belladonna während 
der Dauer der Entzündung auch in minder heftigen , selbst in chronischen Fällen ganz 
abgegangen, weil ich in einigen Fällen nach ihrer Anwendung offenbare Verschlimmerung 
beobachtet habe. Einer dieser Fälle, der auch in anderweitiger Beziehung viel Interesse 

. wird weiter unten ausführlich mitgetheilt werden. 

Wenn endlich der Exsudationsprocess selbst erlischt, und die Hy- 
peramie mehr eine passive geworden, besonders aber wenn Eiterung 
eingetreten ist, so pflegen die Kranken die kalten Umschläge nicht mehr 
zu vertragen, nach ihrer Anwendung über stärkere Schmerzen zu kla- 
gen, hingegen trockene warme Tücher (von der Stirne über das Auge 
herabhängend) sich zu loben. Die Einreibungen von Unguentum cine- 
reum mit Opium sind auch jetzt noch das beste Mittel, heftige Schmer- 
zen zu lindern; in seltenen Fällen werden auch diese nicht vertragen, 
und es müssen Opiate innerlich angewendet werden. 

Ist viel Eiter in der Augenkammer angesammelt, so entleere man 
denselben durch einen 2 — 3"' langen Hornhautstieh , zumal dann, wenn 
das Hypopyum von heftigen Schmerzen (im Auge und in der entsprechen- 
den Kopf hälfte) begleitet wird. Die Punction dürfte auch in jenen Fällen 
erlaubt und von grossem Nutzen sein, wo durch Aufquellen der entkapsel- 






62 Regenbogenhaut. 

ten Linse grosse Spannung des Bulbus und heftige Schmerzen unterhalten 
werden. Von der innerlichen Anwendung der Polygala senega allein oder 
mit weinsteinsauren Salzen darf man Beförderung der Resorption im Bul- 
bus erwarten, jedoch nur allmälig. 

Ist das heftige und hartnäckig anhaltende Erbrechen, welches sowohl 
nach zufälligen als nach absichtlichen Verletzungen des Bulbus nicht sel- 
ten beobachtet wird, durch die beginnende und steigende Reaction bedingt, 
dann wird es am ehesten durch die eben angegebene Antiphlogose gestillt. 
Wäre Einklemmung der Iris in der Cornea oder Sclera vorhanden, und 
mit überwiegender Wahrscheinlichkeit als Ursache jenes Zufalles zu be- 
trachten, dann müsste man diese entweder durch Abtragung des vorgefal- 
lenen Stückes oder nach den B. I. S. 206 gegebenen Regeln zu beseitigen 
suchen. Wie man sich zu benehmen habe, wenn Druck auf die Iris oder 
Chorioidea durch die zu tief in den Glaskörper hineingedrückte, rück- 
wärts an die Iris angelehnte, oder in die vordere Augenkammer vorge- 
fallene Linse, oder durch die zu stark aufgequollenen Theile derselben 
als Ursache dieses Zufalles erklärt werden muss, kann erst bei der Lehre 
von den Staaroperationen angegeben werden. Es kann übrigens hef- 
tiges und hartnäckiges Erbrechen auch in übermässiger Empfindlichkeit 
des Nervensystemes allein oder vorwaltend bedingt sein. In solchen 
Fällen ist vor Allem Tröstung des übermässig ängstlichen Kranken 
nöthig; kleine Gaben Brausepulver, Aqua laurocerasi , Morphium aceti- 
cum, Sulfas chinini mit Opium, eine Tasse guter Fleischbrühe, Infusum 
menthae piperitae oder forum chamomillae sind die vorzüglichsten Se- 
dativa, bei deren Wahl man in speciellen Fällen durch besondere Ver- 
hältnisse geleitet werden mag. 

2. Iritis rheumatica. 

Es gibt Fälle, wo sich unmittelbar nach einer Verkältung eine 
Augenentzündung entwickelt, welche sich vorwaltend oder nebenbei 
durch die Zufälle von Iritis kund gibt. Gewöhnlich ist es die Con- 
junetiva bulbi, oft die Hornhaut, selten die Aderhaut, welche mit der 
Iris zugleich im Zustande der Entzündung gefunden wird. Nicht selten 
entwickelt sich diese Iritis, gleich der Keratitis rheumatica, erst nach 
längerem Bestehen eines Augenkatarrhs, und die Erscheinungen dieses 
letzteren bestehen dann in gleichem Grade fort, oder sie treten nach 
dem Erscheinen der Iritis mehr weniger in den Hintergrund. Es gibt 
Fälle, wo nach einer Verkältung der Betroffene von Lichtscheu, Thrä- 
nenfluss, heftigen Schmerzen im Auge und dessen Umgebung, wohl 



Entzündung; — rheumatische — Symptome. 63 

auch von leichter Trübung des Gesichtes befallen wird, das Auge nur 
einen lebhaft gerotteten Saum rings um die Cornea, netzförmige Röthe 
und leichte Schwellung der Conjunctiva bulbi darbietet, und erst nach 
einigen Tagen die Zeichen von Keratitis oder Iritis , oder von beiden 
zugleich sichtbar werden. 

Solche Fälle wurden bisher gewöhnlich unter dem Namen Ophthalmia catarrhalis 
rheumatica beschrieben. Die Autoren, welche sich dieser Benennung bedienten, waren 
der Meinung, es sei ursprünglich nur die Conjunctiva und die Sclera entzündet, und erst 
später trete Iritis hinzu. Diess scheint uns nicht ganz richtig zu sein. Die Sclera ist bei 
jenem Zustande, den man Ophthalmia rheumatica oder Scleritis rheumatica genannt hat, 
wohl niemals entzündet, höchstens im Zustande von Congestion und etwas seröser Durch- 
leuchtung; denn niemals sehen wir bei dieser Form weder die Zeichen noch die Folgen 
wirklicher platischcr Exsudation in der Sclera, welche doch bald in der Cornea, bald in 
der Iris mehr weniger deutlich hervortreten. Ich bin der Ansicht, die Bosenröthe des 
vordem Umfanges der Sclera sei nur durch starke Congestion im Bereiche der vor- 
dem Ciliararterieu bedingt, eine Erscheinung, [ohne welche man sich Entzündung der 
Cornea oder Iris nicht wohl denken kann, und welche dieser Entzündung allerdings 
durch längere Zeit vorausgehen , aber auch wieder verschwinden kann , bevor es noch 
zur Ausscheidung faserstoffigen Exsudates in irgend einem der genannten Gebilde ge- 
kommen ist. Diesen rothen Gürtel von Entzündung des Corpus ciliare (Kyklitis) her- 
zuleiten, wie in neuerer Zeit Einige gethan haben, heisst an die Stelle einer als 
unhaltbar erkannten Hypothese (Scleritis) eine andere, nicht um ein Haar besser be- 
gründete setzen. 

Symptome. Exquisite Fälle von Iritis rheumatica beginnen immer 
mit sehr lebhafter Injection der vordem Ciliargefässe, mit zonenförmi- 
ger lichter Rosenröthe rings um die Cornea, unter heftigen* gewöhnlich 
stechenden oder reissenden, anhaltenden oder aussetzenden Schmerzen 
im Auge und dessen Umgebung, meistens in der ganzen entsprechenden 
Kopfhälfte, mit heftiger Lichtscheu und reichlichem Thränenßusse. Da- 
bei können die Veränderungen in der Iris relativ noch sehr gering 
sein, und sich auf Verengerung der Pupille ohne Exsudat in derselben, 
geringere Beweglichkeit der Iris und leichte Entfärbung derselben, viel- 
leicht bloss im kleinen Kreise (dunklere Färbung) beschränken. Äusserst 
selten wird man selbst bei diesem geringen Grade odcmatöse Infiltra- 
tion der Conjunctiva bulbi bis in den Übergangstheil , und selbst des 
obern Augenlides vermissen, welche sonst nur den höhern Graden an- 
derer Formen von Iritis zukommt. Vergrösserung der vordem Augen- 
hammer kann das einzige Zeichen bereits erfolgter Exsudation sein, 
aber auch fehlen. Erst bei höherer Steigerung des Übels wird die 
Schwellung und Lockerung des Gewebes der Iris, vom kleinen Kreise 
aus, und die Ausscheidimg faserstoffigen Exsudates in der Pupille und 
im Humor aqueus deutlich wahrnehmbar. Das Exsudat ist anfangs mehr 



64 Regenbogenhaut. 

serös als faserstoffig, daher die vordere Augenkammer (durch Zurück- 
drängung der Iris) gewöhnlich grösser, die Cornea mehr gespannt und 
glänzend erscheint; in andern Fällen erscheint die Cornea matt, wie 
mit zahlreichen Nadelstichen besetzt (ödematös?) oder durch Präcipita- 
tion von Exsudat an der Descemetschen Haut getrübt (gleichmässig, wie 
ein angehauchtes Glas, oder punktförmig), oder in jenem Zustande, den 
wir als Keratitis rheumatica kennen gelernt haben. Nur bei wiederholter 
oder sehr heftiger Einwirkung der Ursache (unzweckmässiger Behand- 
lung) und bei Hornhautentzündung mit Eiterung kommt es zu reichlicher 
Ausscheidung faserstoffigen (eitrigen) Exsudates in die Pupille oder in 
den Humor aqueus, so dass partielle oder totale Pupillensperre oder 
Senkung des Exsudates in der vordem Augenkammer erfolgt. Die 
Schwellung des Parenchyms erreicht auch in diesen heftigsten Fällen 
nicht leicht einen hohen Grad. Blutgefässe in der Iris werden aus dem- 
selben Grunde niemals sichtbar, ausser nach längerem Bestehen, wel- 
ches wieder durch andere Momente bedingt ist. Auch tritt die durch 
Verkältung bedingte Iritis niemals partiell auf. 

Vorkommen. Die Iritis rheumatica kommt am häufigsten im Man- 
nesalter vor, minder häufig nach dem 50., selten vor dem 20. Jahre. 
Die Aifection befällt nicht leicht beide Augen zugleich oder kurz nach- 
einander. Eine besondere Anlage dazu kennen wir nicht; es muss 
jedoch bemerkt werden, dass eine grosse Zahl der betreffenden Kran- 
ken angeben, sie haben schon früher an Affectionen der Augen oder 
anderer Körpertheile gelitten, welche mit Gewissheit oder mit mehr 
weniger Wahrscheinlichkeit als rheumatische bezeichnet werden können. 
Vergl. Keratit. rheum. Bd. I. S. 196. 

Prognosis. Frische, nicht vernachlässigte oder misshandelte Fälle 
lassen im Allgemeinen eine günstige Prognosis zu, sowohl was die 
Dauer als die Ausgänge betrifft. Das Auge kommt ohne oder mit leich- 
ten hintern Synechien, höchstens mit Pupillensperre (durch eine dünne 
Exsudatschichte) durch. Selbst bei reichlich angesammeltem Faserstoffe 
in den Augenkammern (Hypolympha) ist nichts mehr, als Pupillensperre 
zu fürchten. Nur bei Eiteransammlung (Hypopyum), welche jedoch viel- 
leicht nur bei gleichzeitiger Keratitis mit Abscess- oder Geschwürs- 
bildung vorkommt, drohen dem Auge solche Veränderungen, welche jede 
Aussicht auf Wiederherstellung des Sehvermögens benehmen. Wären 
Zeichen von Chorioiditis vorhanden (Erweiterung der Pupille, feurige 
Erscheinungen, grössere Störung des Sehvermögens, als nach den sicht- 
baren mechanischen Hindernissen angenommen werden kann), so müss- 
ten diese bei der Prognosis wohl in Anschlag gebracht werden. 






Entzündung — rheumatische — Behandlung. 05 

Behandlung. Vor Allem muss für gleiehmüssige Temperatur ge- 
sorgt werden. Der Kranke soll nicht nur, wie bei jeder acuten Iritis, 
im Zimmer bleiben, sondern lieber das Bett hüten. Ich weiss, dass ich 
mit Kranken nicht fertig werden konnte, denen ich gestattet hatte, im 
Zimmer herumzugehen, sich das Gesicht mit frischem Wasser zu wa- 
schen u. dgl. Das Licht werde je nach der Lichtscheu temperirt, doch 
lasse man das Zimmer niemals so stark verdunkeln, dass selbst das 
zur Besichtigung des Auges erforderliche Licht einen grellen Wechsel 
nöthig machen würde. 

Bei lebhafter Röthe der Sclera und heftigen Schmerzen beginne 
man die Behandlung mit 8 — 10 Blutegeln an die Schläfe. Bei der Nach- 
blutung lasse man dafür sorgen, dass nicht neuerdings Verkühlung statt- 
finde. Sodann werde eine Salbe aus 4 — 8 Gran Extr. opii aquosum mit 
1 Drachme Cng. cinereum an die Stirn aufgestrichen, ein Stückchen 
Papier darüber gelegt, und die entsprechende Kopfhälfte mit einer ge- 
wärmten Serviette oder mit Watte u. dgl. bedeckt, so dass dieselbe wie 
ein Schirm über das leidende Auge herabhängt, und noch Luft und 
Licht zum Auge treten lässt. Statt der Salbe habe ich auch das Em- 
plastrum mercuriale, mit Opium versetzt und auf Leder gestrichen, mit 
grossem Nutzen angewendet. Innerlich reiche man Tart. stibiatus refr. 
dosi allein oder mit Glaubersalz, bei heftigen Fällen, namentlich bei 
reichlichem Exsudate in der Augenkammer als Brechmittel oder in 
grossen Gaben. Bei Diarrhöe oder Neigung hiezu verbinde man den 
Tart. stib. refr. dosi mit einem Opiate, oder gebe Opium allein, mit 
einer kleinen Dosis Calomel, oder ein Infusum ipecaeuanhae , natürlich 
nicht promiscue oder pro libitu, sondern mit Auswahl, je nach dem Zu- 
stande des ganzen Organismus. Bei schwächlichen, herabgekommenen 
Individuen habe ich vom Pulvis Doveri überraschende Erfolge, nament- 
lich baldige Linderung der Schmerzen und der Lichtscheu beobachtet. 
— Fuss- oder allgemeine Bäder habe ich, dem Rathe meines verehrten 
Lehrers folgend, nie angewendet, so lange nicht die Röthe der Sclera 
verschwunden war. Ebenso habe ich Senfteige, Vesicantien u. dgl^ 
anfangs nicht, sondern erst dann verordnet, wenn die Entzündung so 
gut als gehoben war, und nur noch leichte Röthe und grosse Empfind- 
lichkeit gegen das Licht zurückblieb. Blutige Sckröpfköpfe hingegen, 
10 — 12 Stück längs der Wirbelsäule, wurden oft schon früher, und in 
vielen, namentlich mehr protrahirten Fällen, mit sichtbarem Nutzen 
applicirt. (Vergl. Keratitis S. 197.) 



Ailt Augenheilkunde. II. 



66 Regenbogenhaut. 

3. Iritis syphilitica. 

Vorkommen. Die syphilitische Regenbogenhautentzündung ist der 
Ausdruck allgemeiner Syphilis am Auge. Sie tritt bei Individuen, welche 
an Chancre gelitten haben, bald gleichzeitig mit andern secundären 
Erscheinungen auf, namentlich mit Hautausschlägen oder Halsgeschwü- 
ren, bald erst, nachdem diese schon einige Zeit bestehen oder auch 
schon zurückgegangen sind, in seltenen Fällen auch bevor sich das All- 
gemeinleiden noch in irgend einem andern Organe manifestirt hat. — 
Am Auge selbst gehen ihr nicht selten andere Entzündungsformen vor- 
aus, namentlich die Erscheinungen eines gewöhnlichen Bindehaut- 
katarrhes. 

Sie entwickelt sich entweder ohne äussere Veranlassung, ohne so- 
genannte Gelegenheitsursache, oder nach den verschiedensten Einflüs- 
sen, z. B. nach einem Stosse an's Auge, einem Luftzuge, nach stärkerer 
Anstrengung des Auges, u. dgl. Je nach der verschiedenen Entstehungs- 
weise können die ihr eigenthümlichen Erscheinungen von Anfang mehr 
weniger verwischt oder maskirt werden; im weitern Verlaufe wird e& 
jedoch beinahe jedesmal möglich, aus dem Verhalten der Entzündung 
selbst mit grösster Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, ob die Iritis als- 
Localausdruck der Syphilis zu betrachten sei oder nicht. 

Symptome. Entsteht die Krankheit, ohne dass irgend eine andere 
Ursache einen merklichen Antheil an deren Provocirung genommen hat, 
so können Trübung des Gesichtes und etwas gesteigerte Empfindlichkeit 
gegen Licht, Anstrengung u. dgl. die ersten, und mehrere Tage lang auch 
die einzigen Zufälle sein, welche den Kranken auf sein Auge aufmerk- 
sam machen. Diese Form zeichnet sich nämlich vor Allem durch Lie- 
ferung eines sehr plastischen Exsudates aus. Man kann daher, auch 
wenn es vielleicht noch nicht zu beträchtlicher Röthe auf der Sclera, 
noch nicht zu heftiger Lichtscheu, Schmerzen u. s. w. gekommen ist, 
schon manifeste hintere Synechien und einen gleichmässigen oder punk- 
tirten Beschlag der hintern Hornhautwand bemerken, welcher letztere 
jedoch auch oft genug mangelt. Es sind Fälle beobachtet worden, wo 
Klumpen plastischen Exsudates bis zur Grösse eines halben Hanfkornes 
an die Descemetsche Haut angelagert waren. Vergrösserung der vor- 
dem Kammer (durch serösen Erguss) wird man bei einfach durch Sy- 
philis bedingten Formen kaum jemals beobachten; auch kommt es sel- 
ten vor, dass das in den Humor aqueus ausgeschiedene Exsudat so 
wenig consistent ist, um sich daselbst zu Boden zu setzen und seine 
Lage je nach der des Kranken ändern zu können. Vor Allem ist es> 






Entzündung — syphilitische — Symptome. 67 

das Parenchym der Iris, in welches faserstoffiges Exsudat abgelagert 
wird. Es kommen Fälle vor, wo die übrigen Zufälle der Entzündung 
keinen hohen Grad erreicht haben, und dennoch der kleine Kreis — 
ringsum oder stellenweise — verfärbt (gewöhnlich dunkler), deutlich 
aufgelockert und geschwellt, selbst mit sichtbaren Blutgefässchen durch- 
zogen erscheint. Am auffallendsten gibt sich die plastische Exsudation 
durch die Bildung geldlicher oder gelblichröthlicher Knötchen im Gewebe 
der Iris selbst kund. 

Sie gleichen mehr den Tuberkeln , als den Condylomen der Cutis und kommen in 
der überwiegenden Mehrzahl der hieher gehörigen Fälle vor. Ausser bei Syphilis sah 
ich sie (unter mindestens 400 Fällen) nur in zwei Fällen, welche ich weiter unten aus- 
führlich mittheilen werde. Man beobachtet diese Knötchen öfters im kleinen, als im grossen 
Kreise; in letzterem Falle entwickeln sie sich von der äussersten Peripherie der Iris her ; sie 
dürften manchmal vom Ligamentum ciliare ausgehen. Erheben sie sich mehr gegen die 
vordere Irisfläche, so erscheinen sie wie lichtgelbe Mohn-, Hirse- oder Hanfkörner, welche 
zur Hälfte in den Humor aqueus vorragen, und durch mehr oder weniger deutlich sichtbare 
Blutgefässchen (an ihrer Basis und Oberfläche) einen Stich ins Gold- oder Böthlichgelbe 
erhalten. In andern Fällen erheben sie sich mehr gegen die Uvea hin, und bilden kleine 
knotige Anschwellungen oder Vorspränge des Pupillarrandes, deren Zahl zwischen 1 und 
7 — 10 schwankt, oder sie drängen die Iris an einer (mehreren) Stelle so vorwärts, als ob 
sie zwischen diese und die Kapsel eingeschoben wären. Sie können so gross werden, 
dass sie den grössten Theil, ja das ganze Lumen der vordem Kammer ausfüllen. Ich 
habe zwei Fälle beobachtet, wo solche Exsudatknoten, vom Ciliarrande der Iris ausgehend, 
so gross wurden, dass sie endlich nicht nur die vordere Kammer aufhoben, sondern auch 
den angrenzenden Theil der Sclera und die Cornea auswärts drängten, und eine Hervor- 
wülbung von der Grösse einer halben Haselnuss bildeten. Sie schienen hier, wenigstens zum 
Theil, vom Ligamentum ciliare ausgegangen zu sein. In dem einen dieser Fälle waren 
die Scleralfasern durch den Druck des Exsudates allmälig resorbirt oder weit auseinander 
gedrängt worden, und es hatte den Anschein, als müsste der Inhalt der durch die Bindehaut 
durchscheinenden gelben Geschwulst flüssig, eitrig sein ; ein hinreichend grosser Einstich mit 
einem Staarmesser belehrte uns, dass die Masse consistent und derb, speckähnlich war. 
Diese Masse wurde endlich resorbirt, und der Bulbus schrumpfte, ohne irgendwo auf- 
gebrochen zu sein, zu einem unförmlichen Klumpen zusammen. Derselbe Ausgang erfolgte 
auch in dem zweiten Falle, wo übi-igens Anfangs, bevor das Condylom noch eine solche 
Ausdehnung zu gewinnen angefangen hatte , durch längere Zeit auch etwas flüssiges 
Exsudat zu unterst der Augenkummer angesammelt gewesen war. 

So wenig ich mich jemals von wirklicher Eiteransammlung in der vordem Augen- 
kammer (bei dieser Form) überzeugen konnte, so sah ich auch niemals eitrige Schmel- 
zung solcher Exsudatknoten eintreten. Sie nahmen — mit Ausnahme der genannten 
zwei Fälle — allmälig an Grösse ab , und die grösseren hinterliessen gewöhnlich sehr 
lange bestehende missfarbige (schmutzig braune oder schiefergraue) Flecken in der Iris. 
"Wo eine mehr gleichmässige Infiltration des Gewebes der Iris bestanden hatte, erlangte 
die Iris so lange, als ich Gelegenheit hatte, die Fälle zu beobachten, ihr normales Aus- 
sehen in Bezug auf Farbe und Faserbau nicht wieder. 

Sehr häufig kann man gerade bei dieser Form schon mit freiem 

5* 



t»s Regenbogenhaut. 

Auge Blutgefässe auf der Iris wahrnehmen, namentlich in der innern 
Zone und im Umfange der genannten Exsudatknoten. Bei anderen For- 
men von Iritis sieht man diese Erscheinung nur dann, wenn die ganze 
Iris entzündet und deutlich angeschwollen, oder wenn sie nach längerem 
Bestände der Entzündung in ihrer Structur gariz verändert, der Rück- 
fluss des Blutes durch die Chorioidea (wegen hinzugetretener Chorioi- 
ditis) gehindert ist; bei dieser Form sah ich mehrmals nur eine Stelle 
der Iris inriltrirt und mit hellrothen Gefässreiserchen versehen, während 
die übrige Iris weder verfärbt, noch in ihrer Beweglichkeit merklich 
beeinträchtigt war. 

Die Entzündung kann sieh tätigere Zeit als eine partielle behaupten. 
Wie eigenthümlich die Mehrzahl der hieher gehörigen Fälle sich ge- 
staltet, ersieht man am besten daraus, dass manche Autoren diese Af- 
fection der Iris nicht als Entzündung, sondern als einen exanthemati- 
schen Process betrachtet wissen wollen. 

Beer und viele Autoren nach ihm haben Verrückung der Pupille 
nach innen und oben als charakteristisch bezeichnet. Ist man auf dieses 
Symptom bei einer grossen Zahl verschiedener Fälle von Iritis aufmerk- 
sam, so findet man, dass dasselbe auffallend häufig und deutlich ausge- 
prägt bei der syphilitischen Iritis vorkommt; es erscheint aber weder 
constant, noch ausschliesslich bei dieser Form. 

Bei der Auffassung dieser Erscheinung muss man sich gegenwärtig halten, dass 
die Pupille im normalen Zustande etwa '/s'" weiter nach innen liegt, und dass der Scleral- 
und Bindehautsaum von oben her viel weiter über den Band der Cornea hereingreift. 
Steht das beobachtende Auge etwas höher, als das beobachtete, so erscheint die Pupille 
jederzeit ein wenig nach innen und oben verrückt. Will man also die Lage des Pupillar- 
randes zum Ciliarrande der Iris richtig beurtheilen, so muss man das Auge auch von unten 
und aussen her betrachten. — Wenn bei einer Iritis plastisches Exsudat an die Oberfläche 
(am Pupillarrande, in den Humor aqueus) geliefert wird, bevor noch der Sphinkter durch 
starke Hyperämie und ödematose Schwellung in seiner Function gehemmt ist, so kann 
es leicht geschehen, dass zu einer Zeit, wo die Pupille sehr verengert ist (während des 
Schlafes), der Pupillarrand an die Kapsel angelöthet wird, und dass die angeklebte Partie 
fixirt bleibt, wenn die Pupille (im wachen Zustande) wieder grösser wird. Die Anlöthung 
kann an zahlreichen Stellen des ganzen Umfanges erfolgen; sie findet aber erfahrungs- 
gemäss am häufigsten in der untern Partie statt. Die Ursache hievon ist wohl die, dass 
das in den Humor aqueus ausgeschiedene plastische Exsudat sich zwischen die Iris und 
Kapsel einsenkt, oder sich in der untern Hälfte des Pupillarrandes an die Kapsel anlegt 
vn& beide verbindet. In allen Fällen, wo eine wirkliche Dislocation der Pupille nach 
innen und oben oder nach aussen und oben vorkam, überzeugte ich mich, dass der 
untere Theil der Iris an einem dem Centrum der Kapsel näher gelegenen Theile dieser 
letztern fixirt, der obere Theil (73 oder z h) aber noch frei beweglich war. 

In Bezug auf die Grösse und Gestalt der Pupille finden überhaupt grosse Schwan- 
kungen statt. Es gibt Fälle, wo die Pupille beträchtlich verengert, aber auch Fälle, wo 



Entzündung — syphilitische — Verlauf — Ausgänge. 69 

sie auffallend gross, selbst continuirlich (wie durch "Belladonna) erweitert ist. Man kann 
annehmen, dass in Fällen mit erweiterter Tupille die Chorioidea, namentlich das Ciliarband 
der Sitz von Exsudaten sei. — Gerade in solchen Fällen steht die Störung des Gesichtes 
in keinem Verhältnisse zur Trübung der durchsichtigen Medien ; die Kranken klagen, wenn 
die Coi-nea, der Humor aqueus und die Pupille bereits rein geworden sind, über mehr 
weniger starke Trübung. Weiter unten folgt die Beschreibung eines Falles, welcher mit 
Bestimmtheit für Chorioiditis syphilitica erklärt werden kann. — Wenn die Pupille nicht 
verengert ist, so kann man oft eine grosse Zahl isolirter und etwas wulstiger hinterer 
Synechien wahrnehmen , und in gelinderen Fällen kann man bisweilen bemerken , dass 
die eine oder die andere Synechie nach ein- oder zweitägigem Bestände -verschwindet, 
dagegen vielleicht an einer zweiten oder dritten Stelle wieder auftaucht. * 

Ein heftiger bohrende/' Schmers in der Gegend des Sinns fron- 
talis ist ein hervorragendes S}-mptom dieser Form von Iritis. Kranke, 
welche über Tag- selbst in's Freie gehen können, werden Abends von 
Lichtscheu und Thränenfluss, und bald darauf von anhaltendem Schmerze 
in der Stirn, wohl auch in der ganzen Kopfhälfte befallen, oder plötz- 
lich in der Nacht durch denselben aus dem Schlafe geweckt, und auf 
eine bisweilen fürchterliche Art gequält, bis derselbe nach Mitternacht 
oder gegen Morgen von selbst verschwindet. Nach jedem solchen 
Schmerzanfalle findet man mehr Exsudat in der Pupille oder in der 
Iris. Wenn bei einer Iritis derlei Anfälle auftreten, hat man Grund, 
Syphilis als Ursache zu vermuthen; sie treten jedoch nicht in allen 
Fällen so deutlich markirt hervor; in vielen Fällen sind die Schmerzen 
mehr anhaltend oder bloss remittirend, in andern nicht gerade an jene 
Tageszeit gebunden. Es gibt Fälle, welche gleich in den ersten Tagen 
mit solchen Schmerzen auftreten und dadurch ihre Natur verratken, 
aber auch Fälle, wo die Entzündung — nach der Injection der Ciliar- 
gefässe und nach der Menge des Exsudates zu schliessen — bereits einen 
hohen Grad erreicht hat, und dennoch nicht nur über Tag-, sondern auch 
des Nachts weder Schmerzen noch Lichtscheu (in erheblichem Grade) 
vorhanden sind; sie erscheinen als seltene Ausnahmen von der Regel. 

Verlauf — Ausgänge. Diese Entzündung tritt fast immer nur 
an Einem Auge auf, und zwingt durch die genannten Schmerzanfälle 
selbst jene Kranke, ärztliche Hilfe zu suchen, bei welchen die Ab- 
nahme der Sehkraft allein hiezu noch nicht hinreicht. Wenn aber das 
Allgemeinleiden nicht gänzlich behoben worden ist, so pflegt, bald 
noch während das eine Auge entzündet ist, bald erst kürzere oder 
längere Zeit nachher, auch das andere Auge ergriffen zu werden. 

Die Entzündung kann, auch wenn ihr keine ärztliche Behandlung 
entgegen gesetzt wird, einfach mit Pupillensperre, oder bloss mit 
hintern Synechien enden; es kommen wenigstens Fälle vor, wo man 



70 Regenbogenhaut. 

auf dem einen Auge diesen Ausgang, auf dem andern unzweifelhaft 
eine syphilitische Iritis findet ? und nach den Angaben des Kranken 
annehmen kann, dass an dem zuerst erkrankten Auge derselbe Process 
stattgefunden habe. — Ein eigenthümlicher Ausgang ist der in exor- 
bitante Vergrösserung der genannten Exsudatknoten und unrettbare 
Zerstörung der Sehkraft (durch Chorioiditis). 

Nebst den bereits erwähnt en zwei Fällen habe ich in späterer Zeit noch einen dritten zu 
beobachten Gelegenheit gehabt; seine Beschreibung folgt weiter unten. Solche Fälle waren 
es wohl, welche Makenzie vor Augen hatte, wenn er S. 428 Folgendes schrieb: „"Wenn 
die syphilitische Iritis vernachlässigt wird, so verschliesst sich nicht allein die Pupille sehr 
schnell, und wird durch ergossene Lymphe mit der Linsenkapsel verklebt, sondern die 
Iris verändert sich auf eine merkwürdige Weise in ihrem Aussehen, und zwar weit mehr, 
als bei irgend einer andern Art von Iritis. Auch die Cornea wird neblig, und manchmal 
mit winzigen braunen Flecken punktirt. Die vordere Kammer nimmt an Grösse ab, indem 
die Iris vorwärts gedrängt wird , und die Cornea endlich an Durchmesser verliert. Die 
Sclerotica, Chorioidea und Retina nehmen sämmtlich an der Entzündung Theil ; die Eetina 
wird unempfindlich für das Licht, während die Chorioidea durch die abgezehrte Sclerotica 
hie und da in dunkelblauer Farbe vorragt. Die Linse und die Glasfeuchtigkeit sind auch 
desorganisirt." — „Das oben erwähnte Aussehen entspringt nicht aus einer Ansammlung 
purulenter Flüssigkeit, und es fliesst nichts aus, nachdem man mit der Lanzette die Häute 
durchdrungen hat. Wenn der Organismus unter den Einfluss des Quecksilbers gesetzt 
worden ist, so schrumpft unter diesen Umständen das Auge zu einem kleinen Volumen ein ; 
ist dieses aber nicht geschehen, oder ist eine unzulängliche Quantität Quecksilber gereicht 
worden, so kann die Sclerotica zerreissen, und ein schwammiger Auswuchs hervortreten." 

Den von Beer u. A. erwähnten Ausgang in Erweichung des Glas- 
körpers (?) habe ich bloss ein Mal beobachtet. Ich wurde zu einem 
jungen Manne gerufen, welcher wegen Iritis syphilitica mit Mercur bis 
zum Eintritte reichlicher Salivation behandelt worden war. Die Pupille 
war ziemlich rein geworden, aber der Kranke konnte nicht einmal 
die Zahl der vorgehaltenen Finger bestimmen. Die Untersuchung 
zeigte den Bulbus weich, matsch, etwas kleiner, in der Gegend der 
Musculi recti eingedrückt. Es wurden warme Bäder verordnet, dem 
Kranken eine nahrhaftere Kost verabreicht, und, da die Jahreszeit es 
zuliess, auch der Genuss der frischen Luft sehr bald gestattet. Nach 
5 Wochen war das Auge vollkommen genesen. 

Behandlung. Bei dieser hat man sein Augenmerk so gut auf 
das Allgemeinleiden, wie auf die örtlichen Erscheinungen zu richten. 
So sehr gefehlt es wäre, die Entzündung der Iris ohne Rücksicht auf 
ihr ursächliches Verhältniss bloss nach den allgemeinen Principien der 
Antiphlogose behandeln zu wollen, so verderblich würde es auch sein, 
von einer gegen das Allgemeinleiden allein gerichteten Behandlung 
alles Heil erwarten zu wollen. 



Entzündung — scrofulöse — Symptome. 71 

Als örtlicher Process aufgefasst, erfordert diese Iritis je nach den 
verschiedenen Zufällen eine verschiedene Behandlung. Bei gelindem 
Auftreten der Entzündung bedarf dieselbe bei Abhaltung der verschie- 
denen schädlichen Einflüsse, z. B. Anstrengung des andern Auges, 
grellen Lichtes, geistiger Getränke u. dgl. keiner örtlichen Mittel. 

Bei starker Gefässinjection, Lichtscheu, Thränenfluss und Schmer- 
zen sind örtliche Blutentziehungen nothwendig, um so reichlicher und 
wiederholt, wenn diese Zufälle und die Exsudation auf stetes Steigen 
der Entzündung deuten. Die meiste Gefahr bringen die nächtlichen 
Schmerzanfälle, und diese sind es auch, von welchen solche Kranke 
vor Allem befreit sein wollen. Nach vorausgeschickter Blutentziehung, 
wo die Anzeige dazu vorhanden, werden sie am schnellsten und sicher- 
sten behoben, wenn man (noch vor der Exacerbation) unguent. Jieapolit. 
mit J — 8 Gran Opium (auf 1 5) an die Stirn und Schläfe reichlich 
(und nach 2—3 Stunden wiederholt) einreiben lässt, und dann eine 
trockene warme Compresse darüber herabhängt. Andere Narcotica sind 
weniger verlässlich, und die Mvdriatica (nach meiner Erfahrung) schäd- 
lich. Alle Mittel aufs Auge selbst sind auch hier, wie bei jeder Iritis 
überhaupt, schädlich. 

Die Behandlung des Allgemeinleidens richtet sich grösstenteils 
nach der Individualität und den Verhältnissen des Kranken mit Be- 
rücksichtigung der Affection des Auges sowohl, als anderweitiger 
syphilitischer Erscheinungen. 

Es kau^ hier nicht unsere Aufgabe sein , aus einander zu setzen, wie die Syphilis 
überhaupt zu behandeln sei. Ich will daher nur jene Methoden in Kürze anführen, welche 
ich angewendet habe. — Bei einfachen Formen habe ich sehr oft den besten Erfolg von 
dem zweckmässigen Gebrauche des Calomels allein oder mit Opium gesehen , täglich 
•2 — 3mal zu i k Gran verabreicht, bis zu den Vorboten der Salivation. Sublimat, am besten 
in Pillenform (nach Dzondi oder Hofmann) passt mehr für inveterirte Fälle. Der Gebrauch 
der Jodpräparate ist nur bei jenen Fällen zulässig, welche mit gelinden Keactionserschei- 
nungen verlaufen , UDd wo bereits viel Mercur (unzweckmässig) genommen wurde. Von 
strenger Durchführung der Entziehungscur, unterstützt durch Holztränke, sah ich in einigen 
Fällen, wo gleichfalls schon viel Mercur gebraucht worden war, vortreffliche Wirkung. 
Mit Terpentinöl nach Carmichael habe ich in den wenigen Fällen, die ich damit behan- 
delte, keinen günstigen Erfolg erhalten. 

4. Iritis scrqfulosa. 

Scrofulosis (Tuberculosis) ist sehr oft die Ursache, dass am Auge 
eine Reihe krankhafter Erscheinungen auftritt, welche wir als Iritis be- 
zeichnen müssen. Individuen, welche anderweitige Zeichen dieses All- 
gemeinleidens mehr weniger deutlich ausgeprägt darbieten, erkranken 



72 Regenbogenhaut. 

auf dem einen, und über kurz oder lang auch auf dem andern Auge 
an Iritis, bald ohne äussere Veranlassung, selbst während des zweck- 
mässigsten Verhaltens, bald nach diesem oder jenem Einflüsse, und die 
Iritis nimmt sofort einen eigenthümlichen Verlauf. 

A. Wird ihr Ausbruch nicht durch heftigere Gelegenheitsursachen 
erregt, so macht sie Anfangs sehr gelinde Zufälle, und zeigt einen mehr 
langsamen, schleichenden Verlauf. Sie zeichnet sich dann, gleich der 
syphilitischen Iritis, vorzüglich durch Ausscheidung plastischen Exsuda- 
tes bei relativer Geringfügigkeit der übrigen entzündlichen Zufälle aus. 
Diese Ausscheidung geschieht aber nicht wie bei jener vorzugsweise 
in's Parenchym der Iris, sondern hauptsächlich in de?i Humor aqueus, 
und präcipitirt sich dann an die Descemetsche Haut oder am Pupillar- 
rande, in der Pupille. Erst nach längerer Dauer und bei grösserer 
Heftigkeit wird das Gewebe der Iris selbst infiltrirt und mannigfach 
verändert. Desshalb sind die hieher gehörigen Fälle auch meistens 
als Hydromeningitis, Iritis exsudativa, Iritis chronica u. dgl. beschrieben 
worden. 

Alhnälige Abnahme der Sehkraft ist in solchen Fällen fast immer 
der erste Zufall, welcher den Kranken auf sein Auge aufmerksam 
macht. Der Arzt kann leicht eine Amblyopie vor sich zu haben ver- 
meinen, denn es kann die Injection der vordem Ciliar arterien dabei 
sehr gering, die Farbe und Beweglichkeit der Iris kaum merklich ver- 
ändert, der Kranke von Schmerz und Lichtscheu ganz frei sein. In 
diesen Irrthum kann man um so leichter verfallen, wenn %lie Pupille 
eher erweitert als verengert, dabei nicht entrundet, und die Iris minder 
lebhaft beweglich gefunden wird, was gerade bei dieser Form nicht 
selten vorkommt. Untersucht man aber das Object genauer, so werden 
graue oder braune Punkte an der hintern Wand der Cornea (an der 
untern Hälfte, der Pupille gegenüber) wenigstens dem bewaffneten Auge 
nicht entgehen, und die nächste Umgebung der Cornea wird dabei, 
falls der Exsudationsprocess noch im Gange ist, eine abnorme Injection 
annehmen. Leichter ist der Sitz und die Natur des Augenleidens zu 
erkennen, wenn bereits hintere Synechien eingetreten sind. 

Die Krankheit kann auf dieser Stufe mit wechselnder Besserung 
und Verschlimmerung Wochen, Monate lang stehen bleiben, und auch, 
ohne weiter zu gehen, wieder verschwinden. Die Exsudate an der Cor- 
nea, bisweilen selbst hintere Synechien verlieren sich mit der Zeit voll- 
ständig. Vergrösserung der vordem Augenkammer, Kurzsichtigkeit, 
Mückensehen und Unvermögen zu anhaltender Anstrengung der Augen 
bleiben häufig durch längere Zeit zurück. 



Entzündung — scrofulöse — Symptome. 73 

Wemi hintere Synechien entstanden sind, so ändern sich auch der 
Glanz, die Farbe, die Faserung und die Beweglichkeit der Iris, und die 
entrundete Pupille erscheint in manchen Fällen excentrisch, aus ihrer 
Lage verrückt. — In andern Fällen bemerkt man nach kürzerem oder 
längerem Bestände der Entzündung eine in der Pupille spinnwebenartig 
ausgespannte feine Membran, oder einen vollständigen oder theilweisen 
E.vsudatring innerhalb des Pupillarrandes. Dabei können die Exsudate 
an der Wasserhaut fehlen, aber auch so zahlreich sein, dass sie die 
Gegenwart des Exsudates in der Pupille Anfangs gar nicht oder nicht 
bestimmt erkennen lassen. Die meisten Fälle von ganzlieher Pupillen- 
sperre und von Cataracta accreta, welche dem Arzte vorkommen, sind 
durch Iritis scrofulosa bedingt. Schon Adam Schmidt, der erste Autor 
über Iritis, spricht von Pupillensperre durch „scrofulöse Iritis".*) 

Diese Form von Iritis ist es vor allen, welche gern zur Verkle- 
bung der Iris and Cornea von der Peripherie führt. Wenn dann zu- 
gleich der Pupillarrand durch ringförmig oder membranartig abgelager- 
tes Exsudat an die Kapsel angelötriet ist, so geschieht es, dass die 
zwischen dem Ciliar- und Pupillarrande gelegene Partie der Iris durch 
flüssiges oder festes Exsudat hinter ihr hervorgetrieben, und allmälig 
in ihrer Farbe und Structur verändert, durch Druck atrophisch wird. 
Während dieser Ausgang im Anzüge ist, sieht man bisweilen einzelne 
Gefässe (Venen) auf der Iris sehr erweitert, und durch Berstung ver- 
möge des gehinderten Rückflusses auch Blut in die Augenkammer aus- 
getreten. In mehreren Fällen sah ich auch Gefässe vom Pupillarrande 
aus auf die Exsudatschichte übergehen, welche die Pupille verlegte. 
(Vergl. Ausgang 5, S. 46.) 

Gänzlich vernichtend für die Sehkraft werden hieher gehörige Fälle 
durch das oft unvermerkte und häufig wohl auch unabwendbare Hinzu- 
treten von Chorioiditis. (Vergl. Ausgang 7, S. 47.) Wenn dieser Aus- 
gang sich auch nicht durch verminderte Consistenz und allmäliges 
Schrumpfen des Bulbus oder aber durch abnorme Spannung und Ver- 
grösserung des Bulbus mit oder ohne Staphylomata sclerae kund gibt, 
wenn selbst das Auge noch nicht alle Lichtempfindung verloren hat, 
so vermag doch in der Regel weder eine entsprechende diätetisch- 
pharmaceutische Behandlung, noch die Anlegung einer künstlichen Pu- 
pille (mit oder ohne Beseitigung der oft verdunkelten Linse) das Seh- 
vermögen wieder herzustellen. 

Objectiv und bloss nach dem Befunde am Auge lassen sich solche 

*) Himly's ophthalm. Bibliothek, 2. Band, 1. Stück. S. 22, 34 und 35. 



74 Regenbogenhaut. 

Fälle nur selten von anderweitig bedingten, namentlich von jenen un- 
terscheiden, welche in Folge deprimirender Einflüsse (siehe S. 50) ent- 
stehen, besonders dann, wenn das Individuum, das an Scrofulosis (Tu- 
berculosis) leidet, sehr herab gekommen ist. Es kann dann nur die 
Erhebung des allgemeinen Befundes und der Anamnesis für das 
eine oder das andere ursächliche Moment überwiegende Wahrschein- 
lichkeit geben. Häufig muss man sich mit der Bezeichnung „chronische 
Iritis oder Iridochorioiditis" begnügen. 

B. Tritt diese Iritis mit heftigen Reactionserscheinungen von Seite 
des Gefäss- und Nerveiisystenies auf, was in der Eegel nur nach ma- 
nifesten äussern Veranlassungen oder bei Combination mit Keratitis 
oder Scleritis scrofulosa geschieht, dann pflegt auch die Ausscheidimg 
faserstoffigen Exsudates in die Augenkammern reichlich zu sein, so 
dass sich dasselbe in Form grosser Flocken an den untern Theil der 
Cornea anlegt, oder als lichtgelbe, mehr weniger bewegliche Masse 
halbmondförmig zu unterst ansammelt. — Es gibt Fälle, welche sogleich 
mit heftigen Erscheinungen beginnen, während andere Male erst nach 
längerem Bestehen der Entzündung auf demselben oder auf dem an- 
dern Auge so heftige Zufälle beobachtet werden. Die Injection der 
vordem Ciliararterien reicht dann bis in den Limbus conjunctivae, 
welcher bisweilen etwas geschwellt und so stark geröthet erscheint, 
dass es aussieht, als ob daselbst Blut ausgetreten wäre. In andern 
Fällen sind es bloss die tiefern, nächst der Descemetschen Haut in die 
Cornea eindringenden Astchen der Ciliararterien, welche so stark inji- 
cirt erscheinen, dass sie ein Blutextravasat vortäuschen. Oft ist diese 
Injection das erste Zeichen des Hinzutretens von Keratitis; häufiger 
findet der Fall statt, dass zu den Zeichen der Keratitis oder Kerato- 
scleritis scrofulosa die der Iritis hinzutreten, und dass wegen der Horn- 
hauttrübung die Veränderungen in der Iris und Pupille längere Zeit 
nicht mit Bestimmtheit erkannt werden können. Wegen der heftigen 
Schmerzen, die im Auge als drückend, in der Umgebung als stechend 
oder reissend bezeichnet zu werden pflegen, begleitet von starker Licht- 
scheu und reichlichem Thränenjlusse, sind solche Fälle häufig als rheu- 
matisch bezeichnet worden. In vielen Fällen treten die Zufälle von 
Seite des Nervensystems, ja selbst die Trübung des Gesichtes, durch 
die Exsudation entschieden in den Morgenstunden starker auf. — In 
solchen heftigen Fällen fiebern die Kranken, und magern, da das Übel 
hartnäckig anhält, zusehends ab. In den meisten Fällen ist es nicht 
mit einem Anfalle abgcthan ', die Krankheit bricht, oft ohne alle äussere 
Veranlassung, nach einem Stillstande von Wochen oder Monaten mit 



Entzündung — scrofulöse — Ausgänge — Vorkommen. ' 75 

erneuter Heftigkeit auf demselben oder auf dem andern Auge aus, und 
lässt dann selten noch eine Restitutio ad integrum zu. 

Die Ausgänge sind im Ganzen dieselben, wie die unter A ange- 
gebenen. Mir ist kein einziger Fall vorgekommen, wo bei der grössten 
Heftigkeit der entzündlichen Erscheinungen Panophthalmitis mit Ver- 
eiterung der Cornea vorgekommen wäre, ein Ausgang, der nach Iritis 
traumatica eben nicht selten eintritt. Durch reichlicheren Lympherguss 
kann, wenn nicht bald Resorption eintritt, die Iris einerseits von der 
Peripherie her an die Cornea, andererseits theilweise oder ringsum an 
die Kapsel angelöthet, oder die Pupille durch eine mehr weniger dicke 
Lage bleibend gesperrt werden ; durch gleichzeitiges oder späteres Hin- 
zutreten von Chorioiditis droht dem Bulbus Verlust seiner innern Ener- 
gie und seiner äussern Form; durch die Complication mit Keratitis oder 
Keratoseleritis, welche letztere jedoch nur selten ohne gleichzeitige Cho- 
rioiditis besteht, werden in der Regel unheilbare Hornhauttrübung (Scle- 
rosirung der Cornea, besonders von der Peripherie her) und bleibende 
Structurveränderung der Sclera, häufig mit Ausdehnung derselben (Sta- 
plivloma sclerae anticum) herbeigeführt. 

Vorkommen. Der erste Ausbruch dieser Krankheit auf beiden 
oder doch auf dem einen Auge fällt bei mehr als 2 / 3 der Individuen 
zwischen das 15. und 25. Lebensjahr. Die Krankheit zeigt in dieser 
Beziehung die grösste Analogie mit dem Trachoma, mit welchem sie 
fast nie (ich sah nur 2 Fälle), und mit der Keratitis scrofulosa, mit 
welcher sie am häutigsten combinirt vorkommt. Auch in Bezug auf 
das Allgemeinbefinden und auf den äussern Habitus zeigen diese Indi- 
viduen völlige Übereinstimmung mit den von Trachoma oder von Kera- 
titis scrofulosa Befallenen. Der untergeordnete Einfluss äusserer, direct 
wirkender Schädlichkeiten zeigt sich am deutlichsten in dem gleichar- 
tigen Erkranken des zweiten Auges selbst bei dem besten Verhalten, 
und in dem Wiederauflodern des Processes ohne alle äussere Veran- 
lassung. Deprimirende Einflüsse, namentlich anhaltende GemüthsafTecte, 
schlechte Nahrung und Wohnung sind die häufigsten und leider auch 
selten gänzlich und dauerhaft zu beseitigenden erregenden und unter- 
haltenden Ursachen. Hat man Gelegenheit, die Familienmitglieder sol- 
cher Individuen näher kennen zu lernen und durch eine längere Reihe 
von Jahren zu beobachten, so kommt man zu denselben Resultaten, 
welche wir beim Trachoma in dieser Beziehung angeführt haben. 
{I. B. S. 135.) 

Beim Übertritte aus dem Mannes- zum Greisenalter, namentlich beim ■weiblichen 
Geschlechte, in den klimakterischen Jahren, entwickeln sich die Zufälle chronischer Iriti8 



76 Regenbogenhaut. 

auf beiden Augen zugleich oder kurz nach einander. Die Befallenen wissen entweder 
gar keine Ursache anzugeben, oder beschuldigen Umstände, nach denen man bei sonst 
Gesunden keine Iritis auftreten sieht. Die Symptome und der Verlauf zeigen grosse Ähn- 
lichkeit mit den unter A S. 72 beschriebenen Fällen, nur erscheinen die Exsudate im Allge- 
meinen sparsamer, mehr am rupillarrande als an der hintern Hornhautwand abgelagert, 
und meistens mit Pigment untermischt oder davon gedeckt. Niemals findet man bei solchen 
Individuen die Pupille erweitert, fast immer dagegen auffallend verengert, den Pupillarrand 
theilweise oder ringsherum von einem lichtgrauen , häufig jedoch durch Pigment gedeck- 
ten, daher ganz oder grösstentheils dunkelbraunen Exsudate eingesäumt, weiterhin die 
Pupille auch in der Mitte durch eiue dünne Exsudatschichte verlegt. Die im höhern Alter 
ohnehin fast immer enge vordere Augenkammer wird in solchen Fällen häufig noch mehr 
dadurch verengert, dasfe die Iris von der Peripherie her an die Cornea angelöthet wird. 
Wenn solche Fälle von Iritis sich selbst überlassen bleiben, oder wenn es nicht bei 
Zeiten gelingt, günstig auf den Gesammtorganismus einzuwirken, so fuhren solche Fälle 
nicht bloss zu der schon erwähnten Pupillensperre, sondern auch zu allmäliger Einschrum- 
pfung des Bulbus. Vordere oder seitliche Scleralstaphylome dagegen entstehen nach dem, 
was ich beobachtet, in solchen Fällen nie. Sie sind als Uveitis chronica beschrieben 
woiden. — Forscht man nach den ätiologischen Momenten, so wird man selbst bei einer 
massigen Zahl von Beobachtungen, sobald man sie sorgfältig erhoben und zusammen- 
gestellt hat, zunächst auf Störungen im Bereiche des Pfortadersystemes hingewiesen, auf- 
fallend häufig aber finden, dass bei solchen Individuen in früheren Jahren Zufälle von 
Scrofulosis (Tuberculosis) vorhanden waren. Wir können bei dem gegenwärtigen Stand- 
punkte unseres Wissens auf die Erörterung der hier sich aufdiingenden Fragen nicht 
eingehen, und wollten mit dieser kurzen Notiz nur wiederholt auf ein Gebiet der weitern 
Forschung aufmerksam machen. Es wäre allerdings bequemer gewesen, über solche 
brennende Fragen mit einer Abhandlung über Iritis im Allgemeinen wegzugleiten , von 
Entzündung der Iris als nur einer und derselben Krankheit zu sprechen ; wir glauben 
aber, jede Erkrankung eines Organs überhaupt und also auch die Iritis werde einseitig 
und daher sehr leicht auch irrig aufgefasst, wenn man nicht jedesmal den Zustand des 
Gesammtorganismus und seine Beziehungen zur Aussenwelt sowohl als zu einzelnen 
Organen so weit als möglich aufzufassen sucht. Und diese Aufgabe ist wohl die erste 
für die Therapie, das praktische Problem des Arztes, gleichwie für die wissenschaftliche 
Forschung der Gelehrten. 

Die Behandlung muss vorzugsweise eine allgemeine sein, und 
zwar mehr eine diätetische als pharmaceutische. 

Nur bei heftigeren entzündlichen Zufällen am Auge wird es nöthig, 
die Behandlung mit einer örtlichen Blutentziehung zu beginnen. Sie 
sei eher etwas massiger als zu stark, weil man darauf gefasst sein 
muss, sie von Zeit zu Zeit zu wiederholen. Die Anwendung der Kälte 
ist hier eben so unnütz und verwerflich, wie bei Iritis rheumatica und 
syphilitica. Purganzen werden bei Individuen, die nicht sehr herabge- 
kommen sind, mit entschiedenem Nutzen angewendet. Bei reizbaren 
Individuen (mit leicht gerütheten Wangen, beschleunigtem Pulse, Con- 
gestionen zum Kopfe) wendeten wir nach Makenzie's Vorschlage Tart. 



Entzündung — scrolülüse — Behandlung. 77 



■s 



stibiatus r. d. mit Salpeter oder Glaubersalz sehr oft mit gutem Er- 
folge an. 

Ist viel flüssiges Exsudat in der Augenkammer angesammelt , so 
reiche man, falls keine Gegenanzeige besteht, ein Emeticum; tritt in 
2—3 Tagen keine Resorption ein, so wiederhole man dasselbe, oder 
eröffne die Cornea. In einigen Fällen habe ich vom Calomel, alle 2 — 3 
Stunden zu 2 Gran verabreicht, den gewünschten Erfolg gesehen. Subli- 
mat passt mehr für chronische Fälle. Aus der Schilderung der Aus- 
gänge der Iritis überhaupt und der scrofulösen insbesondere dürfte sich 
wohl ergeben, bei welchen Zuständen überhaupt von Arzneimitteln 
etwas erwartet werden kann. Bei membran- oder pfropfähnlichen Ex- 
sudaten in der Pupille z. B. etwa Verflüssigung und Resorption durch 
innerliche Mittel, namentlich Mercurial- oder Jodpräparate, anzustreben, 
■wäre vergebliche und in der Regel wohl auch verderbliche Mühe. 

Einreibungen von Ung. cinereum an die Stirn und Schläfe, bei 
heftigen Schmerzen und Lichtscheu reichlich mit Opium versetzt, tragen 
wesentlich bei, die entzündlichen Zufälle zu massigen und Resorption 
einzuleiten. 

Ruhe im Zimmer oder selbst Verweilen im Bette wird nur so lange, 
als heftige Zufälle vorhanden sind, noth wendig. Ausserdem lasse man 
solche Kranke so viel, als es die Witterung zulässt, im Freien zubrin- 
gen, die Augen jedoch, falls das eine noch dazu geeignet wäre, durch- 
aus nicht anstrengen, und schütze sie gegen grelles Licht durch blass- 
blaue oder graue, die Beleuchtung mehr weniger dämpfende Brillen. 
Grell retiectirtes Licht und starke Contraste in der Beleuchtung sind 
vorzüglich sorgsam zu meiden. 

Bei Anwendung der sogenannten antiphlogistischen Methode lasse 
man nicht ausser Acht, dass man es nicht mit übrigens gesunden, son- 
dern kranken Individuen zu thun habe, deren Kräfte man nicht durch 
Losstürmen mit heroischen Mitteln und durch zu knappe Kost so kühn 
herunterbringen darf, wie diess wohl sonst bei gesunden und kräftigen 
Individuen bisweilen ungestraft geschehen kann; namentlich setze man 
Mercurialmittel nicht zu lange fort und verabreiche sie nie, wo der 
Kranke nicht ein entsprechendes diätetisches Verhalten beobachten 
kann oder mag. 

Ist die Heftigkeit der entzündlichen Zufälle (Röthe, Lichtscheu, 
Thränenfluss, Schmerzen) gebrochen, oder waren solche gleich zu An- 
fang der Behandlung nicht in höherem Grade vorhanden, dann bildet 
die Regulirung der Diät im weitesten Sinne des Wortes, wie bei der 
Behandlung der Scrofulosis und Tuberculosis überhaupt, den wesent- 



78 Regenbogenhaut. 

lichsten Theil der Aufgabe des Arztes. Bei sehr lange dauernden Fäl- 
len unterlasse man nicht, auf die in der Regel sehr gedrückte Gemüths- 
stimmung des Kranken so viel als möglich hebend einzuwirken. Man 
unterrichte ihn im Voraus, dass er — wenn überhaupt — nur allmälig 
genesen kann. 

Die Anzeigen zu den innerlichen Heilmitteln und Heilmethoden lie- 
fert die Berücksichtigung des Gesammtorganismus und der Verhältnisse 
des Kranken. Bei älteren Individuen, wo diese Iritis in der Regel 
schleichend und mit Ansatz faserstoffigen Exsudates am Pupillarrande 
(als sogenannte Uveitis) verläuft, und meistens die Zeichen der soge- 
nannten Plethora abdominalis vorhanden sind, hat man von jenen Mit- 
teln am meisten zu erwarten, welche die Alten Solventia nannten. 
Oben an stehen die Mineralwässer, Marienbader Kreuzbrunnen, Egerer 
Salzquelle, Kissinger Ragozi, Saidschützer oder Püllnaer Bitterwasser, 
in der kältern Jahreszeit Gramen, Taraxacum, Rheum, kleine Gaben von 
Aloe und verwandte Mittel in Verbindung mit kohlensauren oder wein- 
steinsauren Salzen. — Bei jüngeren Individuen lässt sich von dem Ge- 
brauche der Adelheidsquelle, des Haller Jodwassers, des Jodkalium, 
der Baryta muriatiea. der Cicuta, des Oleum jeeoris aselli am ehesten 
eine günstige Einwirkung auf das Allgemeinleiden erwarten. Bei jün- 
geren Frauenzimmern kommt diese Form von Iritis sehr häufig mit 
Menstruationsanomalien vor. Eisenpräparate allein oder mit Rheum, 
kleinen Gaben von Aloe, Myrrka, Borax, Sabina sind durch die Iritis 
chronischen Verlaufes nicht contraindicirt, im Gegentheile oft die besten 
Antiphlogistica. Schon Ware*) hat Eisenpräparate gegen solche Fälle 
von Iritis empfohlen, und auf unserer Klinik wurden sie bereits unter 
Prof. Fischer öfters mit dem besten Erfolge gegeben. 

In der Zeit der Re- oder Intermission der entzündlichen Zufälle 
suche man örtlich die Resorption zu bethätigen und die Exsudate in 
der Pupille zum Losreissen zu bringen. Zu ersterein Zwecke sind als 
das gelindeste, auch schon während des Exsudationsprocesses anwend- 
bare Mittel Einreibungen von Ung. einer, an die Stirn anzuwenden; 
stärker wirken schon das Einstreichen der weissen Präcipitatsalbe an 
die äussere Fläche der Lider, und Einreibungen von Jodkaliumsalbe 
an die Stirn, am stärksten das Einbringen von Salben aus rothem Prä- 
cipitat oder Jodkalium in die Lidspalte. Letztere werden daher nur 
nach dem Verschwinden der abnormen Gefässinjection am Auge ver- 
tragen. Ebenso dürfen Einträuflungen von Extr. belladonnae, um den 

*) Chiruigischo Beobachtungen von James Ware, übersetzt in Himly's nphthalm. Bibl. , Göttingen 
1809, Bd. I., S. 130. 



Entzündung — unbestimmte Formen. 79 

Pupillarrand wieder frei zu machen, alle 3 — 4 Tage wiederholt, in der 
Kegel erst nach völligem Erlöschen des Exsudationsprocesses angewen- 
det werden. Zu demselben Zwecke kann man auch 2 — 3 Gran Atro- 
pin mit 1 Drachme Fett bohnengross an die Stirn und Schläfe einrei- 
ben lassen. 



5. Unbestimmte Formen von Iritis. 

Wenn schon bei frischen und acuten Fällen von Iritis sowohl der 
Befund am Auge, als auch eine sorgfältige Berücksichtigung des Ge- 
sammtorganismus und des bisherigen Verlaufes nicht jederzeit mit Be- 
stimmtheit, ja nicht einmal immer mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 
das ursächliche Moment der Augenkrankheit schliessen lassen, so ist 
diess bei chronischen, bei vernachlässigten, und noch mehr bei man- 
nigfach misshandelten Fällen sehr häufig der Fall, und man muss sich 
begnügen, einfach Iritis oder Iridochorioiditis u. dgl. zu diagnosticiren, 
und theils durch Ausschliessung eines und des andern ursächlichen Mo- 
mentes, theils durch Berücksichtigung anderweitiger Erscheinungen im 
Organismus nebst Beachtung der bereits vorhandenen Veränderungen 
am Auge Anhaltspunkte für die Prognosis und Therapie zu gewinnen. 
Die Diagnosis wird überdiess auch dadurch erschwert, dass eine Iritis 
z. B. durch Syphilis bedingt sein kann, ohne zur Zeit der Beobach- 
tung gerade auf die oben beschriebene Weise charakterisirt zu erschei- 
nen, und noch mehr dadurch, dass häufig nicht eines der bekannten 
ursächlichen Momente allein es ist, welches die Iritis bedingt und un- 
terhält, sondern dass die Erscheinungen durch mehrere Momente zugleich 
oder nacheinander modificirt werden können. Zu alle dem kommt aber 
noch, dass Fälle von Iritis vorkommen, wo man weder äussere Schäd- 
lichkeiten noch allgemeine Gesundheitsstörungen in ursächlichen Zu- 
sammenhang mit dem Augenleiden zu bringen vermag oder darf, wenn 
man sich nicht eben willkürlichen Deutungen hingeben will. Es eröff- 
net sich hier noch ein weites Feld für spätere Forschungen. — In die 
Schilderung der combinirten Formen, z. B. der rheumatisch-scrofulösen, 
scrofulös-syphilitischen etc. einzugehen, wie mehrere Autoren gethan 
haben, ist wohl überflüssig. Der Geübte braucht das nicht, der Anfän- 
ger wird dadurch eher verwirrt als orientirt. Das Studium der rein 
ausgeprägten einfachen Formen bildet die beste Grundlage zu dem der 
complicirten, und gibt hinreichende Anhaltspunkte auch für jene Fälle* 
wo man über das ursächliche Moment nicht in's Klare kommen kann. 

Auf zwei ursächliche Momente chronischer Iritis haben wir S. 50 



80 Regenbogenhaut. 

hingewiesen. Es ist vorläufig noch nicht möglich, in Bezug auf die 
Gruppirung und Reihenfolge der Symptome nähere Andeutungen zu 
geben, als eben dort geschah. In derselben Lage sind wir zu vielen 
andern Fällen von Iritis, wo wir selbst in Bezug auf die ätiologischen 
Momente noch viel weniger anzugeben vermögen. 

Was die Behandlung solcher nicht näher bestimmbaren Formen 
betrifft, so glauben wir in dem über die bekannten Formen Gesagten 
bereits die wichtigsten Anhaltspunkte gegeben zu haben, wollen jedoch 
die Art und Weise, wie wir in solchen Fällen und bei Iritis überhaupt 
am Krankenbette vorgingen, durch specielle Krankheitsgeschichten zu 
erläutern suchen. Getreue und möglichst genaue Beschreibungen von 
Fällen verschiedener Art unterrichten den Anfänger vielleicht besser, 
als allgemeine Schilderungen und Deductionen. 

Diesen Krankheitsgeschichten mag noch eine Übersicht der von uns im Spitale be- 
obachteten Fälle von Iritis nach den ätiologischen Momenten vorausgehen. 

Unter 162 Fällen gab sich die Iritis als rheumatisch kund bei 33 Individuen, als 
syphilitisch bei 20, als scrofulös bei 55, nicht näher bestimmbar, jedoch meistens bei 
sehr herabgekommenen, unter ungünstigen Verhältnissen lebenden Individuen 38 , bald 
nach Verletzung und Vernichtung des andern Auges lOmal. 

Von den als rheumatisch erkannten Fällen kommen 1 beim männlichen und 3 beim 
weiblichen Geschlecht auf das Alter vom 15. bis zum 25. Jahre, 14 M. 5. W. vom 25. bis 45., 
4 M. 5 W. vom 45. bis 70. Jahre. Die meisten kamen zwischen dem 4. bis 14. Tage 
nach dem Beginn der Krankheit in Behandlung (15 in den ersten 8 Tagen, 9 in der 2., 
4 in der 3. "Woche, und 4 zwischen der 4. und 8. Woche). In 15 Fällen litt bloss das 
linke , in ! 5 bloss das rechte , in 3 beide Augen. Vollständig oder bis auf leichte 
Synechien geheilt wurden 24 , mit mehr weniger beeinträchtigtem Sehvermögen (durch 
Exsudate in der Pupille), jedoch sehend entlassen wurden 6, mit Pupillensperre 2 (Kerato- 
iritis rheumat. mit Hypopyum). Die kürzeste Dauer der Behandlung war 5 Tage, die 
meisten konnten im Verlauf der 2. oder 3. Woche entlassen werden, sechs erst nach 5, 
zwei erst nach 10 Wochen. 

Iritis syphilitica. Männlich 9, weiblich 17. Vom 15. bis 25. Jahre 3 M. 7 W. 
vom 25. bis 45. J. 4 M. 9 W., vom 45 bis 55. J. 2 M. 1. W. Dauer der Krankheit bis 
zum Eintritt: vom 4 bis 8. Tage 2, in der 2. Woche 7, 3. Woche 7, 5. Woche 6, 6. Woche 1, 
8. Woche 1, 4. Monat 1, 5. Monat 1, bei einem 48jährigen Weibe war das linke Auge 
vor 3 Jahren durch Pupillensperre erblindet, das rechte Auge litt seit 3 Wochen an Iritis. 
Bloss das linke litt bei 11, bloss das rechte bei 6, beide (nach einander, meistens das 
linke zuerst) bei 9 Individuen. Geheilt mit wenig oder gar nicht beeinträchtigtem Seh- 
vermögen 18, mit merklich gestörtem Sehvermögen durch Exsudate in der Pupille 5, mit 
gänzlicher Pupillensperre 1, ungeheilt (mit consecut. Schrumpfung des Bulbus) 2 Individuen. 
Kürzeste Zeit der Behandlung 14 Tage, längste 5 Wochen, mittlere 18 Tage. Von den 
unglücklich abgelaufenen Fällen waren 2 durch 8 Wochen in Behandlung ; ein Fall wurde 
erst nach 7 Wochen geheilt. 

Iritis scrofulosa. Im 7. und 8. Jahre erkrankten zwei Mädchen, zwischen dem 8. und 
15. Jahre 5 Knaben, 3 Mädchen, vom 15. bis 25. Jahre 11 M. 16 W., vom 25. bis 35. 



Entzündung — Krankengeschichten. 81 

Jahre 6 M. 9 W., vom 35. bis 45. Jahre nur 3 Männer. Bloss auf dem linken Auge 
litten 8, bloss an dem rechten 3, an beiden 44 ; von letzteren waren die meisten zuerst 
auf dem linken Auge erkrankt, in Zwischenräumen von einigen Wochen, Monaten, selbst 
von mehreren Jahren. Nur 1 Fall kam nach Stägiger Dauer, 4 nach 14 Tagen, 3 nach 
3 "Wochen, 5 nach 4 — S Wochen, 6 nach 3 — lOMon., die übrigen erst nach 1 bis 6jähr. Dauer. 
Sehend entlassen wurden nur 15, in gebessertem Zustande 6 ; der Ausgang in Pupillensperre 
oder Catar. accreta war schon bei der Aufnahme oder während der Behandlung einge- 
treten bei 25, und bei 9 nützte auch die Anlegung einer Pupille nichts wegen neuerlicher 
Entzündung oder bereits hinzugetretener Amblyopie Chorioiditis). Kürzeste Zeit der Be- 
handlung (in den günstigen Fällen) 3 Wochen ; längste, wo noch Heilung erzielt wurde, 
3 Monate. Mehrere dieser Individuen wurden im Verlaufe einiger Jahre wiederholt in 
die Anstalt aufgenommen. 

Ton den 10 Fällen, wo die Iritis bald nach Phthisis des andern Auges auftrat, 
wurde nur 1 geheilt, 1 gebessert; die andern endeten mit Pupillensperre, mehrere auch 
mit Atrophia bidbi. 

Die 3S nicht näher bestimmbaren Fälle waren bis auf einige wenige chronischen 
Verlaufes. Bei mehr als 2 /3 davon war zur Zeit der Aufnahme schon Pupillensperre 
eingetreten. Bei allen, mit wenig Ausnahmen, waren beide Augen ergriffen ; 23 gehörten 
dem männlichen, 15 dem weiblichen Geschlechte; dem Alter nach fallen 2 männliche 
vor das 15., 2 männl. 7 weibl. zwischen das 15. und 25., 14 männl. zwischen das 25. 
und 45., 5 männl. und 8 weibl. zwischen das 45. und 55. Lebensjahr. 

1. Bei einem Beamten von 45 Jahren fand ich am rechten Auge das obere Lid 
etwas ödematös, die Conj. palp. et bulbi von einem dichten Gefässnetze durchzogen, 
vom Übergangstheile an bis zum Cornealrande leicht serös infiltrirt; die vordem Ciliar- 
arterien stark injicirt, rings um die Hornhaut einen breiten rosenrothen Saum bildend; 
die Hornhaut rein und glänzend; die Pupille eng, etwas über V" im Durchmesser, nicht 
ganz rund, leicht getrübt, die Iris etwas grünlich entfärbt (links blau), unbeweglich; 
Lichtscheu und Thränenfiuss heftig, so dass die Untersuchung nur mit Mühe vorgenom- 
men werden konnte, Gefühl von Druck im Auge; das Gesicht getrübt, entsprechend der 
Trübung der Pupille. Das Leiden hatte vor 3 Tagen mit Böthe des Auges und lästigem 
Drücken angefangen. — Das rasche Auftreten und Steigen der Entzündung bis zu einem 
so hohen Grade, die Heftigkeit der Zufälle von Seite des Gefäss- und Nervensystemes 
bei so geringer Ausscheidung faserstoffigen Exsudates, und die ödematöse Beschaffenheit 
der Bindehaut und der Cutis bestimmten mich, die Iritis für eine durch Verkältung bedingte 
zu halten. Dieser Schluss wurde unterstützt durch den Umstand, dass der Mann bereits 
vor 3 Jahren an einer Iritis rheumatica desselben Auges gelitten hatte, und noch mehr 
dadurch, das„s er den Tag vor dem Ausbruche beim Besteigen eines Berges sich stark 
erhitzt und bei schwitzendem Kopfe den Hut abgesetzt hatte. — Ich stellte die Prognosis 
günstig, in Bezug auf den Ausgang sowohl als auf die Dauer. — Der Kranke musste 
bei restringirter Kost im Bette bleiben; an die Schläfe wurden 8 Blutegel gesetzt, 
dann eine gewärmte Serviette über die entsprechende Kopfhälfte gelegt; innerlich ein 
Infusum sennae mit Glaubersalz. Den zweiten Tag (3. August 1849) Tart. stib. r. d. mit 
1 z Gran extr. opii aquos., an die Stirn und Schläfe Ung. einer, mit Opium. Den 3. Tag 
früh wieder das Infus, sennae und Abends ein Vesicans an den Nacken. Den 4. Tag 
-waren Ödem und Injection der Bindehaut fast ganz verschwunden, das Sehen noch sehr trüb 
ohne deutlich -wahrnehmbares Exsudat in der noch immer gleich engen Pupille, die Iris 
noch unbeweglich und entfärbt. Innerlich absque medicamine. Am 6. Tage durfte der 
Arlt Augenheilkunde. II. 6 



82 Regenbogenhaut. 

Kranke mit verbundenem Auge ausgehen. Von nun an -gingen die Symptome der Ent- 
zündung rasch zurück, so dass am 1 1. Tage bloss noch eine leichte Trübung des Gesichtes 
und etwas gehemmte Beweglichkeit der Iris übrig war. Am 15. Tage war der Kranke 
vollständig genesen. 

2. Eine Wittwe von 39 Jahren kam am 6. Juli 1850 mit folgendem Zustande des 
rechten Auges in die Anstalt. Das obere Lid leicht geröthet und geschwollen, die Conj. 
palp. wenig injicirt, die Conj. bulbi dicht netzförmig geröthet und ödematös, die Sclera 
auf 2'" breit um die Hornhaut herum rosenroth, die Cornea normal, die Iris dunkler, 
unbeweglich, die Pupille verengert, entrundet und etwas getrübt, ohne deutlich be- 
stimmbares Exsudat, das Sehvermögen so gestört, dass nur grössere Gegenstände er- 
kannt werden, drückende Schmerzen im Kopfe , zeitweiliges Stechen im Auge , Licht- 
scheu und Thränenfluss heftig. — Die Kranke hat als Taglöhnerin unter misslichen 
Umständen gelebt, ist schlecht genährt, doch sonst ohne erhebliche Störung der Ge- 
sundheit. Die Augenaffection war vor 10 Tagen ohne bekannte Veranlassung entstanden, 
mit brennenden Schmerzen, Thränenfluss , Lichtscheu und Röthe. Ein Arzt hatte den 
3. Tag der Krankheit Blutegel an die Schläfe, ein Empl. euphorb. hinter das Ohr und 
ein Infus, sennae mit arc. dupl. ordinirt; die Kranke war aber ihrer Arbeit nachge- 
gangen. Tags darauf hatten sich die Kopfschmerzen und die Abnahme des Sehver- 
mögens einzustellen angefangen. — Wir ordinirten der Kranken Kühe im Bette, Schutz - 
vor Zugluft, Temperaturwechel, grellem Lichte etc., restringirten die Kost auf '/ä Por- 
tion, und Hessen sie 3mal des Tages zweigranige Dover'sche Pulver nehmen. In den 
nächstfolgenden 2 Nächten litt die Kranke noch an heftiger reissenden Kopfschmerzen; 
diese milderten sieh vom 10. Juli an allmälig, kehrten aber bald bei Tage, bald bei Nacht 
in verschieden hohem Grade wieder, wesshalb wir Ung. einer, mit Opium an die Stirn 
und Schläfe einstreichen, diese Gegend sodann mit einem warmen Tuche bedeckt halten 
Hessen, und am 15. ein Vesicans an ;den Nacken legten. Am 18. war das Auge noch 
geröthet und lichtscheu, die Pupille klein und leicht getrübt, die Kranke jedoch frei 
von Schmerzen. Da am 22. nur noch Trübung des Gesichtes und Verengerung der 
Pupille bestand, so Hessen wir Extr. beilad. (10 Gran auf 1 Drachm. Ung. einer.) 
an die Stirn und Schläfe einreiben, worauf die Pupille sich erweiterte und deutlich 
einspringende "Winkel zeigte. Am 29. konnte die Kranke als völlig geheilt entlassen 
werden , da nichts mehr übrig geblieben war , als einige unbedeutende hintere 
Synechien. 

3. Ein Fuhrmann von 50 Jahren, kräftigen Körperbaues, auffallend blassen Aus- 
sehens und leidender Gesichtsmiene, suchte am 26. Mai 1852 Hilfe wegen seines rechten 
Auges auf der Klinik. Das obere und untere Lid längs des Randes geröthet und stark 
geschwollen (ödematös), die Falte des oberen Lides jedoch nicht verstrichen, Licht- 
scheu und Thränenfluss heftig, das Auge wird beständig geschlossen gehalten. Die 
Conj. palp. über dem Tarsus netzförmig geröthet, im Übergangstheile blass, aber öde- 
matös geschwellt, die Conj. bulbi bis zum Cornealrande stark serös infiltrirt und von 
feinen , leicht verschiebbaren Gefässchen durchzogen , die Sclera rings um die Cornea 
rosenroth, dicht an einander gedrängte Gefässchen bis zum coneaven Rande des Limbus 
conjunctivae injicirt. Die Cornea durchaus leicht getrübt, wie angehaucht, doch an 
ihrer Oberfläche und in ihrer Wölbung nicht verändert. Die Iris verfärbt, im grossen 
Kreise grünlich, im kleinen dunkler, etwas gelockert, träger und weniger beweglich, 
die Pupille etwas verzogen (nach oben und aussen) , etwas enger. Das Gesicht um- 
flort; Gefühl von Druck im Auge, heftige reissende Schmerzen in der Stirn, Schläfe 






Entzündung — Krankengeschichten. 83 

und Jochbeingegend. — Der Mann hat vor sechs Jahren eine Brustkrankheit überstanden, 
mit Seitenstechen, Husten und zeitweiligem Blutauswurfe, und war nach Anwendung 
einer streng antiphlogistischen Behandlung wieder ganz gesund geworden, bis er vor 
12 Wochen in Folge häufiger und heftiger Verkühlungen — wie er angibt — von 
Reissen in verschiedenen Gelenken befallen wurde (Fuss, Knie, Hand, Schulter und Nak- 
ken), welches sich steigerte, verschiedene Gegenden abwechselnd ergriff, und ihn endlich 
an's Bett fesselte. Die Schmerzen exacerbirten Abends und raubten ihm Tage lang allen 
Schlaf. In den letzten Wochen dieses Leidens bekam der Kranke ein Gefühl von Drücken 
in beiden Augen, ohne Böthe derselben und ohne vermehrte Absonderung, und sah 
die Gegenstände um sich herum nicht mit der gewohnten Deutlichkeit. Vor 3 Wochen 
trat Lichtscheu, Thränenfluss und Röthe der Augen ein, die Lider schwollen an, und 
der Kranke sah eine Zeit lang Alles doppelt. Der Zustand des linken Auges hatte 
sich in den letzten Tagen wohl gebessert — wir fanden dasselbe nahezu normal, — 
der des rechten war aber um so ärger geworden. — Unter diesen Umständen hatte 
die Annahme, das Augenleiden sei rheumatischen Ursprunges, die meiste Wahrschein- 
lichkeit für sich, wesshalb wir diesen Fall im Allgemeinen so behandelten, wie den 
vorher geschilderten ; nur verabreichten wir dem Kranken eine bessere Kost (Braten), 
und gaben ihm, da die Doverschen Pulver nicht hinreichten, die besonders in der 
Nacht heftigen Schmerzen zu mildern, innerlich 2 Gran Sulfas chinini mit V4 Gran 
Opium. Die Wirkung war überraschend. Der Kranke konnte schon am 12. Juni (18. Tag 
nach der Aufnahme) vollständig geheilt entlassen werden. 

4. Ein Mädchen von 24 Jahren , welches vor mehreren Monaten an einem Ulcus 
syphilit. und einige Wochen nachher an einem maculösen Hautausschlage gelitten hatte, 
erkrankte 10 Tage vor ihrer Aufnahme in die Anstalt auf dem linken Auge mit Eöthe, 
drückenden Schmerzen und Trübung des Sehvermögens, wogegen kalte Umschläge, 
jedoch ohne Erleichterung, angewendet wurden. Wir fanden ausser der Narbe von 
jenem Geschwüre keine Spur einer syphilitischen Affection. Das obere Lid geröthet 
und leicht geschwollen, die Conjunctiva leicht hyperämisch , die Sclera rings um die 
Cornea rosenroth, die Hornhaut rein, die Iris dunkler, besonders im kleinen Kreise, 
daselbst auch aufgelockert und am Pupillenrande nach unten durch 2 hintere Syne- 
chien fixirt, unbeweglich, die Pupille entrundet, rauchig getrübt, Thränenfluss und Licht- 
scheu heftig, Abends und in der Nacht reissende Schmerzen im Auge und in der linken 
Kopfhälfte. Wir hielten demnach die Affection für rheumatisch, und ordinirten, nebst 
entsprechendem Verhalten, bloss täglich 3mal Pulvis Doveri und Einreibungen von Ung. 
einer, mit Opium an die Stirn und Schläfe. Schon am 3. Tag waren die Schmeren, die 
Lichtscheu und Injection auffallend geringer, die Pupille weniger getrübt. Am 4. Tage 
wurde ein Vesicans an den Nacken gelegt; den 7. Tag waren nur noch die Synechien 
und eine leichte Injection vorhanden. Durch 3 Tage wurden warme Bäder gebraucht 
und am 11. Tage ging die Kranke völlig genesen nach Hause. 

5. Ein bei einem Bräuhause angestellter Fassbinder, 36 Jahr alt, von hohem Wüchse 
und kräftigem Körperbaue, wurde am 18. December 1851 auf die Klinik aufgenommen. 
Der linke Bulbus war merklich aus der Orbita vorgetreten, etwas weicher, teigig anzu- 
fühlen, frei beweglich. Zahlreiche und stark injicirte Gefässe durchzogen die Conj. bulbi. 
Die stark eingespritzten vordem Ciliargefässe bildeten rings um die Hornhaut einen über 
2'" breiten violettrothen Saum. Die Hornhaut normal. Die vordere Kammer sehr enge 
durch Vorwärtswölbung der Iris. Die Farbe der Iris matt, dunkelbraun, das Gewebe etwas 
gelockert, die Pupille klein (1"') und unbeweglich ; in ihr ein spinnewebenähnliches, kaum 

6* 



34 Regenbogenhaut. 

merkbares Häutchen ausgespannt, welches nur nach oben einen kleinen Theil der Pupille 
frei lässt, welcher schwarz erscheint. An dem rechten Auge dieselben Erscheinungen, 
nur in etwas minderem Grade, dagegen aber die Pupille vollständig durch ein ähnliches 
Häutchen verlegt. Drückende Schmerzen in den Augen, gänzlicher Verlust des Sehver- 
mögens. Ausserdem war eine Blennorhoea urethrae vorhanden, übrigens aber keine 
Störungen im Organismus nachzuweisen. Der Kranke, über den Verlust des Gesichtes 
(selbst der Lichtempfindung) trostlos, hatte ein erdfahles Aussehen und war in den letzten 
Tagen zusehends abgemagert. Er war nämlich verheirathet, Vater mehrerer Kinder, und 
hatte sich vor 4 Wochen eine Gonorrhöe zugezogen, gegen welche ihm vor 14 Tagen 
ein Laie eine weisse Medicin verschafft hatte. Darauf hatte der Ausfluss beinahe gänzlich 
aufgehört, und da um dieselbe Zeit das Augenleiden mit heftigen entzündlichen Zufällen 
aufgetreten war und binnen drei Tagen Erblindung herbeigeführt hatte, so war der 
herbeigerufene Arzt und mit ihm der Kranke der Meinung, das Augenleiden sei Folge 
der Unterdrückung des Trippers. Diese Meinung hatte auch den Arzt bei seiner Behand- 
lung geleitet, und er hatte unter Anderem auch eine Salbe mit Tart. stib. in die Harnröhre 
eingebracht. — Wir fragten den Kranken zunächst nach den Erscheinungen, wie er sie 
der Reihe nach an seinen Augen bemerkt habe , und erfuhren Folgendes. Er hatte an 
einem Samstag Abends, von seiner Arbeit aus dem Bräuhause zurückgekehrt, am linken 
Auge heftige brennende Schmerzen, reichliches Thränen und grosse Empfindlichkeit gegen 
das Licht bemerkt. Etwas später waren diese Erscheinungen auch auf dem rechten 
Auge eingetreten. Den anderen Tag waren diese Zufälle heftiger, das Weisse beider 
Augen stark geröthet. Gegen Abend gesellten sich feurige Erscheinungen dazu, und 
unter den heftigsten Schmerzen in den Augen sowohl als im Kopfe war Montags das Licht 
des linken, Dienstags auch das des rechten Auges völlig erloschen. Zu gleicher Zeit 
kam es dem Kranken vor, als seien die Augäpfel angeschwollen und würden aus den 
Augenhöhlen herausgedrängt. Die Schmerzen wurden nach und nach geringer, dielästi- 
gen Lichtentwickelungen schwanden, die übrigen Erscheinungen blieben ziemlich unver- 
ändert. — Sowohl die noch vorhandenen, als die früheren Erscheinungen und deren 
Reihenfolge liessen sich erklären, wenn man annahm, es habe hier eine faserstoffig-seröse 
Exsudation an der Innenfläche der Chorioidea und an der Iris stattgefunden. Das Vor- 
gedrängtwerden der Bulbi konnte kaum anders als durch acutes Ödem der Tunica 
vaginalis bulbi erklärt werden. Die Erfahrung gab uns keine verlässliche Beobachtung 
an die Hand, wo ein solcher Zustand durch unterdrückten Tripper hervorgerufen worden 
wäre. Zudem überzeugten wir uns, dass der Tripper noch fortbestand, und nie ganz 
verschwunden gewesen war. Wohl aber kannten wir Fälle , wo ein solcher Process 
durch plötzlich unterdrückte Transspiration eingeleitet worden war, und wir hatten in 
Einem (ganz analogen) Falle Gelegenheit gehabt, durch Autopsie uns über den inneren 
Zustand solcher Augen zu unterrichten,*) — Wir fragten nach der Beschäftigung 
des Kranken am Tage vor dem Ausbruche des Augenleidens, und erfuhren, dass er im 
Bräuhause gearbeitet, etwas mehr Bier getrunken, und erhitzt und schwitzend sich gegen 
Abend nach Hause begeben hatte. Es war damals bei ungewöhnlich hoher Kälte und 
stürmischem Wetter viel Schnee 'gefallen. Der Kranke hatte, durch das Getränk auf- 
geregt, auf diese Umstände nicht geachtet, und in seiner Gewissensangst nur an das 
Leiden der Genitalien gedacht. Uns war die plötzlich unterdrückte Transspiration die 

*) Dieser Fall ist ia der Prager Vjschr. 14. Bd., S. 59 beschrieben ; wir werden ihn bei den Krankheiten 
der Chorioidea in den Context aufnehmen. 



Entzündung — Krankengeschichten. 85 

wahrscheinlichste Ursache des Übels. Sofort ordneten wir ein dieser Voraussetzung - ent- 
sprechendes Regimen an, legten an die Schläfe 8 Blutegel und reichten innerlich Tart. 
stib. mit Glaubersalz. Den 2. tind 3. Tag wurden fliegende Vesicatore um die Augen- 
höhlen herum applicirt, doch Alles ohne Erfog. Wir suchten Resorption des serösen 
Ergusses auf möglichst rasche "Weise einzuleiten durch Hervorrufung einer vicarirenden 
Secretion, und reichten vom 4. Tage an dem Kranken alle 4 Stunden 2 Gran Calomel. 
Mit dem Eintritte der Salivation am 7. Tage fing der Kranke an, Licht und Schatten 
zu unterscheiden. Drei Tage später erkannte er bereits, vom Lichte abgewendet, die Umrisse 
der um das Bett stehenden Eleven der Klinik. Das Calomel wurde nun seltener und in 
kleineren Gaben verabreicht, und am 30. December (12. Tag der Behandlung) ganz ausge- 
setzt. "Wir gingen nun zu einer nahrhafteren Kost über, und Hessen, nachdem die Gefäss- 
injection an den Augen nahezu verschwunden war, den Kranken jeden 3. Tag ein lauwarmes 
Bad nehmen. Das Sehvermögen besonders des rechten Auges besserte sich von Tag zu 
Tag, so dass der Mann am 2 1 . Jäner, dem Tage seiner Entlassung , nicht nur grössere 
Gegenstände, sondern auch die Zeiger einer kleinen Taschenuhr gut erkannte, selbst 
einen etwas grössern Druck lesen konnte. Die Störung des Gesichtes entsprach dem 
mechanischen Hindernisse, den spinnwebenähnlichen Exsudaten in den Pupillen. Die 
Bulbi waren in ihre normale Lage zurückgetreten , und hatten ihre gehörige Consistenz 
wieder erlangt. Die Iris des linken Auges war noch immer etwas stärker vorwärts ge- 
wölbt, Einträuflungen von Belladonna bewirkten keine Erweiterung der Pupillen, obwohl 
die Iris auf Licht und Schatten Spuren von Reaction zeigte. 

6. F. E., 29 Jahre alt, kräftig gebaut und gut genährt, kam am 8. November 1847 
auf die Klinik, mit Entzündung des linken Auges. Das obere Lid ein wenig angelaufen, 
die Bindehaut der Lider etwas gelockert und stärker injicirt, die Conj. bulbi netzförmig 
geröthet, die Sclera rings um die Cornea rosenroth , die Gefässchen bis zum coneaven 
Rande des Limbus conjunet. dicht eingespritzt, die Cornea rein, die Iris ein wenig ver- 
färbt und aufgelockert, besonders im kleinen Kreise, daselbst nach unten und aussen ein 
hirsekorngrosser, gelber Knoten , welcher unter der Loupe einige Gefässchen an seiner 
Basis wahrnehmen lässt, die übrige Partie der Iris fast normal beweglich ; geringe Licht- 
scheu, unbedeutende Störung des Gesichtes (der Kranke kann lesen), Gefühl von Druck 
im Auge. — Diese Erscheinungen lassen uns auf Syphilis als Ursache des Augenleidens 
schliessen, um so mehr, als der Kranke noch angibt, er habe in den letzten Nächten nicht 
schlafen können vor Kopfschmerzen. Der Kranke selbst schrieb sein Augenleiden dem 
Umstände zu, dass er, von Bier etwas berauscht, seine Augen grellem Lichte ausgesetzt 
hatte, weil bald darauf Schmerz, Lichtscheu und Thränenfluss des linken Auges aufgetreten 
waren. "Wir erfuhren nun, dass er vor 10 Jahren an einer Gonorrhöe und vor 2 Jahren 
an einem Chancre gelitten. Letzterer hatte durch 6 Monate angedauert, und war endlich 
durch Sublimat in Pillenform geheilt worden. Gegen die dazugetretene Anschwellung der 
Leistendrüsen waren Einreibungen von Ung. neapolit. und ein Pflaster aus Empl. mercur., 
cicutae et diaehyl. comp, angewendet worden. Ein halbes Jahr nach vermeintlicher Hei- 
lung hatte der Kranke an der Stirn, an der Brust und am Rücken ein Exanthem und eine 
Anschwellung des linken Zitzenfortsatzes mit heftigen Schmerzen bekommen, von welchen 
Zufällen er binnen 5 "Wochen durch den Gebrauch von Jodkali befreit worden war. Vor 
4 Monaten hatten sich am After Condylome gezeigt, welche binnen 6 "Wochen nach dem 
Gebrauche von Calomel (im Ganzen '/ 2 ühze) und von lauen Bädern verschwanden. 
Seitdem hatte sich der junge Mann für ganz gesund gehalten , bis er vor 8 Tagen auf 
die obengenannte Veranlassung an dem linken Auge erkrankte. Ein Arzt ordinirte ihm 



$6 Regenbogenhaut. 

ein Ycsicans hinter das Ohr und ein warmes Fassbad. Durch das Auftreten heftiger 
bohrender Schmerzen oberhalb der Augenbrauen wurde der Kranke bestimmt, Hilfe im 
Spitale zu suchen. — Da der Kranke bereits grosse Massen von Quecksilber- und Jod- 
präparaten genommen, aber dabei niemals das hiezn erforderliche Regimen diaeteticum 
beobachtet hatte, und ausser den Kopfschmerzen keine sehr drängenden Zufälle vorhan- 
den waren, so wählten wir für diesen ohne Zweifel durch Syphilis bedingten Fall die 
Entziehungscur (täglich 3mal Suppe und einige Loth "Weissbrod) und Hessen , nachdem 
die regelmässig jeden Abend wiederkehrenden Dolores osteocopi durch Einreibungen von 
Ung. neapolit. mit Opium gemildert und behoben worden waren, den Kranken bloss von 
Zeit zu Zeit ein Eccoproticum, fortlaufend aber eine Abkochung von Gramen, Taraxacuni 
Bardana und Carex arenaria, zum Schlüsse der Cur aber einige warme Bäder nehmen. 
Zuerst verschwanden die Schmerzen, dann die Rüthe der Sclera, endlich auch der Exsudat- 
knoten, und es waren am Tage der Entlassung (23. November, 15. Tag der Behandlung) 
nur zwei bräunliche Synechien nach unten und aussen übrig. 

7. Ein 40 Jahre alter Maler, früher stets gesund, litt vor 2 Jahren an einer Gonorrhöe. 
Seit 5 "Wochen bemerkte er anhaltende Schmerzen am innern Knöchel des linken Fusses, 
welche durch den geringsten Druck vermehrt wurden. Vor 14 Tagen erkrankte das linke 
Auge ohne äussere Veranlassung mit dem Gefühle von Druck, massigem Thränen, Röthung 
des Weissen, wozu sich alsbald leichte Trübung des Gesichtes gesellte. Nach einigen 
Tagen stellte sich auch heftiger, halbseitiger, stechender Kopfschmerz ein, welcher regel- 
mässig um 7 Uhr Abends eintrat und bis 5 Ehr Morgens anhielt, so dass der Mann fast 
gar nicht schlafen konnte. Seit 5 Tagen bemerkte er den gelben Punkt im Auge, welchen 
wir weiter unten beschreiben werden. Er gebrauchte auf Anordnung eines Arztes ein 
Augenwasser (Aqua Conradi) und Einreibungen von Ung. einer, an die Stirn. Am 19. 
November 184S fanden wir folgenden Zustand: Der Kranke ist gut genährt, jedoch von 
erdfahler Hautfarbe, und bietet ausser dem Augenleiden und der Knochenauftreibung am 
Knöchel keine krankhaften Erscheinungen dar. Die Lider des linken Auges etwas geröthet, 
das obere gegen den äussern Winkel hin leicht angelaufen. Die Bindehaut der Lider 
etwas röther , sonst normal ; die Sclera von einem hellrothen Gefässnetze der Bindehaut 
(besonders gegen den äussern Winkel hin) verdeckt, rings um die Cornea rosenroth. 
Die Cornea normal. Die Iris grau, ihre Faserung undeutlich, wie verschwommen, auf- 
gelockert, sammetartig, starr; gegen den äussern Winkel hin sitzt auf ihrer innern Zone 
ein graugelber, von feinen röthlichen Gefässchen umgebener und überzogener Knoten 
von der Grösse eines Hanfkornes, welcher ebenso in die vordere Kammer hereinragt, als 
er sich durch die Pupille nach rückwärts ausdehnt ; die Pupille ist auf diese Art beinahe 
bis zur Hälfte von diesem in der Iris sitzenden Knoten eingenommen. Das Sehen un- 
deutlich, wie durch Nebel. Gefühl von Druck im Auge. Abends regelmässig heftiger 
Kopfschmerz. — Das Augenleiden trat hier so charakteristisch auf, dass wir dasselbe 
ohne Weiteres für syphilitisch erklärt haben würden, auch wenn wir keinen Tophus (am 
Knöchel) vorgefunden, und der Kranke die vorausgegangene Affection der Genitalien in 
Abrede gestellt hätte. Wir ordinirten : Buhe im Bette, l /-i der Spitalskost , Temperirung 
des Lichtes, 8 Blutegel an die Schläfe, Einreibungen von Ung. einer, mit Opium an die 
Stirn und Schläfe (namentlich vor dem Eintritte der nächtlichen Schmerzen), so wie auch 
an den Malleolus, und innerlich alle 4 Stunden 1 Gran Calomel mit '/* Gran Opium. Die 
nächsten 2 Abende kehrte der Schmerz trotz der Einreibungen wieder, wesshalb wir, da 
die Gefässinjeetion am Auge noch sehr beträchtlich war, abermals 8 Blutegel anlegten. 
Abends gegen 7 Uhr stellte sich ein leichter Schmerz im Auge ein , verschwand aber 



Entzündung — Krankengeschichten. 87 

bald nach wiederholter Einreibung, und der Kranke hatte zum ersten Male wieder seit 
Langem eine ruhige Nacht. Wir beschränkten die Nahrung auf eine Milchviertelportion, 
Hessen den Kranken fleissig eine Abkochung von Rad. graminis, bardanae, taraxaci et 
liquiritiae trinken, die Pulver und die Salbe wie früher fortgebrauchen. Am 5. Tage der 
Behandlung trat von S bis 12 Uhr, am 6. Tage von 8 bis 10 Uhr Nachts ein drückender 
Schmerz im Auge, spater aber durchaus kein Schmerz mehr ein. Am 7. Tage konnte 
man deutlich nicht nur Abnahme der Eöthe und der Lichtscheu wahrnehmen, sondern 
es war auch der Exsudatknoten an der Iris kleiner, flacher und flockig aufgelockert. 
Nach dem Eintritte von Salivation am 8. Tage wurden die Mercurialmittel sogleich weg- 
gelassen, und ein Infus, sennae mit Natrum sulfur. verabreicht. Von nun an schwand 
das Exsudat sichtlich bis auf eine dünne Membran, welche ungefähr l /3 der Pupille (nach 
unten und aussen) einnahm, die freie Partie der Iris war wieder beweglich, und die 
Pupille erschien daher bei gedämpftem Lichte nach innen und oben erweitert (excentrisch). 
Tom 20. Tage an konnte bereits eine Salbe aus 2 Gran rothern Präcipitat Abends in 
die Lidspalte eingestrichen , von Zeit zu Zeit ein warmes Bad verordnet , und die 
Pupille durch Belladonna erweitert werden. Am 20. December (4 "Wochen nach dem 
Eintritte) verliess der Mann vollkommen geheilt (bis auf eine kleine hintere Synechie) 
die Anstalt. 

S. Eine Dienstmagd, 27 Jahre alt, früher gesund und seit dem 16. Jahr regelmässig 
menstruirt, durch 4 Monate auf der Abtheilung für Syphilitische in ärztlicher Behandlung 
(nächtliche Knochenschmerzen, ein papulös-schuppiges Exanthem, Blennorrhoe der Scheide) 
erkrankte während des Gebrauches der Sublimatpillen nach Dzondi vor 14 Tagen an den 
Augen mit Küthe, stechenden Schmerzen, Lichtscheu und häufigem Thränen ; früh beim 
Erwachen waren die Augenlider etwas verklebt. Diese Zufälle verloren sich auf dem 
rechten Auge nach drei Tagen, auf dem linken aber hielten sie an unter Hinzutritt von 
stechenden Schmerzen in der linken Stirn- und Jochbeingegend, von anhaltendem Drucke 
im Augapfel und allmäliger Trübung des Gesichtes. Nach Anlegung von Blutegeln an 
die Schläfe und Einreibungen von Ung. cinereum an die Stirn minderten sich die beson- 
ders in der Nacht und gegen Morgen heftigen Zufälle, doch ohne Bestand. Am 13. October 
1S47 fanden wir folgenden Zustand. Die Kranke, schwächlich gebaut und schlecht ge- 
nährt (schlaffe erdfahle Haut, wenig entwickelte Muskulatur), bietet fast'am ganzen Körper 
ein papulös-squamüses Exanthem und am Nacken ein Geschwür dar, über deren Natur 
schon das Aussehen Aufschluss gibt. An der rechten Tibia eine flache Knochenauftreibung 
mit heftigen nächtlichen Knochenschmerzen. Die Stimme heiser, die linke Arcade etwas 
geröthet und aufgelockert. Blennorrhoe der Vagina mit Excoriationen am Muttermunde. 
— Das rechte Auge normal. Die Lider des linkeu Auges äusserlich normal, die "Wimpern 
durch Schleim in Büschel verklebt ; die Bindehaut des untern Lides netzfrömig injicirt, 
glatt, durchscheinend: die Übergangsfalte von wenig Gefässen durchzogen, etwas geschwellt, 
die Conj. bulbi netzförmig injicirt, aufgelockert und leicht serös infiltrirt (besonders gegen, 
den Cornealrand hin) ; die Sclera auf 3'" breit intensiv-bläulichroth durchscheinend ; die 
Cornea rein, glänzend, gehörig gewölbt; der Limbus conj. corneae im ganzen Umfange 
mattweiss, nur oben von zahlreichen Gefässchen durchzogen; die Iris (von Natur aus 
lichtbraun) wie mit einem mattgrauen Überzuge belegt, aufgelockert (besonders im kleinen 
Kreise), von feinen Gefässchen durchzogen ; nach innen und unten sieht man einen hanf- 
korngrossen, lichtgelben, von zahlreichen Gefässchen umgebenen und durchzogenen Ex- 
sudatknoten im grossen Kreise der Iris sitzen, gleichsam zwischen der Cornea und Iris 
herauswachsend und so in der Iris sitzend, dass der Schliessmuskel von demselben gegen 



SS Regenbogenhaut. 

die Pupille hingedrängt -wird; die übrige Partie der Iris zeigt noch einige Beweglichkeit 
hei grellem Contraste zwischen Licht und Schatten ; die Pupille ist vermöge jenes Ex- 
sudatknotens und einiger hräunlicher Flocken am untern und äussern Theile des Pupillar- 
randes excentrisch, nach oben verrückt; das Sehvermögen wenig gestört, indem selbst 
Geldmünzen erkannt werden; Gefühl, als werde der Bulbus von oben her gedruckt; die 
Empfindlichkeit gegen das Licht gering ; Schmerzen in der Umgebung des Auges, bei der 
Mor^envisite gar keine. — Sublimatpillen nach Dzondi fortgesetzt, Ruhe im Bette, massige 
Temperirung des Lichtes, l /i Portion der Spitalskost. — i 5. Oct. Bis 3 Uhr Morgens hat 
die Kranke gut geschlafen, dann wurde sie durch Schmerzen in der Stirn- und "Wangen- 
beingegend geweckt; nach Einreibung einer Salbe aus Ung. einer, und Opium schlief 
sie wieder ein. Die Injection der Conjunct. bulbi etwas geringer; die Cornea gegenüber 
der Pupille leicht getrübt; sieht man von oben herab in die Augenkammer, so findet 
man, dass sich der Zustand der Iris nicht geändert hat. An dem innern Condylus des 
rechten Oberarmes eine wallnussgrosse, harte, unbewegliche, schmerzhafte Geschwulst 
(Tophus). 16. Oct. Gastrische Zufälle vom Sublimat, am 1 7. Oct. auch Zeichen von Salivation 
wesshalb die Pillen ausgesetzt, und Mixt, oleosa mit Opium verabreicht wurde. 19. Oct. Die 
Zufälle vom Sublimatgebrauche fast ganz verschwunden, die Injection am Auge geringer, 
die Hornhaut nur nach innen, gegenüber dem Irisexsudate getrübt, die Iris weniger ge- 
lockert, der Exsudatknoten blässer, fast ohne Gefässe, hellgelb, die Pupille fast ganz rein, 
der freie Theil der Iris deutlich beweglich, das Sehen besser, keine Schmerzen. 22. Oct. 
Schmerzen in dem linken Stirnbeine; rechts am Winkel des Unterkiefers eine schmerz- 
hafte Knochenauftreibung ; das Exanthem schuppt sich ab. Täglich 2mal Vi o Gran Proto- 
jodur. hydrarg. Auch dieses Mittel musste am 28. wieder weggelassen werden, da der 
Unterleib in der Magengegend schmerzhaft wurde, 4 flüssige Stühle erfolgten, Übligkeiten 
und Mercurialgeruch eintraten. Mixt, oleosa cum opio. Am 4. Nbvemb. erkrankte, nachdem 
an dem linken Auge der oben beschriebene Zustand sich noch merklich gebessert hatte 
das rechte Auge. "Wir fanden die Conjunctiva bulbi von zahlreichen Gefässen durchzogen, 
die Sclera rings um die Cornea rosenroth, die Cornea rein, die Iris matt, etwas auf- 
gelockert, träge beweglich, und unten am Pupillarrande mit einem gelben hirsekorngrossen 
Knötchen besetzt, die Pupille oval (der Längendurchmesser von innen nach aussen), das 
Sehvermögen fast ungestört, keine Schmerzen. Den folgenden Tag war auch an dem 
linken Auge das Exsudat grösser, und die Gefässinjection stärker, und diese Erscheinungen 
nahmen von nun an bei Verabreichung eines Decoctum graminis et taraxaei täglich zu. 
Am 12. war der Zustand folgender: Rechts das Exsudat fast ganz aufgesogen, die In- 
jection gering, das Sehen nahezu normal. Links das obere Lid längs des Randes merklich 
angeschwollen, die Conj. palp. et bulbi dicht injicirt, die Sclera auf 3'" breit um die 
Hornhaut bläulich roth, dem Irisexsudate entsprechend (nach innen und unten) jedoch 
wulstig hervorgetrieben. Diese "Wulst ist längs des Hornhautrandes gegen b'" lang, vom 
Limbus conjunct. an gegen die Peripherie hin 2'/ , 2" / breit, und ohngefähr l 1 /»'" hoch; 
durch einige querlaufende Einschnürungen erhält sie ein darmähnliches Aussehen; die 
Hügel zwischen diesen Einschnürungen erscheinen hellgelb, als ob Eiter oder in Erwei- 
chung begriffener Markschwamm die Sclera ausgedehnt und emporgedrängt hätte; die- 
Abdachung gegen die Peripherie hin erscheint graubraun, in den Vertiefungen verlaufen 
Gefässchen zur Cornea. Von der Cornea aus erhebt sich die Geschwulst steil, gegen die 
Peripherie hin flacht sie sich allmälig ab. Das Exsudat in der Iris nimmt die nach innen 
und unten gelegene Hälfte der Iris sowohl als der vordem Kammer ein, und liegt mit 
seiner Wölbung unmittelbar an der Cornea an; an seiner Abdachung gegen die Pupille 



t 

Entzündung — Krankengeschichten. 89 

hin ist dasselbe von zahlreichen Gefässchen durchzogen, und daher röthlich gelb. Die 
Pupille besteht demnach nur noch als eine nach aussen und oben gerückte Spalte, 
getrübt durch ein dünnes lichtgraues Hä\itchen ; das Sehen ist ganz aufgehoben ; über 
Tag keine Schmerzen, wohl aber in den schlaflosen Nächten. — Ein gegen V" langer 
und 2'" tiefer Einstich in die bis zum 14. Nov. bohnengrosa gewordene Geschwulst ent- 
leerte nichts als etwas Serum und Blut *) — Das Exsudat nahm von nun an noch 
immer an Grösse zu, bis es fast die ganze vordere Augenkammer ausgefüllt, die Sclera 
über dem Corpus ciliare rareficirt und zu einem 3'" hohen Wulste emporgehoben und 
dadurch die Cornea so nach oben und aussen gedrängt hatte, dass man dieselbe nur 
dann sehen konnte, wenn die Kranke den Bulbus abwärts rollte und das obere Lid auf- 
wärts gezogen wurde. Sodann, als es endlich gelungen war, der Lues Meister zu werden 
— die Kranke war Ende November auf die Abtheilung für Syphilitische zurücktransferirt 
worden — sank der linke Bulbus allmälig zusammen und wurde atrophisch, ohne dass 
Eitemng eingetreten war. Das rechte Auge kam mit einer leichten Synechie nach unten 
davon. 

9. Eine 4i Jahre alte Taglöhnerin kam am 22. Juli 1851 auf die Klinik mit fol- 
gendem Befunde des linken Auges : Die Lider normal, der Übergangstheil und die untere 
Hälfte der Conj. bulbi blassroth, ödematös infiltrirt, nächst der Cornea einen gegen 2'" 
breiten und ['" hohen "Wall bildend. Nach unten und aussen von der Cornea, etwa 2'" 
von dieser entfernt, ist die Sclera schwarzgrau, flach vorgetrieben, etwa wie eine halbe 
Linse ; eine ähnliche, jedoch längliche Hervortreibung sieht man nahe am Cornealrande 
(nach unten). Die vordem Ciliargefässe massig erweitert. Die Cornea leicht getrübt, 
matt, wie aufgelockert. Die vordere Augenkammer eng, fast aufgehoben, die (am rechten 
Auge dunkelblaue) Iris gelbbraun, sehr aufgelockert, ihre Fasern stellenweise auseinander 
gedrängt, ein Unterschied zwischen grossem und kleinem Kreise nicht wahrzunehmen. 
Die enge Pupille durch einen weissgrauen Exsudatpfropf gesperrt. Nach unten und aussen 
gleichsam von der Peripherie her zwischen die Iris und Cornea eingeschoben eine grau- 
gelbe Masse in der vordem Kammer, mit 2 starken Gefässstämmchen, die sich auf dieser 
Massegegen die Pupille hin verzweigen. Der Bulbus etwas härter. Keine Lichtempfindung. 
Continuiiliche drückende und reissende Schmerzen im Auge und in der linken Hälfte 
des Kopfes, mit nächtlicher Verschlimmerung. — Auf die Angaben der Kranken kann 
bei ihrer geringen geistigen Entwicklung wenig Gewicht gelegt werden. Sie versichert 
stets gesund gewesen zu sein. Die Katamenien waren im 17. Jahre eingetreten. In ihrem 
25. Jahre hatte sie sich verheirathet und 2mal ohne Desondere Zufälle das Wochenbett 
überstanden. — Sie ist von schwachem Körperbau, abgemagert, die Muskulatur wenig 
entwickelt und schlaff, die Haut schmutzig gelb und trocken, die sichtbaren Schleimhäute 
auffallend blass. Die Untersuchung der Brust- und Unterleibsorgane, so wie auch der 
Vagina und des Uterus ergab nach der Versicherung des Assistenten der Klinik nichts, 
was mit der Augenkrankheit in Zusammenhang gebracht werden konnte. Die Kranke 
leugnete auch jede Infection um so mehr, als sie mit Niemandem als mit ihrem Manne 
geschlechtlichen Umgang gepflogen habe. — Das Augenleiden soll vor 3 Monaten mit 
Kopfschmerzen begonnen haben, ohne dass das Auge roth war; erst nach einiger Zeit 
bemerkte sie drückende Schmerzen im Auge und Trübung des Gesichtes, wozu endlich 
auch Böthe des Auges gekommen sein soll. — Unter diesen Umständen konnten wir 



*; Makenzie 1. e. S. 426. „Das oberwähnte Aussehen entspringt nicht aus einer Ansammlung purulenter 
Flüssigkeit, und es fliesst nichts aus, nachdem man mit der Lanzette die Häute durchdrungen hat." 



90 Regenbogenhaut. 

keine bestimmte Diagnosis machen. Der Status praesens Hess sich verschieden deuten, 
und von einer eigentlichen Anamnesis war bei dieser Kranken, die ihrem Gesundheits- 
zustande so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, gar keine Rede. Ablagerung von 
Markschwamm in die Chorioidea (Corpus ciliare) und Iris schien uns endlich noch das 
"Wahrscheinlichste. Wir verabreichten ihr bei guter Kost durch einige Tage Decoctum 
solvens und dann versuchsweise Kali hydrojodicum, täglich zu 1 Scrupel — 2 Scrupel. 
Die lichtgelbe Masse an der Peripherie der Iris wurde erst etwas breiter, dann aber all- 
mälig kleiner. Am 21. August war der Bulbus etwas weicher, bei Berührung sehr schmerz- 
haft, die nach unten und aussen gelegene Hervorragung an der Sclera dunkler und 
schärfer abgegrenzt. Am 3. September war die seröse Infiltration der Conj. bulbi fast 
ganz geschwunden, die Injection auf einzelne Gefässchen reducirt, die Sclera erschien 
schmutzig braun, die vordere Kammer grösser, die gelbe Masse in der Peripherie der 
Iris kleiner; die nächtlichen Schmerzen traten nur manchmal ein. Das Allgemeinbefinden 
der Kranken nicht gebessert. Am 7. September wurde sie auf ihr Verlangen entlassen. 
— Am 4. November kam die Kranke mit folgendem Status praes. wieder : Der linke 
Bulbus um die Hälfte kleiner, in die Orbita zurückgesunken, viereckig; die Sclera an 
jenen Stellen, wo sie ausgedehnt gewesen war, bloss dunkelgrau, nicht emporgehoben. 
Die Cornea um die Hälfte kleiner als im normalen Zustand, abgeflacht, jedoch vollkom- 
men durchsichtig. Die Iris, welche ganz filzig und gelblichbraun aussieht, an die Cornea 
angelegt, die Pupille durch einen Exsudatpfropf geschlossen ; das in der Peripherie der 
Iris nach unten und aussen sitzende Exsudat noch als ein schmutzig gelber, sichelförmiger 
Streifen wahrnehmbar. Der Bulbus teigig anzufühlen, unschmerzhaft. — Die Kranke war 
nicht wegen des Auges in die Anstalt zurückgekehrt, sondern wegen Auswüchsen am 
After und am Scheidencingange, welche sich unzweifelhaft als Condylome erwiesen, und 
auf der Internabtheihmg auch bald einer auf diese Ansicht basirten Behandlung wichen. 
Auch jetzt leugnete die Kranke noch jede Infection, und waren die Spuren der primären 
Affection nicht aufzufinden. — Wir glauben nicht zu irren, wenn wir diesen Fall, so wie 
den vorhergebenden für Iridochorioiditis syphilitica erklären. Makenzie 1. c. S. 428 scheint 
ähnliche Fälle vor sich gehabt zu haben. Ist aber diese Ansicht richtig, dann zeigt eben 
dieser Fall, wie schwer es ist, die syphilitische Natur eines Augenleidens zu erkennen, 
wenn nicht am Auge selbst die Erscheinungen so ausgeprägt sind, dass man aus ihnen 
•und aus dem Verlaufe auf die Ursache schliessen kann. Uns war diese Art des Auftretens 
von Syphilis am Auge bis dahin aus eigener Anschauung noch zu wenig bekannt gewesen, 
als dass wir dem Verdachte, es liege hier Syphilis zu Grunde, gleich Anfangs hätten 
mehr Baum geben können. 

10. Pr. W., 39 Jahre alt, Drescher, kam am 13. October 1S51 auf die Klinik. Die 
Anamnesis ergab ausser der Zeit des Beginnens keine Anhaltspunkte: das linke Auge 
«oll vor 4, das rechte vor 3 Wochen erkrankt sein, mit Abnahme des Gesichtes und 
Kopfschmerzen. Der Kranke wusste nicht einmal, ob die Augen roth waren, oder nicht. 
Status praesens an dem rechten Auge: Die Conj. palp. unbedeutend injicirt, die Conj. 
bulbi zeigt einzelne erweiterte Gefässe, welche gegen die Cornea hin verlaufen; die 
vordem Ciliararterien stark injicirt, rings um die Cornea einen 2'" breiten Saum bildend. 
Die Cornea normal, bis auf eine leichte Trübung, welche unter der Loupe sich in zahl- 
reiche graugclbe Punkte auflöst, die besonders in der untern Hälfte zahlreich erscheinen. 
Die Iris bellbraun und so aufgelockert, dass man weder ihre Faserung, noch einen Un- 
terschied zwischen dem grossen und kleinen Kreise erkennen kann. Die Pupille bedeu- 
tend erweitert, im vertiealen Durchmesser über 2'", im horizontalen gegen 3'" gross, 



Entzündung — Krankengeschichten. 91 

unveränderlich, vermöge eines gelblieh grUnen Reflexes aus der Tiefe nicht schwarz. 
Der Bulbus weder härter noch weicher, selbst bei tieferem Drucke nicht schmerzhaft. 
Der Kranke erkennt die Finger, einen kleinen Schlüssel, Geldmünzen nach Grösse und 
Farbe, kleinere Gegenstände nicht. Linkes Auge: Das untere Lid ödematös geschwellt, 
in einigen Meibom'schen Drüsen eingedicktes Schmeer, die Bindehaut der Lider wenig 
geröthet; die Scleralbindehaut von vielen feinen Gefässchen durchzogen, welche bis zum 
coneaven Bande des Limbus conj. reichen ; die vordem Ciliaiarterien bilden einen bläu- 
liehvothen Saum rings um die Cornea, besonders in- und extensiv nach aussen und unten. 
Die Cornea scheinbar etwas kleiner als rechts (wegen Trübung und Injection des Limbus 
conjunctivae), glatt, glänzend, durchsichtig bis auf punktförmige Exsudate an der hintern 
Wand, besonders in der untern Hälfte. Die Iris gelbbraun, unbeweglich, schwammig auf- 
gelockert, uneben und stellenweise so vorgebaucht, dass sie, namentlich an einer nach 
unten gelegenen Stelle, die Cornea berührt. Zwischen ihren Fasern drängt sich hie und 
da eine lichtgelbe Masse hervor, welche in das Gewebe selbst infiltrirt erscheint. Auch 
sieht man das Iris-Gewebe deutlich, von einigen hellrothen Gefässchen durchzogen. Die 
Pupille bildet ein unregelmässiges Viereck. Sieht man von oben und innen hinter die 
Iris herab, so erkennt man deutlich, dass die in die Iris infiltrirten gelblichen Massen 
auch in die hintere Kammer hineinragen. Die Consistenz des Bulbus unverändert, das 
Sehvermögen so weit bescln-änkt, dass der Kranke kaum die Zahl der vorgehaltenen 
Finger zu bestimmen vermag. Nach unten und aussen, entsprechend den lichtgelben 
Massen in der Iris, war die Sclera nächst der Cornea etwas her vorgetrieben. Keine 
Lichtscheu, weder in den Augen noch in deren Umgebung Schmerzen. Diagnosis: Iritis, 
wahrscheinlich auch Chorioiditis, und zwar im Bereiche des Corpus ciliare, was jedoch 
nicht mit Gewissheit bestimmt werden kann. — Der Mann ist von grosser Statur, stark 
abgemagert, hat ein erdfahles Aussehen, ist in seinem ganzen Wesen auffallend torpid. 
Zunächst dachten wir an Syphilis, obwohl die bei solchem Befunde am Auge kaum jemals 
fehlenden Kopfschmerzen nicht vorhanden waren. Es fand sich jedoch nirgends eine 
Spur einer primären oder seeundären Affection. An der rechten Wange bemerkten wir 
eine wallnussgrosse, harte, nicht elastische und schmerzlose Geschwulst, welche weder 
mit dem Knochen zusammenhing, noch von der Haut selbst ausgegangen sein konnte. 
Die linke Scrotalhälfte faustgross, gespannt, die Haut darüber verschiebbar, vorn und 
unten deutlich fluetuirend ; nach hinten und oben fühlte man den vergrösserten, sehr 
harten, jedoch nicht höckerigen Hoden. Im untern Drittel des linken Unterschenkels ein 
Geschwür, welches von oben nach unten 3 V^" breit war, die Extremität rings umfasste, 
.zackige harte Bänder hatte, leicht blutete und eine sehr stinkende (brandige) Jauche in 
reichlicher Menge absonderte. Ausserdem war nichts Krankhaftes nachweisbar. — Da 
vorläufig alle Anzeigen zu irgend einer eingreifenden Behandlung fehlten, verabreichten 
wir dem Kranken bloss ein Decoct. graminis mit Tinct. rhei aquosa, gaben ihm eine 
nahrhafte Kost, und sorgten für fleissige Beinigung des Geschwüres. Verlauf. Etwas Blut 
vom 13. bis 14. October in die vordere Kammer des linken Auges ergossen, war am 16. 
grösstentheils resorbirt. An diesem Tage bemerkten wir in der vordem Augenkammer 
des rechten Auges eine gelbliche Flüssigkeit, wie die Lunula am Nagel, auf x l%" 1 Höhe 
angesammelt. Am 17. die Pupille des rechten Auges kleiner, die Iris mehr gelockert 
und vorgebaucht. Tom 19. an verabreichten wir dem Kranken täglich 1 Scrupel Jodkali 
und stiegen damit von 2 zu 2 Tagen um 10 Gran. Am 20. zeigte sich an dem linken 
Auge, an welchem die Irisexsudate grösser und consistenter geworden zu sein schienen, 
jrings um die Hornhaut vom äussern bis zum innern Winkel unten herum eine gegen 3'" 



92 Regenbogenhaut. 

breite und Vi,'** hohe sulzige Wulstung der Bindehaut ; trotzdem gab der Kranke Besserung 
des Gesichtes an. Vom 25. bis 28. , wo wir bei einer Drachme Jodkali stehen blieben, 
nahm die Schwellung der Iris und die Trübung der Cornea an dem linken Auge ab, die 
Pupille wurde mehr rund. Am 29. stand die Iris des linken Auges bereits in ihrer not- 
malen Lage, die Pupille war schwarz, etwas über 2'" im Durchmesser, nur unten durch 
einen einspringenden Winkel entrundet (nierenförmig) ; auch am rechten Auge hatten die 
Exsudate in der Iris merklich abgenommen. Am 30. und 31. wieder bedeutendes Hypoaema, 
das jedoch in den nächsten Tagen wieder verschwand. Die allmälig gansei-grosse Ge- 
schwulst an der rechten Wange wurde mit Tr. jodinae bestrichen, die Ränder des Fuss- 
geschwüres mit rother Präcipitatsalbe verbunden; das Jodkali innerlich wurde bis zum 24. 
November fortgesetzt. Bis zum 28. November trat noch 2mal Ilypoaema auf; an diesem 
Tage wurde der Kranke wegen des Unterschenkelgeschwüres auf die chirurgische Ab- 
theilung transferirt, mit folgendem Zustande der Augen. Links: Die Conj. palp. etbulbiund 
die Cornea normal, die Iris in ihre normale Lage zurückgetreten, grünlich verfärbt, träge 
beweglich, die Pupille schwarz, oval (von unten nach oben) ohne sichtbare Exsudate. 
Rechts : die Bindehaut massig injicirt, ebenso einige vordere Ciliararterien, die Iris träge 
beweglich, grünlich, noch etwas gelockert, der grosse und kleine Kreis nicht zu unter- 
scheiden, die Pupille schwarz, durch einige vorspringende Winkel entrundet: in der 
vordem Kammer etwas Blut ergossen und überdiess grauweisses flockiges Exsudat zu 
Boden gesetzt, wodurch die Iris rückwärts gedrängt wird. Das Gesicht des Kranken hatte 
sich so weit gebessert, dass er namentlich mit dem linken Auge, welches bei der Auf- 
nahme kaum die vorgehaltenen Finger erkannt hatte, den Stand der Zeiger an einer 
kleinen Taschenuhr richtig angab. — Der Kranke musste wegen des brandigen Ge- 
schwüres in ein abgesondertes Local gelegt werden. Er magerte nun noch mehr ab 
und wurde so schwach, dass er das Bett nicht mehr verlassen konnte, ganz indifferent 
da lag, und auf Fragen kaum antwortete; die erdfahle Haut wurde welk, am Handrücken 
und an den Wangen röthlichblau, die Absonderung des Geschwüres profus und stinkend, 
die Geschwulst an der Wange beinahe faustgross. Allmälig verschlimmerte sich auch der 
Zustand der Augen wieder. Befund am 15. December: Rechterseits die Conj. palp. et bulbi 
von einem grobmaschigen Gefässnetze durchzogen, die vordem Ciliararterien stark inji- 
cirt, die Cornea in ihrer untern Hälfte des Epithels beraubt, sonst normal, die Iris in 
ihrer normalen Lage, grünlich, aufgelockert, unbeweglich, die Pupille buchtig erweitert, 
rauchig getrübt, ohne sichtbares Exsudat, in der vordem Augenkammer gelbliche Flüssig- 
keit auf 1 l /i* u Höhe angesammelt. Links der Zustand der Binde- und Hornhaut wie rechts, 
die vordere Kammer vergrössert, die Iris durch gelbliche Flüssigkeit, welche die Hälfte 
der Kammer ausfüllte, rückwärts gedrängt, von der Iris und Pupille nur die obere Hälfte 
sichtbar; ob der Kranke noch etwas sehe, liess sich bei seinem apathischen Zustande 
nicht ermitteln. Zwei Tage später fanden wir das Exsudat in der rechten Kammer bis 
zum untern Pupillarrande gestiegen, an dem linken Auge die Cornea nach unten ver- 
schwärt und durchbrochen. Am 31. December erfolgte der Tod. Befund des rechten Auges : *) 
Durchmesser in der geraden Achse lO'/t'", im Äquator horizontal 10'", vertical lO'/a'". 
Die untere Hälfte der Cornea mit einer schmierigen gelblichen Masse (grösstentheils Epi- 
thelial-Detritus und unversehrtes Epithelium) bedeckt; nach Entfernung derselben erschien 
die Cornea daselbst durchsichtig, jedoch oberflächlich arrodirt, mit seichten Gruben versehen. 

*) Da ich am 1. Jäner, wo die Section gemacht wurde, nicht in Prag war, so wurden die Bulbi in ver- 
dünnten YWingeist gelegt, und erst am 2. Jäner anatomisch untersucht. 



Entzündung — Krankengeschichten. 93 

Nach Entfernung der Cornea mittelst eines hinter ihrer Basis geführten Schnittes fand man 
die Descemetsche Haut unversehrt. In der vordem Augenkammer nebst Humor aqueus 
eine Menge trüber Flüssigkeit, und am untersten Theile eine consistentere, blutig tingirte, 
eiterähnliche Masse. Erstere zeigt unter dem Mikroskope Blutkörperchen, Eiterzellen 
und körnige Substanz, letztere aber massenhaften plastischen Eiter, durch eine gallertartige 
Substanz verbunden. Die Iris gelbgrau, sehr gelockert, besonders im kleinen Kreis, 
geschwellt und verdickt. Von der faserigen Structur der Iris und von einem Farbenunter- 
schiede zwischen dem grossen und kleinen Kreise keine Spur wahrzunehmen. Unter der 
Loupe erscheint der kleine Kreis gewulstet, graugelb, am Pupillarrande mit einigen fran- 
senähnlichen Exsudatanhängseln versehen. In der Pupille eine halbdurchsichtige dünne 
Exsudatlage, die nach unten ziemlich fest am Pupillarrande haftete, und unter der Loupe 
membranartig ausgespannt, stellenweise (mehr nach oben) punktirt erschien. Die Verbin- 
dung zwischen Sclera und Ligamentum ciliare bot nichts Abnormes dar. Die Sclera wurde 
in der Gegend der Ora serrata ringsum durchschnitten, und zeigte auch nichts Ungewöhn- 
liches. Das Ligamentum ciliare dagegen war auffallend dick (über '/a'") und graugelb. 
Prof. Engel, der dasselbe genauer untersuchte, erklärte die Verdickung als Folge von 
Exsudatinfiltration in dasselbe. Die Chorioidea wurde hinter der Oia serrata durchschnitten 
und sammt Iris und Ligamentum ciliare abgezogen, wobei die Zonula Zinnii grösstenteils 
unversehrt mit dem Glaskörper und der Linsenkapsel verbunden zurück blieb. Sie selbst 
erschien nur an einer Stelle etwas röther (nach unten), ob durch äusserst feine Gefäss- 
chen oder durch Extravasat, konnten wir nicht ermitteln. Auf der Kapsel war an einigen 
Stellen die Pigmentschichte der hintern Fläche der Iris zurückgeblieben. Auf ihrem mitt- 
lem Theile, der Pupille entsprechend, lag eine dünne weisslich-graue Exsudatscheibe, die 
sie a mit dem Messer leicht abstreifen Hess, und unter welcher die Kapsel unverändert und 
durchsichtig erschien. Der Durchmesser dieser Scheibe betrug 1 '/-i'", der der Pupille war 
2'" gross. An der hintern Fläche der Iris war keine Spur von Exsudat zu finden, an der 
Zonula Zinnii und an den Ciliarfortsätzen konnten wir keine Veränderung auffinden, 
ebenso nicht an der Linse, dem Glaskörper, der Netzhaut. Resultat : Fasserstoffig-eitriges 
Exsudat im Ligamentum ciliare und in der Iris, in der vordem Kammer und in der Pupille. 
— -Befund des linken Auges: Die Durchmesser, namentlich im Äquator, um V" kürzer, 
die Form viereckig, die Sclera an den Berührungsstellen der Muse, recti eingedrückt, am 
meisten am Bectus infer., die Cornea platt, ihre untere Hälfte durch Vereiterung zerstört, 
die Öffnung durch eine graue Masse verlegt, welche sich leicht von der darunter liegen- 
den Iris abziehen Hess. Die Pupille durch eine lichtgraue Membran, welche sich nur 
mit Gewalt von der vordem Kapsel und von der Iris ablösen Hess, vollständig verschlossen. 
Von letzterer blieb der grösste Theil des Pigmentes an der Kapsel sitzen. Die Iris licht- 
braun, wie mit einem leichten Grau bedeckt, undeutlich faserig, nicht von Exsudat infil- 
trirt, hinten durchaus mit Pigment belegt. Das Ligamentum eil. nur 1'" breit, W" dick, 
weder mit der Sclera noch mit der Iris abnorm verbunden, die Ciliarfortsätze unverän- 
dert, ebenso die Zonula Zinnii, welche sich sammt dem Glaskörper und der Linsenkapsel 
unverändert und leicht vom Corpus ciliare entfernen Hess. Höchst wahrscheinlich war 
auch hier früher in der Iris und im Ligamentum ciliare Exsudat vorhanden gewesen, und 
später wieder aufgesogen worden. Befund am übrigen Körper nach dem Gutachten des 
Herrn Prof. Engel: Medullarsarkom im Conus arter. pulmonalis, im Pancreas, im linken 
Hoden, Samenstrang und den Leistendrüsen, in der Regio buccalis dextra, ein gangrä- 
nöses Geschwür am linken Unterschenkel, metastatische Pneumonie des untern Lappens 
der linken Lunge, supplementäres Emphysem der rechten Lunge, alte Reste von Pleuritis, 



94 Regenbogenhaut. 

frische umschriebene Pericarditis, acuter Milztumor. — Wir theilten diesen Fall desshalb 
so ausführlich als wir konnten mit, weil er uns, wir gestehen es, nach dem Sectionsbe- 
funde noch mehr, als während des Lebens, räthselhaft erscheint, und weil uns durchaus 
keine analogen Beobachtungen zu Gebote stehen. Er kann vielleicht für spätere For- 
schungen Anhaltspunkte geben. 

II. Ein 17 Jahre alter Schuhmacherlehrling kam am 2. Juni 1852 auf die Klinik. 
Linkes Auge: An den Lidern und an der Bindehaut nichts Abnormes; die Ciliargefässe 
stark entwickelt, bei längerer Betrachtung des Auges wird ein rosenrother Saum um die 
Cornea herum sichtbar. Die Cornea in jeder Beziehung normal, nur in der untern Hälfte 
etwas gelockert (fein gestichelt) und getrübt; die Trübung erscheint bei genauerer Be- 
trachtung zusammengesetzt aus zahlreichen lichtgrauen Punkten an der hintern "Wand 
der Cornea, wovon man sich besonders mit einer Loupe überzeugen kann. Diese Punkte 
liegen zum Theile der Pupille gegenüber, vorzüglich aber von da nach abwärts ; die mäch- 
tigsten liegen in der Mitte des getrübten Theiles. Die Grösse der vordem Kammer nicht 
merklich verändert. Die Tris graugrünlich, im kleinen Kreise dunkler, beweglich, jedoch 
träger; die Pupille ganz rund, etwas grösser, als an andern Augen bei gleicher Beleuch- 
tung, im Mittel 2'/ä"- im Durchmesser haltend. Kein Schmerz, keine Lichtscheu, ausser 
bei grellem Lichte; der Kranke kann mit diesem Auge Druckschrift von IV2'" Höhe bei 
8"' bis 12'" lesen, sieht aber alle Gegenstände, besonders entferntere, wie durch einen 
leichten Nebel gedeckt; er klagt überdiess, dass ihm besonders des Morgens und am mei- 
sten bei Kerzenlicht zahlreiche geschlängelte Reihen von Punkten und Ringen vorschwe- 
ben, welche sich gleichsam im Gesichtsfelde bewegen. Diagnosis: Iritis mit Exsudation 
in den Humor aqueus und Präcipitation an die Descemetsche Haut. — Rechtes Auge: 
Binde- und Hornhaut normal, die Ciliargefässe nur wenig mehr als gewöhnlich einge- 
spritzt: mittelst der Loupe sieht man auch hier an der untern Hälfte der Descemetschen 
Haut graue Punkte, aber weder so zahlreich, noch so gross. Die vordere Kammer scheint 
etwas grösser zu sein. Die Iris ist graublau, im kleinen Kreise braungrau, die Pupille 
hat ungefähr l'/a'" im Durchmesser, ist jedoch unregelmässig rund, nur nach oben er- 
weiterbar (bei Beschattung) ; in der untern Hälfte (nahezu in -/z) ist der Pupillarrand 
von einem grauweisslichen Exsudatstreifen eingesäumt und fixirt. Die Mitte und der 
obere Theil der Pupille schwarz, der Bulbus von normaler Consistenz, das Sehen be- 
deutend beschränkt , so dass die Zeiger einer Uhr nicht erkannt werden. Weder Röthe 
noch Lichtscheu, noch Schmerzen. Diagnosis: Ausgang von Iritis mit Exsudation am 
Pupillarrande und Präcipitation an die Descemetsche Haut. Anamnesis: Der Kranke 
versichert stets gesund gewesen zu sein. Das rechte Auge erkrankte vor 3 Monaten, 
das linke 4 Wochen später, ohne bekannte Veranlassung. Er bemerkte zuerst Jucken 
in den Augenwinkeln, öfteres Thränen, besonders beim Arbeiten, Empfindlichkeit gegen 
stärkeres Licht, nur unbedeutende drückende Schmerzen. Die Trübung des Gesichtes 
wurde erst in einigen Wochen so bedeutend, dass er nicht mehr arbeiten konnte und 
ärztliche Hilfe suchen musste. Das Mückensehen, welches erst in den letzten 14 Tagen 
auftrat, bestimmte den Krauken, nach Prag zu reisen. — Mit einem solchen Symptomen- 
complexe und von solchem Verlaufe wie hier haben wir die Iritis bei scrofulösen, aber 
auch bei solchen Individuen , welche durch deprimirende Einflüsse sehr herabgekommen 
waren , auftreten und verlaufen gesehen. Die Eltern des Knaben sollen ganz gesund 
sein ; er selbst hat keine schwere Krankheit gehabt, ist aber auf sein Alter wenig ent- 
wickelt, schlecht genährt, blass, beinahe erdfahl, und bietet am Unterkieferwinkel einige 
haselnussgrosse infiltrirte Lymphdrüsen dar. Er hat unter sehr dürftigen Verhältnissen 



Entzündung — Krankengeschichten. 95 

gelebt, und eine kleine, feuchte, noch von anderen 6 Individuen bewohnte Stube inne 
gehabt. Alles diess zusammen genommen, gibt uns die grüsste Wahrscheinlichkeit, dass. 
die Iritis als Ausdruck von Scrofulosis zu betrachten sei. Das rechte Auge kann nie mehr,, 
das linke mit grösster Wahrscheinlichkeit zum normalen Zustande zurückgeführt werden- 
Bliebe der Kranke sich selbst überlassen, so würde das linke Auge allmälig wohl demsel- 
ben Schicksale verfallen , wie das rechte. Behandlung : Durch die Aufnahme des Kran- 
ken auf die Klinik ist für Ruhe des Auges, für eine bessere Wohnung und Kost ge- 
sorgt. Der Kranke erhält Vs der Spitalskost und einen Braten, wird bei trockener Wit- 
terung soviel als möglich ins Freie geschickt, über seinen Zustand getröstet, und erhält 
innerlich ein Decoctum graminis mit Tr. rhei aquosa, vom S. Tage der Behandlung an 
Oleum jeeoris aselli, welches er auch gut vertrug; aufs Auge und dessen Umgebung 
wurde nichts angewendet. In Zeit von 5 Wochen bekam der Jüngling zusehends eine 
bessere Gesichtsfarbe, und nachdem noch einige ähnliche Punkte, wie an der Descemet- 
schen Haut, auf der vordem Kapsel des linken Auges bemerkt worden waren, nahm auch 
die Pupille mehr eine normale, der Intensität der Beleuchtung entsprechende Grösse an, 
die Iris bewegte sich lebhafter, und das Fortschreiten der Resorption zeigte sich an dem 
Verschwinden der kleinem Punkte an der Cornea. Das Gesicht hatte sowohl für die 
Nähe als für die Ferne viel an Schärfe gewonnen. Am 3. Juli, dem Tage der Abfassung 
dieser Krankengeschichte , konnte der Kranke nahezu als reconvalescent erklärt werden. 
12. Ein 21 Jahre alter Leinweber, angeblieh früher immer gesund, erkrankte 3 
Jahre vor seiner Aufnahme auf die Klinik im Frühlinge, ohne dass er irgend eine Schäd- 
lichkeit als Ursache zu bezeichnen vermochte , mit etwas Röthe des Weissen im Auge, 
leichtem Stechen daselbst, massigem Thränen und Lichtscheu, Alles jedoch so gering, 
dass er es nicht beachtet haben würde, wenn er nicht zugleich Alles wie durch einen 
Nebel gesehen hätte. Diese Erscheinungen schwanden in den folgenden Sommermonaten 
bis auf eine leichte Trübung des Gesichtes, kehrten aber im nächsten und im 3. Frühling 
ebenso wieder , und der Kranke musste wegen Abnahme des Gesichtes im 2. Jahre von 
der Weberei zur Landwirthschaft , im 3. Sommer aber in's Spital gehen. Wir fanden 
Ende Mai 1S40 beide Augen ziemlich gleich erkrankt. Im untern Theile der Hornhaut, 
und zwar deutlich an ihrer hintern Fläche einige weisslichgraue hirsekorngi-osse Flecke, 
und an einer Stelle war die unterste Partie der Iris an die Cornea angelöthet; bei Son- 
nenlicht oder mittelst der Loupe sah man noch sehr viele kleinere Punkte an der hintern 
Wand der Hornhaut; die Farbe der blassblauen Iris schien ebensowenig verändert zusein, 
wie ihre Faserung; nur der kleine Kreis erschien dunkler, und der Pupillarrand durch 
mehrere Synechien rückwärts fixirt, die Pupille entrundet, von etwa l"' Durchmesser, 
die Beweglichkeit der Iris sehr beschränkt. Während der Untersuchung der Augen bil- 
dete sich von den an Zahl und Grösse vermehrten Ciliararterien aus ein schmaler rosen- 
rother Saum um die Hornhaut herum und die Bindehautsäcke füllten sich mit Thränen. 
Das Sehvermögen so beschränkt, dass der Kranke nur an bekannten Orten noch allein 
herumgehen kann; Geldmünzen erkennt er nur nach der Grösse und Materie, nicht nach 
dem Gepräge. — Um die Resorption zu bethätigen, verordneten wir dem Kranken Ein- 
reibungen von Ung. einer, an die Umgebung des Augen, innerlich Calomel mit Opium, 
und in Zwischenräumen von mehreren Tagen ein stärkeres Abführmittel. Nach 3 Wochen, 
wo bereits Besserung des Gesichtes angegeben wurde, strichen wir eine Salbe aus 1 /z bis 
1 Gran rothem Präcipitat auf 1 Drachme Fett jeden Abend in die Lidspalte, und wandten 
von Zeit zu Zeit Einträuflungen von Belladonna an. Nach acht Wochen wurde statt der 
Mercurialmittel, welche keine Spur von Salivation erregt hatten, Jodkali innerlich und an 



96 Regenbogenhaut. 

die Umgebung der Augen angewendet, und Anfang August der Kranke auf sein Verlan- 
gen entlassen. Die kleinern Punkte an der Descemetschen Haut und mehrere Synechien 
■waren geschwunden, und das Gesicht so weit gebessert, dass der Mann meinte, er werde 
Feldarbeiten ohne Anstand verrichten können. 

13. B. C, 22 Jahre alt, Mutter von 3 Kindern, obwohl — nach ihrer ausdrückli- 
chen Versicherung — noch nie menstruirt, von schwächlichem Körperbau, schlaffer Mus- 
kulatur, trockener und spröder Haut, doch sonst gesund aussehend, hatte in ihrer Kind- 
heit lange an Kopfgrind gelitten. Vor 4 Jahren war sie von reissenden, stechenden, zeit- 
weilig aussetzenden Schmerzen in den Oberextremitäten ergriffen worden, welche Abends 
schlimmer wurden , sowie auch jedesmal , wenn sie sich im Freien beschäftigen musste. 
Vor einem halben Jahre befielen diese Schmerzen die beiden Unterschenkel, und während sie 
sich aus diesen verloren, trat das Augenleiden auf. Die Kranke fühlte vor 7 Wochen 
ohne weitere Veranlassung eines Morgens einen tiefen dumpfen Schmerz im linken Auge, 
wie wenn die Augenhöhle mit Sand angefüllt wäre, wozu bisweilen heftige flüchtige Stiche 
kamen; das Auge soll zugleich von vielen Äderchen durchzogen und lichtscheu gewesen, 
das Sehvermögen allmälig getrübt worden sein. Vor 3 "Wochen erkrankte auch das rechte 
Auge, gleichfalls ohne äussere Veranlassung. Zustand am 30. Mai 1841. Linkes Auge: 
Die Lidbindehaut netzförmig geröthet , unter der Scleralbindehaut zahlreiche und erwei- 
terte Gefässe , welche rings um die Cornea zu einem 1 '/»"' breiten blassbläulichrothen 
Saume zusammentreten ; über diesem Saume bilden zahlreiche kleine Gefässchen, welche 
bis an den concaven Rand des Limbus conjunct. corneae reichen, ein schütteres Netz. Die 
Cornea von normaler Grösse und "Wölbung, in der nach oben und aussen gelegenen 
Hälfte hell und durchsichtig, in der nach innen und unten gelegenen gleichmässig 
graulich getrübt, matt, wie mit äusserst zahlreichen Nadelstichen punktirt, und an ihrer 
hintern Wand mit ohngefähr;l5 ziemlich scharf begrenzten, saturirt weisslichgrauen, durch 
nahes Beisammenstehen zum Theil zusammenfliessenden, ohngefähr mohnkorngrossen Punk- 
ten besetzt. Die vordere Kammer schien nicht vergrössert zu sein. Die dunkelbraune 
Iris war frei beweglich, nur nach unten durch drei hintere Synechien fixirt. Die Kranke 
erkennt mit diesem Auge Silber- und Kupfermünzen selbst nach dem Gepräge, in der ge- 
wöhnlichen Entfernung, Buchstaben jedoch nicht. Rechtes Auge: Die Rosenröthe um die 
Cornea intensiver , auch die Injection des Bindchautsaumes stärker, die Cornea normal, 
nur in dem nach unten und innen gelegenen Drittel ein wenig getrübt, matt, wie mit 
Nadeln gestochen, und an der hintern Wand mit ohngefähr 9 grösseren, saturirten, und 
mehreren kleinern und blässern Punkten besetzt. Die Iris nur unten durch eine Synechie 
fixirt, sonst frei beweglich. Mit diesem Auge werden Buchstaben mittlerer Grösse in der 
gewöhnlichen Entfernung erkannt. Die Kranke ist sehr wenig lichtscheu und klagt 
ausser über Trübung des Gesichtes nur über dumpfe stechende und reissende Schmerzen 
besonders in dem rechten Auge. Diagnosis : Iritis mit Exsudation in's Kammerwasser, 
Präcipitation an die Hornhaut und an den Pupillarrand. Rücksichtlich des ursächlichen 
Momentes schliesst sich dieser Fall theils nach dem Umstände, dass wir reichliches faser- 
stoffiges Exsudat ausgeschieden finden , während die Iris selbst fast gar nicht mehr er- 
griffen zu sein scheint und die Erscheinungen von Seite des Nervensystems relativ äusserst 
gering sind, theils nach dem allmäligen Auftreten auf dem einen und dann auch auf dem 
andern Auge ohne äussere Veranlassung an jene Fälle an, wo wir aus dem Zusammen- 
treffen sämmtlicher Umstände mit Sicherheit auf Bedingtsein des Processes durch Scro- 
fulosis schliessen konnten. Die Aussagen der Kranken geben in dieser Beziehung keine 
Anhaltspunkte, wenn man nicht etwa auf hartnäckigen Kopfgrind Gewicht legen will. 



Entzündung — Krankengeschichten. 97 

Das Aussehen der Kranken jedoch, welche als ziemlich wohlhabende Bäuerin im Ganzen 
nie in dürftigen Verhältnissen gelebt hat, schliesst die Annahme jener Anlage nicht aus, 
macht sie im Gegentheil sehr plausibel. Die vorausgegangene schmerzhafte Affection 
der Extremitäten berechtigt durchaus nicht zur Annahme einer rheumatischen Affection. 
Behandlung : Wir legten S Blutegel an die rechte Schläfe und rieben reichlich Ung. einer, 
an die Stirn ein, indess wir innerlich Sal Glauberi cum tart. stib. r. d. verabreichten, 
bei Buhe im Bette und '/a der Spitalskost. Am 4. Tage wurde ein Yesicans an den 
Kacken gelegt , und nachdem am 8. Tage die Injection an den Augen bedeutend ver- 
mindert erschien, Hessen wir an die Stirn und Schläfe Jodkaliumsalbe (fünf Gran auf eine 
Drachme) einreiben , die Kranke herumgehen und innerlich täglich 2mal Pulver nehmen 
aus 6 Gran Pulv. fol. digitalis, 8 Gran Pulv. herbae und Extr. conii maculati mit 1 6 Gran 
Pulv. rad. polyg. senegae (auf S Theile). Schon zu Ende der 3. Woche war die Trübung 
der rechten Hornhaut bis auf einige Punkte an der Descemetschen Haut verschwunden, 
die der linken Hornhaut auffallend geringer. Von Zeit zu Zeit wurde ein lauwarmes 
Bad ordinirt, und nachdem zu Ende der 4. Woche die Digitalis Intoxicationserscheinungen 
erregt hatte, dazwischen ein Eccoproticum verabreicht. Die Kranke genas allmälig, vor- 
züglich beim Gebrauche der Jodkaliumsalbe, und bot zu Ende der 9. Woche nur noch 
einige Exsudatpunkte an der Descemetschen Haut (rechts 2, links 3) dar, welche das 
Sehen nicht weiter störten. 

14. B. J. , Näherin, 26 Jahre alt, erkrankte im Juli 1846 ohne bekannte Ursache 
an dem linken Auge, indem sich das Weisse desselben röthete, Lichtscheu, Thränenfluss 
und Schmerzen (stechend-drückend, besonders in der Nacht heftig) und allmälig Trübung 
des Gesichtes hinzutraten , so dass sie nach 4 Wochen Alles wie durch einen Flor sah. 
Nach dem Gebrauche von Eccoproticis und Einreibungen von Ung. cinereum an die Stirn 
verloren sich alle Erscheinungen bis auf eine leichte Trübung des Gesichtes. Mitte August 
trat dasselbe Leiden wieder ein , doch mit gelinderen Zufällen und kürzerer Dauer bei 
derselben Behandlung. Anfang November erkrankte sie zum 3. Male, und kam endlich 
nach fruchtloser Anwendung verschiedener Mittel am 10. Decbr. 1846 auf die Klinik. 
Linkes Auge: Die Lider normal; die Sclera rings um die Hornhaut (1'") rosenroth. Die 
Hornhaut leicht getrübt, wie ein -etwas angelaufener Metallspiegel; an der untern Hälfte 
ihrer hintern Fläche mehrere nebeneinander stehende, lichtgraue, scharf markirte Punkte, 
dreieckig, mit der Basis nach unten, mit der Spitze allmälig nach oben verlaufend (ähn- 
lich einer Kerzenflamme) ; an der obern Hälfte der Hornhaut bemerkt man nur mittelst 
einer scharfen Loupe zahlreiche solche Punkte auf der Descemetschen Haut. Farbe und 
Faserung der Iris lassen sich wegen der Hornhauttrübung nicht verlässlich beurtheilen ; 
jedenfalls ist die Pupille enger, als an dem normalen rechten Auge, die Iris nur wenig 
und träge beweglich, die vordere Kammer etwas vergrüssert. Das Sehvermögen so 
geschwächt , dass entfernte (selbst grosse) Gegenstände gar nicht wahrgenommen werden ; 
bei 5 — 6 Zoll Entfernung erkannte die Kranke noch die Buchstaben von 1 l /-i" Höhe. 
Schmerzen und Empfindlichkeit gegen das Licht bereits seit einigen Tagen gering. Dia- 
gnosis: Iritis mit Exsudatpräcipitation an die Descemetsche Haut. Der genannte Sym- 
ptomencomplex und der bisherige Verlauf bieten überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür, 
dass diese Iritis als Ausdruck von Scrofulosis (Tuberculosis) zu betrachten sei. Die Kranke 
hat in ihrer Kindheit längere Zeit an Anschwellungen der Halsdrüsen gelitten. Die Men- 
struation erschien im 15. Jahre, und zwar stets regelmässig, bis vor 9 Jahren, wo die 
Kranke durch 2 Monate an den Zufällen von Bleichsucht litt. Vor 7 Jahren litt sie 
längere Zeit an Gliederreissen , welches sie als B.heumatismus bezeichnet, vor 5 Jahren 
Arlt Augenheilkunde. II. 7 



98 Regenbogenhaut. 

angeblich an einer Leberentzündung. Von 5 Schwangerschaften führte nur die letzte 
(vor 13 Wochen) zu einer normalen Entbindung, indem früher jedesmal in den ersten 4 
Monaten Abortus erfolgte. Sie nährte das Kind selbst, musste jedoch vor einigen Tagen 
auf ärztliche Anordnung abstillen, da sie neuerdings von Haemoptoe befallen wurde,, 
welche schon vor 4 Wochen sich durch einige Tage eingestellt hatte. — Die Kranke 
lebte in den letzten Jahren unter kümmerlichen Verhältnissen, und bewohnte eine dunkle, 
leuchte und dumpfige Stube. Sie ist von schwächlichem Kürperbau, blasser Hautfarbe, 
schlaffer und welker Muskulatur, und leidet, wie die Untersuchung ergiebt, an tuberculöser 
Infiltration der rechten Lunge bis zur 6. Eippe herab. Behandlung Durch die Aufnahme 
auf die Klinik ist mehreren Anzeigen entsprochen. Temperirung des Lichtes, Kühe im Bette, 
l /i der Spitalsportion, innerlich Mixt, oleosa mit Nitrum, örtlich TJng. cinereum an die 
Stirn und Schläfe. Nach Stägiger Behandlung waren die Exsudate an der Hornhaut bis 
auf die grössern Punkte resorbirt; man konnte nun deutlich auch ein spinnewebenähnliches 
Exsudat in der auf ohngefähr 1"' verengerten Pupille wahrnehmen. Am 6. Jäner (27. 
Tag) wurde die Kranke auf ihr Verlangen entlassen , sie vermochte Buchstaben von 2'" 
Höhe in der Entfernung von 8 — 1 0" zu lesen. 

15. L. Anna, 19 Jahre alt, angeblich von gesunden Eltern abstammend und unter 
günstigen Verhältnissen aufgewachsen , in ihrer Kindheit stets gesund (bis auf häufig 
wiederkehrenden hartnäckigen Schnupfen und habituelle Stuhlverstopfung), seit ihrem 
15. Jahre regelmässig, jedoch sehr sparsam menstruirt, und bis zum 18. Jahre häufig 
an Zufällen von Chlorosis leidend, erkrankte im 17. Jahre ohne bekannte Veranlas- 
sung an den Augen. Sie bekam heftige bohrende Schmerzen in der Stirn und Schläfe, 
dumpfes Drücken in den Augen, Lichtscheu und Röthe des Weissen, und Trübung 
des Gesichtes zuerst an den linken, nach einigen Wochen auch an dem rechten Auge. 
Einige Tage vor dem Eintritte der Menstruation wurden die Zufälle immer ärger, beson- 
ders in den Morgenstunden, nachher verschwand die Röthe und Lichtscheu, die Augen- 
und Kopfschmerzen -wurden geringer, die Trübung des Gesichtes (besonders das Vorschwe- 
ben von Mücken, Spinnweben u. dgl.) nahm jedesmal zu, niemals ab. Nach Anwendung 
von Abführmitteln, von Blutegeln an die Schläfe und von Vesicantien an den Nacken,, 
trat Milderung der Zufälle, jedoch keine Heilung ein. Nach 3 'jjähriger Dauer des Übels 
mit wechselnder Besserung und Verschlimmerung, jedoch gradatim steigender Trübung 
des Gesichtes ging die Kranke im November 1S45 ins allgemeine Krankenhaus nach 
Prag, wo sie laut Protocoll mit „hintern Synechien beider Augen" aufgenommen, und 
mit Einreibungen einer grauen Salbe an die Stirn und Einträuflungen von Extr. bellad. 
durch 10 Tage behandelt wurde. Im März 1846 kam die Kranke wieder nach Prag, und 
trat in meine Behandlung. Nebst den Synechien waren zahlreiche Exsudatpunkte an der 
hintern Fläche der Hornhäute vorhanden , und die Fortdauer des Exsudationsprocesses- 
verrieth sich durch einen gereizten Zustand beider Augen , namentlich durch stärkere 
Injection der Ciliargefässe und durch Auftreten eines rothen Gürtels rings um die Horn- 
häute, sobald man die Augen einige Zeit untersuchte. Nebst Regulirung der Diät, so wie 
bei Scrofulösen — es waren in der letzten Zeit die Lymphdrüsen am Halse beträchtlich 
angeschwollen — wurde zuerst Oleum jeeoris aselli mit Tinct. jodinae, späterhin Eisen 
mit Rhabarber in Pillenform verordnet. Die entzündlichen Zufälle Hessen nach, die Zufälle 
der Chlorosis verloren sich gänzlich und bleibend, und die Kranke ging Ende Juni nach 
Hause. Nach abermaliger Verschlimmerung trank die Kranke im August und September 
Egercr Salz- und Franzensquelle, jedoch auch ohne bleibenden Erfolg. Da das Sehen 
allmälig trüber wurde, das Mückensehen sich vermehrte, und auch die Menstruen wieder 



Entzündung — Krankengeschichten. 99 

■viel spärlicher flössen, so wurde die Kranke am 5. December IS 16 von mir auf die 
Klinik aufgenommen. — Die Kranke ist von schlankem zartem Körperbaue, blasser 
Hautfarbe mit leicht gerötheten "Wangen, die Nasenflügel und die Oberlippe wulstig, die 
Schleimhaut der Nase stark geröthet , die Lymphdrüsen an der Seite des Halses nicht 
mehr infiltrirt. Die Augen etwas glotzend, ihre Consistenz etwas vermehrt. Die Bindehäute 
normal. Die Sclera auffallend bläulich weiss, die Ciliargefässe etwas erweitert, Hornhäute 
normal. Die braunen Regenbogenhäute etwas matt und aufgelockert, weiter vorwärts 
gelagert , die rechte gar nicht, die linke trag beweglich. Die Pupillen eng, mehr oval, 
durch ein kaum wahrnehmbares Häutchen etwas getrübt. Diese Exsudatmembran steht 
durch zackige Fransen mit dem Pupillenrande in Verbindung , und lässt nur zwischen 
diesen Zacken kleine schwarze Stelleu übrig. Alles, was sie sieht, erscheint ihr wie 
durch einen Flor oder leichten Nebel gedeckt; Geldmünzen erkennt sie nach dem Metall 
und der Grösse, nicht nach dem Gepräge; Buchstaben erkennt sie nur dann, wenn sie 
mindestens l" lang sind und mehr von der Seite her vorgehalten werden (dem linken 
von aussen oder innen, dem rechten von innen her). Die Störung des Gesichtes ist dem- 
nach bloss durch die Pseudomembran in der Pupille bedingt — Die Kranke wurde durch 
8 Monate Im Spitale behandelt und musste endlich am 3. August 1847 ungeheilt entlassen 
werden. Zuerst hatten wir durch kleine Gaben von Calomel und Digitalis die mit wech- 
selnder Besserung und Verschlimmerung verlaufende Entzündung zu bekämpfen gesucht. 
Sie nahm diese Mittel täglich 3mal zu '/i Gran bis zum 17. Februar, .und nur von Zeit 
zu Zeit ein Abführmittel dazwischen. Während dieser Zeit hatten wir 3mal versucht, die 
Pupillen durch Einträuflung von Belladonna zu erweitern, jedoch endlich davon abstehen 
müssen, weil jedesmal den folgenden Tag die entzündlichen Zufälle augenscheinlich hef- 
tiger wurden , das 3. Mal sogar frische Exsudation in der Augenkammer auftrat. Vom 
17. Februar bis zum 8. März Hessen wir die Kranke Sublimatpillen in allmälig gestei- 
gerter Gabe nehmen , mussten sie aber wegen Salivation und wegen Vermehrung der 
entzündlichen Zufälle an den Augen aussetzen. Vom 16. März bis Anfang Mai nahm die 
Kranke mit wenig Unterbrechungen (durch den Eintritt der Menstruation) täglich '/a bis 
1 '/* Drachme Oleum terebinthinae, sodann bis Ende Mai Polygala senega mit Kali tarta- 
ricum, und im Juni Marienbader Kreuzbrunnen : Alles ohne den gewünschten Erfolg. Der 
Kreuzbrunnen musste schon nach 14 Tagen weggelassen werden, weil offenbar Conge- 
stionen zum Kopfe und zu den Augen entstanden waren , und wegen Steigerung der 
entzündlichen Zufälle an den Augen wiederholt örtliche Blutentziehuugen nöthig wurden. 
Im Juli versuchten wir, da die Menses zwar immer in ohngefähr 4 Wochen, doch nie 
länger als durch 36 — 48 Stunden eingetreten waren, Pillen aus Ferrum sulfuricum mit 
Bicarbonas sodae und Extr. aloes aquosum , welche jedoch ebenfalls nicht vertragen 
wurden. — Der Zustand bei der Entlassung war nicht beträchtlich verschieden von dem 
bei der Aufnahme. — Nach drei Jahren, am 1. August 1850, wurde die Kranke, welche 
nun nicht mehr allein gehen konnte, in die Anstalt zurückgebracht. Sie hatte in der 
Zwischenzeit bloss mehrmal durch einige Wochen Oleum jeeoris aselli genommen, und 
im letzten und vorletzten Frühjahre Egerer Salzquelle getrunken. Von Zeit zu Zeit, 
namentlich wenn die Menstruation kommen sollte, war Verschlimmerung an den Augen; 
und so allmälig gänzliche Erblindung, bis auf deutliche Lichtempfindung, eingetreten. 
Zustand der Augen am 1. August 1850: die Bulbi etwas glotzend, die Sclera auffallend 
bläulich, wie bei kleinen Kindern, die Ciliargefässe etwas erweitert und zahlreich, die 
vordere Kammer sehr eng, die Iris lichtbraun, sammtartig aufgelockert, stark nach vorn 
gewölbt, die Pupillen klein, winklig, unveränderlich, beiderseits sieht man hinter der sie 

7* 



100 Regenbogenhaut. 

auskleidenden Pseudomembran die Linse getrübt, links wenig, rechts bedeutend; auf 
der Membran in der rechten Pupille ein Knäuel feiner Gefässchen, welche vom Pu- 
pillarrandc ausgehen. Die Kranke kann selbst mit dem linken Auge die Zahl der 
Finger nicht mehr bestimmen. Ich unterwarf am 3. August das rechte Auge folgender 
Operation: Die Kranke wurde zu Bette gebracht, die Hornhaut nach unten wie zur Ex- 
tractio cataraetae geöffnet, jedoch nur 2 /s des Umfanges, dann ein Häkchen oben am 
Pupillarrande in die Pseudomembran und vordere Kapsel eingehakt; dem Zuge folgte 
nicht nur die von der Iris sich lösende Pseudomembran, sondern gleichzeitig die ganze 
Linse in der vordem und hintern Kapsel eingeschlossen, dann einige Tropfen klarer 
Flüssigkeit, jedoch kein Glaskörper. Die Kranke erkannte die Finger. Wir fanden die 
vordere Fläche der Kapsel mit einer dünnen, leicht abstreifbaren und von einigen Ge- 
fässchen durchzogenen Exsudatmembran belegt ; auf der innern Fläche war die Kapsel, 
mit Ausnahme eines gegen V" breiten Reifens an der Peripherie, durch Auflagerung 
einer lichtgrauen, körnig faserigen, in Schichten ablösbaren , jedoch nicht völlig von Un- 
trennbaren Masse verdickt; die Linse lichtgrau getrübt, nur in einzelnen Meridianen 
weiss und durchsichtig, eher weicher als härter. Nach Abnahme des Verbandes zeigte 
sich die untere Hälfte der Iris vorgefallen, die Cornealwunde klaffend. Allmälig erfolgte 
Vernarbung, jedoch auch Verschli essung der Pupille und Verlust des Gesichtes. Nachdem 
sich das Auge von der Verletzung völlig erholt, wurde am 12. October eine künstliche 
Pupille durch Iridektomie nach aussen angelegt. Dieselbe wurde jedoch im Verlauf einiger 
Wochen allmälig durch Exsudation bis auf eine kleine Stelle verschlossen, und das Seh- 
vermögen erstreckte sich nur auf grössere und lichte Gegenstände. Am 15. November 
wurde nun das linke Auge derselben Operation unterworfen , wie zuerst das rechte ; 
nur wurde nach Eröffnung der Hornhaut die untere Partie der Iris vom Pupillarrande 
aus hervorgezogen und ein Stückchen abgeschnitten, und durch diese Pupille dann die 
Kapsel geöffnet und die Linse extrahirt. Allmälig wurde aber auch diese Öffnung durch 
Exsudat gesperrt, und die obere Hälfte der Iris gegen die Hornhautnarbe herabgezerrt 
und straff angespannt, das Sehen bis auf deutliche Lichtempfindung aufgehoben. Unter 
diesen Umständen nahm ich, nachdem alle Reactionserscheinungen völlig verschwunden 
waren, den 20. December an diesem Auge die Iridotomie vor. Ich führte ein Staarmesser 
vom obern Rande der Cornea aus in die vordere Kammer, und stiess es so in die Iris 
ein, dass ich die straff gespannten Radialfasern derselben quer, i. e. durch einen hori- 
zontalen, etwa I'/ä'" langen Einstich trennte. Sogleich klaffte die Wunde auf etwa 3 W" 
und blieb fortan offen und schwarz, ohne dass im mindesten Entzündung nachfolgte. 
Die Kranke hatte nun eine völlig centrale, etwas mehr als hirsekorngrossse Pupille, durch 
welche sie mittelst einer Staarbrille (N. 3) fast ebenso gut sah, wie Staaroperirte. Am 
2. Jäner 1851 ging sie nach Hause. 

16. Ein "jähriges :Mädchen wurde am 14. März 1S50 von seinem Vater in die 
Anstalt gebracht mit Iritis chronica oc. utr., Linkes Auge: Grösse und Resistenz des 
Bulbus normal; dem M. rectus int. und inf. entsprechend die Ciliargefässe stark injicirt, 
gegen die Hornhaut in einen (partiellen) Gefässraum übergehend ; die Hornhaut nor- 
mal; die Iris auffallend stark vorwärts gerückt und gewölbt, fast an die Cornea an- 
liegend, in ihrer Structur und Farbe durchaus abnorm und vollkommen unbeweglich; 
der Pupillarrand etwas eingezogen und zackig, die mittlere Region der Iris lichtgrau 
und sammetähnlich, die äussere Region bräunlich. Geringe Empfindlichkeit gegen stärkeres 
Licht, kein Schmerz, bedeutende Trübung des Gesichtes, so dass z. B. die Zahl der vor- 
gehaltenen Finger nur bis auf 10 Zoll Entfernung erkannt wird. Rechtes Auge: Der 



Entzündung — Krankengeschichten. 101 

Bulbus weicher und in der Gegend der Musculi recti eingedrückt, bereits viereckig- 
werdend; die Sclera schmutzig gelblich; einzelne Ciliargefässe stark ausgedehnt. Die 
Hornhaut leicht getrübt, an der Oberfläche glatt, in ihrer Wölbung allem Anscheine nach 
unverändert. Die Pupille durch eine gelblichgraue Masse verlegt und verengert, erscheint 
nach oben rückwärts gezogen, daher die Augenkammer nach dieser Richtung hin merk- 
lich grösser; die äussere Zone der Iris dunkelbläulich (zwischen einzelnen gedehnten 
Fasern schimmert eine dunkle Grundlage durch), die innere bräunlich und filzig. Keine 
Schmerzen, keine Lichtempfindung. Andmnesis. Der Vater litt angeblich in seinem 20. 
Lebensjahre an einer Halsentzündung, in Folge deren der Nasenrücken einsank und die 
Stimme verändert wurde. Man findet an der hintern Wand des Pharynx eine tiefe Narbe 
mit callösen Rändern , gegen welche das Zäpfchen hingezogen ist. Er leugnet jede 
Infection, und lebt als Taglöhner in sehr kümmerlichen Verhältnissen. Das so eben auf- 
genommene Mädchen hatte in frühern Jahren an Halsdrüsengeschwülsten gelitten, welche 
in Eiterung übergingen und Narben hinterliessen. Vor einem Jahre bekam sie am 
Scheitel eine Beule, welche ebenfalls aufbrach, und viel übelriechenden Eiter entleerte. 
Das Augenleiden begann vor 9 Monaten ohne bekannte Veranlassung; über den Verlauf 
konnten wir nichts Verlässliches erfahren ; die Erblindung erfolgte allmälig. Das Kind 
sah sonst ziemlich gut aus, war jedoch mager und von schlaffer Muskulatur. Der Nasen- 
rücken war sehr flach, doch nicht eingedrückt. Keine Zeichen von Ozaena. Diagnosis. 
Chronische Iritis, zu welcher rechts bereits Atrophia bulbi (Chorioiditis?) hinzugetreten 
ist. Das Augenleiden ist wohl Folge (Theilerscheinung) des Allgemeinleidens ; ob here- 
ditäre Syphilis im Spiele sei, lässt sich nicht bestimmen. Behandlung. Durch die Aufnahme 
der Kranken in die Anstalt war den wichtigsten Anzeigen entsprochen ; wir verabreichten 
ihr gute Kost und Hessen sie viel im Freien herumgehen. Von Arzneien wurde bloss 
Oleum jeeoris aselli ordinirt. Am 25. März erkrankte das Mädchen an einem heftigen 
Bronchialkatarrh, wodurch diese Behandlung für einige Zeit unterbrochen wurde. Ende 
April hatte sich das Aussehen der Kranken merklich gebessert, auch das Sehvermögen 
(des linken Auges) schien minder schwach zu sein, und die Gefässinjection war geringer. 
Von Mitte Mai an , wo das Oleum jeeoris nicht mehr vertragen wurde , bis Ende Juni 
beschränkten wir uns bloss auf die diätetische Behandlung. Anfangs Juli war nicht nur 
das Aussehen der Kranken ein auffallend besseres, sondern es hatten sich auch an dem 
linken Auge alle entzündlichen Zufälle verloren, und die Kranke unterschied jetzt selbst 
kleinere Gegenstände, einen kleinen Schlüssel, eine Schreibfeder, einen Bleistift u. dgl. 
Die enge und winklige Pupille war durch eine dünne Exsudatschichte verlegt. Durch 
Anlegung einer künstlichen Pupille (Iridektomie) Ende Juli wurde das Gesicht nicht ver- 
bessert, offenbar weil in der Chorioidea und Netzhaut bereits Veränderungen erfolgt, das 
Sehen nicht bloss mechanisch von Seite der Iris behindert war. Ende August mussten 
wir die Kleine entlassen. 

Gegenwärtig (1S52) befinden sich ein lOj ähriges Mädchen und ein 11 jähriger Knabe in 
der Ansalt, bei welchen das Augenleiden als chronische Keratoiritis (beider Augen) ver- 
läuft, das Allgemeinleiden und der Habitus die grösste Ähnlichkeit mit dem im vorhergehenden 
Falle zeigen, und constitutionelle Syphilis der Eltern (der Väter) vor der Zeugung nach- 
gewiesen ist. Bei dem Mädchen ist nach 3wöchentl. Gebrauche von Jodkalium (täglich 
1—2 Scrupel) so auffallende Besserung eingetreten, dass wir gänzliche Heilung erwarten 
dürfen. Vielleicht werden zahlreichere Beobachtungen mit der Zeit Aufschluss geben, ob 
und welchen Einfluss constitutionelle Syphilis der Eltern auf die Augen der Kinder 
nehme. 



102 Regenbogenhaut. 

17. K. J. 19 Jahre alt, Findling, seit einigen Jahren als Pferdeknecht dienend, und 
körperlich sowohl als geistig verwahrlost, von starkem Körperbau und eigentümlich auf- 
gedunsenem Aussehen, die Wangen bläulichroth, Oberlippe und Nasenflügel wulstig, Na- 
senrücken flach, die Ohrmuscheln und Extremitäten blauroth und. fast beständig kalt und 
schwitzend, in seinen Bewegungen und im Sprechen auffallend trag, kam im October 
IS 49 in die Anstalt. Er wusste von dem Vorangegangenen nichts mitzutheilen, als dass 
er einmal längere Zeit an Ohrenfluss gelitten und im letzten Frühjahre an dem linken, 
dann auch an dem rechten Auge erkrankt war , mit Abnahme des Sehvermögens , wozu 
sich Röthe der Bulbi, Lichtscheu, Thränenfluss und Brennen der Augen hinzugesellt hatten 
Er verrichtete seine Arbeit bis vor 4 Wochen, wo die Störung des Gesichtes durch diese 
Zufälle plötzlich so arg wurde, dass er kaum mehr vom Felde nach Hause traf. — Massige 
Lichtscheu, häufiger Thränenfluss, intensive Röthe um die Hornhäute, brennende Schmerzen 
in den Augen ; die Hornhäute rein, die Kammern enger, die Iris beiderseits verfärbt, grau- 
braun, deutlich aufgelockert und geschwellt, in der innern Zone links mit zwei, rechts 
mit einem lichtgelben, fast hanfkorngrossen, an der Peripherie und Oberfläche von feinen 
Gefässchen durchzogenen Exsudatknoten versehen, wie wir sie sonst nur bei Iritis in 
Folge von Syphilis gesehen hatten; in den massig verengerten Pupillen bereits membran- 
artig ausgespanntes Exsudat. Nirgends eine Spur von Syphilis, keine Knochenschmerzen, 
keine nächtliche Verschlimmerung. — Der Kranke wurde bis Ende September 1850 nach 
verschiedenen Methoden behandelt, welche jedoch nur vorübergehende Besserung, keine 
bleibende Heilung bewirkten. Die knotigen Exsudate in der Iritis wurden allmälig auf- 
gesogen. Bei den nachfolgenden zeitweiligen Verschlimmerungen kam es wiederholt zur 
Bildung punktförmiger Trübungen der hintern Cornealwand, einige Male auch zur Ansamm- 
lung faserstoffigen Exsudates zu unterst der vordem Kammer, später zum Auftreten er- 
weiterter Gefässe in der verfärbten und in ihrer Faserung mehr und mehr veränderten Iris, 
so wie auch zu Blutaustretung in den Humor aqueus, endlich zu Verklebung der Iris mit 
der Cornea von der Peripherie her (besonders unten) und zu Fixirung des Pupülarrandes 
und Rückwärtsziehung gegen die Kapsel. Die vorderste Partie der Sclera wurde dunkel- 
blauroth, dann schiefergrau, endlich auch an zwei Stellen hügelig vorgetrieben. — Als der 
Kranke unserer Aufforderung entsprechend Ende März 1851 behufs der Pupillenbildung 
in die Anstalt zurück kam, fanden wir folgende Veränderungen. Die Ciliargefässe bei- 
derseits stark injicirt und erweitert, links einen schwachen Gefässsaum um die Cornea 
bildend. Die rechte Iris beinahe an die Cornea anliegend imd an zwei Stellen (nach unten 
und nach innen) durch eine graue Exsudatschichte mit der Cornea verwachsen, die enge, 
durch eine halbdurchsichtige Exsudatlage verlegte und von einem bräunlichen Ringe 
umgebene Pupille lag tiefer , als der mittlere Theil der Iris ; das Sehvermögen bis axif 
Lichtompfindung erloschen, die Sclera schmutzig weiss, rings um die Cornea (auf V" 
breit) schiefergrau, nirgends vorgetrieben. Mit dem linken Auge, das auf ähnliche Weise, 
jedoch in minder hohem Grade verändert war, erkannte der Kranke noch die vorgehaltenen 
Finger, die Farbe der Kleider u. dgl. Der wiederholte Versuch, ein Pupille durch Iridek- 
tomie anzulegen, hatte keinen Erfolg, wegen nachfolgenden Blutaustrittes in die vordere 
Kammer und Verschliessung durch Exsudat. Der Kranke wurde den 22. Mai 1851 ungeheilt 
(rechts total erblindet, links sehr wenig sehend) entlassen. — Dieser Fall bot in der 
ersten Zeit grosse Ähnlichkeit mit einer durch Syphilis bedingten Iritis dar; im weitern 
Verlaufe gestalteten sich die Veränderungen so, wie bei Iritis scrofulosa; es konnte 
indess weder das eine noch das andere Allgemeinleiden mit Gewissheit als ätiologisches 
Moment angenommen werden , da weder die Erscheinungen am Auge bestimmt für das 



Entzündung — Krankengeschichten. 103 

eine oder das andere sprachen, noch auch anderweitig die Constatirung eines bestimmten 
A'.lgemeinleidens möglich war. Vielleicht, dass analoge Fälle uns nähern Aufschluss geben 
werden. 

IS. Eine Dienstmagd von 42 Jahren, in Folge von Rhachitis einen auffallend grossen 
Kopf mit Glotzaugen darbietend, in ihrer Kindheit von verschiedenen scrofulösen Affectionen 
geplagt, vom 2-1. bis zum 39. Jahre regelmässig menstruirt, seit mehreren Jahren an stechen d- 
r lassenden Kopfschmerzen leidend — angeblich in Folge von Zugluft, der sie als "Wä- 
scherin häufig ausgesetzt ist — erkrankte im Jahre 1S3S zuerst an dem rechten, einige 
"Wochen später auch an dem linken Auge ohne besondere äussere Veranlassung, nachdem 
einige Monate vorher die Menstruation, gleichfalls ohne bekannte Ursache ausgeblieben war. 
Das Augenleiden begann mit lästigem Drücken, Jucken und Brennen, und mit anhaltend 
umnebeltem Sehen, angeblich ohne Röthe der Lider oder des "Weissen im Auge. Sie war 
desshalb im Jahre 1S3S auf der Klinik an Uveitis mit Einreibungen von Ung. cinereum 
an die Stirn und Schläfe, Einträuflungen von Extr. belladonnae, und innerlich mit Calomel 
behandelt, und auf ihr Verlangen (in gebessertem Zustande) nach 4 Wochen entlassen 
worden. Sie hatte, da ausser leichter Trübung des Gesichtes keine lästigen Zufälle 
2urückgeblieben waren, ihr Geschäft als Wäscherin fortgeführt, bis sie im Frühlinge 
i v 4! nach einer Verkühlung wieder von heftigen Schmerzen in der Stirn und im Scheitel 
und von starker Trübung des Gesichtes befallen wurde. "Wir fanden damals die Augen 
glotzend, die Sclera schmutzig, die Ciliargefässe stärker injicirt, die (von Natur licht- 
braune i Iris mattgrau, im kleinen Kreise röthlichbraun, fast unbeweglich, den Pupillarrand 
zackig, mit bräunlichen Franzen besetzt, welche gleichsam von der hintern Fläche der 
Iris her vorgeschoben sind, die Pupille eng, die rechte vier-, die linke vieleckig; der 
linken Pupille gegenüber zeigt die Cornea eine leichte halbdurchsichtige (wahrscheinlich 
ans den Kinderjahren nach Conjunctivitis scrofulosa zurückgebliebene) Trübung. Die Kranke 
sieht wie durch dichten Nebel; es scheinen ihr schwarze Fäden über die Augen ge- 
zogen zu sein. Wir Hessen Ung. cinereum mit Extr. belladonnae an die Stirn und Schläfe 
einreiben, und verabreichten ihr, da habituelle Stuhlverstopfung vorhanden war, Deeoctum 
L-raminis et taraxaci mit Kali tartaricum und Syr. eich. c. rheo, nebstdem täglich 3mal 
Pulver aus ' 2 Gran Calomel, '/< Gran Opium und l /e Gran Extr. belladonnae. Nach vier 
"Wochen wurde statt des Ung. cinereum eine Jodkaliumsalbe an die Umgebung der Augen 
eingerieben, und bloss die Mixtur angewendet. In der 9. Woche wurde die Kranke als 
nahezu geheilt entlassen, da sie in der gewöhnlichen Sehweite ohne Anstand lesen konnte. 
Die Trübung der linken Hornhaut war fast verschwunden, die Iris minder verfärbt und 
viel freier beweglich. Die Heilung war jedoch nur eine temporäre. Bis zum Jahre 1850 
war die Kranke beiderseits vollständig und unheilbar (durch Hinzutritt von Chorioiditis) 
erblindet. Es war nicht möglich gewesen, die Kranke in bessere Lebensverhältnisse zu 
versetzen. Von Zeit zu Zeit kamen gleichsam frische Nachschübe von Exsudation. Weder 
die Wiederholung der frühern Behandlung, noch der Gebrauch von Mineralwässern — 
Egerer Salzquelle, Marienbader Kreuzbrunnen — von Pillen aus Soda, Sapo , Rheum 
und Aloe, und einigen anderen Mitteln sicherten die Kranke im Verlaufe dieser Jahre vor 
stufenweiser Abnahme des Sehvermögens. — Ich kenne viele analoge Fälle, wo durch 
eine ähnliche Behandlung Heilung oder Besserung erzielt wurde. Die Fälle gänzlicher und 
bleibender Heilung würden sich jedoch wahrscheinlich auf eine geringe Zahl beschränken, 
wenn man öfter Gelegenheit hätte, solche Individuen durch eine längere Reihe von Jahren 
zu. beobachten. 



104 Regenbogenhaut. 



II. Abnormitäten in der Lage, Farbe und Faserung 

der Iris. 

a. Wenn die Lageveränderung der Iris nicht durch Entzündung* 
derselben bedingt ist, so ist der Grund davon jederzeit in Verhältnis- 
sen ausserhalb der Iris zu suchen. 

Die Lage der Iris (relativ zur Cornea) steht zunächst mit dem Alter 
des Individuums und mit dem Refractionszuslande des Auges im Ein- 
klänge. Die Iris erscheint bei Neugeborenen wegen stärkerer Wölbung 
der Linse weit nach vorn gerückt und vorgewölbt, und nimmt in der 
Kegel im höhern Alter wegen Ahnahme des Humor aqueus wieder eine 
ähnliche Lage ein. Diesem Zustande entspricht ein relativ kleiner 
Durchmesser (Engheit) der Pupille. Am grössten ist die vordere Kam- 
mer im Kindes- und Jünglingsalter, und dabei die Pupille relativ weit. 

Bei Kurzsichtigen liegt die Iris mehr in einer Ebene und tiefer 
hinter der Basis corneae, bei Weitsichtigen erscheint sie nicht nur mehr 
gewölbt, sondern auch mit ihrem peripherischen Theile weiter vorwärts 
gelagert. 

Bei Mangel der Linse, wie namentlich nach Staaroperationen , bei 
Verschrumpfung des Linsensystemes (Catar. membranacea, aridosiliquata) 
und bei spontaner Senkung der Linse im Glaskörper liegt die Iris tiefer 
hinter der Cornea als sonst. 

Vorwärts gedrückt erscheint die Iris sammt der Linse sehr häufig- 
nach Chorioiditis, wenn es zu reichlicher Exsudation zwischen Retina 
und Chorioidea gekommen ist; vorwärts gezerrt, partiell oder total, 
finden wir sie nach Hornhautdurchbrüchen. 

Rückwärts gezogen erscheint sie bei Schwund des Glaskörpers und 
bei Fehlen der Linse, sobald der Pupillarrand an die Kapsel fixirt ist. 
An der Peripherie vorwärts gezogen, mit dem Pupillarrande hingegen 
rückwärts fixirt finden wir die Iris in Folge chronischer Iritis oder 
Iridochorioiditis. 

b. Bei den Bewegungen des Bulbus bleibt die Lage der Iris un- 
verändert. Leicht erzitternde, wellenförmige oder schlotternde Bewe- 
gungen (von vorn nach hinten und umgekehrt) beobachtet man bei Ver- 
grösserung der vordem Kammer durch abnorme Wölbung der Cornea,, 
bei Mangel oder Verschrumpfung der Linse (falls nicht hintere Synechien 
sie fixiren), bei Verflüssigung des Glaskörpers und Lockerung der Ver- 
bindung zwischen Linsenkapsel und Ciliarkörper (Synchysis corporis- 



Abnorme Lage — Schlottern — Atrophie. 105 

vitrei, spontane Senkung der Linse, Luxatio lentis, Cataracta natatilis 
et tremula). Von Amnion hat diesen Zustand Irdidoonem genannt. 

c. Matte Färbung (lichte Nuancen und geringen Glanz) rindet 
man oft an Augen, welche von Natur aus mit geringer Energie der 
Sehkraft begabt sind, gleichzeitig mit Kleinheit der vordem Kammer. 
Der eigentümlichen Färbung bei Kakerlaken, so wie der angeborenen 
Flecken und einseitigen Farbenverschiedenheit der Iris wurde bereits 
S. 27 erwähnt. Einzelne dunkle Flecke rinden sich oft nach congesti- 
ven oder entzündlichen Zuständen in der Iris. 

d. Hypertrophie des Irisgewebes dürfte sich ohne deutlich ausge- 
sprochene Entzündungszufalle in der Iris nie entwickeln, und selbst 
nach sogenannter parenchymatöser Iritis niemals lange erhalten. Was 
von Amnion Iridauxesis genannt hat, ist unseres Erachtens nicht durch 
Hypertrophie der Iris bedingt, im Gegentheile mit Rareficirung des Iris- 
gewebes gepaart. (Vergl. S. 46.) 

Atrophie des Irisgewebes kommt partiell vor, nach partieller ent- 
zündlicher Infiltration der Iris, besonders am Pupillarrande, und partiell 
oder total nach Chorioiditis oder Iridochorioiditis. Wo Chorioiditis vor- 
ausgegangen ist, da wird die unbewegliche Iris theilweise oder durch- 
aus auf einen schmalen Saum reducirt, ihres Glanzes und Faserbaues 
beraubt, schiefer- oder bleigrau. Diese Art von Atrophie der Iris be- 
ruht auf Veränderungen der Chorioidea, von denen bei der Lehre über 
die Chorioiditis die Rede sein wird. Atrophirung des Irisgewebes fin- 
det man auch, wenn die Iris durch enge Papillensperre und Vorwärts- 
drängung der Linse, noch häufiger aber, wenn sie durch partielle Ver- 
wachsung mit der Hornhaut (besonders nach einem grösseren Prolapsus 
iridis) stark nach einer Richtung hin angespannt und gezerrt wird. Die 
einzelnen Fasern (Radialfasern) werden rareficirt, weichen auseinander, 
lassen dunkle Gruben (durchscheinende Uvea) oder förmliche Lücken 
zwischen sich, und reissen wohl auch quer durch oder vom Ciliarbande 
los — Dehiscenz der Iris, spontane Pupillenbildung durch Iridodialysis. 
Diese Art von Atrophie kommt auch dann vor, wenn der peripherische 
Theil der Iris an die Cornea, der Pupillarrand an die Kapsel ange- 
löthet, und die mittlere Zone durch Exsudat zwischen Iris und Kapsel 
vorwärts gedrängt ist. — Wenn bei Pupillensperre durch Exsudat in 
der Pupille oder durch Einheilung einer mehr weniger grossen Irispor- 
tion in eine Homhautnarbe die Farbe der Iris wie vergilbt aussieht, 
und die Faserung gleichsam verwischt erscheint, so hat man Grund, 
Veränderungen des Glaskörpers, der Netzhaut und der Chorioidea an- 
zunehmen, welche die Wiederherstellung des Sehvermögens durch An- 



106 R egenbogenhaut. 

legung einer künstlichen Pupille mehr weniger vereiteln, trotzdem, dass 
yon solchen Augen vielleicht noch deutlich Licht und Schatten unter- 
schieden wird. Das Gewebe der Iris erweist sich dann bei der Opera- 
tion gleichsam morsch, leicht zerreisslich, und Blutaustritt in die Augen- 
kammer erfolgt entweder sogleich nach der Operation, oder erst einige 
Tage nachher. Die Unterscheidung, ob die Atrophirung der Iris in einem 
speciellen Falle bloss durch Zerrung oder zugleich durch gestörte Er- 
nährung von Seite der Chorioidea bedingt sei, ist demnach eben so 
wichtig als schwierig, und setzt nebst umsichtiger Auffassung des Sta- 
tus praesens auch genaue Erhebung des bisherigen Verlaufes und der 
ätiologischen Momente voraus. Bei der Auffassung des Befundes muss 
vorzüglich die Consistenz des Bulbus jederzeit genau geprüft werden; 
bei Erhebung der Ananmesis ist besonders darauf Rücksicht zu nehmen, 
ob nicht Zufälle von Chorioiditis oder Retinitis, namentlich feurige Er- 
scheinungen vorausgegangen seien. 



III. Aftergebilde in der Iris. 

Melanotische und medulläre Ablagerungen gehen, nach den bisher 
bekannt gewordenen Beobachtungen zu schliessen, wohl höchst selten 
von der Iris aus, obwohl sie den Augapfel im Ganzen ziemlich häufig 
befallen. Diese Membran wird fast immer erst dann ergriffen, wenn 
bereits andere Gebilde, namentlich die Netz- und Aderhaut schon in 
grossem Umfange infiltrirt und destruirt sind. 

Ein von Prof. Stöber in Strassburg beobachteter Fall von Melanosis iridis scheint 
Tins zur Orientirung in ähnlichen Fällen besonders geeignet, wesshalb wir ihn aus Ammon's 
Monatschrift I. B. S. 70 entlehnen. 

„North, ein Bäcker, 62 Jahre alt, wurde im Laufe des Decembers 1830 von einer 
Entzündung des rechten Auges befallen, welche nach Verlauf einiger Tage ohne deut- 
liche Ursache aufs linke Auge sich übertrug, auf welchem ein Fleckchen erschien. Die 
Entzündung zertheilte sich fast vollständig ohne Heilmittel, da aber der Flecken zurück- 
blieb, so wandte sich der Kranke den 27. December 1830 an Herrn Dr. Stöber. 

Er war von starker Constitution und guter Gesundheit, obgleich er sich ziem- 
lich schlecht nährte. Das rechte Auge war wieder hergestellt, aber die Conjunctiva des 
linken Auges war noch leicht entzündet, die Cornea normal; die Iris braun, wie die des 
andern Auges, war an ihrem untern Drittheil durch eine schwarzbraune Geschwulst, welche 
Ähnlichkeit mit geronnenem Blut hatte, bedeckt. Die Basis dieser Hervorragung ruhte 
auf dem Grunde der vordem Augenkammer; ihr oberer convexer Rand war gegen die 
Pupille gerichtet, und war von derselben durch eine Falte der durch die Hervorragung 
vorgedrängten Iris getrennt.- Diese Falte bildete eine gerade Linie, welche das untere 
Drittheil der Pupille abschnitt, welche in den zwei übrigen obern Drittheilen keineswegs 
entartet war. Die Iris war fast unbeweglich. Betrachtete man das Auge im Profile, so 



Aftergebilde — Melanosis. 107 

sah man den untern Theil der vordem Augenkammer durch eine fremde Masse ausgefüllt. 
Die Cornea war nicht verändert. 

Der Kranke unterschied mit diesem Auge die Umrisse und Farben der Gegenstände, 
sie schienen ihm aber mit einem Nebel bedeckt; auf dem andern Auge war das Gesicht 
sehr gut. 

North hatte in dem kranken Auge nur ein Gefühl von Yollsein, das bei dem Drücken 
■des Augapfels, dessen Consistenz normal war, sich vermehrte. Seit einigen Tagen hatten 
sich wenig heftige Schmerzen über der Augenhöhle gezeigt. 

Im Zweifel über die wahre Natur dieser Afterbildung und in der Absicht, die 
Aufsaugung derselben wo möglich zu befördern, unterwar-f man den Kranken einer sowohl 
innern als äusseren Mercurialbehandlung. Die Schmerzen über der Orbita verschwanden 
zwar, auf die Bildung selbst aber blieb die Behandlung ohne Erfolg, wesshalb man sie 
verliess. Man wandte Schröpfköpfe an, ohne Besserung zu verspüren. 

Den 25. Januar 1S31 hatte die Hervorragung ein wenig zugenommen; das Allge- 
meinbefinden des Kranken war fortwährend befriedigend. Da man die Geschwulst nicht 
für eine bösartige hielt, und in Rücksicht auf die Unwirksamkeit der Heilmittel, war man 
der Meinung, die Krankheit sich selbst zu überlassen. Der Umfang der Erhabenheit nahm 
nach und nach zu ; und zugleich verminderte sich die Grösse der Pupille. Im August 
nahm die Excrescenz die ganze vordere Augenkammer ein. Die Pupille war durch die- 
selbe ausgefüllt, und von dem obern und dem Ciliarrande der Iris sah man nur noch 
einen kleinen Streif. Das Gesicht war auf diesem Auge vollkommen verloren , aber der 
Kranke empfand keinen Schmerz in demselben und genoss im Übrigen einer ziemlich 
guten Gesundheit. 

Im April 1832 wurde Patient von einer leichten Ophthalmie befallen; sein Auge 
•war schmerzhaft und thränte, die Augenlider waren angeschwollen, und die Conjunctiva 
injicirt. Die Afterbüdung schien mehr ab- als zugenommen zu haben, auch war sie 
nicht mehr so umschrieben. — Man sah an dem obern Theile der vordem Kammer eine 
durch einen schwarzen Streif, der von dem Tumor ausging, abgetheilte Portion der Iris; 
die Cornea war weniger hell als früher, daher die Untersuchung des krankhaften Productes 
schwieriger. Im Laufe des Januars 1833 wurde North von Neuem von einer Augen- 
entzündung rheumatischer Natur befallen. Sie ergriff die Hornhaut und trübte sie ein 
wenig; doch zeigte der obere Theil der Iris, der allein noch sichtbar war, nur wenig 
Änderung in seiner natürlichen Farbe ; das Yolumen des Fungus war dasselbe. Die 
Phlyctaena verursachte eine Hornhautpustel. 

Im April fühlte der Kranke in seinem Auge sehr lebhafte Schmerzen, welche ihn 
zwangen , sich ins Bett zu legen , aber bald nachliessen. Die Conjunctiva war in dieser 
Zeit leicht injicirt, und das Geschwür der Cornea hatte sich ein wenig vergrössert; die 
Hornhaut selbst sprang da, wo sich das Geschwür befand, als wenn sie dort hätte zer- 
reissen oder ein kegelförmiges Staphylom bilden wollen, ein wenig vor. 

Die vordere Augenkammer befand sich noch in demselben Zustande. Man unter- 
schied den obern Theil der Iris und der Pupille, während die untere Partie dieses Raumes 
immer mit einer schwärzlichen Substanz von unbestimmten Grenzen ausgefüllt war. Die 
Iri~ war vorgetrieben, und die Krystalllinse von schwarzgrauer Farbe schien den obern 
Theil der Pupille einzunehmen und die ebengenannte Membran vorzudrängen. Wenn man 
das untere Augenlid stark herabzog, so bemerkte man eine schwarze gelappte Erhaben- 
heit , von der Grösse einer Erbse , gerade da , vro die Bindehaut vom unteren Augenlid 



108 Regenbogenhaut. 

zum Augapfel übergeht; man konnte sich nicht überzeugen, ob dieses kleine Froduct 
mit dem im Innern des Auges in Verbindung stand. 

Das Geschwür der Cornea vernarbte bald. Die schwarze Excrescenz der Sclerotica 
nahm an Umfang zu, und im Zeitraum eines Monats war sie von der Cornea nur durch 
ein weisse?, sehr schmales Bändchen getrennt. 

Jetzt nach einem Zeiträume von zwei Jahren bietet die "Wucherung nicht viel 
Veränderung dar. 

Die schwarze Farbe nimmt die ganze vordere Augenkammer ein, ausgenommen 
ein kleiner Theil, wo man die Iris sieht; die Färbung der Sclerotica erstreckt sich von 
dem untern Rande der Cornea bis zum untern Augenlid, das soweit als möglich herunter- 
gelassen ist; sie ist grösser als der Durchmesser der Hornhaut, und scheint sich auch 
noch über den dem Auge unzugänglichen Theil des Augapfels zu erstrecken. 

Eine leichte Herabdrückung und ein kleiner weisslicher Strich zeigen den Abgren- 
zungspunkt zwischen der Cornea und der Excrescenz der Sclerotica. Die letztere ist 
ein wenig höckerig. Die Hornhaut bildet an ihrem untern Theile einen kleinen gräulichen 
Vorsprung, in ihrem Mittelpunkte bemerkt man eine schwarze Stelle, wo früher das Ge- 
schwür bestand. Der Augapfel scheint nun sehr wenig an Volumen zu haben." 

Der Kranke ist seitdem ohne Schmerzen geblieben, und sein Allgemeinbefinden ist 
ziemlich befriedigend. — Im 6. Hefte derselben Zeitschrift schrieb Prof. Stöber an den 
Redacteur Dr. von Amnion (S. 659) : „Bei meinem Kranken ist die Melanose äusserlich 
stationär geblieben, hat sich aber auf das Gehirn ausgedehnt; der Kranke starb an den 
Symptomen einer chronischen Encephalitis; die Section wurde leider verweigert." 

Minder selten scheint die Bildung von Cysten in der Iris. Ich habe 
zwei Fälle beobachtet, wovon den ersteren bereits Prof. Fischer (Lehr- 
buch, 1 846. S. II ) veröffentlicht hat. 

H. A. 18 Jahre alt, Binderstochter, von gesundem Aussehen, eher schwacher, als 
starker Constitution, lebte in einer, besonders im Winter feuchten Wohnung, und litt in 
ihrer Kindheit an einer Augenentzündung, wahrscheinlich scrofulöser Natur, da sich später 
auch Drüsenanschwellungen am Halse zeigten. Von jener Entzündung blieb eine leichte 
Trübung des Sehvermögens am rechten Auge zurück, beding* durch eine noch jetzt 
wahrnehmbare Macula in der Mitte der rechten Hornhaut. Nebstdem sieht man in der 
vordem Augenkammer des r. A. gegen den äussern Winkel hin eine fast linsengrosse, 
aber mehr ovale, perlgraue Blase, wenigstens muss man es nach der rundlichen Gestalt 
und dem durchscheinenden Inhalte dafür ansehen. Diese Blase beginnt unmittelbar vor 
der Verbindungsstelle der Cornea, Sclera und Iris, und scheint mit der Cornea in ge- 
nauester Verbindung zu stehen; vielleicht bilden die Descemctsche Haut und das Epithelium 
der Iris constituirende Theile der Blase, denn man kann bei aüseitiger Betrachtung 
durchaus keinen Zwischenraum, keine Zwischenlage, kein Bindungsmittel entdecken. 
Die Hornhaut ist an dieser Stelle rein, von der Mitte der Berühruugsstelle mit der Blase 
gegen den äussern Rand hin leicht getrübt, stark durchscheinend; über diese getrübte Stelle 
laufen äusserst feine Gefässchen, wie es scheint, von der Conjunctiva aus, auf '/:>'" weit 
vom Bande gegen die Mitte der Cornea. Die innere Wand der Blase wendet sich ge- 
wölbt zum Pupillarrande nach hinten, so dass dieselbe weiter gegen die Augenachse 
vorragt, als der Pupillarrand ; ebenso sind die obere und iintere Wand gewölbt, so dass 
also die Basis, wo die Blase mit der Iris zusammenhängt oder vielmehr in dieselbe über- 
zugehen scheint, leicht eingeschnürt erscheint, somit nicht etwa eine allroälige Abdachung 



Aftergebilde — Cysten. 109 

gegen die vordere Fläche der Iris stattfindet. Der der Iris zunächst liegende Theil 
erscheint als bräunlichgelblieher Saum, so dass diese Färbung nächst der Iris am inten- 
sivsten ist, nach vorne sich allmälig verliert. Diese Färbung erscheint auch gegen die 
Pupille hin, wo man vom Rande der Iris nichts mehr sieht. Auch bei stark erweiterter 
Pupille (durch Belladonna) war man nicht im Stande , eine Ausbauchung der Iris oder 
der Blase nach hinten zu bemerken. Auf dem am meisten gewölbten Theile der Blase, 
also von jener getrübten Hornhautstellc an bis nahe gegen den Pupillarrand , sieht man 
von oben nach unten 6 weisse, stark markirte, im Zickzack angeordnete Streifchen, eine 
halbe Linie lang, ohne dass man ihre Fortsetzungen nach aussen durch jene Trübung, 
oder nach innen bis zum Pupillarrande zu verfolgen im Stande ist, selbst nicht mit be- 
waffnetem Auge. Der Inhalt der Blase ist klar wie Eiweiss, und doch nicht vollkommen 
durchsichtig, so dass man am Grunde, welcher schmutzig stahlgrau erscheint, nichts deut- 
lich wahrnehmen kann. Mitten in der Blase sieht man einen Punkt, wie ein Kleesamen- 
korn . von der Farbe der Iris (braun), welchen wir, als die Kranke aus einem dunkeln 
in ein helles Zimmer gebracht, lind das Auge unmittelbar dem Sonnenlichte aus- 
gesetzt wurde , bei ganz ruhigem Auge zu wiederholten Malen spontan auf- und ab- 
steigen sahen, und zwar nicht senkrecht, sondern in einer krummen oder schrägen 
Linie. Ahnliche doch viel raschere Bewegungen erfolgten jedesmal, wenn wir den Strom 
eines magnetoelektrisehen Apparates durch die beiden Augenlider und den Bulbus leiteten. 
"Wir stellten diese Versuche sehr häufig an. — Wann sich diese belebte Cyste in der 
vordem Kammer gebildet habe, weiss die Patientin nicht anzugeben. Zum ersten Male 
bemerkte sie vor 5 Jahren im Spiegel einen fadenähnlichen, über 2'" langen weisslichen 
Körper, nach ihrem Ausdrucke nächst der Grenze zwischen dem Weissen und Braunen 
im Auge. Der Streifen verlief im Bereiche des letzteren , schief von aussen und oben 
nach innen und unten, Bewegungen desselben nahm sie keine wahr ; bezüglich des Wachs- 
thumes sagte sie bloss, dass das Übel vor zwei Jahren noch kleiner gewesen, als voriges 
Jahr, und damals kleiner als heuer, vor 8 Wochen jedoch habe es rasch gegen die Pu- 
pille hin zugenommen, sei zugleich mehr rund geworden, und habe das Gesicht nach 
aussen so beschränkt, dass sie fürchte, das Sehvermögen ganz zu verlieren. Den 17. 
Xovember 1S41 wurde iu Gegenwart des Prof. Hyrtl, welcher den Körper mikroskopisch 
untersuchen wollte, mit einem Lanzenmesser l /-z'" weit vom äussern Rande der Cornea 
und mit diesem parallel ein Einstich in die letztere gemacht , so dass die innere Wand 
der Blase unversehrt blieb. Indem sich ihr Inhalt entleerte, stülpte sich die innere Wand 
durch die Wunde nach aussen um, und wurde mit einer Scheere abgetragen. Vergebens 
hatte man gesucht, jenes braunen Punktes habhaft zu werden; er war beim Austreten des 
Inhalts der Blase verloren gegangen. Am Balge selbst sahen wir deutlich jene graulich weissen 
Streifen als unvollständige Scheidewände oder als Vorsprünge der Wandung in die Höhle. 
Die Vernarbung erfolgte in wenigen Tagen, und abgesehen von der Verwachsung der 
Iris mit der Cornea nach aussen , war die Form und Function des Auges ganz normal. 
Ein Kaufmann von 45 Jahren hatte in der Jugend die Blattern gehabt, und dadurch 
einen hirsekorngrossen Clavus an der rechten Hornhaut (nach unten und aussen) mit 
etwas schwächerem Sehvermögen behalten. Als er sich im April 1846 wegen allmäliger 
Erblindung dieses Auges an mich wandte , fand ich folgenden Zustand : In der vordem 
Kammer, jedoch zum Theil in der Iris sitzend und daher auch hinter die Iris zurückragend, 
eine etwa erbsengrosse gelblichgraue, halbdurchsiehtige Cyste. Sie erstreckt sich von 
der nach unten und aussen ganz an der Peripherie gelegenen Hornhautnarbe nach oben 
bis über die Mitte der Pupille hinauf, und nimmt ohngefähr ' z der vordem Augenkammer 






110 Regenbogenhaut. 

und der Iris ein. Ihre vordere Wand ist gelblichgrau, stark durchscheinend, gleichmässig, 
ohne Streifen oder Punkte, und liegt an der Cornea an; ihre hintere Wand erscheint, 
wenn man durch die Pupille von oben herabsieht, mit Pigment bedeckt, bräunlich und 
liegt weiter rückwärts, als die unversehrten zwei Drittel der Iris. Die Grenze zwischen 
der normalen Iris und der gleichsam aus einer Partie der Iris herausgewachsenen Cyste 
ist durch einen weissgrauen Reifen angedeutet. Der Inhalt der Blase scheint wasserklar 
zu sein. Die Pupille besteht nur noch als schmale Spalte oberhalb der Cyste ; etwa */%"' 
hinter dem Pupillarrande sieht man die von der Cyste rückwärts gedrängte und verdun- 
kelte Linse, deutlicher nach Erweiterung durch Belladonna. — Der Kranke sieht, diesen. 
Verhältnissen entsprechend, ohngefähr so wie ein Cataractöser. Ausserdem ist am Bulbus 
nichts Abnormes wahrzunehmen, weder Röthe, noch Lichtscheu, nur ein Gefühl von 
Spannung. — Vor '/2 Jahre hatte der Mann mit diesem Auge noch so gut gesehen, wie 
von Jugend auf; durch allmälige Abnahme des Gesichtes war er auf die Gegenwart der 
Blase aufmerksam geworden, welche damals etwa die Grösse eines Hanfkornes gehabt 
hatte. Das Wachsthum der Cyste und die Trübung des Gesichtes hatten allmälich zuge- 
nommen. — Ich machte wie in dem Vorhergehenden Falle einen Einstich an der Peri- 
pherie der Cornea, und zwar von der Narbe aus, so dass das Messer in das Cavum der 
Blase eindrang. Der klare wässrige Inhalt floss aus, der Sack stülpte sich nicht um; er 
wurde mit einer Pincette vorgezogen und sodann abgeschnitten. Nach der Operation 
zeigte sich, dass die Iris an dieser Stelle fehlte, offenbar weil sich die Cyste auf Kosten 
des Parenchyms der Iris entwickelt hatte. Der Kranke bekam gleich nach der Operation 
heftige Schmerzen und Zuckungen am ganzen Körper ; man durfte selbst die Wange nicht 
berühren ohne diese Zufälle neuerdings zu erregen. Kalte Umschläge, Bitterwasser, Buhe 
im Bett. Nach 3 Tagen war die Wunde vernarbt. Das Auge blieb noch mehrere Tage 
etwas geröthet, lichtscheu und stark thränend; der Kopfschmerz hatte sich schon den 
1. Tag verloren, ebenso die Zuckungen. Nach 14 Tagen ging der Kranke nach Hause, 
mit Coloboma Iridis (Vergrösserung der Pupille nach unten und aussen) und mit Cataracta 
lenticularis. Ein Jahr später hatte sich der Zustand nicht geändert, die Cyste war 
bleibend beseitigt. 

Zwei Fälle von Cysticercus cellulosae in der vordem Augenkammer hat Chelius in 
sein Handbuch *) aufgenommen. Da mir keine ähnliche Beobachtung zu Gebote steht, so 
führe ich die-elben hier wörtlich an. 

In dem von Schott und Sömmering (Okens Isis 1S37, H. 7. S. 717) beobachteten 
Falle zeigte sich bei einem 18jährigen, übrigens gesunden Mädchen in der vordem 
Augenkammer des linken Auges ein lebender Cysticerus cellulosae von der Grösse einer 
Wicke. Er schien nach einer heftigen Angenentzündung sich gebildet zu haben, wenig- 
stens wurde das trübe Fleckchen oder Fellchen zuerst bemerkt. Sömmering zeichnete 
ihn etwa 2 Monate nach dieser Entzündung, deren Spuren so vollkommen verschwunden 
waren, dass man nur einen leichten Anflug von Röthe rings um die Hornhaut bemerkte, 
wenn das Auge erhitzt war. Auch erregte er keinen Schmerz, kaum eine leichte Em- 
pfindung bei seinen stärkeren Bewegungen und hinderte das Gesicht nur dann, wenn er 
weiter vor die Pupille trat. Gewöhnlich lag ei-, ganz wie eine noch nicht völlig auf- 
gelöste, in die vordere Augenkammer gefallene Staar-Linse am Boden derselben als eine 
ziemlich durchscheinende Kugel, die nur an einer Stelle eine milchweisse, undurchsichtige 
Hcrvorragung zeigte. Aus dieser Stelle sah man zuweilen von sich selbst oder bei gelindem 

*) Handbuch der Augenheilkunde, Stuttgart 1839. II. Bd. S. 527. 



Aftergebilde — Cysten. 111 

Reiben des Augendeckels den dicken, runzligen Theil des Halses hervortreten; dann 
schob sich langsam die dünne, fadenförmige Hälfte desselben hervor, "welche in den, mit 
4 Saugmündungen und einem doppelten Hakeukranze versehenen Kopf endigte ; letztern 
erkannte man jedoch nur nach der Herausnahme des "Wurms unter dem Mikroskope. — 
Der Blasenkörper des Wurmes änderte bald langsamer, bald schneller seine kuglige 
Form in eine mehr breite, ovale oder birnförmig zugespitzte ab. Meist lag er noch eine 
halbe oder ganze Linie vom unteren Eande der Hornhaut entfernt, weil daselbst der Raum 
zwischen Iris und Cornea zu enge für ihn wurde. Der Hals hing meistens nach unten 
herab und bewegte sich frei hin und her, so dass er, wenn das Mädchen den Kopf be- 
wegte, diesen Bewegungen, vorzüglich aber der Neigung nach allen Seiten der Peripherie 
der Hornhaut hin folgte. Selten schien er etwas fest zu halten. Nachdem er 7 Monate 
im Auge geblieben , und während der Zeit der Beobachtung sich um das Doppelte ver- 
größert hatte, wurde er von Schott durch einen kleinen Einschnitt in die Hornhaut 
mittelst einer Haken-Pincette noch lebend hervorgezogen. Iu lauem Wasser bewegte er 
sich noch eine halbe Stunde und nachdem er weiss und trübe geworden war, konnte man 
die 4 Saugwavzen mit ihren Mündungen und den doppelten Hakenkranz in der Mitte 
deutlich unter dem Mikroskope wahrnehmen. 

Der von Logan (Case of animalcule in the Eye of a child 1833) beschriebene Fall 
betriift ein Mädchen von 7 Jahren, welches an wiederholten Anfällen von Entzündung im 
linken Auge gelitten hatte. Bei der Untersuchung fand Logan die Cornea so getrübt und 
die Ophthalmie so heftig, dass er völligen Verlust des Sehvermögens befürchtete. Er be- 
handelte den Fall als eine scrofulöse Augenentzündung, und nach dem Gebrauche alteri- 
render Mittel und eines Blasen-Pflasters hinter das Ohr verloren sich die entzündlichen 
Erscheinungen, Hessen jedoch eine leichte Trübung an dem untern Theile der Hornhaut 
zurück. Nach einer "Woche wurde das Kind wieder zu Logan gebracht, welcher zu sei- 
nem grossen Erstaunen einen halbdurchsichtigen Körper von ungefähr 2 Linien im Durch- 
messer frei schwimmend in der vorderen Augenkammer wahrnahm. Dieser Körper erschien 
vollkommen ktigelig, nur dass von seinem unteren Theile ein dünner Fortsatz von weis- 
ser Farbe und leicht bulbösem Ende hervorragte. Dieser Anhang war schwerer, als der 
übrige blasige Theil, so dass er sich immer in der abhängigsten Lage befand; auch be- 
merkte man, dass er sich von Zeit zu Zeit verlängerte und zurückzog, so wie die Blase 
auch verschiedentlich ihre Form änderte. — "Wenn die Kranke den Kopf ruhig hielt bei 
massigem Lichte, so deckte der Wurm die zwei unteren Drittheile der Pupille. Manch- 
mal wurde der blasige Theil mehr oder weniger sphärisch und nahm dann eine abge- 
plattete Form an, wobei der Kopf sich plötzlich bis zu dem Boden der vorderen Augen- 
kammer verlängerte und schnell sich so vollkommen wieder zurückzog, dass er kaum be- 
merkbar war. Beim Zurückbeugen des Kopfes wandte sich die Blase schnell so, dass nun 
der Kopf des Wurmes nach dem oberen, jetzt aber mehr abhängigen Theile der vordem 
Augenkammer gerichtet war; wurde der Kopf wieder nach Vorne geneigt, so nahm die 
Blase wieder ihre frühere Lage ein, und hinderte die Kranke am Sehen in gerader Rich- 
tung. Während Logan diesen Fall beobachtete, bemerkte er kein Wachsthum des Thieres 
Meikle beobachtete es sorgfältig während 3 Wochen und bemerkte keine andere Verände- 
rung , als eine leichte Zunahme der Undurchsichtigkeit der Cyste. — Man schlug ver- 
schiedene Mittel vor, um das Thier zu tüdten, worauf man ein Verschrumpfen desselben 
wie bei der Linsenkapsel erwartete : elektrische und galvanische Schläge durch das Auge 
zu leiten, Terpentinöl in die Umgegend des Auges einzureiben, kleine Dosen dieses Mit- 
tels innerlich zu geben, so wie anhaltenden Gebrauch des schwefelsauren Chinins oder 



112 Regenbogenhaut. 

eines andern bittern Mittels. — Später vergrösserte sich der Wurm, die Gefässe der Con- 
junetiva und Sclerotica wurden turgescirend, die Iris veränderte ihre Farbe, war weniger 
frei in ihren Bewegungen, und das Kind klagte über Schmerzen im Auge, worauf die 
Ausziehung des Thieres beschlossen, und die Operation von Robertson vorgenommen 
wurde. Die Incision der Cornea geschah ohne die geringste Schwierigkeit, hierauf aber 
war das Kind auf keine Weise mehr zu bestimmen, die Augenlider zu öffnen, es wurde 
so unruhig, und die Muskeln pressten den Augapfel so heftig zusammen, dass die Linse 
herausgetrieben wurde und die Hydatide zerriss. Die Kranke wurde zu Bett gebracht ; 
am Abend konnte man dieselbe bestimmen , das Auge zu öffnen , wo sodann mit einer 
Zange die Reste des Thieres in Stücken ausgezogen wurden. Ein Irisvorfall blieb in der 
Wunde, weil nichts das Kind zu einem Versuche, ihn zurückzubringen, bestimmen konnte. 
Nach der Heilung blieb die Hornhaut hell, nur an der Stelle der Verwachsung war sie 
halbdurchsichtig ; die Pupille war in Folge der Verwachsung der Iris elliptisch, und in 
ihr sah man die verdunkelte Linsenkapsel. Die Kranke hatte Lichtempfindung. 



IV. Motilitätsstörungen der Iris. 

A. Mydriasis nennt man jenen Zustand des Auges, bei welchem 
die Pupille abnorm erweitert, und die Beweglichkeit der Iris ganz oder 
nahezu aufgehoben ist, ohne dass Entzündung am Auge, mechanische 
Hindernisse oder Abstumpfung der Empfindlichkeit der Netzhaut als 
Ursache nachgewiesen werden können. Die Schwärze der Pupille lei- 
det nur insofern, als — abgesehen von zufälliger Combination mit Ca- 
taracta — mehr Licht in den Grund des Auges eindringt und also auch 
reflectirt wird, und sie verengert sich weder bei stärkerer Neigung der 
Sehachsen, noch beim Betrachten naher Objecte, noch auch bei stärke- 
rem Lichteinflusse. Ein solcher Kranker, der sich in der Regel bloss 
wegen Störung des Gesichtes an den Arzt wendet, ist niemals .blind, 
sondern nur geblendet; er sieht im Allgemeinen nur nahe Gegenstände 
schlecht, kann z. B. nicht lesen, während er ferne Objecte relativ gut 
unterscheidet, vielleicht selbst die Zeiger einer Thurmuhr erkennt. Es 
gibt Fälle mit sehr starker Erweiterung der Pupille ohne beträchtliche 
Störung im Nahesehen. Der Beweis, dass in solchen Fällen die Ge- 
sichtsstörung nur von Affection der Regenbogenhaut (Ciliarnerven) ab- 
hängt, und die Netzhaut ganz unverändert fungirt, bloss durch zu viel 
Licht geblendet wird, lässt sich dadurch herstellen, dass so ein Kran- 
ker mit dem betroffenen Auge auch in der Nähe ganz gut oder doch 
viel besser sehen kann, sobald man ihn durch eine nicht über V" grosse 
Öffnung in einem Kartenblatte die Objecte betrachten lässt. Convex- 
gläser erleichtern in der Regel das Erkennen naher Objecte nicht; 
Temperirung des Lichtes wird vom Kranken instinetmässig gesucht. 






Mydriasis. 1 1 3 

Zeichen von Congestion oder Entzündung; fehlen, oder stehen, wenn sie 
vorhanden sind, in keiner Beziehimg' zur Affection der Iris selbst. 

Ursachen. Der nächste Grund dieser Erscheinung liegt entweder 
in Lähmung (verminderter oder aufgehobener Energie) des Sphincter 
iridis, respective in Lähmung jener Zweige der Ciliarnerven, welche 
vom N. oeulomotorius zur Iris gelangen, oder in erhöhter Contraction 
der Radialfasern der Iris, relativ gesteigerter Action der vom N. sym- 
pathicus (vagus?) zur Iris gehenden Zweige der Ciliarnerven. Demnach 
kann man eine Mydr. paralytica und Mydr. spastica annehmen. 

Eine ganz reine und einfache Form von Mydr. paralytica können 
wir jeden Augenblick hervorrufen durch die Anwendung der Mittel, 
welche Himly als mydriatica bezeichnet hat, vorzüglich der Belladonna, 
des Hyoscyamus, der Datura'stramojiium. Combinirt mit Lähmung der 
vom N. oeulomotorius versehenen Augenmuskeln beobachten wir die 
Mydr. paralytica bei peripherischer und hei centraler Affection des N. 
oeulomotorius mit deprimirter oder aufgehobener Action desselben. 
Näheres hierüber kann erst bei den Krankheiten der Augenmuskeln 
angeführt werden. Einfach für sich bestehend oder combinirt mit Läh- 
mung des Muse, levator palp. superioris sehen wir Mydr. paralytica 
auch nach Einwirkung eines Luftzuges ofer nach Verkältimg bei schwitzen- 
dem Kopfe, nach längerem Auf enthalte in feuchten und dunklen Loca- 
litdten auftreten. Ware*) bemerkt, dass die meisten Personen, die er 
an Mydriasis hat leiden sehen, durch Strapazen oder Sorgen geschwächt 
worden waren, ehe man die Krankheit entdeckte. Nach Makenzie 
(ibid.) sollen auch Schläge auf das Auge und andere Verletzungen 
manchmal eine Mydriasis ohne Affection des Sehnerven (?) herbeiführen. 

Auf Spasmus (überwiegender Contraction) der Kadialfasern zu be- 
ruhen scheint die Mydriasis in jenen Fällen, wo gastrische Zufalle 
/Reizung des N. sympathicus und Vagus?) vorausgingen oder noch fort- 
dauern. Man hat Mydriasis nach heftigem Erbrechen beobachtet. Hel- 
minthiasis, namentlich Taenia, wird von mehrern Autoren als Ursache 
von Mydriasis aufgeführt. Dr. Warnatz bezeichnet Masturbation als 
häufige Ursache von abnorm weiter Pupille (Schmidt's Jahrb. 1842 S. 
256>, und Chelius (Handbuch I. S. 389) rechnet auch Hypochondrie und 
Hysterie unter die ursächlichen Leiden. 

Es gibt Fälle von Mydriasis, wo man nicht im Stande ist, eines 
oder das andere dieser ursächlichen Momente nachzuweisen, — Ausser- 
dem ist noch zu bemerken, dass abnorme Grösse der Pupille mit mehr 

*j Makenzie, praktische Abhandlung. Weimar, 1S32. S. 674. 

Arlt Augenheilkunde. II. S 



1 i 4 Regenbogenhaut. 

weniger beschränkter Beweglichkeit der Iris auch als angeborener Zu- 
stand vorkommt, auf einem oder auf beiden Augen. Die Energie der 
Sehkraft ist in solchen Fällen immer eine geringere, wahrscheinlich 
wegen Abnormitäten in der Netzhaut selbst. Solche Fälle sind dem- 
nach ebenso wenig für Mydriasis anzusprechen, als die Pupillenerwei- 
terung bei Kurzsichtigen. Auffallend weit findet man die Pupille oft 
nach Verlust des andern Auges durch heftige Entzündung (Phthisis 
bulbi). 

Simulirt Jemand Amaurosis oder Amblyopie durch künstlich unter- 
haltene Erweiterung der Pupille, so können die eben angeführten That- 
sachen, scharf und umsichtig auf den speciellen Fall angewendet, wohl 
oft zur Entlarvung des Betrügers führen, in der Regel aber wird das 
fragliche Object einer fortgesetzten strengen Beobachtung unterworfen 
werden müssen. Die Wirkung des Mydriaticum hält je nach der Dosis 
und Wiederholung desselben und je nach der individuellen Empfäng- 
lichkeit (jüngere Individuen sind in höherem Grade empfindlich) 1—3 
Tage an. Himhj*) führt folgende ihm von Dr. Spangenberg mitge- 
theilte Thatsache an: „Das häufige Vorkommen von Mydriasis bei Os- 
nabrückschen Militärpflichtigen erregte Verdacht, man nahm sie dess- 
halb in's Hospital auf und alle Effecten ihnen ab; allein demungeachtet 
dauerte das Übel fort, bis warme Bäder ihm plötzlich abhalfen, und 
nun die Betrüger gestanden, auf Anrathen eines Thierarztes Belladon- 
naextract angewandt zu haben, welches sie unter dem Nagel der gros- 
sen Zehe verborgen hatten." 

Diese Krankheit, welche überhaupt nur selten vorkommt, setzt 
nach der Angabe jener Autoren, welche mehrere Fälle zu beobachten Ge- 
legenheit hatten, im Allgemeinen keine ungünstige Prognosis. Nach 
Demours wurden 7 von 9 Fällen geheilt. In vielen Fällen verschwand 
die Affection allmälig von selbst. 

Bei der Behandlung wird der Arzt vor Allem die nächste Ursache 
des Übels durch Eruirung der sogenannten entfernten Causalmomente 
zu constatiren suchen. Von der Empirie sind meistens örtliche Reiz- 
mittel empfohlen worden, welche wohl nur in jenen Fällen, wo Läh- 
mung des Sphincter pupillae vorhanden ist, von Nutzen sein dürften. 
Fliegende Vesicantien an die Stirn und Schläfe, Linimentum volatile 
eben daselbst, Ammoniakdämpfe an das offen gehaltene Auge. Das 
stimulirende Verfahren, w T elches Demours anwendete, besteht nach 
Makenzie darin, dass man kleine elektrische Funken gegen das Auge 

*j Die Krankheiten und Miasbildungen des menschlichen Auges. Berlin 1S43. Bd. II. S. 123. 



Mydriasis. 1 1 5 

leitet, alsdann letzteres eine halbe Minute mit dem Ende einer silber- 
nen Sonde, welche so gebogen ist, dass sie einen King bildet, sanft 
reibt, und alsdann auf das Auge sogleich einen kalten Tabaksblätter- 
aufguss tröpfelt. Serres hat die Peripherie der Cornea mit Lapis in- 
fernalis geätzt. Kochanoicsky (siehe die weiter unten mitgetheilte Be- 
obachtung) hat das Seeale cornutum als speeificum bei Mydr. paralytica 
empfohlen, Neuhausen Euphorbia cyparissias. 

1. Ein Kaufmann, 21 Jahre alt, kam Mitte December 1849 zu mir mit den ge- 
wöhnlichen Erscheinungen eines Augenkatarrhes, welcher bereits 8 Tage bestanden hatte. 
Nach 5tägigem Gebrauche eines Collyriuius von Lapis divinus war er davon befreit. 
Ende December wurde das rechte Auge auf ähnliche Weise ergriffen, wie früher das 
linke. Da er gerade viel zu schreiben hatte , und ihn anhaltendes Brennen im Auge 
belästigte, so machte er sich durch etwa '/* Stunde Überschläge von kaltem Wasser,. 
und setzte seine Arbeit den ganzen Tag über fort. Abends bemerkte er, vom Schreiben 
ermüdet, als er zufällig in einen Spiegel schaute, dass die Pupille des rechten Auges 
sehr erweitert war. Den folgenden Tag fand ich die Bindehaut der Lider dieses Auges 
dicht netzförmig geröthet und gelockert; verklebt war das Auge beim Erwaehen nicht 
gewesen. Die Pupille war so erweitert, dass ihr Durchmesser 4'" betrug, und die Iris 
nur einen '/*'" breiten, ganz unbeweglichen Saum darstellte. Der Mann fühlte sich durch 
das Tageslicht etwas geblendet , und durch ein Gefühl von Druck im Auge und in der 
Stirn etwas belästigt, konnte jedoch ohne Anstand lesen und schreiben. Er erkannte 
die Buchstaben bei 8" Entfernung ebenso gut, wie bei 16". Ausserdem konnte ich nichts 
Abnormes wahrnehmen. Ich ordinirte Überhängen trockner warmer Säckchen aus Flor, 
sambuci, flor. chamom. und farina secalina und Ruhe im Zimmer. Der Mann ist weiter 
nicht mehr zu mir gekommen. 

2. Ein Finanzwachaufseher kam Ende Februar 1850 auf die Klinik. Wir fanden 
die Pupille des rechten Auges auffallend erweitert ; der Mann sah mit demselben schlech- 
ter; während er mit dem linken Auge mittlem Druck bei 8" Entfernung (und darüber) 
ganz gut las, konnte er mit dem rechten erst bei 20" und da mit Mühe lesen ; hielt man 
ihm ein Kartenblatt mit einer engen Öffnung vor das rechte Auge, so las er auch bei 
10 — S" Distanz. Ausserdem fanden wir nichts Abnormes, weder an den Augen, noch in 
andern Organen. Der Kranke war bereits 2 Jahre in diesem Zustande, und leitete die 
Entstehung desselben davon ab , dass er bei seinem Geschäfte (Überwachung der Bräu- 
häuser) oft in die Flammen der Öfen gesehen und bei schwitzendem Körper häufig der 
Zugluft ausgesetzt gewesen war. Er bemerkte vor 2 Jahren, wenn er gegen das Firma- 
ment blickte , lichte Strahlen vor seinen Augen , wurde durch starkes Licht geblendet, 
hielt das Lesen und Schreiben nicht mehr so lange aus, wie früher, und fand vor dem 
Spiegel die rechte Pupille stark erweitert. Nach dem Genüsse geistiger Getränke soll die 
Pupille jedesmal noch grösser geworden sein. Da der Kranke wegen dringender Geschäfte 
noch nicht in die Anstalt eintreten konnte, so gaben wir ihm indessen, um die Netzhaut 
vor übermässigem Lichte zu schützen , blaue Brillen. Er ist jedoch später nicht mehr 
zu uns gekommen. 

3. Beob. von Dr. Kochanowski in Warschau. *) Die dauerhafte Erweiterung der 
Pupille, Mydriasis, ist meistentheils nur symptomatisch, eine Folge anderer Krankheiten, 

*) Von Ammons Monatschrift B. I. S. 301. 

8* 



116 Regenbogenhaut. 

und kann leicht, durch den Gebrauch von Narcoticis, namentlich durch das aufs Auge 
applicirte Extr. Bellad. entstehen. Seltener ist die Erweiterung idiopathisch, welche aus 
einem paralytischen Zustande der Iris hervorgeht, und nach der Meinung der Autoren 
in der Heilung sehr hartnäckig ist. Ich hatte Gelegenheit, mich von der Hartnäckigkeit 
dieser Krankheit bei den bis jetzt gegen dieses Übel empfohlenen Mitteln zu überzeugen, 
und so nahm ich denn Veranlassung, ein neues Mittel, das Seeale cornutum, dagegen 
anzuwenden. 

Bei der Lehrerin Frau W. , einige 30 Jahre alt, die lange schon an Hämorrhoiden 
und unregelmässiger Menstruation gelitten und im Mai 1835 meine Hilfe in Anspruch 
nahm, war ohne deutliche Ursache die Pupille des rechten Auges so stark erweitert, dass 
die Iris nur einen kleinen Ring darstellte und auf den stärksten Einfluss des Lichtes gar 
nicht reagirte. Das linke Auge war ganz normal. Das Gesicht im rechten Auge war 
jedoch nicht beeinträchtigt , obschon im Lesen eine grössere Beschwerlichkeit als sonst 
sich zeigte. Auch gesellte sich ein leichter Schmerz und Schwere des Kopfes auf der 
rechten Seite, in der Tiefe des Auges hinzu. Pat. befand sich, Hämorrhoiden abgerech- 
net, an denen sie gewöhnlich litt, im Ganzen wohl. 

Indem so mit keiner Gewissheit die nächste Ursache zu ermitteln war, glaubte ich, 
dass dieser Stand der Pupille ein Vorbote zur Amaurosis sei , zu deren Entwicklung der 
seit einiger Zeit gehemmte Hämorrhoidenfluss Veranlassung gegeben hätte. Ich Hess 
daher Blutegel ad anum setzen und verschrieb zum innerlichen Gebrauche Pulver aus 
Kali tartaricum, Kali nitricum und Rheum. 

Nach dem Gebrauche dieser Mittel erfolgte, obschon die Hämorrhoidalbeschwerden 
sich milderten, in Betreff des Zustandes der Pupille gar keine Veränderung. Am dritten 
Tage der Krankheit, als die Kranke eine Schwere über dem leidenden Auge fühlte, Hess 
ich Blutegel hinter die Ohren setzen. Es verschwand zwar die Eingenommenheit des 
Kopfes, allein die Erweiterung der Pupille blieb wie früher. Am fünften Tage verordnete 
ich hinter das Ohr der leidenden Seite ein Vesicatorium zu legen, welches eine Erleich- 
terung verschaffte, indem das Spannen im leidenden Auge nachliess ; allein die Iris blieb 
unthätig. Bei diesen Verhältnissen hielt ich es für nöthig, noch andere Arzte zu Rathe 
zu ziehen. Diese erklärten als Ursache der Krankheit das wahrscheinliche Vorhandensein 
eines Bandwurmes, wofür mir jedoch keine Zeichen zu sprechen schienen, und ich äusserte, 
wenn die Krankheit aus dieser Ursache hervorgegangen wäre, müssten doch beide Pa- 
pillen verändert sein. Indessen musste ich der Mehrheit der consultirenden Stimmen 
nachgeben, da Fälle angeführt wurden, wo durch den Bandwurm Convulsionen eingetre- 
ten waren, die den halben Körper einnahmen. Ich verschrieb daher das Ol. terebinthi- 
nae §j , des Morgens nüchtern zu nehmen ; darauf wurde, um auf das Auge selbst zu 
wirken, das Ol. cajeput. in die Augenbrauen eingerieben. Der Gebrauch des Terpentinöls 
verursachte grossen Ekel , Leibschmerzen und Ohnmächten. Es war daher nicht mehr 
daran zu denken , den Gebrauch dieses Mittels zu wiederholen. Am zehnten Tage ver- 
schrieb ich das Ol. aeth. filicis maris Scr. j., mit einer hinreichenden Quantität Pulver 
der Wurzel desselben Mittels, und Hess daraus 24 Stück 3granige Pillen bereiten, in 2 
Abenden zu verbrauchen; den Tag darauf nahm Pat. nüchtern 2 Unzen Wiener Tränk- 
chen. Am 13. Tage Hess ich die Pillen nochmals machen, indem ich die Dose des Ol. 
filicis bis zu '/ä Drachme vergrösserte , den Tag darauf nahm die Kranke ebenfalls das 
Wiener Tränkchen, doch der Bandwurm zeigte sich nicht. 

Hieraus schloss ich denn, dass die Erweiterung der Pupille bei dieser Kranken ein 
idiopathisches Leiden sein müsse, das von Lähmung der Iris herrührte. Ich begann daher 



Mydriasis. 117 

die dagegen gerühmten Mittel in Gebrauch zu ziehen. Ich verschrieb innerlich zu neh- 
men die Kad. Yalerianae und Flores Arnieae, auf's Auge selbst wandte ich mehrere Eeiz- 
mittel an ; ausserdem legte ich ein Yesicatorium über die Augenbrauen. Nach mehrtägi- 
gem vergeblichen Heilverfahren -wendete ich Mittel an , die gegen Amaurosis empfohlen 
sind, nämlich das Extr. Pulsat. ; aber trotz des länger fortgesetzten Gebrauchs dieses 
Mittels und der mehrmaligen Einreibungen von Canthariden in der Nähe des Auges trat 
nicht die mindeste Veränderung ein. 

Unter diesen Umständen war ich genöthigt , ein wirksameres Heilverfahren auszu- 
mitteln , und durch Folgerung kam ich auf die Anwendung des Mutterkorns. Von der 
Idee ausgehend , dass das Extr. Bellad., auf das Innere des Auges applicirt, eine Erwei- 
terung der Pupille bewirkt, und dass dasselbe Mittel gleichzeitig in der Geburtshilfe be- 
nutzt wird, um den Krampf des Gebärmuttermundes zu heben, schloss ich, dass ein sol- 
ches Mittel, welches iuuerlich angewandt eine Contraction der Gebärmutter verursacht, 
eine ähnliche "Wirkung atif die Iris ausüben könnte. Ich war um so mehr zu dieser An- 
nahme berechtigt, als ich mit einigen Autoren die Meinung theile , dass die Zusammen- 
ziehung und Erweiterung der Pupille von Contraction der Fasern, welche sowohl auf der 
vordem als hintern Fläche der Iris sich befinden und welche zusammengenommen, die 
Zirkel- und Strahlfasern, einen Musculus orbicularis bilden, abhängig sei. Die Natur die- 
ser Uasern ist nicht ganz dieselbe als die der Muskelfasern, steht ihnen jedoch sehr nahe; 
sie seheinen den Fasern der Gebärmutter, welche zur Zeit der Schwangerschaft deutlicher 
hervortreten, am meisten ähnlich zu sein. 

Als ich, dieser Ansicht zufolge, den 22. Tag der Krankheit, Pulver von Seeale cor- 
nutum , 3 Gr. p. D. 4mal täglich zu nehmen verordnet hatte, erfuhr ich am folgenden 
Tag mit der grössten Verwunderung, dass Pat. eine Veränderung im leidenden Auge be- 
merkte, indem sie angab, dass auf den Einfiuss des Lichtes sie das Gefühl empfände, als 
rühre sich etwas im Innern des Auges, und dass sie selbst im Spiegel eine Verkleinerung 
der Pupille wahrgenommen hätte. Nach Besichtigung des Auges bemerkte ich wirklich 
eine Veränderung in der Grösse der Pupille des leidenden Auges; sie war jedoch noch 
immer grösser, als die des andern. Indem ich nun die Dose auf 15 Gran vergrösserte, 
bemerkte ich immer zunehmende Besserung. 

Da zu derselben Zeit die monatliche Reinigung eingetreten war, so setzte ich den 
Gebrauch des Mittels, welches so stark auf den Uterus wirkt, aus, um nicht die normale 
Function zu stören. Allein mit dem Aussetzen des Mutterkorns vergrösserte sich von 
Neuem die Erweiterung der Pupille, obgleich die Pi.eaction auf den Lichteinfluss nicht 
ganz verschwunden war. Nach beendigtem Monatfiusse kehrte ich sogleich zum Gebrauche 
des Mittels , welches sich früher so erfolgreich gezeigt hatte, zurück und bemerkte von 
Neuem eine auffallende Besserung. Ich verschrieb zuerst 18 Gr. in Pulverform, nachher 
Scr. j. in Decoct. Nach einigen Tagen verschwand die Erweiterung ganz, die Iris zog 
sich vollkommen zusammen, und es ward nicht der kleinste Unterschied zwischen beiden 
Augen wahrgenommen. 

Im Juli 1S36 sah ich Frau W. wieder, es war nichts Abnormes im kranken Auge 
zu bemerken , und ich erfuhr auch, dass während der ganzen» Zeit die Krankheit nicht 
wiedergekehrt ist. 

Der so augenscheinliche und rasche Erfolg des von mir in Anwendung gebrachten 
Mittels scheint, im Vergleich zu der Erfolglosigkeit anderer versuchter Heilverfahren , zu 
beweisen, dass die Heilung dieser im Allgemeinen für sehr hartnäckig gehaltenen Krank- 
heit einzig und allein dem Gebrauche des Mutterkorns zuzuschreiben sei. Ich hatte mir 



1 1 8 Regenbogenhaut. 

vorgenommen , vor Bekanntmachung dieser Beobachtung sie durch weitere Versuche zu 
bekräftigen , allein es sind schon 2 Jahre verflossen, dass weder in der Privat- noch in 
der Hospitalpraxis mir ein solcher Fall vorgekommen ist. 

Dr. Hanmann *) heilte durch dasselbe Mittel eine Mydriasis, welche bei einem 30- 
j übrigen Manne auf dem rechten Auge entstanden war. Der Mann war übrigens gesund, 
hatte sich etwa ein halbes Jahr vor Entstehung des Übels auf einer Geschäftsreise heftig 
erkältet, und seitdem öfters ein Eeissen im Kopfe bemerkt. In 6 Wochen war die Cur 
vollendet , welche sich lediglich auf die Darreichung des Seeale corn. beschränkte ; es 
wurden täglich 3mal Pulver, von 6 Gran bis zu l Scrupel steigend, verabreicht, gegen 
Ende der Cur die Dosis wieder vermindert. Nebenher wurde einige Male ein Drouotsches 
Pflaster hinter das Ohr gelegt, Naphtha aceti gegen das Auge verdunstet, und ein Augen- 
schirm getragen. 

Mac-Evers**) heilte eine Mydriasis bei einem 50jährigen Manne, der den grössten 
Theil seines Lebens in den Tropenländern zugebracht hatte , und seit 3 "Wochen damit 
behaftet war, durch Seeale cornutum in Form von Schnupfpulver. 

Dr. Neuhausen ***) will Mydriasis vorzüglich bei Fassbindern, die in dunklen Kel- 
lern, bei Schneidern, die viel bei künstlichem Lichte und an dunklen Stoffen arbeiten, 
und bei Bäckern, die bei schwacher Beleuchtung sich dem intensiven Lichte des Back- 
ofens aussetzen, beobachtet haben, und zwar, mit Ausnahme eines einzigen Falles, immer 
auf beiden Augen zugleich. Er wandte in einem Falle mit gutem Erfolge den frischen 
Saft der Euphorbia cvpar. , einen Tropfen auf 2 Unzen "Wasser, zu Einträuflungen an, 
und stieg bis zur Entstehung massiger Conjunctivitis. 

B. Myosis nennen wir nur jene bleibende Verengerung der Pu- 
pille, welche ohne entzündliche Erscheinungen am Bulbus, ohne me- 
chanische Ursachen (Exsudate in der Pupille, Einheilung einer Iris- 
partie in eine Hornhautnarbe) und ohne Erkrankung der Netzhaut auf- 
tritt. Die ganze reine, runde, bisweilen nur V 2 '" grosse Pupille er- 
weitert sich auch beim stärksten Dunkel, das man anwenden kann, 
ohne die Beobachtung unmöglich zu machen, sehr wenig. Auch auf 
Anwendung von Belladonna vergrössert sich die Pupille gar nicht, oder 
doch nicht in so hohem Grade, wie in normalen Augen. Die Augen- 
kammern erscheinen dabei eng, weil Iris und Linse der Cornea ge- 
nähert sind, und die Möglichkeit, den Refractionszustand des Auges 
abzuändern, ist auf sehr enge Grenzen beschränkt; die meisten müssen 
sich starker Convexgläser bedienen, um in der Nähe gut zu sehen, 
und der Blick trägt trotzdem oft nur in geringe Entfernungen. 

Abnorme Engheit und geringe Erweiterbarkeit der Pupille auf 
einem oder auf beiden Augen scheint in manchen Fällen angeboren zu 
sein. Am reinsten ausgeprägt, gewissermassen als Gegensatz der My- 

*) Ammons Monatsschrift 1839, Bd. II. 8. 580. 
**) Annales d'oeulist. B. XXI. 
***; Correspondenzbl. rbein. und westph. Ärzte. Bd. III. Nr. 3. 



Myosis. 119 

driasis paralytica finden wir die Myosis bei Individuen, welche sich 
lange und anhaltend mit der Betrachtung' winziger und glänzender 
Gegenstände beschäftigt haben, zumal wenn sie bereits in Jahren vor- 
gerückt sind, und in früheren Jahren einen normalen Refractionszustand 
hatten (nicht kurzsichtig- waren). Daher finden wir diesen Zustand 
häufig bei Uhrmachern, Graveuren, Goldarbeitern u. dgi.; sie wenden 
sich eigentlich erst dann an den Arzt, wenn sie nicht mehr im Stande 
sind, feine Gegenstände mit Ausdauer zu erkennen, wenn sie nur noch 
bei intensiverem Lichte oder mit Hilfe starker Convexgläser zu arbeiten 
vermögen, oder durch Mückensehen geängstigt werden. — Man kann 
diesen Zustand als habituelle Contraction des Sphincter iridis be- 
trachten, analog dem Zustande der geraden Augenmuskeln beim 
Schielen. 

Von entgegengesetzter Natur, auf verminderter oder aufgehobener 
Energie der Radialfasern der Iris beruhend, scheint jene Pupillenver- 
engerung zu sein, welche bei Individuen mit Erkrankung der Medulla 
oblongata beobachtet wird, und nicht nur einen constanten Begleiter, 
sondern auch häufig einen Vorläufer von Spinalamaurosis darstellt, 
daher wir auch bei Besprechung dieser letzteren näher darauf eingehen 
werden. 

Nach H/m/// (1. c. IL S. 125) kommt Myosis auch bei Hydro- 
phobie, bei schwerem Typhus vor ; nach Hahneinann bewirkt der innere 
Gebrauch von Daphne Mezereum, nach Heise der örtliche Gebrauch 
von Nicotiana tabacum Verengerung der Pupille. Als Folge von Iritis 
oder andern Augenentzündungen, wovon Beer (1. c. IL S. 261) spricht, 
ist mir dieser Zustand niemals vorgekommen. Hingegen muss ich dem 
Ausspruche Makenzie's (1. c. S. 671) beistimmen, dass die Individuen, 
welche an dieser Affection leiden, in der Regel geschwächte, kachektisch 
aussehende Personen sind. 

Man wird diesen Zustand selten an und für sich zum Gegenstande 
der Behandlung bekommen. Die Eruirung der nächsten und der ent- 
fernteren Ursachen allein kann Anhaltspunkte für die Prognosis und 
für die Therapie bieten. Leider sind die sogenannten entfernteren Ur- 
sachen fast durchgehends von der Art, dass sich wenig oder nichts 
dagegen unternehmen lässt. 



120 Regenbogenhaut. 



V. Mangel und Spaltung der Iris, Verschliessung der 

Pupille. 

A. Irideremie. Der angeborene gänzliche oder theihveise Mangel 
der Iris wurde, mit Ausnahme eines von Morison beschriebenen Falles, 
bisher immer auf beiden Augen zugleich beobachtet. In einigen Fällen 
musste man Erblichkeit supponiren. Man konnte entweder gar keine 
Spur von der Iris sehen oder nur einen äusserst schmalen Eeifen, oder 
Rudimente davon in einem Drittel, in der Hälfte des Umfanges. Dabei 
waren die Bulbi kleiner (Mikrophthalmus) oder von gewöhnlicher Grösse, 
die Hornhäute normal, oder an ihrer Basis oblong und nicht scharf 
von der Sclera geschieden, in einigen Fällen auch im Centrum etwas 
getrübt, die Linsen durchsichtig, oder in der Mitte, nächst der hintern 
Kapsel verdunkelt. In einiger Entfernung und bei gewissen Stellun- 
gen zum Kranken und zur Richtung des einfallenden Lichtes sieht man 
den Grund des Auges eigenthümlich (fast wie eine polirte Kupferplatte) 
leuchten; ausserdem erscheint die Pupille niemals so rein schwarz, wie 
bei vorhandener Iris und gewöhnlicher Grösse der Pupille. Die Ciliar- 
fortsätze lassen sich auch bei vollständigem Mangel der Iris nicht wahr- 
nehmen. Diese optischen Erscheinungen ergeben sich einfach aus den 
Gesetzen der Brechung und Zurückwerfung der Lichtstrahlen. — Die 
Energie der Sehkraft ist in der Regel geringer, was man gemeinhin 
als Kurzsichtigkeit bezeichnet hat, weil nahe Gegenstände im Allgemeinen 
eher und genauer Avahrgenommen werden, als entfernte. Kontrollirende 
Versuche mit Linsengläsern und mit künstlichen Diaphragmen sind 
jedoch nicht gemacht worden. Wegen dieser Unvollständigkeit der 
Sehkraft werden die Bulbi beständig hin und her gerollt oder leicht 
um die Sehachse gedreht. (Vergl. später Nystagmus oscillatorius et 
rotatorius.) Die Kranken sehen im Allgemeinen bei temperirtem Lichte 
besser als im Hellen, und instinctmässig wird die Lidspalte wenig ge- 
öffnet, wesshalb das obere Lid in späterer Zeit habituell einen tiefern 
Stand einnimmt, und sofort nicht mehr gehörig emporgehoben werden 
kann. Auf diese Weise dürfte sich die in einigen Fällen beobachtete 
Abnahme der Lichtscheu erklären. 

Zu Erblindung durch Lähmung der Netzhaut hat dieser Fehler — 
nach den bisher bekannten Beobachtungen — niemals geführt; in eini- 
gen Fällen dagegen wurden wiederholte Anfälle von Entzündung der 
Binde- und Hornhaut, in andern allmälige Trübung der Linse (einfack 



Irideremie. 121 

oder mit Ablösung von den Ciliarfortsätzen und von der Hyaloidea — 
Cataracta tremula, natatilis) beobachtet. 

Ob das Tragen blauer Augengläser oder künstlicher Diaphragmen 
(dunkle Platten oder Gläser mit einer 1—2'" grossen lichten Öffnung 
in der Mitte) solchen Kranken wesentliche Dienste leisten würde, müsste 
erst durch Versuche ermittelt werden. 

Mehr weniger vollständige Beobachtungen von Irideremie findet man bei Demours 
Tom. II. obs. 277, in von Amnions Zeitschrift B. I. S. 52, B. IL S. 10 und B. V. S. 10 
und 78, in dessen Monatschrift B. I. S. 56 und S. 501, B. III. S. 58, von Ammon's und 

Walther's Journal für Chirurgie und Augenheilkunde, Neue Folge B. II. S. 327, in Cunier 
Annales d'oculist. Tom. XII. S. 43, u. a. m. Abbildungen von totalem und partiellem 
Irismangel findet man bei Amnion Angeborne Krankheiten des menschl. Auges, Berlin 

1848, Tab. XII. Text pag. 50. 

Mangel der Iris in Folge i^on Losreissung derselben vom Ciliar- 
bande habe ich in zwei Fällen beobachtet. Den ersten hat Prof. Fischer 
in sein Lehrbuch S. 24 aufgenommen. 

Lak Prokop, 24 Jahre alt, ein gesunder kräftiger Fuhrmann, erlitt 16 Tage vor 
seinem Eintritte in die augenärztliche Abtheilung unseres Spitales (27. Juni 1840) einen 
heftigen Schlag auf das linke Auge, indem ein hölzerner Biegel beim Spannen der Kette 
eines Fraehtwagens mit voller Kraft seiner Elasticität an den Rücken der Nase, den 
Augenbrauenbogen und das Auge anprallte. Es war ihm dabei, als führe ein Blitz durch 
das Auge: sogleich stürzte Blut aus Mund und Nase, und in Kurzem schwollen die ge- 
troffenen Theile so an, dass man durch 3 Tage die Lider nicht öffnen konnte, um das 
Auge zu besichtigen. Er legte fort kalte Umschläge über. Der Mann war gerade mit 
einer Frachtespedition nach Wien begriffen, und besuchte dort am 8. Tage die Klinik 
des Professors von Rosas, wo ihm wegen heftiger Schmerzen in der Oberkiefer- und 
Stirngegend Opiumeinreibungen verordnet wurden. Die kalten Umschläge wurden fort- 
gesetzt. Das Sehvermögen, t dessen Schwächung am 4. Tage bei Eröffnung der Lidspalte 
wahrgenommen worden war, soll späterhin weder zu- noch abgenommen haben. Da ihm 
das gewöhnliche Licht zu grell war, beschattete er dasselbe auf seiner Rückreise nach 
Prag. Hier sahen wir den Bulbus ganz normal in Bezug auf Grösse, Gestalt und Be- 
weglichkeit, nur die Sclera (in Folge der frühern Gefässinjection) etwas schmutzig, die 
Hornhaut rein, und gehörig gewölbt, die Iris ringsum fehlend. Sie war zu einer weiss- 
lich grauen, florähnlichen, bei jeder Bewegung des Bulbus hin und her, auf und ab 
schlotternden Flocke zusammengeschrumpft, welche nur unten leicht fixirt zu sein schien. 
Die auf diese Art enorm grosse Pupille erschien schwarz, etwas in's Grünliche spielend. 
Der Kranke erkannte grössere Gegenstände, und selbst kleinere, z. B. einen Silberzwan- 
ziger, nach Grösse und Farbe, ein Federmesser, einen Bleistift, wenn man dieselben in 
einer Entfernung von 8 — 10 Zoll vom äussern Winkel her vorhielt. Er verliess am 1 
Juli die Anstalt in gleichem Zustande. 

Ther. W., 38 Jahre alt, hatte sich 2 Jahre, ehe ich sie sah, an das rechte Auge 
gestossen, indem sie in der Nacht sich aus dem Bette bückte, \ind mit dem Auge an 
die Lehne eines Stuhles fuhr. In demselben Augenblicke sah sie gleichsam ein Flammen- 
meer vor sich, sodann entwickelten sich heftige Schmerzen, Geschwulst und Röthe der 
Lider, und das Weisse des Auges soll noch durch ein halbes Jahr geröthet geblieben 



122 Regenbogenhaut. 

sein. Ich fand das Auge etwas grösser, als das linke, die Sclera mehr bläulich, und 
oberhalb der Cornea etwas ausgedehnt, stellenweise (etwa K'i'" hinter der Basis corneae) 
mit halberhabenen blauen Fleckchen besetzt. Die sonst normale Hornhaut bot nach innen 
und unten eine längliche Narbe dar, in welche die Iris eingeheilt war. Die Iris, ringsum 
vom Ciliarbande abgerissen, war nur noch als ein graugelber Streifen vorhanden, an 
der obgenannten Hornhautnarbe fixirt, sonst wie eine Fahne flatternd. Die Pupille zeigte 
einen Stich aus dem Schwarzen ins Braunröthliche ; der Grund des Auges schillerte ein 
wenig, fast wie bei Katzenaugen. Die Kranke sah mit diesem Auge, jedoch schwach; 
sie erkannte Geldmünzen nur nach dem Metall und nach der Grösse. Nahe und Ferne 
schien keinen wesentlichen Unterschied zu bewirken; das Sonnenlicht blendete sie; eine 
Kerzenflamme sah sie dreifach. Die Linse war ungetrübt, und die Ciliärfortsätze konnte 
ich nicht wahrnehmen. In einem andern Falle (mit theil weiser Lösung der Iris vom 
Ciliarkörper) waren die Ciliärfortsätze sehr deutlich sichtbar. 

B. Die angeborene Spalte der Iris, Coloboma iridis s. Irido- 
schisma, eine der Hasenscharte ähnliche Missbildung, ist bis auf einige 
wenige Ausnahmen nur nach unten oder nach unten und innen beob- 
achtet worden. Sie reicht vom Pupillarrande bald mehr bald weniger 
tief gegen den Ciliarrand hin, und ist verschieden breit. Ihre Ränder 
verlaufen in der Regel convergirend (vom Pupillar- zum Ciliarrand), 
selten parallel oder divergirend; demnach erhält die Pupille die Gestalt 
einer Birne, eines Schlüsselloches, einer Glocke u. dgl. — Als seltene 
Varietät ist jene Spalte zu betrachten, welche bloss den grossen Kreis 
betrifft; man findet dann eine dreieckige peripherische Pupille von der 
normalen durch einen Querbalken (den ungespaltenen Sphinkter?) ge- 
trennt. Die Colobome mit divergirenden Rändern und leichten Vor- 
sprüngen oder Anhängseln am Pupillarrande stehen gleichsam als 
Mittel- oder Übergangsglieder da. Stilling*) fand bei einem 12jährigen 
Mädchen auf dem übrigens normalen linken Auge ein gewöhnliches 
Coloboma iridis mit ovaler, nach unten ausgebuchteter Pupille ; auf dem 
rechten Auge war die Pupille vollkommen rund, aber unmittelbar unter 
ihr befand sich, nur durch ein feines horizontales Filament von ihr ge- 
trennt, eine halbeiförmige Spalte in der Iris, deren absteigende Schen- 
kel sich am Rande der Cornea nicht mit einander vereinigten, sondern 
vielmehr noch etwas weiter divergjrten, als die Irisschenkel am linken 
Auge. — Von gleicher Bedeutung ist das sogenannte oberflächliche 
Iriscolobom. Da wo die Spalte sein sollte, sieht man nur eine dünne 
Membran, welche so dunkel erscheint, dass es aussieht, als sei hier 
bloss die Uvea, die Pigmentschicht der Iris vorhanden. 

Bei dem gewöhnlichen Coloboma iridis nach unten findet man die 
obere Hälfte der Iris, etwas breiter, wohl desshalb, weil der Sphincter 

*) Ammon's Zeitschrift, Bd. V. S. 462. 



Coloboma iridis. 123 

iridis keinen Ring, sondern gleichsam ein Hufeisen vorstellt, mit dessen 
Endpunkten (an der Grenze zwischen der eigentlichen Pupille und der 
Spalte) sich die Radialfasern vereinen, daher denn die Wölbung gegen 
die Seitentheile der Spalte herabgezogen werden muss. Die Iris bietet 
demnach nur an der dem Coloboma gegenüberstehenden Irispartie das 
Phänomen der Verengerung und Erweiterung der Pupille dar, und die 
das Colobom begrenzenden Seitentheile können sich einander nicht 
näher rücken, sich höchstens etwas verkürzen und verlängern. Diese 
Seitentheile sieht man, wenn die Spalte bis zum Ciliarrande reicht, 
gegeii die Peripherie hin etwas rückwärts gezogen, und an dem freien 
Rande bisweilen ein wenig nach hinten umgestülpt. . 

Das Colobom setzt an und für sich weniger Störung des Gesichtes, 
als man erwarten sollte, sowohl in Bezug auf die Energie der Seh- 
kraft, als in Bezug auf den Refractionszustand und dessen Abänderung 
(die Accommodation für nahe und ferne Objecte). Augen mit Iris- 
colobom scheinen nach den Beobachtungen von Beer, Rathke, Lechla, 
Amnion, Helling, M. Jäger, Jüngken, Wutzer, Bloch und Sichel*) eine 
besondere Disposition zur Trübung der Linse zu besitzen. Ich habe 
unter S Fällen von Iriscolobom 3 mit später entstandenem Linsenstaare 
beobachtet. (Ein Mann von 45 Jahren mit Colobom beider Augen nach 
innen, welches bloss den grossen Kreis betraf; ein Weib von 61 Jahren 
mit bilateralem, vollständigem und sehr breitem Colobom, und einen 
Jüngling von 22 Jahren, mit bilateralem, gleichfalls vollständigem, 
jedoch nicht sehr breitem Colobom. Der Mann wurde durch Reclina- 
tion, das Weib durch Extraction geheilt; bei dem Jünglinge, dessen 
Mutter auch an Cataracta gelitten hatte, nützte die Operation (Recli- 
nation) wenig, wegen geringer Energie der Netzhaut.) 

Das Colobom erscheint entweder nur auf einem Auge, und zwar 
ungleich häufiger auf dem linken, oder auf beiden zugleich, und dann 
immer in correspondirender Richtung gerade nach unten, oder nach 
innen und unten, gewöhnlich auch in gleichem Grade, wenn jedoch un- 
gleich, so auf dem linken Auge grösser (weiter gegen den Ciliarrand 
hin reichend). Die angeborenen Abnormitäten, mit welchen zugleich 
man dasselbe beobachtet hat, sind vorzüglich: Mikrophthalmus, ovale 
und am Rande getrübte Cornea, Pyramidenstaar, Colobom des oberen 
Lides, Hasenscharte, Hypospadias, Hydrocephalus, Enkephalokele. Con- 
stant sind die weiter unten angeführten Abnormitäten der Chorioidea. 

Es sind mehrere Beobachtungen bekannt (von Hagström, Conradi, 

*) Fichte zur Lehre von den angeborenen Missbildungen der Iris , in Henle und Pfeufer's Zeitschrift 
H. F. Bd. II. S. 140. 



1 24 Regenbogenhaut. 

Erdmann, Rosas, Stilling, Gescheidt u. A.), wo man Erblichkeit des 
Übels anzunehmen berechtigt war, und zwar meistens von väterlicher 
Seite. Mehrere Beobachter, darunter Ammon und Heyfelder, erwähnen 
des sogenannten Versehens der Mutter in der Schwangerschaft. 

Die Entstehung dieser Missbildung zu erklären versuchte zuerst (1821) Ph. von 
Walther.*) Er nahm an, das Auge bilde' sich aus zwei seitlichen Hälften; wenn das 
Zusammenwachsen derselben nach unten unvollständig erfolge, so entstehe die Irisspalte, 
analog der Hasenscharte iind Spina bifida, also als Hemmungsbildung. Dieser Hypothese 
traten zunächst von Amnion und Gescheidt**) entgegen, indem sie die Entstehung des 
Bulbus aus 2 Seitenhälften nicht bestätigt fanden. Die Section von zwei Augen mit 
dieser Missbildung der Iris, 1830 von Ammon***) vorgenommen, hatte nebst der Iris- 
spalte auch Spaltung der Chorioidea und der Retina ergeben, und durch anderweitige 
Beobachtungen war nachgewiesen, dass die Chorioidea in ihrer ersten Anlage constant 
eine Spalte nach unten und innen darbietet, welche sich allmälig von vorn nach hinten 
schliesst. Sofort behaupteten Ammon und Gescheidt, die Iris sei in ihrer ursprünglichen 
Anlage nicht gespalten, sondern sie entstehe als ein geschlossener schmaler Ring vom 
Corpus ciliare aus erst dann, wenn der Chorioidealspalt sich bereits geschlossen habe. 
Bleibe nun dieser über die normale Zeit offen, so könne sich auch in der Gegend der 
Lücke die Iris gar nicht oder doch nicht vollständig entwickeln, somit sei die Spalte der 
Iris nur Folge der gehemmten Entwicklung der Chorioidea. Arnold 'f) suchte den näch- 
sten Grund in mangelhafter Vereinigung der Blendungsgefässe zu vollständigen Bögen, 
daher man auch bisweilen nur den grossen Kreis gespalten finde, und Seiler bezeichnete 
Obliteration einzelner Blendungsarterien als Ursache hievon. Dagegen hat jedoch von 
Ammon mit Recht eingewendet, dass die primäre Bildung eines Organes nicht von seinen 
Gefässen abhängig gemacht werden könne, dass das Irisparenchyni in seiner Primär- 
form als ununterbrochener Ring schon vor der Bildung der Irisgefässe vorhanden sei. 
Was die Colobome nach aussen, nach oben und nach innen betrifft, so erklärte von 
Ammon deren Entstehung aus einer pathologischen Spalte der Chorioidea. -J-j-) Er fand 
nämlich zu wiederholten Malen an bebrüteten Hühnchen ausser dem gewöhnlichen Spalt 
der Chorioidea nach unten einen zweiten Spalt dieser Membran zur Seite oder etwas 
nach oben gerichtet. Dieser Spalt sei etwas Pathologisches, und gleichfalls fähig, sich 
zu schliessen. Es könne jedoch, bevor dieses geschehe, zur Zeit, wo sich die ersten 
Spuren der Iris entwickeln , an dieser Stelle eine Unterbrechung stattfinden , und somit 
ein Irisspalt entstehen, der einer pathologischen Veranlassung, der abnormen Chorioideal- 
spalte, seine Entstehung verdanke. Nach Huschke's *{"j"|") Beobachtungen besteht nicht nur 
in der Fisch- und Amphibien-Iris eine Spalte unwidersprechlich deutlich, sondern ent- 
wickelt sich auch bei den Vögeln die Iris nicht gleichmässig auf einmal in ihrem ganzen 
Umfange (als geschlossener Ring), sondern später an der Stelle des Chorioidealspaltes, 
und ist folglich regelmässig durch eine gewisse Zeit des fötalen Zustandes gespalten. 
„Man sieht hier einen flachen Einschnitt von der noch weiten Pupille bis zum Ciliarrande 



*) Gräfe und Walther Journal für Chirurgie, Band II. S. 598. 
**) Gescheidt: De colobomate iridis, praefat. est D. F. A. ab Ammon, Dresden 1831. 
***) Ammon's Zeitschrift für Ophthalmologie, Bd. III. S. 50. 

-j) Anatom, u. physiol. Untersuchungen über das Auge, Heidelberg 1S32, S. 152. 
-tf) Monatschrift, 1840, Band III. S. 538. 
ift) Sömmerrirjg's Lehre von den Eingeweiden, Leipzig 1814, S. 803. 



Coloboma iridis. 125 

durchgehen, von welchem aus sich die Iris allmälig erhebt und breiter wird. Bleibt 
dieser Einschnitt also, so hat man das gewöhnliche Colobom." 

Man sieht aus dieser gedrängten Übersicht, dass über die Entstehung dieses merk- 
würdigen Bildungsfehlers noch manche Frage zu beantworten übrig bleibt. *J Die fol- 
genden Sectionsbefunde machen diesen Mangel noch fühlbarer. 

Den ersten Sectionsbefund colobomatöser Augen hat von Amnion geliefert. Er 
zeigte : Colombom beider Augen nach unten, bis in den Ciliarrand reichend, mit conver- 
girenden Bändern, die Bulbi von normaler Grösse, nur unten in der Medianlinie mit 
einer staphylomähnlichen Ausbauchung der verdünnten Sclera versehen, 5'" lang, 2 - 3'" 
breit, L ' V" hoch, l ]\' u hinter der Cornea beginnend, und sich nahezu bis zur Insertion 
des X. opticus erstreckend. Im Corpus ciliare (bis zur Ora serrata retinae) eine Baphe. 
an deren vorderem Ende die Ciliarfortsätze fehlten ; zu beiden Seiten derselben stärkere 
Pigmentablagerung; hinter derselben eine '"' lange, 2 — 3'" breite Spalte in der Aderhaut 
sowohl als in der Netzhaut, mit deutlich und scharf begrenzten Bändern ; Netzhaut ohne 
Centralloch; die Linse etwas oval (?), so dass zwischen ihr und dem Corpus ciliare an 
der betretfenden SteUe eine Lücke bestand. 

R. Wagner**) fand in einem Auge mit Colobom der (rechten) Iris, welches nach 
unten und etwas nach innen gerichtet war, und nur den kleinen Kreis der Iris betraf, 
weder in der Chorioidea noch in der Eetina eine Spur von Spaltung, den Glaskörper 
höchst dünnflüssig, die Linse gegen den untern, dem Colobom entsprechenden Band ge- 
rade, wie abgeschnitten, als wenn ein Segment davon entfernt worden wäre, in der 
Mitte getrübt. 

Auch Heyfelder***) sah bei einem nach unten gerichteten Iriscolobom die Chorioi- 
dea und Netzhaut normal, nur das Corpus ciliare (so wie Amnion) birnförmig, so dass 
zwischen ihm und der Linse eine Lücke blieb. 

Gescheidt ■}■) secirte die Augen eines 6 Monate alten Kindes , dessen Vater auf 
beiden Augen an Iridoschisma litt. Das rechte Auge zeigte in der Iris nach unten eine 
bis in den Grund der Augenkammer reichende Spalte, das Corpus ciliare etwas oval, 
indem nach unten ein halbmondförmiges, Va'" breites Stück desselben fehlte, gleichsam 
ausgeschnitten war. so dass man zwischen der Linse und dem Corpus ciliare durch die 
Lücke in der Iris durchsehen konnte. Chorioidea, Betina, Glaskörper und Linse normal; 
die Zqnula Zinnii oval, hinsichtlich der Form dem Corpus ciliare entsprechend ; das Liga- 
mentum ciliare breit, an der Stelle der Spaltung ziemlich fest adhärirend. — Das linke 
Auge zeigte an der Stelle des Iridoschisma einen '/a'" breiten, dunkelschwarz gefärbten, 
am Pupülarrande beginnenden, und bis in den Grund der Augenkammer herabsteigenden 
Streifen. Das Corpus ciliare oval ; am Irisrande, der Stelle des schwarzen Streifens ent- 
sprechend, waren die Falten desselben unterbrochen, ebenso wie am rechten Auge, nur 
mit dem Unterschiede, dass hier der kleine Ausschnitt des Corpus ciliare von Irissubstanz 
ersetzt war. Die Iris war an der Stelle des genannten schwarzen Streifens ausserordent- 
lich dünn, gleichsam als ob die vordere Fläche der Iris fehlte, und nur die Uvealfläche 
vorhanden wäre. Chorioidea, Sclerotica, Betina und Glaskörper normal, die Zonula 
Zinnii länglich. 

*; Vergl. Fichte's vortreffliche Abhandlung über das Iriscolobom in Heule und Pfeufer's Zeitschrift 

N. F. 1S52. Band II. S. 140. 
**) Ammon's Zeitschrift, Bd. III. S. 283. 
***) Ibidem, S. 467. 

f) Ibid. Band IV. S. 436. 



1 26 Regenbogenhaut. 

Warnatz*) fand bei einem Haushuhne die Spalte bloss auf die Iris beschränkt, 
und im Corpus ciliare nur eine leichte Einbeugung, alle übrigen Gebilde normal. 

Hannover**) zergliederte die Augen eines Mannes mit birnförmigen, abwärts ge- 
richteten, bis zum Cilianande reichenden Colobomen, nachdem er sie ein Jahr lang in 
Chromsäure erhärtet hatte. Auf der untern Fläche der Sclerotica eine Protuberanz, die 
sich ungefähr 2'" vom Eintritte der Sehnerven nach vorn erstreckte in einer Länge von 
3' i'" und einer Breite von 2'/V". Die Ausbuchtung war auswendig ziemlich genau 
begrenzt und stark durchscheinend. Von innen angesehen, erschien dieselbe als eine 
Grube, in welcher die Netz- und Aderhaut durchaus fehlten, und nur eine feine, zusam- 
menhängende faserige und mit wenigem Pigmente gemischte Membran, wahrscheinlich die 
Arachnoidea oculi, als Überzug der verdünnten und ausgedehnten Scleralpartie vorhanden 
war. Eine Linie vor und etwas ausserhalb des vordem Endes der Grube war in der 
Netzhaut eine kleine Vertiefung, nach vorn von einem hervorstehenden halbmondförmigen 
und feingezackten Eande begrenzt, unter den sich eine Sonde 3 /i'" tief fuhren Hess. Das 
Foramen centrale retinae, durch diese Vertiefung gebildet, lag auf diese Weise wegen der 
zwischenliegenden Grube mehr als 6'" vom Eintritte des Sehnerven. Vor dem Foramen 
centrale sah mau eine Raphe als Spur der frühern Spaltung des Auges ; diese Eaphe war leicht 
erhaben und deutlich in der Netz- \mä Aderhaut, die vor dem vordem Ende der Grube 
sich wieder vorfand. Die Eaphe setzte sich sowohl in der Netzhaut als in der Aderhaut 
fort bis zu der Spitze der birnförmigen Pupille, und trat besonders vom deutlich hervor. 
Die Sclera zeigte bloss au der innern Fläche nach vorn eine leichte Spur einer Eaphe. 
Im Glaskörper war die Spaltung besonders deutlich in die Augen fallend. Die Sectoren 
zeigten sich auf dem Querschnitte, der den Bulbus senkrecht in eine vordere und hintere 
Hälfte getheilt hatte, hufeisenförmig gelagert, so dass die Spitzen nach unten and gegen 
die Mitte des Auges convergirten, während sie in der untern Augenhälfte auf beiden 
Seiten einer senkrechten Mittellinie gestellt waren. Etwas unterhalb der Mitte des Auges 
sah man eine runde Öffnung im Glaskörper, die zur hintern Kapselwand der Linse führte, 
und folglich den Canalis hyaloideus für die Art. centralis bildete. — Die Processus ciliares 
standen concentrisch um die Iris, so dass sie also in Birnform mit der Spitze nach unten 
gestellt waren; sie stiessen an beiden Seiten der Eaphe zusammen, und wurden hier 
etwas kleiner. Sie wurden vom Corpus ciliare umgeben, das an beiden Seiten der Eaphe 
herabging, parallel den Processus ciliares und folglich von derselben Form. Die Linse 
war durch die feinen Fasern der Zoimla an die Spitzen der Ciliarfortsätze geheftet; die 
Verbindung war am stärksten unten gegen die Eaphe, und die Fasern hier am längsten' 
sie war nicht vollkommen kreisförmig, sondern nach unten stumpf zugespitzt, mit der 
Spitze gegen die Eaphe. — Endlich fand sich in beiden Augen ein höchst merkwürdiges 
Organ. In der Substanz der Netzhaut nämlich und mit ihr in ununterbrochenem Zusammen- 
hange lag auf jeder Seite der Eaphe eine riatte, ungefähr 6'" lang von vorn nach 
hinten und 3— 3'/^'" breit, von etwas unregelmässiger rhomboidalischer Form, jedoch sehr 
genau begrenzt. Diese Platten fingen mit einem abgerundeten Eande auf jeder Seite der 
Gmbe an, etwas hinter ihrem vordem Ende, gingen vorwärts an beiden Seiten der Eaphe, 
I ' V" von ihr entfernt, und reichten bis an den äussern Eand des Corpus ciliare. Han- 
nover glaubt in diesen Platten ein Analogon des Kammes des Vogelauges gefunden zu 
haben, und erklärt mit Berufung auf Huschke's Entwicklungsgeschichte des Auges den 
ganzen Befund dieser Augen für einen fötalen (etwa aus der 6. — 7. Woche). 

*) Ammon'a Zeitschrift, Band V. S. 460. 
**; J. Müller's Archiv für Anatomie und Physiologie, 1845. S. 482. 



Coloboiua iridis. 127 

Neuerlich hat von Amnion*) einen Fall von Iriscolobom anatomisch beschrieben. 
Bloss das linke Auge (einer "26 Jahre alten Frau) bot die Spaltung der Iris dar, und 
zwar nach unten tief hinter den Rand der Hornhaut herabreichend, mit fast parallelen 
Schenkeln. Das Auge war vor der Zergliederung erst einige "Wochen in Spiritus aufbe- 
vrahrt worden. Die Sclera war nach hinten und unten verdünnt und protuberirend, die 
Chorioidea zwar nicht gespalten, aber gefässarm und ohne Pigmentlage (etwa 3'" lang und 
1'" breit nach Fig. 6 der beigegebenen Tafel), die Netzhaut zeigte ein Foramen centrale 
mit starkem wallartigem Rande, jedoch nicht perforirt, sondern von einem dünnen Häut- 
chen bedeckt. Die Linse war gehörig gestaltet, die Cornea ciliaris zeigte unten eine 
rückwärts spitzig vorspringende Ausbiegung; vor und an den Ciliarfortsätzen fand sich 
an der Stelle des Peristoma Doellingeri ein heller, weissröthlicher, pigmentloser, 2'" breiter 
Ring; die Ciliarfortsätze waren meist ganz pigmentlos; auch zwischen denselben fehlte 
das Pigment. Ton einer Raphe im Corpus ciliare oder von veränderter Form und Lage 
der Ciliarfortsätze hinter der Irisspalte ist im Texte nichts erwähnt; nach der Zeichnung 
(Fig. 4) ging der Substanzmangel nicht nur durch die Iris, sondern auch durch den 
pigmentlosen Theil des Corpus ciliare mit scharf begrenzten Rändern. Der Übergang 
der Pupille in die Irisspalte war durch stark vorspringende Winkel deutlich bezeichnet ; 
der Ringmuskel der Iris war gegen '/•>'" breit, und endete am Rande der Spalte wie 
abgeschnitten ; die Pigmentlage der Iris war mächtig. Die Cornea wird als etwas konisch,, 
jedoch rund bezeichnet, die äussere Gestalt des Bulbus als die eines Fötus im 4. — 5. 
Monate angegeben. 

Eigene Beobachtungen. 1. Fall. Am 4. Mai 1849 fand ich an dem Cadaver einer 
73 Jahre alten Frau ein Colobom des linken Auges, und unterwarf sofort beide Bulbi der 
anatomischen Untersuchung. Linkes Auge: Der Bulbus etwas kleiner, als der rechte; 
der durchsichtige Theil der Hornhaut mass horizontal 4'/2" / , vertical 4'". Vordere Kammer 
etwa 3 V" tief. Die Iris lichtbraun, oben vom Ciliar- bis zum Pupillarrande 2'" breit, 
die Pupille birnförmig, ihr unterster Theil durch den undurchsichtigen Rand der Hornhaut^ 
welche hier gleichsam früher in die Sclera überging, verdeckt. Hinter dem Äquator 
bulbi erhob sich die offenbar verdünnte, bläulich durchscheinende Sclera allmälig in eine 
halbkuglige Vortreibung, welche etwa 3'" hinter der Insertion des M. rectus inf. begann 
und bis zur Insertion des X. opticus reichte, ja dieselbe noch zum Theil umfasste. Die 
Grenzen ihres Cmfanges, dessen Durchmesser beiläufig 6'" betrug, waren nicht scharf 
bezeichnet; die höchste Stelle stand l'/z — 2'" höher als die Sclera bei normal gedachter 
Wölbung. Der Bulbus wurde durch einen horizontalen Schnitt in eine obere und untere 
Hälfte getheilt. In der obern verhielten sich alle Theile normal. Der Glaskörper war 
etwas dünner, als im rechten Auge. Entsprechend der eben beschriebenen Hervortreibung 
der Sclera erschien der Bulbus innen ganz weiss, als ob Netz- und Aderhaut in dieser 
Grube ganz fehlten. Die Ränder dieser Grube zu beiden Seiten waren scharf begrenzt 
und durch einen etwas wulstigen, schwarzbraunen Saum markirt ; sie convergirten nach 
vorn bis in die Gegend des Äquators, wo sie nur noch gegen 3 y " weit von einander 
abstanden. Von hier an, also vom vordem Ende der lichten Grube bis zur Gegend der 
Ciliarfortsätze lag eine dunkelbraune Platte, V" breit, y s z'" lang, von einem halbdurch- 
sichtigen dünnen Häutchen gedeckt, das durch eine von der genannten Grube bis zum 
vordem Ende des Ciliarkörpers verlaufende dunklere Linie in 2 gleiche Hälften ge- 
theilt erschien. Diese dunkelbraune Platte war gleichfalls zu beiden Seiten scharf begrenzt. 

*) Münchener illastr. med. Zeitung, Jahrgang lg52, Heft VI. 



128 Regenbogenhaut. 

Es Hessen sich nämlich die sämmtliuhen Elemente der Netzhaut nur bis zum Rande dieser 
Platte verfolgen, der halbdurchsichtige Überzug der Platte bildete wohl ein Continuum 
mit der Netzhaut, und Hess sich von der dunkelbraunen Platte (der Chorioidea) bis zu 
der obgenannten linearen Raphe abziehen, zeigte aber die Eigenschaften der Netzhaut 
selbst nicht. Von einem ähnlichen halbdurchsichtigen Häutchen war die ganze obgenannte 
Grube ausgekleidet. Auch hier bildete dieses Häutchen ein Continuum mit der Netzhaut, 
aber auch zugleich mit der Aderhaut, indem diese beiden Häute am Rande der Grube 
sowohl als in der nach vorn verlaufenden Raphe fast unzertrennlich mit einander ver- 
einigt waren. Die in Rede stehende Auskleidung der Grube war keineswegs die Lamina 
fusca oder Arachnoidea oculi, denn diese konnte überall nur bis zum Rande der Grube 
und vorn bis zu den Rändern der Raphe verfolgt werden, und war an diesen Stellen 
innigst mit der Sclera verwachsen. Überall, wo sich normale Chorioidea nachweisen 
Hess, befand sich darunter Lamina fusca. — Die Ciliarfortsätze waren am vordem Ende 
der genannten Raphe gleichsam seitlich und rückwärts gezogen, daselbst verkümmert 
und in zwei Hörnchen verschmolzen , welche ihre Convexität der zur Iris laufenden 
Raphe zuwendeten. An der äussern Fläche des Corpus ciliare verlief eine lineare Raphe 
vom vordem Rande des Ligamentum ciliare rückwärts bis zu der obgenannten Grube. 
Längs dieser Raphe konnte diese Partie nur durch Zerreissung von der Sclera getrennt 
werden, welche dem entsprechend einen linearen, kaum merklich erhabenen Streifen 
zeigte. Das blassgelbe Ligamentum ciliare erstreckte sich zu beiden Seiten der Raphe 
etwas weiter nach rückwärts, so dass es daselbst fast noch einmal so breit erschien, als 
in seinem übrigen Umfange. Die Linse zeigte gegenüber der Raphe im Corpus ciliare 
eine seichte Einkerbung. In der Iris war der Sphinkter nur in etwas mehr als der obern 
Hälfte vorhanden, also hufeisenförmig ; die Schenkel des Coloboms waren nur von den 
Radialfasern gebildet; die Enden des Ringmuskels wurden durch je zwei dunkle Streif- 
chen bezeichnet, deren Pigment sich durchaus nicht beseitigen Hess. Die Spalte der 
Iris erstreckte sich, wie man jetzt deutlich sehen konnte, sowohl an der vordem als an 
der hintern Fläche der Iris nicht ganz bis zum Ciliarkörper ; der Irisring war beiderseits 
noch gegen l l%"' breit; mitten durch die Pigmentschicht der hintern Fläche (uvea) jedoch 
verlief ein weisser Streifen bis zum Pupillarrande, i. e. bis zum Scheitel der Irisspalte. 

Rechtes Auge: Grösse und Gestalt des Bulbus normal. Horizontaler Durchmesser 
der Cornea 5"', verticaler 473"' (innerhalb des Linibus). Die Iris lichtbraun, die vordere 
Kammer klein. Die Pupille im horizontalen Durchmesser l l /->'", im verticalen 1 3 ,V", also 
nach unten ein wenig ausgebuchtet. Alle innem Gebilde normal, bis auf das Corpus 
ciliare. Gerade nach unten sind nämlich 2 Ciliarfortsätze etwas grösser; hinter denselben 
macht die Ora seirata einen leichten Vorsprung nach hinten, so dass also das Corpus 
ciliare hier etwas breiter erscheint. Von der Furche zwischen jenen zwei Ciliarfortsätzen 
bis zur Spitze dieses Vorsprunges verläuft eine weissliche Linie, und zu jeder Seite der- 
selben noch eine ähnliche etwas gekrümmte ; letztere beide divergiren jedoch nach 
hinten ein wenig und verlieren sich hinter der Ora serrata allmälig in der Chorioidea. 
An der äussern Seite bildet das graugelbe Ligamentum ciliare gleichfalls einen Vorsprung 
nach hinten, so dass es um 3 W" breiter erscheint, als in seinem übrigen Bereiche. Im 
Baue der Iris ist keine Abnormität wahrzunehmen. Die genannten 3 lichten Streifen er- 
innern, wenn man das rechte und linke Auge neben einander legt, unwillkürlich an die 
Raphe und an die Begrenzungslinien der dunkelbraunen Platte, die wir beim linken Auge 
beschrieben haben. 

Diese Veränderungen im Corpus ciliare des rechten Auges waren mir bei der 



Coloboma iridis. 129 

ersten Untersuchung ganz entgangen, und ich bin erst in jüngster Zeit bei wiederholter 
und genauerer Besichtigung darauf aufmerksam geworden. Dieser Irrthum hatte leider 
das zur Folge, dass ich in den spätem 3 Fällen immer nur das mit Colobom der Iris 
versehene linke Auge untersuchte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich auch in dem 
andern, äusserlich wohlgestalteten Auge Andeutungen der Chorioidealspalte gefunden haben 
würde; denn ich glaube in späterer Zeit oft an ganz gesunden Augen eine Andeutung der 
Chorioidealspalte darin gefunden zu haben, dass sich gerade an der untersten Stelle die Ora 
serrata etwas weiter rückwärts erstreckt, einen spitzigen Vorsprung nach hinten bildet. 

2. Beobachtung. Linkes Auge eines 22jährigen Mädchens mit brauner Iris, birn- 
förmigem, bis in den Ciliarrand hinabragendem Colobom. Die Cornea normal. Die Sclera 
unten vor dem Opticus ektatisch, etwas verdünnt, die bläuliche "Wulst gegen 3'" breit, 
6'" lang, nicht ganz 1"' hoch über das Niveau der Umgebung emporgehoben. Der 
Bulbus wurde durch 3 Tage in Chromsäure erhärtet und dann von mir und Dr. Cermdk 
untersucht. Im Glaskörper fand sich längs des scheinbaren Retinal- und Chorioidealspaltes 
in der hintern Hälfte des Bulbus eine von hinten nach vorn gehende längliche Höhlung, 
deren Verhältnisse sich jedoch nicht näher bestimmen Hessen. Die sonst ganz nor- 
male Netzhaut bildete nach unten eine Art Becessus oder Divertikel mit scharf be- 
grenzten Bändern. Dieses Divertikel begann 2'" von der Eintrittsstelle des N. opticus 
und erstreckte sich bis in die Gegend der Ora serrata; seine grösste Breite betrug etwas 
über 2'", seine Tiefe etwas über 1'". Der scharfe, gleichsam durch Ausstülpung der 
Netzhaut entstandene Band dieser Grube war hinten parabolisch gekrümmt und stellte 
somit eine Art hufeisenförmiger Falte vor ; nach vorn, wo der Band minder scharf, und die 
Grube allmälig flacher wurde, näherten sich die Schenkel dieser scheinbaren Netzhaut- 
spalte bis auf etwa l l h' u . In diesen Becessus der Betina hinein erstreckte sich eine 
Ausstülpung des Glaskörpers. Im Grunde des Becessus Hessen sich alle Formbestandtheile 
der Netzhaut mikroskopisch nachweisen, aber wie auseinandergezogen und schütter, so 
dass die Netzhaut daselbst sehr verdünnt erschien. Unter dieser Partie der Netzhaut 
fand man die Chorioidea, jedoch sehr gefässarm und ohne Pigment bis zur Ora serrata 
retinae hin. Die Lamina fusca war daselbst mit dem Bindegewebe der Chorioidea ver- 
schmolzen und fest an die verdünnte Sclera adhärirend. In der vordem Hälfte des Bulbus 
zeigten sich folgende Abweichungen. Die Iris war oben vom Pupillar- bis zum Ciliar- 
lande 2'" breit. Der Pupillarrand ging zu beiden Seiten unmittelbar in die Spaltenränder 
über, welche nach unten konisch zusammenliefen; die Pupille niass demnach bis zur 
Spitze der Spalte 3'". Die Schenkel der Spalte reichten aber noch hinter das Döllin- 
gersche Band hinab und waren an die Baphe im Corpus ciliare angeheftet, daher etwas 
rückwärts gezogen. Der Sphincter iridis umfasste nur 3 /i des Kreises der Pupille, die 
Schenkel der Spalte waren bloss durch Badialfasern gebildet. Das Ligamentum ciliare er- 
schien in dieser Gegend viel breiter, gleichsam rückwärts gezogen und ausgedehnt. Von der 
innern Ansicht des Corpus ciliare wird man sich am ehesten eine richtige Vorstellung 
machen, wenn man sich aus dem Binge, den die Ciliarfortsätze bilden, ein V-förmiges 
Stück ausgeschnitten denkt, dessen Spitze rückwärts gerichtet ist, und dass nun einige 
Ciliarfortsätze so zu diesem gestellt sind , wie die übrigen zu der Kreislinie , die ihre 
vorderen Enden beschreiben. Diese gleichsam rückwärts gezerrten Ciliarfortsätze nehmen 
somit die Gegend ein, die sonst der flache Theil des Corpus ciliare behauptet, und dieser, 
an seiner dunklen Färbung erkennbar , erstreckt sich hinter die Kreislinie rückwärts, 
welche der Verlauf der Ora serrata retinae bezeichnet. Auf diese "Weise entstand zwischen 
4er lichten Grube und zwischen den Ciliarfortsätzen eine länglich viereckige dunkelbraune 
Arlt Augenheilkunde. II. 9 



130 Regenbogenhaut. 

Platte, durch die mitten durchlaufende Raphe in 2 Seiten half ten getheilt. Die Linse war 
an der betreffenden Stelle am Rande flach eingekerbt, und so entstand zwischen ihr und 
den rückwärts gezogenen und folglich auch mehr von der Augenachse entfernten Ciliar- 
fortsätzen eine dreieckige Lücke, bloss durch die durchsichtige Zonula Zinnii ausge- 
füllt. Die innere Fläche der Sclera, in der Richtung des untersten Meridianes, fest mit 
dem Ciliarkörper bis zum Rande der obgenannten Grube verwachsen, bot nach Losreissung 
der Chorioidea an ihrer Innenfläche eine leise Spur einer Raphe dar. 

3. Beobachtung. An dem Cadaver eines Mannes von etwa 40 Jahren fiel mir eine 
leichte Ausbauchung der linken Pupille nach unten auf, wesshalb ich den Bulbus exstir- 
pirte. Der Befund war im Wesentlichen derselbe, wie in den frühem Fällen, jedoch 
mit einigen merkwürdigen Abweichungen. Der Bulbus zeigte nach unten in der hintern 
Hälfte eine Scleralektasie , welche knapp vor dem Opticus begann, und ungefähr 4'" 
hinter dem Hornhautrande endete. Die Cornea normal, die Pupille nach unten leicht 
ausgebaucht, die Iris oben 2'", unten 1 ',V" breit. Der Bulbus wurde in eine obere und 
untere Hälfte gespalten. Ob der Glaskörper eine Spalte, die Linse eine Einkerbung be- 
sitze, habe ich in diesem Falle nicht untersucht. Eine Linie vor der Eintrittsstelle des 
Opticus begann eine seichte, nahezu ovale Grube, etwa 5'" lang, etwas über 3'" breit, 
auffallend durch ihre weisse Farbe. Sie war hinten tiefer, vorn flacher. In dieselbe 
hineingestülpt waren die Aderhaut, die Netzhaut, und eine Art Hernie des Glaskörpers. 
Indem die Netzhaut sich in dieses Divertikel hinausstülpte , bildete sie einen scharfen 
Rand, welcher besonders hinten stark hervortrat, wie eine hufeisenförmige Falte mit vor- 
wärts gewendeter Concavität. Am vordem Ende der Grube stehen ihre Schenkel noch 
etwa 2'" weit von einander ab. Vor der Grube nun liegt eine dunkelbraune Platte, 
gegen 2'" breit, 27a"' lang, zu beiden Seiten von normaler Netzhaut deutlich abgegrenzt, 
vorn unmittelbar in den gleichfalls dunkelbraunen flachen Theil des Corpus ciliare über- 
gehend. Mitten durch diese Platte geht von der genannten weissen Grube an bis zum. 
vordem Ende der Ciliarfortsätze eine Raphe in Form einer weissen Linie , welche nach 
vorn allmälig breiter und höher wird, und sodann an die später zu beschreibende Spalte 
in der Iris übergeht. Die Ciliarfortsätze, ringsum regelmässig gestellt, weichen da, wo die 
Raphe an ihren Ring gelangt, etwas gegen dieselbe zurück, und je 2 (zu jeder Seite} 
wenden ihre Spitzen der Raphe zu; mit andern Worten : der Ring, den die Ciliarfortsätze 
bilden, hat unten einen V-förmigen Ausschnitt, auf dessen Schenkeln je 2 etwas ver- 
kümmerte Ciliarfortsätze senkrecht stehen , und von der Spitze des Ausschnittes geht 
rückwärts die Raphe wie ein sehr in die Länge gezogener Ciliarfortsatz bis zur obge- 
nannten Grube. An der äussern Fläche erscheint das Ligamentum ciliare in der Gegend 
der Raphe gegen 3"' breit, während es sonst nur etwas über ['" breit ist. Eine festere 
Verbindung zwischen Sclera und Corpus ciliare an dieser Stelle fand sich in diesem Falle 
nicht vor. Die Iris erscheint in diesem Falle nicht gespalten, nur unten schmäler, als 
oben, wie schon oben bemerkt wurde, aber es findet sich eine Spalte in der Uvea, in der 
Pigmentschicht der Iris, V-förmig, die Basis am Pupillarrande , die Spitze gegen den 
Ciliarrand gerichtet, an der Basis '/a'" breit, von der Basis bis zur Spitze über l" y lang. 
Die Iris verhält sich also hier analog der Chorioidea in der hintern Hälfte des Bulbus; 
es fehlt nur ihre Pigmentschicht. Das Verhalten der Circulär- und Radialfasern der Iris. 
wurde nicht untersucht, um eben diese bisher noch nicht beobachtete Pigmentspaltung 
nicht zu verwischen und das Präparat als augenfälligen Beweis aufbewahren zu können. 

4. Beobachtung. Linkes Auge eines 20jährigen Mädchens mit einer nur den kleinen 
Kreis betreffenden Irisspalte. Ausser der Iris bietet nur das Corpus ciliare bis zur Ora, 



Pupillensperre — Pupi Neubildung. 131 

serrata Abnormitäten dar. Hinter der Irisspalte sind nämlich nur zwei Ciliarfortsätze 
etwas länger, und dem entsprechend reicht auch der flache Theil des Corpus ciliare etwas 
weiter nach hinten, so dass die Ora serrata daselbst eine stumpfe, nach hinten vor- 
ragende Spitze bildet. An der äussern Fläche erscheint das Ciliarband um ' '%'" breiter, 
bildet also auch eine rückwärts vorspringende stumpfe Spitze. Bei durchfallendem Lichte 
bemerkt man im flachen Theile eine mittlere und zwei seitliche lichte Streifen ; die mitt- 
lere nimmt die Stelle und Richtung des untersten Meridianes ein, ist also eine Andeutung 
der Raphe, die beiden seitlichen, ein wenig gekrümmten und nach hinten divergirenden 
liegen so, wie die seitlichen Begrenzungslinien der dunkelbraunen Platte, deren wir in 
der ersten Beobachtung ausführlicher erwähnten. Diese Linien lassen sich jedoch nicht 
über die Ora serrata rückwärts hinaus verfolgen. — Wie weit der Sphincter iridis vor- 
handen war, konnte ich nicht genau eruiren; an der abgerundeten Spitze der Spalte 
fehlte er jedoch ganz bestimmt. 

Piipillenbildung — Coremorphosis. 

Wenn Jemand desshalb nicht sieht, weil die Pupille gesperrt oder 
durch partielle unheilbare Hornhauttrübungen verdeckt ist, so können 
wir ihm unter gewissen Verhältnissen durch Anlegung einer künstlichen 
Pupille wieder zu einem mehr weniger guten Gesichte verhelfen. Wir 
können nämlich entweder am Rande der Hornhaut einen 2 — 3'" langen 
Einstich machen, einen Theil der Iris durch denselben mit einer Pin- 
cette hervorholen, und mit einer Scheere abschneiden, oder wir können 
nächst der Mitte der Cornea einstechen und eine Partie der Iris mit- 
telst eines Häkchens vom Ciliarbande ablösen, herausziehen und mit 
einer Scheere abschneiden; in gewissen Fällen können wir auch schon 
dadurch eine künstliche Öffnung in der Iris hinter dem durchsichtigen 
Theile der Hornhaut erhalten, dass wir die Iris bloss mit einem Messer 
— quer auf ihre Radialfasern — anstechen oder einschneiden. 

I)ie Zustände, welche die Bildung einer künstlichen Pupille nothwendig 

machen, sind: 

1 . Verdeckung der Pupille durch partielle unheilbare Verdunkelung 
der Hornhaut. Man findet entweder die Iris hinter der Hornhauttrü- 
bung in jeder Beziehung normal, oder, was viel häufiger vorkommt, 
ein mehr weniger grosser Theil des Pupillarringes ist an die Hornhaut 
angewachsen, und der Rest der mehr weniger verzogenen und veren- 
gerten Pupille wird durch die Peripherie der Hornhautnarbe verdeckt. 

2. Verschliessung der Pupille durch Verwachsung des ganzen Pu- 

pillarrandes mit einer umschriebenen Hornhautnarbe. Dieser Zustand 

entsteht am leichtesten nach centralen Durchbrüchen der Hornhaut mit 

Prolapsus iridis; es kann aber auch bei peripherischen Wunden oder 

9* 



132 Regenbogenhaut. 

Geschwüren die Pupille dadurch ganz aufgehoben werden, dass der 
ganze Pupillarrand zur Öffnung hingezogen und daselbst fixirt wird. 
Insbesondere finden wir an Augen, bei denen nach der Extractio cata- 
ractae die Heilung mittelst Eiterung oder Irisvorfall erfolgt war, die 
Iris gegen die Hornhautnarbe hin gezerrt, und die Pupille theils hie- 
durch, theils durch Exsudat verschlossen. 

3. Pupillensyerre durch Exsudate, als Folge von Iritis. Das Ex- 
sudat erscheint in Form einer mehr weniger dicken und undurchsich- 
tigen Membran oder eines kleinen Pfropfes ; es haftet in der Regel viel 
fester am Pupillarrande, als an der hinter ihm befindlichen Linsenkapsel. 

4. Cataracta accreta, Verdunkelung der Kapsel oder der Linse, 
gewöhnlich beider zugleich, mit zahlreichen hintern Synechien, oder auch 
mit völliger Anheftung des Pupillarrandes an die Kapsel. 

Diese Zustände können jedoch die Vornahme der Pupillenbildung 
nur dann rechtfertigen, wenn : 

a) auf keine leichtere, sicherere und vollständigere Weise Hilfe er- 
wartet werden kann, wenn die Hornhauttrübung wirklich unheilbar ist, 
wenn auf theilweise Öffnung der Pupille durch Freiwerden des Pupil- 
larrandes (Verschwinden hinterer Synechien) nicht mehr gerechnet wer- 
den kann, wenn die Cataracta accreta weder durch Zerreissung oder 
Ausziehung der Kapsel, noch durch Reclination der Linse (siehe Krank- 
heiten der Linse) beseitigt werden kann, und wenn spontane Pupillen- 
bildung sich nicht mehr erwarten lässt. Ist zur Zeit, wo der Bulbus 
noch nicht seine normale Grösse erlangt hat, Einheilung des Pupillar- 
randes in eine Hornhautnarbe erfolgt, so geschieht es bisweilen, dass 
mit dem Wachsthunie des Bulbus überhaupt und der Cornea insbeson- 
dere die Iris straff gespannt und desshalb vom Ciliarbande losgezerrt 
wird, oder auch mitten in ihrem Gewebe dehiscirt. Diese Art sponta- 
ner Pupillenbildung kann man in jedem Blindeninstitute beobachten, 
welches eine gewisse Zahl von Individuen beherbergt, die ihr Gesicht 
durch Blennorrhoea neonatorum verloren haben. Die auf diese Weise 
entstandenen Pupillen sind zwar selten so gross und so gelegen, dass 
sie einen wesentlichen Nutzen gewähren; indessen sind doch Fälle be- 
obachtet worden, wo durch diesen Vorgang ein auffallend gutes Gesicht 
restituirt wurde. Ich kenne einige Fälle, wo der in früher Jugend ge- 
machte Vorschlag, eine künstliche Pupille zu bilden, nach Verlauf eini- 
ger Jahre auf diese Weise überflüssig wurde. — Ebenso würde man 
auch die Ausbildung des Bulbus (der Grösse nach) abzuwarten haben, 
wenn der Fall vorkäme, dass die Membrana pupillaris (Wachendorfi) 
nach der Geburt noch fortbestünde, und erst dann, wenn bis zum 8. 



Piipillenbilduiig. 133 

Lebensjahre keine spontane Dehiscenz der Iris eingetreten wäre, zur 
Pupillenbildung schreiten dürfen. 

b) Das andere Auge muss, wenn nicht rettungslos , so doch so er- 
blindet sein, dass seine Function mindestens nicht auf eine bessere 
Weise hergestellt werden kann. Man bedenke stets, dass auch die 
bestgelungene künstliche Pupille, selbst wenn sie im Centrum angelegt 
wäre — was nur äusserst selten möglich ist — immer nur eine unbe- 
wegliche Öffnung darstellt. Je weiter aber vom Centrum entfernt die 
Pupille angelegt werden muss, desto geringer ist der Nutzen für den 
Operirten. Ist das eine Auge gesund, dann wird dem Kranken die 
künstliche Pupille des andern Auges nichts nützen, in der Regel sogar 
schaden, durch Blendung oder, wenn sie excentrisch ist, selbst durch 
Doppeltsehen. — Wäre das eine Auge zur Pupillenbildung geeignet, 
das andere dagegen nur durch Pannus oder eine heilbare Trübung der 
Hornhautsubstanz in seiner Function behindert, dann würde jedenfalls 
dieses Auge erst in Behandlung zu nehmen sein. Aber auch dann, 
wenn dieses zweite Auge an (heilbarer) Cataracta litte, würde ich in 
der Regel früher die Staaroperation auf dem einen, als die Pupillen- 
bildung auf dem andern Auge vornehmen; denn es steht in solchen 
Fallen fast immer auch auf dem zweiten Auge Verdunkelung der Linse 
zu besorgen, und dann muss dennoch die Staaroperation vorgenommen 
werden. 

Bedingungen, welche die Pupillenbildung überhaupt voraussetzt: 

1. Normale Beschaffenheit eines hinreichend grossen Theiles der 
Hornhaut. Diese muss zunächst durchsichtig sein. In Fällen, wo der 
centrale Theil der Hornhaut durch Eiterung verloren gegangen und die 
Pupille aufgehoben ist, kann man sich über die Durchsichtigkeit des 
Randtheiles leicht täuschen. Leichte Trübungen der Hornhaut sind 
nämlich da, wo sich bloss Iris dahinter befindet, bisweilen schwer oder 
gar nicht zu erkennen, und werden erst dann sichtbar, wenn man einen 
schwarzen Hintergrund (die künstliche Pupille) hinter dieselben be- 
kommt. Man sei also in Fällen, wo man nach dem, was vorausgegan- 
gen ist, Ursache hat, zu vermuthen, dass auch die dem Anscheine nach 
durchsichtige Hornhautpartie nicht rein sein dürfte, mit der Prognosis 
sehr vorsichtig. In welcher Ausdehnung die Hornhautpartie, hinter 
welcher man die Pupille bilden will, durchsichtig sein müsse, wird aus 
der Beschreibung des Vorganges, den man bei der Operation einzu- 
schlagen hat, am besten einleuchten; als Minimum möchten wir Vft" 
ansetzen. — Diese Hornhautpartie muss ferner gehörig gewölbt sein. 



134 Regenbogenhaut. 

Bei jenem Zustande, den wir als Abplattung der Hornhaut beschrieben 
haben, nutzt auch die schönste künstliche Pupille nichts; der Kranke 
hat nach wie vor deutliche Lichtempfindung, aber er vermag nicht ein- 
mal allein herumzugehen. Bei partiellen Hornhautstaphylomen steigt 
bisweilen der gesunde Rest der Hornhaut dachförmig zu der genannten 
Difformität empor. Auch hier nützt die Anlegung einer künstlichen 
Pupille wenig oder nichts; es muss früher das Staphylom beseitigt 
werden; wird dann die Wölbung der gesunden Hornhautpartie nahezu 
normal, dann erst kann man von der Pupillenbildung Erfolg erwarten. 

2. Es muss vordere Augenkammer vorhanden sein, in solchem 
Masse, dass man mit den erforderlichen Instrumenten zwischen die 
Cornea und Iris eindringen kann. Anlöthung der Iris an die Cornea, 
wie bei manchen Totalstapbylonien in der noch ziemlich durchsichtigen 
Peripherie der Hornhaut, macht den operativen Eingriff an sich unmög- 
lich; aber auch starke Vorwärtswölbung der Iris und Anlegung dersel- 
ben an die Cornea in Folge von Iritis (Iridochorioiditis) tritt der Pu- 
pillenbildung hindernd entgegen. Man trifft diesen Zustand auch nach 
penetrirenden Hornhautwunden (mit nachfolgender Iritis oder Iridocho- 
rioiditis) besonders nach der Extractio cataractae. Wo die Iris so stark 
vorwärts gewölbt ist, dass sie die Cornea berührt, da sind überdiess 
bereits hinter ihr Veränderungen vorhanden, welche jede Art künst- 
licher Pupille unnütz machen, auch wenn sich eine solche anlegen Hesse, 
und auch wenn noch Lichtempfindung vorhanden wäre. 

3. Die hinter der Iris gelegenen Gebilde müssen gesund sein, mit 
Ausnahme der Linse, welche verdunkelt, verschrumpft oder ganz besei- 
tigt sein kann. 

Das wichtigste Zeichen, dass die tiefern Gebilde gesund seien, ist 
das, dass der Kranke bestimmt und unzweifelhaft erkennt, ob man 
ihm zwischen das zu operirende Auge und das gegenüber stehende 
Fenster einen dunklen Körper, z. B. die Hand vorhält. Man muss bei 
dieser Prüfung sehr umsichtig zu Werke gehen, damit keine Täuschung 
stattfinde, besonders in jenen Fällen, avo der Pupillarrand fixirt ist, und 
daher die Eeaction der Iris auf Licht und Schatten nicht auftreten 
kann. Die Gegenwart von Cataracta hinter der gesperrten oder ver- 
deckten Pupille kann die Lichtempfindung wohl schwächen, niemals 
jedoch aufheben. 

Es kann aber ein Auge noch ganz bestimmt für Licht und Schal- 
ten empfindlich sein, und dennoch in functioneller Beziehung sich zur 
Pupillenbildung nicht eignen. Wir haben bei dem Artikel über Iritis 
bemerkt, dass namentlich nach chronischer Iritis (Iridochorioiditis) ein 



Pupilleiibildung. 135 

Zustand mit Pupillensperre und deutlicher Lichtempfiudung zurückblei- 
ben kann, wo der Kranke dennoch durch die Anlegung- einer künst- 
lichen Pupille nichts gewinnt. Nebst der Lage der Iris, von der schon 
die Rede war, ist es auch die Farbe und Faserung derselben, auf welche 
man in solchen Fällen sein Augenmerk zu richten hat. Je mehr die 
Iris in dieser Beziehung vom normalen Zustande abweicht, ohne 
dass Zerrung derselben als Ursache davon nachgewiesen werden kann, 
desto weniger hat man von der Pupillenbildung zu erwarten. Nebst- 
dem ist aber auch die Form, die Grösse und die Consislenz des Bul- 
bus jederzeit sorgfältig zu erheben; deutliche Abweichung vom norma- 
len Zustande in einer dieser Beziehungen contraindicirt die Pupillen- 
bildung entschieden, für immer oder mindestens temporär. 

4. Der entzündliche Process, der das Auge in einen der obgenann- 
ten Zustände versetzt hat, muss völlig beendet sein. Hornhautgeschwüre 
müssen völlig vernarbt, Irisvorfälle mit einer hinreichend consistenten Ex- 
sudatlage überkleidet seiu. Wenn die vordem Ciliargefässe sich noch 
stark injiciren, oder gar einen förmlichen Saum um die Cornea bilden, 
sobald man das Auge etwas genauer besichtigt, so kann man sicher 
seiu, dass das Auge noch nicht zu jenem stationären Zustande zurück- 
gekehrt ist, welcher erfordert wird, wenn dasselbe den operativen Ein- 
griff ungestraft vertragen soll. 

Allgemeine Regeln für die Pupillenbildung. 

1. Man lege die Pupille stets so nahe am Centrum an, als es die 
Verhältnisse des Auges gestatten; ganz centrale Pupillen zu bilden ist 
jedoch äusserst selten möglich. 

2. Eine künstliche Pupille nach innen (innen und unten, innen 
und oben) angelegt, leistet dem Operirten ceteris paribus bessere Dienste, 
als eine nach aussen anlegte; nach unten gebildete Pupillen werden 
leicht vom untern, nach oben gebildete stets vom obern Lide bedeckt. 
We die Möglichkeit der Pupillenbilduug bloss nach oben gegeben ist, 
durchschneide man 8 — 14 Tage vorher den Muse, rectus superior, um 
das Auge bleibend nach unten abzulenken. Minder gut ist es, die 
Muskeldurchschneidung nachträglich vorzunehmen. (Siehe Krankheiten 
der Augenmuskel.) 

3. Man hüte sich, die künstliche Pupille zu gross zu machen. 
AVie diess zu vermeiden sei, wird weiter unten (Iridectomie) angegeben. 
Durch zu grosse Pupillen werden die Operirten geblendet; durch klei- 
nere sehen sie ceteris paribus besser. Pupillen von 2" J Durchmesser 
oder gar darüber sind im Allgemeinen schon zu gross. 



136 Regenbogenhaut. 

4. Sind beide Augen in gleichem Grade zur Pupillenbildung ge- 
eignet, so kann man die Operation auf beiden vornehmen, jedoch nur 
dann, wenn die Pupillen correspondirend (central, nach innen, oder nach 
innen und unten) angelegt werden können. Käme eine Pupille z. B. 
nach aussen, die andere nach innen, so würde der Operirte höchst 
wahrscheinlich doppelt sehen. 

5. Dass die Linse, wenn sie noch vorhanden und gesund ist, nicht 
verletzt, und dass der durchsichtige Theil der Cornea nicht etwa durch 
die auf den Einstich folgende Narbe zum Nachtheile der Sehfunction 
verdunkelt werden solle, versteht sich so zu sagen von selbst. 

Anforderungen an künstliche Pupillen. 

Das Resultat, welches in einzelnen Fällen durch eine künstliche 
Pupille erzielt werden kann, ist ausserordentlich verschieden. Es hängt 
zunächst davon ab, ob die Linse noch vorhanden und gesund ist, ob 
die Pupille mehr central als peripherisch angelegt werden kann, und 
ob die Hornhaut gegenüber der Stelle, wohin die Pupille kommt, in 
genügend grossem Umfange normal ist. Ich habe einem Beamten mit 
beiderseitiger Pupillensperre (nach Iritis) auf jedem Auge nach innen 
und unten eine hanfkorngrosse Pupille angelegt; er kann stundenlang 
in seinem Bureau arbeiten, aber auch das Vergnügen der Jagd gemes- 
sen. In andern Fällen ist man froh, so viel erlangt zu haben, dass 
der Operirte die gewöhnlichen häuslichen Geschäfte verrichten, minde- 
stens ohne Führer herum gehen kann. 

Methoden, künstliche Pupillen zu bilden. 

1 . Iridotomie. 

Diese besteht darin, dass man ein Beersches oder Kosassches 
Staarmesser an der Peripherie der Cornea einsticht, so dass der Schnitt 
dem Hornhautrande parallel verläuft, und sofort mit der Spitze des In- 
strumentes die Radialfasern der straff gespannten Iris quer (auf 1 — 1"* 
Länge) durchschneidet. 

Sie ist offenbar die einfachste Methode, verletzt das Auge am we- 
nigsten, und hat überdiess desshalb einen hohen Werth, weil die so 
gebildete Pupille so viel als möglich central gelagert wird und niemals 
übermässig gross ausfallen kann. 

Sie lässt sich jedoch nur in zwei Fällen anwenden, nämlich: a) 
wenn nach vorausgegangener Extraction Pupillensperre durch Verzie- 
hung des Pupillarrandes zur Hornhautnarbe eingetreten ist; b) wenn 
bei noch vorhandener Linse die Iris gegen eine seitlich gelegene Hörn- 



Pupilleiibildiing. 137 

hautnarbe hingezogen und straff angespannt ist. Im ersteren Falle 
kann man das Messer keck durch die Iris durchstossen, weil eben die 
Linse mangelt; in letzterem muss das Messer, nachdem es in die vor- 
dere Kammer eingedrungen ist, behutsam so gewendet werden, das» 
es wohl die Iris durchdringt, aber die Kapsel dahinter nicht verletzt. 

Klafft die Wunde nicht, nachdem man das Messer zurückgezogen 
hat, so kann man die Iridotomie als erstes Moment zur Iridectomie be- 
trachten, und sofort deren zweites Moment vornehmen. Der Einstich 
in die Cornea muss desshalb von dem Einstiche in die Iris 1 — l 1 ^"' 
entfernt sein. 

2. Iridectomie. 

Diese besteht darin, dass man durch einen 2 — 3 /;/ langen Einstich 
am Rande der Cornea mit einer Pincette (oder mit einem Irishäkchen) 
in die vordere Kammer eingeht, die Iris am Pupillarrande oder nächst 
ihrer Verwachsung mit der Cornea fasst, hervorzieht, und ausserhalb 
der Cornea mit einer Scheere abschneidet. 

Sie kann, wie wir zeigen werden, in allen Fällen geübt werden, 
welche sich überhaupt zur Pupillenbildung eignen, so dass die dritte 
Methode, die Iridodialysis (Iridectomedialysis) gegenwärtig ganz ent- 
behrlich geworden ist. 

Die Stellung des Operateurs und des Assistenten zum Kranken sei 
dieselbe, wie bei den Staaroperationen (siehe Krankheiten der Linse). 
Angstliche und unruhige Patienten werden durch Chloroform oder 
Schwefeläther anästhesirt und im Bette liegend operirt. 

Im 1. Momente fixirt der Gehilfe das obere, der Operateur mit der 
einen Hand das untere Lid. Den Einstich macht man mit einem gera- 
den Lanzenmesser; wenn jedoch der Nasenrücken, der obere oder un- 
tere Augenhöhlenrand hindernd entgegen tritt, so wählt man ein Lan- 
zenmesser, dessen schneidender Theil vom Halse unter einem Winkel 
von 30 — 40 Graden (knieförmig) abgebogen ist. Der Einstich wird im 
Allgemeinen am Rande der Cornea und demselben parallel gemacht. 
Ist jedoch der durchsichtige Theil der Cornea schmal, wie sehr oft bei 
ausgebreiteten Hornhautnarben, so steche man im Limbus conjunctivae 
corneae oder selbst noch durch den vordersten Theil der Sclera ein, 
um in die vordere Kammer zu gelangen. Ist die Hornhaut in grosser 
Ausdehnung oder durchaus durchsichtig, so steche man im Bereiche 
des durchsichtigen Theiles ein. Es soll nämlich der Einstichspunkt 
dem Angriffspunkte weder zu nahe noch zu fern liegen; anderthalb 
Linien kann im Allgemeinen als das Mittel der Entfernung bezeichnet 
werden. Diese Entfernung bezieht sich auf die Stelle, wo das Messer 



138 Regenbogenhaut. 

die Descenietsche Haut durchdringt, und auf die Stelle, wo mau die 
Iris fasst. — Ist der Einstich beendet, und das Messer zurückgezogen, 
so lasse man den Kranken das Auge schliessen und einen Augenblick 
ausruhen. 

Im 2. Momente fixirt der Gehilfe das obere Lid mit der einen, 
das untere mit der andern Hand, jedoch so, dass er den Operateur 
nicht hindert. Diess geschieht am sichersten, wenn er das obere Lid 
mit der gleichnamigen Hand fixirt (also mit der rechten, wenn das 
rechte Auge operirt wird) und die andere um das Kinn des Kranken 
so herumschlägt, däss er mit dem Zeigefinger das untere Lid er- 
reicht, die übrigen flach an das Gesicht anschmiegt. — Der Operateur 
fasst mit der einen Hand die Pincette, mit der andern die Scheere. 
Die Pincette sei möglichst fein, mit dünnen Branchen, an der einen 
mit einem, an der andern mit zwei* feinen Widerhäkchen versehen, 
welche genau in einander greifen. Bei der Pupillenbildung nach innen, 
nach oben oder nach unten ist es nothwendig, dass die Pincette leicht 
gekrümmt sei. Die Pincette wird mit dem Daumen und Zeigefinger 
gefasst, und die Volarfläche der Hand wird dem Gesichte des Kranken 
zugewendet, um die Hand, wo nöthig, mit dem Mittel- oder Kingfinger 
am Gesichte aufstützen und allen Bewegungen des Bulbus leicht folgen 
zu können. Man führt die Pincette — mit der Convexität zum Bulbus 
gewendet — geschlossen durch die Wunde bis zu der Stelle, wo man 
die Iris fassen will, bei freiem Pupillarrande bis zum Sphinkter, und 
öffnet sie. Dieses Offnen reicht in der Kegel hin, dass sich die Iris 
dazwischen hineinlegt; wo nicht, so drückt man sie ein wenig an die 
Iris an, und schliesst sie alsogleich. Sowie man auf diese Weise die 
Iris gefasst hat, zieht man sie aus der Wunde hervor und vom Bulbus 
ab, und schneidet sie rasch mit der Scheere ab. — Die gleichfalls 
möglichst fein gebaute Scheere sei nach der Fläche massig gebogen. 
Man nimmt sie so in die Hand, dass die Convexität dem Bulbus zuge- 
wendet wird. Am leichtesten und sichersten wird man sie handhaben, 
wenn man in das eine Ohr den Daumen, in das andere den Eingfinger 
einlegt, und den Zeigefinger an das Schloss stützt; der Mittelfinger 
bleibt dann disponibel, sich nöthigenmlls an die Stirn zu stützen. Die 
Scheere muss schon beim Eingehen mit der Pincette so vor dem Auge 
in Bereitschaft gehalten werden, dass man die Iris sogleich, wie sie 
hervorgezogen ist, abschneiden kann. 

Aus diesem Vorgänge wird ersichtlich, warum wir oben auf die Entfernung des 
Einstichs- vom Angriffspunkte Gewicht legten. Durchdringt das Messer die Descemetsche 
Haut kurz vor dem Punkte, wo man die Iris fassen muss, so kann man, wie leicht be- 






Pupillenbildiing. 139 

greiflich, wenig oder gar keine Iris fassen und hervorziehen. Desshalh ist es auch 
nöthig, den Einstich in die Cornea oder Sclera nahezu senkrecht (auf die tangirende 
Ebene) zu beginnen, und erst dann, wenn die Spitze in die Kammer eingedrungen ist, 
der Fläche des Messers eine zur Iris parallele Richtung zu geben (indem man das 
Heft zum Kopfe des Operirten senkt, und die Spitze gegen den Angriffspunkt vorschiebt). 
"Wird dicss nicht, beobachtet, so kann man mit dem Messer zu lange zwischen den Horn- 
hautfasern bleiben, und die innere Fläche vielleicht erst da verlassen, wo man die Iris 
fassen will und muss. Ist andrerseits die Wunde (von der Descemetschen Haut an ge- 
rechnet) zwei Linien oder gar darüber vom Angriffspunkte entfernt, so wird man in der 
Kegel zu viel Iris aus der Wunde herausgezogen haben , ehe man zum Abschneiden 
kommt. Eine zu grosse, und namentlich eine zu weit gegen den Rand hin reichende Pu- 
pille, und somit Blendung des Operirten durch das Licht ist die traurige Folge davon. 

— Dieser schlimme Zufall kann dem Operateur auch dann begegnen, wenn der Kranke un- 
vermuthct das Auge schnell nach derselben oder nach der entgegengesetzten Seite rollt. Da- 
bei reisst aber dann auch die Iris leicht vom Ciliarbande los. Man muss auf das Verdrehen 
des Auges um so mehr gefasst sein, weil der Operirte in der Regel lebhaften Schmerz 
empfindet, so wie man die Iris mit der Pincette fasst. Dadurch, dass man die Pincette 
leicht (auf die oben beschriebene Weise) führt, mit ihr den Bewegungen des Bulbus so- 
gleich folgt, und mit der Sc^eere rasch bei der Hand ist, kann man diesem Unfälle ent- 
gehen ; bisweilen aber wird es nöthig , lieber locker zu lassen , als dass man sich der 
Gefahr aussetzt, zu viel Iris herauszuziehen. Dies wird z. B. dann der Fall sein, wenn 
der Kranke in dem Momente, wo man die Iris eben herausgezogen hat, den Bulbus so 
stark unter das obere Lid verdreht, dass man mit der Scheere nicht zum Abschneiden 
kommen kann. Man unterbreche die Operation auf einen Augenblick, und fasse die Iris 
neuerdings. — Am leichtesten ist die Iridectomie in jenen Fällen auszuführen, wo die Pupille 
bloss verdeckt ist. Da kann man bisweilen dadurch, dass man den Einstich 2 — 3'" lang 
macht, und das Messer unter einer leichten Di-ehung um seine Achse rasch herauszieht 
plötzlichen Ausfluss des Kammerwassers und Vorfall der Irispartie, die man eben ausschnei- 
den will, bewirken. Ich ziehe es jedoch vor, das Kammerwasser erst beim Eingehen mit 
der Pincette völlig austreten zu lassen, weil bei plötzlicher Entleerung desselben die 
Linse momentau vorwärts rücken muss, und dabei die Zonula Zinii oder auch die vordere 
Kapsel bersten, mithin Cataracta nachfolgen kann. Ich habe das einige Male beobachtet. 

— Dadurch, dass man die auszuschneidende Partie der Iris, nämlich den Pupillarrand, den 
Sphincter iridis, mit der Pincette hervorholt, sichert man sich auch viel leichter vor der 
Bildung einer doppelten Pupille. Wo nämlich noch Pupille besteht, da soll diese nur er- 
weitert werden, was offenbar nur durch Trennung der Ringfasern geschehen kann. Es 
ist also nicht gleichgiltig , an ivelcher Stelle man die Iris fasst, welche Partie man aus- 
schneidet. Wäre es trotz aller Vorsicht geschehen, dass zwischen der natürlichen und 
zwischen der künstlichen Pupille eine Brücke übrig geblieben wäre, d. h. dass man bloss 
aus der Mitte (aus dem grossen Kreise) der Iris ein Stück ausgeschnitten hätte, und dess- 
halb die neue Pupille nicht gehörig klaffte , so müsste man mit einem stumpfspitzigen 
Irishäkchen eingehen, und jene Brücke hervorholen oder zerreissen. 

Bei Anwachsung des Pupillarrandes an die Cornea kann man , wenn man besorgt, 
die Iris werde sich nicht leicht abreissen lassen, dieselbe mit der Spitze des Messers 
knapp an der Cornea einstechen, so wie wenn man die Iridotomie machen wollte. 

Bei einfacher Pupillensperre fasse man die Iris nächst dem Pupillarrande mit der 
Pincette, und ziehe sie gegen die Wunde hin an. Da die Partie, welche man fasst, nur 



140 Regenbogenhaut. 

sehr klein ist, so reisst sie leicht von dem Exsudate los, oder es folgt selbst die Exsudat- 
membran dem Zuge. 

Bei Cataracta accreta muss die Iridectomie mit der Extraction der verdunkelten Kapsel 
oder Linse vereinigt, oder vielmehr, sie muss gleichsam als Voract der Extraction vorgenommen 
■werden. "Wir werden daher den Vorgang hierbei erst bei den Staaroperationen beschreiben. 

Ich ziehe den Gebrauch einer feinen (Blömerschen) Pincette dem des Irishäk- 
chens bei dieser Operationsmethode vor, desshalb, weil man sich mit der Pincette nie der 
Gefahr aussetzt, die Linsenkapsel zu verletzen, weil die Pincette sicherer fasst und das 
Gefasste nicht mehr auslässt, während das Häkchen bisweilen durchreisst, und weil über- 
diess die Pincette viel leichter zu handhaben ist, als das Häkchen, wie wir bei der Be- 
trachtung der Iridodialysis sehen werden, bei welcher die Pincette nicht wohl angewen- 
det werden kann. 

Seit ich weiss, dass man bequem noch im Bereiche der Sclera einstechen kann, 
um in die vordere Augenkammer zu gelangen, und dass man die Iris, wenn sie mit der 
Cornea verwachsen ist, mit der Spitze des Messers von derselben lostrennen kann, übe 
ich nur die Iridectomie, und bin überzeugt, dass man sie in allen Fällen verrichten kann, 
wo überhaupt die Bedingungen zur Pupillenbildung vorhanden sind. Ich lasse daher die 
Beschreibung der Iridodialysis (Iridectomedialysis) nur desshalb folgen, damit der Leser 
sich um so leichter die Vorzüge der Iridectomie vergegenwärtigen könne. 

3. Iridodialysis (Irideetomedialysis). 

1. Moment. Der Einstich in die Hornhaut wird im mittlem Theile 
derselben gemacht, V(z — 1 llt vom Bande entfernt imd demselben par- 
allel. Soll z. B. die künstliche Pupille an dem linken Auge nach 
innen angelegt werden, so nimmt der Operateur das gerade lanzenför- 
mige Messer in die rechte Hand, und setzt es so an die Cornea, dass 
die eine Schneide nach oben, die andere nach unten, die Spitze nahe- 
zu senkrecht auf die tangirende Ebene des Einstichspunktes gerichtet 
ist. So wie man mit der Spitze in die vordere Kammer eingedrungen 
ist, was man sogleich an dem Gefühle des aufgehobenen Widerstandes 
erkennt, wendet man das Heft des Messers gegen die Schläfe, damit 
die Spitze zwischen der Iris und Cornea gegen das Ligamentum ciliare 
hin vorgeschoben werden könne. Ist bei diesem Vordringen die Wunde 
(an der Descemetschen Haut gemessen) 1 — l 1 ^'" lang geworden, so 
zieht man das Messer einfach zurück; kann man aber wegen Mangel 
an Kaum die Spitze nicht so weit vorschieben, um der Hornhautwunde 
die genannte Länge zu geben, so vergrössere man dieselbe dadurch, 
dass man beim Herausgehen das Heft des Instrumentes rasch (gleich- 
sam schnellend) nach oben bewegt, wodurch die Wunde nach unten er- 
weitert wird. Diese Bewegung des Messers wird dadurch erzielt, dass 
man die Beuger der drei Finger, welche das Messer halten, schnell 
contrahirt, mithin die Schneide des Messers gleichsam gegen die Hohl- 
hand her anzieht. Auf diese Weise wird die Wunde an der Desce- 



Pupilleubildung. 141 

inetschen Haut niiudesteiis eben so gross, als an der Vorderfläche der 
Hornhaut. Damit der Einstich wenigstens l 1 /?" vom Limbus conjun- 
ctivae entfernt sei, wird man in Fällen, wo die Hornhauttrübung so 
nahe an den Hornhautrand hinreicht, am Rande oder noch im Bereiche 
der Trübung einstechen müssen, sonst könnte leicht der durchsichtige 
Streifen der Hornhaut durch die nachfolgende Narbe und deren trüben 
Hof noch schmäler werden. 

2. Moment. Während der Gehilfe mit der linken Hand das obere, 
mit der rechten das untere Lid fixirt — wenn wir bei dem obgewähl- 
teu Falle bleiben — hält der Operateur mit der linken Hand die 
Scheere horizontal über den Nasenrücken her vor dem Auge in Bereit- 
schaft, und geht mit dem Irishäkchen auf dieselbe Weise ein, wie 
früher mit dem Messer. Die Spitze des Häkchens wird dabei nach 
unten, der Kücken nach oben gehalten. Um nicht zwischen die Faser- 
lagen der Hornhaut zu kommen, führt man das Häkchen ziemlich senk- 
recht in die Wunde, und wendet erst, nachdem man in die Augen- 
kammer eingedrungen ist, das Heft so weit gegen die Schläfe, dass 
das Häkchen an der hintern Wand der Cornea zwischen dieser und 
der Iris vorgeschoben werden kann, bis sich seine Krümmung hinter 
dem Scleralfalze verbirgt. Sofort wird das Instrument einen Viertel- 
kreis um seine Achse gedreht, vom Zeigefinger gegen den Daumen, so 
dass die Spitze des Häkchens rückwärts zu stehen kommt; in dem- 
selben Momente wird das Heft leicht gehoben, so dass die Spitze des 
Häkchens sich in die Iris einsenkt. So wie diess" geschehen, wird 
das Instrument in die frühere Lage zurückgedreht, also die Spitze 
wieder nach unten gerichtet, zugleich aber gegen die Wunde her an- 
gezogen. So wie man sieht, dass die Iris dem Zuge folgt, wird das 
Heft des Instrumentes nicht nur von der Wunde abgezogen, sondern 
auch zugleich etwas gegen die Schläfe gedrückt, so dass also der ge- 
krümmte Theil desselben, das eigentliche Häkchen, continuirlich an die 
Cornea angedrückt, der Wunde sich nähert. Durch dieses Andrücken 
der Convexität des Häkchens an die Descemetsche Haut, während die 
Spitze, an der die Iris haftet, nach unten gerichtet, und der Rücken 
dem obern Wimdwinkel mehr genähert ist, bewirkt man zunächst das, 
dass die Wunde klafft, dann, dass die Spitze sich weder in dem untern 
Wundwinkel noch in der hintern Wundlefze fangen kann, endlich das, 
dass die hervorgezogene Partie der Iris sogleich derart von der 
Cornea abgelenkt wird, dass man die Scheere bequem zwischen dieser 
und dem Häkchen anlegen kann, ohne den continuirlichen Zug zu 
unterbrechen. 



142 Regenbogenhaut. 

Die richtige Handhabung des Irishäkchens gehört offenbar unter die schwierig- 
sten Acte der Augenoperationen überhaupt. "Wer die eben beschriebene Führung des- 
selben nicht genau beobachtet, bleibt damit leicht in der Cornea hängen. So wie man 
merkt, dass sich das Häkchen gefangen hat, mache man mit demselben eine kurze 
rückgängige Bewegung, gebe ihm die oben beschriebene Richtung, und führe es sofort 
nach der angegebenen Weise heraus. Käme man in Gefahr, eher mit dem Häkchen die 
Iris oder Cornea zu durchreissen oder gar das Häkchen abzubrechen, als dass man die 
Iris herausbrächte, so wende man das Heft nach unten und innen, so dass also der 
Rücken und die Convexität des Häkchens der Wunde zugewendet werden, und die Spitze 
beim Herausführen aus der Wunde der letzte Theil ist. 

Durch die Iridodialysis kann man jederzeit nur eine dreieckige Pupille erhalten; 
die Basis bildet das Ciliarband, von welchem man die Iris ablöst, die Spitze entspricht 
dem Einstiche in die Hornhaut. Solche Randpupillen können schon desshalb keinen 
grossen Nutzen gewähren, weil die Strahlenbrechung sehr gestört wird. Ein grosser 
Theil der Lichtstrahlen, welche zur Öffnung in der Iris gelangen, ist durch Beugung beim 
Vorbeigehen am Limbus conjunctivae mehr weniger von dem Achsenstrahle abgelenkt, 
und trifft, wenn nicht auf die Ciliarfortsätze, so doch auf die Zonula Zinnii und den äusser- 
sten Rand der Linse. Man betrachte nur die dem I. Bande beigegebenen Durchschnitte, 
oder noch besser, man mache sich selbst nach der dort angegebenen Weise solche 
Durchschnitte von frischen Augen, und man wird sich bei Anwendung der bekannten 
Gesetze der Optik leicht überzeugen, dass bei solchen Pupillen bedeutende Zerstreuungs- 
kreise auf der Netzhaut entstehen müssen. — Nach der Iridodialysis erfolgt Blutaustritt 
häufiger und stärker , als nach der Iridectomie. Wird die Spitze des Häkchens nicht 
bald nach dem Einhaken abwärts gewendet, so kann man leicht die Linsenkapsel ver- 
letzen. Wird das Häkchen nicht bis zur Vereinigungsstelle der Iris mit dem Ciliar- 
bande vorgeschoben, oder ist die Iris an der äussersten Peripherie mit der Cornea ver- 
klebt (vergleiche Iritis S. 46), so folgt die Iris dem Zuge des Häkchens nicht. Es ist 
mir auch begegnet, dass ich gleichsam nur das vordere Blatt der Iris abgelöst und her- 
ausgezogen hatte , die scheinbar gelungene Pupille noch durch eine Pigmentlage ver- 
deckt war. 

Verband, Nachbehandlimg. 

So wie die Iris gehörig eingestochen oder ein Stückchen derselben 
abgeschnitten ist, lasse man das Auge ein Weilchen schliessen, und 
sehe dann, ob man seinen Zweck erreicht habe, und was allenfalls zur 
Erreichung desselben noch nothwendig und zulässig sei. 

Blutaustritt in der vordem Kammer macht leider die Beurtheilung 
bisweilen unmöglich. Steht die Blutung bald still, so kann man sich 
die nöthige Einsicht dadurch verschaffen, dass man das Blut austreten 
macht, indem man mittelst des Lides leicht auf die Cornea gegen die 
Wunde hin drückt, oder diese mit dem Davielschen Löffel lüftet. Hart- 
näckige Blutung tritt in der Regel nur da ein, wo das Gewebe der 
Iris durch Entzündung sehr verändert und der Rückfluss des Blutes 
durch die Gefässe der Chorioidea (wegen vorausgegangener Chorioiditis) 
mehr weniger beeinträchtigt ist. In solchen Fällen sieht man das Hy- 



Piipillenbilfluiig. 1 43 

poaema wochenlang nach der Operation fortbestehen oder von Zeit zu 
Zeit wiederkehren, und die Pupille wird, auch wenn sie gross war, 
wieder verschlossen. Kalte Umschläge, das einzige Mittel, das wir 
solcher Blutung entgegensetzen können, sind in derlei Fällen leider 
auch oft erfolglos. 

Findet man, dass Reste der hervorgezogenen Iris in der Wunde 
eingeklemmt sind, so kann man sie dort belassen; es wird indess im 
Allgemeinen besser sein, sie mit dem Spatel des Davielschen Löffels 
zurückzuschieben, damit die Wunde schneller und sicherer ohne stärkere 
Reaction verheile. Nach der Iridodialysis jedoch lasse man, falls die 
Pupille nicht sehr gross ist, die Iris lieber in der Wunde eingeklemmt, 
weil sie, wenn nicht ein hinreichend grosser Theil ausgeschnitten ist, 
sich sonst gern wieder in die frühere Lage zurückzieht. 

Ist kein Blut ausgetreten, so prüfe man zur eignen und zu des 
Operirten Beruhigung den Erfolg durch einige nicht anstrengende Seh- 
versuche. Der Lichtreiz wirkt überdiess in jenen Fällen, wo der 
Sphinkter getrennt wurde, erweiternd auf die neue Öffnung, also 
günstig ein. 

Die Augen werden durch englische Heftpflaster geschlossen und 
mit einer leichten Compresse bedeckt (siehe Staaroperation) ; der Kranke 
soll einige Stunden ruhig liegen, damit sich die Wunde früher schliesse, 
das Zimmer werde massig (weniger als nach Staaroperationen) ver- 
dunkelt, die Diät werde durch einige Tage etwa auf ein Drittel der 
vollen Portion herabgesetzt. Treten die Zeichen excessiver Reaction 
ein, so benehme man sich so, wie wir später bei den Staaroperationen 
augeben werden. Nach 4S— 60 Stunden kann man ohne Anstand den 
Verband entfernen , und das Auge bloss durch einen Schirm schützen. 
Entzündung tritt übrigens nach den eben beschriebenen Methoden der 
Pupillenbildung auffallend selten ein, und man kann die Kranken mei- 
stens schon nach 6 — 8 Tagen in's Freie lassen. 

Geschichtliche Bemerkungen. 

a. Die erste Idee zur Bildung einer künstlichen Pupille gab Thomas Woolhouse t 
Augenarzt des Königs Jakob II. von England. Sein Schüler Cheselden veröffentlichte im 
Jahre 172S die Operationsgeschichten von zwei Fällen, bei denen in Folge von Depres- 
sio cataractae Pupillensperre eingetreten war. Er setzte ein schmales (gegen \'" breites) 
einschneidiges Messerchen an der Schläfeseite des Bulbus etwa 1 Va'" hinter der Cornea 
an die Sclera an (die Schneide rückwärts gerichtet!, drang damit durch die Sclera und 
durch die Iris in die vordere Augenkammer, führte die Spitze bis zum Nasenrande der 
Iris und schnitt diese beim Zurückziehen des Messers horizontal von innen nach aussen 
ein, in dem einen Falle etwas oberhalb, in dem andern unterhalb der gesperrten Pupille,. 
— Wenn seine Nachfolger häufig keinen Erfolg erzielten, so kam diess wohl meistens 



144 Regenbogenhaut. 

daher, dass sie diese Methode unter Verhältnissen anwendeten, für welche sie nicht 
passte. In Cheseldens Fällen war nämlich die Linse beseitigt, die Iris wahrscheinlich 
in ihrer Structur wenig verändert und ziemlich straff gespannt, und der Schnitt wurde 
quer durch die Kadialfasern geführt, die Wunde konnte also hinreichend klaffen, 
und es war weder Verletzung der Linse noch excessive Reaction (Entzündung) zu 
fürchten. — Die häufigen Nichterfolge führten zunächst dazu, dass Einige (zuerst 
Heuermann 1756) das schneidende Instrument durch die Cornea einführten. Beer (1805) 
stiess ein lanzettförmiges Messerchen in einem Momente schräg durch die Cornea und 
Iris, und schnitt (bei Pupillensperre) die gespannten Fasern der Iris quer durch, oder 
löste sie (bei vorderer Synechie) von der Cornea ab. Er übte also die Iridotomie im 
"Wesentlichen auf dieselbe Weise und unter denselben Verhältnissen, wie wir sie oben 
angegeben haben. 

Am meisten Anklang, weil in einer viel grossem Zahl von Fällen anwend- 
bar, fand die Methode von Maunoir, welche bereits durch das Verfahren von Gu€rin 
(1769) und von Janin ( L772) vorbereitet war. Guerin hatte nämlich der Hornhaut in 
ihrer untern Gegend einen Lappenschnitt beigebracht, durch die Wunde ein kleines 
Messer eingeführt, und mittelst eines Kreuzschnittes in der Iris eine ziemlich runde Pu- 
pille erhalten. Janin hatte nach gleicher Eröffnung der Cornea statt des Messers eine 
krumme Scheere gebraucht, sie an der Peripherie durch die Iris durchgestossen, und die 
Eadialfasern (von unten nach oben) quer durchschnitten. Maunoir (1812) öffnete die 
Cornea am Rande wie zur Extractio cataractae, jedoch nur auf 1 /i — Vä ihres Umfanges, 
und zwar nach aussen, wenn die Pupille nach innen angelegt worden sollte, und führte 
durch diese Öffnung eine eigene, knieförmig gebogene Scheere geschlossen ein. War 
die Pupille bloss verdeckt, oder verzogen und verdeckt, so nahm er eine an beiden 
Spitzen mit einem Knöpfchen versehene Scheere, führte den einen Arm durch die Pupille 
hinter, den andern vor der Iris bis zum Ciliarrande, und durchschnitt die Iris vom Pu- 
pillarrande gegen den Ciliarrand hin. In den übrigen Fällen bediente er sich einer 
Scheere, deren unteres Blatt spitzig, deren oberes geknöpft war. Bei Pupillensperre in 
Folge von Staaroperationen wurde das spitzige Blatt mitten durch die Iris gestossen, 
und hinter dieser fortgeführt, bis das geknöpfte Blatt den Ciliarrand erreicht hatte ; durch 
Schliessung der Scheere wurde die Iris durchschnitten, dann die Scheere so gewendet, dass 
ihr auf gleiche Weise ein zweiter Schnitt beigebracht werden konnte, welcher mit dem ersten 
ein V bildete, dessen Basis gegen den Ciliarrand gerichtet war. Die Pupille entstand dadurch, 
dass der V-förmige Lappen sich allmälig gegen die Basis zurückzog. Bei Pupillensperre 
mit Verdunklung der Kapsel oder Linse wurde das spitzige Blatt nicht bloss durch die 
Iris, sondern auch durch die Kapsel und Linse gestossen, und durch einen zweiten glei- 
chen Schnitt eine V-förmige Öffnung in der Iris gebildet, durch welche dann die zer- 
stückelte Linse aus dem Auge theils mittelst Druck , theils mittelst eines Davielschen 
Löffels oder mittelst einer gefensterten Pincette entfernt wurde. — Die Schattenseiten 
dieser Methode sind: die Grösse der Hornhautwunde, wenn man die Scheere ohne 
Quetschung derselben handhaben will, die grosse Gefahr, die Linse zu verletzen, auch 
wenn man sie schonen will, die Schwierigkeiten, die verdunkelte Linse vollständig zu 
extrahiren , und die Unmöglichkeit der Pupillenbildung da , wo nur ein kleiner Theil 
durchsichtiger Hornhaut und vorderer Kammer vorhanden ist. 

b. Der Erfindung der Iridotomie folgte zunächst die der Iridectomie durch Wenzel 
(1780). Dieser eröffnete bei Atresia pupillae (einfach, mit Verdunklung der Linse, nach 
vorausgegangener Extraction) die Cornea wie zur Extraetion; indem er jedoch, mit der 



Pupiüenbilduiig. 145 

Spitze seines Staarniessers in der vordem Kammer angelangt, dieselbe etwa ] /z'" vor der 
Mitte der Iris durch diese in die hintere Augenkammer senkte, und sie dann wieder 
durch die Iris in die vordere Kammer und in die Hornhaut führte, brachte er durch 
Fortsehieben des Messers sowohl der Iris als der Hornhaut einen Lappenschnitt bei. 
Durch die Hornhautwimde ging er mit einer Davielschen Scheere so ein, dass er damit 
den Irislappen abschneiden konnte. Durch die auf diese Weise gebildete Pupille konnte 
nöthigenfalls die Linse entfernt werden. Einen wesentlichen Nachtheil dieser Methode, 
die Verletzung der Linse in Fällen einfacher Pupillensperre, beseitigte Sabatier (1805) 
dadurch, dass er mit seinem Staarmesser bloss die Cornea (in ihrem untern Umfange) 
durchschnitt, den Hornhautlappen mit einem Davielschen Löffel emporhob, die mittlere 
Partie der Iris mit einer Pincette anzog, und mit einer Scheere abschnitt. Das Verfahren 
von Wenzel sowohl als das von Sabatier genügt allen Anforderungen bei Cataracta ac- 
creta. Es erscheint aber eine so bedeutende Hornhautwunde auch nur da gerechtfertigt, 
wo sich's darum handelt, die verdunkelte Linse durch dieselbe zu entfernen. Für die 
übrigen Fälle der Pupillenbildung hat Beer (179B) ein so zweckmässiges Verfahren an- 
gegeben, dass nur wenig mehr daran zu verbessern übrig blieb. Er brachte der Horn- 
haut (möglichst nahe am Rande, um Beeinträchtigung des durchsichtigen Theiles dersel- 
ben zu verhüten) einen mindestens V" langen Einstich bei, zog die Iris, wenn sie nicht 
von selbst durch die Wunde vorfiel, mit seinem Staarhaken (etwas grösser als die jetzt 
gebräuchlichen Irishäkchen) oder mit einer feinen Pincette aus der Wunde hervor, und 
schnitt sie mit einer Scheere ab. Bei einfacher Verdeckung der Pupille rechnet Beer 
auf spontanen Vorfall der Iris mit dem Ausflüsse des Kammerwassers ; bei Verdeckung 
und theilweiser vorderer Synechie führt er gleich nach dem Hornhautschnitte „den kleinen 
Staarhaken auf solche Art zwischen die Regenbogenhaut und Hornhaut ein, dass seine 
Spitze weder gegen die Cornea noch gegen die Iris gerichtet ist, sucht durch eine schiefe 
Richtung des Hakens den Pupillarrand der Iris zu fassen, und schneidet den auf diese 
Art gefassten und sofort hervorgezogenen Theil sogleich mit der Davielschen Scheere 
üb : er schneidet somit nur die normale Pupille so weit aus, dass sich ihre Grenzen jetzt 
weiter hinter den durchsichtigen Theil der Hornhaut gegen ihren Rand hin erstrecken, 
wodurch folglich auch das Gesicht in vorzüglichem Grade wieder hergestellt werden 
muss. weil durch eine so gestaltete Pupille die Lichtstrahlen weniger auf den Rand, son- 
dern mehr auf den mittlem Theil der Krystalllinse fallen." „Ist die Regenbogenhaut auch 
an der Stelle, wo die künstliche Pupille angelegt werden muss, mit ihrem Pupillarrande 
an die Hornhaut geklebt, dann muss man sie mittelst des eingebrachten Hakens, oder, 
wenn dieser etwa immer ausreisst, mit einer feingespitzten gezähnten Pincette in ihrem 
grossen Kreise fest anfassen, zwischen die Wundlippen herausziehen, und die Spitze des 
dadurch gebildeten Kegels noch etwas inner der Wundlippen abschneiden, weil man bei 
stärkerem Hervorziehen die Iris auf eine für den Erfolg der Operation nachtheilige Weise 
2erreissen würde. Die normal beschaffene Linsenkapsel und Linse kann in allen diesen Fällen 
durchaus nicht verletzt werden, wenn sich der Kranke nur halbwegs vernünftig beträgt." 
— Als eine wesentliche Verbesserung der Beerschen Methode ist Benedicts (1810J Rath 
anzusehen, dass man, wenn nur ein schmaler Streifen durchsichtiger Hornhaut vorhanden 
ist. durch den hervorspringenden Rand der Sclera einstechen solle, um jede Beeinträch- 
tigung der Durchsichtigkeit zu verhüten. Dadurch, dass man das Messer durch die Sclera 
in die vordere Kammer führt, kann man nun eben so gut und noch besser Marginalpupillen 
erhalten, als durch die Iridodialysis. Um die Iridectomie auch an der Nasenseite leicht 
üben zu können, hat ./. N. Fischer zuerst ein gekrümmtes Lanzenmesser und eine kurze 
Arlt Augenheilkunde. II. 10 



146 Regenbogenhaut. 

gekrümmte Pincette angewendet, weil man mit geraden und langen Instrumenten häufig 
durch die Höhe des Nasenrückens im Einstiche sowohl als im Fassen und Hervorziehen 
der Iris gehindert wird. Ein (auf obige Art) kniefürmig gebogenes Lanzenmesser habe 
ich zuerst von Dr. Gulz aus "Wien erhalten. 

c. Die Unmöglichkeit, die Wenzelsche Iridectomie und ihre Varianten allgemein 
anzuwenden , und die Beobachtung spontaner Pupillenbildung durch Ablösung der Iris- 
vom Strahlenbande führten zwei ausgezeichnete Augenärzte zu Anfang des jetzigen Jahr- 
hunderts, Adam Schmidt in Wien und Anton Scarpa in Pavia, auf die Idee der Irido- 
dialysis. Schmidt eröffnete zuerst die Hornhaut und löste die Iris mit einer Pincette vom 
Ciliarbande ab ; später aber operirte er so wie Scarpa, nur bediente er sich einer minder 
stark gekrümmten Nadel. Scarpa führte die Nadel durch die Sclerotica so wie bei der 
Depressio cataractae zwischen der Iris und Linse bis zur Nasenseite der Iris vor, stach 
dann die Spitze der Nadel durch die Iris in die vordere Kammer, und löste durch hebel- 
artige Bewegungen des Instrumentes die Iris vom Ciliarbande los. Himly und Beer 
änderten dieses Verfahren zunächst dahin ab, dass sie die Nadel gleich nach dem Ein- 
stiche in die Sclerotica durch die Iris in die vordere Kammer und durch diese gegen den 
Nasenrand der Iris hin führten; später senkten sie die Nadel sogleich durch die Cornea 
ein, um in die vordere Kammer zu gelangen. Alle diese Encheiresen waren nicht nur 
sehr verletzend für das Auge, sondern auch höchst unsicher in Bezug auf das Offenbleiben 
der Pupille. Die Iris legte sich oft wieder an das Ciliarband an. Diess zu vermeiden, 
machte Langenbeck (1S15) einen Einstich in die Cornea mit einem Staarmesser, 3'" vom 
Angriffspunkte entfernt, ging mit einem feinen Häkchen ein, um die Iris vom Ciliarbande 
abzulösen, in die Hornhautwunde hineinzuziehen und daselbst durch Einklemmung zwischen 
den Wundlefzen zu fixiren (Iridoencleisis). Assalini (1818), welcher die Iris mit einem 
eigenen zangenartigen Instrumente vom Ciliarbande loslöste, schnitt die aus der Horn- 
hautwunde hervorgezogene Partie der Iris mit einer Davielschen Scheere ab (Iridectome- 
dialysis). Rosas (1830) bediente sich zur Eröffnung der Hornhaut eines lanzenförmigen 
oder Staarmessers, zur Ablösung und Hervorziehung der Iris des Langenbeckschen Häk- 
chens , und zum Abschneiden einer Davielschen oder kleinen Louisschen Scheere. — 
Zum Ablösen und Vorziehen der Iris wurden mehrere, mitunter sehr sinnreich erdachte, 
aber auch höchst complicirte und schwer tractable Instrumente vorgeschlagen, welche 
jedoch gegenwärtig wohl allgemein und mit Recht nicht mehr in Anwendung kommen. 
Hieher gehören : Langenbeck's Coreoncion, Schlagintweit's Iriankistron, Gräfe 's Corconcion, 
Wagner's Staarnadelzange , Einden's Eaphiankistron , Geigers Lanzenhaken , Nowicki's 
Labidobelonankistron etc. Abgebildet und beschrieben sind sie in Blasius Akiurgie 
XVII. 47-92. 

Zur Fixirung der Augenlider sind verschiedene Augenlidhalter , zur Fixirung des 
Bulbus Ophthalmostaten erfunden worden. Ich bediene mich in der Regel weder der 
einen, noch der andern, weil man, wie ich bei Prof. Fr. Jäger in Wien sah, auch ohne 
diese Hilfsmittel recht gut operiren kann, wenn man sich gleich Anfangs nicht daran ■ 
gewöhnt, und sich überhaupt geübt hat. Zur Fixirung des Bulbus kann man sich im 
Nothfalle eines etwas grösseren und stärkeren Irishäkchens bedienen, welches man in die 
etwa vorhandene Hornhautnarbe oder in den vordersten Theil der Sclera einsetzt. Stände 
grosse Unruhe des Kranken zu besorgen, so wende man lieber die Narkose durch Chloro- 
form oder Schwefeläther an. 



V«, Bach. 

Die Aderhaut, Tunica chorioidea. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Die Aderhaut erstreckt sich innerhalb der Sclera vom Umfange 
der Eintrittsstelle des Sehnerven nach vorn bis zum Rande der Horn- 
haut. Nur ihr hinteres und ihr vorderes Ende ist mit der Sclera fest 
verbunden, im übrigen Verlaufe ist sie einfach an die Sclera ange- 
lagert, so dass man sie nach Zerreissung der Nerven- und Gefäss- 
stämmchen, welche durch die Sclera zu ihr treten, leicht von derselben 
ablösen kann. 

Obwohl sie ein continuirliches Ganzes bildet, so muss sie doch 
wegen einiger Verschiedenheiten im Baue in einen hintern grössern 
Theil — die Chorioidea im engeim Sinne — und in einen vordem 
kleinern, den Strahlenkörper, corpus ciliare — unterschieden werden. 
Die Grenze zwischen beiden bezeichnet das zackige oder sägeförmige 
Ende der Netzhaut — Ora serrala retinae — , welches ungefähr l 1 ^'" 
hinter dem Hornhautrande fast wie ein Parallelkreis verläuft. Indem 
die Zone, welche der Strahleükörper zwischen der Hornhaut und der 
Ora serrata einnimmt, an der Nasenseite um i \a' u schmäler ist, als an 
der Schläfenseite, fällt die Ora serrata nahezu in die Gegend, in wel- 
cher sich aussen die geraden Augenmuskeln an die Sclera anheften. 

a. Die Aderhaut im engern Sinne ist im hintern Umfange 1 /i 5 — 'W, 
in der Gegend des Äquators nur '/3o"' dick, sehr weich, dehnbar, leicht 
zerreisslich. Sie besteht aus Blutgefässen, welche durch zartes Binde- 
gewebe mit einander verbunden sind, und aus zahlreichen Zellen, 
welche einen schwarzbraunen Farbestoff, das Pigmentum nigrum, ent- 
halten. Nach der ungleichen VertheiluDg dieser Elemente kann man 

sich die Chorioidea als aus drei concentrischen Lagen bestehend 

10* 



148 Aderhaut. 

denken, welche in folgender Ordnung von aussen nach innen auf ein- 
ander folgen: a) die Bindegewebsschicht , ß) die Geiässschicht, be- 
stehend aus dem Venengeflechte und den Arterien mit einem äusserst 
feinen Capillargeiassnetze, und y) die Pigmentlage. 

a. Das »ellige Siroma bildet eine dünne Lage, welche der äussern 
Fläche ein lichteres Ansehen gibt. In und auf demselben verlaufen 
die Ciliarnerven als weissgraue Streifen nach vorn zur Iris. Diese 
dünne Bindegewebslage wurde von Arnold als Analogon der Arach- 
noidea cerebri betrachtet, und im Verein mit der Lamina fusca scle- 
roticae als Arachnoidea oculi beschrieben. 

ß. Die Arterien sind die hintern kurzen Ciliararterien, welche 
(gegen 20 an der Zahl) in der Umgebung des hintern Poles und des 
Sehnerven durch die Sclera zur Chorioidea eindringen. Diese Arterien 
verzweigen sich grösstenteils in der Chorioidea allein, indem sie sich 
fortwährend gabelförmig spalten; zum Theile jedoch gehen sie auch 
zum Strahlcnkörper und zur Iris. Sie biegen theils einfach in Venen 
um, theils mittelst eines äusserst feinen und dichten Capillargefässnetzcs, 
welches den Arterien und Venen nach innen aufliegt. Dieses Capillar- 
gefässnetz wurde von Uni/seh dem Sohne als eine eigene Membran be- 
trachtet, und seinem Vater zu Ehren Membrana Kuyschiana genannt. — 
Die Venen, welche diesen Arterien entsprechen, sind theils die hintern 
kurzen Ciliarvenen, welche als zahlreiche kleine Stämmchen die Sclera 
im Umfange des hintern Poles und des Sehnerven durchbohren, theils 
die Wirheivenen oder Vasa vorlieosa S/enonis, welche in 4 — 6 ziemlich 
symmetrisch angeordnete Wirbel zusammen tretend, mit eben so vielen 
Stämmchen ungefähr 2"' hinter dem Äquator aus dem Bulbus treten. 
Nur einige kleinere Stämmchen durchbohren die Sclera in der Gegend 
des Äquators» 

y. Zwischen diesen Elementen der Chorioidea, zu welchen noch 
feine Astchen von Cüiarnerven eintreten, sind die Pignientzellen reich- 
lich eingebettet, welche endlich an der Innenseite der Chorioidea so 
zahlreich auftreten, dass sie gleichsam eine eigene Lage, das Stratum 
■pigmenti, bilden. Dieses stellt eine einfache Schicht von sechseckigen 
gekernten Zellen dar, welche mit braunem körnigem Pigmente gefüllt 
sind; dasselbe ist einfach an die Netzhaut (die Stäbchenschicht der- 
selben) angelagert, und lässt sich sehr leicht von derselben abheben. 
Eine eigene seröse Membran zwischen der Chorioidea und Retina, wie 
in früherer Zeit unter dem Namen der Jakobsehen Haut beschrieben 
wurde, existirt zuverlässig nicht. Das, was als Jakobsche Haut bezeichnet 
wurde, ist nämlich nichts anderes als die Stäbchcnschicht der Netzhaut, 



Anatomie — Physiologie. 149 

welche an etwas macerirten oder in Sublimat erhärteten Augen stuck- 
weise an der Innenfläche der Aderhaut hängen bleibt. 

b. Der Strahlenkörper stellt einen 2'/2— 3'" breiten Gürtel zwischen 
der Ora serrata und dem Scleralfalze am Hornhautrande dar. Seine 
hintere flache Hälfte ist V 20 ""**/* 5 "'» seine vordere wulstige Hälfte 
gegen 1'" dick. Letztere besteht aus dem Strahlenbande (Ligamentum 
ciliare) und aus den Strah/c/t/ortsätzcu (Processus ciliares). 

ct. Die flache Hälfte oder der ungefaltete Theil des Ciliarkörpers 
unterscheidet sich von dem bisher beschriebenen Theile der Chorioidea 
dadurch, dass er an der Innenfläche mit der Zonula Zinnii — wovon 
später — sehr fest verbunden ist und mehr Pigment enthält, daher viel 
dunkler erscheint; dass die Gefässc sich nicht mehr in Capillarien auf- 
lösen, und dass er kleine Riefen zeigt, welche sich von der gezackten 
Linie allmälig gegen die Ciliarfortsätzc bin erheben. 

ß. Ungefähr in der Mitte der vom Strahlenkürpcr gebildeten Zone 

d sich schon an der Farbe zwei verschieden organisirte Theile des- 
selben unterscheiden. Der nach aussen (an der Sclera) liegende ist 
weiss* oder gelb-grau, gleichmässig derb, und wird nach vorn immer 
dicker. Senkrecht von aussen nach innen und von vorn nach hinten 
durchschnitten erscheint er dreieckig oder keilförmig. Es ist diess das 
(iliarhand , welches in früherer Zeit als Fortsetzung und Verdickung 
der Bindcgewebsscliichte der Chorioidea und als gangliöse Ausbreitung 
der darin verlaufenden Ciliarnerven (Sömmerring) betrachtet wurde, von 
Brücke, Bownian, Kölliker u. A. aber für ein rein muskulöses Organ 
— Spannmuskel der Chorioidea — erklärt wird. — Seine äussere, an 
die Sclera angelehnte Fläche bildet die unmittelbare Fortsetzung der 
äussern Fläche der Chorioidea, und ist nur durch die hier ein- und 
austretenden vordem Ciliargefässe an die Sclera stellenweise ange- 
heftet. Sie ist etwas über V" breit. Seine innere (leicht coneave) 
Fläche entfernt sich je weiter nach vorn desto mehr von der äussern 
Fläche, so dass das Ciliarband zuletzt die Dicke von mehr als fa" 
erreicht. Sie ist nicht frei, sondern in unmittelbarer Verbindung mit 
der (später zu beschreibenden) Gefäss- und Pigmentschicht des Ciliar- 
körpers, und etwas schmäler als die äussere Fläche. Seine vordere 
Fläche ist in ihrer äussern Hälfte der vordem Augenkammer zuge- 
kehrt, und von dem Döllingerschen Bande (Ligament, pectinatum iridis: 
Huek) überzogen; auf der innem Hälfte sitzen die Iris und weiter nach 
hinten die vordem Enden der Ciliarfortsätzc Seine hintere Kante ist 
sehr scharf, verläuft sich eigentlich in das zellige Stroma der Chorioidea 
und in die zahlreich eintretenden Ciliarnerven. Die innere Kante ist 



1 50 Aderhaut. 

beinahe rechtwinklig, jedoch abgerundet. Der Kreis, den sie be- 
schreibt, hat 5'" im Lichten. Die äussere Kante ist nach vorn in die 
Lauge gezogen, und vermittelt die feste Verbindung zwischen dem 
Ciliarbande und den daran haftenden Gebilden einer- und zwischen 
der Sclera und Cornea andrerseits. Sie entspringt gleichsam mit zwei 
Wurzeln, mit einer vordem (oder innern) dünneren von dem Rande 
der Cornea, und mit einer hintern (oder äussern) dickeren von der 
Sclera (an deren Randfalze). Zwischen beiden sieht man (an Durch- 
schnitten von vorn nach hinten) eine längliche Spalte, welche sich als 
Durchschnitt des Schlemmschen Canales erweist. (Vergl. B. I. S. 176.) 
Die innere Wandung dieses Canales ist nicht unmittelbar von der 
Wasserhaut gebildet, sondern von dieser noch durch feine halbdurch- 
sichtige Fasern getrennt, welche von den tiefsten Faserschichten der 
Cornea zur äussern Kante und zur vordem Fläche des Ligamentum 
ciliare verlaufen. 

y. Die Gefäss- und Pigmentschicht der Chorioidea läuft an der 
innern Fläche des Ciliarbandes, welches zwischen dieselbe und zwi- 
schen die Sclera wie ein scharfer Keil gleichsam eingeschoben ist, un- 
unterbrochen nach vorn und innen bis zur hintern Fläche der Iris fort, 
in welche sie gewissermassen übergeht ; man sieht wenigstens nirgends 
eine Andeutung von einer Grenze zwischen beiden. Die Riefen, welche 
schon im flachen Theile des Corpus ciliare beginnen, werden nach vorn 
zu plötzlich höher, und gestalten sich zu 70 — 80 weissgrauen Falten 
oder Wülsten, welche wie eine Krause rings um den Rand der Kry- 
stalllinse gelagert sind, ohne jedoch denselben zu berühren. Diese 
Falten sind unter dem Namen Ciliarfortsätze bekannt. Jede derselben 
gleicht einem vielfach eingeschnürten und verschiedenartig gewundenen 
Darme, dessen Hauptrichtung von hinten nach vorn und innen geht. 
Jede solche Falte sitzt gleichsam reitend auf der innern Kante und auf 
dem vordem Theile der innern Fläche des Ciliarbandes. Jede ist un- 
gefähr 4 /5'" lang und 2 /5'" hoch. Eine Ebene, durch die erhabensten 
(am meisten gegen die Augenachse vorragenden) Punkte oder Firsten 
derselben gelegt, würde 4 I /2 /// im Durchmesser haben, und von dem 
vordem Pole der Hornhaut 2'" weit abstehen. Eine Ebene, durch die 
grösste Peripherie der Linse gelegt, würde noch den grössten Theil 
der Ciliarfortsätze vor sich haben.*) Von der Grösse der Oberfläche 
jedes einzelnen Ciliarfortsatzes kann man sich nur dann eine annähernd 
richtige Vorstellung machen, wenn man an einem in Chromsäure er- 

*) Tn der von Brücke I. c. gegebenen Abbildung liegen die Ciliarfortsätze hinter der Äquatorialebene 
der Linse, was offenbar irrig ist. 



Anatomie — Physiologie. 151 

Ii arteten Auge einen die Augenachse senkrecht treffenden Durchschnitt 
macht, welcher mit der Cornea noch einen etwa 1 — Vji' H breiten Kei- 
fen der Sclera mit fort nimmt. Die auf diese Art quer durchschnit- 
tenen Ciliarfortsätze erscheinen dann trauben- oder blumenkohl-ähnlich. 

Die innere Fläche des Ciliarkörpers ist durch die Zonula Zinnii 
unzertrennlich fest mit der Netzhaut an der Ora serräta, und mit dem 
Glaskörper vor dieser gezackten Linie verbunden; der vorderste (freie) 
Theil der Zonula vermittelt eine ziemlich feste, jedoch bewegliche Ver- 
bindung mit dem Krystallkörper. Von der Ora serrata an vorwärts bis 
zu den Falten des Ciliarkörpers kann man weder die Netz- noch die 
Glashaut als solche verfolgen; sie gehen gemeinschaftlich in eine dünne, 
durchsichtige und sehr feste, durch eigenthümliche Fasern verstärkte 
Membran, den Ciliartlieil der Zonula Zinnii, über, welche mit der 
inuern Fläche des Ciliarkörpers so fest zusammenhängt, dass sie sich 
von derselben nicht trennen lässt. Nur an etwas macerirten Augen 
löst sich diese Membran vom Ciliarkörper, und bleibt als ein Continuum 
der Netz- und Glashaut auf dem Glaskörper zurück, wenn man die 
Sclera und Chorioidea weggenommen hat. Bei dieser künstlichen 
Trennung des Ciliarkörpers von der Zonula Zinnii bleibt der grösste 
Theil des Chorioidealpigmentes, namentlich vom flachen Theile des Ci- 
liarkörpers, auf dieser Membran zurück, und bildet einen krönen- oder 
kranzähnlichen Abdruck, den man Corona ciliaris genannt hat. 

An der Grenze zwischen dem flachen und dem gefalteten Theile 
des Ciliarkörpers trennt sich die Zonula in zwei Blätter, ein hinteres 
und ein vorderes. Das hintere Blatt zeigt alle Eigenschaften der Glas- 
haut, und geht als Umhüllung des Glaskörpers zur tellerförmigen 
Grube, wo es sich mit dem hintern Blatte der Linsenkapsel fest ver- 
einigt, ohne jedoch, wie in neuester Zeit Kölliker wieder behauptet, 
daselbst zu verschwinden oder mit der Kapsel in Eins zu verschmelzen. 
Indem dieses Blatt zu der hintern Kapsel nach innen verläuft, und also 
zwischen den "Wurzeln der Ciliarfortsätze und dem Rande der hintern 
Kapselhälfte ausgespannt ist, bildet es centripetal verlaufende und 
fächerähnlich gestaltete Fältchen, welche sich in dem unterliegenden 
Glaskörper abdrücken (seichte Vertiefungen für die Ciliarfortsätze bil- 
den . — Das vordere Blatt geht in den Vertiefungen und auf den Er- 
habenheiten des Ciliarkörpers als fest anhaftender Überzug desselben 
weiter nach vorn, und verlässt ihn erst in der Gegend der Firsten, 
indem es gerade nach innen (zur Achse), mithin zum Kande der vor- 
dem Kapsel verläuft, somit gleichfalls fächerähnliche centripetale Fält- 
chen bildet, weil es auf der Höhe jedes Fortsatzes weiter nach vorn 



152 Aderhaut. 

gekommen ist, als in den Furchen dazwischen. Die Insertion in die 
vordere Kapsel geschieht nicht genau am Rande derselben, sondern 
ungefähr l .fa"i innerhalb desselben. Diesen zwischen den Firsten der 
Ciliarfortsätze und dem Rande der vordem Kapsel ausgespannten Theil 
der genannten Membran, welcher die oberwähnten eigenthümlichen 
Fasern in grosser Menge zeigt, nennt man den freien Theil der Zonula 
Zinnii, der Kürze wegen wohl auch ausschliesslich Zonula Zinnii oder 
Strahlenblättchen. Besser ist es, ihn nach Retzius das Aufhängeba?ul 
der Linse zu nennen. Er bildet einen Theil der Wandung der hintern 
Augenkammer, und lässt sich in seiner ganzen Breite und Ausdehnung 
am besten sehen, wenn man von einem Bulbus die Cornea vollständig 
abgetragen und die Iris vom Ciliarkörper ringsum abgezogen hat. 

Indem das obgenannte vordere Blatt aus der Gegend der Firsten 
zur vordem Kapsel, das hintere Blatt aus der Gegend der Wurzeln der 
Ciliarfortsätze zur hintern Kapsel geht, bleibt zwischen beiden eine 
Spalte, im Ganzen eine Art Canal um den Rand der Linse herum, be- 
kannt unter dem Namen Canalis Petiti. Dadurch, dass man die vordere 
Wand desselben an einer Stelle einritzt, und durch diese Öffnung Luft 
einbläst, kann man sich von der Existenz eines solchen Zwischen- 
raumes, wenigstens von dem Auseinanderweichen der genannten beiden 
Blätter überzeugen. Das beste Mittel, sich über die mechanischen Ver- 
hältnisse der bisher betrachteten Gebilde zu unterrichten, sind Durch- 
schnitte ganz frischer oder in Chromsäure erhärteter Bulbi von vorn 
nach hinten. 

Über den feinern Bau der Chorioidea, namentlich des Ciliarbandes und der Zonula 
Zinnii haben sich bisher die tüchtigsten Forscher nicht einigen können. Nach Krause? 
dem im Wesentlichen auch Huschke*) beistimmt, besteht das Ciliarband aus einer ober- 
flächlichen, vorwaltend durch Bindegewebe gebildeten, und aus eiuer tiefern Lage, welche 
ein mit Ganglienzellen durchsetztes Nervengeflecht bildet. Blutgefässe sind besonders 
gegen seine äussere Fläche hin in sehr geringer Proportion vorhanden. Bochdalek**) 
fand dasselbe vorwaltend aus Nervenmasse bestehend, und schliesst sich der schon von 
Sömmerring aufgestellten Ansicht an, dass dieses Gebilde eine Art Ganglion sei, welches 
mich Eble"s Ausdruck als Centralorgan der Sensibilität und Irritabilität des vordem Thei- 
les des Augapfels anzusehen sei. Brücke ***) erklärt diesen lichtgrauen Ring am vordem 
Ende der Chorioidea für ein muskulöses Organ, und nennt ihn den „Spannmuskel der 
Chorioidea." „Die Primitivfasern dieses Muskels stimmen mit denen des Verengerers 
und des Erweiterers der Pupille vollkommen überein, und haben die wesentlichen Charak- 
tere der organischen Muskelfasern , wie man sie im Darmkanale findet." „Die Fasern 
verlaufen von hinten nach vom, und liegen also neben einander, wie die äussern Holz- 

*i Sömmerring, Eingeweidelohre. Leipzig, 1814. S. 68G. 
**) Prager Vierteljahrschr. 1852. 25. Bd., S. 157. 
***) Müller's Archiv 1846. S. 370, und : AnatoA. Besehreibung des menschl. Augapfels. Berlin, 1847» 
S. 18 u. 21. 



Anatomie — Physiologie. 153 

scheite eines Kohlenmeilers; er heftet sich an die innere "Wand des Canalis Schlemrnii, 
mit der er oft so fest verbunden ist, dass sie beim Ablösen der Sclerotica an ihm han- 
gen bleibt. Der Muskel spannt die Chorioidea mit der Eetina um [den Glaskörper an, 
indem er seine geschlossene Oberfläche verkleinert, welche durch ihn selbst, durch die 
Cornea und durch die Chorioidea gebildet wird ; zugleich hebt er die mit den Ciliar- 
fortsätzen verklebte Zonula Zinnii etwas nach vorn, und vermindert die Spannung der- 
selben in dem Theile, der zwischen der Linse und den Ciliarfoitsätzen liegt. Ob hier- 
durch eine Bewegung der Linse nach vorn verursacht wird , lässt sich noch nicht be- 
stimmen , weil man nicht weiss, in wie weit der Humor aqueus ihr Vortreten gestattet." 
— ..An dem Ursprunge des Spannmuskels spaltet sich das zellige Stroma der Chorioidea 
in zwei Partien , von welchen die innere mit den grossen Gefässen zur Blendung hin- 
zieht, und in dieselbe übergeht, die äussere in Gestalt einer Fascie über den Spann- 
nraskel hinwegzieht. Am vordem Bande des Muskels nimmt diese Fascie wieder einen 
Theil der Elemente der innern Partie auf und geht mit ihnen in ein starkes Netz von 
verzweigten kernlosen Fasern ganz eigenthümlicher Bildung über , welches sich an die 
innere Wand des Schlemmschen Cauales gleichsam als kurze ringförmige Sehne des 
Spannmuskels anheftet."' Bowman*) und Kölliker**) beschreiben gleichfalls solche Mus- 
kelfasern in diesem Gebilde; nach den beigegebenen Zeichnungen haben jedoch diese 
Fasern grossentheils einen andern Verlauf, als Brücke ihn angegeben hat. Beide lassen 
nämlich die Fasern von der innern Wand des Schlemmschen Canales wie von einem 
Brennpunkte aus nach innen (gegen die Iris), nach hinten (gegen die Ciliarfortsätze) und 
nach aussen (gegen die hintere spitzige Kante des Ciliarbandes) ausstrahlen. — Dass 
in dem fraglichen Gebilde wirklich Fasern vorkommen, welche den von Bowman beschrie- 
benen Verlauf nehmen , davon kann man sich an Durchschnitten des Bulbus unter dem 
Mikroskope überzeugen. Diese Fasern verhalten sich ganz so, wie die Muskelfasern der 
Iris. Dass indess dieser ganze graue Bing nur die Bedeutung eines Muskels habe, da- 
gegen erheben sich gegründete Bedenken , wenn man auch Bochdaleks Behauptung : 
„im menschlichen Ligamentum ciliare lasse sich durchaus nichts von einer organischen 
Muskelfaser entdecken," nicht beipflichten kann. Das Verhältniss der auffallend zahlrei- 
chen Xerven, die in dieses Gebilde eintreten, hätte von jenen Autoren, welche dasselbe 
einfach für einen Muskel erklärten, jedenfalls mehr, als es geschehen ist, in's Aiige ge- 
fasst werden sollen , und was die Bestimmung betrifft , die man seit Brücke demselben 
zuweist, so drängen sich gewichtige Zweifel dagegen auf. Es lässt sich nicht annehmen, 
dass eine so weiche und lockere Membran, wie die Aderhaut, durch Muskelzug so stark 
angespannt werden könne, dass daraus eine Form- oder Lageveränderung der durchsich- 
tigen Medien entstehen möchte. Das Bedenken, das sich gegen die Locomotion der Linse 
von Seite der Incompressibilität des Kammerwassers erhebt, hat Brücke selbst mit den 
Schlussworten des oben angeführten ersten Citates angedeutet. Bei der Lehre von der 
Accommodation werden wir zeigen, dass das Vorwärtsrücken der Linse behufs der Refraction 
für nahe Objecte nach optischen Gesetzen gerade das Gegentheil von dem, was nöthig ist, 
bewirken müsste. Wollte man den Ciliarmuskel ausschliesslich oder doch vorzüglich als 
Organ für die Accommodation betrachten , so würde man ihm die Function eines will- 
kürlichen Muskels zuweisen, während er doch seinem Baue nach ganz mit der Iris, 
einem unwillkürlichen Muskel, übereinstimmt. Der Act der Accommodation steht minde- 



*) Lectares on the Parts concerned in the Operations on the eye etc. London, 1849. S. 52. 
**, Handbuch der Gewebelehre des Menschen. Leipzig, 1552. S. 5S6. 



154 Aderhaut. 

stens eben so stark unter der Herrschaft des "Willens, als die Bewegungen der Augen. 
— Die in Rede stehenden Muskelfasern können nur die Ciliarfortsätze und das damit 
-verwachsene Aufhängeband der Linse ein wenig nach der Gegend des Schlemmschen 
Canales hinziehen, und somit durch eine entsprechende Spannung das Linsensystem in 
seiner Lage erhalten , welches sonst nach vorn rücken und eine stärkere "Wölbung der 
Cornea (mittelst des Humor aqueus) bewirken müsste, sobald der Glaskörper, durch den 
Einfluss der M. recti et obliqui comprimirt, nach vorn und hinten auszuweichen strebt. 
Die vollständige Durchführung unserer Ansicht über die Accommodation können wir erst 
in dem Buche über die Augenmuskeln bringen. 

Was die Zonula Zinnii betrifft, so stimmen fast alle neueren Forscher der alten Ga- 
lenschen Ansicht bei, dass die Netzhaut sich über die Ora serrata bis zu den Ciliarfort- 
sätzen hin erstrecke. Nach Huschke, Valentin, Bidder , Krause u. A. setzen sich alle 
Elemente der Netzhaut, mit Ausnahme der Stäbchenschicht, bis zum Bande des Krystall- 
körpers fort; nach Brüche ist es jedoch bloss die innerste glashelle Schicht der Netz- 
haut, die Membrana limitans (Pacini) , welche vereinigt mit der Glashaut den in Rede 
stehenden Überzug des Corpus ciliare (die Zonula) bildet. Kölliker 1. c. dagegen be- 
hauptet, dass die Netzhaut an der Ora serrata gänzlich aufhöre, und dass die Zonula 
nichts anderes als eine Fortsetzung der Glashaut sei. „Sie ist ein dünnes, durchsichtiges, 
aber ziemlich festes Häutchen, das von der Ora serrata bis zum Rande der Linse sich 
erstreckt, und besteht aus eigenthümlich blassen Fasern, welche etwas hinter der Ora 
serrata an der Aussenseite der Hyaloidea , jedoch in dem innigsten Zusammenhange mit 
derselben beginnen, als eine Anfangs lockere, dann immer dichtere Lage grösstentheils par- 
allel neben einander nach vorn verlaufen , bis sie am freien Theile der Zonula eine 
vollkommen zusammenhängende Lage, jedoch immer noch mit einzelnen isolirbaren Bün- 
deln bilden , und dann mit der vordem Kapselhälfte verschmelzen." „Die Zellen an 
ihrer äussern Fläche gehören nicht zur Netzhaut, sondern zur Chorioidea; sie sind nur 
als innerster, nicht gefärbter Theil der Pigmentschicht des Ciliarkörpers zu betrachten, 
und verhalten sich zu derselben so, wie in gefärbter Haut die farblosen zu den farbigen 
Epidermiszellen." Diese Angaben Köllilcei-'s stimmen mit denen von Henle*) in der 
Hauptsache überein. 

Über die Bestimmung und Function der Chorioidea überhaupt 
wissen wir nur Einiges mit ziemlicher Sicherheit. 

1. Ihre Pigrnentlage steht in inniger Beziehung zur Function der 
Eetina, und zwar theils durch Abhaltung, theils durch Absorption von 
Lichtstrahlen. So wie die Iris ist auch der ungefaltete Theil des Ciliar- 
körpers mit einer auffallend mächtigen Pigmentlage versehen, und be- 
schränkt das Eindringen von Lichtstrahlen durch den frei zu Tage lie- 
genden Theil der Sclera in hohem Grade. — Von den durch die 
Pupille in das Innere des Auges gelangenden Lichtstrahlen wird, da 
alle von der Chorioidea umschlossenen Gebilde durchsichtig sind, wohl 
der grösste Theil in der dunkeln Pigmentschicht absorbirt. Bei den 
Kakerlaken, deren Augen dieses Pigmentes entbehren, ist das Gesicht 
immer unvollständig. „Um das hinter Sammellinsen erscheinende Bild 

*) Söuimerriug, allgemeine Anatomie. Leipzig, 1841. S. 332. 



Anatomie — Physiologie. 155 

mit möglichster Schärfe aufzufangen, muss alles seitliche, nicht dazu 
gehörige Licht abgehalten und jede Spiegelung der Fläche, auf der 
sich das Bild formirt, möglichst verhütet werden. Zu diesem Zwecke 
besitzt das Auge, gleich einer Camera obscura, ein schwarzbraunes 
Pigment. Augen, die zu wenig oder gar kein Pigment besitzen, wer- 
den daher leicht geblendet und sind lichtscheu."*) Dass aber eine ge- 
wisse Portion Lichtes vom Grunde des Auges durch die Pupille aus 
dem Auge herausgeworfen wird, hat Brücke zuerst bestimmt nach- 
gewiesen, und Heimholt* hat diese Entdeckung durch die Con- 
struction eines Augenspiegels**) zu einer der wichtigsten für die Dia- 
gnostik der Augenkrankheiten erhoben. 

Auf die Schwärze der Pupille, welche zum Theil von der Absorption des Lichtes 
in der Chorioidea abhängt, haben noch einige andere Momente Einfluss. 

Zunächst muss die Grösse der Pupille — respective die Menge des einfallenden 
Lichtes — in Anschlag gebracht werden. Die Pupille verliert jederzeit an Schwärze, sobald 
sie idurch Belladonna) erweitert worden ist. Stellt man sich einem Auge mit stark er- 
weiterter Tupille auf 2 — 3 Schritte Entfernung und unter einem sehr spitzigen Winkel 
zum einfallenden Licht gegenüber, so sieht man den Grund der Pupille eigenthümlich 
röthlich leuchten . beinahe so , als ob in der Tiefe des Auges eine polirte Kupferplatte 
läge. Dieser rothliche Schein rührt ohne Zweifel von dem Lichte her, welches die Ge- 
fässe der Xetz- und Aderhaut aus dem Auge zurückwerfen. (Dieses Phänomen tritt am 
deutlichsten hervor, wenn der zu Untersuchende in einem etwas tieferen Zimmer, das 
nur Ein Fenster hat, diesem gegenüber und so weit als möglich davon entfernt sitzt.) 

Bei älteren Leuten findet man die Pupille bei gleicher Grösse und bei ungestörtem 
Sehvermögen niemals so rein schwarz, wie bei jüngeren. Insbesondere ist es ein eigen- 
thümlicher Lichtreflex aus der Tiefe des Bulbus, der dem Auge des Beobachters entge- 
gen tritt. Er erscheint als eine lichtere, gewöhnlich etwas grau- oder grüngelbliche 
kleine Scheibe , die sich von ihrem Mittelpunkte zu ihrer Peripherie allmälig verliert, 
ganz wie ein selbstleuchtender runder Körper aussieht, und deren Lage, relativ zum 
Centrum des durch die Pupille sichtbaren dunklen Hintergrundes, sich jedesmal mit der 
Stellung des Beobachters und des beobachteten Auges zum Fenster ändert. Man hat 
diese längst gekannte Erscheinung von Pigmentmangel der Aderhaut abgeleitet. Es ist 
nämlich seit Petit bekannt, dass in spätem Lebensjahren das Pigment der Chorioidea 
etwas spärlicher und blässer ist. Das in Rede stehende Phänomen hängt indess wohl 
hauptsächlich von der Krystalllinse ab. Diese bekommt unbeschadet ihrer Durchsichtig- 
keit, wenigstens unbeschadet der Schärfe des Gesichtes, ungefähr vom 40. Lebensjahre 
an allmälig eine gelbliche Färbung (wie Österreicher Wein). Mit dieser Färbung hängt 
jener eigenthümliche Reflex zusammen. Denn er fehlt, sobald die Linse fehlt, und er 
ist nicht vorhanden, so lange die Linse farblos ist. Man kann ihn auch an Cadavern 
beobachten, wenn man die Augen möglichst frisch untersucht, und den Glanz der Horn- 
haut nöthigenfalls durch Abstreifung der Epithelialschicht wieder herstellt. Wird nun an 
einem solchen Auge die Linse reclinirt, so verschwindet auch dieser Reflex. An Leben- 
den , welche an Cataracta (durch was immer für eine Methode) operirt worden sind, 

*) Euete in Wagner's Handwörterbuch der Physiologie. Bd. III. Abth. 2. S. 247. 
**) Beschreibung eines Augenspiegels. Berlin, 1851. 



156 Aderhaut. 

findet sich im höchsten Alter nie eine Spur eines solchen Reflexes, den man doch sonst 
ohne Ausnahme in spätem Jahren bemerkt. Es ist also nicht bloss Durchsichtigkeit, 
sondern auch Farblosigkeit der Linse erforderlich, wenn uns die Pupille in ihrer norma- 
len Schwärze erscheinen soll. 

Die Netz- und Aderhaut liegen, worauf Kussmaul*) zuerst aufmerksam gemacht 
hat, bei normalem Zustande des Auges im Brennpunkte der lichtbrechenden Medien des- 
selben. Die durchsichtige Netzhaut und die dunkle Aderhaut bilden den Schirm; die 
Hornhaut und Linse mit dem dazwischen eingeschlossenen Kammerwasser bilden das 
Objectivglas einer Camera obscura. Daher kann ein Beobachter vor dem Auge auch 
lichte Theile des Augengrundes, wie die Eintrittsstelle des Sehnerven und die Central- 
arterien der Netzhaut nicht wahrnehmen, und der Grund des Auges erscheint gleichmässig 
dunkel. Man nehme , nach Helmholtzens Vorschlag , die Ocularröhre eines Mikroskopes 
und entferne das Ocularglas. „Ist die Röhre genau so lang, als die Brennweite des 
Collectivglases , so setze man sie mit dem Ende, welches das Ocular enthielt, auf eine 
weisse Tafel auf, und man hat eine Camera obscura, bei welcher dieselben Gesetze gel- 
ten, wie am Auge. Es werden in diesem Apparate sehr helle Bilder der umgebenden 
lichten Gegenstände auf der weissen Tafel entworfen, und doch sieht das Innere des 
Instrumentes, wenn man durch die Glaslinse in beliebiger Richtung hineinsieht , absolut 
schwarz aus. Nimmt man das Convexglas fort, oder ändert man dessen Entfernung von 
der Papierfläche bedeutend, so erscheint dem Beschauer sogleich die helle weisse Farbe 
der letzteren." Auf gleiche Weise kann uns auch der Grund des Auges sichtbar werden, 
wenn er nämlich vom Brennpunkte der Hornhaut und Linse bedeutend abgelenkt, nach 
vorn oder nach hinten gerückt ist. Wird z. B. die Netzhaut von Enkephaloidmasse 
infiltrirt, so dass sie undurchsichtig und ihre Innenfläche um mindestens l j-J" weiter 
vorwärts gerückt ist, so erscheint uns der Grund eines solchen Auges nicht nur in der 
Farbe der Enkephaloidmasse, sondern wir können auch einzelne Gefässchen darauf deut- 
lich wahrnehmen. Die Gefässchen erscheinen uns grösser, und die ganze Masse tiefer 
hinter der Linse, als sie es wirklich sind. Um sich die hier in Anwendung kommenden 
optischen Gesetze durch ein Experiment anschaulich zu machen, nehme man eine Con- 
vexlinse, z. B. von 2" Brennweite, und halte sie vor einen Gegenstand, etwa vor die 
Ziffer der Seite eines Buches. Betrachtet man nun in einer Entfernung von 12 — 15 Zoll 
das Object durch diese Convexlinse, indem man sie gerade 2" vor demselben vorhält, 
so erhält man kein Bild des Objectes; rückt man die Linse näher an das Object, so sieht 
man dasselbe vergrössert, aufrecht und scheinbar weiter entfernt; hält man aber die 
Linse weiter als 2" vor dem Objecte, so sieht man dasselbe verkehrt und vergrössert. 
Wenn man, wie Mary bereits 1704 gcthan**), eine lebende Katze unter ^Wasser taucht, 
und in das Innere des Auges schaut , so erkennt man das Tapetum in seiner grünen 
metallglänzenden Farbe und die Stelle, wo die Sehnerv eintritt. Mittelst des Ce?-?»aZ;'- 
schen Orthoskopes kann man auch am lebenden Menschenauge (bei gehöriger Beleuchtung 
und Erweiterung der Pupille) den Grund desselben sichtbar machen ; denn dadurch, dass 
man Wasser vor die Hornhaut bringt , wird der Brennpunkt weit hinter die Netzhaut 
verrückt. Das Orthoskop hat vor dem Helmhol tz'schen Augenspiegel den Vorzug, dass 
man den Grund des Auges in natürlicher Beleuchtung sehen kann. Kussmaul ist der 
Ansicht, die obgenannte lichte Scheibe in Greisenaugen sei die Eintrittsstelle des Seh- 



*) Die Farbenerscheiuungcu im Grunde des menschlichen Auges. Heidelberg, 1*45. 
**; Kussmaul 1. c. S. 28. 



Anatomie — Physiologie. 157 

nerven, welche sichtbar werde, weil im Greisenalter die Hornhautflächen und die Masse 
des Glaskörpers vermindert sei , wofür schon die Weitsichtigkeit solcher Augen spreche. 
Es ist indess in Greisenaugen so lange keine andere Störung , als blosse Weitsichtigkeit 
vorhanden ist, die Netzhaut nie so beträchtlich aus der Brennweite der Linse und Horn- 
haut verrückt, dass man die Pupilla nervi optici sehen könnte, uud man kann den Ort 
jener lichten, gleichsam selbstleuchtenden Stelle beliebig ändern, je nachdem man das 
Licht gerade von vorn, etwas von der äussern oder etwas von der innern Seite her ein- 
fallen lässt und darnach auch seinen eigenen Standpunkt zum Auge ändert. Mosas*) 
führt an , dass man an Augen , wo man wegen mangelhaften Pigmentes eine grauliche, 
concave, tiefe Trübung im Hintergründe der Pupille bemerkt, die Gefässe der sichtbar 
gewordenen Netzhaut selbst mit freiem Auge unterscheiden könne. Ich war niemals im 
Staude, diess zu constatiren. 

2. Der Ciliarkörper, und zwar der flache Tkeil, und die Ciliarfort- 
sätze werden mit Grund als Matrix der Augenflüssigkeiten, des Kammer- 
wassers und Glaskörpers, vielleicht auch der Krystalllinse betrachtet.**) 
Der Gefässreichthum dieses Gebildes ist ausserordentlich gross, nament- 
lich in den Ciliarfortsätzen. Diese letzteren erinnern durch ihre wun- 
derbar vervielfältigte Oberfläche unwillkürlich an die Falten und Zotten 
der Schleimhäute. Der Ciliarkörper steht durch die Zonula Zinnii in 
innigster Verbindung mit dem Glas- und mit dem Krystallkörper. Wenn 
bei Entzündung der Chorioiclea reichlicher Erguss an ihrer innern 
Fläche erfolgt, so wird sie stets nur bis zur Ora serrata von der Netz- 
haut abgelöst; vor dieser Linie findet man niemals Exsudat zwischen 
der Aderhaut und der Zonula, sondern jederzeit nur innerhalb dieser 
letzteren, also im Glaskörper abgelagert. — Entzündung der Chorioidea 
führt häufig zur Vermehrung und Verflüssigung, oder aber zum Ver- 
schrumpfen des Glaskörpers. — Ebenso führt Entzündung der Cho- 
rioidea früher oder später immer zu Trübung der Linse, während Ent- 
zündung der Iris erst dann diese Folge nach sich zieht, wenn zu ihr 
Entzündung der Chorioidea hinzugetreten ist. Wollen wir nicht an- 
nehmen, dass die Hornhaut oder die Linse den Humor aqueus liefere, 
so müssen wir die Quelle desselben offenbar im Ciliarkörper suchen, 
da die Iris bekanntlich ganz aus dem Auge entfernt werden kann, ohne 
dass nachher das Kammerwasser versiegt. 

3. Von hohem Interesse, so dass es hier noch besonders hervor- 
gehoben werden muss, ist das Verhältniss der Chorioidea zur Iris. Die 
Chorioidea ist es, durch welche sämmtliche Nerven und die meisten 
Gefässe zur Iris vordringen. Die Ciliarnerven sind in die äussere, vor- 
waltend zellige Schicht der Aderhaut eingelagert. Zwei derselben, 
durch besondere Entwicklung ausgezeichnet, verlaufen im horizontalen 

*) Handbuch der Augenheilkunde. Bd. I. S. 174. 
**) Senie 1. c. S. 3-12 ; Rosas, S. 174. 



158 Aderhaut. 

Meridiane, der eine an der Nasen-, der andere an der Schläfenseite. 
Denselben Verlauf nehmen auch die hintern langen Ciliararterien und 
die sie begleitenden Venen. Auf dieses Verhältniss muss man insbe- 
sondere bei Operationen, welche einen Einstich in die Sclera erhei- 
schen, Rücksicht nehmen. Durch die Chorioidea nimmt das Blut aus 
der Iris seinen Rückfluss, bis auf jenen Theil, der durch die vordem 
Ciliarvenen zurückfliesst. Die Integrität der Chorioidea ist mithin uner- 
lässlich zur Integrität der Iris. 



B. Krankheiten der Chorioidea. 
I. Entzündung- der Chorioidea, Chorioiditis. 

A. Allgemeine Bemerkungen. 

Die Chorioidea ist weit öfter, als man bisher im Allgemeinen an- 
genommen hat, der Herd, von welchem krankhafte Erscheinungen am 
Auge ausgehen, welche zuletzt als Entzündung bezeichnet werden 
müssen, und andererseits geräth die Chorioidea häufig consecutiv nach 
Entzündung der Hörn- oder Regenbogenhaut in den Zustand der Ent- 
zündung. Die Chorioiditis erscheint bald als rein örtliche Krankheit, 
und besteht als solche fort oder zieht den Gesammtorganismus in Mit- 
leidenschaft; bald ist sie, und zwar in der weit überwiegenden Mehr- 
zahl der Fälle, als Folge von Allgemeinleiden zu betrachten. Nach 
diesen Verhältnissen sind nun die Erscheinungen der Chorioiditis, in 
ihrem jeweiligen Complexe und in ihrer Aufeinanderfolge samint den 
sogenannten Ausgängen aufgefasst, ausserordentlich verschieden. 

Zum Verständnisse der Symptome, des Verlaufes und der Aus- 
gänge der Chorioiditis überhaupt ist nebst dem eben Gesagten und 
nächst der Kenntniss der anatomischen, physiologischen und optischen 
Verhältnisse, die wir unter A angedeutet haben, vor Allem die Kennt- 
niss der Sectionsbefunde noth wendig, welche in Folge von Aderhaut- 
entzündung beobachtet wurden. In der Seltenheit der Gelegenheit, 
Augen mit Chorioiditis überhaupt, und während des Exsudationsprocesses 
insbesondere zu seciren, liegt der Grund, dass unsere Kenntnisse 
über die Entzündung dieses wichtigen, der unmittelbaren Anschauung- 
leider entzogenen Gebildes in vielfacher Beziehung noch so mangel- 
haft sind. 






Entzündung im Allgemeinen. 159 

Sectionsei^gebnisse. 

Wenn sieh die Aderhaut entzündet, so erfolgt die Aasscheidung 
von Exsudat vorzugsweise an ihrer innern (concaven) Oberfläche, da 
wo das arterielle Gefässnetz liegt, und zwar jenseits der Ora serrata 
zwischen Chorioidea und Retina, diessseits aber in den Glaskörper, in 
den Petitschen Canal, in die hintere Augenkammer. Eine deutliche 
Infiltration, eine beträchtliche Verdickung ihres Gewebes durch Exsudat 
findet nicht statt, ausser im Bereiche des Corpus ciliare bei gleich- 
zeitiger Iritis; eher geschieht es, dass, wenigstens stellenweise, auch 
die Lamina fusca, und selbst die Sclera die Zeichen von Entzündung 
darbieten, und dass die Chorioidea und Sclera mit einander verkleben, 
verwachsen. 

Zu Anfang des Processes findet man die Chorioidea mit Blut über- 
füllt, von mehr röthlichem als braunem Aussehen, wohl auch stellen- 
weise ekchymotisch, das Bindegewebe serös durchfeuchtet und gelockert, 
das Pigment an der innern Fläche vom Exsudat verdrängt oder auch 
fortgeschwemmt, und im Exsudate oder im Kammerwasser suspendirt 
(an der hintern Wand der Cornea präcipitirt). Die Ekchymosen zeigen 
sich an der innern Fläche der Aderhaut oder an der äussern der Netz- 
haut. Die Entzündung beschränkt sich eine Zeit lang auf umschriebene 
Stellen, zumeist in der Nähe des Aequator bulbi, oder sie ergreift 
gleich Anfangs einen grossen Theil, die ganze Chorioidea, selbst mit 
Einschluss des Corpus ciliare. 

Mit dem Nachlasse der Hyperämie wird das Pigment allmälig spar- 
samer, geht stellenweise ganz verloren, wird aber auch bisweilen in 
Form von Punkten oder Flecken angehäuft, die dann schwarzblau er- 
scheinen. Nach und nach wird dann die Chorioidea blutarm, dünn, 
atrophisch, bloss im hintern Umfange, oder auch im Bereiche des Cor- 
pus ciliare. Bei croupösem Exsudate hingegen wird sie stellenweise 
oder durchaus zerstört. 

Das Exsudat ist entweder vorwaltend serös mit einem verschiedenen 
Antheile von Eiweiss und Faserstoff, oder vorwaltend, selbst ausschliess- 
lich faserstoffig, und dann plastisch — zu weitern Metamorphosen ge- 
eignet, oder eitrig — die Gebilde, mit denen es in Berührung kommt, 
schmelzend, zerstörend. 

1. Befund bei albuminös-serösem Exsudate (mit relativ wenig Faser- 
stoff». Man findet Fälle, wo zwischen Chorioidea und Retina bloss Serum 
mit mehr weniger Eiweissstoff (10—12 Procent) und etwas Salzgehalt 
(salzsaurem Natron) ergossen, und die Aderhaut partienweise mit der 
Sclera verwachsen oder auch einfach an diese angelagert ist. 



160 Aderhnut. 

In solchen Fällen ist dann die Netzhaut bloss in einem Theile des 
hintern Umfangcs oder von der Eintrittsstelle des Sehnerven bis zur 
Ora serrata und rings herum von der Aderhaut losgelöst, nach innen 
gedrängt, und endlich in dem Masse , als der Glaskörper geschwunden 
erscheint, in einen Trichter verwandelt (ähnlich der Corolla von Con- 
volvulus), dessen Spitze an die Lamina cribrosa, dessen Saum an die 
Ora serrata geheftet ist. Nach Erscheinungen im Leben (wovon später), 
ist es wahrscheinlich (durch die Section von Pferdeaugen — siehe 
weiter unten 3. Beobachtung — bestätigt), dass die Netzhaut in man- 
chen Fällen zufolge der entzündlichen Erweichung mitten durchreisst 
(oder ganz aufgelöst wird), und dann in dem Exsudate (und verflüs- 
sigten Glaskörper?) herumflattert. Doch kommt es vor, dass an einer 
oder der andern Stelle (in der Gegend des Aequator bulbi) auch die 
Netzhaut mit der Aderhaut verwachsen ist und dann eine seitliche Aus- 
stülpung des oberwähnten Trichters bildet. 

Durch den Druck des Exsudates nach aussen kann die Sclera 
gleichmässig oder stellenweise ausgedehnt, der Bulbus in seinem hin- 
tern oder ganzen Umfange mehr weniger vergrössert, oder durch par- 
tielle Ausdehnung höckerig werden. Zu dieser partiellen Ausdehnung 
(Staphylom der Sclera) scheint Verwachsung der Sclera mit der Cho- 
rioidea nothwendig zu sein. — Durch Eesorption der flüssigen und 
durch Schrumpfung der festen Bestandteile des Exsudates kann es zu 
allmäliger Schrumpfung und Einziehung der Sclera und Chorioidea, zu 
Verkleinerung des ganzen Bulbus (ohne sichtbare Narbe an der Cornea 
oder Sclera — Atrophia bulbi) kommen. (Vergl. unten 3. und 5. Beob- 
achtung.) 

Der Ciliarkörper, namentlich das Ligamentum ciliare, bietet nach 
längerer Dauer dieses Zustandes theilweise oder ringsum die Zeichen 
der Atrophie dar, ingleichen die Iris, deren hintere Fläche überdiess 
manchmal stellenweise oder durchaus mit einem zu einer derben Mem- 
bran umgewandelten Exsudate bedeckt erscheint 

Die Linse wird allmälig trüb, Anfangs weich, später bisweilen 
auffallend hart, wenigstens im Kerne, bisweilen von der Oberfläche her 
in Kalkconcrement umgewandelt. Der mittlere Theil der vordem Kapsel 
wird bisweilen vor, in der Regel jedoch erst nach erfolgter Trübung 
der Linse durch Auflagerung einer körnigen Masse an ihrer hintern 
Fläche, später durch innige Verschmelzung mit dieser getrübt, verdickt, 
knorpelartig hart. Die Verbindung der hintern Kapsel mit der Hya- 
loidea wird allmälig so gelockert, dass man nach Zerreissung der 
Zonula Zinnii, wenn diese nicht schon von selbst (durch Schrumpfung 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 161 

der vordem Kapsel und des Cüiarkörpers) erfolgt war, die Linse 
sammt der ganzen Kapsel aus der tellerförmigen Grube heraus- 
heben kann. 

Vom Glaskörper ist zwischen der Hyaloidea in der tellerförmigen 
Grube und der Netzhaut bald mehr bald weniger Masse vorhanden. 
Er fehlt ganz, wenn der Saum, den die Netzhaut vor ihrer Endigung 
an der Ora serrata bildet, mit der vordem (innern) Fläche an den 
flachen Theil des Corpus ciliare angezogen ist. 

Ich habe in diese Schilderung nur das aufgenommen, was ich aus eigener An- 
schauung kenne, und halte es daher für nöthig, mehrere der speciellen Fälle, auf welche 
dieselbe gestützt ist, in mögliebst getreuer Beschreibung anzuführen. Die Beobach- 
tungen 1, 2 und 3 betreffen jene Form von Chorioiditis mit serös-albuminösem Exsudate, 
welcbe unter dem Namen Glaucoma und Ophthalmia arthritica beschrieben worden ist; 
die 4. und 5. bieten den Befund von Iridochorioiditis (mit faserstoffig-serösem Exsudate), 
welche als Iritis chronica, Ophthalmia interna u. dgl. aufgeführt wurde. 

1. Beobachtung. Ri/ba Dorothea, 76 Jahre alt, starb Mitte Juli 1846 in Folge von 
Magenkrebs. Sie war vor 7 Jahren auf dem rechten Auge unter heftigen Schmerzen 
und Röthe des Weissen im Auge, und 4 Jahre später und unter geringeren Zufällen 
allmälig auch auf dem linken Auge erblindet. Ich hatte Gelegenheit gehabt, sie durch 2 Jahre 
vor ihrem Tode zu beobachten. Beide Augen boten während des Lebens die Erschei- 
nungen von vollständig entwickeltem Glaucom dar, wie wir sie weiter unten schildern 
werden. *) Das Magenleiden hatte sich erst 2 Jahre vor dem Tode kund gegeben. 

Befund des rechten Auges. Durchmesser von vorn nach hinten 1 1 l ß'", im Äquator 
11'"; nach oben und aussen jedoch, zwischen dem M. rectus sup. und ext., und hinter 
dem Äquator ist die Sclera hügelartig erhoben und dunkelblau. Die Hornhaut matt, 
jedoch vollkommen durchsichtig, bis auf einige schwärzliche Punkte in ihrer untern 
Hälfte, die sich nach Eröffnung des Auges als Anlagerungen von Pigment an die Des- 
cemetsche Haut erwiesen. Der Bulbus wurde von vorn nach hinten durchschnitten, so 
dass der Schnitt etwas oberhalb des M. rectus externus (also durch die bläuliche Aus- 
bauchung der Sclera) und unterhalb des M. rectus internus verlief. Man sah nun im 
Innern des Bulbus eine Höhle, in welcher eine klare gelbliche Flüssigkeit enthalten war, 
die beim Erhitzen grösstentheils gerann. Mitten durch die Höhle verläuft ein gelblich- 
grauer Strang, die zusammengefaltete Netzhaut, welche sich von der Eintrittsstelle des 
Sehnerven bis zur Ora serrata erstreckt, jedoch nach oben und aussen einen Ausläufer 
bildet, der sich zur Mitte der oberwähnten Scleralausdehnung begibt. Von der Gegend an, 
wo eine durch den Aequator bulbi gelegte Ebene die Netzhaut durchschneiden würde, ver- 
wandelt sich die Netzhaut, indem sie zur Ora serrata verläuft, gleichsam in einen Trichter, 
in dessen Höhlung man deutlich Eeste des Glaskörpers erkennt. Die Chorioidea, durch- 
aus an die Sclera angelagert, ist von der Lamina cribrosa bis zur Ora serrata ringsum 
sehr verdünnt, und blass bräunlich grau, in der nächsten Umgebung der Lamina cribrosa 
aber ganz pigmentlos. An der Stelle, welche von aussen bläulich und hervorgetrieben 
erschien, ist die Chorioidea im Umfange von beiläufig ?>'" Durchmesser fest mit der hier 
auffallend verdünnten Sclera verwachsen, durch einzelne Pigmentpunkte und Flecken 

*) Diesen Fall habe ich bereits in der Prager Vierteljahrschrift, Jahrgang 1847, S. 56, beschrieben und 
auf der beigegebenen Tafel Fig. TV. abbilden lassen. 
Arlt Augenheilkunde. IT. 1 l 



162 Aderhaut. 

braun und blau gesprenkelt, und zur Mitte dieser Stelle ist der obgenannte Ausläufer der 
Netzhaut durch innige Verwachsung mit der Chorioidea und Sclera hingezogen. Die 
Vortices vasorum Stenonis lassen sich nicht mehr wahrnehmen ; von den Ciliarnerven 
sind nur hie und da dünne Zweigchen zu erkennen. Der Ciliarkörper ist da, wo hinter 
ihm das Scleralstaphylom liegt, derart atrophisch, dass man vom Ligamentum ciliare gar 
nichts mehr sieht; an der Nasenseite scheint er nicht verändert zu sein. Die Ciliar- 
fortsätze sind nicht kleiner, werden jedoch erst dann sichtbar, wenn man eine Exsudat- 
schicht, welche von der Zonula Zinnii in den rudimentären Glaskörper hineinreicht, mit 
einiger Gewalt abgezogen hat. Die Netzhaut, an der Ora serrata fixirt, ist so gegen den 
flachen Theil des Corpus ciliare hingezogen , dass eine Ebene , durch die Ora serrata 
gelegt, noch einen guten Theil von der Netzhaut abschneiden würde, d. h. sie erstreckt sich 
auf ihrem Wege von der Mitte zur Peripherie gewölbt nach vorn , und biegt dann , um. 
zur Ora serrata zu gelangen , wieder nach hinten um. Die dunkelbraune , stellenweise 
schiefergraue Iris ist nach oben und aussen (i. e. da, wo hinter ihr das Corpus ciliare 
atrophisch und die Sclera staphylomatös ist) auf einen so schmalen Saum reducirt, dass 
man, durch die Cornea in's Auge blickend, denselben gar nicht wahrnehmen konnte. An 
dem nicht geschwundenen Theile der Iris war der Pupillarrand röthlich und durch Exsudat 
locker mit der vordem Kapsel verklebt. An der hintern Fläche der Iris sieht man einige 
weissgraue Stellen, Exsudat auf der Iris, welches die Stelle der Pigmentlage einnimmt 
und mit der Iris innig zusammenhängt. Mit Ausnahme dieser Stellen erscheint die Pig- 
mentlage der Iris normal. Die dunkelgelbe, im Kerne fast braune und sehr harte Linse 
liegt sammt der Kapsel etwas weiter vorwärts , als im normalen Zustande. Desshalb, 
und weil der Ciliarkörper (nach aussen und oben) geschrumpft ist, erscheint der freie 
Theil der Zonula Zinnii ausgedehnt und die Verbindung der Kapsel mit dem Ciliarkörper 
gelockert. Auch die hintere Kapsel ist mit der etwas getrübten und verdickten Hyaloidea. 
in der tellerförmigen Grube nur lose verbunden. Man konnte demnach die Linse sammt 
der Kapsel leicht aus ihrer Grube herausheben. Die vordere Kapsel ist in ihrem mittlem 
Theile verdickt, hart, undurchsichtig, bläulich weiss; diese von dem vollkommen durch- 
sichtigen Randtheile scharf, jedoch unregelmässig abgegrenzte Stelle misst gegen 2'" im 
Durchmesser ; und gleicht einem flachen, mitten auf die Kapsel aufgeklebten Knopfe. Der 
Band dieses Knopfes hing mit dem Pupillarrande der Iris locker zusammen. 

Linkes Äuge. Die Durchmesser dieses Bulbus etwas grösser, als die des rechten; 
die Sclera hinter dem Äquator in grosser Ausdehnung bläulich und hervorgetrieben. 
Der Bulbus wurde ohngefähr in der Gegend und Eichtung des Äquators geöffnet, und 
der Schnitt rings herum geführt. Es entleerte sich eine klare, gelbliche, eiweisshaltige 
Flüssigkeit. Da man von der Eintrittsstelle des Sehnerven einen weissgrauen Kegel 
vorwärts verlaufen sah, so ergab sich's, dass diess die Netzhaut sei, und dass der Schnitt 
rings herum auch die Chorioidea in eine vordere und hintere Hälfte zerlegt hatte. Es 
gelang mit leichter Mühe, die vordere Hälfte der Sclera und Chorioidea sammt der Iris 
von der Netzhaut, Zonula Zinnii und Krystalllinse abzulösen , da das Auge schon ein 
wenig macerirt, und die Verbindung zwischen Corpus ciliare und Zonula Zinnii hiedurch 
gelockert worden war. Die Chorioidea erscheint rings um die Eintrittsstelle des Seh- 
nerven herum dunkelbraun. Diese Färbung erstreckt sich an der Nasenseite bis in die 
Nähe des Äquators, an der Schläfeseite jedoch ist sie nur 2 - 3 ; " breit. In der vordem 
Hälfte ist die Chorioidea auffallend verdünnt, blass, ganz pigmentlos, an der Schläfeseite 
jedoch, und zwar entsprechend der Ausbauchung der Sclera, marmorirt, mit zahlreichen 
dunkelblauen Tunkten und Flecken besetzt, und zugleich mit der auffallend verdünnten. 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 163 

Scleralpartie unzertrennlich verwachsen. Im Corpus ciliare fällt nur die Dünnheit des 
Ligamentum ciliare als abnorm auf. Die Iris von vorn stellenweise schiefergrau, hinten 
fast durchaus gehörig- mit Figment belegt, ist auf einen nicht ganz l'" breiten Saum ge- 
schrumpft. Die Linse getrübt, zwischen 6 centripetaien weissgrauen Streifen der Binden- 
substanz und durch die vollkommen durchsichtige Kapsel ambragelb durchscheinend, 
etwas weiter, als im normalen Zustande, vorwärts gerückt. In dem von der Netzhaut 
gebildeten Trichter halb durchsichtige Reste des Glaskörpers eingeschlossen. Die zur Iris 
verlaufenden Ciliarnerven auffallend dünn, an dor Schläfescite fehlend. 

2. Beobachtung. Von einer 60 Jahre alten Bürgersfrau, welche in ihrer frühesten 
Jugend an Bhachitis gelitten hatte, im Jahre 1843 auf dem linken, 1S47 unter meiner 
Behandlung auch auf dem rechten Auge an Glaucoma ziemlich rasch und unter heftigen 
Zufällen erblindet war, erhielt ich 1851 das linke Auge zur Section. Durchmesser 
von vorn nach hinten I0 :, V", im Äquator horinzontal ll'/V", vertical lO'A'"; Durch- 
messer der durchsichtigen Hornhaut horizontal b'", vertical 4'/2 /;; . An der Schläfeseite 
in der Gegend des Äquators ein Scleralstaphylom von etwa V" Höhe, 2—3 Quadrat- 
linien Basis. Eröffnung von vorn nach hinten ; der Schnitt verlief durch den obern 
Band der Cornea, dann durch das Scleralstaphylom, und endete knapp oberhalb des 
Opticus. Sieht man nun von oben in die bei weitem grössere untere Hälfte des Bulbus 
hinein, so bemerkt man Folgendes. Die Sclera nur in der Gegend des Staphyloms ver- 
dünnt. Die Chorioidea rings um die Lamina cribrosa und an der Nasenseite bis zur Ora 
serrata auffallend dunkelbraun, jedoch in der Umgebung des Scleralstaphylomes an der 
Schläfeseite und von da nach oben und unten bis zur Ora serrata ganz blass, pigmentlos 
und verdünnt, an der Stelle des Staphylomes selbst nach aussen mit der Sclera, nach 
innen an einer kleinen Stelle mit einem Theile der Netzhaut unzertrennlich verwachsen. 
Die Partie der Verwachsung ist so mit Pigment durchsetzt, dass die Sclera auch von 
aussen schwarzblau marmorirt erscheint. Die Netzhaut ist in einen Trichter verwandelt, 
mit der Spitze an der Eintrittsstelle des Sehnerven, mit der Basis an der Ora serrata be- 
festigt , undurchsichtig, weissgrau. Gegen die Schläfeseite verläuft etwas hinter dem 
Äquator eine Ausstülpung desselben, deren Spitze fest mit der Chorioidea und Sclera 
verwachsen ist. Der durch den Bulbus geführte Schnitt hat sowohl den Haupt- als den 
Nebentrichler von vorn nach hinten geöffnet. Der Baum zwischen Chorioidea und Betina 
war von einer klaren eiweisshaltigen Flüssigkeit ausgefüllt. In der Höhlung der Netzhaut 
findet man Rudimente des Glaskörpers, welche nächst der Hyaloidea in der tellerförmigen 
Grube noch vollkommen durchsichtig sind. An der letztgenannten Stelle ist auch die Hyaloidea 
noch vollkommen durchsichtig. Gegen die Zonula Zinnii hin (an der innern Fläche des 
Ciliarkörpers) ist der Glaskörper trüb, weisslich, von lichten Fäden durchzogen, mit dem 
Ciliarkör.er sowohl als mit der Netzhaut fest vereinigt. Auch in diesem Falle würde eine 
Ebene, durch die Ora serrata gelegt, einen guten Theil der Netzhaut mit abschneiden, in- 
dem diese, bevor sie zur Ora serrata gelangt, weiter vorwärts gezogen erscheint, und dann erst 
wieder zur Ora serrata zurückläuft. Das Ciliarband ist so geschrumpft, dass man es auf 
der Durchsehnittsfläche kaum erkennt, die Ciliarfortsätze werden erst dann sichtbar, wenn 
man jene weissliche Masse, welche innerhalb des Corpus ciliare den Glaskörper durchzieht 
mit einiger Gewalt davon abzieht. Die Linse lässt sich sammt ihrer Kapsel leicht aus einer 
Höhle herausheben, welche hinten von der Hyaloidea, zur Seite von den Ciliarfortsätzen, 
vorn von der Iris gebildet wird. Die Linse ist etwas geschrumpft, ihre Bindensubstanz 
theilweise verkalkt, der Kern hart, bräunlich gelb. Der mittlere Theil der vordem Kapsel 
ist getrübt, verdickt, knorpelähnlich, aussen glatt, innen rauh. Die dunkelbraune, stellen- 

11* 



164 ■ Aderhaut. 

weisse schiefergraue Iris ist gegen \. l /-i'" breit, die Pupille hat 2'" im Durehmesser; sie 
ist unregelmässig rund und durch eine Exsudatmembran verlegt, welche sich über die ganze 
hintere Fläche der Iris bis zu den Ciliarfortsätzen hin ausbreitet. Dadurch, dass das Ciliar- 
band ganz verschrumpft und das Linsensystem etwas weiter vorwärts gelagert erscheint, 
ist auch die Iris so weit gegen die Cornea vorgerückt, dass sie dieselbe beinahe berührt. 
3. Beobachtung. Ein Thierarzt schickte mir 1847 zwei Pferdeaugen mit der An- 
gabe, das Thier habe an Glaucom gelitten. Das linke hatte die normale Grösse, die Conj. 
palp. et bulbi ziemlich stark netzförmig geröthet, nicht aufgelockert, noch verdickt. 
Unter derselben an der untern Peripherie des Bulbus auf der Sclera ein sehr erweitertes 
blaurothes, von Blut strotzendes Gefäss, welches aus der Tiefe unter der Übergangsfalte 
hervorkam, und sich gegen die Hornhaut hin in 3 Zweige theilte, wovon 2 in der Ent- 
fernung von l'a — 2'" vom Hornhautrande sich in die Sclera senkten, eines gegen den 
Canthus internus hin den Hornhautrand in einer 3 — 4'" langen Strecke umkreiste, und 
daselbst sieh in äusserst feine Zweige verästelte. Das dicke Gefäss, der Stamm, war 
von zwei dünnen blassrothen Adern eingefasst, welche man nur bei grösserer Aufmerk- 
samkeit durch die Tunica vaginalis und Conjunct. bulbi hindurchschimmern sah. Die 
Cornea ganz rein und durchsichtig, die Iris schwarz, der Pupillarrand zackig, stellen- 
weise gleichsam angefressen; die Linse grau weiss, knapp an der Iris anliegend. Als 
ich die Sclera und die an ihr fest anhängende Chorioidea im Äquator ringsum durch- 
schnitten hatte, fioss eine Menge wässriger, klarer, gelblicher Flüssigkeit aus, welche 
eine von der Chorioidea umschlossene Höhle ausgefüllt hatte. Nach hinten sah ich nun 
an der Eintrittsstelle des Opticus einen etwa 1'" hohen Stumpf der Netzhaut frei empor- 
stehen. An der vordem Wandung jener Höhle haftete etwa 1 /-i Kaffeelöffel voll Glaskörper, 
von einer weisslichen Membran überdeckt. Diese war offenbar die Betina, was ich aus 
der festen Verbindung mit dem hintern Bande des Ciliarkörpers und nachträglich auch 
aus der mikroskopischen Untersuchung erkannte. Der Best des Glaskörpers war zäh, 
fadenziehend, durchsichtig, wie gesunder Glaskörper. Ich legte nun den Zeigefinger auf 
die Cornea und umstülpte die vordere Hälfte des Bulbus, indem ich die Bänder gegen 
den Finger hin zurückschlug. Die Linse war dabei nicht aus ihrer Verbindung gewichen, 
wohl aber Hess sich nun der Best des Glaskörpers hinter der Linse leicht entfernen. Ich 
umkreiste sofort die Linse mit der Branche einer Pincette, die Kapsel schonend und nur 
die Verbindung mit den Ciliarfortsätzen, die Zonula Zinnii lösend. Diese Verbindung 
schien mir abnorm fest zu sein. Nachdem ich nun die ziemlich harte Linse sammt der 
unversehrten Kapsel aus dem Auge genommen, spiesste ich sie vom Bande her mit 
einer Nadel an, dass ich sie frei halten konnte, und löste dann bequem zuerst die hintere, 
sodann die vordere Kapsel ab. Erstere war vollkommen krystallhell und löste sich ganz 
rein ab; die hintere Oberfläche der Linse blieb glatt, die vordere Kapsel aber erschien 
nicht nur getrübt, völlig undurchsichtig, graulich weiss, sondern auch auf 3 ,V" stellen- 
weise verdickt. Ihre vordere Fläche war glatt; an der hintern schienen Linsenreste 
zurückgeblieben zu sein; als ich den scheinbaren Beschlag mit dem Messer abzustreifen 
suchte, war ich diess nicht im Stande ; eher hätte ich die Kapsel selbst zerrissen. Die 
vordere Kapsel war so steif, dass sie ihre Gestalt behielt und, wenn ich sie auch künst- 
lich veränderte, dennoch wieder annahm, nämlich vorn convex, hinten concav. Die Stelle, 
wo ich abgeschabt hatte, was sich abschaben liess, sah so aus wie Milchopal. Gefässe 
konnte ich auch mit einer scharfen Loupe keine entdecken. Der Bandtheil der vordem 
Kapsel war noch vollkommen durchsichtig; nur am Äquator (grössten Kreise der Kapsel) 
zeigten sich einzelne Kalkablagerungen. 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 165 

Das rechte Auge auf 2 5 des normalen Volumens geschrumpft, von vorn nach hinten 
zusammengedrückt, die hintere Hälfte ganz ahgeplattet. Die Hornhaut kleiner und uneben, 
opalartig getrübt, die vielfältig eingebogene Sclera sehr verdickt, rings um den Opticus 
mehr als ['" dick. Die Chorioidea fest mit ihr vereint; von der Retina nur ein Stumpf 
an der Eintrittsstelle des Opticus vorhanden ; das Cavum innerhalb der Chorioidea mit 
einem gelblichen, klaren, tropfbarflüssigen Exsudate ausgefüllt; von der Retina und dem 
Glaskörper weiter keine Spur. Von der Ora serrata an zog sich gegen die Mitte hin 
eine röthliehe verdickte, an der Peripherie sehnig glänzende Membran (durch Exsudat 
zusammengeschmolzene Retina und Hyaloidea?). Vor derselben, in einer glatten Hülse 
eingescblossen, und weiterhin ringsum von einer schwarzen Masse (zusammengeschmol- 
zene Iris und Ciliarkörper) umfasst, lag die Linse, auf '/•» ihres normalen Volumens 
geschrumpft, stark runzlig, bläulich grau, nicht vollkommen durchsichtig, sondern 
an den Kanten der Durchschnittsfläche durchscheinend. Die hintere Wand der Cornea 
ungemein stark runzlig oder vielmehr faltig, knapp an der Iris anliegend. 

4. Beobachtung. Das rechte Auge eines 50jährigen, an Tuberculosis pulmon. ver- 
storbenen Mannes bot auf dem Leichentische den Befund von Cataracta aecreta dar. Grösse 
normal , Resistenz etwas geringer , die Hornhaut normal , die vordere Kammer eng, 
die Iris in der Peripherie an die Cornea angelagert, mit dem Pupillarrande trichter- 
förmig rückwärts gezogen, licht graublau, die Pupille gegen V" im Durchmesser, 
unregelmässig rund , der zackige Pupillarrand mit der Kapsel verwachsen , diese und 
die Linse weissgrau getrübt. Die Sclera wurde hinter der Insertion der Muse, recti 
rings herum durchschnitten und sammt der Cornea von der Chorioidea und Iris ab- 
gelöst. Die Cornea war mit der Peripherie der Iris durch eine dünne Exsudatlage 
ziemlich fest, doch nicht unzertrennlich verbunden. Das Ciliarband erschien als ein 
gegen 2'" breiter gelblichgrauer Saum, im Durchschnitte etwa 1 /z'" dick. Von ihm liess 
sieh die Iris auf die gewöhnliche Weise leicht ablösen. Die Iris erschien ungewöhnlich 
dünn und an zahlreichen Stellen , besonders im grossen Kreise ohne Pigmentlage. Sie 
liess sich sammt den die Pupille ausfüllenden dünnen Exsudathäutchen leicht von der 
Kapsel abheben, war also nicht mit dieser, wie es geschienen hatte, verwachsen. Hinter 
der Iris befand sich eine sehr geräumige, von wasserklarer Flüssigkeit ausgefüllte Höhle, 
in welcher die in ihrer Kapsel eingeschlossene Linse schwamm. Diese stellt der Form 
nach mehr eine Kugel als eine Linse dar. Sie misst im Äquator S'/i'", in der Achse 
2 3 4". Die hintere Kapsel ist vollkommen durchsichtig, die vordere tiüb und vom Centrum 
zur Peripherie gerunzelt. Die Runzeln verlaufen von der Insertionsstelle der Zonula 
Zinnii centripetal zu einem etwas erhabenen Exsudatknöpfchen auf dem mittleren Theile 
der vordem Kapsel. Am Rande verlaufen zwei bräunlich pigmentirte Reifen, davon der 
eine der Insertionsstelle der Zonula Zinnii in die vordere Kapsel, der andere der Anla- 
gerung der Hyaloidea an die hintere Kapsel entspricht. Die Hyaloidea bildet die hintere, 
das Corpus ciliare mit den Ciliarfortsätzen aber die seitliche Wandung jener Höhle, in 
welcher die Linse sammt ihrer Kapsel lag. Diese wurde nicht geöffnet. Als nun die Cho- 
rioidea ungefähr an derselben Stelle wie die Sclera eröffnet wurde, entleerte sich eine 
wässrige, etwas gelbliche Flüssigkeit, und man sah die zusammengefaltete Netzhaut von 
der Eintrittsstelle des Opticus bis zur Ora serrata nach vorn verlaufen. Vom Glaskörper 
ist in diesem Falle keine Spur vorhanden, und die Netzhaut ist, so weit sie nicht durch 
die Fixirung an der Ora serrata gehindert ist, förmlich gegen die innere Fläche des 
Corpus ciliare vorwärts gezogen. Die Chorioidea ist nirgends mit der Sclera oder 
Retina verwachsen (ausser mit letzterer in der Gegend der Ora serrata) , 



166 Aderhaut. 

«twas dünner als im normalen Zustande, und zeigt nicht die normale Menge von 
Pigment. 

5. Beobachtung. Der linke Bulbus eines an Cholera verstorbenen, etwa 35jährigen 
Mannes wurde mir wegen Hornhauttrübungen vom Sectionsdiener überbracht. Dureh- 
messer von vorn nach hinten 10'", im Äquator Q'fe"'; in der hintern Hälfte ist der Bulbus 
an mehreren Stellen, besonders aber an der Nasenseite stark eingezogen, daher höckerig, 
während die Cornea und die Sclera in der vordem Hälfte von der normalen Wölbung 
nicht merklich abweichen. Die Cornea, an der Oberfläche glatt und ohne Erhabenheit 
oder Vertiefungen, erseheint besonders in ihrer untern Hälfte getrübt, die Iris licht braun- 
grau, im kleinen Kreise schwarzbraun, der Cornea sehr genähert; die Pupille durch eine 
lichtgraue Membran vollständig verschlossen, nicht ganz 1'" im Durchmesser. Der Bulbus 
in eine obere grössere und untere kleinere Hälfte zerschnitten, zeigte im Innern folgende 
Veränderungen: Der innere Baum ist in zwei grosse Höhlen geschieden, eine vordere 
und hintere. Die vordere ist gebildet: von der stark vorwärts gedrängten Iris, von dem 
Corpus ciliare bis zur Ora serrata, und von der tellerförmigen Grube, welche jedoch so weit 
zurückgedrängt erscheint, dass ihre Kuppel gerade in der Mitte des Bulbus liegt. Diese 
Höhle misst demnach von der Pupille bis zum Centrum der tellerförmigen Grube 4'/2'"> 
und innerhalb des hintern Endes des Corpus ciliare 7'". In ihr befindet sich wasserklare 
Flüssigkeit und darin schwimmend der ganz harte und dunkelbraune Kern der Krystall- 
linse. Von der Kapsel ist nur die vordere Hälfte vorhanden; diese ist durch Exsudat 
an die hintere Fläche der Iris angelöthet; nach Ablösung von dieser erscheint sie in 
ihrer mittleren Partie (fast zwei Quadratlinien) weissgrau, verdickt, innen und aussen 
rauh, im Randtheile dagegen, der von den Ciliarfortsätzen (der Zonula) abgerissen ist, 
zum Theil durchsichtig, zum Theil braun pigmentirt. — Durch die hintere, vermöge der 
seitlichen Einschrumpfung des Bulbus viel kleinere Höhle zieht ein weisser Strang von 
der Lamina cribrosa gerade nach vorn zur Kuppel der tellerförmiger Grube, eingehüllt 
von einem grauen, lockeren Gewebe, welches zusammengeballtem Spinngewebe nicht un- 
ähnlich ist. Diese Masse streicht dann an der Bückseite der zur Ora serrata verlaufenden 
Netzhaut gegen die Peripherie hin und geht in eine stellenweise knorpelharte, lichtgraue 
Masse über, welche in der Gegend des Aequator bulbi über 1'" mächtig auf der Cho- 
rioidea aufsitzt, von da nach vorn (bis zur Ora senata) und nach rückwärts allmälig 
abnimmt, und mit der Chorioidea sowohl als mit der glatten Membran, welche die vordere 
Höhle nach hinten begrenzt, innigst zusammenhängt, gleichsam in Eins verschmolzen ist. 
Im hintern Umfange, etwa 3'" breit um die Eintrittsstelle des Opticus herum, ist die hintere 
Höhle, welche von einer klaren, jedoch gelblichen Flüssigkeit erfüllt war, von der Chorioidea 
begrenzt, welche daselbst des Pigmentes fast gänzlich beraubt und an der Nasenseite (nach 
innen von der Eintrittsstelle des Opticus) unzertrennlich mit der hier merklich verdickten 
Sclera verwachsen ist. Sonst ist die Chorioidea (mit Einschluss des Corpus ciliare) nirgends 
mit der Sclera abnorm verbunden. Am Corpus ciliare ist nicht bloss das Ligamentum 
ciliare fast ganz geschwunden, sondern es sind auch die Ciliarfortsätze viel kleiner. 
Sie wurden erst dann sichtbar, wenn man den getrübten und durch Exsudat ver- 
dickten Ciliartheil der Zonula Zinnii mit Gewalt ablöste , wobei die ganze Pigment- 
schicht an dieser haften blieb. Die Iris, auffallend dünn und an ihrer innern Fläche 
nur im kleinen Kreise und an einzelnen Stellen des grossen Kreises mit Pigment belegt, 
durch eine halbdurchsichtige Membran in der Pupille in eine undurchbohrte Scheibe 
verwandelt, war in ihrer untern Hälfte durch eine dünne, weisse (auf dunklem Grunde 
bläulich weisse) Membran mit der Descemetschen Haut verklebt. Bei der Ablösung blieb 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 167 

diese Pseudomembran an der Iris sitzen, mit welcher sie jedoch nur nach unten fest ver- 
bunden ist. 

2. Befund bei Chorioiditis mit croupösem Exsudate. 

Die Chorioiditis pyuemica, wie diese Form mit Rücksicht auf ihr 
ätiologisches Moment füglich genannt werden kann, tritt mit Ablagerung 
croupösen Exsudates au der Innenfläche der Chorioidea auf, und er- 
greift diese Membran in kurzer Zeit in ihrer ganzen Ausdehnung, von 
der Lamina cribrosa bis zur Iris. 

Zunächst ist es die Netzhaut, welche in ihrer Function und Form 
beeinträchtigt, zerstört wird. Sie erweicht und zerfliesst in dem eitri- 
gen Exsudate. 

Gleichzeitig oder schon früher wird die Tunica vaginalis und die 
' 'onjunctiva bulbi durch serösen (auch faserstoffig-serösen) Erguss enorm 
geschwellt; auch die Lider participiren an der ödematösen Infiltration. 

Die Sclera wird (an einer oder der andern Stelle) lebhaft ge- 
röthet, aufgelockert, und in späterer Zeit kann Erweichung und Durch- 
bohrung derselben (im vordem Umfange beobachtet) eintreten. 

Vom Ciliarkörper aus, der an seiner ganzen inuern Fläche mit 
croupösem Exsudate bedeckt wird, erfolgt Eitererguss in den Humor 
aqueus, und Ansammlung von Eiter in der vordem Augenkammer, in 
den Petitsehen Canal, und in den Glaskörper, welcher Anfangs wolkig, 
Aveiterhin durchaus getrübt, endlich in eine schleimig-eitrige Masse ver- 
wandelt wird. 

Die Iris und die Cornea werden zunächst ödematös, und weiter- 
hin gewöhnlich in den Schmelzungsprocess gezogen. 

Der gewöhnliche Ausgang ist der in Durchbruch der Cornea, und 
Entleerung der Linse und des vereiterten Glaskörpers. Selten ist der 
oben erwähnte Ausgang in Durchbruch der Sclera, noch seltener der 
in Resorption des Eiters und Zusammenschrumpfung des Bulbus. Nach 
letzterem Ausgange ist als merkwürdige Erscheinung die Thatsache zu 
bemerken, class man bisweilen an den mehr weniger zusammenge- 
schrumpften Bulbis die Hornhaut nach längerer Zeit ('/ä Jahr) vollkom- 
men durchsichtig, obwohl um ungefähr die Hälfte kleiner, und von der 
entfärbten und rückwärts gezogenen Iris durch ganz klaren Humor 
aqueus geschieden findet. 

6. Beobachtung. Auf der Abtheilung des Prof. Jaksch war ein Mann in Folge 
von Caries am Körper des Keilbeins gestorben. Ich fand an beiden Augen die Conjunct. 
bulbi stark ödematüs . und am linken auch von sehr zahlreichen Gefässen durchzogen, 
und dachte desshalb an Chorioiditis pyaemica , wesshalb ich die Bulbi exstirpirte. Der 
rechte zeigte nichts Abnormes , ausser dass das Pigment der Chorioidea sparsamer war, 



168 Aderhaiit. 

die Yasa vorticosa von Blut strotzten , und die innere Fläche der Chorioidea eine hell- 
rothe Farbennuance zeigte. Links fand ich nach Eröffnung der Sclera eine linsengrosse 
weisslich°-elbe Stelle der Chorioidea, und zwar, in der Gegend des Äquators gerade nach 
unten , unmittelbar vor dem daselbst liegenden Gefässwirbel. Die Chorioidea war da- 
selbst von croupüsem Exsudat infiltrirt und mit der ringsum etwas gerütheten Sclera 
massig fest verklebt. Als ich die Chorioidea von der Netzhaut abhob, blieb an der 
letzteren viel Pigment zurück, und die durch Exsudat bezeichnete Stelle der Chorioidea 
erschien, von innen angesehen, bloss als weissgelblicher Fleck. Im übrigen Umfange 
zeigte die Innenfläche der Chorioidea ein mehr hellrothes als braunes Aussehen. In 
den übrigen Gebilden fand ich nichts Auffallendes. 

7. Beobachtung. Der rechte Bulbus einer Puerpera, welche in Folge von Ento- 
metritis und Pyämie gestorben war, und durch 8 Tage vor dem Tode Erscheinungen 
von Cboi-ioiditis dargeboten hatte , welche wir weiter unten schildern werden , zeigte 
folgende Veränderungen : Achse 10 3 /* ; "> Äquatorialdurchmesser 10'/3 ; ", Resistenz geringer ; 
Cornea normal, nur ein wenig getrübt, wie angehaucht; Conjunctiva bulbi ödematös 
geschwellt, und theils durch Gefässinjection , theils durch kleine Blutaustretungen ge- 
röthet. Tunica vaginalis rings um den Bulbus herum serös infiltrirt, am stärksten an der 
Schläfeseite im hintern Umfange des Bulbus. In der Gegend der Insertion des Muse, 
obliquus inferior und von da nach vorn bis zur Insertion des M. rectus ext. erschien die 
Sclera unter der verdickten und injicirten Tunica vaginalis gleichfalls intensiv geröthet 
und auf der Durchschnittsfläche etwas dicker. Die Eöthe war auch an der Innenfläche 
daselbst bemerkbar. Es wurde nämlich der Bulbus in eine obere und untere Hälfte 
getheilt. In der vordem Augenkammer zu unterst ein wenig eitriges Exsudat (Hypopyum). 
Die Iris nicht merklich verändert, die Pupille gegen 2'" im Durchmesser. Die Chorioidea, 
an ihrer äussern Fläche stark injicirt, doch überall frei an die Sclera anliegend, an ihrer 
innern Fläche durchaus mit einem faserstoffig-eitrigeu Exsudate überzogen; nur an der 
Nasenseite ist nächst der Ora serrata eine kleine Partie frei davon , und lichtbraun pig- 
mentirt. Die Exsudatlage nimmt im Bereiche der Chorioidea im engern Sinne des Wortes 
gleichsam die Stelle der Pigmentlage ein, und ist stellenweise '/6 — l /s'" dick. Das Ex- 
sudat lässt sich nicht von der Chorioidea ablösen. Die Netzhaut ist nicht nur getrübt, 
sondern auch im hintern Umfange stellenweise ekehymotisch (an ihrer äussern Fläche 
roth gesprenkelt). Der Glaskörper ist etwas weicher und so getrübt, als wenn er von 
Eauchwolken durchzogen wäre. Der Kern des Auges (Glaskörper und Linse) sammt der 
Retina Hess sich wie gewöhnlich an etwas macerirten Augen leicht von der Chorioidea 
ablösen. Das Corpus ciliare erschien nicht schwarzbraun, sondern grauweiss, nämlich 
durchaus mit einer Lage croupösen Exsudates überzogen. Dieses Exsudat nahm hier 
nicht die Stelle der Pigmentschichte ein, sondern lag auf dieser, und Hess sich, 
wenigstens stellenweise, davon abziehen. Ebenso waren die Ciliarfortsätze ringsum 
davon übersponnen und eingehüllt, und zwar nicht nur an dem in den Petitschen 
Canal, sondern auch an dem in die hintere Augcnkammer hineinragenden Theile. Am. 
Ciliarbande liess sich keine Veränderung wahrnehmen, nicht einmal Schwellung oder 
Röthe. Die vordere Kapsel erschien ungetrübt, ebenso die Linse. "Wie sich der freie 
Theil der Zonula Zinnii verhielt , konnte ich nicht verlässlich bestimmen ; ebenso blieb 
es unentschieden, wie der Ciliartheil der Zonula beschaffen war, weil der von ihr 
überzogene (vorderste) Theil des Glaskörpers nächst derselben von Exsudat durchsetzt 
und gelblichgrau getrübt war. 

8. Beobachtung. In dem vom Prof. Bochdalek aufgenommenen SectionsbefuncL 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 169 

des rechten Auges von einer an Pyämic gestorbenen Puerpera*) sind ganz analoge 
Veränderungen aufgeführt, nur hatte der Process länger gedauert und war weiter vor- 
gerückt. Die Tunica vaginalis bulbi im hintern Umfange des Bulbus durch faserstoffiges 
plastisches Exsudat bedeutend verdickt. Die Sclera schmutzig weiss, an ihrer innern 
Fläche von vielen, sehr feinen , dunkelrothen Blutgefässen durchzogen. Die Chorioidea 
(im engern Sinne) grösstentheils durch Eiterung zerstört, nur um den Sehnerven herum 
noch erhalten, daselbst sehr aufgelockert, mit zahlreichen und stark injicirten Gefässen durch- 
zogen und mit der Sclera fest zusammenhängend ; ebenso ist vorn noch ein Stück Adei-- 
haut vorhanden, welches mit dem hintern durch einen etwa 3'" breiten Streifen an der 
Schläfeuseite zusammenhängt. Die Retina ganz durch Eiterung zerstört, nur hie und da 
Rudimente derselben vorhanden. Zwischen der Sclera und Chorioidea und zwischen 
dieser und dem Glaskörper eine ziemlich beträchtliche Menge eines dünnen, flüssigen, 
graulich weissen Eiters. Die Membrana hyaloidea grösstentheils durch Eiterung zerstört ; 
der Glaskörper trüb , schmutzig gelb ; in ihm schwammen gelbliche Flocken. Auf der 
vordem und hintern (innern) Fläche des Corpus ciliare ein weisslichgraues Exsudat. Die 
Zonula Zinnii ungeheuer ausgedehnt, der Petitsche Canal ganz mit einer dickflüssigen 
gelblichweissen , eiterartigen Masse ausgefüllt, über 2'" weit. Die Linse weiter vorwärts 
gelagert, durchsichtig, gelblich. Die Iris an ihrer hintern Fläche normal, an ihrer vordem 
mit einer dünnen Schichte eines weissgrauen Exsudates belegt, welches sich mit einer 
Pincette in Fäden abziehen liess; die Pupille vollkommen rund, von gewöhnlicher Grösse, 
ohne Spur von Exsudat. An der Descemetschen Haut eine etwa l k'" dicke Lage eines 
ähnlichen Exsudates, wie auf der Vorderfläche der Iris und auf dem Ciliarkörper. Diese 
Exsudatscheibe reicht nicht bis zum Rande der Descemetschen Haut, sondern endet 
früher, und sendet bloss fadenförmige Ausläufer bis zur Gegend des Schlemmschen 
Canales. Sie hängt mit der Descemetschen Haut duichaus nicht zusammen, sondern ist 
einfach auf dieselbe gelagert. Der Schlemmsche Canal sehr erweitert und ganz mit 
einer dicken , graulichweissen Masse angefüllt. Die Cornea selbst bietet keine Verände- 
rung dar. 

9. Beobachtung. Bei einem Kinde, welches an Nabelvenenentzündung und Chorioiditis 
des linken Auges gelitten hatte, fand ich den Bulbus etwas kleiner, collabirt, sehr weich 
anzufühlen; die Cornea halb durchsichtig, sehr aufgelockert, geschwellt, sulzig, an bei- 
den Oberflächen glatt und glänzend ; die Sclera mit röthlichem ,Serum infiltrirt, nicht 
erweicht, die Chorioidea grösstentheils aufgelöst, von der Retina keine Spur, an ihrer 
Stelle Eiter, den Glaskörper hie und da von Eiterflocken durchsetzt, die Hyaloidea zer- 
stört, die Linse nicht getrübt, die Kapsel geborsten, die vordere Kammer etwas Eiter 
enthaltend. — Bei einem an lobulärer Pneumonie verstorbenen Kinde, bei welchem 
nebst Abscessen an den Schädeldecken auch Entzündung des linken Auges beobachtet 
worden war, fand ich den Bulbus etwas grösser, jedoch weicher, die Cornea weiss, 
aufgelockert, die Hyaloidea in der Mitte zerstört, ebenso die nächsten Faserlagen der 
Cornea, so dass es beinahe zum Durchbruche von hinten her gekommen wäre, die 
Retina durchaus, die Chorioidea grösstentheils durch Eiterung zerstört. Genauer wurde 
dieses Auge damals leider nicht untersucht. 

3. Befund bei Chorioiditis mit vorwaltend plastischem (faserstoffi- 
gem) Exsudate. 

"Wenn man Augen zergliedert, welche ausgedehnte Hornhautnarben 

*> J. N. Fischer, Lehrbuch der Entzündungen etc. Prag, 1846. S. 287. 



170 Aderhaut. 

und mehr weniger beträchtliche Schrumpfung der Hornhaut oder Sclera 
(oder beider zugleich) darbieten, so findet man meisteris im Innern der- 
selben Veränderungen, welche unzweifelhaft darthun, dass Chorioiditis 
mit vorwaltend plastischem Exsudate stattgefunden habe. Um die Netz- 
haut, welche auch in diesen Fällen durch das Chorioidealexsudat nach 
innen verdrängt, und überdiess sehr oft ganz in geronnenes und man- 
nigfach verändertes Exsudat eingehüllt ist, nicht zu verfehlen und so- 
fort für verschwunden zu halten, muss man solche Augen immer von 
hinten nach vorn (mitten durch die Eintrittsstelle des N. opticus) durch- 
schneiden, und in eine obere und untere Hälfte zerlegen. Die Netz- 
haut ist auch in diesen Fällen gegen den flachen Theil des Corpus 
ciliare hingezogen, so dass sie zur Ora serrata wieder etwas rückwärts 
laufen muss. 

Vom Glaskörper findet man nur die Hyaloidea in der Gegend der 
tellerförmigen Grube und dahinter eine derbe faserige oder knorpelar- 
tige Masse, welche ringsum mit dem Ciliarkörper, hinten aber mit der 
Netzhaut unzertrennlich fest zusammen hängt. 

Fehlt die Linse, so steht diese Masse auch mit Resten der vordem 
Kapsel und mit der Iris, und mittelst dieser selbst mit der Hornhaut- 
uarbe in fester Verbindung. In einzelnen Fällen findet man wahre 
Knochenbildung in dieser zwischen Netzhaut und Iris befindlichen 
Masse. Ist die Linse vorhanden, so ist sie getrübt, bisweilen von der 
Peripherie aus mehr weniger tief verkalkt. 

Ist der Bulbus nicht bloss durch Abplattung der Hornhaut allein 
verkleinert, so erscheint die Sclera meistens an den Anlagerungsstellen 
der Muse, recti eingedrückt, bisweilen jedoch auch an andern Stellen 
einwärts gezogen, uneben, höckerig, und in Folge der Reduction auf 
einen kleinern Umfang verdickt. 

Die Chorioidea ist in der Regel einfach an die Sclera angelagert, 
nirgends mit dieser verwachsen ; sie ist meistens verdünnt und stellen- 
weise oder durchaus pigmentarm. Mit dem ihrer Innenfläche auflie- 
genden Exsudate hängt sie bald mehr bald weniger fest, in Fällen, wo 
der Process längst abgelaufen, das Exsudat bereits organisirt ist, jen- 
seits der Ora serrata niemals unzertrennlich zusammen. 

Ist das Exsudat zwischen der Chorioidea und der Netzhaut durch- 
aus faserstoffig, so nimmt seine Consistenz von der Chorioidea gegen 
die Netzhaut hin allmälig ab. Die Umwandlung in Verkalkung, welche 
bei weitem am häufigsten vorkommt, oder in Knorpel- und wahre 
Knochenmasse (mit deutlicher Knochenzellenbildung) zeigt sich immer 
zunächst an der Peripherie, bald im hintern, bald im vordem, oder 



Entzündung im Allgemeinen — Sectionsbefund. 171 

auch im ganzen Umfange der Chorioidea jenseits der Ora serrata. — 
Wurde nebst Faserstoff noch eine mehr weniger beträchtliche Menge 
von Serum und Albumen ausgeschieden, so erscheinen die festen (pla- 
stischen) Bestandteile an der Chorioidea, bisweilen jedoch auch an der 
Netzhaut zugleich präcipitirt (vergl. die oben angeführte Beobachtung); 
Verkalkung oder Yerknöcherung kommt jedoch hier nur an der Cho- 
rioidea vor, und man findet dann an der Stelle, die im normalen Zu- 
stande von der Netzhaut eingenommen wird, eine mehr weniger mäch- 
tige knochenharte Schale. — In bloss geronnenen Exsudaten findet 
sieh bisweilen Fettbildung; krystallisirt in kleinen, viereckig länglichen, 
glimmerartig glänzenden Tafeln kann man mitunter einen Theil des 
Fettes in dem flüssigen Theile des Exsudates herumschwimmen sehen. 

Da die Gelegenheit zur Section phthisischer Bulbi minder selten ist, so will ich. 
aus der grossen Zahl, die mir vorgekommen sind, nur 2 zur Erläuterung des eben Ge- 
sagten im Detail anführen, und um nicht missverstanden zu werden, im voraus noch be- 
merken, dass nicht jeder phthisische Bulbus auch die Zeichen vorausgegangener Chorioi- 
ditis darbiete. 

10. Beobachtung.*) Der rechte Bulbus eines alten Weibes, welches 1846 gerichtlich 
obducirt wurde, ist auf 2 3 des gewöhnlichen Umfanges geschrumpft, an den Anheftungs- 
stellen der geraden Muskel eingedrückt. In der Hornhaut eine 1'" breite, 4'" lange 
quer von innen nach aussen verlaufende Narbe ; die Hornhaut in der obern Hälfte durch- 
scheinend, etwas abgeplattet, in der untern Hälfte mit der Iris verwachsen; die Pupille 
ganz aufgehoben. Der Sehnerv atrophisch. Die Sclera sehr verdickt, besonders im hintern 
Thtile. Die Cborioidea dünn, fast ohne Pigment; an ihrer innern Fläche eine Knochen- 
schale (Kalkconcrement) , stellenweise i /-i'" dick, stellenweise äusserst dünn oder selbst 
durchlöchert, an die Chorioidea fest angeschmiegt, doch von derselben ohne Zerreissung 
lösbar, bis zum Ciliarkörper vorwärts reichend. Innerhalb dieser Schale eine wässrige, 
klare , etwas gelbliche Flüssigkeit. Durch den von dieser Flüssigkeit erfüllten Raum 
zieht die zu einem weissen Strange zusammen gefaltete Eetina von der Lamina cribrosa 
"bis zur Ora serrata, nach vorn sich trichterförmig erweiternd, ähnlich dem Endstücke 
einer Trompete mit etwas umgestülptem Eande. In der Höhlung dieses Trichters Reste 
des Glaskörpers. Vor dem Trichter liegt in einer von der Iris, dem Glaskörper und der 
tellerförmigen Grube gebildeten Höhle die in einen steinharten weissgrauen Körper ver- 
wandelte Linse, gegen 4"' im Durchmesser, und über V" dick, vorn convex, an die mit 
der Iris durchaus und fest verwachsene Kapsel angelagert, hinten etwas abgeflacht, ge- 
gen den Rand hin höckerig, und an eine glatte trübe Membran (die Hyaloidea in der 
tellerförmigen Grube?) knapp anschliessend. Das Corpus ciliare nicht geschwunden; die 
Iris sehr verdünnt , längs der Narbe an die Cornea angeheftet, hinten durchaus mit der 
Kapsel verwachsen. 

11. Beobachtung. Linkes Auge eines an Lungenbrand verstorbenen, 62 Jahr alten 
Mannes. Durchmesser zwischen den Polen 9 3 V", im Äquator 9'a'", die Cornea abge- 
plattet, in der Mitte narbig verdunkelt, am Rande durchscheinend, auf der Narbe an 2 

*j Diese und die folgende Beobachtung findet sich bereits in der Prager Vierteljahrschrift, 14. Bd., 
S. 4S und 49. 



172 Ader haut. 

Stellen mit knochenharten Schüppchen Delegt , nach deren Entfernung Grübchen zurück- 
blieben. Die Iris an der Cornea anliegend, und in der Mitte unzertrennlich mit ihr ver- 
wachsen ; in diese Verwachsung ist auch die getrübte und verdickte Kapsel hineingezogen. 
Von der Linse ist keine Spur vorhanden. Auf einem horizontalen Durchschnitte (von 
vorn nach hinten) sieht man zu beiden Seiten der Iris das gegen '/»'" dicke, lichtgraue 
Ciliarband, nach innen durch eine schwarze Linie (die Gefäss- und Pigmentlage des Ci- 
liarkörpers) begrenzt. Die Ciliarfortsätze lassen sich nicht auffinden. Der Raum , den 
das Corpus ciliare als ein 2"' breiter Reifen umschliesst, ist von der weissgelblichen, 
derben, fast knorpelharten Platte erfüllt, die mit dem Ciliarkörper zur Seite und mit der 
Iris nach vorn unzertrennlich fest zusammenhängt, und deren hintere Grenze die trichter- 
förmige Ausbreitung der Netzhaut bildet. Es streicht nämlich die Netzhaut als ein dünner 
Slrang von der Eintrittsstelle des Sehnerven mitten durch den Bulbus zu einer Ebene, 
die man sich durch die Ora serrata. gelegt denken kann, und strahlt dann nach allen 
Seiten gegen die Peripherie dieser Ebene hin aus. Der Raum nun, der sich zwischen 
der also verdrängten Netzhaut und zwischen der Chorioidea befindet, ist von Exsudat 
ausgefüllt, welches in den vordem zwei Dritteln fest geronnenen Faserstoff darstellt, 
im hintern Drittel, um die zusammengerollte Netzhaut herum aber halb flüssig, halb ge- 
ronnen ist, so dass nach Abfluss dieses Theiles vor der Eintrittsstelle des Sehnerven eine 
Zuckererbsen-grosse Höhle entstand , welche in der Mitte bis an den Aequator bulbi 
reicht. Die Chorioidea ist in der hintern Hälfte des Bulbus wenig verändert, in der vor 
dem Äquator gelegenen Zone jedoch fast ganz ohne Pigment, so dass man das lichtgraue 
Exsudat schon nach Eröffnung der Sclera hatte durchscheinen sehen. Die faserstoffige 
Exsudatmasse wird von der genannten Höhle nach aussen (gegen die Chorioidea) und 
nach vorn (gegen die Ora serrata und die fächerförmige Ausbreitung der Netzhaut) immer 
dichter und härter, zeigt jedoch noch nirgends Umwandlung in Kalk-, Knochen- oder 
Knorpelmasse. Sie erwies sich unter dem Mikroskope als amorpher Faserstoff mit Fett 
in Tropfenform und als Cholestearine. 

Die Symptome, welche durch Chorioiditis hervorgerufen werden 
können, sind im Allgemeinen zu suchen : 

a) in der Resistenz, Grösse, Form und Lage des Bulbus, 

b) im Bereiche der Sclera, Tunica vaginalis und conjunetiva, 

c) in der Cornea und in der Augenkammer, 

d) in der Iris, 

e) in der Pupille, 

f) in der gestörten Function der Netzhaut, 

g) in sympathischer Affection des Trigeminus, Sympathicus und 
Vagus. 

Ad a. Eines der ersten Zeichen, durch das sich jede Chorioiditis 
ankündigt, ist vermehrte Resistenz des Bulbus. Leidet bloss Ein Auge, 
so ist die Prüfung der Resistenz für den betastenden Zeigefinger nicht 
schwer, nur beobachte man die Vorsicht, dass man immer beiderseits 
auf gleichnamige Stellen drücke, z. B. beiderseits auf die Hornhaut 
oder beiderseits von oben her auf die Sclera. Ist das andere Auge 
nicht ganz gesund, dann nehme man zum Vergleichen gesunde Augen. 



Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 173 

Auf geringe Differenzen ist kein Gewicht zu legen, es müssten denn 
anderweitige Symptome mit in die Wagschale fallen. 

Mit den Augen messbare Vergrösseruwg des Bulbus kommt nur 
dann gleich in der ersten Zeit vor, wenn die Chorioiditis in Folge 
traumatischer Einflüsse mit faserstoffig-eitrigem Exsudate auftritt. Sie 
ist nicht bleibend; auf sie folgt jederzeit Verkleinerung des Bulbus, 
gleichviel ob der Eiter mittelst allmäliger Resorption, oder mittelst 
Ausstossung durch die Cornea oder Sclera beseitigt worden ist. — 
Später auftretende und bleibende Vergrösserung tritt nur in Folge von 
Chorioiditis mit vorwaltend serösem oder albuminös -serösem Exsudate 
auf. — Allmälige, gewöhnlich erst nach Monaten oder Jahren eintre- 
tende Schrumpfung kommt sowohl nach vorwaltend serösen, als nach 
faserstoffigen Exsudaten vor. 

Die Schrumpfung gibt sich meistens zuerst dadurch zu erkennen, 
dass der Bulbus seine Form verliert, in der Gegend der Musculi recti 
eingedrückt, viereckig erscheint. Da aber auch an ganz normalen 
Augen nicht selten daselbst eine leichte Abplattung der Sclera bemerkt 
werden kann, so ist auf dieses Symptom nur dann Gewicht zu legen, 
wenn es sehr deutlich ausgesprochen ist, oder wenn es zugleich mit- 
mehr weniger verminderter Resistenz beobachtet wird. Beide Symptome 
vereint haben insbesondere in jenen Fällen einen hohen diagnostischen 
Werthj wo Iritis vorausgegangen und noch deutliche Lichtempfindung 
vorhanden ist. — So wie der Bulbus weicher und kleiner wird, ist in 
der Regel auch die Lage des obern Augenlides , namentlich der Haut- 
falte, welche dasselbe beim Offnen gewöhnlich bildet, verändert. 

Wird der Bulbus merklich vergrössert und zwar in seinem hintern 
Umfange, so tritt er mehr weniger aus seiner Lage hervor. Die Lage- 
veränderung aus dieser Ursache allein ist indessen selten; meistens ist 
sie Folge von seröser oder faserstoffig-seröser Infiltration des die Sclera 
umgebenden Bindegewebes, welche bei Chorioiditis mit faserstoffig- 
eitrigem Exsudate niemals fehlt. 

Ad b. Diese seröse Infiltration erstreckt sich bei der eben ge- 
nannten Form, welche nur nach heftigen traumatischen Eingriffen und 
bei Pyämie auftritt, nicht bloss auf die Tunica vaginalis bulbi und das 
umgebende Bindegewebe in der Orbita, sondern auch auf die Binde- 
haut und auf die Augenlider. Die Bindehaut erscheint dann entweder 
bloss von Serum oder auch von Blut stark geschwellt, so dass sie bloss 
Wülste oder einen förmlichen Wall rings um die Cornea bildet, sich 
selbst über diese hinübeiiegt. Durch diese Geschwulst gewinnen die 
hieher gehörigen Formen von Chorioiditis eine bei oberflächlicher Un- 



174 Aderhaut. 

tersuchung leicht täuschende Ähnlichkeit mit der acuten Bindehautblen- 
norrhöe. Die Diagnosis wird indessen leicht, wenn man einerseits die 
Abwesenheit der Schwellung des Papillarkörpers und des schleimig- 
eitrigen (trüben) Secretes, andererseits die dabei immer schon merk- 
liche Hcrvortreibung des Bulbus, die Abnahme der Sehkraft und die 
Gegenwart von Lichterscheinungen (Photopsie) berücksichtigt. 

In allen Fällen, wo die eben besprochene Infiltration fehlt, wird 
im Bereiche der Sclera eines der wichtigsten Symptome sichtbar, näm- 
lich die zahlreichere und stärkere Injeclion der vordem Ciliargefässe. 
Anfangs sind es mehr die Arterien, später mehr die Venen, welche dem 
Beobachter auffallen. Sie wurden bisher gewöhnlich als „varicöse oder 
abdominelle Gefässe der Bindehaut" aufgeführt. Die Arterien verlaufen 
geschlängelt, sind lichter gefärbt, und füllen sich von der Peripherie 
zur Cornea, wenn man sie mittelst des Lides und Fingers comprimirt 
hat (was an etwas glotzenden und gespannten Augen sicher gelingt). 
Die Venen verlaufen mehr gestreckt, sind dunkler, und füllen sich nach 
momentaner Compression in entgegengesetzter Richtung. Die Blutüber- 
füllung in den Arterien geht bei manchen Formen oft lange dem Ex- 
sudationsprocesse voraus, und pflegt nur so lange als der Exsudations- 
process selbst zu dauern. Hat die Congestion und Exsudation nachge- 
lassen, dann zeigen bisweilen kleine rostbraune oder schiefergraue 
Punkte in der nächsten Umgebung der Cornea die Stellen an, wo er- 
weiterte Gefässe durch die Sclera in den Bulbus eingedrungen waren. 
Die stärkere Entwickelung der Venen tritt erst dann auf, wenn der 
Rückfluss des Blutes durch die hintern (langen und kurzen) Ciliarvenen 
vermöge des Druckes, den das Chorioidealexsudat ausübt, oder ver- 
möge Verwachsungen zwischen Chorioidea und Sclera behindert ist. 

Nicht immer ist es leicht, zu entscheiden, ob die Injection der vordem Ciliargefässe 
wirklich ahnorm, und insbesondere, ob sie als Symptom eines entzündlichen (congestiven) 
Zustandes der Chorioidea zu betrachten sei. So findet man unter andern bei den meisten 
Kurzsichtigen die Ciliargefässe viel stärker und zahlreicher entwickelt, ohne dass man 
im Geringsten Ursache hat, an ein Chorioidealleiden zu denken; ingleichen bei Leuten, 
die in Jahren vorgerückt sind, die ihre Augen viel anstrengen, die öfter oder länger an 
Entzündung äusserer Gebilde des Auges gelitten haben u. s. w. — Ist das zweite Auge 
ganz gesund, so kann eine sorgfältige Vergleichung leicht Aufschluss geben. An und für 
sich hat dieses wichtige Symptom keinen positiven Werth für die Diagnosis; es müssen 
noch andere Merkmale vorhanden sein, welche direct auf Congestion oder Entzündung 
der Chorioidea deuten. 

Bei rascher Exsudation an der Chorioidea bilden die vordem Ci- 
liararterien ein so dichtes Nets im Umfange der Hoi^nhaut, dass der 
vorderste, wohl auch der ganze sichtbare Theil der Sclera roth tingirt 



Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 175 

erscheint. Über dieser tiefen Röthe können auch die Gefässe der Bin- 
dehaut reichlich injicirt sein, und zwar bis in den concaven Kand de& 
Liinbus conjunctivae. 

Bleibt der Linibus conjunctivae heim Bestände dieser tiefern und 
oherflächlichen Injection uneingespritzt, so erscheint letztere von der 
Cornea durch einen bläulich weissen Ring getrennt, eine Erscheinung, 
welche Beer als Annulus arthriticus bezeichnet und abgebildet hat. *) 

Sichel**) und Ruete***) haben diese Erscheinung von Blutüberfüllung im Canalis 
Sehlemmii hergeleitet. Das Irrige dieser Deutung ergibt sich schon aus der Lage dieses 
Ringes, verglichen mit der Lage jenes Canales. Die Gegend dieses letzteren macht sich 
dagegen bei chronischen Formen von Chorioiditis oder Iridochorioiditis bisweilen durch 
eine Art Einziehung (flache Furche) und dadurch bemerkbar, dass die Ciliargefässe da- 
selbst sich in kleinen Bögen verbinden und einen schmalen Gefässkranz bilden , oder 
auch (später) durch beinahe schiefergraue Färbung der Sclera in der Richtung dieser 
Furche. 

Die Farbe der Sclera kann trotz des Bestandes von Chorioiditis 
normal sein; bisweilen ist sie in der Art bläulich weiss wie bei Kin- 
dern. Nach längerem Bestände der Chorioiditis wird sie in der Regel 
schmutzig, in's Gelbliche, Graue oder Dunkelblaue, letzteres meistens 
nur stellenweise, und namentlich da, wo sich Ektasien bilden. 

Schiefergraue oder dunkelblaue Hügel erheben sich im Bereiche 
der Sclera erst nach langem Bestände, und nur bei gewissen Formen 
der Chorioiditis (mit flüssigem Exsudate). Nur die Staphylomata late- 
ralia (vergl. Krankh. der Sclera S. 19 — 21) kommen der Chorioiditis 
als solcher zu. Blaue Hügel in der Gegend des Äquators, so wie gleich- 
massige Vergrösserung des hintern Umfanges des Bulbus können übri- 
gens auch bei Vermehrung und Verflüssigung der Glasfeuchtigkeit 
(ohne Chorioiditis) vorkommen. Um die Gegenwart der Lateralstaphy- 
lome nicht zu übersehen, muss man den Bulbus so weit als möglich 
nach allen Seiten hin rollen lassen, und dabei die Lider stark abziehen. 
Staphylome in der Gegend des Corpus ciliare (vor den Insertionsstellen 
der Muse, recti und hinter oder an den Einmündungsstellen der vordem 
Ciliararterien) trifft man eher nach Iridochorioiditis als nach primärer 
Chorioiditis an. 

Ad c. Die Hornhaut bleibt in den meisten Fällen von Chorioidi- 
tis unverändert. — Ist Pyämie die Ursache der Chorioiditis, so wird 
sie gewöhnlich durch Eiterung zerstört. Dasselbe kann erfolgen, wenn 
nach einem Trauma, z. B. nach Dislocation des Staares, Chorioiditis 



*) Lehre von den Augenkrankheiten, Wien, l e 13. Bd. I. Taf. II. Fig. 5 und 6, Taf. III. Fig. 1. 
**) Memoire snr le glaueome, Cnnier annales d'ocnlist. T. V. p. 183. 
***) Lehrhuch der Ophthalmologie. BraunBehweig, 1S46. 8. 560. 



176 Aderhaut. 

mit Eiterbildung entsteht. — Bei Chorioiditis mit vorwaltend flüssigem 
Exsudate wird die Cornea nur während stürmischer Exsudation getrübt. 
Sie erscheint dann in ihrer ganzen Ausdehnung matt, glanzlos, wie ein 
angehauchtes Glas, oder wie die Hornhaut an Cadavern. So wie die 
Gefässinjection und der heftige Supraorbitalschmerz — wovon später — 
nachgelassen haben, bekommt die Hornhaut wieder ihren Glanz und 
ihre Durchsichtigkeit, um sie beim Wiederauftreten dieser Zufälle 
(Nachschub von Exsudat) abermals auf einige Zeit einzubüssen. 

Gefässentwicklung in ganz durchsichtiger Hornhautsubstanz, Ver- 
grösserung der ganzen Cornea unbeschadet ihrer Durchsichtigkeit, Ab- 
lagerung von Kalkconcrementen in derselben, so wie eitrige Consum- 
tion als Folge von Druck und mangelhafter Ernährung sind seltene 
Folgen der Chorioiditis, auf die wir bei Besprechung der einzelnen 
Formen aufmerksam machen werden. 

Die obgenannte Trübung der Cornea, die wohl füglich als acutes 
Ödem derselben bezeichnet werden kann, wird in manchen Fällen (mit 
vorwaltend flüssigem Exsudate) durch Trübung des Kammerwassers 
scheinbar vermehrt. Es wird nämlich bei rascher Exsudation Pigment 
vom vordem Ende der Ciliarfortsätze, vielleicht auch von der Iris los- 
geschwemmt, und gibt dem Kammerwasser (vor der Pupille) das Aus- 
sehen, als ob Euss oder Tusch darin aufgelöst wäre. Wenn dann die 
Cornea ihren Glanz und ihre Durchsichtigkeit wieder erlangt hat, so 
kann man schwarze Punkte an ihrer hintern Fläche (in der untern 
Hälfte) präcipitirt finden, mit der Loupe oder schon mit freiem Auge 
(vergl. Sectionsbef. 1. Beob.). 

Eitererguss in die Augenkammer ist bei den durch Pyäinie und 
durch traumatische Eingriffe bedingten Formen nicht selten ein früh- 
zeitiges Symptom. Bluterguss kann bei chronischen Formen mit vor- 
waltend flüssigem Exsudate in späterer Zeit und zu wiederholten Malen 
auftreten. 

Ad d. Von grösster Wichtigkeit für die Diagnosis der Chorioiditis 
ist das Verhalten der Iris, zumal dann, wenn die Entzündung nicht 
von der Iris aus begann oder sich gleichzeitig auf diese erstreckt. 
Man begreift diess, wenn man sich erinnert, class die Iris ihre Nerven 
und die meisten ihrer Gefässe via chorioideae erhält. 

Zunächst leidet die Beilegung der Iris und mit ihr die normale 
Weite der Pupille. In Fällen, welche sich aus mehr weniger lange be- 
stehender Cougestion der Chorioidea allmälig entwickeln, findet man 
Anfangs keine Veränderung der Iris, ausser dass sie beim Wechsel des 
Lichtes langsamere uud kleinere Excursionen macht, und dass die Pu- 






Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 177 

pille etwas vergrössert erscheint. Bei raschem Ergüsse wird die Pupille 
meistens sehr stark erweitert und die Iris gänzlich gelähmt. Ungleich- 
massige Erweiterung lässt auf partielle oder partiell vorwiegende Ent- 
zündung der Chorioidea schliessen, und die schmälste Stelle der Iris 
entspricht dann dem Herde der Entzündung in der Chorioidea. Liegt 
die Partie, von welcher die Entzündung der Chorioidea ausgeht, z. B. 
an der Schläfeseite , so erscheint die Pupille nach dem Schläfewinkel 
hin erweitert, also eiförmig mit horizontalem Durchmesser u. s. w. — 
Bei Amaurosen, welche von der Netzhaut (mit unversehrter Chorioidea) 
oder vom Sehnerven ausgehen, sieht man nicht selten die Iris des völ- 
lig erblindeten Auges synergisch mit der Iris des andern, für Licht 
und Schatten noch empfindlichen Auges sich bewegen; bei Amaurosis 
von oder mit tieferem Chorioidealleiden ist dies nie der Fall. Gleich- 
massige Erweiterung der Pupille kann bei Amaurosis so gut wie bei 
Chorioiditis (und deren Ausgängen) vorkommen, ungleichmässige, buch- 
tige, ovale u. dgl. nur in Folge von Chorioiditis. 

Die Farbe der Iris kann lange Zeit, auch nach gänzlicher Erblin- 
dung, unverändert bleiben. Sie kann vorübergehend (durch Ödem) und 
scheinbar (durch Trübung der Hornhaut oder des Kammerwassers) ver- 
ändert sein. Bleibende Verfärbung der Iris tritt gewöhnlich erst später 
ein, wenn das Gewebe atrophisch wird. 

Mit dem Beginn der Atrophie des Irisgewebes wird die Iris matt, 
wie gebleicht, stellenweise oder durchaus, im Allgemeinen schmutzig 
grau, sie mag nun früher blau, grau oder braun gewesen sein. Der 
Pupillarrand erscheint dann als ein schwarzer Saum, wie von vorge- 
schobenem Pigmente. Das Gewebe der Iris verliert allmälig sein eigen- 
thümliches faseriges Aussehen, und der Unterschied zwischen dem 
grossen und kleinen Kreise geht verloren. Die Iris wird dünn, fast 
durchscheinend, und kann, wenn sie nicht durch Synechien an die 
Kapsel fixirt ist, auf einen nicht mehr wahrnehmbaren Saum zusam- 
menschrumpfen, stellenweise oder ringsherum. Ist irgendwo in der 
Sclera ein Staphylom vorhanden, so entspricht ihm auch die am meisten 
geschrumpfte Partie der Iris. — Atrophirung des Irisgewebes ist jedoch 
keineswegs eine nothwendige Folge einer jeden Chorioiditis. 

Über die ungleichmässige Erweiterung der Pupille bei Chorioiditis, namentlich bei 
jener Form, die Beer 1. c. B. I. S. 58J als Iritis arthritica beschrieben hat, lässt sich 
noch keine durchaus genügende Erklärung 'geben. Dass die später auftretende buchtige 
Erweiterung auf mehr weniger ausgebreiteter Atrophie der Iris und des Ciliarkörpers 
beruht, ist durch Sectionen erwiesen (vergl. Sectionsbef. 1. Beob.). Anders verhält es 
sich mit der während des Exsudatprocesses selbst vorkommenden, bald gleich-, bald un- 
gleichmässigen (buchtigen , ovalen) Erweiterung. Lähmung des Sphinkters durch Druck 
Arlt Augenheilkunde. II. 12 



178 Lederhaut. 

auf die Ciliarnerven kann nicht die Ursache sein, dass die Iris an einer oder der an- 
dern Stelle schmäler erscheint. Ph. v. Walther's*) Ansicht, die Pupille erscheine desshalb 
erweitert , weil die Netzhaut den Lichteindruck nicht mehr empfinde, folglich auch kein 
Keflex auf den N. oculomot. stattfinden könne, findet ihre Widerlegung einfach in der 
Thatsache, dass nach Lähmung der Netzhaut, Durchschneidung des Opticus u. s. w. die 
Pupille zwar grösser, niemals aber so wie nach Chorioiditis entrundet, oval etc. gefunden 
wird. Partielle oder doch partiell vorwaltende Entzündung der Chorioidea hinter der 
schmälern Partie der Iris ist ganz gewiss die Ursache, dass die Iris gegen den Ciliarrand 
zurückgezogen erscheint; das Wie aber weiss ich mir nicht zu erklären. Ich habe einige 
Male nach der Reclination von Cataracta eine solche ungleichmässige Erweiterung der 
Pupille beobachtet, wenn auch der Erfolg der Operation nicht durch nachfolgende allge- 
meine (ausgebreitete) Chorioiditis vereitelt wurde. Die Iris war nach unten oder nach 
unten und aussen schmäler; dabei war aber auch auf der Sclera unmittelbar hinter dieser 
Irispartie intensive Eöthe und starke Gefässinjection, selbst leichte ödematöse Schwellung 
der Conj. bulbi zu bemerken. Vielleicht muss mit der ungleichmässigen Erweiterung 
der Pupille der an glaucomatösen Augen beobachtete Sectionsbefund in Zusammenhang 
gebracht werden, dass die Iris an ihrer hintern Fläche mit faserstoffigem Exsudate belegt 
erschien. Vergl. Sectionsbefund 1 und 2. 

Die Lage der Iris wird in Folge von Chorioiditis sehr häufig und 
beträchtlich verändert. Rückwärts gezogen bloss mit dem kleinen oder 
auch mit dem grossen Kreise wird die Iris nur dann, wenn sie in 
Folge von Iritis mit der Linseukapsel verwachsen ist, und wenn das 
Chorioidealexsudat zusammengeschrumpft, also reich au Faserstoff ist» 
Vorwärts gedrängt werden (sammt der Linse) kann die Iris, gleichviel, 
ob die Pupille offen und erweitert, oder aber gesperrt ist, sowohl bei 
vorwaltend flüssigem, als auch bei faserstoffreichem Exsudate. Näheres 
hierüber bei den einzelnen Formen. 

Ad e. Noch wichtiger sind die Erscheinungen, welche die Unter- 
suchung der Pupille liefert. Vorausgesetzt, dass die Linse noch nicht 
getrübt — wovon später — und dass nicht etwa Iritis vorausgegangen 
oder gleichzeitig vorhanden ist, findet man die Pupille fast ohne Aus- 
nahme nicht nur erweitert, sondern auch ihrer normalen Schwärze ver- 
lustig, und zwar, wie schon der blosse Augenschein zeigt, vom Grunde 
des Auges her. 

Der Farbenton, welcher dem Beobachter aus der Tiefe der erwei- 
terten Pupille entgegen tritt, kann sehr mannigfaltig sein, weil von ver- 
schiedenen Umständen abhängig. — Je weiter die Pupille, desto weni- 
ger schwarz erscheint — ceteris paribus — ihr Hintergrund. — Je 
mehr die Linse vermöge der vorgerückten Jahre des Individuums be- 
reits eine gelbliche Farbe angenommen hat, desto weniger schwarz, 
desto mehr in's Mattgraue, Gelbliche oder Grünliche spielend erscheint 

*) System der Chirurgie. Freiburg, 1848. Bd. III. S. 224. 



Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 179 

der Grund des Auges. — Ist im Kammerwasser Pigment suspendirt, 
so erscheint die Pupille gleichsam rauchig, oder so, wie wenn den 
durchsichtigen Medien ein wenig Russ beigemengt wäre. 

Das wichtigste Moment ist die Veränderung an der hintern Wand 
des Bulbus selbst. So wie zwischen die Chorioidea und Netzhaut Ex- 
sudat eingeschoben wird, wird die Netzhaut, welche dann wohl selten 
oder niemals den ihr im normalen Zustande zukommenden Grad von 
Durchsichtigkeit behauptet, mehr weniger weit vor den Brennpunkt der 
Hornhaut und Linse vorwärts gerückt. Das Auge hat aufgehört, eine 
richtig accommodirte Camera obscura zu sein. — Nächstdem kann aber 
auch die Beschaffenheit des Exsudates für die Absorption und Reflexion 
der Lichtstrahlen nicht ohne wichtigen Einfluss sein. 

Geronnene faserstoffige Exsudate verwandeln den Grund des Auges 
in eine weisse oder weissgelbe Schale, welche alles auf sie fallende 
Licht reflectirt, und dadurch, dass dieses Licht die Linse und Horn- 
haut passiren muss, einen eigenthümlichen Glanz erhält. Solche Fälle 
gehören zu der Form, welche Beer „amaurotisches Katzenauge" ge- 
nannt hat. Die Ablagerung von Markschwamm in der Netzhaut oder 
Chorioidea kann ein sehr ähnliches Verhalten des Augengrundes bewir- 
ken, so dass die Diagnosis schwer und ohne länger fortgesetzte Beob- 
achtung des Falles selbst unmöglich werden kann. Dasselbe gilt von 
grössern, unvollständig resorbirten Blutergüssen. 

Flüssige (seröse, serösalbuminöse, faserstoffigseröse) Exsudate las- 
sen noch Licht bis zur Chorioidea, und von dieser wieder zurück durch 
die mehr weniger getrübte Netzhaut, den Glaskörper u. s. w. dringen, 
und modificiren das Aussehen des Augengrundes mannigfaltig. — Bei 
wenig gefärbtem und klarem Exsudate und wenig getrübter Netzhaut 
weichen- die Verhältnisse der Reflexion zu wenig von den gewöhnlichen 
ab, als dass eine auffallende Trübung oder Verfärbung des Augengrun- 
des sichtbar werden könnte. Bei klarem Exsudate geschieht es auch, 
dass die Netzhaut, durch die entzündliche Erweichung von der Ora 
serrata abgelöst und in einen trüben Strang zusammengefaltet, in dem 
Exsudate (und aufgelösten Glaskörper?) hin und her schwankt, so oft 
der Bulbus bewegt wird. — Bei flüssigen und mehr weniger durch- 
sichtigen Exsudaten muss die Beschaffenheit der Chorioidea, ihr Pig- 
mentgehalt und ihr Blutreichthum wohl in Anschlag gebracht werden. 
Letzterer ist jederzeit vermehrt, ersterer an der hintern Wandung des 
Bulbus nicht immer auffallend vermindert. Leuchtet schon im norma- 
len Zustande der Grund des Auges bei weiter Pupille mit einem röth- 

lichen Scheine, sobald der Beobachter die richtige Stellung zum einfal- 

12* 



180 Aderhaut. 

lenden Lichte gefunden hat, so muss diess in einem an Chorioiditis 
leidenden Auge um so mehr der Fall sein, wenn nur die Medien vor 
der Chorioidea farblos und nicht zu sehr getrübt sind. 

Bei der häufigsten Form von Chorioiditis, dem Glaucom, zeigt der 
Augengrund eine meer- oder bouteillengrüne Farbe mit einer eigen- 
thümlichen matten Trübung. Diese Trübung liegt tief hinter der Iris, 
zeigt keinen Schlagschatten von dieser, und tritt immer in der Rich- 
tung des einfallenden Lichtes am intensivsten hervor. Ist zugleich der 
Kern der Linse bereits verdunkelt, so erscheint auch diese meistens in 
etwas grünlichem Lichte; die Trübung ist aber dann der Iris näher 
gelegen, so wie bei Cataracta überhaupt, und immer im Centrum am 
meisten saturirt, in welcher Richtung man auch das Licht einfallen 
lassen und in die Pupille hineinsehen mag. 

Makenzie*), Canstatt**) und Sichel"**) haben den grünlichen Teint aus der Mi- 
schung gelber und blauer Lichtstrahlen zu erklären versucht. Ihre Ansicht geht dahin, 
dass die gelben Strahlen von der Linse, die blauen von der Chorioidea geliefert werden. 
Makenzie spricht sich über letztere nur vermuthend aus ; Sichel meint, die Chorioidea 
nehme bei venöser Congestion eine bläuliche, nach verlaufener Entzündung eine violette 
Farbe an. Ersteres lässt sich überhaupt nicht durch Sectionen nachweisen, letzteres fand 
ich nicht bestätigt (vergl. oben Sectionsbefunde). — Bringt man eine etwas gelb gewor- 
dene Linse (von einem altern Individuum) auf eine Unterlage , welche eben nicht blau, 
sondern überhaupt nur dunkel zu sein braucht, so erscheint die Linse bei durchgehendem 
(von der Unterlage durch die Linse reflectirtem) Lichte ganz deutlich grünlich. — Es 
kann aber auch noch eine ganz andere physikalische Erklärung gegeben werden. Die 
vordem Ciliargefässe z. B. erscheinen uns bläulich , weil ihr Blut durch eine durchschei- 
nende lichte Membran , die Tunica vaginalis bulbi , gedeckt ist. Je dünner die Sclera 
bei grossem Blutreichthume der Chorioidea, wie namentlich bei kleinen Kindern, desto 
mehr erscheint sie blau. Wenn nun vor der von Blut strotzenden Chorioidea eine durch- 
scheinende Exsudatschichte und die mehr weniger getrübte lichtfarbige Netzhaut liegt, 
so kann sie aus gleichem Grunde wie die Ciliargefässe blaues Licht reflectiren, welches 
dann, durch die gelbliche Linse durchgehend, dem Beobachter als schmutzig grün er- 
scheinen wird. — Wir dürfen übrigens die Begriffe „Trübung" und „Farbenveränderung" 
der Pupille nicht, wie gewöhnlich, mit einander verwechseln. Der Grund des Auges 
kann verfärbt, z. B. goldgelb, grau, röthlich u. dgl. und dabei doch ganz klar erschei- 
nen. Hiezu gehört, dass die vor dem Augengrunde liegenden Medien ganz klar sind, und 
dass alles reflectirte Licht von einem und demselben Planum ausgeht. Wird aber das Licht 
von verschieden tief gelegenen Partikelchen des Augengrundes reflectirt, wie bei serös- 
albuminösem Exsudate und halbdurchsichtiger Netzhaut, so muss derselbe jederzeit mehr 
weniger trüb (nebelig) erscheinen. Bei klarem Chorioidealexsudate und durchsichtiger 
Netzhaut kann daher der Grund der Pupille schwarz oder röthlich, niemals jedoch getrübt 
erscheinen. Durch feste Ablagerungen in der Netzhaut oder zwischen dieser und der 

*) Krankheiten des Auges. Weimar, 1832. 
**) Über den Markschwamm des Auges. Würzburg, 1831. 
***) Bei Canstatt und in Cunier annales d'oculist. T. V. p. 184. 






Entzündung im Allgemeinen — Symptome. 181 

Chorioidea kann die rupillc verschieden verfärbt, aber nicht getrübt werden. Verfärbung 
und Trübung des Augengrundes zugleich finden wir beim Glaucom, weil dieselben Be- 
dingungen stattfinden, wie bei trübem "Wasser, das die Lichtstrahlen aus verschiedener 
Tiefe zum Auge des Beobachters sendet. 

Wenn man die physikalischen Bedingungen, welche auf die Trübung 
und Verfärbung des Augengrundes Einfluss nehmen, im Allgemeinen 
kennt und am Krankenbette richtig anzuwenden bemüht ist, dann wird 
man auch hierin niemals ein pathognomonisches Zeichen für Chorioiditis 
überhaupt oder auch nur für eine Unterart derselben suchen. So kann 
z. B. bei jener Form von Chorioiditis, welche von der grünlichen Trü- 
bung des Augengrundes den Namen Glaucoma erhalten hat, gerade 
dieses Symptom zur Zeit der Beobachtung fehlen, und andrerseits kann 
ein grünlicher Reflex auch aus einem Auge zurückstrahlen, welches an 
nichts weniger als an Chorioiditis leidet. Siehe unten: Cataracta. 

Verdunklung der Kry stalllinse allein oder auch der vordem Kap- 
sel ist eine häufige Folge der Chorioiditis. Es gibt wohl kein durch 
Chorioiditis erblindetes Auge, an welchem nach längerer Zeit die Linse 
noch normal befunden würde. Da aber die Trübung der Linse bei 
weitem häufiger ohne Spur vorausgegangener Chorioiditis beobachtet 
wird, so kann dieses Symptom für die Diagnosis der Chorioiditis nie 
von Bedeutung sein. Wichtiger ist die Lageveränderung des Krystall- 
körpers, deren schon bei den Veränderungen, welche die Iris erleidet, 
gedacht wurde, und auf welche wir bei der Lehre von den Krankhei- 
ten der Linse zu sprechen kommen werden. Die Verbindung des Kry - 
stallkörpers mit den Ciliarfortsätzen kann einerseits durch Atrophie 
des Ciliarkörpers und andrerseits durch Verschrumpfung der vordem 
Kapsel aufgehoben werden. In der Linse selbst erfolgt entweder In- 
duration oder aber Erweichung, späterhin bisweilen allmälige Umwand- 
lung in Kalkconcremente. 

Ad f. Abnahme der Sehkraft und verschiedene subjective Licht- 
empfindungen sind die constanten Erscheinungen, welche jede Chorioi- 
ditis vermöge ihres Einflusses auf die Netzhaut mit sich führt. Sie 
entstehen durch den Druck, welchen die mit Blut überfüllte und ge- 
sehwellte Chorioidea, späterhin das an ihre innere Fläche ausgeschie- 
dene Exsudat auf die Netzhaut ausüben. Ist die Chorioiditis partiell, 
so kann auch die Lähmung der Netzhaut längere Zeit partiell sein, 
allmälig dehnt sie sich aber auf die ganze Ausbreitung des Sehner- 
ven aus. 

Die Abnahme der Sehkraft erfolgt in acuten Fällen plötzlich und 
meistens unter lästigen Lichterscheinungen in wenig Tagen oder Stun- 



182 Aderhaut. 

den, in chronischen Fällen alknälig, und zwar stetig oder schubweise, 
und es können Monate, Jahre vergehen, ehe völlige Blindheit ausge- 
sprochen ist. 

Nur bei Fällen chronischen Verlaufes, und auch da im Ganzen 
sehr selten, kann man mitunter den Beginn der Krankheit aus ander- 
weitigen Symptomen erkennen, bevor der Kranke noch über Abnahme 
der Sehkraft selbst klagt. 

Minder selten geschieht es, dass das Gesicht zu Anfang nur an- 
fallsweise durch einige Stunden oder Tage getrübt wird, wie durch 
einen leichten Rauch oder Nebel, und zwar entweder ohne sonstige 
subjective Erscheinungen, oder unter Photopsien, Lichtscheu, Gefühl 
von Druck im Auge oder Vorderkopfe, oder unter heftigen Schmerzen 
nach dem Verlaufe des N. supra- oder infraorbitalis. 

In den meisten Fällen chronischen Verlaufes klagen die Kranken 
über stetig oder schubweise zunehmenden Rauch oder Nebel, der die 
Objecte einhüllt und undeutlich, zuletzt unsichtbar macht. Viele dieser 
letztern machen auch die Bemerkung, dass sie in den Morgenstunden 
minder schlecht sehen, als gegen Mittag und Abends. 

Von den verschiedenen subjectiven Erscheinungen von Seite der 
Netzhaut werden wir bei den einzelnen Formen sprechen. 

Ad g. Durch die Reizung und den Druck, welchen die Ciliarner- 
ven erleiden, erklären sich die dumpfen Schmerzen im Auge und die 
grosse Empfindlichkeit gegen das Licht, welche manche Fälle begleiten, 
und nach dem bekannten Gesetze der sympathischen peripheren Rei- 
zung in andern Zweigen des Trigeminus der Thränenfluss und die 
manchmal zu einem fürchterlichen Grade gesteigerten Schmerzen nach 
dem Verlaufe des N. supra- und infraorbitalis. Die Empfindlichkeit 
gegen das Tageslicht ist bisweilen auch dann noch lästig, wenn der 
Kranke schon keinen Gegenstand mehr erkennt. 

Auffallend ist, wie bei Iritis, in vielen Fällen die gedrückte Ge- 
müthsstimmung, die Appetitlosigkeit, das Auftreten von Brechneigung 
und wirklichem Erbrechen. 

Fieber kann durch jede Chorioiditis mit rascher Exsudation erregt 
werden; bei Chorioiditis pyaemica geht es der Affection am Auge 
voraus. 

Verlauf und Ausgänge. Der Verlauf ist bald sehr langsam, so 
dass Jahre vergehen, bevor es zur völligen Erblindung kommt, bald ist 
die Sehkraft sehr schnell, selbst binnen 24 Stunden temporär oder für 
immer verloren. Manche Formen lassen noch Rettung der Sehkraft zu, 
wenn noch bei Zeiten eine entsprechende Behandlung eingeleitet wer- 



Entzündung im Allgemeinen — Ätiologie. 183 

den kann, in andern muss gleich von vorn herein, sobald nur der Ex- 
sudationsprocess diagnosticirt werden kann, die Prognosis rücksichtlich 
der Sehkraft oder selbst auch rücksichtlich der Form des Auges ab- 
solut ungünstig gestellt werden. 

Die jeweilige Gruppirung der Symptome, ihre Reihenfolge und die 
Ausgänge gestalten sich je nach der Beschaffenheit der Exsudate und 
in letzter Instanz nach der Verschiedenheit der ätiologischen Momente 
so mannigfaltig verschieden, dass sich nur von einzelnen Formen, 
nicht aber von der Chorioiditis im Allgemeinen eine Schilderung ent- 
werfen lässt. 

Ätiologie. Verletzungen des Bulbus, absichtliche (Operationen) 
oder zufällige, sind häufig an und für sich hinreichend, dass sich die 
Cliorioidea allein oder zugleich mit andern Gebilden entzündet; in an- 
dern Fällen geben sie hiezu gleichsam nur den ersten Impuls. Das- 
selbe gilt von Verkältüng der Augengegend allein oder des ganzen 
Körpers. Übermässige Anstrengung der Augen scheint nur im Verein 
mit Störungen in der Circulation, namentlich im Pfortadersysteme oder 
durch organische Herzfehler zu Congestion und seröser Exsudation in 
der Cliorioidea zu führen. 

Von Allgemeinleiden sind es Pt/ämie, Tuberculosis, selten Syphilis, 
am häufigsten venöse Dyskrasie, welche sich so zu sagen in der Clio- 
rioidea localisiren. Näheres hierüber kann erst bei den einzelnen For- 
men angegeben werden. 

Consecu tiv tritt Chorioiditis zu Iritis, namentlich zu Iritis chronica 
bei verschiedenen Allgemeinleiden, und zu Keratitis mit Eiterung und 
Durchbruch der Cornea, namentlich nach Berstung überhäuteter Iris- 
vorfälle und nach allmäliger Ausdehnung von Hornhautnarben. So wie 
Iritis kann auch Chorioiditis die nächste Ursache sein, dass ein Auge 
erblindet, nachdem das andere durch Eiterung zerstört worden ist. 

Formell. Bei dem Bestreben, eine grössere Zahl verschiedener Fälle von Cho- 
rioiditis übersichtlich zusammen zu stellen und zu ordnen, kann man von zwei verschie- 
denen Principien ausgehen, von der Beschaffenheit des Exsudates, oder von den ätiologi- 
schen Momenten. Xach jenem erhielten -wir: Chorioiditis mit vorwaltend serösem, serös- 
albuminösem, und faserstoffigem Exsudate, letzteres plastisch, tuberculös oder croupös ; 
nach diesem hingegen Chorioiditis traumatica, rheumatica, pyaemica, tuberculosa etc. 
Die Diagnosis, welche übrigens die Beschaffenheit des Exsudates so weit als möglich in 
sich schliessen muss, lässt sich indessen oft nur bei Berücksichtigung der ätiologischen Mo- 
mente feststellen. Zudem mahnt die Eintheilung nach den ätiologischen Momenten den 
Arzt jederzeit daran, dass er die krankhaften Veränderungen am Auge unter steter Be- 
rücksichtigung des Gesammtorganismus und der Lebensverhältnisse des Individuums auf- 
zufassen habe, während man sich sonst nur zu leicht verwöhnt, sich mit der möglichst 



184 Aderhaut. 

genauen Bestimmung des örtlichen Befundes zufrieden zu stellen, und sich so dem prak- 
tischen Theile der Aufgabe des Arztes zu entfremden. Diess bestimmt mich, letztere Ein- 
theilung der ersteren vorzuziehen. Ein so vollständiges Schema, dass jeder vorkommende 
Fall ohne Weiteres in eine oder die andere Rubrik desselben eingereiht werden könnte, 
lässt sich Überhaupt nie erreichen, man mag nun dieses oder jenes oder ein anderes Prin- 
cip der Eintheilung zu Grunde legen. 

1. Chorioiditis e congestione chronica 

(Chorioiditis simplex, Amblyopia et Ainaur. congest., Cirsophthalmia, Hydrops 

sub cliorioidea etc.) 

Blutüberfüllung, Gefässer Weiterung und Serumerguss zwischen die 
Chorioidea und Ketina bilden das Wesentliche der anatomischen Ver- 
änderungen in den hieher gehörigen Fällen. 

Allniälige oder ruckweise Abnahme der Sehkraft unter verschiede- 
nen subjectiven Erscheinungen, träge oder aufgehobene Beweglichkeit der 
Iris bei unveränderter Farbe und Faserung, mehr weniger starke Er- 
Weiterung der Pupille bei völliger Schwärze oder nur geringer Verfär- 
bung und Trübung, vermehrte Injection der vordem Ciliargefässe und 
erhöhte Resistenz des Bulbus nebst dem Gefühle von Spamiung in den 
Augen oder von dumpfen Schmerzen im Vorderhaupte — sind die 
wichtigsten und beständigsten Symptome während und kurz nach er- 
folgter Exsudation. 

Vorauszugehen und bisweilen noch längere Zeit fortzubestehen pfle- 
gen verschiedene, durch Druck der erweiterten Gefässe oder des Exsu- 
dates auf die Netzhaut bedingte Lichtempfi?idu?igen. Gewöhnlich klagen 
die Kranken über kleine Wolken vor dem Auge, oder über dunkle 
Punkte oder Flecke, welche immer dieselbe Stelle des Sehfeldes ein- 
nehmen, gewisse Stellen, z. B. das Centrum, oder die eine Hälfte von 
den fixirten Objecten verdecken, und sich durch diese relative Unbe- 
weglichkeit von den sogenannten fliegenden Mücken unterscheiden. In 
andern Fällen erscheinen Funken, Sterne, Blitze, blaue Flammeu u. dgL 
bei offenen oder bloss bei geschlossenen Augen, bei Tage oder bloss 
in der Dämmerung. Gewöhnlich sind diese Erscheinungen im Dunkeln 
hell, glänzend, leuchtend, im Hellen dagegen matt, grau oder schwarz. 
— Alle Momente, welche das Gefässsystem aufregen, oder die Circula- 
tion hemmen, der Genuss geistiger Getränke, stärkere körperliche Be- 
wegung, Anstrengung der Augen, Gemüthsaffecte , gebückte Stellung, 
Heben oder Tragen von Lasten u. dgl. rufen diese Erscheinungen her- 
vor oder steigern sie. 

Nach längerem Bestände des Exsudationsprocesses kann die Sclera 
verfärbt, selbst ektatisch, der ganze Bulbus vergrössert und glotzend 



Entzündung in Folge von Congestion. 185 

werden; dann bietet auch die Iris die Zeichen der Lähmung, manch- 
mal auch die der partiellen oder totalen Atrophie dar. Die Vergröße- 
rung des Bulbus pflegt von heftigen, oft unerträglichen Kopfschmerzen 
begleitet zu werden. — Während einzelner Nachschübe von Exsudat, 
welche bisweilen in Folge äusserer Einflüsse, z. B. Verkältung, stärke- 
rer Aufregung u. dgl. stürmisch erfolgen, kann die Pupille durch Trü- 
bung des Kammerwassers ein rauchiges Aussehen bekommen. Auch 
Hypoaema habe ich in Fällen mit Scleralektasien beobachtet. — Bis- 
weilen tritt noch vor völliger Ertödtung der Netzhaut Cataracta dazu, 
lenticularis allein oder auch capsularis. Bei noch deutlicher Licht- 
emplindung und wenig oder gar nicht veränderter Iris kann man dann 
das Chorioidealleiden leicht übersehen. Staare, die zufolge congestiver 
oder entzündlicher Zustände der Chorioidea entstehen, pflegen weich 
zu sein, und sammt der Iris etwas weiter nach vorn gerückt zu er- 
scheinen. Man muss in solchen Fällen das Verhalten der vordem Ci- 
liargefässe, die Resistenz des Bulbus, bei nicht zu weit vorgeschritte- 
ner Trübung der Linse das Verhältniss zwischen der Functionsstörung 
und dem sichtbaren mechanischen Hindernisse, und aus der Anamnesis 
insbesondere den Umstand berücksichtigen, ob Erscheinungen von Druck 
auf die Netzhaut oder dumpfe Kopfschmerzen vorausgegangen sind. 

Die Krankheit entwickelt sich (nach meinen Beobachtungen) vor- 
züglich im Jünglings- und Mannesalter, nach übermässiger Anstrengung 
der Augen bei sitzender Lebensweise, nach übermässigem Genüsse gei- 
stiger Getränke, bei Individuen mit Aorten- und Herzkrankheiten, bei 
Individuen mit bläulich rothein Gesichte und glotzenden Augen, bei ha- 
bitueller Stuhlverstopfung, Menstruationsanomalien. Sie befällt beide 
Augen zugleich oder in kurzer Zeit nach einander. 

Die Prugnosis richtet sich theils nach dem Grade, bis zu welchem 
die Krankheit vorgeschritten ist, theils nach den ätiologischen Momen- 
ten, welche leider nur zu oft nicht beseitigt oder unschädlich gemacht 
werden können. Daher ist die Heilung oder Besserung oft nur tempo- 
rär, und der Kranke verfällt endlich doch dem Schicksale der gänz- 
lichen Erblindung. 

Die Behandlung ergibt sich aus der Berücksichtigung des Gesagten 
im Allgemeinen von selbst. Die Mittel und Methoden, welche mir 
Nutzen gewährten, sind in den nachfolgenden Krankengeschichten an- 
gedeutet. 

1. Beobachtung. L. J., 28 Jahre alt, Richteramtscandidat, kam am 24. Juli 1847 in die 
Anstalt. Er v>"ar auf dem rechten Auge allmälig erblindet, angeblich nach einem Schlage auf 
dasselbe vor 10 Jahren. Wir fanden Cataracta lenticularis mit deutlicher Lichtempfindung und 



186 Aderhaut. 

Strabismus convergens, der sich nach und nach eingestellt hatte. Der Mann lebte unter 
dürftigen Verhältnissen, und musste fast den ganzen Tag in der Kanzlei eines Advocaten schrei- 
ben. Vor neun Tagen bekam er nach einem Spaziergange an einem heissen Tage plötzlich 
druckenden anhaltenden Kopfschmerz in der Scheitelgegend und Vorschweben von dunklen 
Flocken und Streifen vor dem linken Auge. Letztere Erscheinung hörte zwar denselben 
Tag wieder auf, und am Morgen des folgenden Tages sah er durch einige Stunden wieder 
so gut, wie früher. Als er jedoch einige Stunden geschrieben hatte, bildete sich vor 
dem linken Auge ein Nebel, und der Kopfschmerz in der Scheitelgegend wurde heftiger. 
Die völlige Wiederkehr der Sehkraft in den Morgenstunden und das Wiedereintreten des 
Trübsehens und des Kopfschmerzes nach einiger Arbeit fand durch 3 Tage ohne alle andere 
Erscheinungen statt ; dann aber gesellte sich das Sehen von hellen Kadern bei offenen und 
geschlossenen Augen dazu, und er konnte zuletzt gar nicht mehr arbeiten. Wir fanden an dem 
Auge ausser stärkerer Injection der Ciliargefässe nichts Abnormes. Er erkannte die feinsten 
Objecte, musste sie jedoch dem Auge sehr nahe bringen, und hielt deren Fixirung nicht 
lange aus. Ein ruhiges Verhalten beim Gebrauch kleiner Gaben von Tart. stibiatus — da 
der Puls aufgeregt und die Temperatur des Kopfes erhöht war — reichte hin, dass alle 
genannten Erscheinungen in wenig Tagen ausblieben und der Kranke Ende des Monates 
(scheinbar) genesen die Anstalt A r erlassen konnte. 

Am 9. October 184S kam er in bedeutend verschlimmertem Zustande zurück. Schon 
einige Wochen nach seiner Entlassung war das Nebelsehen nach längerem Herumgehen oder 
nach längerem Schreiben zurückgekehrt, und allmälig continuirlich geworden. Statt der lieh" 
ten Räder hatten sich helle, lichte Streifen eingestellt. Seit einigen Monaten war er ohne 
Beschäftigung in seiner Heimath gewesen. Wir nahmen nun den Zustand genauer auf als das 
erste Mal. — Die Augen etwas glotzend, besonders das linke, und härter anzufühlen. — Lider 
und Bindehaut normal, ihre Gefässe jedoch zahlreicher und stärker injicirt. Hörn- und Regen- 
bogenhaut normal. Rechts nicht nur die Linse , sondern auch die mittlere Partie der 
vordem Kapsel getrübt, die Lichtempfindung deutlich. Links die Pupille schwarz, bei 
hellerem Lichte enger, vollkommen rund; der Kranke erkennt das Gepräge von Geld- 
münzen, die Zeiger einer kleinen Taschenuhr, kann jedoch nicht lesen, ausser sehr 
grossen Druck. Das Gesicht gewöhnlich roth und wärmer, turgescirend , der Puls sehr 
voll, nicht beschleunigt. Die Untersuchung des Herzens ergab eine massige Insuffizienz 
der Mitralklappen. 

Wir verordneten ruhiges Verhalten , vorwaltend vegetabilische Kost , von Zeit zu 
Zeit blutige Schröpfköpfe längs der Wirbelsäule, innerlich einige Zeit Tart. stibiatus refr. 
dosi mit Glaubersalz , dann Infusum fol. digit. purp. , später Decoct. graminis mit Kali 
tartar., zuletzt durch längere Zeit Cremor tartari mit Saccharum. Das Sehvermögen wurde 
wohl zeitweilig etwas besser, dann aber wieder schlechter, und wir mussten den Kranken 
endlich Mitte Jäner 1849 ungeheilt entlassen. 

Als er Anfang Februar z\irückkehrte , waren die Pupillen für gewöhnlich etwas 
grösser, als früher bei gleicher Beleuchtung, und es entwickelte sich unter unsern Augen 
— er blieb bis Mitte April in der Anstalt — allmälig Trübung der Linse. Zunächst be- 
merkten wir nach unten und aussen etwa 2 / s "' vom Rande der Linse einwärts (gegen 
ihr Centrum hin) eine kleine, unrcgelmässige , lichtgraue Trübung, dem Sitze nach ent- 
weder in der Kapsel selbst oder knapp an ihr in der Rindensubstanz. Wir untersuchten 
diese Stelle , die sich allmälig gegen das Centrum und nach den Seiten hin ausbreitete, 
und mehr ein milch- dann kreideweisses Aussehen annahm, zu wiederholten Malen und 
bei verschiedener Beleuchtung mit einer scharfen Loupe, konnten jedoch niemals Gefäss- 



Entzündung in Folge von Congestion. 187 

entwicklung wahrnehmen. Wurde die Pupille möglichst stark durch Belladonna erweitert, 
so sah man, dass die Trübung nicht bis zum Rande der Kapsel reichte, sondern l /a — 2 /3'" 
vom Eande derselben anfing, und von dem durchsichtigen Randtheile der Kapsel scharf 
abgegrenzt war. Dieses Hinzutreten von Kapselstaar war uns nachträglich ein Beweis 
mehr, dass der Frocess am Auge nichts anderes gewesen als Chorioiditis, die Anfangs 
als Amblyopia — Amaurosis congestiva aufgetreten war. 

2. Beobachtung. Fraulein St. v. B. , 28 Jahre alt, trat Anfang Februar 1843 in 
meine Behandlung, nachdem sie von zwei Ärzten längere Zeit an „Amblyopia conge- 
stiva" behandelt worden war. Sie war gross, hager, blond, mit lichtblauer Iris, von 
bläulich rother Gesichtsfarbe, von sehr lebhaftem Temperamente. Sie litt — nach Angabe 
des Prof. Jaksch — an Hypertrophia cordis. — Ich fand das linke Auge etwas mehr 
hervorragend, prall anzufühlen, die Farbe der Iris minder lebhaft und rein, als am rechten 
Auge , die Pupille mittelgross, nicht rein schwarz, sondern so wie wenn Tusch oder Euss 
darin aufgelöst wäre; die Bewegung der Iris sehr beschränkt, das Sehvermögen bis auf 
Lichtempfindung erloschen; die Subconjunctivalgefässe des Bulbus stark turgescirend. 
Dieses Auge war in Zeit von zwei Jahren allmälig ohne auffallende entzündliche Er- 
scheinungen erblindet. 

Mit dem rechten Auge sah sie noch, konnte stricken , selbst etwas lesen, doch nur 
Buchstaben von mindestens 2"' Höhe, besser die ersten Buchstaben längerer "Wörter. Sie 
sagte, sie sehe Alles, aber dunkel, und es verwische sich Alles, sobald sie es länger 
betrachte. Sie wendete bald das Auge, bald das Buch, gleichsam als müsse sie durch 
eine bewegliche Spalte durchblicken, die nur in einer gewissen Richtung Licht durchlässt. 
Das Auge war etwas gespannt, die Sclera bläulich weiss, von stark erweiterten Gefässen, 
die sich vorn in der Tiefe verloren, überzogen; die Iris blau, lebhaft beweglich, die 
Pupille dem Lichtgrade entsprechend weit und rein schwarz. 

Das Übel hatte hier im November (vor 3 Monaten)J begonnen, nachdem die Kranke 
sich mit feinen Arbeiten (Stickereien) viel angestrengt hatte. Anfangs waren die Er- 
scheinungen wie nach Überreizung der Sehkraft überhaupt aufgetreten, Thränen, Übergehen 
der Augen, vorübergehender Xebel, bisweilen Funkensehen ; später zeigten sich dunkle 
Flecke vor dem Atige , welche vor den fixirten Objecten schwebten. Bei körperlicher 
und geistiger Ruhe und des Morgens befand sie sich besser, Körper- oder Gemüths- 
■aufregung verschlimmerte den Zustand und erregte zugleich dumpfe Kopfschmerzen. Sie 
klagte, dass ihre Hände und Füsse immer kalt seien, dass ihr dagegen das Blut oft ohne 
Teranlassung gegen den Kopf ströme, und ihre Wangen glühen. Wegen habitueller Stuhl- 
verstopfung hatte sie seit Jahren Abführmittel gebraucht, in der letzten Zeit Saidschützer 
Wasser, das ihr am besten bekam. Die Menstruation trat regelmässig, aber sparsam ein. 
Xach einem in der letzten Zeit vorgenommenen Aderlasse hatte sich eher Verschlimme- 
rung als Besserung ihres Zustandes eingestellt. 

Um nicht weitschweifig zu werden, will ich von diesem Falle nur noch das bemerken, 
dass die Kranke binnen Jahresfrist gänzlich erblindete, und gegenwärtig (1852) auf beiden 
Augen das Bild eines völlig ausgebildeten Glaucoms (mit Ausnahme der grünlichen Färbung 
der Pupillen) darbietet ; auf dem linken ist auch die Linse verdunkelt. In den ersten Monaten 
llS43i konnte man die stufenweise Zunahme des Übels daran erkennen, dass von Zeit 
zu Zeit die Pupille auf einige Tage trüb wurde, so wie wenn Tusch im Kammerwasser 
aufgelöst wäre, wobei jedesmal das Sehvermögen auf eine niedrigere Stufe herabsank. 
Dann wurde die Pupille wieder rein, die Iris in ihren Bewegungen freier, und das Seh- 
vermögen etwas besser, ohne jedoch den Grad vor dem Anfalle wieder zu erreichen. 



188 Aderhaut. 

Endlich wurde der Nebel dichter, es trat öfter die Erscheinung lichter gelber Scheiben 
ein, „so wie wenn man in die Sonne gesehen hat" und noch längere Zeit nach gänz- 
lichem Erlöschen der Sehkraft wechselten „helle und dunkle Tage," wovon die ersteren 
sie am meisten belästigten, weil sie meinte, sie müsse durch den lichten dichten Nebel 
hindurch sehen. 

3. Beob. K. J., 29 Jahre alt, Polizeisoldat, von starkem Körperbaue und blaurother 
Gesichtsfarbe, mit Glotzaugen (von Jugend auf?), kam am 27. Novemb. 1841 in's Spital. 
Zustand des linken Auges: Der Bulbus vergrössert, hart anzufühlen; die Vergrösserung 
kömmt auf Rechnung blauer Hügel und Wülste der Sclera, welche 2—3'" hinter der 
Cornea beginnen, und nach innen und unten, dann nach oben und aussen am stärksten 
entwickelt sind, nur nach oben liegt ein kleiner dunkelblauer JJügel ganz nahe an der 
Basis corneae. Auf der Sclera erscheinen überdiess viele einzelne sehr erweiterte Gefässe, 
von den Insertionsstellen der Muse, recti kommend, und nahe an der Cornea sich in die 
Sclera einsenkend, zum Theil auch auf derselben sich verästelnd. Unterbricht man durch 
Andrücken des Lides mit dem Finger für einen Augenblick den Blutstrom, so kann man 
in dem Momente, wo man das Lid wieder abzieht, in den dunkler gefärbten und mehr 
gestreckt verlaufenden das Blut von der Cornea her, dagegen in den heller gefärbten 
und geschlängelt verlaufenden von den Muskeln her in das momentan entleerte Gefäss 
einströmen sehen. Erstere sind also Venen, letztere Arterien. Die Hornhaut, übrigens 
normal, scheint von oben her etwas verkleinert zu sein , indem der Scleralfalz und der 
Bindehautstamm daselbst breiter sind. Die Pupille misst über i'" im Durchmesser, indem 
die unbewegliche, lichtblaue Iris auf einen schmalen Saum zusammengeschrumpft erscheint, 
an dem man keine deutliche Faserung mehr erkennen kann. Die Linse weiter nach vorn 
gelagert, verdunkelt, weissgrau, in der Mitte mit einem kreideweissen, etwa erbsengrossen, 
am Bande scharf begrenzten, doch etwas zackigen Flecke belegt. Zwischen dem Rande 
der Linse und dem schwarzbraunen Pupillarrande der Iris kann man noch gleichsam in 
die Tiefe sehen (dunkler Reifen rings um die Linse). 

Dieses Auge ist schon seit mehreren Jahren gänzlich erblindet. Der Kranke erhielt 
im 15. Jahre einen kräftig geführten Bajonnetstich in die Gegend des linken Augen- 
brauenbogens, welcher unter der Haut 1" weit gegen die Stirn hinauf ging; die Wunde 
heilte ohne Nachtheil für's Auge. Im 19. Jahre entstand, nach einer Blatter auf der 
linken Wange , ein Gesichtsrothlauf , wobei die Lider beider Augen so geschwollen 
waren, dass er sie nicht öffnen konnte. Die Lider blieben längere Zeit schlaff, und die 
Krankheit endigte mit Abschuppung. Seitdem soll das Gesicht des linken Auges etwas 
schwächer geworden sein ; doch begann die eigentliche (störende) Gesichtsabnahme des- 
selben erst im 21. Lebensjahre, und nahm in den folgenden 5 Jahren so überhand, dass 
er in seinem 25. Jahre mit diesem Auge ferne Gegenstände gar nicht wahrnehmen, und 
selbst mittleren Druck nur mit Anstrengung lesen konnte. Dabei erweiterte sich die Pupille 
allmälig mehr und mehr, blieb jedoch schwarz. Um diese Zeit soll auch einmal nach 
drückenden Schmerzen in der Stirn und starkem Schwindel ein eiteiartiger, stinkender 
Ausfluss aus der Nase durch 5 Tage stattgefunden haben, worauf das Augenübel rascher 
zunahm. Im 26. Jahre war der Mann bei einem Feldlager grossen Strapazen und vielem 
Staube ausgesetzt, wobei sich das Auge öfter röthete, die Pupille ohne alle Schmerzen 
nach und nach grau und endlich weiss wurde, aber doch noch grössere Gegenstände 
wahrgenommen werden konnten. Ein halbes Jahr darauf, im Winter, röthete sieh das 
Auge neuerdings unter etwas Lichtscheu, Thränenfluss und drückenden Schmerzen in und 
hinter dun Auge und in der Stirn mit dem Gefühle, als würde der Kopf zusammen- 



Entzündung in Folge von Congestion. 189 

geschraubt. Diese Schmerzen, bei Tage nicht vorhanden, traten nur Abends ein, und 
nahmen bis Mitternacht zu. Ein halbes Jahr später, also vor 2 Jahren, nachdem bereits 
alle Sehkraft erloschen war, entstanden allmälig und ohne Schmerz oder Röthe die 
blauen Wülste in der Sclera und erreichten binnen 4 Wochen die gegenwärtige Grösse 
und Gestalt. Zu derselben Zeit begann auch das Sehvermögen am rechten Auge schwä- 
cher zu werden; dabei wurde die Pupille ohne Röthe, ohne Schmerz im Auge weiter 
und weiter. 

Rechtes Auge: Der Bulbus glotzend, hart, frei beweglich. Die Sclera schmutzig 
weiss, ins Gelbliche spielend; die vordem Ciliargefässe stark erweitert, die Hornhaut 
normal. Die Iris blassblau, beweglich, die Pupille erweitert, nicht völlig schwarz, gleich- 
sam rauchig, das Sehvermögen ist merklich geschwächt; er kann nur grossen Druck und 
nur auf kurze Zeit lesen ; ferne Gegenstände nimmt er noch weniger wahr ; gegen Mittag 
und Abend, besonders aber nach jeder Anstrengung bekommt er einen leichten Nebel 
vor das Auge, der dann auch das Sehen naher Gegenstände erschwert oder ganz ver- 
hindert. Nach starker Anstrengung, z. B. beim Exerciren in den Morgenstunden, bilden 
sich selbst feurige Bäder vor den Augen, welche, wenn er sich niederlegt und schläft, 
verschwinden, sonst aber bis Abends fortdauern. Der Kranke leidet häufig an Kopf- 
sehmerzen, besonders nach jeder stärkern Bewegung; er fühlt dann, wie er sich aus- 
drückt, das Blut heiss gegen den Kopf strömen, und bekommt selbst Schwindel, den 
letzteren auch, wenn er Bier getrunken hat. 

Wir konnten keine Ursache dieser Erscheinungen auffinden ; er litt nicht an Unter- 
leibsbeschwerden ; Auscultation und Percussion ergaben weder eine Herz- noch eine 
Lungenkrankheit. Demnach war unser Heilverfahren mehr symptomatisch. Wir gaben 
Anfangs ein Decoct. graminis mit Tart. tartaris., zum Getränke Wasser mit Weinstein, 
setzten den Mann auf sparsame Kost (Suppe, eine Semmel, gekochte Pflaumen), und em- 
pfahlen ihm die möglichste Buhe des Körpers und Gemüthes. Dennoch kamen einige 
Male Anfälle von heftigem Blutandrange zum Kopfe ; dabei wurde das Gesicht blauroth, 
die Temperatur erhöht, der Puls nicht sehr beschleunigt, klein, hart, und der Kranke 
musste sich wegen Schwindel und Schwäche der Füsse zu Bette legen. Ein andermal 
fühlte er starke , von der Brust gegen den Kopf aufsteigende Hitze , dann Athmungs- 
beschwerden, als ob es ihn erdrücken wollte, heftiges Herzklopfen, wobei er nicht liegen 
konnte, dann Nebel vor den Augen mit röthlichem Schimmer, zu Ende des Zustandes 
reichlichen Schweiss auf der Stirn, worauf er die Nacht hindurch ruhig schlief. Nach 
Verabreichung eines Infus, fol. sennae mit Arcan. duplic. fuhren wir mit obigem Decocte 
fort, und unterhielten vom 7. Dec. an hinter jedem Ohre ein künstliches Geschwür in leb- 
hafter Eiterung. Den 16. Dec. war die Pupille des rechten Auges nicht mehr so weit. Der 
gegen Mittag eintretende Nebel war bereits seit 8 Tagen nicht wieder gekommen, ebenso 
die feurigen Räder und die Congestionsanfälle. Den 20. Dec. gab der Kranke bereits merk- 
liche Besserung des Sehvermögens an. Den 9. Jäner verordneten wir unter Beibehaltung 
der schmalen Kost Pillen aus Pulvis und Extract. rad. polyg. senegae und einen Trank 
aus Rad. polyg. gramin. et althaeae. Von nun an blieb der Kranke frei von dem Nebel 
vor dem rechten Auge, konnte gegen Ende Jäner selbst mehrere Minuten lang ohne alle 
Anstrengung lesen, und erkannte, als wir ihn nun auch ins Freie gehen Hessen, die 
Zeiger einer Thurmuhr auf mehr als 500 Schritte Entfernung, was er seit Jahren nicht 
im Stande gewesen war. In diesem Zustande von Besserung musste der Mann, aus 
Dienstesrücksichten, Mitte Februar die Anstalt verlassen. 

Allein schon nach einigen Wochen kehrten die frühern Zufälle wieder, und der 



190 Aderhaut. 

Mann erblindete noch im Verlaufe desselben Jahres so weit, dass er nicht mehr Dienste 
leisten konnte. Er musste endlich dem Invalidenhause übergeben werden, wo er in Zeit 
von 2 Jahren gänzlich erblindete. Er besucht nun seit dem Jahre 1847 alljährlich einige 
Male die Klinik zum Unterrichte der Studenten. Es haben sich auch an dem rechten 
Auge bläuliche Hügel der Sclera'ausgebildet, und die Iris ist auf einen nicht ganz V" breiten 
Saum zusammengeschrumpft. Die ungleichmässig erweiterte Pupille ist nicht rein schwarz, 
gleichsam rauchig getrübt. Die Linse hat bis jetzt ihre Durchsichtigkeit behauptet. Mehr- 
mals sahen wir an diesem Auge Bluterguss in der vordem Kammer, wobei zugleich der 
Glanz der Cornea vermindert war. Zweimal war dieser Erscheinung heftiger Kopfschmerz 
vorausgegangen. 

2. Chorioiditis ex dyscrasia venosa. 
{Ophthalmia arthriüca et glaucoma auctorum.) 

Die anatomischen Veränderungen, welche nach Ablauf der hier 
zu besprechenden Entzündung gefunden (und Seite 159 bis 165 ge- 
schildert) wurden, bestehen im Wesentlichen in partieller Verwachsung 
der Chorioidea mit der Sclera oder zugleich auch mit der Ketina in 
der Gegend des Aequator bulbi, in Erguss von Serum mit Eiweissstoff 
zwischen die Chorioidea und Retina bis zur Ora serrata, und in con- 
secutiven Nutritionsstörungen in der Iris, dem Glaskörper, der Linse. 

Symptome. Mehr weniger starke Injection und Erweiterung der 
vordem Giliargefässe , träge oder aufgehobene Beweglichkeit, partielle 
oder totale Entfärbung und Structurveränderung der Iris, ungleichmäs- 
sige Erweiterung und rauchige oder grünliche Trübung der Pupille, und 
allmäliges oder rasches, zu dieser Trübung nicht in Verhältniss stehen- 
des Erlöschen der Sehkraft unter mannigfachen subjectiven Lichter- 
scheinungen und mehr weniger heftigen Schmerzen im Auge und dessen 
Umgebung sind die vorzüglichsten der örtlichen Erscheinungen, welche 
diesen Vorgang im Auge begleiten. Die Symptome des Allgemeinlei- 
dens, welches dem örtlichen zu Grunde liegt, werden weiter unten, bei 
der Ätiologie, angeführt. 

In vielen Fällen sind nebst diesen noch andere Erscheinungen von 
hoher Bedeutung für die Diagnosis vorhanden, in andern fehlt selbst 
eine und die andere der eben genannten. Überdiess kommt keine der- 
selben der in Rede stehenden Krankheit ausschliesslich zu. Die je- 
weilige Gruppirung der Symptome gestaltet sich wegen des bald äus- 
serst raschen, bald ausserordentlich langsamen Verlaufes sehr man- 
nigfaltig. 

1. Die stärkere Injection und Enveiterung der vordem Ciliarge- 
fässe ist in jedem der hieher gehörenden Fälle vorhanden. Bei chro- 
nischem Verlaufe oder nach längerem Bestände acut aufgetretener Fälle 



Entzündung — Glauconia — Symptome. 191 

sieht man bloss einzelne erweiterte Gefässe, bei raschem Ergüsse eine 
mehr weniger breite Zone dunkler Röthe rings um die Hornhaut, nicht 
selten von dieser durch den nicht injicirten, daher bläulichweissen Lim- 
bus conjunctivae getrennt. Dann ist auch die Bindehaut gewöhnlich 
stark injicirt, selbst etwas ödematös. 

2. Die Beweglichkeit der Iris wird in acuten Fällen in wenig 
Stunden oder Tagen, in chronischen Fällen bisweilen erst nach Wochen 
oder Monaten völlig vernichtet. In chronischen Fällen sah ich einige 
Male nur die schmäler gewordene, dem Ausgangspunkte der Chorioi- 
ditis entsprechende Partie gelähmt, die übrige Iris noch so lange auf 
Licht und Schatten reagirend, als noch Lichtempfindung bestand. 

Die Entfärbung der bis, bald partiell in Form blei- oder schiefer- 
grauer Flecke des grossen Kreises, bald total und so, als ob die Iris 
gebleicht worden oder vergilbt wäre, tritt gewöhnlich erst später ein. 
Dasselbe gilt von der Atrophirung des Gewebes der Iris. 

Wird die Lage der Iris verändert, so geschieht diess jederzeit nur 
dadurch, dass sie sammt der Linse, welche dann meistens schon merk- 
lich verdunkelt erscheint, nach vorn gedrängt wird. 

3. Erweiterung der Pupille muss als eine der beständigsten Er- 
scheinungen bezeichnet werden. Sie kann bei allmälig entstehenden 
Fällen eine Zeit lang fehlen ; bei rascher Exsudation ist sie gleich An- 
fangs und in autfallend hohem Grade vorhanden. Sie ist fast immer 
eine ungleichmässige, indem die Iris an der einen oder der andern Stelle 
schmäler geworden ist. Mitunter kommt es vor, dass man bei mani- 
fester glaucomatöser Erblindung die Pupille weder bedeutend vergrös- 
sert, noch merklich entrundet findet. Ich habe diess in einigen Fällen 
gesehen, wo in einem frühem Zeiträume beide Erscheinungen deutlich 
ausgesprochen gewesen waren. 

4. Die eigenthümliche mehr weniger deutlich grünliche Trübung 
der Pupille, von welcher die Krankheit den Namen Glaucoma erhalten 
hat, kann bei chronischem Verlaufe in der ersten Zeit lange fehlen, 
bei acuten Fällen durch Trübung der Hornhaut oder des Kammerwas- 
sers verdeckt werden, wodurch das Auge dann ein eigenthümlich düste- 
res, leichenhaftes Aussehen bekommt. Dass ein ähnlicher Reflex auch 
ohne Chorioiditis vorkommen könne, wurde schon erwähnt. 

5. Abnahme des Sehvermögens (von leichter Trübung bis zum Ver- 
luste aller Lichtempfindung) gehört unter die constanten und in der 
Regel auch unter die ersten Zufälle dieser Krankheit. Die verschiede- 
nen Modifikationen in Bezug auf dieses Symptom wurden bereits bei 
der Besprechung der Symptome im Allgemeinen S. 181 angeführt. 



192 Äderhaut. 

6. Mannigfaltig, zum Theil eigentümlich sind die subjectiven Er- 
scheinungen von Seite de?' Netzhaut vor, während und nach der Erblin- 
dung. Leute, bei denen sich Glaucoma entwickelt, stehen bereits in 
einem Alter, in welchem Presbyopie nichts Ungewöhnliches ist, und in 
so fern können die Erscheinungen mangelhafter Accommodation, Man- 
gel an Ausdauer zu feinern Arbeiten, Mückensehen u. dgl. bloss als 
Folge dieses senilen Zustandes vorhanden sein, ohne dass eben Con- 
gestion oder Entzündung der Chorioidea dabei sein muss. In näherer 
Beziehung zu dem Leiden der Chorioidea selbst steht das Wahrnehmen 
von fixen dunkeln Punkten, Flecken, Wolken (Skotomen) und von ver- 
schiedenen Lichterscheinungen (Photopsien), welche sich so verhalten, 
wie bei der Seite 184 geschilderten Form. In einigen der von mir be- 
obachteten Fälle hatten die Kranken eine Zeit lang vorher manche Far- 
ben, namentlich das Koth des menschlichen Antlitzes, nicht mehr er- 
kannt, daher alle Gesichter gelb oder erdfahl gesehen. So wie vor 
dem Eintreten beträchtlicher Gesichtsschwäche regelmässig jeden Morgen 
Besserung und um eine bestimmte Stunde Verschlimmerung des Ge- 
sichtes einzutreten pflegt, so tritt ein gewisser Typus gewöhnlich noch 
deutlicher nach völliger Erblindung darin hervor, dass der Kranke so- 
genannte helle und dunkle Tage hat. An diesen herrscht das Gefühl 
völliger Dunkelheit vor dem Auge; an jenen glaubt der Kranke, er 
müsse sehen, wenn nur der „lichte, aber dicke Nebel vor den Augen" 
etwas dünner wäre. Der Wechsel zwischen der Empfindung des Dun- 
keln und des Lichten tritt oft durch viele Tage oder Wochen nach 
einander immer zur selben Stunde ein, z. B. Morgens 4 Uhr, wenn 
auch aussen völlige Dunkelheit herrscht. Oder es tritt die Empfindung 
des Hellen täglich durch einige Stunden, z. B. regelmässig von 1 bis 
4 Uhr Nachmittags ein. Dieser Wechsel dauert gewöhnlich so lange, 
bis das Auge atrophisch zu werden anfängt. Er erhält die Kranken 
meistens in einer sehr unangenehmen Gemüthsaufregung , und verhin- 
dert, dass sie sich mit dem Gedanken unheilbarer Erblindung befreunden. 

7. Schmerzen im Auge und in der Umgebung und abnorme Em- 
pfindlichkeit gegen das Tageslicht können sehr gering sein, — selten 
fehlen sie gänzlich — aber auch eines der ersten und auffallendsten 
Symptome bilden. In chronischen Fällen sind die Schmerzen entweder 
continuirlich und dumpf, weniger im Auge selbst, als über den Augen- 
brauen, oder nachlassend, selbst aussetzend und dann meistens sehr 
heftig. Sie dauern oft lange nach bereits erfolgter Vernichtung der 
Sehkraft fort und versetzen den Kranken in einen bedaurungswürdigen 
Zustand. Eben so ist die Empfindlichkeit gegen das Tageslicht biswei- 



Entzündung — Glauconia — Verlauf. 193 

leii auch dann noch sehr gross, wenn der Kranke längst keinen Ge- 
genstand mehr erkennt. 

Die Uhrigen Symptome reihen wir in die Besprechung des Verlaufes 
und der Ausgänge ein. 

Verlauf und Ausgänge. Diese Chorioiditis, welche, wie wir 
weiterhin sehen werden, zu gewissen Krankheiten der Unterleibsorgane 
in naher Beziehung steht, ist in der Regel längst durch Stasis in den 
Chorioidealgefässen gleichsam vorbereitet. Sie beginnt wahrscheinlich 
im vordem Umfange der eigentlichen Chorioidea (am Scheitel des einen 
oder des andern Gefässwirbels) als umschriebene Affection, welche zu- 
nächst zu Verwachsung der Chorioidea mit der Sclera allein oder auch 
mit der Eetina führt. Bald nach längerem Bestände einer oder mehrerer 
solcher partieller Affectionen, bald gleichzeitig damit erfolgt der albu- 
minös-seröse Erijuss, welcher die Netzhaut von der Aderhaut trennt und 
je nach seiner langsamen oder raschen Zunahme allmälige oder plötz- 
liche Erblindung bewirkt. 

Nur bei dieser Annahme, zu welcher übrigens zum Theil schon 
die Sectionsbefunde berechtigen, wird uns der eigenthümliche Entwick- 
lungsgang des Glaucomes begreiflich. Die häufigere Anwendung des 
Helmholtz'schen Augenspiegels und des Cze?*mak'scken Orthoskopes zur 
Untersuchung des Augengmndes wird uns wohl von der Richtigkeit 
dieser Annahme bald überzeugen. 

1. Das Stadium der Hyperämie und Stasis wird gewöhnlich von 
den Kranken nicht beachtet, weil es in der Regel nur wenig Beschwer- 
den verursacht, und von uns Ärzten oft genug nicht als erstes Glied 
der nachfolgenden ernsten Störungen erkannt, weil die Zufälle meistens 
von der Art sind, dass sie füglich auch von andern Ursachen abgeleitet 
werden können. 

In manchen Fällen treten Erscheinungen auf, welche der minder 
Aufmerksame leicht Ji'/r eitlen einfachen und selbstständigen Augen- 
katarrh nehmen kann. Der in Jahren vorgerückte Kranke, dessen 
Bindehaut abnomi injicirt erscheint, klagt vielleicht über das Gefühl 
eines fremden Körpers unter dem obern Lide, oder über das Gefühl 
von Schwere oder Trockenheit der Lider (Abends beim Arbeiten, Mor- 
gens beim Erwachen). Dabei kann vermehrte und veränderte Abson- 
derung der Bindehaut vorhanden sein, oder auch fehlen. Die Hyper- 
ämie der Bindehaut pflegt aber in verdächtigen Fällen besonders im 
Bereiche der Sclera hervorzutreten, und mit abnormer Injection der 
vordem Ciliargefässe, Gefühl von Völle im Auge und vermehrter Resi- 
stenz des Bulbus vereint zu sein. Unter solchen Verhältnissen muss 

Arlt Augenheilkunde. II. 1 3 



194 Aderhaut. 

die Gegenwart der (weiter unten angeführten) constitutionellen Störun- 
gen (Disposition) wenigstens zur "Vorsicht in der Prognosis und Therapie 
auffordern, und namentlich von der Anwendung kalter Umschläge, stark 
adstringirender Augenwässer u. dgl. abhalten. 

In andern Fällen ist es auffallende Veränderung des Refractions- 
zustandes, Mangel an Ausdauer beim Schreiben, Lesen u. dgl., Mücken- 
sehen, erhöhte Empfindlichkeit gegen die natürliche oder künstliche 
Beleuchtung, insbesondere aber das Wahrnehmen von Skotomen oder 
von Lichterscheinungen, und zeitweiliges Trüb-, Doppelt- oder Halb- 
sehen, was den Kranken auf sein Auge aufmerksam macht. Jeder 
dieser Zufälle ist an und für sich geeignet, die Aufmerksamkeit des 
Arztes auf die verschiedenen ätiologischen Momente im höchsten Grade 
anzuregen. Lässt sich dabei die Spannung des Bulbus und die Injec- 
tion der Ciliargefässe als abnorm constatiren, so werden sie mit gutem 
Grunde auf Chorioidealcongestion bezogen, und bei dem Vorhandensein 
der allgemeinen Disposition hat man alle Ursache, die Entwicklung 
von Glaucom zu besorgen, und darnach die Behandlung einzuleiten. 

2. Stadium der Exsudation. Nachdem einer oder mehrere der ge- 
nannten Zufälle eine Zeit lang angedauert haben, oder auch ohne dass 
solche bemerkt wurden, tritt allmälig flüssiger Erguss, meistens aber 
zunächst umschriebene Entzündung (im vordem Umfange), und erst 
später (allmälig oder schubweise) allgemeine Exsudation auf; in den 
heftigsten Fällen ist die partiell intensivere Aifection sogleich von all- 
gemeiner Exsudation begleitet. 

Es gibt Fälle, welche sich zunächst dadurch bemerkbar machen, 
dass die Sehkraft abnimmt, indem alle Gegenstände wie in Rauch oder 
Nebel gehüllt erscheinen. Diese Erscheinung nimmt stetig oder ruck- 
weise zu, oft mit der Eigenthümlichkeit, dass das Sehen des Morgens, 
bei heiterem Wetter, bei heiterer Gemüthsstimmung minder schlecht ist. 
Die Zeichen der Hyperämie pflegen in solchen Fällen nicht sehr aus- 
gesprochen zu sein, dagegen sind die Bewegungen der Iris gewöhnlich 
auffallend gering und träge, die Iris vorwärts gewölbt, und der Grund 
des Auges wird nach und nach deutlich getrübt. Die Unterscheidungs- 
merkmale von Amaurosis und Cataracta incip. werden wir in den be- 
treffenden Abschnitten nachtragen. 

Schnelle Erblindung (über eine Nacht), ohne dass anderweitige 
Symptome vorausbemerkt wurden, hat man {Fischer, Lehrbuch S. 205) 
bei Individuen beobachtet, welche bereits ein Auge durch Glaucom ver- 
loren hatten. Sie mag wohl eben so gut auch auf dem zuerst be- 
fallenen Auge in gleicher Weise eintreten; denn manche Kranke 






Entzündung — Glauconia — Verlauf. 195 

wissen g-ar nicht anzugeben, wann und wie sie das eine Auge ver- 
loren haben. 

In seltenen Fällen tritt das Übel wie eine Neuralgie der Ciliar- 
nerven oder des Trigeminus auf, mit einzelnen Anfällen von heftigen 
Schmerzen im Auge oder nach dem Verlaufe des N. supra- oder in- 
fraorbitalis, Lichtscheu, Thränenfl uss , unbedeutender Röthe des Bulbus 
imd Trübung des Gesichtes. Die subjectiven, selbst die objectiven 
Symptome verschwinden nach einigen Tagen ganz oder grösstenteils, 
und solche Anfälle können sich nach deutlichen Ee- oder vollständigen 
Intermissionen in Zwischenzeit von einigen Tagen, Wochen oder Mona- 
ten, selbst mit einer gewissen Regelmässigkeit wiederholen, bis endlich 
allmälig oder nach einem solchen Anfalle auch Zeichen allgemeiner 
Exsudation manifest hervortreten. 

Viel häutiger kündigt sich der Ausbruch der Entzündung durch an- 
haltende oder remittirende dumpfe Schmerzen im Auge, in der Orbita, 
über den Augenbrauen an, und anhaltende Trübung des Gesichtes wird 
sogleich oder kurz darauf bemerkbar. In solchen Fällen sind die Zei- 
chen der Hyperämie (Injection der Ciliargefässe, vermehrte Spannung 
des Bulbus, reichlichere Secretion der Bindehaut) jederzeit, die der 
partiellen Entzündung (ungleichmässige Erweiterung, ovale Gestalt der 
Pupille, partielle Verfärbung der Iris, theilweise Lähmung der Netzhaut) 
meistenteils vorhanden; häutig findet man auch das Kammerwasser 
deutlich getrübt. — Oft erholt sich das Gesicht nach einem solchen 
Anfalle so bedeutend, dass der Kranke Volle Hoffnung schöpft, und 
selbst der Arzt getäuscht werden könnte, wenn er nicht wüsste, dass 
es über kurz oder lang zum allgemeinen Ergüsse zwischen Chorioidea 
und Netzhaut kommen werde und müsse. Die Schmerzanfälle wieder- 
holen sich, auch beim besten Verhalten von Seite des Kranken und bei 
der rationellsten Behandlung, bald in längeren bald in kürzeren Zwi- 
schenräumen, und nach jedem Anfalle treten die Zeichen des allge- 
meinen Ergusses und Druckes auf die Netzhaut (die Abnahme der 
Sehkraft und die Verfärbung und Trübung des Augengrundes), dann 
auch die Lähmung, Verfärbung und Structurveränderungen der Iris 
deutlicher hervor. 

Den eben geschilderten Verlauf nehmen über kurz oder lang auch 
jene Fälle an, welche bloss mit Trübung des Gesichtes begonnen hatten. 
Hier können viele Monate, selbst ein bis zwei Jahre vergehen, bevor 
es zur völligen Vernichtung der Sehkraft kommt. 

Mit heftigen Zufällen von Seite des Gefäss- und Nervensystemes 

zugleich und mit reichlichem Ergüsse albuminös-serösen Exsudates 

13* 



196 Aderhaut. 

in wenig Stunden oder Tagen beginnt diese Krankheit nur dann, wenn 
sie bei vorhandener allgemeiner Disposition durch äussere Momente, 
Verkältung, Verletzungen, Excesse im Essen oder Trinken, heftige de- 
primirende GemüthsafYecte u. dgl. erregt wird. Dann ist sie auch ge- 
wöhnlich von Fiebererscheinungen begleitet. 

3. Nach erfolgter partieller und allgemeiner Exsudation werden in 
verschiedenen Gebilden des Auges mannigfache Veränderungen be- 
merkbar. Die Resistenz des Bulbus ist erhöht. Die Scle?m erhält im 
Allgemeinen ein schmutziges, in's Gelbe oder Graue spielendes Aus- 
sehen, und zeigt tiberdiess häufig einzelne blei- oder schiefergraue 
Flecke, die sich im weitern Verlaufe in dunkelblaue oder schwärzliche 
Hügel erheben oder auch flach bleiben. Die erweiterten Ciliargefässe 
bilden mehr weniger zahlreiche Aste, welche sich zum Theil in die 
Sclera senken, zum Theil durch gabelförmige Spaltung und Anastomo- 
sen einen mehr weniger vollständigen Kranz in der Gegend des 
Schlemmschen Canales bilden. Die Hornhaut wird wieder glänzend 
und vollkommen durchsichtig.*) (Ihre weiteren Veränderungen werden 
weiter unten nachgetragen.) In der Iris entwickeln sich fast ohne 
Ausnahme die bereits oben angegebenen Zeichen der partiellen oder 
totalen Atrophie. In den nicht atrophirten Partien derselben werden 
bisweilen einzelne erweiterte Gefässe schon dem freien Auge sichtbar, 
wahrscheinlich Venen, welche in Folge des gehinderten Rückflusses des 
Blutes durch die Chorioidea ausgedehnt werden. Auf derselben Ur- 
sache scheinen die Blutaustretungen in der Augenkammer zu beruhen, 
welche sich in manchen Fällen von Zeit zu Zeit (auch ohne entzünd- 
liche Zufälle) wiederholen. Die eigenthümliche , meer- oder bouteillen- 
grüne Trübung des Augengrundes, welche jederzeit, nur manchmal 
früher, manchmal später zum Vorschein kommt, wird früher oder später 
durch das Trübwerden der Linse verschieden verändert. So lange noch 
einiges Licht durch die Linse hindurch und vom Grunde des Auges 
durch dieselbe zurückgehen kann, spielt die Farbe eines solchen Staares 
mehr weniger deutlich in's Schmutziggrüne. Ist Verkalkung der Linse 
eingetreten, oder ist vorderer Kapselstaar und in Folge verausgegange- 
ner oder später eingetretener Iritis Verwachsung der Kapsel mit der 
Iris vorhanden, so kann der Staar ein gelblich- oder kreideweisses 
Aussehen darbieten. In allen Fällen von Glaucom wird die Linse mit 

*) Ich habe in einigen Fällen, wo das Glaucom schon mehrere Jahre bestand, am Rande der ganz klaren 
Hornhaut deutliche Gefässinjection beobachtet. Ein kurzes Stämmchen , am Rande aus der Tiefe 
hervorkommend, spaltete sich (unten) in einen äussern und innern Ast, welche etwa V2" vom Nim- 
bus conjunctivae abstehend und zu diesem parallel, bis zum horizontalen Durchmesser (an der Schlä- 
fen- oder Nasenscite) emporstiegen und dort fein zugespitzt endeten. 



Entzündung — Claticoma — Ausgänge. 197 

der Zeit allmälig vorwärts gedrängt (bisweilen selbst bis an die Horn- 
haut), niemals rückwärts gezogen, ausser wenn schon ein hoher Grad 
von Atrophie des Bulbus eingetreten ist. 

Diese Veränderungen entwickeln sich entweder allmälig ohne an- 
derweitige Zufälle, oder es treten von Zeit zu Zeit die Zeichen frischen 
Nachschubes ein. Unter heftigen Schmerzen und lästigen Lichter- 
scheinungen zeigt sich stärkere Injection der Gefässe, reichlicher 
Thränenlluss , Trübung der Cornea und des Kammerwassers. Dann 
wird das Auge wieder rein und glänzend, und der Kranke wird bloss 
von dem Wechsel des Hellen und Dunkeln beunruhigt, bis endlich, oft 
erst nach jahrelanger Dauer, ein stationär ruhiger Zustand des Auges 
eintritt. — In Folge solcher Anfälle entwickelt sich manchmal blei- 
bende Trübung des mittlem Theiles der Cornea (mit nachfolgender 
Verkalkung des Exsudates ), oder werden die nicht atrophischen Partien 
der Iris an die Kapsel angelöthet. 

In einzelnen, zum Glück seltneren Fällen tritt bedeutende Ver- 
größerung des Bulbus ein, indem einzelne Stapkylorne oder die ganze 
Sclera dem Drucke des Exsudates nachgeben. Wenn diese Vergrösse- 
rung nicht sehr allmälig erfolgt, so haben die Kranken wüthende 
Schmerzen zu ertragen. Sie wollen um jeden Preis nur von der uner- 
träglichen Spannung befreit sein. Die Punction des Bulbus ist das 
einzige verlässliche Mittel, ihnen Genüge zu thun. 

In andern tritt Entzündung und Verschwärung der Hornhaut dazu, 
von selbst, oder nach Einwirkung von äusseren Schädlichkeiten, oder 
wenn die Linse bis an die Hornhaut vorgerückt ist. Heftige Blutung 
pflegt die nächste, allgemeine Entzündung des Augapfels mit eitriger 
Consumtion desselben die weitere Folge zu sein. Diese Zufälle sind 
besonders dann zu befürchten, wenn ein glaucomatöses Auge zufällig 
oder absichtlich verletzt wird. Von spontaner Berstung des Bulbus 
(ohne Verschwärung der Hornhaut) ist mir kein Fall bekannt. 

Ich wurde in einem Falle zu Käthe gezogen, wo der behandelnde Arzt Krebs- 
ablagerung im Auge befürchtete. Die Frau war, wie die Anamnesis später ergab, all- 
mälig an Glaucom erblindet, sodann war Verschwärung und Durchbruch der Hornhaut, 
und Chorioiditis mit faserstoffig- eitrigem Exsudate (PanOphthalmitis) eingetreten. Der 
Bulbus erschien nun yergrössert und etwas hervorgetrieben, die Lider blauroth, die Con- 
junctiva bulbi in einen lividrothen Wall erhoben, die Hornhautöffnung durch die blass- 
röthliche , etwas granulirende Iris und durch eine gelbliche , erweichtem Encephaloid 
ähnliche blasse ausgefüllt. Dabei heftige Kopfschmerzen, Abmagerung und kachektisches 
Aussehen der Kranken. Einreibungen von TJng. cinereum mit Opium an die Stirn und 
Schläfe, trockne warme Tücher, innerlich Chinin mit Opium brachten der Kranken 
Erleichterung. In wenigen Tagen verlor sich auch die Geschwulst, und der Bulbus 
wurde phthisisch. Ihre Schwester hatte ich an Keratitis scrof. behandelt (I. B., S. 190 u. 191). 



198 Aderhaut. 

In vielen Fällen endlich tritt nach wiederholten Entzündungsanfällen 
allmälig Atrophie des ganzen Bulbus ein. Der Kranke hat hiemit die 
Form des Auges, aber auch in der Kegel alle lästigen Zufälle verloren. 
Der Begiun der Atrophie gibt sich immer durch verminderte Resistenz 
und später durch Einkerbungen nach dem Verlaufe der M. recti kund. 
In den Fällen, in welchen ich den Ausgang in Atrophie lange genug 
zu beobachten Gelegenheit hatte, schrumpfte der Bulbus immer auf 
einen sehr kleinen Stumpf zusammen, was nach andern Formen von 
Chorioiditis nicht immer der Fall ist. Diese Fälle waren acut aufge- 
treten, und die Atrophie war in der Zeit von 1 bis 2 Jahren vollendet. 

Vorkommen und Ursachen. Das Glaucom bildet die häufigste 
Form der Chorioiditis, und ist auch im Allgemeinen keine seltene Krank- 
heit des Auges. Es bildet nächst der Cataracta und der chronischen 
Iritis wohl die häufigste Affection der inneren Gebilde des Bulbus im 
höheren Lebensalter. 

Es entwickelt sich zunächst nur auf Einem Auge, in der Mehrzahl der 
Fälle zuerst auf dem linken, befällt jedoch über kurz oder lang (in wenig 
Tagen oder Wochen, aber auch erst nach vielen Jahren) auch das zweite. 

Es kommt nur in der zweiten Lebenshälfte vor, am häufigsten zwi- 
schen dem 40. und 60. Jahre, selten entsteht es erst in den siebziger, 
noch seltener schon in den dreissiger Jahren. 

Würde man , wie Sichel gethan , die grünliche Färbung der Pupille als ein we- 
sentliches Merkmal dieser Krankheit betrachten, dann hätte die eben ausgesprochene 
Behauptung keinen andern Sinn, als wenn man sagte, vor dem 40. Jahre sei die Linse 
noch nicht in so hohem Grade gelb , als dass diese Färbung zu Stande kommen könne. 
Dann müsste man aber auch mit Sichel sagen, „das Glaucom entstehe manchmal auch 
nach Amaurosis oder nach Chorioiditis", dann würde das Wort Glaucom nicht mehr 
einen ganzen Process, eine Krankheit, sondern nur einen Theil davon, ein späteres 
Stadium bezeichnen. Wir fassen die oben ausgesprochene Thatsache so auf, dass wir 
annehmen, die innern Bedingungen zu dieser Form von Chorioiditis kommen in den 
Blüthejahren nicht vor. Wir werden demnach keinen Anstand nehmen, Glaucom zu 
diagnosticiren , auch wenn der grünliche Teint fehlt, sei es nun, weil die Linse nicht 
gelb ist, oder weil sie durch eine Operation beseitigt wurde, oder weil die Veränderun- 
gen im Grunde des Auges noch zu wenig ausgebildet sind. 

Die Mehrzahl der Ergriffenen sind Frauenzimmer, und zwar in den 
klimakterischen Jahren. Selten entwickelt sich die Krankheit bei noch 
regelmässig erfolgender Menstruation, oft dagegen erst dann, wenn 
diese Function längst (mehrere Jahre) aufgehört hat. Ein ähnliches Ver- 
hältniss zeigt sich bei Männern zum Hämorrhoidalblutflusse. 

Die von Glaucom befallenen Individuen bieten überhaupt fast durch- 
gehends Störungen im Allgemeinbefinden dar, wie man sie z. B. bei 
einer gleich grossen Anzahl Cataractöser nicht findet. Diese Störungen 



Entzündung — Glauconin — Ätiologie. 199 

können im Allgemeinen auf Abnormitäten in der Beschaffenheit und in 
den Functionen der zum Pfortadersystem gehörenden Unterleibsorgane 
bezogen werden. Sie sind von verschiedenen Autoren unter verschie- 
denen Namen, als Plethora abdominalis, als Arthritis anomala, als 
venöse Dyskrasie u. s. w. beschrieben worden. 

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, diese verschiedenen Functionsstörungen 
in der Verdauung, in der Stuhlentleerung a. s. w. aufzuzählen und noch weniger, uns 
auf den Nachweis der dabei vorhandenen anatomischen Veränderungen in den einzelnen 
Unterleibsorganen einzulassen. Letzteres ist überhaupt heut zu Tage noch nicht durch- 
aus möglich, wie die moderne Lehre von den Hämorrhoiden am besten zeigt. Man 
wird in jedem speciellen Falle den Zustand des Gesammtorganismus und die auf den- 
selben nachtheilig einwirkenden äussern Verhältnisse möglichst genau kennen zu lernen 
trachten müssen, um für die Prognosis und Therapie weitere und sichrere Anhaltspunkte 
gewinnen zu können, als sie der Befund am Auge an und für sich bietet. Diess Letztere 
ist der Grund , warum wir diese Form von Chorioiditis Eingangs mit dem Beisatze „ex 
dyscrasia venosa" bezeichneten. "Wir machen keinen Anspruch darauf, hiemit das Wesen 
der Krankheit selbst näher bestimmt zuhaben; wir wollen damit nur an uns und unsere 
Leser die Forderung gestellt haben , die zu Grunde liegenden Veränderungen in jedem 
einzelnen Falle aufzusuchen. Wir haben den von Beer u. A. gewählten Beisatz „arthritisch" 
desshalb verlassen, weil die Arthritis selbst wohl eben so gut nur als Folge jener 
Abnormitäten in den Unterleibsorganen zu betrachten sein dürfte, welche dieser Chorioiditis 
zu Grunde liegen, und weil Individuen, die von dieser Entzündung des Auges befallen 
werden , nicht immer auch von jener Gelenkentzündung befallen werden , weder früher 
noch später. 

Unter die disponirenden Momente ist von vielen Beobachtern Erb- 
lichkeit gezählt worden. 

Benedict*) spricht sich hierüber folgendermassen aus: „Ein alter General war 
wegen seiner fürchterlichen Gichtanfälle bekannt. Sein Sohn war ebenfalls in argem 
Grade mit der Gicht behaftet, blieb aber in seinen spätem Jahren, indem er blaue Augen 
hatte, mit dem Glaucom verschont. Seine beiden Töchter hatten dagegen dunkel ge- 
färbte Augen: beide sind, als sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten, auf beiden Augen 
an dem Glaucom erblindet. Ähnliche Fälle kommen nicht so gar selten vor." — Ich 
kenne zwei an Glaucom erblindete Schwestern, deren Mutter durch dasselbe Übel ihr 
Augenlicht verloren hatte, ferner eine Frau, deren Mutter, und einen Mann, dessen Vater 
und zwei Brüder an Glaucom erblindet waren. 

Die meisten der Kranken , welche ich gesehen habe , hatten eine dunkelfarbige, 
nur wenige eine blaue oder lichtgraue Iris. Dasselbe ist von Rosas, Benedict, Fischer, 
JSichel u. A. beobachtet worden. 

Unter 110 notirten Fällen (65 Weibern, 45 Männern) sind 11 Israeliten, darunter 
4, die nicht unter ungünstigen Verhältnissen lebten. 

Auffallend ist das Verhältniss des Glaucoms zur Scrofulosis. Bei mehr als der 
Hälfte der von mir beobachteten Fälle von Glaucom waren in früheren Jahren Zufälle 
vorhanden gewesen, aus denen man auf Scrofulosis oder Tuberculosis schliessen konnte. 
Zu Trachoma sah ich nur in 3 Fällen Glaucoma hinzutreten. Viele der hieher gehörigen 

*) Abhandlungen ans dem Gebiete der Augenheilkunde. Breslau, 1842. S. 125. 



200 Aderhaut. 

Individuen waren in den dreissiger oder -vierziger Jahren ungewöhnlich corpulent 
geworden. 

Förmliche Gichtanfälle hatten nur wenige überstanden, dagegen hatten viele, nament- 
lich herabo-ekommene, schlecht genährt aussehende Individuen mehr weniger oft und heftig 
an reissenden, unsteten, besonders die Extremitäten befallenden Schmerzen gelitten. 

Einer besondern Beachtung würdig ist das Verhältniss zioischen Cataracta und 
Glaucoma. Während, wie oben gezeigt wurde , in glaucomatösen Augen fast ohne Aus- 
nahme über kurz oder lang Trübung der Linse auftritt, findet das umgekehrte Verhältniss 
fast niemals statt, worauf schon Beer aufmerksam gemacht hat. Mir ist nur Ein Fall 
vorgekommen, wo ein ganz einfach cataractöses Auge von Glaucom ergriffen wurde, 
und zwar unter heftigen Zufällen , nachdem die Kranke , eine 60jährige schwächliche 
Beamtenswittwe, an einem sehr kalten Tage über eine Stunde in der Kirche gewesen 
war und anhaltend geweint hatte. Dagegen sind mir 4 Fälle vorgekommen , wo das 
eine Auge cataractös, das andere glaucomatös war ; bei dreien davon hatte die Extraction 
einen günstigen Erfolg. 

Eine wichtige Eolle unter den disponirenden Momenten nehmen die 
deprimirenden Gemüthsaffecte ein, Kummer und Nahruugssorgen, Trauer 
und anhaltendes Weinen, Ärger u. dgl., ferner sitzende Lebensweise und 
Anstrengung der Augen, feuchte und dumpfe Wohnung, schwer verdau- 
liche Kost, üppige Lebensweise, übermässiger Genuss geistiger Getränke, 
Lxcesse in venere. 

Wo der Organismus auf die eben besprochene Weise gleichsam 
vorbereitet ist, entsteht dieses Augenleiden bald allmälig und ohne fer- 
nere Veranlassung, bald plötzlich, von selbst oder nach verschiedenen 
excitirenden Momenten, nach einer Verletzung, einer Verkältung, 
Schrecken oder Zorn, nach einem Excesse im Essen, Trinken u. dgl. 

Die Prognosis wird sich nach dem, was wir über die Ätiologie,, 
den Verlauf und die Ausgänge gesagt haben, in den einzelnen Fällen 
leicht bestimmen lassen. Sie ist selbst dann zweifelhaft, wenn das 
Leiden noch im Stadium der Congestion erkannt wird; sie ist fast ohne 
Ausnahme ungünstig zu stellen, sobald die Zeichen umschriebener oder 
allgemeiner Exsudation eingetreten sind. 

Nicht in der Beschaffenheit des Exsudates , nicht in der In- und Extensität des 
örtlichen Processes, nicht in einem speeifiseh deletären Vorgänge im Auge, wie etwa 
bei croupösem oder krebsigem Exsudate, ist nach unserer Anschauungsweise das Trost- 
lose dieser Form von Chorioiditis zu suchen , sondern darin vor Allem , dass wir im 
Allgemeinen nicht im Stande sind, das ätiologische Moment, die zu Grunde liegende 
allgemeine Gesundheitsstörung — man mag sie nun Gicht, venöse Dyskrasie oder wie 
immer benennen — zu beseitigen. Auf gleiche Weise führt auch die Iritis syphilitica 
zur Vernichtung der Sehkraft nur dann, wenn das Allgemeinleiden nicht behoben wird, 
bevor der örtliche Process bis zu einem gewissen Grade vorgeschritten ist. 

Nur zu oft lässt sich selbst in vielen Fällen, welche bei Zeiten erkannt werden, 
und wo nicht so sehr organische Veränderungen, als vielmehr ungünstige äussere Ver- 
hältnisse zu beseitigen sind, desshalb nichts ausrichten, weil der Kranke nicht Muth und 



Entzündung — Glaiioonia — Prognosis. 201 

Ausdauer genug besitzt, sich einer so durchgreifenden diätetischen und arzneilichen 
Behandlung zu unterziehen, als hier erforderlich ist, und noch öfter desshalb, weil der- 
selbe hiezu auch beim besten Willen nicht die nöthigen Mittel hat. 

Soll der Arzt dem Kranken sagen, woran er ist? Die Beantwortung dieser Frage 
ist für den gewissenhaften Arzt in einzelnen Fällen nicht so leicht, als es Anfangs 
scheint. Manche Ärzte vertrösten den Kranken auf eine in späterer Zeit vorzunehmende 
Operation. Dieses Verfahren hat das für sich, dass man die Kranken abhält, allerhand 
äussere oder innere Mittel zu versuchen , wodurch sie sich oft grossen Schaden zufügen. 
Dennoch erhält es dieselben in einer oft nachtheiligen Spannung und Aufregung, und 
veranlasst sie oft, den letzten Zehrpfennig anzuwenden, eine weite Reise zu diesem 
oder jenem Operateur zu unternehmen, um endlich doch enttäuscht zu werden. Für 
schädlich müssen wir diesen Vorgang dann erklären , wenn zur Zeit , wo diese Ver- 
tröstung geschieht, das zweite Auge noch gesund ist. Wir können zwar nicht beweisen, 
dass durch die bisher empfohlene prophylaktische Behandlung — wovon später — die 
Ausbildung des Glaucomes auf beiden oder auf dem zweiten Auge sicher verhindert 
oder doch hinausgeschoben werden könne. Es kann aber auch Niemand das Gegentheil 
erweisen, und so lange diess der Fall ist, ist es die Pflicht des Arztes, Alles, was fremde 
Erfahrung und eigene Einsicht ihm bietet, anzuwenden, wenn nur dem Kranken dadurch 
nicht geschadet wird. Müssiges Zuwarten, bis auch das zweite Auge dem Schicksal verfällt, 
lässt sich nicht verantworten. Ist das eine Auge glaucomatös, das andere noch gesund, 
so dürfte es unseres Erachtens das Beste sein, dem Kranken Hoffnung für dieses Auge 
zu lassen, sofern er sich der weiter unten zu besprechenden Behandlung mit Beharrlichkeit 
unterzieht. Späterhin wird sich wohl meistens Gelegenheit finden, ihm den wahren Grund 
zu sagen. Ihn selbst sogleich auf die Gefahr für das zweite Auge aufmerksam zu machen, 
kann leicht eine schädliche Rückwirkung auf das Gemüth nehmen, welches eher auf- 
geheitert , als deprimirt werden soll. Nur Leichtsinnige und Unfolgsame mag man 
zuletzt auf das Damoklesschwert aufmerksam machen. Sind beide Augen schon von 
dem Processe ergriffen, so ziehe ich in der Regel vor, den Kranken bald über seine 
Lage zu unterrichten , statt ihn mit eitler Hoffnung lange hinzuhalten. Es kommt eben 
darauf an, was für Charaktere man vor sich hat. Die meisten Kranken werden, sobald sie 
wissen, dass ihnen nicht mehr zu helfen ist, wieder ruhig, selbst heiter, während die- 
jenigen, die sich immer noch Hoffnung machen, und sie immer nicht erfüllt sehen, sich 
und Andern zur Last werden. 

Behandlung. Wo es sich darum handelt, dein drohenden Aus- 
bruche des Exsudationsprocesses vorzubeugen, oder das noch gesunde 
Auge so lange als möglich zu erhalten, lege man vor Allem auf eine 
allgemeine, namentlich diätetische Behandlung das meiste Gewicht. 

Die sogenannte Vorbauungscur besteht vorzüglich in der Änderung 
imzweckmässiger Lebensweise. Besonders zu meiden sind: feuchte 
Wohnung, anhaltendes Sitzen, Anstrengung der Augen, schwer verdau- 
liche Speisen, erhitzende Getränke, deprimirende Gemüthsaffecte, Diät- 
fehler im weiteren Sinne des Wortes. — Eine heilsame UmStimmung 
wurde oft erzielt durch den Gebrauch von Karlsbad, Marienbad, Kis- 
singen, Franzensbad (Salzquelle*; nachtheilig erwiesen sich Teplitz, 
Baden (bei Wien), Trentschin und ähnliche Quellen. Benedict 1. c. 



202 Aderhaut. 

warnt nachdrücklich vor dem Gebrauche von Kaltwassercuren. Unter 
den innern Mitteln sind zu empfehlen: die gelind auflösenden und 
tonischen, namentlich weinsteinsaure und kohlensaure Salze, Gramen, 
Taraxacum, Kheum, Aloe in kleinen Gaben; von äussern Mitteln: von 
Zeit zu Zeit Schröpfköpfe an die Kreuz- und Lendengegend, Blutegel 
an's Perinäum, warme Fussbäder mit Asche oder Senfmehl, künstliche 
Geschwüre am Nacken oder Oberarme. 

Die Augenentzündung selbst erheischt dann, wenn sie rasch und 
unter heftigen Erscheinungen auftritt, die sogenannte antiphlogistische 
Behandlung nur in massigem Grade. Die Individuen sind meistens so 
beschaffen, dass sie allgemeine, zumal reichliche Blutentziehungen nicht 
gut vertragen. Auch mit örtlichen Blutentziehungen, besonders nahe 
am Auge, muss man sehr vorsichtig sein. Raschere Erblindung des 
ergriffenen und Gefährdung des andern Auges stehen zu besorgen. 
Leichter werden kühlende Abführmittel vertragen. 

Verläuft die Krankheit chronisch, so ist die Behandlung im Ganzen 
dieselbe, wie die oben als Prophylaxis angegebene. 

Alle Mittel auf das Auge selbst sind beim acuten sowohl als beim 
chronischen Verlaufe schädlich, am meisten Augenwässer und kalte 
Umschläge. Nicht leicht wird ein diagnostischer Irrthum härter bestraft, 
als wenn man ein beginnendes Glaucom für einen Augenkatarrh hält, 
und Augenwässer verordnet, oder für Asthenopie, und kalte Douche, 
spirituöse Einreibungen, Ammoniakdämpfe u. dgl. anwenden lässt. 

Gegen die heftigen Schmerzen und die Lichtscheu, welche den 
Kranken oft auch nach erfolgter Erblindung noch quälen, sind zu em- 
pfehlen: Einreibung von Extr. opii aquosum allein oder zu 5 — 8 Gran 
auf eine Drachme Fett, oder Morphium aceticum 6—8 Gran in 1 
Drachme Mandelöl, nach Weller ein Liniment aus 2 Drachmen Linim. 
volat., 1 Drachme Laud. liq. Syd. und 1 Scrupel Oleum sabinae, nach 
Cunier 3 — 4 Gran Cyanuretum zinci auf 1 Drachme Fett, oder Oleum 
essent. amygd. amar. an die Stirn und Schläfe. Trockene warme 
Tücher über die entsprechende Kopfhälfte und das Auge sind oft das 
beste Mittel, die Schmerzen zu lindern. Bei starker Spannung des 
Bulbus leisteten mehrmals Cataplasmata emollientia entschieden gute 
Dienste; in argen Fällen dieser Art bleibt zur Beseitigung der uner- 
träglichen Schmerzen nichts übrig, als den Bulbus mit einem Staar- 
messer oder mit einer Lancette zu punctiren, und zwar, wenn nicht 
etwa bläuliche Hügel den Einstichspunkt bestimmen, etwas rückwärts 
von der Stelle, wo man bei Staaroperationen durch die Sclera einsticht. 
Beer erzählt, dass ein Mann sich selbst durch einen Eiü stich mit einem 



Entzündung — Glauconin — Therapie. 203 

Federmesser von den Schmerzen zu befreien gewusst hat. — Unter 
den iimern Mitteln sind Morphium aceticum zu Vis — J / 16 Gran, bei 
schwächlichen, sehr herabgekommenen Individuen Ferrum carbon. 
sacchar. zu 5 — 6 Gran p. d. allein oder mit Rheum zu empfehlen. Die 
auffallendste günstige Wirkung sah ich jedoch vom Sulfas chinini, zu 
1 — 2 Gran 2— 3mal des Tages verabreicht, allein oder mit '/ 4 — i /3 Gran 
Extr. opii aquosum. 

Ich bin, wie ein Vergleich mit Fischer's „klinischem Unterricht, Prag 1832" zeigt, 
in Bezvig auf die Behandlung dieser Krankheit den Grundsätzen meines verehrten Lehrers 
treu geblieben. Zu Anfang meiner Praxis Hess ich mich in einigen Fällen durch das 
stürmische Auftreten der entzündlichen Erscheinungen zu reichlichen Blutentziehungen 
verleiten , leider zum offenbaren Nachtheile der Kranken. — Desshalb habe ich es auch 
nie versucht, die sogenannten Antarthritica, das Gummi quajacum, das Extr. aconiti, die 
Flores sulfuris. das Sulfur auratum und ähnliche Mittel, von deren Gebrauche Rosas, 
Fischer, Benedict \md Andere abrathen, anzuwenden. — Die von diesen Beobachtern 
empfohlene Etablirung künstlicher Geschwüre, namentlich das Tragen eines Fontanelles 
oder eines Emplastrum euphorbiae am Oberarme habe ich in Fällen einseitiger Erblin- 
dung öfters angewendet. Doch sind mir mehrere Fälle vorgekommen, wo das zweite Auge 
nach einer Zeit von 5 bis 1 1 Jahren von Glaucom ergriffen wurde. Wenn dieses Mittel 
etwa; nützt, so ist es vielleicht nur dadurch, dass es den Kranken stets ermahnt, auch 
die übrigen Mittel gewissenhaft zu gebrauchen, namentlich von der vorgeschriebenen Diät 
nicht abzuweichen. — Nach der günstigen Wirkung in einigen Fällen meinte ich in dem 
Chinin ein wirksames Mittel nicht nur gegen die Schmerzen, sondern auch gegen das 
Fortschreiten des Processes selbst gefunden zu haben. Ich überzeugte mich jedoch, dass 
die Erblindung endlich doch eintrat, wenn auch später, als es ohne Verabreichung dieses 
Mittels wahrscheinlich der Fall gewesen sein würde. — Ich habe unter die nachfolgen- 
den Krankheitsfälle keinen von jenen aufgenommen, wo ich des Erachtens bin, dass 
durch den rechtzeitigen und durch mehrere Jahre fortgesetzten Gebrauch der obgenannten 
Mineralquellen der Ausbruch dieser Entzündung verhütet worden sei, weil zu solchen 
Beobachtungen eine grössere Zahl von Fällen und eine längere Reihe von Jahren ge- 
hört, als mir bis jetzt zu Gebote stehen. 

1. Beob. Ein Kaufmann, 42 Jahre alt, kam am 14. Jäner 1845 zu mir.*) Das linke 
Auge kleiner, weicher, an den Anheftungsstellen der Muse, recti ein wenig eingedrückt, die 
Sclera rings um die Hornhaut dicht netzförmig geröthet, die Röthe etwas düster, die 
Hornhaut durchsichtig, glänzend, von einem schüttern Gefässnetze durchzogen. Diese 
Gefässe liegen nicht oberflächlich, wie bei Pannus, sondern in der Substanz der Hornhaut. 
Die Augenkammer enger, die Iris nach oben und nach aussen auf einen schmalen Streifen 
reducirt, entfärbt, ohne deutlich fasrige Structur, die Pupille daher sehr stark und un- 
gleichmässig erweitert, überdiess durch die in sie herein ragende gelblichweisse Linse 
verlegt. Nach oben und aussen ist die Sclera bläulich schiefergrau , doch nicht vorge- 
trieben, und zwar von der Cornea an bis 2 Linien davon entfernt und 3 — 4 Linien in 
die Länge, doch unregelmässig, zum Theil inselförmig. 



*) Diese Beobachtung, obwohl nicht vollständig notirt, enthält doch so viel Merkwürdiges, dass ich sie 
der MittheUung würdig erachte. 



204 Aderhaut. 

Das rechte Auge war gesund; doch hatte der Kranke auch schon einen Anfall 
gehabt, wo ihm schwarze "Wolken vorschwebten, wesshalb ihm Blutentzichungen und 
Abführmittel angcrathen worden waren. 

Der Mann war von blühender Gesichtsfarbe, auffallend corpulent, an ein sehr 
üppiges Leben gewöhnt. — Ich rieth ihm eine frugale Lebensweise, fleissige Bewegung, 
Sorge für tägliche Öffnung durch gelinde Abführmittel und Etablirung eines Fontanelies 
am rechten Oberarme. 

Anfang Mai 1846 kam der Kranke, der mir so wenig als seinem Ordinarius gefolgt 
hatte, wieder nach Prag. Das linke Auge ist entschieden atrophisch, nach dem Zuge der 
geraden Augenmuskel eingedrückt, die Cornea um '3 kleiner, aber vollkommen durchsich- 
tig, in der vordem Kammer liegt die verdunkelte, eingeschrumpfte, verkalkt aussehende 
Linse ; von der bleigrauen Iris nur nach innen und unten ein Streifen sichtbar. 

Bechtes Auge. Die Lidspalte wenig geöffnet, wegen grosser Empfindlichkeit gegen 
das Tageslicht; die innere Fläche der Lider wenig geröthet; unter der Conjunctiva bulbi 
einzelne erweiterte Gefässe. Die Sclera eigentümlich blau, wie bei kleinen Kindern, 
nächst der Cornea von einem schüttern Gefässnetze gedeckt. Die Grösse und Besistenz 
des Bulbus nicht merklich verändert. Die Cornea ganz rein. Die Pupille stark und un- 
gleichmässig erweitert, gleichsam nach aussen und oben aus der Lage getreten Die Iris 
nach innen und unten noch schön braun gefärbt, daselbst auch die Faserung und der 
grosse und kleine Kreis deutlich unterscheidbar, und dieser Theil, etwas mehr als ^'3 der 
ganzen Iris , zeigt bei wechselndem Lichteinflusse allein noch sichtbare Bewegungen, 
die andern 2 /s sind auf einen schmalen Streifen zusammengeschrumpft, ohne Faserung, 
entfärbt, wie ausgebleicht, bläulichgrau. Die Pupille wie rauchig, leicht getrübt, nicht 
grünlich. "Wegen der grossen Empfindlichkeit gegen das Licht trägt der Mann blaue 
Augengläser. Er sieht wie durch Nebel, des Morgens und auch nach längerem Schlafe 
am Tage besser, so dass er noch lesen und schreiben kann, wenn er sich eines Convex- 
glases von 36" Brennweite bedient. Er muss aber, so oft er etwas genau sehen will, 
das Object nach aussen und oben halten, weil nur die nach innen und unten gelegene 
Partie der Netzhaut noch empfindlich ist. Nach unten und innen vorgehaltene Objecte 
erkennt er nicht. — Die Affection des rechten Auges war im December 1845 mit hefti- 
gen Schmerzen eingetreten. Ich schickte den Kranken nach Marienbad. Er ist später 
nicht mehr zu mir gekommen. 

2. Beobachtung. R. J. , 58 Jahre alt, Essigerzeuger, wurde am 23. October 1842 
mit folgendem Zustande auf die Augenklinik gebracht : Beide Bulbi hai-t anzufühlen, 
gegen Druck empfindlich ; in der Conjunct. bulbi ein Netz stark injicirter Gefässe, welche 
linkerseits rings um die Hornhaut eine dunkelrothe Zone bilden. Die vordem Ciliargefässe 
so zahlreich und stark injicirt, dass der vordere Theil der Sclera links violett, rechts 
schmutzig blauroth erscheint. Die Gefässinjection reicht nur bis an den Rand der Cornea; 
derLimbus conjunctivae corneae erscheint daher als ein schmaler bläulichweisser Ring auf 
der Basis der Hornhaut. Die Hornhäute matt, glanzlos. Die Regenbogenhäute entfärbt, vom 
Braunen ins Graue, ein Unterschied zwischen dem grossen und kleinen Kreise nicht 
wahrnehmbar; der Pupillarrand scharf, gleichsam nach hinten umgestülpt; von Beweglich- 
keit der Iris keine Spur: die Pupillen stark und ungleichmässig erweitert, oval (Längen- 
durchmesser von oben und aussen nach unten und innen), meergrün. Das Sehvermögen 
des rechten Auges gänzlich erloschen ; mit dem linken werden noch die Finger der 
Hand erkannt. Heftige, schneidende und stechende, aussetzende Schmerzen in der Stirn 
und Schläfe, anhaltendes Gefühl von Druck in den Augen und unter den Augenbrauen. 



Entzündung — Glaucoma — Krankengeschichten. 205 

Sehr gedrückte Gemüthsstimmung, Appetitlosigkeit; langsamer, zusammengezogener Puls. 
Hauteolorit erdfahl. 

Der Mann hatte in seiner frühen Jugend oft an Halsdrüsenanschwellungen , in 
seinem 43. Jahre angeblich an heftigem Rheumatismus gelitten. Er lebte unter günstigen 
Verhältnissen, war an spirituöse Getränke gewöhnt, bewohnte aber seit 3 Jahren eine 
feuchte Stube. Seit seinem 48. Jahre litt er an sogenannten blinden Hämorrhoiden, und 
war gewohnt, sich der Anfangs alljährlich, später halbjährig wiederkehrenden Kreuz- 
sehmerzen durch Anlegung von Blutegeln an die Kreuzgegend zu entledigen. Als diese 
Schmerzen das letzte Mal (13. Sept.) wiederkehrten, und er nichts dagegen unternahm, 
wurden sie heftiger, und erstreckten sich bis zum Nacken. Während dieser Zeit (17. Sept. 
früh morgens) war er bei der Essigsiederei vor dem Ofen im Freien beschäftigt, und wurde, 
am ganzen Körper schwitzend, besonders im Gesichte, von einem kalten Winde getroffen. 
Alsbald bekam er heftige, stechende, schneidende Schmerzen im rechten Auge, die sich 
von da auf die entsprechende Kopfhälfte verbreiteten. Zugleich nahm das Sehvermögen 
schnell ab , und erlosch noch an diesem Tage bis zur blossen Lichtempfindung. Feurige 
Erscheinungen fanden dabei nicht statt. Er nahm Bittersalz, Hess sich 3 Blutegel an den 
Nacken setzen, und rieb eine rothe Salbe an die Augenlider ein. Den 3. Tag (19. Sept.) 
nahm er ein Dunstbad und als Schwitzmittel Warmbier mit Zucker, worauf auch das 
linke Auge auf dieselbe Weise erblindete; doch konnte er mit diesem noch die Finger 
zählen. Am 4. Tage (20. Sept.) liess ein Arzt einen Aderlass machen, 6 Blutegel an die 
Kreuzgegend setzen,, und auf die Augen kalte Umschläge machen. 

Am S. Tage verordneten wir ein lauwarmes Halbbad, dann 1 2 Blutegel an's Mittel- 
fleisch und 8 blutige Schröpfköpfe an die Kreuzgegend, innerlich Decoct. graminis et 
tarax. mit Tart. tartaris. und Mellago graminis. Während der öwöchentlichen Behand- 
lung — mit verschiedenen anderen Mitteln — traten die über Tag gewöhnlich nachlas- 
senden Schmerzen in den Augen und deren Umgebung mehrmal mit erneuerter Heftig- 
keit auf. und das Sehvermögen erlosch auch auf dem linken Auge gänzlich. Am 21. Nov. 
waren die Pupillen ungeheuer und ungleichmässig erweitert und meergrün, die Hornhäute 
matt und glanzlos, die von zahlreichen erweiterten Gefässen überzogene Sclera schmu- 
tzigweiss. 

Am 4. November 1845 kam der Kranke zu mir, in der Meinung, der mittlerweile 
entstandene ..graue Staar" seiner Augen könne operirt werden. Rechtes Auge: Die Re- 
sistenz vermehrt ; die Sclera schmutzig weiss ; die Ciliargefässe (Venen) stark erweitert, 
bläulich braunroth. Die Cornea von normaler Grösse und Wölbung, glatt, glänzend, 
durchsichtig bis auf ] /2 nach unten und aussen, wo sie milchweiss, doch noch durch- 
seheinend, und von einigen Äderchen durchzogen ist. Die Iris ganz fehlend (geschwun- 
den) bis auf einen schmalen bläulich schwarzen Streifen nach innen und unten. Die 
Linse etwas vorwärts gerückt, an der Peripherie ambragelb, in der Mitte graulich weiss ; 
von hier aus erstrecken sich 10 Streifen, wie die Speichen eines Rades, bis zum Äquator 
der Linse, und zwischen diesen zeigt die Linse die genannte gelblichgraue Farbe. Der 
Zwischenraum zwischen der Linse und den Ciliarfortsätzen erscheint als ein schwarzer 
Reifen. Linkes Auge: Consistenz und Sclera so wie rechts. Die Cornea durchaus nor- 
mal. Die Iris ist nur in der innern Hälfte vorhanden, gelblich braun. Die vordere Kam- 
mer durch VoiTückung der Iris und Linse verkleinert. An diesem Auge ist die mittlere 
Partie der Kapsel getrübt, bläulich weiss, gegen den Rand hin scharf, jedoch unregelmäs- 
sig begrenzt. Mit dieser Partie der Kapsel hängt der Pupillarrand des Irisrestes zusam- 
men, und es verlaufen schon mit freiem Auge wahrnehmbare Gefässchen vom Pupillar- 



•206 Aderhaut. 

rande auf die Kapsel. In der äussern Hälfte, wo die Iris fehlt, sieht man zwischen 3 
weissgrauen speichenartigen Streifen den ambrafarbenen Randtheil der Linse, und diesen 
von einem schwarzen Reifen (durchsichtige Zonula Zinii?) umgeben. Der Kranke ist seit 
zwei Jahren frei von Schmerzen. 

Am 29. December 1850 kam der Mann das 3. und letzte Mal zu mir. Rechts der- 
selbe Zustand wie 1845, doch lag der Rest der Iris jetzt knapp an der Cornea an, und 
die Linse war fast bis an diese Membran vorgerückt. In der Cornea verlief ein Gefäss 
von unten bis zur Mitte, wie ein Ast sich verzweigend, der Lage nach nächst der De- 
scemetschen Haut. Links der Irisrest (in der inneren Hälfte nicht ganz 1'" breit) mit 
dem etwas röthlichen Pupillarrande an die Kapsel angewachsen. Daselbst auch mit der 
Loupe keine einzelnen Gefässe wahrnehmbar. Die Kapsel zeigt einen unregelmässig vier- 
eckigen, gelblichweissen, undurchsichtigen, etwa 2 Quadratlinien grossen Fleck. Sie ist 
sammt der Linse nicht nur vorwärts , sondern auch nach innen (gegen die Nasenseite) 
verrückt, so dass die Peripherie der Linse an der Schläfeseite gegen 1'" weit von den 
Ciliarfortsätzen absteht, zwischen ihr und dem Ciliarkürper ein halbmondförmiger dunkler 
Zwischenraum erscheint. 

3. Beobachtung. Z. A., 47 Jahr alt, von erdfahler Hautfarbe und schlaffer Musku- 
latur, kam am 12. April 1847 auf die Klinik. Linkes Auge. Die vordem Ciliargefässe 
zahlreicher und stärker injicirt, rings um die Hornhaut einen V" breiten, bläulichrothen 
Saum bildend, mit zahlreichen dickeren Zweigen in den vordem Theil der Sclera ein- 
dringend. Die Farbe der Sclera hinter dem genannten Saume schmutzig weiss. Die Con- 
junctiva bis zum Limbus an der Cornea schütter netzförmig geröthet. Die Cornea durch- 
sichtig, jedoch matt, minder glänzend. Die Iris etwas mehr nach vorn gelagert, blaugrau, 
unbeweglich, nach innen und unten nur etwa V2'", im übrigen Umfange gegen 1'" breit, 
die Pupille daher erweitert, nach innen und unten ausgebuchtet, rauchig getrübt, das 
Sehvermögen so weit gestört, dass der Kranke kaum die Zahl der Finger bestimmen 
kann. — Rechtes Auge. Der Zustand im Wesentlichen ebenso, nur die Gefässinjection 
etwas geringer, die Pupillenerweiterung gleichmässig, und das Sehvermögen noch so weit 
erhalten , dass Geldmünzen (bei A" Entfernung) noch zur Noth nach dem Gepräge er- 
kannt werden. In der Umgebung des rechten Auges, besonders in der Stirn und Schläfe 
heftige, aussetzende, reissende Schmerzen. — Kein Fieber, sehr gedrückte Gemüthsstim- 
mung, trockene, schlaffe Haut, Stuhlverstopfung. 

Der Mann , früher in günstigen Verhältnissen, und angeblich nie von einer erheb- 
lichen Gesundheitsstörung heimgesucht , lebt seit 7 Jahren als Taglöhner in einer sehr 
kümmerlichen Lage. Feuchte Wohnung, geringe Kost, grösstentheils Erdäpfel. Seit bei- 
nahe 2 Jahren bemerkte er von Zeit zu Zeit, besonders in den Morgenstunden, einen 
Nebel vor dem linken Auge, der in den letzten 3 Monaten endlich auhaltend und dichter 
wurde , angeblich ohne Veranlassung, ohne Röthe, ohne Schmerz. — Ende März sass er, 
mit dem Repariren von Holzuhren beschäftigt, mehrere Stunden am offenen Fenster bei 
seiner Arbeit Abends bekam er Schmerzen in der linken Seite des Halses , woselbst 
sich einige Drüsenanschwellungen zeigten, und in der Nacht durch 4 Stunden andauern- 
den Frost; dann schlief er ein, und des Morgens war die linke Seite des Halses und 
das ganze Gesicht so geschwollen, dass er die Augen nicht öffnen konnte. — Erysipel. 
Dazu traten heftige reissende Schmerzen in beiden Schläfegegenden. Am 7. Tage — 
nach Verschwinden der mit Abschuppung endenden Geschwulst, bemerkte er nebst Röthe 
der Augen bedeutende Abnahme des Gesichtes, und zwar auch auf dem rechten Auge. 
Durch 14 Tage soll der Zustand im Ganzen derselbe geblieben sein. — Wir verord- 



Entzündung — Glauconia — Krankengeschichten. 207 

neten Euhe im Bette, Temperirung des Lichtes, leichte Fleischkost, an jede Schläfe 8 
Blutegel, innerlich Infus, flor. tiliae mit V2 Gran Tart. stib. und I /t Unze Glaubersalz. 
Da die Schmerzen nur wenig nachgelassen hatten , wurden den folgenden Tag abermals 
Blutegel gesetzt, jederseits 6 Stück, dieselbe Medicin fortgereicht. Am 14. April. Die 
Schmerzen an der linken Seite gänzlich verschwunden, die Injection beiderseits geringer, 
das Sehvermögen des rechten Auges merklich besser. 15. April. "Wegen Stuhlverstopfung 
Infus, sennae mit Glaubersalz; Abends wieder heftige Schmerzen. l(i. April. Zwölf blu- 
tige Schröpfköpfe an die Kreuz- und Lendengegend, Decoctum polyg. senegae ex dr. 2 
unc. q\iatuor, Kali tartarici unc. dimid., Mellag. gramin. unciam. IS. April. In den Mor- 
genstunden dichter Nebel vor beiden Augen. Alle 3 Stunden 2 Gran Calomel. 20. April. 
Um 6 Uhr Morgens heftige reissende Schmerzen, starke Lichtscheu, fast völliger Verlust 
des Sehvermögens. Abermals 12 S chröpf köpfe , 2 Gran Calomel mit etwas Jalappa fort- 
gesetzt. Vom 22. bis 26. April massige Salivation , daher innerlich Infus, sennae mit 
Glaubersalz, dann warme Fussbäder mit Senfmehl, und jeden Abend 2 Gran Chinin mit 
1 3 Gran Opium (wegen der fast regelmässig wiederkehrenden Schmerzen). Vom 28. April 
an wurde beim Gebrauche der Polygala senegae mit Kali tart. und Pulpa prunor. allmälige 
Besserung des Sehvermögens bemerkt, so dass der Mann am 10. Mai mit beinahe voll- 
ständig hergestelltem Sehvermögen des rechten (jedoch fast gänzlich erloschenem des 
linken) Auges entlassen werden konnte. Unserem Rathe, seine sitzende und die Augen 
anstrengende Beschäftigung mit einer andern zu vertauschen, ist der Mann nicht nach- 
gekommen. Er trieb das Uhrenrepariren wieder bis zum December desselben Jahres. 
Da. nach einer leichten Verkältung, ergriff ihn das Übel neuerdings. Er kam den 11. 
December in einem ähnlichen Zustande wie im April in die Anstalt, wo er durch neun 
"Wochen , jedoch vergebens , behandelt wurde. Wir mussten ihn mit Glaucoma oc. utr. 
evolutum entlassen. Nach 2 Jahren suchte er abermals Hilfe daselbst, weil die mittler- 
weile ganz verdunkelten Linsen (Cataracta glaucomatosa) von seiner Umgebung für ein- 
fachen grauen Staar gehalten worden waren. 

4. Beobachtung. F. J., 46 Jahre alt, "Wirthschaftsbeamter, mit blondem Haar, licht- 
blauer Iris, gut genährt, mit Ausnahme des linken Auges gesund, kam am 8. März in 
die Anstalt. Das rechte Auge normal. Am linken die Lider leicht geschwollen und ge- 
röthet, die Bindehaut von einzelnen Gefässen durchzogen, die Ciliargefässe stark injicirt, 
rings um die Cornea einen breiten rosenrothen Saum bildend. Die Cornea normal, an 
ihrer hintern Fläche mit zahlreichen Punkten besetzt, wie mit Staub bestreut. Die Iris 
grünlich entfärbt, unbeweglich, ohne durch Synechien flxirt zu sein; die Pupille rund, 
bedeutend weiter als rechts , rauchig getrübt. Starke Lichtscheu ; heftige Schmerzen im 
Auge und der entsprechenden Kopfhälfte, völliger Verlust des Sehvermögens. 

Im Sommer des vorigen Jahres trat ohne bekannte Veranlassung die Erscheinung 
dunkler Körperchen vor dem linken Auge auf, diese ging allmälig ohne Lichterscheinun- 
gen in Trübung des Gesichtes über, so dass er die gerade vor dem Auge befindlichen 
Objecte nicht erkannte; eher nahm er sie noch wahr, wenn sie zur Seite waren, nicht 
fixirt wurden. Vor 4 Wochen gesellten sich Röthe des Auges, Lichtscheu und heftige 
reissende , Abends ärger werdende Schmerzen dazu , welche ihn bestimmten , in's Spital 
zu gehen. 

Wir legten S Blutegel an die linke Schläfe, Hessen dann Ung. einer, mit Opium, 
an die Stirn und Schläfe einreiben, gaben eine Mixtur mit Tart. stibiatus und Glauber- 
salz, und restringirten die Kost auf '/* der Spitalsportion. Den 4. Tag mussten wir wegen 
der heftigen , allabendlich wiederkehrenden Schmerzen Chinin mit Opium verschreiben. 



208 Aderhaut. 

Vom 8. Tage an nahm der Kranke Pillen aus Pulv. et extract. polyg. senegae mit Sapo 
med. und Massa pil. Rufi. Bei dieser Behandlung gingen die Schmerzen, die Lichtscheu 
und die Injection (bis auf einzelne stark erweiterte Ciliargefässe) allmälig zurück, nur 
die Blindheit blieb, und mit ihr die Erweiterung und Trübung der Pupille und die Ver- 
färbung der unbeweglichen Iris. In der 3. Woche der Behandlung schwanden auch die 
trüben Punkte an der hintern Wand der Cornea, und zwar unter der interessanten Er- 
scheinung, dass in der Cornea, welche nie der Sitz von Exsudation gewesen war, vom 
untern Rande her centripetal verlaufende Gefässchen auftraten, welche nächst der Desce- 
metschen Haut zu liegen schienen. — Wir schickten den Kranken prophylaktisch wegen 
des rechten Auges nach Marienbad, wo er durch 6 Wochen Kreuz- und Ferdinands- 
brunnen trank. 

Am 2. September kam der Kranke in die Anstalt zurück, wegen unerträglicher 
Schmerzen, die sich in den letzten 3 Wochen entwickelt hatten. Der Bulbus war grösser, 
hart anzufühlen, bei Berührnng sehr schmerzhaft, die Lider und die Conj. bulbi etwas 
ödematös und von erweiterten Venen durchzogen, die Sclera in der Gegend des Äquators 
und von da nach hinten an der Schläfeseite sowohl auf- als abwärts bläulich schwarz 
und hervorgetrieben, die Cornea durchsichtig, doch matt und fast ohne Glanz, die Pu- 
pille bouteillengrün , die Iris auf einen etwa '/z'" breiten Saum reducirt. Der Kranke 
wollte um jeden Preis nur von den Schmerzen befreit sein. Ich machte daher mit 
einem Staarmesser einen Einstich in die Sclera, ohngefähr am untern Eande des 
Muse, rectus externus und 4'" hinter der Cornea. Es entleerten sich gegen 2 Drachmen 
einer klaren, gelblichen, eiweisshaltigen Flüssigkeit. Durch Auspolsterung mit Charpie 
und Anlegung einer Binde um den Kopf suchten wir eine entsprechende Compression zu 
bewirken. Darüber wurden kalte Umschläge, innerlich salzige Abführmittel gegeben. Am 
9. September verliess der Kranke wegen dringender Geschäfte die Anstalt. Der Bulbus 
war beinahe auf seine normale Grösse reducirt, weich anzufühlen, Schmerzen und Licht- 
scheu fast ganz verschwunden. 

Am 18. December musste ich die Punction wiederholen. Diesmal entleerten sich 
etwa zwei Kaffclöffel voll blutig gefärbter Flüssigkeit, worauf bei ruhiger Rückenlage so- 
gleich Eisunischläge gegeben und durch drei Tage fortgesetzt wurden. Am 27. Dec. 
war das Auge nicht lichtscheu, nicht thränend, nicht schmerzend, mir wenig grösser und 
härter als das rechte, die Sclera schmutzig gelblich weiss, an der Stelle der Ektasie min- 
der dunkel , als früher , die Cornea normal, die Iris etwa i ji'" breit, mit ganz schwar- 
zem und feingezacktem Pupillarrande, die Kapsel und Linse durchsichtig. Von -weitem 
(3 — 4 Schritte) schillerte der Grund des Auges röthlich; bei näherer Untersuchung und 
gehöriger Stellung zu dem einfallenden Lichte sah man den Grund des Auges fast gold- 
gelb mit einem röthlichen Schimmer. Gefässentwicklung auf diesem lichten Grunde war 
keine wahrzunehmen. Der Kranke verlangte entlassen zu werden; da der Zustand sich 
mehrere Tage gleich geblieben war, so willfahrten wir ihm. Im Jahre 1851 und 1852 
besuchte er wiederholt Marienbad. Das Auge ist nun (1852) allmälig zur Grösse eines 
Taubeneies zusammengeschrumpft, und zuletzt ist auch die Cornea, welche durch zwei Jahre 
ihre Durchsichtigkeit behauptet hatte , nicht nur um vieles kleiner, sondern auch etwas 
trüb geworden. Der Mann befindet sich nun als Kassabeamter in Staatsdiensten. 






Entzündung — pyämische. 209 

3. Chorioiditis pi/aemica (metastatica Fischer). 

Der Sectionsbefiind reducirt sich auf Ablagerung eitrigen Exsu- 
dates im Innern des Auges, als deren Ausgangspunkt die Chorioidea 
angesehen werden rauss. Siehe S. 167 — 169. 

Vorkommen und Ursachen. Der hier zu schildernde Process im 
Auge entwickelt sich nur in Folge von Pyämie, und ist gleichsam als 
localer Ausdruck derselben zu betrachten. Am häutigsten rindet man 
ihn nach dem Puerperium, wo er früher als Milchmetastasis , als Phleg- 
masia alba dolens oculi u. dgl. bezeichnet wurde, dann bei Neuge-i 
borenen mit Nabelvenenentzündung, wo er, zumal wenn das Grundleiden 
übersehen wird, leicht für Blennorrhoea neonat, gehalten werden kann, 
seltener nach chirurgischen Operationen, nach zufälligen Verletzungen 
und nach Caries (des Keilbeines, des Felsenbeines), wenn Plebitis dar- 
nach eingetreten ist. 

Zur Erregung desselben bedarf es dann keiner besondern Veran- 
lassung oder Disposition des Auges. Bald ist es das linke, bald das 
rechte Auge (letzteres seltener), welches zuerst ergriffen wird; einmal 
werden beide Augen zugleich oder kurz nach einander befallen, ein 
andermal stirbt das Individuum, bevor das zweite Auge in Mitleiden- 
schaft gezogen wird. 

Symptome. Die Eiterablagerung im Auge kündigt sich bald zu- 
erst durch Schmerzen daselbst (meistens flüchtige Stiche), bald durch 
rasche Abnahme oder schnellen Verlust der Sehkraft (in wenigen Stun- 
den i mit oder ohne feurige Erscheinungen an, und ist immer von netz- 
förmiger Infection und seröser Infiltration der Conjunct. bulbi begleitet. 
Die ödematöse Schwellung der Bindehaut bildet in der Mehrzahl der 
Fälle das hervorragendste Symptom. Zu ihr tritt über kurz oder lang 
auch gehinderte Beweglichkeit und Hervordrängung des Bulbus aus der 
Orbita, bedingt durch Infiltration der Tunica vaginalis bulbi und des 
dieselbe umgebenden Binde- und Fettgewebes. Die Cornea bleibt rein 
oder wird ödematös oder mit Exsudat an ihrer hintern Fläche beschla- 
gen. In der vordem Kammer erscheint nämlich sehr bald, oft schon 
zur Zeit, wo die Eiterablagerung in der Chorioidea noch auf eine kleine 
Stelle (im vordem Theile der eigentlichen Chorioidea) beschränkt ist, 
eitriges Exsudat in Form schwimmender Klümpchen oder Flocken oder 
als Hypopyum. Die Iris erscheint grünlich oder wie von einem leichten 
Grau gedeckt, Anfangs beweglich, später starr. Die Pupille bleibt 
meistens rund und schwarz, und nimmt selten einen höhern Grad von 

Arlt Augenheilkunde. II. 14 



210 Aderhaut. 

Erweiterung an. Bisweilen zeigten sich einzelne hintere Synechien 
oder eine förmliche Exsudatmembran in der Pupille. 

Verlauf — Ausgänge. Wenn das Individuum nicht schon während 
der Entwicklung der genannten Erscheinungen dem Allgemeinleiden 
erliegt, so tritt entweder Fortschreiten des Processes und Durchbruch 
der Cornea oder der Sclera, oder aber allmälige Resorption des Eiters 
und Zusammenschrumpfung des Bulbus auf einen unansehnlichen 
Stumpf ein.*) 

Durchbruch durch die Sclera sah ich in zwei Fällen eintreten, in dem einen nach 
unten, in dem andern nach aussen, und zwar in der Gegend, wo sich die betreffenden 
•«Recti inseriren. In dem ersten Falle erschien dann einige Zeit später der Grund des 
Auges durch die wieder rein gewordene Cornea und etwa l^/i'" im Durchmesser haltende 
Pupille gelblichweiss und eigenthümlich schillernd. 

Der zweite Fall war sowohl durch seine Entstehung als durch seinen Ausgang 
höchst merkwürdig. Bei einem 60jährigen, kachektisch aussehenden Manne trat nämlich 
den 3. Tag nach der Extraction einer Cataracta oc. sin., wobei die Iris stichweise ver- 
letzt worden war, ein heftiger Schüttelfrost ein, dann äusserst frequenter Puls , trockene 
Hitze, Delirien und allmälig das ganze Krankheitsbild, wie es bei Pyämie vorzukommen 
pflegt. Eine sorgfältige Untersuchung des ganzen Körpers ergab Exsudat in der linken 
Brusthöhle. Der Bulbus schien nicht zu leiden, war den 5. Tag, wo der Verband gelöst 
wurde , wenig geröthet , die Hornhautwunde geschlossen , die Pupille offen , doch das 
Sehvermögen gänzlich erloschen. Allmälig entwickelte sich das Krankheitsbild, welches 
ich schon öfter bei Chorioiditis in Folge von Pyämie gesehen hatte, doch mit dem 
Unterschiede, dass nicht die Hornhaut, sondern die Sclera durchbrochen wurde, und 
zwar in der Gegend der Insertion des Muse, rectus externus, worauf der Bulbus allmälig 
phthisisch wurde, und auch die Hornhaut, ohne dass sich die bereits vernarbte Wunde 
wieder geöffnet hatte , allmälig schrumpfte. Der Kranke genas , nachdem die Pleuritis 
einen günstigen Ausgang genommen hatte. 

In einem andern Falle, wo beide Augen ergriffen gewesen waren, und das Indi- 
vidmim gleichfalls mit dem Leben davon kam, entwickelte sich allmälig Atrophia bulbi. 
Die Cornea blieb vollkommen glatt und durchsichtig, obwohl auch sie allmälig kleiner 
wurde. Ein ähnliches Verhalten der Cornea habe ich auch an atrophisch gewordenen 
glaueomatösen Augen beobachtet. 

Behandlung. Die Aufgabe des Arztes kann, was das Auge be- 
trifft, höchstens in der Linderung der. Schmerzen bestehen. Da nicht 
nur die Function, sondern auch die Form des Auges jederzeit un- 
rettbar verloren ist, so erscheint die Punction desselben, falls die Span- 
nung zu heftige Schmerzen erregte, zu diesem Behüte wohl erlaubt. 

4. Chorioiditis syphilitica. 

Die Syphilis localisirt sich am Auge fast ohne Ausnahme in der 
Iris, und dann ist es im Allgemeinen nicht schwer, das Leiden des 

*) Einige vollständige Krankengeschichten sanimt Sectionsbefund hat Prof. Fischer in seinem 1846 er- 
schienenen Lehrbuche S. 287—293 veröffentlicht. 



Entzündung — syphilitische. 211 

Auges in Bezug auf sein ätiologisches Moment zu erkennen. Dass zu 
einem solchen Leiden der Iris bisweilen eine ähnliche Affection des 
Corpus ciliare und der Chorioidea (im engern Sinne des Wortes) hin- 
zutrete, und aus welchen Erscheinungen man auf dieses Weitergreifen 
des Processes schliessen könne, wurde bereits bei der Lehre von der 
Iritis S. 69) bemerkt. Wir haben dort (S. 89) auch eine Beobachtung* 
mitgetheilt, in welcher uns die eigentliche Natur des Iridochorioideal- 
leidens entgangen war. Die nachfolgende Krankengeschichte zeigt, 
dass auch die Chorioidea primär und ganz allein (ohne die Iris) der 
Sitz eines durch Syphilis bedingten Exsudationsprocesses sein könne. 

M. A., 4L Jahre alt, Gastwirth, dem Trünke von Bier ergeben, doch angeblich 
früher stets gesund, zog sich vor 1 Jahre ein Ulcus syphil. penis zu, an welchem er 
von einem Chirurgen auf dem Lande durch z /\ Jahre behandelt wurde (örtlich mit Lapis, 
innerlich mit Calomel, ohne Beobachtung der nöthigen Diät). Später trat Angina auf, 
welche nach Pillen in steigender Dosis (Dzondi ?) vor 6 Wochen heilte. Vor 3 Wochen 
erkrankte er an dem rechten Auge mit drückenden, später reissenden und stechenden 
Sehmerzen und Empfindlichkeit gegen starkes Licht, jedoch ohne starke Böthe des 
Weissen im Auge; allmälig nahm das Gesicht ab, und ging endlich bis auf die Wahr- 
nehmung grösserer Gegenstände verloren. Acht Tage später erkrankte auch das linke 
Auge unter denselben Erscheimmgen, nur soll die Erblindung, die hier total ist, sehr 
schnell (in 2 Tagen) eingetreten sein. Man hatte ihm Blutegel angesetzt , Vesicantien 
hinter die Ohren gelegt, eine abführende Mixtur verordnet, und eine Salbe zum Einreiben 
in die Augen verschrieben. 

Wir fanden die Lider normal, die Bindehaut nur wenig injicirt, dagegen die Ci- 
liargetasse zahlreich und erweitert, um die Hornhaut einen schmutzigrothen, etwa V" 
breiten und durch einen bläulichweissen Ring von der Hornhaut getrennten Saum bil- 
dend. Die Hornhäute normal, die Regenbogenhäute aufgelockert, ihre Fasern undeutlich, 
ihre Farbe ins Grünliche spielend, ihre Beweglichkeit bei Lichtwechsel ganz aufgehoben. 
Die rupillen l'/a — '!'" weit, oval, ohne sichtliche hintere Synechien, in der Tiefe 
graugrünlieh. Die Consistenz der Bulbi nicht verändert. Lichtscheu und Thränenfluss 
sehr gering. Im linken Auge drückender Schmerz , im rechten zeitweilig Gefühl von 
Zusammenziehen. Beim Bewegen der Augen schweben dem Kranken blaue Sterne bei 
geschlossenen Augen Funken oder feurige Räder vor. Rechts werden zur Roth noch 
grössere Gegenstände wahrgenommen, links scheint gar keine Lichtempfindung vorhanden 
zu sein. 

Wir Hessen den Kranken das Bett hüten, setzten ihn, da er ziemlich gut genährt 
aussah, auf schmale Kost und verabreichten ihm zunächst grosse Dosen Calomel mit 
Jalappa, dann Calomel in kleinern Gaben allein, später Polygala senega, zuletzt warme 
Bäder. Wir bemerken nebenbei, dass nach der Consumtion von 36 Gran Calomel binnen 
14 Tagen keine Spur von Salivation eintrat. Er war den 25. August aufgenommen 
worden. Vom 3. September an trat allmälig Besserung des Sehens auf dem rechten, 
und am 13. auch Lichtempfindung auf dem linken Auge ein. Heftige Schmerzen, welche 
am 20. September eintraten, und vorzüglich von 9 — 11 Uhr Abends wütheten, so als ob 
die Augen aus ihren Höhlen herausgerissen werden sollten , machten die Anwendung 
von grauer Salbe mit Opium durch 5 Tage nothwendig. Bis zum 7. October war der 

14* 



-212 Aderhaut. 

Kranke so weit geheilt, dass er mit dem rechten Auge auch die kleinsten Gegenstände 
erkannte, auf dem linken jedoch nur deutliche Lichtempfindung hatte. Er verlangte 
dringend, entlassen zu werden, was wir ihm nicht verweigern durften. 

5. Chorioiditis scrofulosa (tuberculosa). 

Hieher gehörige Fälle wurden in früherer Zeit wohl mit zu Beer's amaurotischem 
Katzenauge gerechnet; von Ammon, Prael, Bredov u. A. betrachteten sie als Mark- 
schwamm der Netzhaut mit dem Ausgange in Schrumpfung. 

Bei Kindern von 1 — 10 Jahren hat man Ablagerung einer blass- 
gelben Masse im Grunde des Auges, allmäliges Vordringen derselben 
gegen die Iris bald mit, bald ohne zeitweilige Vergrösserung des 
Bulbus, zuletzt aber Schrumpfung dieser Masse und des ganzen Bulbus 
beobachtet. 

Die von diesem Processe Befallenen sind zarte blonde Kinder, 
nach Chelius' *) und meinen Beobachtungen scrofulös. Das Übel beginnt 
ohne alle äussere Veranlassung auf dem einen und über kurz oder 
lang auch auf dem andern Auge. Doch kann das 2. Auge auch 
Jahre lang — für immer? — verschont bleiben. Es kommt im Ganzen 
selten vor. 

Der Beginn des Leidens macht sich manchmal dadurch bemerkbar, 
dass das Auge etwas geröthet erscheint, leicht thränt, und gegen das 
Licht abnorm empfindlich ist, oder dadurch, dass das Kind beim Er- 
greifen kleiner Objecte herum tappt oder einen stieren Blick bekommt. 
In andern Fällen wird die Umgebung erst durch den eigenthümlich 
glänzenden Lichtreflex aus der Tiefe des Auges auf das Übel aufmerk- 
sam gemacht. Wird der Arzt um diese Zeit consultirt, so findet er die 
vordem Ciliargefässe zahlreicher und stärker injicirt, die Sclera auf- 
fallend bläulichweiss, die Pupille ohne Farben- und Structurveränderung 
der Iris mehr weniger erweitert und träge, oder gar nicht beweglich, 
den Grund des Auges (ganz oder theilweise) lichtgrau, matt- oder gelb- 
lich-weiss, bei den Bewegungen des Bulbus schillernd oder gleichsam 
leuchtend, das Sehvermögen ganz oder theilweise aufgehoben. 

Mit der Zunahme der Tuberkelablagerung, welche bald gleich- 
massig vorwärts rückt, bald an einer oder der andern Stelle auffal- 
lende Erhöhungen (Höcker) zeigt, und in dem einen wie in dem andern 
Falle bisweilen die Gefässe der vorwärts gedrängten Netzhaut wahr- 
nehmen lässt, treten die Ciliargefässe auf der Sclera stärker hervor, 
und die Iris verliert ihre Farbe und schrumpft in mehr weniger grosser 
Ausdehnung auf einen schmalen Saum zusammen. Meistens tritt nun 

*) Handbuch der Augenheilkunde. Bd. I. Stuttgart, 1843. S. 242. 



Entzündung — scrofulöse — Symptome. 213 

auch seröser Erguss dazu, und unter heftigen Schmerzen, starker Ge- 
fässentwicklung und ödematöser Schwellung der Bindehaut und der 
Augenlider wird die Sclera an einer oder der andern Stelle bläulich 
hervorgetrieben und die Linse sammt der Iris vorwärts gedrängt. 

Bis hieher zeigt die Krankheit einen ganz gleichen oder doch 
sehr ähnlichen Verlauf mit dem Markschwamm der Netzhaut (siehe 
unten Krankheiten der Netzhaut) und lässt mit gutem Grunde Durch- 
bruch der Sclera oder der Cornea befürchten. Statt dessen tritt jedoch 
alliuälig Resorption des flüssigen Exsudates und über kurz oder lang 
Schrumpfung des Bulbus ein. In andern Fällen werden während des 
serösen Ergusses die vordere Partie der Sclera und die Cornea erweicht, 
und dadurch 'die vordere Augenkammer vergrössert, bald mit unver- 
änderter "Wölbung und Durchsichtigkeit, bald mit Trübung und Form- 
veränderung der Cornea. 

Wir glauben die Eigenthümlichkeiten der hieher gehörigen Fälle 
unsern Lesern nicht besser vor Augen führen zu können , als wenn wir 
einige fremde und eigene Beobachtungen speciell anführen. Aus diesen 
Fällen wird sich auch zugleich ergeben, dass bei dieser Form von 
Chorioiditis dem Arzte nichts zu thun übrig bleibt, als etwa lästige Zu- 
fälle zu mildern. Wäre bloss ein Auge ergriffen, so Hesse sich das 
Erkranken des andern vielleicht durch innere Behandlung wie bei 
Scrofulosis überhaupt verhüten. 

Die Unterscheidung dieser Krankheit vom Markschwamm der Netz- 
haut, welche in prognostischer Beziehung so wichtig ist, wird bei dem 
gegenwärtigen Standpunkte der Diagnostik leider erst dann möglich, 
wenn einerseits Durchbruch des Markschwammes durch die Cornea oder 
Sclera, oder anderseits Atrophie des Bulbus beginnt. Lawrence*) spricht 
sich hierüber folgendermassen aus: „Wir haben in unserer Heilanstalt 
Kinder gesehen, welche die Erscheinungen des Fungus haematodes 
(Markschwammes) im ersten Stadium darboten, nämlich die veränderte 
Farbe der Pupille, den metallischen Pteflex auf dem Boden des Auges 
etc. Das jedesmal ungünstige Resultat der Exstirpation hatte uns ab- 
geschreckt, die Operation in Vorschlag zu bringen. Ganz aber gegen 
unsere Erwartung blieb in einigen Fällen Alles in diesem Zustande, 
und nachher schrumpfte der Augapfel, statt zerstört zu werden, bloss 
etwas ein und wurde atrophisch." 

Ein Knabe von Wh Jahren**) ward im Jäner 1828 wegen gänzlicher Erblindung 
in das Dresdner Blindenerziehungshaus aufgenommen. Er war bis auf sein Augenübel 

*) Makenzie 1. c. S. 534. 
**) v. Ammon in Hecker's liter. Annal. 5. Jahrgang, 1829, Sept., S. 1. 



214 Aderhaut. 

von Kindheit an gesund gewesen, hatte einen scrofulösen Habitus, war jedoch ziemlich 
gross und sehr gut genährt. — Das rechte Auge hatte er durch einen Fall eingebusst, 
wodurch der Beschreibung nach eine Rhexis bulbi herbeigeführt worden war. — Das 
linke obere Lid war sehr hervorragend und sammt der Schläfegegend von grossen und 
dunkelblauen Venen durchzogen. Die Berührung desselben war äusserst schmerzhaft; 
der Bulbus selbst zeigte fast alle charakteristischen Zeichen eines in der stärksten Ent- 
wicklung begriffenen Markschwammes des Auges (Sarcoma medulläre oculi). Die Oph- 
thalmo- conjunetiva war mit blaurothen varicösen Gefässen durchzogen, die Cornea sehr 
gespannt und glänzend; dicht an ihr lag die schmutzig bläulichgrüne, convex hervor- 
getriebene Iris; der Übergang der Cornea in die Sclera war durch eine Menge varicöser 
Gefässe sehr schwer zu unterscheiden , machte sich jedoch durch einen blaurothen erha- 
benen Ring in der Gegend des Ciliarkörpers kenntlich. Dicht hinter der sehr grossen 
Pupille, die mehr oval als rund war, befand sich ein strohgelber, glatter Korper, der 
durch seine Grösse die Iris von hinten nach vorn drückte. Auf diesem Körper waren 
weder mit freiem noch mit bewaffnetem Auge Gefässe zu entdecken. Der Bulbus war 
wenig vergrössert, jedoch etwas hervorgetrieben und sehr gespannt. — Nach der Aussage 
der Mutter war der Knabe bereits seit mehreren Jahren erblindet. Über die Entstehung 
war nichts Bestimmtes zu erfahren. — Mehrere Wochen blieb der Zustand unverändert. 
Sodann bemerkte von Amnion eines Morgens den Raum zwischen der Cornea und dem 
gelben Körper etwas verringert und auf letzterem ein nicht unbedeutendes Blutextravasat. 
Dabei mehr Gefässinjection, heftigere Schmerzen und Fieber ohne äussere Veranlassung. 
Nach wenig Tagen wurde das Blut allmälig resorbirt, doch behielt der gelbe Körper 
eine mehr dunkelgelbe Farbe. Nach 6 Tagen neuer Bluterguss. Das Auge schmerzte 
heftig, und von allen Seiten desselben erstreckten sich Gefässe nach der Mitte der 
Hornhaut, welche jetzt immer trüber, dunkler und blauer wurde, in ihrem Centrum sich 
mehr erhob, und ein karfunkelartiges Aussehen erhielt. Die Lider waren ödematös ge- 
schwollen. Allmälig verlor sich die dunkle Röthe des Bulbus, die einzelnen varicösen 
Gefässe verschwanden, allein es blieb eine solche Trübung der Cornea zurück, dass man 
nicht mehr in die vordere Kammer zu sehen vermochte. Von jetzt an verharrte ein 
dumpfer drückender Schmerz viele Monate lang im Auge, an dem man nur die Verän- 
derungen wahrnahm, dass durch zeitweilige Congestion das Volumen des Auges bald zu- 
bald abnahm. Alsdann vergrösserte sich das Volumen des Augapfels auffallend, und der 
gelbe Körper schien ganz bis an die getrübte Cornea vorgerückt zu sein. (Juli 1S2S.) 
Als von Ammon den Kranken Ende September wieder sah, hatte sich der früher sehr 
hervorgetriebene und vergrösserte Bulbus zurückgezogen und um ein Viertheil verkleinert, 
ohne dass der befürchtete Durchbruch eingetreten war. Die Cornea war abgeplattet, 
vom Rande her in eine undurchsichtige fibröse Membran verwandelt und daselbst von 
vielen varicösen Gefässen durchzogen ; dicht an ihr lag die Iris ; die eckige Pupille von 
einer schmutziggelben Masse angefüllt; der Bulbus schmerzlos, weich anzufühlen. 

Dr Prael*) hat zwei ähnliche Fälle beschrieben. Beide betreffen blonde Mädchen 
in den Kinderjahren, welche, nach dem Aussehen zu schliessen , übrigens gesund waren. 
Das eine wurde zu Ende des 1. Lebensjahres von Krämpfen befallen. Einige Wochen 
nachher verlor das Kind seine muntere Laune, das linke Auge thränte und war gegen 
stärkeres Licht empfindlich. Sonstige Zeichen von Entzündung waren nicht vorhanden, 
das Sehvermögen erloschen , die blaue Iris unbeweglich , auch a\xf Belladonna nicht re- 
agirend; die regelmässig gestaltete Pupille weder widernatürlich erweitert, noch verengert. 

*) Journal für Chir. und Augenheilkunde von Gräfe und Walther. Band 14. (1830.) S. 534. 



Entzündung — scrofulose — Krankengeschichten. 215 

Prael bemerkte im Hintergrund des Auges eine blassgelbe, etwas in's Grünlicbe schil- 
lernde Verdunklung. Xach einigen Wochen wuchs aus dieser Verdunklung eine Masse 
hervor, die, allmälig im Umfange zunehmend, als ein flach abgerundeter strohgelber 
Körper dicht hinter der Pupille lag, und auf der glatten Oberfläche Gefässverzweigungen 
sehen liess. Bei dem normalen Aussehen der äussern Häute des Auges und der Iris 
hätte ein Ungeübter das Leiden für Cataracta halten können. Gegen die Annahme eines 
Medullarsarcomes stritt der gute derbe Gesundheitszustand des Kindes. — Von jetzt an 
vegetirte das parasitische Gebilde rascher, so dass die Iris, welche keine Veränderung 
der Farbe erlitt, von einem ovalen Körper nach vorn gewölbt und bald darauf dicht an 
die Hornhaut angedrängt wurde. Liehtscheu und Thiänenfluss nahmen indessen zu, 
varicöse Gelasse gruppirten sich auf der Vorderfläche des Augapfels ; endlich trübte sich 
•die Cornea und verlor ihre regelmässige Wölbung (im 6. Monate). Statt des befürchteten 
Aufbruches erfolgte zuerst Stillstand aller drohenden Symptome, dann Zurückschreiten 
derselben, und Atrophia bulbi beschloss den Krankheitsverlauf. 

Der zweite fall betrifft ein blondes rothwangiges Mädchen von 6 Jahren. Der 
Verlauf war langsamer (bis zur Akme 1 Jahr). Auch nachdem die Krankheit ihren 
Höhepunkt erreicht hatte, trat nicht so bald Atrophie ein, sondern erst nach beiläufig 
einem Jahre, und das Kind hatte, wie Prael ausdrücklich bemerkt, noch 6 Jahre nach 
Beginn der Krankheit sehr deutliche Lichtempfindung. Dieser Umstand erklärt sich da- 
durch, dass das Aftergebilde nicht vom Hintergrunde des innern Augenraumes entsprang, 
sondern an der Insertionsstelle der Iris. Es drängte diese Membran vom Ciliarrande 
ab, und ragte sodann anfänglich als ein rundes, glattes, blassgelbes Körperchen über den 
obern Rand der Eegenbogenhaut, nach dem JSasenwinkel zu, seitwärts in die vordere 
Kammer l jt tu weit hervor. Die blaue Iris wurde dadurch nach unten herabgedrängt, so 
dass die Pupille bohnenförniig erschien. Zu dieser Zeit war das Gesicht noch vorhanden, 
bloss geschwächt ; im Verlaufe der Krankheit verschwand es , indem das abnorme Pro- 
duet als eine glatte, strohgelbe, ovale Masse innerhalb und hinter der Pupille bemerk- 
bar wurde. 

Ein 3. Fall von demselben Autor*) betrifft die blonde Tochter eines Schuhmachers, 
welche ebenfalls blaue Augen hatte. „Bei einem leukophlegmatischen Habitus zeigte sie 
•eine frühe Geistesentwicklung. Sie erreichte das 4. Lebensjahr ohne namhafte Störung 
ihrer Gesundheit. In diesem Alter entwickelte sich eine sogenannte lymphatische Ge- 
schwulst an dem rechten Ellbogengelenke. Sie überstand die Masern, und in der Pe- 
convalescenz litt sie an einer hartnäckigen entzündlichen Affection der Augenlider. Mit 
einem grünlichen Scheine hinter der erweiterten Pupille begann jetzt die verderbliche 
Krankheit; derselbe ging in eine nebelgraue Trübung über, und die Sehkraft nahm bis 
■zur gänzlichen Blindheit ab. Bei der fortschreitenden Afterbildung in dem Bulbus 
gruppirten sich venöse Aderstränge im äussern Augenwinkel, und es entstand eine An- 
schwellung, auf welcher ein linsengrosser Knoten, die Sclerotica durchdringend, erschien. 
Heranwachsend spannte derselbe das obere Lid dergestalt empor, dass das Auge nicht 
-mehr geschlossen werden konnte. Jenes entzündete sich stark und schwoll an. Jetzt 
hatte der Krankheitsprocess mit der Akme seinen Wendepunkt erreicht. Anstatt einer 
fortschreitenden Wucherung begann ganz unerwartet der Rückbildungsprocess. Die 
Excrescenz schrumpfte von nun an dermassen ein, dass das Auge wieder geschlossen 
-werden konnte, und die Peizungssymptome desselben zusehends nachliessen. Mit der 

- Von AmmoE's Zeitschrift, Band I. Heft 5. (1838), S. 4S5. 



216 Aderhaut. 

Besserung des Auges hielt auch das Allgemeinbefinden der Kleinen gleichen Schritt. Denn 
mit dem Verschwinden des Gastricismus trat eine rege Esslust und ein gesünderes Aus- 
sehen ein. — Doch nicht lange dauerte die tauschende Besserung. Es entwickelte sich 
der Gastricismus von neuem mit gleichem Verluste der Esslust, und Patientin starb bald 
darauf sehr abgemagert nach einem Krankheitsverlaufe von 6 Monaten. — Das Heilver- 
fahren bestand bei der vorhandenen Neigung zu Obstructio alvi und einiger Intumescenz 
des Bauches in kleinen Dosen Rheum etc. — Die Section der Leiche wurde nicht ge- 
stattet, die des kranken Auges ergab folgendes Resultat : Vermittelst eines dünnen Stiels 
entsprang das Medullarsarcom aus der Lamina cribrosa n. optici ; die verdickte Chorioidea 
lag unmittelbar auf dem Aftergebilde, welches bis auf den Umfang einer Haselnuss 
zurückgegangen war. Die verdunkelte Linse befand sich in der vordem Augenkammer. 
Die Iris war ebenfalls verdickt, die Pigmentabsonderung sehr stark. Von der Retina 
war keine Spur mehr vorhanden. 

Es ist zu bedauern , dass der Sectionsbefund des Auges so mangelhaft aufgenom- 
men worden ist. Das haselnussgrosse Gebilde , welches nach Dr. Praels Angabe mittelst 
eines dünnen Stieles von der Lamina cribrosa entsprang, war wohl kein Medullarsarcom, 
sondern die nach innen gedrängte und den Rest des Glaskörpers umschliessende Netz- 
haut. — Ich habe leider noch keine Gelegenheit gehabt, derart erkrankte Augen zu 
seciren, noch einen genauen Sectionsbefund irgendwo in der Literatur aufzufinden. Es 
hat jedoch die Annahme, dass die Chorioidea das Gebilde sei, von welchem der Process 
ausgeht, und dass dieser in Tuberkelablagerung bald mit, bald ohne serösen Erguss be- 
stehe, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich. Die von mir beobachteten 5 Individuen, 
zwei Knaben und drei Mädchen, boten deutliche Zeichen von Scrofulosis dar. 

C. Anna, 5 Jahre alt, blond, hager, schlecht genährt, wurde von einer Person, 
welche über die Anamnesis keinen Aufschluss zu geben vermochte, auf die Augenklinik 
gebracht. Wir fanden den rechten Bulbus auf '/3 des normalen Volumens eingeschrumpft, 
in der Gegend des M. rectus inferior und internus mit tiefen Furchen versehen, die 
Hornhaut um die Hälfte kleiner, von oben und innen nach unten und aussen 2"', von 
oben und aussen nach unten und innen 2V2'" im Durchmesser haltend, vollkommen 
durchsichtig, bis auf zwei lineare kreideweisse Streifen, wovon der eine fast horinzontal, 
der andere fast vertical verlief, die Iris rückwärts gezogen , die kleine winklige Pupille 
durch einen gelblichweissen , kalkig aussehenden Pfropfen verlegt. Das linke Auge von 
normaler Grösse, etwas weicher, die vordem Ciliargefässe etwas stärker injicirt, die 
Hornhaut vollkommen gewölbt und durchsichtig, die Iris auf einen schmalen stahlgrauen 
Reifen zusammengeschrumpft, nach oben ganz fehlend, die Linse und ihre Kapsel voll- 
kommen durchsichtig, letztere jedoch unterhalb ihres Centrums mit einem röthlichen 
Fleckchen besetzt, welches sich unter der Loupe als ein Convolut feiner Gefässchen er- 
wies, ohne dass man diese bis zur Peripherie hin verfolgen konnte. Der Grund des Auges 
metallisch glänzend, in den untern zwei Dritteln blassgoldgelb, in dem obern Drittel 
trüb gelblichgrau. Die reflectirende Fläche zeigt die Form eines Trichters mit unregel- 
mässig eingebogenen Wandungen, dessen Spitze der Eintrittsstelle des N. opticus ent- 
spricht. An der äussern und untern Wand dieses Trichters lassen sich deutlich Blut- 
gefässchen wahrnehmen. Oberhalb der Cornea und nahe an derselben, also entsprechend 
der Stelle, wo die Iris ganz verschwunden erscheint, ist die Sclera in einen flachen, 
bläulichen , länglichen Hügel erhoben , welcher sich bis in die Gegend des Äquators 
rückwärts erstreckt, \ind von einem dichten Gefässconvolut mit deutlicher Auflockerung- 
der Bindehaut umgeben ist. 



Entzündung — scrofulose — Krankengeschichten. 217 

H. J., geboren IS36, seit einem halben Jahre total erblindet, bot (Anfang 1S48) 
folgenden Znstand dar. Rechtes Auge. Die Grösse scheint normal zu sein, die Con- 
sistenz ist vermindert. Die vollkommen durchsichtige und spiegelglatte Hornhaut ist 
grösser (Durchmesser an der Basis 5'/a — 6'")) scheinbar jedoch nicht wirklich stärker 
gewölbt , wenigstens erscheint das Spiegelbild von den gegenüberstehenden Fenster- 
rahmen genau so gross, wie an einem in gleicher Entfernung und Richtung befindlichen 
normalen Auge. Die Cornea liegt etwas weiter vorn, als im normalen Zustande, was 
dadurch bedingt ist, dass der noch von Bindehaut und von Sclera eingefasste Rand 
derselben ausgedehnt, im obern Umfange 5 '\'", im untern 3 /*'", zu beiden Seiten über 
i 2 " breit ist. Die vordere Augenkammer erscheint demgemäss mindestens noch einmal 
so gross, als sonst in diesem Alter. An dieser Vergrößerung hat jedoch auch der Um- 
stand Autheil , dass die Iris zurückgezogen erscheint. Der Ciliarrand der Iris scheint 
seine normale Lage, relativ zur Sclera, einzunehmen ; der Pupillarrand ist an die Linsen- 
kapsel angewachsen ; die zwischen dem Ciliar- und dem Pupillarrande befindliche Portion 
der Iris (der grosse Kreis) erscheint deutlich rückwärts gezogen , liegt tiefer als der 
Pupillar- und Ciliarrand, und bildet somit eine flache Rinne oder Mulde; daher sind 
die Fasern der im Allgemeinen graugrünlich aussehenden Iris in der Mitte aus ein- 
ander gezerrt, und stellen ein grobmaschiges Netz mit dunkleren Flecken (Grübchen) 
dar: dieses Auscinnnderweicben ist besonders in der untern Hälfte so stark, dass es 
scheint, als könnte man nach hinten durchsehen. Die Pupille ist etwa VI*'" gross, 
wenig entrundet und durch eine gelblichweisse , undurchsichtige, solide Masse verlegt. 
Diese Masse ist in der Mitte hellroth gefärbt, wie von ausgetretenem Blute. Schon 
mit freiem Auge sieht man einzelne Gefässchen von dieser Stelle zum Pupillarrande 
der Iris (in der untern Hälfte) hinlaufen. Unter der Loupe löst sich auch die hell- 
rothe Mitte in ein Convolut äusserst feiner Gefässchen auf, welche durch die etwas 
stärkeren Gefässchen mit dem Pupillarrande in Verbindung stehen. Auf der Sclera 
sieht man die Gefässe, welche von den Muse, rectis herkommen, stark erweitert, unter 
der Bindehaut sich in ein äusserst feines Gefässnetz ausbreitend, das um so dichter und 
feiner wird, je näher es der Cornea rückt; dadurch erhält die ganze sichtbare Sclera 
ein blassrosenrothes Aussehen. 

Linkes Auge. Dasselbe ist nicht nur weicher, sondern auch kleiner, was man 
nebst dem Augenschein auch an dem veränderten Stande der Falte des obern Lides 
erkennt. Die linke Cornea ist stärker gewölbt; das Bild der Fensterrahmen erscheint 
kleiner als an dem rechten und als an einem gesunden Auge. In dem nach unten und 
aussen gelegenen Quadranten derselben ist die Durchsichtigkeit beeinträchtigt, wie es 
scheint, durch verkalktes Exsudat (wolkig, kreidig, weissgelblich). An dieser Stelle ragt 
die Oberfläche der Cornea ein wenig mehr vor, ist uneben, rauh. Gefässentwicklung in 
der Cornea lässt sich auch mit der Loupe keine erkennen. Die vordere Kammer ist 
auf ähnliche Weise wie rechts vergrössert, doch nicht so stark, und die Cornea misst 
an der Basis nicht ganz 5'". Die Pupille ist durch eine weissgelbe, solide, kalkartig 
aussehende Masse verlegt, welche ein wenig über das Niveau des Pupillarrandes nach 
vorn emporragt. Die Iris grünlich-grau, das Grau dunkler, beinahe schiefergrau. Vom 
Pupillarrande der Iris ziehen eine Menge äusserst feiner, bloss durch die Loupe be- 
merkbarer Gefässe über die Masse in der Pupille hin. Die Verkleinerung des Bulbus 
fällt hauptsächlich auf das Geschrumpftsein der hintern zwei Drittel des Bulbus ; na- 
mentlich nach innen und unten erscheint die Sclera eingezogen , so dass man daselbst 
eine förmliche Grube bemerkt. 



218 Aderhaut. 

Der Knabe sieht gesund aus. Er ist auffallend blond, die Augenbrauen sind so 
licht wie bei Kakerlaken, das Kopfhaar ist röthlich, die Gesichtsfarbe hellroth. Er ist gut 
genährt und gehörig entwickelt. Bei Untersuchung der Schleimhäute zeigte sich eine so 
starke Vergrösserung der Mandeln, dass zwischen beiden nur etwa der kleine Finger hätte 
durchgeführt werden können. — Die Eltern sollen gesund sein. Der Knabe gibt an, dass 
ihn sein Kindermädchen, als er V2 Jahr alt war, an die Sonne gelegt, und er davon ein 
schwaches Gesicht bekommen habe. Als er 5 'i Jahr alt war, bemerkte man, dass er öfters 
über Gegenstände im Zimmer stolperte. Doch sah er bis in sein 11. Jahr so viel, dass 
er allein herumgehen konnte, und mit dem rechten Auge auch endlich anfing, etwas lesen 
zu lernen. Das linke Auge soll bereits in seinem 7. Lebensjahre gänzlich erblindet gewesen 
sein. Die völlige Erblindung des rechten Auges erfolgte in seinem 11. Jahre, angeblich 
über eine Nacht, unter Köthe des Auges, doch ohne Schmerzen. Zu bemerken ist, dass 
er im 7. Jahre, vor der Erblindung des rechten Auges, eine Krankheit überstanden, welche 
aller "Wahrscheinlichkeit nach Scarlatina war. 

Ich sah den Knaben, der in's Blindeninstitut aufgenommen wurde, bis jetzt, wo 
er 17 Jahre alt ist, von Zeit zu Zeit daselbst. Das rechte Auge ist nun in demselben 
Zustande wie früher das linke, das sich seitdem nicht verändert hat. Man sieht nun 
auch in der rechten Hornhaut einige wolkige kreideähnliche Flecken und Streifen, und 
die Gefässentwicklung in der Pupille ist beiderseits verschwunden. Das rechte Auge 
ist noch immer etwas grösser als das linke. Ich habe bei ihm, seit er im Blinden- 
institute ist, zu wiederholten Malen Anschwellungen der Lymphdrüsen am Halse 
beobachtet. 

6. Chorioiditis rheumatica. 

In Folge von Zugluft oder von plötzlicher Abkühlung des Kopfes 
entstellt bisweilen Chorioiditis mit serösem oder faserstoffig serösem 
Exsudate. Ihr Beginn kündigt sich dem Betroffenen entweder bloss 
durch Beeinträchtigung des Sehvermögens oder auch zugleich durch 
mehr weniger lebhafte Schmerzen im Auge und der Umgebung, durch 
Empfindlichkeit gegen das Licht, Thränenfluss und Röthe des Weissen 
im Auge an. 

Die Störung des Gesichtes, welche hier immer das eminente Sym- 
ptom bildet, bemerkt der Kranke Morgens beim Erwachen, oder wenn 
er seine gewohnte Arbeit vornehmen will. Das ergriffene Auge blendet 
ihn, oder bewirkt Doppeltsehen, gibt ein Schattenbild neben dem wah- 
ren, lässt eine gerade Linie krumm, an einem Ende auseinander 
fahrend erscheinen u. dgl. und muss desshalb geschlossen oder ver- 
bunden gehalten werden, oder die Sehkraft desselben ist ganz aufge- 
hoben, was jedoch, ausser in sehr heftigen oder in veralteten und miss- 
handelten Fällen, meistens nur einen Theil der Netzhaut betrifft. 

Zu Anfang ist es meistens eine nach aussen (aussen und oben, aussen und unten) 
gelegene Partie der Netzhaut, welche allein oder vorwaltend in ihrer Function beeinträch- 
tigt ist. Der Kranke sieht z. B. tou einem weissen Bogen Papier die eine Hälfte rein, 
die andere schmutzig weiss, grau, gelblich, grünlich, oder auch gar nicht; er muss, um 



Entzündung — rheumatische — Symptome. 219 

mit dem afficirten Auge ein Object zu sehen, dasselbe einer seitlichen Partie, gewöhn- 
lich der innem der Netzhaut gegenüber halten, also schief sehen. Später pflegt mehr 
die untere Hälfte der Netzhaut zu leiden, indem der Kranke nur die untere Hälfte der 
Objecte wahrnimmt, eine Erscheinung, welche auf allmälige Senkung des flüssigen Er- 
gusses zu deuten scheint. Die Begrenzungslinie zwischen dem Deutlichen und Undeut- 
lichen oder Fehlenden des Sehfeldes ist gerade oder zackig, meistens wellenförmig. 
In der Mehrzahl der Fälle ist sie, wenigstens in früherer Zeit, wandelbar, ohne dass 
man einen bestimmten Zusammenhang mit der Lageveränderung des Kopfes nach- 
weisen kann. 

Empfindlichkeit gegen das Licht, Thränenfluss und stärkere Injection 
in und unter der Conjunctiva bulbi pflegen nur während und kurze 
Zeit nach erfolgter Exsudation vorhanden zu sein. Dasselbe gilt von 
dem Gefühle von Spannung oder Druck im Auge. Länger fortzube- 
stehen pflegen: Seröse Infiltration der Conjunctiva an der Peripherie 
des Bulbus, reissende oder schneidende Schmerzen in der entsprechen- 
den Kopfhälfte, und ein mehr weniger hoher Grad von Lähmung des 
Levator palpebrae superioris oder des M. rectus extemus. Doch kann 
jeder dieser Zufälle gleich von Anfang oder doch zur Zeit der ärzt- 
lichen Beobachtung fehlen. 

Die erstgenannten Symptome werden, wenn die Störung des Gesichtes nicht be- 
trächtlich ist, der Kranke sie nicht besonders hervorhebt, der Arzt sie nicht durch ge- 
naue Sehversuche bei Verse hliessung des gesunden Auges erhebt, überhaupt bei ober- 
flächlicher Beobachtung leicht für Zufälle eines Bindehautkatarrhes genommen. Die 
seröse Infiltration lässt sich am sichersten durch Vergleichung mit dem nicht afficirten 
Auge und durch Verschieben der Conjunctiva mittelst des an den Bulbus angedrückten 
untern Lides (von der Peripherie her) erkennen. Geringe Affection des Levator pal- 
pebrae verräth sich oft nur durch veränderte Lage der Falte des obern Lides zum 
Augenbrauenbogen. Die Lähmung eines der geraden Augenmuskel gibt sich nur dann 
durch Schiefstehen des Auges und durch Doppeltsehen kund, wenn der Anatagonist bereits 
«in starkes Übergewicht gewonnen hat, und die Energie der Netzhaut nicht zu tief ge- 
sunken ist. Leichte Grade von Beeinträchtigung der Energie eines geraden Augen- 
muskels lassen sich dadurch erkennen, dass kleinere scharf markirte Objecte (eine 
verticale Linie auf weissem Papier, ein polirtes Metallstäbchen, eine Kerzenflamme u. dgl.) 
doppelt oder wie von einem Schattenbilde gefolgt erscheinen, wenn man sie in gleich- 
bleibender Entfernung vor beiden Augen langsam von rechts nach links oder von unten 
nach oben — und umgekehrt — bewegt. — Ein Kranker mit einem kaum merklichen 
Grade von Lähmung des M. rectus ext. oc. sin. und geringer Gesichtsstörung des linken 
Auges klagte, dass er seit S Tagen mit dem linken Auge nichts (i. e. schlecht) sehe, 
und dass er auch mit beiden Augen zugleich nicht gut lesen könne, indem an jedem 
Buchstaben gleichsam ein Schattenbild hänge. Ich Hess ihn einen kleinen Schlüssel 
(vertical gehalten) in der Entfernung von 10-12" fixiren. Mit dem rechten Auge 
allein erkannte er ihn rein metallisch glänzend, mit dem linken matt und undeutlich, 
mit beiden Augen so, als ob ein Schatten daran hinge. Wurde nun der Schlüssel 
vom Mittelpunkte des Horopters nach rechts bewegt, so schien der Schatten abzunehmen ; 
wurde der Schlüssel dagegen nach links abgelenkt, so trat das Schattenbild deutlicher 



220 Aderhaut. 

hervor und entfernte sich mehr von dem reinen Bilde. Aus der blossen Stellung und 
Bewegung des Auges liess sich in diesem Falle die Muskelaffection nicht erkennen. 
Der Mann, 36 Jahre alt, von blühend gesundem Aussehen, und ausser einigen rheuma- 
tischen Affectionen in der linken Schulter, die er durch russische Dampfbäder verloren 
hatte, seit Jahren von keiner Gesundheitsstörung heimgesucht, genas in sechs Tagen 
vollständig nach Anwendung eines Vesicans an die Stirn und Schläfe, bei ruhigem und 
warmem Verhalten im Zimmer und dem Gebrauche von Saidschützer Bitterwasser. 

Die Iris und die Pupille liefern bei geringeren Graden dieses Lei- 
dens keine Anhaltspunkte für die Diagnosis. Bei mittlem Graden findet 
man die Pupille nur massig erweitert, die Iris etwas träger beweglieh, 
bisweilen auch etwas verfärbt (das Blau in's Grünliche verwandelt); 
nur bei völliger Erblindung ist der Sphincter iridis gelähmt, die Pupille 
gross und starr. 

Die Fälle, wo bei weiter und starrer Pupille in der vordem Augen- 
kammer faserstoffiges Exsudat angesammelt erscheint, als Hypolympha 
oder in Form von Punkten an der hintern Wand der Cornea, gehören 
unter die seltensten. Häufiger dagegen treten mit den Zeichen der 
Chorioiditis die von fritis auf Einen eclatanten Fall dieser Art haben 
wir S. 83 mitgetheilt. 

Leichtere Fälle dieser Art heilen bei gehörigem Verhalten des 
Kranken von selbst. Mittlere und selbst hohe Grade — mit vollstän- 
diger Unterdrückung der Netzhautfunction — gestatten immer noch 
eine günstige Prognosis, zumal wenn der Druck auf die Netzhaut noch 
nicht lange besteht, das Individuum Gelegenheit und festen Willen zu 
der nöthigen Behandlung hat, und nicht etwa der Eintritt von Glaucom 
wegen constitutioneller Verhältnisse desselben zu fürchten ist. (Ver- 
gleiche Glaucom S. 198.) 

Rücksichtlich des Vorkommens ist zu bemerken, dass ich diese 
Affection fast nur in den mittlem Lebensjahren (20 — 40) beobachtet 
habe. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass sie nicht auch früher 
oder später vorkommen könne. Die Individuen waren meistens ausser- 
dem vollkommen gesund, wenigstens von blühendem Aussehen und 
kräftiger Muskulatur. Viele hatten bereits an anderweitigen rheuma- 
tischen Affectionen gelitten; einige bezeichneten Muskelrheumatismus 
als die einzige Krankheit, die sie heimgesucht hatte. Eine Kranken- 
wärterin wurde in Zeit von 4 Jahren zweimal von demselben Leiden 
an dem linken Auge befallen. 

Wenn irgendwo, so ist es gewiss bei Krankheiten der Netzhaut, sie mögen nun 
primär oder seeundär auftreten, wo der Arzt volle Ursache hat, alle Umstände genau 
zu erheben, unter welchen die Störung des Gesichtes zuerst bemerkt wurde, was der- 
selben mittel- und unmittelbar vorausging, womit sich der Kranke zu beschäftigen 



Entzündung — rheumatische — Behandlung. 221 

pflegte u. s. w. Nur auf diese Weise erfuhren wir in mehreren Fällen die Veranlassung 
zu diesem Übel, ohne uns nur im mindesten der Gefahr ausgesetzt zu haben, dem 
Krauken die Antwort in den Mund zu legen. Es bedurfte mehrmals nur einer Recapi- 
tulation des ganzen Verhaltens des Kranken einen oder einige Tage vor der ersten 
Wahrnehmung des Augenleidens, um von dem Kranken unzweifelhafte Angaben zu er- 
halten ; die Aussagen der Kranken allein geben indessen keine Sicherheit, da viele der- 
selben nur zu leicht von vermeintlicher Verkältung Affectionen herleiten, welche nach- 
weisbar von andern Ursachen abstammen. 

Behandlung. Vor Allem muss dafür gesorgt werden, dass der 
Kranke der Zugluft, dem Temperaturwechsel u. dgl. entzogen werde. 
Er muss, wenn nicht im Bette, so doch mindestens in einem trockenen 
warmen Zimmer gehalten werden. Bei Lichtscheu, Schmerzen und 
lebhafter Gefässinjection beginne man die Cur mit einer örtlichen Blut- 
entziehung (Blutegel an die Schläfe, blutige Schröpfköpfe an die Kreuz- 
und Lendengegend), lasse sofort, wenn die Schmerzen es erheischen, 
L T ng. cinereum mit Opium an die Stirn und Schläfe einreiben, die ent- 
sprechende Kopfhälfte mit einem trockenen gewärmten Leintuche be- 
deckt halten, und verabreiche innerlich nebst reichlichen lauwarmen 
Getränken bei kräftigen Individuen Tart. stibiatus r. d. mit einem 
Mittelsalze, bei Schwächlichen oder zu Diarrhöe Inclinirten Pulv, Doveri. 
Beer*), welcher die hieher gehörigen Fälle als Amaurosis rheumatica 
beschrieben hat, worin ihm Rosas u. A. gefolgt sind, empfiehlt Extr. 
quajaci mit Camphora, nach Milderung der Schmerzen Extractum aconiti 
mit Antimonialpräparaten und Schwefelblumen. Wenn die Zeichen, 
welche zur Antiphlogose auffordern, bereits verschwunden sind, und 
Wiedererregung derselben nicht zu besorgen steht, geht man zu ört- 
lichen Reizmitteln über. Günstige Wirkung erhielt ich durch fliegende 
Yesicantien an die Stirn und Schläfe, jeden zweiten Tag 1 — l*/2 
Quadratzoll Empl. canthar. an eine andere Stelle der Cutis aufgelegt, 
von Einreibungen einer Salbe aus 1—2 Tropfen Oleum crotonis Tiglii 
mit 1 Drachme Fett, von 2 — 3 Gran Veratrin mit demselben Vehikel 
allein oder zugleich mit 4—5 Gran Jodkali, von der Magnetelektricität 
(einen Pol an das obere Lid, den andern hinter das Ohr oder an den 
Nacken angelegt). 

Folgenden Fall entlehne ich aus Fischers Lehrbuche S. 190 als ein etwas selte- 
neres Beispiel einer heftigen selbstständigen Chorioiditis rheumatica. ,,A. P. , eine 24jäh- 
rige torpide Wollsortirerin, litt seit ihrer Jugend an den Augen. Ihre Katamenien, die 
im IS. Jahre spärlich aufgetreten, flössen erst nach der Geburt des zweiten Kindes 
häufiger. Vor S Jahren überstand sie eine Hämoptoe. Zwei Tage vor der Aufnahme 
in die Anstalt arbeitete sie in einer schlecht verwahrten, der Zugluft ausgesetzten Küche, 
und fühlte in der darauf folgenden Nacht heftige, stechend reissende, halbseitige Kopf- 

*) Lehre von den Augenkrankheiten. 1S17. Bd. II. S. 526. 



222 Aderhaut. 

schmerzen, später starke Lichtscheu und Thränenfluss des linken Auges. Nebst den ge- 
nannten Symptomen, die durch kalte Wasserüberschläge unerträglich gesteigert wurden,, 
fanden wir bei der ganz fieberlosen Kranken in der Sclera einen 2'" breiten rosenrothen 
Saum um die Cornea, welche letztere in der Mitte etwas getrübt war. Die sonst blaue 
Iris erschien hellgrün, unbeweglich, die Pupille ein wenig erweitert, doch vollkommen rund. 
In der vordem Augenkammer befand sich ein Hypopyum, das Sehvermögen war voll- 
kommen aufgehoben. Es wurden örtliche Blutentziehungen gemacht, Calomel und Ung. 
einer, verordnet. In der darauf folgenden Nacht entwickelte sich eine so grosse ent- 
zündlich üdematöse Geschwulst der Lider, der Schläfe und Wangengegend, dass nur 
mit Mühe ein Theil der normal weissen Sclera sichtbar gemacht werden konnte. (Diese 
Geschwulst war wohl nur Folge der Blutegelstiche.) Nach einem Diaphoreticurn mit 
Brechweinstein und nach Anwendung trockener Wärme sank die Geschwulst etwas, und 
wir erblickten den 3. Tag einen blassrothen, um die Cornea laufenden ConjunctivalwaÜI, 
der sich in die Lidspalte einklemmte. Die Kranke klagte über ein Gefühl, als würde 
der Augapfel aus der Höhle gepresst, dann über heftiges remittirendes Stechen im 
Bulbus, welches sich durch die Bewegung des letzteren sehr verschlimmerte. Gleich- 
zeitig wurde die Iris des rechten Auges gegen den Pupillarrand hin grünlich. Unter 
diesen fast trostlosen Umständen Hessen wir kräftige Einreibungen der Autenriethschen 
Salbe zwischen die Schulterblätter machen, und gaben innerlich eine Auflösung des 
Tart. emet. r. d. Die heftigen Schmerzen minderten sich und die Patientin konnte 
wieder Stunden lang schlafen. Schon den 4. Tag überraschte uns die Kranke, obschon 
sich die objeetiven Symptome nicht geändert hatten, mit der Äusserung, sie habe beim 
Öffnen der Lider die Hand erkannt. Die objeetiven Symptome traten nun allmälig 
zurück, das Sehvermögen nahm allmälig zu, und die Kranke verliess am 15. Tage nach 
ihrer Aufnahme unsere Klinik, ohne die geringste Spur einer überstandenen Augen- 
krankheit." 

Ein Student kam Ende Jäner 1853 auf die Klinik, weil er mit dem rechten Auge 
seit 4 Wochen schlecht sah, und dasselbe ihn auch im Gebrauche des linken (durch 
Blendung und Doppeltsehen) hinderte. Wir fanden ausser den Merkmalen massiger 
Kurzsichtigkeit beider Augen (grössere Augenkammer und etwas stärkere Injection der 
vordem Ciliargefässe) weder an dem einen noch an dem andern Auge etwas Abnormes. 
Er konnte mit dem rechten Auge allein nicht nur nicht lesen, sondern auch selbst 
grössere Gegenstände (auch Personen) in gerader Bichtung nicht erkennen. Aus den 
Angaben des Kranken ergab sich, dass ungefähr 2 /3 der Netzhaut in ihrer Function* be- 
einträchtigt waren, das nach innen und unten gelegene Drittel wenig oder gar nicht 
litt. Hielt man ihm ein weisses Blatt Papier vor, so sah er nur die rechte obere Ecke 
deutlich, das Übrige war wie mit einem dichten grauen Nebel verdeckt; er erkannte 
auch mit Bleistift darauf geschriebene, etwas grössere Buchstaben, wenn er das Blatt 
oder das Auge in die entsprechende Richtung bringen konnte. Diese Scheidung des 
Sehfeldes in eine dunkle und helle Partie hatte er gleich zu Aufang der Krankheit be- 
merkt, jedoch so, dass damals beim Versuche zu lesen die untere Hälfte des Buches 
verdeckt erschien. Er hatte vor acht Tagen einen Arzt zu Bathe gezogen; da er sich 
aber über die Art, wie das Gesicht gestört sei, nicht näher ausgesprochen, und der 
Arzt die Conjunctiva bulbi abnorm injicirt gefunden hatte, so war das Übel für einen 
Augenkatarrh gehalten und demgemäss behandelt worden. 

Der junge Mann, 24 Jahre alt, von blühend gesundem Aussehen, war früher nie- 
krank gewesen, bloss mehrere Male, besonders wenn er sich der Zugluft ausgesetzt hatte, von. 



Entzündung — rheumatische — Krankengeschichten. 223 

mehrtägigen Schmerzen in den Schultern oder im Hinterhaupte befallen worden. Da er 
sich eben auf die Staatsprüfungen vorbereitete, hatte er seine Augen in der letztern 
Zeit viel angestrengt. Er wusste keine Veranlassung zu seinem Leiden anzugeben, und 
bemerkte nur, dass er 3 Tage vor dem Ausbruche desselben (am Sylvesterabend) etwas 
mehr getrunken — was sonst nie seine Gewohnheit war, und erhitzt in der kalten 
Nacht durch einige Strassen nach Hause gegangen war. Den andern Tag war er 
einigemal von einem leichten Frösteln befallen worden. Als ich meinen Zuhörern er- 
klärte, man könne hier füglich nur plötzlich erfolgten serösen Erguss zwischen Chorioidea 
und Netzhaut annehmen, wie ich ihn namentlich dann beobachtet habe, wenn der er- 
hitzte Kopf von einem kalten Luftzuge getroffen worden war, erklärte der Kranke, das 
müsse wohl auch bei ihm der Fall sein, indem er am 2. Jäner gegen Abend in einem 
Kaffeehause, wo es sehr heiss war, so zu sitzen gekommen sei, dass ihn der Zug von 
einem offenen Fenster traf; dieser Zug sei ihm unerträglich gewesen, so dass er Anfangs 
sich den Kockkragen aufstülpte, und als diess nichts nützte, endlich das Local verliess. 
Und noch denselben Abend bemerkte er, als er lesen wollte, die obgenannte Erschei- 
nung, dass ihn das linke Auge blendete, und dass er mit demselben nur die untere 
Hälfte des Buches sah. Am 3. Jäner hatte sich der Zustand in so fern geändert, dass 
die Grenzlinie zwischen dem hellen und dunkeln Theile des Sehfeldes nicht mehr hori- 
zontal, sondern schief von links oben nach rechts unten verlief, so dass er z. B. von 
einem Buche (mit dem rechten Auge allein) nur die rechte obere Ecke deutlich sah. 
Der helle Theil des Sehfeldes war im Verlaufe von 4 Wochen allmälig immer kleiner 
geworden, so dass er am 28. Jäner den Eingangs geschilderten Zustand darbot. 

Der Kranke wollte nicht in's Spital eintreten und blieb beim Gebrauche gelinder 
Diaphoretica zu Hause im Bette. Da er indess daselbst nicht die nöthige Pflege hatte, 
gab er am 31. Jäner meinen ernsten Vorstellungen nach. Der Zustand des Auges hatte 
sich in so fern gebessert, dass er bereits auch in gerader Bichtung die vorgehaltenen 
Finger zählen und Buchstaben von l fn" Höhe erkennen konnte. Die Scheidung des 
Sehfeldes in einen dunkeln und hellen Theil war nicht mehr deutlich, ausser bei Be- 
trachtung kleiner Objecte. Betrachtete er (bei verdecktem linken Auge) einen Druck von 3"* 
Höhe, so erkannte er die eben fixirten Buchstaben nicht, wohl aber die etwa '/a — 1" nach 
aussen befindlichen. Fixirte er 2 parallele verticale Linien, so traten sie in der Mitte 
näher an einander; betrachtete er eine etwa 20 Schritte entfernte Bettblende, so kam 
sie ihm in der Mitte schmäler vor; zugleich schienen ihm die Objecte näher vor dem 
rechten Auge zu sein, als vor dem gesunden. Horizontale Linien erschienen nur in der 
Mitte ein wenig wellenförmig gekrümmt. — Buhe im Bette, Sorge für gleichmässige 
Temperatur. Vermeidung grellen Lichtes und aller Sehversuche, massig restringirte Kost, 
Decoct. althaeae mit Glaubersalz und Brechweinstein (V2 Gran). Am 2. Februar konnte 
er bereits IV2" hohen Druck bei 9 — 10" Entfernung lesen. Fixirt er a) 2 parallele 
verticale, 0,5 Millim. dicke Linien, welche 1,3 Millim. von einander abstehen, so erkennt 
er sie an der fixirten Stelle noch als zwei, aber einander stark genähert ; b) 2 eben so- 
dicke Linien mit 0,5 Millim. Abstand verschmelzen an der fixirten Stelle in eine dickere, 
und zwar sowohl bei verticaler als bei horizontaler Stellung. Eine einfache verticale 
Linie erscheint an der fixirten Stelle gekrümmt, und zwar mit der Convexität nach 
rechts, wenn der Bulbus nach aussen, und links, wenn er nach innen gewendet wird. 
An horizontalen Linien bemerkt der Kranke nur eine geringe Schlängelung, c) Linien 
von 0,2 Millim. Dicke und l Millim. Abstand verschmelzen an der fixirten Stelle sowohl 
bei verticaler als bei horizontaler Richtung, d) "Wenn dieselben Linien weiter von ein- 



224 Aderhaut. 

ander abstehen, 1,5 — 2 Millim., so verschwinden sie an der fixirten |Stelle beinahe, indess 
sie ober- und unterhalb derselben als 2 erkannt werden, e) 2 Linien von 0,18 Millim. 
Dicke und 0,5 Millim. Abstand werden in verticaler Richtung nur als eine nicht so 
schwarze gesehen, in horizontaler Richtung als zwei. Der fixirte Theil ist bei beiden 
Richtungen undeutlich. — Nebst der frühern Behandlung noch Einreibungen Auten- 
riethscher Salbe zwischen die Schultern. — Am 4. Februar erkannte er die unter b, c 
und d angeführten Linien auch an der fixirten Stelle als zwei, die Schlängelung bei 
verticaler Richtung hatte abgenommen, und Druck von 1"' Höhe konnte gelesen wer- 
den. Bis zum 10. Febroar wurde ein Vesicans hinter das Ohr, dann an die Schläfe 
gelegt; die Besserung des Gesichtes schritt ohne Unterbrechung vorwärts. An diesem 
Tage machte der Kranke auch die Bemerkung, dass er mit dem rechten Auge jetzt 
ohne sein gewohntes Concavglas besser sehe, als mit demselben, wahrscheinlich dess- 
halb, weil die Netzhaut noch immer durch den serösen Erguss zwischen ihr und der 
Chorioidea etwas voiwärts gedrängt war. Vom 20. Februar an war auch die Störung des 
linken durch das Doppelbild des rechten Auges verschwunden. Dieses Doppelbild war, 
da sich durchaus keine Spur von Ablenkung der Sehachse nachweisen Hess, wohl nur 
dadurch bedingt gewesen, dass die Netzhaut, etwas aus ihrer Lage verdrängt war. Das 
dem rechten Auge entsprechende undeutliche Bild war immer etwas unterhalb des deut- 
lichen (des linken Auges) gesehen worden. Unter der Anwendung einer Salbe aus 2 Gran 
Veratrin und 5 Gran Jodkali auf 1 Dr. Fett an die Stirn und Schläfe hatte sich das Ge- 
sicht bis [. März (dem Tage der Redaction dieses Artikels) so weit gebessert, dass der 
Kranke mit dem rechten Auge schon einen z k'" hohen Druck bei 6" Entfernung durch 
einige Minuten lesen konnte. Doch erschienen ihm noch alle Gegenstände vor dem 
rechten Auge etwas kleiner und 2 parallele verticale Linien an der fixirten Stelle ein- 
ander etwas genähert. 

7. Chorioiditis traumatica. 

Nach zufälligen oder absichtlichen Verletzungen des Bulbus sehen 
wir Erscheinungen auftreten, welche ausschliesslich oder vorzüglich 
durch Entzündung der Chorioidea bedingt werden. Das zwischen Netz- 
und Aderhaut eingeschobene Exsudat ist vorwaltend faserstoffig, in 
heftigeren Fällen eitrig schmelzend. Der Exsudationsprocess tritt ent- 
weder bloss im Bereiche der Chorioidea auf, und führt bei wenig oder 
gar nicht veränderter Form des Bulbus einfach zur Beschränkung oder 
Vernichtung der Function desselben, oder das Leiden tritt als Irido- 
chorioiditis mit Pupillensperre und consecutiver Einschrumpfung des 
Bulbus auf, oder aber es werden auch der Glaskörper, die Cornea, so 
zu sagen alle Gebilde des Auges mit ergriffen — PanOphthalmitis — 
Function und Form des Auges in kurzer Zeit durch Eiterung im Innern 
desselben vernichtet. 

a. Beschränkt sich der Exsudationsprocess auf die Chorioidea , so 
pflegen die entzündlichen Zufälle minder heftig zu sein. Selten tritt 
deutliche Schwellung der Conjunctiva bulbi, meistens nur abnorme In- 
jeetion im Bereiche der vordem Ciliargefässe auf, partiell bei partieller 



Entzündung — traumat. — Symptome. — Au gänge. 225 

Chorioiditis, und sehr wenig- ausgesprochen bei mehr chronischem Ver- 
laufe. Die Iris erscheint verfärbt und träge oder unbeweglich, und die 
mehr weniger erweiterte und entrundete Pupille bietet bald früher bald 
spater einen lichtgrauen, silberweissen oder yoldgelbeji Reßea,- dar, be- 
dingt durch eine Platte oder Schale, welche die ganze hintere Wan- 
dung (bis zur Ora serrata) oder bloss einen Theil derselben einnimmt, 
und in manchen Fällen Ekchymosen oder Blutgefässchen wahrnehmen 
lässt. Das Sehvermögen wird, falls der Process nicht bei Zeiten durch 
entsprechende Antiphlogose gehemmt werden kann, über kurz oder 
lang merklich beschränkt oder völlig aufgehoben. Die Grösse und 
Form des Bulbus wird wenig oder gar nicht verändert. 

Zur Erregung dieser Entzündung reicht bisweilen die Einwirkung 
eines Stosses oder Schlages aufs Auge hin. Sie ist aber auch nach 
Verletzungen der Sclera mit Trennung des Zusammenhanges, nach der 
Reclination und nach der Discission der Cataracta beobachtet worden. 

Ich sah diese Form zum ersten Male 1842 bei einem 24jährigen Dienstmädchen, 
welches vor einem Jahre von einer Kuh mit dem Schweife in das linke Auge geschlagen 
worden war, und vor '/a Jahre sich mit einem Strohhalme in das rechte Auge gestossen 
hatte. Prof. Fischer*) hat diesen Fall als Eetinitis chronica beschrieben. Zehn Jahre 
später (1552) war das silberweisse Exsudat, vorzüglich an der innern "Wandung des 
linken Bulbus, noch ebenso deutlich sichtbar, so wie überhaupt der ganze Befund beider 
Bulbi noch nahezu derselbe, wie ihn Prof. Fischer geschildert hat; nur das Sehver- 
mögen des rechten Auges war bedeutend schwächer. 

Einen Fall, den ich hieher rechnen zu dürfen glaube, hat Canstatt in seiner 
trerflichen Abhandlung über den Markschwamm der Netzhaut S. 70 beschrieben. „Man 
bemerkte bei einem 5jährigen Knaben von scrofulösem Habitus, dem ein eiserner Nagel so 
in das linke Auge gesprungen war, dass die Sclera 2'" hinter der Hornhaut (an der Schläfe- 
seite) durchbohrt worden war, den 3. oder 4. Tag Röthe des Auges und bald darauf 
„etwas Trübes im Sterne des Auges" und Verlust des Sehvermögens. Am 7. Tage er- 
schienen lauf Prof. Jäger's Klinik) die Augenlider leicht geröthet, ihre Bindehaut so 
wie die des Bulbus ziemlich gleicbmässig von einer rosigen Röthe überzogen, nach 
aussen rings um die Stelle der Verwundung etwas aufgewulstet, saturirter und ekchy- 
motisch gefärbt. Durch die etwa linsengrosse Spalte der Sclera hatte sich ein nadel- 
kopfgrosser Theil der Chorioidea hervorgedrängt und bildete einen kleinen Wulst von 
livider Farbe. Die Iris des kranken, im Veigleich zur hellbraun gefärbten des gesunden 
Auges war ins Dunkelgrüne entfärbt, die Pupille nach aussen kaum merkbar verzogen. 
Das Auge thränte etwas, war aber nicht lichtscheu. Das beim ersten Anblicke Auf- 
fallendste war aber die in der Tiefe des Auges wie eine concave schimmernde Gold- 
platte sichtbar gewordene, gleichmässig ebene und ungefleckte hochgelbe Fläche der 
Retina. Das Sehvermögen war auf diesem Auge bis auf die geringste Lichtempfindung 
völlig erloschen. Der Knabe klagte besonders über nächtliche Schmerzen, war aber bei 
Tage munter beim Spielen und zeigte keine Störung in den übrigen Functionen. Am 

*) Lehrbuch S. 60. 

Arlt Augenheilkunde. H. 15 



226 Aderhaut. 

19. Tage waren die entzündlichen Symptome bis auf geringe Röthe der Bindehaut fast 
völlig verschwunden, die Wunde der Sclera vernarbt, die Veränderung der Iris und 
Retina dieselbe. Das Kind wurde noch durch 4 Wochen beobachtet. In dieser Zeit 
wurden auf der früher ganz reinen gleichförmigen Hohlfläche in der Tiefe zuerst ein 
paar kleine Blutpunkte bemerkt, die sich später zu rothen Gefässreisern entwickelten." 

Makenzie 1. c. S. 535 erwähnt eines von Travers erzählten Falles, „wo in dem 
Auge einer jungen Dame die rehfarbene glänzende Oberfläche (im Grunde des Auges) 
mit einer Verzweigung von rothen Gefässen bedeckt gewesen sei , und sich so stark 
markirt habe, dass er sie sicher für den Anfang von Markschwamm der Netzhaut gehalten 
haben würde, wenn nicht der Umstand vorgelegen wäre, dass diese Erscheinung 14 Tage 
nach einer Verwundung mit einer feinen Scheere eingetreten war. Das Instrument war 
in schräger Richtung zwischen den Rand der Iris und das Corpus ciliare gedrungen. 
Es stellte sich eine tiefsitzende Entzündung ein, und nach 3 Tagen vollständige Blindheit. 
Die Linse blieb Monate lang durchsichtig, so dass man die beschriebenen Erscheinungen 
beobachten konnte. Endlich folgte grauer Staar mit zusammengezogener Pupille auf die 
chronische Entzündung der Iris, und der Augapfel, der sich nie vergrössert hatte, schrumpfte 
allmälig zusammen." — Der Umstand, dass diese Veränderung des Augengrundes sich 
nach einem Trauma entwickelt hatte, berechtigte keineswegs zur Exclusion von Mark- 
schwamm der Netzhaut, denn auch diese Ablagerung kann bekanntlich durch traumati- 
sche Einflüsse eingeleitet werden. Desshalb lässt sich auch in dem aus Canstatt citirten 
Falle , welcher nur kurze Zeit lang beobachtet wurde, nicht entscheiden , ob die ge- 
nannte Verletzung nicht etwa bloss den ersten Impuls zur Markschwamm- oder Tuberkel- 
ablagerung gegeben, oder an und für sich zur Ausscheidung faserstoffigen Exsudates 
geführt hatte. 

Wenn sich nach der Reclination oder nach der Discission von Cataracta die Zu- 
fälle einfacher Chorioiditis entwickeln, so geschieht dies — nach meinen Beobachtungen 
— unter ziemlich heftigen Zufällen, namentlich unter starker Injection auf der Sclera 
mit mehr weniger beträchtlicher Schwellung der Conjunctiva bulbi, unter Thränenfluss, 
Lichtscheu und Schmerzen im Auge und in der entsprechenden Kopfhälfte, und unter 
mehr weniger deutlichen Photopsien, bei einfach oder ungleichmässig erweiterter Pu- 
pille, mehr weniger verfärbter Iris, nach der Reclination auch mit Hypopyum. " — Der 
unglückliche Ausgang, von welchem hier die Rede ist, ist nicht die unmittelbare Folge 
des operativen Eingriffes selbst, sondern Folge des Druckes, den die zu tief reclinirte 
oder die zu rasch aufquellende entkapselte Linse ausübt. Ich habe Fälle beobachtet, 
wo nach der Reclination (nach Wilburg) nur in der Gegend des Muse, rectus inferior 
starke Injection der vordem Ciliargefässe und der Bindehaut mit mehr weniger merk- 
licher Schwellung dieser letzteren sichtbar wurde, und wo dem entsprechend auch die 
Pupille nur nach unten ausgebuchtet war, indem die Iris daselbst auf einen schmalen 
und unbeweglichen Saum zusammengezogen erschien ; die Function der Netzhaut war 
wohl überhaupt etwas beeinträchtigt, doch bloss in der untern Partie gänzlich aufgehoben. 
Ein solcher Befund kann offenbar nur auf partielle Chorioiditis bezogen werden. — 
Allgemeine Chorioiditis sah ich einige Male nach der Discission durch die Hornhaut 
auftreten. Der erste Fall betraf einen jungen Mann von 32 Jahren. Dieser litt auf 
beiden Augen an Catar. lentic. nuclearis (siehe Krankheiten der Linse) , welche an- 
geblich vor 15 Jahren entstanden und seit langer Zeit ganz unverändert geblieben war. 
Er konnte noch zur Noth lesen und schreiben, \md dem Amte eines Wirthschaftsverwal- 
ters vorstehen. Ich glaubte nichts zu risquiren, wenn ich die Discission der Kapsel durch 



Entzündung — traumat. — Symptome — Ausgänge. 227 

die Cornea vornähme. Die Operation verlief auch ohne Gefahr für die Cornea und 
Iris. Allein nachträglich quoll der Staar allmälig so stark auf, dass er sich in die vordere 
Kammer herein — und die Iris seit- und rückwärts drängte. Dieser Vorgang war von 
heftigen Zufällen (Lichtscheu, Thränenfluss, Gefässinjection am Bulbus, Photopsien und 
halbseitigen Kopfschmerzen) begleitet, welche durch örtliche Blutentziehungen, Opium- 
einreibungen, Abfuhr- und Mercurialmittel nur gemildert, nicht beseitigt werden konnten. 
Der Bulbus wurde hart und gegen jede Berührung empfindlich, allmälig auch grösser, 
von vorn nach hinten länger. Endlich begann die Resorption der Linse, und die Pupille 
wurde im 3. Monat nach der Operation rein. Das Sehvermögen war jedoch erloschen, 
die Iris auf einen schmalen Streifen reducirt, die Sclera nächst der Cornea ausgedehnt 
(einen schmalen dunkelblauen Ring bildend) , die Ciliargefässe stark erweitert. Ob 
späterhin der Grund des Auges auch verfärbt wurde, wie in dem folgenden Falle, ist mir 
nicht bekannt, da sich der in seiner Erwartung getäuschte Kranke der fernem Beobach- 
tung entzog. — Ich vermuthete in diesem Falle, dass ich bei dem Bestreben, die vor- 
dere Kapsel gehörig zu spalten, vielleicht mit der Spitze der Nadel die Ciliarfortsätze 
verletzt . und dadurch Anstoss zu den nachfolgenden Erscheinungen gegeben hätte. Die 
folgende Beobachtung zeigte indess, dass etwas anderes Schuld sein musste. Ich modi- 
ficirte nämlich bei einem 18jährigen Mädchen, welche seit 4 — 5 Jahren ebenfalls an 
Catar. nuclearis oc. utr. litt, die Discission dadurch, dass ich bei stark erweiterter Pu- 
pille mit einem lancettfürmigen Messerchen einen gegen 2'" langen Einstich in die 
Cornea machte (etwas über I /;/ vom Rande entfernt und demselben parallel) und die 
Kapsel mittelst eines durch diesen Einstich eingeführten Häkchens einriss. Die Wunde 
war bei Abnahme des Verbandes am 4. Tage ohne exeessive Reaction verheilt, und ich 
Hess die Operirte schon vom 6. Tage an im Zimmer herumgehen. Am 12. Tage stellten 
sich Lichtscheu, Thränenfluss, Röthe des Bulbus und Kopfschmerzen ein, welche in wenig 
Tagen so zunahmen , dass ich Blutegel , Eisumschläge und Abführmittel , und, da die 
Conjunctiva bulbi merklich anschwoll, auch einige Dosen Calomel zu 2 Gran zu verordnen 
mich bemüssigt sah. Der Staar war aufgequollen und drängte sich durch die Pupille 
gegen die vordere Kammer. "Wohl gingen die genannten Zufälle allmälig zurück und 
die aufgequollene und zerklüftete Linse wurde nach und nach resorbirt, selbst von der 
vordem Kapsel ist nur noch unten ein Rest als weisser Streifen bemerkbar; allein das 
Sehvermögen nahm nicht in dem Masse zu, als die Pupille schwarz wurde, und die 
zahlreichen erweiterten Ciliargefässe, die ungleiche Erweiterung und Starrheit der Pu- 
pille, und das Wahrnehmen feuriger Erscheinungen Hessen endlich kaum mehr einen 
Zweifel übrig , dass die Sehkraft durch Chorioiditis vernichtet worden sei. Gegenwärtig, 
l'/a Jahre nach der Operation, wirft der Grund des Auges einen lichtgelben Reflex zurück, 
so wie ich ihn bei Markschwamm der Netzhaut gesehen habe, die Lichtempfindung ist 
aUmälig bis auf die letzte Spur verschwunden, die Iris auf einen schmalen schiefergrauen 
Saum zusammengeschrumpft, der unmittelbar an die Cornea angrenzende Saum der 
Sclera im obern Umfange der Cornea in eine schmale dunkelblaue Wulst erhoben, die 
Ciliargefässe enorm erweitert , der Bulbus hart , prall , in der Richtung von hinten nach 
vorn etwas vergrössert. 

b. Ist nebst der Chorioiditis auch Iritis vorhanden, so sind die Er- 
scheinungen der erstem durch die der letztern mehr weniger maskirt. 
Deutliche Anschwellung der Conjunctiva bulbi, mehr weniger merkliche 
Vorwärtsrückung des Bulbus, Ansammlung eiterähnlicher Flüssigkeit in 

15* 



228 Aderhaut. 

der vordem Augenkaminer (mit oder ohne Blut; und unverhältnissniäs- 
sig (zu den Zeichen der Iritis) starke Beeinträchtigung des Gesichtes 
mit oder ohne Photopsien sind die Zufälle, aus deren Gegenwart man 
mit Wahrscheinlichkeit oder mit Gewissheit auf das Mitleiden der Cho- 
rioidea schliessen kann. 

Auch bei dieser Form kann bisweilen durch rechtzeitige und ener- 
gische Behandlung noch Rettung des Sehvermögens oder doch so viel 
erlangt werden, dass bloss Pupillensperre mit Erhaltung der Lichtem- 
pfindung zurückbleibt. Ausserdem tritt entweder Pupillensperre und 
völlige Unempfindlichkeit gegen das Licht ein, oder es erfolgt nach- 
träglich auch Schrumpfung der hintern Hemisphäre (des ganzen Bulbus), 
oder aber es entwickelt sich das unter c zu beschreibende Bild der 
Panophthalmitis und Phthisis bulbi. 

Diese Form entsteht nach zufälligen Verletzungen des Bulbus mit 
Durchbohrung der Cornea oder der Sclera. Am besten kann man sie 
vom ersten Anfang an nach den Operationen beobachten, welche die 
Heilung des grauen Staares bezwecken. Wann Iritis nach zufälligen 
oder absichtlichen Verletzungen des Auges zu besorgen sei, wurde be- 
reits S. 55- 59 angedeutet. Wenn sich nach einer durchdringenden 
Hornhautwunde und erfolgter Pupillensperre die Iris kugelförmig nach 
vom wölbt, so dass sie gleichsam eine zur Cornea concentrisch gelegene 
Schale darstellt, oder wenn die Iris nach erfolgter Pupillensperre trich- 
terförmig rückwärts gezogen erscheint, so kann man schon aus diesem 
Verhalten allein schliessen, dass nebst Iritis auch Chorioiditis vorhan- 
den war, mithin an Wiederherstellung des Sehvermögens auf keine 
Weise zu denken sei, auch wenn zur Zeit der Beobachtung etwa noch 
Lichtempfindung vorhanden wäre. 

c. Dass jener Reihe von Zufällen, welche man als Ophthalmitis 
totalis (Rosas) oder PanOphthalmitis (Fischer) beschrieben hat, vorzugs- 
weise Ausscheidung faserstoffigen Exsudates zwischen Chorioidea und 
Retina zu Grunde liege, ergibt sich aus dem Befunde der meisten 
phthisischen Bulbi, den wir S. 170—1.72 geschildert haben. 

Wenn die in Rede stehende Entzündung im Anzüge ist, so schwel- 
len die Augenlider, besonders das obere, vom Rande her an, werden 
roth und heiss, und gegen die leiseste Berührung empfindlich. Gleich- 
zeitig schwillt auch die schon früher stark injicirte Conjunctiva bulbi 
an, und erhebt sich sofort zu einem derben und hochrothen Walle um 
die Cornea. Der Bulbus wird in dem Masse, als die Tunica vagina- 
lis infiltrirt wird, aus der Orbita vorgedrängt und in seinen Bewegungen 






Entzündung — traumal. — Symptome — Ausgänge. 229 

gehindert. Die Geschwulst der Bindebaut wird weiterhin namentlich 
im untern Umfange des Bulbus so gross,' dass sie sich zwischen den 
Lidern hervor- und das untere abwärts und zurückdrängt. Der Kranke 
erblindet, wenn er nicht schon vor Beginn der Entzündung blind war, 
in kurzer Zeit; er klagt über heftige Schmerzen, meistens auch über 
feurige Erscheinungen. Die Schmerzen erstrecken sich nach dem Ver- 
laute des 3. und 2. Astes des Trigeminus über die entsprechende Kopf- 
häute, und werden im Auge selbst als heftiger Druck oder als die Em- 
pfindung, wie wenn der Bulbus aus der Orbita herausgedrängt würde, 
bezeichnet. Die Kranken sind fast ohne Ausnahme von heftigem Fie- 
ber ergriffen. — Die Erscheinungen von Seite der Cornea und Iris sind 
verschieden, je nachdem der Proeess von der Chorioidea ausging oder 
durch Berstung der Cornea (in Folge verschiedener Ursachen — wo- 
von später — ) eingeleitet wurde. In ersterem Falle, wie z. B. nach 
der Reclination, erscheinen zunächst die Zufälle heftiger Iritis (vergl. 
Iritis traumat. S. 55) mit oder ohne Hypopyum. Alsbald wird auch 
die Cornea ergriffen, eitrig infiltrirt und meistens unter wüthenden 
Schmerzen durchbrochen. Seltener geschieht es, dass die Cornea un- 
versehrt bleibt und der Eiter sich durch die Sclera Bahn bricht. 

Diesen Ausgang sah ich merkwürdiger Weise bei einem jungen Officier ein- 
treten , welchem ein Stückchen Zündhütchenkapsel mitten durch die Cornea und Linse 
in den Glaskörper eingedrungen war. Der fremde Körper wurde, nachdem die Schwel- 
lung der Gebilde schon merklich gesunken war, eines Morgens zwischen dem untern 
Lide und dem Bulbus , aus dem er in der Gegend der Insertion des Muse, rectus infer. 

: getreten war, vorgefunden. Die Hornhautwunde hatte sich schon während des 
Steigens der Entzündung geschlossen und blieb es auch nachher. 

Diese Form, für welche man füglich den Namen PanOphthalmitis 
beibehalten kann, entsteht an ganz gesunden Augen nach in- oder ex- 
tensiv heftigen, mechanisch oder chemisch wirkenden Verletzungen des 
Bulbus. Sie entwickelt sich von der Chorioidea aus, wenn fremde 
Körper tiefer in das Auge eingedrungen sind, nach der Dislocation 
oder Discission von Cataracta, nach heftiger Erschütterung des Bulbus 
durch eine stumpfe Gewalt, wie z. B. durch einen Prellschuss, durch 
den Luftdruck an der Mündung eines eben explodirenden Kanonen- 
rohres u. dgl. Sie entwickelt sich, wenn die Cornea durch Entzün- 
dung, z. B. in Folge acuter Bindehautblennorrhöe, in Folge mechanisch 
oder chemisch wirkender Schädlichkeiten u. s. w. in Verschwörung ge- 
rathen ist. Sie ist es, welche nach der Discission durch die Cornea, 
besonders aber nach der Extraction die Function und die Form des 
Auges vernichtet. Sie entwickelt sich endlich nach der Berstung von 
Hornhautnarben, von nicht hinreichend fest überhäuteten Irisvorfällen, 



230 Aderhaut. 

nach der Abtragung von Hornhautstaphv.lonien u. dgl. (Vergi. B. I. 
Hornhautstaphyloin S. 236 und Pkthisis bulbi S. 245, 246 und 247.) 

Behandlung. Die Grundsätze, von denen man in allen diesen 
Fällen auszugeben bat, wurden bereits bei den „Verletzungen der Horn- 
haut (B. I. S. 203) und der Regenbogenhaut" (B. IL S. 59) angegeben. 
Wie man sich zu benehmen habe, wenn nach Staaroperationen Chorioi- 
ditis zu besorgen steht, oder wenn gleiche oder ähnliche Verhältnisse 
durch zufällige Verletzungen herbeigeführt wurden, wird bei Besprechung 
der einzelnen Operationsmethoden erörtert werden. 

So lange die entzündlichen Zufälle noch im Steigen begriffen sind, 
lässt sich durch Anwendung örtlicher Blutentziebungen, kalter Umschläge, 
kühlender Abführmittel und strenger Diät bisweilen Milderung dersel- 
ben, selbst Verhinderung des Überganges in Eiterung erzielen. Sind 
die Zeichen von Eiterbildung eingetreten, so ist die Form und Function 
des Auges sicher verloren, und es handelt sich nur darum, die heftigen 
Schmerzen zu mildern und vom Bulbus, wo möglich, so viel zu erhal- 
ten, dass nachher die Lider nicht zu stark einsinken, und der Stumpf 
sich in späterer Zeit zur Anlegung eines künstlichen Auges eigne. 
Einreibungen von Ung. cinereum mit Opium an die Stirn und Schläfe 
und trockene warme Compressen so über das Auge herabhängend, dass 
sie dasselbe nicht drücken, verschaffen unter solchen Umständen bis- 
weilen merkliche Erleichterung. Weller, v. Rosas u. A. empfehlen die 
Anwendung feuchtwarmer Umschläge, und, sobald sich an irgend einer 
Stelle ein bedeutender Eiterpunkt zeigt, die Eröffnung der Hornhaut 
mittelst eines Staarmessers (an ihrem untern Rande). Letztere habe 
ich bisher nicht vorgenommen, ausser in einer viel frühern Periode, 
wenn wegen zu raschen Aufquellens der Linse, oder wegen Vorfall 
derselben in die vordere Kammer (nach der Reclination) Iridochorioi- 
ditis im Anzüge war, oder wenn nebst andern Zeichen von Iridocho- 
rioiditis beträchtliche Ansammlung von eiterähnlicher Flüssigkeit in der 
vordem Kammer vorhanden war. Die von denselben und andern Auto- 
ren angeführte brandige Zerstörung des Bulbus habe ich bisher weder 
nach zufälligen noch nach absichtlichen Verletzungen eintreten gesehen. 

Es dauert immer mehrere Monate, ehe in dem zurückbleibenden 
Stumpfe ein gewisser Grad von Ruhe eintritt. Bis dahin erscheint es 
gerathen, das andere Auge möglichst wenig anzustrengen. Vergl. B. H. 
S. 50. 

Ein künstliches Auge kann erst dann eingelegt werden, wenn so- 
wohl die Form als die Farbe (Injection) des Stumpfes eine Zeit lang 
stationär geworden sind. Wird gegen diese Regel gefehlt, so setzt 



Bluterguss. 231 

man sich der Gefahr aus, dass neuerdings entzündliche Zufälle eintre- 
ten, und der Bulbus in Folge dessen zu einem viel zu kleinen Stumpfe 
zusammenschrumpft. 



II. Bluterguss aus der Chorioidea. 

Bluterguss, von der Chorioidea ausgehend, kann wahrscheinlich 
sowohl an der innern als an der äussern Fläche stattfinden. Aus Sec- 
tionsbefunden kenne ich nur den Bluterguss zwischen Chorioidea und 
Sclera. Er erfolgt wahrscheinlich nur dann, wenn die Spannung des 
Bulbus plötzlich aufgehoben wird, durch Verwundung oder Berstung 
der Cornea. Er ist es namentlich, welcher nach der Abtragung von 
Hornhautstaphylomen den schon von Beer geschilderten Zustand her- 
vorruft, wo Glaskörper, Retina und Chorioidea unter fürchterlichen 
Sehmerzen, Erbrechen und mehr weniger reichlicher Blutung aus der 
Hornhautöflfuung herausgedrängt werden. (S. B. I. S. 251.) 

An dem Cadaver einer 80jährigen Frau fand ich das rechte Auge etwas kleiner 
als das linke , die Hornhaut abgeplattet, in der Mitte mit einer grossen und durchdrin- 
genden , wie es schien , noch nicht sehr alten Narbe versehen. Bei Eröffnung der 
Sclera nach der Richtung des Äquators floss eine Menge hellrothen Blutes aus, ohne 
dass die Chorioidea eingeschnitten worden war. Das Blut war zwischen Chorioidea und 
Lamina fusca scleroticae enthalten gewesen , und zwar in der äussern Hälfte der hintern 
Hemisphäre. Eine gelbliche, innen glatte Membran, welche dasselbe umschlossen hatte, 
hing mit der Sclera ziemlich fest, doch nicht unzertrennlich zusammen. Der etwas 
verdrängte (an Volumen verminderte) Glaskörper erschien in normaler Beschaffenheit, 
ebenso liess sich an der Netzhaut weder mit freiem Auge noch mit der Loupe eine 
Abnormität nachweisen, ausser der abnormen Lage, die wir unten noch genauer be- 
zeichnen wollen. Nicht nur die Netzhaut und die eigentliche Chorioidea, sondern auch 
der Ciliarkörper waren an der Schläfeseite gegen die Sehachse hin aus ihrer Lage ge- 
treten, so dass die Ciliarfortsätze , von hinten angesehen , keinen Kreis darstellten , son- 
dern an der Schläfeseite gegen die Pupille hin gezogen erschienen. Die durch eine 
grauliehe Membran verschlossene und an die Hornhautnarbe angelöthete Pupille nahm 
nicht genau die Mitte ein, sondern lag etwas nach aussen und unten, und in sie hinein- 
gezogen und mit ihr verwachsen war ein Zipfel der Netzhaut; denn von der Linse und 
Kapsel war keine Spur vorzufinden. — Aus diesem Befunde liess sich schliessen, dass 
die Linse sammt der Kapsel durch eine centrale Hornhautöffnung abgegangen waren, 
und dass durch Bluterguss zwischen der Chorioidea und Sclera ein Theil des Glas- 
körpers, der Netzhaut und der Aderhaut in die Öffnung hinein gedrängt worden, und so- 
fort mit dem die Öffnung endlich abschliessenden Narbengewebe verwachsen war. 

Blutei^uss wird während des Lebens bisweilen im Grunde des 
Auges, tief im Glaskörper beobachtet. Es lässt sich, da keine verläss- 
lichen Sectionsbefunde vorliegen, gegenwärtig nicht entscheiden, ob er 
von den Xetz- oder von den Aderhautgefassen ausgeht. Er wird bis- 



232 Aderhaut. 

weilen ohne bekannte Veranlassung 1 beobachtet, entsteht aber meistens 
nach Stössen oder Schlägen auf's Auge, nach Heben schwerer Lasten, 
Husten, Niesen, Erbrechen und ähnlichen Schädlichkeiten. Er kündigt 
sich durch mehr weniger ausgebreitete Störung der Lichtperception bald 
mit, bald ohne Photopsie an, und lässt sich durch das plötzliche Ein- 
treten nach einer der genannten Veranlassungen, durch röthliche Fär- 
bung oder Einsäumung der Gesichtsobjecte, falls solche noch wahrge- 
nommen werden, durch allmäliges Übergehen des Rothen in's Braune, 
Gelbe, Grüne u. dgl., am sichersten aber durch Anwendung des Helm- 
holtzschen Augenspiegels erkennen. Erweiterung der Pupille ist nur 
dann vorhanden, wenn die Netzhaut förmlich gelähmt ist, und stärkere 
Injection der Ciliargefässe nur bei nachfolgender entzündlicher Reaction. 
Kleinere Extravasate werden allmälig resorbirt, ohne irgend einen blei- 
benden Nachtheil zu hinterlassen. In andern Fällen wird der geron- 
nene Faserstoff nach geraumer Zeit im Grunde des Auges als gold- 
oder röthlichgelbe oder rostbraune Masse sichtbar, und kann leicht für 
ein Chorioidealexsudat oder für Markschwammablagerung gehalten 
werden. 

Die Behandlung besteht in frischen Fällen nebst der Abhaltung des 
fernem Einflusses schädlicher Momente, z. B. fest anliegender Halsbin- 
den, gebückter Stellung u. dgl., in der Anwendung spirituöser Fomente 
auf das Auge, vorzüglich von verdünnter Tinctura flor. arnicae mon- 
tanae. In späterer Zeit mag man durch den Gebrauch von Jodkali- 
salbe in der Umgebung des Auges, von Elektricität, von Ammoniak- 
dämpfen an das offene Auge u. dgl. Resorption einzuleiten versuchen. 
Fischer (Lehrbuch S. 25) empfiehlt den Gebrauch von Polyg. senega 
und antiphlogistische Purgirmittel. 

Folgende drei Krankengeschichten entnehmen wir aus Fischer's Lehrbuche S. 26, 
weil sie uns in mehrfacher Beziehung lehrreich erscheinen. 

„Ein 60 Jahre alter Mann bemerkte nach einem kräftigen Schlage auf das rechte 
Auge, als er sich von der dadurch veranlassten Betäubung erholt hatte, völlige Blindheit 
dieses Auges und drückende Schmerzen daselbst. Zwölf Stunden nach der Verletzung 
fanden wir den Bulbus scheinbar vergrössert, die Bindehaut durch Bluterguss aufge- 
wulstet, die Hornhaut normal, in der vordem Kammer bis zur Hälfte der sehr stark er- 
weiterten und starren Pupille Blut, das Sehvermögen bis auf Lichtempfindung erloschen. 
Der Kranke klagte über starken drückenden Schmerz im Auge und über das Gefühl, 
als würde der in seinen Bewegungen träge Bulbus von allen Seiten gewaltsam zu- 
sammengepresst. Bei fleissig fortgesetzter Anwendung weingeistiger Einreibungen in 
die Umgebung des Auges und solchen Umschlägen auf das Auge selbst, und kräftig 
wirkender Ableitung auf den Darmkanal, wurde das extravasirte Blut nicht nur auf- 
gesaugt, sondern das Sehvermögen besserte sich im weiteren Verlaufe der Krankheit 
so sehr, dass deT Kranke bei seiner Entlassung, die 7 Wochen nach der Verletzung 



Bltiterguss. 233 

geschah, bei normaler Iris und Pupille nicht nur grössere Gegenstände, sondern selbst 
einen kleinen Uhrschliissel , einen Fingerring , kleine Silbermünzen, jedoch ohne deren 
Prägung wahrzunehmen, deutlich erkannte." 

„Ein 32jähriger, robuster Kutscher erhielt von einem Pferde einen Stoss mit dem 
Kopf ins rechte Auge. Einige Stunden darauf fanden wir die Scleralbindehaut des ver- 
letzten Auges geröthet, in der vordem Augenkammer ein bedeutendes Blutextravasat, das 
bis zum Pupillarrande reichte, die Pupille selbst sehr erweitert, ein grosses, schief ge- 
gen den innern "Winkel hin liegendes Oval bildend , und die Eegenbogenhaut unbeweg- 
lich. Der Patient klagte über ein schmerzhaftes Gefühl im Auge und über sehr trübes 
Sehen. "Wir gaben ihm ein antiphlogistisches Abführmittel, vei-ordneten eine schwache 
antiphlogistische Diät, Ruhe des Körpers, und Hessen weingeistige Fomente über das 
Auge legen. Schon nach zwei Tagen besserte sich das Sehvermögen, obschon noch Blut 
in der vordem Augenkammer vorhanden war. Wir gingen nun zu warmen Umschlägen 
von rothem Weine über, welcher über Posmarinblätter infundirt war. Nach 8 Tagen 
war das Sehvermögen vollkommen hergestellt, die Pupille zwar noch etwas grösser als 
in dem gesunden Auge, aber vollkommen rund und schwarz, die Iris beweglich, aller 
Blutergu-s aufgesogen." ' 

„W. J.. 45 Jahre alt, von starkem, untersetztem Körperbaue, etwas bläulichrothem 
Gesichte, leidet seit längerer Zeit an heftigem Husten, und beschäftigt sich viel mit 
Sehreiben und Zeichnen. Am 3. März in der Nacht erfolgte nach dem Genüsse von 
zwei Seideln Wein , an den er nicht gewöhnt war , zweimaliges Erbrechen und gegen 
Morgen ein ungewöhnlich starker Anfall von Husten. Als es Tag wurde, bemerkte er, 
da<s er mit dem linken Auge Alles trüb , und gegen Mittag schon beinahe gar nichts 
mehr sehe. Patient beschreibt den damaligen Zustand, den er auch durch eine Zeichnung 
zu versinnlichen suchte, auf folgende Weise : „Ich erkannte mit dem kranken Auge wohl 
grössere Gegenstände, aber sehr undeutlich, besonders blieb mir die Mitte derselben fast 
unsichtbar, deun es schwebte mir in einer Entfernung von etwa 24 Zoll vor dem Auge 
eine dunkle coneave Scheibe vor, in etwas einem tiefen Uhrglase ähnlich; ihr Längen- 
durchmesser betrug l'/äj ihr Querdurchschnitt l '/4 Zoll; ersterer verlief schräg von oben 
und aussen nach unten und innen. Anfangs war die Scheibe ganz dunkel. Als ich am 
T. März in Prag ärztliche Hilfe suchte, erschien sie mir ganz blutroth, nur am obern 
Rande von einem linsengrossen und daneben von einem viel kleinern schwarzen Flecke 
bedeckt.'* Dr. Arlt fand Iris und Pupille normal, er behandelte die Krankheit als Blut- 
austretung in der Tiefe des Auges und verordnete strenge Diät, Ruhe der Augen und 
warme Fomente aus Infus, flor. arnicae et herb, rutae; später Einreibungen von Jodkali- 
salbe an die Umgebung des Auges. Unter Anwendung der Fomente verminderte sich die 
Entfernung von 24 auf 1 S und bis zum 3. April auf 1 2 Zoll, während in gleichem Masse 
auch die Grösse der Scheibe abnahm. 

Patient erzählte ferner: „Bei raschen Bewegungen des Auges blieben während der 
Behandlung des Hrn. Doctors jene beiden Flecke fix, und das Übrige schwebte hin und 
her, ungefähr wie eine am Stiele hängende, hin und her schwankende Pflaume; es kam 
mir bei jeder Veränderung der Lage des Auges vor, als bewege sich ein Strom mit Blut- 
punkten gefüllter Flüssigkeit von oben und hinten, nach vorne gegen diese vertiefte 
Scheibe ; ich bemerkte darin dunklere Punkte und Streifen, die sich bei raschen Wendun- 
gen des Auges hin und her bewegten. Legte ich mich auf den Rücken, so verdeckte 
die Scheibe jene schwarzen Flecke, und wenn ich mich wieder setzte, so erschienen sie 



234 Aderhaut. 

wieder am obern Scheiben-Rande, und von ihnen zogen sich dunklere rothe Streifen an 
der Scheibe herab." 

„Am 16. April, wo der Kranke auf die Klinik kam, bemerkte man objectiv an dem 
Auge gar nichts Krankhaftes. Die genannte Scheibe schien ihm nur noch 7 Zoll von 
dem Auge entfernt zu sein; der Fleck am obern Eande war dunkelroth , der kleinere 
Fleck hatte sich in einen halbmondförmigen dunklen Streifen verwandelt, der bei Be- 
wegungen des Auges seine Lage änderte ; unterhalb der Mitte der Scheibe sah Patient 
einen kleineren Fleck, einer Spinne vergleichbar, die übrige Scheibe war wie aus lauter 
Blutpunkten zusammengesetzt, und erregte bei den Bewegungen des Auges in dem Kran- 
ken die Empfindung, als ob eine Flüssigkeit hin und her ströme. Der Patient unterschied 
verschiedene Farben und erkannte grössere Gegenstände, selbst grössere Lettern, doch 
Alles nur von der Seite her, weil die genannte Scheibe in gerader Richtung vor dem 
Auge schwebte. Da die genannten Fomente sich nützlich erwiesen hatten, wurden die- 
selben fortgesetzt und nach einigen Tagen durch Rad. polyg. seneg. verstärkt. Die inner- 
lich gereichte Polyg. seneg. wurde nicht vertragen, und desshalb ein Infus, sennae c. sale 
Glaub, gegeben. Am 24. April nahmen die Blutpunkte in der Scheibe eine rostgelbe 
Farbe an, und das Sehvermögen besserte sich so, dass P. kleinere Gegenstände auch in der 
Entfernung erkannte, die er früher nicht wahrgenommen hatte. Es wurde nun Spir. vini 
rectificatiss. an die Umgebung des Auges eingerieben, und innerlich Cremor tart. gereicht. 
Allmälig schwanden die blässer gewordenen kleineren Körperchen in der Scheibe, und 
der bewegliche Fleck wurde sammt dem halbmondförmigen Streifen lichter. Häusliche 
Verhältnisse zwangen den Kranken, zu Ende April in diesem Zustande der Besserung 
die Klinik zu verlassen. Zu Hause wurde unter dem Fortgebrauche der weingeistigen 
Einreibungen in dem Zeiträume von 8 Monaten die Scheibe immer blässer und kleiner 
sammt den zwei dunkleren Flecken, als der Patient nach einem heftigen Anfalle von Hu- 
sten plötzlich von derselben Augenkrankheit in demselben Grade befallen wurde, deren 
Ausgang uns aber bisher unbekannt blieb." 

Zwei höchst interessante Fälle von plötzlich und ohne alle Vorboten entstandener 
Blindheit mit nachfolgendem Sichtbarwerden einer grauen oder weissen Platte im Grunde 
des Auges hat von Amnion in seiner Zeitschrift B. I. S. 319 — 335 beschrieben, und die 
Ansicht aufgestellt, dass in diesen Fällen Chorioidealvevknöcherung obwaltete. Hält man 
den Satz fest, dass nur Chorioidealexsudate das Substrat von Kalk- und Knochenbildung 
abgeben können, und dass in den genannten Fällen sowohl vor als nach der Erblindung 
die Zufälle von Entzündung mit faserstoffigem Exsudate fehlten, so kann man kaum an- 
ders , als annehmen , dass Apoplexia retinae oder chorioideae stattgefunden, und der co- 
agulirte Faserstoff jenen lichten Körper im Grunde des Auges dargestellt habe, welcher 
für Knochenmasse imponirte. 



III. SerumergTiss unter der Chorioidea. 

Seit Wardrop*) sprechen fast alle Autoren von Wasseransamm- 
lung zwischen der Chorioidea und Retina, und zwischen der Chorioidea 
und Sclera. Was die erstere betrifft, so ist sie durch Sectionen nach- 
gewiesen, jedoch nur als Folge von Chorioiditis; das Vorkommen des 

*) Morb. Anatom, of the Eye. Vol. II. 






Cysteiibildung. 235 

sogenannten Hydrops chorioideae externus seu subscleroticae bedarf noch 
weiterer Bestätigung-. Amnion *) ist meines Wissens der einzige, welcher 
einen Sectionsbefund von Ansammlung „gelber seröser Feuchtigkeit, 
welche die Chorioidea nach innen und die verdünnte Sclerotica nach 
aussen drängte," veröffentlicht hat. 

IV. Cystenbildung an der Chorioidea. 

Hydatiden zwischen Chorioidea und Retina will Rossi**) gefunden 
haben, und einen Echinococcus Dr. Gescheidt. ***) Nach der Beschrei- 
bung des letzteren möchte ich nicht annehmen, dass Dr. Gescheidt einen 
Echinococcus vor sich gehabt habe , sondern ein Exsudat zwischen 
Chorioidea und Retina. Dr. von Ammon\), welcher das Präparat noch 
besitzt, hat die Vermutbung aufgestellt, ob der vermeintliche Echino- 
coccus nicht etwa für eine Metamorphose der Jakobschen Haut zu hal- 
ten sei. Ich halte es demnach nicht für überflüssig, die Beschreibung 
dieses Falles nach Gescheidt hier wörtlich aufzunehmen. 

Die Beobachtung wurde bei einem 24jährigen Zöglinge des Dresdner Blindeninsti- 
tutes gemacht, der an Phthisis tuberculosa starb. In seiner Jugend hatte derselbe an 
einer heftigen Ophthalmitis gelitten, die, Anfangs vernachlässigt, mit unheilbarer Blindheit 
endigte. Der Zustand der Augen , als ich denselben vor 2 Jahren zum erstenmal sah, 
war folgender: Die Augenlider und die übrigen den Bulbus umgebenden Theile waren 
regelmässig, der Bulbus der rechten Seite stark gewölbt, im geringen Grade glotzend, 
gespannt und härtlich anzufühlen; die Sclerotica und Cornea regelmässig, die Iris braun 
gefärbt, auf derselben an einigen Stellen gelbliches Lymphexsudat bemerkbar, die Pupille 
verzogen, das obere Segment der Linse in geringem Grade getrübt, und in der Tiefe des 
Auges eine schmutzig-gelb gefärbte und weitausgebreitete Trübung vorhanden. 

Der linke Bulbus, dem rechten hinsichtlich der Form und Härte gleich, zeigte eine 
hellblaue Iris, auf deren Oberfläche kleine Gefässverzweigungen sich unterscheiden Hessen. 
Die verdunkelte Linse war nach unten gedrängt, so dass man nur das obere Segment 
durch die weite Pupille, die übrigens von einer gelblich-braunen Masse ausgefüllt war, 
durch die mehr gelblich-weiss gefärbte Trübung unterscheiden konnte. 

Die Untersuchung der Augen, 4S Stunden nach dem Tode vorgenommen, ergab nun 
folgende Besultate : Als das rechte durch einen Querschnitt, der mit einer Davielschen 
Scheere geführt wurde , in zwei Segmente , in ein vorderes und ein hinteres getrennt 
werden sollte, bemerkte man, nachdem der Schnitt etwa einen halben Zoll lang war, 
dass sich zwischen der durchschnittenen Chorioidea und Sclerotica eine feine weisse Haut 
in den Schnitt drängte, die man für die Retina zu halten veranlasst wurde; als jedoch 
der Schnitt in der Peripherie, ohne dass die hervortretende weisse Haut verletzt wurde, 
vollendet und das hintere Segment von dem vordem abgezogen und etwas umgebogen 

*) Zeitschrift Bd. II. S. 252. 
**) Hecker's Annalen, 1831. Band 21. S. 499. 
***) Ammon's Zeitschrift. Band III. S. 437. 
t) Klinische Darstellungen etc. Berlin, 1838. Bd. I. 3. 62 mit Taf. XXr, Fig. VII. und VIII. 



236 Aderhaut. 

war, zeigte sich folgende höchst interessante Erscheinung. Die Chorioidea war bräun- 
lich gefärht, des Pigmentes berauht und mit vielen varicösen Gefässen versehen. Die 
Retina erschien mit dem Glaskörper in eine weisse, röthlich-blaue Masse vereinigt und. 
zusammengedrängt, so dass dieselbe vom Eintritt des Sehnerven ganz strangförmig er- 
schien, nach vorn aber, an Breite und Umfang zunehmend, gefaltet wurde und mit der 
Coi-ona ciliaris und den Processus eil. innig verwachsen war. Es zeigte sich also, wenn 
man das hintere Segment abzog, die mit dem Glaskörper vereinigte Retina, wie der Klöp- 
pel in der Glocke. 

Der Raum nun zwischen der pigmentlosen, wie ausgewaschenen Chorioidea und der 
klöppelförmig zusammengedrängten Retina wurde von einer weissen Blase, deren obere 
"Wand sich schon durch den Schnitt hervorgedrängt hatte, ausgefüllt, und dieselhe bald 
als ein Echinococcus erkannt. Es ging derselbe nämlich von der Mitte der untern 
Fläche der klöppeiförmigen und gefalteten Retina aus, legte sich links um dieselbe herum 
und füllte den Raum zwischen dieser und der Chorioidea in der Art aus, dass seine bei- 
den sackförmigen Enden nach oben zusammenstiessen. Die äussere Haut desselben war 
weiss, wenig durchscheinend und ziemlich fest. Als sie geöffnet wurde, ergoss sich eine 
geringe Quantität seröser Flüssigkeit, und zugleich erschien eine zartere, bläulichweisse 
Haut, als von der erstem eingeschlossen. Aus dieser kam, nachdem sie aufgeritzt worden 
war, ebenfalls seröses Fluidum, welches aber eine Menge kleiner, tbeils runder, theils 
ovaler und olivenförmig gestalteter Wurmkörperchen enthielt. Ausser den mit dem Flui- 
dum herausgekommenen konnten noch mehrere Wurmkörper, die an der innern Fläche 
der zarten Haut sasssn, wahrgenommen werden. An einigen derselben, die unter das 
Mikroskop gebracht wurden, besonders an den ovalen, konnte man deutlich kleine runde 
Saugmündungen unterscheiden. Übrigens bildeten sie eine ganz homogene Masse und 
von innerer Structur war gar nichts wahrzunehmen. Ein Hakenkranz konnte nicht be- 
bemerkt werden. 

Um das Präparat , welches Herr Prof. v. Amnion in seiner Sammlung aufbewahrt, 
nicht weiter zu zerstören , wurde die Untersuchung der übrigen Theile des Auges nicht 
vorgenommen. 

Das linke Auge, welches durch einen Longitudinalschnitt getrennt wurde, Hess Fol- 
gendes bemerken : Beim Einschnitt floss eine grosse Menge einer gelblich braunen ziem- 
lich dicken Flüssigkeit aus, auf der deutlich unterscheidbar kleine abgelöste Stückchen 
des Pigmentes herum schwammen. Die Chorioiodea war nach vorn hellbraun und pig- 
mentlos, nach dem Sehnerven zu jedoch dunkler und theilweise noch mit Pigment be- 
deckt. Retina, Glaskörper, Linse etc. lagen als ein weissbräunliches Convolut hinter 
der Pupille. Von dieser mit der Uvea fest verwachsenen Masse, auf der übrigens eine 
Menge feiner Gefässverzwcigungen bemerkbar waren, ging ein feiner Faden nach hinten 
bis zum Eintritte des Sehnerven (Rudiment der Retina). Der Sehnerv selbst war sehr 
dünn. "Weder in dem ausgeflossenen Fluidum, noch in den übrigen Theilen des Auges 
konnte jedoch ein Entozoon entdeckt werden. 



V. Krebsablagerung in der Chorioidea. 

Die Ablagerung von Markschwarnin im Innern des Auges gebt, 
namentlich bei Kindern, wohl immer von der Netzbaut (der Eintritts- 
stelle des Opticus in den Bulbus) aus, und die Chorioidea wird gar 



Markschwamui — Melanosis. 237 

nicht oder erst später infiltrirt. Fälle, wo die Ablagerung zuerst in 
der Chorioidea stattfand, sind — mir wenigstens — nicht bekannt. In 
dem Falle, den ich so eben beschreiben will, war die Conjunctiva 
bulbi, die Sclera und die Chorioidea sammt dem Corpus ciliare von 
Markschwamm infiltrirt, die Netzhaut jedoch völlig frei. 

Eine Wittwe von 57 Jahren, seit 8 Jahren nicht mehr menstruirt, litt seit 1 Jahre 
wiederholt an heftigem Blutausflusse aus den Genitalien, welcher bisweilen von Schmer- 
zen nach dem Verlaufe des Nerv, ischiadicus begleitet war. Sie war bei gutem Appetite 
ziemlich rasch abgemagert, und ihre Hautfarbe hatte sich in eine schmutzig blassgelbe 
verwandelt. Bei der Untersuchung der Genitalien am 10. August 1852 fand man die 
obere und hintere Hälfte der Vagina hart und höckerig infiltrirt, die Vaginalportion des 
Uteras in eine gelappte und zerklüftete Geschwulst verwandelt; eine mit Blut gestreifte 
schleimig-jauchige und übelriechende Flüssigkeit entleerte sich aus der Vagina. Am 3. 
Sept. klagte die Kranke über ein Gefühl von Druck im linken Auge und Empfindlichkeit 
gegen das Licht; die Conjunctiva bulbi war zwischen der Hornhaut und der Karunkel 
stark geröthet und gelockert, der Bulbus sonst in jeder Beziehung normal. Bis zum 
6. Sept. hatte sich in der Mitte der injicirten Stelle unter ziemlich heftigen Supraorbital- 
schm erzen ein flacher, etwa hanfkorngrosser, graugelber Knoten entwickelt. Am 17. Sept. 
bemerkte man neben dieser Infiltration unter der Conjunctiva bulbi noch eine zweite, 
und heftig reissende Schmerzen , starke Lichtscheu und Verdrängung der Iris von der 
Nasenseite gegen die Pupille hin, so dass diese nierenförmig erschien, Hessen auf Infil- 
tration des Corpus ciliare an der Nasenseite schliessen. Die Beweglichkeit und die 
Sehkraft dieses Auges waren am 1. Oct. noch nicht merklich gestört. Diess geschah 
erst vom 4. Oct. an, indem die Hügel unter der Bindehaut schon so zunahmen, dass der 
Bulbus etwas auswärts gestellt wurde, der Rand der Cornea sich trübte, die innere 
Hälfte der Iris verfärbt, gelockert und von einigen Gefässen durchzogen erschien. Am 
13. October erfolgte der Tod, nachdem in den letzten Tagen wieder heftige Metrorrhagie, 
dann Dysenterie und allgemeiner Collapsus eingetreten waren. — Der linke Bulbus 
wurde durch einen von vorn nach hinten geführten Schnitt in eine obere und untere 
Hälfte zerlegt und ergab folgenden Befund. Die Hornhaut normal, nur an der Nasenseite 
nächst ihrer Vereinigung mit der Sclera etwas dicker und getrübt. Die Sclera von der 
Insertion des Opticus bis zur Gegend der Ora serrata an der Nasenseite von Maikschwamm 
infiltrirt, ihre Fasern durch geschwänzte Zellen mit grossen runden Kernen (Krebszellen, 
junges Bindegewebe) auseinander getrieben, so dass die infiltrirte Partie einerseits nach 
innen (gegen die Höhle des Bulbus), andererseits nach aussen (gegen das Orbitalfett) 
vorragt, und an der mächtigsten Stelle (zwischen Opticus und Äquator) über 4'" dick erscheint. 
Von der Gegend der Ora serrata treten die Fasern der Sclera wieder zusammen, und findet 
die Sarcomablagerung bloss in der Tunica vaginalis und Conjunctiva bis in den Lirabus 
conjunctivae corneae hin statt. Innerhalb der Sclera, deren Elemente mitten in der ge- 
nannten Geschwulst nur als spärliche weisse Fasern zu erkennen sind, liegt die Chorioidea 
an der Nasenseite von der Eintrittsstelle des Opticus bis zum Schlemmschen Canale 
fest, jedoch im Bereiche des Corpus ciliare nicht unzertrennlich mit der Sclera zusam- 
menhängend, und in dieser ganzen Ausdehnung mit Markschwamm infiltrirt, daher vom 
Opticus bis zur Ora serrata etwa '/•»'", im Bereiche des Ligamentum ciliare gegen 3 /V" 
dick. Ihre Pigmentschicht und die Ciliarfortsätze unverändert. Die Netzhaut durchaus 
normal, nur durch die genannte Infiltration sammt der Chorioidea um etwa 2'" einwärts 



238 Aderhaut. 

gedrängt. Dem entsprechend nimmt der sonst gehörig beschaffene Glaskörper ein klei- 
neres Volumen ein. Linse und Kapsel normal. Die Iris nirgends infiltrirt, an der Nasenseite 
jedoch auf ihrer vordem Fläche mit einem lichtgrauen geronnenen Exsudate bedeckt. 

Melanotische Ablagerungen im Bulbus gehen viel häufiger von der 
Sclera als von der Chorioidea aus.*) Fritscki**) hat die bis zum 
Jahre 1 843 bekannt gewordenen Beobachtungen zusammengestellt. Aus 
denselben ergibt sich, dass sich die Gegenwart solcher Pseudoplasmen 
im Auge erst dann bestimmt diagnosticiren lässt, wenn dieselben sich 
bereits durch die Sclera nach aussen Bahn gebrochen haben. Wir 
werden darauf noch bei Besprechung des Markschwammes der Netz- 
haut zurückkommen. 



VI. Angeborene Spaltung- der Chorioidea und Pigmentmangel. 

Von dem angeborenen theilweisen Mangel der Chorioidea, welcher 
nur mit demselben Fehler der Iris vorkommt, wurde bereits S. 122 — 
130 gehandelt. 

Der angeborene Pigmentmangel der Chorioidea (Albinismus) beruht 
darauf, dass ihre Pigmentzellen wenig oder keine Pigmentkörnchen 
enthalten und platter sind. Gleichzeitig fehlt auch an der Iris das Pig- 
ment mehr weniger vollständig. Hiedurch erhält das Auge das be- 
kannte Aussehen, welches man an weissen Kaninchen zu beobachten 
am häufigsten Gelegenheit hat. 

In Folge dieses Zustandes ist das Gesicht mehr weniger unvoll- 
kommen. Nystagmus und Empfindlichkeit gegen helles Tageslicht be- 
gleiten die höhern Stufen desselben. Bei mehreren Kakerlaken hat 
man beobachtet, dass die Störung des Gesichtes sowohl als die Empfind- 
lichkeit gegen das Tageslicht mit dem Eintritte des Mannesalters ge- 
ringer wurde. 

Diese Anomalie kommt bald nur bei einem einzigen Gliede einer 
Familie vor, bald bei mehreren Geschwistern, bald auch bei verschie- 
denen Gliedern in auf- und absteigender Linie. ***) 

Das Tragen von Brillen mit grossen, runden, blassblauen oder blass- 
grauen Gläsern dürfte das beste Mittel sein, für solche Augen das Licht 
entsprechend zu temperiren. 

*) Vcrgl. Reuss cüssert. inaugur, de melanosi, Pragae, 1833. und Eyba, Prager Viertel) ahrschr. Bd. 8. 

(1845) S. 133. 
**) Die bösartigen Schwammgeschwülste des Augapfels. Freiburg, 1843. 
***j Am ausführlichsten ist das über diesen Bildungsfehler Bekannte zusammengestellt in Ed. Cornaz 
Abnormit. congeniales des yeux. Lausanne, 1848. 






VI. Buch. 



Die Kry stalllinse und ihre Kapsel , Lens cry- 
stallina et Capsula lentis. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Der Krystallkörper, zwischen der Iris und dem Glaskörper gelegen, 
und seiner Gestalt nach so ziemlich einer Linse entsprechend, misst von 
einem Punkte seines Bandes zum entgegengesetzten gewöhnlich 4"'; 
seine Achse, welche mit der Sehachse (vom Centrum der Cornea bis 
zur Macula lutea der Netzhaut) zusammenfällt, variirt zwischen 1 3 /i und 
2'/4 / ". Im Kindesalter ist die Achse relativ zum Durchmesser, im 
Greisenalter hingegen der Durchmesser relativ zur Achse grösser. 

Das absolute Gewicht beträgt im Allgemeinen 4 Gran; das speci- 
fische 1,0790, das des Kernes allein 1,112. Das specifische Gewicht 
des Glaskörpers wird auf 1,0053 angegeben.*) 

Die vordere Fläche ist weniger, die hintere mehr convex; eine 
Ebene, durch den Rand (Äquator) des Krystallkörpers gelegt, also 
senkrecht auf die Achse, würde dem vordem Pole um */« — '/V" näher 
liegen als dem hintern. 

Der vordere Pol ist vom Centrum der Descemetschen Haut im 
Mittel V" weit entfernt, bei Kurzsichtigen weiter, bei Weitsichtigen we- 
niger; der hintere Pol befindet sich ungefähr b 1 J2— 6'" vor der Macula 
lutea. 

Der Krystallkörper ist mittelst der Zonula Zinnii an den Strahlen- 
körper und durch Anlagerung an den Glaskörper befestigt. Vergl. S. 
151. Die Verbindung mit den Strahlenfortsätzen ist in so fern locker, 
als sie ein Vorwärtstreten des Krystallkörpers gestattet, ohne zu zer- 

*) Huächke 1. c. 



210 Krystalllinse. 

reissen, fest hingegen, insofern die Lösung des Kiystallkörpers aus 
dieser Verbindung, die Zerreissung der Zonula Zinnii, eine gewisse 
Gewalt erfordert. 

Entleert man den Humor aqueus durch einen Einstich in die Cornea, so rücken 
Iris und Krystallkörper knapp an die in ihrer Wölbung unverändert bleibende Cornea 
an. Ei ss kann nur geschehen, indem auch der Glaskörper nachrückt und der Bulbus 
in den Äquatorialdurchmessern verkleinert wird. Da hiebei die Ciliarfortsätze ihre rela- 
tive Lage zu einander und zur Cornea nicht ändern können, so muss es die Zonula 
Zinnii sein, welche ein Vorrücken des Linsensystemes um ['" und darüber gestattet. 

Die hintere Hälfte der Linsenkapsel ist (in der tellerförmigen Grube 
des Glaskörpers) ziemlich fest, doch nicht unzertrennlich mit der Glas- 
haut vereinigt. Hat man die Zonula, das Aufhängeband der Linse, 
ringsum vorsichtig getrennt, so kann man auch die Linse sammt ihrer 
Kapsel aus der tellerförmigen Grube herausheben, ohne die Hyaloidea 
daselbst zerreissen zu müssen. 

a. Die Kapsel, welche gewöhnlich in eine vordere und hintere 
(Hälfte) unterschieden wird, bildet ein ununterbrochenes Ganze, und 
umschliesst die Linse ungefähr in der Art, wie die Schale eines Apfels 
das Parenchvm. Es ist irrig, wenn man meint, die Linse liege in der 
Kapsel, wie eine Erbse in der Hülse, oder gar sie sei durch Flüssig- 
keit (Humor Morgagni!) von derselben getrennt. 

Die vordere Hälfte der Kapsel, welche durch Verschmelzung mit 
der an sie tretenden Zonula Zinnii und mit der metamorphosirten Mem- 
brana capsulo-pupillaris (siehe unten Entwicklungsgeschichte) bedeutend 
verstärkt wird, ist nichts weniger als spröde, sondern elastisch und 
ziemlich zähe. 

Einer stumpfspitzigen Nadel widersteht sie nur dann nicht, wenn sie straff ge- 
spannt ist und rasch getroffen wird. Eben so weicht sie der Schneide der Nadel leicht 
aus, wenn sie bereits eingeschlitzt ist, und die Spitze beim Schneiden nicht neuerdings 
an ihre vordere Fläche angesetzt wird. Durch einen einfachen Schlitz kann selbst die 
ganze Linse herausgedrückt werden, ohne dass die beiden Seitenhälften in Zipfel ein- 
reissen müssen, obwohl diess häufig geschieht. 

Lappen oder Zipfel der Kapsel rollen sich allmälig von der Spitze 
her ein, und ziehen sich runzelig gegen den Äquator hin zusammen. 
Kleinere Stücke, mit einer Pincette gefasst, reissen bei noch unversehr- 
ter Zonula leicht ab, wenn man sie in der Richtung ihrer Fläche an- 
zieht, ausserdem lassen sie sich leicht über die ganze vordere, selbst 
weit in die hintere Kapsel hinein vergrössern. 

Die Kapsel ist vollkommen durchsichtig, und bewahrt diese Eigen- 
schaft selbst nach jahrelanger Aufbewahrung in Weingeist, Sublimat, 
Essigsäure u. dgl. Man hat bisher weder Gefässe noch Nerven, nicht 



Anatomie — Physiologie. 241 

einmal deutliche Faserimg in derselben nachgewiesen. Ihre vordere 
Fläche ist mit einem ähnlichen Epithelium überzogen wie die Desce- 
metsche Haut (Brüche). Ihre hintere (innere Fläche) kann nur durch 
sorgfältiges Abstreifen und Abspülen von den Linsenzellen befreit 
werden. 

Kach lluschke entsteht die Kapsel im Embryo durch Einstülpung 
der äussern Bedeckungen ; indem der also gebildete Sack , in welchem 
später die Linse als körnige Masse gefunden wird, sich nach vorn ver- 
engert und abschnürt, wird er zu einer selbstständigen Kapsel, deren 
vordere Fläche mit der allmälig ihren Gefässreichthum einbüssenden 
Membrana capsulopupillaris verschmilzt, während sich über beide vom 
Rande her die Zonula gleichsam vorschiebt. — Wird die Kapsel durch 
Gefässe ernährt, so kann sie dieselben in ihrer vordem Hälfte nur mit- 
telst der Zonula, in ihrer hintern nur mittelst der Hyaloidea erhalten. 

b. Die Linsensubstanz kann deutlich in zwei verschiedene Lagen 
geschieden werden, den Kern und die Rinde. Der sogenannte Liquor 
Morgagni/', ein Tröpfchen klarer Flüssigkeit, welche in Cadavern aus 
einem Einstiche in die Kapsel hervorquillt, enthält durchsichtige und 
farblose kernhaltige Blasen von sechseckiger Gestalt, die Linsenkugeln. 
Sie dürften als die jüngsten Elemente zur Bildung der Fasern zu be- 
trachten sein, welche man, je weiter gegen das Centrum der Linse hin, 
desto deutlicher ausgeprägt findet. 

Die Rindensubstanz ist eine körnig-faserige, krystallkelle und farb- 
lose, weiche, etwas klebrige und schmierige, fast gallertartige Masse, 
welche den Kern rings umgibt. Am mächtigsten ist sie gegen den Rand 
hin, gegen 1 1'" dick, minder mächtig im vordem Umfange, am vordem 
Pule etwa i z'" dick, am dünnsten im hintern Umfange, am hintern 
Pole gewöhnlich nur '/ 5 — V«'". Sie erfüllt also den Raum, der übrig- 
bleibt, wenn man das Volumen des Kernes (3'" Durchmesser, i 1 ^'" 
Achse) von dem der Kapsel (4'" Durchm. , 2'" Achse im Mittel) abzieht. 
Der Kern liegt somit der hintern Kapselwand näher als der vordem. 

Der Kern unterscheidet sich von der Rindensubstanz durch seine 
grössere Consistenz. Er allein ist es, welcher in der 2. Lebenshälfte eine 
mehr und mehr gelbliche Färbung annimmt. Bloss der Kern wird im 
Weingeiste hart; die Ptinde bleibt mehr weniger weich und schmierig 
oder bröcklieh. 

Ein Zerklüften der Kernsubstanz, wie wir in der Rinde beobachten, habe ich 

wenigstens an den in Weingeist aufbewahrten Cataracten nie gefunden. — Besonders 

schön sah ich den Unterschied zwischen Kern- und Rindensubstanz an einem wegen 

Sarcoma melanodcs esstirpirten Bulbus. Die melanotisch-sarcomatöse Masse füllt den 

Arlt Augenheilkunde. II. 16 



242 Krystalllinse. 

Bulbus ganz aus , und hat die Sclera im Äquator durchbrochen ; ein senkrecht von oben 
nach unten geführter Durchschnitt hat den Bulbus und die Linse in eine innere und 
äussere Hälfte geschieden. In der innen ganz glatten Kapsel, durch welche die mit 
ihrer äussern Fläche verschmolzene melanotische Masse durchscheint, liegt die Linse, in 
der Mitte der Kern, dunkelgelb, hart, 3'" im Durchmesser, 1 'As'" in der Achse, ringsum 
die Rinde graulich-weiss, käseartig, wie eine Schale, vorn mächtiger, hinten dünner. 

Sowohl der Kern als die Rinde besteht aus concentrisch über ein- 
ander liegenden Blättern, welche aus Fasern zusammengesetzt sind. Diese 
Blätter werden gegen die Pole hin dünner, als sie am Rande sind. 
Ihre Verbindung unter einander geschieht durch eine formlose oder fein- 
körnige flüssige Masse. Dieser Bitidestojf scheint gegen die Kapsel hin 
reichlicher vorhanden zu sein als im Kerne, wenigstens ist in den 
oberflächlichen Schichten die Verbindung der Blätter unter einander 
lockerer. — Die Faser?i, welche durch Nebeneinanderliegen ein Blatt 
bilden, sind die feinen und regelmässig geordneten Grundelemente der 
Linsensubstanz. Sie laufen in jedem Blatte von dem Äquator nach den 
Polen dicht neben einander und ohne sich zu kreuzen. Die Gestalt jeder 
Faser ist platt, aber mehr weniger sechsseitig prismatisch. Jede Faser 
wird in ihrem Verlaufe vom Äquator gegen die Pole hin dünner. Jede 
Faser läuft über den Rand der Linse von der vordem oder hintern 
Fläche. Den Ausgangspunkt auf der einen und den Eingangspunkt jeder 
Faser auf der entgegengesetzten Oberfläche bilden die Pole und Meridiane 
der Linse. 

Die wirklichen (nicht die mathematischen) Pole der Linse sind drei- 
oder viereckige Stellen in der Achse der Linse, von welchen die Meri- 
diane Avie die Speichen eines Rades gegen den Rand der Linse hin 
auslaufen. Die Pole sowohl als die Meridiane sind gebildet durch eine 
Masse aus runden, gekernten, sehr durchsichtigen und unzusammen- 
hängenden Zellen von verschiedener Grösse, so wie wir sie an der 
äussersten Peripherie (in den jüngsten Schichten) finden. 

Die Meridiane sind theils Hauptmeridiane, welche vom Pole gegen 
den Rand hin laufen, ohne denselben zu erreichen, theils Nebenmeridiane, 
welche gleichsam als dichotome Spaltungen der Hauptmeridiane gegen 
den Äquator hin erscheinen. Die Zahl der Hauptmeridiane ist in der 
menschlichen Linse drei in der vordem, und drei oder vier in der hin- 
tern Hemisphäre. In der vordem geht der eine nach oben, der andere 
nach unten und aussen, der dritte nach unten und innen, in der hintern 
dagegen der eine nach unten, der andere nach oben und aussen, der 
dritte nach oben und innen. Ein solches Wechselverhältniss der Rich- 
tung an der hintern und vordem Hemisphäre findet auch bei einer 
grössern Anzahl von Hauptmeridianen (6), welche nicht selten vorkommt, 



Anatomie — Physiologie. 243 

und bei den Nebenmeridianen statt. Indem die Meridiane sämmtlicher 
Blätter der vordem Hemisphäre sich decken, und eben so die der hin- 
tern, geht also die sie bildende KernzeUensubstanz nirgends durch die 
ganze Dicke der Linse, und es kann daher von einem Zerklüften, von 
einer Dehiscenz der Linse, bedingt durch Zerstörung dieser Kernzellen- 
substanz, nie in dem Sinne die Rede sein, als ob ein Spalt durch die 
ganze Dicke der Linse entstehen könnte. Legt man die Linse in Wein- 
geist, so zerklüftet nur die Rindensubstanz in der Richtung der Meri- 
diane. Man sieht 3, 5, 6 — 12 solche speichenartig verlaufende weisse 
Streifen in derselben. (Nie sah ich sie am Kerne.) 

Bestandtheile nach Berzelius: Wasser 58,0, eiweissartige Materie 
35,9; Alkoholextract mit salzsauern und milchsauern Salzen 2,4, im 
Wasser lösliche Materie mit phosphorsauern Salzen 1,3, unauflösliche 
Theilchen 2,4. Die Asche enthält Spuren von Eisen; sie beträgt 0,005 
vom Gewichte der frischen Linse. 

Auf welche Weise die Linse und die Kapsel ernährt werde, ist bei 
dem Umstände, dass sich in der Kapsel bei Erwachsenen durchaus keine 
Gefässe nachweisen lassen, noch unbekannt. Sie erfolgt höchst wahr- 
scheinlich vom Rande her aus den Ciliarfortsätzen durch den Petitschen 
Canal. Dort wenigstens ist die mächtigste Schichte der Elemente, welche 
man als die jüngste der Linse zu betrachten berechtigt ist. Ausserdem 
Hesse sich nur annehmen, dass die Ernährung von der Zonula Zinnii 
und von der vordem Kapsel her durch Vasa serosa erfolge. Blutführende 
Gefässe sind nur im embryonalen Zustande sowohl in der vordem als 
in der hintern Kapsel bestimmt nachgewiesen. Erstere kommen von der 
Zonula her, letztere von der Art. centralis corp. vitrei. 

Die Linse durchläuft, abgesehen von Erkrankung, auch nach der 
Geburt noch mehrfache namhafte Veränderungen. Nebst der Torrn und 
Lage, von denen schon die Rede war, ändern sich auch ihre Consistenz 
und ihre Farbe. Im Kindesalter hat sie ungefähr die Consistenz eines 
dicken Breies und lässt sich leicht zwischen den Fingern zerdrücken. 
Noch in den zwanziger Jahren findet man ihre Consistenz so gering, 
dass sie einer x \i— -jz'" breiten Reclinationsnadel nicht ausweicht, wenn 
man sie in den Glaskörper hineinzudrücken versucht, sondern sich in 
2 Hälften trennt. Im Greisenalter zeigt sie auch bei völliger Durch- 
sichtigkeit ungefähr die Härte des Schweizerkäses. Lässt man von einem 
Kinde die Linse mit uneröfifneter Kapsel einige Zeit an der Luft liegen, 
so wird die Kapsel runzlig, was bei Linsen älterer Individuen nicht so 
"bald oder gar nicht geschieht. — Bis zum 30. Jahre ist die Linse voll- 
kommen farblos; von da an wird sie blassweingelb und allmälig wie 

16* 



244 Krystalllinse. 

Topas oder Bernstein. Diese Veränderungen erfolgen so constant, dass 
man aus der Farbe und Consistenz einer Linse allein mit Sicherheit 
bestimmen kann, ob sie aus dem Cadaver eines jugendlichen oder eines 
bejahrten Individuums genommen wurde. 

Lässt man bei Thieren Sonnenlicht durch ein starkes Brennglas 
auf die Linse fallen, so zerklüftet sie in der Richtung der Meridiane 
und wird trüb. Wemek*) hat bei einem Steinröthel und bei einem Jagd- 
hündchen durch concentrirtes Licht cataracöse Linsen zum Zerspringen 
gebracht, und hiedurch Resorption derselben eingeleitet. Dr. Fron- 
müller**) sah eine Catar. lenticularis plötzlich bei einem 65jährigen 
Manne entstehen, welchem durch eine blasenartige Convexität in einer 
Fensterscheibe concentrirtes Licht in's Auge gefallen war (?). Vom Ver- 
halten der Linse gegen den galvanischen Strom wird bei den Staar- 
operationen die Rede sein. Luft in die vordere Kammer eingebracht, 
erregt nach Dr. Höring's***) Versuchen Entzündung nicht nur der Zonula 
Zinnii , sondern auch der vordem Kapselwand (?). Über mechanische 
und chemische Verletzimg en der Kapsel bemerkt derselbe Autor S. 15: 
„Wir machten den Versuch bei Thieren, wir rieben und stachen die 
Kapsel, wir kauterisirten sie mit salpetersaurem Silber f) und mit ver- 
dünnten Säuren, doch ungeachtet unserer Mühe und jeder nur mög- 
lichen Sorgfalt brachten wir es nur selten dahin, in der Linsenkapsel 
eine Entzündung hervorzurufen, welche wir durch Section nachweisen 
konnten. Es ist wahr, dass in Folge dieses Verfahrens die Linse in ihren 
organischen Verhältnissen oft verändert war; sie wurde dunkel, erweicht 
oder zur Hälfte resorbirt. Auch die Kapsel war auf den ersten Anblick 
weisslich und neblig, aber wenn man die dunkeln Stellen derselben 
unter dem Mikroskop untersuchte, zeigten sich Gruppen kleiner Falten, 
dadurch entstanden, dass die Membran sich zusammenzog, während wirk- 
liche plastische Ausschwitzungen sehr selten waren". 

Kleine Stich- und Schnittwunden der vordem Kapsel können spur- 
los vernarben. 

Im Jahre 1S40 machte Prof. Fischer bei einem 25jährigen an Tubercul. pulm. 
leidenden Manne die Discission beider Kapseln durch die Cornea. Der sehr weiche, 
bläulich weiss aussehende Linsenstaar wurde in den nächsten Tagen etwas gesättigter. 
Am 17. Tage erlag der Kranke plötzlich seinem Lungenleiden. Prof. Bochdalek fand bei 
der Untersuchung die Kapseln schlaff, doch überall geschlossen, ohne Spur einer Narbe, 
und nach Abstreifung eines feinen Beschlages von der Innenfläche überall vollkommen 

*) Ammon's Zeitschrift 1834. Bd. II. S. 14. 
**) Walther und Ammon's Journal N. F. Band II. S. 174. 
***) Preisschrift über den grauen Staar. Heilbronn, 1814. S. 16. Beob. 5. 

f) Wemek 1. c, S. 18., ätzte die Kapsel mit Lapis milchblau, und es blieb -weder ein Fleck noch eine 
Narbe zurlick. 



Anatomie — Physiologie. 245 

durchsichtig-. Trof. Fischer, dem ich assistirtej hatte beiderseits die Kapseln einfach ein- 
geschnitten, ohne förmliche Lappen zu bilden, weil gleich nach Eröffnung der Kapseln 
etwas milchige Flüssigkeit in den Humor aqueus austrat. Im October 1849 untersuchte 
ich mit Prof. Engel die Augen einer Kranken, an welchen ich 5 Wochen vor dem Tode 
die Discission durch die Cornea gemacht hatte. Die Ursache der Cataracta und des Todes 
■war Diabetes mellitus. Es fanden sieh in beiden vordem Kammern mehrere Stückchen 
Linsensubstanz, deutliche Linsenfasern mit Kugeln untermischt; die Kapseln zeigten deut- 
liche Öffnungen, nirgends eine Trübung. 

An Tbieren haben insbesondere Dietrich*), Beger**) und Wer- 
W e/.'***) d^ Verwundbarkeit des Krystallkörpers geprüft. Durch ein- 
fache Stichwunden der vordem Kapsel drängt sich vermöge der Elasti- 
cität dieser Membran eine kleine Partie der halbflüssigen Rindenschicht ■ 
hervor, und bildet, indem sie trüb und weisslich wird, die so genannte 
Rrystallflocke. Diese ist kegelförmig, mit ihrer Basis auf der Kapsel 
und Linse sitzend, mit ihrer Spitze in die Augenkammer hineinragend, 
oder (meistens) an die Hornhautwunde sich anlehnend. Sie scheint un- 
mittelbar nach der Verwundung zu entstehen, obgleich sie gewöhnlich 
erst nach mehreren Stunden sichtbar (trüb) wird. Sie verschwindet 
allmälig, so wie sich die Kapselöffnung schliesst. An ihrer Stelle bleibt 
in der Regel keine Trübung, weder der Linse noch der Kapsel zurück. 

Auch Schnittwunden pflegen keine andern Folgen zu haben, und 
selbst gerissene Kapselwunden, wenn nur ohne gleichzeitige Erschütte- 
rung des Krystallkörpers beigebracht, können unbeschadet der Durch- 
sichtigkeit der Kapsel und Linse wieder vernarben. 

Der Zutritt des Kammerwassers zur Linse durch eine Kapselöffnung 
scheint durch das Verlegtwerden derselben mittelst der Rindensubstanz; 
abgehalten zu werden, und erst bei grösseren Öffnungen oder bei 
solcher Beschaffenheit derselben, dass sie nicht leicht verlegt werden 
können (Zipfelbildung), sieht man das Kammerwasser auf die Linse der- 
art einwirken, dass diese getrübt und sofort erweicht, aufgelockert und 
verflüssigt wird. 

Verwundungen der hintern Kapselhälfte, wenn dabei die Linse nicht 
verrückt wird, heilen oft wie die Wunden der vordem Wand; wird 
aber die Kapselwand stark zerrissen, so erfolgt Trübung derselben, oft 
mit, oft ohne Verdunkelung der ganzen Linse. Nach Wernek ist es 
ferner nicht gleiehgiltig, ob ein Stich in das Fasergewebe oder in die 
Kernzellensubstanz (des Poles und der Meridiane) gedrungen ist; in 
letzterem Falle bleibe gewöhnlich nur am Einstichspunkte eine Trübung 
zurück. 

*) Über Verwundungen des Linsensystemes. Tübingen, 1824. 
**) Ammon's Zeitschrift. Bd. III. S. 167. 
«**) Ammon's Zeitschrift. Bd. IV. S. 18. 



216 Krystalllinse. 

Nichts bewirkt leichter Trübung der Linse, als Erschütterung. Diet- 
rich, Beger und Wernek stimmen in dem Punkte überein, dass Ver- 
rückung- der Linse in ihrer Kapsel ohne Weiteres Trübung der Linse 
zur Folge habe. Hierauf ist daher nach Verletzungen besonders Rück- 
sicht zu nehmen, wenn man bestimmen soll, ob Linsentrübung nach- 
folgen werde oder nicht. Nur so löst sich der Widerspruch, welcher 
scheinbar darin liegt, dass oft die geringste Verletzung, der Stich mit 
einer Nähnadel, schon Cataracta herbeiführt, hingegen weit grössere 
Stich- und Schnittwunden keine Trübung zur Folge haben. Die Anord- 
nung der halbflüssigen peripherischen Linsenzellen und Linsenfasern, 
welche den Zusammenhang der Kapsel mit der festeren Linsensubstanz 
vermitteln, scheint demnach eine bestimmte und für die Ernährung der 
Linse unumgänglich nothwendige zu sein. 

. Regenerirt sich die Linse ? Vieles ist dafür, vieles dagegen vorge- 
bracht worden. Die verschiedenen Behauptungen stützen sich theils auf 
Vivisectionen, theils auf die anatomische Untersuchung operirter catarac- 
töser Augen. — Versuche an Thieren habe ich nicht gemacht; in Bezug 
auf die von Andern vorgenommenen muss bemerkt werden, dass man 
es unterlassen hat, sich zu überzeugen, ob durch die Operation die ge- 
stimmte Linse aus der Kapsel entfernt wurde, oder ob nicht ein Theil 
derselben, die Rindensubstanz, zurückgelassen worden war. Man hat die 
extrahirten Linsen nicht genau gemessen. 

Selbst Dr. Löwenhardt's Versuche*) geben keinen hinreichenden Beweis für die 
Regeneration der Linse. Er machte am 6. Juli 1827 bei einem 10- und bei einem 
12monatlichen Kaninchen die Extraction der Linse; als er nach etwas mehr als 9 Mona- 
ten die Operation wiederholte, erhielt er Krystalllinsen (?), welche viel abgeplatteter 
und auch weniger consistent waren, als die ersten, namentlich an den Rändern. Bei dem 
einen Kaninchen fand er 3 Monate nach der Wiederholung der Operation in der Kapsel 
nur etwas gallertartigen Schleim. Am 16. Juli wurden zwei Cmonatliche Kaninchen durch 
Extraction operirt; bei Wiederholung der Operation nach 1 Jahre fand sich nur etwas 
gelatinöser Schleim vor. Auch Textor der Sohn**), welchem wir eine sehr sehätzens- 
werthe Abhandlung über diesen Gegenstand mit vortrefflichen Abbildungen verdanken, 
hat gleich den übrigen Autoren weder Messungen der extrahirten Linsen , noch mikro- 
skopische Untersuchungen jener Masse vorgenommen, welche er für wieder erzeugte 
Linse hielt. Prof. Mayers Angabe, dass er nur dann Linsensubstanz vorfand, wenn das 
Thier erst mehrere Wochen nach der Operation getödtet wurde, wäre allerdings geeignet, 
für Wiederersatz von Linsensubstanz zu sprechen, wenn sie nicht mit den Angaben An- 
derer im Widerspruch stünde, und wenn sie sich nicht immer bloss auf ein Auge bezöge. 
Ebenso hat Valentin ***) die durch Extraction beseitigten Linsen nicht gemessen , und 
uns den Zweifel nicht benommen, ob er nicht einen beträchtlichen Theil der Linse (Rin- 

*) Froriep's Notizen N. 418 Sept. 1841. 

**) Über die Wiedererzeugung der Krystalllinse. Würzburg, 1n42. 
***) Zeitschrift für rationelle Modicin von Henle und Pfcuffer, Bd. I. 1844, S. 227. 



Anatomie — Physiologie. 247 

densubstanz) zurückgelassen hatte. Er entfernte am 24. Juni 1842 bei einem jungen und bei 
einem alten Kaninchen die Linse des linken Auges durch Extraction möglichst vollständig (?). 
Die Kapsel 'war in der untern Hälfte eröffnet worden. Die anatomische Untersuchung er- 
folgte am IS. October desselben Jahres. Bei dem jüngeren Thiere erschien die Pupille ganz 
rein; an der Stelle der Linse erschien ein heller, kreisförmiger plattrundlicher Theil von 
4 V*'" Durchmesser, der nur nach unten hin defect und ausgeschnitten war. Diese Lücke, 
welche sich bis nach dem Centrum hin, der Pupille gegenüber erstreckte, ergab eine grösste 
Länge von etwas mehr als 2'" und eine Breite von 2 [ /s'", erschien unregelmässig drei- 
eckig und hatte ihre Basis nach aussen und unten , ihre Spitze nach dem Centrum der 
Linse gerichtet. Durch sie fand eine ziemlich innige Anheftung zwischen der regenerir- 
ten Linse und der Iris, so wie mittelbar mit der Hornhautnarbe statt (?). Die Linse des 
rechten Auges hatte 4 3 /V" im Durchmesser, und war von vorn nach hinten ungefähr 
etwas mehr als noch einmal so stark, wie der neue Krystallkörper des linken Auges. 
Dieser zeigte schon dem freien Auge alle Charaktere der ächten Linsenmasse. Wurde 
er im Ganzen mit der Linsenkapsel und der anhaftenden Partie des Glaskörpers unter 
das Mikroskop gebracht, und bei massig starker Vergrösserung betrachtet, so fielen in 
der Xähe der Oberfläche sogleich die eigenthümlichen Linsenzellen und mehr in der 
Tiefe die schwächer, aber bestimmt gezeichneten Linsenfasern auf. Die gesammte Masse 
aber bot unregelmässige , bald irregulär gehäufte, bald deutlicher geschichtete Fragmente, 
welche bei gesunden und vollständigen Linsen nicht vorkommen, und auch dem Krystall- 
körper des gesunden Auges fehlten, dar. Die Linsenzellen wurden sowohl an der vor- 
dem , als an der hintern Oberfläche der Linse , und zwar an dieser reichlicher als an 
jener wahrgenommen, theils isolirt, theils zusammen gehäuft. Die Linsenfasern, die meist 
den obeu erwähnten Fragmentai-bestandtheilen der Linse entsprechend verliefen, zeigten 
sich an vielen Stellen scharf begrenzt, und hatten neben ihren bestimmten Bändern bis- 
weilen anliegende kleine Körnchen, wie dieses auch bei gesunden Linsen nicht selten 
vorkommt. An andern Stellen konnten die Fasern nicht immer innerhalb der bröcklichen 
Masse mit Bestimmtheit verfolgt werden. Die oberflächlichen Linsenschichten massen 
0,0035'"— 0,0070'" während die des gesunden Krystallkörpers 0,0025'"— 0,0035'" er- 
gaben ; jene waren also im Durchschnitte bedeutend breiter, als diese. Die Substanz der 
Linsenkapsel zeigte sich in beiden Augen gleich durchsichtig. An der vordem Fläche 
der Kapsel der wiedererzeugten Linse glaubte V. ein schwaches Gefässnetzwerk wahr- 
zunehmen, welches er sowohl an deren hinterer Fläche als in der Kapsel des gesunden 
Bulbus vergeblich suchte. Der regenerirte Krystallkörper wurde durch Weingeist ebenso 
milchweiss und undurchsichtig, wie der gesunde. 

Bei dem altern Kaninchen hatte die Linse des operirten Auges Vj-i.'", die des 
rechten Auges 4 1 V" im Durchmesser; jene war von vorn nach hinten ebenfalls mehr 
abgeplattet, der Hornhautnarbe gegenüber unvollständig (Lücke wie bei dem Jüngern), 
und gleichfalls mit dieser durch Exsudat verbunden, im grössten Theile ihrer Peripherie 
hell und durchsichtig, im Centrum und etwas nach hinten und unten milchweiss getrübt. 
Die Linsenzellen bildeten eine dünne Lage an der Oberfläche, hinten dünner als vorn. Die 
meisten Linsenfasem waren scharf gezeichnet und vorn regulär bogenförmig geordnet' 
hinten dagegen unregelmässiger durch einander geworfen, und selbst an einzelnen Stellen 
innerhalb der weicheren bröcklichen, wie Gummifragmente gebrochenen Masse nicht deut- 
lich kenntlich; die oberflächlichen Fasern waren gleichfalls etwas breiter, als die des 
rechten Auges. Die gesammte Linsenmasse war bis auf den hartem Kemtheil von einer 
.Flüssigkeit durchdrungen, in welcher einzelne Linsenzellen schwammen. Auch hier war 



248 Krystalllinse. 

die Kapsel durchsichtig und mit feinen Körnchen besetzt. Spuren von Gefässnetzen wur- 
den hier vergeblich gesucht. Auf diesem Auge war stärkere Reaction eingetreten gewe- 
sen, vmä hatte eine breitere Hornhautnarbe hinterlassen. Das Auge des älteren Kanin- 
chens war nach allen Durchmessern beinahe um V" geschrumpft, während bei dem jungem 
Thiere die Schrumpfung der 3 Durchmesser nur beiläufig '/*'" betrug. Bei dem älteren 
Thiere war auch Verflüssigung des Glaskörpers eingetreten. 

Bis jetzt kann nur so viel als sicher angenommen werden, dass 
man nach der Extraction noch Linsensubstanz in der Kapsel vorgefun- 
den hat. Diese Substanz war durchaus weich. Eine Wiedererzeugung 
des Kernes hat Niemand nachgewiesen. Die Frage der Regeneration 
hat nur insofern Interesse, als es sich um die Wiederherstellung der 
Form und der Function der beseitigten Linse handelt. Ob vom Rande 
her etwas Linsensubstanz regenerirt werden könne oder nicht, das kann 
so ziemlich als müssige Frage betrachtet werden. Übrigens ist wohl 
nicht zu übersehen, dass, wenn auch die theilweise Regeneration der 
Linse schon durch Vivisectionen sicher gestellt wäre, doch zwischen 
dem gesunden Auge eines jungen lebenskräftigen Thieres und dem 
cataractösen Menschenauge noch ein grosser Unterschied in Bezug auf 
die vegetativen Verrichtungen obwalten müsse. Und doch will man bei 
alten abgelebten Greisen nichts Geringeres als Regeneration der Linse 
gefunden haben! Retzius*) will daraus erklären, warum Operirte mit 
der Zeit oft minder starke Gläser brauchen, und Volkmann**), Valentin 
1. c. u. A. sind dieser Ansicht beigetreten, ohne zu bedenken, dass bei 
den bisher untersuchten Menschenaugen die Lücke der Linsensubstanz, 
welche Valentin bei den Kaninchen nach unten beobachtete, im Centram, 
also gerade da gefunden wurde, wo die Lichtstrahlen die Linse zu pas- 
siren haben. Lässt sich wohl denken f dass eine so unregelmässig ge- 
baute Linse, wie Valentin sie selbst bei den jungen Kaninchen fand, der 
Function der Strahlenbrechung genügen könne? Wir werden bei der 
Lehre von der Accommodation, welche mit dieser Frage innigst zusam- 
menhängt, entscheidende Thatsachen anführen. 

Alle Befunde an Menschenaugen, welche seit Vrolik (1801) von 
W. Sömmerring (1828), Beck (1830), Wernek (1834), Retzius (1837), 
Tcxtor (1842) u. A. veröffentlicht worden sind, beweisen nicht, dass die 
Linsensubstanz, welche man in der Kapsel eingeschlossen fand, eine 
regenerirte war, sondern vielmehr , dass sie ein Theil der Linse war, 
welcher nicht aus der Kapsel entfernt worden. Ich habe sowohl durch 
Extraction als durch Reclination operirte Augen in Zeit von einigen Wochen 

*) Tidskrift for Läkare 1837, siehe Textor. 
**) Wagner's Handwörterbuch der Physiologie. Bd. III. S. 305. 



Anatomie — Physiologie. 249 

und in Zeit von mehreren Jahren nach der Operation zu untersuchen 
Gelegenheit gehabt, und halte mich dadurch in Stand gesetzt, die An- 
gaben Anderer zu beurtheilen. Die Beschreibung einiger meiner Prä- 
parate, von denen ich mehrere aufbewahre, folgt weiter unten (siehe 
Veränderungen nach Staaroperationen). Man kann sich eine regnerirte 
Linse wohl nicht denken, ohne dass auch die Kapsel wieder einen völ- 
lig geschlossenen und durchsichtigen Sack darstellt. Erweitert man 
nun in jedem Falle, wo nach einer Staaroperation die Pupille vollkom- 
men (!) schwarz und das Sehvermögen so gut ist, dass man an Rege- 
neration der Linse denken könnte, die Pupille so weit als möglich durch 
Belladonna, so wird man durch die weissen Streifen in der Gegend des 
Aequator lentis schon vom Gegentheil überzeugt werden. Aber auch die 
tiefere Lage und das Schlottern der Iris sind schon hinreichend, zu 
zeigen, dass die Linse fehle. — Der Umstand, den Retzius anführt, 
nämlich dass Operirte in späterer Zeit schwächerer Gläser bedürfen, 
beruht darauf, dass operirte Augen erst in späterer Zeit die zur Accom- 
modation nöthige Spannung erlangen, wie wir weiter unten erörtern 
werden. 

Function der Linse. Der Krystallkörper lässt die Lichtstrahlen, 
welche durch die Pupille zu ihm gelangen, nicht einfach durch sich 
hindurch gehen, sondern er verändert ihre Richtung derart, dass sie sich 
hinter ihm in Einem Punkte vereinigen; er ist eine biconvexe Linse, 
gleich denen, die wir zu optischen Zwecken anwenden. Er ist aber bei- 
nahe vollkommen achromatisch, weit mehr, als unsere besten Instru- 
mente dieser Art, die aus Crown- und Flintglas construirten Linsen, mit 
welchen er, nach Hannovers*) Vermuthung, eine analoge Zusammen- 
setzung (aus einer vordem coneaveonvexen und einer hintern bicon- 
vexen Hälfte) besitzt. Bei ihm ist endlich, abgesehen von dem beweglichen 
Diaphragma, der Iris, die sphärische Aberration künstlicher Linsen be- 
trächtlich vermindert (wahrscheinlich durch die verschiedene Dichtigkeit 
der peripherischen und der Kernschichten). 

Hielt ich die Linse von Neugeborenen , in ihrer Kapsel eingeschlossen und mög- 
lichst unverändert (namentlich mit Vermeidung jeder Compression), einem Fenster gegen- 
über vor eine ■weisse Fläche, so bildeten sich die Fensterrahmen bei einer Entfernung 
von L'/a — 2'" am deutlichsten ab; bei Linsen Erwachsener wechselte die Brennweite 
zwischen 3 und 4"'. Im Auge, tvo vor der Linse das Kammerwasser, hinter derselben 
der Glaskörper ist, muss natürlich — abgesehen von der Cornea — der Focus viel weiter 
von der Linse entfernt sein. — Augen , denen die Linse fehlt (nach gelungenen Staar- 
operationen), sind in der Eegel nicht im Stande zu lesen, zu schreiben u. dgl. ; so wie 
man ihnen ein die Stelle der Linse vertretendes Convexglas (von 2 — b" Brennweite) 

*) Mtiller's Archiv für Anatomie, Physiologie etc. 1846. Heft 5. 



250 Krystalllinse. 

vorhält, wird ihr Gesicht auch für nahe Gegenstände hinreichend scharf. Es kommt aber 
auch vor, wenn gleich selten und nach meiner Ei-fahrung nur bei nicht bejahrten Ope- 
rirten, dass sie selbst ohne Gläser lesen, nähen, eine Nadel einfädeln u. dgl. Diese 
Tbatsachen zeigen, dass an der Strahlenbrechung im Auge nicht die Linse, sondern die 
Hornhaut mit dem Kammerwasser den grössern Antheil habe. Der Dichtigkeitsunterschied 
zwischen Luft und Hornhaut ist ein viel grösserer, als der zwischen Kammerwasser und 
Krystallkörper. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden , dass in Augen , deren Linse 
beseitigt worden ist, die Hornhaut von der Netzhaut im Allgemeinen weiter entfernt liegen 
dürfte, als vordem. Siehe unten: Veränderungen nach Staaroperationen. 

Der Krystallkörper bildet im Verein mit der Hornhaut und dem 
dazwischen fest eingeschlossenen Kammerwasser ein unveränderliches 
System von zwei Sammellinsen. Bei der Lehre von der Accommodation 
werden wir nachweisen, dass sich bei der Adaptation des Auges für 
nahe und ferne Gegenstände weder die Krümmung der Hornhaut und 
der Linse, noch ihre relative Lage zu einander ändert. Nur bleibende 
Änderung des Refractionszustandes, der Übergang in Kurz- oder Weit- 
sichtigkeit, ist an Änderung der relativen Lage der Linse zur Hornhaut 
gebunden. 



B. Krankheiten der Kapsel und Linse. 

I. Trübung- — Cataracta. 

A. Die Trübung der Linse, Cataracta lenticularis, betrifft 
entweder den Kern der Linse — Cat. nuclearis, oder die Rindensub- 
stanz — Cat. corticalis, oder beide zugleich — Cat. totalis. Partielle 
Trübungen können mehr weniger lange als solche fortbestehen, oder mit 
der Zeit in totale verwandelt werden. 

1. Als Kernstaar bezeichnen wir die Trübung der Linse dann, 
wenn sie sich auf den Kern oder auf einen Theil desselben beschränkt. 

a. Eine partielle stationäre Form ist der Centrallinsenstaar , ein 
scharf begrenzter, mohnkorngrosser, grauweisser Punkt im Centrum der 
Linse, bisweilen von einem lichtgrauen wolkigen Hofe umgeben. Er 
ist angeboren, meistens bilateral, oft mit Irideremie oder Coloboma 
iridis combinirt. Er ist nicht zu verwechseln mit dem Centralkapsel- 
staare, von welchem später die Rede sein wird, und mit welchem er 
übrigens auch zugleich vorkommen kann. 

b. Eine andere Form ist der stationäre Kernstaar jugendlicher In- 
dividuen. In der Regel ist nur der Kern allein verdunkelt. Man sieht 
ziemlich tief iu der Pupille, etwa l js — Y 2 "' hinter der Iris, einen gelb- 



Trübung — Cataracta lenticularis. 251 

lich-grauen, im Ganzen noch etwas durchscheinenden Körper, welcher, 
wenn die Pupille stark (mindestens auf 3"'j erweitert wird, ringsum 
scharf begrenzt erscheint und beiläufig 3 //y im Durchmesser hat. In 
manchen Fällen sieht man in der Gegend des vordem Poles einen grau- 
weissen Punkt oder Knopf, in andern sitzt ein solcher Punkt tiefer, 
wahrscheinlich im Centrum der Linse, in andern endlich laufen vom 
Pande des Kernes gegen die Ciliarfortsätze hin, also in der Rinden- 
substanz 3, 4, 5 und mehrere speichenähnliche grauweisse Streifen. Solche 
Staare sehen klein aus und sind, wenn die lichten Streifen der Punkte 
fehlen, nicht immer gleich auf den ersten Blick zu erkennen. Einige 
Individuen bekam ich nur desshalb zu sehen, weil sie der Optiker zu 
mir schickte, der für sie kein passendes Glas finden konnte. Die Con- 
sistenz des Kernes erwies sich bei der Discission, welche ich in solchen 
Fällen anwende, wachsartig, derb und zäh, in andern etwas weicher, 
fast bröcklieh. 

Zu dieser Form gehören wahrscheinlich die Fälle , welche Ammon 1. c. B. III. 
T. XIV. F. 1 — 4 abgebildet hat. Auch Wernek*) hat ganz gewiss solche Staare beob- 
achtet : er rechnet sie zu der scrofulösen Form. „Der Staar gewinnt das Ansehen einer 
auf einem mattgrauen Grunde weiss, irregulär und grob schraffirten Scheibe. Oft ist es 
der Fall, dass der Rand der Linse auf '/a'" und mehr ungetrübt bleibt; dann sieht, man 
an diesem schwarzen Kreise den Sitz der Schraffirungen deutlich. ■ — Auf dieser Aus- 
bildungsstufe bleibt das Übel gewöhnlich stehen, besonders dann, wenn das Individuum 
dem Mannbarwerden entgegenrückt." Ich habe mehrere Individuen mit solchen Staaren 
durch 5 — S Jahre beobachtet, und nicht die geringste Veränderung im Volumen oder in 
der Farbe des Staares wahrnehmen können. Bei einem Beamten, welcher seit der Zeit, 
wo er die Schule besuchte, immer kurzsichtig gewesen zu sein versicherte, und erst im 
40. Jahre seine Concavbrille (N. 14) mit einer etwas stärkern vertauschen wollte, hatte 
ich guten Grund anzunehmen, dass sich das Übel seit seiner ersten Jugend wenig oder 
gar nicht verändert hatte. — Über die Entstehung dieser Form konnte ich bisher zu 
keiner bestimmten Ansicht kommen. Ich habe sie bei IG — "20 Individuen beobachtet, 
welche in dem Alter von 8 — 40 Jahren standen. In vielen Fällen blieb es unentschieden, 
ob das Übel angeboren oder in der ersten Lebenszeit entstanden war ; in mehreren musste 
eine spätere Entstehung (zur Zeit des Zahnwechsels, der Pubertätsentwicklung) als das 
Wahrscheinlichste angenommen werden. Nur bei drei Individuen waren unzweifelhafte 
Symptome von Scrofulosis vorhanden. In einem Falle war das Übel gewiss erst im 
1 1 . Jahre nach Typhus entstanden. 

c. Der hurte Kemstaar älterer- Individuen ist eine der häufigsten 
Formen des Staares überhaupt. Es ist Thatsache, dass die Verdunk- 
lung der Linse oft im Centrum derselben beginnt, und von da allmälig 
gegen die Peripherie hin fortschreitet. Eben so sichergestellt ist es, 
dass die Trübung Jahre lang auf den Kern allein beschränkt bleiben 
kann, wenn gleich der Fall der häufigere ist, dass sich zur Trübung 

*) Ammon's Zeitschrift. Bd. III. 1833. S. 481. 



252 KrystalUinse. 

des Kernes in Kurzem auch Trübung' der Rindensubstanz gesellt. Die 
Fälle, wo die Trübung zuerst in der Rinde auftritt, werden wir weiter 
unten besprechen. 

Zu der Verfärbung und Erhärtung des Kernes, welche schon im 
physiologischen Zustande auftreten, kommt im höhern Alter (nur aus- 
nahmsweise schon vor dem 45. Jahre) nicht selten auch Trübung des- 
selben, mehr weniger gestörte Durchsichtigkeit, welche zunächst im 
Centrum bemerkbar wird, nach und nach gegen die Peripherie vor- 
rückt und niemals scharf begrenzt erscheint. Diese Trübung zeigt eine 
gelblichgraue oder graugelbe , bisweilen in's Grünliche schillernde 
Färbung. 

Die Erkenntniss solcher Staare im ersten Beginnen wird durch den 
Umstand sehr erschwert, dass bei altern Personen überhaupt die Pupille 
nicht rein schwarz erscheint, sondern den schon beschriebenen Reflex 
zeigt, den man irrthümlich von Pigmentmangel hergeleitet hat. Es müssen 
dann zur Diagnosis zunächst die Erscheinungen der Funciionsstörung — 
wovon weiter unten — benützt weiden. — Die Anwendung der Gesetze 
der Katoptrik auf das Auge führte Purkynje zu dem bekannten Versuche 
mit einem vor das Auge gehaltenen Kerzenlichte, welchen Sanson zur 
Diagnosis der Cataracta benützte. 

Hält man bei geschlossenen Fensterladen vor ein gesundes Auge (am besten bei 
künstlich erweiterter Pupille) ein Kerzenlicht, so kann man bei entsprechender Stellung 
3 hinter einander gelegene Spiegelbilder wahrnehmen. Das erste deutlichste und grösste 
steht aufrecht, und entsteht durch die von der Cornea zurückgeworfenen Lichtstrahlen ; 
das zweite kleinere steht verkehrt, und entsteht durch die hintere Kapsel (Hohlspiegel) ; 
das dritte oder hinterste und gleichfalls aufrechte, weil von der vordem Kapsel reflectirte, 
ist am schwächsten ausgeprägt. Dieses Experiment kann dem sehr Geübten in so fern 
ein diagnostisches Hülfsmittel abgeben, als bei Verdunklung des Kernes der Linse das 
verkehrte Bild fehlen kann ; es ist in so fern imsichcr, als dieses Bild bei geringer Trü- 
bung noch vorhanden sein kann. Zur Erkenntniss von Trübungen an der hintern oder 
an der vordem Kapselwand ist es, wie wir weiterhin sehen werden, ganz überflüssig. 

Das verlässliehste Mittel , auch die geringsten Trübungen im Be- 
reiche der Linse und ihrer Kapsel nachzuweisen, ist die Anwendung- 
des Ilelmholtzschen Augenspiegels. Sobald mittelst desselben der Grund 
des Auges hell beleuchtet erscheint, kann man jede Trübung vor dem- 
selben als ein graues Wölkchen unterscheiden, was um so leichter ist, 
als hiebei der Gebrauch der Concavgläser wegfällt, welcher zur Unter- 
suchung des Augengrundes selbst nothwendig ist. 

Hat die Trübung so weit um sich gegriffen, dass sie den Kern 
ganz oder grossentheils einnimmt, dann unterliegt die Diagnosis keiner 
Schwierigkeit, um so weniger, wenn ihre Farbe hellgrau ist. Wegen 



Trübung — Cataracta lenticularis. 253 



■B 



der Entfernung des getrübten Körpers von der Iris sieht man dann auch 
den Schatten, welchen letzterer bei seitlich einfallendem Lichte wirft 
{Schlagschatten), in Form eines mehr weniger breiten dunkeln Halb- 
mondes. Wenn jedoch die Farbe des undurchsichtig gewordenen Linsen- 
kernes sehr dunkel ist, wie die Schalen der Rosskastanie oder wie 
Mahagoniholz, so kann selbst bei grossem Umfange der Trübung die 
Wahrnehmung derselben sehr schwierig sein, und man muss, falls der 
Hef/nho/tz-'seke Spiegel nicht zu Gebote steht, sich vorzüglich auf die 
Merkmale verlassen, welche auf die Functionsstörung basirt sind. 

Eine sehr genaue Beschreibung der Cataracta nigra hat Edwards*) geliefert. „Des 
que 1'oeil fut ouvert, on fut surpris de la couleur noire, qu'offrait le crystallina on le 
lava. et il conserva la meine couleur; ses couches superficielles, surtout dans sa circon- 
fe'rcnce, ctaient transparentes ; il avait beaucoup de solidite. Desse'che il presenta deux 
parties bien distinctes ; l'une centrale de forme lenticulaire, qui en constituait les trois- 
quarts, avait une couleur marron claire; aussi le crystallin dessecbe et examine en entier 
paraissait-il d'un noir rougätre; ^ais, lorsqu'on l'avait retire de I'oeil, il e'tait tres-noir; 
pareeque les |Couches superficielles etaient transparentes, et qu'elles laissaient passer la cou- 
leur noire du centre." Janin und Lusardi fanden extrahirte schwarze Linsen, hinter ein 
Kerzenlicht gehalten, von durchscheinend rother Färbung, im Centrum gesättigter. Eine 
Catar. fere nigra, welche ich in Weingeist aufbewahre, erscheint auch bei durchgehendem 
Tageslichte röthlich durchscheinend, umgeben von käseartig geronnener weissgrauer ßin- 
densubstanz. Rothbraune, ins Eöthliche schillernde Linsenkerne habe ich mehrere extrahirt. 

Diese Form ist von Beer, Cheliiis u. A. als harter Staar, von 
Walther als Marasmus lentis senilis oder atrophische senile Cataracta, 
von Wertiek als Cataracta senilis, von Pauli, Stricker u. A. als Phako- 
skleroma beschrieben worden. Sie ergreift gewöhnlich das eine Auge 
früher als das andere. Das zuerst ergriffene Auge erblindet in der Regel 
viel laugsamer als das zweite. Zur Trübung des Kernes tritt bald 
früher bald später Trübung der Rindensubstanz hinzu, wovon wir wei- 
ter unten sprechen werden. In dem später ergriffenen Auge findet man 
nicht selten den umgekehrten Gang der Verdunklung, nämlich von der 
Rinde zum Kerne, nachdem auf dem ersten, durch Monate — Jahre ein- 
facher Kernstaar bestanden hatte. Ganz irrthümlieh ist die Ansicht, dass 
man es in den Fällen, wo der Staar wegen noch nicht erfolgter Ver- 
dunklung der Rinde klein erscheint, wirklich mit einem kleinen Staare 
zu thuu habe, zumal wenn man bei diesem Ausdrucke an Volumenab- 
nahme der Linse denkt. 

d. Der weiche Kernstaar kommt sowohl im jugendlichen als im 
Mannes- und Greisenalter vor. Er beginnt als eine lichtgraue, Anfangs 

*) Dissert. sur l'inflammation de l'iris et la cataracte noire, Paris, 1S14, citirt yon Warnatz in Ammoris 
Zeitschrift, Bd. IL S. 295. 



254 Krystalllinse. 

bläuliche , weil noch durchscheinende , rauchwolkenähnliche , ziemlich 
ausgebreitete und nirgends scharf begrenzte Trübung des Kernes, welche 
in dem Masse, als sie saturirter erscheint, der Iris näher rückt, im 
Vergleiche zum harten Staare rasch fortschreitet und sehr bald, in Zeit 
von einigen Wochen oder Monaten, selten erst nach Jahren, zu einem 
Totalstaare wird. Wegen dieser raschen Umwandlung werden wir die 
nöthigen Bemerkungen über diese Form erst bei Betrachtung des Total- 
staares machen. 

2. Als Rindenstaar, welche Benennung von Sichel*) eingeführt 
wurde, ist grösstenteils das anzusprechen, was Beer u. A. als Kapsel- 
staar beschrieben haben. Wernek**) hat eine Art desselben unter dem 
sehr unpassenden Namen Gichtstaar ziemlich genau geschildert. Er be- 
ginnt in zweierlei Form; als gleichmässige Trübung, welche sich rauch- 
oder spinnwebenähnlich gleichsam als Beschlag der Kapsel über die 
vordere Oberfläche der Linse ausbreitet, oder, in Gestalt einzelner weiss- 
oder gelbgrauer Streifen, welche in der Regel vom Äquator gegen die 
Pole hin verlaufen. An der vordem Peripherie zeigen sowohl der gleich- 
mässige Beschlag als die verdunkelten Streifen bei günstig auffallendem 
Lichte einen etwas matten Glanz (wie Spinnengewebe, Aponeurosen, 
Perlmutter u. clgl.). Die im hintern Umfange vom Rande zum Pole ver- 
laufenden Streifen und Flecke erscheinen meistens gelblichweiss und 
opalisirend. In den meisten Fällen sind es die peripherischen Fasern, 
in andern die Zwischenfasersubstanz, welche zuerst undurchsichtig werden. 
Ihr Verlauf ist jedoch nicht immer streng centripetal, bisweilen unter- 
brochen oder ganz unregelmässig. 

Der Ausgangspunkt des Rindenstaares ist in der Regel der Rand 
der Linse. Man findet ihn daselbst sehr oft in Augen alter Individuen, 
namentlich mit Arcus senilis corneae zugleich, wo man bei Untersuchung 
der Pupille keine Ahnung davon hatte, und wo auch während des Lebens 
kein Grund vorhanden war, die Gegenwart von Cataracta zu vermuthen. 
Solche nur den Rand einnehmende Verdunkelungen findet man oft bei 
Leuten, welche mit dem betreffenden Auge noch ganz gut sehen, und 
nur wegen Cataracta des andern Auges ärztliche Hilfe suchen. Sie stel- 
len, wenn man die Pupille gehörig erweitert, oft das erste und am 
leichtesten zu constatirende verlässliche Zeichen der nachfolgenden tota- 
len Verdunklung dar. - — Was Schön und Ammo?i***) als Arcus senilis 
Capsulae lentis beschrieben haben, ist nichts anderes, als Catar. corti- 

*) Annnies d'oculist. T. VIII. p. 139. 169 etc. 
**) Ammon's Zeitschrift. Bd. III. S. 475. 
***) Ibid. Band I. S. 101 mit Abbildungen auf T. III. 



Trübung — Cataracta lenticularis. 255 

calis, vom Rande her beginnend. Vielfache und sorgfältige Untersuchungen 
haben mich darüber belehrt. 

a. Vom Rande aus entwickeln sich die weissgrauen Streifen ent- 
weder gegen den hintern oder gegen den vordem Pol hin, oder nach 
beiden zugleich. Die Verdunklung de?' hintern Rindensubstanz besteht nur 
selten längere Zeit isolirt, und kann dann mit Trübungen, welche vom 
Grunde des Auges ausgehen, mehr weniger Ähnlichkeit darbieten. Sie 
wird meistens in kurzer Zeit durch Trübung des Kernes oder der vor- 
dem Rindensubstanz verdeckt. 

Der hintere Rindenstaar kann eine ziemlich grosse Ausdehnung 
erlangt haben, ehe er das Sehvermögen stark beeinträchtigt und den 
Kranken bestimmt, ärztlichen Rath zu suchen. Wo die Lagen vor ihm 
noch so viel Licht durchlassen, dass man ihn zu erkennen im Stande 
ist, da erscheint er in Form grauweisser zackiger oder keilförmiger 
Streifen, welche dadurch, dass die von diesen zurückgeworfenen Licht- 
strahlen durch den gelben Kern hindurchgehen, einen gelblichen oder 
bouteillengrünen Teint und einen opalartigen Glanz erhalten. Sind diese 
Streifen mächtiger geworden und verschmolzen, so sieht man eine un- 
gleichmässig getrübte, unebene Schale von dem genannten Teint und 
Glänze in der Gegend der hintern Kapsel. 

b. Der vordere Rindenstaar erscheint, wie schon erwähnt wurde, 
in Form gleichmässiger Trübung oder in Form linearer oder konischer 
meist centripetaler Streifen. Seine Farbe ist immer lichtgrau; sie wird 
nur durch die Unterlage und durch die Mächtigkeit der verdunkelten Rin- 
denfasern verschieden modificirt. Ist die Trübung noch durchscheinend, 
so erscheint sie bläulich-weissgrau, wie eine dünne Lage Milch auf 
schwarzer Unterlage, oder wie eine Rauchwolke, gewöhnlich hie und 
da intensiver. Wenn von den tieferen Lagen, nämlich von dem gleich- 
zeitig verdunkelten Kerne noch Lichtstrahlen zwischen den Rindenfasern 
durch reflectirt werden können, so bemerkt man auch hier den soge- 
nannten Schlagschatten der Iris, nur nicht so scharf abgegrenzt. Ist die 
Trübung dichter und mächtiger, so nähert sie sich dem Kreideweiss, 
ohne dessen Reinheit und Gleichmässigkeit völlig zu erreichen. Liegen 
die getrübten Partien dicht an der Kapsel, so dass sie gleichsam einen 
Beschlag ihrer hintern Fläche bilden, so verleiht ihnen diese einen 
Spinneweben-, sehnen- oder perlmutter-ähnlichen Glanz, wie das Spiegel- 
glas dem Staniol. Diese lichte Farbe und dieser lebhafte Glanz stiebt 
bisweilen sehr stark ab gegen die grau- oder dunkelgelbe Färbung und 
die Glanzlosigkeit des gleichzeitig verdunkelten Kernes, wenn man ihn 
noch durch das Centrum und die Meridiane, welche oft noch durchsich- 



256 Krystalllinse. 

tig sind, wahrnehmen kann. — So lange der vordere Eindenstaar nur 
noch etwas durchscheinend ist, erscheint die Trübung immer gegen den 
Äquator hin gesättigter, weil die Eindensubstanz gegen den Äquator 
hin an Dicke zunimmt. Was Beer vom Kapelstaare sagt, nämlich, dass 
dieser bei seiner Ausbildung nur höchst selten von der Mitte der Pu- 
pille ausgehe, dass er sich gewöhnlich vom Rande her bald da bald 
dort in Form einzelner, sogleich ziemlich weisser, glänzender Punkte, 
Streifen oder Flecke ausbilde, und immer eine sehr helle, auch nach 
völliger Ausbildung niemals gleichmässig gesättigte Farbe darbiete, gilt 
demnach nur vom vordem Eindenstaare ; der wahre Kapselstaar gibt 
sich, wie wir weiterhin sehen werden, durch ganz andere Merkmale 
kund. — Beer hat noch eine andere Erscheinung hervorgehoben; er 
meint, indem die vordere Kapsel merklich dicker werde, als im gesunden 
Zustande, beschränke sie die hintere Augenkammer. Andere Autoren 
geben an, manche Staare könnten wohl so gross werden, dass sie die 
hintere Kammer aufheben, selbst die Iris vorwärts drängen. Weder das 
Eine noch das Andere ist richtig. Die Erscheinung, dass bei solchen 
Staaren die vordere Kapsel, folglich auch die Iris näher gegen die 
Cornea rückt, hat ihren Grund darin, dass die Eindensubstanz oder die 
ganze Linse abnorm weich oder selbst flüssig geworden ist, mithin die 
Kapsel das Formgebende ihres Inhaltes eingebüsst, und nun den Ge- 
setzen einfacher Cysten mit flüssigem Inhalte gemäss, im Ganzen eine 
mehr der Kugelform sich nähernde Gestalt augenommen hat. Doch 
kann diese Erscheinung auch dadurch bedingt sein, dass die Linse aus 
andern Ursachen (unabhängig von der Verdunklung) sammt ihrer Kap- 
sel etwas mehr nach vom gerückt ist. — Wir werden weiter unten 
zeigen, dass die Eindensubstanz, bis zu einem gewissen Grade ver- 
dunkelt, etwas aufquillt und erweicht, und dass später, wenn ein 
Theil davon resorbirt ist, wieder Abnahme des Volumens der Linse 
eintritt. 

c. Sehr selten kommt jene Form des Eindenstaares vor, welche 
Sichel Cataracta dehiscens genannt hat. Sie besteht in Trübung der 
Linsenzellensubstanz nach der Eichtung eines oder einiger Meridiane, 
und kann Jahre lang in Gestalt eines drei- oder sechsstrahligen Sternes 
{Catar. stellata antiq.?) bestehen, bevor die zwischenliegenden Sectoren 
getrübt werden. Wenn ein oder der andere Meridian ungetrübt bleibt, 
kann die Figur eine scheinbar unregelmässige Gestalt erhalten. — Hie- 
her gehören wahrscheinlich auch Fälle von Catar. punctata auctorum, 
wenn nämlich von den linearen Meridianen nur einzelne Stellen oder 
Punkte getrübt sind. Die symmetrische Anordnung solcher Punkte zum 



Trübung — Cataracta lenticularis. 257 

Centrum und zu einander macht es mehr als wahrscheinlich, dass ihr 
Sitz nicht in der Kapsel, sondern in der Eindensubstanz ist. 

Am schönsten sah ich die Cataracta dchiscens bei einem 60jährigen Pfründler von 
Set. Bartholomäus. Am rechten Auge strahlen vom vordem Pole der Linse 3 lineare 
kreideweissc Streifen in der Richtung der 3 Hauptmeridiane aus (nach oben, nach innen 
und unten, nach aussen und unten) ; die zwischen liegenden drei gleich grossen Sectoren 
sind in hohem Grade durchsichtig, denn man sieht durch dieselben deutlich die vom 
Äquator vorrückenden lieht graugelben Zacken des sich allmälig mehr und mehr ent- 
wickelnden hintern Kindenstaares. Jene 3 linearen Streifen sind jeder an l'/a'" lang 
(auf mehr als 3'" lässt sich die Pupille durchaus nicht erweitern), scharf begrenzt, im 
ganzen Verlaufe gleich mächtig, etwa 1 fc — l ,i" t breit; ihre Tiefe lässt sich nicht genau 
angeben: sie greifen wie Scheidewände zwischen den 3 Sectoren in die Tiefe, allem 
Anscheine nach nicht über Vi'" , ganz gewiss nicht durch die ganze Dicke der Linse. 
Am linken Auge ist nur Ein Meridian so verdunkelt, der nach unten und aussen laufende, 
und oberhalb desselben ein Nebenmeridian und der zwischen beiden befindliche Sector 
der Eindensubstanz. Ton Verdunklung der hintern Eindensubstanz kann man an diesem 
Auge nichts wahrnehmen; auch sieht der Mann mit diesem Auge noch so viel, dass er, 
von Profession ein Schuster, noch etwas arbeiten kann. Nachdem ich ihn durch ohn- 
gefähr 5 Jahre einige Male gesehen hatte, fand ich ihn nicht mehr in dem Institute. 

d. Als Cataracta Morgagnii hat man jene Fälle bezeichnet, wo die 
Eindensubstanz getrübt und verflüssigt, der Kern mehr weniger durch- 
sichtig ist. Mit völlig erhaltener und längere Zeit fortbestehender 
Durchsichtigkeit des Kernes jedoch habe ich diese Form niemals zu 
sehen bekommen. Die Gegenwart einer, milchig- oder molkigtrüben 
Flüssigkeit zwischen Kapsel und Linsenkern gibt sich dadurch zu er- 
kennen, dass die Trübung in der untern Hälfte oder im untern Drittel 
saturirt ist und sich in Bezug auf ihre Lage überhaupt so verhält, wie 
flüssige Exsudate in der vordem Augenkammer. Zur Constatirung 
der Diagnosis ist meistens die künstliche Erweiterung der Pupille 
uothwendig. 

Die neunjährige Tochter eines Goldarbeiters, dessen Frau in Bezug auf die Ätio- 
logie besonderes Gewicht auf den Umstand legt, dass sie während der Schwangerschaft 
mit diesem Kinde häufig durch epileptische Anfälle ihres Sohnes sehr erschreckt wurde, 
körperlich und geistig sehr gut entwickelt, mit etwas grösserem Kopfe und grossen, bei- 
nahe glotzenden Augen, litt an Linsenstaar beider Augen, wahrscheinlich seit der Geburt, 
da man das Übel schon in der 6. — 8. Woche bemerkt hatte. Die noch etwas durch- 
scheinenden gelblichgrauen, hie und da lichtgrau gefleckten Cataracten standen von der 
Iris noch etwa ' i u> ab, und die Kranke sah noch so viel, dass sie recht gut allein her- 
umgehen konnte. Ich glaubte halb harte Kernstaare mit unvollständig verdunkelter 
Eindensubstanz vor mir zu haben. Als ich jedoch die Pupillen gehörig erweitert hatte, 
fand ich jederseits unten eine milchige Flüssigkeit zwischen Linse und Kapsel angesam- 
melt, einem Hypopyuni nicht unähnlich. Sie wechselte ihre Lage nach längere Zeit ver- 
änderter Haltung des Kopfes. Durch zwei volle Jahre hatte sich dieser Befund nicht im 
geringsten geändert, und da das Gesicht von Jugend auf ziemlich gleich geblieben war, 
liess sich mit Grund annehmen, dass der Zustand der Linse eben so lange sich nicht viel 
Arlt Augenheilkunde. II. 17 



258 Krystalllinse. 

verändert haben mochte. Am 22. Mai 1849 (im 11. Lebensjahre) nahm ich die Zerschnei- 
dung der vordem Kapsel durch die Hornhaut vor. Zwei Jahre vorher hatte ich von 
der Operation abstehen müssen, da das Kind zu unruhig wurde, so oft ich die Cornea 
mit der Nadel berührte. Diessmal nahm ich mir vor, sie mittelst Chloroform zu betäu- 
hen. Es gelang mir jedoch, ohne dieses Mittel die Operation glücklich zu vollenden, 
nachdem ich den Kunstgriff gebraucht hatte, rasch nach meinem Eintritte in das Zimmer 
die Kranke zu setzen, dem Assistenten zu winken, und die Nadel durch die Cornea ein- 
zuführen, ehe das Kind noch recht an die Operation denken konnte. Die Kapsel wurde 
nach verschiedenen Richtungen eingeschnitten ; beim Herausziehen der Nadel entleerte sich 
eine Menge trüber Flüssigkeit, und die Pupille des linken Auges erschien vollkommen, 
die des rechten beinahe völlig schwarz. Das Kind erkannte die Finger der vorgehaltenen: 
Hand, ein Taschentuch u. dgl. Nach dem achten Tage entwickelten sich Zeichen von 
Iritis, jedoch nicht so heftig, dass ich etwas anderes als kalte Umschläge für nöthig 
erachtete. Ich erkannte die Entzündung als Iritis erst den 12. Tag an den bekannten 
punktförmigen Exsudaten auf der Descemetschen Haut bei nicht merklich verengerter 
Pupille, und an einer leichten Rosenröthe rings um die Hornhaut. Die Linsen wurden 
allmälig trüber und voluminöser und nach einem Vierteljahre gänzlich resorbirt. Das 
Mädchen erlangte jedoch trotz der völligen Schwärze der Pupillen und Immunität der 
Hörn- und Regenbogenhäute kein scharfes Gesicht, und sieht auch durch verschieden 
starke Staargläser noch jetzt, 4 Jahre nach der Operation, nicht viel besser. War die 
Netzhaut ursprünglich nicht gehörig entwickelt? war ihre Energie wegen Mangel an 
Übung durch 10 Jahre zurückgeblieben und gesunken? Hatte sie durch Druck von dem. 
aufquellenden Staare gelitten? Ich konnte darüber zu keiner Entscheidung kommen. 

C. Totaler Linsenstaar. Obwohl der Rindenstaar so gut wie der 
Kernstaar lange für sich isolirt bestehen, obwohl gewisse Formen selbst 
stationär bleiben können, so stellen beide doch in der Regel nur ver- 
schiedene Entwicklungsstufen der totalen Verdunklung dar. Bald geht 
die Verdunklung vom Kerne, bald von der Rinde, bald von beiden zu- 
gleich aus. Was Beer von seinem Kapselstaar bemerkte, „dass er 
niemals lange für sich allein bleibe, dass sich immer früher oder 
später eine fehlerhafte Mischung des Krystallkörpers hinzugeselle", gilt 
eigentlich vom Rindenstaare. Es ist irrig, wenn man angibt, die Lin- 
sentrübung beginne bei dem sogenannten Phakoskleroma stets im Kerne 
und schreite allmälig gegen die Peripherie hin vor. Im Gegentheile, 
der harte Kernstaar älterer Individuen tritt sehr häufig erst dann auf, 
wenn schon lange Rindenstaar bestanden hat, wie schon oben erwähnt 
wurde. 

Der totale Linsenstaar bietet ein verschiedenes Aussehen dar, je 
nach seiner Ausdehnung und je nach seiner Consistenz. Bald schim- 
mert der Kern noch durch die lichteren, dünn aufgetragenen oder 
unterbrochenen Trübungen der Rindensubstanz hindurch, zumal in der 
Mitte der Pupille, bald ist er der Wahrnehmung gänzlich entzogen 
durch die vollständig verdunkelte Rinde. Hiernach ist der im Allge- 



Trübung — Cataracta lenticularis. 259 

meinen richtige Satz zu modificiren : Je dunkler die Farbe, desto härter 
der Staar. Jederzeit niuss, um sich über dieses für die Wahl der 
Operationsmethode wichtige Verhältniss zu unterrichten, die Pupille ge- 
hörig erweitert werden. Weiter unten werden wir hören, dass rasch 
(in Zeit von wenig Wochen oder Monaten) entstandene und ausge- 
bildete Staare niemals hart sind, und dass bei Individuen unter 40 
Jahren harte Staare selten sind. Nur darf bei Erhebung des ersten 
Umstandes nicht vergessen werden, dass die Gegenwart partieller Lin- 
sentrübung auf einem Auge gar oft nicht bemerkt wird (vom Betroffenen), 
und dass, wenn nach länger bestehender partieller Trübung z. B. des 
Kernes, in kurzer Zeit ausgebreitete Verdunklung (Trübung der Rinden- 
substanz) hinzutritt, man leicht einen rasch entstandenen und schnell 
vorgeschrittenen Staar vor sich zu haben vermeinen kann. 

Eine gleichmässig gesättigte, weiss-, bläulich- oder gelblich-graue 
Färbung findet man nur bei completer Verdunklung der Rinde, insbe- 
sondere bei beträchtlicher Erweichung oder bei völliger Verflüssigung 
dieser letztern allein oder der ganzen Linse. Verkalkung des Krystall- 
körpers bietet auch bisweilen ein gleichmässiges , kreideweisses oder 
lichtgelbes Aussehen dar, doch sind in solchen Fällen, wie wir weiter- 
hin sehen werden, auch noch andere Symptome vorhanden. 

Bei Verflüssigung der Rinde allein sieht man bisweilen den harten, 
dunkeln (gelben oder röthlichbraunen) und specifisch schwerern Kern, 
welcher übrigens auch durch Verflüssigung seiner obern Lagen merk- 
lich kleiner geworden sein kann, bei den Bewegungen des Auges ver- 
schiedene Lagen einnehmen. Oft ist es nöthig, den Kranken eine Zeit 
lang den Kopf vorwärts geneigt halten zu lassen, um sich von der 
Gegenwart eines solchen Kernes zu überzeugen. 

Der totale Linsenstaar erscheint für immer oder doch eine Zeit 
lang unmittelbar hinter (an) der Iris, und bietet demnach, auch wenn 
er hart ist, keinen Schlagschatten dar. Es ist nicht schwer, den 
Schlagschatten zu unterscheiden von der schwarzen Einsäumung (Pig- 
ment; des Pupillarrandes, welche bei lichter Regenbogenhaut und licht- 
farbigem Staare besonders deutlich zu bemerken ist. 

Zur Zeit, wo ausgebreitete Verdunklung der Rinde erfolgt, schei- 
nen ihre Fasern etwas aufzuquellen oder durch einen flüssigen Erguss 
etwas auseinander gedrängt zu werden, denn man findet jetzt den Staar 
scheinbar grösser, die Iris etwas stärker vorwärts gedrängt und selbst 
in ihrer Bewegung mehr weniger beeinträchtigt. Dieser Zustand endet 
nach dem, was ich bisher beobachtet, bisweilen mit Verflüssigung der 
Rinde oder der ganzen Linse, von der schon die Rede war. In der 

17* 



260 Krystalllinse. 

Regel aber tritt der Ausgang ein, dass das Volumen der Linse wieder 
■abnimmt, und die Kinde in eine etwas consistentere Masse verwandelt 
wird, welche mit dem Kerne mehr weniger fest zusammenhängt, da- 
gegen mit der Kapsel so wenig, dass man jetzt mit Recht sagen kann, 
die Linse (Kern und Einde) liege wie eine reife Frucht in der Kapsel. 
Zur Bezeichnung dieser Veränderung werden wir, der Kürze wegen, 
den Ausdruck Cataracta matura anwenden, der bekanntlich oft in noch 
ganz anderem Sinne gebraucht worden ist. 

Dieser Sachverhalt ergibt sich: 1. aus monate-, jahrelang fortgesetzter Beobachtung 
cataractöser Individuen, welche sich nicht operiren lassen wollen u. dgl. 2. Aus dem 
Vergleiche beiderseitiger, jedoch nicht gleichzeitig entstandener und gleichmässig fort- 
geschrittener Cataracten, daher man fast ohne Ausnahme schon aus der aufmerksamen 
Betrachtung des rechten und linken Auges allein bestimmen kann, welches Auge früher 
erkrankt sei. In so fern jedoch manchmal die Trübung des Kernes auf dem einen Auge 
beginnt und dann monate-, jahrelang fast unverändert stehen bleibt, indess das andere 
Ton der Binde oder auch vom Kerne aus relativ schneller verdunkelt wird, trifft man 
bisweilen Fälle, in denen die Angaben des Kranken dem nach dem blossen Anblicke 
gestellten Ausspruche nicht entsprechen. 3. Aus dem Umstände, dass viele Staarkranke 
(ältere) , welche die Erblindung des zweiten Auges abwarten , bevor sie sich zur Ope- 
ration melden, die Bemerkung machen, dass sie in einer spätem Zeit mit dem zuerst 
ergriffenen Auge wieder etwas sehen , grosse lichte Gegenstände nach ihren Umrissen 
wieder wahrnehmen u. dgl. Ich schenkte dieser Angabe , die mich überhaupt zuerst 
bestimmte, den etwa zu Grunde liegenden materiellen Ursachen nachzuforschen, desshalb 
Glauben , weil ich fand, dass auf dem in Rede stehenden Auge die Iris nicht mehr so 
vorwärts gedrängt war, wie an dem andern, und dass der Staar mehr in eine compacte 
Masse verschmolzen, dunkler gefärbt und offenbar etwas kleiner war, als der des andern 
Auges (durch theilweise Resorption der Rindensubstanz!. 4. Wenn man ältere, ganz 
ausgereifte Staare extrahirt, so treten sie caeteris paribus (bei gleich grosser Hornhaut- 
öffnung u. s. w.) viel leichter vollständig aus der Kapsel, was man leicht daran erkennt, 
dass sie ganz glatte und der Form der Linse überhaupt genau entsprechende Oberflächen 
haben, während von unreifen Staaren meistens Reste zurückbleiben. 

2. Kapselstaar. 

Trübung der Kapsel kommt fast ausschliesslich nur im Bereiche 
der vordem Hemisphäre vor, und zwar entweder nur als Auflagerung 
von Exsudaten auf der äussern Fläche (Cataracta spuria), oder als Ver- 
änderung der Kapsel selbst, so dass man sie an der erkrankten Partie 
auch unter dem Mikroskope nicht mehr als solche erkennen kann. 

A. Als hinterer Kapselstaar dürfte eine angeborene Trübung in 
der Gegend der hintern Kapsel zu betrachten sein, welche in Form 
einer etwa hanfkorngrossen , scharf begrenzten, beinahe viereckigen, 
centralen weissen oder weissgelblichen und etwas schillernden Scheibe 
vorkommt. Durch Sectionen ist jedoch der Sitz solcher Trübungen 
noch nicht ermittelt. Von Amnion hat im I. B. seiner klin. Darst. auf 



Trübung — Cataracta capsularis. 261 

T. XIV. Fig. 5 einen solchen Stäar abgebildet. Ich habe ihn nur 
zweimal beobachtet, bei einem Mädchen von 15 und bei einem Manne 
von 40 Jahren. In früherer Zeit wurde wohl manches als hinterer 
Kapselstaar angesehen, was nichts anderes als hinterer Rinden- 
staar war. 

B. Der vordere (wahre) Kapselstaar erscheint, wenn wir vor- 
läufig von den durch mechanische Eingriffe bedingten Formen absehen, 
als eine bläulich- oder kreideweisse, wenig oder gar nicht durch- 
scheinende, gleichmässig ausgebreitete oder stellenweise stärker ge- 
sättigte Trübung unmittelbar hinter der Iris. Eine solche Trübung 
zeigt niemals eine symmetrische Anordnung nach den Radien und Sec- 
toren der Linse. Was den Ausschlag gibt, ist der Befund bei gehörig 
erweiterter Pupille. Die Trübung nimmt nur den mittlem Theil der 
Kapsel ein, reicht wenigstens nie und nirgends bis zum Rande der- 
selben. Sie hört stets mindestens x \i'" vom Rande entfernt und scharf, 
wenn gleich unregelmässig, begrenzt auf. Eine mehr weniger grosse 
Partie der Kapsel ist undurchsichtig und durch Infiltration und Auf- 
lagerung einer körnigen Masse verdickt, derb und zäh, so dass sich 
diese Partie mit einer Nadel im Auge nicht zerschneiden lässt. Die 
genannte körnige Masse lässt die innere Fläche der Kapsel uneben und 
rauh erscheinen, und kann auf keine Weise, weder durch Abspülen 
noch durch Schaben mit einem Messer u. dgl. von der Kapsel entfernt 
werden. An Durchschnitten, senkrecht auf die Fläche derselben ge- 
führt, lässt sich die Kapsel auch unter dem Mikroskope nicht als solche 
verfolgen. Die äussere Fläche der erkrankten Partie ist glatt, manch- 
mal etwas runzlig. 

Ob die Kapsel verdunkelt und in ihrer Structur verändert werden könne, darüber 
ist in neuerer Zeit viel discutirt worden, seit Malgaigne aus 25 Sectionen alter Leute 
mit Cataracta (im Bicetre 1840) den Schluss gezogen hatte, es gebe keinen Kapselstaar. 
Malgaigne wäre im vollen Rechte geblieben, wenn er aus seinen Leichenbefunden nicht 
mehr gefolgert hätte , als logisch gefolgert werden konnte, nämlich dass er auch da die 
Kapsel durchsichtig gefunden habe, wo man nach der bisherigen Ansicht Kapselstaare 
zu diagnosticiren berechtigt war. Noch in später erschienenen Handbüchern (von 
Chelius, Himly, Andreae, Walther) werden die Zeichen des Rindenstaares für Zeichen 
von Kapselstaar ausgegeben. Ruete, Hasner u. A. haben dem übereilten Schlüsse Mal- 
gaigne's dadurch Allgemeingiltigkeit zu viudiciren gesucht, dass sie der Kapsel die Mög- 
lichkeit sich zu verdunkeln aus anatomischen Gründen absprachen. Ich 'kann einem 
jeden, der sich durch Autopsie überzeugen will, eine Auswahl getrübter, verdickter, 
knorpelähnlicher, innen rauher, aussen glatter Kapseln zeigen, und auch eine und die 
andere zur mikroskopischen Untersuchung überlassen, da ich alljährlich immer wieder 
einige frische bei der Extraction gewinne. 

Auf die oben angegebenen Zeichen gestützt, nehme ich, wo ich nebst Trübung der 



262 Krystalllinse. 

Linse auch Trübung und Verdickung der Kapsel finde, meistens die Extraction vor, derart, 
dass ich den Kranken liegen lasse, und im 2. Momente nicht mit einer Nadel, sondern mit 
einem Irishäkchen eingehe, dieses am obern Rande der Verdunklung in die Kapsel ein- 
pflanze , und sofort die ganze verdunkelte und verdickte Partie der Kapsel herausziehe. 
Bei diesem Vorgange ist es mir mehrmals begegnet, dass die ganze (vordere und hintere) 
Kapsel sammt der Linse dem Zuge folgte. Ich kann mehrere solche Staare (wahre Balg- 
staare aufweisen. Diese Lösung des Krystallkürpers aus seiner Verbindung mit den 
Ciliarfortsätzen (durch Zerreissung der Zonula ohne gewaltthätige Einwirkung von aussen) 
und mit der Hyaloidea erfolgt vermöge eines gewissen Grades von Schrumpfung der in- 
filtrirten vordem Kapselpartie. Die Linse selbst ist bei diesem Befunde meistens weich, 
wohl auch mehr weniger verflüssigt; bisweilen findet man auch Kalkconcremente inner- 
halb der Kapsel, besonders da, wo sich die Zonula inserirt. 

Nur in Fällen, wo die vordere Kapsel getrübt und verdickt ist, lässt sieh die also 
veränderte Partie derselben, und nur da, wo die Verbindung mit der Zonula und dem 
Glaskörper gelockert ist, lässt sich die ganze Kapsel sammt der Linse bei der Extraction 
aus dem Auge entfernen. Eine gesunde Kapsel sammt dem "Staare auszuziehen, wie 
JRuete 1. c. S. 759 angibt, ist mir nie gelungen, nicht einmal bei Versuchen an Cadavern. 
In Hasners Entwürfe einer anatomischen Begründung der Augenkrankheiten kann man 
S. 185 folgende Stelle lesen: „Ich habe im Sommer 1846 bei einem Manne die Extraction 
der Linse wegen Phakomalacie mit Pyramidenstaar vorgenommen. Als ich nach Eröffnung 
der Augenkammer behufs des Kapselschnittes das Exsudat mit der Staarnadel nur leicht 
berührte , löste es sich sogleich vollständig von der Kapsel und fiel zur Hornhautwunde 
heraus; die nachträglich entfernte Kapsel aber erschien vollkommen durchsichtig ohne Spur 
einer Substanzentartung. " Wie es möglich war, eine solche Kapsel nachträglich zu ent- 
fernen, ist mir nach meinen Versuchen an Lebenden und an Cadavern nicht begreiflich. 

Diese Form von Cataracta scheint mit Congestiv- und Entzün- 
dungszuständen der Chorioidea in ursächlichem Zusammenhange zu 
stehen. Am häufigsten trifft man sie an glaueomatösen Augen in einem 
spätem Zeiträume, und nach Iridochorioiditis chronica, wo sie meistens 
als Catar. aecreta erscheint. (Vergl. Iritis S. 100, und Chorioiditis S. 
162, 163, 165, 166 und die Krankengeschichten auf S. 185, 188 und 
205.) Doch findet man diese Erkrankungen der Kapsel auch bei ganz 
einfachen Cataracten älterer Personen, jedoch öfter bei weicher als bei 
harter Linse. Ob der ganze Vorgang als Entzündung der Kapsel zu 
betrachten sei, lässt sich wohl zur Zeit noch nicht entscheiden, um so 
weniger, als bisher noch keine verlässliche Diagnostik der sogenannten 
Periphakitis existirt, wenn man auch ohne die vorausgefasste Meinung, 
die Kapsel könne sich nicht entzünden, und mit den besten optischen 
Hilfsmitteln an das Krankenbett tritt. 

Der Process, welcher hier an der Kapsel vorgeht, hat nach dem, was mich ana- 
tomische Untersuchungen gelehrt haben, grosse Ähnlichkeit mit der Erkrankung der 
inneren Gefässhaut der Arterien , welche Rokitansky *) als „ excedirende Auflagerung 
von innerer Gefässhaut" geschildert hat, und als deren Endglieder er Atheroma und 

*) Handbuch der patholog. Anatomie. Wien. Bd. I. S. 534. 



Trübung — Cataracta capsularis. 263 

Yerknöcherung bezeichnet. Wirkliche, mikroskopisch nachweisbare Knochenbildung oder 
eigentlich Yerknöcherung der verdickten Kapsel selbst habe ich in zwei phthisischen 
Bulbis gefunden. 

Während des Lebens Entzündung der Kapsel mit Bestimmtheit zu erkennen war 
ich bisher nicht im Stande, so sorgfältig ich auch nach den Charakteren suchte, welche 
von Walther*) und Sichel**) dafür angegeben haben. Durch die häufigere Anwendung 
des Helmholtzscheu Augenspiegels dürfte wohl auch diese Frage in kurzer Zeit entschie- 
den beantwortet werden. Walther's Diagnostik hat durch das, was uns Sichel 1. c. S. 117 
darüber mitgetheilt, einen argen Stoss erlitten. „Die Beobachtung, sowie die mündlichen 
Erörterungen, welche wir über diesen Gegenstand mit diesem ausgezeichneten Praktiker 
gehabt haben, bestärken uns in der Ansicht, dass er die pigmentösen Filamente , welche 
man nicht selten auf der Kapsel antrifft, als Gefässbildungen der Kapsel angesehen habe. 
Wir haben sogar mit einander einen Kranken beobachtet, bei dem Herr von Walther 
eine der deutlichsten und auffallendsten Gefässbildungen in der vordem Crystalloide 
diagnosticirte ; die Loupe indess liess mich in dem Auge dieses Subjectes nur pigmentöse 
braune und punktartige Blättchen entdecken, welche mit lymphatischen, gleichfalls mit 
Pigment überzogenen Filamenten abwechselten, und eine ungleiche Oberfläche darboten." 
In seinem 1849 erschienenen Handbuche B. IL S. 550 ersieht man deutlich, dass Walther, 
der den Kapselstaar als Folge von Periphakitis betrachtete , denselben noch mit dem 
Bindenstaar zusammen warf. Die §§. 1755, 1756 und 1757 sind schlagende Beweise 
dafür. Dasselbe gilt von Dr. Stricker's Charakteristik des Phakoskleroma und der Phako- 
malacia, welche letztere als Folge der Capsitis bezeichnet wird, in seiner sonst aus- 
gezeichneten gekrönten Preisschrift über die Krankheiten des Linsensystemes , Frankfurt 
a. M. 1845. 

Gefässentwicklung auf der mehr weniger getrübten oder erst später sich trübenden 
Kapsel habe ich wohl in mehreren Fällen sehr deutlich gesehen ; doch konnte ich nicht 
entscheiden, ob sie nicht einer von der Iris ausgehenden Exsudatschichte oder der Kapsel 
selbst angehörten: denn immer waren zugleich unzweifelhafte Erscheinungen von Iritis 
zugegen. — A. Perwolf, 36 Jahre alt, kam am 5. August 1849 mit folgendem Zustande 
der Augen in die Anstalt. Links: die vordem Ciliargefässe abnorm erweitert, bei Unter- 
suchung des Auges sehr bald einen rosenrothen Gürtel um die Cornea bildend. Die 
Cornea in jeder Beziehung normal. Die von Natur dunkelbraune Iris minder deutlich 
faserig, unbeweglich, gegen den Ciliarrand hin an mehreren Stellen an die Hornhaut an- 
gelöthet. Die Pupille rund, etwa P/a"' im Durchmesser, keine hintern Synechien zeigend, 
auch durch wiederholte Anwendung von Extr. belladonnae nicht erweiterbar. Hinter der 
Iris sieht man deutlich die Linse getrübt, und zwar nach dem Abstände von der Iris 
und nach der gelblichen Farbe zu schliessen, nur im Kerne. Die Kranke unterscheidet 
mit diesem Auge noch grössere Gegenstände, kann zur Noth allein herumgehen, die 
Finger zählen u. dgl. Bei genauerer Besichtigung fielen mir eine Menge feiner rother 
Äderchen auf, welche offenbar die Lage der vordem, nirgends getrübten Kapsel einnah- 
men, und von der Peripherie gegen das Centrum verliefen, jedoch nicht streng centri- 
petal. Es wäre nun nöthig gewesen zu ermitteln, woher diese Gefässe kamen. Bei dem 
Umstände, dass sich die Pupille nicht erweitem liess, war diess jedoch nicht möglich. 
In der Iris waren keine Gefässe wahrnehmbar. Auf der Kapsel zählte ich sieben isolirte 

*) Abhandlungen ans dem Gebiete der Medicin 1S10. S. 53., und Lehre von den Augenkrankheiten, 
Freiburg, 1S49. Bd. I. S. 112. 
-**) Über die Augenentzündungen, deutsch von Gross. Stuttgart, 1S40. S. 110. 



264 Krystalllinse. 

und einfache Reiserchen; nur eines spaltete sich in zwei Ästchen, welche über das 
Centrum hinüberliefen, ohne mit den entgegen kommenden in Verbindung zu treten. 
Einige Tage nach der Aufnahme trat eine Hernia inguinalis incarcerata ein, welche den 
Bruchschnitt, mithin die Transferirung auf die chirurgische Abtheilung nöthig machte. 

Als die Kranke Ende October wieder auf die Augenklinik zurückkam , sah man 
die früher (mit Ausnahme der Gefässchen) ganz durchsichtige Kapsel an einer Stelle- 
getrübt, welche, etwa ''3'" breit, quer durch die Pupille verlief, matt, weissgrau, in der 
Mitte undurchsichtig, mit verwaschenen Rändern, nicht uneben, die Äderchen noch sicht- 
bar in die Trübung hineinragen. Auch jetzt gelang es nicht, die Pupille durch Bella- 
donna zu erweitern. Von der Gegenwart der Gefässchen in oder auf der übrigens 
ganz durchsichtigen Kapsel überzeugten sich nebst vielen Andern auch mein Assistent 
Dr. Seydl und Prof. Engel. Bei der am 2. November vorgenommenen Extraction, welche 
Methode ich wählte, um die Kapsel zur mikroskopischen Untersuchung zu erhalten, miss- 
lang der Versuch, die Kapsel mit einem in die obere Partie eingepflanzten Häkchen 
herauszuziehen , indem das Häkchen beim Anziehen mitten durch die Kapsel durchging. 
Die Entfernung der ziemlich weichen Linse gelang ohne besondere Schwierigkeit ziem- 
lich vollständig; nach derselben sah man die vordere Kapsel wegen eines leichten Be- 
schlages mit Rindensubstanz auf dem nun schwarz gewordenen Hintergrunde durchaus 
graulich weiss, wie einen senkrecht gespaltenen Vorhang hinter der Iris ausgespannt; 
mit einer feinen Pincette gefasst, riss sie ein, ohne dem Zuge zu folgen. Durch jene 
Spalte, die sich bei gelindem Drucke auf den Bulbus erweiterte, nahm die Kranke die 
vor ihr stehenden Personen wahr. Nach erfolgter Heilung blieb so wie in andern Fällen 
nach einfach geschlitzter, nicht in Zipfel gespaltener Kapsel, Catar. seeund. capsul. zurück. 
Ich habe somit auch in diesem Falle nicht evident nachweisen können , dass wirklich 
Entzündung der vordem Kapsel stattgefunden hatte. 

C. Auflagerungen auf der vordem Kapsel kommen in ver- 
schiedener Form und Grösse vor. Insofern die Kapsel darunter ganz 
unverändert, mindestens vollkommen durchsichtig- sein kann, was sich 
jedoch während des Lebens nicht mit Sicherheit bestimmen lässt, kann 
man die hieher gehörigen Formen als Catar. spuria bezeichnen. 

a. Hieher gehört zunächst der erworbene vordere Centralkapsel- 
staar, Catar. capsulae anterioris centralis, welchen wir im I. Bande S. 
232—236 besprochen haben. 

b. Derselbe darf nicht verwechselt werden mit dem angeborenen 
vorderen Centralstaare, welcher gleichfalls in Form eines Punktes oder 
in Form einer Pyramide (Cat. pyramidalis) vorkommt. Der angehorene 
-punktförmige vordere Centralkapselstaar erscheint fast ohne Ausnahme 
auf beiden Augen zugleich als ein lichtgrauer Punkt, ein wenig nach 
oben und innen vom Centrum der Pupille scharf begrenzt, matt, nicht 
im mindesten erhaben, noch in die Tiefe reichend. Durch eine Section 
von Amnion*) ist es sicher gestellt, dass die Trübung nicht bloss in 
der Linse, sondern auch in der Kapsel ihren Sitz hat. Er fand die 

*) Zeltschrift, Band III. S. 76. 



Kapselauflageruiigeii — Catar. spuria. 265 

Catar. centr. in 2 Fällen als einen Centralfleck auf der vordem Kapsel- 
wand, konnte jedoch weder mit unbewaffnetem noch mit bewaffnetem 
Auge eine Erhabenheit auf derselben entdecken. Die dunkle weisse 
Stelle auf der Linsenkapsel unterschied sich von andern Punkten der 
Linsenkapsel durch grössere Dichtigkeit. Beide waren von Kindern, 
die etwa 14 Tage vor der Zeit geboren waren. — Den angeborenen 
Pijramidenstaar sah ich im Jahre 1839 bei zwei Geschwistern aus 
Welmschloss, einem IS- und einem 13jährigen Mädchen, als einen 
stumpfspitzigen, zuckerhutähnlichen Kegel mit etwa l x \i'" breiter Basis 
ziemlich tief hinter der Iris anfangend, nirgends mit der Iris zusam- 
menhängend, mit der Spitze bis nahe an die Cornea reichend, weiss 
wie frisch geronnener Käse, an der Spitze etwas glänzend. 

Das eine Auge von der altern wurde von Dr. Paulus plastisch nachgebildet, und 
diese? sehr gelungene -Präparat wird in der Sammlung- der Augenklinik allhier aufbe- 
wahrt. Die Bulbi waren ziemlich vollkommen entwickelt, die Regenbogenhäute etwas? 
matter gefärbt, das Sehvermögen sehr beschränkt. Sie erkannten grössere Gegenstände, 
die Finger, einen Schlüssel u. dgl. , und konnten allein gehen. Bei beiden machte Prof. 
Fischer die Depression durch die Sclera, bei der altern auf dem rechten Auge, wo nur 
deutliche Lichtempfindung bestand, bei der Jüngern links, wo das Sehvermögen von 
dem rechts nicht verschieden war; bei jener stieg der Staar wieder auf, bei dieser 
blieb er liegen, und ich sah diese 1852 wieder in Karlsbad, wo sie in Dienst stand. 
Da sie mir versprach, nach Prag zu kommen, habe ich ihren Zustand nicht genauer erhoben. 
Sie ist leider nicht gekommen. — Von Amnion*) verdanken wir einen genauen Sections- 
befund eines solchen Staares. „Die ganze Linse hing innigst mit der Kapsel zusammen, 
so dass beide nur mit Mühe von einander getrennt werden konnten. Die Kapsel bildete 
hie und da einzelne Falten, war aber nicht verdickt, und frei von aller Wucherung. 
Die pyramidale Erhabenheit sah so aus, als hätte sich durch ein kleines Loch der vor- 
dem Kapsel im Centrum ein Stückchen Linsensubstanz hervorgedrängt. Die theilweise 
von der verdunkelten gelben Linsensubstanz , wenn auch mit Mühe trennbare Kapsel 
konnte im Centrum da, wo die pyram. Hervorragung stattfand, nicht abgezogen werden, 
sondern verschmolz hier mit der Linsenmasse gänzlich. Auffallend war die abgeflachte 
hintere Linse." — Beers**) Angaben über den anatomischen Befund bei solchen Staaren 
sind zu allgemein gehalten, und dürften sich eher auf jene Pyramidenstaare beziehen, 
welche in Folge durchbohreuder Hornhautgeschwüre entstehen, als auf die angebornen. 

c. Als mehr flache und dem Sitze und der Form nach nicht so 
constante Auflagerungen auf der vordem Kapsel kommen mehrere 
Arten sogenannter Kapselstaare vor, denen man je nach der verschie- 
denen Form, welche ziemlich gleichgiltig ist, verschiedene Namen bei- 
gelegt hat. Es sind diess die Cataracta punctata, marmoracea, striata, 
fenestrata, stellata, trabecularis , dendritica, chorioidealis s. pigmentosa 
etc. Vor Allem muss bemerkt werden, dass ähnliche Figuren, wie 

*) Zeitschrift, Bd. III. S. 79. 
**) Lehre von den Augenkrankheiten. Wien, 1617. Bd. II. S. 298. 



266 Krystalllinse. 

diese Namen andeuten, auch durch partielle Trübung- der Rindensubstanz 
hervorgerufen werden können. Hier ist nur von jenen Zuständen die 
Rede, wo von der Iris ausgeschiedene Exsudate mit oder ohne Pigment 
auf der Iris hängen. Diese Trübungen können im Allgemeinen leicht 
als Producte von Iritis nachgewiesen werden , bald mit Hilfe der Ana- 
mnesis, bald nach der Inspection allein. Letzteres ist besonders dann 
leicht möglich, wenn sogenannte hintere Synechien oder wenn zugleich 
Pigmentablagerungen auf der Kapsel vorhanden sind. Dass nicht in 
allen Fällen, wo der Pupillarrand ringsum oder stellenweise an die 
Kapsel angelöthet zu sein scheint, wirkliche Verwachsung- oder auch 
nur Anlöthung- stattfindet, wurde schon bei der Lehre von der Iritis 
bemerkt. 

Sichel 1. c. S. 110 betrachtet diese Trübungen als Folge von Periphakitis. In der 
Schilderung, die er von dieser entworfen hat, kann ich nichts anderes erkennen, als die 
Zeichen von Iritis, namentlich von Iritis chronica, welche frühere Autoren als Uveitis, 
Iritis occulta, Iritis exsudativa, Hydromeningitis u. dgl. beschrieben haben. Stricker will 
aus allgemein pathologischen Sätzen schliessen, dass Exsudate und Pigmentmolekeln, von 
der Iris geliefert, nur dann an der Kapsel haften bleiben können, wenn diese zur Zeit 
der Anlagerung selbst entzündet war. Man ersieht aber aus seiner Schilderung der 
Phakomalacie , dass er auch da Periphakitis annimmt, wo entschieden keine vorhanden 
ist, namentlich bei Catarr. corticalis. Es ist Thatsache der Beobachtung, dass in Folge 
von Iritis Pigmentablagerungen bemerkt werden, und zwar nicht nur an der Kapsel, 
sondern auch mitunter an der Descemetschen Haut. Am häufigsten aber bemerkt man, 
wie schon Beer hervorgehoben hat, Pigmentauflagerungen an der vordem Kapsel nach 
traumatischen Einwirkungen auf das Auge, und diese Pigmentflecke auf der Kapel findet 
man in der Mehrzahl der Fälle ohne alle Spur vorausgegangener Iritis. 



IL Verschrumpfung des Krystallkörpers. 

Wenn die vordere Kapsel derart verletzt worden ist, dass sie dem 
Kammerwasser durch längere Zeit freien Zutritt zur Linsensubstanz 
gestattet, wenn, selbst bei unbedeutender Verletzung der Kapsel, ihre 
Verbindung mit der Linse gestört (durch Erschütterung, Verschiebung 
der Linse innerhalb der Kapsel), oder wenn der Zusammenhang der 
Kapsel mit dem Ciliarkörper durch Zerreissung der Zonula Zinnii in 
grösserer Ausdehnung getrennt worden ist, so verliert die Linse und 
meistens auch die Kapsel nicht bloss ihre Durchsichtigkeit, sondern 
auch ihre Form und ihr Volumen, indem die Linse mehr weniger ver- 
flüssigt und aufgesogen wird und die Kapsel ihre Gestalt und Ausdeh- 
nung nicht selbstständig behaupten kann. Hieraus entstehen mehrere 
Arten von Cataracten, welche nebst der Trübung auch Schrumpfung 



Schrumpfung — Catar. membranacea. 267 

des Krystallkörpers zeigen. Je nachdem liiebei die Linse ganz oder 
nur zum Theile fehlt, ist der Staar ein Kapsel- oder ein Kapsellinsen- 
staar. Der Form nach erscheint der Staar als Catar. membranacea 
(traumatica, secundaria), als Catar. arida siliquata, oder als Catar. 
eystica (tremula, natatilis). 

Wenn die Linse fehlt oder merklich verschrumpft ist, so liegt die 
Iris tiefer und zeigt bei raschen Wendungen des Bulbus ein deutliches 
Schlottern. Fehlt auch die Kapsel (im Bereiche der Pupille), so zeigt 
die Pupille eine reinere Schwärze, wenigstens bei Erwachsenen, als im 
normalen Zustande. Das Schlottern der Iris wird nur dann vermisst, 
wenn der Pupillarrand an die Kapsel angewachsen und rückwärts ge- 
zogen ist. Bei Catar. eystica kann die Iris auch abnorm vorwärts ge- 
drängt sein, wie wir weiterhin sehen werden. 

a. Erscheint der Staar als Catar. membranacea in Form einer hin- 
ter der Iris ausgespannten Membran oder Platte, so ist diese ungefähr 
1 2'" hinter der Iris gelegen, d. i. in einer Ebene, welche durch die 
Firsten der Ciliarfortsätze gezogen gedacht wird. Es ist durchaus irrig, 
wenn man meint, nach Beseitigung der Linse, wie namentlich nach 
Staaroperationen, werde die hintere Kapsel in der tellerförmigen Grube 
aus einer coneaven in eine convexe Fläche verwandelt. Sie rückt 
immer nur bis zu der genannten Ebene vor, wie wir weiter unten 
noch erläutern werden. Bei Catar. membranacea erscheint die Trübung 
durchaus oder nur stellenweise undurchsichtig, und dann knorpel-, 
kreide- oder gelblich-weiss , oder sie ist mehr weniger durchscheinend, 
bläulich weiss, spinnwebenähnlich u. dgl. Die Consistenz ist bald 
knorpel- oder lederartig, bald mürbe, bröcklich, leicht zerreisslich. 
Ihre Anheftung an die Ciliarfortsätze ist in dem einen Falle unzertrenn- 
lich fest, so dass, wenn man sie stark anzieht, selbst die Sclera ein- 
wärts gezogen wird, in andern Fällen ziemlich locker, so dass sie dem 
Zuge eines Irishäkchens oder einer Nadel weicht. Nach hinten hängt 
eine .solche Membran in der Eegel mit der Glashaut zusammen, wenig- 
stens fliesst, wenn man sie durch einen Einstich in die Cornea noch so 
vorsichtig anzieht, immer etwas Glaskörper aus, und zwar von vermin- 
derter Consistenz. 

In andern Fällen, namentlich nach Staaroperationen, sieht man 
hinter der Pupillaröffnung der Iris einzelne Streifen oder Zipfel ver- 
dunkelter Kapsel, bald frei in der genannten Ebene ausgespannt, bald 
mit dem Pupillarrande verwachsen, wohl auch, wenn nach der Extrac- 
tion Irisvorfall entstanden war, durch die Pupille zur Hornhautnarbe 
streichend und mit dieser unzertrennlich verschmolzen. Man bezeichnet 



268 Krystalllinse. 

diese Membranen mit Rücksicht auf ihre Entstehung gewöhnlich als 
Catar. secundaria, Sie sind sehr häufig durch Pupillensperre verdeckt. 
Legt man in Fällen, wo z. B. nach der Extraction die Pupille gesperrt 
wurde, sei es einfach durch Iritis oder durch allmälig vernarbten Iris- 
vorfall, durch Iridectomie eine Öffnung in der Iris an, so findet man 
nicht selten hinter derselben eine trübe Membran ausgespannt, die den 
Zweck der Coremorphose vereitelt, falls man nicht sofort mit Häkchen 
oder Pincette eingeht, und dieselbe auszieht oder einreisst, was jedoch 
nicht immer gelingt. 

Dass diese Membranen keine blossen Exsudate, und auch nicht immer bloss ge- 
runzelte und mit Linsenresten beschlagene, sondern meistens in ihrer Structur gänzlich 
veränderte Kapseln sind, dafür spricht nicht nur ihre flache Ausbreitung hinter der Iris, mit 
welcher sie gar oft nicht im mindesten zusammenhängen, nicht nur ihr Auftreten in 
Fällen, wo nicht eine Spur von Entzündung bemerkt worden war, sondern auch und 
vor Allem die anatomische Untersuchung von operirten Augen, auf die wir weiter unten 
zurückkomnen. Man wird selten ein von Cataracta geheiltes Auge zu Gesicht bekommen, 
wo nicht Beste verdunkelter Kapsel (vorderer) schon bei gewöhnlicher Weite der Pupille 
sichtbar wäi-en. Man kann bei der Operation bis zu einer gewissen Grenze vorausbe- 
stimmen, ob Kapselnachstaar zu besorgen sei oder nicht. Es hängt diess hauptsächlich 
von der Art und AVeise ab , wie die vordere Kapsel geöffnet wird. In jenen Fällen , wo 
bei der Extraction die verdunkelte und verdickte vordere Kapsel vor oder nach dem 
Austiitte der Linse extrahirt worden war, habe ich später nicht ein einziges Mal solche 
Nachstaare, solche getrübte membranöse Ausbreitungen hinter der Pupille bemerken 
können. Auch da, wo die Extraction mit Glaskörperverlust verläuft, findet man äusserst 
selten , und da nur gegen die Peripherie hin , solche Nachstaare , welcher Umstand 
bekanntlich zu dem Vorschlage geführt hat, unmittelbar nach Vollendung der Extraction 
etwas Glaskörper abfliessen zu machen. Auch nach der Eeclination ist man nur dann vor 
dem Nachstaar absolut sicher , wenn die vordere Kapsel , in ihrem mittlem Felde ge- 
trübt und so verdickt , dass die an sie aufgesetzte Nadel nicht durch sie durchgehen 
kann, ringsum von der Zonula losgerissen, mit in den Glaskörper versenkt wird und 
dort liegen bleibt. 

Die Catar. membranacea (secundaria) kann durch verschiedene 
Substrate bedingt sein, durch Schrumpfung und Faltung der vordem 
Kapsel, durch Auflagerung von Exsudat an ihre Aussenfläche von der 
Iris oder von den Ciliarfortsätzen und der Zonula her, durch Präcipita- 
tion getrübter Linsenpartikelchen an die Innenfläche oder endlich durch 
Substanzveränderung (Folge von Entzündung?) der Kapsel selbst, wobei 
immer ihre Innenfläche mehr weniger rauh und uneben erscheint. 
Meistens sind mehrere dieser Zustände zugleich vorhanden. — Trübung 
durch Schrumpfung und Runzelung der vordem Kapsel allein kommt 
ganz gewiss vor. Man kann sich davon überzeugen, indem man nach 
Ausgleichung der Falten unter dem Mikroskope die vorher trüb er- 
scheinende Kapsel wieder glashell findet. Eine solche Trübung hat 



Schrumpfung — Catar. arida siliquata — cystica. 269 

auf dem schwarzen Hintergründe des Auges nie ein gesättigt weisses 
Aussehen ; sie gleicht mehr einem Spinnengewebe. — Auflagerungen 
auf der Aussenfläche der Kapsel als Producte von Entzündung der Iris 
kann man nur in jenen Fällen supponiren, wo die Iris an einer oder 
der andern Stelle Adhäsionen mit der Kapsel zeigt. Sie sind niemals 
ganz gleichinässig vertheilt, haben ein seimig glänzendes Aussehen, 
und bilden für sich allein niemals eine flächenförmig ausgespannte, 
sondern eine faden- oder bandförmige Trübung. — Auflagerungen von 
Linsenresten an der Innenfläche der vordem Kapsel bieten Anfangs ein 
lockeres lichtgraues Aussehen dar; mit der Zeit werden sie resorbirt 
oder gehen nach Anlöthung der vordem an die hintere Kapsel in einen 
derben und stationären Zustand über, in welchem man sie als solche 
nicht mehr erkennen kann. Die hiedurch entstandene Masse ist bald 
knorpelähnlich, lederartig zäh, bald kreide- oder gypsartig, hart oder 
bröcklich. 

b. Jene Formen, wo die rückständige und gleichsam eingedickte 
oder eingetrocknete Linsensubstanz sammt der sie umschliessenden ge- 
schrumpften Kapsel eine mächtige (bis V" dicke), ganz undurchsich- 
tige, weisse oder weissgelbe, kuchenförmige Masse darstellt, hat man 
(seit Ad. Schmidt und Beer) wegen Ähnlichkeit mit einer eingetrock- 
neten Schotenfrucht Catar. arida siliquata genannt. Oft ist bei diesem 
Zustande die Kapsel nicht bloss gerunzelt, sondern auch in ihrer Sub- 
stanz verändert. Diese Formen scheinen sich hauptsächlich nach Er- 
schütterungen des Linsensystenies, nach Störung des Zusammenhanges 
zwischen Kapsel und Linse zu entwickeln. Zur Zeit ist es noch un- 
entschieden, ob eine Verschiebung der Linse innerhalb der Kapsel er- 
folgen könne, ohne dass diese zugleich eingerissen wurde. Ist letzteres 
nothwendig, so muss man wohl annehmen, dass sich die Kapselötfnung 
wieder geschlossen, bevor das Kammerwasser Auflösung der Linse be- 
wirken konnte. In so fern als eine solche Eindickung und Verschrumpfung 
auch nach ausgedehnter Störung der Verbindung des Krystallkörpers 
mit dem Ciliar- und Glaskörper eintreten und dadurch eine mehr we- 
niger freie Beweglichkeit einer solchen Catar. bei den verschiedenen 
Wendungen des Bulbus bemerkbar werden kann, wurden auf diese For- 
men auch die Ausdrücke: Zitter- oder Schwimmstaar (Catar. tremula 
vel natatilis) angewendet. Meistens aber hängen trockenhülsige Staare, 
so wie die häutigen an einer oder an mehreren Stellen wider Ver- 
muthen fest an der Peripherie, und steigen daher bei wiederholten Ver- 
suchen, sie in den Glaskörper hineinzudrücken, immer wieder auf, wo- 
her die Bezeichnung Catar. elastica entstand. 



270 Krystalllinse. 

c. Bisweilen findet man die Linse getrübt und mehr weniger er- 
weicht oder verflüssigt, die vordere Kapsel in ihrer mittlem Partie ge- 
trübt und verdickt, den ganzen Krystallkörper etwas geschrumpft, seine 
Verbindung mit dem Ciliar- und Glaskörper bedeutend gelockert oder 
völlig aufgehoben, und in Folge dieser Veränderungen in eine kugel- 
runde schlaffe Blase verwandelt. Man hat diesen Zustand Balgstaar? 
Catar. cystica genannt, und auch hier bei völliger Lösung den Ausdruck 
Catar. natatilis, bei theilweiser: Catar. tremula gebraucht. Am häufig- 
sten findet man diesen Zustand des Linsensystemes an Augen, welche 
an Chorioiditis oder Iridochorioiditis gelitten haben, und es ist mehr 
als wahrscheinlich, dass die Verdickung und Schrumpfung der vordem 
Kapsel Ursache der Ablösung vom Ciliar- und Glaskörper ist; doch 
kommt er auch nach Erschütterungen des Auges vor. Von der ver- 
schiedenen Lagerung solcher Linsen soll im nächsten Abschnitte die 
Rede sein. Hier haben wir nur noch zu erinnern, dass in Folge dieses 
Zustandes das Bild einer Catar. arida siliquata oder auch Verkalkung 
der Linse ohne völligen Verlust der äussern Form eintreten kann. 

Beer 1. c. S. 296 und 297 bemerkt über diese Form Folgendes: 
„Der Balgstaar charakterisirt sich durch schneeweisse Farbe; bald liegt 
er so nahe an der Traubenhaut, dass er sogar die Regenbogenhaut vor- 
wärts drängt, bald scheint er wieder von derselben etwas entfernt zu 
sein, und dieses hängt fast immer nur von der Richtung des Kopfes 
ab; denn er nimmt leicht eine Kugelform an und drängt sich daher bei 
vorwärts geneigtem Kopfe an die Traubenhaut, ja zuweilen scheint er 
bei stark vorwärts geneigtem Kopfe sogar durch die Pupille in die 
vordere Kammer vordringen zu wollen." „Ich habe die Kapsel bei 
diesem Staare einige Male wirklich eine starke Linie dick und so zähe 
wie dichtes Leder gefunden; die Linse selbst war sulzig oder milchar- 
tig entmischt, jedoch die Quantität dieser Flüssigkeit stand niemals im 
Verhältniss mit dem Volumen einer gewöhnlichen Linse. Im Wasser 
erscheint die Form des ausgezogenen Staares völlig kugelrund, ausser- 
dem Wasser liegt er ziemlich platt wie ein nicht ganz vollgefüllter Sack 
auf. Meistens springt dieser Staar gleich nach der zweckmässigen Öff- 
nung der Hornhaut von selbst und unversehrt aus dem Auge." Ich 
habe Beer's Angaben vielfältig bestätigt gefunden, bis auf das, dass 
ich die vordere Kapsel nie so dick, und die hintere niemals in ihrer 
Substanz verändert sah. 

Die Schrumpfung des Krystallkörpers wird viel häufiger hei jugendlichen Indivi- 
duen beobachtet, als bei älteren , wenn nicht äussere traumatische Einflüsse den Anstoss 
dazu gegeben haben. Man beobachtet sie namentlich oft nach Convulsionen im Kindes- 



Luxation des Krystallkörpers. 271 

alter. Es fragt sich, ob die Erkrankung des Krystallkörpers durch die Convulsionen 
(mechanisch) herbeigeführt wurde, oder ob beides, Erkrankung der Linse und Convul- 
sionen, durch ein gemeinschaftliches Grundleiden, z. 33. Hydrocephalus , bedingt werde. 
Im ersten Falle müsste man annehmen , dass durch die Couvulsionen, durch die Gewalt, 
welche die convulsivisch bewegten Muskeln auf die Contenta des Bulbus ausüben , Zer- 
reissung der vordem Kapsel oder der Zonula bewirkt werde ; im 2. Falle dürfte Hemmung 
in der weitern Entwicklung, Störung in der Ernährung des Krystallkörpers zu supponiren 
sein. Wenn man bedenkt, dass bei den Convulsionen die Bulbi oft mit Blitzesschnelle 
von einer Richtung zur entgegengesetzten geworfen werden und dass bei dieser raschen 
Bewegung die specifisch schwerere Linse offenbar eine grössere Geschwindigkeit an- 
nehmen muss, als die wässrige und die Glasfeuchtigkeit, so lässt sich's wohl denken,, 
dass entweder die Kapsel oder die Zonula dadurch zum Zerreissen gebracht werden 
könne. Vielleicht auch, dass die rasche Compression des Bulbus, welche durch die 
spastische Contraction sämmtlicher Augenmuskeln bewirkt werden dürfte, dieselbe "Wir- 
kung auf die Kapsel oder Zonula herbeizuführen vermag, wobei man jedoch bei der In- 
compressibilität des Humor aqueus et vitreus momentane Nachgiebigkeit der Cornea oder 
Sclera annehmen müsste. Denn es darf nicht unbemerkt bleiben, dass bei Erwachsenen 
nach den heftigsten Convulsionen, z. B. bei Hysterie, die Entstehung von Cataracta nicht 
beobachtet wird. 



III. Verrückiing der Linse aus ihrer Lage. 

In Folge von Stössen auf das Auge kann es geschehen, dass die 
Linse allein oder sammt ihrer Kapsel unter die Bindehaut der gebor- 
stenen Sclera vorfällt. Siehe Krankheiten der Sclera S. 16 und Kran- 
kengeschichten S. 17. 

Eines von Franke beobachteten Falles dieser Art erwähnt Himly*) S. 204. „Man 
sah nach einem heftigen Stosse die Linse l /z'" vom obern Hornhautrande unter der Con- 
junctiva und auf einem Risse der Sclera liegen ; nach einem Jahre war sie ausser einer 
etwas grössern Trübung unverändert; da die Geschwulst fast gar nicht belästigte, das 
Gesicht auch allmälig sich besserte, so dass die Frau mit einer Staarbrille ziemlich deut- 
lich Gegenstände unterschied, so ward keine Operation vorgenommen." 

Ist die vordere Kapsel absichtlich oder zufällig in grosser Ausdeh- 
nung eröffnet worden, so kann es geschehen, dass die getrübte oder 
ungetrübte Linse in die vordere Kammer vorfallt. Erregt sie daselbst 
keine entzündlichen Zufälle, so kann sie ihre Durchsichtigkeit durch 
2—3 Wochen behalten, wird sodann trübe, ringsum erweicht, und ent- 
weder vollständig oder nur theilweise aufgesogen. Die Aufsaugung 
kann nämlich dadurch verhindert werden, dass der Kern der Linse von 
Kalksalzen incrustirt oder auch ganz in ein kalkiges Concrement ver- 
wandelt wird, und dann gleich einem fremden Körper in der vordem 
Kammer verweilt, oder abwechselnd bald vor bald hinter der Iris seinen 

*) Krankheiten und Missbildungen des menschliehen Auges. Berlin, 1843. Bd. II. 



272 Krystallliiise. 

Sitz aufschlägt. — In den meisten Fällen jedoch erregt die vorgefallene 
Linse Entzündung, bloss der Iris und der Cornea, oder des ganzen 
Bulbus (Panophthalmitis). Entzündung tritt besonders dann ein, wenn 
das Auge nebst der Sprengung der Kapsel sonst noch durch Erschütte- 
rung oder Verwundung bedeutend gelitten hat, wenn die Linse nur 
zum Theile in die vordere Kammer treten kann und gleichsam von der 
Iris umklammert wird, wenn sie rasch aufquillt oder wenn ein solches 
Auge nicht sorgfältig vor irritirenden Einflüssen geschützt wird. Wie 
man in einem solchen Falle vorzugehen habe, werden wir bei der 
Nachbehandlung nach der Reclination, nach welcher dieser Zufall am 
häufigsten vorkommt, erörtern. 

Ist die Verbindung des Krystallkörpers mit dem Ciliar- und Glas- 
körper ganz oder grösstentheils getrennt, so kann derselbe seine Form 
und Durchsichtigkeit im Allgemeinen wohl nicht lange behaupten, und 
es erfolgt, je nachdem dabei die vordere Kapsel eingerissen oder ganz 
geblieben war, früher oder später Resorption, oder Catar. membranacea, 
arida siliquata oder cystica, von denen schon die Rede war. Es kom- 
men aber auch Fälle vor, wo die aus ihrer Lage getretene Linse Monate, 
selbst Jahre lang ihre Durchsichtigkeit beibehält, wohl desshalb, weil 
sie nicht nur noch in der Kapsel eingeschlossen, sondern auch noch 
durch ihr Aufhängeband mit den Ciliarfortsätzen in Verbindung geblie- 
ben ist. Man kann diesen Zustand füglich als Luxatio lentis bezeich- 
nen. Er setzt einerseits Erweichung, Verflüssigung des Glaskörpers, 
andererseits Erschlaffung, Ausdehnung der Zonula voraus. Ich habe 
einen Fall von spontaner Luxation des Krystallkörpers nach oben und 
zwei Fälle mit Vorfall in die vordere Kammer beobachtet. 

Ende October 1849 wurde ein Mädchen von 24 Jahren zur Beobachtung auf die 
Klinik aufgenommen. Sie war im Findelhause geboren, besass von Kindheit an ein sehr 
mangelhaftes Gesicht, hatte desshalb weder lesen noch schreiben gelernt, und konnte 
nur etwas nähen (in gröberem Zeuge) ; Geldmünzen erkannte sie auch nach dem Gepräge. 
Alle feineren Gegenstände musste sie dem rechten Auge auf 3 — 4 Zoll nahe bringen; auf 
dem linken hatte sie von jeher „nur einen Schein." Sie sah gesund aus, war gut ent- 
wickelt, und versicherte nie krank gewesen zu sein, auch niemals entzündete Augen 
oder Kopfschmerzen gehabt zu haben. Gegen Ende September hatte sie ohne bekannte 
Veranlassung angefangen, allmälig weniger zu sehen, was sie bewogen hatte, im Spitale 
Hilfe zu suchen. — Die Bulbi von normaler Grösse, Lage und Beweglichkeit, etwas 
weicher anzufühlen. Der Blick wie bei Amaurotischen. Die Pupille des linken Auges 
ein wenig nach innen und oben abweichend, wenn die des rechten gerade nach 
vorn gerichtet ist (Strabismus convergens). Die Hornhäute normal; die Regenbogenhäute 
blaugrau, matt, ziemlich lebhaft, beweglich, selbst bei leichteren Bewegungen der Augen 
stark schlotternd, in der untern Hälfte etwas zurückgetreten, innen und oben dagegen vor- 
wärts gewölbt. Die Pupillen rund, nicht vollkommen schwarz ; sieht man genauer hinein, 



Luxation des Kry stall Körpers. 273 

so erkennt man die Linse wie einen dunklen Rauehtopas, offenbar aus ihrer Lage getre- 
ten, und zwar nach innen und oben, und daselbst die Iris vordrängend, denn es erseheint 
nach unten ein vollkommen schwarzer, etwa '/a'" breiter Meniscus, dessen eonvexen Eand 
die Iris, den concaven die Linse bildet. Erweiterung der Pupille durch Belladonna Hess 
diesen Meniscus grösser erscheinen und gab hinreichenden Aufschluss über die Lage der 
Linse. Diese änderte sich weder nach längerer Rückenlage noch nach wiederholter Vor- 
wärtsneigung des Kopfes (Bauchlage). Die Störung des Gesichtes schien mehr durch 
Erkrankung der Netzhaut und des Glaskörpers, als durch die ohnehin geringe Trübung 
der Linse bedingt zu sein. Hieraus erklärt sieh wohl, warum kein Doppeltsehen vorhan- 
den war, welches bei normaler Energie der Netzhaut wohl kaum gefehlt haben würde. 
Die Kranke wurde in statu quo entlassen. 

Die Beschreibung des folgenden Falles, den ich 1842 sah, theilte mir der königl. 
ständische Augenarzt Dr. Ryba zur Veröffentlichung mit. 

Anton Thum aus Birkstein, 13 Jahre alt, im Verhältnisse zu seinem Alter körper- 
lich und geistig wenig entwickelt und mit Spuren von Rhachitis behaftet, wurde mir 
nebst seiner achtjährigen Schwester Theresia zu Anfang Juni 1842 vorgeführt. In den 
vordem Kammern beider Augen des Knaben zeigten sich runde, abgeplattete, im Umfange 
hellspiegelnde, vollkommen durchsichtige Körper von etwas mehr als 2 , /2 i " Durchmesser, 
welche mit ihrem untern Rand dem Boden der vordem Augenkammern, ohne diesen 
vollends zu berühren , sehr genähert lagen , mit ihrem obern Rande die ganze Pupille 
überragten und durch ihre blass weingelbe Färbung von der farblosen wässerigen Feuch- 
tigkeit abstachen. Beide Augen waren bis dahin von aller Entzündung frei geblieben. 
Die braune Iris hatte ihre normale Structur und Contractilität behalten , auch die durch 
die vorgefallenen Linsen deutlich sichtbaren Pupillen waren schwarz und rein, nur an 
ihrem untern Rande etwas herabgedrückt, so wie der ganze mittlere Theil der Iris bei 
dieser Lage der Linsen etwas concav oder zurückgedrängt erschien. Im Dunkel bei der 
Rückenlage des Kranken schlüpften in beiden Augen die vorgefallenen Linsen leicht in 
die hintere Augenkammei zurück; dann erschien die Iris wieder plan, reagirte um so 
freier gegen das Licht, zeigte aber zugleich, mehr am rechten als am linken Auge, ein 
deutliches Wogen oder Schlottern (Iridodonesis). In der Mitte der übrigens reinen Cornea 
war ein Nebelfleckchen , etwas kleiner am rechten als am linken Auge , zu bemerken. 
Im Umkreise der Cornea Hess die verdünnte Sclera steUenweise die Chorioidea mehr 
oder weniger durchscheinen. Übrigens bot der Bulbus in Form, Grösse und Anfühlen 
nichts Abnormes dar. Das Sehvermögen beider Augen, insbesondere des rechten, war 
noch ziemlich gut erhalten, so dass der Kranke sowohl mit dem rechten als linken Auge 
Gegenstände mittlerer Grösse in beträchtlichen Femen unterschied, gewöhnlichen Bücher- 
druck aber mit dem rechten Auge nur auf 4 Zoll, mit dem linken sogar nur auf 3 Zoll 
Ferne zu lesen vermochte. Die Linsen waren bereits vier Monate früher, als ich den 
Kranken zuerst sah, in beiden Augen zugleich ohne bekannte Veranlassung in die vor- 
dem Augenkammern vorgefallen. Da von ihrem langem Verbleiben daselbst grosse 
Nachtheile zu besorgen waren, so entschloss ich mich sogleich zur Extraction derselben, 
und zwar vorerst auf dem linken Auge, wo das Sehvermögen bereits schwächer zu 
werden begann. Ich verrichtete also diese Operation im St. Lazarusspitale am 12. Juni 
1S42 in Gegenwart mehrerer Ärzte. Obwohl der Kranke seit einigen Tagen an den 
Anblick der Instrumente, die er mit dem zu operirenden Auge deutlich sah, durch täglich 
wiederholte Scheinangriffe gewöhnt worden, welche Proben er zuletzt recht gut zu be- 
stehen schien, so gebärdete es sich doch, als es zur wirklichen Operation kam, höchst 
Arlt Augenheilkunde. II. 18 



274 Krystalllinse. 

■widerspenstig und konnte nur mit Gewalt festgehalten werden. Ich führte das Staarmesser 
so durch die vordere Augenkammer, dass in einem und demselben Acte zugleich mit 
dem Hornhautschnitte auch die Lösung der in ihrer Kapsel eingehüllten Linse von ihren 
übrigen organischen Verbindungen und ihre Entfernung aus der vordem Augenkammer 
vollzogen war. In der That drang die in ihrer unverletzten Kapsel eingeschlossene Linse 
zuo-leich mit Vollendung des Hornhautschnittes hervor, und da das operirte Auge also- 
gleich geschlossen und der Kranke eiligst auf den Rücken gelegt wurde, so ging auch 
von dem Glaskörper fast nichts verloren. Es stellte sich keine beträchtliche Entzündung 
in dem operirten Auge ein. Bei der Wiedereröffnung desselben am 17. Juni erschien 
die Hornhautwunde gut geschlossen, ungetrübt, die Conjunctiva bulbi fast gar nicht ge- 
röthet. Nachdem er aber am 20. Juni über Nacht wegen der Abreise seiner Mutter vieL 
geweint, und laut der Aussage der "Wärterin das operirte Auge beim Abwischen der 
Thränen mit der Hand oftmals gedrückt hatte , zeigte sich am folgenden Morgen längs 
der Schnittwunde eine graue Trübung, welche auch in der Folge nicht völlig verschwand, 
jedoch ganz ausser dem Bereiche der vollkommen reinen Pupille verblieb. Da keine 
weitere Entzündung folgte, so wurde der Kranke den 26. Juni geheilt entlassen. Das 
Sehvermögen des operirten Auges hatte sich soweit gebessert, dass der Knabe damit in 
der gewöhnlichen Sehiveiie ohne Brillen leicht lesen und schreiben, den Schulunterricht 
benützen und nach einigen Jahren das Fleischerhandwerk erlernen konnte, während das 
nicht operirte rechte Auge allmälig vollständig erblindete, da die fahrlässigen Eltern des 
Knaben sich mit dem einerseits errungenen Erfolge begnügten. 

Die mir mit Anton Thum zugleich vorgeführte achtjährige Schwester desselben 
Theresia Thum soll nach der Erzählung ihrer Eltern vor mehr als anderthalb Jahren^ 
ebenso wie jetzt ihr Bruder, in beiden Augen dieselben Erscheinungen spontan vorge- 
fallener Linsen dargeboten haben. Diese waren im Anfange ebenfalls rein und durch- 
sichtig, nur etwas gelblich gefärbt und, wie der Vater sich ausdrückte, „Öltropfen ähnlich." 
Erst seit 7 Monaten sollen sie sich allmälig verdunkelt haben. Ein Jahr nach dem ersten 
Erscheinen der Krankheit stellten sich, angeblich in Folge eines zufälligen Sturzes auf's 
Gesicht, bei dem Mädchen wiederholte Anfälle sehr hartnäckiger Augenentzündungen ein. 
Als ich das Mädchen zuerst sah, war sie auf beiden Augen vollkommen erblindet. Im. 
rechten Auge war noch eine äusserst schwache Lichtempfindung übrig, im linken 
Auge war auch diese ganz und gar erloschen. Die völlig verdunkelten Linsen haben 
überdiess durch Ausdehnung einen so grossen Umfang erreicht, dass sie, weil die vordem 
Augenkammern sie nicht mehr fassen konnten, sich in den hintern Baum der Kammern 
zurückzogen , wo man sie durch die weit ausgedehnten Pupillen unbeweglich festsitzen 
sah. Um die weit geöffneten Pupillen bildete die missfarbige, atrophische Iris nur einen 
sehr schmalen Streif, und im Umkreise der glanzlosen Cornea zeigte die offenbar sehr 
verdünnte Sclera mehrere bleigraue Wülste. Die Augen fühlten sich hart und gespannt 
an, der ganze linke Augapfel war beträchtlich vergrössert. Mehr aus Curiosität, als in 
Erwartung irgend eines namhaften Erfolgs unternahm ich auf wiederholtes dringendes 
Bitten der Eltern eine Kapseldiscission durch die Cornea auf dem rechten Auge. Es 
erfolgte keine grössere entzündliche Reaction , aber auch keine wesentliche Änderung in 
dem Gange der Krankheit, die Linsensiibstanz erwies sich weich, nicht flüssig, und di& 
Kranke verliess zu bald (zugleich mit ihrem Bruder) das Spital. 

Einer mir zugekommenen Nachricht vom Jahre 1S45 zu Folge war das rechte, 
nicht operirte Auge des Anton Thum auch schon in den eben beschriebenen Zustand 
der Augen seiner Schwester übergegangen. „Der rechte Augapfel ist vergrössert, drängt. 



Spontane Senkung der Linse. 275 

sich kegelförmig aus der Augenhöhle heraus , so dass er beim Schliessen der Augenlider 
nur unvollkommen bedeckt wird. Mit Ausnahme einer nur geringen Lichtempfindung ist 
sein Sehvermögen gänzlich erloschen, auch treten zeitweilig Schmerzen ein." — „Das 
operirte Auge zeigt mit Ausnahme einer Hornhautverdunklvng, die sich indessen von der 
Schnittnarbe etwas mehr hinauf verbreitet hatte, nichts Abnormes. Der (nun 16jährige) 
Operirte sieht alle Gegenstände ohne Rücksicht auf Nähe und Ferne ganz deutlich, und 
übt sein Fleischerhandwerk ungehindert aus." 

Die spontane Senkung der ungetrübten Linse hat Sichel*) zuerst 
genauer geschildert. Da mir selbst nicht hinreichende Beobachtungen 
zu Gebote stehen, so will ich die Bemerkungen dieses erfahrenen Autors 
auszugsweise mittheilen. 

„/. Stadium. Da die Senkung gewöhnlich langsam, höchst selten 
schnell erfolgt, so entsteht zuerst Trübung des Gesichtes, indem das 
Schwanken des durchsichtigen Krystallkörpers das Gesicht trüb und 
unsicher macht. Der Kranke kann besonders kleine Gegenstände nicht 
mehr genau sehen, und ermüdet sehr bald bei der Arbeit; manchmal 
scheinen ihm auch die Gegenstände eine schwankende, wogende oder 
sonstige Bewegung zu haben, ohne dass andere, auf beginnende Amau- 
rosis deutende Symptome vorhanden sind. Die Pupille erscheint dabei 
regelmässig und beweglich, aber man sieht auf den ersten Blick ein 
mehr oder minder starkes Zittern der Iris. Nimmt man dabei noch 
die Bewegung der Linse selbst wahr, indem sich diese von Zeit zu 
Zeit hinter der wogenden Iris als eine dieselbe nach vorn drängende 
und sich in ihr gleichsam abdrückende Scheibe oder Scheibenportion 
darstellt, so setzt diess die Diagnosis ganz ausser Zweifel. Es bleibt 
dann nur noch zu untersuchen, ob zugleich Syncbysis vorhanden sei. 
— 2. Stadium. Je tiefer die Linse sich senkt, desto deutlicher wer- 
den die genannten Zeichen, zu welchen zunächst Veränderung der Seh- 
weite hinzutritt. Der Kurzsichtige wird weniger kurzsichtig, der Fern- 
sichtige wird noch mehr fernsichtig; beide verlieren aber für jede Ent- 
fernung viel von der Deutlichkeit des Bildes, und ermüden leichter als 
sonst. Der Kranke erkennt wohl die Massen, aber ihre Formen je 
nach ihrer Grösse gar nicht oder undeutlich; er sieht besonders kleinere 
Gegenstände undeutlich, auseinander gezogen, grösser, mehr oder weniger 
schlangenförmig gewunden, und nicht genau begrenzt. Die Farben kann 
er nicht mehr vollkommen unterscheiden. Es entsteht Doppeltsehen 
mit Einem Auge, wenn eine doppelte Eefraction stattfindet, die eine 
durch den Band der Linse, die andere bloss durch die übrigen durch- 
sichtigen Medien. Der Kranke fängt an, das Bild der Linse zu sehen, 
eine weisslichgraue oder graue, verschieden bewegliche Scheibe, oder 

*) Oppenneim's Zeitschrift Bd. XXX. Heft 3 und 4. 

18* 



276 Krystalllinse. 

auch einen ebenso gefärbten Kreisabschnitt, besonders wenn er auf 
dem Kücken liegt. Ein auffallendes Symptom ist die Verschiedenheit 
des Seheris bei verschiedenen Lagen des Kopfes. Ist die Linse getrübt, 
so muss sich der Kranke so stellen, dass sie niedersinkt und liegen 
bleibt. Mehr oder weniger convexe Brillen können das Gesicht merk- 
lich verbessern. Ist die Linse durchsichtig, so erkennt man sie nur 
am Hin- und Herschwanken und am Anlegen an die nachgiebige Iris. 
Die Pupille wird meistens etwas erweitert; manchmal verursacht das 
beständige Flottiren der Linse Erscheinungen von Reizung und Ent- 
zündung im Auge ; in Folge derselben entstehen plastische Aussehwitzun- 
gen auf und in der Kapsel, wodurch diese zuweilen einen kalkartigen 
Überzug erhält, und das ganze Linsensystem grösser und härter wird. 
— '3. Stadium. Bei der grössten Entwicklung ist die Unruhe des Kran- 
ken durch die Fortdauer und Zunahme der Gesichtstrübung und der 
Reizung des innern Auges aufs Höchste gestiegen. Es erscheinen ihm 
zuweilen bei Tag und Nacht Funken oder Flammen vor den Augen. 
Oft sieht er die Linse in Form eines Bogens, einer Scheibe, einer Fliege 
oder ähnlicher Gestalten, und empfindet selbst die Bewegung derselben 
als eine im Innern herumrollende Wasserkugel. Gewöhnlich schwin- 
den sowohl die feurigen Erscheinungen als das Bild des Krystallkör- 
pers, wenn dieser sich endlich völlig gesenkt hat, und die Reizung ge- 
schwunden oder glücklich bekämpft worden ist; das Sehvermögen ist 
dann ohngefähr so, wie nach einer Staar Operation, und nicht selten weit 
schwächer wegen der fortdauernden Undülationen der Linse. Die ob- 
bemerkte Reizung ruft jedoch bisweilen auch Amblyopie und Amauro- 
sis hervor. (Eine vollständige Senkung kann ohne Lösung der Kapsel 
von der Zonula oder dieser von dem Ciliarkörper nicht zu Stande 
kommen.) — Die nächste Ursache liegt wohl in Synchysis corporis 
vitrei. Dafür sprechen theils directe Beobachtungen, theils die aus den 
anatomischen Verhältnissen gezogenen Folgerungen. Man muss aber 
nebst dieser Verflüssigung zugleich eine Erschlaffung und Ausdehnung 
des Aufhängebandes der Linse annehmen. Eine vollständige Zerreis- 
sung der Zonula kann wenigstens längere Zeit hindurch nicht vorhan- 
den sein, weil sonst die Linse nicht so lange durchsichtig bleiben 
könnte. Denn es ist bekannt, dass die Linse, wenn sie sammt der 
Kapsel los gelöst ist, zu dem trockenhülsigen Zitter- oder Schwimm- 
staare zusammenschrumpft, und dass sie, Avenn sie aus der zerrissenen 
Kapsel herausgetreten ist, sich bald verdunkelt und wenigstens theil- 
weise aufgesogen wird." 



Cataracta — Functionsstörung. 277 

Störung des Gesichtes bei Cataracta. 

Nächst der Kenntniss der bisher geschilderten objectiven Symptome 
bei den verschiedenen Arten und Entwicklungsstufen der Cataracta ist 
es nothwendig zu wissen, in welcher Weise die Function des Auges 
durch dieselben gestört werde, damit man in jedem speciellen Falle 
beurtheilen könne, ob man es bloss mit Cataracta oder überdiess noch 
mit einer Krankheit der Ketina, Chorioidea u. s. w. zu thun habe. Zu- 
dem erhält bei geringen und matten Trübungen des Krystallkörpers 
(Catar. nuclearis incipiens und stationaria) , falls man nicht etwa die 
Pupille durch Belladonna erweitern und den Helmholtzschen Spiegel 
auwenden kann, die Diagnosis erst durch genaue Übereinstimmung der 
Angaben des Kranken rücksichtlich der Functionsstörung einen so hohen 
Grad von Wahrscheinlichkeit, als unter solchen Verhältnissen überhaupt 
möglich ist. 

Das durch die Trübung des Krystallkörpers gesetzte Hinderniss im 
Sehen ist ein rein mechanisches, daher jederzeit der In- und Extensität 
und der Lage der Trübung adäquat, und nach den Gesetzen der Diop- 
trik erklärbar. Es ist kein Grund vorhanden anzunehmen, dass bei 
der Strahlenbrechung durch die Linse des Auges wesentlich andere Ge- 
setze obwalten, als bei der durch künstliche Linsen; nur darf man nie 
ausser Acht lassen, dass vor dem Krystallkörper noch ein Sammelme- 
niscus (die Hornhaut mit dem Kammerwasser) liegt, welcher Lichtstrah- 
len, die nicht stark divergiren, auch bei mangelndem oder verschrumpf- 
tem Krystallkörper noch zu Bildern auf der Netzhaut zu vereinigen 
vermag. 

Annäherungsweise kann man sich die durch partielle Linsentrübungen bewirkten 
Störungen in der Strahlenbrechung anschaulich machen, wenn man sich auf eine ziemlich 
starke Glaslinse (von mindestens '/a" Brennweite) Kügelchen und Streifen von Wachs 
aufklebt, von verschiedener Grösse und Form, bald auf der hintern, bald auf der vordem 
Fläche, bald in der Gegend der Pole, bald auf dem Rande. Durch Zusammenkleben 
von zwei planconvexen Linsen mit Freilassung eines mehr weniger breiten Saumes an 
der Peripherie lassen sich Kernstaare nachbilden, und durch Vorhalten einer undurch- 
sichtigen, mit einer mehr weniger grossen Öffnung versehenen Scheibe lässt sich der 
Einfluss, den die Iris mit ihrer verschieden grossen Pupille auf die Strahlenbrechung 
nimmt, ohngefähr ersetzen. 

Übereinstimmend mit physikalischen Gesetzen finden wir: a) dass 
kleine punktförmige Trübungen, sie mögen wo immer sitzen, nicht nur 
keinen Schatten auf die Netzhaut werfen (daher auch nicht als solche 
wahrgenommen werden können), sondern auch zu wenig Lichtstrahlen 
abhalten oder durch Beugung an ihren dunklen Rändern ablenken, als 
dass hiedurch eine merkliche, die Lichtintensität des Netzhautbildes 



278 Krystalllinse. 

störende Verminderung oder Zerstreuung des Lichtes, oder aber eine 
Abänderung der Focaldistanz bewirkt werden könnte. 

b) Bei etwas grösseren, breiteren Trübungen in und nächst der 
Achse macht sich die Menge "des dadurch von der Netzhaut abgehalte- 
nen Lichtes durch Undeutlichkeit des Bildes um so mehr fühlbar, je 
enger die Pupille ist, und je näher an der Iris die Trübung liegt. 
Trübungen, welche so gelegen und ausgebreitet sind, dass sie die in 
und nächst der Achse einfallenden Strahlen abhalten, so dass nur die 
durch die Randschichten gebrochenen Strahlen zur Vereinigung gelan- 
gen und ein Bild hinter der Linse erzeugen können, verändern eben 
desshalb die Brennweite der Linse, und zwar so, dass das Bild nicht 
nur lichtärmer, matter, undeutlicher wird, sondern auch caeteris paribus 
minder weit von der Linse liegt, als es bei Abwesenheit der Trübung 
liegen würde. Hieraus erklärt sich, warum bei jeder Cataracta, welche 
vom Mittelpunkte der Linse aus beginnt, zunächst das Wahrnehmen 
und Unterscheiden entfernter Objecte behindert ist. 

c) Von der Peripherie herkommende Trübungen, wie beim vordem 
und hintern Rindenstaare , machen ihren störenden Einfluss, falls sie 
nicht weiter hereinreichen, als die gewöhnliche Grösse der Pupille be- 
trägt, eben nur bei erweiterter Pupille geltend , und zwar meines Er- 
achtens dadurch, dass zahlreiche Lichtstrahlen im Vorbeigehen an den 
dunkeln Kanten dieser Streifen und Punkte durch Inflexion abgelenkt 
werden, wodurch das Netzhautbild vorzüglich an Schärfe der Begren- 
zung leidet. 

d) Einzelne dunkle Streifen, quer durch die Pupille streichend, wie 
bei seltenen Fällen von Rindenstaar, am häutigsten bei Catar. secun- 
daria, sind unter gewissen Verhältnissen im Stande, Doppelt- und Mehr- 
fachsehen zu bewirken, auf analoge Weise, wie durch ein Kartenblatt 
mit zwei kleinen Öffnungen, welche nicht weiter aus einander liegen, 
als eben der Durchmesser der Pupille beträgt, die von einem Objecte 
kommenden Lichtstrahlen in 2 Kegel getheilt werden und somit das- 
selbe doppelt erscheinen lassen, wenn man jene Öffnungen nahe an 
das Auge hält. Das Doppelt- und Mehrfachsehen wird von Staarkran- 
ken meistens nur bei Betrachtung selbstleuchtender oder spiegelnder 
Objecte wahrgenommen, beim Betrachten des Mondes, einer Kerzen- 
flamme, eines polirten Metallknopfes u. dgl. 

e) Listing*) hat zuerst gezeigt, dass man bei theilweiser Trübung 
die einzelnen Punkte, Flecke und Streifen dem Kranken dadurch zur 
Anschauung bringen kann, dass man ihn durch eine möglichst feine 

*) Beitrag zur physiologischen Optik. Göttingen, 1845. 



Cataraeta — Functionsstörung. 279 

Öffnung in einem Kartenblatte (noch besser in einer Metallplatte), ganz 
nahe an die Hornhaut gehalten, gegen das Firmanieut blicken lässt. 
Die dunkeln Partien der Linse sowohl als der übrigen durchsichtigen 
Medien des Auges werfen hiebei Schatten auf die Netzhaut und wer- 
den ebendesshalb nach ihren Umrissen zur Anschauung gebracht. Die 
Benützung dieses diagnostischen Hilfsmittels von objectivem Werthe 
setzt eine genauere Kenntniss der Optik voraus, und kann selbst da, 
namentlich bei minder gebildeten Kranken, leicht zu Täuschungen 
führen. 

Immerhin wird es noth wendig, sich durch Übung an constatirten 
Fällen einfacher Cataracta sein Urtheil über das Verhältniss des me- 
chanischen Hindernisses zur Functionsstörung zu schärfen, um auch in 
solchen Fällen, wo sich die Gegenwart einer Linsentrübung nicht be- 
stimmt durch das Gesicht wahrnehmen lässt, oder wo die Functions- 
störung nicht im Einklänge zur sichtbaren Trübung steht oder zu stehen 
scheint, nicht zu voreiligen Schlüssen verleitet zu werden. — Zur Er- 
leichterung hiebei mögen folgende Thatsachen der Erfahrung dienen, 
die sich hauptsächlich auf die Cataracta nuclearis stationaria und inci- 
piens beziehen, da die übrigen Formen und Entwicklungsstufen ohne- 
hin leicht durch die Anschauung bei künstlich erweiterter Pupille er- 
kannt werden können. 

Bei beginnender Cataracta fängt der Kranke zunächst an, ent- 
fernte Gegenstände minder deutlich wahrzunehmen. Weiterhin sieht er 
auch nähere Gegenstände wie durch Nebel verdeckt. Bis zu der Zeit, 
wo völlige Verdunklung der Rindensubstanz erfolgt, sieht er nahe Ge- 
genstände unter allen Umständen besser, unter denen die Pupille einen 
grössern Durchmesser hat, daher besser des Morgens und Abends, 
besser bei temperirtem als bei hellem Tageslichte, besser im Zim- 
mer als im Freien, besser wenn das Licht von rückwärts einfällt, 
besser bei Beschattung der Augen durch die Hand, die Hutkrempe 
11. s. w. Leute mit langsam vom Centrum aus vorschreitender Linsen- 
trübung beider Augen nehmen eine eigentümliche Physiognomie in 
der Haltung des Kopfes und im Gange an, die einen auffallenden Con- 
trast zu dem Benehmen Arnblyopischer und Amaurotischer darbietet; 
sie tragen den Kopf vorwärts gebeugt, die Augenbrauen herabgezogen, 
die Lidspalte nur massig geöffnet und gehen sehr bedächtig einher, 
während Amaurotische gewöhnlich von alldem das Gegentheil zeigen. 
Man kann vielen dieser Kranken durch künstlich unterhaltene, jedoch 
massige Erweiterung der Pupille (am besten mittelst einer mit Atropin 
vernetzten Salbe an die Stirn und Schläfe) Monate lang eine wesent- 



280 Krysialllinse. 

liehe Erleichterung ihres Zustandes verschaffen. Insofern als Convex- 
gläser nahe Objecte mehr weniger vergrössert erscheinen lassen, ge- 
währen dieselben bei manchen altern Leuten mit Catar. lenticularis so 
lange einigen Vortheil beim Lesen, Schreiben u. dgl., als bloss der 
centrale Theil des Kernes leicht getrübt ist; so wie die Trübung in- 
und noch mehr so wie sie extensiver geworden ist, erweisen sie sich 
nutzlos. 

Wir haben schon oben bemerkt, dass diese Schilderung nur für 
jene Fälle gilt, wo die Trübung vom Centrum ausgeht. Bei Trübungen, 
welche von der Peripherie her vorrücken, kann gerade das Gegentheil 
stattfinden, wie schon Ad. Schmidt*) in folgender Stelle, die leider wie- 
der in Vergessenheit gerathen zu sein scheint, sehr richtig bemerkt 
hat. „Man nimmt an (Richter), dass die Verdunklung der Linse immer 
in der Mitte anfange, und sich von da aus nach den Rändern fortsetze ; 
das geschieht zwar oft, aber nicht immer. Ich nahm bestimmt wahr, 
dass die Verdunklung der Linse auch von den Rändern ausging. Wo 
die Verdunklung von der Mitte der Linse nach dem Umfange hin er- 
folgt, sieht der Patient alle Objecte Anfangs wie in Nebel gehüllt; all- 
mälig wird dieser Nebel dichter, zuletzt undurchsichtig. Steht der Pa- 
tient gegen das Licht, so sieht er schlechter oder unterscheidet kein 
Object; stellt er sich aber etwas zur Seite oder gar mit dem Rücken 
gegen das Licht, so sieht er besser. Der Grund ist: gegen das Licht 
verengert sich die Pupille so, dass die Lichtstrahlen gerade auf die 
Mitte der Linse fallen, wo die Undurchsichtigkeit am grössten ist; vom 
Lichte abgewendet erweitert sich die Sehe, und die Lichtstrahlen fallen 
auf den durchsichtigen Rand der Linse. Solche Menschen sehen schlech- 
ter bei hellem Tageslichte" etc. — „Ganz anders verhält sich alles in 
dem Falle, wenn sich die Linse von der Seite nach der Mitte hin ver- 
dunkelt. Der Patient sieht dann besser bei verengerter Pupille in star- 
kem Lichte und schlechter bei erweiterter Pupille, vorausgesetzt, dass 
die Verdunklung die Linse noch nicht erreicht hat." 

Anderweitige subjeetive Erscheinungen, wie Funkensehen, Schmer- 
zen u. dgl. werden durch die gebildete oder sich eben entwickelnde 
Linsen- oder Kapseltrübung eben so wenig veranlasst, als Gefässinjec- 
tion am Bulbus, Lichtscheu, Thränenfluss u. dgl. Es kommt allerdings 
bisweilen vor, namentlich bei der Entwicklung weicher Cataracten bei 
Individuen, die noch nicht sehr gealtert sind und mehr weniger kränk- 
lich aussehen, dass sich Cataracta unter sogenannten entzündlichen Er- 
scheinungen entwickelt; diese sind jedoch weder Zeichen noch Folgen 

*) Ammon's Zeitschrift, Band I. S. 354. 






Cataracta — Functionsstörung. 281 

der Erkrankung des Krystallkörpers , und lassen sich meistens mit 
gutem Grunde auf einen congestiven, selbst exsudativen Process in der 
Chorioidea oder Iris beziehen, zu welchem sich dann die Erkrankung 
der Linse wie Folge zur Ursache verhält. Das vielbesprochene Mücken- 
sehen, auf das wir bei den Abnormitäten des Eefractionszustandes und 
der Accommodation zu sprechen kommen werden, ist auch bei Cata- 
racta imperfecta, wo es nicht selten vorkommt, nur in so fern durch 
die Trübung bedingt, als diese den Refractionszustand des Auges ver- 
ändert oder Zerstreuungskreise veranlasst. 

In Bezug auf die Störung, welche eine theilweise Trübung der einen 
Linse in der Function des andern (gesunden) Auges hervorrufen kann, 
und über die Art und Weise, wie derlei Störungen wieder unschädlich 
gemacht zu werden pflegen (durch Schielen, Zukneipen, Abstrahiren) 
gilt von Linsentrübungen dasselbe, was S. 258 im I. B. über Hornhaut- 
trübungen gesagt wurde. Warum das Schielen, welches bei langsam 
und vom Kern aus erfolgender unilateraler Cataracta alter Leute sehr 
häufig vorkommt, fast ohne Ausnahme ein divergirendes ist, werden wir 
bei Besprechung der Krankheiten der Augenmuskeln zu erklären suchen. 
Dort können wir uns auch erst über die Beziehung des Nystagmus 
zur Cataracta congenita vel in aetate infantili exorta in Erörterungen 
einlassen. Einen Folgezustand der Cataracta müssen wir jedoch schon 
jetzt näher betrachten, nämlich die Verminderung der Energie der 
Netzhaut in Folge von länger gehemmter Function. Bei Erwachsenen 
kann Cataracta completa durch 10 und mehrere Jahre bestehen, ohne 
dass die Energie der Netzhaut sinkt, und ist vom Aufschieben der Ope- 
ration in dieser Beziehung nichts zu fürchten. Anders verhält es sich 
— nach meiner Ansicht — bei Kindern, wenn die Cataracta angeboren 
oder frühzeitig entstanden ist. 

Ich habe mehrere Individuen in dem Alter von 8 — 17 Jahren operirt, bei denen 
Cataracta schon wenige Wochen nach der Geburt oder doch im Yerlaufe des 1. bis 2. 
Lebensjahres bemerkt worden war. Die Formen waren 2 einfache weiche Linsenstaare, 
2 weiche Linsenstaare mit Verflüssigung der Kindensubstanz, 2 stationäre Kern- und 3 
geschrumpfte Kapsellinsenstaare (membranacea und arida siliquata). Der Erfolg der Dis- 
cission oder Reclination war trotzdem, dass die Pupillen ganz oder doch hinreichend 
frei wurden, auch da kein befriedigender, wo der traumatische Eingriff keinen nach- 
theiligen Einfluss genommen haben konnte. War nun die nachträglich bemerkte Schwäche 
der Sehkraft gleich der Cataracta die Folge primärer mangelhafter Entwicklung des 
Auges überhaupt? war die Schwäche der Netzhaut so gut als die Trübung der Linse 
etwa die Folge der Conrulsionen [die in einigen Fällen waren beobachtet worden), und 
des diesen zu Grunde liegenden Hirnleidens? Oder hatte die Netzhaut desshalb nicht die 
gehörige Energie erlangt, weil ihre Function schon von frühester Jugend an mehr we- 
niger behindert gewesen war? Es ist Thatsache, dass die Energie eines jeden Sinnes 



282 Krystalllinse. 

durch entsprechende Übung der Function bis zu einem mehr als gewöhnlichen Grade 
gehoben, durch Nichtübung aber unter die Norm herabgedruckt werden kann, und dass 
in dieser Beziehung das jugendliche, besonders das Kindesalter von Einfluss ist. Es 
liegen exacte Beobachtungen vor, dass Leute, welche in den Kinderjahren sich gewöhn- 
ten zu schielen, i. e. nur mit Einem Auge zu fixiren und das andere ganz gesunde von 
den Objecten abzulenken, auf diesem letzteren mit der Zeit ein so schwaches Gesicht 
bekamen, dass sie damit nicht mehr lesen, schreiben u. dgl. konnten, und dass durch 
Verbinden des gesunden und methodische Übung des in seiner Energie gesunkenen 
Auges dieses wieder zum normalen Zustande zurückgeführt werden konnte. Es ist auch 
"bekannt, dass Augen, welche Jahre lang z. B. nach innen geschielt haben, nicht selten 
die empfindlichste Stelle der Netzhaut nicht in der Macula lutea, sondern einwärts von 
dieser zeigen, und desshalb, sobald das gesunde Auge verdeckt wird, dem Objecte nicht 
grade, sondern schief (etwas nach innen abgelenkt) gegenüber gehalten werden müssen, 
um noch relativ am besten zu sehen. Joh. Müller (Physiologie des Gesichtssinnes) hat 
diese Fälle als Strabismus incongruus bezeichnet, weil er der Ansicht war, der Fehler 
"beruhe auf angeborener fehlerhafter Organisation der Netzhaut. Das Vorkommen dieses 
Zustandes in Fällen, wo das Schielen erwiesener Massen erst in F'olge von Hornhaut- 
trübungen entstand, dient indess als Beweis, dass dieser Zustand der Netzhaut nicht das 
Primäre, sondern das Consecutive ist, dadurch entstanden, dass jene Stelle, welche sich 
eben noch als die relativ empfindlichste erweist, beim Schielen noch am meisten zum 
indirecten Sehen verwendet wurde, mithin am wenigsten von ihrer Energie einbüsste. 
Ganz analog verhält es sich bei Cataracta. Diess sieht man in jenen Fällen, wo bloss 
Catar. nuclearis oder Catar. pyramidata besteht. Individuen mit solchen theilweisen 
Staaren sind nie ganz blind. Sie sehen noch mehr weniger gut, wenn sie die Objecte 
nahe und von der Seite her betrachten. Man beseitigt die Cataracta; das Auge leidet 
gar nichts, und die Pupille wird rein, aber der Operirte sieht auch jetzt die Objecte 
in der gewohnten Richtung noch relativ am besten, und Staargläser von den verschie- 
densten Abstufungen nützen nichts, das Gersicht für die Ferne zu verbessern. Erst all- 
mälig, nach einigen Jahren, gewinnt der Blick in die Ferne etwas mehr an Sicherheit 
und Schärfe, ohne indess jenen Grad von Vollkommenheit zu erreichen, welchen Augen 
caeteris paribus erlangen, die vor der Entwicklung der Cataracta ihre Netzhaut bereits 
gehörig geübt hatten. — Ich hielt diese etwas längere Digression für nöthig, um im 
voraus den weiter unten folgenden Vorschlag zu begründen, dass man angeborene und 
in der ersten Zeit des Lebens entstandene Staare so zeitig als nur möglich operiren solle. 
Jedenfalls ist, das Verhältniss zwischen der angeborenen oder frühzeitig entstandenen 
Cataracta und dem genannten Zustande der Netzhaut mag nun ein coordinirtes oder ein 
bedingtes sein, in allen solchen Fällen grosse Behutsamkeit bei der Stellung der Pro- 
gnosis dringend geboten. 

Hilfsmittel zur Diagnostik. 

Wenn bei einem Krauken, der über allmälige Abnahme, Schwäche 
oder Trübung- des Gesichtes klagt, die Pupille nicht vollkommen 
schwarz erscheint, und desshalb Verdacht auf Cataracta entsteht, so 
halte man sich einerseits die (S. 155 angeführten) Momente, welche auf 
die Schwärze der Pupille überhaupt Einfluss nehmen, andererseits die 
Zustände gegenwärtig, welche bei ungestörter Durchsichtigkeit der Linse 



Cataracta — Diagnostik. 283 

zu einer solchen Klage bestimmen können. Diese sind: leichte Horn- 
hauttrübungen, dünne Exsudatmembranen in der Pupille, Leiden der 
Chorioidea und Retina (mit Einschluss des Sehnerven, Gehirnes und 
verlängerten Markes), Fehler des Refractionszustandes (Kurz- und Weit- 
sichtigkeit) und der Accommodationsfähigkeit (Ermüdung des Auges, Ko- 
piopie s. Asthenopie). Je mehr von diesen Zuständen mit Bestimmt- 
heit ausgeschlossen werden können, desto grösser wird die Wahrschein- 
lichkeit für Cataracta. Hiebei darf man jedoch nie vergessen, dass 
Cataracta auch mit jedem dieser Zustände zugleich vorhanden sein 
kann. 

Um die Gegenwart geringer Linsentrübungen positiv zu erkennen, 
muss man so wie bei unscheinbaren Hornhautflecken das Auge in einem 
Zimmer besichtigen, welches sein Licht nur durch ein Fenster, wo 
möglich etwas von oben her und unmittelbar vom Firmamente erhält. 
Durch Wechsel seiner Stellung zum Auge suche man Täuschung durch 
Reflexe zu vermeiden. Man sehe bald in der Richtung der Achse, 
bald schief und so viel als möglich gegen den Rand der Linse hin in 
die Tiefe. Bisweilen ist nebst der Kerntrübung auch schon ein leichter, 
seiden- oder spinnwebenartig glänzender Beschlag der vordem Kapsel 
vorhanden und durch Spiegelung wahrnehmbar; häufiger fludet man in 
der Gegend des Randes der Linse eine gelblich -weisse Trübung in 
Form von Streifen, die gegen die Pupille hereinspitzen. Erweiterung 
der Pupille lässt diese noch besser unterscheiden, und die Anwendung 
der Belladonna (noch besser des schwefelsauren Atropins) beseitigt in 
den meisten Fällen jeden Zweifel. Durch eine gute Loupe kann man 
Trübungen, die nicht zu tief hinter der Iris liegen, jederzeit deutlicher 
machen. Das empfindlichste und sicherste Hilfsmittel ist, wie schon 
bemerkt wurde, die Beleuchtung und Betrachtung des Augengrundes 
mit dem Helmholtzschen Spiegel. So geringe Trübungen, dass man sie 
auch ohne dieses Instrument nicht mit freiem Auge wahrnehmen könnte, 
kommen selten auf beiden Augen und in gleichem Grade vor. Ein 
sorgfältiger Vergleich der hinter der Iris sichtbaren Trübung und der 
durch Sehversuche ermittelten Gesichtsstörung des einen und des an- 
dern Auges kann daher auch in vielen Fällen zur Bestätigung der Dia- 
gnosis dienen, vorausgesetzt, dass es sicher bekannt ist, ob der Kranke 
in früherer Zeit mit dem einen Auge so gut wie mit dem andern ge- 
sehen habe, oder verschieden. 

Wenn bei jüngeren Personen, wo man wegen der Seltenheit des 
Vorkommens nicht sogleich an Cataracta zu denken pflegt, die Fähig- 
keit, entferntere Gegenstände wahrzunehmen, abnimmt oder verloren 



284 Krystall linse. 

geht, so werden sie, wie ich mehrmal erfahren, auch von Ärzten ohne 
Weiteres für kurzsichtig gehalten. Liegt dieser Functionsstörung Trü- 
bung der Linse zu Grunde (so gering, dass sie nicht gleich in die 
Augen springt), so kann man sich bald überzeugen, dass Concavgläser 
nichts nützen oder dass wenigstens ein wesentliches Merkmal der ein- 
fachen Kurzsichtigkeit fehlt, das nämlich, dass solche Personen die 
normale Schärfe des Gesichtes besitzen, jedoch nur bis zu einem ge- 
wissen, dem Auge abnorm nahe liegenden Fern- oder Grenzpunkte. 
Auch wird man finden, dass ein einfach Kurzsichtiger z. B. das Buch 
zum Lesen allenfalls schief zum Gesichte, niemals aber schief zum Auge 
hält, um eine excentrisch gelegene Netzhautstelle zum directen Sehen 
zu benützen. 

Am meisten wird man versucht, an Cataracta incipiens zu denken, 
wenn bei altern Personen die Fähigkeit verloren geht, nahe Gegen- 
stände deutlich und mit Ausdauer zu erkennen. Denn in dieser Lebens- 
zeit findet man wegen der verminderten Schwärze des Augengrundes, 
vorzüglich aber wegen der gelben Färbung der Linse jederzeit jenen 
eigenthümlichen lichtgrauen Reflex, der als Pigmentmangel beschrieben 
worden ist. In dieser Epoche gehört es zur Norm, dass die Brenn- 
weite des aus Hornhaut, Kammerwasser und Linse gebildeten Oculares 
unserer Camera obscura abnimmt, daher kleine und nahe Objecte trüb 
und wie umflort erscheinen. Wird das Auge trotzdem zur Betrachtung 
solcher Objecte verwendet, so verfällt es leicht in den Zustand der Er- 
müdung, welcher sehr oft von der beängstigenden Erscheinung des 
Mückensehens begleitet ist, und allmälig vermindert sich auch das Ver- 
mögen, entfernte Objecte scharf und deutlich wahrzunehmen. In die- 
selbe Epoche fällt aber auch die Entwicklung von Glaucom, und die 
viel häufigere Entwicklung von Cataracta. Die obgenannten Erschei- 
nungen können bei dem einen wie bei dem andern Zustande vorkom- 
men. Wo indess eine verlässliche Anamnesis möglich ist, kann der 
Umstand benützt werden, dass bei Catar. incipiens die Functionsstö- 
rung zuerst bei fernen Objecten wahrgenommen wird, was meistens 
auch bei ganz allmälig entwickeltem Glaucom der Fall ist. Glaucom 
und Cataracta beginnen kaum jemals auf beiden Augen zugleich, wäh- 
rend die Presbyopie niemals unilateral ist, vorausgesetzt, dass früher 
beide Augen in Bezug auf Energie und Refractionszustand gleich waren 
oder doch nicht merklich differirten. Convexgläser können bei allen 
diesen Zuständen gute Dienste leisten, jedoch bei Cataracta und bei 
Glaucoma nur kurze Zeit, da diese Übel von ihrem ersten Beginn an 
stetig fortschreiten. Glaucoma, Presbyopie und Asthenopie können 



Cataracta — Diagnostik. 285 

plötzlich dadurch sich ankündigen, dass das Auge den gewohnten Dienst 
versagt; bei Cataracta ist diess nicht der Fall, wenigstens wird man 
da, wo Leute wegen Cataracta von einer raschen Abnahme der Seh- 
kraft sprechen, immer auch schon eine so starke Trübung finden, dass 
über die Ursache der Functionsstörung kaum ein Zweifel mehr obwal- 
ten kann. Man sagt, dass massige Erweiterung der Pupille durch Bel- 
ladonna bei Cataracta incipiens gute Dienste leiste, bei Glaucom und 
Presbyopie dagegen nicht. Diess ist im Allgemeinen wahr, und man 
kann allerdings vielen Cataractösen Monate lang durch dieses Mittel 
Erleichterung verschaffen; doch sind mir mehrere Kranke vorgekom- 
men, welche auch in der ersten Zeit, so lange die Trübung noch nicht 
einmal den ganzen Kern einnahm, selbst durch massige Erweiterung 
der Pupille (mittelst Atropin. sulfur.) nicht erleichtert, im Gegentheile 
belästigt (geblendet) wurden. — Congestion und Entzündung der Cho- 
rioidea kommt nie ohne abnorme Injection der vordem Ciliargefässe 
vor, während der Process der Trübung des Krystallkörpers an und für 
sich niemals die Zufälle von Congestion oder Entzündung erregt. Doch 
darf nicht übersehen werden, dass die Entwicklung von Cataracta con- 
gestive und entzündliche Zustände anderer Gebilde des Auges nicht aus- 
schliesst, und dass congestive und entzündliche Zustände der Chorioidea 
nicht selten gleichsam den ersten Anstoss zur Erkrankung der Linse geben, 
welche sodann fortbestehen und vorwärts schreiten kann, ohne dass die 
Affection der Chorioidea weiter gehen und merkliche Zufälle von Seite der 
Netzhaut, Iris, Sclera etc. herbeiführen muss. — Die Angabe, dass bei 
Trübungen der Pupille durch Chorioidealkrankheiten die Trübung tie- 
fer liege, concav erscheine, einen grünlichen Teint zeige, nützt dem 
Anfänger in der Diagnosis nichts. So fand ich es wenigstens beim 
eigenen Studium und beim klinischen Unterrichte. Auch bei Cataracta 
incipiens ist sehr oft ein grünlicher Teint vorhanden. Der Reflex, wel- 
cher bei gelbgewordener Linse in spätem Jahren vorkommt, ist eben 
auch durch das vom Grunde des Auges zurückgeworfene Licht bedingt; 
er verliert durch stärkere und ausgebreitetere Trübung des Kernes der 
Linse an Intensität und Glanz; leichte Linsentrübungen ändern ihn in 
beiden Eigenschaften wenig oder gar nicht. Wenn die Erkrankung 
der Chorioidea bereits so weit gediehen ist, dass die physikalischen 
Bedingungen der Reflexion des Lichtes vom Grunde des Auges dadurch 
abgeändert werden, dann gibt sich dieselbe bereits durch anderweitige, 
viel verlässlichere Erscheinungen von Seite der Iris, Netzhaut u. s. w. kund. 
Die Unterscheidung der Cataracta incipiens et imperfecta von Am- 
blyopie und Amaurosis setzt eine genauere Kenntniss dieser Zustände, 



286 Krystalllinse. 

ihrer Symptome und ihrer Entwicklung voraus, wesshalb wir die Mo- 
mente, auf die es hier ankommt, erst im 3. Bande, bei den Krankhei- 
ten der Netzhaut, hervorheben können. 

Complicatio?ien. 

Es reicht niemals hin, erkannt zu haben, dass ein Auge an Cata- 
racta leide; man muss jederzeit auch bestimmen, ob bloss Cataracta, 
oder noch anderweitige Abnormitäten im Auge oder im übrigen Orga- 
nismus vorhanden seien. 

Alle Abnormitäten, welche mit Cataracta zugleich vorhanden sein 
können, hier aufzuzählen, würde, selbst wenn wir uns bloss auf die 
am Auge vorkommenden beschränken möchten, zu weitläufig und auch 
überflüssig sein. Auf jene Zustände, welche bei den einzelnen Opera- 
tionsmethoden von Einfluss sind, werden wir in der Lehre von den 
Operationen aufmerksam machen. Hier soll vorläufig nur von jenen 
die Eede sein, welche bei der Prognosis, ob ein Staar überhaupt heil- 
bar sei , und ob man mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit auf 
einen günstigen Erfolg rechnen könne, in Betracht zu ziehen sind. 

Hintere Synechien werden der Beobachtung nie entgehen, wenn 
man sich's zur Regel gemacht hat, bei jedem Staare die Pupille künst- 
lich zu erweitern, bevor man sich über die Verhältnisse ausspricht, 
welche auf die Prognosis Einfluss haben. Bei ringförmiger hinterer 
Synechie und noch mehr bei Verschliessung der Pupille durch mehr 
weniger dicke Exsudate (nach abgelaufener Iritis) ist es bisweilen un- 
möglich, zu bestimmen, ob und wie weit die Linse und die Kapsel ge- 
trübt sind, und ob das Gesicht bloss durch Abhaltung der Lichtstrahlen 
oder durch Erkrankung der Netzhaut gestört sei. Wir müssen in die- 
ser Beziehung auf das über Verlauf und Ausgänge der Iritis und Iri- 
dochorioiditis Gesagte verweisen. Vergl. S. 42, 47, 72, 98 (15. Fall), 
101 (17. Fall) und 166 (5. Beob.). 

Abnorm festen Zusammenhang zwischen Kapsel und Linse oder 
zwischen Kapsel und Glashaut, wovon mehrere Autoren sprechen, habe 
ich nie gefunden, weder bei Operationen noch in Cadavern. Ich wüsste 
auch nicht, wie man ihn vorher erkennen sollte. Dass membranöse 
und trockenhülsige Staare gewöhnlich ringsum oder stellenweise fest 
an den Ciliarfortsätzen haften, wurde bereits oben erwähnt. Verwach- 
sung von Kapselresten (Nachstaar) mit der Iris gibt sich durch par- 
tielle oder totale Rückwärtsziehung dieser letztern und durch die Un- 
möglichkeit kund, die Pupille hinreichend durch Belladonna zu er- 
weitern. 



Cataracta — Complicationen. 287 

Ob Verflüssigung des Glaskörpers (Synehysis) bei Cataracta vor- 
handen sei, lässt sich — meines Erachtens — nicht immer mit Gewiss- 
heit bestimmen. Wo Chorioiditis oder Iridochorioiditis vorausgegangen 
ist, hat man immer Ursache, Synehysis zu fürchten. Ebenso lässt deut- 
liche Verminderung der Resistenz des Bulbus auf diesen Zustand schlies- 
sen. Aber auch bei vermehrter Resistenz, zumal bei grossen und flach- 
liegenden (glotzenden) Augen findet man, ohne dass jemals deutliche 
Zeichen von Entzündung zugegen waren, oft den Glaskörper flüssiger 
als im normalen Zustande. In einigen solchen Fällen fand ich nur den 
Kern der Linse getrübt, von dunkler, fast kastanienbrauner Farbe und 
das Gesicht mehr gestört, als sonst bei gleicher Extensität der Trü- 
bung. Schlottern der Iris wird allgemein als Zeichen von Synehysis 
aufgeführt. Es kommt allerdings bei diesem Zustande vor, viel häuti- 
ger aber zeigt es nur Volumenabnahme des Krystallkörpers an. Wo 
die Iris desshalb, weil der Glaskörper verflüssigt ist, in Schwankungen 
geräth, da muss an diesen auch die getrübte Linse partieipiren. Bei 
Cataracta cystica ist wahrscheinlich immer ohne Ausnahme auch Syn- 
ehysis vorhanden. Die Synehysis ist im Anfange von Kurzsichtigkeit*), 
in späterer Zeit aber fast ohne Ausnahme von Amblyopie begleitet, und 
Staare in solchen Augen lassen auch, abgesehen von den Schwierig- 
keiten bei der Operation, immer nur eine sehr zweifelhafte Progno- 
sis zu. 

Die Complication mit Krankheiten der Netzhaut (Amblyopie und 
Amaurosis), diese mögen nun durch primäre Affection derselben, z. B. 
durch übermässiges Licht, durch Erschütterung nach Sehlägen auf das 
Auge u. dgl. , oder seeundär, durch Congestion und Entzündung der 
Chorioidea bedingt sein, von Affectionen des Sehnerven, des Gehirnes 
oder des verlängerten Markes abhängen, oder aber in Bezug auf ihr 
ätiologisches Moment bloss als sympathische Leiden bezeichnet werden 
müssen, lässt sich bei gänzlichem Mangel der Lichtempfindung sehr 
leicht, bei mehr weniger deutlicher Lichtempfindung hingegen mitunter 
sehr schwer, selbst gar nicht bestimmt erkennen. 

Als leitend gilt der Satz, dass bei einfacher Cataracta die Func- 
tionsstörung dem mechanischen Hindernisse entspricht. Wenn auch 
Kapsel und Linse getrübt sind, selbst wenn überdiess noch die Pupille 

*) Dass Verflüssigung des Glaskörpers den Refractionszustand abändere, lässt sich schon a priori erwar- 
ten. Je dünner das Fluidum hinter der Linse (relativ zu dieser), desto mehr muss der aus dieser 
austretende Strahl vom Einfallslothe abgelenkt werden, desto früher also müssen Lichtstrahlen, die 
aus einer gleich grossen Entferuung kommen, in einen Punkt vereinigt werden. Strahlen von ent- 
fernten Objecten entwerfen daher ihr Bild schon vor der Netzhaut, und nur von nahen Objectea 
fallen die Bilder gerade auf diese. 



288 Krystalllinse. 

gesperrt ist, so hat der Kranke dennoch Lichtempfindung, sobald die 
Energie der Netzhaut nicht zu sehr gesunken ist. Würde auch alles 
durch die Cornea einfallende Licht aufgefangen, das durch die Sclera 
eindringende kann durch Cataracta niemals von der Netzhaut abgehal- 
ten werden. 

Es stehen uns zwei Mittel zu Gebote, die Empfindlichkeit der 
Netzhaut für das Licht zu prüfen, die Eeaction der Iris und die Anga- 
ben des Kranken. Bei Benützung des einen wie des andern muss jedes 
Auge für sich bei wohl verdecktem andern geprüft werden. Während 
man, wenn sich's darum handelt, zu bestimmen, wie viel der Kranke 
noch sieht, am besten thut, den Kranken mit dem Bücken gegen das 
Fenster zu stellen, ist es da, wo es sich um die Bestimmung handelt, 
ob noch Lichtempfindung vorhanden sei, am gerathensten, das Gesicht 
dem Lichte zuzuwenden. Die Untersuchung jedes Auges für sich ist 
nothwendig, weil der Fall vorkommen kann, dass bei beiderseitiger 
Cataracta nur das eine Auge amaurotisch wäre, und man, falls man 
nur Ein Auge der Operation unterwürfe, gerade das amaurotische treffen 
könnte. 

Wo sich nun, bei gut verdecktem zweiten Auge, die Pupille er- 
weitert, sobald man das zu untersuchende Auge in den vollen Schatten 
der nahe vorgehaltenen flachen Hand bringt, und sich nach rascher 
Beseitigung derselben wieder verengert, da kann man sicher sein, dass 
deutliche Lichtempfindung vorhanden ist. Wo die Iris sich gar nicht 
oder nur undeutlich bewegt, kann man nur dann auf mehr weniger 
vollständige Lähmung der Netzhaut schliessen, wenn sich kein ander- 
weitiges Hinderniss der Irisbewegung (Exsudate in der Pupille, Vor- 
wärtsdrängung der Linse, Myosis oder Mydriasis) nachweisen lässt. Zu 
diesem Behufe ist zunächst die Anwendung der Belladonna nothwen- 
dig. Bei Myosis in Folge anhaltender Beschäftigung mit feinen Arbei- 
ten bewirkt jedoch dieses Mittel bisweilen keine merkliche Erweiterung, 
und da Amblyopie und Amaurosis mit abnorm enger Pupille auf Be- 
dingtsein in einem Leiden der Meclulla oblongata schliessen lässt, so 
muss in dieser Beziehung eine gehörige Erhebung des Status praesens 
und der Anamnesis eingeleitet werden. Ist der Staar weich (durchaus 
oder nur an der Peripherie) und die vordere Kapsel desshalb stärker 
vorwärts gewölbt, oder ist die Linse überhaupt weiter vorwärts gerückt, 
so findet man die Pupille (bei unversehrter Netzhaut) gewöhnlich eng 
und die Iris in ihren Bewegungen beschränkt. Die Ursache scheint 
eine mechanische zu sein. Wenn nach Eröffnung der Cornea das Kam- 
merwasser abfliesst, und Iris und Linse vorwärts gedrängt werden, so 



Cataracta — Complicationen. 289 

verengert sich die Pupille jederzeit beträchtlich, und diese Erscheinung 
fand ich auch an Cadavern, 48 und mehr Stunden nach dem Tode. 
Völlig aufgehoben wird die Beweglichkeit der Iris durch Catar. allein 
niemals. — Da Bewegungen der Iris nicht bloss durch .Reflex von der 
Netzhaut, sondern auch durch anderweitigen Impuls auf den N. oculo- 
motorius, insbesondere synergisch mit der Accommodationsthätigkeit er- 
folgen, so muss man sich vor Täuschung dadurch schützen, dass man 
das Auge während der abwechselnden Beschattung und Beleuchtung 
möglichst ruhig halten lässt. Am besten ist es, man sagt dem Kran- 
ken, er solle es so machen, als wolle er einen Finger seiner ausge- 
streckten Hand fixiren, und während er diess thut, lässt man abwech- 
selnd Licht und Schatten einwirken. Man wird sehr häufig finden, dass 
bei Leuten mit vollständiger Cataracta die Pupille in steter Schwan- 
kung zwischen Erweiterung und Verengerung schwebt, auch wenn die 
Beleuchtung immer die gleiche ist, und die Augen ruhig gehalten wer- 
den. Dasselbe Phänomen kann auch bei Amaurotischen vorkommen, 
wo der Oculomotorius und die Ciliarnerven immun sind. Diese Schwan- 
kungen scheinen davon herzurühren, dass, nachdem der Kranke nichts 
mehr fixiren kann, die vom Sensorium commune aus noch immer ange- 
regte Accommodationsthätigkeit ihren Regulator, die Fixirung reeller 
Obiecte, eingebüsst hat, und nun bei dem Bestreben, zu sehen, bald 
auf nahe, bald auf ferne (imaginäre) Objecte geleitet wird. 

Diesen Einfluss der Accommodationsthätigkeit habe ich bei mehreren Amaurotischen 
bestimmt beobachtet; am bestimmtesten aber konnte ich ihn im letzten Semester bei 
einem Kranken mit Mydriasis auf der Klinik demonstriren. Bei diesem reagirte die Iris 
des linken Auges auch auf den grellsten Wechsel zwischen Licht und Schatten nicht im 
mindesten, obwohl der Mann durch eine kleine Öffnung in einem Kartenblatte so gut wie 
mit dem rechten ganz gesunden Auge sah. Die Pupille verengerte sich aber augenblick- 
lich, nahm statt 4'" ungefähr 2'/2 — 2 y " Durchmesser an, sobald der Mann angewie- 
sen wurde, ein 6—8" genähertes Object (seinen Finger) zu fixiren, gleichviel ob das 
rechte Auge verdeckt wurde oder nicht. Über die Entstehung dieses Leidens war nichts 
zu ermitteln; der Mann hatte Blendung des Gesichtes (mit beiden Augen) wahrgenommen, 
nachdem er in Folge eines leichten Bausches sich erbrochen hatte. Zufällige Verdeckung 
des linken Auges hatte ihn belehrt, dass das rechte Auge gesund war. Die Verengerung 
der Pupille hielt so lange an, als die Fixirung des nahen Objectes. Als ich die Binde- 
haut rings um die Cornea mit einem zugespitzten Lapis ätzte, verengerte sich die Pupille 
augenblicklich bis auf 2'", zeigte jedoch schon eine halbe Stunde nachher wieder einen 
grössern und eine Stunde nachher den gewöhnliehen Durchmesser von 4'". Der Mann 
musste, da auch die übrigen gegen Mydriasis empfohlenen Mittel nichts nützten, nach 
5 Wochen ungeheilt entlassen werden. 

Leute, die durch Glaucom erblindet sind, pflegen, wenn sich end- 
lich auch Cataracta eingestellt hat, Hilfe durch eine Staaroperation zu 

Arlt Augenheilkunde. II. 19 



290 Krystalllinse. 

verlangen, und suchen, besonders wenn sie schon von einem Operateure 
wegen Mangel an Lichtempfindung zurückgewiesen oder vertröstet wor- 
den sind, den Arzt dadurch zu täuschen, dass sie versichern, sie nehmen 
wahr, ob es Tag oder Nacht sei, wo in einem Zimmer sich die Fenster 
befinden u. dgl. Da nun auch nach längerem Bestände der glauco- 
matösen Erblindung die Iris nicht noth wendig charakteristische Zeichen 
(bis auf die Unbeweglichkeit) darbieten muss, und die Symptome, die 
man im Bereiche der Sclera wahrzunehmen pflegt, fehlen oder auch 
eine anderweitige Deutung zulassen können, so ist es nöthig, die Probe 
auf Lichtempfindung so anzustellen , dass sie an Sicherheit einem ob- 
jectiven Merkmale gleich kommt. Man muss mit der Beschattung und 
Beleuchtung derart wechseln, und die Versuche in solcher Weise vor- 
nehmen, dass der Kranke nicht etwa nach dem Wechsel selbst oder 
mittelst eines andern Sinnes wahrnehmen kann, wann das Auge be- 
schattet werde, wann nicht. 

Nicht so sicher lässt sich bestimmen, ob bei weit ausgebreiteter 
Cataracta zugleich Amblyopie vorhanden sei oder nicht. Hier kann nur 
die Erhebung der Anamnesis und des übrigen Status praesens mehr 
weniger verlässliche Anhaltspunkte gewähren. Bei angeborener und von 
frühester Kindheit an bestehender Cataracta wird es, wie schon be- 
merkt wurde, im Allgemeinen gerathen sein, die Prognosis nicht so 
günstig zu stellen, wie caeteris paribus bei später entstandener Cata- 
racta. Wo die Trübung der Linse in Folge eines Trauma entstanden 
ist, oder wo später eine Gewalt eingewirkt hat, von welcher Erschüt- 
terung der Netzhaut befürchtet werden kann, lässt sich auch bei sehr 
deutlicher Lichtempfindung nicht für die Integrität der Netzhaut ein- 
stehen. Dasselbe gilt von Staaren, welche sich unter Zufällen entwickelt 
haben, die auf Congestion oder Entzündung der Chorioidea deuten, wenn 
auch diese längst verschwunden sind, und in den sichtbaren Gebilden 
keine merklichen Spuren zurückgelassen haben. 

Vorkommen und Ursachen. 

Die Trübung der Linse ist vorzugsweise eine Krankheit des höheren 
Alters, so dass man bei jeder Gesichtsstörung in dieser Epoche immer 
an Cataracta denken muss; sie kommt jedoch auch bei jüngeren Indi- 
viduen nicht so selten vor. 

Nach der folgenden Übersicht der von 1840 bis 1852 in die Anstalten, an denen 
ich tkätig zu sein Gelegenheit hatte , zur Operation aufgenommenen Cataractakranken 
dürften sich manche auf diese Krankheit Bezug habende Fagen eher annäherungsweise 
beantworten lassen, als durch allgemeine Angaben, um so mehr als man annehmen kann, 
dass die Zahl der hier Aufgenommenen mindestens zwei Drittel der in Böhmen (mit bei- 
nahe 4'/2 Mill. Einwohnern) überhaupt alljährlich operirten Staarkranken betrage. 



Cataracta 



Vorkommen — Ursachen. 



291 



Die Anstalten sind: die seit 1820 bestehende Augenklinik mit 20 Plätzen, eine 
seit 1S40 eigens für Augenkranke bestimmte Abtheilung des k. k. allgemeinen Kranken- 
hauses, "welche über 40—50 Betten verfügen kann, und das im Jahre 1808 unter Mit- 
wirkung Prof. Fischers von Privaten gegründete Blindeninstitut (Erziehungsanstalt) in 
welches seit 1S2S jährlich 2— 3 Mal (Mitte Mai, Anfang Juli und Mitte August) je 16—17 
Mittellose mit Cataracta oder Pupillensperre zur Operation aufgenommen werden können. 

Yon 1 S40 — 1S42, wo ich als Prof. Fischer's Assistent angestellt war, und von 
1S47 — 1S52, wo ich als Professor und Primärarzt wirke, sind alle in diesen Anstalten 
an Cataracta Opcrirten nicht bloss in der 1. Tabelle numerisch aufgeführt, sondern auch 
in Bezug auf Alter, Beschäftung, Operationsergebniss u. s. w. weiter unten zusammen- 
gestellt. Ton den 1843 — 1846 auf der Klinik und Spitalsabtheilung Behandelten konnte 
ich ausser Zahl und Geschlecht nichts in die Tabellen aufnehmen, weil ich von diesen 
nur einen kleinen Theil selbst beobachtet, operirt und behandelt habe. Hingegen sind, 
da von Wohlhabenden nur wenige sich in den Anstalten operiren lassen , 43 privatim 
Operirte in die Tabelle aufgenommen. Die meiner Beobachtung nicht angehörenden 
Fälle sind in der nächsten Tabelle mit * bezeichnet. Klinik- und Abtheilungskranke sind 
in eine Rubrik zusammengesetzt. 





Sp 


tal 


Institut 


Privatim 


Zusammen 




Jahr 


















Hauptsumme. 




Männl. 


Weibl. 


Männl. 


Weibl. 


Männl. 


Weibl. 


Männl. 


Weibl. 




1840 


18 


■ 
12 


20 


12 






38 


24 


62 


1S41 


38 


24 


21 


10 






59 


34 


93 


1842 


20 


27 


23 


10 


2 


3 


45 


40 


85 


1S43 


IS* 


16* 


21 


11 


2 


3 


23 


14 


37 1 71 

+34/ tl 
















+ 18 


+ 16 


1S44 


19* 


19* 


17 


15 


2 


1 


19 


16 


+38 } 73 
















+ 19 


+ 19 


1S45 


30* 


IS* 


19 


11 


2 


1 


21 


12 


+48 } 81 
















+30 


+ 18 


1846 


47* 


19* 


18 


14 


2 


2 


20 


16 


+66 } 102 












- 




+47 


+ 19 


1847 


23 


16 


16 


15 


3 


2 


42 


33 


75 


1S4S 


37 


22 


17 


17 


1 


1 


55 


40 


95 


1849 


40 


26 


18 


10 


1 


1 


59 


37 


96 


1850 


31 


30 


18 


14 


2 


1 


51 


45 


96 


1851 


42 


29 


24 


4 


4 


4 


70 


37 


107 


1852 


64 


40 


18 


14 


2 


1 


84 


55 


139 


13 J. 


313 


226 


250 


157 


23 


20 


586 


403 


989+186 




539+1 


86=7 25 


4( 


)7 


4 


3 






1175 



Als angeborenes Übel kommen nicht nur theilweise, sondern auch 
totale Linsentrübungen vor. Der partiellen wurde schon S. 260 und 263 
gedacht. 

Einen weichen Staar beider Augen sah ich bei einem cyanotischen Kinde schon 
einige Tage nach seiner Geburt. Es hatte weder übermässiges Licht noch eine Quet- 
schung oder sonst eine äussere Schädlichkeit eingewirkt. Ausser der Cataracta, welche 

19* 



292 Krystalllinse. 

ich durch '/a Jahr von Zeit zu Zeit beobachtete, war an den Augen keine Missbildung' 
■wahrzunehmen. Das Kind erlag gegen Ende des 1. Jahres dem die Cyanosis bedingenden 
organischen Herzfehler, was ich zu spät erfuhr, um die Section anzusprechen. 

Dass Cataracta als erbliche Krankheit vorkomme, dafür haben Beer, 
Lusardi u. A. interessante Beobachtungen angeführt. Wenn in einer Fa- 
milie in coordinirter oder in auf- und absteigender Linie Cataracta be- 
obachtet wird, so kann man wohl nur dann auf Erblichkeit schliessen, 
wenn der Staar auf beiden Augen in derselben Form (nach dem, was 
ich beobachtet, als weicher Linsenstaar) in derselben Lebensepoche, und 
zwar nicht erst im höhern Alter, sondern in der ersten Hälfte des Le- 
bens sich entwickelt. Bei der Lehre von der Accommodation werde ich 
die Krankengeschichte eines jungen Mannes mittheilen, der einer Fa- 
milie angehört, in welcher nebst ihm noch zwei Mädchen in den zwan- 
ziger Jahren cataractös geworden sind. 

Von den in obiger Tabelle aufgenommenen 989 Fällen konnte bei 13 (6 männl., 
7 weibl.) mit Gewissheit oder grösster Wahrscheinlichkeit das Übel als angeboren be- 
trachtet werden. Die Fälle partieller angeborener Trübungen der Linse oder der Kapsel 
\md Linse, welche das Gesicht wenig oder gar nicht beeinträchtigen , sind natürlich hier 
nicht einbezogen. 

Bei 42 der zur Operation aufgenommenen Individuen war die Cataracta (meistens 
membranacoa, aridosiliquata oder nuclearis stationaria) schon im ersten Lebensjahre oder 
im Kindes- und Knabenalter, überhaupt vor dem 15. Lebensjahre bemerkt worden. Da- 
von gehörten 30 dem männlichen, 12 dem weiblichen Geschlechte. 

Zwischen das 15. und 25. Jahr fiel die Erblindung bei 52 Individuen (21 männl. 
31 weibl.). Als ursächliches Moment waren theils Erblichkeit, theils traumatische Einflüsse, 
in der Mehrzahl jedoch nichts mit Bestimmtheit oder überwiegender Wahrscheinlichkeit 
zu ermitteln. 

Bei Individxien des Mannes- und Greisenalters war theils das Alter theils der Stand 
und die Beschäftigung nothwendig mit in Anschlag zu bringen. Es ergaben sich in die- 
sen Beziehungen folgende Zahlen : 
Zwischen dem 25. und 35. Jahre waren erblindet 



„ 35. 


, 45 


„ 45. 


, 60 


„ 60. 


, 70 


„ 70. 


, 80 


„ 80. 


, 85 



25 M. -f 26 W. 


= 51 


59 „ + 76 „ 


= 135 


218 „ + 154 „ 


= 372 


181 „ + 73 „ 


= 254 


40 „ -f 23 „ 


= 63 


6 „ + 1 „ 


= 7 



Zusammen: 529 „ + 353 „ = 882 
Darunter waren: Taglöhner und Dienstleute 307, Bauersleute 138, Bürger (ohne 
bestimmte und constante oder von nicht constatirter Beschäftigung) 90, Leinweber mit 
Einschluss von 2 Tuchmachern und 1 Strumpfwirker) 43, Schuster (und einige Schuste- 
rinnen) 34, Schneider (und einige Näherinnen) 30, Schmiede (meistens Grobschmiede und 
einige Schlosser) 27, Maurer 19, Invaliden (1 Officier, die meisten in späterer Zeit Tag- 
löhner) 19, Beamte (mehr als die Hälfte subalterne) 15, Müller 13, Glashüttenarbeiter 12, 
Graveure (einige Steinschneider und Formstecher) 11, Zimmerleute 10, Jäger 9, Schul- 
lehrer 8 , Kaufleute 7 , Bergleute 7 , Bräuer 6 , Bäcker 6, Geistliche 6, Ärzte 5, Sattler 



Cataracta — Vorkommen — Ursachen. 293 

(Riemer) 5, Tischler 5, Fleischhauer 4, Färher 4, Gelbgiesser 3, "Waldheger 2, Hut- 
macher 1. Dazu kommen noch 36 Juden (männl. und weibl.), bei welchen Glaucom offen- 
har häufiger vorkommt, als Cataracta. 

Man sieht, dass Zahlen über den Einfluss der Beschäftigung und Lebensweise nur 
wenig Aufschluss geben können. Es sind der Umstände, die hier in Computation zu 
bringen sind, zu viele, und der Arzt erfährt die meisten davon nicht oder doch nicht 
so verlässlich, als dass er auf solche Prämissen giltige Schlüsse stützen könnte. — So 
viel ergibt sich indess wohl mit Sicherheit, dass Leute, welche unter dürftigen Umständen 
leben und vor der Zeit zu Greisen werden, früher und häufiger an Cataracta erblinden, 
als "Wohlhabende. Der Vorgang in der Linse erinnert unwillkührlich an das Ergrauen 
der Haare und den Arcus senilis corneae, welche Veränderungen übrigens sehr oft mit 
Cataracta zugleich vorkommen , obwohl sie bei offenbarer Cataracta senilis s. Marasmus 
lentis nicht immer vorhanden sind. — Unsere Zahlen stimmen für die von Beer, Walther 
u. A. gemachte Beobachtung, dass übermässige Einwirkung des Lichtes, namentlich des 
Feuers bei Hochöfen u. dgl. unter die Momente gehört, welche das Trübwerden der Linse 
begünstigen. Die Zahl der Feuerarbeiter, namentlich der Schmiede und Glashüttenarbei- 
ter , ist mit Eücksicht auf die bei solchen Gewerben überhaupt Beschäftigten auffallend 
gross. Mehrere Individuen datirten die Entstehung des Staares auf ziemlich glaubwür- 
dige Weise von Feuersbrünsten her. — Dass von jenen Individuen, welche mit spontan 
und in der 2. Lebenshälfte entstandener Cataracta zur Beobachtung kamen, die Mehrzahl 
blaue oder doch lichte Auge hatte, stimmt gleichfalls mit den Angaben anderer Autoren 
überein. Dieser für die Diagnosis , Prognosis und Therapie sterile Satz würde einiges 
Interesse für die Nosogenie gewinnen , wenn man sich den Schluss erlauben darf, dass 
in solchen Augen wegen des geringeren Pigmentgehaltes der Iris die Linse mehr der 
Einwirkung des Lichtes preisgegeben sei. — Über das Verhältniss des rechten Auges 
zum linken in Bezug auf Linsentrübung habe ich nur bei den 407 im Blindeninstitute 
Operirten so genaue Vorbemerkungen geführt , dass ich verlässliche Zahlen hierüber an- 
gehen kann. Bei 184 Individuen war früher das rechte, hei 127 früher das linke, bei. 
77 waren beide angeblich zu gleicher Zeit erkrankt. Ob dabei der Staar weich oder 
hart, und ob das Individuum jünger oder älter war, das ergab keinen wesentlichen Un- 
terschied. Die übrigen neunzehn konnten hier nicht in Rechnung gebracht werden, 
weil das Übel bei ihnen angeboren, erblich, durch Verletzungen bedingt, oder weil das 
2. Auge anderweitig zu Grunde gegangen war. In 41 der genannten Fälle war zur Zeit 
der Operation bloss das rechte, in 27 bloss das linke cataractös. Mit Walther's Angabe, 
dass der Staar öfter auf dem linken als auf dem rechten Auge beginne, stehen die Auf- 
zeichnungen in den Protokollen der Anstalt, welche zur Einsicht vorliegen, in "Wider- 
spruch. — Wo die Linsentrübung nicht durch rein unilaterale Momente, z. B. Verletzung, 
Chorioiditis u. dgl. bedingt ist, tritt sie früher oder später immer auch auf dem zweiten 
Auge auf. Die Angabe Serres u. A., dass durch rechtzeitige Operation des einen Auges 
die Linsentrübung des andern verhütet, selbst rückgängig gemacht werden könne, habe 
ich nicht in einem einzigen Falle zu verificiren Gelegenheit gehabt; im Gegentheile , ich 
habe in den letzten Jahren mehrere Individuen operirt, welche vor mehreren Jahren, wo 
das zweite Auge noch von jeder Gesichtsstörung frei gewesen war, von mir oder von 
Andern operirt worden waren. 

Die Linsentrübung kann bei den gesündesten Leuten vorkommen, 
obwohl in der Regel nur im Greisenalter. Die Individuen, welche vor 
dem 45. Jahre ohne äussere Veranlassung von Cataracta befallen wer- 



294 Krystalllinse. 

den, und nicht etwa vor der Zeit zu Greisen geworden sind, bieten mit 
wenig Ausnahmen immer ein mehr weniger kränkliches Aussehen dar. 
Es war mir indess nicht möglich, das Allgemeinleiden näher zu be- 
zeichnen, und noch weniger, die Linsenerkrankung damit in nähern 
Zusammenhang 'zu bringen. Nur von der Harnruhr (Diabetes melli- 
tus) ist es gewiss, dass sie Ursache von Cataracta ist. Eine solche 
Cataracta ist immer eine weiche, vom Centrum allmälig gegen die 
Peripherie hin vorschreitend, und eine langsame (Monate lange) Entwick- 
lung einhaltend. So habe ich es wenigstens bei sechs im allgemeinen 
Krankenhause Beobachteten gefunden. Vier davon wurden durch Dis- 
cission operirt, zwei mit Erfolg; einer ist gestorben, und die Augen 
wurden anatomisch untersucht. — Eine directe ursächliche Beziehung 
zur Scrofulosis oder Tuberculosis konnte ich nicht nachweisen; dasselbe 
gilt von Syphilis. 

Die letzte Operation, welche Prof. Fischer vorgenommen hat, war die Extraction 
bei einem 6Sjährigen Gutsbesitzer, welcher in Folge von Lues die Uvula verloren hatte 
und durch die Schmiercur geheilt worden war. Die Staare waren hart. Der Erfolg war 
ein ausgezeichnet günstiger. In einem andern ähnlichen von mir operirten Falle trat 
Vereiterung der Hornhaut ein. 

Die Fasern einer getrübten Linse findet man unter dem Mikroskope 
lange nicht so bedeutend verändert, als man veramthen sollte, nament- 
lich bei harten Staaren. Sie erscheinen bloss stärker gezackt und dunk- 
ler contourirt. Von der Ablagerung irgend eines fremdartigen Stoffes 
zwischen die Fasern findet man wenigstens im Kerne keine Spur. Dass 
die dunkle Färbung nicht von Pigmentablagerung herkommt, sieht man 
an feinen Durchschnitten (Blättern) und unter dem Mikroskope. Die 
dunkle Färbung ist durch die grössere Dichtigkeit, vielleicht auch durch 
chemische Einwirkung des Lichtes bedingt. Des Vorkommens von Fett 
in mannigfacher Form, namentlich in schönen tafelförmigen Krystallen, 
und von Kalksalzen innerhalb der Kapsel haben Avir schon bei den 
Krankheiten der Iris und Chorioidea erwähnt. 

Die Unterscheidung in Phakoskleroma und Phakomalacia kann beibehalten werden, 
insofern sie auf nichts mehr Anspruch macht, als die Consistenz des Staares anzuzeigen. 
Wenn man aber das Wesen der Cataracta hiemit näher bezeichnet zu haben vermeint, 
wenn man die Phakomalacia von verminderter Alkalescenz oder Säure des Kammerwassers, 
oder von entzündlichen Zuständen der Iris und Chorioidea ableiten will, so ist man hie- 
mit bloss um eine Hypothese reicher geworden. Dieser Ansicht zufolge soll die zu Glau- 
coma hinzutretende Cataracta ein Muster der Phakomalacie sein. Und doch kann man 
in glaueomatösen Augen auch wahrhaft indurirte oder sclerosirte Linsen finden. Die 
Cataracta bei Diabetes mellitus zeigt alle Charaktere der Phakomalacie, und doch entsteht 
sie ohne Spur von Congestion oder Entzündung am Auge. Ganz harte Staare kommen 
auch vor dem 40. Jahre vor. 



Cataracta — Behandlung. 295 

Behandlung« 

Die Trübungen der Linse sowohl als der Kapsel widerstehen, so- 
bald sie nur einigerinassen deutlich ausgesprochen sind, in der Regel 
jeder diätetischen und pharmaceutischen Behandlung und heutzutage 
weiss Jedermann, dass der graue Staar nicht anders, als durch opera- 
tive Hilfe beseitigt werden kann. Spontan kann Wiederherstellung des 
Gesichtes eintreten: durch Senkung des Krystallkörpers in den verflüs- 
sigten Glaskörper, durch Berstung der vordem Kapsel und Resorption 
der Linse, durch Verschrumpfung der Kapsel, Auflösung und Aufsaugung 
der Linse bei Catar. traumatica. 

Mit Recht ist man schon seit längerer Zeit von den dreisten Ver- 
suchen abgegangen, den grauen Staar durch eingreifende, den Zustand 
des Gesammtorganismus auf's Spiel setzende allgemeine Behandlung, 
Mercurial-, Antimonial-, Abführmittel u. s. w. heilen zu wollen. 

Dennoch sind in neuester Zeit wieder mehrere zum Theil sehr beachtenswerthe 
Stimmen über Heilbarkeit beginnender Cataracten durch diätetisch- pharmaceutische Be- 
handlung erschollen. Prof Rau*), Sichel**) und Walther gehen von der Ansicht aus, 
dass die Bildung vieler Staare auf Kapselentzündung beruhe und sofort, zeitig genug er- 
kannt, gehemmt und rückgängig gemacht werden könne. Rau führt 10 genau auf- 
genommene Fälle an, wo es ihm gelang, bereits deutlich wahrnehmbare, jedoch nicht 
hochgradige Trübungen des Linsensystemes ganz oder grösstentheils und bleibend zu 
beheben. Die Mittel, die Rau anwandte, sind keine neuen. Jeder Fall wurde so viel 
als möglich in jeder Beziehung gewürdigt, und darnach die Heilmethode ausgewählt. 
Vorzüglich waien es Sublimat, Jodkalium, Polygala senega, Sulfur auratum antim., Mi- 
neralwässer und Mercurialeinreibungen um das Auge, von denen er Gebrauch machte. 
Zur Schilderung seines Verfahrens will ich einige seiner Beobachtungen hier getreu 
mittheilen. 

..2. Fall. Ein robuster Sechziger mit beginnender Cataracta beider Augen musste 
schon seit einiger Zeit aufs Lesen verzichten. Ausser einer gleichmässigen rauchigen 
Trübung beider Pupillen keine Abnormität. Rheumatische Glieder- und Kopfschmerzen 
waren vorausgegangen und bestanden in geringem Grade noch fort. Entsprechende Diät ; 
Pillen von Senega mit Goldschwefel und Arnicaextract ; es trat sehr bald merkliche Auf- 
schwellung der Linsen ein; nach 2 Monaten keine Spur der Trübung, und die frühere 
Schärfe des Gesichtes hergestellt." 

4. Fall. Ein öOjähriger athletisch gebauter Schmidt. Bedeutende Abnahme des 
Gesichtes ohne bekannte Veranlassung seit '/s Jahre. Die Trübung der Linse so be- 
trächtlich, dass sie schon in einiger Entfernung erkannt werden konnte. In ätiologischer 
Beziehung kein sicherer Anhaltspunkt, ausser Neigung zu geistigen Getränken. Strenge 
Diät. Enthalten vom Arbeiten am Feuer, Pillen aus Senega und Goldschwefel, Mercurial- 
einreibungen. Nach zweimonatlicher Behandlung keine Besserung ; daher durch 3 Wochen 
Jodkalium in steigender Gabe. Hierauf konnte der Patient wieder grobe Druckschrift 
lesen, die' Pupille schien nur noch wie durch einen leichten Eauch verhüllt. In allmälig 

*) Rau in Walther und Ammon's Journal Bd. 8. N. 3.1 prag _ vjschr _ ß(L ^ g _ g9 ^^^ 
**> Sichel in Gazette des Höpit. 1S4S. N. 96. ' 



296 Krystalllinse. 

-verminderter Dosis wurde nun das Mittel noch einige Zeit lang fortgesetzt, und in Zeit 
von 4 Monaten war vollständige Zertheilung des Staares eingetreten." 

5. Fall. Ein 57jähriger Beamter, früher mit Hämorrhoidalbeschwerden behaftet, 
verlor vor 3 Jahren ohne bekannte Veranlassung einen habituellen Fussschweiss. Nach 
1 Jahre bemerkte er allmälige "Verminderung der Sehkraft mit Mückensehen, welche 
durch mehrfach versuchte Brillen nicht gebessert wurde und nach 2 Jahren so weit vor- 
geschritten war, dass die grösste Schwierigkeit beim Lesen eintrat, und bekannte Per- 
sonen kaum auf 3 Schritte weit unterschieden werden konnten. Er wandte sich nun an 
einen bekannten Augenarzt; dieser diagnosticirte beginnenden grauen Staar und vertrö- 
stete auf die Operation. Im Juli 1845 kam er zu Rau. Dieser fand dasselbe, an beiden 
Augen eine ziemlich gleichm'assige, im Centrum etwas stärkere Linsentrübung ; künstliche 
Erweiterung der Pupillen zeigte, dass die Linsenränder noch ziemlich frei von der Trü- 
bung geblieben waren. Keine Spur eines entzündlichen Zustandes, unregelmässiger, 
träger Stuhlgang. Strenge Diät, Pillen aus Rhabarber mit Aloeextract, und Ätzkalk mit 
Salmiak in die Strümpfe zu streuen. Trotz dieses und anderer Mittel wurde der beab- 
sichtigte Zweck nur unvollkommen erreicht; bei stärkeren Fussreisen schwitzten die 
Füsse wieder, bei ruhigem Verhalten zeigte sich keine merkliche Ausdünstung. Nach 
Verbrauch der Pillen erhielt der Kranke Schwefel mit Rhabarber und Weinstein, und be- 
merkte nach 2 Monaten eine geringe Besserung, welche aber nur von den verminderten 
Congestionen zum Kopfe abzuhängen schien, da die Trübung keine Veränderung wahr- 
nehmen Hess. Er erhielt nun Pillen aus Senega und Goldschwefel, deren längere An- 
wendung eine nicht verkennbare Abnahme der Trübung zur Folge hatte. Da die Besserung 
bis zum Jäner 1846 nur sehr langsame Fortschritte machte, wurde Jodkalium in Pillen- 
form mit Althäapulver und Gummischleim verordnet, bei dessen alleinigem Gebrauche 
eine so überraschend günstige Veränderung eintrat, dass die Trübung beider Linsen bis 
zum August vollständig verschwunden war. Prof. Troxler hatte neulich Gelegenheit, sich 
von der vollständigen Aufhellung beider Linsen zu überzeugen. Der Mann versicherte 
voll Freuden, dass er nun auf 100 Schritte besser sehe, als zuvor auf drei." 

Bei Kapseltrübungen beobachtete Rau Aufhellung nur da, wo sie minder intensiv 
auftraten, während die noch nicht weit gediehene Trübung der Linse mehrmals selbst 
spurlos verschwand. Rau erwähnt nebst Pugliaü's Versuchen mit der äusserlichen An- 
wendung des Jodkalium in Verbindung mit der Cauterisation der Schläfen durch Ammo- 
nium noch der Versuche Bartenstein's mit Einreibungen von 2 Drachmen Ung. einer, und 
1 Scrupel bis 1 l /a Drachme kohlensauren Ammonium an die Stirn , welche gleichfalls 
sehr günstige Resultate liefern sollen. Zum Schlüsse gedenkt er noch der Heilversuche 
Malfatti's, bei welchen ebenfalls das Jodkalium die wichtigste Rolle zu spielen scheint. 
Wir heben aus dem interessanten Aufsatze dieses rühmlichst bekannten Berner Professors 
noch folgende Stelle hervor : „Um mich von der unmittelbaren Einwirkung des Jodkalium 
auf die getrübte Linse zu überzeugen, legte ich einen frisch extrahirten Linsenstaar in 
eine ziemlich concentrirte Jodkalilösung. Es war eine Catar. senilis. Die bernsteingelbe, 
kaum durchscheinende Linse mit bräunlichem, ganz undurchsichtigem Kerne wurde auf ein 
bedrucktes Blatt Papier gelegt, wobei nur durch die Ränder ein undeutliches Durchschim- 
mern der Buchstaben stattfand. Wenige Stunden nach dem Einlegen in die in einem 
weissen Reagentiengläschen befindliche Jodkalilösung hatte sich die Anfangs unmittelbar 
unter der Oberfläche schwebende Linse zu Boden gesenkt. Nach 12 Stunden war die 
Oberfläche der Linse mit ganz kleinen Flöckchen bedeckt. Ausserdem waren 2 vom 
Rande bis zum Kerne dringende, stark klaffende Spalten entstanden. Eine merkliche 



Cataracta — Behandlung — Extra ction. 297 

Vergrösserung der Linse 'war nicht eingetreten. Dagegen hatte sich in 24 Stunden die 
ganze Suhstanz bis zum Kerne hin so auffallend aufgehellt, dass man von den Rändern 
bis zu letzterem unmittelbar unter das Gläschen gehaltene Druckschrift ohne Mühe zu 
erkennen im Stande war. Der Linsenkern -war kaum etwas durchscheinender geworden. 
Nach drei "Wochen war keine weitere Veränderung eingetreten. Ein Versuch mit einer 
zweiten Linse zeigte, dass die Aufhellung nicht dem Wasser, sondern dem Jodkalium zu- 
zuschreiben war." 

Mir ist es nur in drei Fällen gelungen, geringe, jedoch bestimmt vorhandene 
Linsentrübung rückgängig zu machen , einmal bei einer Dame von 68 Jahren , durch 
monatelang fortgesetzte Einreibungen einer Jodkalisalbe an die Stirn und Schläfe und 
den Gebrauch der Egerer Salzquelle, dann bei einem 68 Jahre alten, corpulenten Manne, 
der wegen Plethora abdominalis seit einer Eeihe von Jahren Marienbad besucht hatte, 
durch zweimaligen Gebrauch der Trinkcur in Karlsbad, und bei einem fünfzig und einige 
Jahre alten Gutsbesitzer durch den einmaligen Besuch und Gebrauch von Karlsbad. Den 
ersten Fall hat Prof. Jaksck, den letzten Prof. Waller mit mir beobachtet, und sich von 
der Gegenwart der Cataracta sowohl als von deren Beseitigung überzeugt. Auch Doct. 
Fleckles in Karlsbad hat eine von Prof. Ritterich in Leipzig constatirte Heilung einer Ca- 
taracta durch Karlsbad veröffentlicht. In einem Falle, den ich mit Dr. Klinger behandle, 
hat die beiderseitige, sehr deutliche Cataracta bei dem Gebratiche von Jodkalisalbe (wegen 
der hier sehr wohlthätigen Pupillenerweiterung mit 1 Gran Atropin versetzt) in Zeit von 
anderthalb Jahren nicht den mindesten Fortschritt gemacht. In zwei andern Fällen liess 
mich dieses Mittel trotz zeitiger und gehöriger (?) Anwendung im Stiche. — Ich übersehe 
nicht, indem ich diess niederschreibe, dass mancher Leser hier' Täuschung vermuthen 
wird. Hier kann nur eigene unbefangene und beharrliche Prüfung zur Überzeugung 
führen : a priori lässt sich in solchen Sachen nicht absprechen. 

Trübungen der Linse, der Kapsel oder beider zugleich, welche das 
Gesicht aufheben oder doch so beeinträchtigen, dass der Kranke durch 
glückliche Beseitigung derselben nur gewinnen kann, sind der Gegen- 
stand der operativen Hilfe, welche wir im nächsten Abschnitte einer 
ausführlichen Erörterung unterziehen wollen. 

Staaroperationen. 

Auf operativem Wege können wir den Staar durch verschiedene 
Methoden beseitigen, welche sich auf 3 Grundtypen zurückführen lassen. 
a. Der Staar wird durch eine seiner Grösse entsprechende Öffnung, die 
man der Cornea iSclera) beibringt, aus dem Auge entfernt, Ausziehung, 
Extractio caturaetae. b. Der Staar wird so in den Glaskörper ver- 
senkt, dass er aus dem Bereiche der Pupille verschwindet, Nieder- 
drückung oder Umlegung, Depressio vel Reclinatio, auch Dislocatio cata- 
raetae genannt, c. Die getrübte Linse wird durch Einschneiden oder 
Einreissen der vordem Kapsel dem Einflüsse des Kammerw T assers aus- 
gesetzt, damit sie allmälig verflüssigt und aufgesogen werde, Zerstück- 
lung, Discissio caturaetae. 

In allen Fällen, wo die vordere Kapsel gesund, wenigstens weder 



298 Krystalllinse. 

getrübt noch verdickt ist, wird immer nur die Linse extrahirt, dislocirt 
oder der Aufsaugung preisgegeben; die Kapsel bleibt an ihrem Orte, 
wenigstens in Verbindung mit der Zonula Zinnii und dem Glaskörper, 
und die Schwärze der Pupille wird eben nur dadurch hergestellt, dass 
die vordere Kapsel in Zipfel zerschnitten oder zerrissen, sich gegen die 
hintere Kapsel und Zonula hin zurückzieht (allmälig einrollt und zusam- 
menschrumpft), die hintere Kapsel aber ihre Ausbreitung und Durchsich- 
tigkeit auch dann behauptet, wenn sie durch den durch sie hindurch- 
gedrückten Staar zerrissen worden war. Die hintere Kapsel rückt im 
Allgemeinen nur etwas weiter vor, indem sie sammt der Glashaut der 
tellerförmigen Grube aus einer concaven zu einer ebenen Membran 
wird. — Der Kest des von der Linse verlassenen Kaunies wird nach 
erfolgter Heilung durch Kammerwasser ausgefüllt. Näheres hierüber bei 
Betrachtung der Veränderungen nach Staaroperationen. 

Die Nebenmethoden und Varianten, und die nöthig erscheinenden 
Bemerkungen über ihre Vor- und Nachtheile werden wir theils der 
Besprechung der Hauptmethoden anreihen, theils in die am Schlüsse 
folgenden geschichtlichen Notizen aufnehmen. 

1. Die Extraction. 

Unter Extractio cataractae versteht man gewöhnlich nur die Ent- 
fernung der verdunkelten Linse durch eine entsprechend grosse Öffnung 
der Hornhaut und der vordem Kapsel. Die Linse wird dabei nicht her- 
ausgesogen, sondern es werden bloss die Bedingungen gesetzt, dass die 
Linse herausgleiten kann, ohne dass das Auge mehr, als eben noth- 
wendig ist, verletzt wird. Eine förmliche Ausziehung, eine Hervorholung 
mit einem Häkchen oder mit einer Pincette wird nur in seltenen Fäl- 
len noth wendig, bei Catar. capsularis, membranacea, arida siliquata, 
cystica, wovon wir weiter unten besonders handeln werden. 

Gut operiren kann am Ende auch ein Routinier, verständig und mit 
Bewusstsein der Gründe, warum so und nicht anders, nur ein wohl 
unterrichteter und denkender Arzt. Daher schicken wir der Beschrei- 
bung des technischen Verfahrens einige allgemeine, auf Anatomie, Phy- 
siologie und Physik gestützte Betrachtungen voraus. 

1. Bestimmung der Momente zur Erreichung des vorgesteckten 
Zweckes. 

Das 1. Moment besteht in der schnittweisen Eröffnung der Augen- 
kammer. Die Grösse und Richtung der Hornhaut wunde richtet sich nach 
der Grösse und Consistenz des Staares. In der Kegel ist es nothwen- 
dig, die Hälfte der Hornhaut an ihrer Basis (innerhalb des Limbus con- 



Cataracta — Behandlung — Extraclion. 299 

jimctivae) zu durchschneiden, wodurch man eine halbkreisförmige Wunde 
bekommt, welche (in gerader Linie vom Anfangs- bis zum Endpunkte, 
in der Descemetschen Haut gemessen) 4'" lang und (beim stärksten 
Klaffen) etwa 2'" breit ist, also den gewöhnlichen Dimensionen der 
Linse entspricht. Da die Wunde durch schnelle Vereinigung heilen soll, 
so muss sie möglichst rein geschnitten und ohne Zacken sein. Zur Er- 
reichung dieses Zweckes, dem Staare eine adäquate Passage zu eröff- 
nen, ist es einerlei, ob die obere oder die untere Hälfte der Cornea in 
der angegebenen Weise durchschnitten, der Hornhautschnitt nach oben 
oder nach unten geführt wird. — Wo die Linse sehr weich oder an 
der Peripherie verflüssigt ist, kann die Wunde etwas kleiner (etwa auf 
2 /s der Basis) angelegt werden. Bei völlig oder nahezu flüssigen Staaren 
genügt ein einfacher Einstich von 2 — 3"' Länge. 

Wie genau auch bereits Richter und insbesondere Beer*) die Grösse und Form 
des Hornhautschnittes bestimmt haben, so hat doch in neuester Zeit Hasner den auf die 
Hälfte der Cornea angelegten Schnitt zu gross gefunden, und den Satz aufgestellt, dass 
„ein Schnitt von 3"' Breite stets ausreichen dürfte." Man braucht bloss zu wissen, wie 
lang eine Linie sei. und welchen Durchmesser die meisten cataractösen Linsen haben, um 
2U merken, was von einem solchen Vorschlage zu halten ist. Durch einen Schnitt, genau 
nach dieser Angabe gemacht, wird man kaum den Kern der Linse herausquetschen 
können. Wie ungerecht übrigens Hasner gegen den vielgetadelten Beer ist, wenn er 
sagt: „Gleize und. Beer haben gerathen, den Cornealschnitt so gross als möglich zu machen," 
ersieht man aus folgender Stelle in Beefs eben citirtem Buche: „Wenn der Hornhaut- 
schnitt vollkommen zweckmässig beschaffen sein soll, so muss er erstens hinlänglich 
gTOSS sein, um dem aus dem Auge tretenden Staare nicht das geringste Hinderniss 
in den Weg legen, zu können , und gross genug wird er sein, wenn er gerade die Hälfte 
der Hornhaut so nahe als möglich an ihrem Rande öffnet." 

Der Hornhautschnitt muss nahe am Bande der Hornhaut geführt werden, weil nur 
dann ein Klaffen der Wunde auf P/2 — 1'" möglich ist; einen zweiten Grund werden 
wir bei Betrachtung des Vorganges im 3. Momente kennen lernen. Man darf nicht 
vergessen, dass das Messer die gegen l 2 Linie dicke Hornhaut schräg durchläuft, mithin 
die Öffnung in der Descemetschen Haut überall um mehr als '/V" kleiner ausfällt, als 
an der Vorderfiäche der Hornhaut. Da die Hornhaut innerhalb des Limbus conjunctivae 
gemessen von einer Seite zur andern im Mittel 5'", von oben nach unten V/2'" hat, so 
ist unsere mit Beer u. A. übereinstimmende Angabe anatomisch begründet, wenn man 
nicht den Staar durch die Wunde durchpressen, die Iris quetschen, die Rindensubstanz 
abstreifen und überdiess noch Sprengung der Zonula und Glaskörperausfluss riskiren will. 

Innerhalb des Limbus conjunctivae soll der Schnitt desshalb geführt werden, weil 
dieser sich sonst bei Beendigung des Schnittes leicht ablöst, die Zipfel sich zwischen 
die Wundlefzen umschlagen und die schnelle Vereinigung vereiteln können. 

So wie das Kammerwasser nach dem Hornhautschnitte abfliesst, 
rücken Kapsel und Linse vorwärts, und nehmen den leer gewordenen 
Raum ein. Hiemit müssen auch, da man in der Regel keine Runze- 

*) Lehre von den Augenkrankheiten. Bd. II. S. 3>j7. 



300 Krystalllinse. 

lung (Collabiren) der Cornea oder Sclera bemerkt, die Durchmesser des 
Bulbus im Äquator vermindert worden sein. Der Glaskörper muss näm- 
lich der Linse folgen. Das Vorrücken der Linse setzt Ausdehnung der 
Zonula voraus. Erfolgt dieser Vorgang zu rasch oder gewaltsam, so 
kann BerstiiDg der Zonula und Glaskörperausfluss entstehen. Daher darf 
der Hornhautschnitt nie zu rasch oder unter Zerrung des Bulbus voll- 
endet werden. 

Das 2. Moment besteht in der Spaltung der vordem Kapsel in 
3—4 Zipfel. Austreten könnte die Linse auch durch einen einfachen 
Schlitz der Kapsel, wenn auch in der Regel minder leicht. Man kann 
auch annehmen, dass die einmal aufgeschlitzte Kapsel beim Vordringen 
der Linse von selbst nach mehreren Richtungen hin zerreissen würde. 
Was man indess durch positiven Eingriff sicher und ohne Nachtheil 
erreichen kann, soll man nicht dem Zufalle überlassen. Die Spaltung 
der Kapsel in 3 — 4 Zipfel ist vorzüglich wegen Verhütung von Cata- 
racta capsularis secundaria nothwendig. Nur Zipfel der Kapsel können 
sich nachträglich gegen die Peripherie hin zurückziehen. Die -f- förmig 
verlaufenden Schnitte brauchen nicht länger zu sein, als l J /2 — 2"'; durch 
das Andringen der Linse werden sie von selbst hinreichend vergrössert. 
Führt man die Schnitte zu weit gegen die Zonula hin, so kann diese 
verletzt und Glaskörperausfluss bewirkt werden. Nach Eröffnung der 
Kapsel tritt die Linse in der Regel noch um ein wenig mehr vorwärts, 
und die Pupille wird dabei etwas grösser. 

Das 3. Moment kann füglich als Entbindung der Linse bezeichnet 
werden. Wir wollen der Kürze wegen den Vorgang bei der Extraction 
nach unten beschreiben. Mutatis mutandis ist er bei dem Schnitte nach 
oben derselbe. 

Die erste Bedingung zum Austreten des Staares ist die, dass sich 
die Linse um ihre horizontale Achse drehe, so dass der untere Rand 
nach vorn und ein wenig nach oben rückt. Die zweite ist die, dass 
die Iris nachgebe, die Pupille sich erweitere und dass der Staar nicht 
von der Iris wie von einer Schleife oder einem aufgeblähten Segel um- 
fangen werde. 

Wenn Hornhaut und Kapsel in gehöriger Weise eröffnet sind, und 
auch von Seite der Iris keine Hindernisse obwalten, so pflegt der Staar 
oft ganz von selbst auszutreten, sobald man den Kranken das Auge auf- 
wärts wenden heisst. Die dadurch angeregte stärkere Contraction der 
Augenmuskeln ist die Ursache davon. (Vergl. B. I. S. 225.) Wo diess 
nicht ausreicht, muss mittelst des auf das untere Lid angelegten Zeige- 
fingers ein gelinder Druck auf den Bulbus ausgeübt werden, derart, 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 301 

dass man das untere Lid an die Sclera etwas unterhalb der Cornea 
und gegen das Centrum des Bulbus hin drückt. 

Was bei dem von Seite der Muskeln oder von Seite des Operateurs ausgeübten 
Drucke im Innern des Auges vorgehe, ist nicht schwer zu begreifen. Der Druck, der 
auf irgend einen Punkt der Oberfläche des Bulbus ausgeübt wird, trifft nicht mehr, wie 
hei uneröfl'neter Hornhaut, die gesammte Wandung des Bulbus, sondern bloss jene Partie, 
welche eben nachgiebig geworden ist, und so muss die untere Partie der Linse, und 
zunächst nur sie allein, vorwärts gedrängt werden. Das Gesetz der Schwere kommt 
hiebei gar nicht in Betracht ; daher erfolgt das Austreten der Linse durch einen nach 
oben gerichteten Hornhautschnitt eben so leicht, als nach unten. 

Wenn im 3. Momente der das obere Lid fixirende Gehilfe auf den Bulbus drückt, 
wenn der Kranke kneipt oder andere Muskelpartien krampfhaft zusammenzieht , z. B. die 
Arme des Operationsstuhles mit den Händen fest umklammert, und die Augenmuskeln 
synergisch in zu grosse Spannung gerathen , oder aber wenn der Operateur mit dem 
Drucke auf den Bulbus ein gewisses Mass überschreitet, so berstet die untere Partie 
der Zonula, und der ausströmende Glaskörper drängt die Linse aufwärts. 

Während man den Kranken aufwärts blicken lässt, oder die mangel- 
hafte Muskelcontraction durch gelinden Druck auf das untere Lid zu 
ersetzen bemüht ist, muss man sein Augenmerk vor Allem darauf rich- 
ten, ob der Staar sich um die Achse werfe, sich mit dem untern Rande 
gegen die Wunde einstelle. Wo diess nicht geschieht, prüft man noch- 
mals, ob nicht eines der genannten Hindernisse von Seite der Horn- 
haut, der Iris oder der vordem Kapsel iNichteröffnung derselben) die 
Ursache sei. Falls diess nicht der Fall ist, so suche man das Werfen 
des Staares dadurch zu vermitteln, dass man auf die obere Hälfte der 
Cornea mittelst eines Davielschen Löffels oder mittelst des obern Lides 
einen gelinden Druck ausübt, also die obere Hälfte des Staares etwas 
rückwärts drängt. 

Dieses Manöver, welches mir mit einem Male Aufschluss gab, worauf es im 3- 
Moment eigentlich ankomme, und warum bei Prof. Rosas Extractionen etwa unter 
40 Fällen nur einmal Glaskörperausfluss erfolgt, während wir hier in Prag früher kaum 
unter 10 Fällen 9 ohne dieses unwillkommene Ereigniss trotz aller Sorgfalt durchbrachten, 
lernte ich auf der Klinik des genannten Herrn kennen, als ich im Jahre 1846 mehreren 
seinen Operationen zusah. Rosas legt seine Sichelnadel in der Gegend des obern Randes 
der Linse an die Cornea. Ausfluss von Glaskörper ist nun auch an unserer Klinik eine 
seltene Erscheinung geworden. 

Wer die mechanischen Bedingungen für das Austreten der Linse 
erfasst hat, der sieht nun auch den zweiten Grund ein, warum der 
Hornhautschnitt nahe am Rande und demselben parallel (concentrisch) 
verlaufen soll, namentlich bei harten Staaren. Liesse man unten einen 
so breiten Rand von Hornhautsubstanz stehen, dass derselbe über den 
Rand der Linse vorragen möchte, so würde sich die Linse unten an 
diesen Vorsprung anstemmen, und sich schwer oder gar nicht zur 



302 Krystalllinse. 

Wunde einstellen, und im günstigsten Falle müsste die Iris mehr weniger 
gequetscht werden. 

Sobald die Linse im Durchschneiden begriffen, mit ihrem grössten 
Durchmesser in die Pupille getreten ist, muss jeder Druck vermindert 
und allmälig aufgelassen werden. Lieber setze man, falls er nicht wei- 
ter vorrückt, den Davielschen Löffel an den Rand an, und werfe ihn 
vollends heraus, oder man führe, wenn man sieht, dass einzelne Stücke 
sich ablösen und zurückbleiben wollen, dieses Instrument so ein, dass 
man diese sammt der Hauptmasse sogleich mit herausleiten kann. 

4. Moment. Sorge für Reinheit der Pupille und genaues Schliessen 
der Wunde. Zur Sicherung eines günstigen Ausganges ist dieses Mo- 
ment ebenso wichtig, als jedes der vorhergehenden für den momen- 
tanen Erfolg. 

Soll die Extraction die Vortheile, die man ihr zuschreibt, und zwar 
mit Recht, wirklich bieten, so muss die Linse so viel als möglich voll- 
ständig aus dem Auge entfernt werden. Davon überzeugt man sich zu- 
nächst durch Besichtigung des eben ausgetretenen Staares, durch Prü- 
fung der Pupille in Bezug auf ihre Schwärze, und nöthigen Falls durch 
Sehversuche. Wie diess zu geschehen habe, davon später, hier nur die 
Begründung. 

Beträchtliche Reste der Linse, im Auge zurückgelassen, können 
Veranlassung werden, dass Nachstaar (Catar. membranacea secundaria), 
Iritis mit Nachstaar oder Pupillensperre, Ausdehnung oder Sprengung 
der Hornhautwunde, Vorfall der Iris, Vereiterung eines Theiles oder der 
ganzen Hornhaut eintritt. 

Soll die Pupille nachträglich rein bleiben, so muss sich die vordere Kapsel aus dem 
Bereiche derselben zurückziehen. Beträchtlichere Eeste von Rindensubstanz, zwischen der 
vordem und hintern Kapsel liegend, können dieses Zurückziehen gegen die Peripherie ver- 
hindern, denn sie müssen nicht nothwendiger Weise resorbirt werden. Dafür gibt der so- 
genannte Krystallwulst in Augen, die der Extraction unterworfen waren, den augenschein- 
lichen Beweis. Der Befund in dieser Beziehung unterschied sich in Fällen, wo die Section 
2 — 3 Wochen nach der Extraction gestattet war, nicht wesentlich von jenen, die erst 
nach Monaten oder Jahren untersucht wurden. Es scheint, dass durch das Anlegen (An- 
schmiegen) der vordem an die hintere Kapsel die Auflösung solcher Keste im Kammer- 
wasser verhindert werden könne. Doch dürfte auch Entzündung und sofort Anlöthung 
der vordem Kapsel an die hintere, bevor noch deren Zurückziehung erfolgen konnte, 
mehr weniger Antheil daran haben. 

Die Linse, dem Kammerwasser ausgesetzt, quillt auf. Die Volumenzunahme erfolgt 
um so rascher, je grösser die Berührungsfläcbe mit dem Kammerwasser ist. Prof. Fr. 
Jäger pflegte in seinen Privatcursen zu sagen : Wirft man eine ganze und eine zer- 
schnittene Semmel in Wasser, so quellen beide auf, aber die letztere in gleicher Zeit 
weit mehr, als die erstere. Je beträchtlicher die nach der Extraction im Auge belassenen 
Linsenreste sind, desto beträchtlicher die Anschwellung. Das Anschwellen und die nun 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 303 

beginnende Resorption setzen erhöhte Gefässthätigkoit und vermehrte Ausscheidung von 
Kammerwasser, überhaupt einen Zustand, der von Entzündung vielleicht nur durch die 
Abwesenheit faserstoffigen Exsudates unterschieden ist. Bei der Besprechung der Discissio 
cataractae werden wir sehen, dass durch das Aufquellen der Linse allein Entzündung oder 
doch ein Zustand, der dieser sehr nahe steht, herbeigeführt werden kann. Dass diese 
Umstände in einem der Extraction unterworfenen Auge um so schwerer in die "Wagschale 
fallen, leuchtet von selbst ein. Entzündung der Iris, Sprengung oder doch Ausdehnung 
des die Hornhautwunde bereits verklebenden Exsudates (Keratokele) wird nach meiner 
Überzeugung oft auf diese "Weise hervorgerufen. 

Zurückgebliebene, von der Linse abgestreifte, sogenannte scabröse Reste werden, 
wenn sie nicht in der Falze, welche durch die vordere und hintere Kapsel an der Pe- 
ripherie gebildet wird, fest sitzen, über kurz oder lang gegen die Hornhautwunde, selbst 
aus derselben heraus gedrängt. Hieran scheint sich nicht so sehr die Schwere als die 
durch die Muskeln gesetzte Compression zu betheiligen, denn es macht nicht viel Unter- 
schied, ob der Schnitt nach oben oder nach unten geführt wurde. Man kann diesen Act 
mit der Expulsion der Nachgeburt (placenta) vergleichen. Vorfall der Iris, Sprengung 
der schon verklebten "Wunde, Vereiterung des Hornhautlappens entstehen nach meiner 
Überzeugung in vielen Fällen nur auf diese Art. Deval*) citirt eine Beobachtung von 
TVenzel d. Ä. , wo der im Auge zurückgelassene Linsenkern am 2. Tage nach der Ex- 
traction in der Lidspalte vorgefunden wurde. „Un jeune homme, vint en 1765 consulter 
mon pere ä Londres. Son oeil droit, qui etait affecte d'une cataracte dont la couleur 
etait extremement blanche, presenta dans l'ope'ration une circonstance assez singuliere. 
Des que la corne'e et la cristallo-anterieure furent ouvertes, et avant que la section füt 
tout-ä-fait acheve'e, il sortit par la pupille une matiere laiteuse qui, se melant ä l'humeur 
aqueuse et s'ecoulant avec eile par l'incision de la cornee, laissa voir la pupille aussi 
nette que celle d'un oeil dont on a extrait exactement le cristallin. On crut d'abord que 
c'etait la matiere meme du cristallin tombe' en suppuration ; le malade paraissait jouir 
de la vue; on lui presenta plusieurs objects assez petitz qu'il apercut et distingua par- 
faitement. On lui fit essayer un verre ä catararcte ainsi qu'on a assez souvent coutume 
de faire, mais il vit trouble ä la distance ordinaire, comme cela a lieu pour les yeux 
sains; ce fait parut fort etonnant. Au reste, il se coucha apres que son oeil eut ete 
couvert. Le lendemain, en levant Vappareil, on apercut un e'cartement produit par un 
corps oranger et qu'on reconnut facilement pour le cristallin lui-meme, qui ne paraissait 
point avoir rien perdu de sa transparence ; la maladie ne pouvait donc avoir eu son 
sie'ge que dans l'humeur de Morgagni, puisque le cristallin e'tait dans son etat naturel 
et pour la transparence et pour le volume. Le malade, apres sa gue'rison, d'apres les 
essais qui furent faits, ne vit plus que comme les autres personnes qui ont subi l'opera- 
tion, et il eut besoin de verres ä cataracte." 

"Wenn man, wie ich in den meisten Fällen es thue und thun muss, beide Augen 
in Einer Sitzung der Extraction unterwirft, und nur auf Einem Auge Iritis, Prolapsus 
iridis, Chemosis oder Panophthalmitis entsteht, so kann man wohl nicht Unruhe des Kran- 
ken oder allgemeine Ursachen (schlechte Constitution u. dgl.) supponiren. "Wenn übrigens 
demselben Operateur einer dieser Zufälle bald auf dem einen, bald auf dem andern, 
öfters sogar auf dem Auge begegnet, wo die Operation viel leichter vor sich ging, so 
kann man auch nicht wohl in mangelhafter Kunstfertigkeit den Grund suchen. Ich habe 
viel über die Ursachen dieser Zufälle nachgedacht, zahlreiche Fälle vor, während und 

*] Chirurgie ocnlaire, Paris 1844, S. 26 (Wenzel fils, Tratte - de la Cataracta, Paris 1786, p. 145). 



304 Krystalllinse. 

nach der Operation genau uotiren lassen und unter einander verglichen; ich bin zu 
dem Schlüsse gekommen, dass das Zurücklassen von Staarresten an und flir sich Anlass 
zu jenen Zufallen geben kann, obwohl mir auch mehrere Beobachtungen vorgekommen 
sind, wo aas Auge trotzdem gut durchkam. 

Mau folgere daraus nicht, dass icli der häufigen und wiederholten 
Anwendung des Davielschen Löffels damit das Wort rede. Ein hin- 
reichend grosser Hornhautschnitt und Abwarten der Reife des Staares 
(in dem S. 260 angegebenen Sinne) sind weit bessere Mittel, die Linse 
vollständig aus der Kapsel zu entfernen. 

2. Beschreibung des Vorganges vor, bei und nach der Operation. 

a. Vorbereitung mir Operation. Man wähle ein Zimmer, in welchem 
der Kranke vor Lärm, plötzlichem Schrecken u. dgl. möglichst gesichert 
ist. Operirt man im Winter, so versichere man sich vorher, ob nicht 
etwa Zurückschlagen des Rauches zu besorgen sei. In einem gegen 
Norden gelegenen Zimmer lässt sich am leichtesten eine gleichmässige 
Temperirung des Lichtes erzielen. Die Fenster werden mit 2 — 3fachen 
grünen oder grauen Vorhängen bedeckt. Der Grad der Verdunklung 
sei nur so stark, dass man nach einem Aufenthalt von einigen Minuten 
die Gesichtszüge des Kranken deutlich wahrnehmen kann. Das plötzliche 
Einfallen grellen Lichtes beim Offnen der Thüre muss durch ein ver- 
dunkeltes Vorzimmer oder durch Vorhänge vor der Thüre verhütet 
werden. Erneuerung der Luft muss ohne Störung der Verdunklung 
möglich sein. 

Das Bett muss so vorbereitet werden, dass der Kranke eine ruhige 
Lage mit nicht zu sehr erhöhtem Kopfe durch 5 — 6 Tage aushalten 
kann. Als Unterlage sind Rosshaarmatratzen das Zweckmässigste. Notk- 
wendige Utensilien sind eine Leibschüssel, ein Uringlas, ein feiner 
Waschschwamm, einige Leinwandflecke, so zugeschnitten, dass sie ein- 
fach zusammengelegt die Grösse einer Hand haben, eine schmale Binde 
zur Befestigung derselben über der Stirn, für den Fall einer Ohnmacht 
ein Analepticum, etwas Essig, frisches Wasser u. dgl. 

Eine verlässliche Wärterin, welche über die möglichen Zufälle bei 
der Nachbehandlung gut unterrichtet sein muss, und das Nachtwachen 
aushält, ist unumgänglich nothwendig. Nie vertraue man die Pflege des 
Operirten den Angehörigen oder Untergebenen desselben. Die ersten 
6 — 8 Tage ist es am besten, wenn ausser dem Arzte und der Wärterin 
Niemand mit dem Kranken verkehrt. 

Nie unternehme man die Extraction ohne einen gut unterrichteten 
und eingeübten Assistenten. Derselbe stellt sich hinter den Kranken, 
der auf einem Stuhle so sitzt, dass er, falls Glaskörperausfluss einträte, 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 305 

sogleich rücklings umgelegt werden kann. Er muss eine solche Stel- 
lung einnehmen, dass er mit etwas (über den Kopf des Kranken) vor- 
gebeugtem Kopfe das zu operirende Auge von obenher übersehen kann. 
Soll die Extraction am linken Auge vorgenommen werden, so fixirt er 
mit der linken Hand das obere Lid, und drückt mit der um das Kinn 
des Kranken geschlagenen Rechten den Kopf an seine Brust, diesen 
dem Operateur etwas entgegenneigend, und dem unwillkürlichen Streben 
des Kranken, sich vom Operateur wegzubeugen, gehörig entgegenwir- 
kend. Um das obere Lid gehörig, sicher und bleibend zu fixiren, legt 
er in dem Momente, wo der Operateur den Kranken anweist, gerade 
auf ihn zu schauen, und das untere Lid fasst, den Zeigefinger der ge- 
nannten Hand so an, dass die Gegend des 3. Gelenkes an die Augen- 
braue, die Spitze des Fingers an die Cilien kommt. Mit dem ersten 
Punkte wird die Augenbraue (die Portio major musculi orbicularis palp. 
und der Corrugator supercil.) über den Knochen hinaufgerollt und hin- 
reichend fest an diesen angedrückt, mit der Spitze des Fingers wird 
das eigentliche Lid sajnnit den Cilien berührt und so fixirt, dass es 
zwar höher zu stehen kommt, jedoch nicht vom Bulbus abgezogen und 
noch viel weniger an den Bulbus angedrückt wird. Im erstem Falle 
würde Luft in den Bindehautsack eintreten, diesen reizen und Reflex- 
actionen im Orbic. palp., Corrug. superc. und in den Augenmuskeln 
erregen; Druck auf den Bulbus führt leicht zu Glaskörperausfluss. Die 
Richtung und der Zug des Zeigefingers muss der Richtung und dem 
Zuge des Corrug. superc. entsprechen. Man lege daher die flache Hand 
in der Medianlinie oben an die Stirn an, und greife mit dem Zeige- 
finger nach unten und aussen vor, so dass der Zug dann von der Ge- 
gend des Foramen (der Incisuraj supraorbit. nach der Mitte der Stirn 
hin geschehen kann. Der Mittelfinger wird neben dem Zeigefinger an 
die äussere Hälfte des Lides gelegt, um diesen nötigenfalls zu unter- 
stützen. Die Finger werden nur massig gebogen, nicht geknickt, damit 
man keinen Schatten mache. So oft ein Moment beendet ist, wird das 
Lid locker gelassen. Schwitzen die Finger oder das Lid, so hülle man 
den Zeigefinger in ein kappenförmig umschlungenes dünnes Leinwand- 
läppchen. 

Auf diese Weise kann das Lid jederzeit sicher und zweckmässig fixirt werden. 
Augenlidhalter sind nach meiner Erfahrung durchaus überflüssig. Sie vermehren die Angst 
des Kranken, machen leicht Schmerz, und erregen stärkere Reaction von Seite der 
Muskeln. 

Der Kranke werde durch freundliche Zuspräche und Belehrung be- 
ruhigt. Man sorge dafür, dass er am Tage der Operation oder Tags 

Arlt Augenheilkunde; II. 20 



306 Krystalllinse. 

vorher eine Entleerung habe. Man lasse ihn etwa eine Stunde vor der 
Operation frühstücken. Er werde nicht zu lange in Erwartung gehalten. 
Tag und Stunde der einmal festgesetzten Operation sollen ohne triftige 
Gründe nicht abgeändert werden. In einem Zimmer, welches unmittel- 
bar vom Firmamente Licht erhält, kann man auch an einem trüben 
Tage operiren. Es ist sogar nachtheilig, wenn der Blick des Kranken 
nach dem Austreten des Staares auf sonnenbeschienene Stellen fällt. 
Wo die Fenster weit zum Boden herabreichen, lasse man die untern 
Scheiben verdecken. Es ist besser, wenn das Licht nur von Einem 
Fenster her einfällt. Der Kranke werde so gesetzt, dass das Licht über 
die linke oder rechte Schulter des vor ihm um ohngefähr einen halben 
Kopf höher sitzenden Operateurs her einfällt. Der Kranke sei zur Ope- 
ration nur mit den nöthigsten Kleidungsstücken angethan, und so, dass 
von diesen, wenn er zu Bette gebracht wird, auch jene* leicht entfernt 
werden können, welche die bequeme Lage, die Application der Leib- 
schüssel u. dgl. hindern könnten. Bei Frauenzimmern darf in dieser 
Beziehung auch auf die Zurechtlegung des Kopfhaares nicht vergessen 
werden. 

Wer das Auge der Gefahr gänzlicher Zerstörung aussetzt, übernimmt auch die 
"Verantwortlichkeit für Zufälle, die sich voraus besorgen lassen. Alles, was in Berück- 
sichtigung gebracht werden muss, aufzuzählen, ist weder möglich noch nöthig. Beispiels- 
weise will ich nur noch bemerken, dass ich einige Mal in die unangenehme Lage ge- 
kommen bin, Leuten, welche im Liegen durchaus nicht harnen konnten , den Catheter 
zu appliciren. 

Rücksichtlich der Iris wird noch eine Vorbereitung nothwendig. 
Man muss entweder die Pupille durch vorläufiges Einträufeln von Atro- 
pin- oder Belladonnaextractlösung gehörig erweitern, oder man muss 
die Augen durch eine halbe Stunde vor der Operation dem vollen 
Lichte aussetzen. Es ist bekannt, dass die Pupille eine Zeit lang nach 
dem Übergange in helleres Licht sich stark und energisch verengert, 
dann aber auch in hellem Lichte wieder die gewöhnliche AVeite an- 
nimmt. Ich ziehe die Anwendung dieses Gesetzes behufs der Extraction, 
damit sich die Iris bei der stärkeren Beleuchtung nicht gegen die an- 
dringende Linse stemme, im Allgemeinen der künstlichen Pupillener- 
weiterung vor. Nur wo das Durchfuhren des Messers durch die vordere 
Kammer wegen Ausbauchung der Iris nach vorn schwieriger ist, erwei- 
tere ich die Pupille, um beim Hornhautschnitte weniger Gefahr zu laufen, 
die Iris zu verletzen. 

Die Instrumente, die man bei der Extraction zur Hand haben muss r 
sind: zwei i?eer'sche Staarmesser, eine gerade zweischneidige oder eine 
JRosas'sche sichelförmig gekrümmte Nadel, ein ZWe/'scher Löffel; für 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 307 

besondere Zufalle : ein Irishäkehen, eine gerade und eine krumme Blömer- 
sche oder einfach gekerbte feine Pincette, eine kleine nach der Fläche 
gekrümmte Scheere. Das Staarmesser werde jedesmal, bevor man es 
in die Hornhaut einstösst, durch Einstechen in ein papierdünnes Stück 
Leder geprüft. Ist die Spitze gehörig beschaffen, so darf hiebei kein 
Geräusch entstehen. — Die verschiedenen Ophthal mostaten (Instrumente 
zur Fixirung des Bulbus) sind nach meiner Ansicht nicht nur über- 
flüssig, sondern auch nachtheilig, indem sie Schmerz und stärkere Re- 
action von Seite der Muskeln erregen. Sie können überdiess höchstens 
behufs der Fixirung während des Hornhautschnittes angewendet werden. 
Zur Anwendung von Schwefeläther, Chloroform oder von einer Mischung 
beider habe ich mich niemals entschliessen können, indem man nicht 
sicher sein kann, ob nicht Erbrechen oder convulsivische Muskelbewegun- 
gen nachkommen. 

b. Verrichtung der Extraction selbst. Soll das rechte Auge ope- 
rirt werden, so nimmt man die Instrumente in die linke, zur Operation 
des linken dagegen in die rechte Hand. Mit dem Zeigefinger der zwei- 
ten Hand wird das untere Lid abwärts gezogen und fixirt, dass es sich 
weder umstülpt noch beträchtlich vom Bulbus entfernt : die übrigen drei 
Finger werden leicht an die andere Hälfte des Gesichtes angelegt. — 
Wenn beide Augen in derselben Sitzung operirt werden sollen, so kann 
man zuerst an dem einen die Operation ganz zu Ende führen und das- 
selbe während der Operation des zweiten mit einem weichen Lein- 
wandbäuschchen bedecken, das der Assistent mit der um das Kinn 
herum geschlungenen Hand sanft andrückt; in der Regel wird es besser 
sein, nach dem 1. Momente auf dem einen dasselbe Moment auf dem 
andern Auge und so fort wechselnd bis zur völligen Reinheit der Pu- 
pille durchzuführen. Soll bloss ein Auge operirt werden, so verbinde 
man das andere, weil der Kranke dann die Bewegung des einen bes- 
ser in seiner Gewalt hat und der Anblick der Instrumente ihn nicht 
erschreckt. 

1. Moment. Sobald der Operateur sich in der angegebenen Weise 
vor den Kranken gesetzt hat, und der Assistent hinter diesem bereit 
steht, fasst er, wenn das linke Auge operirt werden soll, das Staar- 
messer in die rechte Hand, sagt dem Kranken, er möge gradaus schauen, 
fixirt in diesem Momente das untere Lid mit der linken Hand, und 
stösst sofort die Spitze des Messers in die Hornhaut ein. Die rasche 
Aufeinanderfolge dieser einzelnen Tempi ist nächst dem Vertrauen, das 
der Arzt dem Kranken durch sein Benehmen und durch die nöthige 

Aufklärung über die Operation eingeflösst hat, das beste Mittel, sich 

20* 



308 Krystallliiise. 

vor unruhigem Hin- und Herrollen des Bulbus zu schützen. Ich ziehe 
es vor, auch bei einer minder bequemen Stellung einzustechen, als durch 
oft wiederholtes Auffordern gerade die passendste Stellung erzwingen 
zu wollen. Um aber das Messer zweckmässig einstechen und bis zu 
Ende handhaben zu können, muss man das Messer, die Hand und den 
Arm in eine Lage bringen, welche den Übergang aus jeder Position in 
die nachfolgende möglich macht, ohne die Leichtigkeit und Sicherheit 
zu beeinträchtigen. Das Messer werde daher so in die Hand genommen, 
dass der Ballen des Mittelfingers an das vordere Ende, der des Zeige- 
fingers 1 — 1 i \i" davon entfernt, und der des Daumens an die entgegen- 
gesetzte Seite des Heftes ohngefähr in der Mitte zwischen jenen beiden 
zu liegen kommt. Diese drei Finger werden daher weder gestreckt, 
noch in irgend einem Gelenke spitzwinklig gebogen (eiü geknickt). 
Während nun der Oberarm wenig oder gar nicht vom Brustkorbe ent- 
fernt wird, legt man den Ring- und kleinen Finger an die linke Wange 
des Kranken so an, dass der Rücken der Messerklinge horizontal vor 
die Lidspalte zu stehen kommt. 

Durch stärkere Beugung des Zeige- und Mittelfingers im 2. und 3. 
Gelenke und Anziehung des Daumens gegen die Mittelband wird die 
Klinge so weit zurückgezogen, dass die Spitze an das Schläfeende des 
horizontalen Durchmessers der Hornhaut innerhalb des Limbus con- 
junctivae zu stehen kommt. Durch eine leichte Wendung der Hand zur 
Pronation wird das Messer so zur Hornhaut gestellt, dass man dieselbe 
an der bezeichneten Stelle beinahe senkreht durchbohren kann. So wie 
die Spitze des Messers in die vordere Kammer eingedrungen ist, wird 
das Messer durch eine leichte Drehung zur Supination (Wendung des 
Heftes gegen die Schläfe) so gestellt, dass die Fläche der Klinge paral- 
lel zur Ebene der Iris steht, indess ihr Rücken horizontal verläuft (die 
Spitze nach dem Ausstichspunkte am entgegengesetzten Ende der Horn- 
haut hinsieht). Durch raschen Übergang von Beugung zur Streckung 
des Mittel- und Zeigefingers und Abduction des Daumens von der Mit- 
telhand wird nun das Messer durch die vordere Kammer geführt, so 
dass es, wenn es hiebei von der angegebenen Lage zur Iris und zum 
horizontalen Durchmesser der Cornea nicht etwa abgelenkt worden ist, 
gerade am innern Ende dieses Durchmessers, und zwar noch vor dem 
Limbus conjunctivae herausdringen muss. Die Einhaltung dieser Lage 
der Klinge zur Iris macht es möglich, auch dann richtig auszustechen, 
wenn der Kranke das Auge so stark nach innen rollt , dass man den 
Ausstichpunkt nicht sehen kann. Die Anlegung der Hand mit der Dor- 
salfläche an die Wange des Kranken gestattet alle Übergänge von der 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 309 



Supination bis zur stärksten Pronation und umgekehrt, so dass man dem 
Auge immer in gleichem Abstände von demselben und mit grösster 
Leichtigkeit folgen kann, wenn es bald nach aussen, bald nach innen 
gewendet wird. 

So wie die Spitze im innern Winkel in die Cornea eingedrungen 
ist, hat man den Bulbus ganz in seiner Gewalt. Könnte man den Aus- 
stichspunkt nicht sehen, so dränge man, ohne die Klinge zurückzuziehen, 
das Heft ein wenig gegen die Schläfe, was bei der angegebenen Lage 
der Hand leicht möglich ist. Auf diese Art kann man den Bulbus gerade 
stellen, ohne vorzeitigen Ausfluss des Kammerwassers zu riskiren. Zeigt 
sich's dann, dass die Spitze über oder zu tief unter dem horizontalen 
Durchmesser steht, oder dass man jenseits des Hornhautrandes (im 
Limbus, in der Sclera, durch die Iris) oder zu weit diessseits (viel über 
l J2 w ) ausstechen würde, so ziehe man die Klinge, so viel als zur Be- 
freiung der Spitze nöthig erscheint, zurück und stosse diese an der ge- 
hörigen Stelle durch. Nach erfolgtem Ausstiche stelle man den Bulbus, 
wenu er zu weit einwärts gerollt ist, dadurch in die Mitte oder ein 
wenig einwärts, dass man das Heft etwas gegen die Schläfe drängt, 
ohne die Klinge zurückzuziehen. Sollte die Schneide von der vorge- 
zeichneten Operationsebene nach vorn oder nach hinten abweichen, so 
werde sie durch Drehung des Heftes vom oder zum Daumen gehörig 
gestellt, und erst dann werde das Messer durch weitere Streckung des 
Mittel- und Zeigefingers und Abduction des Daumens so weit vorge- 
schoben, bis der Schnitt vollendet ist. Die Beendigung des Schnittes 
geschehe eher langsam als zu schnell oder schnelzend, weil sonst leicht 
die Zonula gesprengt werden kann. 

Liefe man bei diesem Vorgange Gefahr, in die Nase einzustechen, so werde das 
Heft stärker gegen die Schläfe gedrängt. Könnte man mit der Klinge nicht weiter vor- 
dringen , weil der Mittelfinger an den äussern Orbitalrand anstiesse, so müsste man zu- 
nächst den Daumen, dann den Zeige-, endlich den Mittelfinger etwas weiter rückwärts 
am Hefte ansetzen, nicht aber, wie diess Anfänger gern thun, den Mittelfinger ganz 
vom Hefte entfernen. Denn mit zwei Fingern allein kann man das Heft nicht mehr fest 
halten und noch vielweniger sicher fortschieben. 

Dem Umbiegen oder Abbrechen der Messerspitze beim Einstechen beugt man am 
besten vor durch Wahl guter Instrumente und dadurch, dass man das Messer nicht 
unter einem zu grossen Winkel zur tangirenden Ebene des Einstichspunktes ansetzt. 
Wer einige Übung besitzt, kann die Klinge sogleich in der bezeichneten Operationsebene 
(durch die Basis corneae parallel zur Irisebene) ansetzen und einstechen, ohne desshalb 
Gefahr zu laufen, dass dasselbe eine zu lange Strecke oder gar durchaus zwischen den 
Hornhautfasern fortgleite. Diese Haltung beim Einstechen hat zugleich den Yortheil, dass 
man nicht so leicht durch zu tiefes Einsenken der Spitze die Iris ansticht. Wäre diess 



310 Krystalllinse. 

geschehen , so müsste man natürlich dasselbe sogleich, so viel als zur Befreiung der 
Spitze nöthig ist, zurückziehen. 

Dringt die Spitze (weil sie sich bei zu senkrechtem Einstiche umgebogen hat) im 
iiincrn Winkel nicht leicht heraus, so lege man den Mittelfinger von der andern Gesichts- 
hälfte herüber und drücke ihn am Ausstichspunkte an den Bulbus an. Fliesst vor Beendigung 
des Schnittes Kammerwasser ab, so wird die Iris vorgedrängt und schlägt sich gleichsam 
lim die Schneide des Messers herum. Ereignet sich dieser Zufall noch vor dem Ausstiche, 
so stehe man, wenn es nicht gelingt, die Spitze trotzdem zwischen Iris und Cornea zur 
erforderlichen Stelle vorzuschieben, lieber von der Operation ab. Schlägt sich die Iris 
nach erfolgtem Ausstiche um die Schneide, so drücke man während des Vorschiebens 
des Messers mit der Spitze des Mittelfingers so auf den untern Theil der Cornea, dass 
dieser abgeplattet wird, wodurch die Iris gewöhnlich zum Bückzuge bestimmt wird. 
Wird eine Portion aus dem kleinen Kreise der Iris ausgeschnitten, so ist gewöhnlich zu 
grosse Pupille (Coloboma) und Blendung des Operirten durch grelles Licht die Folge 
davon. Wird eine etwas grössere Partie aus dem grossen Kreise allein ausgeschnitten, 
so entsteht eine zweite Pupille, in welcher sich die Linse beim Austreten verfangen kann, 
wenn man nicht die Brücke zwischen den Pupillen spaltet, was (im 3. Momente) mit 
der Nadel oder mit einer Scheere geschehen muss. 

Ging der Schnitt unten so nahe an die Sclera, dass sich Bindehaut abschälte , so 
muss man diese vom Hornhautlappen mit einer Scheere knapp abschneiden, damit sie 
sich nicht in die Wunde hineinschlage. 

Nachträglich verbessern ( vergrössern ) lässt sich der Hornhautschnitt nur dann, 
wenn der Ein- oder der Ausstichspunkt zu tief unter dem horizontalen Durchmesser 
geschah. Man nehme eine nach der Fläche gekrümmte Scheere in die rechte Hand, 
führe einen Arm zwischen Iris und Cornea in der Richtung des Schnittes ein, und ver- 
längere denselben. Das Nämliche kann man, wenn auch minder leicht, mit dem Staar- 
messer erreichen ; mit diesem gelingt die Erweiterung eher nach aussen. 

Wird der Hornhautschnitt auf die angegebene Weise verrichtet, so bekommt man 
eine möglichst reine und gleichmässige, zackenlose Wunde, und das Auge wird nicht 
gezerrt. Immer ist die ganze Kraft nur gegen die Spitze gerichtet, nicht auf die Schneide. 
Je continuirlicher die Kraftanwendung, desto gleichmässiger der Schnitt, desto leichter 
das Aneinanderlegen der Wundlefzen. Den Schnitt durch Vorschieben, Zurückziehen und 
Wiedervorschieben vollenden heisst Sägen. Ausser Hasner S. 220 hat diess meines Wis- 
sens noch Niemand empfohlen. 

Nach Beendigung des Hornhautschnittes lässt der Gehilfe das obere, 
der Operateur das untere Lid aus, und der Kranke wird angewieseu, 
beide Augen so zu schliessen, als ob er schlafen wollte. Auf die Menge 
des abfliessenden Kamnierwassers muss man Acht haben, weil Fälle 
vorkommen, wo der Glaskörper so flüssig wie Wasser ist, und dieser 
Zustand nicht immer vor der Operation sicher erkannt werden kann. 
Wäre nun diess der Fall, so müsste man den Kranken ohne Weiteres zu 
Bette bringen, und in Erwägung- ziehen, ob die Fortsetzung der Opera- 
tion nicht etwa im Bette noch zulässig sei. Wie man sich bei Glas- 
körperausfluss zu benehmen habe, werden wir beim 3. Momente be- 
sprechen. Hätte sich die Iris vor die Wunde gelagert, so werde das 



Cataracta — Behandlung — Exlraction. 311 

geschlossene Auge leicht mit dem an das obere Lid angelegten Daumen 
sanft gerieben und dann geöffnet. Selten wird die Reposition mit dem 
Davielschen Löffel nöthig sein. Indess nun der Kranke die Augen ge- 
schlossen hält, reinige man das Keratom, tröste den Kranken allen- 
falls damit, dass das Schlimmste bereits überstanden sei u. dgl., trockne 
das etwa feucht gewordene untere Lid ab, und nehme die Staarnadel 
zur Hand. 

2. Moment. Indem man den Kranken anweist, beide Augen zu 
öffnen, fixirt der Assistent wieder das obere, der Operateur das untere 
Lid. Durch gelindes Andrücken des untern Lides an den Bulbus und 
Anweisung des Kranken, nach oben zu schauen, macht man die Wunde 
etwas klaffen. Die Nadel — ich bediene mich in der Regel einer zwei- 
schneidigen, spitzigen und geraden — wird ebenso gefasst, wie das 
Staarmesser, Oberarm und Hand werden in dieselbe Stellung gebracht, 
wie im ersten Momente, nur kommt die Hand etwas mehr unterhalb 
des Auges zu liegen. Bei diesem Vorgange kommt nun die Nadel, mit 
der einen Fläche dem Bulbus zugewendet, im iunern Winkel an das 
innere Ende des Hornhautschnittes zu liegen. Ihre Spitze sieht ohnge- 
fähr gegen die Glabella frontis, ihr Heft etwa gegen den Winkel des 
Unterkiefers. Nur aus dieser Position ist der Übergang in die zweite 
— gleich zu beschreibende — leicht möglich. So wie beim ersten Mo- 
mente vor Allem das frühzeitige Abfliessen des Kammerwassers vermie- 
den werden muss, so hat man sich im 2. Momente am meisten vor 
Anspiessimg der Iris zu hüten. Die Nadel darf daher nie mit der Spitze 
voraus in die Pupille eingeführt werden. Diess erreicht man, wenn 
man die in oben angegebener Weise gehaltene Nadel flach an den Horn- 
hautrand anlegt, und durch leichte Beugung des Mittel- und Zeigefingers 
und Adduction des Daumens gleichsam mit der Schneide und mit dem 
Halse voraus in die Wunde hereingleiten macht, bis ihre Spitze am 
obern Ende des senkrechten Durchmessers der Pupille angelangt ist. 
Hieniit ist das erste Tempo (die erste Position) beendet. Sollte das Auge 
zu stark nach innen fliehen, so kann man schnell die Rolle der Hände 
wechseln und die Nadel mit der linken Hand von der Schläfe her auf 
analoge Weise einführen. Dreht der Kranke das Auge stark nach oben, 
so muss der Assistent das obere Lid vom Bulbus abziehen und den 
Kopf des Kranken etwas rückwärts neigen, um dem Operateur die nöthige 
Einsicht möglich zu machen. 

Ist die Nadel oben in der Pupille angelangt, so wird durch eine 
halbe Pronation (Bewegung der Radialseite gegen die Nase des Kranken) 
die Nadel so gewendet, dass man ihre Schneide der Kapsel zukehrt. 



312 Krystalllinse. 

Sofort werden der Kapsel ein oder zwei verticale Schnitte beigebracht, 
nicht dadurch, dass man die ganze Hand bewegt, sondern nur durch 
rasche Biegung der die Nadel haltenden Finger, namentlich des Dau- 
mens im letzten Gelenke. Ist diess geschehen, so wird die Spitze der 
Nadel an die vordere Fläche der Kapsel angebracht, zwischen den Fin- 
gern vom Daumen zu den beiden andern gedreht, so dass die eine 
Fläche nach oben (und vorn) gerichtet ist, und am innern Ende des 
horizontalen Durchmessers der Pupille auf die Kapsel angesetzt, um 
auf ähnliche Weise einen oder zwei horizontale Schnitte auszuführen, 
indem die Hand ganz leichte Schwankungen zwischen Pronation und 
Supination macht. Ist diess geschehen, so kann man, wenn man recht 
sicher einen Kreuzschnitt (+) erlangen will, und der Patient ruhig hält, 
dasselbe Mannöver auch von der Schläfe her vornehmen. Ist die Spal- 
tung beendet, so wird die Nadel gegen den Unterkietervvinkel hin, also 
mit dem Halse voraus, entfernt. 

Bei diesem Vorgange hat man nicht nöthig, die Wunde so weit zu lüften, dass 
Luft einträte, was übrigens nicht viel zu bedeuten hat. Man hüte sich, die Nadel zu 
weit gegen die Zonula Zinnii hinzuführen. Mit der Spitze der Nadel nach Beendigung 
des verticalen Schnittes wieder an die Vorderfläche der Kapsel zu kommen , erfordert 
einige Übung, und ist doch nothwendig, weil sonst die Kapsel leicht ausweicht, und 
dann horizontal nicht eingeschnitten wird. Man hüte sich vor jeder Kraftanwendung, 
und namentlich bei harter Linse vor Druck auf dieselbe. Verschiebung derselben und 
daher schwieriger Austritt im 3. Momente kann ebenso leicht, ja noch viel leichter die 
Folge sein, als Sprengung der Zonula und Glaskörperausfluss. Die Iris soll weder an- 
gestochen noch gequetscht werden. Blutung und gehinderte Einsicht, Schmerz und Un- 
ruhe des Kranken, nachträglich Entzündung können laut Erfahrung die Folgen davon 
sein. Wenn Hasner S. 221 die Jris für unempfindlich hält, so ist das heutzutage wohL 
eben nur seine Meinung. 

Sind hinlere Sipiechien vorhanden, so müssen diese im 2. Momente 
mit der Nadel gelöst werden, indem man die Kapsel concentrisch mit 
dem Pupillarrande einschneidet. Das bei Catar. accreta zu beobachtende 
Verfahren geben wir weiter unten an. 

Ist vorderer Kapselstaar vorhanden (siehe S. 261), so ist an Zer- 
schneidung der Kapsel gar nicht zu denken, da diese dann hiezu viel 
zu derb und zäh ist. Da solche Trübungen jedoch nur höchstens bis 
zur Insertionsstelle der Zonula hinreichen, so führe man statt der Nadel 
ein Irishäkchen ein, die Convexität voraus, pflanze nach einer halben 
Drehung (Pronationsbewegung) die Spitze desselben am obern Rande 
der getrübten und verdickten Partie ein, und ziehe sodann die ganze 
Platte heraus. In manchen Fällen folgt diesem Zuge nicht nur die vor- 
dere, sondern auch die hintere Kapsel sammt der Linse, wenn nämlich 
in Folge von Schrumpfung der vordem Kapsel die Verbindung des- 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 313 

Krystallkörpers mit dem Ciliar- und Glaskörper gelockert oder getrennt 
ist. Obwohl es bisweilen geschieht, dass bei dieser eigentlichen Extrac- 
tion der vordem Kapsel allein oder selbst des ganzen Krystallkörpers 
kein Glaskörper nachfolgt, so steht diess doch immer zu besorgen, und 
ich verrichte daher, seit ich im Stande bin, den vordem Kapselstaar 
vor der Operation zu erkennen, diese gewöhnlich so, dass ich den 
Kranken im Bette liegen lasse, und mich, wenn das linke Auge operirt 
werden soll, an die rechte Seite des Kranken stelle. 

Die Verrichtung der Extraction bei Rüchenlage des Kranken im Bette ist allerdings 
etwas schwieriger für den Operateur, jedoch in manchen Fällen unumgänglich nothwen- 
dig, in andern von übenviegendem Vortheile. Kranke, welche sehr corpulent sind, ver- 
krüppelte Extremitäten haben u. dgl. sind nach vollendeter Extraction mitunter sehr 
schwer zu Eette zu bringen. Kranke, welche sehr ängstlich sind, deren Muskeln bei 
jedem Versuche, das Auge mit dem Instrumente zu berühren, in krampfhafte Zusammen- 
ziehung gerathen, werden oft dadurch, dass man sie sogleich oder nach dem 1. oder 2. 
Momente zu Bette bringt, viel ruhiger. Kranke endlich, bei denen mehr weniger Grund 
vorhanden ist, Verflüssigung des Glaskörpers anzunehmen, bringe man gleich Anfangs zu 
Bette. Was Hasner, der den Einfluss der Augenmuskeln auf die Contenta des Bulbus, 
die Vis a tergo und folglich auch die synergische Contraction derselben in Abrede stellt, 
für einen Grund hat, die Rückenlage des Kranken zu empfehlen (S. 219), ist uns in der 
That unbegreiflich; denn das Gesetz der Schwere ist, wie schon A. G- Richter bemerkt 
hat, beim Austreten der Glasfeuchtigkeit gar nicht in Anschlag zu bringen. Dieser Zufall 
erfolgt bei dem Hornhautschnitte nach oben eben so leicht, wie bei dem nach unten, 
wenn man seine Ursachen nicht kennt und ihm nicht vorzubeugen weiss. 

Im 3. Momente hat der Operateur nur wenig oder gar nicht direct 
einzugreifen. Bisweilen, namentlich wenn der Staar weich ist, und der 
Kranke die Muskeln stärker wirken lässt, wird der Staar schon nach 
einfacher Schlitzung der vordem Kapsel herausgedrängt, in welchem 
Falle dem Bestreben, die Lider zu schliessen, weiter kein Widerstand 
entgegen gesetzt werden darf. 

Hat der Kranke nach Eröffnung der Kapsel einige Secunden aus- 
geruht, und der Operateur die Nadel und sodann das untere Lid abge- 
trocknet, so wird der Davielsche Löffel zur Hand genommen, so dass 
der Ballen des Mittelfingers noch vor dem Hefte an die convexe Seite 
desselben zu liegen kommt, mithin bei Anlegung der Hand mit der 
Dorsalfläche des Bing- und kleinen -Fingers an die Wangenbeingegend 
dieses Instrument in der Gegend des äussern Wundwinkels in Bereit- 
schaft gehalten wird, die Panne nach vorn und innen gerichtet. Erfolgt 
das Werfen der Linse um die horizontale Achse nicht schon in Folge 
stärkeren Aufwärtsrollens des Bulbus oder gelinden Druckes mittelst 
des untern Lides auf denselben, so drücke man mittelst des Davielschen 
Löffels leicht auf die obere Partie der Hornhaut. Bevor man jedoch 



314 Krystalllinse. 

irgend einen Druck auf den Bulbus übt, muss man sicher sein, dass 
man die Kapsel gehörig eröffnet; hintere Synechien gelöst, den Horn- 
hautschnitt nicht zu klein gemacht und den Staar nicht zur Seite ver- 
schoben hat. Durch unzweckmässigen Druck kann man auch im 3. Mo- 
mente erst die Linse luxiren. Die Verschiebung der Linse gibt sich 
bald dadurch kund, dass bei Verstärkung des Druckes die Linse sich 
nicht nur nicht wirft, sondern durch den gegen die Wunde andringen- 
den Glaskörper noch mehr zur Seite gedrängt wird, aufsteigt. So wie 
man diess bemerkt, ist es am besten, den Kranken zu Bette zu bringen. 
Dasselbe hat man zu thun, wenn bereits Glaskörper in die Augenkam- 
mer oder vor die Wunde tritt. — Wo diess nicht der Fall ist, und der 
Staar sich gehörig einstellt, hat man den allenfalls nöthigen Druck nur 
bis zum Durchschneiden der Linse durch die Pupille zu verstärken, 
dann aber allmälig zu vermindern. Den zur Hälfte entwickelten Staar 
kann man durch Anlegung des Löffels an den Schläferand nach innen 
und unten herabstreifen. Sieht man, dass sich oberhalb des Kernes 
Stücke ablösen und zurückbleiben wollen, so kann man den Löffel vom 
äussern Winkel her über den Staar hinaufführen, und den Staar mit 
Einem Male austreten machen. Verfängt sich die Linse unten an der 
Iris, so nehme man statt des Löffels die Nadel zur Hand, und spalte 
lieber die Iris vom Papillär- zum Ciliarrande, ehe man diese Membran 
zu grosser Ausdehnung und Zerrung preis gibt. 

Wo Glaskörperausfluss droht oder schon eintritt, lasse man die Augen sogleich 
schliessen, und den Kranken vom Assistenten rücklings auf das vorgehaltene Knie und 
an die Brust umlegen. Selten wird es gerathen sein, noch vor dieser Umlegung sogleich 
den Davielschen Löffel von unten her so einzuführen, dass man zwischen der Iris und 
dem untern Rande des Staares eindringt, und mit der an dessen hintere Fläche an- 
gedrückten Rinne desselben den Staar herausholt. Lieber lege man ein locker zusammen- 
geballtes Tuch auf das Auge, lasse es vom Assistenten gelind an dasselbe andrücken, 
und den Kranken ins Bett tragen. Die Hervorholung des Staares geschehe dann auf die 
angegebene Weise oder, wobei die Linse nicht so an die Iris und Cornea angedruckt 
zu werden braucht, mittelst eines gleich dem Davielschen Löffel eingeführten Irishäkchens, 
dessen Spitze an die hintere Fläche der Linse eingepflanzt wird. 

Nur wenn die Menge des abgeflossenen Glaskörpers nicht mehr als etwa '/s der 
ganzen Masse beträgt, lässt sich noch Wiederherstellung des Sehvermögens erwarten. 
Wo demnach die Beseitigung der Linse mit' noch mehr Verlust dieser Flüssigkeit droht 
lasse man dieselbe lieber im Auge zurück. Es ist eine sehr interessante Thatsache, dass 
der zwischen den Wundlefzen heraushängende Glaskörper an und für sich die Heilung 
der Wunde ohne Eiterung nicht unmöglich macht. Daher ist es überflüssig, die aus der 
Wunde vorragende Partie abzuschneiden, und vergeblich, sie reponiren zu wollen. Bei 
dem einen wie bei dem andern riskirt man überdiess noch weitern Vorfall. Da der 
Glaskörper die Kapsel seitwärts drängt, so schützt dieser Zufall vor Kapselnachstaar. 
Desshalb aber nach vollendeter Extraction absichtlich durch einen Einstich in die teller- 






Cataracta — Behandlang — Extraction. 315 

förmige Grube Glaskörperabfluss zu bewirken , wie Einige gerathen haben , lässt sich 
wohl nicht rechtfertigen. Denn abgesehen davon, dass nach Glaskörperabfluss immer Ver- 
ziehung der Pupille mit vorderer Synechie entsteht, und dass der Kranke nach der Operation 
die Rückenlage viel strenger und länger (durch mindestens sechs Tage) beobachten muss: 
die Vereinigung per primain intentionem wird dadurch an und für sich mehr in Frage 
gestellt. Zur Verhütung von Kapseln achstaar besitzen wir übrigens minder gefährliche 
Kunstgriffe, die gehörige Spaltung der Kapsel und die möglichst vollständige Beseitigung 
des Staares selbst. 

4. Moment. In der Regel erkennt man schon unmittelbar nach 
dem Austreten der Linse, ob dieselbe vollständig abgegangen sei oder 
nicht. Bisweilen zeigt sich's jedoch nach einer kleinen Pause, dass die 
Papille nicht so rein ist, als es beim ersten Anblicke geschienen hatte. 
Zurückgebliebene Eeste senken sich allmälig gegen die Öffnung (werden 
hin gedrängt), wenn sie nicht an der Kapsel, besonders in der Falze 
an der Peripherie haften. Es ist daher jederzeit gerathen, wo man nicht 
vollkommen überzeugt sein kann, dass die ganze Linse abgegangen ist, 
ein AVeilchen zu warten, bevor man den Verband anlegt. 

Um das Auge nach Abgang der Hauptmasse nicht zu starkem Lichte 
auszusetzen, werde dasselbe beschattet oder verdeckt. Wo nach dem 
3. Momente auf dem linken Auge noch dasselbe Moment auf dem rech- 
ten vorzunehmen ist, lege man während dessen einen leicht geballten 
Leinwandfleck auf das linke Auge und drücke ihn mit dem Mittel- und 
Ringfinger der rechten Hand sanft an das Auge an; oder lasse diess 
vom Assistenten tlmn (mit der um's Kinn geschlagenen Hand). 

Wenn sodann die Besichtigung der Pupille oder der Linse zeigt, 
dass noch beträchtliche Reste zurückgeblieben sind, müssen diese nach 
einer kurzen Pause herausbefördert werden. Diess kann auf zweierlei 
Art geschehen. Die sanfteste ist die, dass der Operateur mit dem Zeige- 
finger der linken Hand leicht von unten her auf das untere Lid drückt, 
und mit dem an das obere Lid flach aufgelegten Daumen sanft von 
oben, innen und aussen her streicht, die an der Peripherie sitzenden 
Reste gegen die Pupille und gegen die Wunde hin drängt. Kommt man 
so nicht zum Ziele, so nehme man den Davielschen Löffel zur Hand. 
Dieser wird vom äussern Winkel her so eingeführt, dass seine Rinne 
nach vorn sieht. Ist die Spitze oben am Pupillarrande angelangt, so" 
wird er zwischen den Fingern so gedreht, dass die Rinne nach unten 
und innen gerichtet ist. Indem man ihn nun hebelartig um den Punkt 
dreht, wo er zwischen den Wundlefzen liegt, und das Heft gegen das 
Ohrläppchen hin senkt, gleitet das vordere Ende desselben mit seiner 
nach oben und ein wenig nach vorn gerichteten Wölbung an der con- 
caven Fläche der Cornea herab (sich an diese anschmiegend), ohne 



316 Krystalllinse. 

dass die Iris gequetscht oder die Wunde stark gelüftet wird. Wären 
liiebei oder schon früher Luftblasen eingetreten, so werden diese am 
leichtesten auf die oben angegebene Weise mittelst des an das obere 
Lid angelegten Daumens herausgestrichen. — Ob und wie oft man mit 
dem Davielschen Löffel einzugehen habe, muss in jedem speciellen 
Falle wohl erwogen werden. Bei unruhigen Kranken kann man damit 
leicht schaden, die Iris oder Cornea quetschen, Glaskörperausfluss be- 
wirken u. dgl. Es können Fälle vorkommen, wo die Belassung scabröser 
Beste im Auge das kleinere, mithin vorzuziehende Übel ist. — Stücke 
der Kapsel, welche in die Pupille hereinragen, mit einer fein gezähnten 
Pincette zu fassen und auszuziehen , darf man nur bei liegender Stel- 
lung des Kranken wagen. 

Die Vornahme von Sehversuchen hat nach dem, was ich darüber 
beobachtet habe, keine Nachtheile, im Gegentheile mehrere nicht uner- 
hebliche Vortheile für den Kranken und für den Operateur, sofern man 
sie nicht zu weit treibt und bei temperirtem Lichte vornimmt. Das 
Licht muss dabei vom Bücken oder doch von der Seite her einfallen. 
Man überzeuge sich, ob der Kranke in der gewöhnlichen Sehweite die 
Finger, ein Taschentuch u. dgl. erkennt; will man noch weiter gehen, 
so lasse man nach einer kleinen Pause die Höhe des Wasserstandes in 
einem vorgehaltenen Glase mit dem Finger bezeichnen. Das Nicht- 
genauerkennen hat mich zur nochmaligen Besichtigung der Pupille be- 
bestimmt, und ötters noch ein mechanisches Hinderniss erkennen lassen. 
Oft zieht sich die Iris erst bei den Sehversuchen in ihre normale Lage 
zurück, die Pupille wird eng, und die Wundränder legen sich genau 
aneinander. Für den Kranken ist es eine grosse Beruhigung zu wissen, 
dass er sieht, und gut sieht; viel leichter erfüllt er dann den beschwer- 
lichsten Theil seiner Aufgabe, das ruhige Liegen. Die neu bestärkte 
Hoffnung gibt ihm Kraft und Ausdauer, die Wunde heilt leichter, als 
bei gedrückter Gemüthsstimmung. Übermässige Äusserung der Freude 
lässt sich leicht moderiren. Auch nach der besten und glücklichsten 
Operation kann der Erfolg selbst ohne nachweisbare äussere Veranlas- 
sungen im Verlaufe der Nachbehandlung vernichtet werden ; der momen- 
tane Erfolg schützt den Arzt wenigstens rücksichtlich der Operation selbst 
vor ungerechten Vorwürfen. 

Das genaue Anschmiegen der Wundränder an einander kann ver- 
hindert werden : durch kleine halbdurchsichtige Linsenpartikelchen, durch 
die vorgefallene Iris, durch Blutgerinnsel, durch Anstossen des Lappens 
an den Lidrand. Nach der Extraction weicher Staare senken sich bis- 
weilen scabröse Beste hiuter der Iris, und drängen diese und den Hörn- 



Cataracta — Behandlung — Exlraction. 317 

hautlappen etwas vorwärts. — Es wird nicht schwer sein, die Gegen- 
wart solcher Hindernisse zu erkennen. Linsenstückchen zwischen den 
Wundlefzen werden mit dem Davielschen Löffel abgestreift. Nebenbei 
sei auch bemerkt, dass man nachsehen müsse, ob nicht etwa Staar- 
stücke (oder Augenwimpern) in den Bindehautsack gerathen sind, wo 
sie nach Anlegung des Verbandes als fremde Körper reizen würden. 
Die vorgefallene Iris weicht entweder nach einigem Zuwarten von selbst, 
oder nach Vornahme der Sehversuche zurück. Diesen Effect kann man 
auch dadurch erzielen, dass man die flache Hand an die Stirn und den 
Daumen leicht auf das obere Lid anlegt, den Bulbus sanft reibt und 
das Lid dann emporhebt. Erst wenn diese Mittel nichts fruchten, wähle 
man die Reposition mittelst des Davielschen Löffels. Wurde die Iris 
angeschnitten oder der Schnitt zu nahe an der Sclera geführt, so ent- 
steht Bluterguss, und das Gerinnsel legt sich gern in die Wunde. In 
einigen Fällen habe ich auch Blutung beobachtet, ohne dass die Iris 
nur im mindesten verletzt und wo der Schnitt noch ganz gewiss inner- 
halb des Liinbus conj. geführt worden war. Man fasse das Blutgerinnsel 
mit einer Pincette. Steht der Hornhautlappen ab, weil die Iris vorwärts 
gedrängt ist, so drücke man die hinter der Iris angesammelten Staar- 
reste mittelst des untern Lides aufwärts zur Pupille, und entferne sie 
mit dem Davielschen Löffel. Wo Glaskörperausfluss zu besorgen steht, 
bringe man jedoch den Kranken lieber erst zu Bette. Ein solcher Stand 
des untern Lides zur Hornhautwunde, dass die innen scharfe Kante 
desselben an den Hornhautlappen anstösst, lässt sich voraus erkennen, 
und man muss -desshalb lieber den Hornhautschnitt nach oben machen, 
oder ihn so führen (etwas tiefer oder höher), dass man diesem fatalen 
Zufalle, dessen Folge gewöhnlich Hornhautvereiterung ist, möglichst 
vorbeugt, oder man muss wo möglich gar nicht extrahiren. Wird der 
Fehler erst nachträglich erkannt, so lasse man den Kranken das Auge 
wie zum Schlafen schliessen, indem man das untere Lid ein wenig ab- 
gezogen hält, oder man lasse den Kranken etwas abwärts blicken und 
lege das untere Lid entsprechend an, ehe der Kranke das Auge völlig 
schliesst. Wenn nach dem Abflüsse des Kammerwassers die Linse nicht 
vorwärts rückt, so wird die Cornea durch die Atmosphäre eingedrückt, 
eine Erscheinung, welche nach erfolgtem Austritte der Linse noch deut- 
licher auftritt. Ob die Ursache in mangelhafter Contraction der Mus- 
keln liege oder in Eigidität der Zonula und der hintern Kapsel, weiss 
ich nicht. Ich habe diese Erscheinung nur bei mehr gealterten und 
hagern Individuen beobachtet. Durch entsprechende Compression des 
Bulbus kann man sie momentan verschwinden machen. Sie vereitelt 



31 8 Krystalllinse. 

den Erfolg nicht noth wendig, indem viele Augen trotzdem ganz gut 
durchkommen. Sieht man, dass dieser Zufall das Anschliessen der Wund- 
ränder verhindert, so ist es vielleicht erlaubt, die hintere Kapsel, nach- 
dem der Kranke zu Bette gebracht ist, mit der Staarnadel einzustechen. 
Die Kammer füllt sich mit Glaskörper und die Wunde schliesst sich, 
wenn jener sich nicht in dieselbe hineindrängt. 

c. Verband und Nachbehandlung. Hat der Kranke bei gehörig adap- 
tiven Wundrändern das Auge geschlossen, so soll er es nicht mehr 
öffnen. Man verklebe nun beide Augen mit Streifen englischen Pflas- 
ters, 3 — 4'" breit, \" lang, so eingeknickt, dass der Bug an die Lid- 
spalte, '/s an das obere, 2 /3 an das untere Lid zu liegen kommen. Der 
innere Winkel und 3 — 4" y davon nach aussen müssen unbedeckt bleiben, 
damit nachher der Abfluss der Thränen leichter gestattet sei. Auf der 
Stirn werden mittelst einer um den Kopf geführten und über der Stirn 
zu knüpfenden Binde zwei doppelte Leinwandcompressen so befestigt, 
dass sie über die Augen herabhängen und sich an die Nase und Wange 
anschmiegen. Sofort wird der Kranke unter Vermeidung stärkerer Mus- 
kelanstrengung zu Bette gebracht. Dieses soll nicht zu hoch sein, da- 
mit sich der Kranke nach Ablegung der unuöthigen Kleidungsstücke 
rücklings in die Mitte desselben setzen kann. Während er sich auf die 
Oberextremitäten stützt, lasse man ihm durch den Wärter die Unter- 
extremitäten hineinheben. Der Kopf darf nicht zu hoch gelagert wer- 
den. Wird der Kopf zu weit rückwärts gebeugt, so entsteht leicht Aus- 
trocknung des Halses und Husten. Die Füsse dürfen nicht unten ange- 
stemmt, die Hände nicht unter das Kreuz oder den Kopf geschoben 
werden. Träte Reiz zum Niesen ein, so drücke der Kranke den Ballen 
des Daumens rückwärts von den Schneidezähnen (in der Gegend des 
Foramen iueisivum) an den harten Gaumen. Will er trinken, so schiebe 
der Wärter eine Hand unter den obersten Polster, um den Kopf leicht 
dem Trinkgläschen entgegen zu heben. 

Die ersten acht Tage sei die Nahrung nicht nur leicht verdaulich, 
sondern auch so beschaffen, dass sie nicht viel gekaut zu werden braucht. 
(Ich zweifle, dass Operateure, welche den Einfluss der Augenmuskeln auf 
die Gontenta des Bulbus in Abrede stellen, den Kranken gleich in der 
ersten Zeit Nahrungsmittel verabreichen werden, welche die Kaumus- 
keln stärker in Gebrauch nehmen.) 

Man gehe nicht von der Ansicht aus, dass Entzündung durch strenge 
Diät, Vermeidung aller Fleischspeisen u. s. w. vermieden, oder dass sie 
an und für sich durch Fleischkost erregt werden könne. Da aber der 






Cataracta — Behandlung — Extraction. 319 

Kranke ruhig liegt, so braucht er auch weniger, und die Verdauung 
kann leichter als sonst gestört werden. 

Merkt man, dass der Kranke die ununterbrochene Rückenlage nicht 
vertragen und sie heimlich selbst zu ändern versuchen würde, so setze 
man ihn lieber, wenn nur die ersten 48 Stunden vorbei sind, vorsichtig 
auf, wobei man ihn zweckmässig unterstützen und sich anlehnen lässt. 
Haben die Kranken den 3. Tag überstanden, so wird ihnen das Liegen 
gewöhnlieh minder schwer. Vor dem 6. Tage ist es nicht räthlich, den 
Kranken aus dem Bette zu nehmen, und vor dein 10. nicht, ihn her- 
umgehen zu lassen. Vor dem 14. Tage habe ich noch keinen Kranken 
in's Freie gehen, und vor dem 18. Tage noch keinen aus der Behand- 
lung austreten lassen, wenn auch manche sich dazu schon am 14. Tage 
zu eignen schienen. 

Die Compressen müssen so oft mit frischen vertauscht werden, als 
zu besorgen steht, dass sie durch Eintrocknen des Secretes fester an- 
kleben würden. Die Pflasterstreifen werden erst nach 5 — 6 Tagen mit 
lauem Wasser aufgeweicht und sammt dem die Cilien verklebenden 
Secrete sanft abgewaschen. Bei Abnahme des Verbandes muss überhaupt 
jeder Druck und jede unsanfte oder unvermuthete Berührung des Auges 
vermieden werden. 

Die Verklebung der Wunde erfolgt in 24—48 Stunden. Sie geht, 
wie ich aus einigen wenige Tage nach der Operation zur Section ge- 
kommenen Bulbis entnehmen konnte (von Kranken, die an Dysenterie 
oder Pneumonie gestorben waren) von der Mitte der Hornhaut aus; in 
der Descemetschen Haut und an der Vorderfläche erfolgt die Vernar- 
bung zuletzt. Der die Verklebung vermittelnde Faserstoff kann durch 
zurückgebliebene Linsenreste oder durch mechanische Einflüsse ausge- 
dehnt, selbst gesprengt werden. In letzterem Falle fliesst das Kammer- 
wasser ab, und es erfolgt Anlagerung der Iris an die Wunde oder Vor- 
fall derselben, weiterhin Wiedervereinigung mit Einheilung einer Iris- 
partie in eine mehr weniger breite Hornhautnarbe, oder Eiterung mit 
Vernichtung eines Theiles oder der ganzen Hornhaut, des ganzen Bulbus. 
Die blosse Ausdehnung der verharschten Wunde erscheint als darm- 
ähnlicher halbdurchsichtiger Wulst, den man Keratokele genannt hat. 
Ausserdem kann Entzündung der Iris durch dieselben Momente, durch 
Verletzung derselben bei der Operation, durch übermässiges Licht, durch 
unzweckmässig und vorzeitig angestellte Sehversuche, durch innere, 
nicht näher bestimmbare Ursachen herbeigeführt werden. Der Eintritt 
solcher Zufälle von Seite der Wunde ist nur bis zum 8. — 10. Tage zu 
fürchten,- Iritis kann auch in der 3. — 4. Woche, überhaupt so lange 



320 Krystalllinse. 

nachkommen, als das Auge noch in einem gereizten Zustande verharrt, 
zumal wenn der Operirte sich zu starkem Lichte aussetzt, oder seine 
»Sehkraft an kleinen oder glänzenden Gegenständen prüft. Das recht- 
zeitige Erkennen solcher Zufälle ist eben so wichtig, da sich viele dann 
noch beseitigen oder unschädlich machen lassen, als schwierig, wenigstens 
in der ersten Zeit, wo der Verband noch nicht ohne Gefahr, die Wunde 
zu sprengen, abgenommen werden kann. Vor Allem muss man daher 
den normalen Verlauf kennen. 

In den ersten Stunden nach der Operation pflegen sich die Kranken 
bloss über die Empfindung zu beschweren, als ob etwas ins Auge ge- 
fallen wäre. Diese Empfindung steigert sich manchmal bis zu flüchtigen 
Stichen oder zu einem andauernden Drucke. Wenn diese Empfindungen 
allmälig abnehmen und aufhören, wenn sie sich wenigstens weilenweise 
ganz verlieren, nachdem sich Flüssigkeit aus dem innern Winkel ent- 
leert hat, so kann man wohl annehmen, dass sie bloss durch längere 
Zurückhaltung derselben bedingt waren. Hält der Druck länger an, wird 
er durch den Abfluss von Thränen wenig oder gar nicht gemindert, 
und tritt Kopfschmerz oder Temperaturerhöhung an der Wange der 
entsprechenden Seite dazu, so hat man Grund anzunehmen, dass sich 
Entzündung entwickele, welche antiphlogistische Behandlung erheischt. 
Siehe Iritis traumatica S. 57 und 58. 

Im Verlaufe des 4. oder 5. Tages fängt die Bindehaut auch bei 
ganz normalem Verlaufe an, etwas Schleim abzusondern, der sich im 
innern Winkel ansammelt. Auch ein leichtes Anlaufen des obern Lides 
längs des Randes ist an und für sich noch kein Zeichen excessiver Re- 
action. Am 5. oder auch schon am 4. Tage bemerken die Kranken 
gewöhnlich Jucken der Augen, haben jedoch, wenn sie die Bulbi will- 
kürlich oder unwillkürlich bewegen, keine Beschwerde. Vorfall der Iris 
oder Keratokele pflegt sich durch das Gefühl eines fremden Körpers 
im Auge, zeitweilige flüchtige Stiche, Schmerz beim Bewegen des Bul- 
bus und stärkeres Nässen des Auges anzukündigen. Wo Vereiterung des 
Hornhautlappens eintritt, bleiben merkliche Schwellung des obern Lides, 
Temperaturerhöhung über dem Wangenbeine und Ausscheidung schleimig- 
eitriger Flüssigkeit im innern Winkel nicht lange aus, und nehmen sehr 
bald (in 24 Stunden) einen hohen Grad ein. Zu Anfang* wird dieser 
traurigste aller Zufälle, welcher meistens zu Vereiterung der ganzen 
Cornea führt, nicht immer durch Schmerzen im Auge oder Kopfe ange- 
kündigt; greift die Entzündung auf die Iris und Chorioidea über (pano- 
phthalmitis), so wird nach (2 — 3) wochenlanger Dauer auch die Form des 
Bulbus unter den heftigsten Schmerzen vernichtet. 



Cataracta — Behandlung- — Extraction. 321 

Wo Zeichen von Entzündung auftreten, mache man zunächst kalte 
Umschläge, indem man 4 — 6fach zusammengelegte Leinwandfleckchen, 
etwa 2" hing und hreit, in kaltes Wasser getaucht oder auf Eis gelegt 
und gut ausgedrückt, so auflegt, dass sie sich an die Lider und den 
innern Winkel anschmiegen, ohne das Auge zu drücken. Reichen diese 
nicht hin oder lässt sich ihre Unzulänglichkeit gleich voraus sehen, so 
lege man S — 12 Blutegel an die Schläfe, mindestens i" vom äussern 
Winkel entfernt. Vom Aderlassen, das ich in den ersten Jahren meiner 
Praxis mehrmal vorgenommen habe, konnte ich keinen entschiedenen 
Nutzen wahrnehmen; desshalb und wegen der damit verbundenen Un- 
zukömmlichkeiten unter Verhältnissen, wo Ruhe des Gemüthes sowohl 
als des Körpers vor Allem noth thut, bin ich später davon abgegangen. 
Entleerungen des Darmcanales lassen sich durch Clysmata, Bitterwasser, 
Fol. sennae praeparata mit einem Mittelsalze u. dgl. erzielen. Doch 
wende ich sie ohne dringende Anzeige nicht vor dem 4. Tage an. Das 
Gefühl von Beklemmung oder Stechen auf der Brust, von Aufgebläht- 
sein des Unterleibes, von Kopfschmerzen und ähnlichen Zufällen, welche 
den 2. — 4. Tag aufzutreten pflegen, wird oft dadurch behoben, dass 
man den Kranken einige Zeit sitzen lässt. In mehreren Fällen hat die 
Verabreichung von etwas Kümmel wasser, Krausemünzaufguss u. dgl. 
gute Dienste geleistet. Doch muss man jedesmal untersuchen, ob sich 
nicht etwa Pneumonie entwickle, wie ich mehrere Male beobachtet habe. 

Wenn die Zeichen vorhanden sind, welche auf Prolapsus iridis 
deuten, und noch mehr wenn man sich nach Abnahme des Verbandes 
von dessen Gegenwart überzeugt hat, nehme man es mit der Einhal- 
tung der Ruhe etwas strenger, lasse die Augen wieder geschlossen hal- 
ten und fleissig kalte Umschläge machen, oder, wenn der Kranke diese 
nicht verträgt, mit Aqua Goulardi fomentiren. Zur Punction oder zur 
Abkappimg mit einer kleinen Louisschen Scheere schreite man nur bei 
grossen Hornhautbrüchen oder Irisvorfällen und erst dann, wenn man 
sieht, dass sie mehrere Tage lang unverändert bleiben oder noch zu- 
nehmen. 

War Glaskörper ausgeflossen, so sieht man nach Abnahme des Ver- 
bandes, welcher in diesem Falle nicht vor dem 8. Tage zu geschehen 
hat, eine weissliche, schleimige Masse aus der Wunde heraushängen, 
welche bei fortgesetzter ruhiger Haltung des Auges völlig abgeschnürt 
und abgestossen wird. 

Wird die Vernarbung durch Anstossen des untern Lides, oder wie 
diess öfters bei alten Leuten mit schlaffer Haut vorkommt, durch Ein- 
wärtswendung desselben gegen den Bulbus gestört, so ziehe man das- 

Arlt Augenheilkunde. II. 21 



322 Krystalllinse. 

selbe ein wenig ab und fixire es durch Bestreichen und Fixiren der 
Hautfalten mit Collodium. 

Nach Abnahme des Verbandes, welche immer bei sehr temperir- 
tem Lichte, am besten gegen Abend geschieht, lasse man die Augen 
nur. so lange öffnen, als zu ihrer Besichtigung nöthig ist. Zur Vermei- 
dung heftiger Gemüthsbewegung für den Fall, dass der Kranke etwa 
nicht sähe, mache man ihn schon vor der Abnahme darauf aufmerk- 
sam, dass er vielleicht nicht sogleich sehen werde, dass sich manch- 
mal etwas vor die Pupille vorlege, was erst später verschwinde, u. dgL 
Wird diese Vorsicht ausser Acht gelassen, so riskirt man, dass der 
Kranke weine, Hoffnung und Geduld verliere, und das nicht mehr er- 
fülle, was zur Wiederherstellung des Sehvermögens (z. B. Zurückziehung 
eines Irisvorfalles) nöthig ist. Ob der Kranke sehe, erkennt der Ope- 
rateur sogleich an einem eigenthümlichen Glänze des Auges, der durch 
die Hornhaut auf schwarzem Hintergrunde (der offenen und freien Pu- 
pille) bedingt wird. Nur wo dieser Glanz vorhanden und das Auge 
wenig oder gar nicht geröthet ist, mag man dem Kranken die Freude 
gönnen, dass er etwa die Zahl der vorgehaltenen Finger bestimme. 
Ausserdem verwende man die Zeit des Offnens lieber zur genauen Be- 
sichtigung des Auges bei temperirtem, von der Seite her einfallendem 
Lichte. — Sieht der Kranke, so gestatte man ihm das Offnen der Augen 
Anfangs immer nur durch einige Minuten, 3-, 4-, 5 — 6mal des Tages, 
und verbiete ihm, seine Augen an verschiedenen Objecten zu prüfen. 
Der ununterbrochene Gebrauch der Augen erscheint erst dann zulässig, 
wenn das Herumgehen gestattet werden kann. Eben so gehe man in 
der Verminderung der Dunkelheit (durch Abnahme des innersten Vor- 
hanges von oben her) stufenweise vorwärts. Beim ersten Ausgehen, 
welches Abends geschehe, bemerke man dem Kranken, dass er alles 
wie mit Schnee bedeckt sehen werde. Eines Augenschirmes, welchen 
man nach Abnahme des Verbandes immer tragen lässt, so dass derselbe 
1 — 2 Zoll über die Augenbrauen herabreicht, bedarf der Kranke in der 
Eegel bis zu Ende der 6. Woche nach der Operation. Derselbe be- 
stehe aus einem etwa 4" breiten und 8 — 9" langen Kartenpapiere, wel- 
ches mit einem nicht glänzenden und dunkelfarbigen (grünen) Stoffe 
überzogen und mit Bändern um den Kopf herum befestigt wird. Zur 
Temperirung des Lichtes kann man einige Wochen lang auch blass- 
blaue oder graue Plangläser tragen lassen. 

3. Modificationen der Extraction. 

a. Extraction mit nach oben gerichtetem Hornhautschnitte. Diese 
schon von Richter vorgeschlagene Methode wurde von Fr. Jäger und 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 323 

JRosas der Extraction nach unten vorgezogen, und von ersterem fast 
ausschliesslich geübt, Anfangs mit einem eigens construirten Doppel-, 
später mit dem einfachen Versehen Staarmesser. Sie unterscheidet 
sich in der Ausführung nur dadurch von der Extraction nach unten, 
dass die Schneide des Messers aufwärts gerichtet wird, während der 
Kranke das Auge abwärts rollt, und der Assistent das obere Lid stär- 
ker aufwärts zieht. Ihr Hauptvorzug besteht darin, dass die Wund- 
ränder durch Anschliessen des obern Lides genauer in Berührung er- 
halten werden und dass die Heilung per primam intentionem nicht so 
leicht durch minder ruhiges Verhalten des Kranken, oder durch An- 
stossen des Lidrandes an den Hornhautlappen vereitelt wird. Wenn 
sich Keratokele oder Prolapsus iridis und sofort eine breite Narbe bil- 
det, fällt diese unter das obere Lid; wenn durch Ausschneidung oder 
Spaltung des Pupillarrandes der Iris ein Coloboma gebildet wurde, 
wird die Entstellung durch das obere Lid gedeckt und die Blendung 
verhindert; wenn Pupillensperre durch Verziehung der Iris zur Horn- 
hautnarbe entstanden ist, sind die Bedingungen zur Pupillenbildung 
günstiger. Diese Vortheile werden jedoch dadurch aufgewogen, dass 
diese Methode in allen drei Momenten schwieriger auszuführen ist, um 
so mehr, je tiefer (weniger flach) die Augen liegen, je minder ruhig 
der Kranke und je minder geübt und verlässlich der Assistent ist. Im 
1. Momente kann man dem Streben des Auges, nach innen und oben 
zu fliehen, leicht durch gehörige Handhabung des Messers entgegen 
wirken; im 2. und 3. Momente dagegen, wo auch die Anwendung von 
Ophthalmostaten eine sehr missliche Sache ist, kann man dadurch, dass 
der Kranke es nicht über sich bringen kann, abwärts zu schauen, in 
grosse Verlegenheit gebracht werden. Das Werfen und Austreten har- 
ter und in eine zusammenhängende Masse geronnener Linsen kann 
überdiess dadurch sehr erschwert werden, dass man oben einen breitern 
Saum Cornea stehen lassen muss, als unten, wo der Limbus conjun- 
ctivae viel schmäler ist. 

Vor Prolapsus iridis, Eiterung in der Wunde und Vernichtung des 
ganzen Auges sichert übrigens auch der Schnitt nach oben nicht, und 
Irisvorfälle nach oben dürften (nach meinen vergleichenden Beobachtun- 
gen) schwieriger heilen, als nach dem Schnitte nach unten. Endlich 
gibt es Augen, bei denen der Stand des obern Lides zur Hornhaut ein 
solcher ist, dass die innere Kante gerade an oder noch oberhalb der 
Wunde zu liegen kommen würde. (Von 330 im Institute durch Extrac- 
tion operirten Individuen wurde bei 5 t der Schnitt nach oben geführt. 
Ich hatte also, abgesehen vom Spital e, wo der Schnitt nach oben theils 

21* 



324 Krystalllinse. 

von mir, theils von nieinen Assistenten relativ Läufiger vorgenommen 
wurde, GelegenLeit genug, beide Metboden mit einander zu vergleicben.) 

b. Die Extraction mit einem kleinern Hornhautschnitte oder einem 
blossen Einstiche in die Cornea bietet, wo sie zulässig ist, die Vortheile 
der Extraction obne deren Nachtbeile. 

Wir baben bereits bemerkt, dass bei sehr weichen und besonders 
bei peripherisch flüssigen Staaren der Schnitt bloss auf etwa 2 / 5 des 
Hornhautunifanges angelegt zu werden braucht. Es gibt aber Fälle, 
wo es genügt, bei stark erweiterter Pupille die Hornhaut anzustechen, 
und ihr eine 2 — 3"' lange Wunde beizubringen. Der Einstich geschieht 
am besten mit einem Lanzenmesser, wie bei der Pupillenbildung, und 
zwar von aussen oder von unten und aussen her. Der Schnitt laufe 
zum Rande parallel, jedoch nahezu \'" davon entfernt, damit, wenn 
nach Abfluss des Kammerwassers die Pupille enger wird, die Iris nicht 
verletzt werden müsse. Vor einer breiten Narbe hat man sich hier 
nicht zu fürchten. 

Hat man einen flüssigen oder sehr weichen einfachen Linsenstaar 
vor sich, so kann man mit einer geraden oder krummen Nadel ein- 
gehen, und die Kapsel mehrfach einschneiden. Ich ziehe jedoch den 
Gebrauch des Irishäkchens (wie zur Pupillenbildung) vor, weil es nach 
dem Abflüsse des Kammerwassers nicht immer gelingt, mit der Nadel 
die Kapsel in Zipfel zu spalten, wogegen das Häkchen nur an dem 
vom Einstiche entferntesten Punkte nächst dem Pupillarrande in die 
Kapsel eingepflanzt und heraus gezogen zu werden braucht, um ganz 
sicher eine Zipfelwunde zu erhalten. Für die hiezu nöthige Ruhe des 
Auges lässt sich durch Chloroform oder durch einen Ophthalmostaten 
sorgen. — Ist zugleich die vordere Kapsel verdunkelt und verdickt, 
so folgt sie dem Zuge des Häkchens und wird durch die Wunde ent- 
fernt. Das Austreten der Linse befördert man dadurch, dass man einen 
Davielschen Löffel in die Wunde bringt. Wenn die Iris nicht hindernd 
entgegentritt, wird es auch erlaubt sein, einzelne Linsenstücke mit die- 
sem Instrumente hervorzuholen. 

Dieses Verfahren ist von Gibson*) so geübt worden, dass er die Eröffnung der 
Kapsel 2—3 Wochen vorher mit einer Nadel unternahm. Doch schon Travers (ibid.\ 
vereinigte beide Momente in eine Sitzung, indem er mit seinem Staarmesser 1 /t des Horn- 
hautumfanges eröffnete, und die Zerstücklung der Kapsel mit der Spitze des Messers 
verrichtete. „Der flüssige Staar wird augenblicklich mit der wässrigen Feuchtigkeit aus- 
geleert: der flockige Staar tritt häufig ganz aus dem Auge und nimmt eine oblonge Ge- 
stalt an; der käseartige Staar wird stückweise mit dem Löffelchen ausgeleert, wenn man 
den Rand der Pupille sanft deprimirt." — Die Einführung des Häkchens, um getrübte und 

*) MaktnzU 1. c. S. (J12. 



Cataracta — Behandlung — Extraction. 325 

verdickte Kapseln damit einzureissen oder auszuziehen, habe ich von Fr. Jäger kennen 
gelernt, welcher diesen Act als Modifikation der Discissio cataractae übte und ihn Disla- 
ceratio capsulae nannte. Die Linse selbst wurde nicht entfernt, sondern der Eesorption 
überlassen. 

Hat man es mit einem hautigen (Nachstaare) oder mit einem 
trockenhülsigen Staare zu thnn, so erweitere man die Pupille so viel 
als möglich durch Belladonna, und suche jene Stelle auf, wo der Staar 
am wenigsten fest mit den Ciliarfortsätzen oder mit der Iris zusammen- 
hängt. Dieser Stelle gegenüber (diametral entgegen gesetzt) wähle 
man den Einstichspunkt in die Hornhaut, gleichfalls nicht zu nahe am 
Rande. Würde sich z. B. bei erweiterter Pupille eine freiere (schwarze 
oder durchscheinende) Stelle nach oben gelegen zeigen, oder wäre der 
Staar unten mit der Iris verwachsen, so dringe man mit dem Lanzen- 
messer durch eine unten (unten und aussen, unten und innen) gelegene 
Partie der Hornhaut ein. Auch hier muss für Ruhe und entsprechende 
Stellung des Bulbus durch Narkosis oder einen Ophthalmostaten ge- 
sorgt werden. Durch diesen Einstich führe man ein etwas stärkeres 
Irishäkchen zu der Lücke oder dünnsten Stelle im Staare, und ziehe 
diesen zur Wunde heraus. Hängt er zu fest, z. B. unten an der Iris, 
so schneide man das hervorgezogene Stück mit der Scheere ab, und 
reponire das übrige. Reisst die Masse ein, so prüfe man, ob nicht 
etAva schon dieser Einriss oder die Verschiebung nach der Seite ge- 
nüge, einen hinreichend grossen Theil der Pupille frei zu bekommen, 
ehe man neue Estractionsversuche macht. Da in solchen Fällen der 
Abfluss von etwas Glaskörper fast unvermeidlich ist, so lasse man den 
Kranken zur Operation im Bette liegen. In der Mehrzahl solcher Fälle 
fand ich den Glaskörper flüssiger, als im normalen Zustande. — Manch- 
mal ist der häutige oder trockenhülsige Staar so beschaffen, dass man 
den Einstich gerade vor einer Lücke machen, und ihn mit einer gut 
gezähnten Pincette herausziehen kann, indem man einen Arm durch 
die Lücke oder dünnste Stelle der Catar. an ihre hintere Fläche führt. 
— Manche dieser Staare haften so fest an dem Ciliarkörper, dass eher 
die Sclera nachgibt und einwärts gezogen wird, als dass man sie her- 
ausziehen könnte. Solche Staare lassen sich aber auch auf keine an- 
dere Weise beseitigen. — Dass grössere Pyramidenstaare (denn nur 
diese können Gegenstand der Operation werden) auf dieselbe Weise 
mit einer in die vordere Kammer eingeführten Pincette ausgezogen 
werden können, wurde schon früher erwähnt. 

Sichel hat gerathen, solche Staare mit einer Pincette durch eine Wunde auszu- 
ziehen, die man der Sclera etwa V" hinter der Cornea und nach der Richtung eines 
vom vordem zum hintern Pole laufenden Meridianes beibringen soll, und Desmarres hat 



326 Kry stalllinse. 

zu dieser Extraction ein sehr sinnreich construirtes Instrument, das er Serre-tele, später 
Pince capsulaire nannte, anfertigen lassen. Da zur Einführung einer gewöhnlichen Pin- 
cette eine zu grosse Scleralwunde nöthig ist, so wurde das Instrument so angefertigt, 
dass es eine Eöhre von der Dicke einer Stricknadel bildet, an deren Ende beim Nach- 
lass eines Druckes auf einen am Hefte angebrachten Knopf zwei V/t'" lange Branchen 
auseinander weichen, welche eine Blömer sehe Pincette bilden. Eine Schwierigkeit bei 
der Anwendung dieses nur zu leicht verderbbaren Instrumentes besteht darin, dass der 
eine Arm vor die zu fassende Membran gebracht werden muss, und die zweite noch grös- 
sere darin, dass, wenn die Membran nur etwas grösser ist, sie sich beim Hinziehen gegen 
die Wunde zusammenballt und, falls die Wunde nicht etwas grösser ist, im Auge zurück- 
bleibt. Die Verletzung, welche das Auge bei Anwendung dieses Instrumentes erleidet, 
scheint mir nach dem, was ich aus eigener und fremder Erfahrung davon weiss, beträcht- 
licher zu sein, als bei der Extraction durch die Cornea. 

c. Die Extraction mit gleichseitiger Pupillenbildung oder Aussclmei- 
dung eines Stückes Iris wird hauptsächlich bei ausgebreiteten hinteren 
Synechien oder bei förmlich angewachsenen Staai^en nothwendig. Die 
Vorsicht erheischt es, den Kranken dabei im Bette liegen zu lassen. 
Der Hornhautschnitt wird nur höchstens auf 2 /s des Hornhautumfanges 
angelegt, da solche Staare meistens weich sind; nöthigenfalls kann man 
ihn nachträglich vergrössern. Ist, wie gewöhnlich, die Iris stark vor- 
gebaucht, so wird das Staarmesser bald nachdem es in die Augen- 
kammer eingedrungen ist, durch die Iris gestossen, etwa 1 — 1 x \i tu hin- 
ter derselben fort geführt, und sodann wieder durch die Iris und durch 
die Cornea ausgestochen. Durch Beendigung des Schnittes wird somit 
der Iris sowohl als der Cornea eine Wunde beigebracht, die einen klei- 
nen Lappen bildet. Ist die vordere Kammer nicht zu eng, so führe 
man das Messer bloss durch die Hornhaut. Im 2. Momente wird statt 
der Nadel ein Irishäkchen eingeführt, mit der Convexität voraus, dessen 
Spitze am untersten Theile des Pupillarrandes oder in das die Pupille 
schliessende Exsudat eingepflanzt, die Iris herausgezogen und mit einer 
Scheere abgeschnitten, wobei man darauf zu sehen hat, dass nicht zu 
viel Iris weggenommen, die Pupille nicht zu gross werde. Ist dem 
Staare der Weg gebahnt, so pflanze man das Häkchen neuerdings in 
die Kapsel. Ist diese normal, so reisst sie wie ein Tuch ein, in das 
man einen Haken einsetzt; ist sie verdickt, so reisst die verdickte Par- 
tie ringsum von der Zonula ab und folgt <5em Häkchen; bisweilen folgt 
die ganze Kapsel sammt der Linse dem Zuge. Gewöhnlich, jedoch 
keineswegs immer, folgt etwas Glaskörper. Mit der Nachbehandlung 
ist es in solchen Fällen eben so streng zu nehmen, wie nach der Ex- 
traction mit halber Eröffnung der Cornea, wogegen nach der unter b 
beschriebenen Modifikation schon nach 2 — 3 Tagen der Verband abge- 
nommen werden kann. 



Cataracta — Behandlung — Dislocation. 327 

2. Die Dislocation (Reclination oder Depression). 

Die Versenkung des Staares in den Glaskörper, so dass er aus 
dem Bereiche der Pupille verschwindet, kann nach 3 verschiedenen 
Eichtungen vorgenommen werden, a) Die hiezu nöthige Nadel wird zu 
oberst auf den Rand der Linse aufgelegt, um diese gerade nach unten 
z-u drücken , wobei die vordere Fläche der Linse nach vorn gerichtet 
bleibt und mit ihrer Mitte ohngefähr hinter die Ciliarfortsätze zu liegen 
kommt. Diese Methode, die älteste der Staaroperationen überhaupt, 
ist mit Recht aufgegeben worden, seit man bessere kennt, b) Bei der 
1785 von Willburg angegebenen Umlegung des Staares wird die Linse 
durch die an ihre Vorderfläche angelegte Nadel so nach hinten und 
unten in den Glaskörper versenkt, dass ihre hintere Fläche zur untern, 
ihre vordere zur obern, ihr unterer Rand zum vordem, ihr oberer zum 
hintern wird, c) Bei der 1803 von Scarpa ausgeführten Seitwärtslage- 
rung des Staares wird der gleichfalls an der Vorderfläche gefasste 
Staar so in die Gegend zwischen den Muse, rectus extemus und infe- 
rior umgelegt, dass seine vordere Fläche nach innen und oben (gegen 
die Glabella frontis) gerichtet ist. — Die zur Dislocation erforderliche 
Nadel wird von der Schläfe her durch die Sclera zur Linse vorgescho- 
ben {Scleronyxis). Die Einführung der Nadel durch die Cornea (Ke~ 
ratonyxis), seit Buchhorn (1806) und Langenbeck (1811) von verschie- 
denen Autoren geübt, ist behufs der Dislocation völlig unzweckmässig. 

Obwohl ich im Allgemeinen die Willburg' sehe Umlegung der Scarpa'sehen vor- 
ziehe , so lasse ich doch hei den Übungen am Cadaver zunächst die letztere Methode 
üben, weil hiebei die Momente, auf die es bei der Reclination überhaupt ankommt, nach 
einem einfacheren Principe dargethan , und die Hände besser eingeübt werden. Die 
Gründe für diese Behauptungen ergeben sich aus den nachfolgenden Betrachtungen. Wir 
werden auch bei dieser Methode zunächst die Momente erörtern, auf deren Bewerk- 
stelli°'ung die Erreichung des Zweckes beruht (Mechanismus der Operation), ehe wir 
das technische Verfahren sammt den verschiedenen Zufällen und die Nachbehandlung be- 
sprechen. 

Soll die Reclination ihren Zweck erfüllen, so muss die Linse mög- 
lichst vollständig aus der Kapsel entfernt und so in den Glaskörper 
versenkt werden, dass sie einerseits den Zutritt der Lichtstrahlen zur 
Netzhaut nicht mehr verhindere, andererseits aber auch weder die Re- 
genbogen- noch die Netz- und Aderhaut drücke. Die vordere Kapsel 
muss, falls sie nicht so dick und zähe ist, dass sie vor der Nadel aus- 
weicht, ringsum von der Zonula abreisst, und der Linse folgt, so in 
Zipfel gespalten werden, dass sich diese nachher aus dem Bereiche der 
Pupille zurückziehen können. Ist die vordere Kapsel, wie in der Regel, 
in ihrer Consistenz nicht verändert, so wird sie durch die auf sie wir- 



328 Krystalllinse. 

keude Nadel nothwendig in der Richtung dieser letztern, gewöhnlich 
aber, jedoch zufällig auch nach mehreren andern Eichtungen hin ein- 
geschlitzt; die Glashaut und die hintere Kapsel werden durch die gegen 
sie andringende Linse zerrissen, und diese verdrängt eine ihrem Volu- 
men entsprechende Menge Glaskörpers nach dem früher von der Linse 
eingenommenen Räume so lange, bis sie aus dem Glaskörper durch 
Resorption beseitigt ist. Diese Resorption erfolgt in verschieden langer 
Zeit, nach mehreren Wochen oder Monaten; man hat die mehr weniger 
verkleinerte Linse aber auch nach mehreren Jahren noch im Glaskörper 
gefunden. Die Hyaloidea und die hintere Kapsel kehren allmälig in 
ihre frühere Lage zurück (eigentlich zu einer Ebene, die man sich 
durch die Firsten der Ciliarfortsätze gelegt denke) , und vernarben 
ohne Trübung. Wurde die vordere Kapsel nicht mit reclinirt oder nicht 
in Zipfel zerrissen, so zieht sie sich nicht aus dem Bereiche der Pupille 
zurück, wird theils durch Runzelung, theils durch Beschlag ihrer innern 
Fläche mit Rindensubstanz oder durch Auflagerung von Exsudat ge- 
trübt, und tritt hiedurch dem Zwecke der Operation mehr weniger hin- 
dernd entgegen. Aber auch durch Zurückbleiben von Adel Rindensub- 
stanz in der Kapsel kann dieses Zurückziehen der Kapsel verhindert 
werden, auf dieselbe Weise, wie nach der Extraction, rein mechanisch 
oder durch Aufquellen und Erregung von Entzündung. 

Soll die Linse durch die hintere Kapsel und Hyaloidea in den 
Glaskörper hineingedrückt werden, und zwar mit einer Nadel, die füg- 
lich nicht über eine halbe Linie breit sein kann, so muss sie einen ge- 
wissen (abnormen) Grad von Consistenz haben. 

Nimmt man den Bulbus von einem Individuum, welches das 50. Jahr noch nicht 
überschritten hat, reclinirt die Linse, und legt denselben dann in Weingeist oder Chrom- 
säure , bevor man ihn eröffnet, so kann man sich leicht überzeugen, dass die flach auf- 
gelegte Nadel nicht nur durch die vordere Kapsel, sondern auch durch die Linse hin- 
durch gegangen ist. Reclinirt man an einem Auge von einem altern Individuum, wo die 
Linse unbeschadet ihrer Durchsichtigkeit schon merklich gelb und hart geworden ist, 
so kann man sich auf dieselbe Weise überzeugen, dass wohl der harte Kern, nicht aber 
die weiche Rindensubstanz in den Glaskörper versenkt wurde. Letztere haftet dann 
theils als trüber Anflug an der Innenfläche der voidern Kapsel, hauptsächlich aber an 
der Peripherie in der Falze zwischen der hintern und vordem Kapsel. Demnach können 
nur harte und zu Einer Masse zusammengeronnene Staare so vollständig aus der Kapsel 
beseitigt werden , dass es nicht dem Zufalle (der nachfolgenden Resorption) überlassen 
"bleibt, ob Kapselnachstaar entstehe oder nicht. Ist unsere oben aufgestellte Ansicht wahr, 
dass nämlich nach vollendeter Trübung der Zusammenhang zwischen Kapsel und Linse 
ein minder inniger sei, dann ist auch rücksichtlich der Reclination die Lehre von deir 
Reife des Staares nicht mehr ein Theorem der Klugheit, sondern in pathologisch-anato- 
mischen Verhältnissen begründet, und als Ergebniss vielfältiger und umsichtiger Beobach- 
tungen älterer Autoren zu betrachten. 



Cataracta — Behandlung — Dislocation. 329 

2. Beschreibung des Vorganges vor, bei und ?wch der Operation. 

a. Die Vorbereitung zur Reelination unterscheidet sich von der zur 
Extraction zunächst dadurch, dass die Rücksichten auf das längere 
ruhige Verhalten nach der Operation entfallen. Der Operirte kann nach 
Belieben sitzen, selbst herumgehen. Das Benehmen des Assistenten ist 
im Ganzen dasselbe. Von Instrumenten braucht man nur eine Nadel. 
Diese sei zweischneidig und leicht nach der Fläche gebogen, ohnge- 
fähr nach dem Radius der vordem Kapsel. Die Flächen seien fast 
eben, oblong (hinten ziemlich steil in den Hals, vorn allmälig in die 
Spitze auslaufend), lieber etwas breiter als schmäler, doch höchstens 
3 5'" breit, vom Halse bis zu Ende der Spitze l 4 /a — 2'" lang. 

Diese Verhältnisse entsprechen dem Baue des Auges and dem Zwecke, den man 
erreichen will. Man mache sich nach der im I. B. S. 287 angegebenen Methode einen 
frischen Durchschnitt von einem Bulbus, um sich die Dimensionen und die Lage der 
Gebilde, welche hier in Betracht kommen, genau zu vergegenwärtigen. Mit einer flach 
gekrümmten Xadel läuft man weniger Gefahr, heim Vordringen ihrer Spitze zur Pupille 
die Iris, und beim Fortschieben zum entgegengesetzten Theile des Pupillarrandes die 
Cornea anzuspiessen, als mit einer geraden. Eine flach gekrümmte Nadel schmiegt sich 
ferner bis zu einem gewissen Grade an die vordere Kapsel an. Will man ein Brettchen 
in Wasser versenken, so muss man es im Schwerpunkte fassen und den Druck auch in 
der Richtung des Schwerpunktes ausüben. Mit der flachen Hand wird man den Schwer- 
punkt nicht so leicht verfehlen, als mit einem Finger. Schmiegt sich die Hand an das 
Brettchen an, so wird sie von diesem nicht so leicht abgleiten, als ausserdem. Warum die 
Länge von der Spitze bis zum Halse höchstens 2'" betragen solle, kann erst durch die 
Beschreibung des Vorganges selbst einleuchtend gemacht werden. 

Man kann auch hier die Reizempfänglichkeit der Iris gegen das 
Licht auf dieselbe Weise, wie vor der Extraction, etwas abstumpfen. 
Im Allgemeinen wird es jedoch besser sein, die Pupille durch Atropin 
oder Belladonna zu erweitern. Hiedurch verschafft man sich genauere 
Einsicht auf den Gang, den die Nadel nimmt, und vermindert die Ge- 
fahr, die Iris anzustechen. Man hat rücksichtlich dieses Mittels die Be- 
sorgniss ausgesprochen, dass bei erweiterter Pupille der Staar leichter 
in die vordere Kammer herein ausgleiten könne, ein Zufall, der in der 
That zu den misslichsten gehört. Ich bin indess der Ansicht, man 
solle es gar nicht dahin kommen lassen, dass der Iris diese Rolle zu- 
gewiesen werde, der sie übrigens bei ihrer Nachgiebigkeit schlecht ge- 
wachsen ist. Sie wird dadurch nur der Gefahr der Zerrung, Quetschung 
ausgesetzt. Heftiges Erbrechen oder Entzündung der Iris drohen nach- 
zufolgen. 

Behufs der Reelination ist es zulässig und bei unruhigen oder sehr 
furchtsamen Kranken sehr räthlich, die Narkosis durch Äther oder Chlo- 
roform anzuwenden, oder wo diese anderweitig gegenangezeigt er- 



330 Krystalllinse. 

scheint, den Bulbus durch einen Ophthahnostaten (ein etwas stärkeres 
Irishäkchen, nächst der Cornea eingepflanzt) zu fixiren, in welchem 
Falle der Assistent das untere Lid mit der um das Kinn herumge- 
schlungenen Hand herabzieht. 

b. Beschreibung de?' Operation, a. Seitwärtslagerung, Reclination 
nach Scarpa (am linken Auge). Stellung des Kranken, des Assistenten 
und des Operateurs wie bei der Extraction. Der Operateur nimmt die 
Nadel so in die Hand, wie das Staarmesser, die Convexität der Nadel 
nach oben gerichtet. Das untere Lid wird nach unten und aussen her- 
abgezogen. Der Ring- und kleine Finger der rechten Hand werden 
mit der Dorsalfläche an die Wange angelegt. Daumen, Mittel- und 
Zeigefinger werden massig gebogen und die Hand behufs des Ein- 
stiches in die Pronation gebracht. Die Nadel wird von der Schläfeseite 
her in die Sclera eingesenkt, und zwar 1 x (z — I' 1 ' hinter dem Hornhaut- 
rande, V 2 — 1'" unter der horizontalen Durchschnittsebene des Bulbus, 
eine Schneide zum vordem, die andere zum hintern Pole des Auges 
gewendet, und die Spitze senkrecht auf die Tangirungsebene des Ein- 
stichspunktes aufgesetzt (so als wollte man zum Centrum des Bulbus 
vordringen). 

Die Nadel wird l'/2 — 2'" hinter dem Rande der Cornea eingestochen, damit sie 
durch den flachen Theil des Corpus ciliare, also auf dem kürzesten Wege in das Innere 
des Eulbus eindringe. Weiter vorwärts würde das Ligamentum ciliare durchbohrt und, 
da hier der Wundkanal länger wäre, bei den hebelartigen Bewegungen der Nadel ge- 
zerrt werden. Weiter rückwärts hätte man sich nicht so sehr vor Verletzung der Netz- 
haut hinter der Ora serrata zu fürchten, da diese hier über 3'" weit hinter dem Horn- 
hautrande liegt, als vielmehr davor, dass man dann nicht im Stande sein würde, die 
Nadel weiterhin zwischen der Iris und der vordem Kapsel vorzuschieben. Unterhalb des 
horizontalen Meridianes soll man einstechen, um die daselbst verlaufende Arteria ciliaris 
postica longa und die sie begleitenden stärkern Venen und Nerven nicht zu verletzen. 
Sieht die eine Schneide nach dem vordem, die andere nach dem hintern Pole hin, so 
dringt die Nadel in derselben Richtung durch die Chorioidea, in welcher deren Nerven 
und Gefässe verlaufen , deren Verletzung somit leichter vermieden wird , als wenn eine 
Fläche vor-, die andere rückwärts gewendet wäre. 

Ist die Nadel bis an den Hals eingedrungen, so wird sie zwischen 
den Fingern gerollt (vom Mittel- und Zeigefinger zum Daumen), so dass 
nun ihre convexe Fläche nach vorn sieht. Durch Senkung des Heftes 
gegen das Ohrläppchen oder den Unterkieferwinkel hin (Supination) 
wird sofort der Fläche der Nadel eine solche Richtung gegeben, dass 
ihre Spitze beim Vorschieben zwischen dem Pupillarrande und der 
vordem Kapsel (an der Schläfeseite, in dem Meridiane des Einstichs- 
puuktes) zum Vorscheine kommt, und sofort durch Streckung der Fin- 
ger mitten durch die Pupille vorwärts geschoben werden kann, bis ihre 



Cataracta — Behandlung — Dislocation. 331 

Spitze ohngefähr zur Insertionsstelle der Zonula in die Kapsel (an der 
Nasenseite) gelangt. 

Die Nadel dringt zunächst durch die Conjunctiva, Sclera und Chorioidea in den 
Glaskörper; nach der Drehung und Senkung des Heftes geht sie entweder knapp an den 
Ciliarfortsätzen durch den freien Theil der Zonula oder durch die hintere Kapsel, den 
Rand der Linse und die vordere Kapsel in die hintere Augenkammer. "Wird hiebei das 
Heft zu stark gegen das Ohrläppchen hin gedrängt, so kann man in die Iris stechen, 
was sich durch Yerziehung derselben verräth ; wird sie zu wenig gesenkt, so kann man 
mit ihr innerhalb der Kapsel bleiben. Der Eintritt der Nadel in die Augenkammer gibt 
sich durch rein metallisches Glänzen der Nadel , das Verweilen in der Kapsel durch 
Mangel solchen Glanzes kund. "Wird die Nadel zu tief eingestossen, ehe man ihr Heft 
senkt, oder ist ihre Spitze zu weit vom Halse entfernt (ihr flacher Theil zu lang), so 
wird beim Vordringen derselben die Linse aufgespiesst oder nach vorn luxirt. Kann man 
nicht in dem Meridiane des Einstichspunktes über den Eand der Linse in die Augen- 
kammer eindringen, so wende man das Heft so, dass man ober- oder unterhalb über den 
Rand herüber gleiten könne. 

Weiter als höchstens bis zur Insertionsstelle der Zonula an der entgegengesetzten 
Seite mit der Spitze vorzudringen ist nicht nur überflüssig, sondern — nach meiner An- 
sicht — auch nachtheilig. Man kann dann leicht die Ciliarfortsätze an der Nasenseite 
zerren oder selbst anspiessen. Die Folge ist Erbrechen oder Chorioiditis. 

Ist man bis zu dem eben bezeichneten Punkte vorgedrungen, so 
sehe man darauf, dass die Nadel mitten durch die Pupille laufe, mit- 
hin der Schwerpunkt der Linse getroffen werde. Von nun an wird die 
Nadel rein als Hebel gebraucht, dessen Hyponiochlium der Einstichs- 
punkt in der Sclera bildet. Man nehme sich nur niemals vor, den 
Staar in den Glaskörper zu drücken, sondern bloss einen zweiarmigen 
Hebel wirken zu lassen. Die Ebene, in welcher der Hebel spielen 
muss, ist eine senkrecht auf die vordere Fläche des Heftes und der 
Nadel gelegt gedachte. Sie fällt natürlich zusammen mit einer Ebene, 
die man sich durch den Meridian des Einstichspunktes, mithin senk- 
recht auf die Basis iridis gelegt denkt. Der Hebel wird dadurch in 
Bewegung gesetzt, dass man das Heft, welches zu Anfang dieses Tempo 
am Mittelhandknochen des Zeigefingers ruht, so zwischen den zu bei- 
den Seiten angelegten 3 Fingern bewegt, dass es sich allmälig erhebt 
(nach innen und obenj und zuletzt zur Iris einen "Winkel von ohnge- 
fähr 120 — 110 Graden bildet. Hiebei darf das Heft weder zurückge- 
zogen noch tiefer eingesenkt werden, was leicht auszuführen ist, da 
die Hand durch den an die Wange angelegten kleinen Finger ge- 
stützt wird. 

Je tiefer unter dem horizontalen Meridiane eingestochen worden ist, desto mehr 
muss der Oberarm an den Rumpf angezogen gehalten werden. Aus dem Verhältniss des 
im Auge befindlichen Hebelarmes (6 — V") zum Hefte (bis da. wo die Finger anliegen^ 
ergibt sich, dass bei Bewegung des langen Armes weder besondere Kraft noch Schnei- 



332 Krystalllinse. 

ligkeit nothwendig ist. Bei zu schneller Bewegung wirft sich der Staar leicht um die 
Nadel und weicht gegen die Augenkammer. — "Würde man das Heft so stark heben, 
dass es senkrecht auf die Irisebene zu stehen käme, so könnte der Staar au die Netz- 
und Aderhaut angedrückt werden, und Amaurosis oder Chorioiditis bewirken. An der 
Nadel , etwa 6'" hinter der Fläche ein Knöpfchen anzubringen , wie Einige gerathen 
haben , ist bei Beobachtung des eben beschriebenen Vorganges überflüssig , da sich die 
Hand an den kleinen Finger stützt. 

Ist die Nadel in die letztgenannte Position gebracht, so halte man 
sie einen Augenblick ruhig, bis der verdrängte Glaskörper wieder 
in Ruhe gekommen ist, ziehe sie dann in derselben Sichtung bis zum 
Halse zurück, und senke das Heft wieder so, dass die Convexität an 
die innere Fläche des Corpus ciliare zu liegen komme. Kehrt der 
Staar gegen die Pupille zurück, so braucht man nur die Nadel knapp 
an der Iris wieder vorzuschieben, um ihn neuerdings zu reclinireu. 
Bleibt er liegen, so wird die Nadel in der Sichtung vom Daumen zu 
den beiden andern Fingern gedreht und aus der Wunde entfernt. 

Fürchtet man, den Staar beim Hinabdrücken angespiesst zu haben, so drehe man 
in dem Momente, wo die Nadel unter 120° zur Iris steht, diese so weit um ihre Achse 
(vom Daumen zu den andern 2 Fingern), dass die Convexität dem Staare zugekehrt 
wird. Doch kann man dem Emporlieben des Staares mit der Nadel meistens dadurch 
entgeheu , dass man diese gegen die "Wunde her zurückzieht , ehe man das Heft senkt. 
Gegen vorzeitiges Herausgleiteu der Nadel aus der "Wunde schützt das rasche Breiter- 
werden der Nadel vor dem Halse, deren Fläche hei richtiger Haltung jetzt quer zur 
Wunde stehen muss. — Wenn man sich gewöhnt, die erste Drehung der Nadel zum, 
die zweite vom Daumen zu machen, so weiss man jederzeit, wie die Nadel steht, braucht 
nicht erst nach der auf dem Hefte angebrachten Marke zu schauen, und kann seine ganze 
Aufmerksamkeit auf die Pupille verwenden. — Den Mittelfinger von der Nadel zurück- 
zuziehen, kann bei unvermutheten Wendungen des Bulbus leicht zur Folge haben, dass 
die Nadel den andern beiden Fingern entgleitet. — Den Act der Umlegung zu oft zu 
wiedei-holen und auf der Erreichung des Zweckes, welcher unter andern auch durch 
Verflüssigung des Glaskörpers vereitelt werden kann, zu hartnäckig zu insistiren, erscheint 
nicht gerathen. Lieber stehe man vorläufig davon ab. 

Nicht selten erscheint die Pupille trotzdem, dass die Linse liegen 
geblieben ist, nicht rein schwarz, und man sieht die mit Sindensubstanz 
beschlagene Kapsel zu einer oder zu beiden Seiten des durch die Nadel 
gebildeten Spaltes wie Spinnengewebe ausgespannt. Man muss dann 
die Nadel, bevor man sie aus dem Auge entfernt, wieder in die Pupille 
vorschieben und die Kapsel nach oben und nach unten spalten, was 
sich am besten bei vorwärts gerichteter Concavität ausführen lässt. 

Rosas*) empfiehlt, die vordere Kapsel vor der Niederdrückung der Linse mehrfach 
zu durchschneiden. Ich fand, dass mir bei dieser Methode das Umschlagen des Staares 
um die Nadel und die Gefahr des Eintretens in die vordere Kammer öfter begegnete. 
Die Ursache davon scheint mir in Folgendem zu liegen. Ein ringsum freies Brettchen 

*) Handbuch der Augenheilkunde. Bd. III. S. 29G. 



Cataracta — Behandlung — Dislocation. 333 

lässt sich leicht in Wasser versenken, sobald man nur den Schwerpunkt (Mittelpunkt) 
trifft. Anders verhält sich's, wenn das Brettchen an einer oder der andern Seite durch 
ein etwas Widerstand leistendes, doch zerreissbares Band fixirt ist. Der Angriffspunkt 
muss dann zwischen dem Schwerpunkte und dem Hindernisse gewählt werden, und 
zwar um so weiter gegen das letztere hin, je mehr es Widerstand zu leisten vermag. 
Dringt man so, wie ich oben angegeben habe, an die Vorderfläche der Kapsel, so genügt 
es. den Mittelpunkt der Kapsel und Linse zu fassen, weil das Aufhängeband derselben 
ringsum gleichen Widerstand leistet. Geht man, wie Scarpa, Rosas u. A. gerathen, mit 
der Nadel erst hinter den Staar und dann über den obern Rand herüber in die Augen- 
kammer, so muss die Nadel jedenfalls unter der Mitte angelegt werden; wie weit, ist 
schwer zu bestimmen. Eine ähnliche Störung des Gleichgewichts in der Befestigung 
scheint mir durch die vorausgeschickte mehrfache Zerschneidung der Kapsel bewirkt zu 
werden. Vorläufige Luxation der Linse ist dabei kaum zu vermeiden. Die meistens 
ungleichmässige Befestigung am Ciliarkörper scheint die Ursache zu sein, dass membra- 
nöse und trockenhülsige Staare auch dann, wenn sie hinreichend fest sind, schwer oder 
gar nicht reclinirt werden können, und immer wieder aufsteigen (Catar. elastica). 

Einzelne hintere Synechien kann man mit der Nadel lösen, nachdem diese in die 
Pupille vorgedrungen ist; bei ausgebreiteten oder totalen Verwachsungen der Kapsel 
mit dem Pupillarrande ist von der Reclination so wenig Erfolg zu erwarten, dass ihr die 
Extraction mit Pupillenbüdung vorzuziehen ist. 

Wenn sich der Staar beim Versenken um die Nadel dreht und vor dieselbe gelangt, 
so muss die Nadel so weit als möglich zurückgezogen werden, um wieder von der Peri- 
pherie her vor denselben gebracht werden zu können. Wäre dies unmöglich, so spiesse 
man ihn leicht an, versenke ihn nach unten, und suche seiner durch Drehen der Nadel 
und Auflegen der Convexität auf denselben los zu werden. 

Ist er in die vordere Kammer vorgefallen, und kann man ihn ohne Gefahr, die Iris 
stark zu quetschen, auch durch das eben erwähnte Spiessen nicht zurück bringen, so 
lasse man ihn lieber liegen, und sehe zu, ob er nicht etwa, ohne zu heftige Reaction 
zu erregen, allmälig aufgesogen werde. Man hat gerathen, ihn sogleich durch den Horn- 
hautschnitt zu beseitigen. In Fällen, wo man die Reclination desshalb wählte, "weil eben 
die Bedingungen zur Extraction nicht günstig sind , ist der Arzt in einer fatalen Lage. 
Da es dennoch möglich ist, dass der Staar in der vordem Kammer liegen bleibe , ohne 
Panophthalmitis zu erregen, so scheint es wohl im Allgemeinen gerathen, sich mit der 
Eröffnung der Hornhaut nicht zu übereilen. Diese muss aber unverweilt vorgenommen 
werden, sobald die Conjunctiva ringsum die Cornea deutlich anschwillt. Wenn nur einige 
Tage vor dem Auftreten dieses Gefahr deutenden Symptomes verstrichen sind , wird man 
den Staar an der Peripherie schon mehr weniger erweicht finden und mit einem relativ 
kleinern Hornhautschnitte ausreichen. 

Hat man sich in der Bestimmung der Consistenz geirrt, erscheint der Staar durchaus 
oder nur an der Peripherie erweicht, so gestalte man entweder die Reclination zur 
Discission. indem man sich nur bemüht, die Kapsel nach mehreren Richtungen einzuschnei- 
den und dieses mit möglichst geringer Verletzung des Auges abzuthun, oder man punk- 
tire, namentlich wenn verflüssigte oder sehr weiche Staartheile in die vordere Kammer 
getreten sind, die Hornhaut auf die S. 324 angegebene Weise. Man hat nämlich unter 
solchen Umständen nachträglich starkes und rasches Aufquellen der Linsenstücke, zu 
starke Spannung der Wandungen , Iritis oder Chorioiditis und A r ernichtung der Sehkraft 
oder selbst auch der Form des Bulbus zu besorgen. Doch kann man mit der Punction 



334 Krystalllinse. 

der Cornea auch warten , bis solche Zufälle sich durch die bekannten Symptome ankün- 
digen (siehe Iritis und Chorioiditis). — Bei Vornahme der Punction gleich nach der 
Operation ist mir immer aufgefallen, dass der Bulbus auch dann, wenn durch die Scleral- 
wunde gar kein Glaskörper ausgetreten war, viel weicher war, als im gewöhnlichen Zu- 
stande. In mehreren Fällen konnte ich die Differenz in der Spannung des Bulbus vor 
und nach der Beclination selbst durch Betastung mit dem Finger constatiren. Ich weiss 
mir diese frappante Erscheinung nicht anders zu erklären, als dadurch, dass durch die 
Zerreissung der Kapsel das Diaphragma, welches den Humor vitreus vom Humor aqueus 
scheidet und vom Ciliarmuskel in einer gewissen Spannung erhalten wird, zerstört wor- 
den ist. Wir werden bei der Lehre von der Accommodation darauf zurückkommen. 

ß. Umlegung des Staares, Reclination nach Willburg. In der 
Rückkehr der hintern Kapsel zu ihrer frühern Lage liegt am häufigsten 
der Grund, dass der Staar wieder in das Bereich der Pupille zurück- 
kehrt. Das sogenannte Wiederaufsteigen des Staares erfolgt entweder 
bald nach Entfernung der Nadel aus dem Auge, oder in den ersten 
Tagen, selten erst in der 2. — 3. Woche. Je später es erfolgt, desto 
mehr geschieht diess gradatim, bald mit, bald ohne deutliche Zufälle 
von Reizung oder Entzündung. Die Linse folgt der allmälig zurück- 
kehrenden Kapsel, wenn sie mit derselben in grösserer Ausdehnung in 
Berührung geblieben war. Vergegenwärtigt man sich den Vorgang bei 
der Scarpa'schen Reclination, so erkennt man leicht, dass bei dieser 
Methode Kapsel und Linse nur an der Nasenseite vollständig von ein- 
ander entfernt werden, an der Schläfeseite dagegen sehr nahe anein- 
ander und daher auch leicht in Berührung bleiben. Das Hypomoch- 
lium ist dem Angriffspunkte zu nahe gelegen. Anders verhält sich's 
bei der Umlegung nach Willburg. 

Bei der Umlegung nach Willburg ist der Vorgang derselbe bis zu 
dem Momente, wo die Nadel an die Vorderfläche des Staares angelegt 
wird und als Hebel zu wirken beginnt. Soll der Staar nach hinten 
umgelegt werden, so muss die Nadel etwas oberhalb des Mittelpunktes 
aufgesetzt und das Heft nicht in der früher angedeuteten Operations- 
ebene, sondern in einer vor und unter dieser gelegenen Curve gegen 
die Nasenwurzel hin herum bewegt werden. Ist der Staar auf diese 
Weise umgelegt, wobei er, da das Hypomochlium an der Schläfeseite 
liegt, immer auch mehr weniger nach aussen hin geschoben werden 
muss, so steht sein unterer Rand von der Falze, in der er früher ruhte, 
ohngefähr eben so weit rückwärts, als bei der Scarpaschen Methode 
der äussere Rand von der gleichnamigen Falze (zwischen der vordem 
und hintern Kapsel). Da nun das Hypomochlium bei der Umlegung 
so weit vom untern Rande der Linse entfernt ist, dass eine Hebelwir- 
kung möglich ist, wenn der untere (jetzt vordere) Linsenrand zum An- 



Cataracta — Behandlung — Dislocation. 335 

griffspunkte genommen wird, so kann man durch eine zweite Bewegung 
der Nadel die Linse rückwärts schieben, mithin die Linse weiter von 
der Kapselfalze entfernen, als diess bei der Scarpaschen Methode mög- 
lich ist. So wird die umgelegte Linse durch Rückwärtsschiebung voll- 
ständig entkapselt; sie wird dann bloss vom Glaskörper, nicht mehr 
von der Kapsel umfangen, und eine der wichtigsten und häufigsten Ver- 
anlassungen zum nachträglichen Aufsteigen ist beseitigt. 

c. Nachbehandlung. Die bei der Extraction für Sehversuche spre- 
chenden Gründe sind nach der Reclination nicht vorhanden. Wird das 
Gesicht bei temperirtem Lichte nur an gröbern Gegenständen geprüft, 
so kann man dem Kranken die Freude gönnen, ohne die mindeste Ge- 
fahr, den Erfolg zu vereiteln. Der Operirte nimmt die Objecte mei- 
stens schon in dem Momente wahr, wo der Staar noch von der Nadel 
niedergehalten oder diese noch im Auge belassen wird, um beim Auf- 
steigen wieder verwendet zu werden. (Steigt der Staar erst nach Ent- 
fernung der Nadel auf, so möchte ich nicht rathen, sie sogleich wieder 
einzuführen.) Die Augen sollen durch einige Tage verklebt und mit 
leichten Leinwandflecken wie nach der Extraction verdeckt werden. 
Könnte man sich darauf verlassen, dass der Kranke nicht vorwitzig 
sein Gesicht prüfen möchte, so würde auch blosse Beschattung hin- 
reichen. So viel ist gewiss, dass ein solcher Verband nicht schadet. 

Der Operirte kann nachher sitzen oder liegen. Erhöhte Lage des 
Kopfes dürfte vorzuziehen sein. Heftige Bewegungen mögen vorsichts- 
halber gemieden werden. Kalte Umschläge, Blutentziehungen, Mercu- 
rial- und Abführmittel sind nur bei excessiver Reaction angezeigt, oder 
wenn man Grund hat, deren Eintritt zu befürchten. 

Erbrechen, welches in den ersten Stunden nach der Operation ein- 
tritt, hat in der Regel nichts zu bedeuten; bisweilen zeigt es Aufsteigen 
des Staares an. Opiate sind im Allgemeinen am wirksamsten dagegen ; 
auch Gegenreize auf dem Epigastrium, Potio River! und Eispillen leisten 
gute Dienste. — Später wird es nur durch beginnende Iritis oder Cho- 
rioiditis erregt, und fordert zu energischer Antiphlogosis auf. — Zeigt 
sich nach Abnahme des Verbandes (am 4. Tage) oder später Hypo- 
pyum, so muss die Punction der Hornhaut gemacht werden. Aberma- 
lige Niederdrückung des aufgestiegenen und nicht resorbirten Staares 
ist erst dann zulässig, wenn sich der Bulbus von jeder Spur von Reizung 
erholt und wieder die normale Spannung erhalten hat. 

Bezüglich des stufenweisen Überganges zum vollen Tageslichte und 
gewöhnlichen Gebrauche der Augen sind nahezu dieselben Rücksichten 
zu beobachten, wie nach der Extraction. 



336 Krystalllinse. 

3. Die Discissioii (Discissio catar. recte capsulae anter.). 

Wir zerschneiden oder zerreissen die vordere Kapsel in Zipfel, so 
dass sich diese gegen die Peripherie hin zurückziehen, und die der 
Einwirkung des Kamnierwassers preisgegebene Linse verflüssigt und 
aufgesogen werden könne. Die Zerschueidung {Discissio) geschieht mit 
einer eigens construirten Nadel, welche entweder durch die Hornhaut 
[Kevatonywis) oder durch die Sclera ( Scler ojiyxis) eingeführt wird. Die 
Zerreissung [Dilaceratio) wird mit einem durch eine etwa 1'" lange 
Hornhautöffnung eingeführten Irishäkchen verrichtet, und unterscheidet 
sich von der S 324 beschriebenen Extraction nur dadurch, dass der 
Schnitt etwas kleiner angelegt und die Linse im Auge belassen wird. 
Die Scleronvxis wird auf dieselbe Weise verrichtet, wie wenn man re- 
cliniren will, nur mit einer schmälern Nadel, welche füglich auch ge- 
rade sein kann, und ohne absichtliche Zerstückelung der Linse selbst. 
Es erübrigt uns daher nur die Beschreibung der Keratomjxis. 

Die Momente, auf die es bei der Zweckerreichung durch Discis- 
sion und Dilaceration ankommt, sind nur die Erhaltung einer bleiben- 
den Öffnung in der vordem Kapsel und die Vermeidung jeder hiezu 
nicht streng notwendigen Verletzung. Die Zerstückelung der Linse 
selbst ist überflüssig; sie kann übrigens wegen der noth wendig damit 
verbundenen grössern Verletzung des Auges und wegen zu raschen 
Aufquellens der Linse leicht zu Entzündung führen. 

«. Die Vorbereitung zur Discission durch die Cornea ist dieselbe, 
wie zur Reclination. Möglichst starke und andauernde Erweiterung der 
Pupille (durch wiederholte Anwendung von Belladonna) ist hier unum- 
gänglich nothwendig. Ebenso inuss man sich einer ruhigen Haltung 
des Bulbus im vorhinein versichern, wo nöthig durch Chloroform oder 
Fixirung mit einem Ophthalmostaten. Die Nadel sei zweischneidig, 
möglichst fein und von einer solchen Proportion zwischen Hals und 
Fläche, dass ersterer die von letzterer gebildete Wunde völlig ausfülle, 
und das frühzeitige Abfliessen des Kammerwassers hindere, ohne bei 
den hebelartigen Bewegungen der Nadel die Cornea zu quetschen. Die 
Fläche sei nur etwa i l&'" breit, und sammt der Spitze (bis zum Halse) 
höchstens 1 l ii'" lang, denn die Spitze soll, wenn die Fläche durch die 
Hornhaut eingedrungen ist, wenigstens den Kern der Linse noch nicht 
erreichen. 

b. Verrichtung der Discission. Man denke sich durch eine hori- 
zontale und durch eine verticale Linie die Cornea in vier Quadranten 
getheilt; der Einstichspunkt werde ohngefähr in der Mitte des nach 



Cataracta — Behandlung — Discission. 337 

unten und aussen gelegenen Quadranten, dem Pupillarrande der Iris 
gegenüber (oder etwas höher) gewählt. So wie die Lider fixirt sind 
und das Auge gradaus gestellt ist, bringt der Operateur die Nadel auf 
dieselbe Weise wie im 2. Momente der Extraction vor das Auge, bloss 
mit dem Unterschiede, dass, wenn man sie an den Bulbus anlegen 
möchte, ihre Spitze dem obersten Theile des Pupillarrandes entsprechen 
würde. Die Hand stützt sich dabei mit der Dorsal- oder Ulnarseite 
des kleinen Fingers in der Gegend der Fossa canina an das Gesicht, 
der Ellbogen ist ganz an den Rumpf (in der Gallenblasengegend) an- 
gezogen. Durch Biegung der die Nadel haltenden Finger und Hebung 
des Heftes wird die Nadel senkrecht auf die Tangirungsebene des Ein- 
stichspunktes aufgesetzt und durch Streckung der Finger bis an den 
Hals eingestochen. Eine Fläche sieht somit nach dem Centrum, die 
andere nach der Peripherie der Cornea. Indem man nun das Heft der 
Nadel, welche jederzeit nur nach Art eines zweiarmigen Hebels ge- 
braucht werden darf, senkt, so dass es olmgefähr an den Mittelhand- 
knochen des Zeigefingers anzuliegen kommt, gleitet die Spitze nach 
oben bis zum Pupillarrande. Nun wird die Nadel, deren eine Fläche 
jetzt rückwärts sieht, so gedreht (zum Daumen), dass ihre Schneide 
und Spitze oben auf der Kapsel steht. Hebung des Heftes (zwischen 
den drei zu beiden Seiten liegenden Fingern), so dass es sich wieder 
von der Mittelhand entfernt, bewirkt sofort Herabgleitung der Nadel 
an der Kapsel und verticale Einschneidung derselben. Nach 1 — 2ma- 
liger Wiederholung dieses Manövers werde das Heft wieder gesenkt, 
die Nadel ein wenig zurückgezogen und mit der Spitze vor der Kapsel 
zum innern Ende des horizontalen Pupillendurchmessers gebracht, um 
sofort durch raschen Wechsel zwischen massiger Pro- und Supination 
die Kapsel horizontal zu spalten. *) Wurde der Einstich senkrecht ge- 
macht und wird nachher die Nadel rein als Hebel der 1. Art gebraucht, 
so bleibt die Cornea unverrückt und zeigt keine Spur von Vertiefung 
oder Piimzelung. 

Flösse das Kammerwasser vor der Ausführung dieser Schnitte ab, 
so müsste man sich begnügen, die Kapsel bloss durch einen Stich oder 
Schnitt eröffnet zu haben. Ebenso müsste man von der Operation ab- 
stehen, wenn sich die Pupille so verengerte, dass man die Iris quet- 
schen müsste, oder wenn die Nadel vorzeitig aus dem Auge herausge- 
glitten wäre. — Will man das tiefere Eindringen der Nadel in die 
Linse bei den genannten Bewegungen vermeiden, so muss die Nadel 

*) Zur ersten Einübung in diesen Mechanismus, den ich von Prof. Fr. Jäger kennen lernte, eignen sich 
Schweins- oder Kaninchenaugen wegen der Grösse der Papille am besten. 
Arlt Augenheilkunde. II. 22 



338 Krystalllinse. 

während derselben immer ein wenig zurückgezogen werden, weil sonst 
die Spitze der Nadel genau eine Kreislinie beschreiben würde (wie ein 
Radius um den Einstichspunkt in der Cornea). 

Wie wenig auch die Discission durch die Cornea das Auge verletzt, so ist man 
doch vor Entzündung und Vereiterung der Cornea nicht absolut gesichert. Die Cornea 
kann leicht gequetscht und gezerrt werden . Auch gelingt die kreuzweise Spaltung der 
Kapsel nicht immer so sicher, als man erwartet, und es erfolgt, selbst wenn die Linse 
ganz aufgesogen wird, leicht Catar. secundaria. Diese Umstände haben mich in den 
letzten Jahren bewogen, statt der einfachen Discission lieber die von Fr. Jäger ursprüng- 
lich für den vordem Kapselstaar erfundene Dilaceration zu üben. 

Der etwa 2'" lange Einstich in die Cornea bringt dem Auge durchaus keine 
Gefahr. Das Kammerwasser fiiesst erst bei der Einführung des Häkchens ab, und um 
ja die Iris nicht zu verletzen, wurde schon oben S. 324 der Rath gegeben , den Einstich 
mindestens 1 /i'" vom Limbus conj. entfernt zu machen. Mit dem Häkchen wird der 
Kapsel ganz sicher eine solche Wunde beigebracht, dass mindestens ein Zipfel gebildet 
wird. Ist die mittlere Partie der Kapsel getrübt und verdickt, so wird sie mit dem 
Häkchen herzausgezogen. Zu Grunde gehen kann das Auge nur noch dadurch, dass 
durch zu rasches und starkes Aufquellen der Linse Chorioiditis gesetzt wird. (Vergl. S. 
227.) Auch diesem Ausgange hoffe ich künftighin durch rechtzeitige Punction der Cornea 
vorbeugen zu können. 

c. Nachbehandlung. Im Allgemeinen dürfte es besser sein, das Auge 
auf dieselbe Weise, wie nach der Extraction, zu schliessen und zu be- 
schatten, ersteres jedoch nur etwa durch 24— 48 Stunden. Dem vollen 
Tageslichte darf sich der Kranke so lange nicht aussetzen, als die vor- 
dem Ciliargefässe stärker injicirt sind, und das Auge bei stärkerem 
Lichte von Thränen überfliesst. Diese Zufälle treten auch bisweilen 
ein, nachdem das Auge schon von jeder Reizung frei zu seiu schien, 
wenn nämlich die Linse sich durch die Pupille vorwärts drängt oder 
stückweise in die vordere Kammer gefallen ist. Desshalb muss der 
Kranke so lange in Überwachung gehalten werden, als noch das eine 
oder das andere zu besorgen steht; sonst droht Iritis und Pupillensperre 
oder Chorioiditis mit allmäliger Vernichtung der Sehkraft für immer. 
Drängt sich der Staar zu stark in die Pupille, so kann man von künst- 
licher Erweiterung derselben Nutzen erwarten. Wird das Auge abnorm 
gespannt und geröthet, so entleere man das Kammerwasser. Auch die 
in's Stocken gerathene Resorption kann durch denselben Eingriff wieder 
in Gang gebracht werden, indem nach Abfluss des Humor aqueus die 
Kapsel vorrückt und wieder einreisst. Man kann hiezu auch ein Staar- 
messer wählen und dessen Spitze in die Kapsel einsenken. — Durch 
Arzneimittel scheint die Resorption des Staares nicht befördert werden 
zu können. Ortlich hat man hiezu Reizmittel, z. B. Animoniakdäinpfe, 
innerlich Sublimat, Jodkali, Polygala senega und dergl. versucht. 



Cataracta — Operation — Bedingungen dazu. 339 

Anzeigen zur Operation und zu den einzelnen Methoden. 

Wenn die Gegenwart von Cataracta Consta tirt ist, so fragt sich's: 
1. Kann durch Beseitigung des mechanischen Hindernisses das Gesicht 
wieder hergestellt oder doch verbessert werden, und lässt sich mit 
Rücksicht auf die Mittel (Methoden) erwarten, dass dasselbe werde be- 
seitigt werden können? 2. Ist bei unvollständiger Erblindung die Wahr- 
scheinlichkeit für Gewinn grösser, als für Verlust? 3. Kann die Ope- 
ration sogleich vorgenommen werden, oder stehen temporäre Hindernisse 
entgegen? 4. Von welcher Methode lässt sich im gegebenen Falle mit 
Rücksicht auf den Staar, das Auge, das Individuum und die äussern 
Verhältnisse, unter denen man operiren muss, am ehesten ein günstiger 
Erfolg erwarten? 

Ad. 1. Die Erledigung des ersten Theiles dieser Frage ergibt sich 
aus der Constatirung der Complicationen S. 2S6 — 290. Jede der 3 Haupt- 
methoden setzt, abgesehen von der Kunstfertigkeit des Operateurs, die 
wir als vollkommen annehmen wollen, gewisse Bedingungen von Seite 
des Staares, der übrigen Gebilde des Auges, der Individualität des 
Kranken und der äussern Verhältnisse voraus. Es kann der Fall sein, 
dass sieh wegen dieser Umstände weder die eine noch die andere dieser 
Methoden, noch auch eine Modification derselben anwenden lässt, oder 
doch nur so geringe Aussicht auf Erfolg darbietet, dass es vielleicht 
gerathener ist, gar nicht zu operiren. Obwohl die Bedingungen zu 
den einzelnen Methoden sich aus dem bisher Gesagten leicht entnehmen 
lassen, so dürfte es doch nicht unnütz sein, sie hier übersichtlich zu- 
sammen zu stellen. 

a. Bedingungen zur Extraction. Zu tiefe Lage des Bulbus macht 
den (auf die Hälfte berechneten) Hornhautschnitt sehr schwierig, selbst 
unmöglich. Es widerspricht der Beobachtung, wenn Hasner 1. c. S. 210 
angibt, „das Auge liege niemals so tief, dass die Hornhaut nicht über 
den Orbitalrand hervorstünde." Blepharophimosis könnte, wenn man 
nur die Extraction wählen wollte oder müsste, dadurch beseitigt wer- 
den, dass man einige Zeit vorher die S. 143 B. I. angegebene Opera- 
tion vorausschickt. Bei zu fiucher Lage (Glotzauge) kann bisweilen da- 
durch, dass man den Schnitt nach oben oder schräg von oben und 
aussen nach innen und unten führt (Schrägschnitt nach Wenzel und Le 
Roiuv\, die Gefahr der Hornhautvereiterung vermieden werden; doch 
wird bei harten Staaren im Allgemeinen die Beclination, bei weichen 
die Discission oder die Extraction durch eine 3 — 4 //; lange Öffnung 
vorzuziehen sein. JDistichiasis, Trickiasis, En- und Ectropium verbieten, 

22* 



340 Krysfalllinse. 

falls sie nicht vorher beseitigt werden können, die Extraction, wenigstens 
den auf die Hälfte berechneten Schnitt nach unten. Unwillkürliche 
Zuckungen in den Gesichtsmuskeln und die Gewohnheit, das Auge häufig 
zuzukneipen, contraindiciren den Hornhautschnitt. Chronische Entzün- 
dung der Bindehaut oder des Thränenschlauches stellt, wenn sie nicht 
vorher gänzlich und bleibend beseitigt werden kann, die Vereinigung 
per priniam intentionem um so mehr in Frage, je grösser die Wunde 
gemacht werden muss. Hornhautnurben setzen an und für sich keine 
Gegenanzeige zur Extraction, doch muss man darauf gefasst sein, dass 
das Messer schwerer durch sie dringen werde. Beer's Rath, dem Arcus 
senilis mit dem Messer auszuweichen (wegen nicht erfolgender Ver- 
einigung), ist durch vielfache Erfahrungen als unbegründet erwiesen. 
Bei kleiner vorderer Kammer ist der Schnitt schwierig auszuführen, 
ausser die Pupille lässt sich so stark erweitern, dass man der Iris aus- 
weichen kann. Bei vordem oder hinlern Synechien muss erwogen wer- 
den, ob dieselben gleich mit dem Messer oder nachher mit der Nadel 
oder dem Häkchen und der Scheere werden getrennt werden können, 
damit sie dem Austreten der Linse kein Hinderniss entgegen setzen. 
Verflüssigung des Glaskörpers ist, wenn der Kranke gleich in die Bücken- 
lage gebracht wird, keine Gegenanzeige gegen die Extraction. Der 
Staar selbst setzt vermöge seines Sitzes, seiner Grösse und Consistenz 
nie eine Gegenanzeige gegen die Extraction, wenn man die Grösse des 
Hornhautschnittes genau darnach berechnet. Wichtig dagegen ist, dass 
der Staar reif sei (in dem oben bezeichneten Sinne). 

Es ist eine originelle Ansicht von Hasner 1. c. S. 211 und 213, wenn er die soge- 
nannte Phakohydropsie als Contraindication der Extraction aufstellt, und dagegen die 
Paracentese der Kapsel mit einer Staarnadel als einzige Methode empfiehlt. Uns scheint 
es rationeller zu sein, bei flüssigen Staaren die Hornhaut durch einen etwa 3"' langen 
Einstich zu eröffnen, und durch diesen nach Eröffnung der Kapsel ihr Contentum lieber 
zu entleeren, als dasselbe nach Hasners Rathe im Auge zu belassen. 

Will man durch einen Lappenschnitt extrahiren, so muss man mit 
Grund erwarten können, dass der Kranke bei und nach der Operation 
die gehörige Ruhe beobachten werde. Kinder und kindische Greise 
eignen sich dazu eben so wenig, als übermässig Furchtsame, Blödsin- 
nige, Epileptische u. dgl., oder solche, welche wegen Krankheiten der 
Circulations- oder Respirationsorgane, grosser Fettleibigkeit, Skoliosis 
u. dgl. die Bückenlage nicht durch längere Zeit auszuhalten vermögen. 
Bei Leuten, welche durch schlechte Nahrung, Blutverluste, Missbrauch 
von Mercur u. dgl. sehr herabgekommen sind, sind die Bedingungen 
zur Heilung der Wunde per primam intentionem in der Regel nicht 
vorhanden. 



Cataracta — Operation — Bedingungen dazu. 34 i 

Ohne einen gut unterrichteten Assistenten, ohne verlässliches Wart- 
personale und ohne die übrigen S. 304 — 307 angeführten äussern Er- 
fordernisse zu extrahiren, bleibt immer ein gewagtes, meistens nicht zu 
rechtfertigendes Unternehmen. 

b. Bedingungen zur Reclination. Der Staar muss hart sein. 
Vgl. S. 25S. Nur wenn Kern und Rinde zu Einer Masse zusammen- 
geronnen sind, darf man erwarten, dass sich die Linse vollständig werde 
recliniren lassen. Ist nebst der Linse auch die vordere Kapsel getrübt, 
so kann man vor Nachstaar nicht sicher sein, da die veränderte Kapsel- 
partie dann mit reclinirt wird. Bei verschrumpften Staaren steht zu be- 
sorgen, dass die Nadel mitten durch geht, oder dass die Verbindungen 
mit dem (Ziliarkörper nicht gelöst werden können. Bei Catar. cystica 
ist die Reclination unmöglich. Hintere Synechien lassen sich nicht 
immer so leicht trennen, als man glauben möchte; je zahlreicher und 
ausgebreiteter sie sind, desto mehr hat man Verletzung der Iris und 
Kapselnachstaar zu fürchten. Bei Catar. accreta ist nur die Extraction 
mit Pupillenbildung möglich. Verflüssigimg des Glaskörpers lässt Wieder- 
aufsteigen der Linse , wo nicht Unmöglichkeit der Niederlegung selbst 
befürchten. Sind congestive oder entzündliche Zustände der Chorioidea 
auf demselben oder auch nur auf dem andern Auge vorhanden (ge- 
wesen), so wähle man wo möglich lieber die Extraction (wegen Gefahr 
von Chorioiditis). 

c. Bedingungen zur Biscission. Die Linse muss weich, die 
Kapsel zerschneid- oder zerreissbar , das Individuum nicht zu sehr an 
Jahren vorgerückt sein. Harte Staare lösen sich zu langsam oder gar 
nicht auf. Behufs der Keratonyxis muss die Augenkammer mindestens 
V" tief, die Pupille auf 3 '" erweiterbar sein. Bei flüssigen und bei jenen 
weichen Staaren, welche unter Zeichen von Congestion oder Entzündung 
am Bulbus entstanden sind, oder bei welchen die Ptesistenz des Bulbus 
abnorm ist, erscheint die Discission gewagt; sicherer ist es da, wenigstens 
einen Theil der Linse durch einen massig grossen Einstich in die Cornea 
zu beseitigen. 

Ad. 2. Wenn auch die Möglichkeit vorhanden ist, einen Staar zu 
beseitigen, und alle Wahrscheinlichkeit auf günstigen Erfolg besteht, 
so vergesse man nie die erste Pflicht des Arztes: non nocere. Jede 
Operation, unter den günstigsten Auspicien unternommen, kann Nicht- 
erfolg, und die nur etwas eingreifenderen können auch Vernichtung der 
Sehkraft, selbst der Form des Auges zur Folge haben. Hieraus ergibt 
sich, dass man bei partiellen stationären Staaren gar keine, oder doch 
nur eine möglichst wenig eingreifende Operation wählen dürfe, und 



342 Krystalllinse. 

class mau um so bedächtiger zu Werke gehen müsse, wenn der Krauke 
nur Eiu Auge aufs Spiel zu setzen hat, oder bloss wegen Behebung 
der Entstellung operirt sein will. — Bei partiellen Stachen, deren Fort- 
schreiten zu totalen mit Grund zu erwarten steht (Cat. nondum matura), 
ist die Verschiebung der Extraction oder Recliuation bis zu dieser Um- 
wandlung nicht so sehr ein Act der Klugheit, als vielmehr der Gewis- 
senhaftigkeit. Tritt nach einer so eingreifenden Methode, wie es die 
totale Extraction und die Recliuation sind, Verlust des Auges bei einem 
Kranken ein, welcher vor der Operation noch mehr weniger sah 
(grössere Objecte erkennen, allein herumgehen konnte u. s. w.), so wird 
dieser nicht nur dem Arzte — denn das wäre noch das Geringste — 
sondern auch sich selbst immer Vorwürfe machen, dass er sich operiren 
liess, und gerade solche Fälle sind am meisten geeignet, die Furcht 
vor Staaroperationen überhaupt im Publicum zu steigern. 

Hasner' s Ansicht : „die Operation eines harten Staares "werde stets einen günstigeren 
Ausgang nehmen , in je früheren Entwieklungsstadien desselben sie vorgenommen werde, 
schon aus dem Grunde, weil die Netzhaut noch immer an grössern Lichteindruck ge- 
wöhnt, auch nach Entfernung der Linse das neu einströmende Licht besser vertrage und 
durch Reflex ihrer Eeizung nicht so leicht Entzündung der andern Membranen entstehe," 
würde ich schon aus dem eben angeführten Grunde nicht beitreten, wenn ich auch nicht 
durch vielfältig vergleichende Beobachtungen zur Überzeugung gekommen wäre, dass die 
uralte Lehre von der Reife des Staares eine tiefe, auf pathologisch-anatomische Verhält- 
nisse zurückführbare Bedeutung habe. Das Fürchterliche der Extraction liegt einzig und 
allein in der Möglichkeit, dass die Hornhaut vereitere. Wie der ungewohnte Lichtreiz 
auf die Netzhaut zu Vereiterung der Hornhaut führen solle, ist unbegreiflich. In Bezug 
auf die Iritis habe ich meine Ansicht schon S. 51 ausgesprochen. 

Ist eine zur Operation geeignete Cataracta bloss auf Einem Auge, 
zugleich aber kein Grund vorhanden, Entwicklung desselben Übels auch 
auf dem andern gesunden Auge zu befürchten, so kann man den Kran- 
ken operiren , um die Entstellung zu beseitigen und das Gesichtsfeld 
zu erweitern; man verspreche ihm jedoch keinen Gewinn für die Schärfe 
des Gesichtes überhaupt, und übersehe nicht, dass unter gewissen Ver- 
hältnissen (vgl. B. I. S. 259 — 264) das gesuude Auge durch das ope- 
rirte selbst in seiner Function beeinträchtigt werden könne. Auch beim 
glücklichsten Erfolge und durch die passendste Brille kann die Seh- 
kraft des operirten Auges der des gesunden nicht gleich gemacht wer- 
den. Ich habe bei einem Knaben mit rein örtlich bedingter Catar. uni- 
lateralis aus kosmetischen Bücksichten die Keratonyxis gemacht; es 
erfolgte Vereiterung der Cornea und Phthisis bulbi. — Beginnt an dem 
zweiten Auge schon Cataracta, so kann man den Kranken durch Ope- 
ration des ersten wesentliche Dieste leisten. Die Operation des 
einen Auges nimmt — nach meiner Erfahrung — weder einen hemmen- 



Cataracta — Operation — Bedingungen dazu. 343 

den noch einen beschleunigenden Einfluss auf die Entwicklung des 
Staares am andern Auge. 

Zu warten, bis beide Augen in Einer Sitzung operirt werden können, 
lässt sich meines Erachtens im Allgemeinen nicht vertheidigen. Man 
hat gegen die unilaterale Operation angeführt, dass bei bilateraler Ope- 
ration der Kranke die damit verbundenen Beschwerlichkeiten nur Ein- 
mal zu ertragen habe, dass fast immer doch wenigstens Ein Auge gut 
durchkomme, dass, wenn nach unilateraler Operation das Auge ver- 
loren gegangen, der Kranke sich nicht leicht zur Operation des zweiten 
entschliesse und lieber blind bleibe u. s. w. Aber, wer beide Augen 
total verloren hat, dem bleibt nicht einmal die Wahl zwischen Opera- 
tion und NichtOperation. Manche haben consensuelle Entzündung des 
zweiten Auges gefürchtet, Andere haben die Entzündung des einen als 
Ableitung vom andern Auge betrachtet. Autoren, die sonst keine Auto- 
tität vor und neben sich dulden wollen, haben sich auf die Autoritäten 
eines Desmours, Beer, Jäger, Rosas u. A. berufen, welche bekanntlich 
häutig und mit dem besten Erfolge beide Augen in Einer Sitzung 
operirten. — Worauf es bei Erledigung dieser Frage ankommt, das ist 
wohl nebst der Erfahrung, welche die bilaterale Operation im Allge- 
meinen als zulässig erklärt, die Rücksicht auf die Methode, welche 
man wählt oder wählen muss, und auf die Umstände, unter denen man 
die Operation vornimmt. Nur wo alle Verhältnisse von Seite des 
Staares, des Auges, des Individuums, der Wartung und Pflege, der 
Kunstfertigkeit des Operateurs günstig sind, lässt sich — streng ge- 
nommen — die bilaterale Operation vertheidigen, wenigstens entschul- 
digen. Wer in öffentlichen Anstalten operirt, wo er es grösstenteils 
mit Leuten vom Lande zu thun hat, welche theils wegen Armuth, theils 
wegen hohen Alters froh sind, die weite Reise Einmal überstanden zu 
haben , und daher meistens die bilaterale Operation verlangen , der 
muss wohl öfter beide Augen in Einer Sitzung operiren, als er es 
sonst thun würde. Bei jüngeren Individuen habe ich mich, wenigstens 
in den letzten Jahren, selten mehr zu bilateraler Operation bestim- 
men lassen. 

Treffend bemerkt in dieser Beziehung Makenzie 1. c. S. 578: „Operirt man nur ein 
Auge, und lässt dasselbe sich nieder erholen, so kann man vielleicht während des Ver- 
laufes der Operation und der Genesung einige besondere Umstände bemerken, die für die 
zweite Operation von wesentlichem Nutzen sind, oder den Arzt zu bestimmen vermögen, 
eine andere und passendere Operation für das zweite Auge zu wählen." 

Ad 3. Temporäre Hindernisse können, abgesehen von der be- 
reits besprochenen Unreifheit des Staares und früher zu beseitigenden 
krankhaften Zuständen des zu operirenden Auges selbst, gesetzt wer- 



344 Krystalllinse. 

den vom Alter, gewissen Epochen, andern Krankheiten des Individuums, 
von herrschenden Epidemien (Hospitalbrand, Dysenterie) und von der 
Jahreszeit. 

Dass angeborene und in der Jugend entstandene Staare je eher je 
lieber operirt werden sollen, dafür haben wir bereits früher unsere 
Gründe angeführt. „Indem Dr. Farre*) von den Resultaten der Ope- 
rationen des Herrn Saunders spricht, sagt er, dass die Sensibilität des 
Auges bei vielen Patienten, welche in einem Alter von 4 Jahren und 
darunter geheilt wurden, nicht von derjenigen übertrofifen werden konnte, 
welche Kinder besassen, die von der Geburt an des Sehvermögens sich 
erfreut hatten; aber in einem Alter von 8 Jahren oder selbst früher 
war dieser Sinn, wie man sich deutlich überzeugen konnte, viel weni- 
ger activ, in einem Alter von 12 Jahren war er noch stumpfer, und in 
einem Alter von 15 Jahren und darüber war er in der Regel sehr un- 
vollkommen, und manchmal war nur noch Perception des Lichtes übrig 
geblieben. Diese Beobachtungen setzen die bestrittene Zweckmässigkeit 
einer frühzeitigen Operation in Fällen von angebornem grauen Staare 
ganz ausser Zweifel." Durch Anwendung von Belladonna und von Chloro- 
form kann man die zur Discission oder zur Extraction mit stichweiser 
Eröffnung der Cornea nöthigen Bedingungen herbeischaffen. Die Ex- 
traction mit Lappenbildung und die Reclination sind unzulässig. 

Die Zeit des Zahnens, des Zahnwechsels, der Pubertät, der Men- 
struation, der Gravidität werden wo möglich vermieden, ebenso die Zeit 
des Wechsels. Sehr hohes Alter setzt an sich keine Contraindication. 
Sz-okalski z. B. nahm bei einem Greise von 103 Jahren, und Cunier**) 
bei einer 1 00jährigen Frau die Reclination mit günstigem Erfolge vor. 

Scrofulosis, Tuberculosis und Krebsablagerungen contraindiciren 
die Operation nicht, ausser zur Zeit frischer Nachschübe. Bei Scrofu- 
lösen sei man mit der Keratonyxis und mit dem halbkreisförmigen 
Horateiutscknitte vorsichtig. Cataracta bei Diabetes mellitus gestattet nur 
die Discission oder die stichweise Eröffnung der Hornhaut mit oder 
ohne Beseitigung der Linse. Bei Säufern ist die Extraction (mit halber 
Durchschneidung der Cornea) jederzeit eine gewagte Sache. 

Für arme Leute, welche durch die Xoth, die sie im Winter am 
meisten drückt, herabgekommen sind, ist der Frühling, wie schon Adam 
Schmidt bemerkt, im Allgemeinen die am wenigsten passende Jahres- 
zeit, für Corpulente der Sommer. In Anstalten und bei Reichen, wo 
man Alles nach Erforderniss einzurichten vermag, kann man zu jeder 

*) Citat aus Makenzie 1. c. S. 580. 
**) Annales d'oculist. T. XI. p. 272. 



Cataracta — Operation — Wahl der Methode. 345 

Jahreszeit operireu: nur müssen die Leute, namentlich nach der Ex- 
traction, im Winter oft nur zu lange das Zimmer hüten. In der frischen 
Luft erholt sich das operirte Auge am schnellsten. Nach dem ersten 
Ausgange ist die Röthe und Absonderung der Bindehaut oft wie weg- 
gezaubert. 

Ad 4. Über den relativen Werth der einzelnen Methoden zu 
einander ist viel gestritten worden. Es wäre freilich am bequemsten, 
alle Staare nach Einem Modell operiren zu können; das geht indess 
eben so wenig, als dass man ein und dieselbe Krankheit bei verschie- 
denen Individuen mit demselben Mittel bekämpfe. 

Zwei Stellen in Beers Leitfaden (II. B. S. 335 und 347) enthalten ohngefähr Alles, 
was sich vernunftiger Weise im Allgemeinen hierüber sagen lässt. „Nach welcher Me- 
thode operiren Sie den Staar? — Ich pflege immer zu antworten, nach der Methode, die 
ich in dem vorliegenden einzelnen Falle für die zweckdienlichste halte. Nicht die aus- 
gezeichnetste Kunstfertigkeit in einer einzelnen Staaroperationsmethode, sondern nur die 
mit einleuchtenden Gründen belegte Auswahl der Operationsrnethode für den vorliegen- 
den Fall, verbunden mit einem hohen Grade von Kunstfertigkeit in jedem technischen 
Curver fahren, beweist den wahrhaft grossen Meister." S. 347. „Jede dieser Methoden 
hat in bestimmten Fällen ganz offenbare Vorzüge vor den beiden andern; keine dersel- 
ben wird jemals von einem erfahrenen, verständigen und in jeder derselben vollkommen 
geübten Augenarzte den beiden andern unbedingt vorgezogen, und für sich allein ge- 
pflogen werden." Trotzdem hat Hasner keinen Anstand genommen, 1. c. S. 209 zu 
schreiben: „Bekanntlich gab es eine Zeit, wo die Extraction vor allen übrigen Methoden 
geübt und empfohlen wurde. Beer und Que'rin riethen sogar, jeden Staar zu extrahiren. u 

Wo die Bedingungen zu den einzelnen Methoden eine Wahl zwischen 
zweien gestatten, berücksichtige man die Gefahr, welche jede mit sich 
bringt, die Sicherheit, mit welcher jede einzelne zum Ziele führt, und 
die Zeit, die zur Heilung erfordert wird. Bei genauer Combination aller 
dieser Factoren wird man finden, dass in dem einen Falle nur die An- 
wendung der einen Methode rationell genannt werden kann, in einem 
andern dagegen die Wahl offen bleibt. 

Die Extraction ohne Lappenbildung setzt das Auge fast gar keiner 
Gefahr aus, und führt beinahe ohne Ausnahme sicher und schnell zum 
Ziele; sie ist leider nur selten anwendbar. 

Die Discission (Dilaceration) durch die Cornea verletzt das Auge 
eben so wenig. Der Zweck wird langsam, doch mit Rücksicht auf den 
Umstand, dass man das Manöver nach Verlauf von einigen Wochen 
wiederholen oder die Extraction mit stichweiser Eröffnung der Cornea 
substituiren kann, sicher erreicht. Vernichtung der Sehkraft droht nur 
bei Keratonyxis durch Hornhautvereiterung, bei jeder der Varianten 
durch zu rasches Aufquellen oder in Folge unzweckmässigen Verhaltens 
durch Iridochorioiditis. Durch die Scleronyxis werden die Iris und die 



346 Krystalllinse. 

Chorioidea direct gefährdet. Leider ist auch die Discission vermöge 
des Principes, auf dem sie beruht, nur iu relativ seltenen Fällen an- 
wendbar. 

Die Extraction mit dem Lappenschnitte ist in so fern ein gewagtes 
Unternehmen, als man für die schnelle Vereinigung der Wunde nicht 
einstehen kann. Hievon abgesehen führt sie sicherer und schneller zum 
Ziele, als die Discission und die Reclination. Mit der gehörigen Um- 
sicht und Kunstfertigkeit unternommen, zieht sie den genannten Unfall 
im Ganzen nur selten nach sich, und auch die Discission und die Recli- 
nation sichern nicht absolut vor unrettbarer Vernichtung des Auges. 

Die Reclination verbirgt in sich weit mehr Gefahr, als man bei 
oberflächlicher Betrachtung vermuthen möchte. Man ist nie, weder vor 
dem Wiederaufsteigen, noch vor acuter oder chronischer Entzündung 
der Chorioidea sicher, auch nach mehreren Wochen nicht; man kann 
sogar für den momentanen Erfolg, das Liegenbleiben unmittelbar nach 
Entfernung der Nadel aus dem Auge, nicht mit so viel Wahrscheinlich- 
keit einstehen als bei der Extraction. 

In Fällen, wo die Bedingungen sowohl zur Extraction als zur Re- 
cliuation gleich günstig sind, ziehe ich nach den Erfahrungen, die ich 
gemacht habe, die Extraction der Reclination vor. 

Was man für und gegen die eine oder die andere Methode in Be- 
zug auf deren Ausführbarkeit und auf den Grad der Schärfe des Ge- 
sichtes, der dadurch erlangt werden kann, angeführt hat, beruht mehr 
auf Vorliebe für die eine oder die andere Methode. Eine gut ausge- 
führte Reclination macht dem Operateur eben so viel Ehre, als eine 
gelungene Extraction. Kapselnachstaar kann nach der einen wie nach 
der andern zurückbleiben. 

Veränderungen im Auge nach Staaroperationen, 

Nach der Extraction verklebt die Wunde sehr bald, bleibend je- 
doch — bei ungestörtem Verlaufe • — im Allgemeinen erst nach 24 — 48 
Stunden, und hinreichend fest nach 8 — 10 Tagen. Werden die Wund- 
ränder gar nicht verrückt, so bleibt nur eine bei genauer Untersuchung 
wahrnehmbare Narbe zurück; an jüngeren Individuen kann auch diese 
mit der Zeit ganz oder zum Theile unsichtbar werden. Fand Verschie- 
bung, leichte Eiterung, Glaskörper- oder Irisvorfall statt, so bleibt eine 
etwas breitere, jedoch ganz unschädliche Narbe zurück, in letzterem 
Falle mit vorderer Synechie und mehr weniger nachtheiliger Verziehung 
der Pupille. Grosse Vorfälle drohen mit Pupillensperre ; sie stören das 
Sehen Anfangs auch dadurch, dass der Hornhautlappen vorgedrängt und 



Cataraeta — Operation — Prognosis. 347 

geknickt wird. An die Stelle der Linse tritt bis zur Ebene, in welcher 
die Zonula Zinnii liegt, Kammerwasser, hinter derselben Glaskörper. 
In der Mehrzahl der Fälle wird nur ein Theil der Pupille ganz rein 
schwarz ; ein mehr weniger beträchtlicher Theil bleibt durch nicht völlig 
versehrumpfte Partien der vordem Kapsel verdeckt, welche wegen 
Eunzelung oder Beschlag mit Rindensubstanz mehr weniger trüb und 
in der Ebene der Zonula gelegen erscheinen. Wo Iritis eingetreten 
war, findet man hintere Synechien oder totale Pupillensperre mit Rück- 
wärtsziehung des Pupillarrandes. Wo die Linse nicht vollständig ent- 
fernt und die zurückgebliebenen Reste nicht ganz aufgesogen wurden, 
findet man mehr weniger Rindensubstanz zwischen der vordem und 
hintern Kapsel eingeschlossen, namentlich ringsum nächst der Peri- 
pherie. Hatte sich Hornhauteiterung und consecutiv Chorioiditis ent- 
wickelt, so findet man (wenigstens ich fand es in zwei sehr bald zur 
Section gekommenen Fällen) den Glaskörper besonders in seiner vor- 
dem Hälfte von eitrigem Exsudate wie von Rauch- oder Nebelwolken 
durchsetzt, die Chorioidea und Retina blutreicher, erstere nur im Be- 
reiche des Corpus ciliare gelockert und geschwellt, zwischen Chorioidea 
und Netzhaut kein Exsudat. (Ist dieser Befund vielleicht, wie Martini 
angenommen hat, als Entzündung des Glaskörpers zu betrachten?) 

Nach der Reclinaiion wird die Linse im Glaskörper bisweilen 
aufgesogen, in der Regel jedoch wenig oder gar nicht verändert. 

In einem Präparate von einem Geisteskranken, welcher 9 Jahre vorher von Prof. 
Fischer operirt worden war, sieht man vom Kerne der Linse keine Spur im Glaskörper 
oder an der Xetzhaut, indess die in der Falze an der Peripherie zurückgebliebene Rin- 
densubstanz einen gegen 1'" breiten und ty»"' dicken Ring (Krystallwulst) bildet, dessen 
Öffnung den Lichtstrahlen den Weg zur Retina gestattete. Wenzel*) behauptet, bei Zer- 
gliederung von Augen lange Zeit nach der Depression die Linse jedesmal in Bezug auf 
Grösse und Form unverändert gefunden zu haben. Dupuytren**) sah ganz unverletzte 
Staare bei Greisen 2 Jahre nach der Depression. Beer 1. c. S. 363: „Ich habe bis jetzt 
keine Gelegenheit versäumt, solche Augen nach dem Tode zu untersuchen, in welchen 
beim Leben die Depression oder Reclination des Staares vorgenommen worden war, und 
unter diesen befanden sich solche, die man schon vor 20 und mehr Jahren operirt hatte, 
aber beinahe in allen fand ich die feste, unauflösbare, meistens merklich verkleinerte 
Linse mit und ohne Kapsel etc. Bei einem Lebenden sah ich den Staar, der vor 30 Jahren 
niedergedrückt worden war, nach einem Sturze auf den Kopf wieder aufsteigen." Vel- 
peau***) fand in 12 Fällen, 1 — 4 Jahre nach der Operation, nur bei Einem die Linse 
merklich verändert, bei den andern haftete sie an der Netz- und Aderhaut. Vergleiche 
Textor des Sohnes oben citirte Inauguralabhandlung über die Wiedererzeugung der Kry- 
stalllinse. 

s ) Deval, Chirurg, ocul. Paris 1S44. S. 124. 
**) Ammon's Zeitschrift, Band I. S. 462. 
***) Me'decine ope'ratoire T. III. p. 444. 



- 348 Krystalllinse. 

In jedem Auge, wo die Linse mehr weniger vollständig aus der Kapsel 
entfernt ist, es mag diese oder jene Methode angewendet worden sein, 
steht die Iris (abgesehen von Verwachsungen nach Entzündung) tiefer, bil- 
det streng eine ebene Fläche, schlottert bei stärkern Bewegungen, und 
zeigt eine relativ engere und schwärzere Pupille. Das Diaphragma, wel- 
ches durch das Corpus ciliare, den freien Theil der Zonula Zinnii und 
die vordere Kapsel zwischen den beiden Flüssigkeiten des Auges gebildet 
und durch den Ciliarmuskel in adäquater Spannung erhalten wird, wird 
durch jede Staaroperation für einige Zeit zerstört. So lange es nicht wie- 
der hergestellt und gehörig gespannt ist — an die Stelle der vordem 
tritt sodann die in die Ebene der Zonula vorgerückte hintere Kapsel — 
fehlt dem Bulbus seine normale Spannung und somit auch ein zur Accom- 
modationsthätigkeit wesentlicher Factor. Mit der Linse ist dem Auge 
ein für allemal ein Eefractionsmittel von grosser, wenn auch untergeord- 
neter Bedeutung entzogen. Durch convexe Brillen kann dasselbe mehr 
weniger, niemals jedoch vollkommen ersetzt werden. 

Den Gebrauch von Staarbrillen, Convexgläsern von 5 — 2" Brenn- 
weite in Abstufungen von Viertelzollen, gestattet man erfahrungsgemäss 
von Alters her erst 2 — 4 Monate nach der Beseitigung der Cataracta. Es 
ist besser, ihn später als früher zuzulassen, nicht sowohl wegen der Ge- 
fahr der Anstrengung, so lange das Auge noch gereizt ist, als vielmehr 
wegen der Schärfe der Sehkraft, der Wiedererlangung eines mehr we- 
niger hohen Grades von Accommodationsfähigkeit. Der Grund für diesen 
Erfahrungssatz liegt — nach meiner Ansicht — in den so eben erör- 
terten mechanischen Veränderungen nach Staaroperationen. Das sub- 
stituirte Diaphragma muss erst wieder hinreichend fest geworden sein, 
sonst ergeht es dem Operirten ohngefähr so, wie einem jugendlichen 
Individuum, welches seine Augen bloss zur Betrachtung naher Ob- 
jecte verwendet, oder sich ohne Noth und unzweckmässig concaver 
Gläser bedient. 

Jugendliche Individuen und jene, welche vor der Entwicklung des 
Staares eher kurz- als weitsichtig waren, sehen caeteris paribus besser 
und mit minder starken Gläsern, als ältere Personen. Ich kenne meh- 
rere Staaroperirte, welche auch ohne Glas z. B. eine Nadel einfädeln 
können. Dass Einer ohne Gläser hätte lesen können, ist mir noch nicht 
vorgekommen. Ein von mir durch Extraction operirter Mann zeichnete 
noch in den siebziger Jahren mit einer und derselben Brille Baumgr.up- 
pen, Häuser u. dgl. nach der Natur. Ein durch Dilaceration der Kapel 
geheilter junger Mann liest mit Nr. 3 v h sowohl bei sechs als bei vier- 
undzwanzig Zoll Entfernung; und erkennt z. B. die Uhr am Neustäd- 



Cataracta — Operation — Prognosis. 349 

ter Rathliause vom Spitale aus (mit demselben Glase, mehr als 500 
Schritte weit.). 

Kinder mit so ausgebreiteter Verdunklung des Liusensystcmes, dass sich durch den 
Gesichtssinn gar keine Anschauung und Begriffsbildung entwickeln konnte, dürften wohl 
selten vorkommen. Ich habe bisher nur einen Knaben von acht Jahren in einem solchen 
Zustande nach der Operation (Discission) gefunden. Bevor ich über diesen höchst interes- 
santen Zustand mehrere Beobachtungen gemacht habe, erscheint mir eine Beschreibung 
und Erörterung verfrüht, da meine Beobachtung in mehieren Punkten von den Angaben 
Anderer abweicht. 

Behufs der Prognosis, zu welcher die nöthigen Anhaltspunkte in 
dem bisher Gesagten gegeben sein dürften, haben wir nur noch zu er- 
innern, dass man bei einer grossem Zahl von Operirten wohl von Glück 
sagen kann, wenn von 100 Individuen S5 — 90 ihr Gesicht wieder er- 
langen. Nach den einzelnen Augen gerechnet, stellt sich ein weit min- 
der günstiges Verhältniss heraus. 

Zur Beantwortung dieser Frage entlehne ich zunächst von Makensie (1. c. S. 561) 
einige interessante Data. Von 34 Kranken, welche David zu Rheims operirt hatte, sahen 
17 vollkommen, S leidlich, 9 nicht. Im Juni 1753 operirten an demselben Tage La Faye 
6 und Poyet 7 durch Extraction, Morand 6 durch Depression. Von La Faye's Patienten 
sahen 2 gut, 2 erträglich, 2 nicht; von Poyefs 2 gut, 2 minder gut, 1 konnte nur das 
Tageslicht unterscheiden , und 2 sahen gar nichts ; von Morand 's Kranken konnten 3 
ziemlich gut sehen, 3 sahen so wenig als vorher. Dr. Tartra operirte von 1806 — 1810 
im Hötel-Dieu 113 Kranke, 70 durch Extraction, 43 durch Depression oder Reclination. 
Von den ersteren hatten 19, von den letzteren 24 einen befriedigenden Erfolg, von jenen 
6, von diesen 4 einen partiellen; 8 Extractionen und 5 Depressionen waren gänzlich 
fehl geschlagen. Die Besultate der übrigen waren unbekannt oder mehr weniger un- 
günstig. Dr. Tartra fügt hinzu, man nehme in der Regel an, dass von 5 Operirten 2 
ihr Gesicht wieder erlangen. 

Ed. Jäger hat in seiner 1S44 erschienenen Dissertation die Resultate veröffentlicht, 
welche die Staaroperationen seines Vaters Fr. Jäger im Josephinum von 1826 — 1S44 
ergaben. Unter 72S durch die Extraction operirten Augen erblindeten bloss 33, unter 
5S durch partielle Extraction operirten 3, unter 87 durch Discission und Dilaceration 
operirten 6, unter 129 Reclinirten dagegen 21, mithin unter 1011 nur 63. (Die Über- 
sichtstabellen enthalten Rechnungsfehler, die wir uns nicht erklären können; nach dem 
Alter [S. 15) gezählt, kamen bloss 680, nach dem Geschlechte (S. 17) dagegen 801 In- 
dividuen zur Operation). 

Von dem S. 291 aufgeführten 9S9 Staarkranken wurden 9S5 operirt. 



350 



Krystalllinse. 



Individuen 



\Pupillensperre 

Geheilt , oderNachstaar 

(Nichterfolg) 



Verlust der 

Sehkraft 

für immer 



Amau- 
rosis 



Gestorben 
oder trans- 

ferirt 



(Institut 
Extraction \ Spital 
l Privat 

{Institut 
Spital 
Privat 

Discission (Institut 
(Dilaceration < Spital 
u. part. Ext.) | Privat 

Galvanismus Spital 



■287 

294 

24 

50 
92 
12 

20 

57 

2 



838 



24 

39 

3 

2 

11 



12 

12 

1 

l 

7 

2 
3 
1 



89 



128 



12 



19 



330 
351 

28 

53] 
lll 
12j 

261 

69 

3 



709 



176 



9S 



985 



In die 2. Columne sind jene aufgenommen, bei welchen nach beendeter Cur 
(zur Zeit der Entlassung) noch Hoffnung vorhanden war, durch Wiederholung der Ope- 
ration (Reclination, Discission, Ausziehung geschrumpfter Linsen- und Kapselpartien) oder 
durch Pupillenbildung das Gesicht in späterer Zeit wieder herzustellen. In der 3. Spalte 
erscheinen jene, welche ein oder beide Augen, je nachdem eines oder beide operirt 
worden waren , unrettbar verloren haben (Chorioiditis, Hornhautvereiterung), in der 4. 
Spalte solche, bei denen sich erst bei oder nach der Operation die Complication mit 
Amaurosis (hochgradiger Amblyopie) bestimmt zu erkennen gab, wo mithin von einem 
Erfolge oder Nichterfolge der Operation als solcher keine Rede sein konnte. Eben so 
können die 7 Individuen der letzten Rubrik nicht in Rechnung gebracht werden, da sie 
im Verlaufe der Nachbehandlung starben oder auf andere Abtheilungen transferirt werden 
mussteu. (I starb an Tuberculosis pulmonum, 1 an Pneumonie, 2 an Dysenterie und 1 
an Diabetes mellitus.) 

Demnach kommen auf 966 Operirte 838 Geheilte und 128 Nichtgeheilte, auf 100 
Operirte nahezu 14 Nichtgeheilte, davon 4 — 5 mit bleibendem Verluste. 

Von den im Institute durch Extraction operirten 323 Individuen wurden 106 auf 
einem, 217 auf beiden Augen operirt. Von ersteren wurden 85 geheilt, 14 mit Pupillen- 
sperre, 7 mit Verlust des Auges entlassen, von letzteren geheilt 202 (beiderseits 130). 
mit Erhaltung wenigstens eines Auges flir eine nachträgliche Operation 10, mit gänzlichem 
Verluste beider Augen 5. Von 540 der Extraction unterworfenen Augen gingen überhaupt 
41 gänzlich verloren. 

Von den eben daselbst durch Reclination operirten 53 Individuen wurden 24 auf 
einem, 29 auf beideu Augen operirt. Von den ersteren wurden 23 geheilt, einer unheilbar 
blind; von den letztern wurden 27 sehend (18 beiderseits), 2 nicht sehend (l Auge 
zerstört). 

Von den der Discission, Dilaceration oder Extraction geschrumpfter Staare (mit 
dem Häkchen oder der Pincette durch eine kleine Hornhautwunde) unterworfenen 26 
Individuen wurden 17 auf einem, 9 auf beiden Augen operirt. Von jenen wurden 11 
geheilt, 2 nicht, 4 verloren das Auge ganz; von diesen wurden 7 beiderseits sehend, 1 
nur auf einem Auge, gänzlich verloren ging keines. 

Man kann auf diese Zahlen , so getreu sie auch angegeben sind, dennoch nicht 



Cataracta — Operation — Geschichte.- 351 

viel Gewicht legen, weil zu viele Umstände Einfluss haben, welche nicht in Computation 
gebracht werden können. In öffentliche Anstalten aufgenommen zu werden hat jeder 
ein Eecht, bei dem nur noch einige Hoffnung auf Erfolg besteht. In solchen Anstalten 
müssen auch Anfänger operiren , um zu lernen , und der Vorstand selbst muss durch 
allerhand Versuche und Modificationen zu genauerer Einsicht in den Werth dieses oder 
jenes Vorganges zu kommen trachten. 



Geschichtliche Bemerkungen. *) 

So lange in der Medicin die Galen'schen Ansichten die herrschenden waren, hielt 
mau die Linse für das Organ , welches das Sehen vermittle, den Staar für ein vor der- 
selben erzeugtes Häutchen, das man niederdrücken müsse, um die Cataracta zu beheben. 
Der Ordenspriester Scheine/- ( 1600) war der Erste, welcher die Netzhaut als das Organ 
der Lichtperception nachwies, und Kepler (1604) zeigte, dass die Linse bloss zur Strahlen- 
brechung bestimmt sei. Sofort erklärten Rolßnk (Professor in Jena) , Lasnier , Quarre' 
und Borelli (in Paris) um die Mitte des 17. Jahrhunderts den Staar für Verdunklung der 
Linse, und Brisseau und Maiire Jean stellten zu Anfang des 18. Jahrhunderts (1707 bis 
1709) den Beweis dafür durch Sectionen her. Heister (Prof. in Altdorf, 1712) verschaffte 
dieser Tieuen Lehre in Deutschland Eingang, und Lapeyronie und Morand wiesen (1722) 
vor der medicinischen Akademie zu Paris nach, dass auch die Kapsel, wenn gleich selten, 
Sitz der Verdunklung sein könne. 

Die Depression, wahrscheinlich die älteste der Staaroperationsmethoden und 
schon der Alexandrinischen Schule bekannt, wurde von Celsus genau beschrieben. Dieser 
unterschied bereits den traumatischen und - den von innern Krankheiten erzeugten, den 
unreifen und den reifen, den heilbaren und den unheilbaren Staar. Er ging mit einer geraden, 
runden, spitzigen, doch nicht zu dünnen Nadel in der Mitte zwischen der Hornhaut und 
dem äussern Augenwinkel ein, drehte, bis zum Staare gelangt, die Nadel ein wenig, 
drückte den Staar unter die Pupille hinab , und hielt ihn allda eine kleine Weile fest, 
um sein Wiederaufsteigen zu verhindern. Gelang dies nicht, so suchte er die Cataracta 
zu zerbröckeln. Das Auge bedeckte er hierauf mit Wolle, die in Eiweiss getaucht war. 

Früher die hintere Kapsel von der Mitte nach unten zu schlitzen und durch diese 
Öffnung die Linse wie einen Knopf durch ein Knopfloch zu drücken, war seit Ferrein 
(1716) und Petit (1722) üblich geworden, bis 

Willburg 1785 (Nürnberg) die obengenannte Umlegung angab, welche später (1S03) 
durch Scarpa zur Seitwärtslagerung (Umlegung nach unten und aussen) umgestaltet 
wurde. In neuester Zeit (1838) hat Dr. Pauli (1836) vorgeschlagen, den Staar aufwärts 
zu lagern (Sublatio cataractae*, ein originelles Verfahren, das jedoch — aus leicht be- 
greiflichen Gründen — keine Anhänger gefunden hat. 

Zweischneidige Nadeln wurden von Ambr. Pare" (15b5), Schnalz (16S4) und Bris- 
seau (1706) eingeführt. Ad. Schmidt, Himly und Rosas substituirten den geraden Nadeln, 
welche Willburg, Richter, Beer u. A. gebraucht hatten, und der vorn gekrümmten und 
trocarformigen Scai-pa' sehen Nadel mehr weniger gekrümmte, flache und zweischneidige 
Nadeln, Weinhold (1S09) zwei scheerenartig verbundene Nadeln welche geschlossen ein- 
geführt vor den Staar gebracht, und behufs der Umlegung ausgespreizt werden, damit 
der Staar nicht umschlagen könne. 

•) Nach Rosas Handbuch der Augenheilkunde, Wien 1830, Bd. III. und Himly op. cit. Bd. II. 



352 Krystalllinse. 

Den Einstichspunkt \'" hinter dem Hornhautrande und l /z' u unter der horizontalen 
Durchschnittsebene zu machen, wurde von Saint Yves (1707), Sharp und Richter (17S0) 
angegeben und begründet. 

Buchhorn (IS06) und nach ihm besonders Langenbeck (1811) und Ph. von Walther 
(1814) empfahlen, mit der Nadel durch die Cornea einzugehen, um den Staar aus der 
Pupille zu beseitigen (Depressio vel Reclinatio per Keratonyxin), ein Verfahren, welches 
wegen der fast unvermeidlichen Gefahr, die Cornea und die Iris zu quetschen, und mit 
Rücksicht auf den Mechanismus und den Zweck der Operation (Entkapselung der Linse) 
nichts weniger als rationell genannt werden kann. 

Um die Entstehung von Kapselnachstaar zu verhüten, empfahl Rosas (1830) die 
vordere Kapsel vor dem Dislocationsaete zu spalten, und Ruete (1846) empfahl, mit der 
(leicht gekrümmten) Nadel zwischen der Linse und der vordem Kapsel bis zur Mitte der 
Pupille vorzudringen, die Kapsel von hinten her in 4 Lappen zu spalten, und dann erst 
die Linse zu versenken. (Die Gründe gegen die vorläufige Zerschneidung der vordem 
Kapsel wurden bereits oben angegeben.) 

Die ExtractlOH soll nach Rhases Angabe schon im ersten Jahrhunderte der 
christlichen Zeitrechnung von Antyllus und Lathyrion geübt worden sein, indem sie die 
Hornhaut aufschnitten, eine Nadel in die Linse stiessen, sie umdrehten, und mit ihr den 
Staar ausgezogen. Nach Avicenna war ein ähnliches Verfahren im 11. Jahrhunderte auch 
hei den Persern üblich, und Abulkasem berichtet, dass dieser Vorgang allmälig durch 
die Suctionsmethode verdrängt wurde, wobei der Staar durch eine hohle Nadel ausge- 
sogen worden sein soll. 

Jacob Freitag in Zürich (1694) scheint der Erste gewesen zu sein, welcher im 
Abendlande die Ausziehung des Staares mit einer durch einen Hornhautschnitt einge- 
führten Hakennadel übte. Aber es fehlte noch die Kenntniss der Anatomie des Auges, und 
•erst nachdem man wusste, dass der Staar nichts als die getrübte Linse sei, und nachdem 
schon Saint Yves (1707) und Petit (1708) die bei der Depression in die Augenkammer 
vorgefallene Linse durch die Hornhaut extrahirt hatten, gelang es dem französischen 
Wundarzte Jacob Daviel (in der Mitte des 18. Jahrhundertes), durch die Extraction als 
selbstständige Methode so glückliche Resultate zu erzielen, dass sie allgemeinen An- 
klang fand. 

Die erste Extraction verrichtete Daviel 1745 zu Marseille; seine Methode machte 
er 1747 bekannt. Mit einer im Stiele gekrümmten Lanzette durchstach er von unten 
die Hornhaut, vergrösserte den Einstich mit einem vorn stumpfen, zu beiden Seiten 
schneidenden Messer und hierauf mit zwei (nach ihm benannten, nach der Schneide und 
Fläche zugleich gekrümmten) Scheeren, hob den Hornhautlappen mit einem goldenen 
Spatel auf, eröffnete mit einer flachen Nadel die nun blossgelegte Kapsel, und drängte 
die Linse durch Fingerdruck aus dem Auge; zur Beseitigung von Resten bediente er 
sich des noch heutzutage üblichen Löffelchens. In späterer Zeit verrichtete er den Horn- 
hautschnitt bloss mit einem spitzigen myrthenblattförmigen Messer und mit den genannten 
Scheeren. Daviel durchschnitt ohngefähr zwei Drittel des Hornhautumfanges. 

Diese Methode durchlief nun bei dem allgemeinen Interresse, das sie ei-regte, bald 
eine Menge theils zweck- theils unzweckmässiger Modifikationen. Zunächst eröffnete 
La Faye (1750) die Hornhaut nicht stichweise, sondern mit einem einzigen Schnitte 
mittelst eines leicht nach der Fläche gebogenen, nur an der Spitze zweischneidigen 
Messcrchens, und gab zur Eröffnung der Kapsel das nach ihm benannte, bis zu Ende 



Cataracta — Operation — Geschichte. 353 

seines Jahrhuudertes gebräuchliche Cystotom an (ein feines, in einer Scheide verborge- 
nes und zwar durch Spiralfederdruck verschiebbares Lanzettchen). 

Erst von Aug. Gottlieb Richter in Göttingen (1773), welcher sich um die Vervoll- 
kommnung der Extraction sowohl als um die Dislocation durch seine gründlichen Er- 
örterungen*) wohl die meisten Verdienste erworben hat, wurde die Grösse und Form 
des Hornhautschnittes zuerst nach anatomischen Gründen richtig bestimmt, und ein zweck- 
mässiges Keratotom angegeben. {Ware hatte sogar 9 /io der Hornhautbasis zu durch- 
schneiden gerathen, Sigwart und Santarelli hatten einen dreieckigen, Garengeot einen 
rhomboidalen, Wardrop einen geradlinigen Schnitt empfohlen. Wardrops Schnitt verlief 
mitten durch die Cornea von der Schläfen- zur Nasenseite, Sigwarts, Santarellis und 
Garengeots Lappenschnitte waren gleichfalls mehr weniger vom Rande der Hornhaut 
entfernt.) 

Den nahe am Rande der Hornhaut und zu diesem parallel verlaufenden Schnitt 
führte schon Wenzel d. Ä. (17S6) bisweilen durch die obere Hornhauthäljte, ein Verfahren, 
das später von Fr. Jäger (IS27) und Rosas (IS30) für die Normalmethode erklärt wurde, 
Demours (1821) durch die äussere Hälfte der Hornhautbasis, während Richter, Barth, 
Ad. Schmidt, Beer u. A. nur nach unten extrahirten. 

Zur Bildung der Hornhautwunde bediente man sich sogenannter Hornhautschnepper 
(Gue'rin), lanzen förmiger Messer (Poyet, Tenon, Bell), Staarnadelmesser (deren Spitze 
sich in eine Art zweischneidiger Nadel verlängerte, Palucci, Siegrist, Conradi), endlich 
gerader oder gebogener, von der Spitze gegen den Hals hin ailmälig breiter werdender, 
ein- oder zweischneidiger Messer, deren Rücken und Schneide bald in gerader, bald in 
gekrümmter (convexer oder concaver) Linie verliefen. Den Übergang zu einer zweck- 
mässigen Form (mit geradem, nicht schneidendem Rücken) finden wir zunächst in Be- 
ranger's Messer, dessen Schneide sich ailmälig vom Rücken entfernt, jedoch noch convex 
ist, und in Barth's Keratotom, welches Rücken und Schneide geradlinig hat, und sich von 
dem .Beerschen nur durch grössere Länge (relativ zur Breite) unterscheidet. Das von 
Rosas angegebene Messer hat die Form des .Beer'schen, ist jedoch auch am Rücken durch- 
aus schneidend. **) 

Behufs der Eröffnung der Kapel machte La Faye mit seinem Cystotom bloss 
einen Einstich, Thurant einen Cirkelschnitt, Tenon einen Kreuzschnitt, Sharp einen Lap- 
penschnitt, Cline einen Einriss mit einem Häkchen, und Beer suchte die Kapsel durch 
Zerschneidung in mehrere rautenförmige Stücke zu vernichten. Wenzel u. A. eröffneten 
die Kapsel gleich im 1 . Momente , indem das etwas länger zugespitzte Messer beim 
Durchführen durch die Augenkammer zugleich in die Kapsel eingesenkt, dieser somit 
auch ein halbkreisförmiger Schnitt beigebracht wurde. 

*) Siehe dessen Anfangsgründe der Wundarzneikunst, AVien 1790, Band III. 

**i "Wird das Beer'sche Messer gehörig gehandhabt, so entspricht es vollkommen dem Zwecke. Der Bul- 
bus ist eine im das Centrum sehr leicht drehbare Kugel, welche man sich am Opticus so befestigt 
denken kann, -wie etwa einen Apfel am Stiele. Soll das an Breite ailmälig zunehmende Messer durch 
die 'Basis der Cornea ohne Zerrung derselben durchgeführt werden, so muss es in der Richtung der 
Diagonale vorgeschoben werden, welche resultirt aus einer geraden Linie, die den Ein- und Ausstichs- 
punkt, und einer zweiten, die den Mittelpunkt der Cornea mit der Eintrittsstelle des N. opticus 
verbindet, mit populären "Worten : das Heft des Messers muss beim Vorschieben der Spitze etwas 
gegen die Schläfe gedrängt werden. Diess ergibt sich aus dem Parallelogramm der Kräfte, auf die- 
selbe "Weise, wie für den Fährmann die Richtung, wenn er über einen Strom fahren will. Ist die 
Fläche des Messers gekrümmt, wie beim Lafayeschen Messer, dann läuft der Vordertheil desselben 
von selbst in der genannten Diagonale, aber die Iris kann leichter verletzt werden und die Hand- 
habung" des Messers ist weit mehr complicirt. 
Arlt Augenheilkunde. II. 23 



354 Krystalllinse. 

Zur Herausbeförderung des Staares im 3. Momente hat Ware eine Zange, Heuer- 
mann eine Art Stöpselzieher, Richter bloss gelinden Druck auf das Auge empfohlen. 
Richters Vorschlag, die Kapsel samnit der Linse auszuziehen, auch dann, wenn die Kapsel 
gesund ist, konnte selbst unter Beer's gewandten Händen nicht gedeihen, weil er auf 
unrichtigen Vorstellungen über die Verbindung der Kapsel mit dem Ciliarkörper beruhte. 
(Man sollte eine Nadel in den harten Staar einstossen, und durch Umdrehen und Rütteln 
die Verbindung der Kapsel mit dem Ciliar- und Glaskörper trennen.) 

Den Staar durch die Sclera auszuziehen , versuchte nach Bell's Vorschlag zuerst 
Earle (1801), indem er durch eine 4'" lange Sclerahvunde nach der Meridianrichtung 
mit einer eigenen Pincette einging. Doch weder er noch Quadri (1818), welcher den 
Einstich 'parallel zum Hornhautrande und etwa 2'" hinter demselben machte, konnte 
dieser gefährlichen, höchst verletzenden Methode Eingang verschaffen. 

Um die Abschaffung der allmälig in Aufnahme gekommenen Ophthalmostaten (von 
Pamard, Gue'rin, Demours u. A.), welche mitunter sehr sinnreich erdacht waren, so wie 
um die Abschaffung der ehemals üblichen, oft höchst eingreifenden und verderblichen 
Vorbereitungscuren und um eine zweckmässige Nachbehandlung haben sich insbesondere 
Richter, Beer und Ad. Schmidt bleibende Verdienste erworben. (Die Literatur dürfte in 
Himly's Krankheiten und Missbildungen des menschlichen Auges , die Abbildungen der 
verschiedenen Instrumente in Blasius' Akiurgie am besten zusammengestellt sein.) 

Die DlSClSSlOÜ konnte erst nach dem Gewinn sorgfältiger Beobachtungen und 
genauerer anatomisch-physiologischer Kenntnisse als eigene Methode gedeihen. Sie ist 
daher, wenn man von gelegenheitlicher Discission, wo man die Dislocation beabsichtigt 
hatte, vorläufig absieht, die jüngste. 

Nachdem Molineux nachgewiesen hatte , dass die Linse nach der Depression auf- 
gesogen werden könne, führte Henkel (1770) eine Staarnadel durch die Sclerotica, und 
eröffnete die hintere Kapsel, um den Staar der Resorption und spontanen Senkung zu 
überlassen. Pott (1787) spiesste mit der durch die Sclera eingeführten Nadel die Linse 
an , und suchte durch vielfältige Zerstückelung der Kapsel und der Linse Resorption 
einzuleiten. Später (1812) wurde dieses Verfahren von Adams noch dadurch modificirt, 
dass er Stücke der zerschnittenen Linse in die vordere Kammer zu schieben versuchte. 

Conradi (in Northeim bei Göttingen) war der Erste, welcher, gestützt auf die von 
ihm und schon früher von Wenzel und Gleize bei unvollendeten Extractionen gemachte 
Beobachtung, dass weiche Staare nach Eröffnung der vordem Kapsel (von der Hornhaut 
aus) resorbirt werden können, im Jahre 1797 absichtlich ein 2' 2 — 2'" breites, bis zur 
Hälfte zweischneidiges Messerchen durch die Hornhaut in die vordere Kapsel stiess, um 
sie hinreichend weit zu eröffnen. Ein ähnliches Verfahren hatte schon Beer 1785 an 29 
Augen geübt, dasselbe jedoch wieder verlassen, weil es mit Ausnahme eines einzigen 
Falles keine Resorption oder Kapselnachstaar zur Folge gehabt hatte. 

Im Jahre 1809 machte Buchhorn (auf Reifs Antrieb) Versuche an Thieren, indem 
er mit einer durch die Hornhaut eingeführten Nadel die vordere Kapsel zerriss , und so 
viel sicherer Resorption der Linse einleitete. Langenbeck (1811) wandte nun diese Me- 
thode zuerst bei Cataracta an, erweiterte die Pupille durch wiederholte Anwendung von 
Belladonna, stiess eine feine, dünne, massig nach der Fläche gekrümmte (in späterer 
Zeit eine sichelförmige) Nadel durch die Hornhaut (1 — 2"' vom untern Rande entfernt), 
und zerschnitt Kapsel und Linse nach allen Richtungen. Die Nadel wurde auf beiden 
Augen mit der rechten Hand geführt, und beim Einstechen an die Spitze des Zeigefingers 
der linken Hand wie an eine Stütze angelehnt. Ähnlich verfuhren Gräfe, Siebold, von 



Cataracta — Operation — Geschichte. 355 

Walther, Benedict u. A. mit verschieden modificirten Nadeln. Fr. Jäger beschränkte die 
Zerschneidung bloss auf die vordere Kapsel, und erfand für die Fälle, wo die Unmög- 
lichkeit, die Kapsel zu zerschneiden, an der Trübung derselben schon im Voraus er- 
kannt werden konnte, die oben beschriebene Dilaceration. 

Die Auflösung der Linse durch den galvanischen Strom, 

schon von Achermann und Walther (1803) empfohlen, wurde in neuester Zeit besonders 
von Crusell (Petersburg 1841), Strauch und Lerche versucht. Die bisherige Art, den 
Kupferpol mittelst einer durch die Cornea oder Sclera in die Linse geführten Nadel auf 
diese einwirken zu lassen, konnte schon desshalb ihren Zweck nicht erreichen, weil 
der Strom offenbar, so lange man den Hals der Nadel nicht isolirte, früher die Cornea 
oder Sclera als die Linse treffen musste. Wo Heilung erfolgte, geschah diess einfach 
durch Eröffnung der Kapsel. 



23* 



Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig-. 



DIE 

KRANKHEITEN DES AUGES, 

für praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

k. k. o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



III. Band. 



Die Krankheiten des Glaskörpers, der Netzhaut, der Augen- 
muskeln, der Augenlider, der Thränenorgane und der Orbita. 



Mit Abbildungen. 



Vierter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 
Verlag von F. A. Gredner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



DIE 

KRANKHEITEN 



des 



Glaskörpers, der Netzhaut, der Augenmuskeln, 
der Augenlider, der Thränenorgane und der 

Orbita, 



für 

praktische Ärzte 

geschildert 



Dr. Ferd. Arlt, 

k. k. o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität zu Wien. 



Mit Abbildungen. 



Vierter unveränderter Abdruck. 



Prag, 1863. 

Verlag von F. A. Credner, 

k. k. Hof -Buch- und Kunsthändler. 



VII. Bach. 

Der Glaskörper, Corpus vitreum. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Der Glaskörper stellt eine farblose und vollkommen durchsichtige 
Masse dar, welche den Bulbus hinter der Linse und den Ciliarfortsätzen 
ausfüllt. Die ihn hauptsächlich bildende Flüssigkeit (Vitrina, Humor vi- 
treus) ist in ein eigenthümliches loculamentöses Gewebe (Stroma corp. 
vitrei) infiltrirt und von einer äusserst dünnen Hülle (Membr. hyaloidea) 
umschlossen. Diese Hülle schmiegt sich vorn unmittelbar an die hintere 
Linsenkapselhälfte an, bildet dann die hintere Wand des Petitschen 
Canales, ist längs des Ciliarkörpers innigst mit diesem verwachsen — 
mittelst der Zonula Zinnii, jenseits der Ora serrata einfach an die Netz- 
haut angelagert, und erst an der Eintrittsstelle des Sehnerven wieder 
fest an die Bulbuswand angeheftet. 

Der Glaskörper misst beim Erwachsenen vom Centrum der teller- 
förmigen Grube bis zur Macula lutea 6*/a — 1"'*), in der Äquatorial- 
ebene des Bulbus horizontal 10— lü 1 /*"', senkrecht 97a— 10 V*'". Das 
absolute Gewicht wird von Krause auf 65 — 75 Gran geschätzt, das 
specifische von Chevenix auf 1,0053. Den Brechungsindex setzte Brewster 
= 1,336 — 1,3394, wenn der des Wassers = 1,3358 angenommen 
wird. — Der Glaskörper als Ganzes ist in hohem Grade elastisch-bieg- 
sam, doch kaum mehr als Wasser compressibel, indem die Masse seiner 
festen Bestandteile zu den tropfbarflüssigen verschwindend klein ist. 
Er ist im Ganzen und in Stücken schlüpfrig, schwer anzufassen, gefasst 
aber stark fadenziehend und dehnbar, und lässt sich durch Auspressen 

*) Im 2. Bande S. 239 wurde der Abstand des hintern Poles der Linse von der Macula lutea aus Ver- 
sehen um 1'" zu kurz angegeben. 
Arlt Augenheilkunde. III. 1 



2 Glaskörper. 

und Filtriren in eine äusserst feine hyaline Substanz und in eine klare 
Flüssigkeit scheiden. 

Die Glasflüssigkeit, welche nach Abscheidung aller festen Theile 
zurückbleibt , ist dünnflüssig , nur schwach klebrig und wenig faden- 
ziehend, farblos und wasserklar, und enthält nach Berzelius in 100 
Theilen 98,40 Wasser, 0,16 Eiweiss, 1,42 Kochsalz mit einer extract- 
artigen Materie, 0,02 in Wasser lösliche Substanz, und nach Mitton 
auch etwas Harnstoff, stimmt also in chemischer Beziehung mit dem 
Humor aqueus fast überein, welchem sie auch im Brechungsindex sehr 
nahe steht. 

Die Glashaut bildet einen äusserst dünnen und durchsichtigen, rela- 
tiv ziemlich festen, vollkommen geschlossenen Sack, welcher an seiner 
glatten äussern, der Netzhaut zugewendeten Fläche und nach Pappen- 
heim auch in der tellerförmigen Grube Umrisse von sechseckigen Zellen 
wahrnehmen lässt, ähnlich denen von Pflasterepithelien , durch deren 
Verschmelzung sie nach Brücke entstanden zu sein scheint. Ausserdem 
zeigt sie gleich der Descemetschen Haut und der Linsenkapsel keine 
Spur weder von Structur, noch von Gefässen oder Nerven (nach der 
Geburtj. Über ihren Zusammenhang mit dem Stroma im Innern des 
Glaskörpers ist weiter nichts sicher gestellt, als dass er eben ein sehr 
inniger, unzertrennlicher ist. 

Das Stroma des Glaskörpers konnte bisher vermöge seiner extre- 
men Feinheit und Durchsichtigkeit nicht direet beobachtet werden. Ge- 
wiss ist nur, dass die Glasflüssigkeit nicht frei in dem Sacke der Hya- 
loidea eingeschlossen ist, wie etwa das Kammerwasser in der Kammer, 
und dass sie so zu sagen von einem innern Gerüste getragen und zu- 
sammengehalten wird. Ob aber dieses Gerüste aus Zellen, Blättern, 
Fäden o. dgl. bestehe, ist unbekannt. Seit Janin, Zinn und Demours, 
welche zur Untersuchung gefrorne Bulbi benutzten, nahm man Zellen 
im Innern als Träger der Vitrina an; seit Pappenheim, der den Glas- 
körper durch kohlensaures Kali erhärtete, Brücke, der sich hiezu con- 
centrirter Bleizuckerlösungen bediente, und Hannover, welcher Bulbi 
über 1 j2 Jahr lang in verdünnter Chromsäure liegen Hess, machte sich 
mehr die Ansicht einer blättrig-fächerigen Structur geltend. Virchow 
bezeichnet den Glaskörper als Schleimgewebe und stellt ihn histologisch 
an die Seite der Whartonschen Sülze des Nabelstranges. 

Demours konnte in gefrornen und wieder etwas aufgethauten Glaskörpern von den 
einzelnen Eisstückchen , womit dieselben gefüllt erschienen, eine feine Membran mit der 
Nadel abheben. Die Eisstückchen , welche gegen die Oberfläche hin lagen, waren die 
grössten, nach innen und besonders nach der tellerförmigen Grube hin lagen die kleinsten. 



Anatomie — Physiologie. 3 

Die grössten waren glatt und länger als breit, ziemlich strahlig um den Mittelpunkt des 
hintern Theiles der Linse gelagert, und dichter nach aussen, als nach der Linse zu. — 
Nach Janin , Zinn u. A. sind die Zellscheidewände kleine Tellerchen, deren Wölbung 
nach aussen, deren Höhlung nach innen gegen die Linse hin gerichtet ist. Um den Mittel- 
punkt herum und in der tellerförmigen Grube liegen die kleinsten, an der Peripherie die 
grössten. — Nach Pappenheim lässt sich der in kohlensaurem Kali erhärtete Glaskörper 
fast zwiebelartig in concentrischen Schichten abblättern, welche denen von gekochtem 
Eiweiss ähneln. Jede Schicht besteht aus unmessbar feinen , isolirten , und etwas ge 
schwungenen Fäden oder fasern. — Brüche fand bei den Säugethieren die Anordnung 
der Blätter oder Scheidewände so wie Pappenheim, beim Menschen dagegen so wie 
Hannover. Nach diesem geht eine grosse Menge feiner Häute von der Membr. hyaloidea 
einwärts in die Masse des Glaskörpers, ohngefli.hr wie die Scheidewände in einer 
Orange. Die durch diese Scheidewände gebildeten Sectoren lagern sich um eine 
gerade Linie, die man sich vom hintern Pole der Linse zur Eintrittsstelle der Art. 
centralis retinae gezogen zu denken hat, sind jedoch gegen diese Achse hin offen 
(fehlend), und übrigens so dünn und schwach lichtbrechend, dass sie sich im natürlichen 
Zustande selbst mit bewaffnetem Auge nicht erkennen lassen. Brücke bemerkt in- 
dessen , dass diese Septa allein nicht hinreichen , die Consistenz des Glaskörpers zu 
erklären, daher man denn auch annimmt, dass die einzelnen Sectoren noch unterab- 
getheilt seien durch dünne Zwischenwände , welche die Sectoren quer durchsetzen, 
ohngefähr so, dass sie zur hintern Kapsel concentrisch verlaufen. 

Gegen alle diese Präparationen und darauf basirten Folgerungen erhebt sich das 
Bedenken, ob nicht, da alle die genannten Mittel von aussen nach innen gradatim 
einwirken , mechanisch-chemische Einwirkungen allein oder doch vorwaltend die Ursache 
einer bestimmten Schichtenbildung seien. Es ist wenigstens auffallend, dass jede dieser 
Präparationsweisen eine andere Richtung der Zwischenwände erweist. "Welche Ansicht 
über das Stroma des Glaskörpers man adoftiren möge, immer wird man gezwungen 
sein, sich die Zwischenräume, in denen die Flüssigkeit haftet, sehr klein zu denken. 
Statt mit einer Apfelsine möchte man den Glaskörper besser mit dem Parenchyme eines 
Pfirsichs vergleichen, dessen Flüssigkeit von einem verschwindend zarten und spär- 
lichen Stroma zusammen gehalten wird. Man kann vom Glaskörper aus den verschie- 
densten Regionen immer eine einzige Portion mit einer feinen Pincette fassen und mit 
einer Scheere abschneiden ; jede noch so kleine Portion besteht aus einem festen und 
flüssigen Theile, und das Stroma scheint in den mittlem und hintern Portionen weder 
feiner noch sparsamer, als anderswo zu sein, geschweige denn zu fehlen. Nach 
Rosas füllt sich ein seiner Flüssigkeit durch rasches Verdunsten beraubter Glaskörper 
gleich einem ausgedrückten Schwämme, wenn man ihn einige Stunden im Wasser liegen 
lässt. — Wird bei einer Operation oder Verletzung ein Theil des Glaskörpers aus der 
Wunde hervorgepresst , so besteht dieser (bei normaler Beschaffenheit des Glaskörpers 
überhaupt) so gut aus Stroma als aus Vitrina. Ein Theil der hervorgepressten Flüssig- 
keit fliesst ab, ein anderer Theil aber, am Stroma haftend, bleibt vor der Wunde, und 
wird , falls das Ganze nicht allmälig ziirückgleitet , wolkig, trüb, bis es endlich erweicht, 
eitrig schmilzt, und abgestossen wird. Vergl. B. IL S. 16. 

Die Ernährung des Glaskörpers geschieht wahrscheinlich durch 
En- und Exosmose vom Corpus ciliare aus, und zwar durch die mit der 

Hyaloidea daselbst verschmolzene Zonula Zinnii hindurch. Wollte man 

l* 



4 Glaskörper. 

auch mit Tluschke plasinaführende Vasa decolora im Glaskörper an- 
nehmen, welche nicht sowohl aus den Ciliargefässen, als vielmehr aus 
der Centralarterie der Netzhaut entsprängen , so würde man sich doch 
vergeblich nach dem zweiten Elemente der unmittelbaren Ernährung, 
nach Nerven umsehen. Der Glaskörper dürfte sich hinsichtlich der Er- 
nährung analog dem Krystallkörper verhalten. Dort wie hier sind in 
der Fötalperiode zahlreiche Gefässe vorhanden, welche von der Central- 
arterie der Netzhaut gegen die tellerförm. Grube verlaufen; nach der 
Geburt jedoch lässt sich keine Spur davon nachweisen, weder durch 
Injectionen noch durch das Mikroskop, und es entwickeln sich auch in 
verschiedenen pathologischen Zuständen mit Exsudation in dem Glas- 
körper niemals Gefässe, wie etwa in der Hornhaut. 

Mehrere pathologisch-anatomische Thatsachen sind es, welche dafür sprechen, 
dass die Ernährung des Glaskörpers vom Ciliarkörper her erfolge. Bei hochgradig Kurz- 
sichtigen findet man Sclera, Ader- und Netzhaut rings um den hintern Pol rückwärts 
ausgedehnt, den Glaskörper bis zur Basis dieser Ektasie normal, von da rückwärts aber 
durch wässrige Flüssigkeit ersetzt; zwischen ihm und der Eintrittsstelle des Sehnerven, 
ja selbst zwischen ihm und einem grossen Theile der Netzhaut ist jede Spur von Ver- 
bindung aufgehoben. — Wenn in Folge weit verbreiteter Chorioiditis Exsudation an 
der Innenfläche der Aderhaut erfolgt, so findet man das Exsudat jenseits (hinter) der 
Ora serrata jederzeit zwischen Chorioidea und Betina, diessseits jedoch stets auch 
an der Innenfläche der Zonula Zinnii und der damit unzertrennlich verwachsenen Hya- 
loidea, also im Glaskörper selbst abgelagert, gleichwie solches Exsudat oft auch im 
Petitschen Canale und an der Hinterfläche der Iris, selbst in der vordem Kammer vor- 
gefunden wird. Vergl. Chorioidea im 2. Bande. Ich habe bei allen bisherigen Sec- 
tionen niemals Exsudat im Glaskörper gefunden, ohne dass auch der Ciliarkörper mit 
ergriffen war, ausgenommen bei Chorioiditis pyaemica im Beginn, wo ein einzelner 
hanfkorngrosser Eiterherd durch die Netzhaut gedrungen, und dieser in den Glaskörper 
hineinragende Hügel von einem trüben (wolkenähnlichen) Hofe umgeben war. Wenn, 
wie so oft bei chronischer Iritis, auch das Corpus ciliare in den Entzündungsprocess 
hineingezogen wird , so leidet der Glaskörper viel früher , als noch die Zeichen von 
Netzhautaffcction auftreten. In manchen Fällen wird der Bulbus allmälig weich und 
endlich atrophisch; in andern tritt abnorme Spannung des Bulbus und selbst Vergrös- 
serung mit Ausdehnung des vordem Umfanges der Sclera ein. In diesem letzteren 
Zustande nun kommen Augen vor, bei denen sich Verflüssigung des Glaskörpers mit 
Bestimmtheit nachweisen lässt , ohne dass das Gesicht anders , als mechanisch gestört 
ist, demnach die Netzhaut als gesund oder doch relativ sehr wenig leidend angenom- 
men werden muss. 

Ich bin überzeugt, dass Krankheiten des Glaskörpers nur von 'Krankheiten der 
Chorioidea, in specie des Ciliarkörpers abhängen, durchaus nicht von Krankheiten der 
Netzhaut, ausser diese sind selbst durch Chorioidealleiden bedingt oder mit diesen ge- 
meinschaftlich einhergehend. Amaurosis, von Kindheit bis in späte Jahre bestehend, 
hat auf die Integrität des Glaskörpers keinen Einfluss; man hat bei vollständiger und 
Jahre lang bestandener Atrophie des Sehnerven und consecutiv der Netzhaut den Glas- 
körper normal gefunden, wenn die Atrophie nicht vom Auge selbst ausgegangen war. 



Anatomie — Physiologie. 5 

Andererseits kann Verflüssigung des Glaskörpers viele Jahre lang fortbestehen , ohne 
dass die Netzhaut erkrankt. Ich beobachte hier seit beinahe 2 Jahren einen Tischler, 
bei welchem sich aus unbekannter Ursache die Linsen, welche ein wenig minder klar 
erscheinen, gesenkt haben, und in dem verflüssigten Glaskörper flottiren. Der Mann, 48 
Jahre alt, von^blühend gesundem Aussehen, hatte noch während er die Schulen besuchte, 
ein ganz gutes Gesicht. Allmälig war er kurzsichtig geworden, ohne sonst etwas 
Abnormes in seinen Augen zu bemerken. Im Jahre 1847 wurde er ohne bekannte 
Veranlassung von Doppeltsehen (diplopia monocularis oculi utr.) befallen, offenbar be- 
dingt durch unvollständige Senkung der Krystallkörper. Der ihn behandelnde Arzt (Dr. 
Ryba) hatte ihn besonders vor erschütternden Bewegungen des Kopfes gewarnt. Allmälig, 
im Verlauf eines Jahres, verlor sich das Doppeltsehen. AVenn er auf dem Rücken liegt, 
bemerkt er auf jedem Auge eine Scheibe, fast wie einen grossen Öltropfen, mit dunk- 
lem Rande. Convexgläser , deren er sich Anfangs bediente, hat er wieder ablegen 
müssen. Dieser Mann nun steht seinem Geschäfte vor, ohne von seinem Zustande 
gehindert zu werden. Er kann selbst noch zeichnen und lesen. Nur in die Ferne 
sieht er minder gut. Lesen kann er selbst einen 'As'" hohen Druck. Druck von 1 — 5 /V" 
Höhe liest er bei S" am besten, doch auch noch bei 5" und bis 12", etwas grösseren 
Druck noch weiter (18"). Aber er kann diess nur dann, wenn er die Schrift 
ganz nach unten hält, knapp vor der -Brust. Man kann annehmen, dass diess 
daher rühre , weil bei dieser Haltung die Linsen sich wieder vorlegen und zur Strah- 
lenbrechung mitwirken , denn es braucht immer einige Secunden, ehe er, nach Annahme 
dieser Haltung, lesen kann. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel wird leider nicht 
gestattet. Doch konnte ich nie bemerken, dass etwa die Linse sich an die Iris an- 
legte und diese vorwärts drängte. Es muss jedoch, um keine wichtige Thatsache zu 
übergehen, noch bemerkt werden, dass der Mann das Lesen, Zeichnen u. dgl. nicht 
mehr so lange wie vordem aushält, dass ihm dabei auf eine kurze Zeit das Gesicht ver- 
geht (undeutlich wirdl. Den Schlüssel zur Erklärung gibt die Form der Bulbi. Die 
Iris liegt tief hinter der Basis corneae und in Einer Ebene, die Pupillen sind (wie bei 
mangelnder Linse immer) relativ eng, und die Regenbogenhäute schlottern. Beide Bulbi 
sind in der Richtung der Sehachse eclatant verlängert, was man deutlich erkennt, wenn 
man z. B. das linke Auge möglichst stark rechts blicken lässt, und nun die äussere 
Commissur rückwärts drückt. Die Bulbi messen in der Sehachse mindestens 14"', der 
linke noch etwas mehr: derselbe ragt überdicss etwas weiter aus der Orbita hervor als 
der rechte, welcher durchaus nicht glotzend erscheint. Als ich diese Dimensionsabwei- 
chung erkannt hatte, ergab sich, gleichsam als Rechnungsprobe, dass das linke Auge nur 
zwischen 4 — (»" lesen kann, was der Kranke früher nicht gewusst hatte. Dass übrigens 
die Engerie der Netzhaut nicht merklich gelitten haben kann , ergibt sich abgesehen 
von dem schon Mitgetheilten noch daraus, dass der Mann auch durch eine feine Öff- 
nung in einem Kartenblatte lesen kann. 

Dass sich der Glaskörper regener ire, ist allgemein angenommen, 
aber durchaus nicht erwiesen. Wir wissen nur, dass nach Verlust 
eines nicht zu beträchtlichen Theiles davon der leer gewordene Raum 
wieder ausgefüllt wird, und dass der Bulbus dann in Bezug auf Grösse 
und Spannung nach einiger Zeit oft keine Differenz wahrnehmen lässt. 
Das, was ersetzt wird, ist aber wahrscheinlich nicht Stroma, sondern 
bloss Humor corporis vitrei oder wohl gar blosses Serum. Glücklicher- 



6 Glaskörper. 

weise geht bei den Glaskörpervorfällen während der Extraction in der 
Regel nicht so viel Stroraa verloren, als man dem Anscheine nach 
meinen möchte. Oft weicht das eines Theils seiner Flüssigkeit verlustige 
Stroma wieder in seine frühere Lage zurück und füllt sich dann wieder 
— so hat es wenigstens den Anschein — mit Vitrina, gleich einem 
sich vollsaugenden ausgedrückten Schwämme. 

Ich bin oftmals in der Lage gewesen, an Augen Pupillenbildung (durch Iridektomie) 
vorzunehmen, wo nach der Extraction mit Glaskörperverlust Pupillensperre durch Ein- 
löthung von Iris in die Hornhautnarbe entstanden war. In solchen Fällen stiess ich 
nach Ausschneidung eines Irisstückes nicht selten auf eine dahinter gelegene trübe 
Membran, gebildet durch die Kapsel und dazwischen eingeschlossene, in fibroide Masse 
verwandelte Linsensubstanz. Wurde nun diese Membran mit einem Häkchen einge- 
rissen , um den Lichtstrahlen freien Eintritt zu bahnen , so zeigte sich dahinter kein 
normaler , sondern ganz verflüssigter Glaskörper oder vielmehr eine wasserklare und 
wasserdünne Flüssigkeit, und der Bulbus fing an, mehr weniger stark einzusinken, 
daher ich auch jetzt in solchen Fällen immer die Vorsicht gebrauche, den Kranken zu 
chloroformiren oder doch bei der Operation liegen zu lassen, um wenigstens die Muskel- 
action möglichst ausser Spiel zu bringen. Ich übersehe dabei nicht, dass Glaskörper- 
verflüssigung (Verlust oder Zerstörung des Sti-oma) auch in solchen Fällen vorgefunden 
wird , wo auch ohne Glaskörperverlust nach Beseitigung oder mehr weniger vollstän- 
diger Resorption der Linse Pupillensperre eingetreten ist, aber hier ist diese Ver- 
flüssigung keine constante Erscheinung. — Stellwag*) vertheidigt die Regeneration des 
Glaskörpers (wenn auch eine unvollkommene) mit Folgendem : „Ich schliesse dieses 
aus drei von mir sehr genau untersuchten Fällen, in welchen Cornealnarbenstaphylome 
bestanden, der Krystallkörper aber in toto fehlte, an seiner Stelle die von einer ganz 
normalen, keine Spur einer Trennung nachweisenden Glashaut überzogene tellerförmige 
Grube mit bedeutender Convexität hervorragte und das Corpus vitreum ausser einer 
kaum merklichen Consistenzabnahme seines mittleren Theiles keine Abweichung darbot. 
Es war hier sicherlich der Krystallkörper unter einem namhaften Drucke durch den 
Cornealdurchbruch hindurch entleert worden , und es ist dieses ohne Entleerung der 
mittlem Portionen des Glaskörpers kaum denkbar. Hat aber diese stattgefunden , so 
ist auch die Regenerationsfähigkeit des Glaskörpers erwiesen , welche übrigens schon 
a priori durch dieses Vermögen der Linse und Hornhaut wahrscheinlich gemacht ist." — 
Ich finde in dem Gesagten keinen Beweis für das Behauptete. Zunächst gelten die 
Gründe a priori nicht, denn die Linse regenerirt sich nicht, mindestens müsste diess 
erst nachgewiesen werden, und die Hornhaut hat Nerven und Gefässe (beide jetzt 
auch mikroskopisch nachgewiesen). Ferner sagt St. selbst, es sei eine Entleerung der 
Linse ohne Glaskörper doch denkbar, denn das kaum negirt nicht. Sie ist aber un- 
wahrscheinlich, und unwahrscheinlich ist mir auch das, dass sich der „Krystallkörper 
in toto" entleerte, im Auge auch keine Spur von Kapsel gefunden wurde, und doch 
die Hyaloidea der tellerförmigen Grube normal, also vollständig regenerirt wieder ge- 
funden werden konnte. Ich bin zwar nicht Stellwags Ansicht, dass die hintere Kapsel 
unzertrennlich mit der Hyaloidea verwachsen sei, wohl aber der, dass die Zonula 
Zinna mit der vordem Kapsel am Rande unzertrennlich verwachsen ist. Wurde der 

) Die Ophthalmologie vom naturwissenschaftl. Standpunkte aus bearbeitet. Freiburg im Breisgau, 1853. 



Anatomie — Physiologie. 7 

Krystallkörper in toto herausgepresst , so musste auch die Zonula Zinnii ringsum los- 
reissen, und dann war's auch um den Petitschen Canal geschehen, welcher doch nach 
St. die Strömung von den Ciliarfortsiitzen zum Vordertheile des Corpus vitreum, also 
die Ernährung und somit auch die Regeneration vermitteln soll. Wenn vom Krystall- 
körper wirklich keine Spur vorhanden war, so ist die gewaltsame Entleerung desselben 
eben nur Eine der möglichen Ursachen seines gänzlichen Mangels, und gesetzt auch 
diese eine Ursache wäre wirklich die hier allein obwaltende gewesen, so folgt daraus 
noch nicht, dass damit Glaskörperverlust einherging, denn Verlust von Glasflüssigkeit 
ist nicht gleichbedeutend mit Verlust von glashäutigem Fachwerk, wie St. das Stroma 
corp. vitrei benennt. 

Die Verwundbarkeit des Glaskörpers ist im Allgemeinen sehr ge- 
ring. Nicht nur Stich- und Schnitt-, sondern auch Risswunden des- 
selben pflegen zu heilen, ohne dass eine wahrnehmbare Abnormität 
zurückbleibt. Es ist bekannt, dass auf diese Eigenschaft gerechnet wird, 
wenn man Staare dislocirt. Bei jeder Reclination oder Depression wird 
nothwendig nebst der hinteren Kapsel auch die Hyaloidea in der teller- 
förmigen Grube und ein Theil des Fachwerkes oder Stroma corporis 
vitrei zerrissen. Es erfolgt darauf in der Regel keine Entzündung, oft 
auch keine Verflüssigung des Glaskörpers, und der Riss der hinteren 
Kapsel, also wohl auch der Hyaloidea, verheilt ohne sichtbare Narbe. 
Wo auf solche Eingriffe, wie in der Mehrzahl der Fälle, nicht die Zeichen 
von Verflüssigung des Glaskörpers folgen, darf und muss man wohl 
annehmen, dass das zerrissene Stroma wieder vereinigt sei, und dass 
seine Ernährung fernerhin ungestört vor sich gehe. Wo aber die Zeichen 
von Verflüssigung auftreten, bleibt es unentschieden, ob diess die un- 
mittelbare Folge der Zerreissung, oder secundär durch einen entzünd- 
lichen Process seitens der Chorioidea bedingt sei, welcher mit Er- 
weichung und Auflösung des Stroma und mit Ausscheidung von Serum 
einhergeht. 

Der Glaskörper ist bestimmt, den Raum zwischen der Linse und 
Netzhaut so auszufüllen, dass letztere immer gespannt erhalten werde. 
Wir werden weiterhin sehen, dass der Bulbus eigentlich nicht so viel 
Flüssigkeit enthält, als er seinem Lumen nach enthalten könnte, und 
dass demnach die Spannung, die er im Leben zeigt, nicht durch die 
Contenta allein , sondern erst durch Mitwirkung muskulöser Gebilde zu 
Stande gebracht werde. Als biegsam elastisches und doch incompres- 
sibles Gebilde ist es einzig und allein der Glaskörper, welcher die zur 
Accommodation nothwendigen inneren Veränderungen des Auges (Ver- 
längerung des Abstandes zwischen Linse und Netzhaut) gestattet. Zer- 
störung seines Stroma muss die Accommodation mehr weniger beschrän- 
ken, wo nicht aufheben. Vermöge seiner eigenthümlichen Structur und 



8 Glaskörper. 

Consistenz trägt er überdiess zur Erhaltung des Krystallkörpers in seiner 
Lage bei, und sichert sowohl diesen als die Iris vor zitternden Be- 
wegungen und grösseren Exemtionen, in welche beide vermöge ihres 
grössern speeifischen Gewichts bei raschen Bewegungen und Erschüt- 
terungen des Bulbus versetzt werden mtissten. 

Als vollkommen durchsichtiges und homogenes Gebilde von einem 
bestimmten Brechungsverhältniss dient der Glaskörper nicht bloss zum 
gradlinigen Durchgange der in ihn eingedrungenen Lichtstrahlen, son- 
dern nimmt auch auf die Richtung der Lichtwellen beim Übergange 
aus der Linse in den Glaskörper einen bestimmenden Einfluss. Nehmen 
wir an, was höchst wahrscheinlich ist, dass sein Brechungsindex ent- 
sprechend seiner Dichtigkeit falle und steige, so ergibt sich, dass er 
den aus der Linse in ihn eintretenden Lichtstrahl um so mehr vom Ein- 
fallslose ablenken müsse, je dünner er ist. Verflüssigung des Glas- 
körpers (Umwandlung in eine dünnere, wasserähnliche homogene Flüs- 
sigkeit nach zerstörtem Stroma) muss daher an und für sich Kurzsich- 
tigkeit, i. e. frühere Vereinigung der Lichtstrahlen oder kürzere Brennweite 
des Auges bewirken. Bei mangelnder Linse könnte der Glaskörper auch 
dann, wenn er an seiner Vorderfläche convex wäre, keinen erheblichen 
Einfluss auf den Refractionszustand des Auges nehmen, weil sein 
Brechungsindex von dem des Kammerwassers sehr wenig differirt. — 
Trübung des Glaskörpers in toto würde die Lichtmenge, die zur Netz- 
haut gelangen soll, vermindern und überdiess einen Theil des durch- 
gehenden Lichtes diffundiren. Einzelne dunkle (kein Licht durchlas- 
sende) Partikelchen, wie etwa Pigmentklümpchen, sind zwar im Stande, 
von dem Lichtkegel, den ein Object zur Netzhaut sendet, einzelne 
Strahlen aufzufangen, können jedoch nur dann das Wahrnehmen eines 
oder des andern Objectpunktes aufheben, wenn sie wegen zu naher Lage 
an der Netzhaut und wegen zu grosser Ausdehnung alle von jenem 
Objectpunkte kommenden Lichtstrahlen auffangen; wohl aber können 
solche einzelne, selbst kleine Partikelchen im Allgemeinen als dunkle 
Stellen des Sehfeldes wahrgenommen werden durch den Schatten, 
welchen sie auf die Netzhaut bei allgemeiner Beleuchtung derselben 
werfen. Siehe später: entoptische Erscheinungen. 



B. Krankheiten des Glaskörpers. 

Die verschiedenen abnormen Zustände des Glaskörpers sind in ihrer 
Entstehung und in ihrem Fortbestande zumeist von dem Zustande der 



Krankheiten. 9 

ihn unisckliessenden Gebilde abhängig. Es muss ihrer Betrachtung je- 
doch ein eigener Abschnitt gewidmet werden, theils um die Umstände 
zu erörtern, welche zeigen, ob und in welcher Weise der Glaskörper 
mitleide, theils aber auch, um die Metamorphosen zu schildern, welche 
bei einmal gegebener Veränderung im Glaskörper, z. B. einem Bluter- 
gusse, zu erwarten stehen. 

Mit Übergehung des Coloboma corp. vitrei, welches mit dem gleich- 
namigen Bildungsfehler der Iris und Chorioidea bereits im 2. Bande S. 122 
erwähnt wurde, und der verschiedenen Verletzungen des Glaskörpers, 
von denen gleichfalls schon mehrmals die Rede war, werden wir gleich 
zur Betrachtung jener abnormen Zustände schreiten, w 7 elche in ihren 
Erscheinungen eine gewisse Selbständigkeit darbieten, und deshalb ge- 
wöhnlich als eigentliche Erkrankungen des Glaskörpers beschrieben 
werden, obgleich sie von Erkrankung anderer Organe abhängen. Es 
sind diess: der Bluterguss, die Verflüssigung und das Vorkommen 
faserstoffiger Exsudate im Glaskörper. Die Bildung von Entozoen und 
in manchen Fällen vielleicht auch das Zerfallen des Stroma mit oder 
ohne Fettbildung innerhalb der Glashaut sind wohl die einzigen Ab- 
normitäten, welche dem Glaskörper an und für sich zukommen. Die 
eitrige Schmelzung des Glaskörpers, sowie seine Verdrängung durch 
Chorioidealexsudate oder durch Pseudoplasmen, welche von den Nach- 
barhäuten ausgehen, sind Zustände von so untergeordneter Bedeutung, 
dass sie hier keine besondere Besprechung erheischen. 

Die Zustände nun, welche hier zur Sprache kommen sollen, haben 
ein einziges Symptom constant, wenn auch in verschiedener Weise, im 
Gefolge, nämlich Störung des Gesichtes. Veränderungen des Bulbus in 
Form, Grösse und Spannung sind in der Regel die Begleiter von Zu- 
oder Abnahme der Masse des Glaskörpers, welche meist mit Verände- 
rung seiner Dichtigkeit und Zerfall seines Stroma einhergeht. Die Lage 
der Iris und der Linse erleidet nur bei höheren Graden dieser Abnor- 
mitäten eine für die Diagnosis benutzbare Veränderung. Die Störungen 
seiner Durchsichtigkeit lassen sich selten durch Besichtigung der Pu- 
pille, meistens hur mittelst des Augenspiegels sicher erkennen, oft je- 
doch auch aus den sogenannten entoptischen Erscheinungen nach der 
Methode von Listing, Brewster und Donders mit mehr weniger Verläss- 
lichkeit in Bezug auf Lage und Ausbreitung erschliessen. 

Den Vorgang bei diesen Methoden so wie die Untersuchungsweise mit dem Augen- 
spiegel werden wir im nächsten Buche bei der Untersuchung der Netzhaut nachtragen. 



10 Glaskörper. 



I. Blutergiessungen 

im Glaskörper kommen in verschiedener Ausdehnung und nach ver- 
schiedenen Veranlassungen vor. Sie entstehen zunächst nach Verletzun- 
gen mit momentaner Abplattung oder auch bloss mit Erschütterung des 
Bulbus. Ich habe sie beobachtet, wenn ein fremder Körper, etwa ein 
Stück Holz, mit einer gewissen Gewalt an den untern oder obern Or- 
bitalrand angeprallt war, ohne dass sich am Bulbus selbst äusserlich 
eine Verletzung wahrnehmen liess, ja auch ohne beträchtliche Ekchy- 
mosen der Lider. Im Momente der Verletzung pflegen feurige Erschei- 
nungen aufzutreten, doch nicht immer. Das Sehvermögen ist sogleich, 
beschränkt oder aufgehoben , oder es wird erst später mehr und mehr 
beeinträchtigt. Die Pupille war zur Zeit, wo ich solche Verletzte zu 
sehen bekam, der des andern Auges gleich, oder erweitert, gleich- oder 
ungleichmässig (oval) und selbst bei noch deutlicher Lichtempfindung 
trag oder ganz unbeweglich. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel 
liess in einigen Fällen den Hintergrund des Auges gar nicht wahr- 
nehmen, offenbar wegen zu reichlichen Blutergusses, denn später, nach 
Senkung oder theilweiser Besorption desselben ergab dieselbe Unter- 
suchung den Beweis, dass Blutaustretung stattgefunden hatte. Bei 
sehr reichlichem Blutergusse kann auch die Spannung des Bulbus ver- 
mehrt und die Linse sammt der Iris allmälig etwas vorgedrängt wer- 
den. — Wo die Verletzung den Bulbus direct getroffen, ist meistens 
auch Blut in der vordem Kammer ergossen, offenbar durch Berstung 
von Irisgefässen , wenn man auch einen Querriss oder periphere Ab- 
lösung der Iris nicht mit den Augen auffinden kann. Solche Blutaus- 
tretungen in der vordem Kammer scheinen übrigens nicht nothwendig 
mit Blutergüssen in der Tiefe des Auges verbunden zu sein ; ich schliesse 
diess zwar nicht aus directer Untersuchung, vermuthe es aber aus dem 
Umstände, dass sich, wenigstens in einigen solchen Fällen, nachher 
keine Sehstörung wahrnehmen liess. 

Blutergüsse in dem Glaskörper entstehen ferner, obgleich seltener, 
nach heftigen körperlichen Anstrengungen mit momentaner Blutstauung 
und synergischer Augenmuskelcontraction , wie beim Husten, beim Er- 
brechen, beim Heben schwerer Lasten u. dergl., zumal wenn diese bei 
erhitztem Körper, in berauschtem Zustande, bei Circulationsstörungen 
von Seite des Herzens, der Aorta, der Lungen stattfinden. 

Am häufigsten und leichtesten erfolgen kleine Blutergüsse bei 
krankhaften Zuständen des Bulbus, bei activer oder mechanischer Hy- 



Blutergüsse. 1 1 

perämie der Ader- und Netzhaut und bei verminderter Resistenzkraft 
der Wandungen des Bulbus (Ektasien der Hornhaut oder der Sclera im 
weitesten Sinne des Wortes) spontan oder nach anhaltender Anstrengung 
der Sehkraft. 

Dr. r. Gräfe*), dem über Glaskörperblutungen eine ausnehmend grosse Zahl ge- 
nauer Beobachtungen zu Gebote steht, bemerkt über die Disposition dazu ohngefahr Fol- 
gendes: „Die Hauptursache bildet die Sclerotico-chorioiditis posterior, jene Amblyopien 
so häufig zu Grunde liegende Krankheitsform, bei welcher durch chronische Entzündung 
der Chorioidea die Sclerotica sich um den hintern Augenpol ausdehnt, und die ekta- 
tische Partie derselben durch die atrophirte Chorioidea hindurch ein intensives weisses 
Lieht hindurchwirft , wesshalb sie das Aussehen einer um den Sehnerveneintritt vor- 
■\valtend nach aussen hin anliegenden weissen Plaque gewährt."**) — „Ich habe Kranke 
behandelt, welche beinahe periodisch in den Intervallen einiger Monate durch intra- 
oculare Blutungen das Sehvermögen vollkommen verloren. Auffallender "Weise waren 
sie beinahe durchweg jugendliche Individuen in den 20er, 30er, höchstens 40er 
Jahren. In einigen Fällen wies die Oomplication mit apoplektischen Anfällen nicht 
ohne Wahrscheinlichkeit auf Gefässleiden hin; in ziemlich vielen Fällen war früher 
starkes Nasenbluten vorhanden gewesen, welches seit der Zeit sistirte ; in zwei Fällen 
schien die Cessation von Hämorrhoidalblutungen , in einem andern das Ausbleiben von 
Fussschweissen in einem ursächlichen Verhältnisse zu dem Übel zu stehen. Diese 
Momente sind natürlich für die Behandlung von der grössten Wichtigkeit, da wieder- 
kehrende Glaskörperblutungen doch sehr ernste Befürchtungen veranlassen. Es pflegen 
nämlich nicht allein von jeder Blutung Glaskörperopacitäten zurück zu bleiben , sondern 
die sich häufenden Perforationen der Netzhaut geben zu Defecten im Gesichtsfelde 
Anlass; die grösste Gefahr aber ist die, dass sich bei wiederkehrenden Anfällen der 
Effusion in den Glaskörper ekehymotische Netzhautablösung substituirt ; desshalb findet 
man auch sehr häufig Erblindung auf einem Auge durch Netzhautablösung mit deren 
weitem Folgen (Cataracta mollis , aecreta mit oder ohne Atrophia bulbi) , während auf 
der andern Seite Glaskörperflocken als Residuen periodisch wiederholter Blutungen 
entdeckt werden." — „Bei für sich bestehenden Erkrankungen der Netzhaut ist das 
Vorkommen von Blutergüssen in den Glaskörper sehr selten. Als Gelegenheitsursachen 
werden neben Verkühlungen und Nachtwachen besonders häufig von den Kranken Ein- 
fall hellen , strahlenden Sonnenlichtes und anhaltende Accommodation für die Nähe 
angegeben. Diese letztere könnte durch die ununterbrochene Muskelspannung und die 
hiemit in Verbindung stehende Behinderung im Ausflusse des Venenblutes allerdings ein 
wichtiges Moment abgeben." Mir scheint es, dass nicht im Momente der Spannung, 
sondern in dem darauf folgenden der Erschlaffung (zumal bei verminderter Wider- 
standsfähigkeit der Bulbuswandungen, also bei Ektasien) die nächste Veranlassung zur 
Gefässberstung gegeben sei, und zwar ob des plötzlich aufgehobenen Druckes auf die 
Gefässe, welche bekanntlich so gut wie der gesammte Inhalt des Bulbus stets unter 
einem nur wenig variablen Drucke (adäquat der Spannung des Bulbus) stehen. 

*) Archiv für Ophthalmologie. Berlin 1654. Bd. I. Abth. 1. S. 

**) Die Thatsache ist richtig; in der Auffassung derselben jedoch kann ich Gräfe nicht beistimmen. Die 
Ausdehnung, von der hier die Rede ist, bisher gewöhnlich Staphyloma posticum Scarpae genannt, 
ist nicht durch Entzündung der Chorioidea und Sclera bedingt, wie ich in dem Capitel über Accom- 
modation nachweisen werde, wenigstens in der Mehrzahl der Fälle nicht. Zur Hämorrhagie im 
Glaskörper steht dieser Zustand nur als Ektasie in ursächlicher Beziehung. 



12 Glaskörper. * 

Woher das in den Glaskörper ergossene Blut komme, ist noch 
nicht völlig- sicher gestellt. In einem Falle, den ich zur Section bekam, 
war das Blut wohl vom Corpus ciliare in den Glaskörper gelangt, denn 
es war im vordem Bereiche desselben am reichlichsten ergossen und 
verlor sich ganz allmälig gegen den hinteren Pol hin, in dessen Nähe 
keine Spur davon zu finden war. Mit dem Augenspiegel sieht man mit- 
unter kleine Extravasate so nahe an der Netzhaut, dass man sie wohl 
als von dieser her eingedrungen betrachten muss. Ob sie aber aus den 
Centralgefässen der Netzhaut stammen, oder, wie Gräfe 1. c. annimmt, 
aus Chorioidealgefässen durch die Netzhaut hindurch in den Glaskörper 
dringen, bedarf noch weiterer Bestätigung. 

Wenn intraoculare Blutungen den Ausgangspunkt zu Glaskörperopacitäten bildeten, 
so konnte als der Quell dieser Blutung nach stattgefundener Resorption immer die 
Chorioidea nachgewiesen werden, denn es waren dann allemal Zeichen von namhaften 
Circulationsanomalien in derselben , wie Reste alter Ekchvmosirungen in den Intervas- 
cularräumen u. s. w. vorhanden, ja ich konnte in einzelnen Fällen den Ort der Blutung 
und der Netzhautperforation deutlich nachweisen. Es scheint, dass, wenn vom hintern 
Thcil der Chorioidea Hämorrhagien ausgehen, die Netzhaut Widerstand leistet, und 
sich leichter ein ekchymotischer Sack zwischen beiden Membranen bildet, dass diess 
aber gegen die Ora serrata hin weit seltener vorkommt, als Durchbruch der Retina 
und Erguss in den Glaskörper. Der Durchbruch ist für die Erhaltung des Sehver- 
mögens unendlich günstiger, da der meist beschränkte excentrische Durchbruch, welcher 
sich später nicht selten durch einen Pigmentfleck verräth, von keinem erheblichen Ein- 
fluss ist, und der übrige Theil der Netzhaut, wie es die Rückkehr des Sehvermögens 
beweist, der nervösen Leitung nicht entfremdet wird, während die einmal abgelöste 
Netzhautpartie meinen Erfahrungen zu Folge niemals die Leitungsfähigkeit wieder er- 
langt." Gräfe ibidem. 

Das Blut im Glaskörper wird entweder vollständig, oder nach man- 
nigfachen Umwandlungen nur theilweise resorbirt. Diese Zersetzung 
und Zurücklassung einzelner Bestandtheile von der einen und die Zer- 
trümmerung des Glaskörpergerüstes von der anderen Seite bewirken, 
dass das Stroma in mehr weniger grosser Ausdehnung bleibend zer- 
stört, der Glaskörper ganz oder theilweise in eine einfache dünne Flüs- 
sigkeit verwandelt wird, in welcher mehr weniger dunkle Elemente in 
Form von Punkten, Fäden, Flocken u. dergl. theils suspendirt, theils 
präcipitirt sind, und bei raschen Bewegungen des Bulbus auf dieselbe 
Weise aufwallen, wie etwa Käseflocken in einer mit Molken gefüllten 
Flasche. — Bei spontan eingetretenen Blutungen ist die Prognosis min- 
der günstig, weil sie selbst ohne besondere Veranlassung gern wieder- 
kehren, und weil die Kesorption relativ langsamer erfolgt, als nach 
Verletzungen, die ein gesundes Auge in einem gesunden Individuum 
betroffen haben. Es sind verlässliche Beobachtungen bekannt, wo nach 



Blutergüsse. 13 

Verletzurlgen mit Blutergiessung, welche das Sehen gänzlich aufgehoben 
hatte, vollständige oder doch nahezu völlige Wiederherstellung des Seh- 
vermögens (bei geeigneter Behandlung) eintrat. Doch können reichliche 
Extravasate auch zu heftiger Entzündung und zu eitriger Zerstörung des 
Bulbus führen. 

Von den Erscheinungen, welche auf Glaskörperbluterguss nach 
äussern Gewalttätigkeiten deuten, war bereits die Rede. Spontane 
Blutergüsse kündigen sich gewöhnlich durch das plötzliche Auftreten 
eines dunkeln Fleckes, einer Wolke oder eines Nebels im Sehfelde an, 
wie wenn sich etwas vor das Auge gelegt hätte, das der Betroifene 
durch Reiben, Wischen u. dergl. beseitigen zu müssen vermeint. Bis- 
weilen ist auch das Gefühl von Druck, wie von einem fremden Körper 
vorhanden. Später geschieht es, dass das Hinderniss des Sehens seine 
Natur durch einen röthlichen oder grünlichen Schein, durch eine ge- 
wisse Beweglichkeit im Sehfelde und durch eine Form andeutet, welche 
füglich nur auf einen vor der Netzhaut gelegenen, specifisch schwerern 
und doch flüssigen Körper bezogen werden kann. Eine solche begrenzte 
Blutergiessung erscheint dem Betroffenen Anfangs als eine schwarze, 
kreis- oder eirunde Scheibe im Sehfelde, von verschiedener scheinbarer 
Grösse und Entfernung vor dem Auge, doch im Ganzen immer dieselbe 
relative Stelle des Sehfeldes einnehmend, nur mit der Zeit sich senkend 
lim Sehfelde höher gelegen). Später, wenn bereits Auflösung oder Re- 
sorption im Gange ist, und der specifisch schwerere Theil sich senkt, 
oder bei raschen Bewegungen des Bulbus nach dem Gesetze der Träg- 
heit eine differente Geschwindigkeit erhält, werden die Contouren wie 
verwaschen, und erscheint der dünnere (durchscheinende) Theil röthlich, 
rostbraun, dunkelgrün oder grau; dieser Theil erscheint bei ruhigem 
Blicke im Sehfelde nach unten, weil vor einem höher gelegenen Theile 
der Netzhaut befindlich, bei raschen Seitenbewegungen schweifähnlich 
nachziehend (z. B. bei Einwärtsrollung des Auges scheinbar von aussen 
nach innen ziehend) u. s. w. 

Lässt die Blutmasse noch Raum zur Beleuchtung der Netz- und 
Aderhaut frei, so zeigt der Augenspiegel bisweilen dieselbe wenigstens 
stellenweise roth (durchscheinend), meistens aber nur schwarz (dunkel); 
sie durch auffallendes Licht sichtbar zu machen, ist mir bisher nicht 
gelungen. Nach erfolgter Auflösung und theilweiser Resorption des 
Blutes sieht man Klümpchen, Flocken oder Fäden; oft entgehen diese 
der Beobachtung, weil sie sich in dem verflüssigten Glaskörper zu tief 
gesenkt haben, und werden erst sichtbar, wenn man sie durch eine 
rasche Bewegung des untersuchten Auges (besonders in verticaler Rieh- 



14 Glaskörper. 

tung) gleichsam aufrüttelt. „Solche Patienten sehen ihre Opacitäten beim 
raschen Blick nach unten, wo sie in den obern Theil des Gesichts- 
feldes treten, um bald darauf durch eine aufsteigende Bewegung die 
Grenze desselben wieder zu überschreiten. Ich sah häufig Patienten, 
welche nur einige Worte oder Zeilen hinter einander lesen konnten, 
bis sich das Gesichtsfeld mit den Schatten der Opacitäten verdunkelte, 
dann mussten sie, um weiter zu lesen, rasch und mit einer gewissen 
Inipetuosität nach oben sehen." (Ginife.) 

Bei der Behandlung wird zunächst zu unterscheiden sein , ob man 
eine frische Blutung oder bloss deren Kesiduen und Folgezustände vor 
sich habe. In letzterem Falle dürfte die Aufgabe der Therapie erschöpft 
sein mit der Angabe der Momente, welche fernere Blutergüsse zur 
Folge haben können. Bei frischen Blutungen wird natürlich das ätio- 
logische Moment nicht zu vernachlässigen sein, jedoch zunächst von Kühe 
des Auges sowohl als des Körpers (wobei jedoch massige Bewegung im 
Freien im Allgemeinen eher als wohlthätig zu bezeichnen sein wird), 
von der Anwendung kalter Wasser- oder weingeistiger Überschläge, 
kühlender Abführmittel (weinsteinsaure Salze, Bitterwasser u. dergl.), 
besonders aber verdünnter Tinct. arnicae auf die geschlossenen Augen- 
lider das Meiste zu erwarten sein. Später Einreibungen von Jodkalium- 
salbe an der Stirn- und Schläfegegend. 

II. Verflüssigung des Glaskörpers. 

Mit dem Namen Synchysis pflegt man Zustände des Glaskörpers 
zu bezeichnen, welche die gänzliche oder theilweise Zerstörung und Auf- 
lösung des Fächerwerkes mit einander gemein haben, ausserdem aber 
mehr weniger verschieden sind, man mag nun auf ihre Entstehung und 
pathologische Bedeutung zurückgehen, oder die Menge, die Durchsichtig- 
keit und sonstigen physikalischen Eigenschaften der Flüssigkeit betrach- 
ten, welche die Stelle des normalen Glaskörpers vertritt. 

Die Erscheinungen, aus denen man auf Synchysis schliessen kann, 
wurden bereits dort angegeben, wo ihre Erkennung von der grössten 
Wichtigkeit ist, nämlich bei der Cataracta im II. Bande S. 287. Bei noch 
durchsichtiger oder mangelnder (entfernter oder versenkter) Linse kom- 
men der Diagnostik nebst den optischen Störungen noch jene Zeichen 
zu Hülfe, welche die Untersuchung mit dem Augenspiegel in jenen 
Fällen gewährt, wo in dem aufgelösten Glaskörper dunkle Elemente 
schweben oder durch rasche Bewegungen aufgerüttelt werden können. 
Es kommen nämlich, ausser den durch Blutergüsse veranlassten Trü- 



Verflüssigung — Syuchysis. 15 

bungen, noch bei vielen andern Zuständen, namentlich aber bei con- 
gestiven und entzündlichen Leiden der Retina und Chorioidea Trü- 
bungen in dem verflüssigten Glaskörper vor. Zur Erkennung derselben 
möge folgende Schilderung von Gräfe dienen. „Am schwierigsten zu 
erkennen (mit dem Augenspiegel) sind die sogenannten diffusen oder 
punktförmigen Glaskörperopacitäten, weil sie einen feinen Schleier vor 
das Netzhautbild ziehen, welcher die scharfen Contouren des Sehnerven- 
eintrittes, der Gefasse u. s. w. verwischt. Bei genauer Untersuchung kann 
mau aber diesen Schleier in eine Unzahl von Punkten zersetzen, was 
besonders schwierig ist, wenn eben diese Punkte nicht in einer, son- 
dern in verschiedenen Schichten des Glaskörpers liegen ; liegen sie in 
einer Schicht, so stellen sie eine fein gesprenkelte, durchscheinende 
Membran vor, welche sich durch Verschiebung ihrer einzelnen Theile 
bald zusammenziehen, bald ausdehnen, und vor dem Augenhintergrunde 
wie ein Netz aus zartem Gewebe hin und her zu ziehen scheinen ; 
liegen sie in verschiedener Tiefe, so stellt sich das Ganze wie ein un- 
endlich feiner Staub oder Regen dar, der nach den Bewegungen des 
Auges sich in einzelnen Theilen zu etwas dichteren Massen zusammen- 
ballt, um dann bei fixirter Sehachse entweder gleichmässig oder in ver- 
schiedenen Zügen, den verschiedenen Regionen des Auges entsprechend, 
herabzusinken. Die Kranken haben entweder die Empfindung eines 
Nebels, der vor den Objecten schwebt, oder von Strömungen in der 
Luft, wie durch Insectenschwärme oder derlei hervorgebracht. Diese 
Trübungen stören weit mehr, als grosse, aber umschriebene Trübungen, 
weil bei diesen letzteren die dazwischen liegenden Theile des Glas- 
körpers vollkommen transparent sind. Es findet in Betreff des Sehver- 
mögens etwas Ahnliches statt, wie bei der Hornhaut und der Linse, 
in welchen auch compacte, aber umschriebene Trübungen , wenn sie 
einen Theil des Pupillargebietes frei lassen, weit geringere Störungen, 
als diffuse feinere (durchscheinende) Trübungen hervorbringen. — Fi- 
lamentöse Opacitäten erscheinen ophthalmoskopisch als ziemlich dunkle, 
einfache oder verschlungene Fäden, die sich bei den Bewegungen ver- 
kürzen und wieder verlängern; die Kranken pflegen sie desshalb mit 
Schlangen, mit Insectenbeinen u. dgl. zu vergleichen. — Membranöse 
Trübungen bilden stark durchscheinende, zuweilen ebenfalls gespren- 
kelte Membranen, welche sich bald aufrollen, bald entfalten, und hie- 
durch ein sehr polymorphes Ansehen darbieten. Bei den Kranken er- 
regen deren Schatten die Erscheinung eines Spinnengewebes, was sich 
rasch entwickelt, und dann wieder plötzlich in einzelne Fäden zusam- 
menfällt. — Flockige Opacitäten bilden einzelne Pfropfe von verschie- 



1 6 Glaskörper. 

deuer Ausdehnung;, oder sind gröbern Schneeflocken, kleinen Wölkchen, 
organischen Gerinnseln u. s. w. zu vergleichen. — Ein besonders in- 
teressantes Ansehen gewinnt der Glaskörper, wenn neben diesen oder 
ganz unbestimmbar geformten Opacitäten, wie es nicht selten zu gesche- 
hen pflegt, noch zahlreiche Choleslearinkry stalle suspendirt sind, welche 
zum Theil diesen Opacitäten adhäriren, zum Theil sich zwischen den- 
selben, wie es scheint, frei befinden."*) 

Über die Entstehung und pathologische Bedeutung der verschiedenen 
Zustände des Glaskörpers mit Verlust seines Gefüges und seiner Con- 
sistenz lässt sich wenig Positives angeben. In vielen Fällen ist mecha- 
nische Zertrümmerung seines Gerüstes eine nachweisbare Ursache dessen, 
dass man statt des Glaskörpers bloss eine wässrige nur etwas salz- 
und eiweisshaltige Flüssigkeit findet. Diese Umwandlung betrifft bald 
nur einen Theil, bald die ganze Masse. Man beobachtet sie nach Vor- 
fall und Verlust eines Theiles des Glaskörpers durch die Extraction, 
durch zufällige Verletzungen der Cornea oder Sclera, durch Hornhaut- 
geschwttre mit Durchbruch und consecutive Berstung der Glashaut. 
Auch die Verflüssigung bei Hornhautstaphylomen scheint zunächst durch 
Zerreissung des Glaskörpers (temporärer oder bleibender Luxation des 
Krystallkörpers) eingeleitet zu werden, obgleich hier wohl noch ein 
zweites Moment, wovon später, hinzuzutreten pflegt. Synchysis tritt 
häufig, partiell wahrscheinlich immer ein nach der Depression und nach 
der Reclination der Linse. Doch dürfte auch an dieser Verflüssigung 
ein entzündlicher Process einigen Antheil nehmen. Sie entsteht ferner 
in vielen Fällen nach absichtlicher oder zufälliger Eröffnung der Linsen- 
kapsel, wenn die gänzliche oder theilweise Resorption (Verschrumpfung) 
der Linse unter heftigeren Zufällen (starker Reaction) erfolgt, daher 
man auch hinter der Cataracta aridosiliquata und membranacea sehr 
oft einen wässrigen Glaskörper findet. Von der auf Bluterguss folgen- 
den Verflüssigung des Glaskörpers war bereits die Rede. — In andern 
Fällen scheint die Verminderung des auf den Gefässen im Inneim des 
Auges lastenden Druckes den ersten Anstoss zur Ausscheidung von 
Serum und zur Verflüssigung des Glaskörpers zu geben. Es ist eine 
Art Hydrops ex vacuo, analog der Ansammlung von Serum in der 
Schädelhöhle, wenn dieselbe durch Verdünnung der Knochen geräumi- 
ger geworden ist. Die Gefasse des Auges stehen unter einem perma- 
nenten Drucke, adäquat der Spannung des Bulbus. Ein wesentliches 

*) Dass die durch solche Operation verursachten Wahrnehmungen der Kranken von den bekannten 
fliegenden Mücken, die jedes gesunde Auge sich vorführen kann, ganz verschieden sind, ergibt sich 
schon aus der eben gegebenen Beschreibung derselben. Wir kommen später darauf zurück. 



Verflüssigung — Synehysis. 17 

Moment zur Erhaltung dieser letzteren bilden die Wandungen, welche 
bis zu einem gewissen Grade resistent und elastisch sind. Durch die 
Scheidewand, welche der Krystallkörper mit dem freien Theile der Zo- 
nula Zinuii und den Ciliarfortsätzen zwischen Humor aqueus und Cor- 
pus vitreum bildet, und welche durch den Ciliarmuskel an die Bulbus- 
waud befestigt und gespannt erhalten wird, zerfällt der Bulbus in zwei 
isolirte Bäume , von denen ein jeder bis zu einem gewissen Grade un- 
abhängig von dem andern aus der eben erwähnten Ursache ausgedehnt 
werden kann. Geht die Resistenz und Elasticität der Cornea aus was 
immer für einem Grunde verloren, so erfolgt vermehrte Ausscheidung 
von Serum, und zwar zunächst nur vor der genannten Scheidewand, 
so lange diese selbst noch hinreicht, im Verein mit den Augenmuskeln 
den hinter ihr gelegenen Theil des Bulbus in gehöriger Spannung zu 
erhalten. So erfolgt die Ausdehnung der Cornea in Folge von Pannus 
und Keratitis, beim Keratokonus und bei manchen Fällen von Horn- 
hautstaphyloin. Analog verhält sich's mit der Ausdehnung der Sclera, 
sobald diese ihre Resistenz und Elasticität stellenweise oder durchaus 
eiugebüsst hat. Diess geschieht häufig partiell in Folge umschriebener 
Entzündung und Verwachsung der Chorioidea und Sclera, aber auch 
ohne Entzündung, und zwar in Folge anhaltenden Druckes auf die hin- 
tere Wandung des Auges rings um den hintern Pol. Demgemäss finden 
wir constant Verflüssigung mit vermehrter Ausscheidung bei Ektasien 
der Sclera im Bereiche des Ciliarkörpers , und auf diese Weise dürfte 
das Vorkommen rein wässriger Flüssigkeit zu erklären sein, welche 
man in Augen mit Staphyloma posticum Scarpae zwischen der Netzhaut 
und dem Glaskörper findet, genauer bezeichnet: in welche der Glas- 
körper sich nach hinten allmälig auflöst. — In anderen Fällen bemer- 
ken wir, dass trotz der Isolirung durch die genannte Scheidewand den- 
noch Verminderung der Resistenz und vermehrter Erguss in den einen 
Raum Flüssigkeitsvermehrung in dem andern Räume zur Folge hat. 
Ich verfolge seit Jahren die Thatsache der Beobachtung, dass Augen 
mit etwas ektatischen Hornhautnarben bei reiner und etwas weiterer 
Pupille und ohne besondere Zufälle allmälig erblinden, und sich dann 
abnorm gespannt anfühlen. War ich schon vor der Anwendung des 
Augenspiegels zu dem Wahrscheinlichkeitsscklusse gekommen, dass hier 
die Erblindung nicht von Entzündung der Netz- oder Aderhaut aus- 
gehe, so hat mich eine möglichst sorgfältige Untersuchung mit diesem 
Instrumente in einigen mir jüngst vorgekommenen Fällen um so mehr 
in der Annahme bestärkt, dass hier die Netzhautfunction nur durch 
Druck von seröser Ausschwitzung im Glaskörper vernichtet werde. Unter 

Arlt Augenheilkunde. III. 2 



18 Glaskörper. 

den hieher gehörigen Fällen waren mehrere, welche nur kleine Narben 
mit vorderer Synechie und geringer Verziehung der Pupille darboten, 
so dass die ophthalmoskopische Untersuchung ganz gut möglich, und 
nur durch die abnorme (gegen die etwas vorgetriebene Narbe auf- 
steigende) Wölbung der Hornhaut etwas beeinträchtigt war. Die Ab- 
weichung der Cornealwölbung von der Sphäricität Hess sich bestimmt 
und deutlich an den Spiegelbildern derselben nachweisen. Das Netz- 
hautleiden konnte nicht als Folge des Entzündungsprocesses, welcher 
den Cornealdurchbruch bewirkt hatte, betrachtet werden, weil, wie in 
einigen Fällen bestimmt erwiesen war, die Kranken nach erfolgter Ver- 
narbung noch längere Zeit gut gesehen, selbst mehrere Wochen anhal- 
tend sich mit Lesen, Schreiben u. dgl. beschäftigt hatten, theils weil 
der Process ein solcher gewesen war, welcher erfahrungsgemäss nicht 
tiefer eingreift, wie namentlich Conjunctivitis scrofulosa und Bindehaut- 
blennorrhöe mit etwa hanfkorngrosser peripherischer Hornhautdurch- 
bohrung (letztere als sogenannte Ophthalmia militaris). — Glaskörper- 
verflüssigung finden wir oft in Augen nach Iritis, besonders chronischen 
Verlaufes, und zwar, wenn es nicht in Folge von Erweichung der vor- 
dersten Partie der Sclera zu Ausdehnung dieser letzteren (Birnform des 
Auges oder Staphyloma anticum) gekommen ist, gewöhnlich mit deut- 
licher Volumenabnahme oder mit verminderter Spannung des Bulbus. 
Man darf hier wohl annehmen, dass die Ernährung des Glaskörpers in 
Folge dessen leidet, weil das Corpus ciliare durch Übergreifen des Ent- 
zündungsprocesses der Iris auf dasselbe verändert worden ist. Darauf deu- 
tet in solchen Fällen auch eine eigenthümliche Veränderung in der Struc- 
tur und Farbe der Iris, welche füglich nicht von directer Veränderung 
der Iris durch Exsudat, Bluterguss u. dergl., sondern nur von mangel- 
hafter Ernährung ob des veränderten Corpus ciliare abgeleitet werden 
kann. Übrigens muss noch bemerkt werden, dass Bulbi, die sich wäh- 
rend und noch einige Zeit nach Entzündung der Iris weicher anfühlen, 
nicht etwa durchaus immer so bleiben, sondern in der Regel allmälig 
wieder die normale Spannung annehmen. 

Auflösung des Glaskörpers findet sich öfters bei altern Leuten, de- 
ren Linse getrübt oder doch auf dem Wege dazu ist. Solche Leute 
sind amblyopisch. Diess zeigt das Missverhältniss zwischen der Sehstö- 
rung und der sichtbaren Trübung am besten bei der Gräfe'schen Licht- 
probe, indem der Kranke den Schein einer Kerzenflamme bei weitem 
nicht auf so grosse Distanz wahrnimmt, als es bei gesunder Netzhaut 
sein müsste. Die ophthalmoskopische Untersuchung ergab mir, wenigstens 
in einigen Fällen, keine Veränderung der Netz- oder Aderhaut, womit 



Verflüssigung — Synchysis — Exsudate. 19 

freilich das Bestehen feinerer Veränderungen nicht ausgeschlossen ist. 
Die Trübung der Linse pflegt sich langsam zu entwickeln, und zwar 
vom Kern aus, und dieser erscheint lauge Zeit hindurch grünlich, oder 
auch, nach längerem Bestände, mehr weniger dunkelbraun. Die Kran- 
ken pflegen, wenn man ihnen nach der Staaroperation ein Glas Wasser, 
ein weisses Tuch und dgl. vorhält blau zu sehen. Bei der Extraction 
tritt bisweilen das bekannte Collabiren ein, oder es fliesst gleich beim 
Hornhautsehnitte mehr Flüssigkeit ab, als in der Augenkammer allein 
enthalten sein konnte. Es dürfte diese Veränderung des Glaskörpers 
wohl als seniler Schwund seines Gerüstes zu betrachten sein, der bald 
mit. bald ohue Abnahme der Menge seiner Flüssigkeit, bisweilen auch 
mit Zunahme derselben oder vielmehr mit Vertretung durch eine rein 
wässrige Flüssigkeit einhergeht. Welche Veränderungen der Chorioidea 
und Netzhaut dabei stattfinden und in welchem Zusammenhange sie da- 
mit stehen, ist zur Zeit noch unbekannt. — Mangelhafte Ernährung 
dürfte in jenen seltenen Fällen zu beschuldigen sein, wo Glaskörper- 
verflüssigung und Amblyopie des einen Auges sich allmälig entwickelt, 
nachdem das andere durch Eiterung, besonders nach Verletzungen, zer- 
stört worden ist. Solche Bulbi werden allmälig weicher und kleiner. — 
In andern Fällen lassen sich entschieden die Erscheinungen von Ent- 
zündung, wenigstens von einem länger andauernden co?igestiven Zustande 
der Chorioidea und Netzhaut als Ursache der Glaskörperverflüssigung 
nachweisen, und ist man, wenn nicht etwa schon Cataracta niollis 
hinzugetreten ist, meistens im Stande, mit dem Augenspiegel Glaskör- 
peropacitäten nachzuweisen. — Schliesslich muss ausdrücklich bemerkt 
werden, dass diese Anführung von Ursachen der Synchysis durchaus 
nicht auf Vollständigkeit Anspruch macht. 

III. Exsudate im Glaskörper. 

Es ist durch Sectionen sicher gestellt, dass im Glaskörper Substan- 
zen vorkommen, welche nur als Entzündungsproducte betrachtet werden 
können. Es ist aber höchst wahrscheinlich, dass diese Substanzen nicht 
im Glaskörper selbst, durch Entzündung seines Gerüstes und seiner 
Umhüllungshaut erzeugt, sondern von aussen her in denselben überge- 
führt werden. Denn beide, das Stroma sowohl als die Hyaloidea, be- 
sitzen weder Gefässe noch Nerven, ohne welche von Entzündung nicht 
die Rede sein kann, und niemals trifft man solche Producte im Glas- 
körper, ohne dass die Zeichen von Entzündung der Chorioidea vorhan- 
den sind. Der Ausdruck Hyalitis verdankt seine Aufstellung nicht der 

2* 



20 Glaskörper. 

Beobachtung von Symptomen, welche nur auf Entzündung des Glaskörpers 
bezogen werden konnten, sondern bloss dem Streben, für jedes Gebilde 
des Auges eine Reihe von Erscheinungen aufzustellen, welche den Begriff 
Entzündung wieder geben sollten, um bei systematischer Vorführung der 
Krankheiten keine Lücke zu lassen. Die einzige reelle Stütze fand die 
Lehre von der Hyalitis in dem Vorkommen von Entzündungsproducten 
im Glaskörper, welches indessen auch auf andere Weise erklärt werden 
kann, ja erklärt werden muss. Die in Rede stehenden Substanzen sind 
Producte des entzündeten Corpus ciliare der Chorioidea, und gelangen 
wohl auf dieselbe Weise, wie im normalen Zustande das ernährende 
Plasma, in das Innere des Glaskörpers. 

Während des Lebens habe ich bisher in 4 Fällen ein Exsudat in 
der tellerförmigen Grube beobachtet, an Augen, welche die Zeichen 
chronischer Chorioiditis darboten, mit vermehrter Spannung des Bulbus. 
Die Trübung erscheint bei auffallendem Lichte weiss, in der Mitte satu- 
rirt, gegen die allmälig sich verwischenden Ränder hin bläulich, rund- 
lich oder polygonal. Die Augen waren hochgradig amblyopisch oder 
ganz amaurotisch. Zur Section habe ich noch keinen solchen Fall be- 
kommen, will demnach nicht geradezu behaupten, dass die Trübung- 
wirklich dem Glaskörper angehört, obwohl in dem einen mit dem Augen- 
spiegel untersuchten Falle diess das Wahrscheinlichste war. 

Reclinirte Staare rufen im Glaskörper einen ähnlichen Process her- 
vor, wie Blutextravasate im Gehirn. Man findet rings um die Linse 
eine etwas dichtere trübe Masse, welche sich ringsherum allmälig im 
normalen Glaskörper verliert, später eine etwas trübe, florähnliche 
Kapsel, welche hie und da einen fadenförmigen Ausläufer in den Glas- 
körper sendet. 

In einem Falle, 9 Jahre nach der Reclination , war keine Linse mehr vorhanden, 
und die Stelle, wo sie gelegen , nur an einigen zum Theil kalkigen Fleckchen am Cor- 
pus ciliare nächst der Ora serrata zu erkennen. Ich muss jedoch hinzufügen , dass in 
den bisher von mir untersuchten Fällen die Linse noch vor der Ora serrata, also im 
Bereiche des Corpus ciliare lag. Das aus feinkörniger, amorpher Substanz bestehende 
Exsudat war an der der Chorioidea zugewendeten Seite reichlicher, als an der entgegen- 
gesetzten. Ich habe in mehreren Fällen nach der Reclination umschriebene Röthe der 
Sclera in jener Gegend beobachtet, wo der Staar liegen musste, und zugleich die Pu- 
pille nach dieser Richtung hin erweitert gefunden, woraus mit Rücksicht auf die gleiche 
Erscheinung bei Glaucoma wohl zu folgern war, dass partielle Chorioiditis stattfand. 
Auf Chorioiditis deutet auch die consecutive Netzhautablösung, welche nicht selten 
mach der Reclination in etwas späterer Zeit mit dem Augenspiegel wahrgenommen 
"wird. Im vorigen Jahre starb hier ein Weib 36 Stunden nach der Reclination auf bei- 
den Augen. Bald nach der Operation war Erbrechen aufgetreten. Auf dem rechten 
Auge bemerkten wir 24 Stunden nach der Operation den Staar aufgestiegen , auf dem 



Exsudate. 21 

linken entwickelten sich die Zeichen heftiger Iridochorioiditis mit starker Injection und 
Schwellung der Conjunctiva hulbi. Auf diesem Auge zeigte die Section croupös-faser- 
stoffiges Exsudat an der nntern äussern Hälfte des Corpus ciliare (Innenfläche) und an 
der Hinterfläche der Iris, die nächst angrenzende Partie des Glaskörpers war wolkig 
getrübt, der Linsenkern von solchem Glaskörper umschlossen, und die Rindenstücke 
lagen theils in der Kapsel, theils zwischen dieser und dem Linsenkerne in dem zer- 
rissenen Glaskörper. 

Die Exsudate und Metamorphosen, welche im Glaskörper in Folge 
von Chorioiditis überhaupt vorkommen, wurden, als consecutive Zu- 
stände, bereits bei den Krankheiten der Chorioidea der Hauptsache 
nach angegeben und geschildert. Wir haben hier nur noch hervorzu- 
heben , dass der Eintritt solcher Exsudate in den Glaskörper höchst 
wahrscheinlich vom Corpus ciliare aus erfolgt. In allen frischen Fällen 
findet sich das Exsudat im Glaskörper zumeist nächst der Innenfläche 
des Corpus ciliare, und wenn noch Partien vom Glaskörper uninfiltrirt 
erscheinen, so sind es die seines hintern und um die Achse gelegenen 
Theiles. Falls nicht eitrige Schmelzung eintritt, sondern Umwandlung 
in fasriges, sehnen- oder knorpelähnliches Gewebe, so übt dieser mit 
beträchtlicher Schrumpfung einhergehende Process mehr weniger bedeu- 
tenden Einfluss auf die Lageveränderung der Netzhaut, welche in sol- 
chen Fällen in Form eines Trichters, mit der Spitze an der Eintritts- 
stelle des Opticus haftend, mitten durch den früher vom Glaskörper 
eingenommenen Kaum verläuft. Während man in der hintern Partie 
die Zusammenfaltung der Netzhaut allenfalls als Verdrängung der Netz- 
haut durch das Chorioidealexsudat betrachten darf, kann die Form der 
vordem Partie, welche mehr dem Saume der Corolle von Convolvulus 
gleicht, nur dadurch erklärt werden, dass man annimmt, das innerhalb 
des Corpus ciliare in den Glaskörper ausgeschiedene Exsudat ziehe 
die Netzhaut gegen den Ciliarkörper hin. In dieser Auffassung des 
Sectionsbefundes finden auch jene Fälle ihre natürliche Erklärung, in 
welchen die Hyaloidea der tellerförmigen Grube rückwärts gezogen und 
das Innere des Bulbus (hinter der Iris) in zwei grosse Käume geschie- 
den erscheint, wo in dem vordem die verschieden veränderte Linse 
schwimmt, durch den hintern der strangförmig zusammen gefaltete 
Theil der Netzhaut streicht, während die Scheidewand zwischen beiden 
theils durch den vordem, zur Ora serrata verlaufenden Saum der Netz- 
haut, theils durch das in die vordere Partie des Glaskörpers ergossene, 
nun geschrumpfte und in knorpelähnliche Masse verwandelte Exsudat 
gebildet wird, und unzertrennlich an dem Gebilde haftet, von dem es 
ausgeschieden wurde, nämlich am Corpus ciliare. (Vergl. Sectionshe- 
funde bei Chorioiditis.) 



22 Glaskörper. 

Eine sehr genaue und klare, auf anatomische und mikroskopische Untersuchungen 
basirte Schilderung dieser Metamorphosen hat Dr. Stellwag von Carion 1. c. S. 697 bis 
713 o-eo-eben. Man muss ihm vollkommen beistimmen, wenn er S. 709 angibt: „Die 
Masse des Blastems im Glaskörper ist in solchen Fällen eiue so bedeutende, dass sie 
aus der Differenziation normaler Vitrina unmöglich abgeleitet werden kann, es müssen 
plastische Elemente in normwidriger Menge in den Glaskörper übergeführt worden sein, 
plastische Elemente , welche in Verbindung mit dem proteinogen Antheile der Vitrina 
durch Coagulation in die feste Form und aus dieser in die sehnige Textur übergehen." 
Wenn er jedoch S. 703 behauptet, es liege der Schluss sehr nahe, dass der grösste 
Theil dieser Exsudatmasse durch den Petitschen Humor in den Glaskörper übergeführt 
wurde, so verrückt er meines Erachtens den richtigen Standpunkt pathologischer Deu- 
tung. Die ganze innere Fläche des Corpus ciliare , von der Ora serrata bis zum Petit- 
schen Canale ist es, welche das in den Glaskörper übergeführte Exsudat liefert. "Wenn 
bei allgemeiner Entzündung der Chorioidea, also auch des Corpus ciliare, Exsudat nicht 
nur im Glaskörper, sondern auch im Petitschen Canale und im Kammerwasser gefunden 
"wird, so zeigt diess eben nur, dass die Ciliarfortsätze an ihrer ganzen Innenfläche Ex- 
sudat liefern , nicht aber bloss der in den Petitschen Canal hineinreichende Theil. Ich 
habe mehrere Fälle untersucht, wo bei Theilnahme des Corpus ciliare an der Entzün- 
dung Exsudat wohl im Glaskörper, nicht aber auch zugleich im Petitschen Canale oder 
im Kammerwasser war. Stellwag behandelt übrigens auch dieses Thema in dem ihm 
eigenthümlichen Tone, als wäre er der Einzige, höchstens Beer ausgenommen, der solche 
Augen gehörig untersucht und den Befund richtig aufzufassen vermocht habe. Wenn 
ihm auch zur Zeit, wo er seine Untersuchungen über den Glaskörper niederschrieb, 
meine Abhandlung über die Krankheiten der Chorioidea vielleicht noch nicht bekannt 
war, so war er doch nicht berechtigt zu der Behauptung: man habe bisher ganz 
übersehen, dass sich im Inneren der knorpligen und knochigen Concremente in atro- 
phischen Augen fast constant die Netzhaut klöppeiförmig zusammengefaltet finde. Ich 
hatte schon im Jahre 1847 im 1.4. Bande der in Wien gewiss bekannten Prager Viertel- 
jahrschrift wenigstens den grobem Befund phthisischer, atrophischer, glaucomatöser etc. 
Augen mit richtiger, wenigstens die Grundzüge der Stellwagschen Auffassung enthal- 
tender Deutung angegeben, und der Deutlichkeit wegen einige Abbildungen beigefügt, 
die man nicht so leicht überschlagen kann, ohne Notiz davon zu nehmen. Ich hatte dort 
auch angeführt, dass schon Dubrenil (1829) Chorioidealexsudate als das Substrat der 
sogenannten Verknöcherungen des Glaskörpers, der Retina etc. betrachtet habe. 



IV. Cystenbilchmg- im Glaskörper. 

Coccius*) theilt folgende Beobachtung mit. „Eine Frau litt seit einem halben 
Jahre auf beiden Augen an Amblyopie; diese hatte allmälig zugenommen und war auf 
dem rechten Auge in dem Grade vorhanden, dass sie grosse Gegenstände nur als dunkle 
Körper ohne scharfe Umrisse sah , während sie mit dem 1. A. ihre häusliche Beschäfti- 
gung noch recht gut verrichten konnte. Dieses Auge wurde allmälig ebenfalls sehun- 
fähig, so dass die Kranke einer Führerin bedurfte. Das linke Auge liess noch keine 
Veränderungen -wahrnehmen, im rechten zeigte die Retina an einzelnen Stellen kleine 



*) Über die Anwendung des Augenspiegels. Leipzig, 1853. S. 93. 



Cysteiibildiing. 23 

gelbliche Erhabenheiten. Bei "Wiederholung der Untersuchung kam in dem übrigens 
ganz klaren Glaskörper auf einmal eine Blase zum Vorschein, die bei richtiger Beleuch- 
tung weiss erschien. Sie war halbmondförmig, etwa 3 Par. Lin. lang, und lief in 2 
spitze Enden aus. An der untern Spitze zeigte sich noch ein kleines Anhängsel, wel- 
ches dem ganzen Körper in der Form sehr ähnlich war." Es ist wahrscheinlich, dass 
dieser Körper zu den Entozoen des Glaskörpers gehört. 

Einen Cysticercus im Glaskörper , der auf Gräfes Klinik *) beobachtet wurde, 
hat Dr. Liebreich genau beschrieben. Der Kranke, ein 23 Jahre alter Tischlergesell, litt 
zugleich an Bandwurm. Gegen die mit dem Ophthalmoskop gestellte Diagnosis konnte 
kein Zweifel mehr obwalten , nachdem von Gräfe an dem ovalen Ende der in einer 
besoudem Hülle ruhenden Cyste kleine Bewegungen mit Sicherheit erkannt hatte. Die 
bläulich graue, längliche Blase erstreckte sich vom hintern Pol der Linse, wo sich eine 
circumscripte Trübung befand, beinahe durch den ganzen Glaskörper rückwärts und 
schwankte bei jeder Bewegung des Bulbus. — Da wir weiter unten eine ausführliche 
Besehreibung von Cysticercus in retina zu geben gedenken, so genüge es hier vorläufig 
bloss auf dieses Vorkommen im Glaskörper aufmerksam gemacht zu haben. 

*) Archiv für Ophthalmologie. Band I. Abth. 2. S. 343. 



VIII. Bach. 

Die Netzhaut, Retina. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Die Netzhaut kann als die häutige Ausbreitung des Sehnerven oder 
eigentlich als dessen Anfang im Auge betrachtet werden. Sie beginnt 
an der Eintrittsstelle des Sehnerven (l 1 ^"' einwärts vom hintern Pole 
des Auges), und erstreckt sich, über den Glaskörper ausgespannt, 
zwischen diesem und der Chorioidea bis zur Ora serrata, über welche 
hinaus (vorwärts) wenigstens ihre Nervenelemente nicht mehr verfolgt 
werden können. Sie bietet in dieser Ausdehnung einen Flächenraum 
von circa 300 Quadratlinien (297,35) dar, während die Fläche der Ein- 
trittsstelle des Sehnerven (papilla s. colliculus nervi optici) bei einem 
Durchmesser von nicht ganz 3 /V" nur 0,44 Quadratlinien, also 600mal 
weniger misst. Ihre Dicke vermindert sich von 0,1'" in der mittlem 
Kegion allmälig bis auf 0,04 ;/y nächst der Ora serrata. 

Sie ist auch während des Lebens nicht vollkommen, sondern nur 
halb durchsichtig, und mit Ausnahme eines etwa 1 Quadratlinie grossen 
gelben Fleckes (Macula lutea) am hintern Pole leicht weissgrau. Die 
Falte, welche an dieser gelben Stelle im todten Auge gefunden wird, 
existirt während des Lebens nicht; das sogenaunte Foraraen centrale 
ist keine Lücke daselbst, sondern nur eine Verdünnung, bedingt durch 
das Fehlen einiger Elemente der Netzhaut in der Mitte des gelben Fleckes. 

Unter dem Mikroskope kann man 5 concentrische Lagen oder 
Schichten der Netzhaut unterscheiden, und zwar von aussen nach innen: 
1) die Stäbchen- und Zapfenschicht, 2) die Körnerschicht, 3) die Lage 
der grauen Nervenfasern und Nervenzellen oder die Kugelschicht, 4) die 
Ausbreitung der Fasern des N. opticus, und 5) die Grenzhaut oder 
Membrana limitans. Durch die Untersuchungen von E. H. Müller (be~ 



Anatomie — Physiologie. 25 

stätigt und vervollständigt von KölUker, Corti und Gerlach) ist nach- 
gewiesen, dass die Elemente der ersten Schicht durch äusserst zarte, 
gleich dicht an einander gedrängten Radien verlaufende Fasern (Müller's 
radiäres Fasersystem) mit der dritten und diese wieder durch dünne 
Fädchen mit den Opticusfasern verbunden sind. 

Die erste Schicht besteht aus feineu, hellen, das Licht stark re- 
flectirenden Röhrchen, welche dicht aneinander senkrecht auf der 
2. Schicht stehen, und mit ihren quer abgestutzten (abgerundeten) äussern 
Enden leicht in die Pigmentschicht der Chorioidea eingedrückt sind 
(eingreifen). Von diesen Röhrchen, welche unter einander durch eine 
halbweiche hyaline Masse verbunden sind, haben die Mehrzahl eine cy- 
lindrische Gestalt, heissen desshalb Stäbclmi (bacilli), und kommen mit 
Ausnahme des Sehnerveneintrittes und gelben Fleckes überall und in 
gleicher Menge vor. Sie sind durchschnittlich 0,01"' lang und 0,001'" 
dick. Die Minderzahl schwellen gegen ihr inneres Ende hin rüben- 
oder spindelförmig an (Zapfen oder Coni), sind durchschnittlich 0,012"' 
lang und im mittleren Theile 0,0035"' breit, und kommen zwischen den 
Stäbchen in verschiedenen Regionen in verschiedener Anzahl vor. Sie 
fehlen gleich den Stäbchen an der Papilla n. opt. , vertreten die erste 
Schicht dagegen an der Macula lutea ausschliesslich, und werden von 
hier gegen die Ora serrata hin allmälig spärlicher, so dass sie in der 
Xähe dieser letzteren nur in Entfernungen von 0,006'" — 0,007"' auf- 
treten. Die Stäbchen sowohl als die Zapfen laufen nach innen in 
dünne Fasern oder Fäden aus. 

Die Körner der 2. Schicht sind 0,003"'— 0,007"' grosse, fein gra- 
nulirte, scharf conto urirte, runde oder oblonge Körperchen, welche in 
zwei Lagen vorkommen, die jedoch gegen die Ora serrata hin mehr 
und mehr an einander rücken. Die Substanz zwischen der äussern und 
innern Körnerschicht — die Zwischenkörnerschicht — ist nichts anders, 
als die dicht an einander liegenden Fasern, welche, von den Stäbchen 
und Zapfen ausgehend, und in der äussern und innern Körnerschicht 
gleichsam durch ein Korn durchgehend, zur Kugelschicht verlaufen. 
Man kann daher jedes Korn als eine bipolare Zelle betrachten mit 
einem nach aussen und einem nach innen abgehenden Faden. Die 
äussere Körnerschicht besteht (nach KölUker) aus den an den Zapfen 
sitzenden kernführenden Anschwellungen oder den Zapfenkörnern und 
aus den etwas kleinern eigentlichen Körnern, welche mit den Stäbchen 
in Verbindung sind, und desshalb auch Stäbchenkörner heissen können. 
In der innern Schicht liegen nur kleine Zellen von 0,003'" — 0,004'" 
Grösse mit meist deutlichem Kern, und verbinden sich theils mit den 



26 Netzhaut. 

Ausläufern der Zapfen als innere Zapfenkörner, theils mit den Stäbchen 
als innere Stäbchenkörner. 

In der 3. Schicht begegnen wir den Nervenzellen der Retina, welche 
in eine feinkörnige graue Masse eingebettet sind, und durch dieses Ver- 
halten ihre Analogie mit den Zellen der grauen Gehirnsubstanz dar- 
thun. Diese beiden Elemente sind so zu einander angeordnet, dass 
die feinkörnige graue Substanz mehr nach aussen (an der innern Kör- 
nerschichtej als continuirliche Lage hervortritt, die 0,006'"— 0,008'" 
grossen kernhaltigen Zellen dagegen nach innen (an der Opticusfaser- 
schichte) 2 — 3fach übereinander liegen. Diese Zellen verhalten sich 
ganz wie die multipolaren Nervenzellen der Centralorgane und besitzen 
sämmtlich lange blasse Fortsätze, von denen immer 1 — 2 nach aussen 
gerichtet sind und in die erwähnten radiären Fasern der Körnerschichte 
übergehen, während die andern höchst wahrscheinlich sich in ächte va- 
ricöse Opticusfasern fortsetzen. Corti hat wenigstens in der Eetina 
des Elephanten anastomosirende Verbindungen dieser Fortsätze zweier 
Zellen beobachtet, und ausserdem gefunden, dass Fibern der Opticus- 
faserlage continuirlich in diese Fortsätze übergehen. 

Die 0,0005'"— 0,002'" breiten Faseim des Opticus gehen gleich nach 
ihrem Durchtritte durch die Lamina cribrosa strahlenförmig nach allen 
Eichtungen auseinander, und erscheinen in dieser Flächenausbreitung 
als vierte Schichte der Netzhaut. Dieselbe ist diesem Sachverhalte ge- 
mäss in der Umgebung der Papilla am dicksten und wird gegen die 
Ora serrata hin allmälig dünner. Am gelben Flecke, wenigstens in 
der mittleren Partie desselben, finden sich keine Opticusfasern, indem 
diese auf ihrem Wege von der Papilla nach aussen vor der Macula lu- 
tea auseinander, jenseits aber wieder zusammen treten. Die der Netz- 
haut angehörenden Nervenfasern des Opticus sind blass, ohne dunkle 
Contouren, ohne Kerne, dagegen mit länglichen Anschwellungen ver- 
sehen. Sie unterscheiden sich von den marklosen Fasern auch durch 
ihre ausserordentliche Feinheit. Gerlack versichert, einige Male ganz 
bestimmt Theilungen an denselben gesehen zu haben. Sie sind zu- 
nächst in Bündel von 0,010'"— 0,012"' geordnet. Dass ein Theil der- 
selben in die Ausläufer der Ganglienkugeln übergehe, ist nach CortPs 
Untersuchungen gewiss. Ob aber alle Fasern mit den Fortsätzen der 
Nervenzellen sich verbinden, ist noch nicht erwiesen, wenn gleich wahr- 
scheinlich. Nach Külliker tritt ein Theil der radiären oder Müller'schen 
Fasern zwischen den Opticusbündeln bis zur Membrana limitans, und 
endigen diese Fasern in kleine Anschwellungen, welche mehrere hori- 
zontal (in der Ebene der Opticusfasern) verlaufende Fäserchen abgeben 



Anatomie — Physiologie. 27 

oder sich direct in ein ganzes Büschel feiner Fädehen theilen, von 
denen es angewiss ist, ob sie sich mit den Opticusfasern verbinden. 

Die Membrana limitans ist ein nur 0,001'" dickes, strukturloses 
Häutehen, welches die Netzhaut an ihrer der Hyaloidea zugewendeten 
Fläche begrenzt, und nach einigen Autoren sich über die Ora serrata 
vorwärts selbst bis auf die hintere Fläche der Iris erstrecken soll. Bei 
dieser Ansicht wird angenommen, dass diess Grenzhäutchen von der 
Ora serrata mit der Zonula Zinnii verschmolzen sei, an den Ciliarfort- 
sätzen sich aber wieder von derselben trenne (da diese einwärts zur 
vordem Kapsel geht), und als Überzug der Ciliarfortsätze und der 
hintern Fläche der Iris bis zum Pupillarrande sich erstrecke. 

Die Eigentümlichkeiten der Macula lutea, der Stelle, mit welcher 
wir am schärfsten sehen, bestehen darin, dass daselbst keine Stäbchen, 
sondern nur Zapfen vorhanden sind, dass die Körnerschichte eine gelbe 
Färbimg zeigt und an einer punktförmigen Stelle fehlt, dass die Opti- 
cusfasern nur am Bande etwas hereinragen, und dass endlich auch die 
Zweigeheu der Art. centr. retinae schon am Rande so fein werden, 
dass in der Mitte dieser Stelle auch bei beträchtlicher Vergrößerung 
(20 — 25mal) nichts davon wahrgenommen werden kann. Die gelbe Farbe, 
welche sich gegen die Peripherie dieser Stelle allmälig verliert, tritt 
nicht unter der Form gefärbter Moleküle, sondern diffundirt auf, und 
wird erst einige Tage nach der Geburt vorgefunden. 

Die Gefässe der Netzhaut sind Äste der Centralarterie, welche mit 
der Centralvene in der Mitte des Sehnerven liegt, und an der Papilla 
n. opt. sich strahlenförmig ausbreitet, mit vorwaltend auf- und abwärts 
gerichteten Asten. Besser als durch Beschreibung lernt man den Ver- 
lauf, die Zahl und die Dicke dieser Äste im normalen Zustande durch 
Untersuchung mehrerer gesunder Augen mit dem Ophthalmoskop ken- 
nen. Wir wollen nur noch (nach Gerlach) hervorheben, dass sie sich 
bald in ausserordentlich feine Capillaren auflösen, welche denselben 
Durchmesser wie jene des Gehirnes haben, und hauptsächlich in der 
Faser- und Zellenschichte der Netzhaut, denen sie nach innen zu auf- 
liegen, sich ausbreiten. Die von diesen Capillaren gebildeten Maschen 
sind nicht sehr eng, länglich und abgerundet oder ganz unregelmässig 
gestaltet. An der Ora serrata befindet sich ein öfter unterbrochener 
venöser Bing (circulus venosus retinae), in welchen die vordem Capil- 
larien münden, und der mit der Centralvene in Verbindung steht. Am 
gelben Flecke fehlt, wie schon bemerkt, mit der Faserschichte auch 
das Capillarnetz, und man sieht hier an gut injicirten menschlichen 
Netzhäuten eine ovale wohlumschriebene Lücke des Capillarnetzes von 



28 Netzhaut. 

0,8'" Länge und 0,5'" Breite. — Die Centralarterie, ein Zweig der Ar- 
teria ophthalmica, welche an der äussern Seite des N. opticus durch 
das Foramen opticum in die orbita eintritt, dringt 5 — 6 Linien hinter 
dem Bulbus von der inneren Seite in den Sehnerven ein.*) 

Der ßehnerv geht als ein gegen T" dicker Cylinder vom Bulbus 
zum Foramen opticum, umschlossen von einer derben fibrösen Scheide, 
die man als Fortsetzung der harten Hirnhaut betrachten kann, und ist 
in der Orbita 13 — 14" ; lang, während der Abstand der Sclera vom Fo- 
ramen opticum nur gegen 12 ; " misst. Er verläuft demnach stark ge- 
schlängelt; die stärkste Krümmung bildet er (bei gerade nach vorn ge- 
stellter Pupille) in seiner vordem Hälfte nach aussen, i. e. mit aus- 
wärts gerichteter Convexität; minder stark ist die Krümmung nach 
unten. Umschlossen wird er knapp vor dem For. opticum von den 
Anfängen der 4 Muse, recti, dann aber von dem ungemein elastischen 
Fettpolster, welches den Raum zwischen den vorwärts divergirenden 
Muskeln und dem Bulbus erfüllt; in der vordem Hälfte umgeben ihn 
die hinteren Ciliararterien und die Ciliarnerven, welche auf oder nächst 
seiner Scheide in dem genannten Fettgewebe zum Bulbus vordringen. 
Das Ganglion ciliare liegt an seiner Schläfeseite 8 — 9'" hinter der 
Sclerä. Die Art. ophthalmica schlägt sich in seiner hintern Hälfte über 
ihn von der Schläfen- nach der Nasenseite gegen die Rolle des Muse, 
obliq. superior, wo sie sich in die Art. frontalis und dorsalis nasi spaltet. 

Die Schlängelung der Sehnerven ist zur freien Beweglichkeit des Bulbus um sei- 
nen fixen Blinkt (den Drehpunkt) unumgänglich nothwendig. Gerade gestreckt bis zur 
straffen Spannung wird der Sehnerv nur dann, wenn der Bulbus von der Mittelstel- 
lung bis zu den beiden möglichen Extremen seitwärts gerollt wird, nämlich auswärts: 
bis der Rand der Cornea an die äussere Lidcommisur reicht, und einwärts: bis der 
entgegengesetzte Punkt des Hornhautrandes sich hinter die halbmondföi-mige Falte zu 
schieben beginnt. Wird der Bulbus rasch in das eine oder das andere dieser Extreme ge- 
stellt, so nehmen wir (im Dunkeln) die Folge der plötzlichen Zerrung des Opticus 
eine runde lichtblitzende Scheibe im Sehfelde wahr. Bei möglichst starker Auf- 
oder Abwärtsrollung des Bulbus treten keine solchen Lichtringe auf, scheint demnach 
der Opticus nicht bis zur Zerrung gestreckt zu werden. Die Kenntniss dieses Sachver- 
haltes mindert unser Verwundern darüber, dass das Sehvermögen nicht aufgehoben zu, 
werden pflegt, wenn der Bulbus tim 2 — 3'" vorwärts aus seiner Lage verdrängt wird, 
sei es plötzlich durch Verletzungen, sei es allmälig durch retrobulbäre Geschwülste. Im 
Nordwesten von Steiermark soll es üblich sein, dass junge Leute einander die Augen 
herauszwängen , mittelst des Daumens , der am innern Augenwinkel eingesetzt wird. 
Man beabsichtigt bei dieser eigenthümlichen Art, an seinem Nebenbuhler Rache zu üben,, 
nur Entstellung und Schmerz, und bewirkt in der Regel auch nichts Anderes, indem 

*) Nach //. Müller's neuesten Untersuchungen ist die gefasslose Stelle der Macula lutea nicht so gross, 
als Gerlach sie angibt, und dürften die Netzhautgefässe überhaupt vorzüglich in der Zellenschicht 
verlaufen. 



Anatomie — Physiologie. 29 

nach erfolgter Reposition des vor die Lidspalte luxirten Bulbus das Sehvermögen all- 
niälig wiederkehrt. Bei successiver Hervortreibung der Bulbi durch Geschwülste scheint 
indess nicht blosse Streckung, sondern auch wirkliche Ausdehnung des Sehnerven ohne 
Aufhebung seiner Function stattzufinden, da man Bulbi 3—4'" weiter vorn stehend 
trifft, ohne dass das Sehvermögen ganz aufgehoben ist. — In wie hohem Grade das 
retrobulbäre Fettgewebe elastisch sein müsse, lässt sich erschliessen aus den grossen 
Exeursionen, welche das vordere Ende des Sehnerven machen muss, wenn wir das vordere 
Ende der Sehachse nach verschiedenen Richtungen stellen, wobei natürlich das hintere 
Ende der Sehachse nahezu gleiche Excursionen in entgegengesetzter Richtung machen 
muss. — Meine Angaben über das Orbitalstück des Sehnerven sind auf Durchschnitte 
festgefromer Köpfe in den letztverflossenen beiden Wintern basirt, und theils älteren, 
theils jugendliehen Individuen (worunter auch ein lOjähriger Knabe) entnommen. 

Im Foramen opticum ist jeder Sehnerv, 4 — 5'" lang, von der mit 
der Beinbaut daselbst fest verbundenen Scheide nur locker, innerhalb 
der Schädelhöble aber bloss von der Aveichen Hirnhaut umgeben, welche 
ihn iu seinem ganzen Verlaufe bis zum Bulbus eng umschliesst und mit 
Gelassen versieht. Schon im For. opt. ändern sie ihre Form, werden 
rundlich-platt (2'.2'" breit, l 1 /*"' hoch), und treten nach einem Verlaufe 
von 5 — 6'" convergirend über dem Türkensattel zum Chiasma nerv, op- 
ticorum zusammen, jenseits desselben aber etwas stärker divergirend 
rückwärts, um sofort als allmälig mehr platt und zuletzt auch schmäler 
werdende hellweisse Streifen {Tj^actus opticus) um die Hirnstiele herum 
bis zu den Kniehöckern und Vierhügeln zu gelangen. 

Das Chiasma, durch Berührung und theilweise Kreuzung der Seh- 
nerven gebildet, welche als vordere und hintere Schenkel desselben be- 
trachtet werden können, hat vier coneave Bänder und zwei schwach- 
convexe Oberflächen, misst von vorn nach hinten 'S — 4 J ", von einer 
Seite zur andern circa 6'", von oben nach unten 1 l li'", und ist über- 
all, wo es nicht mit der Hirnsubstanz zusammenhängt, von dt» Pia 
mater eng umschlossen. Die untere, durchaus freie Fläche wird durch 
die Dura mater von der Hypophysis geschieden. Die obere, nur in 
den vordem zwei Dritteln freie Fläche legt sich an die Substantia per- 
forata media. Von den Bändern liegt nur der hintere unmittelbar an 
Hirnsubstanz und verbindet sich mit dem Tuber cinereum, durch wel- 
ches, knapp hinter dem Chiasma, der Trichter von der 3. Hirnkammer 
zur Hypophysis hinabsteigt. Über dem dreieckigen Baum zwischen 
den vordem Schenkeln liegt die Subst. perforata anterior mit den An- 
fängen der Biechnerven. An den Seitenrändern, mitten in der Conca- 
vität ihrer Einbiegung, theilt sich die Carotis nach ihrem Austritte aus 
dem Sinus cavernosus: 1. in die Art. ophthalmica, welche unmittelbar 
an dem vordem Schenkel des Chiasma, und zwar mehr unterhalb als 
neben demselben vorwärts dringt; 2. in die Art. corporis callosi, welche 



30 Netzhaut. 

über die vordem Schenkel des Chiasma einwärts aufsteigt und sich 
durch den Raums communicans anterior vor und über dem Chiasma 
mit dem der andern Seite verbindet; 3. in die Art. fossae Sylvii, welche 
sich nach aussen und oben in diese Grube begibt, und 4. in die Art. 
communicans posterior, welche unter dem hintern Schenkel des Chiasma 
neben dem Trichter zur Art. basilaris verläuft. 

Über den Verlauf der Fasern des Sehnerven in und jenseits des 
Chiasma ist nur so viel gewiss, dass im Chiasma eine Kreuzung, jedoch 
nur theilweise, die innern Fasern betreffend, stattfindet, und dass sich 
jenseits der grössere Theil bis zu den Kniehöckern (corpora geniculata) 
und den Vierhügeln (emin. quadrigemina) verfolgen lässt, demnach eine 
Verbindung zwischen den Sehnerven und der Medulla oblongata be- 
steht. Nicht so sicher gestellt ist der Zusammenhang der Sehnerven 
mit den Sehhügeln (thalami) und mit den Grosshirnsstielen (pedunculi). 
— Nach Hannover lassen sich im Chiasma unterscheiden : I . Fasern, 
welche direct aus dem einen vordem Schenkel in den hintern dersel- 
ben Seite verlaufen (Fasciculus sin. et dexter); 2. Fasern, welche aus 
dem vordem Schenkel der einen Seite in den hintern der entgegenge- 
setzten übertreten (Commissura cruciata); 3. Fasern, welche von dem 
einen vordem Schenkel zu dem andern verlaufen, also gar nicht zum 
Gehirne jenseits des Chiasma gelangen (Commiss. arcuata anterior); 
4. Fasern, welche am hintern Eande des Chiasma aus einem hintern 
Schenkel in den andern umbiegen (Comm. arcuata post.); und 5. Fasern, 
welche von der Substantia perforata media ausgehend über die obere 
Fläche, den vordem Iiand und die untere Fläche zum Tuber cinereum 
verlaufen, und das Chiasma gleich einer Schleife umfassen (Comm. ansata). 

üie Netzhaut (das Auge überhaupt) steht in ihrer Vegetation und 
Function in innigem Kapport zum Nervus sympathicus und zum Raums I. 
seu ophthalmicus N. trigemini, welcher Kapport wenigstens einiger- 
massen durch anatomische Verhältnisse erklärt werden kann. Vom 
Halstheile (ganglion cervicale primum) des grossen sympathischen Ner- 
ven steigen zwei beträchtliche Aste mit der Art. carotis interna in die 
Schädelhöhle und bilden im Sinus cavernosus ein Geflecht, von welchem 
nicht nur zum N. oculomotorius, N. abducens und K. ophthalmicus tri- 
gemini, sondern auch direct zum Ganglion ciliare Zweige abgehen. 
Theils von diesem Geflechte, theils von den an der Arteria ophthalmica 
fortlaufenden Zweigchen treten nun Fäden zur Chorioidea, Iris, Cornea 
und (höchst wahrscheinlich auch) zur Ketina, und üben wesentlichen 
Einfluss auf die Circulation und den Stoffwechsel in diesen und den 
übrigen Gebilden. 



Physiologie. 3 1 

Auf mehrere physiologische und pathologische Thatsachen, die sich 
auf diesen anatomischen Sachverhalt zurückführen lassen, wurde bereits 
bei Besprechung der Krankheiten der Binde- und Hornhaut, besonders 
aber bei den anatomisch-physiologischen Bemerkungen über die Iris 
S. 29 — 34 im 2. Bande hingewiesen; hier, wo sich's um das Verständ- 
niss der Erscheinungen bei Krankheiten der Retina handelt, schien es 
nothwendig, wenigstens noch mit einigen Worten auf den Einfluss hin- 
zudeuten, welchen der Sympathicus und Trigeminus, indem sie der Er- 
nährung und allgemeinen Empfindung vorstehen, auf den speeifischen 
Sinnesnerven üben; die pathologischen Thatsachen, welche dem anato- 
mischen Befunde entsprechen, folgen, sofern sie nicht schon früher an- 
geführt wurden, weiter unten bei der Lehre von der Amaurose. 

Der Sehnerv vermittelt das Sehen, indem er die durch die Licht- 
welleu in der Netzhaut erregten Eindrücke oder Zustände zum Central- 
organe fortpflanzt. Alles, was die Leitungsfähigkeit des Sehnerven auf- 
hebt, Durchschneidung, Druck u. s. w., macht auch das Sehen unmöglich. 
— Das Licht wirkt auf den Sehnerven nur mittelst der Netzhaut; wo 
diese nun zerstört (gegen Licht unempfindlich) ist, kann kein Licht 
mehr empfunden werden ; das intensivste Licht auf den vorn abgestutz- 
ten oder blossgelegten Sehnerven geleitet, erregt das Sensorium com- 
mune ebenso wenig, als irgend einen andern Sinnes- oder Empfindungs- 
nerven. — Mechanische Reize und der elektrische Strom können mit- 
telst der Retina oder des Sehnerven im Centralorgane nur die Empfin- 
dung von Licht, niemals die von Schmerz, Wärme u. dergi. erregen. 
Wenn Kranke, denen ein Auge exstirpirt wird, im Momente der Durch- 
schneidung des Sehnerven vor Schmerzen aufschreien, so darf man bei 
Erklärung dieser Erscheinung nicht übersehen, dass in demselben Mo- 
mente auch die Ciliarnerven durchschnitten werden müssen, und wenn 
dagegen in einem Falle die der Theorie zufolge erwarteten Lichter- 
scheinungen nicht wahrgenommen wurden, so muss man bedenken, 
dass möglicherweise der Kranke ob der heftigen Schmerzen und des 
psychischen Zustandes gar nicht zu einer solchen Wahrnehmung geeig- 
net, oder aber, wie in solchen Fällen wohl häufig, der vordere Theil 
des Sehnerven bereits leitungsunfähig sein konnte. — In Bezug auf die 
Reizung durch Galvanismus ist noch zu bemerken, dass Erregung der 
Netzhaut und des Sehnerven (zur Lichtempfindung) auch in distans 
eintreten kann, durch Überspringen des zu kräftigen Stromes, z. B. 
wenn der eine Pol an das obere Lid oder (bei stärkerem Strome) an 
die Schläfe, der andere an die Wange oder Zunge angelegt wird. 

Die zum Sensorinm commune fortgepflanzte Erregung des Sehner- 



32 Netzhaut. 

ven, gleichviel von wo sie ausgeht, wird Gegenstand des Bewusstseins, 
der Beziehung auf das Ich, sobald sie nicht zu schwach ist, und sobald 
die Aufmerksamkeit nicht davon abgezogen wird (durch den Willen, 
durch anderweite starke Erregung), vorausgesetzt, dass die Centralor- 
gane perceptionsfähig sind. Diese Beschaffenheit der Centralorgane 
ist demnach für das Sehen eine Conditio sine qua non. Die Erregung 
ist nahezu gleich, ob sie nun von beiden oder nur von einem Auge 
ausgeht, und wir erkennen es aus der Empfindung als solcher nicht, 
ob wir mit einem oder mit beiden Augen sehen, wenn die Erregung 
nicht sehr ungleichartig ist (wovon später). Es steht aber diese Erre- 
gung der Centralorgane in einem merkwürdigen Verhältnisse nicht bloss 
zum Bewusstsein, sondern überdiess noch zu andern Thätigkeiten, welche 
mehr weniger unabhängig vom Bewusstsein und Willen, gleichsam au- 
tomatisch (reflectirt) erfolgen. Solche Keflexwirkungen geben sich zu- 
nächst am auffallendsten in der Iris kund. (Vergl. Bd. IL S. 30.) Hie- 
her gehört auch mehr weniger die Thätigkeit der Muskeln, welche vom 
N. oculomotorius, trochlearis, abducens und facialis (musc. orbicularis) 
versorgt werden. Die Netzhaut, durch den N. opticus mit den Cen- 
tralorganen verbunden, kann mit einem gewissen Rechte als Regulator 
der zweckmässigen Thätigkeit jener Muskeln bezeichnet werden, welche 
dem Sehorgane zur Verfügung gestellt sind, und tlieils in, theils ausser 
dem Bulbus liegen. Figürlich kann man sagen: die Netzhaut stellt 
und gestaltet sich den Bulbus so zweckmässig, als es die obwaltenden 
Umstände nur irgend zulassen. Mechanische Hindernisse, die sich ihrer 
Function entgegenstellen, z. B. partielle Trübungen der Linse oder 
Hornhaut, werden auf diese Weise oft gegen alle Gewohnheit und un- 
willkürlich die entferntere Ursache von einfachen oder combinirten Mus- 
kelactionen, welche sich ohne solche Hindernisse schwer oder gar nicht 
zu Stande bringen lassen. (Vergleiche Krankheiten der Muskeln.) Diese 
Thätigkeit der Centralorgane, augeregt durch Lichteinfluss auf die Netz- 
haut, ist offenbar schon in den ersten Lebenstagen vorhanden, während 
die des Bewusstwerdens viel später zu Stande kommt. Dass übrigens 
solche Reflexthätigkeiten auch unabhängig vom Sehnerven hervorge- 
rufen werden können, und zwar direct vom Centralorgane oder angeregt 
durch andere Nerven (z. B. N. acusticus), sei nur um Missverständnis- 
sen vorzubeugen ausdrücklich erwähnt. 

Wo die Bedingungen zur Leitung und Aufnahme im Centralorgane 
vorhanden sind, können Erregungen der Netzhaut wahrgenommen wer- 
den. Die gewöhnliche, natürliche, adäquate Erregung der Netzhaut er- 
folgt durch das Licht, welches selbstleuchtende oder lichtreflectirende 



Physiologie. 33 

Körper zur Netzhaut senden. Die Netzhaut antwortet aber auch auf 
Reizung durch Elektricität , Druck , Zerrung u. dergl. , und zwar mit 
Lichterscheinungen. Die zum Bewusstsein gelangenden Erregungen der 
Netzhaut und des Sehnerven, welche gar nicht oder doch nicht unmit- 
telbar durch Licht bedingt werden, nennt man subjective Lichtempfin- 
dungen. Hiezu gehören gewissermassen auch die Empfindungen, welche 
nach intensiver Erregung der Netzhaut durch Licht mehr weniger lange 
zurückbleiben (Nachbilder), während das sogenannte Sehen nicht vor- 
handener Objecte, welches bei excessiver Erregung der Centralorgane 
vorkommt i Visio phantasmutum, Hallucinaliones), gleich den Traumbildern 
in das Bereich der psychischen Thätigkeit gehört. — Die zum Sensorium 
commune fortgepflanzte Erregung der Netzhaut durch Licht, wie z. B. 
bei geschlossenen Augenlidern, bei completer Linsenverdunkelung, ist 
im Allgemeinen Lichtempfindung; zum Sehe?i wird sie erst dann, wenn 
sie auch der Form nach auf das lichtsendende (oder hemmende) Ob- 
ject bezogen werden kann. Diess ist nicht möglich, ohne ein Bild des 
lichtsendenden Objectes (oder eines Schattens) auf der Netzhaut, wie in 
einer Camera obscura auf dem Schirme. Zum Sehen gehört demnach 
nebst Integrität der bisher besprochenen Nervenelemente noch ein diop- 
trischer, jenes Bild vermittelnder Apparat. Die Netzhaut wird zum 
Sehen nicht direct durch das lichtsendende Object erregt, sondern mit- 
telbar durch dessen Bild. Was für den Tastsinn das Object selbst, das 
ist für das Auge (beim Sehen im eigentlichen Sinne des Wortes) das 
Bild des Objectes. — Objecte, welche ganz nahe an oder in dem Auge 
selbst liegen, können nicht gesehen, wohl aber unter Umständen (wo- 
von später) dadurch wahrgenommen werden, dass sie Schatten auf die 
Netzhaut werfen. Hieher gehören die sogenannten entoptischen Erschei- 
nungen, von denen weiter unten die Eede sein wird. Die gewöhnlichsten 
sind die unter dem Namen der fliegenden Mücken bekannten beweg- 
lichen Punkte, Fäden, Schnüre u. dgl., welche der davon Gequälte vor 
seinen Augen zu sehen vermeint. 

T7m sich von dem Zustandekommen und Verhalten des Bildes auf der Netzhaut zu 
überzeugen und zu belehren, nehme man vor Allem ein Menschen- oder Kaninchen- 
auge, dessen Medien noch gehörig durchsichtig sind, lege es mit horizontaler Sehachse 
auf einen Augenbecher, so dass seine Form möglichst unverändert bleibt, entferne durch 
vorsichtige Excision ein etvra 2 Quadratlinien grosses Stück Sclera am hintern Pole, 
und, falls man scharf beobachten will, eben so viel Chorioidea, und richte nun die 
freie Cornea einem Fenster gegenüber, vor welchem sich mit Ausnahme eines oder 
des andern grössern Gegenstandes, etwa eines Thurmes, das Firmament frei darstellt. 
Man sieht nun (die übrigen Fenster verdeckt) zunächst auf der blossgelegten durch- 
scheinenden Netzhaut das Fenster scharf abgebildet, falls dessen Entfernung vom Auge 
Arlt Augenheilkunde. III. 3 



34 Netzhaut. 

eine entsprechende ist, während der entferntere Gegenstand (Tharm), der gleichzeitig 
ahgehildet erscheint, minder scharfe Contouren zeigt. Das Bild der Fensterrahmen er- 
scheint gleich dem einer andern einfachen Camera obscura dem Beschauenden relativ 
zum Objecte verkehrt und verkleinert. — An dem Auge eines etwa 12jährigen Knaben, 
dessen Achse 10,8"', Cornealdicke 0,5'", Augenkammer 1,2'", Linsenachse 1,7"' und 
Glaskörperachse 6,8'" betrug, zeigte das Bild eines 42" breiten Fensters bei 120" Ent- 
fernung des Bulbus vom Fenster eine Breite von 2,1'", bei 204" Entfernung eine Breite 
von 1,6'", bei 288" Entfernung eine Breite von 1,1'". Ich schreibe diesen Massen keine 
mathematische Schärfe zu, da mir die zu solchen Messungen und Beobachtungen erfor- 
derlichen Apparate nicht zu Gebote stehen; es Hessen sich aber auf diesem Wege, wenn 
man das eine Auge zur Messung der Durchmesser und Krümmungsradien, das andere 
zur Messung der Netzhautbilder bei verschiedener Objectdistanz benützte, vielleicht 
brauchbare Resultate für die Lehre vom Sehen gewinnen. 

Der Eindruck des Lichtes auf die Netzhaut wird durch die Schwin- 
gungen eines elastischen Mediums (Äthers) erregt , deren Anzahl die 
Farbe bestimmt, von deren Weite die Helligkeit abhängt, und deren 
lineare, kreisförmige oder elliptische Gestalt ihre Polarisation hervor- 
bringt. So wie das Ohr sich der Schwingungen der regelmässig erschüt- 
terten Luft bewusst wird als eines Tones von bestinimter Höhe, so 
sage ich blau, wenn meine Netzhaut eine bestimmte Zahl Schwingun- 
gen vollfuhrt, roth bei einer andern Zahl.*) Nach Wheatstone's Ver- 
suchen vermag unser Auge Gegenstände noch deutlich zu sehen, wenn 
sie auch eine kürzere Zeit als den millionsten Theil einer Secunde be- 
leuchtet werden. Zwischen dem sinnlichen Eindrucke und dem Bewusst- 
w T erden desselben verfliesst aber eine gewisse Zeit. Ein Eindruck auf 
das Auge dauert aber noch einige Zeit fort, wenn die erregende Ur- 
sache bereits zu wirken aufgehört hat. Eine rasche periodische Wieder- 
kehr gleichartiger Eindrücke nimmt das Auge als eine ununterbrochene 
Erscheinung wahr. Wenn wir einen leuchtenden Gegenstand (eine glü- 
hende Kohle im Kreise herumgeschwungen) in einer Secunde mindestens 
l i \ivndX an derselben Stelle sehen, so sehen wir ihn ununterbrochen an 
derselben. Der andauernde Lichteindruck bei sich schliessendem Auge 
ist das Nach- oder Abklingen der Schwingungen, in welche die Ner- 
venelemente durch die Atherschwingungen versetzt wurden; es ist 
die allmälige Wiederkehr zur Ruhe, deren wir uns als Dunkel bewusst 
werden. **) 



*) Dove, Darstellung der Farbenlehre. Berlin, 1853. 
**) Wird der Raum zwischen Erde und Sonne (20,686,329 geographische Meilen) in 493,2 Secunden vom 
Lichte durchlaufen, so ist der in einer Secunde zurückgelegte Weg 41935 geographische Meilen. Die 
Anzahl der Schwingungen, in welche die Netzhaut innerhalb einer Secunde versetzt wird, um die 
Farbe zum Bewusstsein zu bringen, welche im Spectrum (Frauenhofer) durch die Buchstaben B, C, 
D, E, F, G, H bezeichnet wird, ist demnach folgende: 



Physiologie. 35 

Die Hornhaut bildet mit dem Kammerwasser und dem Krystall- 
körper eine biconvexe Linse, vorn von Luft, hinten von Glasflüssigkeit 
begrenzt. Die Achse dieser Linse fallt mit der geraden Linie zusammen, 
welche den vordem mit dem hintern Pole des Auges verbindet, und die 
Sehachse genannt wird. Die Brennweite derselben (Vereinigungsweite 
für parallele Strahlen) ist gleich dem Abstände des hintern Linsenpoles 
von der Macula lutea, welche demnach in der hintern Brennpunktsebene 
liegt. Strahlen, welche von der Netzhaut aus parallel durch den Glas- 
körper vorwärts gingen, würden sich in einem Punkte vereinigen, 
welcher um den halben Durchmesser des Bulbus in der Sehachse, etwa 
5 1 - /y/ vor dem Centrum der Cornealvorderfläche, mithin in der vordem 
Brennpunktsebene liegen würde. Bei einer durchaus homogenen und 
von gleich gewölbten Flächen begrenzten Linse (gewöhnliche biconvexe 
Glaslinse) ist es der Mittelpunkt ihrer Achse, durch welchen man von 
irgend einem Objectpunkte eine gerade Linie zu ziehen hat, um die 
Richtung zu finden, in welcher jenseits der Linse alle von jenem Punkte 
aus durch die Linse gegangenen Strahlen sich vereinigen müssen. Bei 
der aus verschiedenen Medien zusammengesetzten Sammellinse unseres 
Auges liegt dieser Punkt nicht, wie man früher meinte, in der Mitte, 
etwa gerade in der Pupille, sondern nahe am hintern Pole der Kiystall- 
linse. mithin durchschnittlich zwischen 3 — 3 x i%' u hinter dem Centrum 
der Cornealvorderfläche. Dieser Punkt, von Volkmann Kreuzungspunkt 
der Pdchtungslinien genannt, jedoch als 3,97'" hinter der Cornealvorder- 
fläche liegend angegeben, ist ohngefähr dasselbe, was Listing den mitt- 
lem Knotenpunkt genannt hat. 

Zum deutlichen Sehen sind bis zu einem gewissen Grade scharf 
begrenzte und lichte Bilder auf der Netzhaut nothwendig. Jedes leuch- 
tende oder lichtreflectirende Object kann als eine Summe leuchtender 
Punkte betrachtet werden. Von jedem solchen Punkte gelangt ein Büschel 
Strahlen zum Auge in Form eines Kegels, dessen Spitze jener Punkt, 
dessen Basis die Cornea ist. Ein Theil dieser Strahlen wird unregel- 
mässig- zurückgeworfen (zerstreut), und macht die Cornea sichtbar; ein 
anderer wird regelmässig reflectirt (gespiegelt), und gibt die bekannten 

bei B. nahe dem rothen Ende. 452,000000,000000 

„ C. im Roth 474,000000,000000 

„ D. ,, Orange .... 528,000000,000000 

„ E. „ Grün 591,000000,000000 

„ F. „ Blau 64 [,000000,000000 

„ G. „ Indigo .... 724,000000,000000 

„ H. ., Violett .... 7S5,000000,000000 
Der tiefste Ton entsteht durch 32, der höchste noch wahrnehmbare Ton durch 73000 Schwingungen, 
also durch 36500 Ein- und eben so viele Ausbiegungen des Trommelfelles {Dave). 

3* 



36 Netzhaut. 

Spiegel- oder Reflexbilder der Hornhaut, von den durchgelassenen tra- 
gen nur so viele zur Bildung des Netzhautbildes bei , als nicht durch 
die Iris abgehalten und von der vordem und hintern Kapsel auf gleiche 
Weise wie von der Cornea reflectirt werden. Die durchgelassenen con- 
vergiren nach ihrem Eintritte in den Glaskörper, wenn der leuchtende 
Punkt nicht zu nahe am Auge liegt, kegelförmig nach einem Punkte, 
dessen Lage sich durch Ziehung der Richtungslinie (vom leuchtenden 
Punkte durch den Kreuzungspunkt) bestimmen lässt; sie bilden einen 
Kegel, dessen Spitze auf die Netzhaut fällt, wenn, wie beim deutlichen 
Sehen immer, der Refractionszustand des Auges der Entfernung des 
leuchtenden Punktes angemessen ist. Dieser Punkt an der Spitze des 
innern Kegels ist das Bild des Punktes an der Spitze des äussern, und 
somit kann das ganze Netzhautbild eines Objectes als aus so vielen 
Punkten zusammengesetzt gedacht werden, als das ihm entsprechende 
Object lichtsendende Punkte enthält. Je schärfer die einem jeden Ob- 
jectpunkte zugehörenden Strahlen auf einen entsprechenden Punkt der 
Netzhaut concentrirt werden, desto genauer ist die in Rede stehende 
Bedingung des Deutlichsehens erfüllt, dass nicht mehrere verschiedene 
Punkte des Objectes ihr Licht auf eine und dieselbe Stelle der Netz- 
haut werfen. — Entspricht der Refractionszustand nicht der Entfernung 
des leuchtenden Punktes, so fällt der Vereinigungspunkt vor die Netz- 
haut, falls der leuchtende Punkt relativ zu weit entfernt, hinter die 
Netzhaut, falls derselbe relativ zu nahe am Auge liegt. In dem erstem 
Falle wird die Netzhaut erst von den bereits wieder auseinander fah- 
renden, in dem letzteren von den noch nicht völlig vereinigten Strahlen, 
mithin von einem Lichtkreise (Kegelschnitte) statt von einem Lichtpunkte 
getroffen, und es greifen die Lichtstrahlen des einen Kegels in das Be- 
reich des andern über, es ist nicht jeder Objectpunkt gesondert und 
begrenzt auf der Netzhaut abgebildet. Bis zu welchem Grade eine 
solche Abgrenzung gefordert werde, bis zu welchem Grade und durch 
welche Mittel die Bildung von Zerstreuungskreisen wegen nicht ent- 
sprechender Objectsdistans verhütet werden könne, soll später noch be- 
sprochen werden. — Von dem Lichtkegel, welchen irgend ein leuch- 
tender Punkt ins Auge sendet, werden nur jene Strahlen, die in geringer 
Entfernung (Elongation) von dem in der Achse des Kegels verlaufenden 
(Achsenstrahle) auf die Cornea fallen, in einem und demselben Punkte 
jenseits vereinigt; die weiter entfernt auffallenden (Randstrahlen) wer- 
den stärker gebrochen, also früher dem Achsenstrahle des innern Licht- 
kegels zugelenkt, und fahren demnach bereits wieder auseinander, 
wenn die Centralstrahlen eben erst zusammentreten; sie bilden, wenn 



Physiologie. 37 

die Netzhaut in der Vereinigungs weite der Centralstrahlen liegt, auf 
dieser einen Zerstreuungskreis, bedingt durch die sogenannte sphärische 
Aberration. Dieser Beeinträchtigung der Schärfe des Bildes ist gröss- 
tentheils durch die Iris und die dem Bedürfnisse entsprechende Ver- 
engerung und Erweiterung der Pupille abgeholfen. Sie würde beson- 
ders beim Betrachten naher Objecte störend einwirken. — Die Zer- 
streuung, welche das Licht jedes einzelnen Strahles vermöge seiner 
Zerlegbarkeit in verschieden brechbare {farbige) Strahlen beim Durch- 
gange durch die brechenden Medien des Auges so gut wie beim Durch- 
gänge durch ein Prisma erleidet, macht sich beim Sehen nur dann 
geltend, wenn die Vereinigung sämmtlicher Strahlen eines Kegels wegen 
mangelhafter Anpassung für die Objectdistanz, wegen sphärischer Aber- 
ration oder wegen Abhaltung eines Theiles der Strahlen mehr weniger 
verhindert wird. (Schiebt man während der Fixirung eines horizontalen 
Fensterstabes ein Kartenblatt knapp am Auge vor die obere Hälfte der 
Pupille, so erscheint am untern Bande des Stabes ein rothgelber Far- 
bensaum, am obern ein blauer; hat man dagegen den untern Theil 
der Pupille verdeckt, so treten dieselben Farben in umgekehrter Ord- 
nung auf, gleichviel ob man dem Fenster nahe oder fern steht, wenn 
nur hinter demselben weisse Wolken sind. Tourtual.) Da die blauen 
Strahlen des Spectrums stärker gebrochen werden, als die gelben, und 
diese stärker als die rothen, so gelangen die blauen Strahlen immer 
etwas früher zur Vereinigung, als die rothen; indem aber die diametral 
entgegengesetzten Strahlen des innern Lichtkegels in oder nächst der 
Spitze desselben zusammentreten, compensiren sie sich ohngefähr in 
der Mitte zwischen der Vereinigungsweite der blauen und rothen Strah- 
len. (Diese Compensation wird in Tourtuals Versuche verhindert.) 

Die zum Deutlichsehen erforderliche Helligkeit {scheinbarer Glanz) 
des Netshautbildes wird durch die Menge der Lichtstrahlen bedingt, 
welche an der Spitze eines jeden innern Lichtkegels die Netzhaut tref- 
fen. Die Menge der Lichtstrahlen des innern Lichtkegels hängt zu- 
nächst nicht bloss von der Menge ab , welche der leuchtende Punkt 
ausstrahlt oder reflectirt, sondern auch von der Entfernung dieses letz- 
tern. Je länger der äussere Lichtkegel, also je weiter entfernt das Ob- 
ject, desto geringer die Zahl der Strahlen, welche von ihm auf die Cor- 
nea fallen. Es verhalten sich die Summen der auf die Cornea fallenden 
Strahlen ceteris paribus umgekehrt wie die Quadrate der Entfernungen 
des leuchtenden Punktes. Je mehr seitlich von der Sehachse der leuch- 
tende Punkt liegt, desto kleiner wird auch bei gleich gross bleibender 
Öffnung der Pupille die Summe der Lichtstrahlen sein, welche zur 



38 Netzhaut. 

Bildung des innern Lichtkegels concurrireu können; denn Strahlen, die 
unter einem grössern Einfallswinkel als 48 Grad auf die Cornea treffen, 
werden reflectirt, und je schräger die Irisebene zum Achsenstrahle des 
leuchtenden Punktes gestellt ist, desto weniger Nebenstrahlen desselben 
Kegels können durch die Pupille eindringen. Je vollständiger durch- 
sichtig endlich die Medien, welche das Licht vom leuchtenden Punkte 
bis zur Netzhaut zu durchdringen hat, desto vollständiger die Beleuch- 
tung dieser letztern. Trübung der Medien bewirkt Uberdiess auch Ab- 
lenkung (Zerstreuung) der durchgelassenen Strahlen. (Undeutlichsehen 
wegen unzureichender Beleuchtung.) 

Die Thatsache, dass ■wir unter Umständen, wo ganz gewiss Zerstreuungskreise vor- 
handen sind, noch mehr weniger deutlich sehen, wie namentlich hei der Betrachtung 
entfernterer Objecte, lässt sich kaum anders erklären, als dass wegen der überwiegenden 
Beleuchtung in der Mitte jedes Zerstreuungskreises die relativ schwächere Erregung 
der Umgebung nicht wahrgenommen wird. Wird ein Gegenstand, z. B. ein Buchstabe, 
so nahe vor das Auge gehalten, dass er undeutlich und farbig eingesäumt erscheint, weil 
die zu stark divergirend auffallenden Strahlen erst hinter der Netzhaut zur Vereinigung 
gelangen können, so kann man bewirken, dass er in derselben Entfernung augenblicklich 
rein und scharf begrenzt erscheint, wenn man ihn durch die enge Öffnung eines Karten- 
blattes betrachtet, offenbar weil die Zerstreuungskreise dadurch auf das erforderliche 
Minimum reducirt werden, indem durch die nahe vor der Cornea befindliche enge Öffnung 
die Basis des eindringenden Lichtkegels, mithin auch sein Durchschnitt auf der Netzhaut 
entsprechend kleiner geworden ist. (Ludivig.) 

Die Fehlheit (Schärfe) des Gesichtes, analog der Feinheit der übri- 
gen Sinne, schätzest wir nach der Fähigkeil, winzige Objecte zu er- 
kennen und zwei ganz nahe neben einander befindliche leuchtende Punkte 
als zwei zu unterscheiden , sobald die eben besprochenen Bedingungen 
des Deutlichsehens vorhanden sind. Diess führt uns zur Betrachtung 
der Grösse der Netzhautbilder und der Energie der Netzhaut selbst. 
So wie ein feines Gehör ein Geräusch noch wahrnimmt, das von einem 
stumpfen auch trotz aller Aufmerksamkeit und Anstrengung nicht mehr 
vernommen wird, und so wie ein feiues Getast zwei nahe aneinander 
befindliche Spitzen noch als zwei (getrennt) empfindet, welche dem 
stumpfen (groben) Gefühle nur eine einzige zu sein scheinen, zeigt sich 
auch die Netzhaut in ihrer Fähigkeit, Eindrücke aufzunehmen und zu 
unterscheiden, bald fein, bald stumpf, in unendlichen Abstufungen. 
Diese Verschiedenheit ist theils in der primären Anlage der Netzhaut 
gegeben, theils von der Übung namentlich in den ersten Lebensjahren 
abhängig, ausserdem aber Folge (Symptom) mannigfacher Erkrankung. 
Sehen wir vorläufig noch von der Verschiedenheit der Energie der 
Netzhaut in den einzelnen Kegionen derselben ab, und betrachten bloss 
die Wahrnehmung von Bildern, welche auf die empfindlichste Stelle, 



Physiologie. 39 

die Macula lutea fallen, so sind folgende Sätze zu notiren : a) Die Grösse 
des Bildes auf der Netzhaut kann um so kleiner sein, je grössere Licht- 
stärke es besitzt, b) Bei gleicher Lichtstärke kann, um noch gesehen 
zu werden, ein weisses Bild kleiner sein, als ein gelbes, dieses kleiner 
als ein rothes und dieses kleiner als ein blaues {Plateau), c) Wenn 
das Bild nach der einen Dimension zunimmt, darf es unbeschadet seiner 
Deutlichkeit nach der andern Dimension abnehmen, so dass ein linien- 
förmiger Körper noch sichtbar ist, während ein punktförmiger von 
gleicher Breite schon verschwindet. Eine kurze Linie, welche in verti- 
caler Richtung als Punkt erscheint, kann in horizontaler noch als Linie 
wahrgenommen werden. Diess hängt, wie Fick nachgewiesen hat, da- 
von ab, dass die durchsichtigen Medien in verticaler Richtung nach 
einem kürzern Radius gekrümmt sind, als in horizontaler. Wenn die 
Energie der Netzhaut geringer oder gesunken ist, wird dieselbe Druck- 
schrift noch gelesen, sobald die Buchstaben etwas weiter von einander 
abstehen; von zwei Druckschriften, deren Lettern gleiche Höhe haben, 
strengt diejenige mehr an, deren Lettern weniger fett und mehr com- 
press sind, d) Ein winziger Gegenstand, der nicht wahrgenommen 
werden kann, wenn er ruhig ist, kann wahrgenommen werden, wenn 
sein Bild mit einer gewissen Geschwindigkeit nach einander auf ver- 
schiedene Netzhautstellen gebracht wird, e) Der Contrast in der Farbe 
und Beleuchtung, den ein Körper zu seiner Umgebung bildet, macht 
einen winzigen Körper sichtbar, der ausserdem unsichtbar ist. Ein 
dunkler Punkt, der auf dunklem Hintergründe unsichtbar ist, wird sicht- 
bar auf lichtem Hintergrunde und umgekehrt. Auf diese Weise (d und e) 
werden uns die sogenannten Sonnenstäubchen bemerkbar, wenn Sonnen- 
strahlen in ein nicht zu lichtes Zimmer fallen. 

Die Feinheit des Gesichtes geht , aber nicht bis über eine gewisse 
Grenze hinaus; sie ist durch die Energie der Netzhaut als solche be- 
schränkt; nur bei einer gewissen Grösse des einem Objecte entsprechen- 
den Netzhautbildes kann dasselbe wahrgenommen, und nur bei einer 
gewissen Distanz der Bildpunkte auf der Netzhaut, welche zwei leuch- 
tenden Objectpunkten entsprechen, können jene in der Empfindung als 
distinet auftreten. Wenn auch nicht genau, so doch annähernd lässt 
sich angeben, wie weit zwei Bildpunkte auf der Netzhaut abstehen müs- 
sen, um noch als zwei wahrgenommen zu werden. Zur Bestimmung der 
Distanz zweier Bildpunkte auf der Netzhaut dient der Sehwinkel. Diesen 
erhält man, wenn man von den zwei leuchtenden Endpunkten des Ob- 
jeetes gerade Linien zum Centrum der Cornealvorderfläche zieht, ge- 
nauer jedoch, wenn man dieselben durch den Kreuzungspunkt der 



40 



Netzhaut. 



KichtiiDgslinien gezogen denkt , welche dann eben jene geraden Linien 
selbst sind. 




Sind a und c (in beistehender Figur nach Volkmann) die Endpunkte 
der Dimension des Objectes, für welche die entsprechende Grösse des 
Netzhautbildes zu suchen ist, so wird, falls ihre Verbindungslinie ac 
senkrecht (normal) auf der Sehachse on steht, und x der Kreuzungs- 
punkt der Eichtungslinien ist, der Abstand zwischen b und d die ge- 
suchte Dimension des Netzhautbildes sein. Denn wird, was ohne erheb- 
lichen Fehler geschehen kann, bd als gerade Linie normal auf der Sehachse 
stehend angenommen, so sind die Dreiecke axc und dxb sich ähnlich, 

und es verhält sich ac : db=mx: ox, mithin db = = '- 

mx xn -f- nm 

Nimmt man nach Volkmann ox = 6,23"' und nx = 3,97'" an, so ist 
bloss nm und ac durch Messung zu bestimmen. Wenn jedoch , woran 
kaum zu zweifeln, da auch Moser 's Berechnungen dafür sprechen, der 
Kreuzungspunkt der Richtungslinien (der mittlere Knotenpunkt) noch 
nahezu i ji Linie vor dem hintern Pole der Linse liegt, so muss bei einem 
Auge von 10'" innerem Durchmesser (von der Macula lutea bis zum Centrum 
der Descemetschen Haut) ox auf mindestens 6,5"', dagegen nx höchstens 
auf 3,5'" angeschlagen werden, wodurch die Dimension des Netzhaut- 
bildes merklich grösser ausfällt. — Liegt ein Gegenstand dem Auge 
näher, so wird er (wie in obiger Figur z. B. ef) trotz bedeutend ge- 
ringerer Grösse dennoch ein gleich grosses Bild entwerfen, sobald 
Grösse und Entfernung in einem bestimmten Verhältnisse zu einander 
stehen. Bei einer Entfernung von 10 Zoll ist das Netzhautbild gegen 
16mal kleiner, als das Object {Volkmann), demnach bei einer Object- 
distanz von 5 Zoll vor der Hornhaut ohngefähr Smal kleiner (linear)- 
Ein kleiner naher Gegenstand kann demnach einen entfernten grössern 
vollständig decken (unsichtbar machen), wenn der Sehwinkel für den 
einen und den andern derselbe ist. Man sagt, zwei Gegenstände haben 
dieselbe scheinbare Grösse, wenn sie unter gleich grossem Sehwinkel 
erscheinen, wenn ihre Bilder einen gleich grossen Raum auf der Netz- 
haut einnehmen. Ist uns die objective (durch Masse, Linien, Zolle etc.) 



Physiologie. 41 

bestimmbare Grösse eines Gegenstandes bekannt, dann schliessen wir 
ans der Abnahme der scheinbaren Grösse auf die Entfernung. Die 
scheinbare Grösse eines Gegenstandes wird aber auch kleiner, wenn 
derselbe bei gleicher Entfernung des von der verlängerten Sehachse ge- 
troffenen Punktes desselben aus der normalen in eine schiefe Stellung 
zur Sehachse gebracht wird (wie in obiger Figur gh, welches eben so 
laug ist, als ac). Die wahre oder objective Grösse eines Gegenstandes 
schätzen wir daher nach der scheinbaren, i. e. nach der Grösse des 
Netzhautbildes oder der Summe der getroffenen Netzhautelemente und 
nach der anderweitig ermittelten Entfernung. Werden wir über die Ent- 
fernung getäuscht, oder fehlen uns alle Anhaltspunkte zur Ermittelung 
derselben, so ist auch unser Urtheil über die objective Grösse sehr 
subjectiv. Die Lage des Kreuzungspunktes der Richtungslinien ist keine 
unveränderliche, wenigstens nicht relativ zur Netzhaut. Beim Betrach- 
ten naher Objecte rückt, wie wir nachweisen werden, die Macula lutea 
weiter rückwärts, wird demnach in obiger Figur ox grösser. Dieser 
Veränderung werden wir uns aber durch das Gefühl der zu dieser Ac- 
commodation nöthigen Muskelanstrengung bewusst. Halten wir dagegen 
eine massig starke Convexlinse vor das Auge, so fällt der Kreuzungs- 
punkt der Richtungslinien im Auge weiter vorwärts, die oben mit ox 
bezeichnete Grösse wächst, mithin auch die mit bd bezeichnete Aus- 
dehnung des Netzhautbildes, der Gegenstand erscheint grösser, und die 
Correctur durch das Muskelgefühl fehlt. Eine Concavbrille bewirkt das 
Gegentheil, sobald ihre (negative) Brennweite nicht so stark ist, dass 
sie die einem Lichtkegel angehörenden Strahlen zu weit hinter der 
Netzhaut vereinigt und zu grosse Zerstreuungskreise bewirkt. Bei Kurz- 
sichtigen ist ox immer grösser, als im normalen Auge, weil, wie wir 
unten nachweisen werden, das Centrum der Netzhaut überhaupt weiter 
hinter der Cornea und Linse liegt ; ist dabei die Empfindlichkeit der 
Netzhaut und die Durchsichtigkeit der Medien ungestört (reine Kurz- 
sichtigkeitj, so ist auch bd immer grösser, als in normalen Augen, und 
werden zwei Punkte, die für ein normales Auge zu nahe an einander 
liegen, als dass sie noch durch gesonderte Bilder vertreten werden 
könnten, im kurzsichtigen Auge noch getrennt abgebildet und empfun- 
den, wenn nur die Netzhaut in oder doch nahe an dem Vereinigungs- 
punkte der Strahlen des betreffenden Lichtkegels liegt. In diesem Sinne 
hat das kurzsichtige Auge (für hinreichend nahe Objectej ein feineres 
oder, wie man gewöhnlich sagt, ein schärferes Gesicht. 

Der kleinste Sehwinkel, unter welchem weisse Punkte auf schwarzem Grunde noch 
sichtbar waren, betrug nach Huek 2,6 Secunden, für weisse Striche nur 1,2 Secunden. 



42 Netzhaut. 

Einen Spinnenfaden erkannte Huek sogar unter einem "Winkel von 0,6", einen glänzenden 
Draht unter 0,2". Volkmann spannte zwei Spinngewebfäden in paralleler Eichtung und 
in einer Distanz von 0,0052 Zoll neben einander auf, und fand, dass er (als Kurz- 
sichtiger) dieselben bis auf 7 Zoll ^Entfernung als zwei erkannte, aber nicht weiter. 
Er berechnete die Distanz der Netzhautbildchen für diesen Fall auf 0,00037" oder 0,00244"'. 
Zwei schwarze parallele, 0,016" von einander abstehende Linien auf weissem Grunde 
erkennt Volkmann mit Hilfe der Brille auf 27" Entfernung. In diesem Falle ist die 
Distanz der Netzhautbildchen 0,00029". Demnach war der Diameter der kleinsten wahr- 
nehmbaren Distanz für sein Auge gegen lOmal grösser, als der Diameter des kleinsten 
noch wahrnehmbaren Netzhautbildchens. — Fragt man, ob das Unterscheiden zweier 
Gesichtseindrücke darauf beruhe, dass zwei verschiedene Netzhautelemente getroffen wer- 
den, oder ob auch, wie Volkmann anzunehmen geneigt ist, zwei Netzhautbilder, auf das. 
selbe Netzhautelement fallend, noch als different unterschieden werden können, so müssen 
wir die Antwort schuldig bleiben, weil wir noch nicht wissen, welche Netzhautelemente 
eigentlich bei Aufnahme der Atherschwingungen zunächst betheiligt sind, und weil die 
Feinheit des Gesichtssinnes durch Übung so gut gesteigert werden kann, wie die Fein- 
heit der übrigen Sinne. 

Die Energie der Netzhaut kann durch zu intensive oder über- 
mässig lange dauernde Erregung plötzlich oder allmälig erschöpft, durch 
entsprechende Übung bis zu einem gewissen Grade gesteigert werden; 
sie sinkt durch lange NichtÜbung um so mehr, je früher (in den Kinder- 
jahrenj ihre Ausschliessung vom Sehen stattfindet. Wenn das eine Auge 
lange nicht zum Sehen verwendet worden ist, so vermag es weder so 
feine Objecte zu erkennen und zu unterscheiden, wie das geübte, noch 
hält es die Betrachtung erkennbarer kleiner Gegenstände gleich lange 
aus; es hält überdiess letztere auch in der Regel für kleiner und min- 
der hell beleuchtet. Ein junger Mann, als Chemiker in physikalischen 
Dingen wohl bewandert, zur Betrachtung feiner Qbjecte sich (wahr- 
scheinlich von Jugend auf) nur des rechten Auges bedienend, konnte 
mit dem übrigens völlig normalen linken Auge nicht bis zu so kleiner 
Druckschrift aufsteigen, wie mit dem rechten, hielt das Lesen mit dem 
linken nicht so lange aus, und machte in meiner Gegenwart die für 
ihn überraschende Bemerkung, dass ihm die mit dem linken Auge allein 
gelesene Schrift kleiner vorkam, als wenn er sie mit dem rechten Auge 
allein oder mit beiden zugleich betrachtete. Verschiedene Farben er- 
schienen ihm, mit dem linken Auge allein betrachtet, weniger hell; mit 
dem rechten Auge allein sah er etwas deutlicher, als mit beiden zu- 
gleich. Die Möglichkeit, in solchen Fällen durch methodische Übung, 
wenn nicht völlig, so doch nahezu gleiche Energie der Sehkraft herzu- 
stellen, reicht wohl hin zu beweisen, dass weder in der Netzhaut, noch 
in dem dioptrischen Apparat oder in den muskulösen Gebilden soge- 
nannte organische Veränderungen zu Grunde liegen, um so mehr, als 



Physiologie. 43 

auch die Energie der übrigen Sinnesnerven, besonders in früher Jugend, 
durch Übung bis zu einem kaum glaublichen Grade gesteigert werden 
kann. — Innerhalb gewisser Grenzen wächst mit der Intensität des 
Lichtes die Stärke der Lichtempiindung. AYahrscheinlich müssen die 
durch die Ätherwellen erregten Netzhautschwingungen eine gewisse 
Stärke erreicht haben, bevor sie im Stande sind, Empfindung zu er- 
regen; haben sie diese erreicht, so erhöht sich allmälig mit der Inten- 
sität der Schwingungen die Empfindung; bei fortgesetzter Steigerung 
tritt Blendung ein, analog dem Schmerze. Die Empfindlichkeit der Re- 
tina gegen weisses Licht sowohl als gegen farbiges nimmt mit der Dauer 
ihrer Einwirkung auf dieselbe ab, und zwar um so rascher, je beträcht- 
licher die Intensität des Lichtes war. Rucksichtlich des gefärbten Lichtes 
ist hiebei bemerkenswerth, dass durch die anhaltende Einwirkung einer 
Farbe die Empfindlichkeit der Retina nur für diese, nicht aber zugleich 
für andere Farben abgestumpft wird. (Ludwiy.) 

Die Netzhaut, ist bei offenem Auge stets mit Bildern von so viel 
Objecten bedeckt, als neben einander Lichtstrahlen zu ihr senden können. 
Je entfernter ein Object, desto kleiner das ihm entsprechende Bild. 
Auf der circa 297 Quadratlinien messenden Oberfläche der Netzhaut ist 
daher immer ein aliquoter (beiläufig der dritte) Theil der uns umgeben- 
den Objecte abgebildet, und es ist in diesem engen Rahmen stets ein 
Ausschnitt bald des Firmaments und der Erdoberfläche, bald der engen 
Stube, die wir bewohnen, eingezeichnet. Stellen wir uns vor eine grosse 
Mauer, so können wir dieselbe ganz aufnehmen, sobald wir gehörig- 
weit entfernt sind; so wie wir uns nähern, den Blick unverrückt auf 
einen fixen Punkt heftend, so verengert sich die Scheibe, die wir über- 
sehen, mit allmälig verschwindender Peripherie. Wir nennen die Summe 
der Objecte, welche bei ruhig gehaltenem Auge neben und hinter ein- 
ander wahrgenommen werden können, das Sehfeld. Geben wir dem 
Auge eine solche Stellung, dass die Pupille etwas jenseits der Mitte 
der Lidspalte steht, mithin der Nasenrücken nicht hinderlich wird, so 
finden wir, dass das Sehfeld von dem fixirten Punkte nach der Schläfe- 
seite hin sich weiter ausdehnt, als nach der Nasenseite, offenbar dess- 
halb, weil an der Nasenseite die Netzhaut weiter nach vorn reicht, und 
die Iris etwas schmäler ist, als an der Schiäfeseite. Denn die äusserste 
Grenze nach vom, bis zu welcher der dioptrische Apparat Bilder ent- 
werfen kann, ist auch bei weiter Pupille die Ora serrata; auf das 
Corpus ciliare kann niemals ein durch die Cornea und Linse entwor- 
fenes Bild fallen. Durch die Zusammenwirkung beider Augen erhält 
das gemeinschaftliche Seh- oder Gesichtsfeld eine grössere Ausdehnung 



44 Netzhaut. 

nach links und rechts, so dass wir bei gradaus gerichtetem Blicke bei- 
nahe die Hälfte des uns umgebenden Gesichtskreises übersehen. 

Im Sehfelde ist es immer nur ein relativ kleiner Theil, um den 
Endpunkt der verlängert gedachten Sehachse gelegen, den wir so deut- 
lich sehen, als es die Entfernung und Beleuchtung der Objecte gestattet. 
Der Grund dieser merkwürdigen Thatsache liegt nicht darin, dass wir 
etwa die Aufmerksamkeit nur immer einem einzigen Objecte zuwenden 
können; denn wir sind im Stande, die Aufmerksamkeit gerade von dem 
in der Sehaxe liegenden Objecte ab- und auf ein seitlich gelegenes 
Object zu lenken. Zum Theil kann man ihn darin suchen, dass für 
eine bestimmte Entfernung der Objecte nur die Macula lutea in der 
Vereinigungsweite liegen, also nur in und nächst der Sehachse liegende 
Objecte scharf begrenzte Bilder auf der Netzhaut entwerfen können, 
während mehr seitlich gegen die Ora serrata gelegene Netzhautpartien 
immer nur mehr weniger verwischte Bilder empfangen. Für diese An- 
sicht kann man auch geltend machen, dass von gerade vor dem Auge 
befindlichen Objecten ceteris paribus mehr Licht durch die Pupille ein- 
dringen kann, als von mehr seitlich gelegenen. Die Untersuchungen 
von II. Müller und Kölliker machen es indess höchst wahrscheinlich, 
dass im Bau der Netzhaut selbst der wichtigste Grund zu suchen sei, 
dass die Sensibilität in der Netzhaut selbst ungleich vertheilt sei, ana- 
log der Vertheilung des Tast- und Geschmacksinnes. Gleichwie nach 
E. II. Weber's Untersuchungen z. B. zwei Zinken einer Gabel an den 
Fingerspitzen schon bei sehr geringem Abstände von einander als zwei 
wahrgenommen werden können, während sie immer weiter von einan- 
der abstellen müssen, wenn sie auf dem Handrücken, am Oberarm, am 
Nacken noch als getrennt empfunden werden sollen, scheint auch die 
Netzhaut so organisirt zu sein, dass zwei Bildchen, von zwei leuchten- 
den Punkten im Sehfelde entworfen, auf der Macula lutea noch als 
getrennt wahrgenommen werden, während sie, je weiter gegen die Peri- 
pherie hin entworfen, desto mehr auseinander gerückt sein müssen, um 
noch als zwei unterschieden zu werden. 

Sind die Angaben über die Vertheilung der Zapfen in der Stäbchenschicht richtig, 
so wäre bei Erklärung der genannten Thatsache wohl vor Allem an diese zu denken. 
Dass die Opticusfasern der Netzhaut, welche gleichfalls gegen die Peripherie hin all- 
mälig abnehmen, nicht als die aufnehmenden, sondern nur als leitende Elemente in An- 
spruch genommen werden können, ergibt sich aus dem Umstände, dass sie im centra- 
len Theile vielfach über einander liegen, dass sie mitten in der Macula lutea fehlen, dass 
die Fapilla nervi optici zur Lichtperception wenig, nach Heimholte gar nicht geeignet 
ist, und dass rein centrale Retinalamaurosen mit nachweisbarer Veränderung der Macula 
lutea vorkommen. Biegen die Opticusfasern um die desorganisirte Macula lutea herum, 



Physiologie. 45 

dann ist wenigstens begreiflich, wie in solchen Fällen jenseits (gegen die Schläfe hin) 
gelegene Netzhautpartien noch fungiren können. 

Auf der eben besprochenen Einrichtung des Auges beruht der Unter- 
schied zwischen dem sogenannten directen und indirecten Seke?i. Indem 
ich schreibe oder lese, kann ich nur einen kleinen Theil der Zeile mit 
Einem Blicke deutlich (direct) sehen, und muss die Macula lutea nach 
und nach den Stellen, welche deutlich gesehen werden sollen, gegenüber 
bringen. Dabei nehme ich die Umgebung des deutlich Gesehenen durch 
indirectes Sehen wahr, welches je weiter gegen die Grenzen des Seh- 
feldes desto minder deutliche Wahrnehmungen gestattet, selbst dann, 
wenn ich meine Aufmerksamkeit, nicht aber die Sehachse, auf ein sol- 
ches seitlich gelegenes Object lenke. 

Das directe Sehen gibt uns das Bild eines Objectes, das indirecte 
vermittelt vorzüglich das Auffassen des Räumlichen, des Neben-, Über- 
und grösstenteils auch des Hintereinanderseins der Objecte im Sehfelde. 
Viele behaupten, dass wir nur das Neben- und Übereinandersein der 
Objecte unmittelbar mit dem Blicke auffassen, dass die Wahrnehmung 
der dritten Dimension (Tiefe, Entfernung vor uns) erst durch andere 
Hilfsmittel zu Stande gebracht werde. Es ist aber die Wahrnehmung der 
Entfernung der Hauptsache nach schon in dem directen und indirecten 
Sehen, in der gleichzeitigen Erregung der peripherischen Netzhautpar- 
tien gegeben, wenn gleich in dem Muskelgefühl (behufs der Convergenz 
der Sehachsen und der Accommodation) und in der Erinnerung an be- 
reits gemachte Wahrnehmungen wichtige Unterstützungs- und Controll- 
mittel liegen. Was im Sehfelde neben und übereinander liegt, ist auch 
auf der Netzhaut neben und über einander abgebildet, sobald es Licht 
dahin senden kann, und wird in dieser räumlichen Anordnung wahrge- 
nommen. Auf der concaven Netzhautfläche ist aber gleichzeitig auch die 
Abbildung hinter einander gelegener Objecte, also die Auffassung der 
dritten Dimension möglich, sobald der näher liegende Gegenstand nicht 
alles Licht, das der entferntere zum Auge senden kann, abhält. Wäre 
die Netzhaut plan, statt concav, dann würden wir in der Auffassung der 
dritten Dimension bloss auf das Muskelgefühl, die bekannte Grösse und 
Beleuchtung der Objecte u. s. w. angewiesen sein. 

Was unmittelbar vor meinen Füssen ist, wirft ein Bild auf den vordem Theil der 
obern Hälfte der Netzhaut ; was einige Schritte vor mir liegt, ist auf der Netzhaut eben 
daselbst etwas weiter hinten abgebildet, und so fort bis zu dem Punkte des Sehfeldes, 
den ich fixire. So kann ich auf unbekanntem Wege fortschreiten, ohne meinen Blick 
an den Pfad zu fesseln; die obere Hälfte meiner Netzhaut rapportirt mir bei nur eini- 
ger Aufmerksamkeit jedes Hinderniss am Wege, so wie die innere Hälfte mich augen- 
blicklich zum Schliessen der Lider bestimmt, wenn etwa ein Insect von der Seite her 



46 Netzhaut. 

sich dem Auge nähert. In stockfinsterer Nacht oder in einem langen Stollen sind wir 
nicht im Stande zu bestimmen, wie weit entfernt ein Licht sei, wenn die zwischen- 
liegenden Objecto nicht beleuchtet sind, gleichviel ob wir ein oder beide Augen offen 
haben. Selbst wenn uns die Grösse und Helligkeit der Flamme bekannt ist, vermögen 
wir mit nur geringer Wahrscheinlichkeit auf ihre Entfernung zu schliessen, sobald die 
Wahrnehmung der zwischenliegenden Objecte fehlt. Dem bekannten Beispiele vom 
Danebengreifen beim Lichtputzeu, wenn das eine Auge geschlossen wird, lässt sich das 
andere entgegenstellen, dass die meisten Jäger beim Zielen das zweite Auge schliesseD. 
Stellen wir uns, ein Auge verdeckend, vor ein Doppelfenster so, dass der innere (nä- 
here) verticale Stab den äussern verdeckt, so wird letzterer augenblicklich sichtbar, 
wie wir das verdeckte Auge öffnen. Der entferntere Stab wird dabei nur mit dem 
früher verdeckten Auge gesehen. Derselbe Versuch an den horizontalen Stäben vor- 
genommen, kann diese Erscheinung natürlich nicht darbieten. Dieser Versuch zeigt, 
wie viel und auf welche Weise das zweite Auge zur Beurtheilung der Entfernung bei- 
tragen kann. — Am Anfange einer grossen Ebene stehend, welche am Ende durch 
einen Berg begrenzt wird, sind wir nicht im Stande, die Länge der Ebene (Entfernung 
des Berges von unbekannter Grösse) zu schätzen, weil gerade Linien von einzelnen 
Punkten der Ebene durch den Kreuzungspunkt der Bichtungslinien gezogen auf eine 
unverhältnissmässig kurze Strecke der Netzhaut fallen ; beschauen wir aber dieselbe 
Ebene von dem Berge aus, so schätzen wir ihre Länge gewiss viel richtiger, weil jetzt 
einzelne Punkte (Objecte) derselben neben, eigentlich hinter einander auf der obern 
Netzhaulhälfte abgebildet werden können. Stellen wir uns an das Ufer eines eben so 
langen Sees, wie die eben supponirte mit mannigfachen Objecten besetzte Ebene, so 
schlagen wir auch bei gleicher Höhe unseres Standpunktes über dem Wasserspiegel, 
wie früher über der Ebene, die Länge des Sees geringer an, als die der Ebene. Es 
mag uns diese Thatsache auf den ersten Blick vielleicht ebenso überraschen, als wenn 
wir zum ersten Male hörten, es können auf der Oberfläche eines Berges nicht mehr 
Bäume stehen, als auf einer Ebene, welche der horizontalen Grundfläche des Berges 
gleicht; und doch ist eins so richtig, als das andere. — Einen von Dove geführten 
Beweis dafür, dass wir die sogenannte dritte oder Tiefendimension des Baumes (der 
Körper) ohne Mitwirkung der Muskelthätigkeit aufzufassen vermögen, werden wir beim 
Besprechen des Einfachsehens mit zwei Augen anfuhren. 

So wie das directe und indirecte Sehen sich gegenseitig unterstützen 
und ergänzen, so stehen sie auch in einem gewissen Gegensätze zu ein- 
ander. Sehen wir durch ein dünnes Bohr, oder schliessen wir die Er- 
regung der peripherischen Netzhautpartie dadurch aus, dass wir eine 
dunkle Scheibe mit einer kleinen Öffnung nahe vor das Auge halten, 
so macht die ausschliessliche Erregung der centralen Netzhautpartie 
einen viel stärkeren Eindruck, lässt das Object nicht nur schärfer, son- 
dern auch heller hervortreten. Wird dagegen beim Fixiren eines Ob- 
jeetes eine seitlich gelegene Netzhautpartie durch ein stärker leuchten- 
des Object, z. B. ein Kerzenlicht, eine spiegelnde Fläche angeregt, so 
erscheint das fmrte Object minder deutlich. Unverhältnissmässig starke 
Erregung der zum directen Sehen dienenden Netzhautpartie ist nicht 
minder nachtheilig, als das Gegentheil. Auf dieses Gesetz basiren sich 



Physiologie. 47 

die Vorschriften über die Beleuchtung der Objecte des Sehfeldes, durch 
deren Nichtbeachtung eine Menge gesunder Augen verdorben werden. 
Am meisten Verstösse gegen diese Vorschriften werden von jenen be- 
gangen, welche ihre Augen viel zu feinen Arbeiten verwenden, beson- 
ders bei künstlicher Beleuchtung (mit vorwaltenden gelben und rothen 
Strahlen). Bald fehlt man darin, dass man alles Licht auf das Object 
des directen Sehens concentrirt und das übrige Sehfeld nahezu dunkel 
lässt, bald dadurch, dass man durch zu niedrig gestelltes Licht, durch 
zur Seite oder unten befindliche, zu viel Licht reflectirende (spiegelnde) 
Objecte die peripherischen Netzhautpartien zu stark erregt.*) 

Die Einrichtung des Auges, dass vermöge des dioptrischen Apparates 
nur in der Gegend des hintern Poles die relativ schärfsten und hellsten 
Bilder entworfen werden können, und dass die Empfindlichkeit der Netz- 
haut von der Ora serrata gegen die Macula lutea hin gradatim zunimmt, 
in dieser selbst aber am grössten ist, zwingt uns nach dem allgemeinen 
Gesetze, dass Reflexbewegungen erfolgen, um eine Function möglichst 
vollkommen vor sich gehen zu machen, schon in früher Kindheit, den 
hintern Pol des Auges jenem Objecte des Sehfeldes gegenüber zu stel- 
len, welches eben die Netzhaut vorwaltend erregt und Gegenstand der 
Aufmerksamkeit wird. Da nun dieses in jedem Auge für sich in glei- 
cher Weise geschieht, mithin die Sehachse eines jeden Auges auf das 
Object gerichtet werden muss, so ergibt sich als Folge der genannten 
Einrichtung die correspondirende Stellung und Bewegung der Augen 
zum Objecte des directen Sehens. Schon in den ersten Lebenstagen er- 
folgen concomitirende Bewegungen beider Bulbi; beide werden gleich- 
zeitig links, rechts, nach oben u. s. w. gerollt. Diese Bewegungen müs- 
sen als aus einem angeborenen Verhältnisse der betreffenden Nerven zu 
den Centralorganen hervorgehend betrachtet werden. Sie erfolgen zu- 
nächst unabhängig von Erregung der Netzhaut durch äussere Objecte, 
und unabhängig vom Willenseinflusse. Reflexbewegungen, angeregt durch 
Sinneseindrücke lauf das Seh- oder Hörorgan) erscheinen erst dann, 
wenn es bereits zur Bildung von Vorstellungen, zur Erinnerung an schon 
gehabte Eindrücke gekommen ist. Durch den Einfluss der Sinnesein- 
drücke mittelst Reflexwirkung auf die Muskeln des Auges wird die 
Stellung und Bewegung desselben dem Sehen untergeordnet, die con- 
comitirenden Bewegungen erfolgen nicht mehr automatisch, sondern 
durch den Reflexeinfluss von der Netzhaut aus beherrscht als associirte, 

*) Ob der Gebrauch der von Bonden bei Hornhauttrübungen vorgeschlagenen stenopäischen Brillen, 
welcher mir gegen dieses Gesetz zu Verstössen scheint, nach längerer Zeit nicht etwa der Netzhaut 
nachtheilig werden könne, muss vorläufig der Ermittelung durch Erfahrungen überlassen werden. 



48 Netzhaut. 

dem Sehacte dienende und durch denselben geregelte. Müssen aber die 
Sehachsen aus dem oben angegebenen Grunde jenem Objecte, welches 
die Aufmerksamkeit vorwaltend erregt, notwendiger Weise zugewendet 
werden, dann macht der "Wechsel in der Entfernung des Objectes nebst 
den associirten noch eine andere Art von Bewegungen nothwendig, die 
der gleichnamigen Muskeln, welche jener der gleichseitigen (links, 
rechts etc.) entgegen gesetzt ist, ohne sie auszuschliessen. Es ist diess 
die accommodative Bewegung, welche bewirkt, dass die Sehachsen bald 
näher bald weiter vor dem Auge sich in dem Objecte treffen, gleichviel 
ob die Bulbi vorwärts, links, rechts, auf- oder abwärts gerichtet sind. 
Die concomitirenden Bewegungen sind, weil auf einem angeborenen 
Verhältnisse beruhend, schon beim Neugeborenen vorhanden, und gehen 
nie verloren, ausser wenn die Muskeln spastisch oder paralytisch afficirt 
werden. Ihre Umgestaltung zu associirten und das Auftreten der accom- 
modativen Bewegungen hängt von der Entwicklung und Integrität der 
Netzkautthätigkeit ab. Blindgeborene und frühzeitig Erblindete zeigen 
stets nur concomitirende Augenbewegungen. Augen, deren Function von 
früher Jugend an beträchtlich gestört ist, z. B. durch Hornhautnarben, 
unvollständige Linsentrübung, Netzhautabnormitäten, bieten nebst asso- 
ciirten auch accommodative Bewegungen dar, aber beide meist unge- 
regelt und unstät. Bleibt aber die Function auch nur des einen Auges 
intact, so sind die associirten Bewegungen beider Augen geregelt, und 
die accommodativen des erkrankten fehlen nur dann, wenn seine Fun- 
ction frühzeitig beeinträchtigt wurde oder völlig verloren ging. Diess 
beweist, dass der durch Reflex hervorgerufene Impuls zu den Bewegun- 
gen jederzeit vom Centralorgane auf beide Augen zugleich gerichtet ist, 
wie wir diess bereits hei den Irisbewegungen kennen gelernt haben. 
Später, wenn der Wille die Muskeln influenzirt, sind nicht nur die asso- 
ciirten, sondern auch die accommodativen Bewegungen bereits in ein 
so stabiles Verkältniss zu einander getreten, dass es ihm nur schwer 
gelingt, sich gegen dasselbe geltend zu machen. Im Allgemeinen ist es 
unmöglich, ein Auge allein nach einer andern Richtung als das andere 
zu bewegen. Wir können für gewöhnlich nur, wie es nach den Ge- 
setzen der Association und Accommodation gleichsam vorgezeichnet ist, 
die gleichseitigen oder die gleichnamigen Muskeln zugleich durch den 
Willen in Thätigkeit zu setzen. Indem jedoch, wie schon bemerkt, die 
associirte Thätigkeit die accommodative nicht ausschliesst, können wir 
auch bei links, rechts, auf- oder abwärts gerichtetem Blicke die Conver- 
genz der Sehachsen abändern. Während es aber dem Willenseinflusse 
nur in sehr beschränktem Masse gelingt, abändernd in diese Verhältnisse 



Physiologie. 49 

einzugreifen, z. B. das eine Auge gradatis, das andere einwärts zu stel- 
len, bewirken Störungen in der Function der einen Netzbaut oft, und 
selbst in spätem Alter durch Reflexaction Abänderungen (Schielen), zum 
Zeichen, wie wichtig der Einfluss der Netzhaut auf die Stellung und 
Bewegung der i^ugen ist. Ein analoges Verhältniss wie zwischen der 
Netzhaut und den dem Sehacte dienenden Muskeln findet zwischen dem 
Gehör und den die Sprache vermittelnden Muskeln statt. 

Aus diesem Verhältnisse der Muskeln zur Netzhaut ergibt sich 
auch die bündigste Antwort auf die oft gestellte Frage, warum wir die 
Gegenstände aufrecht sehen, da doch das Bild auf der Netzhaut ein 
umgekehrtes ist. Damit, dass man sagt, das Bild ist nur für das be- 
schauende, nicht aber für das durch die Lichtwellen selbst erregte Auge 
umgekehrt, ist noch nicht erklärt, warum wir einen Eindruck, der auf 
einen vom Centralpunkte der Netzhaut links, oben u. s. w. gelegenen 
Punkt geschieht, im Bewusstsein auf ein vom Centralpunkte des Seh- 
feldes (Ende der verlängerten Sehachse) rechts, unten u. s. w. gelege- 
nes Object beziehen. Wir müssen, wie Volkmann bemerkt, um ein auf 
der Netzhaut links vom Centrum abgebildetes, also im Sehfelde rechts 
liegendes Object zum Gegenstande des directen Sehens zu machen, das 
x\uge rechts bewegen, und werden uns dieser Bewegung bewusst. Eben 
dieses Bewusstwerden der Bewegung ist nothwendig, wenn sich die 
Begriffe von rechts, links, oben u. s. w. entwickeln sollen. 

Ein von Kindheit an Blinder lernte nach gelungener Beseitigung des grauen Staa- 
res mit dem linken Auge sehen, welches einwärts schielte. „Für ihn lagen also die Ge- 
genstände des deutlichen Sehens bei nnangestrengteni Auge rechts, und es bildete sich 
"bei ihm erfahrungsmässig die Vorstellung : die Gegenstände des deutlichsten Sehens liegen 
auf der Seite der rechten Köiperhälfte. Jetzt wurde der innere Augenmuskel durch- 
schnitten, und das Auge stellte sich unbewusster Weise gerade nach vorn. Natürlich 
musste er auch jetzt meinen,, der deutlichste Theil des Gesichtsfeldes läge nach rechts, 
denn das Muskelgefühl war nach wie vor dasselbe, und eben das Muskelgefühl bedingt 
die Torstellung der Bichtung." Volkmann.*) 

Ist auf diese Weise die Notwendigkeit eingetreten, dass wir ein 
Bild, unterhalb des Centralpunktes der Netzhaut entworfen, i. e. eine 
Erregung der Netzhaut durch Licht auf ein Object beziehen, welches 
im Sehfelde oberhalb der Sehachse liegt, dann wird auch eine durch 
Druck auf den Bulbus gesetzte Erregung der Netzhaut so wahrgenom- 
men, als ginge sie von der entgegengesetzten Seite aus. Drücken wir 
auf den einen Bulbus z. B. hinter der Insertion des M. rectus internus, 
so gelangt die Erregung der Netzhaut als leuchtender Kreis so zum 
Bewusstsein, als schwebe derselbe an der Schläfeseite vor dem Auge 

*) TVagner's Handwörterbuch, Sehen, Bd. III. S. 344. 

Arlt Augenheilkunde. III. 4 



50 Netzhaut. 

im Sehfelde. Lässt man Nachts die Strahlen einer Kerzenflamme durch 
eine Linse von etwas grösserer Öffnung und massiger Brennweite 
(*/2 — 1") gerade in ihrer Vereinigungsweite auf die Sclerotica vom äus- 
sern Winkel her einfallen, jedoch etwas mehr als 3'" hinter dem Horn- 
hautrande, so sieht das davon getroffene (stark einwärts zu wendende) 
Auge einen Lichtkreis von der Nasenseite her vorschweben, welcher auf 
und ab oder vor- und rückwärts geht, so wie die möglichst concentrirte 
Lichtscheibe durch Bewegung des Brennglases auf der Sclera ab- oder 
auf-, rück- oder vorwärts bewegt wird. — Wenn mau diese Erschei- 
nung damit bezeichnet, dass man sagt, die Netzhaut projicire die Em- 
pfindung nach aussen durch den Kreuzungspunkt der Richtung slinien, so 
darf man beim Gebrauche dieses bequemen Ausdruckes nie vergessen, 
dass er ein figürlicher ist. Wer demnach sagt, wir sehen aufrecht, 
weil jeder Punkt der Netzhaut durch Licht, Druck u. s. w. erregt, die 
Empfindung durch den Kreuzungspunkt nach aussen projicirt, der gibt 
hiermit keine Erklärung, sondern nur eine leicht verständliche Be- 
schreibung. 

Die eben besprochene Orientirung im Sehfelde setzt voraus, was Volhnann, Burow, 
Valentin u. A. sichergestellt haben , dass das Auge bei seinen Bewegungen keine Loco- 
motion, sondern Rotationen um einen fixen Punkt erleidet, welcher sich ohngefähr in der 
Mitte der Sehachse, zwischen dem vordem und hintern Pole des Auges befindet. Die 
relative Lage dieses Drehpunktes zum Knochengerüste der Orbita bleibt sowohl bei den 
associirten als bei den accommodativen Bewegungen der Bulbi immer eine und dieselbe. 
Der Abstand beider Drehpunkte von einander blieb bei Volkmann's Augen constant 2,4 ; ", 
während die Augen sich den verschiedensten Entfernungen zwischen der weitesten Ferne 
bis zu 4" accommodirten. Bei verschiedenen Individuen ist der Abstand der Drehpunkte 
(Bulbi) von einander etwas verschieden ; bei einem und demselben Individuum ändert sich 
die Lage nur in so fern, als starke Abmagerung ein massiges Zurücksinken der Bulbi in 
die Orbita zur Folge hat. 

Zu den eben besprochenen Verhältnissen in innigster Beziehung 
steht die Thatsache, dass wir mit beiden Augen zugleich jedes Object 
einfach sehen, welches uns doppelt erscheint, sobald die Sehachsen sich 
nicht in ihm treffen. Dieses Doppellsehen wird das binoculäre genannt, 
zum Unterschiede von dem monoculären, von welchem später die Eede 
sein wird. Es ist Thatsache, dass wir die Objecte, welche das Seh- 
feld bilden, alle einfach sehen, sobald die Augen jene Stellung zu ein- 
ander behaupten, welche sie nach dem Gesetze erhielten, dass jedes 
Auge mit der empfindlichsten Stelle dem Objecte des deutlichen Sehens 
zugelenkt werden muss. Dann treffen oder kreuzen sich die Sehachsen 
in diesem Objecte. Läge die empfindlichste Stelle einmal nicht im 
untern Pole des Auges, dann würde auch die gerade Linie, welche den 



Physiologie. 51 

hintern Pol mit dem vordem verbindet, für dieses Auge nicht mehr die 
Sehachse genannt werden können, oder man müsste sagen, dass in 
diesem Falle Einfachselien beider Augen ohne Kreuzung der Sehachsen 
im Objecte stattfinde. Wir werden von diesem, wenn überhaupt, so 
gewiss höchst selten vorkommenden Zustande vorläufig absehen. Ist 
nun der hintere Pol als die zum deutlichen Sehen geeignetste Stelle 
eines jeden Auges dem Objecte zugewendet, dann reihen sich um das 
Bild dieses Objectes die Bilder der übrigen Gegenstände des Sehfeldes 
so an, dass jedes seine Lage auf einer entsprechenden Netzhautstelle 
hat, auf einer Stelle, welche jene desselben Bildes in dem zweiten Auge 
decken würde, wenn man die eine Netzhaut ohne sonstige Verrückung 
in die andere hineingelegt denkt. Man nennt je zwei Stellen, welche 
sich bei dieser Ineinanderlegung decken würden, congruent oder iden- 
tisch. Nach Volkmann sind je zwei Stellen identisch, welche nach der 
gleichnamigen Richtung hin, z. B. beiderseits nach oben, oder beider- 
seits nach links, unter demselben Längen- und Breitengrade liegen, 
falls man sich jede Netzhaut gleich der Hemisphäre eines Globus vom 
Centrum der Macula lutea (Pol) bis zur Ora serrata (Äquator) durch 
Meridiane und Parallelkreise gleichmässig eingetheilt denkt. 

Unter der Voraussetzung, dass jedes Auge mit der empfindlichsten 
Stelle demselben Objecte des Sehfeldes zugelenkt ist, entsprechen sich 
aber nicht nur die zwei centralen, sondern auch immer je zwei seit- 
liche Bilder, durch dasselbe Object zu Stande gebracht, nebst der cor- 
respondirenden Lage auch in Grösse, Form, Farbe und Helligkeit, wenn 
das Object zu beiden Netzhäuten Licht senden kann, und der diop- 
trische Apparat des einen Auges dem des andern völlig gleich ist. Es 
ist dann auch die Richtung der betreffenden Lichtkegel im Glaskörper 
relativ zur Totalitat der Netzhaut in dem einen Auge wie in dem an- 
dern. Unter solchen Umständen entspricht demnach je einem Bilde 
eines Objectes in dem einen Auge ein ganz gleiches oder identisches 
in dem andern. Die Empfindung wird aber erst dann identisch, wenn 
auch die Empfindlichkeit der betreifenden Netzhautstellen und die Fort- 
leitung zum Centralorgane mindestens nahezu die gleiche ist. 

Bei völliger Identität den Empfindung werden wir uns des Doppelt- 
seins des Eindruckes nicht bewusst. Je lebhafter die Erregung der 
Netzhäute, desto strenger ist die Anforderung an Übereinstimmung der 
Bilder. Daher je weiter von der Macula lutea ein Bild zu liegen kommt, 
desto weniger streng nöthig ist die völlige Gleichheit mit dem entspre- 
chenden Bilde des andern Auges. Je feiner der Gegenstand, der er- 
kannt werden soll, desto notwendiger ist Gleichheit der Eindrücke. 

4* 



52 Netzhaut. 

Das Wegfallen der Erregung des einen Auges wird von uns in der 
Kegel gar nicht wahrgenommen; wir sehen die meisten nahen Körper 
an einem oder dem andern Theile nur mit dem einen Auge, ohne es 
zu wissen, bis wir das andere Auge verdecken. Die völlige Ausschlies- 
sung des einen Auges vom Sehacte fällt uns gar nicht oder nur durch 
geringe Verminderung der scheinbaren Helligkeit oder durch Beschrän- 
kimg des Sehfeldes nach der betreffenden Seite hin auf. 

Bei ungleich starker Erregung beider Netzhäute wird der durch das 
stärker angesprochene Auge bewirkte Eindruck bald unterstützt, bald 
geschwächt, bald ganz allein wahrgenommen (der schwächere unter- 
drückt). Der Grund der Ungleichheit der Erregung liegt entweder im 
Netzhautbilde (dioptrischer Apparat) oder in der Netzhaut selbst (Stumpf- 
heit). Unterstützt wird das besser sehende Auge durch das schwächere 
im Allgemeinen bei jenen Functionen, welche keine scharfen Eindrücke 
erfordern, gestört hingegen dann, wenn es sich um feinere Wahrneh- 
mungen und Auseinanderhaltung kleinerer Netzhautbilder handelt. Die 
relativ zu schwache Erregung» des einen Auges kann aber auch (durch 
Abstraction der Aufmerksamkeit?) ganz unterdrückt werden, so dass sie 
gar nicht Gegenstand der Wahrnehmung wird. Die Unterdrückung ge- 
lingt um so leichter, je schwächer die Erregung in dem einen relativ zu der 
Erregung in dem andern Auge ausfällt. Durch Abschwächung der stärkeren 
Erregung (z. B. durch ein vor das stärkere Auge gehaltenes getrübtes 
oder dunklerfarbiges Glas) kann die Erregung des andern Auges wieder 
zum Auftauchen in der Wahrnehmung gebracht werden. — Ungleich- 
artige Erregung durch verschiedenfarbiges Licht (farbige Gläser, pris- 
matische Farben u. s. w.) zeigt je nach der Qualität und Intensität 
(des durchgelassenen Lichtes) bald eine Art von Verschmelzung der 
beiden Eindrücke, bald wechselnde oder constante Unterdrückung des 
einen Eindruckes (Wettstreit der Sehfelder!. Diese Thatsachen ergeben 
sich theils aus Beobachtungen au Kranken, theils aus Versuchen mit 
leicht und stark angerauchten, mit farbigen, mit concaven und convexeu 
Gläsern, mit Mydriaticis (Veränderung des Refractionszustancles), am 
schönsten aber in Versuchen mit dem Wheatstone" sehen Stereoskop. 

„Da die Ansicht eines mit dem rechten Äuge betrachteten Objectes von drei Dimen- 
sionen, "wenn dieses nicht zu entfernt ist, eine andere ist, als die mit dem linken erhal- 
tene, so schloss Wheatstone (1838), dass wir einen Körper als solchen sehen mittelst 
zweier verschiedener Netzhautbilder. Diese Überlegung führte ihn zu der Frage, was 
geschehen würde, wenn anstatt des Objectes selbst die Projectionen seines Bildes auf eine 
ebene Flüche, welche genau so nachgezeichnet wären, als sie einem Auge allein erscheine 
müssen, gleichzeitig jedem Auge dargeboten ■würden. Diese Frage beantwortete das von 
ihm erfundene Spiegelstereoskop durch die merkwürdige Erscheinung, dass wir statt der 



Physiologie. 53 

beiden Frojectionen nur den Körper selbst sehen." — „Gegen die Wheatstone' 'sehe Er- 
klärung- machte Brücke (1S41) geltend, dass das Urtheil über die Entfernung eines Ge- 
genstandes, wenn uns die perspectivischen Hilfsmittel für die Schätzung derselben ab- 
gehen, nur aus dem Bewusstsein der Convergenz der Sehachsen sich bildet, unter der 
wir denselben sehen ; die in uns hervortretende Vorstellung, dass das, was wir sehen, als 
Körper erscheine, involvire daher das Factum, dass verschiedene Punkte in dem Ange- 
schauten unter verschiedener Sehweite gesehen werden. Wir schliessen daher aus der 
Veränderung der Convergenzpunkte der Sehachsen auf einen Körper, indem wir ab- 
wechselnd die näheren und die entfernteren Theile derselben ins Auge fassen." — „In 
einem dunkeln Zimmer stellte ich ein gewöhnliches Spiegelstereoskop so auf, dass die 
beiden Zeichnungen desselben von einer Lampe gleich hell beschienen waren. An die 
Stelle der Lampe wurde nun eine sich selbst entladende Zicme'sche elektrische Flasche 
gestellt, welche bei gleichbleibendem Drehen der Elcktrisirmaschine stets nach bestimm- 
fcen Zeitintervallen sich entlud. Dadurch wurde es möglich, auf die momentane Er- 
scheinung sich vorzubereiten. Ich sowohl als Andere , denen ich diese Versuche zeigte, 
sahen vollkommen deutlich das körperliche Eelief, mitunter aber auch die beiden Pro- 
jeetionen, aus denen es entsteht. Nach den Versuchen von Wheatstone ist die Dauer 
des Leuchtens eines elektrischen Funkens kürzer, als der millionste Theil einer Secunde. 
"Während dieser Zeit müsste also der Convergenzwinkel der Augenachsen mindestens ein- 
mal um mehr als vier Grade verändert werden. Ob dies wahrscheinlich, mögen die Phy- 
siologen entscheiden." Dove. Nach Volkmann's Versuchen nimmt die kleinste Augenbewe- 
gung ohngefähr 0.3 Secunde in Anspruch, und nach Heimholte pflanzt sich in den empfinden- 
den Nerven ein Eindruck mit einer Geschwindigkeit von ISO Fuss in einer Secunde fort. 
Vollständig zu erörtern, warum bei den Versuchen mit verschiedenfarbigen Gläsern 
der eine Beobachter die Mischfarbe sieht, ein anderer dagegen nicht, würde uns hier 
zu weit führen ; es genüge, aus Dove's Schrift nur einige Stellen herauszuheben. „Wenn 
man dem rechten Auge eine andere Farbe darbietet als dem linken, sahen Einige eine 
Farbe nach der andern, Einige farbige Flecken der einen neben farbigen Flecken der 
andern , endlich Einige die aus beiden Farben entstehende Mischungsfarbe. Streng ge- 
nommen liegt in dieser Beschreibung das Gemeinsame , dass Alle zugeben , dass unter 
gewissen Bedingungen eine Combination beider Farben möglich sei, denn das Nachein- 
ander muss einen Durchgangspunkt haben, wo die abklingende Farbe ebenso stark wird 
als die in das Bewusstsein tretende, das Nebeneinander muss Stellen des Überganges 
haben, da die Flecken nebeneinander sich nicht scharf gegen einander abgrenzen." — 
„Aus Versuchen — in der citirten Schrift nachzulesen — folgt, dass die Convergenz- 
linien beider Augen bei deutlichem Sehen für rothes Licht einen spitzem Winkel bilden, 
als für blaues. Hält man daher vor beide Augen dasselbe farbige Glas, so wird sich, 
wenn man mit der Farbe des Glases wechselt, die Accommodation ändern müssen. Für 
die, welche mit beiden Augen gleich gut sehen, wird die Accommodation bei dem ge- 
wöhnlichen Sehen für beide Augen stets dieselbe sein, proportional nämlich dem Winkel 
der Convergenzlinien beider Augen. Hält nun ein solcher Beobachter vor das eine 
Auge ein farbiges Glas, vor das andere ein andersfarbiges, so stellt er den Augen die 
Aufgabe, die gleiche Accommodation beider oder wenigstens das Verhältniss derselben 
unter der Voraussetzung, dass sie für beide Augen nicht gleich sei, zu verändern, und 
da dieser Aufgabe nicht genügt werden kann, so werden sieh die Bilder nicht decken, 
sondern aus sich kreuzenden Bichtungen auf eine Fläche projicirt werden, die nicht im 
Durchschnittspunkte beider Bichtungen liegt; und in der That dieselben Erscheinungen, 



54 Netzhaut. 

wie im Stereoskop, treten, freilich weniger deutlich, auch beim gewöhnlichen binocularen 
Sehen eines mit weissen Linien auf schwarzem Grunde gezeichneten Gegenstandes her- 
vor, nämlich ein paralleles Übereinanderlegen einander berührender farbiger Linien, 
wenn man mit dem rechten Auge durch ein Glas ihn betrachtet, dessen Farbe eine an- 
dere ist, als die des Glases, durch welches er gleichzeitig mit dem linken Auge ge- 
sehen wird." 

Seit dem Erscheinen von J. Müller s genialer Abhandlung über die Physiologie des 
Gesichtssinnes (Leipzig 1826) hat man sich fast allgemein gewöhnt, das Einfachsehen mit 
zwei Augen aus der sogenannten Identität der Netzhäute als etwas Angeborenem zu er- 
klären. Es soll immer nur je ein und dasselbe Element der einen Netzhaut mit je einem 
und demselben Elemente der andern Netzhaut sich zu Einer Empfindung vereinen kön- 
nen, gleichwie auf zwei gleich eingetheilten Hemisphären nur je ein Punkt unter dem 
gleichen Längen- und Breitengrade liegen kann, und dieses Verhältniss soll nicht bloss 
in der schon oben besprochenen , in der That nachgewiesenen und anatomisch hinrei- 
chend begründeten verschiedenen Vertheilung der Empfindlichkeit der Netzhaut, sondern 
noch in einer andern angeborenen Einrichtung bedingt sein. Nach Müller's Ansicht sol- 
len nämlich immer je zwei solche Punkte oder Elemente der einen oder der andern 
Netzhaut durch eine gemeinschaftliche "Wurzel im Centralorgane vertreten sein , und 
hätte das Chiasma nerv. opt. diese Einrichtung zu vermitteln. Eine jede Faser des rech- 
ten Tractus opticus theile sich im Chiasma in zwei, davon die eine, an der rechten Seite 
direct fortlaufend, zur rechten (äussern) Hälfte des rechten Bulbus gehe, während die 
andere sich mit den vom linken Tractus opticus herüber kommenden kreuze und zur 
rechten (innern) Hälfte des linken Bulbus verlaufe. Diese Erklärung beruht theils auf 
unerwiesenen , theils auf geradezu irrigen Voraussetzungen. Unerwiesen, wie Müller 1. 
c. S. 93 selbst zugibt, ist das hier supponirte Verhalten der Opticus- und Retinafasern. 
Irrig aber ist die noch in die neuesten physiologischen Abhandlungen aufgenommene Be- 
hauptung, dass Erkrankung des einen (z. B. rechten) Tractus opticus Lähmung des gleich- 
seitigen (rechten) Netzhauthälften bewirke. Müller wurde offenbar durch Wollaston's 
Angaben irre geführt, welcher durch Beobachtung von bilateraler Hemiopie theils an 
sich selbst, theils an zwei Freunden zu einer Hypothese veranlasst worden war, welche 
die Grundzüge der Müller'sohen enthält. Wollaston*) war zweimal von Hemiopie be- 
fallen worden, das erste Mal nach einer hastigen, 2 — 3stündigen Bewegung, und etwa 
20 Jahre später ohne nachweisbare Veranlassung. Das erste Mal fand er plötzlich, dass 
er von einem Menschen nur die linke Hälfte des Antlitzes sehen, von dem Worte „John- 
son" nur die Silbe „son" erblicken konnte ; es war einerlei , ob er mit dem rechten 
oder mit dem linken Auge schaute. Diese Blindheit war nicht so vollständig, dass sie 
bis zur absoluten Schwärze reichte, sie war gewissermassen eine schattige Dunkelheit 
ohne deutlichen Umriss. Das Übel war in ohngefähr einer Viertelstunde ganz ver- 
gangen. Bei dem zweiten Anfalle konnte er nur das rechte Auge einer gegenüberste- 
henden Person wahrnehmen, die Blindheit erstreckte sich jetzt nach rechts von dem 
Punkte, auf welchen seine Augen gerichtet waren, durch etwa 20 Minuten. — Bei einem 
Freunde entwickelte sich einige Tage nach heftigem Kopfschmerze gegen den linken 
Schlaf hin andauernde Hemiopie; die Blindheit war in Bezug auf alle Gegenstände voll- 
ständig, welche vom Mittelpunkte des Sehfeldes rechts lagen. Die Affection war in 
beiden Augen gleich und bestand in Unempfindlichkeit der Retina auf der linken Seite 

*) Philosophical Transactions for 1324, Part I. p. 224. 



Physiologie. 55 

jedes Auge. — Ein anderer Freund hatte an dieser Krankheit durch 16—17 Jahre ge- 
litten, sobald sein Magen in beträchtlichem Grade gestört war; die Blindheit war jeder- 
zeit rechts vom Mittelpunkte des Auges, und zwar (höchst wahrscheinlich) beiderseitig 
immer durch 15 — 20 Minuten eingetreten, dann aber vollständig verschwunden. Mahenzie, 
aus dessen prakt. Abhandlung über die Krankheiten des Auges diese Angaben auszugs- 
weise entlehnt sind, bemerkt, dass bei dem Umstände, wo die Macula lutea jederseits 
nach aussen vom Sehnerveneintritte liegt, eine solche Vertheilung der Fasern, wie die 
hier supponirte, nicht wohl denkbar sei, man vielmehr die Retina als einen Plexus be- 
trachten müsse, von welchem jeder Punkt Fasern enthält, die von jeder Seite des Ge- 
hirnes herkommen. Mehr Gewicht, als auf dieses Raisonnement, legte er jedoch auf den 
Umstand, dass bei weitem der grössere Theil von Thatsachen , welche uns die Pathologie 
und Experimentalphysiologie zur Lösung dieser Frage geliefert haben , zum Beweise 
dienen, dass Krankheiten und Verletzungen, welche die eine Seite des Gehirnes treffen, nur 
Amaurosis in dem einen Auge, nicht aber Hemiopie in beiden Augen erzeugen. — Mag 
man für die Müller sehe Hypothese was immer für Argumente anführen, die Thatsachen, 
welche uns die Beobachtung am Krankenbette und am Sectionstische rücksichtlich der 
anatomischen Begründung derselben geliefert hat, sprechen entschieden nicht dafür, viel- 
mehr dagegen. "Wollte der Patholog in Fällen monolateraler Amaurosis, deren Ursache 
erwiesenermassen nicht in der Netzhaut gesucht werden könnte, gemäss der Wolla- 
ston-Müller sehen Theorie den Sitz der Krankheit im Sehnerven diessseits des Chiasma 
suchen , so würde er gewiss ebenso oft fehlen , als wenn er aus Unempfindlichkeit der 
gleichseitigen Netzhauthälften, selbst wenn diese permanent wäre, auf monolaterale Er- 
krankung jenseits des Chiasma schlösse. Die Veränderungen, die man in Wollaston's 
Gehirne etwa 5 Jahre nach der Publication obigen Aufsatzes fand (Umwandlung des 
rechten Thalamus in eine fast hühnereigrosse Geschwulst, braune Färbung und geringere 
Consistenz des rechte Tractus opticus), konnten, wie Makenzie bemerkt, mit den An- 
fallen von Hemiopie in Verbindung stehen, aber auch nicht; denn bei dem ersten An- 
falle hatten die nach links, bei dem zweiten die nach rechts befindlichen Gegenstände 
ein dunkles Aussehen. Fälle von bilateraler Hemiopie, welche zu unbestimmten Zeiten 
und ohne Zeichen von Hirnleiden auftritt, zu Schlüssen auf eine anatomische Begrün- 
dung zu benutzen, ist nach unseren bisherigen Kenntnissen über Nervenleiden noch 
-nicht gestattet. 

Sehen wir aber auch ab von der Beziehung, in welche man bei dieser Theorie des 
Einfachsehens die Nervenfaservertheilung in den Netzhäuten zum Chiasma und zum Ge- 
hirn gebracht hat, so darf auch die andere Hälfte dieser Theorie noch nicht ohne Weiteres 
und ohne alle Einschränkung aufgenommen werden, die nämlich, dass immer nur die- 
selben zwei Punkte oder Elemente der beiden Netzhäute sich zu Einer Empfindung ver- 
einen können. Da der Drehpunkt des Auges nicht mit dem Kreuzungspunkte der Rich- 
tungslinien zusammenfällt, und da die Bulbi selbst in der hintern Hälfte keine regel- 
mässige Gestalt besitzen, so ist schon in vorhinein nicht zu erwarten, dass bei den ver- 
schiedenen Stellungen, in denen wir doch einfach sehen, auch die mehr peripherischen 
Bildpunkte immer auf dieselben anatomisch correspondirenden Netzhautelemente fallen. 
Für Bilder auf der Macula lutea und allenfalls noch der nächsten Umgebung kann die 
Asymmetrie der innern und äussern Hälfte eines jeden Bulbus und das Nichtzusammen- 
fallen des Dreh- und Kreuzungspunktes niemals von Bedeutung sein, wohl aber für weiter 
entfernt gelegene Punkte. Dass wir die theoretisch (nach der Müller sehen Annahme) 
zu erwartenden Doppelbilder im gewöhnlichen Sehen nicht wahrnehmen, ist schon 



56 Netzhaut. 

Volkmann aufgefallen, kann aber weder aus der Schwäche der Sehkraft seitlicher 
Partien , noch aus den ungünstigen Accommodations - Verhältnissen für die seitlichen 
Bilder, noch endlich aus dem sogenannten Wettstreite anatomisch-identischer Netzhaut- 
punkte oder aus Mängeln in der Aufmerksamkeit erklärt werden. Fixirt man mit beiden 
Augen irgend ein nicht zu weit entferntes kleines Object und stellt eine Kerzenflamme 
so weit seitwärts auf, als nur möglich ist, ohne dass der Nasenrücken die Flamme für 
das eine Auge verdeckt, so ist man nicht im Stande irgend eine Verdoppelung der 
Flamme wahrzunehmen, mag man sie abwechselnd höher oder tiefer, näher oder ent- 
fernter aufstellen. Hält man aber bei demselben Vorgange ein Prisma mit einem 
brechenden Winkel von 5 — 7 Graden, so sieht man nicht nur das fixirte Object, son- 
dern auch die Flamme doppelt. Wenn aber zugegeben werden muss, dass peripherisch 
gelegene Theile der Netzhaut beim gewöhnlichen Sehen sehr oft mit relativ diflerenten 
Punkten demselben Objecte zugewendet sind, und wir dennoch auch bei lebhafter, die 
Aufmerksamkeit gewiss weckender Erregung solcher Punkte , z. B. durch eine seitlich 
befindliche Flamme , nicht doppelt sehen, so lässt sich gerade für mehr seitlich gelegene 
Netzhautpartien die Müller sehe Auffassung von der Identität der Netzhäute nicht streng 
durchführen. 

Es ist aber zur Erklärung der Erscheinungen , welche in Bezug auf Einfach- und 
Doppeltsehen vorkommen, keine andere Annahme nothwendig, als die durch den ana- 
tomischen Befund hinreichend motivirte, dass das Centrum der Netzhaut relativ am 
meisten zum Deutlichsehen geeignet ist, und die erfahrungsmässig festgestellte That- 
sache, dass wir schon zur Zeit der Entwicklung des Gesichtssinnes genöthigt sind, 
immer die empfindlichste Stelle eines jeden Auges dem Objecte der Aufmerksamkeit 
zuzulenken. Sowie durch diese Momente die Thätigkeit der Muskeln in ein bestimmtes 
und unabänderliches Verhältniss zur Netzhaut gebracht wird, treten auch die einzelnen 
Partien jeder Netzhaut für sich und beider zu einander in eine bestimmte Beziehung 
zum Bewusstsein, jede Erregung irgend eines Punktes der einen (und der andern) 
Netzhaut wird auf einen bestimmten Ort des Sehfeldes bezogen, welcher in so fern fix 
genannt werden kann, als der Sehwinkel immer derselbe bleibt, und auf diese Weise 
werden die correspondirenden Regionen und Punkte aus einem anatomischen Grunde, 
daher nothwendig erweise identisch, mit um so schärferer Differenzirung (Abgrenzung 
gegen seitlich gelegene), je näher sie der Stelle des deutlichsten Sehens liegen. Die 
Erregung eines Netzhautpunktes, welcher z. B. um zwei Grade links oder um drei 
Grade aufwärts vom Centrum der Macula lutea (inneren Ende der Sehachse) liegt, muss 
in jedem Auge so empfunden werden, als ob ein erregendes Object um zwei Grade 
rechts oder um drei Grade abwärts vom Centrum des Sehfeldes (äussern Ende der 
Sehachse) gelegen wäre. Bei der Lehre vom Schielen wird sich zeigen, dass dieses nicht 
als Einwurf gegen diese Auffassung der Lehre von der Identität aufgestellt werden kann. 

Entoptische Erscheinungen. Gegenstand der Wahrnehmung 
durch den Gesichtssinn können auch Objecte werden, welche sich in 
oder an den durchsichtigen Medien des Auges selbst befinden. Es sind 
diess die schon oben erwähnten entoptischen Erscheinungen (Listing), 
als welche sich auch im physiologischen Zustande vorzüglich die Cen- 
tralgefässe der Netzhaut und kleine dunkle Körperchen in den durch- 
sichtigen Medien geltend machen, die durch Abhaltung von Lichtstrah- 



Entoptisehe Erscheinungen. 



57 



len des Sehfeldes Schatten auf die übrigens hell beleuchtete Netzhaut 
werfen, und sofort durch den Contrast hiezu empfunden und für dunkle 
Objecte des Sehfeldes selbst gehalten werden. Die Schattenbildung 
setzt im Allgemeinen die Gegenwart von Lichtstrahlen voraus, welche 
im Glaskörper in einer parallelen, wenig convergenten oder aber diver- 
genten Eichtung zur Netzhaut verlaufen; der Schatten kann nur durch 
den Contrast zur Beleuchtung und Erregung der umgebenden Netzhaut- 
partien und durch Lenkung der Aufmerksamkeit auf die beschatteten, 
i. e. nicht erregten Netzhautstellen wahrgenommen werden. 

"Wir haben oben bemerkt, dass, sobald das lichtsendende Object 
nicht bis zur vordem Brennpunktsebene oder noch näher an das Auge 
gerückt ist, dem äussern Lichtkegel ein innerer entspricht, dessen Spitze 
in der entsprechenden Richtungslinie vor, auf oder hinter die Netzhaut 
fällt, je nach dem Verhältnisse zwischen der Entfernung des Objectes 
von der Hornhaut und der Entfernung der Netzhaut hinter der Linse. 
Betrachten wir, was hier ohne erheblichen Fehler geschehen kann, die 
Vorderfläche der Cornea als die gemeinschaftliche Basis oder Tren- 
nungsfläche beider Lichtkegel, so kommt von dieser Vorderfläche ein 
etwas grösserer Kreis als die jeweilige Pupillengrösse in Betracht. Ge- 
setzt nun, ein Auge, wie in Fig. A, wäre für den leuchtenden Punkt 




aecommodirt, so würden die bis in den Glaskörper eingedrungenen 
Strahlen in dem Punkte ein scharfes und helles Bild entwerfen. Be- 
fände sich aber im Verlaufe der Richtungslinie Oxo ein undurchsich- 
tiger Körper aß von einem Durchmesser, der kleiner als der der Pupille 
ist, so würde trotzdem durch die Randstrahlen noch immer ein schar- 
fes, nur weniger helles Bild vermittelt werden, wenn jener Körper aß 
auf der Cornea, vordem oder hintern Kapsel u. s. w. bis zu einer ge- 
wissen Grenze tiefer sitzt, und wir vorläufig davon absehen, dass durch 
Abhaltung aller Centralstrahlen die Vereinigungsweite eigentlich etwas 
verkürzt wird. Je weiter rückwärts im Auge sich derselbe dunkle Kör- 
per aß befände, desto mehr Strahlen des immer enger werdenden Kegels 
würde er auffangen, endlich alle, und nahe vor der Netzhaut würde 



58 Netzhaut. 

ein ungleich kleinerer Körper hinreichen, sänmitliche Strahlen abzuhal- 
ten. (Die punktirten Linien in Fig. A zeigen ohngefähr den Gang der 
Lichtstrahlen von einem seitlich gelegenen Objectpunkte U bis zu ihrer 
Vereinigung in u, um beiläufig ersichtlich zu machen, bei welcher Lage 
und in welchem Grade dunkle Körper, die nicht in die betreffende 
Richtungslmie Uxu fallen, Einfluss auf das Netzhautbild eines seitlich 
gelegenen Punktes nehmen können.) 

Wäre ein Auge nicht für die Objectdistanz accommodirt, sondern 
fiele die Vereinigungsstelle der Strahlen eines leuchtenden Punktes merk- 
lich vor oder hinter die Netzhaut, dann würde ein dunkler Körper von 
derselben Ausdehnung wie im vorigen Falle, sobald er irgendwo hinter 
der Pupille läge, ungleich mehr zur Abhaltung von Strahlen eines oder 
mehrerer Kegel wirksam sein, wie sich aus der Betrachtung der Figur 
B ergibt, wo die aus relativ zu grosser Entfernung kommenden Strahlen 




des (in der Zeichnung abgestutzten) Kegels Oba sich schon in o vereini- 
gen, und die Netzhaut erst als Zerstreuungskreis treffen, wogegen die 
von dem relativ zu nahen Punkte P ausfahrenden Strahlen Pab sich erst 
in p vereinigen könnten, daher auf der Netzhaut gleichfalls einen (durch 
die punktirten Linien angedeuteten) Zerstreuungskreis bilden würden. 
Nimmt man den dunkeln Körper aß ebenso gross an, wie im vorigen 
Falle, und vergleicht, welchen Einfluss er, bei correspondirender Entfernung 
von der Netzhaut, auf die Abhaltung von Strahlen eines Kegels nehmen 
kann, so ergeben sich leicht die wichtigsten Anhaltspunkte für die nö- 
thigen Deductionen. — Denkt man sich von a und von ß in irgend einer 
Lage (z. B. gerade in der Mitte der Sehachse) gerade Linien nach p ge- 
zogen, so gäbe ihr Abstand von einander an der Stelle, wo sie die Netz- 
haut schneiden, den Durchmesser des Schattens, den aß in dieser Lage 
auf die Netzhaut werfen würde, wenn wir vorläufig nicht in Anschlag 
bringen, wie viel von dem beschatteten Areal im Kern- und wie viel 
im Halbschatten liegen würde. Die Grösse des beschatteten Areals 
würde offenbar verschieden ausfallen, je nach der Entfernung des dun- 
keln Körpers aß von der Netzhaut und je nach der Entfernung des ima- 



Eutoptisehe Erscheinungen. 59 

ginären Vereinigungspunktes p von der Netzhaut (Convergenz der durch 
den Glaskörper zur Netzhaut laufenden Lichtstrahlen). Gleichwie aber ein 
solcher Schatten einen aliquoten (z.B. 100.) Theil der Netzhaut deckt, nimmt 
auch der ihm entsprechende Eindruck, für ein reelles Object des Seh- 
feldes gehalten, immer einen gleichgrossen aliquoten (100.) Theil des 
Sehfeldes ein., wird mithin beim Blick in die Ferne grösser angeschla- 
gen, als beim Blick in die Nähe, weil wir eben nur den Zustand der 
Netzhaut empfinden, und weil wir anderweitig erfahren haben, dass ein 
fernes Object entsprechend seiner Entfernung grösser ist, als ein nahes, 
sobald beide denselben aliquoten Theil des Sehfeldes einnehmen. — 
Kennen wir die Thatsache, dass in den durchsichtigen Medien eines 
jeden Auges immer einzelne elementare Körperchen vorhanden sind, 
welche unter entsprechenden optischen Verhältnissen hinreichen, Schatten 
auf die Netzhaut zu werfen, und als solche wahrgenommen werden 
können, so ergibt uns eine Vergleichung der beiden Figuren A und B 
beiläufig die Erklärung, warum solche Körperchen, bekannt als fliegende 
Mücken, vorzüglich bei abnormem Refractionszustande (ungenügender 
Accommodation) wahrgenommen werden, und warum z. B. der davon 
gequälte Kurzsichtige dieselben momentan verscheuchen kann, wenn er 
den Refractionszustand durch eine entsprechende Concavbrille corrigirt, 
mithin bewirkt, dass die Strahlen sich nicht mehr vor, sondern erst auf 
der Netzhaut vereinigen. 

Rücken wir den leuchtenden Punkt bis in die vordere Brennpunkts- 
ebene oder noch näher an das Auge, so werden die auf dasselbe Cor- 
neaareal tauenden Strahlen so gebrochen, dass sie endlich durch den 
Glasköi-per unter einander parallel (wie in Fig. C der Cylinder cdef), 
oder divergirend (wie der umgekehrte abge- /?/,, g 

stutzte Kegel ehcgi verlaufen. Unter diesen 
Verhältnissen können dunkle Körper in den 
durchsichtigen Medien auch dann, wenn sie 
sehr weit von der Netzhaut entfernt (z. B. 
auf der Cornea) sitzen und relativ klein sind, 
sehr leicht Schatten werfen, dessen Areal 
bei divergentem Lichte sogar noch grösser ausfällt, als der dunkle Kör- 
per selbst. Da aber zur Wahrnehmung solcher Schatten helle Beleuch- 
tung der umgebenden Netzhautpartien erforderlich ist, so muss man, um 
auch ganz kleine Körperchen zur Wahrnehmung zu bringen, in die Ge- 
gend der vordem Brennpunktsebene, also 5—6"' vor die Hornhaut, einen 
stark leuchtenden Punkt bringen, von welchem aus die Strahlen diver- 
girend aufs Auge gelangen. Auf eine sehr einfache Weise erreicht man 




60 Netzhaut. 

diess, wenn man durch eine möglichst feine Öffnung eines Kartenblattes 
(mit einer feinen Nadel gestochen) oder einer geschwärzten Metallplatte 
gegen das Firmament oder auf die matt geschliffene Glaskugel einer Öl- 
lampe blickt; auch das kleine Spiegelbildchen eines gut polirten Metall- 
knopfes oder eines Fingerringes, in der oben bestimmten Entfernung 
fixirt, kann hiezu benützt werden, oder eine Convexlinse von sehr kur- 
zer Brennweite (wie die Objectivgläser von Mikroskopen), wenn man 
sie einer lichten Fläche gegenüber nahe vor dem Auge hält, u. m. A. 
Blickt man z. B. durch eine solche feine Öffnung, so bemerkt man zu- 
nächst eine lichte Scheibe {df in Fig. Cj, welche der Form - und Grösse 
nach der Pupille entspricht, der Form nach jedoch umgekehrt. Wird 
während des Experimentes mit dem einen Auge das andere abwechselnd 
beschattet und beleuchtet, wodurch bekanntlich Erweiterung und Ver- 
engerung nicht bloss einer, sondern beider Pupillen bewirkt wird, so er- 
weitert und verengert sich auch die in Bede stehende lichte Scheibe. 
Hätte die Pupille des experimentirenden Auges eine dreieckige Gestalt 
mit aufwärts gerichteter Spitze (A), so würde dasselbe die lichte Scheibe 
dreieckig mit abwärts gerichteter Spitze (v) wahrnehmen, denn die Strah- 
len kreuzen sich nicht im Innern des Auges (das von dem Punkte b 
in Fig. C rückwärts tretende Licht gelangt zum Punkte f, wird also, 
falls wir b und f als oben liegend betrachten, auf einen unten gelege- 
nen Punkt bezogen, oder, wenn wir uns genau an diese Zeichnung hal- 
ten , da f auswärts von der Macula lutea liegt, so wird eine Erregung 
der Netzhaut an dieser Stelle auf ein einwärts gelegenes Object bezo- 
gen). Die bei schleichender Iritis fast constant vorkommenden punkt- 
förmigen Beschläge an der hintern Wand der Cornea können auf diese 
Weise dem Kranken sichtbar gemacht werden, wenn sie noch in dem 
Hornhautareal liegen, von welchem Licht durch die Pupille eindringen 
kann; er sieht sie im Gesichtsfelde oben, wenn sie, wie in der Regel, 
an der untern Hornhauthälfte haften. Bei diesen Experimenten muss 
die Platte unverrückt am Gesichte und auch das Auge ruhig gehalten 
werden. — In dieser lichten Scheibe nun sieht auch ein ganz gesundes 
Auge sehr leicht die unter dem Namen der fliegenden Mücken (Muscae 
volitxmtes, Myodes) bekannten Ringelchen oder Kügelchen, welche ein- 
zeln, meist jedoch perlenschnurförmig angeordnet im lichten Sehfelde 
auftreten. Sie liegen in verschiedenen Schichten oder Lagen hinter- 
einander. Die der Netzhaut näher liegenden erscheinen dunkler und 
schärfer begrenzt. Alle bieten eine gewisse Beweglichkeit dar; nicht 
bloss, dass sie gleichsam ausweichen, wenn man sie, sobald sie zeitlich 
von der Sehachse auftreten, ins Bereich des directen Sehens bringen 



Entoptische Erscheinungen. 61 

(fixiren) will, sie bewegen sich auch noch ein Moment und eine kurze 
Strecke im Sehfelde, wenn man das Auge plötzlich still hält, z. B. die 
Spitze eines Blitzableiters fixirt. Alles spricht dafür, dass diesen Er- 
scheinungen elementare Körperchen der durchsichtigen Medien, beson- 
ders des Glaskörpers, zu Grunde liegen, welche unter den gewöhnlichen 
Verhältnissen von einem gesunden Auge nicht wahrgenommen werden. 
Buete ist nach seinen Untersuchungen über ihre Lage und objective Grösse 
geneigt, diese Körperchen für eine Art Zellen zu halten, welche als ein 
normaler morphologischer Ausdruck einer im Stoffwechsel begriffenen 
Substanz sich erzeugen. Vor Allem möchte hier wohl an die Epithelial- 
gebilde des Glaskörpers, vielleicht auch der Linsenkapsel zu denken 
sein. — Durch zahlreiche Experimente der eben angegebenen Art hat 
Listing nachgewiesen, dass sich in den durchsichtigen Medien der mei- 
sten Menschen noch andere, mehr weniger dunkle oder das Licht anders 
brechende Stellen befinden, besonders in der Linse, welche für gewöhn- 
lich das Gesicht nicht merklich beeinträchtigen. Er hat sie als die 
beharrlichen Binnenobjecte des Auges beschrieben und abgebildet. Sie 
vermitteln so zu sagen den Übergang zu den pathologischen Trübungen, 
welche sich vermöge ihrer Grösse und Zahl durch Functionsstörung 
kund geben, und in Bezug auf Sitz und Form dem Kranken durch die 
oben erwähnten Experimente, dem Arzte aber durch die Untersuchung 
mit dem Augenspiegel zur Anschauung gebracht werden können. Der 
Sitz derselben lässt sich ziemlich genau bestimmen, wenn man den leuch- 
tenden Punkt (die Schirmöffnung) langsam vor dem Auge verschiebt, wo- 
bei die im Niveau der Pupille liegenden unverrückt bleiben, die vor 
der Pupille befindlichen sich bei nach rechts gehender Verschiebung 
nach links, die hinter der Pupille liegenden dagegen nach der gleichna- 
migen Seite des lichten Sehfeldes zu bewegen scheinen. 

Von divergirenden Lichtrahlen wird die Netzhaut auch dann ge- 
troffen , wenn zu starkes Licht auf die Sclerotica fällt, oder wenn das 
Pigment der Ader- und Regenbogenhaut relativ zu spärlich ist, um das 
in dieselben eindringende Licht hinlänglich zu absorbiren, aber auch 
dann, wenn in den durchsichtigen Medien halbdurchsichtige oder durch- 
scheinende, überhaupt solche Trübungen vorhanden sind, die einen re- 
lativ grossen Theil auffallenden Lichtes durchlassen. In dem einen wie 
in dem andern Falle wird nämlich Licht im Innern des Auges diffundirt, 
und trifft die Netzhaut mehr weniger divergent. Gleichwie das auf einen 
undurchsichtigen Körper mit rauher Oberfläche auffallende Licht unre- 
gelmässig reflectirt (zerstreut) wird, und so diesen Körper sichtbar macht, 
wird das durch einen mehr weniger durchscheinenden Körper, z. B. ein 



G2 Netzhaut. 

transparentes Papier, eine mattgeschliffene Glasplatte u. dergl., durch- 
gelassene Licht unregelmässig gebrochen (diftundirt) , und strahlt nun 
von der Eiickseite desselben nach allen Richtungen so aus, wie das un- 
regelmässig reflectirte von der Vorderseite.*) Durch grössere Mengen 
diffusen Lichtes auf der Netzhaut wird aber die Wahrnehmung äusserer 
Objecte beeinträchtigt, weil dann theils nicht hinreichend scharf begrenzte, 
sondern von Zerstreuungskreisen umgebene Objectbilder zu Stande kom- 
men, theils der zum deutlichen Sehen erforderliche Contrast in der Er- 
regung der einzelnen Netzhautstellen vermindert wird. Andererseits 
aber werden durch diffuses (weil divergentes) Licht die Bedingungen 
zu entoptischen Erscheinungen gegeben. — Diese Betrachtung gibt uns 
den Schlüssel zur Erklärung, wie das Gesicht bei Pigmentmangel, bei 
halbdurchsichtigen Hornhauttrübungen, bei dünnen Exsudaten in der 
Pupille u. s. w. weit mehr gestört sein kann, als bei partiellen undurch- 
sichtigen Trübungen, und warum diese Zustände so oft von Mückense- 
hen begleitet sind. Sie gibt uns das Verständniss der interessanten 
Thatsache, dass wir die Centralgefässe der Netzhaut, welche vor den 
die Lichtperception vermittelnden Netzhautelementen liegen, uns als 
Schatten sichtbar machen können, wenn wir concentrirtes Licht auf eine 
Stelle der Sclerotica fallen lassen (nach Listing Sonnenlicht durch eine 
kleine Öffnung eines dunkeln Schirmes), oder eine Kerzenflamme in 
einem dunkeln Räume nahe vor dem Auge wiederholt im Kreise herum 
führen {Purkinje), oder eine feine Öffnung eines Kartenblattes nahe vor 
dem Auge hin und her bewegend, den Blick auf eine lichte Wolke oder 
auf die matte Glaskugel einer Lampe richten. 

Untersuchung mit dein Augenspiegel. Nicht alles Licht, wel- 
ches bis zur Netz- und Aderhaut eingedrungen, wird daselbst absorbirt; 
ein aliquoter Theil davon wird reflectirt, und zwar unregelmässig, d. h. 
nach allen Richtungen durch den Glaskörper zerstreut. Demnach strahlt 
von dem beleuchteten Augengrunde immer ein aliquoter Theil Licht so 
wie von jedem andern sichtbaren Gegenstande aus, und hängt die Rich- 
tung der reflectirten Strahlen nicht wie bei der regelmässigen Reflexion 
vom Einfallswinkel der einfallenden Strahlen ab. 



*) Frof. Donäers benützte mattes Fensterglas, um ein Zimmer, in welches wegen hoher, nahe vor dem 
Fenster befindlicher Gebäude nur schief von oben Licht einfiel, in seiner ganzen Tiefe zu erhellen. 
Bei gewöhnlichem durchsichtigem Fenstcrglase fiel das Licht nur in den Thojl des Zimmers, der 
dem Fenster nahe war. Sobald man die mattgeschliffenen Scheiben eingesetzt hatte, ward diess von 
oben kommende Licht durch das ganze Zimmer diffus verbreitet; das matte Glas wurde Lichtquelle. 
Dr. Wyngaarden, über die Anwendung der von Donders entdeckten stenopäischen Brillen, in von 
Grä/e's Archiv für Ophthalmologie, Bd. I. Abtheil. 1. 1S54. S. 251. 



Augenspiegel. 63 

Von dem am Augengrunde reflectirten Lichte gelangt nur ein klei- 
ner Theil durch den dioptrischen Apparat vor das Auge. Ein grosser 
Theil trifft auf die dunkle Wandung des hintern Augenraumes, nament- 
lich auf das Corpus ciliare und die Hinterfläche der Iris, und wird da- 
selbst absorbirt; zum Theil auch wieder reflectirt. Die Menge der Strah- 
len, welche vermöge ihrer Richtung noch durch die Pupille austreten 
könnten, wird endlich noch um etwas vermindert dadurch, dass beim 
Übergange derselben aus dem einen in das andere Medium immer einige 
Strahlen theils durch Spiegelung, theils durch Zerstreuung abgetrennt 
werden, mithin verloren gehen. Da nun die wenn auch nicht völlig, 
so doch in hohem Grade durchsichtige Netzhaut mit Ausnahme der 
Sehnervenpapilla und der Centralgefässe überhaupt wenig Licht zurück- 
wirft, daher im normalen Zustande an und für sich beinahe unsichtbar 
ist, da ferner die dunkelpigmentirte Aderhaut den grössten Theil des 
auffallenden Lichtes absorbirt, und da endlich die Öffnung für das ein- 
fallende und ausfahrende Licht (die Pupille) immer relativ eng ist, so 
leuchtet von selbst ein, dass aus einem gesunden Auge unter den ge- 
wöhnlichen Verhältnissen überhaupt sehr wenig Licht herausgeworfen 
werden kann. 

Nach Abschlag der verloren gehenden Strahlen bleibt also für jeden 
beleuchteten und lichtreflectirenden Punkt des Augengrundes immer ein 
Strahlenkegel übrig, dessen Spitze jener Punkt, dessen Basis ein. die 
jeweilige Pupillenweite etwas (an Grösse) übertreffendes Areal der Cor- 
nea bildet. Wir können nämlich auch hier ohne beträchtlichen Fehler 
als Basis dieses Kegels den mittlem Theil der Cornealvordernache be- 
trachten, da die Strahlen bei ihrem Durchgänge durch die Linse und 
das Kammerwasser noch immer eine divergente Richtung zu einander 
haben. Ebenso können wir, wenn sich's um die Bestimmung der Rich- 
tung der ausfahrenden Strahlen vor dem Auge handelt, auch hier wie 
früher ohne erheblichen Fehler von einer einfachen Richtungslinie nach 
Yolkmann sprechen. Strahlen, welche vom Centrum der Macula lutea 
ausgehen, können daher nach ihrem Austritte aus dem Auge, wenn 
überhaupt, nur in irgend einem Punkte der betreffenden Richtungslinie, 
welche hier mit der Sehachse zusammenfällt, sich vereinigen. Sollten 
Strahlen, welche von der Eintrittsstelle der Arteria centr. retinae aus- 
gehen, vor dem Auge aufgefangen werden, so müsste man das auffan- 
gende Object (das beobachtende Auge) in der Richtung einer geraden 
Linie entgegenstellen, welche von jener Eintrittsstelle durch den Kreu- 
zungspunkt der Richtungslinie auswärts verliefe. 

Ob und wo die von einem Punkte des Augengrundes ausgefahre- 



64 Netzhaut. 

nen Strahlen sich in der genannten Richtung- vereinigen, das hängt, 
wenn wir die Cornea und Linse in ihrer Form und Lage als unverän- 
derlich voraussetzen, von der Lage des leuchtenden Punktes, respective 
der Netz- und Aderhaut ab. a) Läge die Netzhaut unendlich weit hin- 
ten, d. h. gingen die von einem Punkte derselben reflectirten Licht- 
strahlen unter einander parallel durch den Glaskörper, dann vereinigten 
sich dieselben vor dem Auge in der vordem Brennpunktsebene, also 
5 x ji'" vor der Hornhaut, b) Läge dagegen die Netzhaut in der hintern 
Brennpunktsebene (ohngefähr 10'" hinter der Cornealvorderfläche), dann 
verliefen die ausfahrenden Strahlen vor dem Auge parallel zu einander, 
und bildeten einen Strahlencylinder, dessen Durchschnitt etwas grösser, 
als die jeweilige Pupille, dessen Achse die genannte Richtungslinie 
wäre, d. h. wäre ein Auge so fernsichtig, dass nur Strahlen von un- 
endlich fernen Objecten gerade auf der Netzhaut, Strahlen von näher 
gelegenen Objecten dagegen erst hinter derselben zur Vereinigung 
kämen, dann würden die vom Augengrunde ausfahrenden Strahlen vor 
dem Auge unter einander parallel verlaufen, c) Rückte die Netzhaut 
vor diese Grenze näher zur Linse , so würden die von ihr reflectirten 
Strahlen, woher sie auch stammten, nach ihrem Austritte aus dem Auge 
noch divergiren, und einen Kegel darstellen, dessen Spitze in dem Auge, 
dessen Basis in unendlicher Ferne zu suchen wäre, d) Im Allgemeinen 
liegt aber die Netzhaut (der Augengrund) zwischen a und b, und zwar 
nicht gar weit hinter b, bilden demnach die von ihr ausfahrenden Strah- 
len vor dem Auge einen mehr weniger langen Kegel, dessen Basis auf 
der Vorderfläche der Cornea, dessen Spitze bald mehr, bald weniger 
weit von dieser Basis entfernt liegt, a) Setzen wir den Fall, ein Auge 
sei für eine Objectdistanz von 12 Zoll accommodirt, d. h. die aus einer 
Distanz von 12 Zoll von einem Punkte ausgehenden Strahlen werden 
genau in einem Punkte der Netzhaut vereinigt, so müssen bei diesem 
Accommodations- oder Refractionszustande des Auges auch die von 
einem Punkte der Netzhaut ausfahrenden Strahlen in der Distanz von 
12 Zoll vor dem Auge zusammentreffen. Wäre aber ein Auge so kurz- 
sichtig, dass es ein 12 Zoll entferntes Object nur durch Zerstreuungs- 
kreise wahrnehmen könnte, i. e. dass die von dem 12 Zoll entfernten 
Objecte kommenden Strahlen schon vor der Netzhaut sich vereinigten, 
dann würden die von der Netzhaut aus den Augen fahrenden Strahlen 
nicht erst bei 12 Zoll, sondern näher an dem Auge sich vereinigen. 
ß) Wäre endlich ein Auge für ein fernes Object z. B. von 20 Fuss ac- 
commodirt, so würden die von irgend einer nähern Lichtquelle stam- 
menden Lichtstrahlen, z. B. aus 2 Fuss Entfernung, auf ihrer Rückkehr 



Augenspiegel. 65 

aus dem Auge nicht bei 2, sondern bei 20 Fuss Entfernung vor dem 
Auge vereinigt werden. — Die ausfahrenden Strahlen bilden daher unter 
den gewöhnlichen Verhältnissen einen Strahlenkegel, dessen Basis ein 
die jeweilige Pupillengrösse etwas übersteigendes Hornhautareal, dessen 
Achse die Ricbtungslinie des reflectireuden Netzhautpunktes, und dessen 
Lauge von dem jeweiligen Acconnnodationszustande des Auges (Abstand 
der Netzhaut von der Cornea und Linse, oder Lauge des innern Kegels) 
abhängig ist. 

Von der Menge, Richtung und Neigung der ausfahrenden Strahlen 
vor dem Auge hängt die Möglichkeit ab, die Objecte, von welchen sie 
ausgehen (also die Netzhaut, Sehnervenpapille, Chorioidea u. s. w.) zu 
sehen, denn nur solche Objecte können gesehen werden , die eine ge- 
wisse Menge Lichtes und zwar iu einer bestimmten Richtung in das 
beobachtende Auge senden, und deren Strahlen zu einander eine be- 
stimmte Neigung haben oder, was dasselbe bedeutet, die unter einem 
bestimmten Einfallswinkel auf die Hornhaut gelangen. Während die 
ersten beiden Bedingungen wohl von selbst verständlich sind, muss in 
Bezug auf die dritte noch bemerkt werden, dass nur divergent oder 
nahezu parallel zu unserem Auge gelangende Strahlen auf der Netzhaut 
vereinigt werden können, hingegen convergent auffallende Strahlen durch 
die Hornhaut und Linse einen solchen Grad von Convergenz erhalten, 
dass sie sich schon mehr weniger nahe an der Linse vereinigen, und 
die Netzhaut erst jenseits dieser Vereinigung treffen, daher kein Bild, 
nur Zerstreuungskreise auf derselben entwerfen können. Ebenso muss 
ausdrücklich hervorgehoben werden, dass auch hier, wie bei jedem 
Deutlichsehen überhaupt, der Winkel, unter welchem die je zwei Ob- 
jectpunkten (des zu beobachtenden Augengrundes) zugehörenden Ach- 
senstrahlen (Richtungslinieni in das beobachtende Auge gelangen, i. e. 
der Sehwinkel weder zu gross noch zu klein sein darf. 

Unter den gewöhnlichen Verhältnissen ist die Menge der aus dem 
Auge ausfahrenden Strahlen zu gering, und die Neigung derselben zu 
einander eine convergente, oder nahezu parallele. Solche Strahlen, in 
ein beobachtendes Auge gelangend, können entweder wegen zu gerin- 
ger Menge gar keine Wahrnehmung der lichtsendenden Objecte (Netz- 
und Aderhautj erregen, — die Pupille erscheint schwarz, oder sie ver- 
mitteln nur eine unbestimmte (formlose; Wahrnehmung, — ein röthliches 
Aufleuchten des beobachteten Augengrundes. Die Menge der ausfah- 
renden Strahlen fällt auch bei ziemlich weiter Pupille hauptsächlich 
dann zu gering aus, wenn die ausfahrenden Strahlen eine convergente 
Lage haben, weil dann das beobachtende Auge, um sie aufzunehmen, 

Arlt Augenheilkunde. III. 5 



66 Netzhaut. 

sich dem beobachteten Auge gegenüber stellen, mithin jede stärkere 
Beleuchtung des zu beobachtenden Augengrundes hindern muss. Könn- 
ten wir mitten durch eine vor unserem Auge befindliche Kerzenflamme 
hindurch in das zu beobachtende Auge schauen, dann würden wir des- 
sen Grund jederzeit roth aufleuchten sehen, und könnten wir überdiess 
die von demselben ausfahrenden Lichtstrahlen eines jeden Kegels für 
unser Auge entsprechend divergent, mindestens parallel machen, dann 
würden wir die Gebilde im Grunde jenes Auges auch ihrer Form nach 
wahrnehmen, die Netz- und Aderhaut sehen können. 

Unter abnormen (krankhaften) Verhältnissen kann der Grund des Auges auch ohne 
die angedeuteten Hilfsmittel leuchtend, ja selbst sichtbar "werden. Dringt, wie bei den 
Kakerlaken, eine grössere Menge diffusen Lichtes durch die Sclerotica und Iris in den 
hintern Augenraum, so leuchtet der Augengrund roth auf, sobald wir auch nur einen 
Theil der zahlreich reflectirten Strahlen aufzufassen in die gehörige Lage (Richtung) 
kommen. Dasselbe findet statt, wenn wegen stark erweiterter Pupille viel Licht ein- 
und ausstrahlt. Wird wegen ausgebreiteter Trübung der Netzhaut oder wegen stellen- 
weiser Pigmentlosigkeit der Chorioidea , z. B. bei grösserem Chorioidealspalte ( Colo- 
boma) ungewöhnlich viel Licht reflectirt, so leuchtet der Augengrund auch bei matter 
Beleuchtung in der Farbe der vorwaltend reflectirten Strahlen. — Rückt die Netzhaut 
abnorm vorwärts, wobei sie, wie bei Ablösung von der Chorioidea durch Exsudat, auch 
getrübt wird, dann müssen die von ihr zahlreich reflectirten Strahlen vor dem Auge 
divergent verlaufen, und können in hinreichender Menge und in bestimmter Entfernung 
von einem beobachtenden Auge aufgenommen, auf dessen Netzhaut ein Bild der beob- 
achteten Netzhaut erzeugen. Strahlen , aus der Gegend der hintern Kapsel reflectirt, 
geben uns, weil sie stark divergent aus dem Auge treten, ein aufrechtes und vergrös- 
sertes Bild des Objectes, von dem sie ausgehen, so wie wir die Iris, die Pupille, einen 
vordem Centralkapselstaar u. s. w. immer etwas vergrössert sehen, indem die von ihnen 
ausfahrenden Strahlen vermöge des Durchganges durch das Kammerwasser, die Cor- 
nea und die Luft mehr divergent zu unserem Auge gelangen, als es ohne Dazwischen- 
kunft der Cornea der Fall sein würde. In allen Fällen, wo das die Lichtstrahlen reflec- 
tirende Object, z. B. die vorwärts gedrängte Netzhaut, eine Trübung an der hintern 
Kapsel u. dgl. innerhalb der Brennweite der vor ihm liegenden dioptrischen Medien 
liegt, wirken diese so wie eine Loupe, und liefern dem beobachtenden Auge ein auf- 
rechtes, mehr weniger vergrössertes Bild. — Dass bei von Cataracta Geheilten der 
Grund des Auges weder leuchtend noch sichtbar, im Gegentheil die Pupille auffallend 
schwarz erscheint, obwohl die Netzhaut nun, wo die Linse fehlt, so weit vor der 
Vereinigungsweite für terrestrische Gegenstände liegt , dass die von ihr ausfahrenden 
Strahlen vor dem Auge wenigstens parallel verlaufen, hat seinen Grund wohl darin, 
dass bei fehlender Linse die Pupille immer relativ sehr eng ist , und dass , wenn sich 
die Pupille ja stark erweitern lässt, in den meisten, wo nicht in allen Fällen nur ein 
kleines Areal hinter ihr frei von trüben Kapsel- und Linsenresten ist, welche das Er- 
kennen der tiefer gelegenen Objecte hindern. ( Wenn wir den Gehörgang mit dem 
Ohrenspiegel untersuchen , ist ein einziges Haar , welches in das Lumen des Spiegels 
hereinragt, im Stande, uns in der Unterscheidung der Einzelheiten des Trommelfelles zu 
iindern.) — Eine in den Glaskörper hineinragende melanotische Ablagerung könnte, 



Augenspiegel. 67 

obwohl innerhalb der Brennweite der vor ihr liegenden Medien gelegen , nicht sichtbar 
werden, wenn sie zu viel Licht absorbirte. Aus diesem Grunde können uns auch dunkle 
Glaskörpertrübungen trotz beträchtlicher Grösse , z. B. Blutergüsse , nicht sichtbar wer- 
den. — Liegt der Augengrund dagegen abnorm tief hinter der Hornhaut und Linse, 
dann kann von den Strahlen, welche ein Punkt daselbst reflectirt, ceteris paribus we- 
niger Licht aus dem Auge herausgeworfen werden, weil eben. dieser lichtsendende Punkt 
weiter von der Linse und Hornhaut entfernt ist, und die jedem Lichtkegel angehörende 
Menge von Lichtstrahlen an der gleichen Basis des Kegels sich umgekehrt wie das 
Quadrat der Entfernung derselben vom leuchtenden Punkte verhält. Diess ist wohl der 
Grund, warum die Pupille des Kurzsichtigen ceteris paribus reiner schwarz erscheint, 
warum Augen mit nachweisbarer auffallender rigmentarmuth in der Gegend des hintern 
Poles dennoch eine tief schwarze Pupille zeigen, sofern sie in der Richtung der Sehachse 
verlängert sind, was sich, wie wir in dem Capitel über Kurzsichtigkeit zeigen werden, 
anderweitig constatiren lässt. 

Nachdem Brücke den Vordersatz nachgewiesen hatte, dass vom Grunde des Auges Licht 
reflectirt werde, war es dem gleich genialen Königsberger Professor Helmholtz vorbehalten, die 
Gründe zu erkennen, warum wir die Netzhaut nicht sehen, und die Mittel zu finden, um dieses 
letztere zu ermöglichen. Die Aufgabe war eine dreifache: der zu beobachtende Augengrund 
musste hinreichend beleuchtet, das beobachtende Auge in die Richtung der ausfahrenden Strah- 
len versetzt, und diesen selbst musste, ohne zu grosse Beeinträchtigung ihrer Menge und des 
Sehwinkels für das beobachtende Auge eine solche Neigung zu einander (ein solcher Einfalls- 
winkel) gegeben werden, dass sie auf der beobachtenden Netzhaut zu einem Bilde zusammen 
treten können, die ausfahrenden Strahlen mussten aus convergenten in parallele oder divergente 
verwandelt werden. Die Lösung war der Hauptsache nach gegeben, wenn man das Licht 
einer Lampe in einem verfinsterten Zimmer so auf eine gut polirte Glasplatte fallen Hess, dass 
die davon reflectirten Strahlen in das zu beobachtende Auge gelangten, der Beobachter von 
der Rückseite der Glasplatte durch dieselbe in das beobachtete Auge schaute, und vor sein 
Auge ein Concavglas von 6 — 12 Zoll Brennweite hielt. 

Es sei, wie in Fig. 1. (S. 69) G das beobachtende, D das beobachtete Auge, A die Flam- 
me, und C die Glasplatte, alle in ziemlich gleicher Höhe über dem Fussboden in einem 
finstern Zimmer. Bei einer Anordnung, wie ohngefähr in nachstehender Figur, fällt von 
der Vorderseite des Glases Licht in das Auge I) und von der Rückseite kann das Auge 
G Licht erhalten, welches vom Grunde des Auges D reflectirt wird und durch die 
Glasplatte durchgeht. So ist es für G möglich, in derselben Richtung in das .Auge D 
zu schauen , in welcher hinreichendes Licht in dasselbe einfällt und aus demselben aus- 
fährt: so empfängt G Licht aus der Tiefe von 1) und sieht dessen Pupille scheinbar 
leuchten. Damit aber G die Einzelheiten des Augengrundes von D zu unterscheiden 
vermöge, müssen noch die von jedem einzelnen Punkte desselben ausfahrenden Strahlen- 
kegel wieder in je einem Punkte der Netzhaut G vereinigt werden können , und müssen 
überdiess die den zu sehenden Netzhautpunkten von D entsprechenden Richtungslinien in 
dem Auge G einen weder zu kleinen noch zu grossen Winkel (Sehwinkel) einschliessen. 
Suchen wir zunächst die Vereinigungsweite und zeichnen wir uns wie in Fig. l.den 
Gang der Lichtstrahlen für einen leuchtenden Punkt von A. — Von den Strahlen 
welche dieser Punkt aussendet, gelangt ein Kegel schräg auf die Glasplatte. Ein Theil 
hievon geht in unveränderter Richtung durch, mithin verloren ; ein Theil wird gegen D 
hin reflectirt, und zwar regelmässig, mithin unter solcher Richtung und Neigung (Diver- 
genz) , als käme er von dem imaginären Punkte B, welcher (wie die gestrichelten 

5* 



68 Netzhaut. 

Linien zeigen) eben so weit hinter der Glasplatte liegt, als A vor derselben. Von den 
gegen D hin reflectirten Strahlen können nur die zwischen ac und bd liegenden durch 
die Pupille eindringen, doch geht auch von diesen ein Theil durch Reflexion verloren, 
namentlich an der Vorderfläche der Cornea, wo ein die Beobachtung mehr weniger stö- 
rendes Spiegelbild entsteht. Von diesem wie von dem Verluste durch unregelm'ässige 
Reflexion wollen wir vorläufig absehen. Die in das Auge D eindringenden Strahlen 
werden ihrer Richtung nach durch Bxe , ihrer Convergenz nach durch die Entfernung 
des Punktes B (A) von D bestimmt, wenn x den Kreuzungspunkt der Richtungslinien 
bezeichnet. Liegt B in den Grenzen der deutlichen Sehweite für D , und ist D für die 
Entfernung von B accommodirt, so fällt die Spitze des innern Kegels in D auf die Netz- 
haut, und zwar auf die Macula lutea (o) , falls D nach B , d. i. nach dem Spiegelbilde 
auf der Glasplatte visirt, hingegen auf die Sehnervenpapille (e), falls D, wie in der 
Zeichnung, neben der scheinbaren Flamme nach H visirt, tmd H ebenso weit von D ab- 
steht, als B. Wäre D für einen merklich näheren oder ferneren Punkt accommodirt, so 
fiele der Vereinigungspunkt der ^Lichtstrahlen vor oder hinter die Netzhaut, und diese 
würde in dem einen wie in dem anderen Falle in grösserer Ausdehnung (Zerstreuungs- 
kreis), wenn auch minder intensiv beleuchtet. 

"Welchen Gang nehmen nun die von e reflectirten Strahlen ? a) Fällt die Spitze des 
inneren Kegels der einfallenden Strahlen gerade auf die Netzhaut, d. h. ist D für B oder H 
accommodirt, so müssen die ausfahrenden Strahlen sowohl in als ausser dem Auge D 
genau denselben Weg gehen, den die einfallenden hatten. Betrachten wir zuerst diesen 
Fall, welcher in Fig. 1 für einen einzigen Netzhautpunkt ausgeführt ist. Die von dem 
Netzhautpunkte e aus dem Auge reflectirten Strahlen gelangen in dem convergiren- 
den (abgestutzten) Kegel cdab zur Glasplatte; ein Theil davon wird nach A reflectirt, 
der andere geht in unveränderter Richtung und Neigung (Convergenz) fort, und würde 
sich demnach in B vereinigen, darüber hinaus wieder auseinanderfahren. «) Stellt sich 
nun das Auge G denselben noch vor dieser Vereinigung entgegen, so erhält es von e 
convergente Strahlen. Diese würden aber durch den dioptrischen Apparat von G noch 
mehr convergent, müssten sich mithin schon mehr weniger nahe hinter der Linse ver- 
einigen und würden die Netzhaut erst jenseits dieser Vereinigung treffen , könnten mit- 
hin wohl die Empfindung von Licht, durchaus aber kein Bild von e im Auge G zu 
Stande bringen. Halten wir aber vor das Auge G ein Concavglas L von geeigneter 
Brennweite, so können wir den convergirenden Kegel abfg in den divergirenden fglii 
verwandeln, d. h. den von ezu G strebenden Strahlen einen solchen Grad von Diver- 
genz geben, dass sie, den dioptrischen Apparat von G passirend, genau in einem Punkte 
der Netzhaut (k) vereinigt werden, in k ein Bild von e entwerfen. — ß) Das Vorhalten 
des Concavglases L, welches immer einen Theil der Strahlen durch Reflexion versplittert, 
könnte vermieden werden, wenn sich das Auge G erst jenseits von B, also in einer Ent- 
fernung aufstellen würde, wo die Strahlen des Kegels cdfg wieder auseinander fahren, 
mithin divergirend auf das Auge G fallen würden. Da aber die Pupille von D auch bei 
starker Erweiterung noch immer sehr klein ist, relativ zu der Entfernung, in welcher 
sich das Auge G aufstellen müsste, so würde rücksichtlich des einem leuchtenden Punkte 
entsprechenden Kegels die zu k gelangende Menge von Lichtstrahlen eine relativ zu geringe 
sein, rücksichtlich des Winkels aber, den die Richtungslinien von je zwei leuchtenden 
Punkten der Netzhaut D in dem Auge G bilden könnten, dieser Winkel (Sehwinkel) so 
klein ausfallen, dass eine Unterscheidung von so kleinen Objecten, wie die Netzhautge- 
fässe etc., nicht mehr möglich sein würde. 



Augenspiegel. 



69 




* 



B 



70 Netzhaut. 

b) Fällt in dem Auge D die Spitze des inneren Kegels der einfallenden Strahlen 
nicht auf die Netzhaut, sondern vor oder hinter dieselbe, d. h. will oder kann sich das 
Auge D nicht für die Distanz des leuchtenden Objectes A accommodiren , dann nehmen 
die ausfahrenden Strahlen eines lichtreflectirenden Netzhautpunktes nicht denselben Weg, 
wie die einfallenden Strahlen eines entsprechenden leuchtenden Objectes, sie haben eine 
andere Neigung zu einander. Um dies zu erörtern, wird es genügen, den einen Fall zu 
betrachten, den nämlich, wo die einfallenden Strahlen sich merklich vor der Netzhaut 
vereinigen , wie diess geschieht , wenn ein Auge D kurzsichtig ist , oder wenn (wovon 
später) einem normalen Auge ein Convexglas vorgehalten wird. — Denken wir uns in 
Fig. 2 (S. 71) das zu untersuchende Auge D in der Sehachse merklich verlängert, übrigens 
vorläufig Alles wie in Fig 1. Offenbar werden jetzt die von A in das Auge D gelangten 
Strahlen sich vor der Netzhaut (in e) vereinigen und auf der Netzhaut rings um den 
Punkt n (verlängerte Richtungslinie) einen Zerstreuungskreis bilden. ( Der Gang der 
einfallenden Strahlen ist in Fig. 2 durch die punktirten Linien bezeichnet.) Jeder in 
diesem Zerstreuungskreise gelegene Punkt der Netzhaut kann nun Licht reflectiren. Be- 
trachten wir den Gang jener Strahlen, welche von dem in der verlängerten Richtungs- 
linie nx gelegenen Netzhautpunkte n ausfahren, so erhalten wir den Kegel ncd (durch 
die ausgezogenen Linien angedeutet), welcher also nicht mit ecd zusammenfällt. Da nun 
dessen Spitze weiter hinter der Trennungsebene cd liegt, so muss auch die Spitze des 
äusseren Kegels näher am Auge D liegen , also zwischen B und D, nehmen wir an in N. 
Ist nun DN die Vereinigungsweite der ausfahrenden Strahlen, was so viel heisst, als das 
Auge D würde ein in befindliches Object deutlich sehen {DN=DO in der Sehachse), 
so werden die von n ausfahrenden Strahlen vor und hinter der Glasplatte gegen N hin 
verlaufen. Die von der Glasplatte nicht durchgelassenen , sondern regelmässig reflec- 
tirten Strahlen würden sich in M vereinigen, wenn CM=CN, die durchgelassenen in N. 
"Wenn nun N nahe an D liegt, wie bei höheren Graden von Kurzsichtigkeit, so wird 
die Entfernung, in welcher sich das Auge G hinter der Glasplatte aufzustellen hat, um 
hinreichend divergente Strahlen zu empfangen, nicht mehr zu gross sein, wie im vo- 
rigen Falle , und es ist dann nicht nothwendig , vor G ein Concavglas zu halten , na- 
mentlich dann nicht, wenn sich G für die Distanz von GN accommodiren kann, wenn 
es, wie wir in Fig. 2 durch Verlängerung des Bulbus G anzudeuten suchten, entspre- 
chend kurzsichtig ist. (Es sieht dann, wie wir später noch zeigen werden, die Objecte 
des Augengrundes von D verkehrt und vergrössert.) 

Untersuchen wir nun, in welcher Anordnung zu einander, und unter welchem 
Sehwinkel zwei Punkte einer beleuchteten Netzhaut (D) von einem Beobachter (G) ge- 
sehen werden können, und wählen, wie in Fig. 1., hiezu zwei normale Augen. Es sei in 
Fig. 3 (S. 73) A eine Flamme von dem Durchmesser ab— 8'", die Glasplatte C einen Zoll 
von D entfernt, die Distanz AC = 4 Zoll, und das beobachtete Auge D für die Distanz 
der Flamme (also auf 5 Zoll) accommodirt, so dass D die Flamme scheinbar in B 
deutlich sehen würde [CB=AC). Von dem einen Punkte b gelangt ein (durch die aus- 
gezogenen Linien bezeichneter) Strahlenkegel auf die Glasplatte und von da auf die 
Hornhaut (cd), und wird auf der Netzhaut von D in ß vereinigt. Um zu finden , wo 
ß liegt, denke man sich eine gerade Linie von b' , welches eben so weit hinter der 
Glasplatte liegt, als 6 vor derselben , durch den Kreuzungspunkt der Richtunglinien (x) 
gezogen. Auf gleiche Weise findet man, an welchem Punkte der Netzhaut D die von 
a, scheinbar von «', einfallenden Strahlen vereinigt werden, nämlich in a, wie diess 
in Fig. 3 die punktirten Linien anzeigen. Denkt man sich nun mit dem rechten Auge 



Augenspiegel. 



71 




Fig. 2. 



B 



72 Netzhaut. 

an die Stelle von G , und das rechte Auge des Beobachteten an die Stelle von D, so 
ergibt sich nach der Zeichnung, dass auf der beobachteten Netzhaut D ein verkleinertes 
Bild aß von der Flamme ab entsteht, und dass der Beobachtete (D) das Flammenbild 
wie jedes Spiegelbild überhaupt verkehrt sehen muss; denn was dem Auge D links 
liegt (b), wird auf seiner Netzhaut links (in ß) abgebildet, mithin so wahrgenommen, 
als läge es rechts von dem Mittelpunkte im Sehfelde, nämlich in b'. — Ist die Distanz 
zwischen a und b = 8'", der Abstand der Flamme A (oder ab) von dem Auge D = b", 
dann wird die Distanz zwischen « und ß ohngefähr [V" sein, in Übereinstimmung mit 
dem früheren Satze von Volkmann, dass das Netzhautbild eines 10 Zoll entfernten 
Objectes ohngefähr 16mal kleiner ist, als das Object selbst. Die ganze Flamme A wird 
also in den Grenzen aß auf der Netzhaut deutlich abgebildet sein, und das ganze Netz- 
hautareal ist nun hinlänglich beleuchtet. — Welchen Weg nehmen nun die von jedem 
einzelnen Punkte dieses Netzhautareals ausfahrenden Strahlen bis zur Netzhaut von G, 
und wo treffen sie dieselbe? Betrachten wir von dem beleuchteten Netzhautareal aß 
die beiden Grenzpunkte « und ß. Da D für die Distanz von B accommodirt ist, so» 
nehmen die von ß reflectirten Strahlen in und ausser dem Auge D genau denselben 
Weg, wie die einfallenden, convergiren also nach ihrem Austritte aus D gegen den 
Punkt b', wie die (gezogenen) Linien df und ce andeuten ; eben so werden die von « 
reflectirten Strahlen von dem Auge D gegen a' hin verlaufen (wie die punktirten Linien 
dg und ch anzeigen). Treffen nun die Kegel cdef und cdgh auf die Concavlinse L, 
und werden sie durch diese dem für die Entfernung GE eingerichteten Auge G ent- 
sprechend divergent gemacht, so werden die von « ausgegangenen Strahlen durch den 
dioptrischen Apparat von G in dem Punkte «', die von ß ausgegangenen in dem 
Punkte ß' vereinigt, so als kämen sie von a" und ß". Das Auge G sieht mithin a 
links, ß rechts vom Centrum des Sehfeldes, und beide Punkte weiter auseinander ge- 
rückt; es sieht mithin das betrachtete Netzhautareal in der wirklichen Ittge (aufrecht) 
und etwas grösser als die ursprüngliche Flamme, somit die einzelnen Theile des Netz- 
hautareals bedeutend vergrössert , so dass es dieselben deutlich (Einreichend beleuchtet 
und unter gehörig grossem Sehwinkel) sehen, mithin unterscheiden kann. Das Auge G 
sieht demnach die zwischen aß gelegenen Netzhauttheile von D in der Entfernung 
von E und das ganze Areal aß in einem etwas grössern Areal als a"ß", wie sich 
leicht ergibt, wenn man von a' und ß' gerade Linien durch x' gezogen und bis zur 
Entfernung von E verlängert denkt. Von a und von ß können schon nicht mehr alle 
Strahlen nach «' und ß' Strich gelangen, woraus man sieht, dass das Sehfeld bei dieser 
Untersuchungsweise ein ziemlich beschränktes ist. 

Die Hehnholts'scke Methode leidet an zwei Übelständen, an relativ 
zu geringer Beleuchtung des Augengrundes, und an Störung des Beob- 
achters durch das oberwähnte Spiegelbild der Cornea. Der exaete 
Physiker verminderte dieselben so weit, als es bei dem dieser Methode 
zu Grunde liegenden Principe überhaupt möglich war; er nahm vier 
statt einer Glasplatte (Polarisation des Lichtes), und fügte sie in ein 
innen geschwärztes Gehäus so ein, dass beim Gebrauche des Apparates 
die Strahlen unter einem Winkel von 56 Graden auffallen, und nach 
ihrer Rückkehr aus dem Auge und durch die Glasplatten eine möglichst 
nahe hinter diesen befindliche Concavlinse passiren müssen, welche je 



cc E 



/ 



Augenspiegel. 



73 



L =t 




74 Netzhaut. 

nach dem Refractionszustande des beobachteten und beobachtenden 
Auges verschieden zu wählen ist.*) Das Bedürfniss, diese Übelstände 
weiter zu beseitigen, führte bald zu wesentlichen Modifikationen. Zu- 
nächst nahm unter Prof. Donders Anleitung der Mechanicus Epkens**) 
in Amsterdam einen belegten Glasspiegel, beseitigte an einer ohnge- 
fähr der Pupillengrösse eutsprecheudeu Stelle in der Mitte das Amal- 
gam, um durch diese Öffnung in das zu untersuchende Auge zu blicken, 
und liess mittelst einer convexen Linse convergentes Licht auf den 
Spiegel und in das zu beobachtende Auge fallen. Ruete***) wählte 
zum Reflector einen concaven in der Mitte durchbohrten Metallspiegel, 
und gab dem von hier aus in das zu beobachtende Auge reflectirten 
Lichte einen erhöhten Grad von Convergenz durch eine vor dasselbe 
gehaltene Convexlinse, welche zugleich dazu diente, das aus dem Auge 
zurückkehrende Licht zu einem umgekehrten Netzhautbilde in oder 
nächst ihrer Brennweite zu sammeln und dieses dem Beobachter in ge- 
eigneter Distanz als Sehobject darzubieten. Dem Epke?is-Do7ide?>s , $ckeia. 
Apparate, von welchem Schauenburg (Lahr 1854) eine genaue Abbil- 
dung und Beschreibung gegeben hat, so wie dem Ruete'schen , rück- 
sichtlich dessen näherer Schilderung wir auf Ruete's neuere Schriften 
verweisen müssen, fällt bei den grossen Vortheilen, welche sie darbie- 
ten, vorzüglich die Beschwerlichkeit ihrer Handhabung für den prak- 
tischen Arzt zur Last, wogegen die Spiegel von Cocains f), gehender ff), 
Ed. Jäger und Stellwag fff) , welche im Wesentlichen auf denselben 
Principien fussen, wenig zu wünschen übrig lassen. 

Ich. muss, der Grenzen dieser Abhandlung eingedenk, auf eine weitere Beschrei- 
bung dieser Instrumente verzichten, und will, bevor ich zur Anleitung der Gebrauchs- 
weise des CoeaWschen Spiegels übergehe, der als Prototyp der späteren gelten mag, 
nur noch einige Erörterungen aus einem Aufsatze von Helmholtz aufnehmen, welchen 
dieser ausgezeichnete Forscher 1852 in Vierordt's Archiv für physiologische Heilkunde 
veröffentlicht hat. 

Ist in Fig. 4 A ein leuchtender Punkt, das zu beobachtende Auge B für die Ent- 
fernung AB adaptirt, und C das Bild jenes leuchtenden Punktes A auf der Netzhaut von 
B, dann werden die von C reflectirten Strahlen wieder nach A zurückkehren, und ein 
Auge D, welches neben A vorbei nach B hinblickt, kann von dem rückkehrenden Lichte 
nichts auffangen, sieht die Pupille schwarz. (Der Gang der Lichtstrahlen ist für diesen 
Fall durch die ausgezogenen Linien bezeichnet.) Anders verhält sich's, wenn B nicht 



*) Beschreibung eines Augenspiegels, Berlin 1851. 
**) Ncderl. Weekblad voor Genceskundigen, 21. Dec. 1851. 
***) Der Augenspiegel und das Optometer, Göttingen 1852. 
■f) Über die Anwendung des Augenspiegels, Leipzig 1853. 
It) von Gräfe's Archiv für Ophthalmologie, Berlin 1854. 
-j-ff) Theorie der Augenspiegel, Wien 1854. 



Augenspiegel. 75 




für die Entfernung des lichtsendenden Objectes adaptirt ist. Seine Sehweite bleibe wie 
vorher gleich der Entfernung AB, aber der leuchtende Punkt rücke von A nach E. 
Jetzt würde der Yereinigungspunkt der von E ausgehenden Strahlen hinter die Netzhaut 
fallen , etwa nach F, und die Netzhaut würde in einem Kreise (von dem Durchmesser) 
aß beleuchtet. Da der Eefractionszustand von B für die Distanz AB eingerichtet ist, so 
werden die Strahlen, die irgend ein beleuchteter Punkt von aß reflectirt, in der Ent- 
fernung von AB vereinigt, und zwar z. B. von a in der verlängerten Richtungslinie ax, 
also in «', und von ß in ß'. (Der Gang der einfallenden Strahlen ist für diesen Fall 
durch die punktirten , der Gang der reflectirten von « durch die gestrichelten Linien 
bezeichnet; für ß ist bloss die Richtungslinie bis ß' ausgeführt.) Unter solchen Verhält- 
nissen kann D einen Theil des von aß reflectirten Lichtes auffangen, so lange es sich 
zwischen den Grenzen von «' und ß' befindet, und sieht die Pupillen von B roth auf- 
leuchten. — „Dieses Aufleuchten ist um so stärker, je weniger der Reflectionszustand 
des beobachteten Auges für die Entfernung des leuchtenden Körpers eingerichtet ist. 
Die Veränderungen im brechenden Apparate des Auges bei der Accommodation für die 
verschiedensten Entfernungen sind aber niemals sehr bedeutend, daber die Zerstreuungs- 
kreise, welche bei unpassender Adaptation entstehen , stets von geringer Grösse und so- 
mit das Leuchten — in dieser Art zuerst von Brücke beobachtet — immer nur schwach. 
Aber man kann die Sehweite des zu beobachtenden Auges künstlich in sehr beträcht- 
lichem Grade verändern, wenn man ihm ein scharfes Convex- oder Concavglas vor- 
setzt. Ebenso wie man ein weitsichtiges Auge durch ein vorgesetztes Convexglas, ein 
kurzsichtiges durch ein Concavglas normalsichtig macht, wird ein normalsichtiges durch 
ein vorgehaltenes Concavglas einem weitsichtigen ähnlich, durch ein Convexglas einem 
kurzsichtigen. "Wenn man ein Convexglas von IV2" Pn-ennweite vor das Auge hält, so 
kann man nur solche Gegenstände noch deutlich sehen, welche nahehin 1 '/a" hinter die- 
sem Glase liegen ; alle entfernteren entwerfen Bilder mit so grossen Zerstreuungskreisen 
auf der Retina, wie es sonst bei den grössten Veränderungen der Sehweite nie geschehen 
kann. Das ist aber ausserordentlich vortheilhaft , wenn in diesem Auge das Brücke- 
sche Leuchten beobachtet werden soll. Durch diese geringe Modification des Brücke- 
schen Versuches kann eine ganz ausreichende Beleuchtung des Augengrundes für den 
Beobachter hervorgebracht werden." (Helmholtz.) — In Fig. 5 sei A die Flamme, D das 
beobachtende, B das beobachtete Auge, S ein Schirm hinter der Flamme, neben welchem 
das Auge D nach B hinblickt, und L eine Convexlinse von der Brennweite LF, die 
Distanz LB kleiner als LF. Strahlen, die von irgend einem Punkte der Flamme A 
durch die Linse L, also convergent nach B gelangen, werden durch dessen dioptrischen 
Apparat schon mehr weniger weit vor der Netzhaut vereinigt (etwa in 0), und treffen 
die Netzhaut B erst als Zerstreuungskreis aß. Das Auge B sieht nunmehr vor sich eine 
lichte Scheibe und kann sich im Allgemeinen nicht (ausser mit Hilfe des andern Auges) 



76 



S 




^ 



Netzhaut. 

A 




\ 



für eine bestimmte Distanz accommodiren, verhält sich rücksichtlich der Accommodation 
passiv, d. h. ist in einem für parallel einfallendes Licht adaptirten Refractionszustande 
(wenn es nicht kurzsichtig ist). Unter solchen Umständen werden die von den einzelnen 
Punkten des lichten Kreises aß reflectirten Str.ahlen nach ihrem Austritte aus dem Auge 
parallel, also als Cylinder fortgehen, deren Richtung durch den leuchtenden Punkt und 
durch den Kreuz ungspunkt x bestimmt wird. Die Strahlen nun, welche von irgend einem 
Punkte des beleuchteten Netzhautareals reflectirt werden und unter sich parallel aus dem 
Auge ausfahren, werden durch die Linse L in deren jenseits gelegener Brennpunktsebene 
F (a'ß 1 ) vereinigt. Es wird also in der Fläche a'ß' ein (verkehrtes und vergrößertes) 
Bild von dem Netzhautareal aß entworfen, und wenn der Beobachter sein Auge D für 
die Entfernung FD adaptirt, kann er hier in a'ß' ein deutliches (umgekehrtes) Bild eines 
Theiles der beleuchteten Netzhautpartie sehen. — Nimmt man nun statt des Schirmes 
S mit unmittelbar dahinter befindlicher Flamme einen Hohlspiegel (6" Brennweite), wie 



Fig. 6. 




^ 



^ 



rfr 




C in Fig. 6, vor das beobachtende Auge D, und versetzt die Flamme neben das zu beob- 
achtende Auge B in eine solche Lage, dass der Hohlspiegel Licht durch L in das Auge 
B werfen kann, so ist im Wesentlichen nichts gegen Fig. 5 geändert, werden jedoch 
zwei beträchliche Vortheile erlangt, nämlich, dass man jetzt nicht neben, sondern gleich- 
sam mitten durch die Flamme nach B blicken kann, und dass von C bereits conver- 
gentes Licht gegen B hin verläuft, demnach die Linse L nötigenfalls entbehrt werden 
kann, was unter Umständen aus später anzugebenden Gründen sehr wünschenswerth 
sein kann. 

Untersuchung mit dem Spiegel von Coccius. A. im aufrechten Bilde, 
was in der Eegel nur in grosser Nähe oder mit Hilfe von Concavglä- 
sern möglich ist. Ist, wie in Fig. 7 (S. 78), das zu untersuchende Auge D 
das linke, so setze sich der Beobachter dem Kranken an einem rechts 
befindlichen Tische so gegenüber, dass er sein (rechtes) Auge G dem 
zu untersuchenden D bis auf einige (selbst unter einem) Zoll und in 






Augenspiegel. 77 

gleicher Höbe über dein Fussbodeu vis-a-vis nähern kann, und stelle 
auf dem Tische die Lampe ebenfalls in gleiche Höhe mit den Augen 
D und G, vom Kranken links und rückwärts. Dann richte man die 
Linse L (gewöhnlich 5" Brennweite), welche so angebracht ist, dass 
ihre verlängerte Achse die Mitte des Loches im Spiegel {mn) treffen 
würde, schräg zum Spiegel, so dass die Linsenachse mit dem Spiegel- 
perpendikel einen möglichst spitzigen Winkel bildet und halte nun das 
Instrument so, dass der Spiegel das durch die Linse concentrirte Licht 
auf die Wange unter dem zu betrachtenden Auge wirft. Ist die rela- 
tive Stellung zwischen Flamme, Linse, Spiegelfläche und Kranken rich- 
tig, so sieht man auf der Wange eine lichte Scheibe mit einem schar- 
fen runden Schatten in der Mitte, entsprechend dem Loche im Spiegel. 
Nun lasse man den Kranken auf den Nasenrücken oder gegen das linke 
Auge blicken, oder vielmehr in dieser Richtung vor sich hinstarren, 
um die Sehnervenpapille von D ohngefähr in die Richtung der Seh- 
achse von G zu bringen. Sollte der Kranke sein Auge nicht nach 
dem Gesichtssinne richtig stellen können, wie diess bei ganz Erblinde- 
ten der Fall ist, so vermag er es gewöhnlich nach dem Gefühle, wenn 
man ihn seinen Finger nach jener Gegend halten lässt, wohin er sein 
Auge richten soll. Nun wendet man das Instrument so, dass die lichte 
Scheibe mit dem dunklen Flecke gerade mitten auf das Auge D fällt, 
und bringt sein Auge G möglichst nahe hinter t??i?i, am besten, indem 
man den Augenbrauenbogen an die Spiegelplatte anlegt, um dem In- 
strumente zugleich die nöthige Ruhe der Haltung zu sichern. Man 
wird nun die Pupille roth, und wenn die Richtungslinie der Sehnerven- 
papille von D mit der Sehachse von G wenigstens annähernd zusam- 
menfällt, weissgelb (wie helles Lampenlicht) aufleuchten sehen. Hat 
man schon die dem Refractiouszustande von I) und von G angemessene 
Entfernung oder vielmehr Annäherung getroffen (da die Distanz zwi- 
schen Spiegel und Auge D meistens nur l— 3 Zoll beträgt), so erkennt 
man bereits die Centralgefässe der Netzhaut, und bei passender Stel- 
lung von D auch die Sehnervenpapille als lichte, scharf von dem röth- 
lichen übrigen Augengrunde abgegrenzte Scheibe. 

Zum Verständniss des Vorganges mag mit Beziehung auf Fig. 7 Folgendes dienen : 
Von der Flamme, welche immer mindestens einige Zoll mehr als die doppelte Brennweite 
der Linse aLb von dieser entfernt sein muss, gelangt ein Kegel divergenter Strahlen 
auf die Linse, und wird durch diese in einen Kegel convergenter Strahlen verwandelt, 
dessen Länge etwas mehr als 5" beträgt, wenn die Linse aLb eine Brennweite von 5" 
hat. Die Linie FLE zeigt die Pachtung, in welcher die Spitze dieses Kegels zu suchen 
wäre. Dieser Kegel wird aber durch die Spiegelfläche unterbrochen und gezwungen, bei 
unveränderter Lage oder Neigung der einzelnen Strahlen zu einander in anderer Rieh- 



78 



Netzhaut. 




w 



tung, nämlich nach p fortzulaufen, ■welcher Punkt ehen so weit vor dei 
Spiegelfläche liegt, als die Kegelspitze ohne Zwischenkunft des Spiegels da- 
hinter liegen würde. In Fig. 7 ist der Punkt p dadurch Destimmt worden, 
dass von r a und b Perpendikel auf die (verlängerte) Spiegelfläche gefällt, in 
jedem derselben jenseits der Spiegelfläche der gleich weit entfernte Punkt, a' 
und b' verzeichnet, diese Punkte mit den betreffenden Durchschnittspunkten der 
Spiegelfläche c und d verbunden, und diese Verbindungslinien a'c und b'd ver- 
längert wurden. Der von der Linse aLb ausgehende Kegel wird also an der 
Spiegelfläche cd gleichsam geknickt und gezwungen gegen p hin zu verlaufen. 



\fi 



Augenspiegel. 79 

"Wird ihm nun das Auge D in diesem Laufe entgegen gestellt, so trifft er dasselbe mit dem 
Durchschnitte ef. Das Auge D wird also von convergirenden Strahlen getroffen , falls 
es sich diessseits von p, also innerhalb der Vereinigungsweite des Apparates aufstellt, 
und alles Licht, welches die Linse passirt hat, ist nun auf diesen Durchschnitt ef Con- 
centrin, wenn wir vorläufig von den Verlusten durch Zerstreuung, durch die Distanz und 
durch das Loch im Spiegel absehen. In dieser Beziehung wirkt also diese Combination 
einer Convexlinse mit einem Planspiegel ganz so wie ein in a'b' aufgestellter Concav- 
spiegel von entsprechender Brennweite und Spiegelöffnung. Diese Combination hat jedoch 
vor dem Concavspiegel voraus, dass das Auge G gleichsam mitten in den Strahlenkegel 
hinein versetzt werden, mithin ceteris paribus dem Auge D viel näher rücken kann, was r 
wie wir später sehen werden, in mehrfacher Beziehung Vortheile gewährt; sie hat über- 
diess noch das für sich, dass man durch Annäherung der Linse ab an die Spiegelfläche 
cd, oder durch Einsetzen einer Linse von anderer, z. B. 4" Brennweite, die Öffnung und 
Brennweite des Apparates (quasi Hohlspiegel) nach Bedürfniss leicht ändern kann. Solche 
Veränderungen sind nämlich bis zu den nöthigen Grenzen in der mechanischen Con- 
struetion der möglichst bequemen und compendiösen Apparate von Coccius und von 
Zehender auf eine sehr leichte und wohlfeile Art ermöglicht. 

Von dem Lichte, welches auf D fällt, contribuiren zu unserem Zwecke nur jene 
Strahlen, welche das die Pupillengrösse von D etwas übertreffende Hornhautareal ik 
treffen, also die zwischen gi und hk verlaufenden. Von diesen geht noch ein guter 
Theil durch Reflexion an den Trennungsebenen, namentlich durch Spiegelung an der 
Vorderfläche der Cornea verloren. Hierauf, so wie auf den Verlust durch das Loch 
im Spiegel, kommen wir später >zu sprechen. Die durch ik eindringenden Strahlen 
werden nun durch den dioptrischen Apparat von D so gebrochen, dass sie sich mehr 
weniger weit vor der Netzhaut vereinigen, etwa in q, und die Netzhaut in einem 
Zerstreuungskreise treffen, welcher um so grösser ist, je weiter q vor der Netzhaut 
liegt. *) Man sieht , dass dieser Abstand zwischen q und der Netzhaut grösser sein 
würde, wenn z. B. die Netzhaut tiefer läge oder die Hornhaut stärker gewölbt wäre, 
aber auch dann , wenn p näher an D zu liegen käme ; näher an D würde p zu liegen 
kommen, wenn man mit demselben Apparate weiter von D rückte , die Linse in grös- 
serer Entfernung vom Spiegel aufstellte, oder eine Linse von kürzerer Brennweite 
einsetzte. Da es sich zunächst um gehörige Beleuchtung eines Areals der Netzhaut D 
handelt, und da die Pupille (Hornhautscheibe ik) nur bis zu einer bestimmten Grösse 
steigen (künstlich erweitert werden) kann , so wird mit Rücksicht auf die angegebenen 
und noch anzugebenden Verhältnisse immer eine solche Wahl in diesen Momenten ge- 
troffen werden müssen, dass durch ik hinreichend viel Licht eindringen, und dass 
dieses Licht nicht auf ein zu grosses Netzhautareal vertheilt, i. e. dass q nicht zu weit 
von der Netzhaut entfernt sei. Offenbar könnte man alles Licht, welches zwischen ce und 
elf liegt, durch die Pupille in's Auge leiten, wenn man den Apparat so einrichtete oder 
so weit von D entfernte, dass sämmtliche Strahlen in einem Querschnitte des Kegels 
von dem Durchmesser ik enthalten wären, es würde aber dann einerseits der Zer- 
streuungskreis auf der Netzhaut D zu gross ausfallen, mithin in einer Beziehung ver- 
loren gehen, was in der andern gewonnen wurde, und andrerseits würde meistens 
auch der zweiten Bedingung, dass der Beobachter nicht zu weit von D sein soll — 



*) Wir haben in der Zeichnung q weiter vor der Netzhaut angesetzt, als es in der Wirklichkeit der 
Fall ist, um die Linien nicht zu eng zusammen zu drängen. 



80 Netzhaut. 

■wovon weiter unten — Eintrag gethan werden. Wollte man bei einem Abstände des 
Spiegels von D wie in Fig. 7 den -Kegelschnitt ef dadurch verengern (auf ik reduciren), 
dass man die Linse weiter vom Spiegel rückte, so würde man an Lichtmenge nicht 
viel gewinnen, weil dann auch die Lampe weiter entfernt werden müsste, und weil 
dann p, mithin auch q näher an die Linse und Hornhaut von D rücken würde. Nähme 
man zu demselben Zwecke eine stärkere Linse (aLb), so würde wohl der erstere, nicht 
aber der letztere Übelstand vermieden. In dieser Beziehung muss man die "Wahl des 
Mittels , welche Zehender traf, als eine ebenso glückliche wie scharfsinnige bezeichnen ; 
er nahm eine stärkere Linse (aLb) von 3" Brennweite, welche 3 /4 — l'/a" vom Spiegel- 
centrum entfernt unter beliebiger Neigung aufgestellt werden kann, und verwandelte 
den ebenen Glasspiegel in einen schwach convexen Metallspiegel (von 6" Krümmungs- 
halbmesser) und bewirkt hiedurch, indem er die stark convergent, also stark concentrirt 
auf den Spiegel fallenden Strahlen zwingt, etwas weniger convergent fortzugehen, dass 
eine gleiche Quantität Licht durch die enge Öffnung de eintreten kann, und trotzdem 
erst nahe an der Netzhaut von D vereinigt wird. Er drängt dieselbe Lichtmenge in 
einen engen Durchschnitt (für ik) zusammen, macht den Kegel bei gleicher Basis .dünn, 
und doch weder lichtärmer noch kürzer. 

Die Rücksicht, dass selbst mittelst eines compendiösen und leicht zu gebrauchen- 
den Apparates möglichst viel Licht durch die Hornhautscheibe ik eindringen könne, ohne 
dass q zu weit vor die Netzhaut von D fällt, ist noch durch einen andern Umstand 
dringend geboten. Bei der Beleuchtung der Netzhaut mittelst durchbohrter Spiegel 
kommt nämlich noch in Betracht, dass dieses Loch, welches nicht viel weniger als 1'" 
Durchmesser haben kann (wegen des Beobachters), natürlich kein Licht reflectirt, der 
Lichtkegel also in der Mitte einen lichtlosen Kegel enthält, dessen Basis am Spiegel- 
loche, dessen Spitze (streng genommen) an der Lichtkegelspitze liegt. Da nun zwischen 
mn kein Licht nach D geworfen werden kann, so hat es den Anschein, als werde hie- 
durch nicht nur die Lichtmenge für ik merklich vermindert, sondern auch als könnte 
dann gerade der in der Richtung der Sehachse von G liegende Theil der Netzhaut D, 
also gerade die Mitte des Sehfeldes für G, gar nicht oder doch nicht hinlänglich be- 
leuchtet werden. Diess würde auch in der That der Fall sein , wenn die von dem 
Spiegel nach D geworfenen Strahlen parallel oder gar divergent auf ik auffielen. Dieser 
Nachtheil wird aber durch die Convergenz dieser Strahlen beträchtlich vermindert. Denn 
in dem Punkte q und kurz vor und hinter demselben kann (in re) kein Schatten von 
dem Loche me vorhanden, nur die Lichtmenge etwas geringer sein, als sie ohne das 
Loch me sein würde. (Vergl. über die entoptischen Erscheinungen.) Wenn daher die 
Netzhaut nicht gar weit von q liegt, so kann auch das beleuchtete Netzhautareal in der 
Mitte keinen Schatten zeigen und überhaupt in der Mitte nicht um vieles schwächer 
beleuchtet sein, als in der Umgebung. Nimmt man Glasspiegel, wie Coccius, dann 
wird der in Eede stehende Fehler auch noch dadurch merklich corrigirt, dass eine 
doppelte Reflexion, an der Glas- und an der Stanniolfläche , also unter zweierlei Win- 
keln erfolgt, welche Winkel um so mehr differiren, also jenen Fehler um so mehr ver- 
mindern, je dicker die Glasplatte ist. Dicke Glasplatten haben aber den Nachtheil, 
dass das Loch dann einen Canal darstellt, dessen Länge gleich der Dicke der Glas- 
platte und der zum Schutze des Beleges nöthigen Metallplatte. Da man nun immer 
mehr weniger schräg durch diesen Canal durchsehen muss, so wird, je länger derselbe, 
desto beschränkter der Raum für die von D nach G zurückkehrenden Strahlen, und 
entstehen überdiess durch das von F direct nach L strahlende Licht an den Wandungen 



Augenspiegel. . 81 

des Canales Reflex- oder Spiegelbilder, welche den Beobachter blenden, und auch da- 
durch niemals ganz beseitigt werden können , dass die Wandungen dieses Canales mög- 
lichst rauh und dunkel gemacht sind. In dieser Beziehung haben Metallspiegel, wie 
in Zehender's Apparate, einen entschiedenen Vorzug, da man das Loch im Spiegel trich- 
terförmig mit ganz dünnem Bande anbringen und den Durchmesser desselben an der 
polirten Flüche bis auf 1 ',2'" W. M. reduciren lassen kann. 

Es lässt sich jedoch die nachtheilige Folge des centralen Loches für die direct 
zu sehende Stelle durch einen andern Kunstgriff beseitigen, den man zugleich an- 
wendet, um das Spiegelbild auf der Hornhautfläohe ik aus dem Bereiche der Sehachse 
des Auges G zu bringen und mehr weniger unschädlich zu machen. Man neigt nämlich, 
nach richtiger Einstellung des Apparates, denselben ein wenig nach der einen oder 
der andern Seite so ab, dass der Achsenstrahl Lo nicht auf die Mitte des Loches mn 
fällt, sondern ein wenig links davon, wenn man einen mehr rechts gelegenen Punkt 
der Netzhaut D direct sehen will, und man lässt das Auge D nach und nach seine 
Richtung etwas ändern, z. B. etwas aufwärts, wenn man eine höher gelegene Stelle 
direct sehen und betrachten will. Es muss nämlich der dem centralen Loche ent- 
sprechende lichtärmere Punkt an der Netzhaut von D jederzeit in der Richtung der 
Achse des Strahlenkegels liegen; man muss daher, um ihm auszuweichen, den Spiegel 
so wenden, dass diese Achse (und ihre Verlängerung) nicht auf die zu betrachtende, 
sondern auf eine etwas seitlich gelegene Stelle der Netzhaut D fällt. — Man hält die 
Spiegel gewöhnlich an einer Handhabe, welche auf entgegengesetzten Punkten ange- 
bracht werden müssen, je nachdem man an dem rechten oder linken Auge beobachten 
will. Da nun oft sehr geringe Wendungen der Spiegelfläche nöthig sind, welche leicht 
zu gross ausfallen, wenn man sie durch eine solche Handhabe ausführt (besonders 
Wendungen nach oben oder unten), indem diese Handhabe als Hebelarm zu betrachten 
ist, so habe ich an dem Zehenderschen Spiegel, dessen ich mich in der Regel bediene, 
die Handhabe weggelassen, und halte den Apparat an einem etwas grössern Vorsprunge 
des Gewindes, das die Linse trägt, wodurch zugleich das Etui, in dem der Spiegel zu 
tragen ist, kleiner, mithin bequemer ausfällt. 

Kehren wir nun zur Betrachtung der Fig. 7 zurück, um unsere Aufmerksamkeit 
auf jene Momente zu lenken, welche in Anschlag zu bringen sind, sofern sich's darum 
handelt, die gehörig beleuchtete Netzhaut D mit dem Auge G deutlich zu sehen. Die 
wichtigsten Momente sind: der jeweilige Refractionszuständ des Auges D, die his zu 
einem gewissen Grade Ton der Beleuchtung abhängige Entfernung zwischen D und G, 
und die Accommodationsfähigkeit des Auges G. 

a. Das Auge D (in Fig. 7) kann kurz-, normal- oder fernsichtig sein, oder es 
liegt das zu beobachtende Object, z. B. die von der Chorioidea abgelöste Netzhaut, 
innerhalb der Brennweite des dioptrischen Apparates, ein Fall, der für die Netzhaut 
auch bei mangelnder Linse eintritt. In allen Fällen, wo die Netzhaut nicht jenseits 
der Brennweite des dioptrischen Apparates liegt, also wo das Auge D nicht kurzsichtig 
oder (als normal) nicht für ein nahe gelegenes Object accommodirt ist, kann der diop- 
trische Apparat von D als eine Loupe betrachtet werden, muss daher ein in der Rich- 
tung der ausfahrenden Strahlen befindliches Auge G das lichtsendende Object sehen 
können, sobald dieses eine hinreichende Menge Licht nach G werfen, G sich in pas- 
sender Entfernung aufstellen, und parallele oder wenig divergirende Strahlen auf seiner 
Netzhaut vereinigen kann. Wer aber einen Gegenstand durch eine Loupe von kurzer 
Brennweite |6' 2 — "'") deutlich sehen will, muss sich der Loupe mit seinem Auge um 
Arlt Augenheilkunde. III. 6 



82 Netzhaut. 

so mehr nähern, je weiter hinter der Loupe, d. h. je näher gegen deren Brennweite 
hin sich der Gegenstand befindet. Die Loupe zeigt uns dann den Gegenstand durch 
ein virtuelles Bild aufrecht und vergrössert. Will man also die in oder diessseits der 
Brennweite des dioptrischen Apparates von D liegende Netzhaut im aufrechten Bilde sehen, 
so muss man sich dem Auge D jederzeit mehr weniger nähern, ausser man bewaffnet 
sein Auge mit einem Concavglase oder man verlängert die Brennweite des dioptrischen 
Apparates von D dadurch, dass man ihm eine Concavbrille vorhält. Concavlinsen zu 
vermeiden ist aber wünschenswerth, wegen der nothwendig damit verbundenen Ver- 
minderung der Lichtmenge für G und wegen der Störung des Beobachters durch Spie- 
gelbilder. Indem nun die Apparate von Coccius und Zehender, ohne sehr gross zu 
sein, eine hinreichende Menge von Licht in das Auge D zu werfen und das von D 
reflectirte Licht in grosser Nähe aufzunehmen gestatten, haben sie eben einen grossen 
Vorzug vor andern. — Ist D kurzsichtig, oder ist es normal, aber für die Nähe ac- 
commodirt, dann fahren die von der (hinter der Brennweite gelegenen) Netzhaut re- 
flectirten Strahlen weder parallel noch divergent aus demselben, dann kann sein diop- 
trischer Apparat relativ zur Netzhaut in seiner Wirkung nicht mehr mit einer Loupe 
verglichen werden, ausser man setzt ihm ein Concavglas vor. Ist aber das Auge D 
nicht in höherem Grade kurzsichtig, kann es z. B. noch bei 10 — 12" Entfernung lesen, 
so kann seine Netzhaut von einem normal- oder weitsichtigen Auge dennoch ohne 
Concavgläser, wenn gleich nur in grosser Nähe (unter 1 l /-i"), betrachtet werden. Diess 
scheint ein Widerspruch mit den beiden Sätzen, dass die aus einem solchen Auge aus- 
fahrenden Strahlen convergent verlaufen, und dass solche Strahlen, in ein Auge G ge- 
langend, schon vor der Netzhaut vereinigt werden müssen. Wenn man sich indess von 
einem leuchtenden Punkte einen Strahlenkegel durch nahe an einander befindliche Linien 
auszieht, ohngefähr wie tOu neben Fig. 7, und die Basis tu an die Stelle des Hornhaut- 
areals ik von D versetzt denkt, so sieht man, dass, wenn der Beobachter G sich nach vx 
oder selbst nach yz versetzt, er, wo nicht völlig, so doch nahezu parallele Strahlen 
von tu bekommt, während er weiter von tu entfernt, z. B. in w, schon mehr conver- 
gente Strahlen mit seiner Pupille (Hornhaut) auffangen würde. Die Erweiterung der 
Pupille durch Atropin oder Belladonna gibt uns übrigens ein treffliches Mittel an die 
Hand, die Kurzsichtigkeit von D für einige Zeit zu vermindern, und auch normale Augen 
an der oft unwillkürlich erfolgenden Einrichtung ihres Befrationszustandes für nahe 
Objecte zu hindern, mithin die aus D ausfahrenden Strahlen zu geringerer Convergenz 
zu zwingen, oder selbst parallel zu machen. 

b. Was die Entfernung zwischen D und G betrifft, so ergibt sich das zum Ver- 
ständniss Nöthige wohl schon aus dem bereits Gesagten, und wollen wir nur noch daran 
erinnern, dass sie um so grösser sein kann und muss, wenn das zu sehende Object 
von D mehr und mehr von der Brennweite gegen die Linse und Hornhaut hervorge- 
rückt ist. Daraus ergibt sich, dass man sich mit demselben Apparate weiter von D 
halten muss, wenn man Opacitäten im Glaskörper erkennen, als wenn man die Netz- 
haut untersuchen will, dass, wenn man von einem Auge, dem die Krystalllinse fehlt, die 
Netz- und Aderhaut oder Glaskörpertrübungen sehen will, diess nur aus einer relativ 
grössern Entfernung geschehen kann. 

c. Das untersuchende Auge muss, wenn es nicht fernsichtig, also nicht befähigt ist, 
parallele oder schwach divergente Strahlen auf seiner Netzhaut zu vereinen, seine Ac- 
commodation für die Nähe absichtlich aufgeben, oder, falls es diess nicht kann (viel- 
leicht weil es kurzsichtig ist), seinen Refractionszustand durch ein entsprechendes Con- 



Augenspiegel. 83 

cavglas (6 — 12) corrigiren. In dem neuern (verbesserten) Coccius'schcn und in dem 
Ze/iender'schen Apparate können solche Gläser sehr bequem in einen federnden Ring 
unmittelbar hinter dem Spiegelloche eingesetzt werden, und zwar, um die Störung durch 
Spiegelung zu verhüten, etwas schräg zu demselben. 

In Fig. 7 sind nun a und ß in dem Auge D innerhalb des beleuchteten Netzhaut- 
areals als zwei leuchtende Punkte angenommen. Der Gang der von a reflectirten 
Strahlen, welche aus dem Auge hinausgelangen können, ist durch die punktirten Linien 
bezeichnet. Der hier in Betracht kommende innere Lichtkegel ist also ctik. Die Rich- 
tung, in welcher diese Strahlen vor dem Auge D fortgehen müssen, ist bestimmt durch 
c.x: ihre Neigung zu dieser verlängerten Richtungslinie vor dem Auge hängt von dem 
Refractionszustaude des Auges D ab (allgemein ausgedrückt : von der Entfernung des zu 
sehenden Punktes hinter dem Kreuzungspunkte der Richtungslinien). Wenn nun D für 
unendlich fern eingerichtet ist, und das zu sehende Object, wie hier a, im Brennpunkte 
des dioptrisehen Apparates von D liegt, so gehen alle Strahlen von diesem Objecto cc 
ausserhalb des Auges D zum Achsenstrahle parallel (bezeichnet durch die Grenzstrahlen 
5' und s"\ fort, können jedoch nur theilweise durch das Loch mn treten, wenn a schon 
ziemlich weit vom Mittelpunkte des Sehfeldes (aß) liegt, und werden in G ohngefähr 
in dem Punkte a' vereinigt, wenn G für parallele Strahlen adaptirt ist. Dasselbe findet 
mit den von ß und von allen zwischen a und ß gelegenen Punkten ausfahrenden Strahlen 
statt, für welche nur der Achsenstrahl (durch die gestrichelten Linien) angedeutet ist. 
Somit entsteht auf der Netzhaut G ein Bild a'ß' von aß, das Auge G sieht das Netz- 
hautareal aß aufrecht und vergrössert, indem die Erregung der Netzhaut G in a' so 
empfunden wird, als käme das Licht durch den Kreuzungspunkt der Richtungslinien x 4 
also ohngefähr von a" und ß" hinter dem Auge D. 

B. Zu der Untersuchung mit umgekehrtem Bilde der Netzhaut be- 
darf mau nebst dem genannten Apparate noch eine zweite, und zwar 
starke Convexlinse (von 2 — 3 Zoll Brennweite). Die Vorrichtung dabei 
unterscheidet sich von der früheren nur dadurch, dass der Beobachter 
weiter von D zurückweicht und die Convexlinse dann vor letzteres 
vorschiebt. 

Ein Blick auf die Fig. 8 wird zur Erläuterung dienen. Ist Fab das auf die Linse 
i 1 fallende Lampenlicht, so trifft dieses Licht den Spiegel zwischen c und d, und 
wird von diesem so reflectirt, dass es sich in o vor D vereinigen würde, wenn nicht 
die Linse L- vorgeschoben würde. Die Linse L 1 muss beim C'occtWschen Apparate 
mindestens 5" Brennweite haben. Durch die Linse Lr wird aber das zwischen ce und 
elf verlaufende Licht schon vor o zur Vereinigung gebracht, nehmen wir an in p, fährt 
jenseits wieder auseinander, und beleuchtet die Cornea in der Scheibe gh, welche 
übrigens auch kleiner sein könnte, als ik. Wovon es nun abhänge, ob p dem Auge D 
näher oder ferner liege, ist nach dem früher Gesagten wohl verständlich. Wir wollen 
nur bemerken, dass es dem Auge D nicht zu nahe liegen dürfe, weil in demselben 
Masse auch gh grösser würde, und durch ik dann weniger Licht eindringen könnte, 
was um so nachtheiliger wäre, als hier ohnehin schon durch die grössere Entfernung 
des Spiegels und durch Lr Licht verloren geht, sowohl für die Beleuchtung von D, als 
auch auf dem Rückwege für den Beobachter G. (Wir wollen übrigens hier gleich die 
Bemerkung einschalten, dass L- immer etwas schräg zu x'x zu halten sei, und dass, 

6* 



84 



Netzhaut. 



da L- planconvex ist, die Convexität zu G gerichtet werden müsse, beides aus dem 
Grunde um das von L 2 entworfene Spiegelbild für das Auge G seitlich abzulenken und 
somit für das directe Sehen unschädlich zu machen.) Liegt nun p, wie in Fig. 8., nicht 




Augenspiegel. 85 

weit vor der vordem Brennpunktsebene des Auges D, dann werden die zwischen ik ein- 
dringenden Strahlen durch den Glaskörper nur wenig convergent verlaufen und die Netz- 
haut in dem der Pupillengrüsse nahezu gleichen Areal mn beleuchten. Läge p näher 
als 5'" an ik, so würden die Strahlen im Glaskörper divergiren, mn grösser, die Beleuch- 
tung der Netzhaut schwächer. Umgekehrt, wenn p weiter von D läge. 

Betrachten wir nun den Gang der ausfahrenden Strahlen, z. B. von den Punkten» 
u und ß, so kann hier das Auge D in Verbindung mit der Linse L 2 unter allen Um- 
ständen, wo aus dem Auge D parallele oder convergente Strahlen ausfahren, als eine 
Loupe betrachtet werden, und zwar als eine Loupe mit zwei Convexlinsen, welche um 
weniger als die Summe ihrer Brennweiten von einander abstehen. Die Linse L 2 bringt 
die durch ik ausgetretenen Strahlen, wenn diese, wie in Fig. 8, parallel sind, in ihrer 
Brennweite q, wenn diese ausfahrenden Strahlen aber convergent auf L l gelangen, 
zwischen L- und q zur Vereinigung. Der letztere Fall ist für das beobachtende Auge 
G günstiger. So werden die von a ausfahrenden Strahlen in a', die von ß in ß' ver- 
einigt, wenn das Auge B für die Ferne accommodirt ist, es entsteht in ß'a' ein reelles, 
aber umgekehrtes und nicht stark vergrössertes Bild von aß. Wäre D kurzsichtig, 
dann würde schon dieser Umstand so gut hinreichen, dieses umgekehrte Bild näher an D 
zu rücken, als z. B. eine stärkere Krümmung von L 2 . Je weniger aber ß'a' von D ent- 
fernt entworfen wird, desto weniger entfernt braucht sich G aufzustellen, um die von 
ß'a' wie von einem daselbst befindlichen leuchtenden Objecte ausfahrenden Strahlen auf 
seiner Netzhaut zu einem Bilde zu vereinigen. Man sieht daher, dass Kurzsichtigkeit 
von D, welche die Untersuchung im aufrechten Bilde erschwert, die Untersuchung im 
umgekehrten gerade begünstigt, während für "Weitsichtigkeit von D eher das Gegentheil 
gilt. Bei sehr hohen Graden von Kurzsichtigkeit sieht man auch ohne L 2 ein verkehrtes 
Bild von D, oder braucht doch L 2 nur eine geringe Brennweite zu haben, etwa 3 — 4". 
Fehlte dem Auge D die Krystalllinse, dann könnte die Untersuchung im umgekehrten 
Bilde nur noch mit einer viel stärkern Convexlinse L 2 vorgenommen werden. Andrer- 
seits eigibt sich rücksichtlich des Beobachters G, dass hier der Kurzsichtige besser daran 
ist, als der Weitsichtige, und dass letzterer, wenn er nicht zu weit zurück, weichen will, 
sein Auge durch Vorhalten eines Convexglases (12 — 8") in ein kurzsichtiges zu verwan- 
deln hat. — Betrachtet nun das Auge G das reelle Bild ß'a', so werden die von ß' wie 
von irgend einem leuchtenden Punkte ausfahrenden Strahlen, welche durch das Spiegelloch 
durchtreten können, in ß" vereinigt, weil ß', x' und ß" in einer geraden Linie liegen' 
ebenso die von a' in a". G sieht also links, was in D rechts liegt, doch nicht stark 
vergrössert, und zwar ohngefähr um so vielmal grösser, als aß in a'ß' enthalten ist. — 
Die Untersuchung mit umgekehrtem Bilde hat den grossen Vortheil, dass man mit Einem 
Blicke einen grössern Theil der Netzhaut übersehen kann. Ein anderer Vortheil besteht 
aber darin, dass, wenn man einmal ein Object, z. B. ein Gefäss der Netzhaut deutlich 
sieht, man, ohne seines eigenen oder des kranken Auges Stellung wechseln und ohne die 
Haltung des Spiegels ändern zu müssen, wodurch leicht die richtige Einstellung bezüglich 
der deutlichen Sehweite verloren geht, durch leichte Hin- oder Her-, Auf- oder Abwärts- 
bewegung der Linse L 2 , die man zwischen Daumen und Zeigefinger der an das Gesicht 
des Kranken gestützten Hand hält, seitlich gelegenen Partien zum Gegenstande des di- 
recten Sehens machen kann. Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, dass diese Bewe- 
gung aufwärts geschehen müsse, wenn man eine unter der eben gesehenen liegende Stelle 
betrachten will. Hat man gerade die Papille des Sehnerven im Sehfelde, so verschiebe 
man, um die Macula lutea zu sehen, die Linse L 2 ein wenig gegen die Nase des Kranken. 



86 Netzhaut. 

Man wird auch bei genauer Keuntuiss des Apparates und seiner 
Leistungsfähigkeit immer viel eher zweckmässig zu Werke gehen, wenn 
man noch vor Anwendung desselben eine möglichst genaue Erhebung 
der krankhaften Veränderungen des Auges (und nöthigenfalls des ganzen 
Organismus) vornimmt, durch die äussere Besichtigung, Betastung, Prü- 
fung der Functionsstörung, Aufnahme der subjectiven Erscheinungen 
und der vorausgegangenen (anamnestischen) Momente, kurz wenn man 
den Augenspiegel nur als ein, nicht aber als das einzige und zuerst 
anzuwendende diagnostische Hilfsmittel betrachtet. Diess ist schon 
darum gerathen, weil wir bis jetzt eine verlässliche Deutung für das 
mit dem Augenspiegel Gesehene nur bei relativ wenig Befunden be- 
sitzen. Man kann namentlich Befunde an der Netz- und Aderhaut, die 
noch zum Normalen gehören, leicht als krankhaft deuten, man kann 
wirklich krankhaften Veränderungen leicht für die bestehende Func- 
tionsstörung eine viel wichtigere Bedeutung beilegen, als sie wirklich 
verdienen, man kann eine Gesichtsstörung, die von ganz andern Ab- 
normitäten abhängt, leicht aus dem Augenspiegelbefunde abzuleiten ver- 
sucht werden, auch abgeseheu von optischen Täuschungen, welche selbst 
einem ziemlich geübten Beobachter bei so subtilen Untersuchungen leicht 
begegnen können. Vorläufig bleiben anatomisch-mikroskopische Unter- 
suchungen von Netzhäuten, deren Augenspiegelbefund kurz vorher no- 
tirt wurde, noch ein pium desiderium. So lange wir solche nicht in 
grösserer Menge besitzen, müssen wir von dem Instrumente nicht mehr 
verlangen, als es leisten kann, sonst bringen wir diese herrliche Erfin- 
dung, im Gebiete der ophthalmologischen Diagnostik wohl die grösste 
unsers Jahrhunderts, selbst bei Verständigen in Misscredit. 

Eücksichtlich der durchsichtigen Medien gibt uns das Ophthalmo- 
skop sichere Antwort auf die Frage, ob sie durchsichtig oder von trüben 
Partikelchen durchsetzt sind. Diess ist namentlich für den Glaskörper 
äusserst wichtig, obwohl es uns auch bei wenig ausgebreiteten Trü- 
bungen des Krystallkörpers sehr zu Statten kommt. Der Augenspiegel 
gibt dem nur einigermassen geübten und aufmerksamen Beobachter 
verlässliche Thatsachen zur Entscheidung der Frage, ob das untersuchte 
Auge kurz- oder weitsichtig sei, sobald diese Zustände eben nicht bloss 
die ersten Übergänge vom Normalen zum Abnormen bilden, sondern 
schon bestimmt in das Bereich des letzteren zu zählen sind. Seit der 
Einführung des Augenspiegels in die Diagnostik ist die Lehre von den 
Amaurosen eine wesentlich andere geworden. Die Zahl der Amaurosen 
centralen und allgemeinen Ursprunges schmilzt auf eine relativ sehr 
geringe herab; bei sehr vielen Amblyopien und Amaurosen lassen sich 



Augenspiegel. 87 

Veränderungen in der Netzbaut allein oder zugleich im Glaskörper und 
in der Aderliaut als hinreichendes Substrat nachweisen, wo man ohne 
Hilfe des Augenspiegels kaum mit überwiegender Wahrscheinlichkeit 
sich entscheiden könnte, ob die Functionsstörung durch centrale oder 
peripherische Veränderungen des nervösen Apparates bedingt sei. Jeder 
Fortschritt in der Diagnosis ist aber ein Gewinn für die Aufgabe des 
Arztes, die Prognosis und Therapie. 

Das oben empfohlene, der Ophthalmoskopie vorauszuschickende 
Examen wird im Allgemeinen den Gang vorzeichnen, den dieselbe zu 
nehmen hat. Wo dieses Examen nicht schon bestimmt einen oder den 
andern Krankheitszustand auszuschliessen berechtigt, gehe man, um 
nichts aus der Reihe des Möglichen zu überspringen, in der anatomi- 
schen Ordnung von vom nach hinten vor, und prüfe zuerst die durch- 
sichtigen Medien, namentlich die Linse und den Glaskörper genau, ehe 
mau sich an die Netz- und Aderhaut macht. Ich erinnere mich mehr- 
mals bei mehr weniger beträchtlicher Gesichtsstörung keine hinreichend 
erklärende Veränderung der Netzhaut gefunden zu haben, wo doch die 
wiederholte Untersuchung durch mich oder einen Andern kleine, aber 
zahlreiche Glaskörperopacitäten als genügendes Substrat erwies. Da 
sich ganz kleine Trübungen der durchsichtigen Medien nur dadurch wahr- 
nehmen lassen, dass sie bei heller Beleuchtung des Augengrundes als 
dunkle Körperchen erscheinen, gleich den vor hellem Hintergrunde 
herabfallenden Schneeflocken, so muss man, um ihre Anwesenheit nicht 
zu übersehen, das Instrument zunächst gerade so einstellen, dass der 
Angengrund möglichst hell beleuchtet wird, i. e. so weit vom Auge (D) 
entfernt, dass die Netzhaut in den Focus des Beleuchtungsapparates, 
wenigstens in keinen grössern Zerstreuungskreis zu liegen kommt (dass 
in Fig. 7 q auf den Augengrund fällt, in Fig. 8 mn bis zur Grösse des 
Flammenbildes verkleinert wird); uud da die dunklen Körperchen im 
Glaskörper sich bei ruhiger Haltung des Auges (D) senken, durch rasche 
Bewegungen desselben aber aufgerüttelt werden, kleine Körperchen 
überdiess minder leicht der Wahrnehmung entgehen, wenn sie in Be- 
wegung sind, so wird das Aufsuchen derselben durch rasche Bewegun- 
gen des Auges (D) mit kleinen Excursionen besonders nach auf- und 
abwärts, wesentlich erleichtert. Bei auffallendem Lichte können undurch- 
sichtige Partien der durchsichtigen Medien nur dann wahrgenommen 
werden, wenn sie hellfarbig (weiss, grau, gelbj und entsprechend ihrer 
Lage hinter der Cornea hinreichend gross sind. Hieher gehören nament- 
lich pigmentlose Exsudate in der Pupille, fleckige oder streifige Trü- 
bungen im Krystallkörper, Cysten im Glaskörper und dergl. Um solche 



88 Netzhaut. 

Trübungen bei auffallendem Lichte zu sehen, muss man sich mit dem 
Apparate dem Auge nur so weit nähern, dass die Spitze des Beleucli- 
tungskegels auf sie fällt (also bei Verdacht auf Cataracta nicht wie in 
Fig. 7 auf g, sondern etwa auf sc oder auf die Ebene des Pupillar- 
randes). Sind solche Körper, die nicht zu tief liegen, auf diese Art ge- 
hörig beleuchtet, so kann man sie als bläulich-weisse Streifen, Flecken 
und dergl. auch sehen, wenn man nicht durch das Loch, sondern neben 
dem Spiegel vorbei in's Auge sieht, ja es sehen sie dann zur Seite des 
Beobachters stehende Personen wohl eben so gut. Man sieht sie natür- 
lich aufrecht und mehr weniger vergrössert. Will man sie noch deut- 
licher sehen, so kann man die Beleuchtungslinse (X 1 ) so umstellen 
(hinter das Spiegelbild), dass sie nicht zur Concentration des Lichtes, 
sondern als einfache Loupe für das beobachtende Auge wirkt. — Wie 
man die Netz- und Aderhaut am besten untersuche, und in welcher 
Beschaffenheit diese Gebilde dem Beobachter unter dem Spiegel er- 
scheinen sollen, das muss man vorläufig durch Untersuchung normaler 
Augen kennen gelernt haben, ehe man sich erlauben darf, eine Urtheil 
darüber abzugeben, ob in einem Auge mit Gesichtsstörung diese auf 
eine Abnormität der Netz- oder Aderhaut bezogen werden könne. Ein 
jeder kann sich zu einer solchen Untersuchung leicht hergeben, da die 
Beleuchtung für seine Netzhaut jedenfalls nicht nachtheiliger sein kann, 
als das längere Betrachten der Lampenflamme mit freiem Auge, ja im 
Allgemeinen viel weniger : nur bei solchen Augen, welchen der Blick in 
eine Kerzenflamme schädlich wäre, könnte die Untersuchung mit dem 
Spiegel allenfalls nachtheilig werden, und da nur, wenn das zu unter- 
suchende Auge (D) direct nach dem Flammenbilde blickte, was nicht 
nöthig, ja nicht einmal wünschenswert!! ist. 



B. Krankheiten der Netzhaut und des Sehnerven. 

Die Lehre von den Krankheiten der Netzhaut, welche in der Hauptsache mit der 
Lehre von der Amaurosis zusammenfällt, ist durch die Einführung des Augenspiegels in 
die ophthalmologische Praxis fast durchgehends auf einen andern, weit mehr objectivcn 
Standpunkt versetzt worden. Es ist jedoch (mir wenigstens) zur Zeit noch nicht mög- 
lich, von diesem Standpunkte aus eine Schilderung der hieher gehörenden Zustände des 
Auges systematisch und so umfassend zu entwerfen, als diess bei den Krankheiten anderer 
Gebilde der Fall ist. Ich muss daher den nachfolgenden Erörterungen über die Krank- 
heiten der Netzhaut die Bemerkung vorausschicken, man möge in denselben nicht eine 
abgeschlossene Abhandlung, sondern nur einzelne feststehende Thatsachen suchen, nebst 
einer Anleitung, wie in vorkommenden Fällen, allenfalls mit Hilfe dieser Thatsachen und 



Krankheiten — Amblyopie und Amaurosis im Allgemeinen. 89 

gena\ier Beobachtung theils den praktischen, theils den streng wissenschaftlichen Anfor- 
derungen nach Zulass der Umstände werde entsprochen werden können. 

Die Ausdrücke Amblyopia (nervöse G-esichtsschwäche) und Amau- 
rosis (schwarzer Staar) sind es, deren man sich seit langer Zeit be- 
dient, um zu bezeichnen, dass in einem gegebenen Falle Schwäche 
(Abnahme) oder Verlust des Sehvermögens zunächst durch einen krank- 
haften Zustand der Netzhaut, des Sehnerven oder der Centralorgane 
bedingt sei. Wir werden diese bequemen Ausdrücke im Allgemeinen 
beibehalten dürfen, wenn wir ihnen keine andere als die negirende 
Bedeutung beilegen, die nämlich, dass in einem so bezeichneten Falle 
das Hinderniss des Sehens nicht im dioptrischen Apparate oder doch 
nicht in diesem allein zu suchen sei, und wenn wir überdiess nie ver- 
gessen, dass mit der Bezeichnung : „dieser Kranke ist aniblyopisch oder 
amaurotisch", eine Diagnosis ebenso wenig ausgesprochen sei, als wenn 
wir sagen: dieser Kranke leidet an Krämpfen, Erbrechen, u. dgl. Des 
geistreichen Ph. von Walther's Phrase : „Amaurosis sei jener Zustand, 
wo der Kranke nichts sieht, und — auch der Arzt nichts", kennzeich- 
net vollkommen — nicht die Amaurosis, sondern die Anschauungsweise 
der Ärzte früherer Zeiten über dieses Leiden. Man hatte nämlich be- 
reits angefangen, gewisse Formen von der generellen Bezeichnung aus- 
zuscheiden, jene nämlich, welche schon der oberflächlichen Betrachtung* 
des Auges auffallende Veränderungen darbieten, wie z. B. die acute 
Entzündung der Netzhaut, welche Beer als Ophthalmia interna idiopa- 
thica, Weller, Makenzie, Walther u. A. als Retinitis oder Dictyitis ge- 
schildert hatten, den Marksckwamrn der Netzhaut ( Wwdrop), das Glau- 
com u. s. w. Andererseits wurden aber in der Lehre von der Amaurosis, 
und zwar unter dem Titel : Vitia visus als Vorläufer oder Begleiter des 
Netzhautleidens Zustände beschrieben, welche nicht unmittelbar auf ein 
solches bezogen werden können, z. B. Myodesopsie, Mikropsie, Megal- 
opsie , oder nur als zufällige Begleiter auftreten , wie : Skotomatopsie, 
Photopsie, Chrupsie u. dgl. Insbesondere war es nachtheilig, dass man 
unter dem Namen Amblyopia ex abusu visus oder Hebetudo ein häufig 
vorkommendes Leiden der Accommodationsorgane , zu welchem aller- 
dings späterhin ein wirkliches Netzhautleiden hinzutreten kann, als eine 
Art schon vorhandenen Netzhautleidens darstellte. 

Wird dem Arzte ein gänzlich Erblindeter vorgestellt, dann kann 
nach den weiter unten gegebenen objectiven Erscheinungen wohl kaum 
mehr ein Zweifel obwalten, ob die Erblindung durch ein Leiden des 
nervösen oder des dioptrischen Apparates bedingt sei, und man könnte 
sich allenfalls nur noch täuschen, wenn etwa eine Cataracta nigra 



90 Netzhaut. 

(B. IL S. 253 j oder Simulation vorläge. Wenn aber der Kranke noch 
mehr weniger sieht, dann entsteht vorerst noch die Frage, ob das Seh- * 
hinderniss wirklich in mangelnder Erregung, Fortleitung oder Percep- 
tion liege (I.). Muss man sich für Amblyopie oder Amaurosis entschei- 
den, und hat man überdiess noch durch sorgfältige Sehversuche festgestellt, 
bis zu welchem Grade die Sehfunction beeinträchtigt sei (IL), dann ist 
zu untersuchen, ob und welche materielle Veränderungen sich nach- 
weisen lassen, ob der Sitz der Affection als in der Netzhaut, im Seh- 
nerven, in den Centralorganen befindlich bezeichnet werden könne oder 
nicht (III.). Den Schluss der diagnostischen Untersuchung wird dann 
die Entscheidung der Frage bilden, in welcher Beziehung das Leiden 
der nervösen zu den übrigen Organen stehe, welche Momente dessen 
Entstehung bedingt oder doch dazu beigetragen haben, welche Momente 
auf seinen Fortbestand Einfluss nehmen, wie überhaupt die innern und 
äussern Verhältnisse des Kranken mit Rücksicht auf dieses Leiden ge- 
staltet sind (IV). — Je weniger es gelingt, diese Fragen in einem ge- 
gebenen Falle positiv zu beantworten, desto weniger kann von einem 
rationellen Vorgange bei der Prognosis und der Therapie die Rede sein, 
wenn gleich der Fall noch Heilung zuliesse. Im weiteren Verfolge dieser 
Erörterungen wird sich herausstellen, dass schon der diagnostische 
Theil der Aufgabe des Arztes bei Amblyopien und Amaurosen ungleich 
schwieriger ist, als bei allen andern Augenübeln. 

I. Binoculüre Amaurotische bieten eine eigenthümliche Physio- 
gnomie und Haltung dar, ähnlich einem gedankenlos vor sich Hinstarren- 
den. Bei weit geöffneter Lidspalte, häufig auch etwas zurückgebogenem 
Haupte treten die Augen gewissermassen stärker hervor, stieren mit 
parallelen oder divergirenden Sehachsen fix oder in zwecklosem Hin- 
und Herschweifen gleichsam in unbestimmte Ferne hinaus, richten den 
Blick nicht auf die Person, die den Kranken anspricht, und machen 
auf diese, indem sie ihr kein sichtbares Sehhinderniss und keinen 
Fixations- oder Ruhepunkt darbieten, einen unheimlichen Eindruck, 
welcher an den erinnert, den man bei der Unterredung mit einem 
Schielenden empfindet. — In diesen Momenten liegen für denjenigen, 
der einige Amaurotische aufmerksam betrachtet hat, benützenswerthe 
Anhaltspunkte gegenüber einem Simulanten, der sich die Pupillen künst- 
lich erweitert hat, namentlich wenn man nicht zu nahe an ihn hinan- 
tritt. Denn Augen, welche zu sehen vermögen, fixiren unwillkürlich 
irgend ein Object, das in den Grenzen ihrer Sehweite liegt, und dieses 
Fixiren übt auf die Haltung der Augen- und Gesichtsmuskeln einen be- 
stimmten Einfluss, gibt das, was man Intiütus nennt. Es gehört sehr viel 



Krankheiten — Amblyopie und Amaurosis im Allgemeinen. 91 

Schlauheit imd Übung dazu, dieses unwillkürliche Fixiren dem Beobach- 
ter zu verbergen, wenn dieser sich nicht näher, als die Sehweite (Meso- 
ropter) reicht, heranstellt. 

Bei bilateral Amaurotischen steht die Grösse der Pupillen nicht im 
Verhältnisse zur Beleuchtung, um so weniger, je vollständiger die Amau- 
rosis ist. Die Pupillen sind häufig abnorm gross, seltener abnorm eng, 
oft aber auch von mittlerer Weite. In letzterem Falle kann man in der 
Regel nicht sagen, dass die Pupillen starr und unveränderlich seien, 
man rindet im Gegentheile gewöhnlich, dass sie zwischen stärkerer und 
geringerer Weite schwanken, jedoch nicht beim Wechsel des Lichtein- 
flusses, sondern beim Wechsel der Augenstellung. Sehr weite oder sehr 
enge Pupillen zeigen selten solche Schwankungen, auch wenn man die 
Kranken plötzlich auf ihren nahe vor ihr Gesicht gehaltenen Finger 
blicken heisst. Es kann übrigens auch die eine Pupille merklich grösser 
und die eine Iris mehr beweglich sein, als die andere, trotzdem die 
Amaurosis beiderseits vollständig ist. Aufklärung über diese Verhältnisse 
haben wir im 2. Bande Sr 32-34 gegeben. 

Bei monoculärer Amaurosis muss zunächst unterschieden werden, 
ob das andere Auge als sehkräftig oder als mehr weniger amblyopisch 
bezeichnet wird, und ob dasselbe nicht etwa anderweitige augenschein- 
liche Veränderungen darbietet, z. B. Cataracta, Pupillensperre, Zeichen 
bestehender oder abgelaufener Chorioiditis u. s. w. Ist das andere Auge 
gesund oder doch wenigstens noch für Lichteindrücke empfänglich, dann 
muss dasselbe während der Untersuchung des fraglichen so verdeckt 
werden, dass es von dem Lichtwechsel durchaus nicht berührt werden 
kann, nicht etwa bloss mit den Fingern, sondern mit einem mehrfach 
zusammengelegten Tuche. In solchen Fällen wird es öfter vorkommen, 
dass der Kranke ein Interesse hat, den Arzt glauben zu machen, er 
sehe mit diesem Auge noch, als er sehe nichts. Um so mehr hat man 
Ursache sich vor Täuschung durch Mitbewegung der Iris (bei Licht- 
wechsel und veränderter Stellung der Bulbij zu schützen. Bei unilatera- 
ler Amaurosis kommt es — nach meinen Beobachtungen — nicht vor, 
dass die Pupille des fraglichen Auges eng bliebe (es sei denn wegen 
Synechien), sobald man das andere verdeckt; sie erweitert sich, wenn 
sie nicht schon früher grösser war, als die des sehfähigen Auges, was 
gleichfalls vorkommt, ohne indess Regel zu sein. Unilaterale Amaurose 
verräth sich übrigens dem Geübten häufig durch eine eigenthümlich 
matte Färbung der Iris, wenn das andere Auge gesund ist, doch nur 
nach längerem Bestände des Leidens. Selbst wenn das eine Auge nur 
in etwas höherem Grade amblyopisch ist, und die Affection auch nicht 



92 Netzhaut. 

von der Chorioidea ausgeht, unterscheidet sich die Farbe der Iris von 
der des gesunden ungefähr auf dieselbe Weise, wie Pflanzen, die in 
schattigen und gesperrten Bäumen vegetiren, von Pflanzen im Freien. 
So habe ich's wenigstens oft gefunden. Nicht rein schwarz, sondern 
von der Tiefe her verschieden getrübt (wie bei Glaucoma) kann die 
Pupille bei Amblyopie oder Amaurosis erscheinen, entweder weil sie 
sehr erweitert ist, oder weil von der Netz- und Aderhaut wegen be- 
trächtlicher Gewebsveränderungen ungewöhnlich viel Licht reflectirt 
wird. In Bezug auf die Stellung des amaurotischen zu dem andern 
Auge ist zu bemerken, dass sie wohl häufig eine abnorme, namentlich 
eine mehr weniger nach aussen abweichende sei, dass aber auch Fälle 
vorkommen, wo in der Stellung und Mitbewegung zum gesunden keine 
Abnormität wahrgenommen werden kann, so wie andererseits Strabis- 
mus oder Luscitas noch keineswegs sicher auf Amblyopie oder Amau- 
rosis deuten. 

Amaurosis mit mehr weniger deutlicher Lichtempfindung, gleichviel 
ob uni- oder bilateral, zeigt nur dann eine «ganz starre Pupille, wenn 
zugleich im Ciliarnervensysteme beträchtliche Veränderungen vorhanden 
sind, welche natürlich ebensowohl im Bulbus selbst als ausserhalb des- 
selben in jenen Nerven liegen können, die das Ganglion ciliare mit 
motorischen Fasern versehen. Ein Individuum, welches Amaurosis vor- 
gibt, und die Pupillen heimlich durch Belladonna in erweitertem Zu- 
stande unterhält, kann mit Berücksichtigung dieses Satzes bisweilen 
leicht des Betruges überwiesen werden. Untersucht man so ein Auge 
mit dem Augenspiegel, und zwar absichtlich mit etwas stärkerer Be- 
leuchtung und gerade in der Gegend der Macula lutea, so wird man, 
abgesehen davon, dass der Augengrund normal erscheint, schon an der 
Unruhe des Auges, an dem öftern Blinzeln, oder am Thränen bald er- 
kennen, dass es mindestens noch sehr deutliche Lichtempfindung haben 
müsse, während seine erweiterten Pupillen unter allen Umständen starr 
bleiben, ein Widerspruch, der für Betrug spricht, sobald sich nicht 
anderweitig ein Grund für Lähmung der Ciliarnerven nachweisen lässt. 
Wir verweisen in dieser Beziehung auf die im 2. B. S. 288 — 290 an- 
geführten Thatsachen. 

Gebrauchen wir den Ausdruck Amblyopie für jede Störung von 
Seite des nervösen Apparates, bei welcher der Kranke überhaupt noch 
Gegenstände zu erkennen vermag, so leuchtet von selbst ein, dass, da 
diese Störung in verschiedenen Graden stattfinden kann, eine Ver- 
wechslung mit anderweitig bedingten Sehstörungen leicht möglich ist. 
Diese letzteren lassen sich sämmtlich auf Fehler der durchsichtigen 



Krankheiten — Amblyopie und Amaurosis im Allgemeinen. 93 

Medien oder des Kefractious- und Accommodationszustandes zurück- 
führen, und können nur dann als hinreichende Ursache der Sehstörung 
betrachtet werden, wenn sie sich als zu dieser in directem Verhältnisse 
stehend nachweisen lassen. — Abnormitäten der Hornhaut, und zwar 
zunächst Trübungen, wenn auch noch so klein, werden dem aufmerk- 
samen Beobachter nicht leicht entgehen, sobald das Licht gut einfällt 
und die Pupille dahinter rein schwarz ist. Die Beiziehung einer Loupe 
kann in zweifelhaften Fällen entscheiden. Facetten der Hornhaut ver- 
räth am besten das Spiegelbild der Fensterrahmen, wenn man nicht 
zu nahe am Fenster untersucht und das Auge mittelst des vorgehal- 
tenen Fingers nach und nach in verschiedene Stellungen bringt. Das- 
selbe Mittel ist auch das beste, um Veränderungen in der Wölbung der 
Cornealvorderfläche (z. B. Keratoconus incipiens) zu entdecken und zu 
schätzen. — Dünne Exsudat- und Pigmentablagerungen in den Pupillen 
lauf der Kapsel) kommen nur nach Iritis oder Erschütterung des Bulbus 
vor, werden schon durch Unregelmässigkeiten des Pupillarrandes ange- 
deutet, und können in Bezug auf Ausdehnung und Dicke leicht mit 
einer Loupe, nöthigenfalls mit dem Augenspiegel zur Anschauung ge- 
bracht werden. — Schwieriger sind diffuse Linsentrübungen zu erkennen, 
wenn sie nicht intensiv sind. Diess gilt nicht nur von spinnenweben- 
ähnlichen Beschlägen an der vordem Kapsel (vgl. Catar. corticalis), 
sondern auch und ganz besonders von beginnenden Kerntrübungen, 
zumal bei alten Leuten. Hier erfordert selbst die Benützung des Augen- 
spiegels viel Übung, grosse Vorsicht und wiederholte Untersuchung. 
Denn es kann bei wirklich nervöser Sehstörung der Augengrund gar 
nicht oder doch so wenig verändert sein, dass er normal erscheint; er 
kann aber auch zufällige Alienationen darbieten, welche dem minder 
Erfahrenen für die Ursache einer Amblyopie imponiren, obwohl sie es 
nicht sind. Die Gebilde im Grunde des Auges können wie verschleiert 
erscheinen wegen leichter diffuser Trübung der Linse oder des Glas- 
körpers, aber auch — wegen mangelhafter Einstellung des Augen- 
spiegels. — Mangel oder Senkung der Linse, welche auch ohne vor- 
ausgegangene Operation vorkommen und dann leicht mit Amblyopie 
verwechselt werden können, verrathen sich dem aufmerksamen Beobach- 
ter bestimmt durch tiefere Lage der Iris, durch Schlottern derselben 
bei rascheren Bulbusbewegungen, durch auffallend reine Schwärze und 
Engheit der Pupille und dadurch, dass starke Convexgläser (von 2 — 5" 
Brennweitej dieselben Dienste leisten, wie bei Staaroperirten, voraus- 
gesetzt, dass nicht gleichzeitig Amblyopie oder eine ungewöhnliche 
Achsenverlängerung des Bulbus vorhanden ist. Denn, wurde der Mangel 



94 Netzhaut. 

oder die Senkung der Linse durch Erschütterung- des Bulbus eingeleitet 
— Avas dem Kranken auch unbekannt sein kann, z. B. wenn sie in 
früher Jugend, bei Convulsionen, im Kausche u. dgl. erfolgte — so wird 
Amblyopie kaum jemals fehlen, und gab Verflüssigung des Glaskörpers 
mit Auflösung der Glashäute die erste Bedingung zur spontanen Lin- 
sensenkung, dann ist, wenn nicht zugleich merkliche Amblyopie, wohl 
meistens auch Verlängerung des Bulbus in der Richtung der Seh- 
achse vorhanden. Vergl. B. IL S. 275 — Bei Glaskörper- und 
Chorioidealkrankheiten, wenn sie mit Sehstörung ohne augenscheinliche 
äussere Veränderungen des Bulbus einhergehen, kann von einer Ver- 
wechslung mit Retinalaffection eigentlich nicht die Rede sein, indem 
letztere dann wohl immer zugleich vorhanden ist; doch forciert die 
exacte Diagnostik auch in solchen Fällen, dass das Übel nach dem 
primär und vorwaltend ergriffenen Gebilde erkannt und benannt werde. 
Nach dem, was wir über die Diagnosis der Aderhaut- und Glaskörper- 
krankheiten mitgetheilt haben, dürfte es wohl in der Mehrzahl der Fälle 
möglich sein, sich über den Ausgangspunkt der Affection zu entschei- 
den ; mit Benützung der später anzuführenden Erfahrungssätze über die 
ätiologischen Momente der Retinalaffectionen, und nach Zuziehung der 
ophthalmoskopischen Untersuchung werden gewiss nur wenige Fälle 
übrig bleiben, wo es unentschieden bleibt, von welchem Organe die 
Affection ausgehe. — Was die fehlerhaften Zustände der Refraction und 
Accominodation betrifft, so werden häufig Fehlschlüsse gemacht, theils 
darin, dass man Amplyopie für Kurzsichtigkeit ansieht, theils darin, 
dass man mangelhafte oder fehlende Accommodation (für die Nähe) für 
Amblyopie erklärt, aber auch darin, dass man nur eines dieser wesent- 
lich verschiedenen Leiden supponirt, wo doch beide zugleich, z. B. kurz- 
sichtiger Bau des Auges und Amblyopie, neben einander bestehen. Wie 
man sich in dieser Beziehung vor Irrthum schützen könne, lässt sich 
erst bei der Schilderung der fehlerhaften Refractions- und Accommoda- 
tionsverhältnisse verständlich machen. 

In jenen Fällen, wo die Sensibilität der Netzhaut nicht in der 
ganzen Ausbreitung derselben, sondern nur stellenweise, z. B. in der 
Mitte, in der einen Hälfte, vermindert oder erloschen ist, und wo eine 
solche partielle Functionsstörung, welche den Kranken nur in gewissen 
Richtungen nicht sehen,, oder nur einen Theil des Sehfeldes undeutlich 
wahrnehmen lässt, nicht aus Abnormitäten des dioptrischen und Accom- 
modationsapparates erklärt werden kann, liegt eben hierin der Beweis 
für das Vorhandensein eines Leidens der Netzhaut selbst. Wir werden 
bei Besprechung der Kurzsichtigkeit zeigen, dass bei höhern Graden 



Krankheiten — Amblyopie und Amaurosis im Allgemeinen. 95 

dieses Leidens seitlich gelegene Objecte in gewissen Entfernungen noch 
eher unterschieden werden, als in der Mitte des Sehfeldes befindliche, 
und verweisen rücksichtlich der partiellen Sehstörungen von Seite des 
dioptriscben Apparates auf die Angaben über die entoptischen Erschei- 
nungen und über die Krankheiten des Glaskörpers zurück. 

II. Ist auf diese Weise die Gegenwart von Amblyopie oder Amau- 
rosis eines oder beider Augen als sicher oder doch als wahrscheinlich 
festgestellt, wobei zufällige Complicationen, z. B. eine Hornhauttrübung, 
gewiss schon mit erkannt werden mussten, dann erscheint es aus mehr- 
fachen Rücksichten geboten, zu bestimmen, bis zu welchem Grade die 
Se/ifunction beeinträchtigt sei. Die Prüfung muss natürlich an jedem 
Auge für sich vorgenommen werden. Für die Ermittlung der Functions- 
faliigkeit der Netzhaut bei totaler Linsentrübung oder Pupillensperre 
hat A. von Gräfe ein sekätzenswerthes Hilfsmittel angegeben. Man hält 
in einem verfinsterten Locale eine Kerzenflamme in allmälig steigender 
Entfernung vor das fragliche Auge, und ermittelt, bis wie weit dasselbe 
den Flammenschein noch wahrnimmt. Aus wiederholten Versuchen mit 
verschiedenen Cataractösen und Amblyopischen wird man sich bald 
abstrahiren, wie weit die Fähigkeit, diesen Schein wahrzunehmen, durch 
bloss mechanische Hindernisse vermindert werden kann. Zur Bestim- 
mung des Grades der Sehstörung hat Ed. Jäger (über Staar und Staar- 
operationen, Wien 1854) Druckschriften verschiedener Grösse in 20 Ab- 
stufungen von etwa 9'" bis zu x \\'" Höhe zusammengestellt und hiemit 
ein jedem Arzte willkommenes, zugleich allgemeine Verständigung und 
Übereinstimmung anbahnendes Mittel an die Hand gegeben. Wenn ich 
finde, ein Kranker liest z. B. bei 9" Entfernung und massigem Tages- 
lichte oder bei einer Kerzenflamme Xr. 1 der J%er'schen Drucksorten 
{['" hoch), Xr. S (etwa 4 / 5> " hoch) dagegen nicht, so ist mir hiemit, 
abgesehen von einer Sehweite, ein ziemlich sicheres und objeetives 
Mass für seine Sehkraft angegeben, ich bin nicht von seinen (oft sehr 
unbestimmten) Angaben abhängig, und kann nach Verlauf einiger Zeit 
mich leicht versichern, ob die Sehkraft zu- oder abgenommen habe, 
vorausgesetzt, class der Versuch wieder so viel als möglich unter den- 
selben äussern Umständen vorgenommen wird. Bei Leuten, die nicht 
(mehrj lesen können, wird natürlich irgend ein anderer analoger Modus 
ausfindig gemacht werden müssen, um die Sehkraft mit Ptücksicht auf 
die Accommodationsfähigkeit objeetiv zu messen. 

Immer, man mag nun auf diese oder jene Weise vorgehen, wird 
die Anstellung verlässlicher Sehversuche bedeutende Vortheile gewäh- 
ren. Sie gibt dem Arzte nebst dem schon Angedeuteten auch häufig 



96 Netzhaut. 

wichtige Aufschlüsse über den Sitz und die Natur des Übels. Man be- 
merkt dabei, ob Patient noch in der Richtung der Sehachse oder in 
einer andern Richtung relativ am besten sieht, ob er stärkere oder ge- 
ringere Beleuchtung sucht, ob ihn hellfarbige und glänzende Gegen- 
stände blenden, oder ob er gerade solche Objecte noch eher als dunkle 
und matte erkennt, wie sich sein Gesicht in Bezug auf die Unterschei- 
dung verschiedener Farben — allenfalls nach einer Farbenmusterkarte — 
verhält, ob ihm die Objecte in natürlicher Grösse (so wie im gesunden 
Zustande) und Lage erscheinen, wie lange er das Betrachten kleiner 
Objecte, z. B. der Buchstaben aushält, ob und wie lange der Eindruck 
heller Objecte nachher noch fortdauert, u. s. w. — Dieser Vorgang 
dürfte auch desshalb vortheilhaft sein, weil er den Kranken, wenn er 
nur einigermassen verständig ist, auf die Umstände aufmerksam macht, 
die den Arzt von dem, was vorherging, interessiren , und weil sich an 
ihn am zweckmässigsten die Erhebung über die Dauer und Entwick- 
lung des Übels bis zum gegenwärtigen Zustande anknüpfen lässt, was 
im Allgemeinen viel zweckmässiger ist, als den Kranken gleich im 
vorhinein ein Langes und Breites erzählen zu lassen, wobei es leicht 
geschieht, dass die Aufmerksamkeit des Arztes auf ganz zufällige, zum 
fraglichen Augenleiden in gar keiner Beziehung stehende Umstände ab- 
gelenkt, mindestens Zeit versplittert wird. Man wird sich überzeugen, 
dass nach genauer Erhebung der Functionsstörung und der dem blossen 
Auge wahrnehmbaren Veränderungen mit Benützung der Entwicklungs- 
geschichte des Augenleidens in der Regel schon der 3. Punkt, der Sitz 
der Affection, und selbst auch die Beschaffenheit und das Ursächliche 
derselben (IV.) bestimmt werden kann, somit für die controllirende 
Untersuchung mit dem Augenspiegel bereits nützliche Anhaltspunkte 
gewonnen sind. 

III. Von einer exacten Diagnosis des in Rede stehenden Leidens 
kann offenbar die Rede nur da sein, wo der Arzt im Stande ist zu be- 
stimmen, welcher Theil des nervösen Apparates und in welcher Art 
derselbe leidet. Ist eine solche Localisirung zur Zeit überhaupt oder 
doch in einem speciell gegebenen Falle nicht möglich, so nmss wenig- 
stens die entferntere Krankheitsursache angegeben werden können; ist 
auch diess unmöglich, dann kann von einem rationellen Vorgange bei 
Prognosis und Therapie wohl nicht mehr die Rede sein, und möchte 
ärztliches Eingreifen unter solchen Umständen nur allenfalls noch in 
der Berücksichtigung gewisser Symptomencomplexe , des sogenannten 
congestiven, erethischen oder torpiden Charakters der Amaurosis, einige 
plausible Anhaltspunkte gewinnen können. Denn: „was soll das ewige 



Amblyopie, Amaurosis — Eintlieiliuig. 97 

blinde Curiren einer Krankheit, die man nicht kennt'?" Beer 1. c. Bd. IL 

S. 420. 

So naturgemäss es auch erscheint, hier wie überall, als erstes Eintheilungsprinr 'p 
den Sitz der Affection aufzustellen, so ist doch dieser Weg bisher nur wenig und mehr 
nebenbei eingeschlagen worden , wohl vorzüglich desshalb , weil es viele Fälle von 
Amblyopie und Amaurosis gibt, wo eine Localisirung nicht möglich ist, oder doch ohne 
Zuziehung des Augenspiegels nicht möglich war. Man hat daher bald den sogenannten 
Charakter der Amaurosen, bald die entfernteren Ursachen, z. B. Saburra, unterdrückte 
Fussschweisse, Contusionen u. dgl., wohl auch beides zugleich (durch- und neben- 
einander) zum Eintheilungsgrunde gewählt. — Aus dem , was wir unter II. über das 
Verhalten der Augen bei den Sehversuchen und bei der äusseren Besichtigung überhaupt 
angegeben haben (vergl. auch Band II. S. 1S4), ist wohl unschwer zu entnehmen, 
welche Symptomencomplexe auf congestive, welche auf erethische, welche auf torpide 
Amaurose (Amblyopie) zu beziehen wären : es ist indess mit dieser Bestimmung wenig 
gewonnen, so lange man ungewiss ist darüber , von welchem Theile des nervösen Ap- 
parates die Sehstörung ausgehe, und welcher Process ihr eigentlich zu Grunde liege. 
Dieser letztere lässt sich oft mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit erschliessen, wenn die 
sogenannten entferntem Ursachen, die ätiologischen Momente bekannt sind. Daher fand 
die Eintheilung der Amaurosen nach den Ursachen weit mehr Aufnahme , und machte 
sich um so mehr geltend, als sie grossentheils schon auf anatomischer Basis beruhte, 
wie z. B. Amaurosis von Druck aufs Gehirn, von Erschütterung des Bftlbus u. s. w. ■ — 
Der von jeher anerkannte innige Zusammenhang zwischen Sitz und Ursache der Affec- 
tion ist es , welcher uns bestimmt , bei der Schilderung nach dem Sitze der Affection 
auch schon grösstentheils die ätiologischen Momente erfahrungsgemäss aufzuführen, 
indem eines das andere erläutert, und eine gesonderte Aufzählung der ätiologischen 
Momente für sich wenig Nutzen bringt, ausgenommen für jene Fälle, wo wir überhaupt 
noch nicht im Stande sind anzugeben, welche Begion, welcher Theil des nervösen Ap- 
parates zunächst durch die Schädlichkeit ergriffen wird , die doch erfahrungsgemäss als 
Ursache der Sehstörung angenommen werden muss, wie z. B. Bleivergiftung. 

Die Anatomie gibt uns zunächst die Eintheilung' in centrale und 
peripherische Amaurosen ( Amblyopien) an die Hand, und die Unter- 
suchung am Krankenbette sowohl als am Leichentische hat dieser Ein- 
theilung hinreichende Grundlagen verschafft. Die centralen zerfallen 
naturgemäss in cerebrale (Site: der Affection im Bereiche des grossen 
oder kleinen Gehirnes, vom Chiasma bis zu den Vierhügeln), und spinale 
(Medulla oblongata, Rückenmark). Die peripherischen sind entweder 
bulbäre (innerhalb des Bulbus) oder orbitale (vom Bulbus bis zum Fo- 
ramen opticum), und bei den ersteren ist die Netzhaut bald das primär 
ergriffene Organ (eigentliche Retinalamaurose), oder sie leidet secundär 
in Folge von Krankheiten der Chorioidea, des Glaskörpers, mehrerer 
Gebilde. — Die Erfahrung weist aber auch noch Fälle von Amaurosen 
nach, über deren Sitz zur Zeit noch gar nichts bestimmt werden kann. 
Es sind diess Amaurosen von mehr allgemeiner Natur. Wir werden 
sie vorläufig als sympathische bezeichnen, nicht vergessend, dass wir 

Arlt Augenheilkunde. III. 7 



98 Netzhaut. 

eigentlich über das Zustandekommen solcher Sehstörungen nichts wis- 
sen. Die Angabe und Beschreibung der einzelnen Arten wird zeigen, 
was wir mit diesem Namen bezeichnet haben wollen. Man kann den 
Namen leicht fallen lassen, nicht aber die Thatsachen. 



I. Bulbäre Netzhautaffectionen 
mit geschwächter oder aufgehobener Sehkraft. 

a) Die vom Glaskörper oder von der Chorioidea ausgehen- 
den Netzhautaffectionen wurden bereits besprochen. 

b) Einfache oder primäre Retinal-Amblyopie oder Amaurosis. 

1. Es gibt Zustände angeborener nervöser Gesichtsschwäche, 

welche zunächst bloss auf Abnormität der Netzhaut bezogen werden 
kann. Der anatomische Befund — unbekannt. Sie geben sich func- 
tionell entweder bloss durch geringere Energie des Gesichtes kund {an- 
geborene Stumpfheit), oder durch die Unfähigkeit, einzelne Farben zu 
unterscheiden (Baitonismus), oder aber durch Beschränkung des Seh- 
feldes mit dem Bedürfnisse stärkerer Beleuchtung (angebojme Hemera- 
lopie). Dass diese Zustände angeboren sind, lässt sich nicht absolut 
nachweisen, wird jedoch höchst wahrscheinlich, wenn sie neben andern 
Bildungsfehlern, wie namentlich mit abnormer Kleinheit der Bulbi, oder 
bei mehreren Familiengliedern zugleich vorkommen. Aus den Aussagen 
der Kranken oder ihrer Angehörigen lässt sich meistens so viel bestimmt 
entnehmen, dass solche Zustände von frühester Kindheit an bestehen; 
bei geringeren Graden jedoch liegt es so zu sagen in der Natur der 
Sache selbst, dass die Kranken erst in späterer Zeit, wenn an das Ge- 
sicht höhere Anforderungen als beim gewöhnlichen Sehen gestellt wer- 
den, auf solche Fehler aufmerksam werden. 

a) Die Stumpfheit des Gesichtes lässt sich als angeborner Zustand 
(Hebetudo retinae congenita) annehmen, wenn sie von früher Jugend 
an und auf beiden Augen besteht, anderweitige Ursachen, z. B. Einwir- 
kung grellen Lichtes, Oonvulsionen, in der Kindheit nicht stattgefunden 
haben, mehrere Glieder der Familie denselben Fehler an sich tragen, 
die Bulbi ausserdem noch Merkmale unvollständiger Entwicklung dar- 
bieten. Bei Leucosis mag allerdings die Einwirkung diffusen (durch 
die Iris und Sclera eindringenden) Lichtes das Meiste zur Sehstörung 



Retinalaniblyopie — angeborene. 99 

beitragen, dürfte aber auch geringere Energie der Netzhaut von Haus 
aus vorhanden sein, weil die Sehkraft auch bei künstlicher Abhaltung 
des falschen Lichtes eine geringere Schärfe zeigt. Dasselbe Verhältniss 
zeigt sich bei unvollständiger Entwicklung und bei Spaltung der Iris 
(Irideremia, Mydriasis et Coloboma iridis congen.). Deutlich ausgespro- 
chene Mikrophthalmie ist jederzeit mit mehr oder weniger Stumpfheit 
der Netzhaut verbunden. Worauf aber hier eigentlich aufmerksam ge- 
macht werden soll, das ist ein Zustand binoculärer angeborner Stumpf- 
heit des Gesichtes, welcher dem Beobachter nur bei grosser Aufmerk- 
samkeit durch noch einige andere Merkmale bemerkbar, und welcher 
gewöhnlich oder doch sehr häufig für Kurzsichtigkeit gehalten wird, 
Ist kein anderer Fehler vorhanden, als der in Rede stehende, so wer- 
den Gegenstände von bestimmter Grösse, z. B. Buchstaben von 1'" 
Höhe, nur in relativ geringer Distanz erkannt, weil für die stumpfe 
Netzhaut relativ mehr Licht und ein grösserer Sehwinkel nöthig sind. 
Untersucht man genau, so findet man, dass die Annäherung der Ob- 
jecte nur bis zu einer gewissen Grenze der Kleinheit nützt, dass bei 
sehr feinen Objecten weder stärkere Beleuchtung noch grössere Annähe- 
rung im Stande ist, das Erkennen zu vermitteln. Was das Erkennen 
entfernter Objecte betrifft, so wird man es auffallend finden, dass ein 
solches Individuum z. B. versichert, Personen auf 8 — 10 Schritte nicht 
genau zu erkennen, während es doch mittlem Druck vielleicht noch 
bei 12 — 15 Zoll Abstand liest. Kurz, das Gesicht zeigt in keiner Di- 
stanz die normale Schärfe, während es bei Gegenständen mittlerer 
Grösse und Entfernung sich von einem normalen nicht zu unterschei- 
den scheint. — Lässt man ein kurzsichtiges Auge kleine Schrift durch 
eine mit einer Nadel in eine Karte gestochene Öffnung betrachten, so 
kann es dieselbe nicht nur ohne Anstand, sondern auch in viel grösse- 
rer Entfernung lesen, als ohne ein solches Diaphragma, welches die 
Zerstreuungskreise auf das nöthige Minimum reducirt; ist dagegen das 
Auge stumpfsichtig (amblyopisch), so kann es durch eine solche Öffnung 
noch minder gut, feineren Druck wohl auch gar nicht lesen. — Bei 
geringeren Graden dieses Übels, welche vorzüglich im Erkennen von 
mehr entfernten Objecten Schwierigkeiten darbieten, leisten schwache 
Concavgläser (von 20 — 30" Brennweitej mehr weniger hiezu hinreichende 
Dienste, Gläser, durch welche auch ein normales und selbst ein mas- 
sig presbyopisches Auge für die Ferne unterstützt wird; bei höheren 
Graden dienen mittelstarke Convexgläser (20— 50") zur Unterstützung 
für nah und fern, und bei noch höheren Graden müssen stärkere Con- 
vexgläser (10 — 20"j zimi Lesen, Nähen u. dgl. zu Hilfe genommen 

7 * 



100 Netzhaut. 

werden. — Je weiter man durch Übung vorgerückt ist in der Fertig- 
keit, die Lage der Iris und die Grösse der vordem Kammer zu beur- 
theilen, desto sicherer kann man diesen Zustand der Augen jugend- 
licher Individuen — meistens werden Kinder von 8—15 Jahren vorge- 
führt — durch die blosse Besichtigung erkennen. Man findet nämlich 
die durchsichtigen Medien rein, die vordere Kammer enger, die Iris in 
ihrer Totalität oder doch in einem beinahe der Linsengrösse entspre- 
chenden Areal (Scheibe von 3 — 3..tya'" Durchmesser) vorwärts gelagert 
und aufgewölbt, in ihrer Farbe licht und eigenthümlich matt (lichtblau, 
lichtgrau, gelblichgrau). Das Auge hat, um populär zu sprechen, nicht 
das rechte Feuer. Oft findet man auch die Durchmesser der Cornea 
an der Basis kleiner, den horizontalen unter 5'", wenn auch der Bulbus 
im Ganzen nicht gerade kleiner aussieht. — Von der einfachen Schwä- 
chung der Accommodationskraft für nahe Objecte, dem Mangel an Aus- 
dauer für Betrachtung feiner Objecte, welcher weiter unten besprochen 
werden wird, unterscheidet sich dieser Zustand durcb den Abgang der 
Fähigkeit, solche Objecte wenigstens eine kurze Zeit und bei etwas 
grösserer Entfernung zu erkennen. — Dieser Zustand ist stationär, und 
schliesst, wenn von dem Auge nicht mehr verlangt wird, als es leisten 
kann, keine Gefahr der Erblindung, keine besondere Disposition hiezu 
in sich ein. Die Aufgabe des Arztes ist, das Individuum oder seine 
Angehörigen in diesem Sinne aufzuklären, damit namentlich bei der 
"Wahl der Beschäftigung kein Fehler begangen, nöthigenfalls bei Zeiten 
ein anderer Beruf gewählt werde. Man wird auf diesen einzig ver- 
nünftigen Rathschlag vielleicht um so eher eingehen, und nicht nach 
unnützen und schädlichen Mitteln herumtappen, wenn dabei darauf hin- 
gewiesen wird, dass das Auge so Avie andere Organe durch adäquate 
Kraftübung gestärkt, durch blindes Forciren geschwächt werden kann, 
dass mit der Kräftigung des ganzen Körpers durch Bewegung im Freien, 
Turnen, Flussbäder u. s. w. auch auf Kräftigung der Augen gerechnet 
werden könne. Brillen sind hier nur als Krücken, höchstens als Con- 
servations-, niemals als Heilmittel darzustellen. — Bloss auf dem einen 
Auge mag die angeborne Stumpfheit der Netzhaut wohl noch viel öfter 
vorkommen; hier wird es aber, wenn nicht offenbar andere Bildungs- 
heinmimgen vorkommen, im Allgemeinen schwer sein, sie als angeboren 
nachzuweisen; denn es liegt dann ein anderer Grund sehr nahe, näm- 
lich Mangel an Übung, worauf wir später zu sprechen kommen. Der 
Zustand ist bisweilen erblich. 

ß. Die Unfähigkeit, gewisse Farben zu unterscheiden, der mangel- 
hafte oder fehlende Farbensinn, ist bisher mit wenig Ausnahmen nur 



Retinalanibiyopie — angeborene. 101 

als angeborner, oft zugleich erblicher Fehler namentlich beim männ- 
lichen Geschlechte beobachtet worden. Das Individuum sieht die ver- 
schiedenfarbigen Objecte nur weiss oder grau, oder es fehlt bloss die 
Wahrnehmung des Blauen, des Rothen (so dass z. B. Orange einfach 
für Gelb gehalten wird), oder sie halten Blau für Roth, Grün für Blau 
u. dgl. Einige dieser Zustände haben ein Analogon in dem Verhalten 
gesunder Augen bei der Abenddämmerung (Dove). Dieser eben so 
merkwürdige als räthselhafte Zustand — mir aus eigenen Untersuchun- 
gen nicht bekannt — ist in neuerer Zeit besonders von Seebeck*), 
Szokah'ky**), Wartmann***) u. A. genauem Untersuchungen unterwor- 
fen worden. Da derselbe nicht nur selten vorkommt, sondern auch 
mehr physiologisches als pathologisch-therapeutisches Interesse hat, so 
genüge es, auf die genannten Untersuchungen zu verweisen, welche 
sich übrigens in Ruete's Lehrbuche der Ophthalmologie 1. Auflage, 
S. S3 und besonders in der 2. Auflage S. 179 bündig zusammengestellt 
finden. 

y. Eine andere Form angeborner (auch erblich vorkommender) 
nervöser Gesichtsschwäche gibt sich vorzüglich dadurch kund, dass das 
Gesichtsfeld, der fungirende Theil der Netzhaut, kleiner ist, der Kranke 
demnach seitlich befindliche Objecte wenig oder gar nicht wahrnimmt. 
Dabei kann das Sehvermögen an und nächst der Macula lutea ziemlich 
gut sein, obwohl es in der Regel mehr weniger stumpf ist. In so fern 
sich diese Sehstörung besonders beim Abgange gleichmässig verbreite- 
ter und intensiver Beleuchtung des Sehfeldes, also im Allgemeinen nach 
Sonnenuntergang geltend macht, kann sie als angeborner Nachtnebel 
(Hemeralopia cong.) bezeichnet werden. (Ich beobachtete unter Andern 
einen Goldarbeiter, welcher sein Geschäft recht gut betreiben, Abends 
aber nicht allein ausgehen kann, weil er Gefahr läuft, an etwas seitlich 
liegende oder entgegenkommende Objecte anzustossen, und welcher 
auch bei hellem Tage seitliche Objecte nicht wahrnimmt; bei einem 
Kellner, mit beinahe demselben Zustande von Jugend auf, zeigte die 
Untersuchung mit dem Augenspiegel nur die Peripherie der Netzhaut 
abnorm, nämlich von ziemlich zahlreichen dunkeln Körperchen durch- 
setzt (oder bedeckt?], welche durch unregelmässige Ausläufer eine ge- 
wisse Ähnlichkeit mit Knochenzellen unter dem Mikroskope erhielten.) 

2. Ein der angebornen Stumpfheit verwandter Zustand der Netz- 
haut entwickelt sich als Ilebetudo retinae acquisita in Folge man- 

*) Poggendorfs Annalen der Physik und Chemie, 1837. Bd. 42. 

54 Über die -Empfindung der Farben in physiolog. und patholog. Hinsicht. Giessen 1842. 
**#) y^'a^ii» »ur le Daltonisme ou la Dyschromatoptie. Geneve 1844 und 1849. 



102 Netzhaut. 

gelhafter Verwendung derselben zum Sehen in früher Jugend, selte- 
ner in späteren Jahren (Amblyopia ex anopsia). Mechanische Hinder- 
nisse, wie namentlich Cataracta, wenn sie vom zartesten Alter an be- 
steben, können diesen Zustand auf beiden Augen herbeiführen, und 
zwar in der ganzen Ausdehnung der Netzhaut oder nur in einem 
Theile (in der Mitte) derselben (vergl. Bd. IL S. 258, 281 und 282). 
Ausserdem entwickelt sich dieser Zustand nur auf einem Auge unter 
allen Verhältnissen, wo dasselbe gar nicht oder nur relativ selten zum 
directen Sehen verwendet wird. — Welche anatomische Veränderungen 
die Netzhaut in Folge längerer Unthätigkeit erleide, ist nicht direct er- 
wiesen; vermuthen lässt sich ein analoger Vorgang wie in wenig oder 
gar nicht geübten Muskeln. Völlige Atrophirung kann ohne Hinzutritt 
anderer Umstände wohl nicht erfolgen, da solche Augen doch niemals 
ganz unthätig bleiben, sondern am Sehacte überhaupt immer mehr we- 
niger Theil nehmen, wenn auch nur durch indirectes Sehen, durch Ver- 
grösserung des Sehfeldes. Ist kein anderweitiges Hinderniss vorhan- 
den, so kann die gesunkene Energie der Netzhaut durch methodische 
Übung gehoben werden, und eben der Erfolg solcher Übung zeigt, 
welchen Antheil an der vorhandenen Gesichtsschwäche eben das in 
Kede stehende Übel hatte. — Es ist dasselbe somit bald als für sich 
allein bestehend, bald als Zugabe zu andern Sehhindernissen zu be- 
trachten, und kommt sowohl in der einen, als in der andern Eigen- 
schaft sehr häutig vor. Sicher vorhanden ist es an continuirlich schie- 
lenden Augen, in um so höherem Grade, je länger der Strabismus be- 
steht. Es kommt aber auch ausserdem in den verschiedensten Abstu- 
fungen bei Augen vor, welche für gewöhnlich oder auch selbst unter 
allen Umständen keine Deviation der Sehachse von dem fixirten Objecte 
wahrnehmen lassen. Es besteht bei sehr vielen Menschen auf dem 
einen oder dem andern Auge, öfter auf dem linken, ohne seine Gegen- 
wart durch irgend eine Beschwerde zu verrathen. Ein Zufall, z. B. 
das Einfallen eines Staubkornes in das gesunde Auge, führt zum Zu- 
halten desselben, und nun wird zum grössten Schrecken die mehr we- 
niger gesunkene Energie des andern wahrgenommen. Der desswegen 
consultirte Arzt wird nun zu untersuchen und zu entscheiden haben, 
ob das Übel seit Kurzem besteht, oder bloss nicht bemerkt wurde, 
wenn auch der Kranke wie gewöhnlich meint, er habe immer mit bei- 
den Augen gut gesehen. Sehr oft ist es vorzeitige Ermüdung (Kopiopie, 
Asthenopie) des bessern Auges mit oder ohne Myodesopsie, welche den 
Kranken bestimmt, den Arzt zu consultiren, gleichviel, ob ihm der ge- 
schwächte Zustand des andern bekannt ist oder nicht. Die Erörterung 



Retinalaniblyopie — ex anopsia, traumatica. 103 

des gegenseitigen Verhältnisses dieser beiden Affectionen folgt in dem 
Capitel über Fehler der Accommodation. — Den Impuls zur Vernach- 
lässigung des einen oder doch zur vorwaltenden Benutzung des andern 
Auges geben: Ablenkung des einen Auges durch primäre Muskelaffec- 
tionen (Strabismus muscularis und Luscitas), längeres Verbinden des 
einen Auges bei Entzündungen in früher Jugend, bleibende oder trans- 
itorische Sehhindernisse in den durchsichtigen Medien, angeborene 
oder erworbene geringere Energie der Netzhaut, Fehler in der Ver- 
wendung der Augen in der Jugend, so dass nur das eine Auge allein 
oder doch vorzugsweise in Anspruch genommen werden kann, wie 
z. B. bei zu starker Annäherung feiner Objecte, unilateralem Gebrauch 
von Augengläsern, Loupen u. dergl. — Gegenstand der ärztlichen Be- 
handlung wird dieser Zustand fast nur dann, wenn das schwächere 
Auge schielt, oder wenn das stärkere anfängt die geforderten Dienste 
zu versagen. Desshalb werden wir das Nöthige über die Behandlung, 
welche füglich eine gymnastische genannt werden kann, in den Capiteln 
über Strabismus und Asthenopie nachtragen. 

3. Traumatische Retinal-Amblyopie und Amaurose. Dass 
Erschütterung des Bulbus, Druck auf denselben, heftige convulsivische 
Bewegungen u. dergl. an und für sich die Energie der Netzhaut herab- 
setzen, selbst vernichten können, ist durch verlässliche Beobachtungen 
erwiesen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Fälle uni- und selbst 
bilateraler Amblyopie hieher gehören, welche man, weil sich der Kranke 
keines traumatischen Einflusses zu erinnern weiss, als unbestimmt hin- 
stellt, für angeboren hält, oder ganz andern zufälligen Umständen zu- 
schreibt. Die Combination mit Trübung, Luxation oder Verschrumpfung 
des Krystallkörpers , namentlich bei unilateraler Affection, gibt dieser 
Vermuthung besonderes Gewicht, denn unilaterale Linsenerkrankung 
ohne entzündliche Erscheinungen kommt eben ohne Trauma nicht leicht 
vor. Oft entsinnen sich die Kranken oder ihre Angehörigen erst wäh- 
rend eines gründlich eingehenden Examens ganz bestimmt einer trau- 
matischen Einwirkung, welche sie bloss desshalb nicht in Beziehung 
zu dem gegenwärtigen Übel brachten, weil dieselbe keine anderweiti- 
gen unmittelbaren Folgen (Schmerzen, Köthej setzte, und die Sehstö- 
rung nicht sogleich bemerkt wurde. — Anatomisch lässt sich der Zu- 
stand als analog der Commotio cerebri auffassen. Es findet entweder 
nur Verschiebung der einzelnen Netzhautelemente statt, oder förmliche 
Zerreissung mit oder ohne Blutaustretung aus den geborstenen Gefäs- 
sen. Leidet das Sehvermögen erst durch die nachträgliche Keaction, 
so ist die Affection wohl als Retinitis oder Chorioiditis zu betrachten. 



104 Netzhaut. 

— Die Erscheinungen können in allgemein oder partiell verminderter 
oder aufgehobener Netzhautenergie allein bestehen. Wo traumatische 
Einflüsse rasch und stark eingewirkt haben, wird nicht selten Erweite- 
rung und Trägheit oder Unbeweglichkeit der Pupille bemerkt, welche 
besonders dann auffällt, wenn das Sehvermögen nicht ganz erloschen 
ist. Die Mitleidenschaft der Ciliarnerven kann sich auch durch Erbre- 
chen oder Neigung dazu kund geben. Doch erregt diese Erscheinung 
namentlich dann, wenn zugleich dumpfer Kopfschmerz, Schwindel, Läh- 
mung eines oder des andern Muskels u. dgl. dazu treten, oder der 
Bulbus stärker hervortritt, immer mehr weniger gegründeten Verdacht 
auf Fracturirung der Orbitalknochen, Bluterguss in der Orbita, in der 
Schädelhöhle u. s. w. Die so gesetzte Amblyopie kann auf der ein- 
mal gegebenen Stufe stehen bleiben, sie kann durch nachfolgende Re- 
action zur Amaurosis gesteigert werden; sie kann auch ganz allmälig 
und unvermerkt in complete Amaurosis übergehen. Heilung lässt sich 
in der Begel nur bei geringeren Graden und in frischen Fällen erwar- 
ten, selten spontan; bisweilen kann der Arzt durch die weiter unten 
angegebene Behandlung so schnelle Besserung oder Heilung herbeifüh- 
ren, dass über deren Wirksamkeit kein Zweifel übrig bleibt; bisweilen 
nützt auch die rationellste und rechtzeitige Behandlung wenig oder 
nichts. — Nach heftigen Convulsionen bleibt nicht selten mehr weniger 
hochgradige Amblyopie zurück. Das bisweilen vorkommende allmälige 
Hinzutreten von Verdunklung oder Einschrumpfung der Linse (mit oder 
ohne Luxation) spricht dafür, dass es nicht in allen solchen Fällen 
nothwendig ist, den Grund der Sehstörung im Gehirne zu suchen, ob- 
wohl diess, wie bei der hydrocephalischen Amblyopie, oft genug der 
Fall ist. Starker Druck auf den Bulbus, ein Stoss oder Schlag, eine 
knapp am Auge vorbeistreichende Kugel (Luftdruck) u. dergl. sind im 
Stande, die Sehkraft zu schwächen oder aufzuheben, auch ohne dass 
sie sonst auffallende Veränderungen hervorrufen. Wir haben schon 
früher (Bd. H. S. 15, 121) auf die merkwürdige Thatsache aufmerk- 
sam gemacht, dass in Fällen, wo die Sclera berstet, das Sehvermögen 
bisweilen nicht so sehr leidet, als wo diess nicht geschieht. Beer er- 
zählt, dass ein junger Mann blind wurde, als er sich den Händen eines 
Bekannten, der ihm von rücklings die Augen zuhielt, entwinden wollte, 
und dieser immer stärker gedrückt hatte. Der Unglückliche blieb trotz 
schnell gesuchter Hilfe (von Beer selbst) ganz blind. Erschütterung 
der Netzhaut mit ihren Folgen kann auch eintreten, wenn ein heftiger 
Stoss oder Schlag die Umgebung des Auges trifft. Die hieher gehöri- 
gen Beobachtungen, welche bis in die Zeiten vor Hippokrates hinauf- 



Retinalamblyopie — traumatica. 105 

reichen, haben in unserem Jahrhunderte zu langen Controversen Ver- 
anlassung gegeben in Bezug auf die Deutung der an sich unbestreitba- 
ren Thatsache, indem einige Beobachter nebst jenen Fällen, wo offen- 
bar Commotio retinae oder Verletzungen in der Schädelhöhle stattge- 
funden, noch solche aufstellten, wo die Verletzung zunächst nur Zweige 
des Trigeminus getroffen und erst durch Druck oder Zerrung der letz- 
teren und durch consecutive Mitleidenschaft des Ganglion ciliare (mit- 
telst der Radix longa) das Netzhautleiden eingeleitet haben soll. Der 
Streit ist unentschieden , da die Möglichkeit der letzteren Annahme 
nicht negirt werden kann. 

Sabotier (179 1) suchte die Thatsache, dass mitunter nach eben nicht sehr vehe- 
menten Verletzungen am Orbitalrande Amblyopie oder Amaurosis auftritt , anatomisch 
zu erklären , indem er annahm , die Quetschung oder Zerrung irgend eines Zweiges vom 
Trigeminus (Barn. I. et IL) wirke mittelst der Radix longa auf das Ganglion ciliare und 
durch dieses auf die Netzhaut. Beer verschaffte dieser Ansicht dadurch besonderes Ge- 
wicht, dass er die von directer Erschütterung oder Zerreissung der Netzhaut, so wie 
auch die von gleichzeitig verursachten "Veränderungen in der Schädelhöhle abhängige 
Amaurosis streng von dieser consecutiven oder sympathischen geschieden wissen wollte, 
dass er angab , in letzteren Fällen trete die Erblindung erst während der Narben- 
bildimg am Orbitalrande ein, und dass er sich endlich auf (2) Beobachtungen aus seiner 
Fraxis berief, wo die so entstandene Blindheit nach Durchschneidung aller Zweige des N. 
supraorbitalis (hinter seinem Austritte aus der Orbita) verschwand (1. c. B. I. S. 171). 
Andere, ebenfalls glaubwürdige Autoren (z. B. die von Makenzie citirten Dr. Hennen 
und Guthrie) haben von dieser Durchschneidung keinen Erfolg gesehen, wogegen Andreae 
(l. c. B. IL S. 7 — 10) einen Fall vor Midlemore und einen von Wallace citirt, in wel- 
chen die schon länger bestehende Blindheit durch das Ausschneiden der Narbe geheilt 
wurde. Bei der einen wie bei der andern dieser sich widersprechenden Beobachtungen 
ist jedenfalls zu bedauern, dass auf das Verhalten der Sensibilität in dem Gebiete des 
verletzten X. supra- oder infraorbitalis keine Bücksicht genommen wurde. Diese, von 
der Physiologie gebotene Untersuchung und die Anwendung des Augenspiegels werden 
in künftigen Fällen dem Sachverhalte wohl eher auf den Grund sehen lassen. Die 
plötzliche Entstehung einer Amblyopie oder Amaurose nach Verletzung des Trigeminus 
ohne anatomisch nachweisbaren Zusammenhang würde übrigens, wie Andreae bemerkt, 
a priori nicht als unstatthaft erklärt werden können , da auch Trismus z. B. nach Ver- 
letzung einer Zehe entstehen kann. 

Behandlung. In frischen Fällen: geistige und körperliche Ruhe, 
Temperirung des Lichtes , Restringirung der Kost, und bei einfacher 
Erschütterung kalte Umschläge, allmälig mehr und mehr mit Weingeist 
oder Tinctura arnicae versetzt, bei Blutextra vasaten im Bulbus (an der 
Retinal nebstdem örtliche Blutentziehungen und kühlende Abführmittel. 
Nach längerem Bestände, wo keine entzündliche Reaction eingetreten 
ist : stärkere weingeistige Umschläge, spirituös-aromatische Einreibungen 
an die Umgebung, Verdunsten von äther- oder ammoniakhaltigen Colly- 



106 Netzhaut. 

rien vor dein offen gehaltenen Auge, hingegen Behandlung wie bei 
Retinitis — wovon später — wenn die Untersuchung mit dem Augenspiegel 
das Leiden als solche erweist. — Wie man sich rücksichtlich der etwa 
gleichzeitig vorhandenen Verletzung am Orbitalrande oder bei gleich- 
zeitiger Hirnaffection zu benehmen habe, gehört nicht hieher. 

An die Besprechung der durch mechanische Einflüsse bedingten 
Eetinalleiden wollen wir noch die Bemerkung anreihen, dass Amblyopie 
und Amaurosis auch durch heftige elektrische Ströme und Stösse bedingt 
werden kö?i?ie, wie uns unter andern manche der vom Blitze Getroffenen 
zeigen. Wir meinen dieser, zum Glück sehr selten vorkommenden That- 
sache nur desshalb erwähnen zu müssen, weil hie und da ein Wunder- 
mann bei Amblyopien und Amaurosen sine discrimine et ratione die 
Elektrisirmaschine anwendet, und weil dieses Agens auch da, wo es 
rationell und mit Erfolg angewendet wird, bei peripherischen Muskel- 
lähmungen an oder nächst dem Auge, durch Unvorsichtigkeit für die 
Netzhaut Schaden bringen kann. 

4. Amblyopie und Amaurosis in Folge von Blendung, Reti- 
nalleiden in Folge fehlerhaften Lichteinflusses überhaupt. Das 
Licht, der adäquate Reiz und das Lebenselement der Netzhaut ist zu- 
gleich deren gefährlichster Feind. Die meisten primären Netzhautleiden 
•werden ganz allein oder doch vorzugsweise durch fehlerhaften Lichtein- 
fluss eingeleitet. Die Zahl der anderweitig bedingten Amaurosen ist, 
wenn man die von der Chorioidea ausgehenden abzieht, eine rela- 
tiv kleine. 

Der nachtheilige Einfluss des Lichtes auf die Netzhaut effectuirt 
sich entweder in einfacher Depression oder Vernichtung ihrer Energie, 
oder in Steigerung ihrer Empfindlichkeit gegen Licht und Anstrengung 
mit Hyperämie und mehr weniger Beeinträchtigung der Ausdauer und 
Schärfe des Gesichtes , oder aber in Einleitung von Blutüberfüllung, 
Bluterguss, Exsudation und hiedurch gesetzten mannigfachen Functions- 
störungen. Der eine oder der andere dieser Effecte zeigt sich entweder 
kurz nach der Einwirkung der Schädlichkeit, und wird dann in seiner 
Causalität leicht erkannt, oder aber er macht sich unvermerkt und all- 
mälig mehr und mehr geltend, und wird bald diesem, bald jenem zu- 
fälligen Umstände zugeschrieben. In solchen Fällen insbesondere zeigt 
sich die Nothwendigkeit einer umfassenden Kenntniss der Umstände, 
welche von Seite des Lichtes der Netzhaut Gefahr bringen können. 
Denn es wird dem Arzte wenig nützen genau zu wissen, in welcher Art 
die Netzhaut leidet, welche Veränderungen sie unter dem Spiegel zeigt, 
und welche Folgen zu erwarten stehen, es wird ihm wenig nützen, auf 



Retinalaniblyopie — von fehlerhaftem Lichteinflusse. 107 

dieses Erkennen des Zustandes sein Handeln zu basiren, wenn er nicht 
berücksichtigt oder nicht erfährt, unter welchen Einflüssen sich das 
Leiden entwickelt hat, wenn er den Kranken noch fort unter schädlichen 
Einflüssen lässt, welche dieser nicht für solche hält, Einflüsse, auf 
welche selbst der erfahrene und umsichtige Arzt nicht selten erst dadurch 
geleitet wird, dass er den Kranken in seinen gewohnten Verhältnissen 
beobachtet. Diese Andeutungen mögen genügen, den nachfolgenden Be- 
trachtungen über den Einfluss des Lichtes und der Beschäftigung auf 
die Augen einen etwas grossem Baum zu vindiciren. 

Das Licht kann an und für sich oder mit Rücksicht auf die Be- 
schäftigung auf die Netzhaut in sehr verschiedener Weise nachtheilig 
einwirken. Durch längere Entziehung dieses gewohnten Reizes wird 
die Empfindlichkeit der Netzhaut so gesteigert, dass dann auch ein sonst 
unschädlicher Lichtgrad nachtheilig werden kann, zumal bei schnellem 
Übergange, bei starkem Contraste, bei oft und bald wiederkehrendem 
Wechsel. Daher ist es im Allgemeinen nachtheilig, entzündete Augen 
zu verbinden, oder das Krankenzimmer übermässig zu verdunkeln, aus 
finstern Localitäten schnell in helle zu treten, an Orten zu schlafen, wo 
directes Sonnenlicht die Augen vor oder beim Erwachen treffen kann, 
Säuglinge ohne Schutz gegen die Sonnenstrahlen ins Freie tragen zu 
lassen, unmittelbar nach dem Schlafe gleich feine Arbeiten vorzunehmen 
u. dgl. Eine ähnliche Wirkung auf die Netzhaut übt das Anstrengen 
der Augen bei unzureichende)* Beleuchtung, Lesen, Schreiben u. dgl. in 
dunkeln Localitäten, worauf wir später noch zurückkommen. 

Sehr intensives Licht kann die Sehkraft sogleich, wie durch einen 
Schlag vernichten, oder stufenweise, durch Apoplexie und nachfolgende 
Entzündung der Markkaut. Die Erzählungen von absichtlicher Blendung 
durch directes Sonnenlicht erhalten Glaubwürdigkeit durch die traurigen 
Folgen, welche wissenschaftliche Beobachter nach Sonnenfinsternissen 
gesehen haben. Unter Andern führt Sönmierring (Pflichten gegen die 
Augen i einige Beispiele vom Jahre 1791 an, und Ed. Jäger (über Staar 
und Staaroperationen) vom 28. Juli 1851, von welchem Datum auch mir 
drei Fälle partieller Amaurosis vorgekommen sind. Einen gleichen Effect 
können die Sonnenstrahlen bewirken, wenn sie von einer spiegelnden 
Fläche ins Auge geworfen werden, z. B. vom Wasser beim Baden, wie 
in einem von Jäger erzählten Falle, welcher zugleich dadurch merk- 
würdig ist, dass trotz völliger Amaurosis keine erheblichen materiellen 
Veränderungen wahrgenommen werden konnten. In gleicher Weise kann 
ein weniger intensives Eicht durch Conlrast zur Umgebung schaden, wenn 
nämlich die davon °-etroffene Netzhaut in ihrer übrigen Ausbreitung nicht 



108 Netzhaut. 

beleuchtet ist. Der Blick in die Gluth eines Hochofens, wenn rings um 
die enge Öffnung Alles finster ist, kann dem ungewohnten Auge nahezu 
so gefährlich werden, wie der Blick in die Sonne, während doch dieselbe 
Gluth beim Tage oder bei künstlicher Beleuchtung der Umgebung ein 
gesundes Auge kaum beleidigt. — Länger anhaltende Einwirkung star- 
ken Lichtes auf die ganze Netzhaut bewirkt bald Abstumpfung der Em- 
pfindlichkeit der Netzhaut, bald Steigerung derselben, und bei wieder- 
holter Einwirkung, wenn die Netzhaut sich von einem Male zum andern 
nicht völlig erholt hat, bleibende Amblyopie oder Steigerung zur Amaurosis 
(Retinitis). Auf diese Weise entsteht die bisweilen massenweise auftre- 
tende Hemeralopie (Nachtnebel) und die in den Alpen- und Polarregionen 
wohlbekannte Schneeblindheit, selten die sogenannte Nyktalopie (Tag- 
nebel), welche sich bestimmt als congestiv-entzündlicher Zustand der 
Netzhaut nachweisen lässt. Länger fortgesetzte , mehr durch Contrast 
als durch Intensität heicirkte partielle Erregung der Netzhaut, wie sie 
z. B. Physiologen behufs der Erzeugung von Nachbildern, Abklingen 
der Farben u. dgl. bewirken, wie sie aber auch zufällig und bei man- 
chen Beschäftigungen fast unvermeidlich vorkommt, steigert die Empfind- 
lichkeit der Netzhaut um so mehr, je öfter sie vor völliger Erholung 
derselben wieder vorgenommen wird, und ist ganz gewiss die häufigste 
Quelle chronischer Dictyitis. Bei zureichender und gleichmässiger Be- 
leuchtung kann ein gesundes Auge Erstaunliches leisten, sowohl in der 
Feinheit als in der Ausdauer. (Der Grund davon, dass z. B. Schuster 
häufiger von Amblyopie und Amaurosis befallen werden, als Schneider, 
scheint mir darin zu liegen, dass bei jenen — hierlands wenigstens — ■ 
noch immer die Concentrirung des Lampenlichtes auf eine kleine Stelle 
mittelst Glaskugeln gebräuchlich ist.) — An dem bekannten nachtheiligen 
Einfluss des Nachtwachens auf die Sehkraft dürfte wohl auch die länger 
fortgesetzte ununterbrochene Einwirkung des Lichtes grossen Antheil 
haben, denn drs Schlafen bei hellen Nachtlampen gewährt den Augen 
nicht die gleiche Erholung, und das Auffallen des hellen Mondlichtes 
auf die Augen soll (wenigstens in den Tropenländern) entschieden nach- 
theilig sein, selbst Erblindung bewirken. 

Mit Rücksicht auf die Beschäftigung mit feinen Arbeiten kann das 
Licht dem Auge nachtheilig werden, wenn es relativ zu schwach (unzu- 
reichend), oder zu stark (grell und blendend), wenn es ungleichmässig 
tertheilt (durch Schatten unterbrochen) oder unstät (bald schwächer bald 
stärker) ist, wenn es unrein, d. h. farbig ist, und wenn es in fehler- 
hafter Richtung einfällt. Auf diese Momente wird vorzugsweise bei jenen 
Acht zu geben sein, welche ihre Augen viel bei künstlicher Beleuchtung 



Retinalamblyopie — Hemeralopie. 109 

zu feineren Arbeiten in Anspruch nehmen. Doch können auch bei Ta- 
geslichte wichtige Fehler begangen werden, wenn feine Arbeiten bis in 
die Dämmerung fortgesetzt werden, wenn die Sonnenstrahlen unmittelbar 
auf oder nahe neben die Objecte fallen, wenn das Licht durch Gitter- 
werke oder von entgegengesetzten Eichtungen oder durch gefärbte Me- 
dien, z. B. grüne oder rothe Fenstervorbäuge einfällt, wenn Sonnen- 
strahlen bei feinen Arbeiten benützt werden, welche von spiegelnden, 
blendend weissen, "gelben oder rothen Flächen namentlich von unten 
oder von der Seite her ins Auge geworfen werden. Ausführlicheres 
über diese Verhältnisse, die sich dem Physiker oder Physiologen wohl 
von selbst ergeben, habe ich in einer 1 846 erschienenen populären Schrift 
(die Pflege der Augen im gesunden und kranken Zustande nebst einem 
Anhange über Augengläser) mitgetheilt. 

a) Hemeralopie. Mit diesem Ausdrucke bezeichnet man eine mehr 
weniger hochgradige Gesichtsschwäche, welche sich hauptsächlich in der 
Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang geltend macht, während 
des Tages aber gar nicht vorhanden zu sein scheint. Mit dem Eintritte 
der Abenddämmerung nimmt das Gesiebt mehr weniger rasch ab, so 
dass der Kranke noch vor dem Einbrüche völliger Dunkelheit nicht mehr 
allein herumzugehen vermag. Auch Mond- und künstliche Beleuchtung 
sind nicht genügend, die gleichsam in Torpor versunkene Netzhaut zum 
Unterscheiden vonObjecten zu erregen; nur bei sehr intensiver künstlicher 
Beleuchtung und in nächster Nähe werden lichtfarbige Objecte allenfalls 
noch mehr weniger bestimmt wahrgenommen. Durch das Gebundensein 
an die Abnahme und Wiederkehr des Tageslichtes erhält die Affection den 
Typus einer intermittirenden Krankheit. Sie tritt indess ohne Ausnahme 
jeden Tag und ohne alle Vorboten ein. Ausser etwas dumpfem Schmerze 
in der Stirngegend, etwas weiterer und träger Pupille und etwas stär- 
kerer Injection der vordem Oiliararterien , welche jedoch auch fehlen 
können, dürften alle andern etwa vorhandenen Erscheinungen als zu- 
fällig zu betrachten sein. Ob die Kranken im Stande seien, auch wäh- 
rend des Tages bei Kerzenlicht (mit Ausschluss des Tageslichtes) scharf 
zu sehen, ist — so viel ich weiss — noch nicht verlässlich untersucht 
worden. Eben so fehlen noch genaue Bestimmungen über die Schärfe 
des Gesichtes und über die Accommodation und Ausdauer zu feineren 
Arbeiten bei vollem Tageslichte. — Anatomisch-mikroskopisch oder mit 
dem Augenspiegel nachweisbare Veränderungen der Netzhaut dürften 
nicht vorhanden sein. Physiologisch lässt sich eine doppelte Deutung 
aufstellen: entweder die Energie der Netzhaut ist überhaupt so verän- 
dert, dass nur das volle und reine Tageslicht sie noch gehörig erregen 



110 Netzhaut. 

kann, oder es ist die Summe der durch den Schlaf restaurirten Sehkraft 
eben nur bis zum Ablauf des Tages hinreichend. Für die blauen Strahlen 
ist gewissermassen auch das gesunde Auge hemeralopisch. Wer an den 
Genuss geistiger Getränke gewöhnt ist, arbeitet mit voller Kraft eben 
nur dann, wenn er das gewohnte Quantum zu sich genommen hat. — 
Nach den Erörterungen von Nette?**) kann wohl kaum mehr daran ge- 
zweifelt werden, dass dieser Zustand der Netzhaut durch die längere 
Einwirkung grellen reflectirten Lichtes hervorgerufen werde. Sie tritt 
immer nur auf beiden Augen zugleich auf; sie ergreift bald nur einzelne 
Individuen, bald ganze Massen, namentlich geschlossene Körperschaften; 
sie ist in manchen Gegenden so zu sagen einheimisch, und kehrt ge- 
wöhnlich um dieselbe Jahreszeit wieder. Diese Umstände und das typische 
Auftreten der Functionsstörung führten zu der Vermuthung, die Affection 
sei als Intermittens oder als ein Analogon hievon anzusehen, während 
Andere feuchte Luft, Erkältung, gastrische Störungen u. s. w. für die 
veranlassenden Momente annahmen. Es ist jedoch nicht schwer nach- 
zuweisen, dass diese und manche andere Momente, z. B. Skorbut, längeres 
Fasten, Onanie u. dgl., nur zufällig vorhanden waren. Die Hemeralopie 
herrscht besonders in den Tropenländern, kommt aber auch in verschie- 
denen Gegenden Europas vor, besonders im Frühjahre. Auf der See 
sind es vorzüglich die Matrosen, zu Lande die gemeinen Soldaten und 
die im freien Felde arbeitenden Landleute, welche ergriffen werden. 
Aus allen Beobachtungen massenweisen Auftretens ergibt sich, dass 
nebst dieser oder jener vermeintlichen Schädlichkeit immer grelles re- 
flectirtes Licht die Augen durch längere Zeit getroffen hatte, dieses 
allein als die constante Schädlichkeit, mithin als die eigentliche Ursache 
bezeichnet werden kann. 

Auf Schiffen zwischen den Wendekreisen soll gewöhnlich der zwanzigste Mann 
von Nachtnebel befallen sein. Die Matrosen nennen die Krankheit Mondblindheit, weil 
sie den Grund derselben darin suchen, dass der Mond den auf dem Verdecke Schla- 
fenden in's Gesicht scheine. Sauvages beobachtete die Affection sehr häufig bei Mont- 
pellier besonders bei den Soldaten, welche unter freiem Himmel schliefen oder am 
Flusse Wache standen; Carron du Villards Vater sah viele Fälle unter den piemontesi- 
schen Soldaten (1793), welche Tag und Nacht auf schneebedeckten Bergen bivouacquirten, 
Lohmeyer schrieb den Ausbruch und das Umsichgreifen des Übels in Ehrenbreitstein 
(1834) dem ungewohnten Bergsteigen, dem blendenden Lichte beim Exerciren und den 
dunkeln Casematten zu. Nach Fleury (Gaz. meM. de Paris 1840 N. 4) ist die Heme- 
ralopie unter dem Äquator sehr gewöhnlich. Er betrachtet klimatische Verhältnisse im 
Allgemeinen als Ursache, weil auf dem Schiffe, wo er seine Beobachtungen machte, 
keine Erkrankung mehr vorkam, als dasselbe sich wieder in der gemässigten Zone befand, 
und weil zu Cadix und Lissabon, wo sich wieder dieselben klimatischen Verhältnisse, 

*) Gazetie me"Uicale de Paris, 1840. Nr. 9. 



Retinalamblyopie — Hemeralopie. 111 

wie auf den Antillen vorfanden (?) , Rückfälle wieder auftraten. „Demnach wird die 
Hemeralopie nicht durch schlechte Nahrung , nicht durch miasmatischen Zustand der 
Atmosphäre veranlasst, sondern durch die starke anhaltende Einwirknng der directen 
oder reflectirten Lichtstrahlen auf die Retina, welche mit der Länge der Zeit und in 
Folge der dadurch bewirkten übermässigen Erregung eine Atonie der Netzhaut, einen 
stufenweisen Verlust des Sehvermögens bewirkt, wenn die Retina nicht mehr durch die 
nämliche Kraft erregt wird." — Nach Krebel, Fuss, Lerche herrscht die Krankheit in 
Kronstadt , Petersburg und Umgebung besonders während der siebenwöchentlichen 
Osterfasten; nach Meissner (1819) ist dieselbe in manchen Gegenden Polens besonders 
gegen Ende des Winters und bei Schnee, jedoch auch im Sommer, namentlich zur 
Erntezeit bei Landleuten (Schnittern) nicht selten. Anfang Mai 1849 erkrankten hier 
in Prag binnen 3 — 4 Tagen gegen achtzig Mann von einer Infanterie- Abtheilung, 
welche auf einem der höchsten und ganz frei gelegenen Punkte der Stadt (auf der 
vom Hradschin durch den Hirschgraben getrennten Marienschanze) campirte; auch hier 
blieben die Officiere frei, und es wurde dem fernem Umsichgreifen bald Einhalt gethan, 
indem der Mannschaft streng untersagt wurde, sich frei auf die Erde hinzustrecken und 
dem grellen Lichte zu exponiren. Die Genesung erfolgte — so viel ich erfahren 
konnte — in wenig Tagen und ohne Anwendung von Arzeneien, nachdem die Leute in 
Kasernen gebracht und in massig verdunkelten Zimmern gehalten wurden. Verkältung 
konnte hier nicht als Ursache angenommen werden, denn die Leute waren mit Aus- 
nahme der Augen ganz gesund. 

Die Krankheit ist nach der Angabe fast aller Beobachter leicht heil- 
bar, wenn gleich die Ansichten über die ätiologischen Momente und über 
die Behandlung sehr differiren. Mit Ausnahme weniger Fälle, welche 
vielleicht durch Fortwirkung des Causalmomentes zu bleibender Amblyopie 
oder Amaurosis gesteigert wurden, ging die Affection in Zeit von wenig 
Tagen oder "Wochen (selten erst nach einigen Monaten) zurück, und 
zwar, wie es scheint, von selbst. Bei den verschiedenen Behandlungs- 
arten entsprach man nämlich der Causalindication wohl meistens unwill- 
kürlich, indem man die Befallenen als dienstunfähig in andere Verhält- 
nisse brachte, in ihrer Behausung hielt, einer mehr weniger rigorosen 
Cur unterwarf und — dabei auch dem grellen Lichteinflusse entzog. 
Scarpa, welcher gastrische Zustände als Cäusalmoment annahm, empfahl 
Purgir- und Brechmittel; Andere gaben Diaphoretica und Epispastica. 
Ein schon von Celsus erwähntes Mittel sind die heissen Dämpfe, die 
man von einer gekochten Leber (Bock, Rind, Schwein) gegen die offenen 
Augen streichen lässt. Einige reizen die Bindehaut, indem sie Ammoniak 
oder camphorirten Weingeist vor den offenen Augen verdunsten, oder 
reizende Collyrien einträufeln oder kaltes Wasser an die Augen spritzen 
lassen; Andere reizen dagegen die Umgebung der Augen durch Elek- 
tricität, fliegende Vesicantien an die Stirn und Schläfe, oder lassen 
Autenriethsche Salbe zwischen die Schulterblätter einreiben, selbst ein 
Haarseil einziehen. Wharton (the american Journ. of med. science 



112 Netzhaut. 

1840, Mai) heilte hartnäckige Fälle durch völlige 2— 3 Tage und Nächte 
lang fortgesetzte Entziehung des Lichtes. Teniperirung , wenn auch 
nicht völlige Entziehung des Lichtes und flüchtige Reize auf die Con- 
junctiva oder auf die Cutis der Stirn und Schläfe (Erregung sensitiver 
Zweige des Trigeniinus) haben nicht nur die Erfahrung für sich, son- 
dern lassen sich auch in ihrer Wirksamkeit nach allgemeinen physiolo- 
gischen und pathologischen Gesetzen begreifen. Insbesondere ist die 
Anwendung sogenannter fliegender Vesicantien an die Umgebung der 
Augen empfohlen worden, namentlich von Bampfield (medicochirurg. 
Transact. London 1 814 Vol. V.), welcher über 300 Fälle von Nachtnebel 
in verschiedenen Theilen der Erdkugel, besonders aber in Ostindien, 
beobachtet hat; er versichert, oft schon nach dem ersten Pflaster ent- 
schiedene Besserung, nach 2— 5maliger Wiederholung aber in der Kegel 
schon binnen 14 Tagen völlige Heilung erreicht zu haben. Die Anwen- 
dung von Chinapräparaten dürfte nur in so fern nützen, als sie einem 
etwa gleichzeitig vorhandenen (zufälligen) Allgemeinleiden entspricht. 
Ebenso möchte der sogenannten antiscorbutischen Behandlung, auf 
welche Bampfield als Schiffsarzt besonders Gewicht legen musste, mehr 
ein indirecter Einfluss auf die Beseitigung des Augenleidens zuzu- 
schreiben sein. 

ß. Unter Nyktalopie wird ein der Hemeralopie gewissermassen ent- 
gegengesetzter Zustand der Netzhaut verstanden. Die davon Befallenen 
sehen nach Sonnenuntergang ziemlich gut, während des Tages dagegen 
schlecht. Ihre Augen bieten bei dieser Functionsanomalie keine äusser- 
lich wahrnehmbaren Abnormitäten dar, welche dieselbe erklären können, 
wie etwa: Mangel oder Spaltung der Iris, Mydriasis, Albinismus, partielle 
Cataracta oder Photophobie als Symptom von Entzündung anderer Ge- 
bilde, der Chorioidea, der Iris, der Bindehaut u. s. w., sondern die Seh- 
störung lässt sich eben nur auf ein primäres Netzhautleiden zurück- 
führen. Nach Ausschluss solcher Fälle, für welche man den Namen 
Nyktalopie gar nicht gebrauchen sollte, wird wohl kaum noch einer 
übrig bleiben, wo das Gesicht bei gehörig temperirtem Lichte als nor- 
mal bezeichnet werden könnte, so wie auch die gegenteilige Angabe 
vieler Autoren, als kämen Fälle von völliger Blindheit bei vollem Tages- 
lichte vor, so lange in Zweifel gezogen werden muss, als nicht verläss- 
liche und detailirte Beobachtungen beigebracht werden. Es scheint 
überhaupt, dass die Affectiou, welche man gegenüber der Hemeralopie 
füglich als Nyktalopie bezeichnen kann, sehr selten vorkomme, da nur 
sehr wenige Schriftsteller sich bei Beschreibung derselben auf eigene 
Beobachtungen berufen. (Indem ich mir vorbehalte, den einzigen mir 



Retinalaiublyopie — Nyktalopie. 113 

vorgekommenen Fall weiter imten mitzutheilen , will ich hier auszugs- 
weise aufnehmen, was Carron du Vülards*) Bemerkenswerthes darüber 
geschrieben hat.) „Diese Krankheit ist auch Folge der durch den Schnee 
bewirkten Lichtreflexe; desshalb tragen die Esquimaux und Lappländer 
Hornbrillen, welche die Augen nach unten vollkommen schützen, indem 
in ihrer Mitte sich eine horizontale Spalte befindet. In. den letzten 
Kriegen des Königs von Sardinien gegen Frankreich (1793), wo mehrere 
Kegimenter auf dem Mont Cenis und dem kleinen St. Bernhard canton- 
niren mussten, wurden ganze Compagnien von Nyktalopie befallen. 
Diese Affection wurde allgemein der blendenden Weisse des Schnees 
zugeschrieben, welche durch das Zurückstrahlen des Sonnenlichtes ver- 
stärkt wurde. Mein Vater, der die meisten von diesen Soldaten unter- 
suchte, fand, dass sie an einer ausserordentlichen Verengerung der Pu- 
pille litten. Die Krankheit verschwand bei den Meisten; bei Einigen 
aber blieb unheilbare Myosis zurück, welche ihr Sehvermögen sehr 
störte." — „Die Nyktalopie ist in den heissern Ländern endemisch. 
Nach Hillary findet man in Siam, Ostindien und selbst in Afrika sehr 
viele Nyktalopische. Nach Lassus, Pi/e und Richter kann die Nykt- 
alopie auch die Folge eines längern Aufenhaltes an dunklen Orten sein. 
Larrey erzählt die Geschichte eines Greises, der 33 Jahre in einem Ge- 
langnisse zu Brest gefesselt war; dieser erkannte in der Nacht die 
kleinsten Gegenstände, während er am Tage vollkommen blind war (?). 
Lassus erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in Folge einer Ge- 
hirnüberreizung durch geschlechtliche Ausschweifungen tagblind wurde (?)." 
Ramazzini (Krankheiten der Handwerker) erwähnt , er habe öfter 
unter den Landleuten und besonders bei Knaben die Beobachtung ge- 
macht, dass zur Aquinoctialzeit im März etwa 10jährige Knaben von 
Gesichtsschwäche befallen wurden, so dass sie den ganzen Tag hin- 
durch wenig oder nichts, Abends dagegen wieder deutlich sahen. Die 
Affection verschwand, ohne dass etwas dagegen angewendet wurde, ge- 
gen Mitte April von selbst. Der Umstand, dass R. die Pupillen dabei 
erweitert gefunden, macht es zweifelhaft, ob hier eine Netzhautaffection 
oder bloss Mydriasis vorhanden war. — Carron du Vülards erklärt die 
Nyktalopie für ein congestives Leiden der Netzhaut. Nach ihm ver- 
schwindet die durch Blendung bedingte Nyktalopie in der Regel von 
selbst, wenn man die veranlassende Ursache entfernt, das Licht gehörig 
lemperirt. Für hartnäckige Fälle empfiehlt er die schon seit Hippo- 
krutes Zeiten in grossem Rufe stehenden warmen Dämpfe von einer 

*) Prakt. Handbuch zur Erkenntniss und Heilung der Augenkrankheiten, übersetzt von Schnackenberg. 
Quedlinburg und Leipzig, 1841. S. 346. 
Arlt Augenheilkunde. III. 8 



114 Netzhaut. 

gekochten Rindsleber, wie bei Hemeralopie. Bei Nyktalopie in Folge 
von Congestionen (?) soll man so wie bei Amblyopia congestiva ver- 
fahren, bei starker Verengerung der Pupille und übermässiger Reizung 
der Netzhaut innerlich und äusserlich Belladonna (?), bei torpiden Er- 
scheinungen Excitantia (?) anwenden. 

N. N., ein Mann von circa vierundvierzig Jahren, von kräftiger Constitution und. 
gesundem Aussehen, consultirte mich Anfang Juli 1854 wegen eines eigentümlichen 
Zustandes seiner Augen. Er versicherte, dass er Abends nach Sonnenuntergang so 
■wie früher sehe, selbst schiessen könne, bei Tage jedoch Alles wie mit einem hellen 
Nebel oder Scheine bedeckt sehe, daher Personen auf 3 — 4 Schritte nicht mehr deut- 
lich erkenne, beim Fahren (er war gewohnt selbst die Pferde zu lenken) Gefahr 
laufe, vom Wege abzukommen, überhaupt durch Licht geblendet werde. Diese Behin- 
derung im Sehen hat sich in geringem Grade bereits im März oder April bemerkbar 
gemacht, indem Patient, der von jeher ein besonders scharfes Gesicht hatte und als ein 
ausgezeichneter Schütze bekannt war, zunächst entferntere Objecte nicht mit der ge- 
wohnten Deutlichkeit wahrnahm; erst als er einmal beim Schiessen die Mücke am Ge- 
wehr nicht mehr erkannte, wurde er um seine Augen besorgt. Als er mich zu Bathe 
zog, konnte er mit dem rechten Auge nur noch 2'", mit dem linken V" hohen Druck 
lesen (Ed. Jägers 14 und 10), jedoch nur einige Zeilen, indem ihm die Augen bald 
übergingen. Durch Entfernen der Schrift über 10 — 12 Zoll wurde an Deutlichkeit und 
Ausdauer eher verloren, als gewonnen. Stärkere Verdunklung des Zimmers (zu einem 
der Dämmerung nahen Grade) verminderte wohl das fortbestehende unangenehme Gefühl 
der Blendung, vermochte aber nicht, das Erkennen kleinerer Lettern zu vermitteln. 
Die Angabe des Patienten, dass er nach Sonnenuntergang ganz gut sehe, erwies sich 
in so fern unrichtig, als Sehversuche herausstellten, dass er in .der Dämmerung nicht 
besser lesen konnte, als am Tage, dass sein Gesicht bei der Prüfung an feineren Ob- 
jecten gegen gesunde Augen immer zurückbleibe. Noch auffallender zeigte sich die 
Schwächung der Sehkraft an Leseproben bei künstlicher Beleuchtung. Das directe Ein- 
fallen künstlichen Lichtes war ihm übrigens nicht minder unangenehm , als das von 
lichten Flächen reflectirte Sonnenlicht, daher ihn auch das Anzünden der Strassenlampen 
von seinen abendlichen Spaziergängen nach Hause trieb. Bei Mondschein versicherte 
er an sein Augenleiden durch gar nichts erinnert zu werden. — Die Augen boten 
äusserlich durchaus nichts Abnormes dar, nur die Augapfelbindehaut war constant etwas 
stärker injicirt, was jedoch vielleicht habituell ist, da Patient überhaupt lebhaft arteriell, 
geröthet aussieht und eine sehr zarte Haut besitzt. Nebstdem konnten die Pupillen 
durchschnittlich bei verschiedenen Lichtgraden als relativ zu eng bezeichnet werden, 
obwohl die lichtgraublaue Iris sich sonst in jeder Beziehung normal verhielt. Die durch- 
sichtigen Medien durchaus intact. Die Untersuchung der Netzhaut mit dem Augenspiegel 
ergab keine materielle Veränderung, nur Hyperämie und grössere Empfindlichkeit gegen 
den Lichtreiz. Von sogenannten subjectiven Gesichtserscheinungen keine vorhanden, 
auch keine Sohmerzen und- abnormen Empfindungen, ausser dem lichten Nebel oder 
Scheine, der ihm bei Tageslicht alle Objecte zu überziehen schien. — Patient wusste 
über die Zeit der Entstehung des Leidens nichts Bestimmtes anzugeben, noch weniger 
über die Veranlassung dazu. Er entsann sich keiner offenbaren Blendung, keiner 
Verkältung, überhaupt keiner auffallenden Schädlichkeit. Er befand sich sonst durchaus 
wohl , lebt in den besten Verhältnissen , hat seine Augen nie übermässig angestrengt» 



Retinalanibl} opie — Nyktalopie. 115 

Er hat vor vielen Jahren wegen einer secundären Affection wohl Mercurialcuren durch- 
gemacht, doch regelrecht, und bietet keine Nachgehen weder von der einen noch von 
der andern dar. Trotzdem er in venere eben nicht sparsam .gelebt, ist er gut genährt 
und muskulös kräftig, dabei aber sehr irritabel, physisch sowohl als psychisch. In Bezug 
auf Essen und Trinken war er nie unmässig, ausser dass er vor vielen Jahren sehr 
an starken Thee mit Eum gewöhnt war. Tabak zu rauchen ist ihm Bedürfniss; doch 
konnte auch hierin nicht die Ursache des Augenleidens gesucht werden. Eigenthümlich 
ist von Jugend auf eine grosse Neigung zum Schwitzen und eine ungewöhnliche Em- 
pfindlichkeit gegen Arzneimittel, namentlich gegen Abführmittel. — Ich empfahl: Meiden 
grellen Lichtes, schneller Übergänge und Contraste, jeder Anstrengung der Augen, Ex- 
cesse im Essen , Trinken , in venere , Tragen rauchgrauer Gläser , massige Bewegung 
im Freien, Egerer Salzquelle, und da diese Schwindel erregte, Saidschützer Wasser in 
kleinen Gaben, blutige Schröpfköpfe in der Kreuz- und Lendengegend, nach denen 
jedoch Hinfälligkeit mit leichten Muskelzuckungen eintrat, daher später von Zeit zu Zeit 
6 — S Blutegel hinter die Ohren , einigemal auch circa anum , endlich kalte Augen- 
douche und später kalte Fomente von Aqua dest. mit Aqua laurocerasi und Borax, da 
ihm die örtliche Anwendung von Kälte entschieden wohl that. Es erfolgte wohl keine 
Verschlimmerung, aber auch keine Heilung. Auf den Bath eines Ende September con- 
sultirten Arztes wurde durch längere Zeit Chinin, sulfur. gegeben, Anfangs in Pulver- 
form . dann in Verbindung mit Elix. acid. Halleri. Die Ende September von einem 
andern, mit dem Ophthalmoskope sehr vertrauten Arzte vorgenommene Untersuchung ergab 
gleichfalls keine sichtbare Veränderung der Netzhaut, selbst nicht mehr eine erhebliche 
Hyperämie. Die durch zwei Monate fortgesetzte Anwendung des Chinins hatte keinen 
günstigen Erfolg, obwohl das diätetische Verhalten erst jetzt streng eingehalten wurde. 
Ja Patient war so weit gekommen, dass er auch mit dem linken Auge nur N. 14 lesen 
konnte. Ich kehrte daher zu kleinen zeitweiligen Blutentziehungen zurück, und liess 
durch vier Wochen Pillen von Polygala senega nehmen und etwas später nebenbei 
Veratrinsalbe an die Stirn und Schläfe einreiben. Keine Besserung, keine Verschlim- 
merung. Dasselbe Besultat nach wiederholter Application kleiner Vesicantien an die 
Schläfe und endermat. Anwendung von Strychnin. Auch Extr. conii macul. mit Magnes. 
carbon. in steigender Dosis blieb ohne Erfolg. Ich entschloss mich daher Anfangs März 
zu einer Sublimatcur in Pillenform ( ' 20 Gran), konnte jedoch wegen Empfindlichkeit 
des Magens bloss auf acht Pillen steigen. Als der Patient wieder bis zu einer Pille 
zurückgegangen war, trat zuerst Abnahme der Empfindlichkeit gegen das Licht ein, 
daher ich nach einiger Zeit noch einmal bis auf zehn Pillen stieg. Nach Beendigung 
der Cur (gegen Ende April) war der lichte Nebel nicht mehr vorhanden , Physiogno- 
mien wurden auf 5 — 6, nicht mehr bloss auf 2 — 3 Schritte und viel deutlicher und 
reiner erkannt , und von den Jäger'schen Lettern konnte wieder N. 11 mit jedem 
Auge gelesen werden. Im Mai wurden noch zwei Arzte consultirt, nach Erwägung 
ihrer Eathschläge jedoch und Berücksichtigung des bisherigen Erfolges noch einmal zu 
einer etwas modificirten Sublimatcur geschritten (Mitte Juni). Ende Juli, wo ich den 
Patienten das letzte Mal (vor Abdruck des Manuscriptes) sah, war die Sehkraft so weit 
gebessert, dass von Jägers Musterschriften N. 7 ganz leicht gelesen wurde. Die Bes- 
serung hatte sich zuerst im Erkennen entfernter Objecte und durch entschiedene Ver- 
minderung der Empfindlichkeit gegen das Licht bemerkbar gemacht. Dieser Erfolg 
spricht meines Erachtens dafür, dass in diesem Falle eine chronische Ptetinitis bestand, 
wenngleich in der Pietina noch keine Productbildung nachgewiesen werden konnte. 

8* 



116 Netzhaut. 

Ob nun alle Fälle von Nyktalopie als congestiv-entzündliches Netzhautleiden aufzufassen 
seien, bleibt fernem Beobachtungen anheimgestellt. 

y. Entzündung der Netzhaut. Dictyitis {Retinitis). Dieser Terminus 
wurde bisher meistens zunächst auf einen gewissen Symptomencomplex 
gestützt, und demgemäss, da chronische Fälle ausser der Sehstörung 
keine verlässlichen Erscheinungen darbieten, beinahe nur bei sehr acut 
auftretenden Fällen gebraucht. Veränderungen der Netzhaut, welche als 
Product von Entzündung derselben aufgefasst werden mussten, waren 
nur an Leichen gefunden worden, von denen man im günstigsten Falle 
etwa wusste, dass Amaurosis vorhanden gewesen war. Die Anwendung 
des Augenspiegels gestattet uns nun, schon während des Lebens ana- 
tomische Veränderungen der Netzhaut zu erkennen, zu den anderwei- 
tigen Symptomen in Beziehung zu bringen, und somit Entzündung der 
Netzhaut auch bei subacutem und chronischem Verlaufe zu diagnosti- 
eiren. Nur bleibt noch immer zu bedauern, dass uns genauere und 
feinere anatomische Untersuchungen der durch Entzündung veränderten 
Netzhaut beinahe durchaus fehlen, somit eine nur einigermassen ge- 
nügende Schilderung der anatomischen Veränderungen zur Zeit noch 
nicht gegeben werden kann , und dass die feineren mikroskopischen 
Veränderungen der Netzhaut auch dem Ophthalmoskope entgehen. Die 
älteren Angaben über partielle oder universelle Trübungen, Verfärbun- 
gen, Verdickungen, Verhärtungen u. s. w. können nur zum Theil als 
Beweise betrachtet werden, dass die* Netzhaut primär- durch Entzündung 
verändert werden kann; viele derselben beruhen auf Verwechslung mit 
metamorphosirten Chorioidealexsudaten und Extravasaten. Die Augen- 
spiegelbefunde sind im Allgemeinen in Verbindung mit anderweitig 
constatirten Momenten hinreichend, die Existenz von Netzhautentzün- 
dung sicher zu stellen; doch ist dieser Nachweis in speciellen Fällen 
nicht immer leicht, selbst bei völliger Vertrautheit mit der Anwendung 
dieses Instrumentes. Man hat nämlich zu bestimmen: ob wirklich vor- 
handene Abnormitäten des Augengrundes auch als Ursache der ander- 
weitig constatirten Sehstörung angenommen werden können, ob diesel- 
ben in der Netz- oder Aderhaut oder in beiden zugleich ihren Sitz 
haben, und von welcher Natur dieselben seien. Aber auch wenn mit 
dem Augenspiegel keine Veränderungen wahrgenommen werden, und 
überhaupt nicht wahrgenommen werden können, so folgt daraus noch 
nicht, dass die Ursache der Sehstörung anderswo als in der Netzhaut 
gesucht werden müsse, denn es gibt Veränderungen der Netzhaut, in 
specie entzündliche, welche nur mittelst des Mikroskopes ermittelt wer- 
den können. Als Beleg hieflir mag die Untersuchung der amblyopischen 



Entzündung der Netzhaut. 117 

Augen eines in Folge von Morbus Brightii Verstorbenen dienen, in 
welchen Türk (Zeitschr. der Wiener Ärzte, 1850, Nr. 4) im hintern 
Abschnitte der Netzhäute bis zu einer Entfernung von 3 — 4 /y; von der 
Eintrittsstelle des Sehnerven das Gewebe derselben unter dem Mikro- 
skope von Körnchenzellen durchsetzt fand, und offenbar ein Exsuda- 
tionsprocess in der Netzhaut als Ursache der Amblyopie angesehen 
werden musste. Eine ähnliche, also bestätigende Beobachtung hat Prof. 
Treitz- bei Diabetes mellitus gemacht; es liess sich Netzhautentzün- 
dung unter dem Mikroskope bestimmt nachweisen, ohne dass die Netz- 
haut dem freien Auge merklich verändert erschien (mündliche Mit- 
theilung). 

Die ophthalmoskopisch erkennbaren und durch Entzündung gesetz- 
ten Veränderungen der Netzhaut sind: 1. Hyperämie allein oder mit 
Ekehyniosirung in frischen, Verminderung des Calibers und dunklere 
Färbung der Gefässe bei inveterirten Fällen; 2. dunkel- oder hellfar- 
bige Trübung der Netzhaut an einer oder an mehrern Stellen, in ein- 
zelnen Eegionen oder in der ganzen Ausdehnung; 3. Veränderungen 
der Sehnervenpapille in Bezug auf Farbe, Grösse und Abgrenzung von 
der Umgebung. Ad l.Wenn das eine Auge gesund ist, kann man 
durch aufmerksame Vergleichung die capilläre Blutüberfüllung leicht 
nach der stärkeren Röthe des Augengrundes beurtheilen, ausserdem 
aber muss auf das Alter des Individuums, auf die Farbe der Iris, auf 
die Reinheit der Flamme, auf die Durchsichtigkeit der Medien und auf 
den Refractionszustand des untersuchten Auges (relativ zum Instrumente 
und zum Beobachter) Rücksicht genommen werden; man muss über- 
haupt viele und verschiedene Augen mit normaler Netzhaut untersucht 
haben. Am leichtesten ist die Hyperämie zu erkennen, wenn im Be- 
reiche des Sehnervenquerschnittes abnorm viele, namentlich feine Ge- 
fässchen vorkommen, wenn derselbe ein förmlich röthliehes Aussehen 
hat, wenn hier oder im weitern Verlaufe längs derselben kleine Ekchy- 
mosen oder röthlich punktirte Fleckchen sitzen. Die gleichzeitige Ver- 
minderung der Energie der Sehkraft supplirt bei solchem Befunde ge- 
wissermassen das Auffinden von Exsudaten, welche nämlich noch so 
fein sein können, dass die beim Ophthalmoskop zulässige Vergrösserung 
und Beleuchtung nicht hinreicht, sie wahrnehmbar zu machen. Doch 
ist zu bemerken, dass es auch Fälle gibt — weiter unten wird ein 
solcher angeführt — wo der Exsudationsprocess zunächst in der Peri- 
pherie der Netzhaut auftritt, die Schärfe des directen Sehens mithin 
gar nicht oder kaum merklich beeinträchtigt erscheint. — Nach länge- 
rem Bestände der Entzündung ist es nicht sowohl abnorme Röthe des 



118 Netzhaut. 

Äugengrundes und grössere Zahl von Gefässen, welche auffällt, als viel- 
mehr Erweiterung, besonders der Venen, und dunklere Färbung dieser 
sowohl als der Arterien. Zahl und Lumen der Centralgefässe können 
in diesem Stadium übrigens sogar vermindert sein, und der Augengrund 
erscheint in solchen Fällen unter dem Spiegel oft auffallend licht, 
während die Pupille beim Tageslichte schon mehr weniger unrein, grau 
oder grünlich aussieht, was theils von der Trübung der Netzhaut, theils 
von der Verminderung der Pigmentunterlage (und allenfalls auch von 
gelblicher Färbung der Linse) abhängt. — Ad. 2. Die Trübung der 
Netzhaut erscheint der Farbe nach röthlich, grau-, gelblich- oder bläu- 
lich-weiss, oder dunkel (pigmentirt). Die röthlichen Flecke, von denen 
schon die Rede war, sind nicht so intensiv und nicht so dunkelroth, 
überdiess auch nicht so scharf markirt, wie die Ekchyinosen, welche 
auch ohne Entzündung, namentlich bei Verletzungen, vorkommen. Sie 
lassen sich bisweilen bei starker Vergrösserung (im aufrechten Bilde) 
als fein punktirte oder fein gestrichelte Röthe erkennen. Die lichten 
Trübungen sind meistens auf grössere Strecken ausgebreitet, schleier- 
ähnlich, mehr weniger stark durchscheinend, sich gegen die gesunde 
Umgebung allmälig verlierend, daher relativ am schwersten zu erkennen, 
zumal bei minder reichlichem Pigmentgehalte der Chorioidea. Man hat 
sich zu hüten, dass man nicht diffuse Glaskörper- oder Linsentrübung 
damit verwechselt. Auch ausgebreiteter Pigmentmangel kann für Netz- 
hauttrübung gehalten werden. Man muss daher stets auf das Verhalten 
der Netzhautgefässe , auf das reine Hervortreten des Sehnervenquer- 
schnittes und auf die Sehstörung Rücksicht nehmen. Die pigmentirten 
Netzhauttrübungen geben der Netzhaut meistens ein geflecktes oder 
getigertes Aussehen, und zwar in mehr weniger grosser Ausdehnung 
und in verschiedenen Regionen. Sie kommen nicht bloss in Folge von 
Entzündung, sondern auch in Folge von einfachen Blutaustretungen vor, 
und können meist nur mit Rücksicht auf ihre Lage zu den Netzhaut- 
gefässen von partiellem Pigmentmangel unterschieden werden. Rare- 
ficirung der Chorioidea (Durchscheinen der Sclera) zeigt gewöhnlich 
einen silberartigen Glanz. (Siehe später: Kurzsichtigkeit.) — Ad. 3. 
Die Sehnervenpapille zeigt bei Retinitis während des Congestions- und 
Exsudationsprocesses nebst den gewöhnlichen Gefässstämmchen noch 
zahlreiche abnorme Zweigchen, wohl auch feine Capillaren, welche der- 
selben bei minder starker Vergrösserung (im umgekehrten Bilde; oft 
ein röthliches Aussehen geben, das allmälig einem schmutzigen Teint 
Platz macht. Weiterhin erscheint die Grenze des Sehnervenquerschnittes 
nicht scharf abgesetzt, sondern durch lichte und pigmentirte Trübung 



Entzündung der Netzhaut. 119 

der nächsten Umgebung unregelmässig erweitert oder vielmehr ver- 
wischt. Doch hat man sich zu hüten, einen halbmondförmigen dunkeln 
oder lichten Reifen an der einen oder andern Seite der Sehnervenpa- 
pille ohne Weiteres für Entzündungsproducte zu halten. Es ist hier so- 
wohl Schattenbildung als auch stärkerer Reflex möglich, da die Papille 
wie ein stumpfer Hügel mehr weniger stark in den Glaskörper hinein- 
ragt und der Bulbus meist etAvas von der Seite her beleuchtet wird. 
Auch kommt es in ganz normalen Augen vor, dass an einer oder der 
andern Partie der Sehnervenperipherie Pigmentanhäufung einen dunkeln 
Streifen oder Reifen bewirkt, so wie andrerseits auch Pigmentmangel 
und Rareficirung der Chorioidea in mehr weniger grosser Ausdehnung 
um die Pupille herum vorkommen kann, ohne Netzhautentzündung, 
z. B. bei Staphylonia posticum Scarpae. 

Ablösung der Netzhaut von der Chorioidea dürfte -wohl nie als Folge von Entzündung 
der Netzhaut selbst zu betrachten sein. Wo ich diesen eben nicht gar seltenen Zustand 
sah , hatte ich Ursache anzunehmen , dass dieselbe durch serösen Erguss in Folge von 
Chorioiditis oder in Folge von Apoplexia chorioideae entstanden -war. Der seröse Erguss 
entwickelt sich bald plötzlich nach offenbarer Verkältung, bald allmälig bei schleichen- 
der Entzündung der Chorioidea (vrgl. Krankheiten der Chorioidea). Dieser Zustand 
ist nicht leicht zu übersehen und auch nicht schwer zu erkennen, wenn man bei Unter- 
suchung mit dem Augenspiegel damit beginnt, dass man zunächst die durchsichtigen 
Medien auf ihre Durchsichtigkeit prüft. Die abgelöste Partie (ich sah sie bisher nur in der 
untern Hälfte) erscheint bläulich weiss, uneben, bei jeder Bewegung des Auges schwan- 
kend, flatternd oder aufwallend, hie und da von einem dünnen dunkelrostbraunen Ge- 
fässchen durchzogen , sonst wie beschneite Hügel oder wie Gletscher bei Abendbeleuch- 
tung das Lampenlicht reflectirend. Dabei kann totale oder partielle Erblindung vor- 
handen sein; in letzterem Falle fungirt entweder die ganze obere Hälfte der Netzhaut, 
oder nur ein mehr weniger kleiner Theil derselben. Abgelöste Netzhautpartien legen 
sich, was Graefe zuerst bestimmt ausgesprochen hat, niemals wieder an und werden 
nie mehr functionsfähig ; aber auch die nicht abgelösten Partien, namentlich die zu- 
nächst gelegenen, sind nicht bloss mit Ablösung bedroht, sondern auch mit Structur- 
veränderung durch Entzündung, und in so fern, als diese Entzündung gleichsam als 
Eeactionsprocess in der Umgebung der abgelösten Partie betrachtet werden kann , mag 
dieser Zustand ein Plätzchen zur Besprechung bei der Entzündung der Netzhaut ge- 
funden haben. 

Die acute Netzhautentzündung wird als fulminant auftretender Pro- 
cess geschildert. Bald nach der Einwirkung intensiven Lichtes ent- 
wickeln sich heftige und anhaltende Schmerzen im Auge und Vorder- 
haupte, Vorschweben verschiedenfarbiger feuriger Erscheinungen, enorme 
Empfindlichkeit gegen jeden Lichtreiz ä reichlicher Thränenfluss und all- 
gemeine Unruhe und Aufregung oder auch Abspannung bei rasch ver- 
minderter Sehkraft. Verengerung der Pupille dürfte stets in auffallend 



120 Netzhaut. 

hohem, Gefässinjection auf der Sclera in relativ geringem Grade vor- 
handen sein. 

Diese Affection kann bei rechtzeitiger und zweckmässiger Hilfelei- 
stung vollständig zurückgehen, führt aber gewöhnlich in kurzer Zeit zu 
mehr weniger ausgebreiteter Amblyopie oder Amaurose. Nach einigen 
Beobachtern können auch die Zeichen von Iritis oder Chorioiditis hinzu- 
treten, und die Prognosis noch mehr trüben. Die Erscheinungen allge- 
meiner Augapfelentzündung (Panophthalmitis) dürften wohl nur dann zu 
besorgen sein, wenn die Netzhaut von andern Schädlichkeiten getroffen 
wurde, wenn nebst intensivem Lichte noch andere Momente das Auge 
verletzt haben. 

Wie man bei dieser, glücklicherweise nur selten vorkommenden 
Erkrankung vorzugehen habe, möchte hinreichend aus folgenden Bei- 
spielen entnommen werden können. 

„Ein junger Staatsbeamte in Wien*), von gesunder starker Körperbeschaffenheit ? 
hatte den ganzen Tag über Kopf und Augen durch Schreiben und Lesen sehr ange- 
strengt; gegen Abend "wohnte er optischen Vorstellungen eines Künstlers bei, unter 
welchen ihm der Sonnenaufgang vorzüglich gefiel, den er lange durch ein convexes 
Glas mit dem rechten Auge betrachtete. Als er sich entfernte, that ihm dieses Auge 
■weh. Den übrigen Abend brachte er unter Freunden in einem hell erleuchteten Salon 
zu, und trank denselben Abend auch ein Glas Punsch. Nach Mitternacht erwachte er 
unter betäubenden Kopfschmerzen, Vollheit und drückenden Schmerzen im rechten Auge 
mit flüchtigen Stichen. Der Schmerz wurde immer heftiger, Blitze, Flammen u. dgl. 
feurige Erscheinungen vermehrten sich mehr und mehr, die Lichtscheu wurde immer 
stärker, so dass er endlich die Nachtlampe auslöschen musste. Beer wurde sehr zeitig 
früh gerufen; er fand das Auge äusserst empfindlich bei der leisesten Berührung; die 
geringste Bewegung des Btilbus steigerte den Schmerz. So viel Beer in der Dämme- 
rung sehen konnte, war am Auge keine Röthe, die Pupille sehr verengert. Der Patient 
versicherte, er sehe mit dem rechten Auge viel weniger. Der Körper war von Fieber 
entzündlicher Art ergriffen. Beer liess auf der Stelle einen sehr starken Aderlass ma- 
chen, eine grosse Menge Blutegel theils an die Stirngegend, theils hinter das rechte 
Ohr setzen, eiskalte Fomente über den Kopf legen, Ung. hydr. einer, alle Stunden in 
die Augengegend einreiben, und verordnete ein Purgans anthiphlogisticum, dann, nachdem 
dieses letztere mehrere Stühle hervorgebracht, Calomelpulver. Ungeachtet der bedeu- 
tenden Erleichterung nach den Blutentleerungen liess Beer gegen Mittag den Aderlass 
und die Blutegel wiederholen. Auf diese Art gelang es ihm die Entzündung zu brechen 
und das Sehvermögen zu erhalten, welches eine Stunde später vielleicht unrettbar ver- 
loren gewesen wäre. Die zurückgebliebene Amblyopie behandelte Beer bloss durch diäte- 
tisches Verhalten." 

Folgende Beobachtung hat W. Cooper *) veröffentlicht : „Herr G. war am 29. März 
1844 beschäftigt, die Nerven der Zunge unter einem starken Mikroskop darzustellen,, 
und besah das fertig gewordene Präparat eben, als plötzlich die Sonne mit aller Kraft 

*) J. N. Fischer, Lehrbuch, Prag 1846. S. 59. 
**) London medical Gazette, 1844 Juli. Oester. mediz. Wochenschrift 1845, Nr. 45. 



Entzündung der Netzhaut — acute. 121 

darauf zu scheinen begann. Sogleich entstand über den ganzen Bulbus ein so heftiger 
Schmerz , dass G. aufsprang und einen heftigen Schrei ausstiess. Durch etwa zwanzig 
Minuten sah er nichts als das Spectrum der Sonne; nachher verlor sich dieses und 
auch der Schmerz , und er konnte sein Werk wieder fortsetzen , wenn auch das Auge 
his zum Abend empfindlich blieb. Tags darauf war aller Schmerz weg und G. ging 
an die Vollendung seiner Arbeit. Da trat derselbe Zustand wie Tags zuvor wieder 
ein ; die plötzlich zwischen den Wolken hervorbrechenden Sonnenstrahlen wurden vom 
Eeflector des Mikroskopes concentrirt ins Auge geworfen. Ein starker und tiefgehender 
Schmerz durchzuckte den Augapfel, grosse Lichtscheu und dasselbe Sehen des Sonnen- 
bildes stellten sich ein. Den ganzen Abend und die ganze Nacht blieb der Schmerz, 
sieh gleich und nahm Tags darauf zugleich mit einem Gefühle von Vollheit und Span- 
nung bedeutend zu. Kalte Umschläge brachten keine Erleichterung. Ausser dem 
Schmerze fand Cooper grosse Lichtscheu , die obere Hälfte des Bulbus besonders sehr 
empfindlich, Thränenfluss, Funkensehen bei jedem Sehversuche, die Iris normal, die 
Pupille verengert, die Conjunctiva wenig geröthet, den Puls schwach und beschleunigt, 
allgemeine Schwäche und geistige Abgespanntheit. Patient wurde sogleich in ein ver- 
dunkeltes Zimmer gebracht, zwölf Blutegel um das Auge gelegt, kalte Fomente und 
ein Abführmittel verordnet. Tags darauf befand er sich etwas besser. Einreibung 
von Mercurialsalbe mit Opium, innerlich Pillen von Hydrarg. mit Conium, in der 
Zwischenzeit Tart. emet. und eine Mixt, salina besserten den Zustand bedeutend. 
Nach vierzehn Tagen war das Auge schmerzlos, bloss das Sonnenlicht wurde noch 
nicht gut vertragen. Doch blieb die allgemeine Schwäche noch bedeutend, so dass 
1 2 Gran Chinin 2mal des Tages und etwas Fleischdiät verordnet wurde ; die Mercurial- 
einreibung wurde fortgesetzt. Bei dieser Behandlung im Verein mit einem Derivans 
hinter dem Ohre und einem leicht adstringirenden Augenwasser war das Auge bis auf 
Funkensehen bei Anstrengung desselben nach einer Woche vollkommen frei. Nach und 
nach verlor sich auch dieses Symptom , und die Kräfte nahmen wieder zu , so dass G. 
jetzt wieder vollkommen wohl ist." 

Eine ähnliche Beobachtung machte ich im April 1847 an einem etwa 16jährigen 
Mädchen, welchem ein Soldat, als sie in seiner Nähe im Schatten der Häuser vorüberging 
(morgens gegen 10 Uhr), mit einem Spiegel (Hohlspiegel?) das grelle Sonnenlicht in 
das rechte Auge geworfen hatte. Der Fall war durch fast gleichmässige blasse Rosen- 
röthe der Albuginea, ziemlich starke ödematöse Schwellung der Conjunctiva bulbi (am 3. 
und 4. Tage), sehr enge Pupille, vehemente Lichtscheu, Thränenfluss, Vorschweben feuriger 
Scheiben und getrübtes Sehen charakterisirt. Die Behandlung bestand in entsprechender 
Verdunklung, Ruhe im Bette, örtlicher Blutentziehung, kühlenden Abführmitteln und eis- 
kalten Umschlägen, denen späterhin Fomente mit verdünnter Tinct. arnicae substituirt 
wurden. Die völlige Genesung erfolgte erst nach 6 Wochen. 

Bei der subacut oder chronisch verlaufenden Netzhautentzündung 
ist die successive Abnahme des Sehvermögens wenn auch nicht gerade 
das einzige, so doch immer das hervorstechende Symptom. Sie wurde 
demnach vor Einführung des Augenspiegels gewöhnlich als Amblyopie 
oder Amaurosis überhaupt aufgefasst, und je nach anderweitigen Zu- 
fällen bald als congestives oder erethisches, bald als torpides Leiden 
ohne nähere Bezeichnung des Sitzes und Ausgangspunktes geschildert. 



122 Netzhaut. 

Die Sehstörung gibt sich bei der chronischen Netzkautentzündung 
auf verschiedene Weise kund, und zwar zunächst nach der Gegend und 
Ausbreitung der Affection. Bald ist es nämlich vorzüglich die Peripherie 
der Netzhaut, welche durch Hyperämie und Exsudation in der Function 
beeinträchtigt wird, bald das Centrum (die Gegend der Macula lutea), 
bald irgend eine oder mehrere Partien der mittlem Kegion, während 
in zahlreichen Fällen das ganze Gesichtsfeld als umflort oder verdun- 
kelt bezeichnet wird. Wo eine centrale Partie allein, oder vorwaltend 
afficirt ist, fehlt im Sehfelde der entsprechende Theil, sieht das Auge 
seitlich von .der zu dieser Stelle gehörenden Achse noch relativ gut 
oder am besten. Der Kranke sieht z. B. auf einem Blatte Papier einen 
dunklen Fleck, einem vis-a-vis befindlichen Gesichte fehlt die Nase 
oder ein Auge u. dgl., während die lichte Fronte eines etwas entfern- 
teren Hauses vielleicht noch ohne Unterbrechung, nur minder deutlich 
wahrgenommen wird. Innerhalb der Grenzen der deutlichen Sehweite 
steigt und fällt die scheinbare Grösse des dunkeln Fleckes mit der 
Grösse des Horopters, nimmt immer einen aliquoten, z. B. den 100. Theil 
des jeweiligen Sehfeldes ein, und wird demnach bei einem grössern 
Sehfelde auch als grösser angeschlagen. Ist die funetionsunfähige Netz- 
hautpartie von gesunder Netzhaut scharf abgegrenzt, so erscheint auch 
der dunkle Fleck innerhalb der deutlichen Sehweite scharf markirt, 
darüber hinaus allmälig verwischt, endlich verschwunden (Visus inter- 
ruptus, und bei mehreren solchen isolirten Flecken visus reticularis). 
Denselben Effect können natürlich auch umschriebene Blutextravasate, 
partielle Emporhebungen durch Chorioidealexsudate u. dgl. bewirken. 
Unempfindlichkeit einzelner, umschriebener Stellen der Netzhaut, z. B. 
durch Extravasate oder Exsudate, veranlasst die Kranken auch biswei- 
len zu der Angabe, dass sie die Gegenstände, z. B. die Nase, den 
Mund einer Person verzerrt, verschoben, breiter, grösser u. dgl. sehen 
(Ungestaltetsehen, Metamorphopsie). Ein sehr häufiges Symptom centra- 
ler Retinalaffection ist das sogenannte Vorbeischiessen der Sehachse 
neben dem Objecte, welches gesehen werden will. Es kommt diess, ab- 
gesehen von Hindernissen in den durchsichtigen Medien, ausserdem 
auch bei inveterirtem Strabismus und bei höheren Graden von Kurz- 
sichtigkeit (mit Ausbuchtung des Bulbus um den hintern Pol herum) 
vor, und wird desshalb bei diesen Zuständen noch besprochen werden. — 
Bei vorwaltend oder ausschliesslich in der Peripherie der Netzhaut auf- 
tretendem Exsudationsprocesse ergreift die allmälig auftretende Um- 
florung oder Verdunklung das ganze Gesichtsfeld, oder sie engt das- 
selbe auf einen mehr weniger beschränkten Eaum ein, selbst bis zu etwa 



Entzündung der Netzhaut — chronische. 123 

einem Viertelzoll beim Lesen u. dgl. Dieser Zustand ist wenig berück- 
sichtigt worden. Ich will ihn daher durch einige authentische Beobach- 
tungen erörtern, aus denen zugleich das Eigenthümliche dieses Pro- 
cesses erhellen wird. 

Ein Hauptmann, -10 Jahre alt, von kräftiger Constitution und ganz gesundem Aus- 
sehen klagt über Abnahme seiner Sehkraft seit Juni 1S53. Die Inspection ist nicht im 
Stande, einen Fehler im dioptrischen Apparate aufzufinden; auch von fehlerhafter Ee- 
fraction oder Accommodation kann keine Rede sein, was in dem Nachfolgenden seine 
weitere Bestätigung findet. Ich merkte, dass er etwas unsicher auf mich zuschritt, ob- 
wohl sich später ergab, dass er ganz gut lesen konnte und auch nicht etwa doppelt 
sah. Er kann die feinste Schrift lesen (selbst Nr. 1 von Jäger), doch nicht mit Aus- 
dauer. Er kann nicht mehr dienen, weil er vor der Fronte wohl in der Ferne sieht, 
nicht aber. Mas ihm zunächst ist. Er sah Tags vor seinem Besuche bei mir (am 3. Juni 
1855) im Theater wohl Alles auf der Bühne, nicht aber seinen etwas kleinern Vorder- 
mann, den er erst wieder suchen musste. Er kommt beim Herabgehen über eine Stiege 
immer in Gefahr zu stürzen , besonders bei der letzten Stufe ; ebenso geht er im Freien 
abwärts viel schlechter als eben oder aufwärts ; hat er über einen Graben zu schreiten, 
so kann er dessen Breite nicht ermessen ; er findet überhaupt , dass er Entfernungen 
nicht mehr richtig schätzen kann, obwohl er als Officier hierin grosse Übung hatte. Beim 
Gehen auf der Strasse längs einer Mauer geschieht's ihm leicht, dass er „an dieselbe an- 
schiebt", an einen Entgegenkommenden anstösst, an einen vorbeifahrenden Wagen an- 
rennt. (Er wurde auf diese Weise schon bedeutend verletzt.) Objecte, die schnell an ihm 
vorübergehen oder fliegen, z. B. Vögel, nimmt er oft nicht wahr, obwohl er ein ander- 
mal solche und noch viel feinere Gegenstände und in grösserer Entfernung recht gut 
sieht. Indem ich ihm etwa 4 Fuss weit gegenüber sitze und seinen Zustand notire, sieht 
er mein Gesicht, wenn er dieses fisirt, nicht aber meine schreibende Hand ; fixirt er die 
Feder, so sieht er nur den untersten Theil meines Gesichts. Die Peripherie seines Ge- 
sichtsfeldes ist nicht scharf markirt, sondern wie verschwommen. Ging er früher, wo 
sein Zustand noch etwas schlimmer war, auf einem Fahrwege, so konnte er nie dessen 
beide Bänder zugleich sehen. Der Blick auf unmittelbar von der Sonne beschienene lichte 
Stellen ist ihm unangenehm, obwohl er versichert, bei stärkerer Beleuchtung, z. B. bei 
Lampenlicht besser zu sehen, als bei Kerzenlicht. Tritt er aus einem lichten in einen 
etwas dunkeln Baum, z. B. in eine Hausflur, so dauert es länger, eher ihm die Objecte 
deutlich werden, als sonst im gesunden Zustande der Fall war. Gegen Abend, jedoch auch 
schon vor Sonnenuntergang, sieht er besser, angeblich wegen der kühlern Temperatur, 
doch war's auch im Winter so. Nach Tische oder wenn er sich durch Gehen erhitzt hat, sieht 
er stets schlechter. Er hat zuerst im Juni vor 2 Jahren bemerkt, dass er zu Pesth auf 
der Promenade die Bäume nicht mehr deutlich erkannte, Giüssende nicht immer gleich 
wahrnahm, beim Eintritte in die Hausflur oft Mühe hatte, den Thürgriff oder die ersten 
Stufen der Stiege zu finden. Da er sich Abends — er meint wegen der Abkühlung der 
Luft — regelmässig besser befand, hielt er den Zustand Anfangs gar nicht für ein Augen- 
leiden, sondern bloss für Blutandrang und beschäftigte sich desshalb auch Abends noch 
viel mit Lecture. Indess wurde der Zustand bei den Exercirübungen am Rakosfelde in 
der heissen Jahreszeit ärger, so dass er ,,in Beih' und Glied seinen Nebenmann nur 
durch die Fühlung wahrnahm, sein Vordermann ihm manchmal verschwand." Seine 
Ärzte hatten das Leiden als Blutandrang aufgefasst und demgemäss behandelt. Schröpf- 



124 Netzhaut. 

köpfe, Mineralwässer, kalte Bäder kamen ihm gut zu Statten, so dass er im Mai 1854 
den Marsch nach der Bukowina mitmachen konnte. Doch wurde sein Zustand bedeu- 
tend verschlimmert , indem er durch 3 Monate in der Kegel jeden Vormittag und hei 
jeder Witterung im Freien und auf schlechten Wegen marschiren musste. Der Aufenthalt 
in einer Kaltwassercuranstalt hat nun den Zustand wieder etwas gebessert. Die Unter- 
suchung mit dem Augenspiegel ergibt unzweifelhaft Hyperämie der Netzhaut und in der 
Gegend des Aequator bulbi eine Art Marmorirung derselben , indem theils dunklere 
Punkte und Fleckchen (Pigment?), theils einzelne lichte, gelbliche, fast hyaline Pünkt- 
chen auf hochrothem Grunde eingesprengt erscheinen. Ich nahm demnach keinen An- 
stand, diesen Befund als Retinitis peripherica zu betrachten, und hierauf Prognosis und 
Therapie zu stützen. Doch konnte sich dieser Herr einer consequenten Behandlung vor- 
läufig noch nicht unterziehen, und ist mir über den weitern Verlauf noch nichts be- 
kannt geworden. 

Ein Eisenbahnbeamter von 45 Jahren klagte über schlechtes Sehen und beschrieb 
seinen Zustand — durch einige Fragen geleitet — ohngefähr folgendermassen. Ich sehe 
weder rechts noch links, auch nicht abwärts; zeitweise gerathe ich in einen Zustand 
gänzlicher Verwirrung, z. B. wenn ich von der Bahn auf ein Feld treten oder zu einem 
Wächterhaus gehen will, verliere ich auf einmal den Weg, und muss mich führen lassen, 
obwohl ich gradaus ganz gut sehe. Mit dem Lesen und Schreiben geht's schlecht, wenn 
ich eine Zeile geschrieben, so vergeht mir Alles, und immer muss ich, um zu lesen, 
den Kopf stark vorwärts neigen. In der Stadt oder auf der Strasse laufe ich Gefahr 
zu stolpern oder überfahren zu werden, "weil ich nicht sehe, was seitlich und unmittel- 
bar vor mir ist. Ich sehe in der Ferne, wenigstens mit dem rechten Auge sehr scharf, 
z. B. auf 500 Schritte einen kleinen Vogel, in der Nähe jedoch nicht, da verschwimmt 
mir Alles ; vor dem linken ist auch beim Fernblick gleichsam ein Schleier. Ich kann 
über keinen Graben springen, von weitem sehe ich, wie breit der Graben, welchen 
Anlauf ich etwa nehmen müsste, wenn ich aber nahe daran gekommen, verlässt mich 
das Urtheil über die Breite. Mond und Sterne kann ich wahrnehmen ; nach Sonnenunter- 
gang sehe ich schlechter, und wenn auch der Widerschein vom Firmament verschwun- 
den ist, muss ich mich führen lassen; ob ich bei Mondschein sehen würde, weiss ich 
nicht, weil ich aus Furcht vor einem Unglück mich immer beeile, mit Sonnenuntergang 
zu Hause zu sein. Komme ich von der Gasse in ein Vorhaus, welches nicht sehr 
licht ist, so sehe ich ungewöhnlich lange gar nichts, bin ganz geblendet. Das volle 
Sonnenlicht beleidigt meine Augen, so dass ich starkblaue Gläser tragen muss; auch 
muss ich von Zeit zu Zeit meine Augen schliessen, um sie wieder zu Kräften kommen 
zu lassen. Meine Nahrung muss ich beinahe kühl zu mir nehmen, weil der Genuss 
heisser Speisen meinen Zustand entschieden verschlimmert. — Die äussere Besichtigung 
entdeckt nichts Abnormes , ausser etwas minder lebhaften , jedoch nicht gerade stieren 
Blick. Will er etwas genau sehen, z. B. lesen, wozu sich nur das rechte Auge noch 
eignet, so muss er das linke schliessen. Er vermag höchstens 2 Seiten mittlem Druckes 
in continuo zu lesen, und hat sich desshalb in der letzteren Zeit nur auf die unabweisli- 
chen Schreibereien beschränkt. Er vermag von der Jäger'schen Druckschrift Nr. 5 zu 
lesen, zwischen 10 — 20 Zoll Entfernung, lieber bei 15 — 20", schwer bei 8", gar nicht 
bei 6", mit einiger Mühe auch bei 24". Mit dem rechten Auge allein (bei verdecktem 
linken) liest er noch Jäger Nr. 2, jedoch nur bei 14", Nr. 3 dagegen zwischen 12 — 15", 
bei 20" dagegen nicht. Die Pupillen — wie im vorigen Falle — dem Lichtgrade ad- 
äquat, die Iris graublau, ziemlich stark vorgewölbt. Er hatte früher ein sehr scharfes 



Entzündung; der Netzhaut — chronische. 125 

Auge , und war auch vor Entstehung dieses Zustandes weder kurz- noch fernsichtig. — 
Erkrankt war er im Juli l S54 ; als er sich beim Schienenlegen mit dem linken Auge 
knapp an die von der Sonne erhitzte Schiene legte (auf dem Boden gestreckt), um zu 
sehen, ob dieselbe ganz gradlinig gelegt sei, fielen ihm die Sonnenstrahlen direct in 
die Augen ; augenblicklich empfand er so heftige stechende Schmerzen, dass er die Hände 
vor die Augen hielt ; dann war er eine kurze Zeit wie geblendet und betäubt. Diese 
Zufalle verschwanden, nachdem er sich Gesicht und Kopf mit kaltem Wasser gewaschen 
und tüchtig abgekühlt hatte. Nach etwa 3—4 Tagen stellte sich das Doppeltsehen und 
Schwindel ein, indem er über jedem Gegenstande noch einen zweiten minder deutlichen 
sah. Er versah trotzdem seinen Dienst als Bahnaufseher, obwohl mit grosser Anstreng- 
ung, indem er von dem Scheinobjecte allmälig abstrahiren lernte , und gebrauchte auf 
Anrathen eines Arztes bloss Bitterwasser. Nach etwa 2 Monaten war er den Winter über 
wieder gesund ; nur gegen Abend merkte er , dass seine Sehkraft nicht mehr so scharf 
wie früher war, auch übergingen (thränten) ihm die Augen oft, wenn er mehr zu thun 
hatte. Im April aber trat wieder — ohne bekannte Veranlassung — Doppeltsehen ein, er 
meint, gerade zur Zeit des Yollmondes. Er gebrauchte zunächst "wieder Bitterwasser, 
dann Seidlitzpulver , und da keine Besserung eintrat, auf ärztliche Ordination Blasen- 
pflaster, die er durch 48 Stunden an der Schläfe liegen lassen sollte. Er legte diese 
des Morgens auf; den andern Tag früh, als er erwachte, bemerkte er, dass er beinahe 
blind war. Das Pflaster an der rechten Schläfe soll sich in der Nacht verschoben haben, 
und nur das linke 24 Stunden liegen geblieben sein. Auf dem linken Auge sah er An- 
fangs gar nichts, nach und nach erholten sich beide Augen ohngefähr gleichen Schrittes, 
so dass er jetzt mit dem linken noch immer nicht lesen kann. Ich fand mit dem Augen- 
spiegel deutlich ausgesprochene Hyperämie der Papille; die Netzhaut in ihrer ganzen 
Ausdehnung zu untersuchen, war nicht möglich, da der Kranke bald wieder abreisen 
musste (10. Juni 1S55) und künstliche Erweiterung der Pupille unter solchen Umständen 
nicht räthlich erschien. 

So lange der entzündliche Process noch im Gange ist, sind solche 
Patienten immer gegen stärkeres Licht abnorm empfindlich ; sie fühlen 
sich bei temperirtem Lichte behaglich oder doch minder unwohl. Diese 
Empfindlichkeit tritt besonders bei reflectirtem Lichte (von lichten oder 
glänzenden Objectenj, bei ungleicher Vertheilung desselben und bei 
schnellen Übergängen oder Contrasten hervor. — Die Meisten klagen 
auch über feurige Erscheinungen , besonders im Dunkeln , die sie bald 
als rothe, gelbe, blaue oder weisse Flämmchen, oder Funken oder Blitze, 
bald als eine Art Gold- oder Silberregen (namentlich beim Lidschlusse) 
bezeichnen. Viele entsinnen sich erst während eines genaueren Exa- 
mens, dass diese oder ähnliche Erscheinungen, wenn auch nur durch 
eine kurze Zeit, doch ganz gewiss vorhanden waren. Seltener sind 
verlässliche Angaben über die Gegenwart von mehr weniger deutlich 
ausgesprochenem Schmerze über den Augenbrauen, in der Stirn, in der 
Tiefe des Vorderhauptes, welche indess bisweilen so stark hervorge- 
hoben werden, dass sie als dem Augenleiden vorangegangen, ja als 
Ursache desselben bezeichnet werden, und der Arzt verleitet werden 



126 Netzhaut. 

kann, die Ursache anderswo als im Auge selbst zu suchen. Alle diese 
Zufälle werden gesteigert durch excitirende Momente, echauffante Bewe- 
gung-, geistige Getränke, heisse Speisen, Anstrengung der Augen, inten- 
siveres Licht u. dgl. Eine nicht seltene Erscheinung, vorzüglich bei der 
aus übermässiger Anstrengung der Augen bei unzweckmässiger Be- 
leuchtung allmälig entstehenden Netzhautentzündung ist in der ersten 
Zeit ein Gefühl von Trockenheit und Schwere der Lider oder von 
Druck, wie bei Katarrh; die Kranken können des Morgens die Augen 
nicht öffnen, ohne sie früher (allenfalls mit Speichel) benetzt zu haben. — 
Zu den objectiven äussern Erscheinungen dieses Stadiums gehören: 
leichte Röthe der Lidränder, mehr weniger bestimmt als abnorm zu 
bezeichnende Injection der vordem Ciliararterien und relativ engere 
Pupille. — Alle diese subjectiven und objectiven Erscheinungen sind 
zwar weder einzeln noch zusammengenommen beweisend, schon dess- 
halb nicht, weil sie einzeln und zusammen fehlen oder auch anderwei- 
tig bedingt sein können; aber es ist nöthig zu wissen, dass sie durch 
Retinitis erregt werden können; sie müssen den Arzt auf die Möglich- 
keit dieses ernsten Leidens leiten, schon zu einer Zeit, wo die Hauptsache, 
die Abnahme der Sehkraft, vielleicht noch gar nicht vom Kranken wahr- 
genommen wird, wo erst genaue Versuche die Schwäche des Gesichtes 
constatiren, wo der Kranke vielleicht nur eine passende Brille sucht, 
ein calmirendes Mittel wünscht, u. dgl. 

Nach mehr weniger langem Bestände dieses Stadiums, welches 
man füglich als das erethisch-congestive bezeichnen kann, treten all- 
mälig, selten rasch die Zeichen eines torpiden oder paralytischen Zu- 
standes der Netzhaut auf. Die Empfindlichkeit gegen das Licht nimmt 
ab und weicht zuletzt einem gewissen Bedürfnisse nach heller Beleuch- 
tung der Gegenstände, und die feurigen Erscheinungen machen allmälig 
der Wahrnehmung dunkler Flecke, Wolken, allgemeiner Umneblung oder 
Verdunklung des Gesichtes Platz. Dabei wird (an dem betroffenen Auge) 
gewöhnlich die Pupille etwas iceiter, die Iris träger, der Augengrund 
minder rein, bisweilen zeigen sich auch Spuren chronischer Iritis (braune 
Zacken am Pupillarrande) und zahlreichere oder doch stärker entwickelte 
Ciliargefässe, schmutzige Farbe der Sclerotica, seltener Veränderungen 
in der Spannung des Bulbus. 

Die chronische Netzhautentzündung entwickelt sich bald nur auf 
einem Auge, bald auf beiden zugleich oder kurz nach einander. Sie 
kann in jedem Alter auftreten, kommt aber im Allgemeinen am häu- 
figsten im Mannesalter vor, was wahrscheinlich mit den erregenden 



Entzündung der Netzhaut — chronische. 127 

Momenten zusammenhängt. Selten kommt sie im höhern Alter, noch 
seltener in früheren Jahren vor. Als besonders disponirend dazu möch- 
ten vor Allem höhere Grade von Kurzsichtigkeit, frühzeitig eingetretene 
Accommodationsbeschränkung für nahe Objecte, Störung des Gesichtes 
durch leichte Hornhauttrübungen zu betrachten sein, insofern diese Zu- 
stände leicht Veranlassung zu relativ übermässiger Anstrengung der 
Augen geben. — Unsere Kenntnisse über die Ursachen der chronischen 
Netzhautentzündung müssen als noch sehr mangelhaft bezeichnet wer- 
den. Nur Einiges lässt sich mit Sicherheit angeben. Retinitis entwickelt 
sich, wie schon bemerkt wurde, bisweilen nach Verletzungen. Ebenso 
nach Blutaustretungen in oder an der Retina, sie mögen wodurch immer 
veranlasst sein. Eine häufige Ursache ist die Einwirkung intensiven 
Lichtes, momentan wie beim Anblick der Sonne, oder anhaltend — 
von lichten Flächen oder glänzenden Objecten reflectirt. Den Beobach- 
tungen von Ed. Jäyer kann ich einen mit dem Augenspiegel unter- 
suchten Fall beifügen, wo nach dem Betrachten der Sonnenfinsternis» 
am 28. Juli 1851 chronische Retinitis entstanden war. Coccius und 
Ruete haben einen von mir früher beobachteten Fall von Retinitis in 
Folge von Insolation ophthalmoskopisch untersucht und beschrieben.*) 
Weit häutiger jedoch führt übermässige Anstrengung der Sehkraft bei 
Betrachten feiner Objecte direct oder indirect (mittelst kleiner Blutaus- 
tretungen) zu einem schleichenden Exsudationsprocesse in der Netzhaut, 
namentlich dann, wenn die Beleuchtung dabei in irgend einer der 
oben angegebenen Beziehungen ungehörig ist, wenn das Auge wegen 
Fehler in den durchsichtigen Medien oder im Accommodationsappa- 
rate sich relativ mehr anstrengen muss, wenn Blutandrang zum Kopfe 
überhaupt durch fehlerhafte Lebensweise oder durch Krankheiten be- 
günstigt wird (üppige Nahrung, geistige Getränke, sitzende Lebens- 
weise, u. s. w.). 

Die weiter unten zu schildernde Kopiopie oder Asthenopie, welche 
in früherer Zeit als Amblyopia erethica, in neuester Zeit jedoch mit Recht 
zunächst als Leiden der Accommodationsorgane aufgefasst und beschrie- 
ben wurde, kann in der That bei Forcirung der Augen zum Arbeiten 
alhnälig zu Hyperämie, zu Blutaustretungen und zu wirklicher Entzün- 
dung der Netzhaut führen. Ob die Abnahme des Sehvermögens bei 
manchen Fällen von Morbus Brightii immer, wie in dem von Türk unter- 



*) Coccius, über die Anwendung des Augenspiegels, Leipzig 1S53. 8. 111. Abgebildet in einer Disser- 
tation von Erdmann und von Ruete, Bildliche Darstellung der Krankheiten des menschlichen Auges, 
Bd. I. Seite 50. Tab. IV. Fig. 3. 



128 Netzhaut. 

suchten Falle, durch Retinitis bedingt sei, bedarf noch zahlreicherer Be- 
obachtungen. 

In einem von mir ophthalmoskopisch untersuchten Falle war es 
wahrscheinlich, dass Lues den Anstoss zum Exsudationsprocesse in der 
Netzhaut gegeben hatte. Die Ablagerung tuberculöser und medullärer 
Masse in die Netzhaut kann füglich als von eigentlicher Entzündung 
verschieden betrachtet werden. — Es ist nicht zu läugnen, dass viele 
Fälle von Amblyopie und Amaurosis vorkommen, welche man als durch 
Retinitis bedingt erklären muss, von denen sich aber die entferntere 
Ursache nicht weiter angeben lässt, wenn man sie nicht in dem ersten 
besten, vom Kranken beschuldigten Momente anzunehmen beliebt; ich 
glaube indess nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, dass in der 
Mehrzahl der Fälle die Retinitis als Folge grellen Lichteinflusses und 
fehlerhaften Gebrauches der Augen zu betrachten sei. Was mich zu 
diesem Ausspruche bestimmt, ist das bisherige Resultat meines Kran- 
kenexamens. Nur darf man, wenn sich's um Constituirung der ver- 
anlassenden Momente handelt, nicht ausser Acht lassen, dass man bei 
inveterirten Fällen und bei ungebildeten oder unachtsamen Leuten selten 
etwas Verlässliches über die Momente erfährt, welche vor und während 
der Entstehung der Krankheit, die sich eben nur allmälig entwickelt, 
zugegen waren. 

Auch rücksichtlich der Pt^ognosis können vor der Hand nur einige 
Andeutungen gegeben werden. Die peripherische Retinitis ist minder 
ungünstig als die centrale; sie bleibt auf die Peripherie beschränkt, 
oder schreitet doch nur sehr langsam vor. Vor einigen Jahren starb hier 
eine Dame in hohem Alter, welche — nach dem was ich erfuhr — höchst 
wahrscheinlich an diesem Übel gelitten: ihre Sehkraft war im Verlauf 
vieler Jahre allmälig bis auf eine etwa erbsengrosse Stelle des Seh- 
feldes beim Lesen eingeschränkt worden, in dieser Ausdehnung aber 
gut geblieben. Centrale Aufhebung der Sehkraft, durch Entzündung 
der Netzhaut bedingt, sah ich noch nie in völlige Genesung übergehen ; 
sie greift mehr weniger rasch um sich ; im günstigsten Falle behält die 
nächste Umgebung und Peripherie einen leidlichen Grad von Seh- 
kraft. — Man muss sich sehr hüten, die Prognosis, wenn auch nur 
vielleicht für sich im Stillen — auf den Befund mit dem Augenspiegel 
allein zu basiren. Die Sehstörung steht in den meisten Fällen gar 
nicht in Proportion zu den ophthalmoskopisch wahrnehmbaren Netzhaut- 
veränderungen. Einmal sind bei unbedeutender Amblyopie beträcht- 
liche, wenn gleich disseminirte (nicht continuirliche) Trübungen vorhanden, 
während ein andermal bei förmlicher Amaurosis ausser der Hyperämie 



Entzündung der Netzhaut — ehronische. 129 

kaum einige oder nur unbedeutende Veränderungen wahrgenommen wer- 
den können, welche die Diagnosis Retinitis im Verein mit andern Mo- 
menten stützen. 

Wo nebst Amblyopie und allenfalls noch einem oder dem andern 
subjectiven Symptome bloss Hyperämie der Netzhaut vorhanden ist, 
Utsst sich wohl eher Besserung, vielleicht auch Heilung erwarten, als 
wo bereits mehr weniger beträchtliche Veränderungen der Netzhaut 
sichtbar sind. Wichtige Anhaltspunkte für die Prognosis liefern ferner 
die Dauer der Affection, die Entstehungsv^ise, die disponirenden, exci- 
tirenden und unterhaltenden Momente. Die meisten Kranken wenden 
sich erst in einem schon viel zu weit vorgerückten Stadium an den 
Arzt; die wenigsten besitzen die gehörige Geduld und Ausdauer; viele 
können ihrer Verhältnisse wegen beim besten Willen den vorgeschrie- 
beneu Bedingungen nicht nachkommen; andere betinden sich bereits 
in einer viel zu gedrückten Gemüthsstimmung, welche ihnen so zu 
sagen das Blut in den Adern stocken macht. Mehr aus diesen Grün- 
den, als an und für sich und ihrer selbst wegen scheint uns die 
Netzhautentzündung im Allgemeinen eine wenig günstige Prognosis zu- 
zulassen. 

Bei der Behandlung der chronischen Netzhautentzündung ist vor 
Allem auf entsprechende Temperirung des Lichtes und auf Enthaltung 
der Augen von jeder Anstrengung zu sehen. Diese Indication ist schon 
durch das analoge Verfahren bei Pneumonie, Gastritis u. s. w. gerecht- 
fertigt. Die Temperirung des Lichtes erfordert das Vermeiden stark 
reflectiiten Lichtes, des Ausgehens bei Sonnenschein oder auch selbst 
bei hellem Tageslichte, das Tragen hinreichend grosser blauer Plan- 
gläser u. s. w. Am wenigsten aufregend wirkt bekanntlich das Ver- 
weilen des Blickes auf matten, grün oder blau gefärbten Objecten. 
Sehproben, womit die Kranken sich häufig zu quälen pflegen, sind nur 
von Zeit zu Zeit, etwa von 8 zu 8 Tagen und vom Arzte vorzunehmen. 
— Positiv nützlich sind locale Blutentziehungen an der Schläfe, am 
Zitzenfortsatze, am innern Augenwinkel, mittelst Blutegeln oder kleinen 
Schröpfapparaten (z. B. von Heurteloup), nicht zu reichlich auf einmal, 
lieber öfter in kurzen Zwischenräumen wiederholt. Nach jeder Blut- 
entleerung durch einige Stunden kalte Umschläge auf die geschlossenen 
Augen, stärkere Verminderung des Lichtes und stundenlange Ruhe des 
Körpers, daher am besten einige Stunden vor dem Schlafengehen. Von 
Zeit zu Zeit blutige Schröpf köpfe längs der Wirbelsäule, Blutegel am 
Mittelfleische. Kühlende Abführmittel, gelind solvirencle Mineralwässer, 
kleine Gaben von Tartarus stibiatus, bei entsprechend regulirter Diät 

Arlt Augenheilkunde. III. 9 



130 Netzhaut. 

im weitesten Sinne des Wortes. — Reizende, doch nicht erhitzende 
Fussbäder mit Senfmehl, Kochsalz, Lauge, Aqua regia. Die Nütz- 
lichkeit künstlicher Geschwüre am Nacken oder Oberarme scheint mir 
wenigstens noch nicht erwiesen zu sein. Gegenreize in der Nähe des 
Auges (Schläfe, Stirn, Bindehaut) sind gewiss nachtheilig. — In weiter 
vorgerückten oder hartnäckigen Fällen ist es völlig gerechtfertigt, die 
Constitution unter den Einfluss des Quecksilbers zu setzen, Sublimat- 
oder Inunctionscur, Zittmannsches Decoct. — Von den narkotischen 
Mitteln, zu deren Anwendung die Empfindlichkeit gegen das Licht ein- 
ladet, möchte Belladonna nur mit grösster Vorsicht anzuwenden sein, 
damit nicht etwa durch Erweiterung der Pupille die Netzhaut noch 
mehr dem Lichteinflusse preisgegeben werde, eher Conium maculatum, 
und bei gesteigerter Herzaction Digitalis und Aqua laurocerasi. — Bei 
der dem Auge meistens wohlthuenden Anwendung kalter Fomente oder 
einer ganz milden und feinen Regendouche (Staubregen-Douche) ist die 
gehörige Vorsicht bezüglich der erregenden Nachwirkung nicht ausser 
Acht zu lassen. — Die Anwendung erregender Mittel, sowohl innerer 
als äusserer, ist auch dann, wenn die Krankheit bereits unter dem 
Bilde der sogenannten torpiden Amaurose fortbesteht, positiv schädlich, 
mindestens unnütz. Es gilt diess wenigstens vom Strychnin, von der 
Pulsatilla, vom Phosphor, von der Elektricität , vom Ammonium, von 
den Naphthen, von den ätherischen Ölen. Diese und ähnliche Mittel 
dürften ihre Aufnahme in die Therapie gegen Amaurosis grösstentheils 
der Annahme verdanken, dass dieser letztern eine Art von Schwäche 
oder Lähmung der Netzhaut zu Grunde liege. Die sorgfältige Be- 
nützung des Augenspiegels wird wohl bald im Stande sein, den alten 
Schlendrian auszumerzen, dass man bei jeder Amblyopie gleich mit äus- 
sern oder selbst innern Reizmitteln bei der Hand ist. — Nach einigen 
Beobachtungen von Ruete (Bildliche Darstellungen der Krankheiten etc.) 
dürfte nach vorausgeschickter Antiphlogose die vorsichtige Verabreichung 
von Eisen- oder Chinapräparaten von Nutzen sein. In einem Falle 
glaube ich durch die nachträgliche Anwendung des Elixir. acid. Halleri 
einige Besserung erzielt zu haben. — Einreibungen von Jodkalium- 
oder Mercurialsalben an die Stirn und Schläfe sind, wenn auch viel- 
leicht ohne Nutzen (?, doch mindestens nicht schädlich, ausser sie wer- 
den zu lange fortgesetzt. 

J. N., 50 Jahre alt, Tischler, früher angeblich stets gesund, jetzt aber (durch 
Kummer" und Nahrungssorgen?) sehr herabgekommen, wurde am 21. December 1854 
als erblindet vorgeführt. Blick und Haltung eines Amaurotischen, Divergenz der Seh- 
achsen, die ziemlich rein schwarzen Pupillen weiter, als bei gleicher Beleuchtung im. 



Entzündung der Netzhaut — chronische. 131 

normalen Zustande. Der Mann kann nicht mehr allein gehen. Er nimmt, mit dem 
Rücken zum Fenster gewendet, grössere und hellfarbige Objecte, z. B. die Hand, das 
Gesicht, das weisse Halstuch einer vor ihm stehenden Person wahr; dabei bemerkt man 
aber, dass er nicht die Macula lutea, sondern eine seitlich gelegene Partie dem Objecte 
gegenüberstellt. Auf dem linken Auge ist von der Sehkraft nicht viel mehr als deut- 
liche Lichtempfindung übrig. Iris lichtgraublau, trag beweglich; Pupillen rund, circa 
2Va — 3'" Durchmesser, verengen sich beim Blick gegen das Fenster höchstens auf 2'". 
Auf der Sclera einige schiefergraue Punkte an den Eintrittsstellen früher erweiterter 
Ciliararterien. — Anfang der Sehstöriing vor 3Va Jahren. Er bemerkte an einem hellen 
Frühlingsmorgen bei einer Militärparade, dass er Personen auf höchstens 15 — 20 Schritte 
gut erkennen konnte, auf grössere Distanz aber alle Objecte wie durch Nebel sah. In 
seiner Arbeit war er noch nicht gehindert, bloss stärkeres Licht musste er meiden. 
Im September war er bereits genöthigt , einen Arzt zu consultiren , welcher das Übel 
für beginnende Cataracta gehalten zu haben scheint, weil er ihm nichts ordiniite, und 
ihn im Frühlinge wieder kommen hiess. Allmälig erstreckte sich die Trübung auch auf 
das Erkennen naher Objecte, so dass er nur gröbere Arbeiten verrichten konnte. An 
trüben Tagen sah er besser, als wenn die Sonne schien. Im nächsten Frühlinge (1853) 
war jedoch diese Verschlimmerung wieder zurückgegangen, so dass er jenen Arzt erst 
im Herbste aufsuchte , als das Übel neuerdings ärger geworden war, und zwar ärger 
als im Herbste 1S52. Er konnte nun bloss bei Tageslicht noch etwas arbeiten, und 
bemerkte besonders Morgens beim Erwachen Funkensehen, welches immer einige Mi- 
nuten andauerte , ausserdem auch beim Husten , Niesen , Lastenheben u. dgl. hervor- 
gerufen wurde. Manchmal kam es ihm vor, als senkten sich glühende Sägespäne vor 
seinen Augen in der Luft herab. Allmälig war es so weit gekommen, dass er alle 
Arbeit aufgeben musste, ja dass er endlich (im Sommer 1854) nur nach Sonnenuntergang 
noch allein auszugehen wagte. Nun hatte sich nebst der Photopsie auch das Vor- 
schweben dunkler Flecke und Streifen oder "Wolken eingestellt, und er sah jetzt an 
hellen Tagen besser, als an trüben, nur durften die Objecte nicht von der Sonne be- 
schienen und nicht glänzend sein, weil ihm sonst die Augen leicht übergingen und 
schmerzten. Lichte Gegenstände schienen ihm mit einem Spinnengewebe überzogen zu 
sein. — Diagnosis nach diesen Erhebungen allein : Amblyopie , höchst wahrscheinlich 
Betinitis chronica. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel bestätigte diese Annahme. 
Die durchsichtigen Medien normal. Die Sehnervenpapille nicht scharf begrenzt, mit 
verwaschenen Bändern, schmutzig röthlich ; in der nächsten Umgebung einige Gefäss- 
zweigchen durch graubraune Trübungen unterbrochen , die Gegend der Macula lutea 
licht- und schwarzgrau marmorirt. — Kein ätiologisches Moment mit Bestimmtheit zu 
ermitteln. Der Kranke will früher stark an Fussschweissen gelitten haben, die ohn- 
gefähr seit eben so langer Zeit nachgelassen haben sollen. Anfangs Blutegel an die 
Schläfe und innerlich Tart. stibiatus refr. dosi, und durch längere Zeit die Füsse in 
trockne warme Tücher und in Wachstaffet eingehüllt, dann Veratrinsalbe an die Stirn 
und Schläfe eingerieben. Nicht eine Spur von Besserung. Mitte Jäner Sublimatcur 
nach Dzondi. Als der Kranke bis auf 12 Pillen des Tages gestiegen war, erfolgte Ab- 
nahme der Photopsie , Zunahme des Gesichtes ; er konnte bereits die vorgehaltenen 
Finger in grösserer Distanz gut zählen. Die nun wieder mehr hervortretende Empfind- 
lichkeit gegen das Licht machte das Tragen blauer Brillen räthlich. Bei der Anwendung 
von lauen Bädern nach beendeter Cur trat wieder Verschlimmerung ein, wesshalb nach» 
einiger Zeit dieselbe Cur noch einmal wiederholt wurde. Die jetzt eintretende Besserung 

9* 



1 32 Netzhaut. 

ging so weit, dass der Mann selbst die Zeiger einer kleinen Taschenuhr richtig angeben, 
und die mit Kreide auf schwarze Tafeln geschriebenen Buchstaben auf 10 — 12 Schritte 
erkennen konnte. Nun wurde noch durch einige Zeit ein Decoctum chinae bei guter 
Kost verabreicht, zuletzt wegen noch immer anhaltender Empfindlichkeit gegen stärkeres 
Licht Conium maculatum. Mitte April verliess der Kranke die Anstalt. Anfangs Juni (1855) 
besuchte er die Anstalt wieder, uns zu zeigen, dass die erzielte Besserung Bestand habe. 
Auffallend und mir unerklärlich war, dass er im Allgemeinen entferntere Gegenstände 
besser erkannte , als nahe. "Versuche mit Convexgläsern habe ich leider nicht angestellt. 
Etwas Ähnliches bemerkte ich auch bei G. K., dessen Krankengeschichte oben bei der 
Nyktalopie (S. 114) mitgetheilt wurde, als er mich Ende Juli 1855 besuchte. Er war in 
Bezug auf das Erkennen sehr ferner Objecte mit seinem Sehvermögen fast vollkommen 
zufrieden, nur Physiognomien von mehr als 5 — 6 Schritte entfernten Personen vermochte 
er noch nicht zu erkennen. 

Folgende 2 Beobachtungen sind aus Ruete's letzt citirtem Werke entlehnt : „Ein 
zart gebautes, etwas chlorotisches Mädchen von 21 Jahren, welches sich mit "Weissnähen 
ernährte, hatte ohne nachweisbare Schädlichkeit, ohne Schmerzen und sonstige Er- 
scheinungen zuerst am linken und später auch am rechten Auge eine Abnahme des 
Sehvermögens verspürt, die es ihr unmöglich machte, ihr Geschäft fortzusetzen. Das Auge 
zeigte nichts Abnormes, die Pupille war normal und vollkommen beweglich beim Lichtreize. 
Bei der Untersuchung des linken Auges mit dem Spiegel bei erweiterter Pupille sah 
man die Sehnervenpapille gesund, die Retina aber in ihrem ganzen Umfange getrübt, 
daher die Centralgefässe etwas verschleiert. Nebst passender Diät einige Schröpfköpfe 
an die Schläfe und innerlich Tart. tartaris. mit Extr. taraxaei. Nachdem die Kranke dieses 
Mittel etwa 8 Tage genommen hatte, wurden 14 Tage hindurch Einreibungen von Jod- 
kalisalbe in die Umgegend der Augen gemacht und innerlich Jodkali gegeben. Unter 
der Einwirkung dieser Mittel besserte sich das Sehvermögen', ohne dass die Trü- 
bung der Retina, welche mit dem Augenspiegel zu verschiedenen Zeiten unter- 
sucht wurde, sich vermindert hatte. Daher wurde jetzt zum Gebrauche des Eisens 
geschritten, nach dessen längerer Anwendung sich das Sehvermögen bedeutend 
verbesserte, aber die Retina nicht wieder aufgehellt wurde. „Ähnliche Zustände 
habe ich (Ruete) sehr häufig beobachtet und dabei leider die Erfahrung gemacht, dass 
selten eine bleibende Heilung zu erzielen ist. Gar häufig erfolgen nämlich, meistens 
ohne besonders auffallende Schädlichkeiten, Recidive , die dann immer schlimmer sind 
als der erste Anfall." 

„Ein 38 Jahre alter Schriftsetzer behauptete seit einigen "Wochen eine bedeutende 
Abnahme seines Sehvermögens des linken Auges, ohne dass er davon eine besondere Ur- 
sache anzugeben vermochte, bemerkt zu haben. Auch uns war es unmöglich, bei dem 
anscheinend guten Gesundheitszustande des Kranken eine ausreichende eonstitutionelle 
Ursache aufzufinden. Das Aussehen des Auges war, bis auf eine geringe Erweiterung 
und Trägheit der Pupille und rauchige Farbe des Augenhintergrundes, vollkommen 
normal. Bei der Untersuchung mit dem Augenspiegel fand sich die Retina stark nebei- 
förmig getrübt, so dass sie die Centralgefässe etwas umschleierte; die Papilla nervi 
•optici war verhältnissmässig gross, hatte ganz in der Mitte einen schwarzen Fleck, auf 
diesen folgte eine kleine weisse Scheibe, auf diese ein breiter grauröthlicher Ring, der 
an der äussern Grenze von einem weissen Ringe eingeschlossen wurde; die Central- 
gefässe verzweigten sich in der Peripherie sehr frühzeitig mit zahlreichen Ästen. Die 



Apoplexie der Netzhaut. 133 

Diagnose wurde auf Retinitis gestellt, in der Mitte des Sehnerven mit einem etwas ver- 
alteten kleinen Blutextravasate, und mit einem entzündlichen Exsudate in der Suhstanz 
des Nerv, opticus, wovon der graurothe Ring abzuleiten war. Eine strenge Antiphlogose 
mit der entsprechenden Diät, zur Nachcur Chinin und Eisen stellten den Kranken in 
wenigen "Wochen vollkommen wieder her, wobei auch der graurothe Ring fast ganz 
verschwand." 

5. Amblyopie (Amaurosis) in Folge von Netzhautblutung, 

Apoplexia retinae. Die Retinalapoplexie tritt nach Verletzungen, nach 
Blendung- und übermässiger Anstrengung der Augen, aber auch ohne 
diese und überhaupt ohne bestimmt nachweisbare Ursachen auf. Ich 
beobachtete sie öfter an kurzsichtigen Augen. Ob Rigidität der Arterien 
dazu besonders disponire, konnte ich nicht eruiren, obgleich sich dieses 
Leiden in einigen Fällen als gleichzeitig vorhanden constatiren liess. 
Mechanische Hyperämie und Blutaustretung in der Netzhaut kommt 
auch bei Krankheiten in der Schädelhöhle vor, wenn der Rückfluss des 
Blutes durch die Vena ophthalmica erschwert ist, wovon später. — Bei 
einem Knaben von etwa 14 Jahren, welcher in Folge schlechter und 
unzureichender Nahrung sehr herabgekommen und an zahlreichen Stel- 
len der Körperoberfläche mit kleinen Ekchymosen bedeckt war, fand 
ich auch an den Netzhäuten viele kleine Blutaustretungen , welche ich 
als Ursache der sehr weit vorgeschrittenen Amblyopie betrachten musste, 
um so mehr, als die Sehstörung und das Allgemeinleiden na^h dem 
Gebrauche von China mit Elixir. aeid. Halleri bei besserer Kost in 
Zeit von einigen Wochen fast ganz behoben wurde. Überhaupt kann 
über das Auftreten der Retinalapoplexie im Allgemeinen dasselbe ge- 
sagt werden, wie über Chorioidealblutungen und über Blutergüsse im 
Glaskörper. *) 

Blutaustretungen in der Netzhaut verursachen Sehstörung entweder 
an und für sich, durch die Grösse, Lage oder Zahl der Herde, oder 
aber durch die nachfolgende Reaction. Die Sehstörung kann demnach 
fehlen oder relativ gering sein; sie kann plötzlich — wie mit einem 
Schlage, — aber auch allmälig mehr und mehr hervortreten. Plötzlich 
auftretende Sehstörung erregt stets Verdacht auf Apoplexie im Auge 
oder in den Centralorganen. Kleine Extravasate stören das Gesicht an 
und für sich nur dann, wenn sie in oder nahe an dem Centrum der 
Netzhaut auftreten; peripherische werden erst bei grösserer Ausdehnung 

*\ Bei Amblyopie oder Amaurosis nach heftigem Zorne oder Schrecken, wovon bei älteren Schrift- 
steilem Beobachtungen notirt sind, dürfte wohl Blutaustretung im Auge oder auch im Gehirne z* 
Grunde liegen. In einem von Rostna mitgeteilten Falle fand man im grossen Gehirn zahlreiche 
Blutpunkte und Erweichung des kleinen Gehirnes. 



134 Netzhaut. 

nachtheilig. Was solche Blutungen bedenklich macht, ist theils die 
Wiederkehr an verschiedenen Stellen, zu verschiedenen Zeiten, selbst 
ohne weitere äussere Veranlassung, theils die reactive Entzündung in 
mehr weniger grosser Ausdehnung. 

Rücksichtlich der Behandlung können wir füglich auf das über Blut- 
ergüsse in den Glaskörper Gesagte (Bd. II. S. 232 und Bd. III. S. 10) 
verweisen. 

Folgende Beobachtung von Ruete (Midi. Darst.) mag als Beispiel dienen: „Ein 
Schriftsetzer von 36 Jahren, etwas hagerer Constitution und von blassem Aussehen, be- 
hauptete, in einer Nacht plötzlich mit dem linken Auge fast erblindet zu sein, nachdem 
er in Folge einer heftigen Gemüthsbewegung an Kopfschmerz und etwas Schwindel ge- 
litten hatte. Bei der Untersuchung zeigte sich die Pupille etwas erweitert und träge; 
die Farbe des Augenhintergrundes aber und die übrigen Gewebe des Auges, selbst die 
Blutgefässe der Conjunctiva boten nichts vom gesunden Zustande Abweichendes dar; 
auch hatte der Kranke durchaus nicht an subjectiven Licht- und Farbenerscheinungen 
gelitten, sondern klagte nur über einen dicken schwarzen Nebel vor dem Auge, der ihn 
verhinderte, auch selbst helle grosse Gegenstäude deutlich zu sehen. Bei der Unter- 
suchung mit dem Augenspiegel zeigten sich die brechenden Medien normal, ebenso der 
N. opticus und die dort hervortretenden Centralgefässe. In einiger Entfernung aber von 
diesem, namentlich in der Gegend des directen Sehens, lagen im Niveau der Retina eine 
grosse Zahl kleiner, unregelmässig begrenzter rother Flecken'., unter denen in der Mitte 
ein verhältnissmässig grosser und dunkler Fleck zu sehen war. Nach oben hin verlief 
noch ein dunkles Gefäss, dessen feinere Äste von den Flecken bedeckt wurden. Es 
unterlag keinem Zweifel, dass man hier eine frisch entstandene Capillarapoplexie in der 
Netzhaut vor sich hatte. Zur Beseitigung des Übels wurden Schröpfköpfe, kalte Über- 
schläge, kühlende Abführungsmittel, Schonung der Augen, geistige und körperliche Ruhe 
und eine massige Diät anempfohlen. Unter dieser Behandlung besserte sich das Seh- 
vermögen allmälig, und als das Auge nach 2 Monaten von mir wieder untersucht wurde, 
waren die rothen Flecke fast ganz verschwunden. Jetzt wurden zur Nachcur Martialia 
empfohlen, unter deren Einwirkung das Sehvermögen beinahe ganz wieder hergestellt 
ist." — „Derartige feine apoplektische Ergüsse könnten bei oberflächlicher Betrachtung 
allenfalls mit einer Capillarhyperämie verwechselt werden. Berücksichtigt man aber, be- 
sonders bei Anwendung stärkerer Vergrösserungen , den Gefässcharakter der letzteren , so 
•wird ein solcher Fehler in der Diagnose nicht so leicht vorkommen." 

Dass Hämorrhagie der Netzhaut und die hierdurch zunächst bedingte Erblindung, 
welche man nach dem Augenspiegelbefunde für eine peripherische halten möchte , auch 
durch ein Leiden der Centralorgane, und zwar durch Druck auf die Hirnblutleiter bedingt 
sein könne, hat Dr. Türk *) durch eine eben so sorgfältige und verlässliche, als anatomisch 
wichtige und interessante Beobachtung nachgewiesen. 

Eine 37jährige Kranke, welche in den letzten 10 — 11 Monaten amaurotisch gewesen 
war, starb in Folge einer etwas mehr als wallnussgrossen Krebsgeschwulst an der obern 
Fläche des linken Vorderlappens vom grossen Gehirn. Die Geschwulst hatte, insbesondere 
auch durch consecutive Schwellung des Gehirnes, einen vorwaltend linkerseits tiefgrei- 

*) Zeitschrift d. Wiener Ärzte, 1853, Nr. 3. Prag. Vierteljahrsctir. Bd. 39. 



Amblyopie — von Erkältung. 135 

fenden Detritus der innern Schädelfläche bewirkt. Der Druck, den die Sehnerven, 
namentlich das Chiasma, an der Schädelbasis erlitten, musste als Ursache der Amaurosis 
angenommen werden. Die mikroskopische Untersuchung der Sehnerven zeigte dieselben 
Veränderungen, wie in andern Fällen, wo dieselben gleichfalls eine Compression erlitten 
batten. (Grosse Körnchenzellen im Chiasma, von da gegen die Netzhaut hin allmälig 
an Zahl gering, rückwärts dagegen bis zum Corpus geniculatum sehr zahlreich.) In der 
Netzhaut beider Augen fand T. sehr zahlreiche, kleine, hellrothe Blutextravasate von der 
Grösse der kleinsten, dem freien Auge noch wahrnehmbaren Punkte bis zu der eines 
Hirsekornes. Diese Ertravasate fanden sich am vordem Abschnitte der Retina bedeutend 
zahlreicher und grösser als am hintern, und im linken Auge an Grösse und Zahl über- 
wiegend über jene des rechten. Die Gefässe der Netzhaut waren kaum blutreicher als 
gewöhnlich ; wenige derselben in einer kurzen Strecke zu beiden Seiten von kleinen 
Blutpunkten umgeben. Die Stäbchenschicht war verschwunden, die Körnerschicht noch 
ziemlich deutlich. Neubildungen zeigten sich nirgends. In der Chorioidea war nach 
Entfernung der Retina keine Spur von Extravasat, auch beim ungewöhnlichen Blut- 
reichthum wahrnehmbar. Linse und Glaskörper normal. Dieser Hämorrhagie lag weder 
«in dyskrasischer Process, Scorbut u. dgl., noch Entzündung, noch atheromatöse Erkran- 
kung der Netzhautgefässe , welche bekanntlich in anderen Geweben nicht selten Veran- 
lassung zur Blutung gibt, zu Grunde, und T. kommt so zu dem Schlüsse', dass der 
erschwerte Rückfluss des venösen Blutes von der Retina zum Gehirn das veranlassende 
Moment war. Denn durch den Druck der Aftermasse war die Sattellehne grösstenteils 
zerstört, dadurch das Band niedergedrückt, welches die Ausführungsstelle des Sinu3 
petrosus superior in den Sinus basilaris brückenartig überwölbt, mithin den Rückfluss des 
Blutes behindert oder erschwert. 

Ich war voriges Jahr nicht wenig überrascht, in einem Falle completer Amaurosis 
bei einem Mädchen von 22 .Jahren die Netzhäute von zahlreichen kleinen Ekchymosen 
durchsetzt zu finden (mit dem Augenspiegel), nachdem die Erhebung des Status praesens 
und der Anamnesis zur Diagnosis eines Centralleidens mit Druck — wahrscheinlich Me- 
ningitis ad basin cerebri — geführt hatte. Ich erwähne dieses Falles nur, um die Be- 
merkung zu machen, dass der ophthalmoskopische Befund, wenn er auf Hyperämie, 
Apoplexie oder Entzündung der Netzhaut deutet, an und für sich noch nicht zu dem 
Schlüsse berechtigt , man habe es mit einer peripherischen Amaurosis zu thun ; das 
peripherische Leiden kann eben Folge des centralen sein. Es dürfte diese Bemerkung 
besonders für jene nothwendig sein, welche die ophthalmoskopische Untersuchung, wo 
nicht überschätzen, doch dem anderweitigen Examen vorausschicken und eben desshalb 
leicht davon präoccupirt werden. 

6. Amblyopie (Amaurosis) in Folge von Verkältung — Amblyopia 
rheuinatica. Wenn in Folge von Verkältung Trübung oder Verlust des 
Sehvermögens auftritt, und nach dem Ensemble der Erscheinungen bloss 
auf ein Leiden des Auges, in specie der Netzhaut geschlossen werden 
kann, so ist allerdings a priori nicht in Abrede zu stellen, dass die 
Affection auch auf die Netzhaut allein beschränkt sein könne, und es 
lassen sich Gründe für die Annahme anführen, dass dieselbe in Hy- 
perämie und seröser Durchfeuchtung oder Ausschwitzung bestehe; es 
wird indess aus der Zusammenhaltung hieher gehörender Beobachtungen, 



136 Netzhaut. 

namentlich aus dem Verlaufe und den Ausgängen sehr wahrscheinlich, 
dass die Chorioidea jederzeit, wenn nicht vorwaltend, so doch gleich- 
zeitig mitergriffen sei. Desshalb habe ich die Affection als Chorioiditis 
rheumatica im 2. Bande S. 218 geschildert, und füge nur noch hinzu, 
dass dieses Leiden eine nicht seltene Quelle der gleichfalls schon ge- 
schilderten Netzhautablösung (B. III. S. 119) bildet. — In andern Fällen 
dagegen liegt der durch Verkältung veranlassten Erblindung ein krank- 
hafter Process nicht am Bulbus, sondern in der Schädelhöhle zu Grunde. 
Es muss hier ausdrücklich bemerkt werden, dass bei rein peripheri- 
scher rheumatischer Amblyopie nicht selten Lähmung des Levator pal- 
pebrae sup., des Muse, rectus externus, irgend eines oder mehrerer 
anderer Augenmuskel und davon abhängig: Doppeltsehen, Schwindel, 
Eingenommenheit des Kopfes, Übligkeiten vorhanden sein, und den. 
minder geübten und minder aufmerksamen Beobachter leicht zur An- 
nahme eines centralen Leidens verleiten können. Ist der Schwindel 
bloss vom Doppeltsehen abhängig, so verschwindet er sammt der Brech- 
neigung beim Verbinden des afficirten Auges. Ist bloss der Levator 
palpebrae gelähmt, so ist die Affection als peripherisch anzusehen. 
Ebenso spricht Ödem des Lides oder der Conjimctiva bulbi, stärkere 
Injection der Ciliargefässe u. dergl. für bloss peripherische Affection. 
Wenig verlässlich, wenn auch immer beachtenswerth, dürfte der Um- 
stand sein, ob die Verkältung eine reine locale oder eine allge- 
meine war. 

7. Cysteiibilduiig in der Netzhaut. Dr. von Graefe*) hat vier 
Fälle von Cysticercus der Netzhaut beobachtet. Es wird genügen, eine 
dieser exaeten Beobachtungen hier auszugsweise aufzunehmen. 

Eine Frau, 28 Jahre alt, von gesundem Aussehen, ohne Cysticerken an der Kürper- 
oberfläche und ohne Bandwurmbeschwerden (welche in einem andern Falle vorhanden 
waren) , hatte 3 "Wochen vor ihrem Erscheinen auf Gräfe's Klinik einen Nebel vor dem 
linken Auge bemerkt, welcher zuerst den mittlem Theil des Gesichtsfeldes einnahm, und 
sich dann allmälig nach den Seiten ausbreitete. Unter dem Ophthalmoskop zeigten sich 
Linse und Glaskörper klar, aber, den mittlem Theil der Netzhaut bedeckend, erschien ein 
glänzend grünlicher Körper, welcher mit einem überall nach aussen convexen kreisrunden 
Grenzrande gegen die benachbarte', vollkommen gesunde Netzhaut scharf abschnitt. Bei 
der Untersuchung im umgekehrten Bilde zeigte sich derselbe als eine vollkommen runde 
grünliche Blase , im Durchmesser etwa 4mal so gross , als der Sehnerveneintritt , der 
Netzhaut fest aufsitzend, und mit der vordem Wand in den Glaskörper hineinragend. Aus, 
den umgebenden normalen Netzhautpartien zogen sich einige spitzenförmig endigende: 

*) Archiv für Ophthalmologie, Bd. I. Abth. 1. S. 457. u. Abth. 2. S. 32G. 



Retinalamblyopie — Cystenbildung — Markschwaiuni. 137 

Gefässe auf die seitlichen Theile der Blase in die Höhe. In der Mitte der vordem Wand 
gewahrte man einen mehr undurchsichtigen und weissen knopfartigen Appendix. Derselbe 
sprang mehr als die übrigen Theile der vordem Wand in das Innere des Auges hervor, 
obwohl der Grad dieses Hervortretens in verschiedenen Momenten der Beobachtung etwas 
variirte. Ebenso konnte einige Verschiebung des Knopfes an der Blase selbst deutlich 
nachgewiesen werden , vom Centrum der Blase nach der Seite hin. Ich bemühte mich 
vergeblich, einzelne Theile von dem Knopfe oder wo möglich einen denselben tragenden 
Halstheil zu entdecken, und konnte desshalb zu keinem positiven Resultate gelangen, 
weil das Bild überhaupt wie leicht verschleiert erschien, ein Anblick, welcher mich im 
Verein mit dem Vorhandensein der oben geschilderten aufsteigenden Gefässäste zu der 
Überzeugung brachte, dass die ganze Blase noch mit einer feinen Umhüllungsmembran 
bekleidet sei , was sich später noch klarer herausstellte und auch in andern Fällen 
beobachtet wurde. Bei vollständig fixirter Sehachse sah ich an einzelnen, oft gleichzeitig an 
mehreren Theilen der Blase Abflachungen oder napfförmige Vertiefungen entstehen, welche 
die im Ruhezxistand sphärische Form mannigfach veränderten. — Drei Wochen später hatte 
sich die Blase ungefähr '/a diametral vergrössert. Der Knopf sass jetzt nicht mehr im 
Centrum, sondern dicht unter dem obern Rande, und zwar inmitten eines blasigen Vor- 
sprunges, welcher wie eine zweite kleinere Blase aus der früheren hervorgewachsen zu: 
sein schien. Der Kopf des Entozoon war also durch die Umhüllungsmembran heraus- 
getreten und man erkannte an ihm jetzt nicht allein deutliche seitliche Anschwellungen, 
sondern auch den früher vermissten Halstheil, welcher bald gestreckt, bald eingezogen 
wurde. Das Sehen war jetzt bis auf einen schwachen Lichtschein nach aussen und unten 
erloschen. — Zehn Wochen später hatte die Blase ihr grünliches Aussehen verloren und 
war stärker durchscheinend, die Gefässe waren zum Theil spurlos verschwunden. Da- 
gegen war der blasenförmige Appendix vergrössert, so dass er ungefähr das Volumen 
der ursprünglichen Blase erreicht hatte, eine grünliche Farbe darbot und von der frühern 
Blase durch eine Einschnürung abgegrenzt erschien. — Fünf Monate nach der 1. Be- 
obachtung war die erste Blase vollständig zerfallen, und sah man an deren Stelle nur eine 
faltige , auf- und abschwankende , durchscheinende Membran ohne bestimmte Contouren. 
Auch die zweit-entwickelte Blase war mit ähnlichen Membranen bedeckt. Trotzdem war 
das Thier nicht abgestorben ; der Kopf mit dem Halstheil lag jetzt ganz gegen die Nase 
zu, so dass man die Kranke stark nach rechts blicken lassen musste, um ihn zu sehen. 
— Von dem ursprünglich projectirten Einstiche durch die Sclera stand Gräfe später ab, 
weil das Sehvermögen nicht zu retten war. Die örtliche Anwendung von wurmwidrigen 
Mitteln (Einträuflungen von filicinsaurem Kali, 4 Gran auf 1 Unze, später von einem 
Santoninpräparate) hatte selbst nach monatelanger Fortsetzung keinen Erfolg auf die 
Tödtung des Thieres. Der Wurm zeigte sich noch 8 Monate nach der 1. Beobachtung 
lebendig. 

8. Amaurosis von 3Iarkschwanmiablagerung in der Netz- 
haut. Die primitive Ablagerung von Krebs, und zwar als Medullar- 
Carcinom oder als Melanose in der Netzhaut ist durch genaue Leichen- 
untersuchungen nachgewiesen. Der Ausgangspunkt ist bald die flache 
Ausbreitung in mehr weniger grosser Ausdehnung, bald die Papille des 
Sehnerven; in mehreren Fällen wurde gleichzeitig Ablagerung im 
Stamme der Sehnerven gefunden. 



138 Netzhaut. 

Die Ablagerung erfolgt in den meisten Fällen ganz unvermerkt, in 
andern nach leichten Irritationszufällen am Bulbus. Die Abnahme der 
Sehkraft, obwohl der Natur der Sache nach einer der ersten Zufälle, 
wird desshalb meistens erst bei ziemlicher Ausbreitung des Übels wahr- 
genommen. Die an die Ablagerung gebundene Sehstörung kann eine 
Zeit lang auch bloss auf einen Theil der Netzhaut beschränkt sein, da- 
her z. B. auch als Hemiopie auftreten, wie ich es in einem Falle be- 
stimmt beobachtet habe. Dagegen machen sich der Umgebung des 
Kranken, namentlich bei Kindern, die bekanntlich am häufigsten davon 
befallen werden, zwei andere Erscheinungen sehr bald bemerkbar: Er- 
weiterung der Pupille und ein eigenthümliches Leuchten oder Funkeln 
des Augengrundes. Die Erweiterung der Pupille ist hier nicht einfach 
von der Aufhebung der Perceptionsfähigkeit der Netzhaut abhängig, 
denn sie macht sich auch bei bloss monolateraler Affection geltend; sie 
ist wenigstens mitbedingt durch gehinderte Leitungsfähigkeit der Ciliar- 
nerven, durch Druck auf dieselben (Infiltration der Chorioidea?), daher 
auch die Farbe und Beweglichkeit der Iris in ähnlicher Weise wie 
bei Chorioiditis verändert erscheint. Das Funkeln oder Leuchten des 
Augengrundes, bald gold- oder pomeranzengelb, bald grau- oder silber- 
weiss, bei Kindern gewöhnlich der erste Verräther des Übels, und An- 
fangs nur bei gewissen, dem Einfallen und der Pteflection des Lichtes 
günstigen Stellungen bemerkbar, wird in dem Masse auffallender, als 
die Netzhaut in grösserer Ausdehnung infiltrirt wird und weiter und 
weiter vor die Brennweite der durchsichtigen Medien des Auges rückt. 
Der Arzt kann dann auch schon mit freiem Auge mehr weniger deut- 
lich die unebene Oberfläche der Masse und die Gefässe unterscheiden, 
welche derselben den röthlichen Anstrich geben; es sind diess entwe- 
der die Centralgefässe der Netzhaut — wenigstens zu Anfang — oder 
aber neuentwickelte Ramificationen im Pseudoplasma selbst. Wie dick 
oder mächtig die Masse sei, lässt sich mit blossem Auge kaum ermes- 
sen; gewöhnlich wird man nach dem blossen Anblicke verleitet, die 
Masse noch tief hinten befindlich anzunehmen, wo sie doch schon weit 
nach vorn vorgerückt ist. Der Augenspiegel wird über beides, das Ver- 
halten der Gefässe und das Vorgerücktsein des Pseudoplasma, gewiss 
verlässliche Aufschlüsse geben. Mir ist indess seit zwei Jahren kein 
Fall dieser Krankheit vorgekommen. Die Unterscheidung dieser 
Krankheit von Vorwärtsdrängung der Netzhaut durch serösen Er- 
guss (siehe oben: Netzhautablösung) oder durch feste Exsudate (Cho- 
rioiditis traumatica, tuberculosa etc.), welche bisher nur in einzel- 
nen Fällen und da oft bloss mit Wahrscheinlichkeit gemacht werden 



Retinalaiuaurose — Markst hwannn der Netzhaut. 139 

konnte, dürfte von nun an wohl viel leichter und sicherer mög- 
lich sein. 

Diese Unterscheidung fällt leider wieder weg, wenn bei dem all- 
mäligen Vorwärtsdringen des Parasiten die Linse getrübt und mehr we- 
niger vorwärts gedrängt worden ist, wenn Blut oder eiterartiges Exsu- 
dat in die vordere Kammer ergossen worden ist. Hiezu bedarf es bald 
nur einiger Wochen, bald vieler Monate. Aber nach und nach wird 
auch die Linse gleich dem Glaskörper zum Schwinden gebracht oder 
seitwärts gedrängt. Dabei ist der Bulbus mehr weniger hart, vergrös- 
sert und schmerzhaft geworden, bietet das Auge überhaupt die Erschei- 
nungen dar, welche im IL Bd. S. 212 angeführt wurden. Endlich 
wird auch die Hornhaut getrübt, von Gelassen durchzogen, dann er- 
weicht und durchbrochen, oder aber die schon früher an einer oder der 
andern Stelle ihres vordem Umfanges staphylomatös hervorragende 
Sclera gestattet dem Sarcome Durchtritt nach aussen unter die Binde- 
haut, wobei die Cornea nach der entgegengesetzten Seite hin verdrängt 
wird. 

Nach erfolgtem Durchbruche der Cornea oder Sclera tritt der Mark- 
schwamm als eine weiche, dunkelgelbe oder livide, leicht blutende, bis- 
weilen fluctuirende, einen Abscess vortäuschende, endlich exulcerirende 
oder vielmehr verjauchende Masse hervor, der längst herabgekommene 
Kranke verfällt nun zusehends und wird von hektischem Fieber vollends 
consumirt. Er erliegt den Folgen dieser Ablagerung aufs Auge, oder 
neuen, kurz nacheinander dazu tretenden Ablagerungen im Gehirn, in 
den Lungen, u. s. w. 

Der Markschwamm der Netzhaut kommt am häufigsten im Kindes-, 
am seltensten im Mannesalter vor. Nach FritscMs*) Zusammenstellung 
der bis zu seiner Zeit bekannten Beobachtungen fällt die grösste Zahl 
der Erkrankungen zwischen das 3. und 5. Jahr, die kleinste zwischen 
das 20. und 30. Jahr. Das Übel befällt meistens nur Ein Auge, und 
zwar häufiger das linke als das rechte. Eine auffallend grosse Zahl 
der Befallenen (26 unter 72) wurde als scrofulös bezeichnet, doch ist 
die Zahl derer, von denen ausdrücklich gesagt wird, sie seien übrigens 
gesund gewesen, weit grösser (38). Als excitirende Momente sind die 
verschiedensten Dinge bezeichnet worden. Rücksichtlich der ziemlich 
oft beobachteten und desshalb auch beschuldigten traumatischen Ein- 
wirkungen bemerkt Makensie, es möge wohl auch das der Fall sein, 

*) Die bösartigen SchwammgeschTriilste des Angapfels. Freiburg im Breisgau 1834. 



140 Netzhaut. 

dass die bereits Erkrankten, namentlich Kinder, wegen des mangel- 
haften Gesichtes sich an's Auge stossen. Interessant sind zwei Beob- 
achtungen von Ed. Jäger (über Staar und Staaroperationenj , wo die 
Entwicklung von Markschwamm unmittelbar nach Blendung durch in- 
tensives Licht auftrat. Die Ablagerung, welche in beiden Fällen durch 
längere Zeit mit dem Spiegel beobachtet und verfolgt wurde, ging in 
beiden zwar nicht von der Retina, sondern von der Chorioidea aus 
(der eine Fall wurde gleich nach der Exstirpatio bulbi anatomisch-mi- 
kroskopisch untersucht), und zwar in beiden genau von der Gegend des 
directen Sehens. Im Ganzen genommen müssen wir gestehen, dass 
wir über die Hauptsache der Ätiologie, über die Disposition nicht mehr 
wissen, als dass ein Allgemeinleiden überhaupt angenommen werden 
muss, weil auch dann, wenn die Exstirpation des Bulbus zu einer Zeit 
vorgenommen wird, wo das Übel anatomisch noch rein auf den Bulbus 
beschränkt erscheint, nachträglich Ablagerungen in der Orbita oder in 
andern, selbst entfernten Organen auftreten. 

Die Prognosis ist demnach jederzeit traurig. Makenzie hat be- 
merkt, „dass die Affection auf dem Boden des Auges wohl drei Jahre 
lang gleichsam geschlafen hat, aber binnen einigen Wochen, nachdem 
sie einmal vorwärts zu schreiten begonnen hatte, die ganze Cavität des 
Bulbus einnahm, denselben um mehr als das Dreifache vergrösserte," 
und dann rasch in Verjauchung überging. Derselbe Autor führt auch 
einige Sectionsergebnisse an, welche völlig für die Ansicht sprechen, 
dass auch die zeitig vorgenommene Exstirpatio bulbi nicht im Stande 
sein würde, das Individuum zu retten. 

Er untersuchte ein von Dr. Monteath im ersten Stadium dieser Krankheit exstirpirtes 
Auge von einem etwa 3jährigen Kinde unmittelbar nach der Operation. Iris und Chorioi- 
dea unversehrt; die Netzhaut, obgleich hie und da mangelhaft und zerrissen, doch noch 
so weit ganz, dass sie der ganzen innern Oberfläche der Chorioidea einen weissen Über- 
zug gab ; die Markschwammmasse , welche den ganzen Raum der Glasfeuchtigkeit und 
Linse einnahm, hatte sich von der Sehnervenpapille aus entwickelt und aller Wahrschein- 
lichkeit nach die Hyaloidea vor sich hergedrängt, denn „sie war in eine Membran ein- 
gehüllt, wie die der Membrana hyaloidea." Der Sehnerv ausserhalb der Sclerotica schien 
nicht krank zu sein. Einige Monate nach der Operation hatte sich die Augenhöhle mit einer 
neuen Geschwulst gefüllt, und das Kind starb bald nachher. In der Augenhöhle sass 
eine kranke Masse, welche sich aus dem Schnittende des Sehnerven erhoben hatte, und 
dieselbe Beschaffenheit zeigte, wie die früher im Bulbus vorgefundene. In der Schädel- 
höhle fanden sich die Sehnerven von ihrem Ursprünge bis zum Chiasma gesund, vor 
demselben aber war der der kranken Seite bis zum Foramen opticum so dick wie ein 
Mittelfinger ; im For. opt. war er wie durch eine Ligatur eingeschnürt, bei seinem Eintritte 
in die Orbita jedoch breitete er sich wieder aus, so dass er den Zwischenraum zwischen 



Retiiialaniaurose — Markschwaiiim der Netzhaut. 141 

den M. rectis ausfüllte. — Makenzie bemerkt noch, es seien Fälle vorgekommen, wo sich, 
die Geschwulst, vom Ende des Opticus ausgehend , zwischen die Sclerotiea und Chorioidea 
gedrängt hatte, während in den andern Fällen der Schwamm aus dem Sehnerven noch vor 
seinem Eintritte ins Auge entstanden war, und die Zerstörung dieses Organes durch seinen 
Druck von aussen her bewirkt hatte. Er spricht überdiess von dem Entstehen mehrerer 
schwammiger Gewächse nach einander an verschiedenen Stellen, z. B. eines hinter der 
Sclerotiea. ein anderes zwischen dieser und der Chorioidea und ein drittes zwischen die- 
ser und der Retina, welche dann zusammen fortschreiten. 

Unter etwa 7 Fällen , wo ich Markschwamm der Netzhaut in früheren Stadien mit 
Sicherheit diagnosticirt hatte, weiss ich von fünfen, dass sie gestorben sind. Ein Kind 
erlag, nachdem ein anderer Arzt die von mir verweigerte Exstirpation vorgenommen hatte. 
Ein Fall ist in Prof. Fischers Lehrbuch S. 353 beschrieben. „B. Caroline , 7 Jahre 
alt , von sehr zartem Körperbau, erethisch-scrofulöser Constitution, Kind gesunder Land- 
leute, Mar von Geburt an stets sehr schwächlich, aber ausser öfterem Abgang von Peit- 
schen- lind Spulwürmern hatte man an ihr nichts von Krankheit bemerkt. Von ihren 2 
Geschwistern hatte bloss die ältere eine Drüsengeschwulst am Halse. Das Augenleiden 
begann vor 10 "Wochen; ihre Schwester hatte sie beim Spielen mit dem Finger in's rechte 
Auge gestossen. Darauf Schmerz von kurzer Dauer, am andern Tage geringe Röthe im 
innern "Winkel : das Mädchen lief wieder munter wie früher herum. Am 3. Tage gleichmässige 
starke Röthe des Auges, leichte Geschwulst der Lider und dumpfer Schmerz. Aufschlagen 
kalten Wassers. Nach einigen Tagen waren Röthe und Geschwulst verschwunden. Etwa 
14 Tage später fiel dem Vater eine Entfärbung des Auges auf, und es zeigte sich, dass 
das Kind das Sehvermögen, selbst die Lichtempfindung verloren hatte, obschon sie etwas 
lichtscheu war. "Während dieser ganzen Zeit hatte sie zeitweilig dumpfe Schmerzen im 
Auge gehabt. Ein Arzt ordinirte eine weisse Salbe und braune Tropfen. Die Steigerung 
der Schmerzen bestimmte den Vater, das Kind auf die Augenklinik zu bringen (27. Oct. 
1S4U. Wir fanden unter der Conj. bulbi rings um die Cornea ein schütteres Gefässnetz, 
Sclera und Cornea normal, die früher blaue Iris schmutzig grau, unbeweglich, die Pupille 
stark und ungleichmässig erweitert. Man konnte durch die vollkommen durchsichtigen 
Medien in die Tiefe des Auges sehen. Dort bemerkte man eine ziemlich senkrecht auf 
der Sehachse stehende runde, im Ganzen flache, doch durch Erhabenheiten unebene, 
ockergelbe Fläche, deren innerer Rand weiter nach vorn stand, als der äussere. Auf 
dieser Fläche schwebten leichte orangegelbe Flocken, welche beim Bewegen des Auges 
ich ebenfalls zu bewegen schienen. Sah man gegen die der Nase zugekehrte Wandung 
des Augapfels , so schien sich jene gelbliche Platte auf dieselbe fortzusetzen , doch so, 
dass sie hier etwas concav, mehr uneben, stellenweise unterbrochen aussah, während die 
äussere Wandung ein mehr dunkles, fast meergrünes Aussehen darbot. Bei den verschie- 
denen Bewegungen zeigte jene Platte einen eigenthümlichen, opalähnlichen Glanz. Das 
Allgemeinbefinden Hess keine Störung wahrnehmen. Das linke Auge gesund, doch em- 
pfindlich gegen stärkeres Licht. Heilversuche mit Jodkali äusserlich und innerlich blieben 
fruchtlos. Nachdem das Mädchen in ihre Heimat zurückgekehrt war, entwickelte sich das 
Übel allmälig weiter bis zum Durchbruche, worauf Verjauchung, Zehrfieber und ohngefähr 
im 11. Monate der Tod eintrat." 

Der einzige Fall, in welchem es mir erlaubt wurde, nach dem Tode das Auge zu 
exstirpiren, betraf ein Mädchen von Vli Jahren (Petrak Annaj. Die Mutter hatte es am 
26. März 1553 auf die Klinik gebracht, weil ihr ein gewisses Funkeln des Auges im 



142 Netzhaut. 

Dunkeln und Erblindung desselben aufgefallen war. Die Dauer wurde auf etwa 6 Monate 
angegeben. Sehr zarter Körperbau, keine deutlichen Merkmale von Scrofulosis; die Iris 
grau, die Haare blond, das rechte Auge gesund. Am linken die objectiven Erscheinungen 
ohngefähr wie im vorigen Falle. Der Tod erfolgte am 20. Juni 1853 unerwartet nach 
Convulsionen, ehe die Geschwulst noch bis an die Linse herangerückt war. Untersuchung- 
30 Stunden nach dem Tode. Der am Bulbus sitzende etwa £'" lange Stumpf des Seh- 
nerven nächst dem Bulbus etwas dicker, als weiter hinten, ohne dass deutliche Infiltration 
nachgewiesen werden konnte. Der Bulbus wurde durch einen Schnitt von vorn nach 
hinten in eine obere und untere Hälfte zerlegt. Die Iris auf einen schmalen Saum ge- 
schrumpft, die Linse etwas vorwärtsgedrängt, dahinter eine kleine Portion durchsichtigen 
Glaskörpers ; der Baum zwischen der Linse und der Chorioidea mit Ausnahme dieses 
Glaskörperrestes von einer gelblich-weissen , von zahlreichen Gefässreiserchen durch- 
setzten Masse ausgefüllt; diese Masse, im Allgemeinen breiartig, gleichsam in ein 
Gerüst oder Flechtwerk von Gefässchen infiltrirt, war nach vorn bis zum Ausfliessen 
erweicht, nur vor der Sehnervenpapille etwas consistenter; von der Netzhaut keine Spur. 
Die Chorioidea zum Theil ohne Pigment, 1'" nach aussen vom hintern Pole in einer 
Ausdehnung von 2 — 3 Quadratlinien von derselben Masse infiltrirt und daselbst auch mit 
der unterliegenden Sclera verwachsen. Die Besichtigung des Präparates selbst, welches 
in der hiesigen Sammlung der Augenklinik aufbewahrt wird, lässt keinen Zweifel übrig 
dass in diesem Falle die Infiltration von der Sehnervenpapille ausgegangen war ; die Unter- 
suchung des übrigens Körpers wurde verweigert. 



B. Orbitalamaiirose. 

Die Erkrankung des Sehnerven in der Orbita (vom Bulbus bis zum. 
Chiasma) geht entweder von ihm selbst (Nervenmark, Central- Arterie 
und Vene, Nervenscheide), oder von den umgebenden Gebilden (Orbi- 
talfett, Muskeln, Beinhaut etc.) aus. Die selbständigen Affectionen las- 
sen sich während des Lebens wohl kaum jemals mit Sicherheit erken- 
nen. Heister sah complete Amaurose bei einem Soldaten, dem eine 
Bleikugel von der einen Schläfe zur andern mitten durch den Kopf 
gegangen war; die Wunde heilte, die Blindheit blieb, die Bulbi zeigten 
sonst keine merkliche Veränderung. Nach Makenzie besitzt Prof. 
Schmidler zu Freiburg ein Präparat, welches ein Aneurysma der Ar- 
teria centr. retinae darstellt, entnommen von einer Badenschen Prinzes- 
sin, welche lange Zeit blind war, und Plenk, Richter u. A. zu Hilfe 
gerufen hatte; sie sah ein wenig, wenn sie abwärts schaute; die Aneu- 
rysmen comprimirten die Sehnerven. Beer bezieht sich auf Sectionen, 
welche ihm Verhärtung und Verwachsung der Sehnerven mit ihren 
Scheiden als Ursache der Amaurosis erwiesen hatten; in drei Fällen 
fand er Hydatiden zwischen den Scheiden des Sehnerven, von deren 



Orbitalamaurose. 1 43 

Vorkommen auch andere Beobachter sprechen. Demours fand einmal 
einen Tuberkel, einmal einen Eiterherd im Sehnerven. Böhm (das 
Schielen und der Sehnenschnitt, Berlin 1845, S. 448) fand bei einem 
an Lungenschwindsucht gestorbenen 19jährigen Jünglinge, dessen rech- 
tes Auge vom 6. Lebensjahre an nach aussen und oben abgelenkt, all- 
mälig aus der Orbita vorgetreten und zwar amblyopisch, jedoch durch- 
aus nicht amaurotisch gewesen war, den Sehnerven um das Mehrfache 
verlängert und zu einem spindelförmigen Neuroma angeschwollen (nach 
der Zeichnung gegen 2 Zoll lang und an 3 /4 Zoll dick). Nur der 
vorderste, dem Bulbus zunächst befindliche Theil erschien eine kurze 
Strecke von natürlicher Beschaffenheit, ebenso der hinterste nächst dem 
gleichfalls normalen Chiasma. Die weisse, spindelförmige, namentlich 
in der Peripherie hart anzufühlende Nervengeschwulst sah auf dem 
Querdurchschnitt fein maschenartig aus und bestand wesentlich aus dem 
verdickten Neurilem. Durch die mikroskopische Untersuchung Hessen 
sicji noch bestimmter der in die Geschwulst eintretende Nerv und die 
krankhaft vermehrten fibrösen Fascikeln des Neurilems unterscheiden, 
deren dichteres Gewebe nach dem Umfange der Geschwulst hin die 
Oberhand gewann. Der Atrophie des Sehnerven gedenken viele Auto- 
ren, doch war dieselbe wohl jederzeit consecutiv, häufig nach Phthisis 
bulbi, seltener nach Krankheiten der Netzhaut oder nach Aifectionen 
in der Schädelhöhle. Die Atrophie erstreckte sich meistens nur bis 
zum Chiasma, nach Einigen auch darüber hinaus, und zwar auf der- 
selben Seite, obwohl auch Beobachtungen bekannt sind (von Sömmerring, 
Ackermann, Michaelis, Wenzel u. A.), wo die Atrophie jenseits des 
Chiasma auf der entgegengesetzten Seite bis zu den knieförmigen Kör- 
pern fortgegangen sein soll. 

Von den Krankheiten der Augenhöhle, welche durch Compression 
oder Zerrung des Sehnerven störend auf dessen Function einwirken 
und sich bei höheren Graden vorzüglich durch veränderte Lage und 
Beweglichkeit des Bulbus verrathen, werden wir in einem spätem, 
eigens hiefür bestimmten Abschnitt sprechen. Es musste ihrer an die- 
ser Stelle bloss desshalb gedacht werden, weil Amaurosis eine Zeit 
lang das einzige oder doch vorwaltende Symptom sein kann, das sie 
verursachen. 



144 Netzhaut. 



C. Cerebralamaurose. 

Amblyopie und Amaurosis sind oft Symptome von anatomisch nach- 
weisbarer Erkrankung sowohl des grossen als des kleinen Gehirnes oder 
ihrer Hüllen, von Erkrankung des Sehnerven innerhalb der Schädel- 
höhle. In der Kegel sind dann nebstdem noch andere Symptome vor- 
handen,* welche wenigstens so weit zu schliessen erlauben, dass der 
Sitz des Grundleidens in der Schädelhöhle zu suchen sei. Doch kom- 
men auch Fälle vor, wo durch mehr weniger lange Zeit solche ander- 
weitige Zufälle fehlen oder sehr unbestimmt ausgesprochen sind. So 
wie demnach das Nich tauffinden von Netzhautveränderungen mit dem 
Augenspiegel nicht zu dem Schlüsse berechtigt, in einem speciellen 
Falle könne die Amblyopie oder Amaurose nicht durch primäre Affec- 
tion der Netzhaut allein bedingt sein, und so wie selbst bei ophthal- 
moskopisch wahrnehmbaren Veränderungen des Auges immer noch in 
Erwägung zu ziehen ist, ob dieselben nicht als secundäre zu betrach- 
ten seien, wie z. B. Atrophie der Retina in Folge von Compression des 
Chiasma, oder mechanische Hyperämie der Netzhaut in Folge von 
Compression des Sinus cavernosus u. s. w. , so erlaubt dagegen auch 
das Fehlen der anderweitigen sogenannten encephalischen Erscheinun- 
gen noch nicht die Ausschliessung von Centralleiden, selbst nicht von 
anatomisch nachweisbaren. 

Die Erscheinungen, auf welche man zu achten hat, wenn sich's 
darum handelt, zu bestimmen, ob die Sehstörung von einem Leiden der 
Centralorgane herstamme, sind sehr zahlreich und mannigfaltig. Man 
hat dafür zu sorgen, nicht nur dass man keine derselben übersieht, 
sondern auch dass man sie in ihrer Reihenfolge, wie sie nach einander 
auftreten, und in ihrer Beziehung zum Augenleiden gehörig auffasse. 
Nirgend weniger als bei den Amaurosen kann allgemein medicinische 
Bildung in Bezug auf Diagnosis, Prognosis und Therapie entbehrt wer- 
den; der Oculist hört hier auf, Specialist zu sein. Die Lehre von den 
Amaurosen fällt mit der Lehre von den Krankheiten des Nervensy- 
stemes zusammen. Demnach wird man auch in einer Abhandlung über 
die Amaurosen nicht eine förmliche Darstellung der Lehre von den 
Krankheiten des Gehirnes suchen, deren Kenntniss hier, als anderweitig 
erworben, vorausgesetzt werden muss. Eine gedrängte Schilderung der 
Erscheinungen jedoch, welche bei encephalischer Amaurosis vorkommen, 
und ebenso eine übersichtliche Zusammenstellung der Affectionen, als 



Cerebralaiiiauro.se. 145 

deren vorwaltendes Symptom Amblyopie oder Amaurosis beobachtet 
■wurde, erläutert durch verlässliche Krauken- und Sectionsbefunde, dürften 
zur leicbtereu Orientirung in diesem weiten Gebiete dem Leser einigen 
Nutzen gewähren. 

Die Erscheinungen am Sehorgane selbst sind, wenn auch nicht 
pathognomonisch, doch in vielen Fällen immerhin eigentümlich genug, 
um einige diagnostische Anhaltspunkte zu gewähren. — a) Zunächst ist 
zu bemerken, dass die Sehstörung bei centralen Amaurosen sich immer 
auf das ganze Gesichtsfeld bezieht. Amblyopie oder Amaurosis, welche 
bloss auf das Centrum oder bloss auf die Peripherie der Netzhaut be- 
zogen werden kann, ist sicher niemals centralen Ursprunges. Es ist 
auch keine verlässliche Beobachtung bekannt, wo Hemiopie von einer 
anatomisch nachweisbaren Veränderung der Centralorgane hätte abge- 
leitet werden können. Ruete's Ausspruch (Seite 119), dass Krankheiten 
des Sehhügels oder der einen Hälfte der Vierhügel fast immer eine 
Störung der Function der Retina derselben Seite in beiden Augen zur 
Folge haben, inuss jedenfalls erst durch Thatsachen erwiesen wer- 
den. — Die Sehstörung tritt bald plötzlich, bald allmälig auf, in 
der Kegel zunächst nur auf Einem Auge; sie bleibt selten auf Ein 
Auge beschränkt, auch wenn die encephalische Affection zunächst nur 
die eine Hemisphäre betrifft. Sie kann trotz des Fortbestandes der 
Hirnkrankheit mit deutlichen Re- und selbst mit Intermissionen auftre- 
ten, was seine Erklärung in der bald mehr bald weniger hervor- 
tretenden, die Hirnaffection begleitenden Hyperämie finden dürfte. — 
Sie ist nicht sowohl von Scotomen (dunkeln oder hellen) als vielmehr 
von Hallucinationen begleitet; auch ist die Empfindlichkeit der Augen 
gegen das Licht im Allgemeinen eher vermindert, als vermehrt, ausser 
bei Hyperämie, bei Meningitis ad basin und bei Hydrocephalus acutus 
in der ersten Zeit. 

b) Im Allgemeinen hat der alte Erfahrungssatz seine Giltigkeit, 
dass bei Hirndruck die Pupille erweitert ist, doch kann auch bei com- 
pleter encephalischer Amaurose der Durchmesser der Pupille ein mitt- 
lerer sein, und während des unstäten Hin- und Herbewegens der Bulbi 
— wie bei chronischem Hydrocephalus so oft — selbst Schwankungen 
zwischen Erweiterung und beträchtlicher Verengerung darbieten. Die 
Erweiterung ist eine gleichmässige, wobei freilich nicht übersehen wer- 
den darf, dass leichte Abweichungen von der Kreisform, namentlich bei 
nicht zu enger Pupille, häufig auch an ganz gesunden Augen beobachtet 
werden können. Die Schwärze der Pupille leidet nur im Verhältniss 
zur Erweiterung derselben, erst nach langem Bestände encephalischer 

Axlt Augenheilkunde. III. 10 



146 Netzhaut. 

Amaurosen scheint die Durchsichtigkeit der Netzhaut und der Pigment- 
gehalt der Chorioidea so zu leiden, dass der Grund des Auges mehr 
Licht als im normalen Zustande reflectirt. 

c) Die Stellung und die Beweglichkeit der Augen kann in ein- 
zelnen Fällen viel zur Entscheidung der Frage über den Sitz des Lei- 
dens beitragen. Geht die Sehkraft des einen Auges rasch verloren, so> 
bleibt die Stellung und Beweglichkeit normal, ausser es leidet ein oder 
der andere Muskel wegen primärer oder vom Gehirn ausgehender Affec- 
tion. Erblindet ein Auge allmälig, während das andere gesund oder 
doch relativ besser ist, so reicht dieser Umstand allein hin, eine in- 
stinctmässige (reflectirte) Ablenkung des schwächeren Auges zu bewir- 
ken. Bei Erwachsenen erfolgt diese Ablenkung meistens auswärts als 
Strabismus divergens; es tritt dasselbe ein, wie bei Hornhaut- oder 
Linsentrübungen (B. I. S. 262 und B. II. S. 281). Ist die Sehkraft 
beiderseits gleichmässig erloschen oder hochgradig geschwächt, gleich- 
viel ob langsam oder schnell, so ist die Stellung der Sehachsen parallel 
oder bloss ein wenig divergent, und die weit geöffneten Augen irren 
entweder unstät umher oder stieren in unbestimmte Ferne hinaus. 
Unter Berücksichtigung dieser Momente deutet Ablenkung eines oder 
beider Augen von der gewöhnlichen Haltung, insbesondere aber Unbe- 
weglichkeit nach einer oder der andern Richtung (Muskellähmimg) in 
allen Fällen auf centrale Ursache der Amblyopie oder Amaurose, wenn 
nicht etwa wie bei rheumatischer Bulbär- oder bei Orbitalamaurose, 
die Muskelaffection aus einem peripherischen Leiden abgeleitet wer- 
den muss. 

Die Erscheinungen, welche bei encephalischer Amblyopie und Amau- 
rosis in den übrigen Organen vorkommen, sind leider (für den Diagno- 
stiker) in vielen Fällen namentlich zu Anfang noch nicht vorhanden, 
zum Theil auch zweideutig. Um so sorgfältiger müssen sie aufgesucht, 
um so schärfer aufgefasst und in ihre wahre Beziehung zum Augen- 
leiden gebracht werden, a) Die geistigen Functionen, Gedächtniss, Ur- 
theil, u. s. w. sind bei Kindern rücksichtlich ihrer Entwicklung, bei 
Erwachsenen rücksichtlich ihrer Störung zu. berücksichtigen. Verän- 
derung der Gemüthsstimmung, des Gesichtsausdruckes, Theilnahmlosig- 
keit, Schlafsucht u. dgl. b) Besichtigung und Betastung des Schädels. 
Bei Amaurosis von chronischem Hydrocephalus fand ich am häufigsten 
den queren Durchmesser des Schädels (von einem Schläfetheil des 
Felsenbeines zum andern) auffallend vergrössert; seltener ist das Cra- 
nium an der Stelle der grossen Fontanelle stark hervorgetrieben; in 
diesem letzteren Falle sind bisweilen auch die Bulbi glotzend (Herab- 






Cerebralaiuaurose. 147 

drückung der obern Orbitalwand). — Krankheiten der Schädelwan- 
dungen, welche durch Druck nach innen nachtheilig wirken, lassen sich 
bisweilen auch durch Hervorragungen an der Aussenfläche erkennen. 
Andere, zum Beispiel Tophi, geben vielleicht Anhaltspunkte für die 
Existenz ähnlicher Affeetionen, die nach innen wirken. Spuren von 
vorausgegangenen Verletzungen -des Kopfes verdienen besonders dann 
Berücksichtigung, wenn seit der Verletzung irgend welche Gesund- 
heitsstörungen bestehen, die darauf bezogen werden können. Doch ist 
zu bemerken, dass erfahrungsgemäss Jahre vergehen können, ehe der 
Verletzte von deutlichen Zufällen einer Hirnkrankheit befallen wird. 
Der Kranke denkt zur Zeit, wo sein Gesicht gestört wird, vielleicht 
gar nicht mehr an die Verletzung. — c) Kopfschmerzen (Eingenommen- 
heit, Schwere des Kopfes u. dgl.), verschiedenartig nach Intensität, 
Qualität und Typus, sind ein häufiger Vorläufer und Begleiter von 
Amblyopie und Amaurosis. Zu bemerken ist, dass auch die chronische 
Retinitis häutig von mehr weniger lebhaften Schmerzen in der Stirn- 
oder Scheitelgegend begleitet wird, und dass manche Individuen die 
Krankheit (Erblindung) dem Symptome (den Kopfschmerzen) zuschrei- 
ben, weil sie die Kopfschmerzen früher bemerkten, als die noch in zu 
geringem Grade vorhandene Abnahme des Gesichtes. — d) Schwindel, 
bald mit Hyperämie, bald mit Anämie im Zusammenhange stehend, ist 
häufig auch bloss durch Lähmung eines geraden oder schiefen Augen- 
muskels bedingt, fordert daher jederzeit zur genauesten Prüfung der 
Muskelfunctionen auf. Mehr hierüber bei den Krankenheiten der Augen- 
muskel. — e) Störungen in andern Sinnesorganen, Gehör, Geruch, der 
Sensibilität im Bereiche des Trigeminus u. s. w. — f) Störungen der 
Motilität, im Bereiche des Facialis, Trigeminus u. s. w. Bei rechtssei- 
tiger Affection des X. opticus und des Oculomotorius oder Abducens 
treten die Lähmungserscheinungen am Gesichte, an der Zunge, am 
Zäpfchen, an den Extremitäten linkerseits auf. Epileptische Anfälle, 
Contracturen , Lähmungen. — g) Gehemmte peristaltische Bewegimg, 
Torpor in der Entleerung der Fäces oder des Harnes u. dgl. — 
h) Gastrische Erscheinungen, Erbrechen, Übligkeiten u. dgl. sind theils 
Vorboten, theils Begleiter encephalischer Amaurosen. 

Die krankhaften Vorgänge und Veränderungen im Gehirne und in 
seinen Hüllen, welche Aniblyopie oder Amaurosis im Gefolge haben, 
sind ausserordentlich mannigfaltig und verschieden in Bezug auf ihren 
Sitz (Knochen, Meningen, Schlagadern an der Basis, Hirnanhang, ein- 
zelne Regionen des grossen und kleinen Gehirnes), auf ihre Natur und 

anatomische Beschaffenheit (Veränderungen des Zusammenhanges, des 

10* 



148 Netzhaut. 

Volumens, der Textur, Neubildungen u. s. w.), und in Bezug auf die 
entfernteren Veranlassungen dazu (Störungen der Kreislaufsorgane, 
äussere Gewalttätigkeiten, Dyskrasien, namentlich Lues, Krebs, Tuber- 
kel u. s. w.). Diese letzteren insbesondere sind geeignet, Licht auf 
die Natur des krankhaften Vorganges im Gehirne zu werfen. Schon 
dieser Umstand allein fordert bei jeder Amaurosis zu einer vollständigen 
Durchmusterung des ganzen Körpers, aller Organe, Systeme und Func- 
tionen, sowie zu einer scrupulösen Erhebung der anamnestischen Mo- 
mente vor, während und nach dem Eintritte des Augenleidens auf. 
Leider müssen wir bei dem gegenwärtigen Stande der Diagnostik der 
Gehirnkrankheiten uns nur zu oft begnügen, zu wissen, dass überhaupt 
ein solches Centralleiden vorhanden ist; auf die Bestimmung des Sitzes 
der Affection müssen wir meistens verzichten; auf die Natur derselben 
lässt sich grösstentheils nur mit Wahrscheinlichkeit sckliessen; eher 
noch lässt sich angeben, diese oder jene Affection könne nicht zu 
Grunde liegen. Immerhin ist auch damit schon Einiges gewonnen, das 
uns bestimmte Anhaltspunkte zur Prognosis gibt, und, wo nicht directe, 
>so doch indirecte Indicationen zum therapeutischen Verfahren. Wer 
durch seine Behandlung nicht schadet, hat viel voraus nicht nur vor 
Demjenigen, der blindlings eingreift, sondern auch vor dem, der 
nichts thut. 

Die Literatur ist reich an Beobachtungen über Amaurosen, leider 
arm an verlässlichen und vollständigen. Den einen fehlt die anato- 
mische Begründung, welche vor Erfindung des Augenspiegels zum Theil 
unmöglich war; die andern liefern wohl mitunter gute Sectionsbefunde, 
aber — ■ mit wenig Ausnahmen — keine gehörige Angabe der Erschei- 
nungen während des Lebens. 

Über Aufforderung meines verehrten Lehrers Fischer hatte ich zum Gegenstande 
meiner Inauguraldissertation (1839) einige Beobachtungen sogenannter organischer Amau- 
rosen gewählt und daran eine übersichtliche Zusammenstellung der mir zugänglichen 
Beobachtungen früherer Zeiten gereiht. Die nachfolgenden Fälle sind grösstentheils die- 
ser Schrift entlehnt. 

1. Amaurosis in Folge von Verletzungen am Kopfe. 

In Folge von Verletzungen nicht bloss des Auges und seiner näch- 
sten Umgebungen, sondern auch von entfernteren Regionen des Kopfes 
ist Amaurosis als erstes oder doch eminentes Symptom bald sogleich, 
bald erst nach längerer Zeit beobachtet worden. In manchen Fällen 
entwickelt sich die Hirnkrankheit, deren Symptom die Amaurosis ist, 
unmittelbar aus der Verletzung; in andern gibt diese gleichsam nur 



Cerebralaniaurose. 149 

den Impuls zur Ent Wickelung einer Hirnkrankheit, auf dieselbe Weise, 
wie wir schon beim Markscbwamm der Netzbaut bemerkt baben. Zu 
den ersteren geboren Knochenemdrücke, Fissuren an der Schädelbasis 
(Keilbein), Blutaustretung, Aneurysma, Entzündung- der Hirnhäute, des 
Gehirnes mit ihren verschiedenen Ausgängen; zu den letzteren die 
Entwicklung von Markschwamm und von Processen, denen Tubercu- 
losis zu Grunde liegt. Zur Erläuterung einige Beispiele. 

Eine zweiundvierzigjährige gesunde und kräftige Frau fiel rücklings auf der Strasse 
nieder, indem sie, ein Brett voll«gebackenen Brotes nach Hause tragend, auf den glatten 
Steinen ausglitt. Man brachte sie scheintodt nach Hause. Nach einer Stunde war das 
Bewusstsein und die Bewegung zurückgekehrt, das Gesicht beider Augen verloren ; nur 
mit dem linken Auge glaubte die Kranke, wenn sie es nach oben wandte, eine geringe 
Lichtempfindung zu verspüren. Die erweiterten Pupillen waren nur wenig beweglich und 
etwas unregelmässig verzogen; sonst an den Augen keine Veränderung wahrnehmbar. 
Zugleich heftiger drückender Kopfschmerz in der Stirn, und andere Symptome eines Ex- 
travasates in der Schädelhöhle. (?) Tod nach vierundzwanzig Stunden. Bei der Section 
eine kleine sugillirte Stelle unter der Galea aponeurotica an der Stelle des Hinterhauptes, 
auf welche die Frau gefallen war. Bei der Herausnahme des Gehirnes kam, als die grossen 
vordem Lappen aufgehoben wurden, eine wallnussgrosse, blaurothe Geschwulst zum Vor- 
schein, icelche den Türkensattel bedeckte, nach dem rechten Schläjebein hin sich erstreckte, 
und in den Soden der dritten Hirnhöhle und das Tuber cineremn eine Vertiefung einge- 
drückt hatte. Ebenso wurden das Chiasma und die Sehnerven, doch mehr der rechte, als. 
der linke, zusammengedrückt. Nach Herausnahme des Gehirns zeigte sich, dass die Ge- 
schwulst aus dem Canalis caroticus dexter herauskam, und aus einem, von der äussern 
Haut der geborstenen Carotis gebildeten Sacke bestand, der geronnenes Blut enthielt; nach 
Abspülung des Inhaltes entdeckte man, dass die Carotis dextra da, wo sie aus dem Sinus 
cavernosus heraustrat, geborsten war. Sonst war nirgends etwas Krankhaftes zu finden. 
(Stilling in Amnions Zeitschr. B. III. S. 465.) 

Ein alter Mann, welcher mit einem Karren überfahren worden war, wurde in's Spi- 
tal aufgenommen. Es war eine Fractur nebst einer Depression des einen Scheitelbeines 
vorhanden. Der Mann besass sein Bewusstsein, gab aber langsam Antworten, war 
stöckisch und gänzlich blind. Herr Gunning entfernte eine Portion des Scheitelbeines 
mit der Trephine, und hob den deprimirten Knochen empor. Die Operation bewirkte 
indessen keine Änderung in den Symptomen. Etwa 36 Stunden nach dem Ereignisse 
wurde der Puls häufig, und der Patient begann irre zu reden. Er blieb des Sehver- 
mögens gänzlich beraubt, glaubte eingebildete Gegenstände zu sehen, war sich der vor 
seinen Augen befindlichen gänzlich unbewusst. Tod nach Ablauf des fünften Tages. 
Man fand die Hirnhäute entzündet und mit Eiter und Lymphe verunreinigt. An der 
Basis des Schädels war eine Querfractur, welche sich durch das Keilbein erstreckte, mit 
so verschobenen Bruchrändern, dass sie auf die Sehnerven unmittelbar hinter den Augen- 
höhlen drückten, und sich so der gänzliche Verlust des Gesichtes erklärte. (Brodie, bei 
Makenzie, Krankheiten des Auges, Weimar 1832 S. 771.) 

Ein zwölfjähriger Knabe empfing in der Schule mit der Schärfe eines breiten 
Lineales wegen Trägheit im Lernen einen Schlag auf das rechte Seitenwandbein. Die 
Wunde war klein, heilte aber erst nach sechs Jahren ganz zu. Bald nachher nahm das 
Sehvermögen ab, allmälig bis zur völligen Blindheit. In der letzten Zeit traten auch 



150 Netzhaut. 

epileptische Anfülle ein. Man versuchte die Trepanation, fand jedoch den Knochen an 
der Stelle der Narbe nicht einmal missfarbig, geschweige denn krankhaft. Nach Entfer- 
nung des mit der Trephine abgelösten Knochenstückes trat etwas Blut und seröse Flüs- 
sigkeit zwischen dem Knochen und der harten Hirnhaut hervor. Letztere schien nicht 
verändert zu sein. Den nächsten Tag hatte die Pupille jedes Auges ihre natürliche Sen- 
sibilität wieder erlangt, indem sie sich je nach dem Giade des Lichtes erweiterte und 
zusammenzog, aber die Blindheit blieb absolut, wie vor der Operation. Drei Tage nach 
der Operation starb der Patient — Man fand den Knochen und die Dura mater überall 
gesund. Unter dem Theile, wo letztere durch die Trephine blossgelegt worden war, also 
unter der Stelle der ursprünglichen Verwundung bot die Pia mater die Zeichen chronischer 
umschriebener Entzündung dar. Als in das Gehirn eingeschnitten wurde, fand man es 
bis zu einem beträchtlichen Grade verhärtet, und diese Verhärtung hatte sich auf den 
ganzen mittlem Lappen des Gehirnes ausgebreitet, begann auf der Oberfläche, und setzte 
sich durch das Gehirn bis zur Basis des Schädels fort. (Hoioship, bei Makenzie 1. c. 7S2.) 

Bei einem 44 Jahre alten Manne stellte sich nach einem Falle auf das Hinter- 
haupt allmälig Gesichtsschwäche und Schielen (Schiefsehen?) ein; nach drei Jahren kam 
dazu heftiger Schmerz im Hinterhaupte, stierer Blick, Erweiterung der rechten Pupille, 
endlich gänzlicher Verlust des Gesichtes und der Sprache bei ungestörter Geistesthätig- 
keit. — Man fand zwei Drittel vom linken Lappen des kleinen Gehirnes in einen Brei 
verwandelt, die umgebende Arachnoidea zerstört, die Dura rnater innen braunroth, aussen 
vom Knochen abgelöst. (Monod in Andrafs Clinique medicale, T. V. p. 496.) 

Ein Frauenzimmer hatte in ihrem 1 5. Jahre einen nicht gerade heftigen Schlag 
auf die rechte Seite ihtes Kopfes erhalten. Er verursachte augenblicklich sehr heftigen 
Schmerz, wurde aber nicht weiter berücksichtigt, weil man weiter keine Folgen beob- 
achtete, nur stellte sich öfter Kopfweh ein, welches immer in dem geschlagenen Theile 
begann. — Nachdem sie solchen Anfällen über dreissig Jahre ausgesetzt gewesen war, 
wurde sie trag und manchmal stupid und schläfrig, ohne dass man dafür eine andere 
Ursache hätte angeben können. Dieser Zustand verschlimmerte sich, so dass es in den 
letzten l '/2 Jahren ihres Lebens sehr schwer war, sie wach zu erhalten ; wenn sie aber 
einmal wachte, und sollte es auch nur auf '/a Stunde sein, so entfaltete sie den ganzen 
natürlichen Glanz ihrer Unterhaltung; dann verfiel sie wieder in Schlaf, ohne dass man 
sie aus demselben aufrüttelu konnte. Das Sehvermögen hatte allmälig abgenommen, so 
dass sie einige Zeit vor dem Tode fast in gänzliche Dunkelheit gehüllt war. Sie starb 
unter Convulsionen. — Eine Portion des rechten Seitemvandbeines von der Grösse eines 
Kronthalers gerade da, wo der Schlag eingewirkt und der Kopfschmerz immer begonnen 
hatte, zeigte eine sehr dunkle Farbe. Der Knochen war von innen aus fast gänzlich ab- 
sorbirt und durchsichtig ; die Dura mater daselbst durch Absorption verschwunden ; die 
Hirnportion darunter verhärtet, scirrhös und dunkellivid, und zwar durch den ganzen 
mittlem Lappen des Gehirnes ; die Sehnerven an ihrem Ursprünge zusammengedrückt 
wie ein Band. Sonst weder in der Schädelhöhle noch im Thorax oder Unterleibe eine 
erhebliche Abnormität. (Howship bei Makenzie 1. c. S. 783.) 

Ein eilfjähriges Mädchen, lange Zeit zu Kopfweh mit Schwäche des Sehvermögens 
und einer eigenthümlichen Empfindlichkeit der Bedeckungen des Kopfes geneigt, verletzte 
sich durch einen Fall (Herbst 1314) an der Stirn, und litt seitdem an Kopfweh und 
häufigem Nasenbluten. Einige Monate später (Ende December) kamen zu dem gesteiger- 
ten Kopfweh noch Fieber, Empfindlichkeit gegen das Licht und gegen Geräusch, Schielen 
und convulsivische Paroxvsnien, die eine Zeit lang alle halbe Stunden zurückkehrten. 



Cerebralaniaurose. 151 

Im März IS 15 trat auffallende Besserung bezüglich der Kopf Symptome ein, wogegen sich, 
scrofulüse Geschwüre am Hals und Beine entwickelten. Nach etwa einjährigem Bestände 
dieser Besserung (im Mai 1816) bemerkte man wieder Verschlimmerung, namentlich 
Steigerung der Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusch, Schielen und allmälige Ab- 
nahme der Sehkraft bis zur völligen Blindheit (im Juli). Tod im October; die Geistes- 
kräfte Maren ungeschwächt geblieben. — Bei der Section fand man eine wallnussgrosse 
Geschwulst auf dem Türkensattel sitzen, welche das Chiasma comprimirte; sie bestand 
aus einer Marksubstanz von gelblicher Farbe und war von einer dünnen und feinen 
Haut bedeckt. (Tuberkel?) (Beob. von Dr. Hai/, aus Abercrombie 's patholog. und prak- 
tischen Untersuchungen über die Krankheiten des Gehirns entlehnt von Makenzie 1. c. 
S. 797.) 

Bei einem siebenjährigen Knaben stellten sich nach einem Falle auf die Stirn 
Kopfschmerzen ein, nach einigen Monaten Amblyopie und Amaurosis, dann auch Epi- 
lepsie, allmälig zunehmende Schwäche der Extremitäten, endlich Lähmung derselben, 
Coma und Tod; die Geisteskräfte waren bis auf die letzten Tage ungestört. Dauer der 
Krankkeit fünf Vierteljahre. — Eine weisse, flache, feste, bohnengrosse Geschwulst unter 
dem Chiasma; in den Ventrikeln 12 Unzen klarer Flüssigkeit; der rechte Lappen des 
kleinen Gehirnes verhärtet, der linke in eine eiterförmig scrofulöse Masse verwandelt. 
(Abercrombie, des malad, de l'enceph. , trad. de l'anglais par Gendrin, Brux. 1837. Edit. 
III. p. 210.) 

2. Amaurosis in Folge von Circulationsstörungen im Kopfe. 

Schwächung* der Sehkraft ist ein häufiges Symptom von activer, 
passiver oder mechanischer Hyjjerämie in der Schädelhöhle; zur voll- 
ständigen und anhaltenden Erblindung jedoch kommt es in der Regel 
nur dann, wenn Hämorrhagie mit Zertrümmerung oder Compression 
der betreffenden Fasern eingetreten ist, wenn erweiterte und rigide Ge- 
fässe oder förmliche Aneurysmen auf den Sehnerven drücken, wenn 
nebst der Hyperämie bereits Ausscheidung von Serum zwischen den 
Meningen, in den Ventrikeln oder Entwicklung von Neoplasmen u. dergl. 
bestellt. Bei beträchtlicher Hyperämie des Gehirnes sind in der Regel 
auch die Zeichen von Hyperämie am Bulbus, namentlich an der Binde-, 
2\etz- und Aderhaut nachweisbar, und bei der activen und mechanischen 
sind zugleich mehr weniger deutlich ausgesprochene subjective Erschei- 
nungen vorhanden, welche auf Erregung der Fasern des Opticus deu- 
ten, Empfindlichkeit gegen das Licht, Sehen von Flammen, Funken, 
Blitzen u. dergl., oder förmliche Hallucinationen, Sehen von äusserlich 
nicht vorhandenen Gegenständen. Dieser innige Zusammenhang lässt 
sich, wo nicht völlig, so doch grösstentheils schon aus der nahen und 
innigen Beziehung erklären, in welcher die Arteria ophthalmica zu den 
Hirnarterien und die Vena ophthalmica zu den Hirnblutleitern, nament- 
lich zum Sinus cavernosus steht. — Was die Apoplexie betrifft, so ist 
zu bemerken, dass Schwächung oder Aufhebung der Sehkraft bisweilen 



1 52 Netzhaut. 

eine Zeit lang das eminente, wenn auch nicht gerade einzige Symptom 
eines kleinen Extravasates sein, und in sofern als Vorbote der Apoplexie 
betrachtet werden kann, als über kurz oder lang an mehrern Stellen 
oder in grösserer Menge Hämorrhagie mit eclatanten anderweitigen Zu- 
fällen dazu tritt. — Sorgfältiges Forschen nach primären oder conse- 
cutiven Gefässerkrankungen und Circulationsstörungen, z. B. Druck auf 
die Jugular- oder absteigende Hohlvene, Krankheiten der Aorta, des 
Herzens, der Lunge u. s. w. wird demnach in allen Fällen von Amau- 
rosis nothwendig sein, wo die Ursache derselben nicht schon klar zu 
Tage liegt. 

Eine 53jährige Stubenmagd, seit 4 Jahren nicht mehr menstruirt, litt schon vor 20 
Jahren an Blutungen aus den Mastdarm venen. Vor 10 Jahren ohngefähr erkrankte sie 
angeblich an einem biliösen Fieber, seit welcher Zeit heftige Kopfschmerzen, grosse Mat- 
tigkeit, Herzklopfen und Abnahme des Sehvermögens die Patientin quälten. Bei der 
Untersuchung fand man: das Aussehen beider Augen matt, die obern Lider etwas herab- 
hängend, schwer beweglich, die Scleralbindehaut von einigen Gefässen durchzogen, die 
Sclera schmutzig, bleifarben, die braune Iris wie ausgewaschen, am rechten Auge ganz, 
unbeweglich, am linken auf starkes Licht schwach reagirend, die weiten Pupillen eckig, 
rauchig, das Sehvermögen des rechten Auges aufgehoben, das des linken bis auf undeut- 
liches Wahrnehmen grösserer Gegenstände beschränkt. Zeitweiliges Funkensehen, heftige 
drückende Schmerzen im Vorderkopfe, gestörte Verdauung, Stuhlverstopfung. Bei der 
Untersuchung des Herzens fand man die Erscheinungen von Insufficienz der Aortaklappen 
mit Erweiterung des linken Ventrikels. Man behandelte die Kranke durch einige Wo- 
chen mit Tonico-solventibus, bis sie ohne bekannte Ursache von einem Erysipel befallen 
wurde, das am linken obern Lide mit Abscessbildung endete. Nach einigen Tagen ma- 
gerte die Kranke zusehends ab, litt an anhaltenden Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit, 
und war psychisch sehr verstimmt. Endlich verfiel sie in Geistesabwesenheit mit zeitwei- 
ligen heftigen Delirien und starb. Sectionsbefund: Insufficienz der Aortaklappen in Folge 
von Verknöcherung derselben, Erweiterung des linken Ventrikels, Erweiterung der rechten 
Carotis um beiläufig ein Drittel, atheromatöse Ablagerungen an ihrer innern Fläche; die 
Art. ophthalm. rechterseits gleichfalls erweitert, ihre Glashaut auf ähnliche Weise verän- 
dert, der Sehnerv dieser Seite vom Chiasma bis zum Bulbus in einen dünnen Strang 
verwandelt, der Sehnerv der linken Seite anscheinend verändert. Ausserdem im linken 
vordem grossen Gehirnlappen in der Gegend des Corpus striatum ein anscheinend einige 
Wochen alter apoplektischer, wallnussgrosser Herd. In der Leber eine taubeneigrosse 
Angiotelektasie. Die Untersuchung der Augen wurde leider nicht gestattet. [Blodig 
Zeitschrift der Gesellschaft der Wiener Ärzte, 1851, 6. Heft S. 423.) 

Ein Herr von 48 Jahren, stark und plethorisch, Gastronom und fröhlicher Lebemann, 
litt seit einigen Tagen an congestiver Amblyopie. Diese offenbarte sich durch die ge- 
wöhnlichen Symptome, und der Kranke sah ausserdem alle Gegenstände roth. Drei Tage 
hindurch stellte ihm Carron du Villards die Notwendigkeit eines reichlichen Aderlasses 
vor; er aber weigerte sich hai-tnäekig. Als sich einige apoplektische Erscheinungen (?) 
zu denen der Amaurose gesellten, liess er sich 8 — 10 Blutegel an den After setzen. Als 
diese eine halbe Stunde gesogen hatten, rief er aus, er sehe nur Blut, und fiel bewusst- 
los nieder. C. liess ihm sogleich zur Ader; er erhielt sein Bewusstsein wieder, allein 



Cerebralamatirose. 153 

das Sehvermögen auf dem rechten Auge war durch ein Blutextravasat in dem Humor 
aqueus getrübt (?), und kehrte nicht wieder. In der Nacht erfolgte ein zweiter Anfall; 
es wurde ein zweiter Aderlass gemacht; der Mund war etwas verzerrt und die Bewegung 
der Zunge gehemmt. Diese Symptome verschwanden nach einiger Zeit bei einer zweck- 
mässigen Behandlung. Das extravasirte Blut wurde resorbirt, und die andern amauro- 
tischen Erscheinungen sind jetzt alle verschwunden, nur sieht der Mann auf dem rechten 
Auge etwas schlechter, als auf dem linken. (Carron du Villards, prakt. Handb. der 
Augenkrankh. übers, von Schnackenberg, 1841 S. 352.) — Diese Beobachtung, wie viel 
sie auch zu wünschen übrig lässt, scheint doch desshalb beachtenswerth, weil hier höchst 
wahrscheinlich Apoplexie im Auge mit Apoplexie, wenigstens mit bedeutender Hyperämie 
des Gehirnes zugleich stattgefunden hat. 

Ein 67 Jahre alter Mann war vor 21 Jahren zuerst am rechten, dann am linken Auge 
erblindet, allmiilig, ohne Schmerzen an den Augen, jedoch unter Kopfschmerzen. Später 
traten zuweilen arthritische Augenentzündungen ein, welche jedoch immer behoben wur- 
den, ohne dass die Augen dadurch eine merkliche Veränderung erlitten. Als Professor 
Beck (ohngefähr im 4. Jahre) die Augen sah, fand er rechterseits die Cornea und Iris 
normal, die Pupille erweitert und starr, die Conjunctivalgefässe varicös, die Sclerotica 
schmutzig gelb, die Linse weiss und an die Iris angedrückt, das Auge hart anzufühlen, 
frei beweglich; linkerseits dieselben Veränderungen, nur die Linse grünlich, und das Auge 
nicht härter. Der Zustand änderte sich, zeitweilige entzündliche Zufälle an den Augen 
abgei-echnet, im Verlaufe vieler Jahre nicht; auch das Allgemeinbefinden war im Ganzen 
gut, bis etwa ' i Jahr vor dem Tode, wo sich bedeutende Abnahme der Kräfte, Appetit- 
losigkeit, Schwerathmigkeit, Anschwellung der Füsse und Herzklopfen bei ungestörter 
Gehirnthätigkeit und ohne Fieber einstellten. Es bildeten sich Aphthen und zuweilen 
trat Erbrechen einer schwärzlichen Flüssigkeit ein. Erst einige Tage vor seinem Tode 
zeigte sich die geistige Thätigkeit auffallend gesunken. — In der Bauchhöhle fand man : 
"Cberfüllung der Venen, des Darmcanals und der Pfortaderzweige der sonst nicht verän- 
derten Leber, den sehr ausgedehnten Magen mit einer dünnen schwarzen Flüssigkeit ge- 
füllt, seine "Wandungen verdünnt und mürbe, ohne Ulceration oder Gangrän, die Venen 
an seiner innern Fläche varicös, die Milz etwas vergrössert. In der Brusthöhle : die 
Lungen normal, die Vorderkammern des Herzens von geronnenem Blute stark ausgedehnt, 
die Substanz des Herzens welk, die Semilunarklappen der Aorta verknöchert. In der 
Schädelhöhle : hochgradiger Hydrops membranarum cerebri, die Venen mit Blut überfüllt, 
die Hirnsubstanz etwas erweicht, die Art. carotis int. in ihrem Verlaufe unter den Seh- 
nerven und im ganzen Sitius cavernosus beiderseits verknöchert und in ihrem Lumen erwei- 
tert, beide Sehnerven atrophisch, um die Hälfte dünner, welk, grau, und so weich, wie 
sonst die Geruchsnerven. — Das rechte Auge zeigte verminderte "Wölbung der Cornea, 
keinen Humor aqueus (?), die Iris braungelb, sonst normal, ebenso die Pupille ; die Cho- 
rioidea auf beiden Flächen gelbbraun, aber pigmentlos, sehr verdickt, auf der Schnittfläche 
silbergrau. Von der Retina konnte keine Spur aufgefunden weiden, und es war höchst 
wahrscheinlich, dass sie mit der Chorioidea verwachsen war. Die Hyaloidea stellte sich 
in der ganzen Ausbreitung bis in die tellerförmige Grube verknöchert dar, die Hyaloidea 
cellularis war verdickt, parthienweise verknorpelt und verknöchert, die Zellen mit einer 
weiss geronnenen Masse angefüllt. Die Linse undurchsichtig, weiss, fest, die Kapsel an 
ihrer hintern Wand stellenweise ossificirt. Am linken Auge: die Hornhaut flach, die 
Augenkammer klein, wenig Humor aqueus : Iris, Chorioidea und Sclera normal. Zwischen 
Sclera und Chorioidea eine ungewöhnliche Menge Flüssigkeit. Kein Scleralstaphylom. Die 



154 Netzhaut. 

Retina fester und dicker; auf ihrer äussern Oberfläche viele rothe Flecke, welche unter 
der Loupe etwa3 erhaben, gleichförmig, im Centrum dichter waren, und sich unmerklich 
in einzelne dünne Fädchen verloren. Die Retina sonst von mehreren Blutgefässen durch- 
zogen. Die Glasfeuchtigkeit im Auge grünlich, nach ihrer Entleerung vollkommen durch- 
sichtig, hell und farblos. Die Linse etwas vergrössert und meergrün. Der Sehnerv in 
beiden Augenhöhlen so wie in der Schädelhöhle. — Diese Beobachtung ist leider sehr un- 
vollständig, und in Bezug auf den Augenbefund gewiss irrig aufgefasst. Am rechten Auge 
hatte man offenbar den Ausgang von Chorioiditis mit verkalktem Exsudat vor sich. Dennoch 
ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Erkrankung im Gefässsystem der Augenkrankheit 
vorausging und zu Grunde lag. {Ammon Zeitschr. B. V. S. 191.) Eine ähnliche Beob- 
achtung findet sich bei Makenzie 1. c. S. 777 betreffend einen 57 Jahre alten blinden 
Taglöhner, beobachtet von Spurgin. Die Section ergab ein Aneurysma am Circulus arter. 
Willisii, welches auf den rechten Sehnerven drückte, nebstdem einen Eiter- und einen 
■apoplektischen Herd im grossen Gehirne, Verdickung der Scheide des rechten Sehnerven. 
Auch hier bot die Retina eine röthlich-graue Farbe dar und war von zahlreichen Gefäss- 
verästlungen der Centralvene durchzogen, dabei die hintere Kapsel der Krystalllinse ganz, 
die Linse halb verdunkelt und letztere bis auf die Hälfte ihres natürlichen Volumens ge- 
schwunden. Zu bemerken ist noch, dass kurz vor dem Tode bei völliger Blindheit und 
bei völliger TJnbeweglichkeit der Pupillen die des rechten Auges erweitert, die des linken 
verengert war, wofür in dem Sectionsbefunde kein Erklärungsgrund aufzufinden war. 

Bei einem im 63. Jahre apoplektisch gestorbenen Manne hatte sich 14 Jahre vorher 
Abnahme der Sehkraft gezeigt, welche sich bestimmt als Amblyopie kund gab, und sich 
allmälig zu völliger Amaurose steigerte. Später wurde auch das Gehör auffallend schwä- 
cher. Drei Jahre vor dem Tode wurde ein apoplektischer Anfall beobachtet, nach wel- 
chem Lähmung der Gliedmassen, vorzüglich auf der rechten Seite, zurückblieb. Die 
Sprache war lallend und unverständlich ; über Kopfschmerzen klagte er niemals. An den 
Augen und Lidern war nie etwas Abnormes in Bezug auf Bau, Stellung oder Bewegung 
zu bemerken: die Pupille verharrte in einem Mittelzustande zwischen Verengerung und 
Erweiterung. Eine specifische Dyskrasie als auf die Krankheit Einfluss nehmend konnte 
nicht vorgefunden werden; man nahm an, dass die ausschweifende Lebensweise, die der 
Mann geführt (in Venere et Baccho), besonders der Missbrauch geistiger Getränke bei 
dem Mangel körperlicher Thätigkeit zur Entstehung des Übels Anlass gegeben habe. — 
Es wurde nur die Untersuchung des Kopfes und der Augen gestattet, obgleich die Unter- 
suchung des ganzen Körpers zu wünschen war, da die Zeichen allgemeiner Wassersucht 
•sich vorfanden. Die Schädelknochen ungewöhnlich dick und ohne Diploe; Wasseranhäu- 
fung zwischen den Hirnhäuten; Verknöcherung an der Art. vertebralis, basiliaris, fossae 
ßylvii und Carotis cerebralis; keine Hirnhöhlenwassersucht. Der rechte Thalamus opt. 
war durch eine trichterförmige Höhle, welche harte, callöse, ' gelblichbraune Ränder und 
Wände hatte, und weder Eiter noch Blut enthielt, grösstentheils zerstört. Diese Höhle 
setzte sich, schmäler werdend, bis auf die Corpora geniculata fort. Der linke Sehhügel 
war verkleinert, von der weissen Substanz kaum noch eine Spur vorhanden. (Offenbar 
Folgen früherer Apoplexie.) Die Sehnerven beiderseits geschwunden, auf der linken Seite 
mehr, als auf der rechten, und zwar vor ihrem Ursprünge über das Chiasma fort bis zu 
den Bulbis, in der Augenhöhle am meisten. In den Bulbis keine besondere Veränderung, 
ausser dass in der Retina des rechten Auges die Macula lutea nicht wahrgenommen wer- 
den konnte. Professor Beck, der diese Beobachtung mittheilt, bemerkt noch, der schnelle 



Cerebralaniaiirose. 155 

Tod möge wohl nicht allein vom Gehirn, sondern vom Herzen oder von den Lungen aus- 
gegangen sein. [Ammon 1. c. B. V. S. 447.) 

Ich wurde vor Kurzem von einem alten, übrigens sich ganz wohl befindenden Herrn 
wegen plötzlicher Erblindung des rechten Auges consultirt. Da ich keine Veränderung 
im Auge und auch sonst keine Veranlassung zur Blindheit auffinden konnte, aber stark 
rigide Arterien bemerkte, so zog ich aus diesen Umständen die Vermuthung, es sei die 
Blindheit wohl Folge einer kleinen Hämorrhagie im Gehirn und stützte hierauf meine 
Ordination ; vierzehn Tage darauf las ich in der Zeitung, dass der Mann an Apoplexie 
gestorben sei. 

3. Amaurosis in Folge von Lues. 

Besondern Schwierigkeiten unterliegt die Diagnosis syphilitischer 
Leiden der Centralorgane dann, "wenn die Affection als umschriebene 
Entzündung der Hirnmasse mit consecutiver Sclerosirung und Atrophi- 
rung auftritt, wenn die anderweitigen Manifestationen der Syphilis in 
den allgemeinen Decken, in den Schleimhäuten, im Knochengerüste nie 
eminent auftraten, nicht beachtet wurden, oder auch fehlten, wenn die 
Merkmale der primären Infection (Narben) nicht aufzufinden sind, wenn 
die Infection auf ungewöhnlichem Wege (nicht von den Genitalien aus) 
erfolgte, wenn die Lues angeboren ist. Möge das Gesagte genügen, 
den Praktiker aufmerksam zu machen, dass er bei unklaren Fällen 
nicht vergesse, an Syphilis zu denken. Ein Übersehen dieser Art 
möchte um so mehr bedauerlich sein, als gerade solche Fälle in der 
Eegel noch Heilung gestatten, sich selbst überlassen dagegen wohl 
immer traurig enden. 

Ein Mann von 43 Jahren, welcher in Folge von Lues und Mercurialkachexie bereits 
die Knochen der Nasenhöhle verloren batte, erblindete nach heftigen Kopfschmerzen auf 
beiden Augen nach und nach gänzlich. Die Untersuchung nach mehrmonatlichem Bestände 
des Augenleidens zeigte : die Bulbi und die Iris frei beweglich, die Pupillen erweitert, in 
der Tiefe eigenthümlich getrübt, die Thränenfortleitung ungestört. Der Tod erfolgte ohn- 
gefähr 4 Jahre später, in Folge von Entzündung der Schleimhaut des Darmcanales. Bei 
Eröffnung der Schädelhöhle und der Augen fand man : die Schädelknochen sehr dick, 
vorzüglich in der Gegend der Glabella; auf der innern Fläche der linken Seite eine 
nicht unbedeutende Exostose; die Crista galli durch Caries zerstört, vom Siebbein fast 
keine Spur , auch der Türkensattel bereits von Caries angegriffen ; die harte Hirnhaut 
verdickt , die Gehirnmasse härter als gewöhnlich , die Sehnerven hinter dem Chiasma 
dünner, vor demselben dagegen auffallend dicker durch Volumszunahme ihrer Hülle ; die 
Jibröse Scheide des Sehnerven in der Orbita sehr verdickt und härter; zwischen der fibrö- 
sen Hülle und dem eigentlichen Neurilema starke lymphatische Ausschwitzungen, das Neu- 
rilema glänzender und härter, als gewöhnlich; die einzelnen Nervenfäden der Nerven- 
masse mehr auseinander gedrängt; die Art. centralis nächst dem Bulbus erweitert und 
mit Blut überfüllt. Im Bulbus ausser Pigmentarmuth der Chorioidea und A r erdünnung 
der Netzhaut keine erhebliche Abnormität. (Ammon, Zeitschrift, B II. S. 285). 



156 Netzhaut. 

Ein 3S Jahre alter Mann , welcher sehr kachektisch aussah, über heftige Kopf- 
schmerzen und allgemeine Kraftlosigkeit klagte, wandte sich an Amnion (ibid. S. 290) 
wegen Trübung seiner sonst immer gut gewesenen Sehkraft. Amnion überzeugte sich, 
dass der Mann syphilitisch gewesen war, und fand eine ziemlich grosse Perforation des 
harten Gaumens. Dem Tode gingen die Erscheinungen von Meningitis vorher. Die Hirn- 
schale an einigen Stellen ungewöhnlich dick, an andern regelwidrig dünn. Auf dem Tür- 
kensattel der Knochen mürb, cariös, von Jauche durchdrungen ; die Glandula pituitaria fast 
ganz zerstört. Auf der Schädelbasis ungefähr 3 Unzen röthlich gefärbter Flüssigkeit; 
die ganze Oberfläche der Arachnoidea mit plastischem Exsudate bedeckt, das Gehirn un- 
gewöhnlich weich, die 3. Hirnhöhle und der Zugang zur Sylvischen "Wasserleitung sehr 
erweitert, in den erweiterten Seitenventrikeln mehrere Unzen hellgelber Flüssigkeit. Die 
Sehnerven hinter dem Chiasma sehr dünn und weich, ebenso dieses selbst, vor demselben 
jedoch voluminös, und zwar durch Verdickung der fibrösen Hülle., die man als Fortsetzung 
der Dura mater zu betrachten pflegt ; zwischen der fibrösen Hülle und dem Neurilema 
kein Exsudat. In den Bulbis — mit erweiterter Pupille — nichts Abnormes. 

Wilson in London wurde zu einem Kranken gerufen , über welchen er folgende 
Mittheilung erhielt. Im Frühlinge 1803, als die Influenza sehr herrschend war, wurde 
Hr. C. , ein muskulöser Mann von 28 Jahren , von einem sehr heftigen tiefsitzenden 
Schmerze in der Höhle des linken Auges befallen. Ein streng antiphlogistisches Verfah- 
ren, Ton einem ausgezeichneten Arzte empfohlen, wurde eine beträchtliche Zeit ohne 
Erfolg fortgesetzt. Nachher w&rden Medicamente , welche in nervösen Krankheiten Er- 
leichterung zu verschaffen geeignet sind, in grossen Quantitäten angewendet. Diess sowohl 
als Veränderung des Wohnortes und verschiedene andere Mittel blieben fruchtlos. All- 
mälig wurde linkerseits das Ohr taub , der M. levator palpebrae und der rectus internus 
paralytisch, und das Auge bei starr erweiterter Pupille blind. Dazu kam Verziehung des 
Mundes nach der rechten Seite, ausserordentliche Heiserkeit und bis zur Unverständlichkeit 
behinderte Aussprache. Endlich verlor er die Fähigkeit, feste Substanzen zu schlucken, 
konnte selbst Flüssigkeiten nur mit grosser Schwierigkeit zu sich nehmen, und musste 
den Speichel, den er weder zu schlucken noch auszuwerfen vermochte, mit der Zunge 
aus dem Munde zu fördern trachten. Dabei die hartnäckigste Stuhlverstopfung. — Als 
Wilson den Kranken besuchte, fand er auch die rechten Extremitäten vollständig gelähmt. 
Nebst sehr heftigem Schmerze in der linken Augenhöhle bestand auch noch beträchtlicher 
Schmerz in den Halswirbeln und auf der Höhe der Schulter. Lag der Kranke im Bette, 
so war er nicht im Stande, seinen Kopf vom Kissen zu erheben; er konnte fast gar 
nicht schlafen, und der quälende Schmerz liess nicht einen Augenblick nach, man sah 
seinem Tode stündlich entgegen. — Wilson erfuhr, dass der Patient vor Anfang der 
Krankheit zu 2 — 3 Malen Chancres und beginnende Bubonen gehabt hatte, dass ihm da- 
gegen Quecksilber verordnet worden war, bis die örtlichen Zufälle verschwanden, und 
dass der behandelnde Arzt die Heilung dann für vollständig erklärt hatte. Den Sommer 
vor seiner Krankheit hatte er sich beim Springen im Rücken weh gethan, und eine kurze 
Zeit darauf entstand ein Bubo in der rechten Leiste. Dieser wurde mit besonderer 
Sorgfalt behandelt, und zwar unter der Voraussetzung, dass er venerischer Art sein 
könnte. Er suppurirte und heilte endlich, ohne dass Quecksilber angewendet worden 
war. — Da Wilson in der Gestalt des einen Beines des Patienten etwas Eigenthüm- 
liches bemerkte, so bat er um Erlaubniss, dasselbe untersuchen zu dürfen, und als der 
Strumpf abgenommen war, bemerkte er nicht nur eine Narbe von beträchtlicher Aus- 
breitung, sondern auch, dass die Tibia sehr aufgetrieben sei. Der Patient empfand aber 



Cerebralnniaurose. 157 

in diesem Knochen keinen Schmerz. Er schrieb mit seiner linken Hand nieder, dass er 
mehrere Jahre vorher einen heftigen Schlag auf dieses Bein bekommen habe, und dass 
ein grosses Knockenstück abgegangen sei ; er konnte sich indess nicht entsinnen, ob er 
damals Quecksilber bekommen; er glaube nicht, dass die Knochenkrankheit damals für 
venerisch gehalten worden sei. Er erinnerte sich nicht, jemals Flecken auf der Haut 
oder Geschwüre im Schlünde gehabt zu haben , und sein gegenwärtiges Übel sei noch 
von keinem der consultirten Arzte jemals für venerisch gehalten worden. — Als Wilson 
den Nacken des Patienten untersuchte, fand er mehrere Wirbelbeine sehr aufgetrieben ; 
er entdeckte auch eine grosse Geschwulst am Acromion der rechten Scapula und eine 
beträchtliche Auftreibung längs der Spina dieses Knochens. Die rechte Clavicula war 
wenigstens 3mal so dick als im gewöhnlichen Zustande, und auch am Oberarmknochen 
konnte man , da die Muskeln geschwunden waren, ein wenig über der Insertion des M. 
deltoideus eine Auftreibung wahrnehmen. Da diese Geschwülste venerischer Natur sein 
konnten, so hielt Wilson die Anwendung des Quecksilbers für gerechtfertigt. Die Ver- 
wandten befürchteten , dass die ausserordentliche Schwäche und der allem Anscheine 
nach baldige Tod den Versuch nutzlos machen würden , willigten endlich doch ein , 
indem der Tod, wenn nicht etwas gethan und zwar schnell gethan wurde, unvermeidlich 
zu sein schien. Demgemäss wurde 1 Drachme starke Mercurialsalbe mit 5 Gran Campher 
jeden Abend in die Haut eingerieben. Nach 4 Tageu wurde der Mund vom Quecksilber 
afficirt: nach 10 Tagen war das Schlucken schon nicht mehr so schwierig, der Patient 
hatte guten Schlaf, imd nach 14 Tagen waren seine Schmerzen beinahe vergangen, die 
Geschwulst der Clavicula hatte sichtlich abgenommen, und die Muskeln des Patienten 
waren weit voller und fester; der Patient konnte sich wieder durch die Sprache ver- 
ständlich machen. Jetzt wurde die Salbe auch des Morgens zu 1 Drachme eingerieben, 
und ihr Gebrauch durch 1 1 "Wochen fortgesetzt. Gegen den letztern Theil dieser Zeit, 
als Patient ganz bequem schlucken konnte, nahm er täglich e;wa 8 Unzen der Decoctio 
sarsaparillae composita und dann und wann ein Chinapräparat. — Obschon während 
dieser Cur der Mund beträchtlich afficirt war, so nahm der Patient doch täglich an 
Kräften zu und war vor Beendigung der Cur fett geworden. Seine Muskeln hatten bei- 
nahe ihre ursprüngliche Stärke, seine Glieder ihre frühere Bewegungsfähigkeit erhalten; 
die Schmerzen waren ganz beseitigt, und die Verdickung der Knochen hatte sehr abge 
nommen. Seine Heilung war mit folgenden Ausnahmen vollkommen, und hatte sich — 
zur Zeit der Veröffentlichung des Falles — über 2 Jahre so erhalten. Die Pupille 
des 1. A. blieb etwas erweitert und das Lid konnte nicht sa hoch wie ehedem gehoben 
werden ; aber der Patient konnte Gegenstände und Farben einigermassen mit diesem 
Auge erkennen , und selbst kleine Gegenstände, wenn er sich einer grünen Planbrille 
bediente und nur dieses eine Auge anwendete. Bei gleichzeitigem Gebrauch beider 
Augen sah er noch doppelt. Er sprach immer mit einer sehr heisern Stimme, aber 
seine Aussprache war ziemlich deutlich. (Makenzie, Krankh. des Auges, Weimar 1832, 
S. 806). 

4. Amaurosis nach Unterdrückung der Transpiration, Men- 
struation, purulenter Ausflusse u. dgl. 

Die nachstehenden Beobachtungen haben den Zweck, aufmerksam 
zu machen, dass bestimmte Angaben der Kranken über unterdrückte 
Ausscheidungen, sie mögen nun von selbst oder auf besonderes Nach- 



158 Netzhaut. 

fragen gemacht werden, immerhin volle Beachtung verdienen. Man 
wird sich allerdings hüten müssen, dass man nicht ohne Weiteres post 
hoc propter hoc schliesse, denn es kann ein Hirnleiden ganz unabhän- 
gig von einem solchen Momente entstanden, ja es kann sogar das Aus- 
bleiben einer Ausscheidung Folge der bereits bestehenden Encephalo- 
pathie sein ; nichts desto weniger bleibt es Thatsache, dass in einzelnen 
Fällen z. B. Verkältung ebenso gut Ursache des Hirnleidens wird, als 
eine traumatische Einwirkung, und es wird die richtige Auffassung des 
ursächlichen Zusammenhanges zwischen dem in Rede stehenden Mo- 
mente und der Krankheit, als deren Symptom Amaurosis besteht, offen- 
bar von grösstem Einflüsse auf die Prognosis und Therapie sein. Von 
minderem Einflüsse, wenn gleich an und für sich wichtig, ist die Frage, 
ob die Amaurosis, wenn sie in der That als Folge der unterdrückten 
Ausscheidung zu betrachten ist, in einem speciellen Falle durch pri- 
märe oder secundäre Netzhautaffection bedingt sei. Dass Meningitis, 
Encephalitis, besonders aber Hydrocephalus in manchen Fällen das 
Mittelglied ist, steht fest; dass in andern Fällen Entzündung der Netz- 
und Aderhaut die Folge solcher Unterdrückungen sei, kann auch kaum 
bezweifelt werden. Ob und auf welche andere Weise sonst noch Amau- 
rosis durch Suppression hervorgerufen werde, bleibt ferneren Beobach- 
tungen und Untersuchungen anheimgestellt. 

Ein etwa 30 Jahre alter Schriftsetzer litt seit 4 Jahren an Amaurose, die sich, an- 
geblich nach starkem Tanzen und Erkältung des schwitzenden Kopfes, allmälig ausge- 
bildet hatte. Das Gesicht verlor sich in einen immer dichter werdenden Nebel; kein 
Ungestaltet-, kein Funkensehen; Zufälle der Reizlosigkeit, keine Entwicklung von Blut- 
gefässen; träge, massig erweiterte, kreisrunde, etwas rauchige Pupille. Periodisches hef- 
tiges Kopfweh, besonders in der linken Seite über der Stirn; Schielen; die linke Augen- 
braue höher gezogen. Später Anfälle von Krämpfen in den Extremitäten mit Bewusst- 
losigkeit, zuweilen unfreiwillige Ausleerung des Urins und des Stuhls, beständiges Gefühl 
von Taubheit in der linken Seite. Doch ging Patient noch am Tage vor seinem Tode 
aus, welcher nach einem heftigen Krampfanfalle plötzlich erfolgte. — Sehr dünner Schädel, 
der Schuppentheil des linken Schläfebeines wie ein Kartenblatt. Der Kranke hatte ein 
Cauterium von Höllenstein nach Gräfe auf den Scheitel gelegt, und oft noch geargwöhnt, 
die immer wachsenden Kopfschmerzen möchten von einer zu tiefen Einwirkung des Mittels 
herrühren. Es fand sich aber kaum in der Kopfschwarte eine Spur davon, im Schädel 
und innerhalb desselben gar nichts , was darauf hingedeutet hätte. Die Hirnhäute 
waren sehr blutreich, das Gehirn quoll stark hervor. Als man durch Horizontalschnitte 
bis in die Nähe der Decke des linken Seitenventrikels kam, hob sich dasselbe beträcht- 
lich, platzte und entleerte eine grosse Menge (1 P/2 Tassen voll) bräunlichrothen, schmutzi- 
gen Wassers. Der linke Seitenventrikel übermässig ausgedehnt; der ganze linke vordere 
Lappen erstreckte sich weit über die Mitte nach der rechten Seite, beengte den rechten 
vordem Lappen , und hatte ihn zum Theil aus seiner Lage gedrängt. Das Pavimen- 
tum , besonders nach vorn zu, der gestreifte Körper und ein Theil des Sehhügels auf 



Cerebralaniaurose. 159 

der linken Seite waren zerstört, und in eine gelbbräunliche schmierige Masse verwandelt. 
Die Marksubstanz des ganzen linken Hirnlappens war viel dünner als im gewöhnlichen 
Zustande, und zum Theil, besonders nach unten zu, in jene gelbbraune Masse verwan- 
delt. An der Basis cerebri erstreckte sich diese Entartung bis zur Gland. pituitaria, 
welche sehr klein war. Das Chiasma war bräunlich, an der Oberfläche sowohl als im 
Innern fast ohne Marksubstanz, platt, zusammengeschrumpft und wie durchlöchert; 
ebenso die Sehnerven sowohl hinter dem Chiasma als bis zu den Bulbis fadenartig, 
nicht zum 4. Theile so dick als im gesunden Zustande, ohne deutliche Marksubstanz; 
der linke war noch dünner und zugleich länger, indem das Chiasma etwas nach der 
rechten Seite hinüber gedrängt lag. Der rechte Seitenventrikel war ebenfalls mit Wasser 
gefüllt, welches nur eine leise bräunliche Färbung hatte, aber nicht so ausgedehnt. 
Die Section der Augen wurde nicht gestattet. (Andrea bei Amnion 1. c. B. V. S. 409). 

Eine ähnliche Beobachtung machte Holscher (Annalen, 2. Band) bei einem 22jäh- 
rigen starken und sonst ganz gesunden Mädchen. Sie hatte in Folge einer starken Er- 
kältung unter heftigen Kopfschmerzen ihr Gesicht verloren, schien aber ausserdem eine 
untadelhafte Gesundheit zu gemessen. Die Pupillen stark erweitert, und bei starkem 
Lichtreize sich langsam contrahirend, der Blick stier, sonst nichts Abnormes. Setaceum 
am Nacken, dann die Schmiercur : am 7. Tage, als erst 3 Drachmen ung. cinereum ein- 
gerieben waren, starb die Kranke plötzlich. Gehirnhäute, Mark- und Rindensubstanz des 
Gehirnes normal; in beiden Seitenventrikeln 12—14 Unzen klares Serum. Weder die 
Thalami noch die Optici selbst zeigten eine pathologische Veränderung. 

Makenzie I. c. S. 7S7 beruft sich auf zwei Beobachtungen von Arrachart, welche 
wohl kaum anders gedeutet werden können, als dass die Erblindung durch ein Hirnleiden 
in Folge unterdrückter Transpiration veranlasst gewesen sei, wenn gleich keine Section 
zum Beweise des erstem Theiles dieser Behauptung vorliegt. Eine junge Frau hatte 
während der höchsten Sommerhitze eine Last Wäsche nach dem Flusse getragen , und 
von Schweiss triefend ihre Hände ins Wasser getaucht. Es überfiel sie Kälte, ihre Haut 
wurde augenblicklich trocken, und binnen einer Viertelstunde war sie blind. Der zweite 
Fall betrifft einen sehr corpulenten jungen Mann, der eine Zeit lang in einem stark ge- 
heizten Zimmer sich aufgehalten , und dasselbe dann mit Schweiss bedeckt verlassen 
hatte. Die kalte Luft unterdrückte plötzlich den Schweiss. Er legte sich mit heftigen 
Kopfschmerzen zu Bette und erwachte den andern Morgen blind. In beiden Fällen 
blieben die Pupillen schwarz, erweitert und unbeweglich, die Augen stier, die 
Haut trocken. 

In einem von Howship erzählten Falle war beinahe völlige Blindheit bei einem alten 
Manne, welcher stark an Fussschweissen litt und auf den Bath eines Nachbars die Blät- 
ter von Rumex auf die Fusssohlen gelegt hatte, noch während der Anwendung dieses 
Mittels, und zwar binnen einer Stunde eingetreten. Dieser raschen Abnahme der Seh- 
kraft war grosse Übligkeit und heftiger Schmerz über der Stirn vorangegangen , welche 
sich schon eine halbe Stunde nach dem Gebrauche des Piumex eingestellt hatten. Der 
Mann wurde wieder gesund, nachdem man Blasenpflaster hinter die Ohren und an die 
Seitentheile der Füsse gelegt, kleine Gaben Calomel in Zwischenräumen verabreicht und 
die Füsse früh und Abends in warmes Wasser gesetzt und darauf sehr warm in Flanell 
gewickelt hatte. Kopfschmerz und Amblyopie nahmen schon 24 Stunden nach Legung 
der Vesicatore merklich ab, und wichen endlich vollständig, als die Mercurialcur den 
Mund in hohem Grade zu afficiren begonnen hatte. 



160 Netzhaut. 

Ein Frauenzimmer von etwa 40 Jahren bekam während einer Fussreise bei sehr 
warmer Witterung die Katemenien und trank, während sie sehr erhitzt war, reichlich 
kalte saure Milch. Fast augenblicklich darauf entstand Beklemmung in der Präcordial- 
gegend, Kopfweh und gänzliches Ausbleiben des Blutflusses, einige Stunden später Stei- 
gerung des Kopfschmerzes, Zeichen von Hemiplegie und Amaurosis des linken Auges. 
Durch reichlichen örtlichen und allgemeinen Aderlass, durch Blasenpflaster und Purganzen 
wurde beträchtliche Erleichterung erlangt, aber die Affection des Auges blieb dieselbe. 
Die Menstruation blieb aus, als sie sich der Zeit nach hätte einstellen sollen. Dr. Brown, 
der Beobachter dieses Falles, richtete nun seine Behandlung auf Wiederherstellung des 
Monatflusses ; nach 6 Monaten kam derselbe wieder zum Vorschein, und bald darauf war 
das Sehvermögen vollkommen wieder hergestellt. 

Eine Dame von 30 Jahren war während der Menstruation Strapazen und der Kälte 
ausgesetzt , so dass dieselbe zu zeitig aufhörte. Nachher befand sie sich einige Tage 
ausserordentlich matt, schwerfällig und niedergeschlagen. Der Puls war natürlich ; sie 
klagte über schwaches Kopfweh; ihr Aussehen Hess mehr eine Seelenstörung als ein 
körperliches Leiden befürchten. Dr. Abercrombie sah die Frau den 15. Tag; sie war in 
ihrem Benehmen wunderlich, schroff und geistesabwesend, aber immer noch dafür em- 
pfänglich, wenn sie angeredet wurde; sie klagte über schwaches Kopfweh; der Puls 
war etwas häufig. Den 16. war sie sehr rrerabgestimmt , den 17. und 18. in einem Zu- 
stande von fast vollständigem Coma. Nachdem sie den 19. reichlich mit Crotonöl pur- 
girt worden war, war sie für Alles empfänglich, und es blieb kein beunruhigendes 
Symptom zurück, als dass sie zuweilen die Gegenstände verdreht und doppelt sah; ein 
andermal war ihr Sehvermögen ganz natürlich ; der Puls häufig, die Zunge belegt. Nach 
einigen Tagen klagte sie wieder über Kopfweh, sprach bisweilen unzusammenhängend, 
und sah undeutlicher bei erweiterter Pupille; endlich wurde der Puls immer frequenter, 
die Kräfte nahmen ab, und sie starb ohne Coma. Man fand die Ventrikel durch Flüssig- 
keit ausgedehnt, Septum und Fornix erweicht, sonst keine krankhafte Veränderung. 
(Makenzie 1. c. S. 785 und 786.) 

Beer (Lehre der Augenkrankheiten, Wien 1792, B. II. S. 57) erzählt, dass ein 18- 
jähriges Mädchen, welche eines Morgens im Winter während ihrer Periode mit blossen 
Füssen in die Küche geeilt war, die einen marmornen Fussboden hatte, in 10 Minuten 
so blind wurde, dass sie nicht die mindeste Empfindung von der hellbrennenden Flamme 
auf dem Herde hatte, jedoch durch Wiederherstellung der Menstruation wieder vollkommen 
geheilt wurde. 

Oslander (Nachrichten von Wien, Tübingen 1S17 S. 76) erzählt folgende Beob- 
achtung von Beer. Ein Fuhrmann von 45 Jahren machte bei nasser und kalter Witte- 
rung eine Heise. Der Ausfluss aus Fussgeschwüren, die seit vielen Jahren offen gewesen 
waren, wurde unterdrückt, und der Mann in Folge dessen blind. Nach 14 Tagen 
wurde er in's Spital gebracht. Er sah nicht einmal ein helles Fenster; die Pupille 
war länglich und ausserordentlich erweitert. Beer stellte eine günstige Prognose , be- 
sonders da der Patient inwendig im Auge Lichtempfindungen hatte (?) und zwar ohne 
Varicosität und ohne Veränderung in den Feuchtigkeiten. Er hatte mehr als 20 solcher 
Amaurotischer dadurch geheilt, dass er den purulenten Ausfluss wieder herstellte, und 
verordnete demgemäss Senfpflaster von der Grösse einer Hand auf die Geschwüre an 
beiden Unterschenkeln, Fussbäder mit Senf geschärft, und innerlich Pulver aus: Sulfur. 
aurati antim. gr. unuin, Camphorae gr. duo, Flor, sulfuris gr. sex, Sacchari gr. decem, 



Cerebralamaurose. 161 

täglich 3 Stück. Die Senfpflaster wurden täglich erneuert, und den 10. Tag begann das 
Sehvermögen zurückzukehren. Nach 30 Tagen war das Sehvermögen fast vollständig 
•wieder hergestellt. (Makenzie 1. c. S. 786.) 

5. Amaurosis in Folge von Geschwülsten in der Schädel- 
höhle, Tuberkeln, Sareomeii, Fibroiden, Cysten. 

Verschiedene Geschwülste und Neubildungen in der Schädelhöhle, 
bald aus dyskrasiscken Leiden hervorgehend (Tuberkel, Medullarsar- 
com, Lues), bald spontan, bald nach den verschiedensten äussern Ver- 
anlassungen (Trauma, Verkältung), bald endlich so zu sagen proprio 
motu sich entwickelnd, wirken störend auf die Fortleitung und Per- 
ception des Retinaleindruckes entweder dadurch, dass sie einen perma- 
nenten Druck ausüben, oder dadurch, dass sie zu activer oder mecha- 
nischer Hyperämie mit Re- und Intermissionen, oder aber zu Exsudation 
an der Basis des Gehirnes, am Chiasma, in den Ventrikeln u. s. w. die 
nächste Veranlassung abgeben. Schon dieser allgemeine Gesichtspunkt, 
von welchem man bei den Geschwülsten in der Schädelhöhle als Ur- 
sache von Amaurosis auszugehen hat, mag genügen, die Schwierigkei- 
ten anzudeuten, mit welchen hier die Diagnostik im Allgemeinen zu 
kämpfen hat. 

H. Anna, 26 Jahre alt, von zarter Constitution, litt in ihren Kinderjahren an einem 
Ausflüsse aus dem rechten Ohre, welcher allmälig verschwand, in den letzten 3 Jahren 
jedoch wieder auftrat und noch fortbesteht. Von 3 verschiedenen Wechselfieberanfällen 
im 16., 17. und 18. Jahre blieben keine Folgen zurück. Die Periode stellte sich vom 
15. Jahre bis zur ersten Schwangerschaft im 25. Jahre immer regelmässig ein. Die 
Entbindung war leicht, die Lochien flössen durch 3 Wochen gehörig, die Milchsecretion 
war spärlich. Am 3- Tage nach der Entbindung verliess sie das Bett, um wieder zu 
arbeiten. Noch denselben Tag stellte sich heftiges Erbrechen ein, ohne Schmerzen im 
T'nterleibe, und kehrte durch 14 Tage mehrmals wieder. Dazu gesellten sich reissend- 
stechende, remittirende Schmerzen, bald in der Stirn, bald im Scheitel, bald in der 
Schläfe, sich bisweilen bis zum Unterkiefer erstreckend; ähnliche Schmerzen zeigten 
sich auch in den obern Extremitäten. Als endlich das Erbrechen aufhörte, bemerkte die 
Kranke Abnahme des Gesichtes auf dem rechten , und nach fünf .Wochen auch auf 
dem linken Auge; drei Wochen später erblindete sie auf beiden Augen gänzlich, ohne 
Störung der Beweglichkeit der Augen oder der Lider. In der 11. Woche nach der 
Entbindung wurde auf der Klinik von Prof. Fischer folgender Zustand aufgenommen: 
Gänzlicher Verlust des Sehvermögens, die Pupillen gleichmässig und stark erweitert, die 
Iris völlig unbeweglich, der Blick eigenthümlich stupid, sonst an den Augen nichts Ab- 
normes ; Fortdauer der Schmerzen mit nächtlicher Verschlimmerung, serös-puriformer 
Ausfluss aus dem rechten Ohre. Im übrigen Körper keine merklichen Gesundheitsstö- 
rungen, doch wurde die physikalische Untersuchung der Brustorgange damals (1837) 
nicht vorgenommen. — Man glaubte Verkältung als Ursache des Leidens annehmen zu 
dürfen, und leitete eine dieser Voraussetzung entsprechende Behandlung ein. (Anfangs 
Tart. stibiatus, dann Vesicantien, Dzondische Schwitzbäder, u. dgl.) Der Zustand änderte 

Arlt Augenheilkunde, in. 11 



162 Netzhaut. 

sich nicht wesentlich, bis zu Ende der 4. Woche der Behandlung 1 in einer Nacht nach 
enormer Steigerung der Kopfschmerzen Bewusstlosigkeit , Convulsionen , beständiges 
Schreien , dann aber ein Zustand allgemeiner Lähmung eintrat, und nach mehrmaliger 
Wiederholung solcher Anfälle der Tod in der 8. Woche erfolgte. — Die Schädelknochen 
dünn ; im hintern Theil der Dura mater über der linken Hemisphäre an einer handteller- 
grossen Stelle, und in .einer kleinern Strecke auch an der rechten Hemisphäre zahl- 
reiche, kleine, ziemlich feste Erhabenheiten , denen kleine Grübchen an der GlastafeL 
entsprachen. Die linke Hemisphäre sah schon von aussen grösser aus, als die rechte,, 
die Dura mater daselbst straff gespannt, ihre Gefässe von Blut strotzend. In den Seiten- 
ventrikeln eine massige Menge trüben Serums, Septum und Fornix erweicht. Im hintern 
Lappen der linken Hemisphäre eine mehr als hühnereigrosse Geschwulst (Tuberkel) , ein- 
gesenkt in die Hirnsubstanz, an der Oberfläche uneben, innen fest, gelblich, homogen,, 
ohne Spur von Gefässen, mit dem Messer in Form schmieriger Körner abkratzbar. Beim. 
Einschneiden der kleinen an der Oberfläche befindlichen Höcker fand man ihre Substanz. 
in der Mitte erweicht und in eine grünliche dicke Flüssigkeit verwandelt. In der Mitte- 
dieser Geschwulst befand sich eine fast thalergrosse Stelle, wo die etwas verdickten 
Hirnhäute bloss und deutlich unterscheidbar da lagen. Die angrenzende Hirnsubstanz 
war im Zustande der weissen Erweichung. Diese Ablagerung hatte bereits die äussere 
Grenze des linken Sehhügels erreicht. In der Umgebung des Trichters und des Chiasma 
fand sich plastisches Exsudat in solcher Menge, dass die Hypophyse stark niedergedrückt 
und atrophisch erschien; eine geringere Exsudatmenge befand sich in der Sylvischen 
Grube und nach hinten an den Schenkeln des grossen Gehirns und am Pons Varoli. — 
In beiden Lungenspitzen mehrere haselnussgrosse Cavernen , in der übrigen Lunge- 
gruppenweise zerstreute frische Tuberkelinfiltrate. Auch in der Leber und im untern 
Theile des Ileum Tuberkel, theils erweicht, theils roh. Geringe Abmagerung des- 
Körpers. 

Ein Knabe von 7 Jahren, von einem phthisischen Vater gezeugt und deutliche Merk- 
male der Serofulosis darbietend, litt nach einem Falle auf den Kopf seit längerer Zeit 
an Schmerz im Nacken und an zeitweiliger Steifheit der Extremitäten ; dazu gesellten 
sich allmälig langsame Sprache, Schielen, Gesichtsschwäche und Lähmung der linken 
Körperhälfte, dann leichter Husten, später Diarrhöe, reichliche Schweisse und Abmage- 
rung. Am 10. Juni 1839 fanden wir nebst dem Erwähnten die Pupille des nach innen 
abgelenkten rechten Auges sehr erweitert und unbeweglich, das Gesicht völlig erloschen ; 
mit dem linken Auge wurden noch grössere Gegenstände wahrgenommen ; das Gehör 
ungestört ; der rechte Mundwinkel nach abwärts gezogen , die Zunge beim Vorstrecken 
links abweichend, häufiges Ächzen, Stirnkopfschmerz, der Kopf nach links gezogen; 
die linken Extremitäten gelähmt, in der rechten Contracturen ; Lungen tuberkel durch 
Percussion und Auscultation nachweisbar; leichter Husten, häufige Diarrhöe. Bis zum 
Tode am 10. August keine wesentlichen neuen Erscheinungen. Die Pia mater stark serös- 
infiltrirt, die Wandungen der mit Serum reichlich angefüllten Ventrikel fast breiartig er- 
weicht. Im vordem Lappen der linken Heinisphäre nahe an der Sichel ein haselnuss- 
grosser, in der Mitte erweichter Tuberkel; im hintern Lappen drei solche Tuberkel; im 
rechten Lappen des kleinen Gehirnes ein hühnereigrosser , im Schenkel des Gehirnes zur 
Varolsbrücke ein ivallnussgrosser Tuberkel. Die Lungen von unzähligen theils aggregir- 
ten, theils solitären frischen Tuberkeln durchsetzt ; in Leber, Milz und Nieren gleichfalls 
Tuberkel u. s. w. Die Sehnerven in der Schädelhöhle ohne merkliche Veränderung;, 
die Augen durften nicht untersucht werden. 



Cerebralaniaiirose. 163 

„Juvencula 20 annorüm gutta sercna laboverat a fine anni 1759 post vomitum 
spontaneum 14 dienira postque trimestrem defectum catameniorum. Datis purgantibus 
vomitus eessaverat, redierant menses visusque. Toto anno optime valuit. Sub finem anni 
1760. menses deficiunt, vomitus redit, perit visus. Eo in statu in nosocomium infertur. 
Video amaurosin, quae cum immobili utraque pupilla inter diem noctemque, imo posthac 
de die album inter nigrumque distingueret. Cum anno elapso purgantibus sanitatem et 
visionein recuperasset, eadem ipsi, sed jam incassum, praescripsi. Cumque demum pur- 
gantibus opio interposito vomitum superassem, menses et visus deficere pergebant. Amau- 
rosis jam bis vomitum diuturnum atque violentum, vomitus jam bis retardatos inseque- 
batur menses; unde in mensium defectum, si non omnis, saltem aliqua causa vomitus 
viderctur refundenda. Qnare postquam appetitus bonus rediisset, methodica ad menses 
revocandos cura, eaque non juvante, quaevis empirica prudenter adhibita fuit. Cum demum 
nibil juvaret, nisi quod semel iterumque leve quoddam initium mensium videretur con- 
spici, tandem post aloeticum purgans balneaque vaporis macbinae tortilis ad arterias 
durales admotae auxilium ad tres usque varias vices adhibui circa id tempus, quo men- 
ses redire dcbuissent. Sed frustra. Diu demum post menses rediere, sed irregulariter 
semper, vomitus nonnisi rai-o rediit, passim adbuc bonus appetitus, bona digestio, egestio 
conimoda, virium torositatisque incrementum. Ast vero omnia haec cum perseverante 
amaurosi et continuo repetentibus capitis atque oculorum doloribus. Videbatur ex bisce 
concludi oportere, quod visus olim rediisset ad catameniorum restitutionem, quia necdum 
quid notabiliter aut laesi aut impacti obstructique in encephalo erat, jam vero ex vomi- 
tuum tum repetitione, tum diuturnitate vitium topicum in cranio foret, propter quod gutta 
serena ad restitutos menses perennasset : quodque proinde occasio opportuna adesset ejus 
curam cauterio actuali tentandi, id quod tutum, quod securum, quod nunquam noxium, 
saepe vero efficacissimum bucusque credideramus. Die 4. ergo Junii banc operationem 
fecimus. Prima nocte vix dormivit et dolorem in utroque cervicis latere conquesta est; 
altera die melius, tertia bene se babuit excepta febricula, quarta pejus. Sanguinem misimus. 
Jamque vox deficere incepit et caput hebes fieri. Medio die 5. periit Praeter sequelas 
ustionis reperta est peculiaris infundibuli mutatio. Infundibulum maximum fuit, 8 — 9 
linearum diametrum habens; repletum fuit materia grisea, quae partim pultacea, partim 
calcaria fuit; concretum erat cum pia matre opticos involvente ; insidebat premebatque ipsurn 
opticorum coalitum, non quidem ita, ut n. optici post coalitum marcescerent, sed saltem 
sie, ut videretur illorum actio interturbata fuisse, puellaque caeca fuisse mansura, etiamsi 
male baud successisset operatio. Pulmones ubique, ne minima quidem plaga excepta, in- 
dissolubiliter cum omnibus in tborace partibus mutuisque inter se lobis connati erant." 
(De Haen, ratio medendi. Edit. II. Vindob. 1763. P. VI. pag. 264.) 

Im Juni 1629 kam eine 35 Jahre alte Bauersfrau von robuster Constitution wegen 
einer schnell entstandenen Amaurose des rechten Auges, begleitet von starken Kopf- 
schmerzen auf der rechten Seite, zu Dr Hedeland. Ihre Periode, seit mehreren Jahren 
allmälig immer spärlicher, war seit einigen "Wochen ausgeblieben. Nach Aderlässen, 
Blutegeln und Yesicatoren daselbst und Verabreichung drastischer Purgirmittel schien sie 
fast völlig hergestellt zu sein. Im October kam sie ins Hospital zurück, mit massig ge- 
schwächtem Sehvermögen , aber heftigen Kopfschmerzen. Blutegel um das rechte Auge, 
nach und nach spanische Fliegen, Einreibungen von Belladonnasalbe, ein Haarseil am 
Xacken, Eisumschläge auf den Kopf, innerlich Eisen- und Aloepräparate, zuletzt Mer- 
curialeinreibungen bis zur Salivation — dessen ungeachtet Abnahme der Sehkraft, Stei- 
gerung der Kopfschmerzen, nach einigen Monaten totale Erblindung, erst auf dem linken, 

il* 



1§4 Netzhaut. 

dann auf dem rechten Auge. Als sie im Juni 1830 zum 3. Male in's Spital kam, klagte 
sie nebst wüthenden Kopfschmerzen noch über heftige Schlingbeschwerden, die sie einer 
vermeintlichen Geschwulst am Halse zuschrieb; überdiess waren die Augen und Augen- 
lider völlig gelähmt. In Kurzem trat der Tod ein. — Unter der Dura mater am hinter- 
sten Theile des Seitenwandbeines und dem vordersten des Hinterhauptbeines längs des 
Sichelblutleiters viele weisse Drüsen, welche mit der Gehirnsubstanz unzertrennlich fest 
zusammenhingen; auf der linken Seite in der Mitte einer ähnlichen Adhärenz sass ein 
Knochensplitter von l /i Zoll Länge, welcher das Gehirn mit seinen entblössten Enden 
berührte. In den Ventrikeln die gewöhnliche Menge Feuchtigkeit. Der rechte Sehnerv 
ziemlich rund, der linke dagegen ganz flach, klein, leer, die Thalam. nerv, optic. dünn 
und klein. Die Glandula pituitaria bis zur Grösse eines Eies angeschivollen ; bei ihrer 
Durchschneidung wurden grössere und kleinere Knochenstucke, welche durch ihre ganze 
Textur hindurch incrustirt waren, und sehr viel Eiter mit Blutwasser gemischt, in und 
unter derselben gefunden. Die Sella turcica war an ihrer Basis vom Knochenbrand er- 
griffen. Der Eiter, welcher den linken Augennerven umgab, hatte seinen Ursprung von 
dem letztgenannten Eiterherde. — Ausserdem fand man die rechte Lunge überall durch 
eine Pseudomembran mit der Pleura costalis vereinigt. (Nevennann bei Ammon 1. c. B. 
V. S. 366.) 

Andral (Krankh. der Nervenh., übersetzt von Behrend p. 274) bemerkt, dass unter 
zwanzig von ihm beobachteten Fällen von Tuberhein im Meinen Gehirne das Gesicht 
sieben Mal geschwächt oder aufgehoben, der Sitz der Tuberkel jedoch ein sehr ver- 
schiedener war. — Bei einem Manne von neunundzwanzig Jahren trat zuerst heftiger 
Kopfschmerz auf, dann allmälige Beinträchtigung des Gesichtes und der Bewegung in 
den linken Extremitäten, ein Jahr später Anästhesie in der linken Gesichtshälfte, welche 
jedoch nur durch zwei Monate anhielt, im dritten Jahre fast vollständige Amaurosis mit 
ziemlich engen Pupillen, Schmerz im Hinterhaupte, Lähmung der linken Körperhälfte, 
häufiger Husten und anhaltende Dyspnoe, Blässe der Haut, Abmagerung, zeitweilig 
Diarrhöe, zuletzt plötzlich Peritonitis mit tödtlichem Ausgange. — Im grossen Gehirne 
nichts Krankhaftes; im rechten Lappen des kleinen Gehirnes eine harte, weissgelbliche 
nirgends erweichte Masse, welche alle Charaktere eines Tuberkels darbot. In den Lun- 
gen Miliartuberkeln; im Ileum Tuberkelgeschwüre und Perforation. [Andral, Clin, me'dic. 
T. V. p. 506.) 

Ein Mädchen von l 3 /* Jahren, welche an Crusta lactea gelitten und davon in 
kurzer Zeit durch "Waschungen befreit worden war, fing bald darauf an mit dem rech- 
ten Auge nach aussen zu schielen; einige Tage später trat vollkommene Lähmung des 
obern Lides dazu, so dass man wohl auf Lähmung des Nervus oculomotorius zu schliessen 
berechtigt war. Auf die Anwendung -wurmtreibender Mittel waren vier Spulwürmer 
abgegangen, die Ptosis jedoch nicht gehoben. Professor von Ammon, dem die Kranke 
jetzt vorgestellt wurde, fand ausser der Ptosis und der Ablenkung des Bulbus nach 
aussen nichts Krankhaftes am Auge. (Erweiterung der Pupille dürfte wohl übersehen 
worden sein.) Das Kind, welches früher laufen konnte, war jetzt nicht mehr dazu zu 
bringen, war verdriesslich, wollte immer getragen sein , und Hess dabei den Kopf auf 
die Seite hängen. Sie schlief mit an den Leib angezogeneu Beinen, bohrte sich mit 
dem Kopfe in die Kissen, und erschrak oft im Schlafe; dabei das Aussehen munter, die 
Wangen geröthet, der Appetit gering, die Verdauung in Ordnung. Man schloss auf 
Hydrocephalus chronicus mit Druck auf den N. oculomotorius, und verabreichte unter 



Cerebralamaurose. 1 65 

andern Calomel, Magnesia, Aethiops antimonialis, Rheum, Fibrillae' artemisiae, Zug- 
pflästerchen hinter die Ohren. Nach 3—4 Wochen hatten sich die Zeichen des Turgors 
zum Kopfe gemindert, das Kind fing an zu laufen und zu spielen, und abermals vier 
Wochen später öffnete sie auch das Auge beinahe vollkommen, ohne indess den geraden 
Blick wieder erlangt zu haben. Verlässliche Sehproben waren bei dem Kinde unmögliche 
Als man sich der Hoffnung völliger Genesung hingab, traten auf einmal heftige Convul- 
sionen ein, und das Kind erlag in wenig Stunden. — Die Gefässe der Hirnhäute und 
der Hirnsubstanz von Blut strotzend, die Seitenventrikel mit Wasser gefüllt, der Plexus 
chorioideus erweicht, auch an der Basis cerebri viel wässrige Flüssigkeit. Daselbst 
ein wallnussgrosser Tuberkel, hinter dem Chiasma zwischen den beiden Sehnerven, 
mehr auf der rechten Seite; diese Geschwulst hatte den rechten Sehnerven, welcher 
dicker war, als der linke, ganz auf die Seite gedrängt. Weder bei der Section des 
Auges noch des übrigen Körpers fand sich etwas Krankhaftes. „Der der Geschwulst 
nach zu urtheilen gewiss sehr bedeutende Druck, welchen der rechte Sehnerv erlitt, 
fand hinter dem Chiasma statt ; dass aber die kleine Patientin mit dem linken Auge 
sehr gut sehen konnte , unterlag keinem Zweifel. Ob neben der Muskellähmung am 
rechten Auge auch Amaurosis bestand , konnte nicht bestimmt ermittelt werden , war 
jedoch schon nach einigen Andeutungen der Pflegerin des Kindes sehr wahrscheinlich." 

[Zeis bei Ammon 1. c. B. IV. S. 169.) 

t 
Ein Mädchen von 24 Jahre«, von gesundem Aussehen, seit dem 17. Jahre im- 
mer regelmässig menstruirt , war ohne bekannte Veranlassung in ihrem 19. Jahre von 
Kopfschmerzen befallen worden, welche sie von Zeit zu Zeit zwangen, durch einige 
Tage liegen zu bleiben. Zu Anfang ihres 23. Jahres stellte sich bei gesteigerten Kopf- 
schmerzen Abnahme, endlich völliger Verlust der Sehkraft ein. Seitdem verloren sich 
die Kopfschmerzen. An den Augen Hess sich ausser starker Erweiterung der unbeweg- 
lichen Pupillen nichts Abnormes wahrnehmen. Einige Monate vor dem Tode traten von 
Zeit zu Zeit epileptische Anfälle ein , welche Anästhesie der linken Gesichtshälfte bei 
ungestörter Motilität, dagegen Schwäche der rechten Oberextremität bei ungestörter 
Sensibilität daselbst, endlich Unvermögen, den Harn und bisweilen den Stuhl zurück- 
zuhalten, hinterli essen. Ausser Schwäche des Gedächtnisses waren die geistigen Func- 
tionen ungestört. In den übrigen Organen und Functionen keine Abnormität zu eruiren, 
der Puls jedoch immer klein, schwach, beschleunigt. Der Tod erfolgte plötzlich nach 
einem Anfalle mit Lähmung sämmtlicher Extremitäten, Turgor des Gesichtes, weit ge- 
öffneten Augen, Schaum vor dem Munde, äusserst schwachem, frequentem und unregel- 
mässigem Pulse u. s. w. — Der Körper nicht abgemagert, die Haut weder rauh noch 
schuppig, die Jugularvenen strotzend, die Lippen blau, der linke Mundwinkel nach 
unten gezogen. Die Schädelhöhle geräumig, die Knochen dünn, besonders linkerseits; 
zahlreiche Pacchionische Drüsen. Mitten in der linken Hemisphäre eine ganseigrosse 
Geschwulst, beim Einschneiden resistent und fast knirschend, in der Mitte weissgrau, 
knorpelartig hart, an der Peripherie weich, theils gelblich, theils weissgrau, von Ge- 
fässchen durchzogen, an der Oberfläche mit einer dünnen gefässreichen Membran um- 
hüllt {Medullär - Sarcom). Die angrenzende Hirnmasse im Zustande der gelben und 
weissen Erweichung. Die linke Hemisphäre erschien durch diese Geschwulst vergrös- 
sert, die Meningen darüber straff angespannt, die Hirnmündungen verstrichen, die Sichel 
rechts gedrängt. Die Wandungen der Seitenventrikel zäh, von klarem Serum stark 
ausgedehnt, rechts weit mehr als links. Der linke Thalamus ganz nach vorn gedrängt 
und das Corpus geniculatum stark eingedrückt. Im Tractus opticus ausser leichter Atro- 



166 I\e<zhaiit. 

phic keine Veränderung. In den Eingeweiden der Brust- und Bauchhöhle keine bemer- 
kenswerte Abnormität. 

Dupau (Revue med. Juin 1S35) beobachtete einen Fall, in -welchem Erblindung 
zuerst eintrat, dann Verlust des Geruches und unvollständige Lähmung der empfinden- 
den und bewegenden Thätigkeit in den obern Extremitäten. Äusserlich auf der rechten 
Seite, dem Seitcnwandbein entsprechend, war eine Geschwulst wahrzunehmen. Die 
intellectuellen Functionen niedergedrückt, nicht aufgehoben. Apoplektischer Tod. Das 
rechte Seitenwandbein emporgehoben , von innen verdünnt und theilweise zerstört. An 
der innern Fläche der Dura mater daselbst eine seirrhöse Geschwulst, welche theils nach 
aussen , theils nach innen auf das Gehirn gedrückt hatte. Sie hing fest an der Innen- 
fläche der Dura mater, und war unten von der Arachnoidea und Pia mater bedeckt. 
{Amnion 1. c. B. V. S. 198.) 



D. Spinalainaurose. 

Amblyopie und Amaurose, abhängig von Tabes dorsualis, bietet so 
eigentümliche Erscheinungen am Auge dar, dass man in Fällen, wo 
das Augenleiden zeitig auftritt, schon durch dasselbe allein zur Ver- 
muthung, wo nicht zur Gewissheit des Grundleidens geführt wird. Im- 
mer sind beide Augen zugleich und in völlig oder beinahe gleichem 
Grade ergriffen; immer entwickelt sich die Abnahme der Sehkraft all- 
mälig, und steigert sich nach Verlauf von vielen Monaten oder Jahren 
stetig und unaufhaltsam zur completen Amaurosis. Die weit geöffneten 
Augen bieten schon frühzeitig das Eigentümliche- des amaurotischen 
Blickes, des nicht gehörigen Fixirens der Objecte dar, und immer be- 
trifft die Abnahme der Sehkraft die ganze Netzhaut, wird das Seh- 
feld in seiner ganzen Ausdehnung gleichmässig dunkler. Je weniger 
der Kranke sieht, desto enger sind die Pupillen; ich sah sie in einigen 
Fällen von nur etwa *\i'" Durchmesser. Immer ist die vordere Kam- 
mer auffallend klein, die Linse und die Iris sind nahe an die Cornea 
gerückt, letztere demnach stark nach vorn gewölbt. Mydriatica, selbst 
in starker Dosis, sind nicht im Stande, die Pupille zu dem gewöhn- 
lichen Grade zu erweitern. Alle Erscheinungen von Reizung, Congestion 
und Entzündung am Auge fehlen; die Anwendung der Loupe und des 
Augenspiegels sichert vor Verwechslung mit chronischer Regenbogen- 
oder Netzhautentzündung. Sorgfältige Untersuchung und Beobachtung 
des Verhaltens der Unterextremitäten beim Stehen, Gehen u. s. w., der 
Function der Harnblase, des Darmcanals u. s. w. geben bald Aufschluss, 
von wo das Augenleiden eigentlich ausgeht. 

Nach Romberg*), dem wir eine ausgezeichnet treue Schilderung 

*) Lehrbuch der Nervenkrankheiten des Menschen, Berlin 1840. I. S. 799. 



Spinal- A. — Sympathische Amaurose. 167 

der Tabes dorsualis verdanken, fand sich in den Fällen, wo Amaurose 
vorhanden war, fast immer Atrophie des Sehnerven, des Chiasma und 
der Sehstreifen; auch die Thalami, einer oder beide, waren entweder 
geschwunden oder zeigten Veränderungen ihres Gefüges oder ihrer 
Farbe. „Bei einem Arzte, welcher nach heftigen Gemüthsaffecten und 
starken Erkältungen auf seinen Berufsreisen im 40. Jahre von Paresis 
der untern Extremitäten und von Amblyopie befallen, und unter zuneh- 
menden Erscheinungen von Tabes dorsualis endlich ganz amaurotisch 
geworden war, fand Froriep in Gegenwart Romberg's das Rückenmark 
auf 2 /3 vom Volumen eines damit verglichenen Kückenmarkes von einem 
gleich alten Manne (52 Jahre) geschwunden. Die Atrophie war auf den 
untern Theil der hintern Stränge und Nervenwurzeln beschränkt. Die 
Marksubstanz der ersteren war fast ganz geschwunden, so dass sie wie 
durchsichtig von graugelber Farbe erschienen; die hintern Wurzeln 
waren des Nervenmarkes verlustig und hatten ein wässriges Aussehen." 
Speciell siud von diesem Falle die Veränderungen des Sehorganes nicht 
angegeben. 

Ätiologie, Prognosis und Therapie dieses Augenleidens sind leider 
die des Rückenmarkleidens. Der Augenspiegelbefund ist zur Zeit noch 
unbekannt. Meine Beobachtungen dieses Leidens fallen in die früheren 
Jahre. 



E. Sympathische Amaurose. 

Es liegen verlässliche Beobachtungen von Amblyopie und Amau 
rose vor, wo man nicht im Stande war, anatomische Veränderungen in 
der Netzhaut, im Sehnerven, in den Centralorganen nachzuweisen, und 
wo man eine solche Veränderung auch während des Lebens schon aus 
dem Grunde nicht supponiren kann, weil die Sehstörung nur transi- 
torisch auftritt, oder weil die Beseitigung der Ursache in zu kurzer 
-Zeit auch Beseitigung der Augenaffection zur Folge hat. Man denke 
nur an die Störung der Sehkraft bei gewissen Affectionen sensitiver 
Zweige des Trigeminus, an Amblyopie und Amaurosis bei Vergiftungen, 
in gewissen Zeitabschnitten der Schwangerschaft u. s. w. , und man 
wird den Gebrauch des Ausdruckes sympathische Amaurosis vorläufig 
wohl unentbehrlich finden. Wir müssen es spätem Forschungen über- 
lassen, den Zusammenhang nachzuweisen. In vielen Fällen, die man 
hisher als zu dieser Gruppe gehörig bezeichnen konnte, wird wohl die 



163 Netzhaut. 

Ophthalmoskopie noch Aufschluss tiher den Sitz und die Natur des Lei- 
dens geben; ob in allen, bleibt dahingestellt. So gut als die Amaurose 
bestehen auch andere Neurosen, ohne dass man auf eine anatomisch 
nachweisbare centrale oder peripherische Veränderung der betroffenen 
Nerven hinweisen kann. Wir müssen uns in den einzelnen Fällen vor- 
läufig begnügen, wenn es gelingt, die entfernteren Ursachen zu erkennen, 
weil dann öfters wenigstens auf empirische Weise Anhaltspunkte für 
das ärztlicke Handeln gewonnen werden können. Zur Erläuterung einige 
hieher gehörige Arten. 

1. Amaurosis in Folge von Irritation im Bereiche des 1. oder 
2. Astes des Trigeminus. „Es sind zahlreiche Fälle bekannt, in 
welchen die Exstirpation von Geschwülsten, welche mit den Zweigen 
des 5. Nervenpaares in Berührung standen, und das Ausziehen cariöser 
Zähne die Mittel gewesen sind, das Sehvermögen plötzlich herzustel- 
len." Makeiizie 1. c. S. 818. 

Ein gesunder Mann von mittleren Jahren consultirte Herrn Howship wegen einer 
kleinen Geschwulst auf dem Scheitel. Es war wenigstens 10 Jahre her, dass er die- 
selbe bemerkt hatte, und er hielt sie für die Folge eines Schlages. Sie war nie schmerz- 
haft gewesen, aber seit einigen Jahren wurde er von Kopfweh geplagt, welches allmälig 
häufiger wurde ; überdiess war er seit 2 Jahren nicht im Stande , selbst die grösste und 
deutlichste Schrift zu lesen. Drückte man auf die Geschwulst in der Kopfhaut, so ver- 
ursachte diess weder Schmerz noch irgend eine Empfindung. H. rieth zur Exstirpation, 
welche mittelst zweier elliptischer Schnitte durch die Bedeckungen und jenseits der 
Basis der Geschwulst ausgeführt wurde. Die eingeschlossene Portion Kopfhaut nebst 
der Geschwulst selbst wurde sodann vom Pericranium, mit welchem sie in Berührung 
stand, lospräparirt. Zwei kleine Gefässe wurden unterbunden, und die Bedeckungen 
mit Heftpflastern ziemlich aneinander gebracht. Nach 3 Wochen lösten sich die Liga- 
turen, und die Wunde heilte vollständig. Die Geschwulst war ein starker knorpeliger 
Balg gewesen, welcher in der Zellhaut unter der Cutis gesessen hatte; innen war sie 
mit einer gelben purulenten Flüssigkeit gefüllt, deren dicke Theile einen käseartigen 
Niederschlag an den Wandungen gebildet hatten. — Der Patient hatte bei der Operation 
nicht über 1 Unze Blut verloren, fühlte aber ganz unerwartet am folgenden Abende 
seinen Kopf mehr erleichtert, als viele Monate vorher. Er fand, dass sein Unwohlsein 
und sein Kopfschmerz von Tag zu Tag abnahmen und behauptete auch, worüber man 
sich einigermassen wunderte, dass sein Sehvermögen weit heller und deutlicher werde. 
Als die Wunde geheilt war, hatte er alle Beste des Kopfschmerzes verloren, und sein 
Sehvermögen hatte sich in solchem Grade gebessert, dass er jetzt abermals im Stande 
war, so kleine Schrift wie vor 10 Jahren zu lesen; auch ist weder der Kopfschmerz 
noch die Affection des Sehvermögens nach dieser Zeit wieder zurückgekehrt. 

Ein Mann von 30 Jahren wurde plötzlich von heftigem Schmerze ergriffen, welcher 
von der linken Schläfe nach dem Aujre und nach dem Antlitze auf derselben Seite 



Sympathische Amaurose. 16ff 

schoss, und einer Erkältung zugeschrieben wurde. Dieser Schmerz dauerte mehrere 
Tage, gab sich dann, kehrte aber periodisch zurück. Nach Verlauf von 2 Monaten 
hatten die Anfälle eine solche Heftigkeit erreicht, dass der Patient glaubte, das Auge 
werde aus der Hohle herausgedrängt. Da der Patient zugleich bemerkte , dass er auf 
diesem Auge sein Sehvermögen verloren habe, suchte er ärztliche Hilfe. Nach 6monat- 
licher fruchtloser Behandlung begann die linke "Wange zu schwellen, und in der Nacht 
flössen mehrere Löffel voll blutigen Eiters zwischen der Conjunctiva und dem untern 
Augenlide aus. Hierauf gab sich die Geschwulst, und der Schmerz nahm ab, aber die 
Blindheit blieb so vollständig wie zuvor. Nach 3 "Wochen fand ein ähnlicher Ausfluss 
statt, und während der nächsten 6 Monate kehrte er zuweilen zurück. Zu Anfang des 
3. Jahres war die Affection so arg geworden , dass der Patient sich das Auge exstir- 
piren lassen wollte. Dr. Galenzowshi fand die Pupille des gänzlich erblindeten Auges- 
erweitert. Er glaubte, dass sich in der Kiefeihöhle Eiter gebildet habe und sich längs 
des Augenhöhlenantheiles des Oberkieferknochens fortpflanzte. Diese Annahme bestimmte 
ihn zu genauer Untersuchung der Zähne, und diese erwies einen der Kieferhöhle ent- 
sprechenden cariösen Zahn. Dieser wurde sofort ausgezogen und man fand an seiner 
"Wurzel einen Holzsplitter von 3'" Länge, der wahrscheinlich von einem Zahnstocher 
zurückgeblieben war. Nachdem nun eine Sonde in die Kieferhöhle eingeführt und 
wieder herausgenommen worden war, ergossen sich einige Tropfen einer serös-puru- 
lenten Flüssigkeit, und 9 Tage nachher hatte der Patient sein Sehvermögen vollständig 
wieder erlangt. 

Es finden sich hie und da in der Literatur verschiedene ähnliche 
Beobachtungen, wie die beiden vorstehenden, aus Makenzie 1. c. S. 818 
entlehnten, nur lassen viele derselben auch eine andere Deutung zu, 
wie namentlich die, wo Sehstörung nach Verletzungen sensitiver Zweige 
des Trigeininus beobachtet wurde, wovon wir schon oben gesprochen 
haben. In diesen beiden Fällen, wenigstens in dem Howship 'sehen 
kann aber kaum bezweifelt werden, dass die Amaurosis rein sympathisch 
war. Die Empirie wendet seit undenklichen Zeiten eine Menge Mittel 
im Bereiche der Ausstrahlungen der sensitiven Zweige des Trigeminus 
an, um Amblyopie und Amaurose zu beheben, und gewiss nicht jeder- 
zeit ohne Erfolg. Die meisten dieser gegen Amaurosis empfohlenen 
und zum Theil auch wirksamen örtlichen Reizmittel (an die Stirn, 
Schläfe, Bindehaut u. s. w.) können wohl nur dadurch ihre Wirksamkeit 
auf den Sehnerven und die Netzhaut entfalten, dass sie den Trigeminus 
peripherisch erregen. Es wird hier eine Sinnesnerv erregt, gleich wie 
in motorischen Nerven Reflexaction auf peripherische Reizung sensi- 
tiver Nerven auftritt. 

Auf ähnliche Weise sind meines Erachtens wohl auch manche Fälle 
von Ajnaurosis nach unterdrücktem Schnupfen, von Entzündung der 
Schleimhaut in der Highmors-, Stirn- oder Keilbeinshöhle zu erklären, 
jene Fälle natürlich abgerechnet, wo gleichzeitig entzündliche Processe 



170 Netzhaut. 

im Auge, iu der Orbita oder in der Schädelhöhle bestehen. Es verdient 
der Zustand der Schleimhaut in diesen Höhlen die volle Aufmerksam- 
keit des Arztes bei Amaurosen unbekannten Ursprunges gewiss in eben 
so hohem Grade, als der Zustand der Cutis und der übrigen Gebilde, 
in welchen die sensitiven Zweige des Trigeminus ausstrahlen. Der 
günstige Erfolg bezüglich der Sehstörung, welcher durch die Behand- 
lung der in Rede stehenden Schleimhautpartien erzielt wurde, dürfte 
zugleich als Beweis für ein bloss sympathisches Mitleiden des Seh- 
nerven zu betrachten sein. 

Wahrscheinlich gehört hieher auch jene Form von Amaurosis, welche 
sich auf dem einen Auge entwickelt, wenn das andere durch heftige 
Entzündung und Eiterung verloren gegangen ist. (Vgl. Iritis und Cho- 
rioiditis.) Die starke Erweiterung der Pupille und der Mangel aller ent- 
zündlichen Erscheinungen am Auge schon zu Anfang der allmälig und 
unaufhaltsam erfolgenden Erblindung macht diess wahrscheinlich; doch 
fehlen einerseits noch Untersuchungen mit dem Augenspiegel, anderer- 
seits noch genaue mikroskopische Zergliederungen des Seh- und der 
Ciliarnerven in solchen Fällen. 



2. Amaurosis in Folge abnormer Zustände der Verdauungs- 
organe (Würmer, Gastricismen, Fäcalmassenanhäufung u. dgl.). Was 
bei 1. der Trigeminus, ist bei 2. vielleicht der Sympäthicus, während 
in andern Fällen die Unterleibsaffection wahrscheinlich dadurch Seh- 
störung bewirkt, dass sie Hyperämie oder Entzündung in den Central- 
organen oder im Bulbus veranlasst. Amaurosis in Folge von Würmern 
dürfte bei weitem nicht so häufig vorkommen, als man in früheren 
Zeiten anzunehmen pflegte; doch liegen keine hinreichenden Gründe 
vor, dieses Moment als Ursache von Amaurosis in vornhinein in Abrede 
zu stellen, spricht im Gegentheile die Analogie mit andern nervösen 
Zufällen als Symptomen von Helminthen, besonders bei Taenia, nebst 
mehr weniger verlässlichen Beobachtungen dafür. Auf eine gewisse 
Eigenthümlichkeit der Symptome am Auge, welche man sonst wohl der 
Amaurosis ex helminthiasi zuschrieb, dürfte indess kein Gewicht zu 
legen sein, da derselbe Symptomencomplex auch anderweitig bedingt 
sein kann; ja es darf selbst der Abgang von Würmern (Theilen davon) 
noch nicht als sicheres Moment zu der Annahme leiten, dass in einem 
gegebenen Falle die Sehstörung durch Würmer im Darmcanale bedingt 
sei, weil immer noch der Fall denkbar ist, dass trotz jener Anwesen- 
heit von Entozoen die Amaurosis durch Hirntuberkel , Hydrocephalus 



Sympathische Amaurose. 171 

u. s. w., oder durch krankhafte Proeesse im Bulbus (z. B. Cysticer- 
cus, Retinitis u. dergl.) bedingt werde. Es wird daher, ehe man eine 
rigorose anthelminthische Behandlung gegen Amaurosis einleitet, jeder- 
zeit nothwendig sein, nicht nur dass der Abgang von Würmern wirk- 
lieh beobachtet wurde, sondern auch, dass man mindestens gute Gründe 
hat, anderweitige Ursachen der Sehstörung als nicht vorhanden anzu- 
nehmen. — Auch für die sogenannte gastrische Amaurosis gibt es 
keine pathognomonischen Erscheinungen am Auge selbst, und kann 
die Diagnosis gleichfalls nur unter Berücksichtigung aller Momente mit 
mehr weniger Wahrscheinlichkeit gestellt werden. — Dasselbe gilt von 
der Sehstöruug in Folge angehäufter Fäcalmassen im Dickdarme (amau- 
rosis e viscerum obstructione), bei welcher übrigens, so wie bei der 
vorhergehenden Art, alle Sorgfalt anzuwenden ist, dass man nicht die 
Wirkung oder das Coexistens (die Indigestion und Obstipation in Folge 
von Erkrankung der Centralorgane) für die Ursache annehme. 

Eine besondere Erwähnung verdient hier wohl die Hemiopie, welche 
beinahe in allen Fällen, die ich bei verschiedenen Autoren notirt fand 
oder selbst beobachtete, mit Störungen in den Unterleibsorganen, nicht 
aber mit nachweisbaren Veränderungen in den Centralorganen oder im 
Auge selbst, zusammenvorkam. Vergl. das in den physiologischen Be- 
merkungen S. 54 f. hierüber Gesagte. Schon das momentane Auftreten 
und Wiederverschwinden der Anfälle von Hemiopie lässt kaum eine 
andere Deutung zu, als dass hier eine rein sympathische Einwirkung 
zu Grunde liege und das Auftreten nach Diätfehlern, nach Gemüthsaffec- 
ten bei hysterischen, hypochondrischen, übermässig reizbaren Individuen 
ist gewiss geeignet, dieser Deutung vor allen andern Wahrscheinlich- 
keit zu verschaffen. 



3. Amaurosis in Folge von Affectäonen des Uterus, nament- 
lich in den ersten Monaten der Schwangerschaft, scheint bisweilen bloss 
auf einem sympathischen (durch die Nerven vermittelten) Leiden des 
Sehnerven zu beruhen. Nach Beobachtungen von Se?inert, Beer u. A. 
tritt Amaurosis bisweilen gleich zu Anfang der Schwangerschaft auf, 
und verschwindet dann wieder von selbst. In einem von Beer beob- 
achteten Falle stellte sich Amaurosis in drei nach einander folgenden 
Schwangerschaften bald nach der Conception ein, verschwand nach der 
Entbindung das 1. und 2., nicht aber das 3. Mal. Dieser letztere Um- 
stand erregt Verdacht, ob hier der Amaurosis nicht ein directes Leiden 
im Sehnerven oder im Gehirne zu Grunde gelegen sei, welches durch 



172 Netzhaut. 

die Gravidität jedesmal gesteigert wurde, bis es endlich bleibende Er- 
blindung zur Folge hatte. Beer bemerkt übrigens ausdrücklich, dass man 
jene Amaurose, welche bei Schwangern oft nach und nach und meisten» 
erst gegen das Ende der Schwangerschaft und bei der Entbindung ent- 
steht, nicht hieher rechnen dürfe, indem diese, wie schon Morgagni 
bemerkt, offenbar durch Anhäufung des Blutes im Kopfe und in den 
Augen veranlasst werde. Er betrachtet die Amaurosis von Schwanger- 
schaft in der ersten Zeit als eine Art Idiosynkrasie, und erwähnt in 
einer Anmerkung, dass „er eine Frau gesehen habe, welche, so oft sie 
Chocolade trank, sich heftig erbrechen musste, und auf einige Stunden 
stockblind war; das Gesicht kam sogleich wieder, sobald die Neigung 
zum Erbrechen verschwand. Ich hielt diesen Zufall für eine Folge der 
Anstrengung beim Brechen; da ich aber bei andern Gelegenheiten die 
Kranke erbrechen sah, ohne dass sich dieser Zufall ereignete, so unter- 
sagte ich die Chocolade, und seither blieb der Anfall auch ganz aus." 
(1. c. 1792 S. 44.) 

4. Amaurosis in Folge von Giften. Ob der von Beer ange- 
schuldigte Missbrauch bitterer Mittel (Quassia, Centaureum, Cichoreum 
und dergl.) Amaurosis bedinge, möchte wohl noch weiterer Bestätigung 
bedürfen, da trotz des Fortbestandes solchen Missbrauches in späteren 
Zeiten weiter keine derartigen Beobachtungen gemacht worden zu sein 
scheinen.*) Dasselbe gilt meines Erachtens auch vom Tabak, welchem 
Makenzie eine direct nachtheilige Einwirkung auf die Sehkraft zuzu- 
schreiben geneigt ist, während Beer das Vorkommen von Amaurosis bei 
Tabakrauchern von dem Speichelverluste ableiten will. Letzterer ge- 
denkt u. A. eines Falles bei Amaurosis von einer alten Frau, welche 
täglich 4 Loth Tabak zu schnupfen pflegte. Exacte Beobachtungen 
liegen keine vor. Belladonna, Hyoscyamus und Datura stramonium wir- 
ken specifisch auf die Ciliar-, nicht aber auf die Sehnerven; sie bewir- 
ken nur Mydriasis, nicht aber Amaurosis, es sei denn nach innerlichem 
Gebrauche, durch Hyperämie der Centralorgane. Ebenso dürften wohl 
auch andere Narcotica nur durch active oder passive Hirnhyperämie 
und durch Depression der Hirnthätigkeit überhaupt wirken. Beer er- 
zählt, dass er selbst im Jahre 1804 in Folge einer zufälligen Vergif- 
tung mit Opium durch mehrere Stunden ausser Stand gesetzt blieb, 
die ihn umgebenden Objecte zu erkennen. Sicher gestellt und höchst 

*) Die Erscheinungen nach übermässigen Gaben von Chinin, als : Ohrensausen, Schwindel, Schwerhörig- 
keit, Verminderung der Sehkraft u. s. w. sind wohl durch Hyperämie in der Schädelhöhle bedingt. 



Sympathische Amaurose. 173 

^wahrscheinlich specifisch ist die lähmende Einwirkung des Bleies auf 
die Sehkraft. Die Amaurosis durch Bleivergiftung tritt nach Guepin*) 
bald allein, i. e. noch vor Entwicklung der übrigen Erscheinungen der 
Bleivergiftung, und zwar allmälig auf, bald rasch mit den gewöhnlichen 
Zufallen der Bleikolik und auch mit Hirnzufällen. Man findet nebst 
mehr weniger hochgradiger und completer Sehstörung die Pupillen sehr 
stark erweitert, die durchsichtigen Medien normal, weder Schmerzen 
noch abnorme Injection an den Augen. Bei Anwendung der gegen die 
Intoxication angezeigten Behandlung verschwindet diese Amaurosis 
(nach Guepin und Deval) leicht und in wenig Tagen, bisweilen selbst 
in einigen Stunden. 

5. Amaurosis als Symptom allgemeiner Erschöpfung und 
Entkräftung lässt sich gleichfalls rücksichtlich ihrer nächsten Ursache 
vorläufig noch nicht genauer bestimmen. Es liegen verlässliche Beob- 
achtungen vor, wo man starken Blutverlust, erschöpfende Diarrhöe, 
Speickelfluss, widernatürlichen Samenfluss, zu langes Säugen, anhalten- 
des Fasten, Kummer und Nahrungssorgen, Typhus u. dergl. als die ent- 
fernteren Ursachen von Amblyopie oder Amaurosis annehmen musste. 
Der Beweis dafür wurde dadurch geliefert, dass die Sehstörung unmit- 
telbar nach einem der genannten Momente auftrat, durch Beseitigung 
desselben allein oder doch unter Beihilfe roborirender Behandlung be- 
hoben wurde, und wohl auch nach Wiederkehr solcher Momente neuer- 
dings auftrat. Fälle, wo während oder unmittelbar nach starken Ader- 
lässen Amaurosis eintrat, scheinen in früheren Zeiten oft vorgekommen 
zu sein, und finden sich zahlreich in Trnka de Krsowitz historia amau- 
roseos aufgeführt. Unter den spontanen Blutverlusten sind es besonders 
die Metrorrhagien, nach welchen Amaurosis temporär oder bleibend be- 
obachtet wurde. Carron du VUlards erzählt von einer Frau mit Ge- 
bärmutterkrebs, welche nach jeder Blutung durch 8 — 10 Tage blind 
wurde, und zuletzt, einige Wochen vor dem Tode, blind blieb. In 
einem von mir beobachteten Falle erfolgte die Erblindung successiv 
nach mehrmals wiederholter Metrorrhagie in Zeit von 6 Tagen und blieb 
die der Anämie entgegen gestellte Behandlung fruchtlos, obwohl ich 
weder an der Netzhaut (bei sehr oft und zu verschiedenen Zeiten 
— im Verlaufe eines Jahres — wiederholter Ophthalmoskopie) noch in 
den Centralorganen ein Leiden objectiv nachzuweisen vermochte. Die 
Pupillen waren gleich von Anfang an starr und auffallend erweitert. 

*) Annales d'oculist. par Fl. Cunier 1S47. T. XV. 



174 Netzhaut. 

Es muss jedoch noch hervorgehoben werden, dass nach den obenge- 
nannten und ähnlichen schädlichen Einflüssen weit häufiger bloss 
Schwächung der Accommodationsthätigkeit als wirkliche Amblyopie 
und Amaurosis beobachtet wird, ein Zustand, der in früheren Zeiten 
gewöhnlich als Amblyopie oder Hebetudo visus aufgefasst wurde. (Siehe 
später: Krankheiten der Muskeln.) Ebenso muss noch ausdrücklich be- 
merkt werden, dass jene Fälle nicht hieher gehören, wo sich bei Indi- 
viduen, die durch deprimirende Einflüsse in der Ernährung sehr herab- 
gekommen sind, allmälig schleichende Entzündung in der Netz-, Ader- 
oder Eegenbogenhaut entwickelt, wie z. B. in den von Makenzie nach 
dem Hungertyphus beobachteten Fällen von Erblindung. (Vergl. Iritis- 
chronica im 2. Bande.) 



IX. Buch. 



Die Organe der Bewegung und der Accom- 

modation. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Der Bulbus eines Erwachsenen misst vom vordem bis zum hintern 
Pole 10,5 y " — W" (äussere Augen- oder Sehachse), vom Centrum der 
Descemetschen Haut bis zur Macula lutea 9,5'" — W" (innere Augen- 
achse), im Äquator von aussen nach innen meistens eben so viel wie 
in der äussern Augenachse (horizontaler Querdurchmesser), von oben 
nach unten dagegen selten eben so viel, meistens x \i ut , selbst \'" we- 
niger (verticaler Querdurchmesser.) Doch gibt es auch Bulbi, an denen 
der verticale Äquatorialdurchmesser grösser ist, als der horizontale, 
ohne dass man dieses Verhältniss zu irgend einem Momente in Beziehung 
bringen kann. Er stellt demnach nicht sowohl eine Kugel, als viel- 
mehr ein Ellipsoid dar, und erscheint überdiess da, wo sich die M. 
recti anlegen und inseriren, mehr weniger abgeplattet oder flach ge- 
drückt, so dass eigentlich die schrägen Querdurchmesser (von oben- 
aussen nach innen-unten, besonders aber der von oben-innen nach unten- 
aussen) die grössten sind. 

Er liegt oder schwebt als ein ohngefähr 120 — 130 Gran schwerer 
Körper frei im Eingange der Orbita, nirgends fest an's Knochengerüst 
geheftet, ringsum von weichen, nachgiebigen, elastisch-dehn- und drück- 
baren und von muskulösen Gebilden umgeben, und dennoch seine Lage 
mit einer gewissen Beharrlichkeit behauptend. Von Natur aus bald 
tiefer, bald flacher liegend, tritt er momentan bei erhöhtem Gefässtur- 
gor stärker hervor, bei reichlichem Säfteverluste (Hämorrhagie, Diarrhöe 
u. dgl.) merklich zurück, wogegen mechanische Hyperämie in dem re- 



176 Augenmuskel n. 

trobulbären Fettpolster mehr eine habituelle stärkere Vorlagerung (Glotz- 
auge), starke Abmagerung aber ein mehr weniger auffallendes Zurück-, 
sinken in die Orbita (Hohlauge) bewirkt. Durch die Muskeln scheint 
eine Veränderung der Lage des Bulbus in toto nicht bewerkstelligt, 
vielmehr gerade das Balancement in loco vermittelt zu werden (Anta- 
gonismus zwischen den geraden und schiefen); nur heftige Contraction 
des M. orbicul. palp. vermag den Bulbus etwas rückwärts zu drängen. 
Von der Veränderung der Lage des Bulbus bei Strabismus, Luscitas 
u. dgl. wird weiter unten die Eede sein. — Als mittlere Lage in Be- 
zug auf die Tiefe kann jene bezeichnet werden, wo eine gerade Linie, 
vom obern zum untern Augenhöhlenrande gezogen, gleich einer Tan- 
gente das an den Bulbus angeschmiegte obere Lid berührt, während 
eine gerade Linie, von der Insertion des äussern Augenlidbandes zur 
Insertion des innern Augenlidbandes gezogen, den gerade nach vorn 
gerichteten Bulbus etwas hinter der Anheftungslinie des M. rect. exter- 
nus und internus durchbohren und knapp hinter der Linse vorbeistrei- 
chen würde. — Der Abstand des hintern Poles vom vordem Umfange 
des Foramen opticum beträgt im Mittel 1". Der Abstand vom obern 
Orbitalrande beträgt circa 3"', vom untern etwa 2 — 272'"; ebenso ist 
der Abstand vom äussern Orbitalrande jederzeit merklich (um 2'") grös- 
ser, als der vom innern. (Der Eingang der Orbita misst von oben nach 
unten circa 15'", von aussen nach innen circa 18'".) 

Unter ihm liegen, abgesehen vom Orbitalfette, der untere gerade 
und schiefe Augenmuskel, welche ihn, bei einem gewissen Grade von 
Spannung sämmtlicher Muskeln, gleichsam tragen oder stützen; über 
ihm liegt zunächst die Sehne des Muse, obliquus superior, dann der 
M. rectus superior und der M. levator palp. superioris, überdiess gegen 
die Schläfe hin die untere und obere Thränendrüse , gegen die Nase 
hin die Rolle des M. obliquus superior, von welcher eine Art Sehnen- 
scheide oder zellig fibröses Gewebe zur Tunica vaginalis bulbi herab- 
steigt, in dieselbe pinselförmig ausstrahlt, und gewissermassen als 
lockeres Aufhängeband des Bulbus betrachtet werden kann. Dieses 
ziemlich feste, jedoch elastisch-dehnbare Gewebe verschmilzt nicht nur 
mit der Tunica vaginalis bulbi, sondern auch mit der Scheide des Muse, 
rectus superior, und erschwert dessen Durchschneidung, wenn man den 
Schnitt nicht knapp durch dessen Insertion am Bulbus führt. Will 
man die Sehne des Obl. sup. von der Rolle bis zum Bulbus präpariren, 
so muss man dieses Gewebe, welches nächst der Rolle eine förmliche 
Schneide bildet, aufschlitzen; nächst dem Bulbus tritt dann die dünne 
Sehne aus demselben heraus, um zwischen dem Rectus super, und dem 



Anatomie — Physiologie. 177 

Bulbus durch die Tunica vaginalis bulbi an die Sclera zu gelangen. — 
An der Schläfeseite bedeckt ihn der Muse, rectus externus und gleich 
darüber ein Theil der Thränendrüse , an der Nasenseite dagegen der 
M. rectus internus. Auch hier findet man eine Art lockerer Befestigung 
des Bulbus an den Orbitalrand, indem sowohl am äussern als am in- 
nern Augenwinkel noch eine Strecke rückwärts vom Augenlidbande 
ein zellig-fibröses Gewebe von der Periorbita zum Bulbus hinüber- 
streicht, und sich mit der Tunica vaginalis bulbi und deren Fortsätzen 
(zu den Muskeln und zu den Augenlidern) verbindet, während sonst 
riDgsum der Baum zwischen den Augenmuskeln und der Periorbita 
einfach mit Fettgewebe ausgepolstert erscheint. Durch diese zellig- 
fibrösen Fortsätze zur Beinhaut ist eigentlich das Gehäuse des Bulbus, 
die Timica vaginalis, und somit auch der Bulbus selbst bis zu einem 
gewissen Grade in seiner Lage gesichert, ohne dass der Bulbus hef- 
tigen Erschütterungen (z. B. beim Springen, Keiten u. dgl.) ausgesetzt 
wird. — Die Spalte, welche die innig an ihn angeschmiegten und ge- 
wölbt über ihn verlaufenden, weil innen und aussen an den tiefer ge- 
legenen Orbitalrand gehefteten Lider zwischen sich lassen, und welche 
bald enger bald weiter geschlitzt erscheint, ist jederzeit noch etwas 
enger, als dass der Bulbus frei durchschlüpfen könnte ; es bedarf selbst 
nach Durchschneidung des Opticus und der Muskeln einer gewissen 
Gewalt, ihn durch diesen Isthmus heraus zu zwängen und ebenso, ihn 
durch denselben wieder zu reponiren. — In seinem hintern Umfang 
inseriren sich nebst dem Opticus die Enden der Muse, obliqui (in dem 
Zwischenräume zwischen dem Rectus super, und externus), im übrigen 
umgibt ihn daselbst das Orbitalfett, auf dessen eminente Zusammen- 
drückbarkeit und Elasticität wir schon bei den anatom. Bemerkungen 
über den Sehnerven aufmerksam gemacht haben. 

Die vier geraden Augenmuskeln entspringen sämmtlich am Umfange 
des Sehnervenloches, welches nächst der Spitze der Orbita schief durch 
die innere Wandung derselben heraustritt, und zwar in dem Winkel, 
wo die obere Wand der Orbita an die innere stösst. Denkt man sich 
den Kopf in aufrechter Haltung, so würde eine Nadel, 2 — 3'" über dem 
innern Augenlidbande eingestossen, und einerseits horizontal, anderer- 
seits parallel zur verticalen Medianebene des Kopfes (also längs der 
innern Wandung der Orbita) fortgeführt, über l 1 /»'- (meistens l 3 /0 tief 
eingedrungen sein müssen, ehe sie den Opticus bei seinem Austritte 
aus dem Foramen opticum träfe. Die Entfernung der äussern Lidcom- 
p missur vom Sehnervenloche ist nahezu dieselbe, weil der äussere Orbi- 
talrand weiter rückwärts liegt, als der innere. Kennt man nun die 

Arlt Augenheilkunde. III. 12 



178 Augenmuskeln. 

Lage des Bulbus am Eingänge in die Orbita und die Insertionslinien 
der geraden Augenmuskeln am Bulbus selbst, so kennt man auch ihre 
Länge, da sie bis zum grössten Umfange des Bulbus geradlinig verlau- 
fen, und es ergibt sich von selbst, da der Bulbus der innern Wandung 
etwas näher liegt und die Pupille nach vorn gerichtet ist, dass, wenn 
der R. internus \ x ji" lang ist, ihm der ziemlich horizontal nach vorn 
verlaufende R. superior an Länge ohngefähr gleich kommt, der ziem- 
lich stark abwärts abweichende inferior 1 — 1"', und der am weitesten 
hinten entspringende und am stärksten nach aussen abweichende R* 
externus mindestens 3'" länger ist. Rücksichtlich der Dicke steht der 
R. internus oben an, dann folgt der externus, dann der inferior, zuletzt 
der superior, ein Verhältniss, welches wohl mit dem Überwiegen der 
Function im Einklänge steht, da der superior relativ am wenigsten in 
Anspruch genommen wird. 

Die Recti inseriren sich in die Sclera mit kurzen, aber breiten und 
dünnen Sehnen rings um die Cornea in einer Entfernung vom Rande 
derselben , welche im Mittel auf 2>'" angeschlagen werden kann. Die 
Sehnen sind im Allgemeinen 3 x ji'" — 4'" breit, die des externus um x \i iU 
schmäler, dagegen aber auch die längste. Die Insertionslinien sind 
flach bogenförmig geschweift, in der Mitte weiter nach vorn reichend, 
als zu beiden Seiten. Der Scheitel oder Mittelpunkt dieser Insertions- 
linie liegt beim internus höchstens 1 x \i tu , beim externus mindestens 3' y/ 
vom Rande der Cornea entfernt. Beim superior und inferior steht die- 
ser Mittelpunkt fast constant 3"' vom Hornhautrande ab (in der Rich- 
tung eines Meridianes, den man sich vom Centrum der Cornea durch 
diesen Mittelpunkt zum hintern Pole gezogen denkt), während das in- 
nere Ende der Insertionslinie der Cornea fast um V" näher liegt als 
das äussere. Die Mittelpunkte der Insertionslinien des in- und exter- 
nus liegen im horizontalen Meridiane, ebenso der des superior im ver- 
ticalen, der des inferior weicht jedoch um beiläufig x \i in nach der Nase 
zu von letzterem ab. Ein Reifen, durch diese Mittelpunkte um den 
vordem Umfang des Bulbus gelegt, würde im verticalen Durchmesser 
etwa 8'", im horizontalen etwa 9'" messen, wenn ein Reifen um den 
grössten Umfang des Bulbus (Äquator) gelegt, vertical 10 — lO 1 ^'", ho- 
rizontal IO72 — ll y/; messen würde. Dieser Reifen, durch die Inser- 
tionslinien gezeichnet, fällt nahezu mit dem hintern Ende des Corpus- 
ciliare (an der Innenfläche) zusammen, und verläuft ohngefähr in der 
Mitte zwischen dem Aequator bulbi und dem Hornhautrande. 

Diese Verhältnisse suchte ich so gut sich's bei einer einfachen schematischen Plan- 
zeichnung thun liess, durch die beistehende Figur anschaulich zu machen. Sie müssen. 



Anatomie — Physiologie. 



179 




nicht nur bei den Betrachtungen über die Function 
der Augenmuskeln wohl erwogen werden, sie sind 
auch von grossem praktischen Werthe bei der zu 
therapeutischen Zwecken nbthigen Muskeldurch- 
schneidung. Die geraden Linien ab und cd stehen 
senkrecht auf einander und schneiden sich in o, dem 
Mittelpunkte der Hornhaut fghi; der punktirte 
Kreis ab cd ist um den Punkt e, '/*'" auswärts von 
o beschrieben. Die Mittelpunkte der geschweiften 
Insertionslinien des in- und externus liegen im ho- 
rizontalen Durchmesser ab, der Mittelpunkt derln- 
sertionslinie vom superior c fällt in den verticalen Durchmesser, der vom inferior dagegen 
etwa ',2'" einwärts davon, d. h. der internus und der inferior liegen einander näher, als die 
übrigen Muskeln. Wenn ich an gefrorenen Köpfen mit einer feinen Säge einen Durch- 
schnitt durch die Mittelpunkte der Insertionslinien des superior und inferior bis zu ihrem 
Trsprunge am Sehnervenloche führen, also diese Muskeln ihrer ganzen Länge nach 
halbiren wollte . so dürfte derselbe an der Gesichtsfläche nicht vertical herablaufen, son- 
dern es müsste der untere Orbitalrand näher an der Nase durchschnitten werden, als der 
obere (etwa um T"). "Während in obiger Figur die Breite der Sehnen, ihre Entfernung 
vom Hornhautrande und ihre relative Lage zu diesem durch die dicken Linien bezeichnet 
wurden, mussten ihre gegenseitigen Abstände von einander oder ihre Zwischenräume 
wegen der horizontalen Projection beinahe um das Doppelte zu gross ausfallen. 

Indem die geraden Augenmuskeln von der Spitze der Orbita diver- 
girend vorwärts treten, verlaufen sie ausserhalb der Tunica vaginalis 
bulbi und sind, so wie hinten vom Opticus, so vorn vom Bulbus durch 
das Orbitalfett geschieden. Erst vom Aequator bulbi an schmiegen sie 
sich an denselben an, liegen jedoch noch immer ausserhalb der Schei- 
denhaut, welche sie erst knapp vor ihrer Insertion so schräg durchboh- 
ren, dass sie eine kurze Strecke in (nicht innerhalb) derselben verlau- 
fen, daher einen Überzug von ihr erhalten, welcher mit dem Perimy- 
sium musc. ein Continuum bildet. Nur die bald mehr bald weniger 
kurzen sehnigen Enden der Recti liegen bereits innerhalb der Schei- 
denhaut, welche sich über denselben nach vorn fortsetzt, um sich im 
Verein mit der darüber befindlichen Tunica conjunetiva am Rande der 
Hornhaut anzuheften. Wenn Einige meinten, dass die sehnigen Enden 
der Recti mit ihren Seitenrändern bogenförmig unter einander zusam- 
menhängen, so hatten sie wohl die Tunica vaginalis bulbi vor Augen, 
welche allerdings eine gewisse Verbindung der Muskelsehnen unter 
einander vermittelt (seitliche Invagination). Wird die Sehne eines Rec- 
tus durchschnitten, dann ist es eben diese Invagination, dieser nament- 
lich an den Seitenrändem noch unverändert fortbestehende Zusammen- 
hang mit der Scheidenhaut, welcher den Muskel noch bis zu einem ge- 
wissen Grade an den Bulbus bindet. Die Angabe, dass die Recti noch 

12* 



ISO Augenmuskeln. 

hinter der Einpflanzung - ihrer Sehnenfasern in die Sclera, welche aller- 
dings nicht in einer mathematischen Linie stattfindet, sondern oft noch 
Nebenausläufer zeigt, durch kurzen Zellstoff straff angeheftet sei, und 
zwar bis zum Aequator bulbi, ist ebenso unrichtig, als wenn man eine 
solche Anheftung von der Tunica vaginalis behaupten wollte. Hat man 
die Binde- und Scheidenhaut in einer den Muskelinsertionslinien ent- 
sprechenden Kreislinie, und hierauf auch die Muskelsehnen selbst mit 
möglichster Schonung aller übrigen Verbindungen durchschnitten — 
wie bei der Exstirpatio bulbi nach Bonnet — so kann man mit einem 
dünnen Scalpellhefte den Bulbus aus einer innen ganz glatten Schale 
lösen, welche nur im hintern Umfange noch durch die M. obliqui und 
den N. opticus mit demselben zusammenhängt ('rings um den Opticus 
noch durch die Ciliarnerven und hintern Ciliargefässej. Nichts ist 
leichter, als sich davon zu überzeugen, dass der Muskelbauch selbst bis 
gegen den Äquator hin — an seiner Innenfläche von einer ganz glat- 
ten Membran — der Scheidenhaut — überzogen ist. 

Die Conjunctiva bulbi erstreckt sich am obern und untern Um- 
fange des Bulbus noch circa 1 v ji itl , am innern und äussern noch min- 
destens 2'" über die Muskelenden rückwärts, und man kann besonders 
bei etwas flacher liegenden Augen sehr leicht die Muskelfasern des in- 
und externus durch die Binde- und Scheidenhaut durchscheinen sehen; 
dass man den silberartigen Glanz der Sehnen nicht sieht, kann als Be- 
weis dienen dafür, dass sie nicht bloss durch die durchsichtige Binde-, 
sondern auch durch die bloss durchscheinende Scheidenhaut gedeckt 
sind. Die Lage der Muskeln lässt sich übrigens leicht nach den gleich- 
falls von der Scheidenhaut gedeckten vordem Ciliargefässen erkennen, 
welche aus den Muskelbäuchen heraus unter die Scheiden- und Binde- 
haut treten, ein Merkmal, welches sich bei der Myotomie besonders 
dann als sehr schätzbar erweist, wenn der Patient das Auge stark 
verdreht. 

Die fixen Punkte der beiden schiefen Augenmuskeln liegen an der 
Basis orbitae, also den fixen Punkten der Reeti entgegengesetzt. Über 
die Lage der Rolle, durch welche der vom Sehnervenloche herkommende 
Obliquus superior mit seiner dünnen und glatten Sehne verläuft, kann 
man sich leicht unterrichten, wenn man einen Finger knapp hinter dem 
Eingange der Orbita gegen den innersten Theil der obern Orbitalwand 
drückt. Von hier steigt die runde Sehne in der oben beschriebenen 
Scheide nach hinten und aussen herab, wird vor ihrem Eintritte zwi- 
schen den Rectus superior und den Bulbus flach und fächerartig, dringt 
dann durch die Scheidenhaut, und verschmilzt mit der Sclerotica in 



Physiologie. 181 

einer gegen 3 ;;; langen Bogenlinie, deren Convexität nach hinten und 
aussen sieht, deren inneres Ende etwas weiter hinten liegt und vom 
N. opticus 3V2— 4 /;/ absteht, während der Abstand des äussern (mehr 
nach vorn gelegenen) Endes vom Opticus 6— 1'" beträgt. — Der >Obli- 
quus inferior entspringt vom Orbitalrande des Oberkiefers Unmittelbar 
nach aussen vom Thränensacke, läuft von da zwischen dem Orbitalfett 
über dem Boden der Augenhöhle aus- und ein wenig ab- und rück- 
wärts, bis er unter den Kectus inferior zu liegen kommt, wo er sich 
ohngefähr 3" ; hinter dem Orbitalrande befindet. An der Kreuzungs- 
stelle mit dem R. inferior hängt er mit der Scheide desselben durch 
ein zellig-fibröses Gewebe zusammen, jenseits dessen er seine Bichtung 
ändert, indem er sich nicht nur stark aufwärts, sondern auch merklich 
rückwärts krümmt, um dann an der Schläfeseite des Bulbus, unmittel- 
bar an dessen Scheidenhaut anliegend, zwischen dieser und dem Rectus 
exteruus zum hintern und obern Umfange des Bulbus zu gelangen. 
Sein an Dicke beinahe den Rectis gleichkommender Muskelbauch wird 
zwischen dem R. externus und Bulbus auffallend breit und dünn, durch- 
dringt die Scheidenhaut in der Gegend des obern Randes des R. ex- 
ternus, und inserirt sich mit unmerklich kurzen Sehnenfasern in die 
Sclera in einer mindestens 5"' langen Bogenlinie, deren Convexität nach 
oben und vorn gerichtet ist, und deren vorderes Ende etwa 1'" vom 
Opticus absteht, während das hintere etwa 2 — 2>'" davon entfernt ist. 

Während sich durch die Mittelpunkte der Insertions- und Ursprungsstellen des R. 
superior und inferior einerseits, und durch die gleichen Punkte des R. internus und 
externus andererseits bequem eine Ebene legen lässt, wovon die letztere so ziemlich 
durch die Mitte der Pupille, die erstere aber daneben (an der Nasenseite) vorbeistreicht, 
lässt sich für die Sehne des Obliquus superic: und für den Muskelbauch des Obliquus 
inferior durchaus keine solche Ebene finden. Es war diess wenigstens an Chromsäure- 
präparaten sowohl als an festgefrornen Köpfen durchaus unmöglich, und eine aufmerk- 
same Vergleichung des Verlaufes liess auch weiter keine Hoffnung auf eine solche Mög- 
lichkeit aufkommen.*) Gibt es aber keine gemeinschaftliche Ebene für die Obliqui, 

*) Euete, Lehrbuch der Ophth. 2. Aufl. S. 34 sagt: „Geht man in der Richtung, welche die Sehne des 
Obl. superior von der Trochlea bis zur Insertion am Bulbus verfolgt, weiter nach unten und hinten, 
so trifft man etwas über dem obern Rande des R. externus auf die Insertion des Obl. inferior. Von 
der Insertion setzt sich die Sehne dieses Muskels schräg nach unten und vorn in derselben Rich- 
tung, wie die Sehne des Obl. superior, aber in umgekehrter Ordnung nach unten und vorn in den 
Muskel fort, der, unter den R. inferior liegend, vom Boden der Orbita, nahe dem Ausgange zwischen 
dem Canalis infraorbitalis und dem Thränenbein entspringt. Zieht man vom Ursprünge des Obl. 
inferior eine Linie aufwärts bis zur Trochlea, von !dieser bis zur Insertion der Sehne des Obl. 
superior, und von da zur Insertion des Obl. inferior bis zu seinem Ursprünge, so beschreibt man 
eine ziemlich regelmässige Ellipse. Der Durchmesser des Auges, welcher normal zu der Ebene die- 
ser Ellipse steht, ist die Drehungsachse für die M. obliqui." Ich bin nach meinen Untersuchungen 
durchaus nicht im Stande, für die beiden Obliqui eine gemeinschaftliche Ebene zu finden, welche 
zugleich, wie Euete will, durch den Drehpunkt des Auges ginge." 



182 Augenmuskeln. 

dann gibt es meines Eraehtens auch keine gemeinschaftliche Achse, um welche die 
Obliqui den Bulbus drehen könnten, sondern es nauss, nachdem die Unverrückbarkeit 
des Drehpunktes des Bulbus anderweitig constatirt ist, für jeden Obliquus für sich erst 
die Achse gesucht werden, um welche er den Bulbus zu drehen vermag. So wie der 
Obl. superior in der Rolle unter einem spitzigen Winkel umbiegt, nimmt auch der Obl. 
inferior nach dem Durchgänge durch die zellig-fibröse Masse, welche ihn an den R. 
inferior heftet, eine andere Richtung an, wenn gleich unter einem sehr stumpfen Winkel. 
Wird die erste Portion des Obl. inferior (vom Ursprünge bis zum R. inferior) durch 
eine Durchschnittsebene in eine vordere und hintere Hälfte getrennt, so liegt die zweite 
Hälfte jederzeit hinter dieser üurchschnittsebene, und wird der Schnitt so geführt, dass 
er diese halbirt , so trifft dieser Durchschnitt auch niemals mit dem Verlaufe der Sehne 
des Obl. superior zusammen. Der Obl. inferior bietet demnach eine doppelte Krümmung 
dar, einmal nach der Fläche (die Concavität zum Bulbus gerichtet) , und das andere Mal 
nach den Rändern (die Concavität rückwärts gerichtet). — Denkt man sich den Bulbus 
durch den Äquator in eine vordere und hintere Hälfte getrennt, so liegen die Insertions- 
linien beider Obliqui in der hintern Hälfte, doch so, dass die vordem Enden der Inser- 
tionslinien nur wenig vom Äquator abstehen. Denkt man sich den Bulbus in eine äus- 
sere und innere Hälfte geschieden (mittelst eines Meridians durch den vordem und hin- 
tern Pol), so liegen die Insertionslinien in der äussern Hälfte, doch so, dass die des 
Obl. superior nahe an den Meridian fällt. Denkt man sich endlich den Bulbus in eine 
obere und untere Hälfte getheilt, so fallen die beiden Insertionslinien in die obere Hälfte, 
doch so, dass die des Obl. inferior nur mit ihrer grössern hintern Hälfte in die obere 
Hemisphäre fällt. Die Mittelpunkte der Insertionslinien der beiden Obliqui liegen dem- 
nach in dem hintern, äussern u. obern Yirtel des Bulbus, und sind von einander nur un- 
gefähr 4'" weit entfernt. Ihre hintern Enden liegen einander etwas näher, ihre vordem 
beträchtlich weiter voneinander. 

Die Ne?^ven, welche für die Bewegungsorgane des Bulbus bestimmt 
sind, sind bekanntlich der 3., 4. und 6. HirnneiT. Der N. oculomoto- 
rius versieht den B, internus, superior, inferior und den Obl. inferior 
(nebstdem den levator palpebrae superioris und mittelst der radix brevis 
des Ganglion ciliare die Iris und den Ciliarmuskel) ; der N. trochlearis 
ist für den Obl. superior, der N. abducens für den B. externus allein 
bestimmt. — Die Arterien der Muskeln des Augapfels kommen durch- 
aus von der Art. ophthalmica, und geben nach vorn die bereits be- 
schriebenen vordem Ciliararterien ab. Sie sind sammt und sonders 
viel zu dünn, als dass von ihrer Durchschneidung eine stärkere Blutung 
zu besorgen wäre. 

Der Oculomotorius , welcher an der Basis encephali zwischen den Hirnschenkeln zu 
Togo tritt, und dann an der- Seite des Türkensattcls in einer Falte der harten Hirnhaut 
über dem Sinus cavernosus, wo er 1 — 2 Fädchcn vom Carotidengcflecht aufnimmt, zur 
Fissura orbit. superior verläuft, kann mit seinen Wurzeln im Gehirne weit rückwärts 
verfolgt werden, nach Sömmerring bis fast auf die Wand der Hirnhöhlen, nach Gatt bis 
unter den Tons Varoli, nach Malacarne kommt er vom obern Schenkel des kleinen Gehirnes 
und von der Seite der Valvula cerebclli, wo auch der N. trochlearis entspringt. — Der 



Physiologie. 183 

Trochlearis s. patheticus entspringt hinter den Yierhügeln aus der markigen Querstreifung 
■der Hirnklappe, steigt an den Sehenkeln des grossen Gehirnes zur Basis cerebri hinab, 
und läuft in einer Falte der harten Hirnhaut über dem Sinus cavernosus zur obern Au- 
genhöhlenspalte. — Der N. abducens kommt zwischen der Pyramide, Olive und dem Pons 
Yaroli zum Vorschein, dringt hinter dem processus clinoideus posterior durch die harte 
Hirnhaut in den Sinus cavernosus, wo er mit Zweigen vom Sympathicus in Verbindung 
steht , und tritt an der äussern Seite des Oculomotorius und des Eamus I. seu ophthal- 
micus trigemini in die obere Augenhöhlenspalte. — Nach Faesebeck soll der N. oculomo- 
torius auch zum M. obliq. superior und zum M. rectus externus feine Zweigchen senden. — 
Alle diese Nerven und nebstdem noch der Ram. ophth. trigemini treten durch die obere 
Augenhöhlenspalte in die Orbita, während die Vena ophthalmica durch die Spalte rück- 
wärts zum Sinus cavernosus verläuft. 

Die Function der Augenmuskeln ist eine mehrfache. Sie erhalten 
den Bulbus in einem gewissen Grade von Spannung, sie verlängern ihn 
behufs der Einrichtung fürs Erkennen naher Objecte in der Richtung 
der Sehachse durch seitliche Compression, und sie verändern die Stel- 
lung der Sehachsen derart, dass sie, bald mehr bald weniger zu ein- 
ander geneigt, jedem beliebigen Punkte im Horopter zugewendet wer- 
den können. Dass die Netzhaut als eigentlicher Regulator ihrer Func- 
tion betrachtet werden müsse, haben wir bereits S. 48 angegeben. 

Jeder Muskel wird im Momente der erhöhten Contraction kürzer, 
dicker, und falls er gekrümmt verläuft, der geraden Richtung mehr 
weniger genähert. Da nun sämmtliche Recti und Obliqui (der Obl. 
superior von der Rolle an) bogenförmig über eine mehr weniger grosse 
Strecke des Bulbus verlaufen, so ist an die Spannung jedes einzelnen 
sowohl als aller zusammen zugleich ein gegen den Bulbus gerichteter 
Druck gebunden, entsprechend der Kraft, mit welcher die Spannung 
geschieht, und der Krümmung, welche zwischen den Anhaltspunkten 
stattfindet. Dieser Druck geht offenbar, da die Muskelkrümmung über 
den Aequator bulbi streicht, von diesem aus gegen das Centrum (Dreh- 
punkt), so dass also bei erhöhter Muskelcontraction die Durchmesser 
des Bulbus im Äquator verkürzt werden müssen, wenn eine Formver- 
änderung des Bulbus überhaupt möglich ist. 

Der Bulbus enthält im normalen Zustande nicht so viel Flüssig- 
keit, als er seinem Lumen nach enthalten könnte. Er erhält jenen 
Grad von Spannung, den er darbietet, nicht durch sein Contentum 
allein, sondern erst unter Beihilfe der muskulösen Gebilde, welche theils 
in, theils ausser ihm liegen. Sein Lumen wird durch den Ciliarkörper, 
die Zonula Zinnii und die vordere Kapsel sammt der Krystalllinse wie 
durch ein Diaphragma in einen vordem und hintern Raum geschieden, 
wovon der erstere das Kammerwasser, der letztere den elastisch bieg- 



184 Augenmuskeln. 

samen Glaskörper enthält. Beide Contenta sind gleich andern Flüssig- 
keiten incompressibel. Das genannte Diaphragma steht nur durch die 
sehnige Anheftung des Ciliarmuskels an den vordersten Rand der Sclera 
und an den hintersten Rand der Cornea mit der Wandung des Bulbus 
in fester Verbindung, und diese Wandimg zeigt daselbst an ihrer Aus- 
senseite eine kreisförmige Einschnürung, indem die Cornea gleich einem 
Kugelsegmente von kleinerem Radius aus dem Ellipsoide, welches die 
Sclera darstellt, sich emporwölbt. Diese Scheidewand kann durch den 
an ihrer Peripherie zwischen sie und die Bulbuswandung eingeschobe- 
nen Ciliarmuskel in eine der jeweiligen äussern Muskelspannung adä- 
quate Spannung versetzt werden, und sichert eben durch den Zug 
nach innen den Fortbestand jener kreisförmigen Einschnürung, mithin 
auch die Wölbung der Cornea, trotzdem dass, wie wir weiterhin sehen 
werden, der Bulbus durch die Recti und Obliqui seitlich comprimirt 
werden kann. Ohne eine solche Stütze von innen müsste die besondere 
Wölbung der Cornea gleichsam in der allgemeinen des Bulbus auf- 
gehen. 

Dass aber der Bulbus seine gewöhnliche Spannung erst durch die 
Beihilfe der genannten Muskel erhält, ergibt sich aus mehreren That- 
sachen. Schon unmittelbar nach dem Tode, wo höchstens von vermin- 
dertem Blutgehalte, durchaus aber noch nicht von erheblichem Flüssig- 
keitsverlust durch Verdunstung die Rede sein kann, erscheint der Bul- 
bus weniger gespannt, das Auge gebrochen. Lässt man einen frischen 
Bulbus einige Zeit in Wasser liegen, so imbibirt er in den hintern 
Augenraum so viel Flüssigkeit, als er überhaupt in sein Lumen auf- 
nehmen kann, und erscheint dann hart, wie eine aufs Höchste gefüllte 
Blase. — Wird das genannte Diaphragma zerstört, wie bei der Recli- 
nation, so erscheint der Bulbus unmittelbar darnach, auch wenn kein 
Tröpfchen Contentuni ausgeflossen ist, minder gespannt und bleibt 
(auch nach andern Staaroperationen) so lange etwas weicher, bis ein 
neues Diaphragma zwischen Humor aqueus und vitreus hergestellt ist 
und dem Ciliarmuskel von innen her die gehörige Stütze gibt. Coccius 
überzeugte sich (nach mündlicher Mittheilung) von der Verminderung 
der Spannung des Bulbus bei Kaninchen nach Erschlaffung der Muskeln 
durch Chloroformnarkose. Aus diesen Thatsachen ergibt sich auch, 
dass die natürliche Spannung des Bulbus nicht etwa ein Ergebniss der 
Elasticität der Sclera und Cornea ist, welche überhaupt, was Ausdehn- 
barkeit betrifft, nach vollendetem Wachsthum nicht hoch angeschlagen 
werden kann. Übrigens ist es eine bekannte Sache, dass der Bulbus 
beim Betasten im normalen Zustande bei weitem nicht hart oder prall 



Physiologie. 185 

erscheint, wie eine vollständig gefüllte Blase, und der praktische Arzt 
hat so zu sagen täglich Gelegenheit, aus erhöhter Eesistenz oder einer 
gewissen Prallheit des Bulbus auf Exsudation im hintern Augenraume 
(Chorioiditis, Hydrops corporis vitrei) zu schliessen. 

Thatsachen, welche beweisen, dass die geraden Augenmuskeln im 
Verein mit den schiefen im Stande sind, bei durchbrochener oder nach- 
giebiger Wandung des Bulbus oder bei Verminderung seines Inhaltes 
(Phthisis et atrophia bulbi) einen bedeutenden Druck auf den Bulbus 
auszuüben, haben wir bereits im 1. Bande S. 225, 238 und 245, zum 
Theil auch im 2. Bande an verschiedenen Stellen angeführt. Dass aber 
die Recti im Verein mit den Obliquis auch im normalen Zustande einen 
mehr weniger starken Druck auf den Bulbus auszuüben vermögen, er- 
gibt sich schon aus der einfachen Betrachtung der fixen und der In- 
sertionspunkte dieser Muskeln. Diese verhalten sich zum Bulbus nicht 
wie Tangenten, wie noch immer behauptet wird, sondern verlaufen, 
noch ehe sie sich fest mit ihm verbinden, eine mehr weniger lange 
Strecke gekrümmt über seine grösste Wölbung am Äquator, wo die 
Sclera zugleich auffallend dünn ist. Wer nicht Gelegenheit hat, an hart 
gefrorenen Köpfen die geeigneten Durchschnitte mit einer dünnen Säge 
zu machen, sehe sich getreue Abbildungen an, namentlich die auf der 
S. Tafel von Sömmei-nng (Abbildungen des menschl. Auges, Frankfurt a. M. 
1S01), und die Ziehung gerader Linien vom Ursprünge der Recti bis 
zu ihren Insertionsstellen beantwortet diese Frage so zu sagen von 
selbst. Eine seitliche Compression des Bulbus durch die Recti würde 
jedoch nicht möglich sein, wenn nicht die Obliqui, mit ihren fixen 
Punkten am Eingange der Orbita gelegen, sich am hintern und äussern 
Umfange des Bulbus inserirten, und dem Zuge der Recti nach hinten 
widerstrebend, gleichzeitig auch vermöge ihres bogenförmigen Verlaufes 
über die grösste Wölbung des Bulbus die comprimirende Wirkung unter- 
stützen müssten. Die Obliqui sind ohne Zweifel Antagonisten der Recti, 
so fern sie die Zurückziehung des Bulbus durch letztere verhindern. 
Dieser Gegensatz und somit auch der daran gebundene seitliche Druck 
auf den Bulbus ist (mindestens im wachen Zustande) ein permanenter. 
Er steigt, wie wir später zeigen werden, bei der Einrichtung des 
Auges für nahe Objecte, und lässt sich dann, wie Gräfe zuerst beob- 
achtet hat, direct an der Steigerung des Centralvenenpulses mit dem 
Augenspiegel nachweisen. 

Die Spannung des Bulbus im normalen Zustande ist jederzeit viel 
zu gross, als dass eine Abplattung desselben durch das ihn hinten um- 
fangende Fettgewebe bewirkt werden könnte , wenn es auch wirklich 



186 Augenmuskeln. 

möglich wäre, dass der Bulbus gegen dasselbe angedrückt werden 
könnte. Ein harter Körper kann durch Andrücken an einen weichen 
nicht abgeplattet werden. Die merkwürdig hohe Zusammendrückbarkeit 
und Elasticität des retrobulbären Fettgewebes ist uns ein Postulat aus 
der freien Beweglichkeit des Sehnerven in demselben. Vermöge dieser 
Eigenschaft gestattet dieses Fettgewebe ganz gewiss ein eben so leich- 
tes und freies Rück- und Vorwärtstreten der hintern Bulbuswand, ohne 
welches — da ein Ausweichen der Cornea nach vorn laut Beobachtung 
nicht stattfindet , und die Contenta bulbi so gut als gar nicht compres- 
sibel sind — eine seitliche Compression des Bulbus durch die Recti 
und Obliqui nicht gedacht werden könnte. Um so viel als der Bulbus 
von den Seiten her comprinairt wird, um so viel oder doch nicht um 
viel weniger muss derselbe in der Achse verlängert werden, durch Rück- 
wärtsweichen seiner hintern Wandung. Mehr hierüber bei der Be- 
sprechung der Accommodation, Kurz- und Weitsichtigkeit. 

Das Studium der Function der einzelnen Augenmuskeln wird we- 
sentlich erleichtert, wenn man eine alte irrige Vorstellung aufgibt, die 
nämlich, dass bei erhöhter Wirkung (Verkürzung) des einen die übrigen 
oder doch seine Antagonisten erschlafft seien, statt dass man sagen 
sollte, sie werden bei gleicher Spannung nur um so viel länger, als die 
Verkürzung des die Ablenkung vermittelnden- es nach der jeweiligen 
Lage des Bulbus erheischt. Das Irrige dieser Vorstellung tritt scharf 
hervor in dem daraus consequent gefolgerten Schlüsse, dass, wenn man 
den Muskeln überhaupt eine comprimirende Wirkung auf den Bulbus 
einräume, dann bei Contraction des einen und Erschlaffung der übrigen 
Muskeln dieselbe Erscheinung eintreten müsse, Avie beim Drucke des 
Fingers auf eine hinter der Ora serrata gelegene Partie, nämlich sub- 
jective Lichtempfindung. Wenn aber ein Muskel, z. B. der R. externus, 
durch den Nerveneinfiuss verkürzt wird, um das Hornhautcentrum nach 
seiner Seite hin zu rollen, so darf man sich nicht vorstellen , dass sein 
Antagonist (der R. internus) erschlafft, minder gespannt werde. Er wird 
diess in diesem Momente eben so wenig als alle übrigen; alle beharren 
in dem gleichen Grade der Spannung, nur dass, wenn wir bei obigem 
Beispiele bleiben, der R. internus in demselben, und der R. superior 
und inferior in etwas geringerem Masse länger werden, während der 
externus und mit ihm zugleich, nur in geringerem Masse, die beiden 
Obliqui kürzer werden. Der Bulbus dreht sich um den in seinem 
Centrum gelegenen Drehpunkt (um eine durch denselben laufende Achse) 
wie eine Rolle um die Spindel. Die Spannung des verkürzten Muskels 
und folglich auch sein Druck gegen den Bulbus ist nicht grösser als 



Physiologie. 187 

die des langer "werdenden Antagonisten, sonst könnte der Bulbus nicht 
in jedem Momente des Überganges von einer Stellung zur andern (vom 
innern zum äussern Augenwinkel) als ruhend betrachtet werden, wie er 
es doch offenbar ist, wenn ich z. B. diese Zeile von Anfang bis zu 
Ende lese. Es ist ein stetes Fortschreiten von einem Punkte zum andern, 
etwa so, wie wenn an einem über eine Rolle verlaufenden Seile jeder- 
seits ein gleich schweres Gewicht hängt, die Gewichte auf- und ab- 
steigen können, ohne dass die Spannung des Seiles auf der einen Seite 
ab-, auf der andern zunimmt, und ohne dass der Druck, den das Seil 
gegen den fixen Punkt der Rolle hin ausübt, auf der einen Seite grösser 
wäre, als auf der andern. 

Jeder Bulbus für sich kann mit einem Fernrohre verglichen wer- 
den, welches für verschiedene Entfernungen eingestellt (eingeschoben 
oder ausgezogen), überdiess aber, in seinem Schwerpunkte befestigt, 
bei jeder beliebigen Einstellung oder Länge mit dem Objectivglase 
nach verschiedenen Richtungen (innerhalb eines gewissen Kreises) ge- 
lenkt werden kann, jedoch so, dass dabei sein Schwerpunkt immer 
nahezu an derselben Stelle im Räume bleibt. Man denke sich nun zwei 
solche für beliebige Distanzen einstellbare (accommodirbare) und um je 
einen fixen Punkt bewegliche Fernröhre nebeneinander auf einen z. B. 
100 Fuss entfernten Punkt eingestellt und gerichtet, und in dieser Ein- 
stellung und Neigung zu einander verharrend, nach und nach auf andere, 
in der Horizontalen links und rechts gelegene Punkte gelenkt, so wer- 
den diese Punkte, offenbar in einer krummen Linie liegen, welche man 
erhält, wenn man durch die beiden fixen Punkte der Fernröhre und 
durch den Punkt, auf den sie ursprünglich gerichtet wurden, einen Kreis 
beschreibt. Die Distanz der beiden fixen Punkte der Fernrohre bildet 
dann eine Sehne dieses Kreises. Es können aber die beiden Fernröhre 
unbeschadet ihrer Einstellung und gegenseitigen Neigung zu einander 
nicht bloss in der Horizontalen bis zu einer gewissen Grenze links und 
rechts herumbewegt werden, sondern auch in der Verticalen auf- und 
abwärts, und der Kreuzungspunkt ihrer verlängert gedachten Achsen 
wird jetzt ebenfalls eine Kreislinie beschreiben. Den Radius dieses 
Kreises bildet aber eine gerade Linie, welche man erhält, wenn man 
jenen Kreuzungspunkt verbindet mit dem Mittelpunkte der Distanz 
zwischen den fixen Punkten der Fernröhre. Würde man nun noch unter 
Beobachtung derselben Bedingungen die Fernröhre so lenken, dass der 
Kreuzimgspunkt ihrer verlängerten Achsen nach und nach auf verschie- 
dene Punkte in den dazwischen liegenden Quadranten, z. B. links und 
oben oder rechts und unten u. s. w. zu liegen käme, so würden sämmt- 



1S8 Augenmuskeln. 

liehe Punkte, welche jener Kreuzungspunkt nach und nach (sowohl 
in den horizontalen, als in den verticalen und in den schiefen oder 
Zwischenrichtungen) durchlaufen hat, die Oberfläche eines Sphäroides 
darstellen, oder gleichsam eine hohle Schale, deren Gestalt sich mathe- 
matisch bestimmen lassen würde. Diese sphäroidale Fläche oder Schale 
mag dem Leser einen ungefähren Begriff geben von dem, was man 
Horopter nennt. Stellen wir die Fernröhre ceteris paribus für 500 statt 
für 100 ein, so werden bloss die beschriebenen Kreise grösser, wir 
erhalten statt des engeren einen weiteren Horopter. Da die Augen gleich 
den supponirten Fernröhren für verschiedene Distanzen eingestellt und 
dann unter einer sich stets gleich bleibenden Neigung der Sehachsen zu 
einander herum bewegt werden können, so gibt es für jedes Individuum 
(mit gleichen Augen) so viele Horopter, als Distanzen der Sehweite. 
Die Sehweite ist aber bei allen Individuen auf einen gewissen Spiel- 
raum angewiesen; sie reicht z. B. beim normalen Auge nicht unter 5", 
bei Kurzsichtigen wohl näher, z. B. bis auf 3", dann aber auch nicht 
so weit, z. B. nur auf 9". Die mittlere Sehweite bezeichnet man dann 
der Kürze halber wohl auch mit dem Ausdrucke Mesoropter. Näheres 
hierüber bei der Kurz- und Weitsichtigkeit. Wir wollen hier vorläufig 
nur so viel erörtern, als zum Verständniss der Bewegungen der Augen 
und ihrer Beziehung zur Accommodation erspriesslich und nothwendig 
erschien. 

Durch die Augenmuskeln kann die Stellung der Bulbi mit der gröss- 
ten Leichtigkeit und Behendigkeit so verändert werden, dass jederzeit 
nicht nur das Centrum einer jeden Netzhaut der Reihe nach irgend 
einem und demselben Punkte des Gesichtsfeldes zugewendet wird, 
sondern auch zugleich die übrigen Partien der Netzhaut eines jeden 
Auges dieselbe relative Lage zu je einem Objecte des Gesichtsfeldes 
einnehmen. Das Erstere wird vorzugsweise durch die Recti, das Letz- 
tere vorzugsweise durch die Obliqui bewirkt. Die Bewegungen, welche 
zum Zwecke haben, das Centrum der Netzhäute je einem beliebigen 
Punkte des Gesichtsfeldes gegenüber zu stellen, sind Gegenstand des 
Bewusstwerdens, sie mögen nun direct vom Willen oder als Reflexbe- 
wegungen von der Netzhaut aus angeregt werden; sie treten theils als 
assoeiirte, theils als aecommodative Bewegungen in die Erscheinung 
(Bewegungen in demselben Horopter, Richtbewegungen, und Abände- 
rung des Horopters). Die dabei nothwendig und unabhängig vom Be- 
wusstsein stattfindende Thätigkeit der Obliqui, sofern sie nicht etwa die 
Wirkung der Recti unterstützt, erscheint gleichsam als coordinirte Cor- 
rection; sie verhindert, dass bei den assoeiirten oder aecommodativen 



Physiologie. 1 89 

Bewegungen nicht etwa relativ verschiedene peripherische Partien der 
einen und der andern Netzhaut einem und demselben seitlichen Objecte 
des Sehfeldes zugewendet werden ; sie erhält so zu sagen die correspon- 
dirende Lage der correspondirenden Meridiane der Netzhaut aufrecht. 
Die Recti können nämlich vermöge ihres Ursprunges und vermöge ihrer 
Insertion am Bulbus, wenn wir uns diesen als nur in seinem Mittel- 
punkte unverrückbar, übrigens aber in jeder Richtung um denselben 
drehbar denken, wie er es in der That auch ist, höchstens so viel be- 
wirken, dass sie jederzeit die Macula lutea jedes Auges einem und 
demselben beliebigen Objecte gegenüber stellen, d. h. dass sich beide 
Sehachsen bald in einem nahen, bald in einem fernen, bald in einem 
gradaus, bald in einem links, rechts, oben u. s. w. gelegenen Objecte 
treffen ; sie können aber nicht verhüten, dass sich der Bulbus bei diesen 
Übergängen zugleich um die Drehachse drehe, was bei dem raschen 
Wechsel der Objecte in ihrer Distanz unvermeidlich sein würde, wenn 
nicht gleichzeitig die Obliqui in Thätigkeit träten, um einer jeden Netz- 
haut dieselbe relative Stellung zum Sehfelde zu sichern. Man wird die 
Notwendigkeit einer solchen Correction leicht einsehen, wenn man be- 
denkt, dass die Lage der Recti um den Bulbus keine symmetrische ist, 
und dass die Sehachse nicht mit der Achse des pyramidalen Raumes 
zusammenfällt, an dessen Spitze die Ursprünge, an dessen Basis die 
Insertionen der Recti liegen. 

Denjenigen, welche sich aus eigener Anschauung eine klare Ansicht über die hier 
in Betracht kommenden mechanischen Verhältnisse machen wollen, empfehle ich, sich 
Bulbi in Chromsäure zu erhärten (allmälig, damit sie nicht einschrumpfen), an denen 
die Eecti etwa bis zum Äquator, die Obliqui bis zur Kreuzung mit den Eectis gelassen 
sind, jedoch so , dass sie bis genau zu ihren Insertionslinien von der übrigens ganz rein 
präparirten Sclera nach Bedarf abgehoben werden können. Durch jeden der so zubereite- 
ten Bulbi steche man eine etwa 1 V2" lange Nadel vom Hornhautcentrum zum hintern 
Pole durch, um sich die Sehachse genau vorstellen zu können. Ebenso führe man eine 
zweite Nadel im Äquator horizontal mitten durch den Bulbus. Eine dritte, vertical im 
Äquator durchgeführt, dürfte schon überflüssig sein, um sich die nöthigen Durchschnitts- 
ebenen durch den Bulbus richtig vorstellen zu können. Mittelst Wachskugeln an der in- 
nern und äussern Wandung der Orbita eines Schädels befestige man nun die von der 
Schläfe- nach der Nasenseite durchgeführte Nadel im Eingange der Augenhöhle, und 
schütze den Bulbus gegen Drehung allenfalls noch durch eine Wachsunterlage am untern 
Orbitalrande. Kann man sich die Insertionslinien der Obliqui bei dieser nun möglichst 
naturgetreuen Lage des Bulbus nicht klar vorstellen, so nehme man einen aufgesägten 
Schädel und entferne die obere Wandung der Orbita. Damit die Nadel, welche die Sehachse 
vorstellt, parallel zur verticalen Medianebene des Kopfes gehe, demnach bei horizontalem 
Verlaufe von vorne nach hinten senkrecht auf der verticalen Antlitzfläche stehe, muss die 
Wachskugel zur Aufnahme der zweiten Nadel an der Schläfeseite vor dem Orbitalrande 
angebracht werden. 



190 Augenmuskeln. 

Die Bestimmung- des Antheiles, welchen jeder einzelne Muskel an 
den verschiedenen Bewegungen und Haltungen des Augapfels nimmt, 
ist unerlässlich zur Beurtheilung von Krankheitsfällen, z. B. bei Läh- 
mung eines oder mehrerer Augenmuskeln; sie ist aber äusserst schwierig 
und bis jetzt nur bis zu einem gewissen Grade möglich, weil kein 
Muskel für sich allein wirkt, sondern immer alle zugleich thätig sind, 
weil die Abänderung in der Stellung des Bulbus, wenn auch vorzüglich 
durch Verkürzung eines oder zweier Muskeln bewirkt, dennoch immer 
durch Mitwirkung eines oder mehrerer Muskeln unterstützt, und durch 
entsprechende Verlängerung nicht bloss eines, sondern zweier oder 
dreier zugleich antagonistisch moderirt wird, weil dabei immer die 
frühere Stellung von mehr weniger bedeutendem Einflüsse ist, und 
endlich weil Uberdiess die Gruppirung der verkürzten Muskeln und der 
Grad ihrer Verkürzung verschieden ausfallen muss, je nachdem die- 
selbe Bewegung in einem engen oder in einem weiten Horopter aus- 
geführt wird. — Die wichtigsten Momente zur Beurtheilung der Be- 
theiligung eines Muskels sind: die Stelle des Ursprunges (eigentlich 
des fixen Punktes) und der Insertion, die Richtung der Insertionslinie 
und die Lage ihres Mittelpunktes, die Krümmung des Muskels oder 
der Sehne zwischen dem fixen Punkte und der Insertion, die Dicke, 
Breite und Länge der Muskelbäuche und Muskelsehnen, und die rela- 
tive Lage longitudinaler und transversaler Durchschnittsebenen der 
Muskeln und ihrer Endsehnen zum Drehpunkte und zu gewissen, durch 
denselben geführten Durchschnittsebenen des Bulbus. Mit Rücksicht 
auf diese Momente lässt sich über die Wirkung jedes einzelnen Mus- 
kels, jedoch ganz im Allgemeinen, ohngefähr Folgendes mit Bestimmt- 
heit angeben: 

Der R. internus rollt das vordere Ende der Sehachse (Hornhaut- 
centrum) horizontal ein-, der E. externus dagegen auswärts, voraus- 
gesetzt, dass die Obliqui und die andern beiden Recti dabei einander 
das Gleichgewicht halten. Denn würde in demselben Momente, wo der 
R. internus kürzer wird, z. B. der R. superior kürzer, als der R. in- 
feribr, so müsste die Pupille nach innen und oben gerollt werden. — 
Ebenso würde, da bei Verkürzung des R. internus, mit welchem immer 
auch eine mehr weniger geringe Verkürzung des R. superior und in- 
ferior zugleich erfolgt, das Gegengewicht durch den R. externus im 
Verein mit den beiden Obliquis hergestellt wird, der Ausfall eines 
Obliquus, z. B. des Obl. superior, das bewirken, dass der Bulbus nicht 
bloss ein wenig um die Sehachse gedreht würde, wobei der R. superior 
etwas gegen die Schläfe hin verrückt werden müsste, sondern auch, 



Physiologie. 191 

dass die Pupille stärker nach innen und zugleich ein wenig nach oben 
abgelenkt werden würde, als wenn der Rectus externus in seinem An- 
tagonismus gegen den R. internus durch beide Obliqui zugleich unter- 
stützt wird. — Eine Ebene, mitten durch die Insertionslinien dieser 
beiden Recti und durch den Bulbus bis zum Sehnervenloche geführt, 
geht durch den Drehpunkt des Auges, trennt den Bulbus in eine untere 
und eine obere Hälfte, und die durch den Drehpunkt verlaufende ver- 
ticale Äquatorialachse steht senkrecht auf dieser Ebene; wenn sich dem- 
nach die Pupille in dieser Ebene links oder rechts wendet, so ist jene 
verticale Äquatorialachse seine Drehungsachse, d. h. die Drehungsachse 
für den R. internus und externus. 

Der i?. superior rollt das Hornhautcentrum nach oben, jedoch nicht 
vertical, sondern ein wenig zur verticalen Medianebene des Kopfes 
zuneigend; bei der Abwärtsrollung des Bulbus durch den R. inferior 
tritt die Zuneigung zur verticalen Medianebene noch etwas stärker her- 
vor. Eine Ebene, mitten durch die Insertionslinien und weiterhin 
mitten durch die Muskelbäuche des R. superior und inferior bis zum 
Sehnervenloche gelegt, geht nicht durch den Drehpunkt, sondern 
streicht an der Nasenseite neben ihm vorbei; sie steht überdiess nicht 
vertical auf der Horizontalen, sondern neigt sich unten etwas zur Nase- 
herüber. Hienach lässt sich die gemeinschaftliche Drehungsachse für 
diese beiden Recti an und für sich so wie bei den andern beiden be- 
stimmen. Soll der Bulbus um eine von der Nasen- zur Schläfeseite 
parallel zur Antlitzfläche durch den Drehpunkt verlaufende Achse ge- 
rollt werden (vertical auf- und abwärts), so kann diess durch die in 
Rede stehenden Recti allein nicht bewirkt werden; es ist diess nur dann 
möglich, wenn zugleich die beiden Obliqui und der R. externus ver- 
kürzt werden, was — relativ zum R. internus — natürlich in verschie- 
denem Grade stattfinden wird, je nachdem die Pupille dabei in der 
Mitte der Lidspalte oder in der Nähe des innern oder äussern Augen- 
winkels auf- und abwärts steigen soll. 

Der Obl. superior rollt das Hornhautcentrum nach unten und aussen, 
dreht aber zugleich den Bulbus ein wenig oben herüber, so dass das 
obere Ende der verticalen Äquatorialachse etwas zur Nase zugeneigt, 
der Bulbus in dieser Richtung ein wenig um die Sehachse gedreht 
werden kann; der Obl. inferior rollt das Hornhautcentrum nach oben 
und aussen, und kann zugleich eine Drehung des Bulbus um die Seh- 
achse in entgegengesetzter Richtung bewirken, wenn ihm nämlich der 
Obl. superior hierin nicht als Antagonist entgegentritt. Diese Wirkungs- 
weise ist constatirt durch die unmittelbare Beobachtung, für den Obl. 



192 Augenmuskeln. 

superior bei Lähmung des Nerv, oculomotorius , für den Obl. inferior 
bei Lähmung des N. trochlearis. Ist der Rectus externus vollständig 
gelähmt, oder so durchschnitten, class er auch nicht mittelst der seit- 
lichen Invagination in der Tunica vaginalis auf den Bulbus wirken 
kann, dann kann der Bulbus niemals über die Mitte der Lidspalte 
hinaus nach aussen gerollt werden. Rücksichtlich der Drehungsachsen 
für die Obliqui wage ich keine bestimmte Ansicht auszusprechen; es 
finden in ihren Insertionslinien, welche ziemlich bogenförmig und über- 
diess schräg verlaufen (nicht quer auf die Richtung der Muskel- und 
Sehnenfasern), sowohl in Bezug auf die durchschnittliche (mittlere) 
Richtung als in Bezug auf die relative Lage und Distanz vom hintern 
Pole bei verschiedenen Individuen sehr erhebliche Variationen statt. 
Macht man keinen Anspruch auf grosse Genauigkeit, so kann man sich 
eine gerade Linie, vom äussern Rande der Cornea zum innern Rande des 
Sehnerveneintrittes durch den Drehpunkt gezogen, als gemeinschaftliche 
Drehungsachse der Obliqui denken. 

Bei der Betrachtung des Antheiles, welchen die verschiedenen Mus- 
keln zusammen an der Hervorrufung und Erhaltung einer bestimmten 
Stellung des Blickes nehmen, muss jederzeit zugleich auf den jewei- 
ligen Horopter Rücksicht genommen werden. Bei den bisherigen An- 
gaben über die Wirkungsweise der einzelnen Muskeln haben wir auf 
den Horopter keine Rücksicht genommen, oder vielmehr wir haben von 
der accommodativen Thätigkeit des Sehorganes vorläufig Umgang ge- 
nommen. Unser Blick wechselt aber beständig nicht nur in Bezug auf 
rechts, links, oben, unten, und die Zwischenrichtungen, sondern auch 
in Bezug auf die Distanz in jeder möglichen Richtung. — Der Blick 
gradaus und in weitem Horopter, wie etwa in einer Ebene nach den 
Grenzen des Horizontes, dürfte wohl als Mittelstellung, als jener Stand 
des Auges betrachtet werden können, bei welchem sämmtliche Recti 
und Obliqui in gleicher Weise in Anspruch genommen werden, d. h. 
das Mittel zwischen äusserster Verkürzung und Verlängerung darbieten. 
Er wird kurzweg auch als Zustand der Ruhe bezeichnet, was nur in 
Bezug auf die Accommodationsthätigkeit als richtig zugegeben werden 
kann. — Je enger der Horopter wird, desto kürzer werden die beiden 
Recti interni, zugleich auch, nur in minderem Grade, der R. superior 
und inferior, während der R. externus in gleichem, die Obliqui dagegen 
in viel geringerem Masse länger werden, überdiess aber sämmtliche 
Recti und Obliqui in erhöhte Spannung gerathen. Das Gesammter- 
gebniss ist nicht nur Näherung der Pupillen zu einander, sondern 
auch — wovon wir später noch sprechen werden — Erhöhung der 



Physiologie. 193 

seitlichen Compression des Bulbus und entsprechende Verlängerung- der 
Sehachse. In diesem Zustande nun kann der Blick in demselben Ho- 
ropter herumgeführt werden, und geschieht diess in der Horizontalen, 
d. h. gerade von links nach rechts oder umgekehrt, so wird in dem 
relativen Verhältniss der oben als Antagonisten bezeichneten Muskel- 
gruppen nichts verändert, als dass die einen kürzer, die andern länger 
werden. Wird der Horopter noch enger, so steigt die Zuneigung der 
Pupillen zu einander und die Spannung sämmtlicher Muskel noch mehr, 
ohne Behinderung der Beweglichkeit der Bulbi nach der einen oder 
der andern Seite hin. — Beim Blicke des einen Auges nach innen und 
oben ist der Blick des andern entweder gleichfalls nach innen und 
oben gerichtet (enger Horopter), oder aber nach aussen und oben. Das 
eine wird zunächst durch den R. internus und superior, das andere 
durch den R. externus und superior bewirkt; die Wirkung der Obliqui 
dabei ist theils eine die Richtung unterstützende, theils eine die relativ 
gleiche Stellung der Netzhäute vermittelnde. Da die Verkürzung des 
R. internus und superior eine solche Drehung des Bulbus zur Folge 
haben müsste, dass das obere Ende der verticalen Aquatorialachse 
(oder des verticalen Meridianes) sich der verticalen Medianebene des 
Kopfes nähern müsste, so muss die gleichzeitig eintretende Verkürzung 
des Obl. inferior diese Drehung verhindern oder doch so moderiren, 
dass jene Annäherung der obern Achsenenden auf beiden Augen in 
gleichem Masse stattfindet. Die Verkürzung des Obl. inferior muss 
um so stärker sein, je mehr der R. internus und superior contrahirt 
sind, d. h. je näher das oberhalb der Horizontalen befindliche Object 
an das Auge herangerückt wird. Geht aber der Blick des einen Auges 
nach innen und oben, der des andern nach aussen und oben, so wird 
diese Correctur auf dem zweiten Auge (die Verhinderung der zu starken 
Ablenkung des obern Endes der verticalen Achse) durch den Obl. su- 
perior vermittelt. — Beim Blicke des einen Auges nach innen und 
unten nimmt das zweite Auge dieselbe Stellung an, oder die nach unten 
und aussen. Die gleichzeitige Verkürzung des R. internus und inferior 
bei entsprechender Verlängerung des R. extemus und superior müsste 
aber das untere Ende der verticalen Augenachse näher an die verticale 
Medianebene bringen; es wird daher die Aufgabe des Obl. superior 
die Rollung nach unten zu unterstützen, zugleich aber auch, unter ent- 
sprechender Gegenwirkung des Obl. inferior, die genannte Drehung der 
verticalen Achse zu moderiren, indem er das obere Ende derselben zur 
Medianebene herüber hält. Geht aber der Blick des zweiten Auges 
nach unten und aussen, so übernimmt auf diesem Auge der Obl. in- 

Arlt Augenheilkunde. III. 13 



194 Augenmuskeln. 

ferior in entsprechender Gegenwirkung gegen den Obl. superior die 
Correctur der verticalen Achse (der Meridiane). 

Nach meiner Überzeugung bleiben die verticalen Äquatorialachsen, oder was auf 
Eins hinauskommt, die verticalen Meridiane der beiden Netzhäute einander nicht bei 
allen Stellungen der Bulbi parallel. Sie verlaufen beide zu einander parallel, mithin beide 
vertical, wenn wir auf entfernte Objecte gerade vor uns blicken: sie treten oben etwas- 
auseinander, wenn wir in die Ferne aufwärts blicken; sie neigen sich unten zu einan- 
der beim Blicke nach unten, und zwar um so mehr, je näher an die Augen das fixirte- 
Object gerichtet wird. Da die Durchführung dieses Thema, welches mit der Lehre von 
der Identität der einzelnen Netzhautpunkte als etwas Angeborenem innigst zusammenhängt, 
hier zu weit führen würde, so genüge es, bloss darauf hingewiesen zu haben, und noch 
einige darauf Bezug habende Thatsachen in Kürze anzuführen. Beim Blicke nach unten 
waltet eine entschiedene Tendenz zu . stärkerer Convergenz der Sehachsen ob. Wollen 
wir in die Ferne blicken, so neigen wir, falls das Object nicht über der Horizontalen 
liegt, den Kopf ein wenig vorwärts, wodurch die Stellung der Sehachsen relativ zur 
Orbita eine aufwärts gerichtete, also der geringeren Convergenz der Sehachsen günsti- 
ger wird. Hingegen halten wir alle feinen, nur in grosser Nähe deutlich erkennbaren 
Objecte unterhalb der Horizontalen vor die Augen , weil bei vorwaltender Thätigkeit 
(Verkürzung) der untern geraden Augenmuskeln ein gewisser Grad von Convergenz der 
Sehachsen eo ipso gegeben ist. "Wird von den Augen gefordert, nach unten in grosse 
Ferne zu schauen, z. B. von einem Thurme, also die Sehachsen bei abwärts gerichtetem 
Blicke mehr auseinander zu halten, so müssen nicht nur beide Obliqui superiores, son- 
dern auch wahrscheinlich beide Recti externi in viel mehr erhöhte Thätigkeit treten, 
als wenn dasselbe Object in gleicher Entfernung gerade vor den Augen läge. Es ist 
wahrscheinlich, dass hierin der Grund des Schwindels liegt, wenn beim Herabblicken 
von einer steilen Höhe diese ungewohnte Stellung und Haltung von den Augen verlangt 
wird. Die betreffenden Muskeln gerathen bei dieser ungewöhnlichen Combination un& 
Kraftanstrengung in zitternde Bewegungen, was den Eindruck macht, als bewegten sich 
die Objecte des Sehfeldes. 

Diese kurzen und mehr allgemein gehaltenen Andeutungen über die Function 
der Augenmuskeln überhaupt und im Besondern mögen vorläufig genügen. Die nach- 
folgenden Erörterungen über die Accommodation, über Kurz- und Weitsichtigkeit , über 
Muskellähmungen u. s. w. werden ohnehin noch erheischen, hie und da genauer darauf 
einzugehen. 

Über die Accoiiimodatioii, das Einrichtungsverniögen der Augen. 

Unser Auge stellt eine Camera obseura vor. Die Hornhaut mit dem 
Krystallkörper und dem zwischen beiden eingeschlossenen Kammer- 
wasser bildet das Objectiv oder Sammelglas, die Netzhaut den Schirm 
und der Glaskörper das Zwischenmedium zwischen beiden. Unter die 
wesentlichen Bedingungen des deutlichen Sehens gehört die, dass die 
auf der Netzhaut entworfenen Bilder der Objecte bis zu einem gewissen 
Grade scharf begrenzt sind, dass die Netzhaut jederzeit in der der je- 
weiligen Objectdistanz entsprechenden Vereinigungs weite liegt. Sollen 



Physiologie — Aceomniodation. 195 

Objecte von sehr differenter Entfernung auf dem Schirme einer Camera 
obscura scharf abgebildet werden, so kann diess nur nach und nach 
und nur mittelst Veränderung in der Camera selbst geschehen; denn 
die Bilder naher Objecte werden weiter hinter der Sammellinse ent- 
worfen, als die von entfernteren Objecten. Dieser Anforderung kann 
auf mehrfache Weise Genüge geleistet werden: a) indem, wenn nahe 
Objecte abgebildet werden sollen, der Schirm zurückgestellt oder das 
Objectiv vorgerückt, überhaupt die Distanz zwischen Objectiv und 
Schirm vergrössert wird; b) indem zu demselben Zwecke eine Linse 
von kleinerem Radius gewählt, die Wölbung der Sammellinse erhöht 
wird; oder c) indem in den Brechungsverhältnissen zwischen der 
Sammellinse und den Medien vor oder hinter derselben entsprechende 
Veränderungen angebracht, z. B. behufs der Abbildung naher Objecte 
eine Linse von einem grössern Brechungsindex (grösserer Dichtigkeit) 
eingesetzt oder die Brechungskraft (Dichtigkeit) des vor oder hinter 
der Linse gelegenen Mediums nach Erforderniss vermindert wird. Bei 
gleichzeitiger Anwendung zweier dieser Mittel würde natürlich von 
jedem derselben viel weniger gefordert werden, um dasselbe Resultat 
zu erzielen. 

Seit Kepler nachgewiesen hat, dass im Auge dieselben dioptrischen 
Verhältnisse obwalten, wie in einer Camera obscura, wurde ziemlich 
allgemein angenommen, dass im Auge behufs des Deutlichsehens naher 
und ferner Objecte auch Veränderungen der einen oder der andern 
Art vor sich gehen, dass das Auge ein Accommodationsvermögen be- 
sitze. Nur wenig Forscher meinten, das Auge sei schon an und für 
sich so beschaffen, dass eine Änderung seines Refractionszustandes zu 
diesem Behufe nicht nothwendig sei. So meinte Treviranus in dem 
geschichteten Baue der Krystalllinse, in ihrer gegen den Kern hin 
schichtenweise zunehmenden Dichtigkeit das Mittel gefunden zu haben, 
dass sowohl nahe als ferne Objecte auf der Netzhaut deutlich abgebildet 
werden könnten. Diese Ansicht ist theils theoretisch — von Kohl- 
rausch — theils factisch durch Beobachtungen (wovon später) widerlegt 
worden. Ebenso ist die Annahme, dass die Netzhaut im hintern Pole 
eine nach innen hervorspringende Falte darbiete, und die Bilder ent- 
fernter Objecte auf, die Bilder naher Objecte neben dieser Falte (also 
weiter hinten) entworfen würden, schon dadurch widerlegt worden, 
dass man die Nichtexistenz einer solchen Falte während des Lebens 
nachgewiesen hat (durch Untersuchung von Hingerichteten unmittelbar 
nach dem Tode, durch den Augenspiegel). Die Abänderung des Re- 
fractionszustandes behufs des Deutlichsehens von Objecten sehr diffe- 

13* 



196 Augenmuskeln. 

renter Entfernung, schon früher aus den Versuchen von Scheine®, Mile, 
Volkmann u. A. bestimmt gefolgert, ist seit der Erfindung des Augen- 
spiegels Thatsache der unmittelbaren Beobachtung, und es kann von 
nun an nur noch die Frage sein, auf welche Weise die Accommodation 
des Auges für verschiedene Sehweiten vermittelt werde, für welche 
Distanzen der Objecte und bis zu welchem Grade solche Veränderungen 
gefordert werden. 

„Man lasse, indem man ein normales Auge mit dem Augenspiegel untersucht, das- 
selbe einen Gegenstand fixiren, der von ihm eben so weit entfernt ist, als ein Faden, 
den man quer vor dem Glase der Beleuchtungslampe aufgespannt hat. Der Beobachter 
sieht alsdann die Elemente der Netzhaut und das Bild des Fadens gleich deutlich. Rückt 
man nun, während der Beobachtete fortwährend jenen Gegenstand fixirt, den Faden seinem 
Auge näher oder ferner, so wird er im Netzhautbilde undeutlich, oder verschwindet 
gänzlich , während die Retinatheile deutlich bleiben. Man ersieht daraus, dass Netzhaut- 
bilder von verschieden entfernten Gegenständen in der That nicht gleich deutlich sind. 
Alsdann stelle man den Faden wieder so, dass man ihn im Netzhautbilde gleichzeitig 
mit den Gefässen deutlich erscheinen sieht, und lasse das beobachtete Auge einen Punkt 
fixiren, welcher (in derselhen Richtung) entweder viel weiter oder viel näher ist, als der, 
auf den es vorher gerichtet war; sogleich sieht man Netzhaut und Flammenbild ver- 
schwimmen und undeutlich werden." (Heimholte, Augenspiegel, 1851 S. 37.) 

Hält man eine undurchsichtige Platte (Kartenblatt) mit zwei feinen Offnungen (Na- 
delstichen), welche nicht ganz so weit von einander abstehen , als der Durchmesser der 
Pupille beträgt (also etwa 1"'), nahe vor das Auge (weniger als ö'/a'")) un d visirt nun 
durch diese Öffnungen in einer Linie gerade vor sich hin auf einen feinen Gegenstand, 
etwa eine Nadel vor einem lichten Hintergrunde, welche in dieser Linie fortbewegt wer- 
den kann, so erscheint die Nadel, nahe hinter der Platte gehalten, doppelt; dann, bis zu 
einer gewissen Entfernung fortgerückt, einfach; endlich, über eine gewisse Grenze ent- 
fernt, wieder doppelt. Der Raum, in welchem die Nadel einfach erscheint, heisst die 
deutliche Sehioeite; sein Grenzpunkt gegen das Auge her: der Nahepunkt, der entgegen- 
gesetzte : der Fernpunkt. Die Lage des Nahepunktes ist in der Regel 5 (4 — 6) Zoll vor 
dem Hornhautcentrum, ausnahmsweise (bei sehr Kurzsichtigen) jedoch bis auf 2 und 
selbst l 3 /* Zoll herangerückt. Der Ort des Fernpunktes lässt sich nur an solchen Augen 
genau bestimmen, an welchen er abnorm nahe gerückt ist (bei Kurzsichtigen), indem bei 
beträchtlicher Entfernung eines so kleinen Objectes, wie bei diesem Versuche, nicht nur 
der Sehwinkel (Netzhautbild), sondern auch die Lichtmenge (scheinbarer Glanz des Netz- 
hautbildes) und die Energie der Netzhaut (Feinheit des Gesichtes) von bedeutendem 
Einflüsse auf die Wahrnehmung des Doppelbildes sind. 

„Betrachtet man nach Scheiner s Angabe durch eine solche Platte mit 2 Öffnungen 
zwei Nadeln, deren eine näher, die andere ferner aufgesteckt ist, so nämlich, dass beide 
in die Sehachse und innerhalb der Grenze des deutlichen Sehens zu stehen kommen , so 
erscheinen zunächst zwei lichte Kreise, welche sich zum Theil decken, und in diesem 
mittlem (lichteren) Theile die Nadeln. Fixirt man nun beliebig die eine oder die an- 
dere Nadel, so erscheint jedesmal die nicht fixirte doppelt und nur die fixirte einfach. 
Der Grund ist folgender. Es sei in Fig. 1. 



Physiologie — Acconiniodation. 



197 




a die entferntere Stecknadel und das Auge auf diese gerichtet. Es sei ferner b die 
zu nahe gelegene Nadel, und Im das doppelte Kartenloch. Die von a ausgehenden 
Strahlen al und am werden auf der Netzhaut bei a' vereinigt, die von b einfallenden 
Strahlen bl und bin vereinigen sich dagegen erst hinter derselben bei b'. Daher treffen 
die Strahlen von b, welche durch l ins Auge dringen, die Netzhaut bei s, während die 
durch in auffallenden dieselbe bei r treffen. So entstehen zwei blasse Bilder bei s und r, 
statt eines einzigen und intensiv beleuchteten bei «'. — Fixirt man dagegen 6, so er- 
scheint dieses einfach und a wird doppelt. Der Grund hievon ergibt sich aus Fig. 2. 




Da das Auge für ö passend eingerichtet ist, so vereinigen sich die Lichtbündel bl 
und bm auf der Netzhaut und formiren ihr Bild im Achsenpunkte des Auges bei b'. Unter 
diesen Umständen liegt a zu fern, die Strahlen dm und al haben ihren Focus bei x und 
der ausfahrende Strahl Ix geht weiter nach s, desgleichen geht mx weiter nach r, so dass 
sich zwei blasse Bilder bei r und s statt eines einzigen bei b gestalten. — Die Richtig- 
keit dieser Deutungen ergibt sich aus Folgendem. Yerschliesst man während der Beob- 
achtung das eine der Kartenlöcher, so verschwindet im ersten Experimente, bei unge- 
höriger Nähe der Nadel, das Bild der entgegengesetzten Seite, im 2. Versuche dagegen, 
wo die Nadel zu fern steht, das Bild der entsprechenden Seite. Man erinnere sich zu- 
nächst an die Erfahrung, dass die Lage, in welcher uns Gegenstände erscheinen, die um- 
gekehrte von der ist, in welcher ihr Bild auf der Netzhaut sich wirklich darstellt. Ver- 
schwindet bei unpassender Nähe der Nadel das gegenüber liegende Bild, so musste das 
Netzhautbildchen auf der Seite des verschlossenen Loches liegen, eine Anordnung, welche 
nur möglich ist, wenn die gebrochenen Lichtstrahlen erst hinter der Netzhaut vereinigt 
werden, wie Fig. 1 angibt. Wenn dagegen bei ungeeigneter Entfernung des Objectes 
Verschluss eines Kartenloches das Bild der entsprechenden Seite verschwinden macht, 
so müssen diessmal Kartenloch und Netzhautbildchen auf entgegengesetzten Seiten ge- 
legen sein. Fig. 2 zeigt, dass dieser Fall durch eine Kreuzung der Lichtstrahlen vor der 
Netzhaut bedingt ist. Beide Fälle beweisen also, dass das Licht zu naher und zu ferner 
Objecte nicht auf der Netzhaut, sondern respective hinter und vor ihr vereinigt wird, 
und zwar nach Gesetzen, welche durch die Theorie der Linsengläser gegeben sind." 
(YolJrmann in Wagners Handwörterbuch B. III. S. 207.) 



198 



Augenmuskeln. 



Durch Anwendung des Scheiner'sch.en Versuches auf das exstirpirte Auge eines weis- 
sen Kaninchens hat Volkmann (Neue Beitr. zurPhysiol. des Gesichtssinnes, 1S36 S. 109) 
nachgewiesen, dass Magendie, Ritter, Haldat u. A. Unrecht hatten, wenn sie behaupteten, 
dass selbst im todten Auge die Bilder von Objecten der differentesten Distanzen gleich 
deutlich entwarfen werden. Er liess Licht aus verschiedenen Entfernungen durch zwei 
solche Öffnungen, wie heim Scheiner' sehen Versuche, in die Pupille fallen und beobachtete 
die Lichtbilder am hintern Umfange des Bulbus. Bei einer bestimmten Entfernung 
des Lichtes vom Auge gaben die beiden Offnungen nur Ein Lichtbild; bei Annäherung 
des Lichtes bis auf nur einige Zoll, so wie bei beträchtlicher Entfernung desselben 
entstanden zwei Lichtbilder. — Im Jahre 1850 habe ich mit meinem Assistenten Dr. 
Seydl ähnliche Versuche, jedoch mit Menschenaugen vorgenommen. Der Bulbus — nach 
Abstreifung des Epithels der Cornea — wurde auf einen Bing gelegt, dann in der Ge- 
gend des hintern Poles ein Stück Sclera und Chorioidea entfernt. Zum Objecte wurde 
grosse, von der Sonne beschienene Druckschrift gewählt; nur bei bestimmter Distanz 
derselben von der Cornea, zwischen 5 und 9 Zoll, konnte der Beobachter die Buchstaben 
von der Netzhaut ablesen. 

„Es sei in Fig. 3 hlc eine Karte, in welche man ein feines Loch bei b gestochen, 
und l und m zwei Stecknadeln, welche man, in einiger Entfernung hinter einander, in 




der Visirlinie aufgerichtet hat. (MiWs Versuch.) Befindet sich nun m in passender Seh- 
weite, und folglich l in zu grosser Ferne, so bemerkt man bei seitlicher Verschiebung 
der Karte, dass die sich anfänglich deckenden Nadeln aus einander treten. Die in 
passender Sehweite aufgesteckte Nadel m behauptet bewegungslos ihren Stand, die zu 
fern liegende Nadel l dagegen bewegt sich mit dem Diopter in entsprechender Rich- 
tung. — Befindet sich aber die entferntere Nadel in passender Sehweite und steht »i 
dem Auge zu nahe, so dreht die Erscheinung sich um, die entfernte Nadel bleibt, wenn 
der Diopter verschoben wird, ruhig, lind bloss das Bild der zu nahe gelegenen Nadel be- 
wegt sich, diessmal in der entgegengesetzten Richtung des Kartenloches. — Die Erklä- 
rung des Phänomens liegt offenbar in Folgendem. Abstrahirt man vom Einflüsse der 
Karte, welche einen Theil des Lichtes auffängt, so sendet jede Nadel einen divergirenden 
Lichtkegel ins Auge, dessen Basis die Weite der Pupille rs ist. Gesetzt, / befinde sich 
in passender Sehweite, so würde das divergirende Strahlensystem rls bei e vereinigt. 
Hier kann Verschiebung der Karte keine Verrückung des Netzhautbildes und folglich 
auch keine Bewegung der durch dasselbe bedingten Gesichtserscheinung veranlassen. 
Denn wenn die Diopteröffnung in der Weise verrückt würde, dass nur der Strahl lr ins 
Auge fallen könnte, so müsste, weil e der Focus aller Strahlen ist, auch lr nach e kom- 
men, wie die Figur angibt. Anders verhält es sich mit dem zu nahe liegenden Licht- 
punkte m. Indem das von ihm ausgehende Licht erst hinter der Netzhaut bei x ver- 
einigt wird, bildet sich auf dieser ein Zerstreuungskreis vom Durchmesser tu. Befindet 
sich nun das Kartcnloch in der Verlängerung der Sehachse, so gelangt der Lichtstrahl 
7nb nach e und die Bilder der Nadeln decken sich; verschiebt man nun die Karte so, 



Physiologie — Accoiiiniodation. 199 

dass nur der Strahl mr von m aus ins Auge gelangt, so schneidet der ausfahrende Strahl 
7-x die Netzhaut bei t und die Nadelbilder trennen sich. Der Grund, warum in dem 
einen Falle die Bewegung des Bildes der des Diopters folgt, in dem andern entgegenge- 
setzt, ergibt sich aus dem, was bei Erörterung des Scheiner'scher) Versuches angegeben 
wurde." (Volkma/in ibid. S. 299.*) 

Jedes Auge hat vermöge seines Baues einen bestimmten Refrac- 
tionszustand , gegeben durch die Krümmungs- und Brechungsverhält- 
nisse seiner durchsichtigen Medien und durch die Distanz der Netzhaut 
von dem Objective (Hornhaut, Kammervvasser und Linse). Verschieden- 
heiten hierin bezeichnen wir mit den Ausdrücken: kurzsichtiger, nor- 
maler und fernsichtiger Bau des Auges, ohne vorläufig anzugeben, 
worin speciell diese Verschiedenheiten gegründet sind. Ehe wir dem- 
nach in Betrachtung ziehen können, worin die jeweilige temporäre Ab- 
änderung des Refractionszustandes behufs des Deutlichsehens für ver- 
schiedene Distanzen — die Accommodation — bestehe, müssen wir erst 
untersuchen, für welche Distanz das normale Auge an und für sich, 
d. h. vermöge seines Baues eingerichtet sei. Man könnte sich nämlich 
denken, der Refractionszustand des normalen Auges entspreche einer 
gewissen mittlem Distanz, und es müsse derselbe verändert werden, 
nicht nur wenn nähere, sondern auch wenn entferntere Objecte deut- 
lich gesehen werden sollen; oder es könnte sich ergeben, dass das 
Auge im ruhenden Zustande — ohne Zuthun der accommodativen 
Thätigkeit — für parallele Strahlen, mithin für unendlich oder doch 
sehr ferne Objecte eingerichtet sei, und eine Accommodation nur für 
näher gelegene Objecte gefordert werde. Wir werden aber nachzu- 
weisen versuchen, dass der Refractionszustand normaler Augen für 
mittlere Distanzen eingerichtet ist, dass für grössere Distanzen eine 
Abänderung nicht stattfindet, sehr entfernte Objecte demnach nicht auf, 
sondern ein wenig vor der Netzhaut abgebildet werden, und dass eine 
Abänderung im Refractionszustande nur behufs des Deutlichsehens 
näher gelegener Objecte erfolgt, so dass demnach der Ausdruck: „das 
Auge accommodirt sich" nichts Anderes bedeutet, als : das Auge ändert 
seine dioptrischen Verhältnisse behufs des Deutlichsehens naher Objecte. 

Die Brennweite der Hornhaut sammt dem Kammerwasser und der 
Linse beträgt im normalen Auge kaum jemals weniger als 6'", niemals 
mehr als 1'". (Achse des Glaskörpers.) Das Objectiv des normalen 
Menschenauges ist demnach eine Sammellinse von kurzer Brennweite. 

*) Sehr ausführlich, klar und genau hat mein, der Wissenschaft leider zu früh entrissener Freund Dr. 
Herrn. Mayer in Komotau die Erscheinungen beim Schei?ier'schen und Ift'Z^'schen Versuche als Be- 
weismittel für das Bestehen einer willkürlichen Accommodation in der Prager medic. Vierteljahr- 
schrift Bd. 25 (1S50) und Bd. 32 (1S51) erörtert. 



200 Augenmuskeln. 

Bei Linsen von kurzer Brennweite tritt aber eine merkliche Zunahme 
der Vereinigungsweite oder Bilddistanz nur bei kürzeren Object- 
distanzen hervor, werden demnach auch erhebliche Veränderaugen in 
dem Refractionszustande, z. B. erhebliche Rückstellung des Schirmes, 
nur behufs der Abbildung naher und sehr naher Objecte nothwendig. 
Hätte das Objectiv des menschlichen Auges eine noch kürzere Brenn- 
weite, etwa nur von 3"', dann würde die Vereinigungsweite für Objecte 
sehr verschiedener Distanzen einen noch viel geringeren Spielraum 
darbieten, es würden, wie H. Mayer durch Versuche ermittelt hat, die 
Bilder von Objecten aus 7" Distanz nur etwa V 10 "' weiter rückwärts 
entworfen werden, als die Bilder von unendlich entfernten Objecten. 
Bei einer Linse von 6,72"' Brennweite ist aber eine Veränderung der 
Vereinigungsweite (Verschiebung des Schirmes, der Netzhaut) von nicht 
viel über i J2 ut hinreichend, wenn sowohl von solchen Objecten, deren 
Strahlen als nahezu parallel betrachtet werden können, als auch von 
solchen, die nur 5" entfernt sind, deutliche Bilder entworfen werden 

111 

sollen. Nennen wir in der bekannten Formel — = -r- die Bild- 

a b a 

distanz a, die Objectdistanz a, und b = 6V2"' die Brennweite der 

Sammellinse unseres Auges, und substituiren wir in der Gleichung 

a = . x = j- nach und nach verschiedene Werthe von a, sa 

a — 






erhalten wir beispielsweise folgendes Schema: 
Ist « = 



'5 



a = 

a = 

cc = 

a = 

a = 

a = 



00 


so 


ist 


a = 6,5000"' 


Ist 


a = 40" so 


ist 


a 


= 6,5881"' 


1000' 


jj 


jj 


a = 6,5003'" 


j> 


a = 20" „ 


jj 


a 


== 6,6809'" 


500' 


?> 


jj 


a = 6,5005'" 


jj 


a=15" „ 


jj 


a 


= 6,7435'" 


100' 


jj 


jj 


a = 6,5029'" 


jj 


a=10" „ 


jj 


a 


= 6,8722'" 


20' 


jj 


jj 


a = 6,5146'" 


jj 


«= W' „_ 


jj 


a 


= 7,0059'" 


10' 


jj 


jj 


a = 6,5294'" 


jj 


a= 5" „ 


jj 


a 


= 7,2897'" 


5' 


jj 


jj 


a = 6,5592'" 
















ist a = 4" so i 


st a 


= 7,5180'" 












. 


, et O „ , 


j a 


= 7,9322"' 
















, a 


= S,942S'"*) 









Für alle über 5 Fuss betragenden Objectdistanzen ist der Durch- 
messer der Pupille relativ so klein, dass die Strahlen, welche von 

*) 0,45ö5 Wiener Linien = 1 Millimeter; 12'" = 1", 12" = 1'. Dieses Schema kann allerdings nicht 
streng auf das Auge angewendet werden , da dessen Sammellinse eine zusammengesetzte ist , es 
handelt sich hier aber auch nur um eine annäherungsweise Angabe oder um eine Hinweisung auf 
ein Analogon. 



Physiologie — Acconimodatiou. 201 

irgend einem Punkte aus solchen Entfernungen auf das entsprechende 
Hornhautareal fallen, als zu einander (zum Achsen- oder Richtungs- 
strahle) nahezu parallel betrachtet werden können. Dass dem wirklich 
so sei, zeigt schon die Möglichkeit, ein Auge, welches auf mindestens 
5 Fuss Distanz accommodirt ist, mit dem Augenspiegel im aufrechten 
Bilde ohne Concavglas zu untersuchen. (Vergl. oben S. 83 und die 
zugehörige Figur auf S. 78.) 

Richten wir den Blick auf ein nahes kleines Object, z. B. auf 
einen Buchstaben, so liegt es in unserer Willkür, bei unveränderter 
Distanz ihn deutlich oder undeutlich zu sehen, sobald die Distanz nicht 
weniger als 5 und nicht mehr als 12—15 Zoll beträgt. Es wird diess 
dadurch ermöglicht, dass man bei unverrücktem Blicke auf das Object 
sein Auge in jenen Zustand versetzt, in welchem es sich beim ge- 
dankenlosen Vor-sich-hin-starren befindet; hiebei wird das Object un- 
deutlich, auch wenn es in der gehörigen Distanz, z. B. 8 Zoll, und 
gegenüber der Macula lutea liegt, es bekommt prismatische Farben- 
saume, erscheint wohl auch 2 — 3fach. 

Auf eine sehr einfache Weise lassen sich die dabei vorkommenden Phänomene an 
einem einfachen verticalen oder horizontalen feinen Striche (mit Tinte aiif weissem Pa- 
piere) beobachten ( \ \- ). Zuerst betrachte man eine jede dieser Figuren in zu grosser 

Nähe, etwa bei 4 Zoll Distanz. An der Stelle des verticalen Striches sieht man jetzt 
5 Streifen, in der Mitte einen ziemlich schwarzen, dann zwei orangengelbe , zu äusserst 
2 blaue, alle ohne scharfe Begrenzung. Mit dem rechten Auge sehe ich nur den einen 
blauen Streifen (links), und glaubte, ehe ich auf die blaue Färbung gehörig aufmerkte, 
zwei dunkle Streifen zu sehen , besonders wenn ich mein Auge nur auf etwa 5 Zoll 
näherte. Je näher man dem Objecte rückt, desto breiter und undeutlicher werden die 
Streifen, je weiter man sich entfernt, desto schmäler und markirter, bis man endlich 
zu einer Distanz (5 Zoll für das normale Auge) kommt, wo man im Stande ist, den 
schwarzen Strich einfach und deutlich zu sehen. Nun kommt ein gewisser Spielraum 
(bei meinem Auge zwischen 6 und 12 Zoll), wo man nach Willkür die eine oder die 
andere Erscheinung hervorrufen kann , nämlich den Strich deutlich oder mit Farben- 
säumen (scheinbar doppelt oder 3fach) zu sehen, je nachdem man scharf fixirt oder den 
Blick gleichsam vor sich hinstarren lässt. Bei 8 Zoll Distanz kann ich die Streifen viel 
weiter aus einander treten machen, als bei 10 Zoll, und bei mehr als L2 Zoll bin ich, 
ohne die Sehachse zu verrücken, auf keine Weise mehr im Stande, das Phänomen des 
Undeutlich-, Farbig- und Mehrfachsehens hervorzubringen. Ich kann von da ab bis zu 
20 Zoll und darüber den Strich immer nur einfach und schwarz sehen , bis er endlich 
bei circa 30 Zoll trotz aller Anstrengung constant undeutlich zu werden anfängt. — • 
Befindet sich das fixirte Object, z. B. ein Punkt (.), näher als 5 Zoll vor dem Auge, so 
fällt die Yereinigungsweite der von ihm ins Auge gelangenden Strahlen hinter die Netz- 
haut, diese wird mithin nicht von der Kegelspitze, sondern von dem Kegelquerschnitte r 
also von einem Zerstreuungskreise getroffen, welcher farbig erscheint, weil eben die ver- 
schieden brechbaren blauen, gelben und rothen Strahlen noch nicht wieder vereinigt sind. 
Wenn aber der fixirte Punkt sich in einer Distanz befindet, in welcher unter Zuthun.der 



202 Augenmuskeln. 

accommodativen Thätigkeit Deutlichsehen stattfinden kann, z. B. bei 7 Zoll, der Expe- 
rimentator aber absichtlich die Accommodationsorgane nicht in Wirksamkeit treten lässt, 
so fällt die Yereinigungsweite gerade so wie im vorigen Falle hinter die Netzhaut (das 
Object liegt relativ zu dem jetzigen Refractionszustande des Auges zu nahe), und es 
tritt dieselbe Erscheinung auf, die am meisten brechbaren blauen Strahlen erscheinen 
an der Peripherie des Kegelquerschnittes. Das Auge hat sich dabei freiwillig der Adap- 
tation begeben. Wird nun das Object so weit gerückt, dass die von ihm ausgehenden 
Strahlen schon vermöge des Baues des Auges ihre Yereinigungsweite in der Netzhaut 
finden, so hört der Einfluss der Willkür auf, das Auge müsste denn im Stande sein, sich 
für eine geringere Distanz einzurichten, was ich nicht kann, ohne ein anderes Object, 
etwa eine Nadelspitze, zwischen jenes Object und das Auge einzuschieben. Die Strahlen 
des in Bede stehenden Punktes würden sich dann vor der Netzhaut vereinigen, und die 
Begenbogenfarben müssten in umgekehrter Ordnung auftreten, die blauen nach innen, 
die rothin nach aussen. 

Ich halte diesen Versuch, bei welchem sich ein nebenstehender Beobachter leicht 
überzeugen kann, dass die Sehachse des experimentirenden Auges nicht verrückt wird, 
und bei welchem die Pupille während des Deutlichsehens etwas enger, während des 
Undeutlichsehens etwas weiter wird, für mindestens eben so beweisend, dass wir eine 
Accommodation und zwar eine willkürliche besitzen , als die Versuche von Scheiner und 
Mil€, bei welchen noch manche andere Verhältnisse in Betracht kommen. Er zeigt uns 
unter ganz natürlichen Verhältnissen an, bis zu welcher Grenze ein Object, so fern es 
nicht an und für sich zu gross ist, dem Auge genähert werden kann, bevor es anfängt 
(wegen fehlerhafter Vereinigungsweite) undeutlich zu werden ; er zeigt uns die durch die 
dioptrischen Verhältnisse gezogene diessseitige Grenze oder den Nahepunkt des deutlichen 
Sehens. Nach einer andern Richtung hin lehrreich finde ich Versuche mit einer ein- 
fachen Kerzenflamme. Diese sehe ich nicht nur bei 5, sondern auch noch, bei 3 Zoll 
Distanz einfach und scharf begrenzt. Diess enthält einen Widerspruch mit dem Vorher- 
gehenden, jedoch nur scheinbar. Die Pupille wird nämlich bei dieser ^Annäherung des 
(starken) Lichtes so eng, dass die Spitze des inneren Lichtkegels hinter die Netzhaut 
fällt, doch sein Querschnitt auf der Netzhaut sehr klein ausfällt, auf dieselbe Weise, wie 
wir durch Vorhalten einer kleinen Kartenblattöffnung vor die Hornhaut sogleich bewirken 
tonnen, dass ein zu nahe, z. B. 3 Zoll vorgehaltener Buchstabe vollkommen deutlich 
wird (Einschränkung der Zerstreuungskreise). Wahrscheinlich kommt hier auch der Um- 
stand in Anschlag, dass das Bild einer Kerzenflamme bei so grosser Nähe bereits einen 
so grossen Theil der Netzhaut einnimmt, dass seine Peripherie bereits auf Netzhautpar- 
tien fällt, welche schon weit von der Macula lutea entfernt sind, für welche mithin die 
Erregung durch den Zerstreuungskreis schon viel zu schwach ist, als dass sie sich im 
Bewusstsein gegenüber der ungleich stärkern Erregung des Centrums der Netzhaut gel- 
tend machen könnte. Trete ich nun allmälig von der Flamme zurück, so bleibt sie 
deutlich (scharf begrenzt) bis zur Distanz von 5 Fuss. Will ich während dieses Zurück- 
weichens das Phänomen des Undeutlichsehens hervorrufen, so bringe ich es bei 7 — 10 
Zoll wohl zu Stande, jedoch nur so, dass ein schwacher Hof erscheint, offenbar desshalb, 
weil bei so naher Lichtquelle die Netzhaut vor der intensiv beleuchteten Mitte des Kegel- 
querschnittes zu stark erregt ist, als dass die schwächer beleuchtete Peripherie eine hin- 
reichend starke Empfindung bewirken könnte, wobei wohl auch noch in Betracht kommt, 
dass beim künstlichen Lichte die Zahl der brechbarsten blauen Strahlen eine relativ sehr 
geringe ist. Bin ich über 5 Fuss Distanz weg gerückt, so werden die Contouren der 



Physiologie — Aeconimodatioii. 203 

Flamme verwischt und die schmale Spitze erscheint zwieselig, dann (weiter) wird die 
Flamme von zwei matten seitlichen Nebenflammen, später aber ringsum von einem immer 
breiteren Hofe umgeben, bis endlich ein förmlicher Strahlenkranz (wie bei den Sternen) 
erscheint, der die nun kleiner erscheinende Flamme speichenartig umgibt. Dass diese 
Erscheinungen um die Flamme Zerstreuungskreise wegen nicht entsprechender Vereini- 
gungsweite sind, scheint mir dadurch bewiesen zu werden, dass sie nicht auftreten , so- 
bald man vor das Auge die enge Öffnung eines Kartenblattes oder ein entsprechendes 
(schwaches) Concavglas vorhält. 

Der Versuch mit einer Kerzenflauime ist meines Erachtens geeig- 
net zu zeigen, dass unser Auge an und für sich nicht für völlig paral- 
lele Strahlen oder für unendlich weite Distanzen eingerichtet ist^ son- 
dern für Strahlen, die noch ein wenig divergiren, für Strahlen aus 
ungefähr 5—6 Fuss Entfernung, und dass alle weiter entfernten Ob- 
jeete streng genommen schon mit mehr weniger beträchtlichen Zer- 
streuungskreisen gesehen werden, d. h. dass Strahlen, welche von 
einem über diese Distanz entfernten Punkte in unser Auge gelangen, 
schon mehr weniger weit vor der Netzhaut vereinigt werden. Bei sehr 
grossen Distanzen fallen die Zerstreuungskreise schon so beträcht- 
lich aus, dass sie stark in einander greifen und das Deutlichsehen 
verhindern; bei geringeren Distanzen, z. B. 20, 15 Fuss, ist die licht- 
ärmere Peripherie relativ zum helleren Mittelpunkte des Kegelquer- 
schnittes nicht nur viel zu schmal, sondern auch viel zu lichtarm, als 
dass die durch diese Peripherie gesetzte Erregung der Netzhaut sich 
neben der durch das Centrum gesetzten in der Wahrnehmung geltend 
machen könnte. 

Wir dürfen übrigens bei unseren Betrachtungen über die Accommo- 
dation und das deutliche Sehen einen Umstand nicht ausser Acht las- 
sen, der bei allen Sammellinsen stattfindet. Die Vereinigungsweite der 
Lichtstrahlen kann nämlich streng genommen nicht als ein Punkt, son- 
dern muss als eine Linie (die Brennliniej aufgefasst werden, als eine 
Pieihe hinter einander gelegener Punkte, welche bei ein und derselben 
Linse um so länger ausfällt, je grösser die Öffnung der Linse (Pupille) 
ist, und je mehr sich die einfallenden Lichtstrahlen dem Parallelismus 
nähern, d. h. je grösser die Objectdistanz ist. Anschaulich machen 
kann man sich die hier obwaltenden Verhältnisse, welche sich übrigens 
streng mathematisch nachweisen lassen, in dem von Czennak ange- 
gebenen Experimente mit einem horizontal vor dem Auge aufgespann- 
ten weissen Faden. Fixirt man an diesem z. B. einen 10" eutf ernten 
Punkt, so erscheint der Faden eine kurze Strecke vor und eine merk- 
lich längere Strecke hinter diesem Punkte noch einfach; weiter von 
jenem Punkte entfernt, und zwar sowohl diess- als jenseits erscheint 



204 Augenmuskeln. 

dann der Faden doppelt (in Zerstreuungskreisen), und weichen die 
Doppelbilder diessseits sehr rasch, jenseits sehr allniälig auseinander. 
Wird ein nur 6" entfernter Punkt fixirt, so erscheint der Faden nicht 
nur diess-, sondern auch jenseits viel früher doppelt, als im vorigen 
Falle. Auf demselben Gesetze beruht auch die bekannte Erscheinung, 
dass man in einem Zimmer die Brennweite eines starken Convexglases 
viel leichter bestimmen kann, als die von schwachen Nummern, wenn 
man das Bild der Fensterrahmen auf der gegenüberstehenden Zimmer- 
wand benützt. 

Es ist somit dem normalen Auge ohne alles Zuthun der accommo- 
dativen Thätigkeit schon durch die angegebenen physikalischen Ver- 
hältnisse ein grosser Spielraum in der Weite des deutlichen Sehens 
dargeboten, indem 1. sein Objectiv von kurzer Brennweite für die 
Distanzen von 5' bis <x> nicht einmal 6 Hundertstel einer Linie Ab- 
änderung in der Vereinigungsweite verlangen würde, 2. Strahlen von 
einem über 5' entfernten Punkte auf ein relativ so kleines Hornhaut- 
areal fallen, dass sie bereits als zum Achsenstrahle nahezu oder völlig 
parallel betrachtet werden müssen, 3. die Vereinigung der Lichtstrahlen 
streng genommen nicht in einem Punkte, sondern in einer Keine hinter- 
einander gelegener Punkte stattfindet, welche um so länger ausfällt, 
je grösser die Objectdistanz ist, und 4. die Zerstreuungskreise, welche 
bei grösseren Distanzen der leuchtenden Punkte auf der Netzhaut ent- 
stehen, für massige Entfernungen verschwindend klein und matt aus- 
fallen, daher nicht empfunden werden. 

In diesem letzteren Momente ist nun auch die Fähigkeit gegeben, 
im Fernsehen eine Schärfe zu erlangen, welche das normale, jedoch im 
Fernsehen nicht geübte Auge nicht besitzt. Diese Schärfe im Fernsehen 
setzt nicht nur die grösste Feinheit des Gesichtssinnes voraus, d. h. die 
Fähigkeit, zwei nahe an einander abgebildete Punkte noch als getrennt 
aufzufassen, welche wir auch für's Nahesehen bei verschiedenen Indi- 
viduen verschieden ausgebildet finden (theils durch die Organisation 
der Netzhaut, theils durch Übung), sondern auch die Fertigkeit, von 
Zerstreuungskreisen zu ubstrahireti , die Wahrnehmung derselben zu 
ignoriren (unterdrücken), nur die relativ am intensivsten beleuchteten 
Centra der Kegelquerschnitte allein zur Wahrnehmung gelangen zu 
lassen. Die oben angegebene Distanz von beiläufig 5 — 6' ist demnach 
nicht der Fernpunkt des ruhenden (nicht in accommodative Thätigkeit 
versetzten) Auges, sondern gewissermassen der Mittelpunkt des deut- 
lichen Sehens der durch den Bau des Auges gegebenen Sehweite. Die 
Lage des Fernpunktes der deutlichen Sehweite hängt nicht bloss von 



Physiologie — Accoiiiniodation. 205 

der Yereinigungs weite der Lichtstrahlen ab, sondern auch von der Grösse 
und Beleuchtung der Objecte und von der Fähigkeit der Netzhaut, 
Objecte unter einem möglichst kleinen Sehwinkel noch zu unterschei- 
den und von Zerstreuungskreisen zu abstrahiren. Ein Auge, welches 
in allen Distanzen zwischen 5 und 45 Zollen Druckschrift von l /;y Höhe 
deutlich und sicher lesen kann, hat gewiss eine ganz gute Sehweite, 
aber vielleicht nur für's Erkennen kleiner und naher Objecte; denn es 
kann trotzdem seine Sehweite für grössere Entfernung eine mittelmässige 
sein, und es vermag vielleicht die Zeiger einer Thurmuhr auf 2000 
Schritte nicht zu erkennen, während ein anderes, das beim Lesen auch 
nicht mehr leistet, dieselbe Uhr unter denselben Verhältnissen auf 
3000 Schritte bestimmt erkennt. 

Die Accommodation oder Einstellung des Auges für nahe Objecte 
geschieht durch Verlängerung des Bulbus in der Sehachse, durch Zu- 
rückdräugung der hintern Wand des Bulbus, durch Rückstellung der 
Macula lutea und ihrer Umgebung. Die vermittelnden Organe hiezu sind 
einerseits die geraden und schiefen Augenmuskeln, andererseits der Ci- 
liarmuskel , indem sie gleichzeitig in erhöhte Spannung verset&t werden. 
In dem Momente, wo der Impuls zum Nahesehen vom Sensorium com- 
mune ausgeht, gerathen sämmtliche Recti und Obliqui in erhöhte Span- 
nung und comprimiren den Bulbus so, dass seine Äquatorialdurchmesser 
entsprechend kürzer werden. Der zum Ausweichen bestimmte, weil 
incompressible Glaskörper drängt rück- und vorwärts. Sein Andrang 
nach vorn wird aber verhindert oder ausparirt, indem das vor ihm be- 
findliche Diaphragma durch den gleichzeitig in erhöhte Contraction ver- 
setzten Ciliarmuskel in adäquate Spannung gebracht wird. Also muss 
der gesammte Druck nach hinten gehen, die Retina sammt der Cho- 
rioidea und Sclera zurückweichen. Die Hornhaut bleibt dabei ge- 
wiss, die Linse höchst wahrscheinlich in ihrer Form und Lage un- 
verändert. Ist letzteres richtig, dann bleibt der optische Mittelpunkt 
oder Kreuzungspunkt der Richtungslinien dabei unverrückt. Die gleich- 
zeitig erfolgende Verengung der Pupillle ist eine einfach concomi- 
tirende Erscheinung, welche die Accommodation nicht vermittelt, nur 
begünstigt. 

Diese Ansicht über die Accommodation ist der Hauptsache nach nicht neu. Schon 
Kepler scheint sich für Verlängerung der Sehachse behufs des Nahesehens entschieden 
zu haben. Hätte man die Anwesenheit und Function des Ciliarmuskels früher gekannt, 
und hätte man sich über Lage und Thätigkeit der geraden und schiefen Augenmuskeln 
nicht irrige Vorstellungen gemacht, so würde man sich wohl die mannigfachen Einwen- 
dungen dagegen erspart haben. — Wenn man meinte, die Recti müssten bei vereinter 
"Wirkung den Bulbus zurückziehen, so übersah man die antagonistische Wirkung der 



206 Augenmuskeln. 

Obliqui. Von einer Abplattung des Bulbus durch das retrobulbäre Fettpolster könnte, 
auch wenn man eine Zurückziehung zugäbe, dennoch nicht die Rede sein, da jenes 
elastische Gewebe jedenfalls viel weniger resistent ist, als der Bulbus. — Dass der Bul- 
bus durch die vereinte "Wirkung der Obliqui der verticalen Medianebene genähert wer- 
den könne, ist unmöglich, weil die Obliqui sich unweit vom hintern Ende der Sehachse 
inseriren, also nur dieses, nicht aber die ganze Achse und mit ihr den Mittelpunkt des 
Auges einwärts rücken können. — Die Veränderlichkeit der Form des Bulbus konnten 
nur jene in Abrede stellen, welche sich denselben als bis aufs Höchste gefüllt dachten 
und selbst die bekannte Thatsache nicht beachteten, dass man die Hornhaut schon durch 
einen leichten Druck mit dem Finger abplatten, und auf diese Weise den Refractions- 
zustand ändern kann, wie diess Kurzsichtige in Ermanglung einer Brille zu thun 
pflegen. — Die Möglichkeit einer Compression des Bulbus durch die Recti und Obliqui 
konnte man nur dann bezweifeln, wenn man die Ursprungs- und Anheftungsstellen dieser 
Muskeln und ihren gekrümmten Verlauf zum Bulbus nicht genau kannte, und demge- 
mäss von tangentialer Richtung derselben zum Bulbus sprach, oder wenn man sich, 
wie z. B. Stellwag gethan *), eine ganz unrichtige Zeichnung vom Bulbus und den Mus- 
keln machte, in dieser das Parallelogramm der Kräfte verzeichnete, und daraus mittelst 
Rechnung folgerte : die hier geforderte Formveränderung des Bulbus sei unmöglich. — 
Einseitiger Druck auf die Bulbuswand und Retina, und sofort Entstehen subjectiver 
Lichterscheinungen war bei zugestandener Einwirkung der Muskeln auf den Bulbus nur 
für jene zu besorgen , welche meinten , es könne ein Muskel allein oder überwiegend 
auf den Bulbus drücken, es könne z. B. während der Verkürzung des R. internus der 
R. externus erschlafft sein und somit der R. internus allein auf den Bulbus drücken. — 
An Form- und Lageveränderung der Cornea und selbst der Linse war allerdings zu 
denken, so lange man nicht wusste, dass der Ciliarmuskel durch adäquate Spannung der 
Scheidewand zwischen Humor aqueus und H. vitreus den Einfluss der Recti und Obliqui 
auf dieselben aufwiegt, oder doch auf ein Minimum reducirt. A priori musste man 
dann aber, wenn eine solche adäquat gespannte Scheidewand nicht angenommen wurde, 
wohl eher an Abplattung als an erhöhte Wölbung der Cornea denken; denn nach Weg- 
fall jener Scheidewand müsste die besondere Wölbung der Cornea in die allgemeine des 
Bulbus, der Sclera übergehen. — Ein von Ruete vorgebrachter Einwurf, dass nämlich 
nach Aufhebung der Accommodation in Folge von Belladonna oder trotz plötzlich ein- 
getretener Kurzsichtigkeit dennoch die Bewegungen des Bulbus vollkommen frei von 
Statten gehen, würde auch dann, wenn man annähme, dass die das Auge bewegenden 
Muskeln ganz allein die Accommodation vermitteln, durchaus nichts beweisen, weil Herab- 
setzung oder Steigerung des Tonus der Muskeln ihre Verkürzungs- und Verlängerungs- 
fähigkeit nicht aufhebt. Um bei einem schon einmal gebrauchten Vergleiche zu bleiben : 
wenn zwei Gewichte an einer über eine Rolle verlaufenden Schnur befestigt sind, so 
können sie in jeder beliebigen Stellung stehen bleiben, gleich hoch, eines tiefer, eines 
höher, sofern sie gleich schwer sind ; ob jetzt jedes Gewicht = 1 Loth oder = 1 Pfund, 
das ändert in der Beweglichkeit nichts, wenn wir von der Reibung zwischen Spindel 
und Rolle absehen; im erstem Falle ist die Spannung der Schnur und somit auch der 
Druck auf die Rolle geringer; die Drehung der Rolle erheischt in dem einen Falle nicht 
mehr Kraft als in dem andern. — Auch das angebliche unveränderte Fortbestehen der 
accommodativen Thätigkeit nach Durchschneidung eines oder des andern Augenmuskels 

*) Denkschriften der kaiserl. Akademie der Wissenschaften. Wien, 1S53. Juli, Bd. V. 



Physiologie — Accoiiiiuodation. 207 

kann nicht als Beweis gegen den Einfluss der Augenmuskeln auf die Accommodation 
dienen, denn niemals ist es ein Muskel allein, der in erhöhte Spannung geräth , und 
■wird der Ausfall des einen noch immer mehr weniger genügend durch andere gedeckt, 
■wie aus dem früher Gesagten hinreichend erhellt, und zweitens wird der Bulbus dem 
. Einflüsse des durchschnittenen Muskels nicht so leicht ganz entzogen , wie wir bei der 
Betrachtung der Schieloperation sehen werden. Übrigens hat A. von Gräfe, an dessen 
ssactei Beobachtung wohl niemand zweifeln wird, im Archiv für Ophthalmologie B. I. 
Abth. I. sich über den Einfluss der Becti und Obliqui auf die Spannung des Bulbus so 
klar und bestimmt ausgesprochen , dass ich hier kaum etwas Besseres thun , als einige 
Stellen wörtlich citiren kann. ,,Bei den aecommodativen Bewegungen treten alle Augen- 
muskeln mehr in "Wirksamkeit und wenn der eine oder der andere für die Stellung der 
Hornhaut den Ausschlag gibt, so ist diess die Folge der überwundenen, aber dennoch 
fortexistirenden Besistenz seitens der andern Muskeln. Hiefür geben namentlich Fälle 
von Muskellähmungen schöne Belege. Während in solchen Fällen die Einrichtung des 
Auges bei der assoeiirten Bewegung nach einer gewissen Bichtung vollkommen normal 
sein kann, weicht nicht selten das Auge ab, wenn wir ganz dieselbe Bichtung behufs 
der Accommodation für einen nahe liegenden Gegenstand in Anspruch nehmen, weil sich 
bei höherer Spannung sämmtlicher Augenmuskeln der ausbleibende Zug des gelähmten 
Muskels störend für die Stellung des Auges herausstellt, während derselbe Muskel bei 
den seitlichen Bewegungen im Zustande physiologischer Erschlaffung ist, und desshalb 
die aufgehobene Innervation desselben keine Störungen macht. Ebenso habe ich neuer- 
dings durch Beobachtungen des Yenenpulses auf der Netzhaut Gelegenheit gehabt, mich 
davon zu überzeugen, dass dieser Puls bei Accommodation in die Nähe zunimmt, was 
entschieden für die Vermehrung des seitlichen Muskeldruckes spricht." (S. 36). — „Han- 
delt es sich einfach um die Richtung der Sehachse, so ist hiezu keine besondere Energie 
seitens der Augenmuskeln nöthig, denn das Auge ist eine leicht bewegliche, um ihr 
Centrum drehbare Kugel. Handelt es sich dagegen um die Accommodation für die Nähe, 
so gerathen alle Muskeln, wenn auch in verschiedenem Grade, in Spannung und üben 
einen seitlichen Druck auf den Bulbus aus. Hiebei zeigt sich nicht selten die Insuffi- 
cienz des paretischen Muskels; so kommt es zuweilen bei pathologischer Schwäche des 
Abducens vor, dass beim gleichzeitigen Gebrauch beider Augen ein geradeaus vor dem 
Kranken liegender entfernter Gegenstand richtig fixirt wird, während bei Annäherung 
desselben auf dem erkrankten Auge pathologische Convergenz sich einstellt. Noch be- 
weisender sind Experimente mit Brillengläsern, weil hiebei auch die Sehachse des ge- 
sunden Auges nicht verrückt, demnach auch jede synergische Muskelcontraction an 
dem erkrankten Auge vermieden wird; setzt man z. B. dem erwähnten Kranken eine 
Concavbrille auf und zwingt hiedurch die Augen , bei gleichbleibender Stellung des 
Objectes einen höheren Brechzustand anzunehmen, so sieht man die pathologische Ab- 
lenkung eintreten, oder eine vorhandene sich vermehren. Dasselbe sah ich einige 
Male bei Lähmung des R. superior oder inferior, wo für ein entferntes geradaus lie- 
gendes Object ebenfalls die Sehachse eingerichtet werden konnte, während sie bei An- 
näherung desselben an das kranke Auge dem paralysirten Muskel entgegengesetzt ab- 
wich." (S. 53). 

Eine merkliche Einschränkung oder selbst Aufhebung der Accommodation ist dem- 
gemäss bisher bloss bei Lähmung mehrerer Muskeln beobachtet worden. Dass bei Läh- 
mung sämmtlicher vom N. oculomotorius versorgten Muskeln die Accommodation aufgehoben 
oder doch sehr geschwächt sei, darin stimmen alle bisher bekannt gewordenen Beobach- 



208 Augenmuskeln. 

tungen überein ; rar Ruete will in einem Falle das Gegentheil beobachtet haben, und be- 
ruft sich in der 2. Auflage seines Lehrbuches S. 179 auf eine gleiche, noch nicht ver- 
öffentlichte Beobachtung von H. Müller. Wenn ich recht verstehe, so ist der Fall, au 
den sich Ruete bezieht, derselbe, welchen R. Ulrich in seiner Prof. Ruete gewidmeten 
Schrift: „De catoptrices et dioptrices in oculorum morbis cognoscendis usu atque utili- 
tate" als Beweis anführt, dass die Accommodation nicht von den Augenmuskeln abhänge. 
Ein 22 Jahre alter Schuster bot angeblich seit seinem 3. Lebensjahre nach überstandenen 
Masern eine vollständige Lähmung sämmtlicher Augenmuskeln mit Ausnahme des Obl. su- 
perior dar. „Praeter musculos levatores palpebrarum ceteri quoque musculi, qui nervi 
oculomotorii ramis gaudent et musc. recti externi in ambobus oculis paralysi erant 
affecti. Axes optici in parallelismum atque etiam in divergentiam erant directi, ne- 
que recta introrsum aut extrorsum aut sursum aut denique deorsum, neque deorsum 
et introrsum aut sursum et introrsum aut denique sursum et extrorsum pupilla volvi 
poterat. Baibus oculi, id quod ex experimentis saepissime institutis patefactum est 
atque aperte poterat distingui, circa eum solum axin, qui oblique ab exteriore cor- 
neae parte ad interiora et posteriora horizontaliter tendit , musculi obliqui superioris 
actione deorsum et extrorsum circumgyrabatur , qua in rotatione semper segmentum 
eirculi, qui ex centro pupillae oblique extrorsum actus potest cogitari , sequi vide- 
batur. Papula non solum propriis motibus normalibus gaudebat atque extracto bella- 
donuae instillato justo modo poterat dilatari, sed vel potius tarn vivaces prae se ferebat 
oscillationes , ut hippum fere aequarent. Neque vero oculorum sensibilitas optica, neque 
facultas illa peculiaris variis rerum distantiis sese accommodandi ullo modo perturbata ac 
diminuta erat; imo vero tanta aderat, ut aciculam Hl mm tantum ab oculis remotam 
probe posse discerni, experimenta Myopometri ope instituta palam facereut. Objecta, quae 
propius oculis admovebantur , geminata apparebant; omnia vero et cominus et eminus 
collocata, eo situ, quo revera utebantur, in conspectum veniebant, ita ut erecta erecto 
quoque situ, inversa inverso pei-ciperentur. — Quae omnia quum ita se haberent, paraly- 
seos causam in cerebro esse sitam , nemo est, qui neget. Hac autem ex morbi historia 
multa eaque gravissima, quae physiologiam informent, possunt repeti et concludi: I. Ee- 
pugnat haec observatio eorum opinioni, qui mutationes illas oculorum internas in bulbi 
musculorum actione positas esse volunt. II. Neque minus eorum conjecturam refutat, qui 
eorundem musculorum opem requiri opinantur, ut res eo situ, quo revera gaudent, per- 
cipiantur. III. Maxime probabile reddit, iridem ad motum incitari haud fibris crassio- 
ribus, sed potius fibrillis tenuioribus nervi oculomotorii, quae radice brevi ganglii ciliaris 
intercedente, a nervo sympathico in ipsum immittuntur." 

Diese Beobachtung scheint mir bei weitem nicht so exact zu sein, um für das in Rede 
stehende Thema überhaupt benützt werden zu können. Zunächst ist es durchaus uner- 
wiesen , dass die Ursache der Lähmung im Gehirne lag, müsste sogar, wenn man diess 
annähme, ein anderweitig erwiesener Satz aufgegeben werden, der nämlich, dass die 
Kreisfasern der Iris unter dem Einflüsse des N. oculomotorius stehen. Denn, wie war 
es möglich, dass die Bewegungen der Iris sich in jeder Beziehung normal verhielten, 
wenn eine centrale Lähmung des N. oculomotorius stattfand? Lag aber, und das ist ge- 
wiss, kein Centralleiden zu Grunde, dann fragt sich's, ob die Bulbi fix standen wegen 
Muskellähmung oder wegen eines andern, vielleicht mechanischen Hindernisses in der 
nächsten Nähe des Bulbus. Wir wollen hier noch nachholen, dass der Kranke angeb- 
lich während der Masern an einer Entzündung der Augen gelitten hatte. Ich wüsste 
nicht, wo und was für ein Leiden in der Schädelhöhle im Stande wäre, eine beidersei- 



Physiologie — Accommodation. 209 

tige Lähmung gerade nur des 3. und 6. Hiinnerven bei Integrität aller übrigen sensitiven 
und motorischen Nerven und der Geistesfunctionen etc. hervorzurufen. — Der Kranke 
konnte accommodiren; -wir haben keine Ursache, diess zu bezweifeln. Die Accommoda- 
tion ist ein Act der Willkür. Wenn nun der N. oculomotorius central gelähmt war, wo- 
durch sollte noch eine, die Accommodation vermittelnde Veränderung im Innern des Bul- 
bus bewirkt werden können, da nun in den Ciliarnerven keine dem Willenseinflusse ge- 
horcbenden Fasern mehr thätig sein konnten? Schliesslich wollen wir nur noch hervor- 
heben, dass auch das unter II. aufgestellte Corollarium von Ulrich unrichtig ist; denn 
wenn im normalen Zustande die Augen nach links bewegt werden, und hieraus die Vor- 
stellung entsteht, dass das Object, dem die Macula lutea jetzt zugelenkt wird, links von 
der senkrechten Medianebene gelegen war, so musste hier zu demselben Behufe der ganze 
Kopf links bewegt werden , blieb somit das Verhältniss zur Vorstellung im Wesentlichen 
dasselbe. (Yergl. B. III. S. 49.) 

Übrigens ist aus Ruete's Angaben, wenn er behauptet, eine Schwächung des Accom- 
modationsvermögens nach vollkommener Lähmung aller Äste des N. oculomotorius sei 
kaum wahrzunehmen , und beziehe sich auf die Accommodation für nahe Objecte, nicht 
recht zu entnehmen, was er eigentlich von der Accommodationsthätigkeit verlangt, um so 
mehr, als er selbst in der 2. Auflage S. 207 noch anführt: „Hält man ein kleines Löchel- 
chen eines Kartenblattes unmittelbar vor das Auge , so ist man doch noch im Stande 
Objecte in verschiedener Entfernung deutlich zu erkennen." Ein solches Diaphragma 
leistet dieselben Dienste ja auch an einer Glaslinse, also ganz gewiss ohne Muskelthätigkeit. 
Durch eine solche Öffnung kann nicht nur ein normales , sondern auch ein fernsichtiges, 
der Accommodation mehr weniger verlustiges Auge bei 2 — 1 '/2 Zoll Distanz noch lesen 
— wegen Beduction der Zerstreuungskreise auf Punkte. 

Eine andere Beobachtung von Lähmung sämmtlicher vom N. oculomotorius versehe- 
nen Muskeln hat Ruete selbst in seinen 1843 erschienenen klinischen Beiträgen veröffent- 
licht, und darauf die Behauptung aufgestellt, „dass das Accommodationsvermögen durch 
vollständige Lähmung aller Äste des IST. oculomot. nur so wenig geschwächt werde, dass 
diess kaum wahrnehmbar sei." Gramer (über das Accommodationsvermögen, übersetzt von 
Doden, S. 166) hat gegen diese Beobachtung Bedenken erhoben, welche gewiss alle 
Beachtung verdienen. „Dass eine Frau aus dei Arbeiterclasse im Alter von 44 Jahren 
noch ein solches Accommodationsvermögen besessen haben sollte , wie Ruete angibt, 
gxenzt fast an's Unglaubliche. Sie war nicht kurzsichtig — denn sie sah eine Nadel 
deutlich in der Entfernung von 4 Meter vom Auge — und ihr kürzester Gesichtsabstand 
sollte 100 Millimeter, nicht ganz 4 Zoll, betragen haben." — „Bei Menschen von gerin- 
ger Bildung wird man in der Regel nicht im Stande sein, allein durch das Beschauen 
einer Nadel — wie bei Ruete — mit völliger Sicherheit den kürzesten Gesichtsabstand 
zu ermitteln." (Vergl. Prag. Vierteljahrschr. B. I. Quartal 2., S. 285). — „Bei den 
Prüfungen der Sehweite, sei es durch die gewöhnlichen Leseproben, oder durch die Be- 
stimmung des Minimuni im Netzhautwinkel oder durch optometrische Instrumente, gelingt 
es uns freilich für Paralysen einzelner Augenmuskel im Allgemeinen nicht, erhebliche 
Veränderungen im Nah- und Fernpunkte nachzuweisen; dennoch finden Störungen in 
der Accommodation statt. Wird das Auge nach der Seite des geschwächten Muskels 
gerichtet, so finden wir die Accommodation allemal etwas beschränkter und unstät, 
mühsam." (Gräfe, Archiv. B. I. Abth. 1. 7—16.) 

Positiv beweisend für unsere Ansicht ist die durch Sectionen von 
mir nachgewiesene Verlängerung des Bulbus in der Richtung der Seh- 

Arlt Augenheilkunde. III. 14 



210 Augenmuskeln. 

achse bei reiner oder mit centralen Hornhantflecken cornplicirter Kurz- 
sichtigkeit. 

Vielfältige und aufmerksame Beobachtung und Vergleichung kurz- 
sichtiger und fernsichtiger Augen mit normalen führte mich zunächst 
zur Überzeugung, dass die Hornhaut bei jenen nicht stärker, bei diesen 
nicht schwächer gewölbt sei. Den vorzüglichsten Anhaltspunkt hiefür 
lieferte die Betrachtung und Vergleichung der Cornealspiegelbilder r 
welche ich auch bei eclatanter Kurzsichtigkeit nicht kleiner fand, als 
bei Fernsichtigkeit. 

Die vorläufige Andeutung dieses Sachverhaltes, welche ich im I. Bande auf S. 175- 
kurz hingeworfen hatte, hat Herrn Stellwag von Carion zu einer Bemerkung veranlasst,. 
zu der er in Bezug auf Form sowohl als Inhalt gewiss nicht berechtigt war. Nach der 

Formel — = — ( — + — I berechnet St., dass ein 1000"' entfernter Fensterbai- 
a \p a / 

ken von 576'" Länge ein Spiegelbild von 1,005'" geben würde, wenn man den Radius 
der Cornealvorderfläche auf 3,495'" annimmt, dagegen nur 1,149'", wenn man „was 
sicherlich eine relativ ungeheuere Differenz ist" — den Radius der Cornealvorderfläche 
auf 4'" steigen lässt. „Das Spiegelbild der Cornea von 4'" Radius erscheint um 0,144'" 
länger, als bei gleichen Umständen das Spiegelbild einer Cornea von 3,495'" Radius. — 
Wer mit freiem Auge, oder doch ohne zusammengesetzte Apparate und Berechnungen Grös- 
senunterschiede von 0,144'" schätzen kann, muss jedenfalls ein mehr als gewöhnliches 
Beurtheilungsvermögen haben, ich traue diese Schärfe weder mir, nach H. Prof. Arlt zu t 
und muss daher das Spiegelbild der Cornea bezüglich seiner Grösse jedenfalls als ein 
ganz unbrauchbares diagnostisches Hilfsmittel erklären. 11 Bonders erzählt in seiner 
Abhandlung über die Nahrungsstoffe (übersetzt von Bergrath) S. 28, „er sei einmal zu- 
gegen gewesen, als ein Mathematiker wissenschaftlich bewies, dass ein Tisch auf einer 
Treppe unmöglich nach oben getragen werden könne, während ein anderer, wenig hier- 
durch abgeschreckt, es inzwischen einmal versuchte und — ihn hinauf brachte. TJbi re- 
rum testimonia adsunt, muss sogar die Mathematik nachgeben." Ich that ungefähr das- 
selbe, liess mir Metallconvexspiegel von 3 '/a'" und 4'" Radius schleifen , und dann, 
als sogar Kinder die Differenz in der Grösse der Spiegelbilder wiederholt und bestimmt 
unterschieden, zum Überfluss noch einen von 3 3 /4'" Radius, und auch da lässt sich mit 
völliger Bestimmtheit angeben, welches Bild kleiner, welches grösser sei. Das kann 
Jeder nachmachen ; darüber giebt's keine weitere Polemik. Hat Stellwag vielleicht schlecht 
gerechnet ? oder sind seine Suppositionen unpassend gewählt ? 

Einen weitern Anhaltspunkt gab die Lage der Iris relativ zur Cor- 
nea, und daraus liess sich auch leicht erklären, wie sich die Ansicht, 
Kurzsichtigkeit beruhe auf stärkerer Wölbung, Fernsichtigkeit auf Ver- 
flachung derselben, hatte entwickeln und so lange erhalten können. Um 
die Lage der Iris richtig zu beurtheilen, muss man das Auge gerade 
von vorn, nicht von der Seite her betrachten. Man lege ein Plancon- 
vexglas mit der ebenen Fläche auf ein Blatt Papier, allenfalls auf einige 
Zeilen eines Buches, und man wird aus Experimenten hiemit leicht 
entnehmen, was obiger Rath bedeuten will. In der angegebenen Stel- 



Physiologie — Acconmiocintioii. 211 

hing nun denke man sich Ebenen gelegt: 1. durch die Basis der Cor- 
nea oder den vordersten Rand der Sclera, etwa wie wenn man ein 
Staarmesser durchführen wollte; 2. durch den grössten Kreis oder den 
Ciliarrand, und 3. durch den kleinsten Kreis oder den Pupillarrand der 
Iris. Diess thue man nun a) bei eclatanter reiner Kurzsichtigkeit, b) bei 
einem in höherem Grade ferusichtigen, und c) bei einem normalen 
Auge. Mau wird nun leicht bemerken, dass bei einem exquisit kurz- 
sichtigen Auge die 1. und 2. Ebene weit, die 2. und 3. dagegen wenig 
oder gar nicht von einander abstehen, cl. h. dass die Iris (der grosse 
und kleine Kreis) auch bei ziemlich enger Pupille nahezu in Einer 
Ebene, aber tief hinter der Hornhaut liegt, dass hingegen bei einem 
exquisit weitsichtigen Auge die 1. und 2. Ebene einander sehr nahe 
liegen, die 3. dagegen merklich vor der 2., d. h. die Iris des weitsich- 
tigen Auges in toto, besonders aber mit ihrem Pupillarrande weit nach 
vorn liegt, und stark nach vorn ausgebaucht ist. — Richtig ist, dass bei 
Kurzsichtigkeit die vordere Kammer grösser, bei Weitsichtigkeit dagegen 
kleiner ist; nur liegt der Grund davon nicht in veränderter Wölbung 
oder Lage der Cornea, sondern in veränderter Lage und Wölbung der 
Iris, und die Altern haben etwas, das der Schärfe ihrer Beobachtung 
nicht entgangen war, bloss irrig gedeutet. 

Die Lage des Ciliarrandes der Iris ist gegeben durch die Dicke 
oder Mächtigkeit des Ciliarmuskels (des Ligamentum ciliare früherer 
Autoren), denn es ist gewiss, dass die Iris mitten aus demselben her- 
auskommt, dass die Iris mit der Cornea nicht unmittelbar zusammen- 
hängt, dass mithin, je stärker entwickelt der Ciliarmuskel ist, desto 
weiter, hinten auch der Ciliarrand der Iris liegt. Wo der Ciliarmuskel 
wenig entwickelt ist, da legt sich auch der grösste Kreis der Iris mehr 
weniger nahe an die Peripherie der Descemetschen Haut an. 

Die Lage des Pupillarrandes der Iris zeigt uns jederzeit auch die 
Lage der vordem Kapsel, sobald die Linse nicht aus ihrer Befestigung- 
gelöst oder in ihrem Yolumeu geschrumpft ist. Tiefe Lage des Pupillar- 
randes deutet demnach, falls die Pupille nicht über 2 — 2 i l / 2 JU erweitert 
ist, jederzeit auf tiefe Lage der Linse, und umgekehrt, so dass wir 
also — mit Bezug auf das Frühere — sagen dürfen : Bei Kurzsichtigkeit 
liegt die Linse (vordere Kapsel) tiefer, bei Weitsichtigkeit näher hinter 
dem Hornhautcentrum. 

Es ist eine allgemein bekannte und anerkannte Thatsache, dass 
durch anhaltendes Betrachten naher kleiner Gegenstände (insbesondere 
beim Gebrauche des Mikroskopes; normale Augen Erwachsener vor- 
übergehend — auf Minuten oder Stunden, jugendliche Augen (bis zu 

14* 



2 1 2 Augenmuskeln. 

den Pubertätsjahren) bleibend kurzsichtig werden. Man kann nicht an- 
ders, als annehmen, dass die Behufs des Nahesehens eingeleitete Ver- 
änderung' in den dioptrischen Verhältnissen des Auges so lange fort- 
bestehe, als die Kurzsichtigkeit anhält, also bei permanenter Kurzsichtigkeit 
stationär geworden sei. Sind diese Sätze richtig, dann müsste, wenn 
die Accommodation durch stärkere Wölbung der Cornea vermittelt würde, 
an Augen, welche auf diese Weise kurzsichtig geworden sind, auch die 
Cornea stärker gewölbt gefunden werden. Dasselbe gilt auch in Bezug 
auf die Form- und Lageveränderung der Linse. Ist aber unsere An- 
sicht über die Accommodation richtig, dann muss in solchen Augen der 
Durchmesser des Auges in der Sehachse verlängert, die hintere Wan- 
dung des Bulbus zurückgedrängt gefunden werden. Und so ist es in 
der That. Bei allen rein Kurzsichtigen, welche nur bei höchstens 6 Zoll 
Distanz noch lesen können, besonders aber bei jenen, welche bereits 
Gläser unter 6 Zoll Brennweite nöthig haben, lässt sich die Verlänge- 
rung des Bulbus nach hinten schon während des Lebens bestimmt nach- 
weisen, indem man das Auge möglichst stark nach innen und oben 
wenden lässt, und nun das untere Lid nächst der äussern Commissur 
mittelst des Zeige- oder kleinen Fingers so weit als möglich hinter den 
Bulbus drängt. Auf diese Weise ist bloss eine beiläufige Schätzung 
möglich, welche nur durch Vergleich mit normalen Augen Werth er- 
hält. An den Augen verstorbener kurzsichtiger Personen lässt sich aber 
eine genaue Messung anstellen, wenn man die Augen möglichst bald 
herausnimmt. Ich werde weiter unten den Befund solcher Augen, von 
deren Kurzsichtigkeit im Leben ich mich überzeugt hatte, ausführlich 
mittheilen, und will nur noch hervorheben, dass eben dieser Befund 
auch das letzte Bedenken beseitigt, welches sich allenfalls noch gegen 
das Rückwärtsweichen der hintern Bulbuswand bei der Accommodation 
erheben Hesse. Es ist diess das Bedenken, ob nicht etwa die bei dieser 
Rückwärtsdrängung nothwendig stattfindende Compression und Ver- 
schiebung der Netzhautelemente der Function derselben nachtheilig wer- 
den möchte. Dass die Contenta des Bulbus bei der Accommodation 
unter erhöhten Druck versetzt werden, ist durch den Augenspiegel 
nachgewiesen. Dieser Umstand ist weit entfernt, die Sensibilität der 
Netzhaut zu vermindern, scheint sie im Gegentheil sogar zu erhöhen, 
eine Ansicht, die, wenn ich mich recht erinnere, schon Brewster in den 
dreissiger Jahren ausgesprochen hat, und welche mit Stromeier 's Be- 
hauptung, dass die optische Sensibilität mit der Muskelaction steige 
und falle *), völlig im Einklänge steht. Dass aber eine Verschiebung 

; De combinatione actionis uervorum et motorioraiu et seusoriorum etc. Erlangae 1S39. 



Physiologie — Accoinniodation. 213 

der Netzhauteleuiente, ATeiche, wenn auch in Loch so geringem, den- 
noch in einigem Grade stattfinden zu müssen scheint, ohne Störung 
der optischen Sensibilität der Netzhaut stattfinden könne, ist eben 
factisch nachgewiesen durch den wirklichen Bestand einer solchen Aus- 
buchtung oder Verlängerung an Augen, welche in jeder Beziehung nor- 
mal sind — bis auf den Refractionszustand — welche sogar ein noch 
feineres (schärferes) Gesicht darzubieten pflegen, als Augen ohne solche 
Ausbuchtung. Kann nun diese nicht als Vitium primae formationis an- 
genommen werden, so musste eine solche Verschiebung auch ohne 
Nachtheil für die optische Sensibilität erfolgen können. 

In -welcher Beziehung stehen nun die angeführten Thatsachen der Beohachtung an 
kurz- und weitsichtigen Augen zu einander und zur Accommodation? — Ein Knabe 
beschäftigt sich wiederholt und anhaltend mit der Betrachtung kleiner Gegenstände, und 
hält, entweder weil es der Sehwinkel oder die Beleuchtung erheischt, oder auch nur aus 
übler Gewohnheit dieselben so nahe, dass die Accoinmodationsorgane in erhöhten An- 
spruch genommen werden. Erhöhte Spannung der Kecti und Obliqui sowohl als des 
Ciliavrauskels dauern länger an und kehren öfter wieder. Die hintere Wandung des 
Bulbus in einem Umkreise, dessen Centrum die Macula lutea, dessen Peripherie ohnge- 
fähr die Gegend der Insertion der beiden Obliqui bezeichnet, muss dabei rückwärts ge- 
drängt werden, im Centrum am meisten, gegen die Peripherie hin weniger und weniger. 
Die Locomotion, welche die Macula lutea zu machen hat, wenn sie aus der Lage, die 
der Ruhe der Accommodationsorgane entspricht, in jene übergeht, die dem höchsten 
Grade ihrer Spannung entspricht , wird, aufs Höchste angeschlagen, nicht viel über eine 
halbe Linie betragen. Besitzt die Sclera bereits ihren gehörigen Grad von Festigkeit, 
so weicht die hintere Wandung eben nur um soviel zurück, als der seitliche Druck er- 
heischt ; sie tritt sodann in ihre frühere Lage zurück, in demselben Masse, als die seit- 
liche Compression nachlässt. Diese Wiederherstellung der normalen Form ist theils in 
der Dicke und Elasticität der Sclera selbst, theils in der Elasticität des incompressiblen 
Glaskörpers und des compressiblen retrobulbären Fettgewebes gegeben ; wenn aber die 
Sclera noch weich und nachgiebig ist, wie vor der völligen Entwicklung der Bulbi (zur 
Zeit der Pubertät) , so kann die häufige Wiederkehr und stundenlange Andauer höherer 
Spannung leicht eine Ausdehnung derselben zur Folge haben, welche nach dem Aufhören 
des erhöhten Druckes nicht mehr zurückgeht. Da aber die Gefässe im Innern des Auges 
unter einem permanenten Drucke stehen, entsprechend der Spannung der Wandungen des 
Bulbus, so ist mit obigem Momente der Anstoss zum Ausscheiden von Serum aus den 
Gefässen gegeben, und es wird einerseits in den Glaskörper, andererseits in die Augen- 
kammer so viel Flüssigkeit mehr ausgeschieden , als die Raumerweiterung eben gestattet. 
So entsteht Vermehrung der Glasfeuchtigkeit und bei höheren Graden von Ektasie der hin- 
tern Bulbuswand (Staphyloma posticum Scarpae) auch Verflüssigung des Glaskörpers, zu- 
nächst in der Gegend des hintern Poles, allmälig weiter und weiter nach vorn vorschrei- 
tend , endlich , wohl auch den ganzen Glaskörper bis auf eine wenig mächtige Lage an 
der vordem Peripherie nächst dem Corpus ciliare betreffend. — Hält die Scheidewand 
zwischen Kammerwasser und Glaskörper gehörig Stand, wenn nämlich der Ciliarmuskel 
gehörig entwickelt ist, dann steht während der erhöhten Spannung der Accommodations- 
organe der hintere Augenraum unter etwas grösserem Drucke, als der vordere, der Rück- 



2 1 4 Augenmuskeln. 

fluss durch die hintern C'iliarvenen wird etwas beeinträchtigt, die vordem Ciliarvenen 
erscheinen etwas stärker injicirt — eine Erscheinung, die man während der Entwicklung 
und des Fortschreitens der Kurzsichtigkeit häufig sehen kann — und die Menge des 
Kammerwassers steigt, die vordere Kammer wird grösser, die Cornea uud Linse rücken 
allmälig weiter von einander. Die Yergrösserung der vordem Kammer wird überdiess 
noch dadurch befördert, dass sich der Ciliarmuskel in Folge der häufigeren Übung mehr 
entwickelt. Die Yergrösserung der vordem Kammer ist somit etwas Consecutives oder 
Sccundäres, daher auch nicht absolut Nothwendiges , weil nur von einem der Momente, 
nämlich von der kräftigen Gegenwirkung des Ciliarmuskels abhängig. Dennoch wird sie 
bei hinterer Ektasie des Bulbus selten vermisst. Wo sie aber — bei unveränderter 
Wölbung der Cornea und unabhängig von entzündlichen Leiden der Iris oder Chorioi- 
dea, so wie von Krankheiten der Linse und des Glaskörpers mit Schrumpfung vorhan- 
den ist, gestattet sie mit grosser Wahrscheinlichkeit den Rückschluss auf hintere Aus- 
dehnung der Sclera. Ich hin auf diese Weise in der Leichenkammer in den Besitz 
einiger Bulbi mit hinterer Ektasie gekommen , von denen sich auch bei zweien nach- 
her eruiren liess, dass Kurzsichtigkeit vorhanden gewesen war. 

Man könnte gegen die Beweiskraft der hintern Ektasie für unsere Ansicht vielleicht 
noch einwenden , dass Augen, an denen man dieselbe beobachtet, allerdings kurzsichtig 
sein müssten, dass aber der Ektasie wohl andere Ursachen, als die von uns supponirte, 
zu Grunde liegen. Es könnte vielleicht diese Ektasie schon ein Vitium primae forma- 
tionis sein, oder es könnte dieselbe in einer angeborenen mangelhaften Besistenz der 
Sclera gleichsam vorbereitet sein, wofür sich das oft beobachtete gleichzeitige Vorkom- 
men von Kurzsichtigkeit in Familien geltend machen liesse, oder endlich es könnte, 
wie A. von Gräfe anzunehmen scheint, dieselbe die Folge eines entzündlichen Leidens 
der Sclera und Chorioidea — (Sclerotico-chorioiditis posterior) sein. — Folgendes ist's, 
v as ich diesen Annahmen entgegen zu setzen habe. Zunächst kann durchaus nicht zuge- 
geben werden, dass der hintern Ektasie des Bulbus immer ein entzündlicher Process der 
Sclera und Chorioidea als Ursache oder auch nur als voi hergehendes und disponirendes 
Moment zu Grunde liege, kann vielmehr mit Bestimmtheit belmiptet werden, dass die 
entzündlichen Erscheinungen im Grunde des Auges , welche in manchen solcher Fälle 
entweder mit dem Augenspiegel oder am Leichentischc nachgewiesen werden können, 
etwas Accessorisches oder Consecutives sind. Der Augenspiegel kann natürlich nur 
nachweisen , dass ein Auge kurzsichtig ist, nicht aber, wodurch die Kursichtigkeit be- 
dingt sei. Ich habe an zahlreichen Individuen mit Kurzsichtigkeit höheren Grades die 
Verlängerung des Bulbus in der Sehachse auf die obeu angcgelJene Weise constatirt, 
darunter aber viele gefunden, bei denen die optische Sensibilität vollkommen intact war, 
welche sich in der ihrem Refractionszustande angemessenen Sehweite des besten Ge- 
sichtes erfreuten, bei denen durch die Probe mit einer Kartenblattöifnung jeder Verdacht 
auf Amblyopie ausgeschlossen werden konnte. Und das bei Individuen, die seit 20 — 30 
Jahren ohngefähr in gleichem Grade kurz- und dabei scharfsichtig geblieben waren. 
Da kann ich unmöglich annehmen, dass ein entzündliches Leiden der Sclera und Chorioi- 
dea in der Gegend der Macula lutea stattgefunden habe. Die Ophthalmoskopie ergab in 
den von mir untersuchten Fällen dieser Kategorie gar nichts oder die Zeichen von Bare- 
fieirung der Choricidealgewebes. Wahr ist es, man trifft an Augen mit eclatanter hinterer 
Ektasie und Kurzsichtigkeit nicht 6elten die Erscheinungen von Amblyopie, unter dem 
Augenspiegel von Apoplexie oder Entzündung im Grunde des Auges ; diese Bind aber 
später aufgetreten, als die Kurzsichtigkeit ; sie siud consecutiv, in so fern die Disposition 



Physiologie — Aceoiuniodatioii. 215 

zur Blutaustretung in der Ektasie gegeben ist. Diese Disposition liegt nicht nur in der 
bei solchen Augen zum Sehen nöthigen erhöhten Ausdehnung und unzureichenden Re- 
sistenz der Pulbuswandung, welche um so geringer sein muss, je weiter die Ektasie bereits 
gediehen ist ; sie liegt auch in der Verödung zahlreicher Gefässstämmchen von den hin- 
tern Ciliargefässen, welche bei hochgradiger Rareiicirung der Retina, Chorioidea und Sclera 
(Ausdehnung auf einen grösseren Flächenrauni) unter Mithilfe der Senescenz des Indi- 
viduums dazutritt. — Ein angeborener Zustand kann die in Rede stehende Ektasie dess- 
halb nicht sein, weil sie ohne Kurzsichtigkeit nicht gedacht werden kann, und bei In- 
dividuen beobachtet wird , die erst mit der Zeit kurzsichtig geworden sind. Eben so 
wenig ist man berechtigt, eine besondere Disposition dazu anzunehmen, ausser der 
"Weichheit und Nachgiebigkeit der Sclera im jugendlichen Alter, man müsste denn aus 
Torliebe für diese Idee die Thatsachen ignoriren , welche statistische Beobachtungen 
über das Vorkommen der Kurzsichtigkeit bei den verschiedenen Völkern und Ständen 
geliefert haben. — Ein umstand ist es noch, welcher gegen alle die genannten drei 
Annahmen spricht, nämlich das durch Sectionen sowohl als durch Beobachtung an Le- 
benden constatirte Vorkommen der in Rede stehenden Ektasie an Augen , welche um- 
schriebene centrale Trübungen in den durchsichtigen Medien darbieten. Ich besitze 
mehrere solche Präparate, welche mir völlig unverständlich sein würden, wenn ich nicht 
wüsste, dass Individuen mit solchen Trübungen genöthigt sind, alle kleineren Objecte, 
welche sie deutlich sehen wollen, relativ näher an das Auge zu bringen, als ceteris 
paribus andere, dass sich mithin zu der Trübung des Gesichtes noch Kurzsichtigkeit 
gesellt. (Vergl. B. I. S. 260.) 

Eine Thatsache müssen wir endlich noch hervorheben , welche zwar nicht direct 
als Beweis für unsere Theorie angeführt werden kann, welche aber, da sie mit der- 
selben in vollem Einklänge steht, dazu beiträgt, selbe plausibel zu machen. Das anhal- 
tende und oft wiederholte Betrachten naher Objecte führt in späteren Jahren nicht nur 
nicht zu stationärer Kurzsichtigkeit, sondern sogar entweder einfach zu Ermüdung und 
Augenmattigkeit oder selbst zu Fernsichtigkeit, zu insufficienter oder gänzlich mangeln- 
der Accommodation. So lange die Sclera noch nachgiebig ist, kann übermässige und 
anhaltende Spannung bleibende Aiisdehnung derselben zur Folge haben ; ist aber die 
Sclera einmal gehörig resistent geworden, dann wird , wenn anhaltend erhöhte Span- 
nung der Muskeln eintritt, eher ErmüduDg und Nachlass der Muskelspannung eintreten, 
als Ausdehnung der Sclera, und dieses Nachlassen erfolgt zunächst in jenem Accommo- 
dationsorgane, welches nicht direct vom "Willen abhängig ist, in dem Ciliarmuskel. So 
wie dieses erfolgt, leistet die Scheidewand zwischen Humor aqueus und vitreus nicht mehr 
den gehörigen Widerstand, und es kommt consecutiv zur Abnahme des Humor aqueus, 
2ur Verkleinerung der vordem Augenkammer, ein Zustand, der, wenn er nur einiger- 
massen bestimmt ausgesprochen ist, ohne Weiteres und sicher zu schliessen gestattet, dass 
die Accommodation entweder geschwächt oder aufgehoben sei. Die senile Presbyopie 
ist nicht Folge mangelhafter Ernährung und dadurch bedingter Abnahme der Augen- 
fluida, sondern Folge der zunehmenden Rigididät der Sclera einer- und der abnehmenden. 
Muskelenergie andererseits. 

Indirect wird die Kichtigkeit unserer Theorie dadurch bewiesen, 
dass keine andere Theorie der Accommodation weiter möglich ist. Die 
Momente, an die man äppelliren könnte, sind: VereDgerung der Pu- 
pille, erhöhte Wölbung der Hornhaut oder der Linse, Vorwärtsrückung 



216 Augenmuskeln. 

der Linse und allenfalls eine Combination von zweien dieser Momente. 
Von Veränderung der Brechungsverhältnisse kann nicht die Rede sein, 
da wir kein Organ kennen, welches den hiezu nöthigen Druck zu 
liefern im Stande wäre. Welchen Antheil die Iris etwa an der Accom- 
modation haben könne, werden wir weiter unten erörtern; dass die 
blosse Verengerung der Pupille beim Nahesehen nicht den nöthigen 
dioptrischen Anforderungen genügen kann, bedarf keines weitern Nach- 
weises. Auch an erhöhte Krümmung der Cornea denkt heut zu Tage 
wohl Niemand mehr, nachdem das Nichteintreten derselben wiederholt 
durch verschiedene Methoden, und von den tüchtigsten Beobachtern, 
Senff, Gramer, Heimholt*, constatirt ist. Die auf Lage- oder Formver- 
änderung der Linse basirten Theorien scheitern vor Allem an der con- 
statirten Beobachtung, dass manche Augen, bei denen die Linse fehlte 
und durch ein entsprechendes Convexglas ersetzt wurde, Accommoda- 
tion zeigten. Diese Fälle beweisen wenigstens so viel mit Bestimmtheit, 
dass, wenn ja Veränderungen der Linse (in Form oder Lage) einen 
Antheil an der Accommodation haben, dieser ein relativ sehr geringer 
sei, dass man somit vollkommen zu der Behauptung berechtigt ist, die 
geraden und schiefen Augenmuskeln im Verein mit dem Ciliarmuskel 
seien wahrscheinlich die einzigen , sicher jedoch die bei weitem überwie- 
genden Organe der Accommodation. 

Sollte die Vorrückung der Linse allein den optischen Anforderungen genügen, so* 
müsste die Excursion nach den Berechnungen von Olbers, Moser und Senff l /z"' oder 
noch etwas mehr betragen. Mit der Linse müsste dann natürlich auch die Iris, wenig- 
stens der Pupillarrand derselben, beim Nahesehen vorwärts rücken. Wenn aber bei der 
Accommodation Form und Lage der Hornhaut unverändert bleiben, so ist auch ein sol- 
ches Vorrücken der Linse in toto unmöglich, weil der Humor aqueus incompressibel ist, 
und ein leerer Eaum, wohin das Kammerwasser etwa entweichen könnte, nirgends exi- 
stirt. Weder der Petit' sehe noch der vermeintliche Fohtana'sche Canal (Hueh's) können 
dieser Ansicht den gewünschten Dienst erweisen. Übrigens führt diese Ansicht zu einer 
Consequenz, welche deren Absurdität handgreiflich macht. Gibt man nämlich zu, dass 
anhaltendes und öfter wiederkehrendes Nahesehen kurzsichtig macht, drfnn muss in jedem 
auf diese Weise kurzsichtig gewordenen Auge die Linse weiter vorn liegen, die vordere 
Kammer kleiner sein. Ulrich hat keinen Anstand genommen, offen auszusprechen, was 
bei Andern eben nur zwischen den Zeilen zu lesen ist. „Myopiae causae variae possunt 
afferri. Subita musculi tensoris chorioidcac contr actione spastica, et nervi symphatici 
irritatione et ad nervorum ciliarium systema irradiatione orta, lens crystallina nonnunquam 
nimis antrorsum agitur, ita ut radiorum ex rebus longinquis emanantium focus ante reti- 
jiam cadat." — „Occurrunt praeterea saepe, teste experientia quotidiana, qui longa conti - 
nua consuetudine propiora et sublitiora fere sola inspiciendi, remotiora distinete visendi 
facultatem sensim amittant, itaque myopiam acquirant." — „Si haec myo'pia jam diu in- 
veteravit, nulla oculi exercitatione distantia visus potest prolongari. Namque tensoris 
chorioidcae fibrae musculares hoc in myopiae genere in continua contractione perdurantes 



Physiologie — Accommodatioii. 217 

magis magisque abbreviantur et intumcscunt, quo fit, ut lens crystallina in perpetuum ni- 
niis antrorsum protrudatiir." (1. c. p. 5S et 59.) Wenn nun auch Volkmann, auf Sütrm's 
theoretische Deductionen sich stützend, und nach ihm Ruete eine viel geringere Excur- 
sion der Linse nach vorn genügend finden (etwa nur l /\o'", wie Valentin angegeben hat), 
so macht diess den Widerspruch mit der Beobachtung an kurzsichtigen Augen nur ge- 
ringer, ohne ihn aufzuheben. Dasselbe Argument müssen wir auch der Theorie Stellwags 
(Ophthalmologie, S. 431) entgegenstellen, welcher berechnet, dass eine Vorwärtsrückung 
der Linse um 3 io'" allen Anforderungen genügen würde, und den Schwierigkeiten rück- 
sichtlich des Kammerwassers dadurch zu entgehen meint, dass er annimmt, die vordere 
Kammer werde, indem die Linse in der Mitte vorgedrängt werde, an der Peripherie da- 
durch grösser, dass die Iris seitlich auf die Linse drücke. Letztere Annahme werden 
wir bei Besprechung der Theorie von Gramer in Bezug auf ihre Haltbarkeit untersuchen» 
und begnügen uns hier nur nachzuweisen, dass Stellwag consequenter Weise, und mit 
noch bestimmteren Ausdrücken, dieselbe absurde Behauptung wie Ulrich aufstellt, indem 
er S. 439 sagt: „Die dioptrischen Verhältnisse des Auges machen es für den ersten Au- 
genblick wahrscheinlich, dass die Weitsichtigkeit in einer normwidrigen Vorrückung der 
Linse begründet sei. Eine nähere Betrachtung der Dinge lehrt jedoch, dass die der 
Presbyopie entsprechende Stellung nicht als eine abnorme gelten könne, dass die Weit- 
sichtigkeit nur auf dem Unvermögen des Accommodationsmuskels beruhe, den Kry Stallkörper 
in die für geringere Sehweiten erforderliche vorgerückte (!) Lage zu versetzen. Wohl 
aber steht es fest, dass hohe Grade von Kurzsichtigkeit in normwidrigen Stellungen der 
Linse begründet seien, auf Fixation des Krystallkörpers in einer abnorm vorgerückten Lage 
beruhen, und sofort bedingt werden durch widernatürliche Länge der Glaskörperachse bei 
normwidrig kleinem Abstände der Linse von der Hornhaut (!). Es können 
diese Missverhältnisse zwischen den Achsen des Kammermeniscus und des Glaskörpers 
acquirirt werden, sind mitunter jedoch auch angeboren. 1,1. 

In neuester Zeit haben Gramer in Groningen*) und Hehnholtz**) unabhängig von 
einander die auch schon in früheren Zeiten, namentlich von Huek, ausgesprochene Ansicht 
wieder aufgenommen, dass die Linse behufs des Xahesehens convexer werde. Sie stützen 
dieselbe auf die Messung der Purkinje-Sanson'schen Spiegelbilder. Diese erhält man be- 
kanntlich, wenn man in einem dunkeln Baume ein Licht, z. B. eine Kerzenflamme, in. 
der Entfernung von 1 — 2 Fuss seitlich vor ein Auge hält, und von der andern Seite in 
die Pupille blickt. Um jedoch nicht durch andere Spiegelbilder gestört zu werden, muss 
der Beobachter an der seinem Gesichte zugewendeten Seite der Flamme einen schwarzen 
und matten Schirm so anbringen, dass sein Gesicht dabei völlig beschattet erscheint, und 
der Schirm kein Licht auf das Auge reflectirt. Lässt man jetzt das zu beobachtende Aug& 
(in gleicher Höhe mit dem des Beobachters und mit der links oder rechts zur Seite befindli- 
chen Flamme) eine solche Stellung annehmen, dass das Spiegelbild der Cornea, welches nicht 
bloss die Flamme, sondern auch den obersten Theil der Kerze deutlich wiedergibt (verkleinert 
und aufrecht), noch im Bereiche der Pupille und zwar nächst dem Rande derselben (z. B. nächst 
dem äussern) zu stehen kommt, so wird man diametral entgegengesetzt (also nächst dem innern 
Pupillarrande) einen zwar relativ sehr kleinen, doch ziemlich hellen und scharf begrenzten Re- 
flex bemerken, welcher sich als das der Kapsel angehörige Flammenbild erweist (daher verkehrt 

*) Tydschrift der Maatschappy vor Geneeskunde, und Physiolog. Abhandlung über das Accommodations- 
vermögen der Augen, deutsch von lioden. Leer 1855. 
**) Monatsberichte der Berliner Akademie, 1853, Februar, und ; Über die Accommodation des Auges, im 
Archiv für Ophthalmologie Bd. I. Abth. II. 1S55. S. 1—74. 



218 Augenmuskeln. 

erscheint). Minder leicht ist es, das der vordem Kapsel angehörende Reflexbild zu erkennen, 
es tritt nur als ein matter lichtarmer) länglicher Lichtschein ohne deutliche Begrenzung auf, 
■welcher seine relative Stellung zu den beiden andern bei der leisesten Bewegung des 
Bulbus in entgegengesetzter Richtung ändert, und sich demnach bald hinter dem Cor- 
neal- bald hinter dem Hinterkapselreflexe verbirgt. Streicht die Sehachse des beobach- 
teten Auges nicht um viele, sondern nur um wenige Grade neben der Flamme vorbei, 
so erscheinen die genannten 3 Bilder nicht so sehr neben-, als vielmehr hinter einander, 
und man sieht dann deutlich, dass das Cornealbild am weitesten vorn, das Vordeikapsel- 
bild am weitesten hinten, das Hinterkapselbild dazwischen (näher dem Cornealbilde) liegt. 
— Kennt man diese Erscheinungen aus vielfältiger Betrachtung mit freiem Auge, dann 
wird es auch nicht schwer halten, sie mit einer i?rwc£e'schen Loupe oder mit einem 
Fernrohre unter 10 — 20facher Vergrösserung zu beobachten. Cramer und Heimholte, jeder 
in einer andern Weise, haben nun eigene Apparate construirt, um diese Bilder bei sol- 
cher Vergrösserung und bei möglichster Ruhe des beobachteten sowohl als des beobach- 
tenden Auges wahrnehmen und in Bezug auf relative und absolute Lage tmd Grösse 
während verschiedener Refraction des beobachteten Auges messen und vergleichen zu 
können. Rucksichtlich der Beschreibung derselben müssen wir auf die oben citirten 
Schriften verweisen, und uns hier auf auszugsweise Mittheilung der Beobachtungsresul- 
tate beschränken. Nach dem, was ich gesehen, freilich nur mit Hilfe einer Brücke' sehen 
Loupe, möchten die Schlüsse in Bezug auf Lage- und Grösseveränderung des Vorder- 
kapselbildes wohl nicht mit so viel Bestimmtheit und Präcision zulässig sein, als Cramer 
und Helmholtz sie aufgestellt haben. 

Das Hornhautbild erleidet bei der Accommodation durchaus keine Veränderung. Hierin 
stimmen beide Autoren überein, i;nd Cramer konnte auf diese Weise auch im Radius 
der vordem Cornealfliiche keinen Unterschied zwischen kurz- uud weitsichtigen Augen 
finden. Hiedurch erhielt der bereits anderweitig gefundene Satz, dass die Accommodation 
nicht durch Veränderung der Cornealwölbung vermittelt werde, eine neue Stütze. — Bei 
der Einrichtung des Auges für die Nähe rückt, nach Cramer, das Vorderkapselbild in die 
Mitte zwischen das Corneal- und das Hinterkapselbild, wenn es beim Fernsehen nahe 
an dem letzteren lag; zugleich wird es heller und kleiner, woraus sich ergibt, dass beim 
Nahesehen die vordere Kapsel gewölbter wird. Nach Helmholtz rücken zwei Spiegel- 
bildchen, welche der vordem Kapsel angehören (durch eine eigene Vorrichtung des Ap- 
parates erzeugt), näher aneinander und werden kleiner, was auf dieselbe Ursache, stär- 
kere Wölbung der Vorderkapsel, und zwar mit viel mehr Sicherheit deutet. — Rück- 
siclitlich des Bildes an der hintern Kapsel ist Cramer geneigt, anzunehmen, dass dasselbe 
bei der Accommodation weder in Bezug auf die Lage, noch in Bezug auf die Grösse eine 
Änderung erleidet, ohne das Gegeutheil bestimmt auszuschliessen ; Helmholtz dagegen 
nahm in beiden Beziehungen eine Veränderung Avahr und erklärt nach Berücksichtigung 
aller hier in Rechnung kommenden Momente, dass durch die Accommodation der wahre 
Ort des mittlem Theiles der hintern Kapsel nicht merklich verrückt werde, die bestimmt 
wahrgenommene Grösseveränderung des betreffenden Bildchens jedoch wenigstens zum 
Theil auf Verkleinerung des Krümmungsradius der hintern Linsenfläche bezogen werden 
müsse. Stelhvag (in einem an Cramer gerichteten und von diesem mitgetheilten Schrei- 
ben) folgert aus physikalischen Gesetzen, dass eine vermehrte Wölbung der vordem Kap- 
sel allein, ohne gleichzeitige stärkere Wölbung der hintern Kapsel nicht vorkommen 
könne, was also für Helmholtzens Beobachtung spricht. Helmholtz fand mit Hilfe der 
Spiegelbilder den Radius der Vorderfläche d.r Linse in Millimetern: bei 0. H. = 11,9, 



Physiologie — Accoiiiiiioclation. 219 

bei B. P. = S,S bei I. II. = 10,4, bei zwei todten Linsen = 10,2 und 8,9, den Radius 
der Hinterfläche bei 0. IL = 5,83, bei B. P. = 5,13, bei I. H. = 5, 37, bei den todten = 
5, SO und 5.89. Die Dicke der Linse in der Acbse berechnete er bei 0. H. auf 3,148, 
bei B. T. auf 3,635, bei I. IL auf 3,402 Millimeter. Addirt man hiezu die Hübe, wel- 
obe die Wölbung der Linse in der Pupille beim Nabeseben beträgt, so erbält man für 
0. IL 3,414, furB. P. 3,801, für I. IL 3,555 Millimeter Dicke der Linse, welche bei den 
Todten = 4,2 und 4,3 Millim. gefunden wurde. — Stellwag (in obigem Schreiben) gebt 
ron folgenden Prämissen aus. Die innere optische Achse = 9,534"', Tiefe der Augen- 
kammer in der Sehachse = 0,S'", Brennweite der Cornea = 13,35'", Brechungsexponent 
des Kammerwassers = 1,337, des Glaskörpers = 1,339, und des Krystallkörpers = 1,418 
(Totalindex, durch Rechnung bestimmt), ferner Radius der vordem Linsenfläche = 3,071"', 
der hintern Linsenfiäche = 2,2"', Achsenlänge oder Dicke der Linse = 2,0'", und die 
Vereinigungsweite des Auges für parallele Strahlen = 6,734'" hinter dem hintern Schei- 
telpunkte der Linse. Damit nun Krümmungsänderungen der beiden Convexitäten des 
Krystallkörpers die Accommodation des Auges für ein Object von 100'" (8'/s") bewerk- 
stelligen können, muss der Radius der vordem Linsenfiäche sich auf 2,517'", der Radius 
der hintern auf 1,762'" verkürzen, die Achse des Krystallkörpers mithin sich auf 2,48'" 
verlängern, vorausgesetzt, dass mit dem Wechsel der Krümmungen der einzelnen Krystall- 
sebichten der imaginäre Totalindex der Linse derselbe bleibt. 

Als Organ, welches diese nicht unbeträchtliche Veränderung der Form der Linse 
(Abnahme der Durchmesser im Äquator, Zunahme des Durchmessers in der Achse) zunächst 
vermitteln soll, wird die Iris im Verein mit dem Ciliarmuskel (Brücke's tensor chorioideae) 
bezeichnet. Diese Ansicht wird theils auf anatomische Verhältnisse, theils auf Thatsachen 
der Beobachtung bei obigen Untersuchungen und bei Experimenten an Thieraugen ge- 
stützt. Cramer behauptet zunächst, es liege die Iris nicht nur im kleinen Kreise, sondern 
durchaus — vom Papillär- bis zum Ciliarrande an der vordem Kapsel, Zonula Zinnii und 
den Ciliaifortsätzen an, so dass eine hintere Augenkammer nicht existire, und es liege 
in normalen Augen der Puppillarrand (eine Ebeue durch denselben gelegt) um 0,44 Par. 
Linien weitei vom, als der Ciliarrand (Ebene durch denselben gelegt), sei demnach die 
Iris kuppelartig vorwärts gewölbt, so dass ihre Radialfasem bogenförmig gekrümmt über 
die Linse verlaufen, daher bei gleichzeitiger Gontraction der Circulärfasern, in denen sie 
den zweiten Stützpunkt fänden, auf den peripherischen Theil der Vorderfiäche der Linse 
drücken können. Übrigens sei die Lage der Fasern des Ciliarmuskels so, wie Brücke sie 
angegeben, daher Verkürzung derselben im Stande sei, den Ciliarrand der Iris rückwärts 
zu ziehen, wodurch zugleich die Ciliarfortsätze einwärts gedrängt, und mittelst des im 
Petil' sehen Canale enthaltenen Wassers ein Druck auf den Rand der Linse ausgeübt 
■werden könne. — Nach Helmholtz kann man sich durch Versuche mit seinem Ophthal- 
mometer überzeugen, dass der peripherische Theil der Iris beim Nahesehen sich nach hin- 
ten bewege, während der Pupillarrand deutlich nach vom weiche. Dagegen soll ein 
Vorwärtsrüeken des Pupillarrandes bei einfacher Verengerung der Pupille durch Licht- 
Teiz (ohne Accommodationsveränderung) in normalen Augen gar nicht eintreten, bei Augen 
mit etwas weiterer Pupille, wie bei Kurzsichtigen, nur in geringem Grade. — Um nachzu- 
weisen, dass im Auge selbst gelegene Muskelfasern es seien, welche die Accommodation 
vermitteln, nahm Cramer das Auge eines so eben durch Hängen getödteten, etwa 5 Wo- 
chen alten Seehundes (phoca litorea), entfernte von demselben alle Muskeln, legte hinten 
einen Theil Glaskörper durch vorsichtige Beseitigung einer Partie Sclera, Chorioidea 
und Retina bloss, und brachte das so präparirte Auge, mit der Cornea auf einem hölzer- 



220 Augenmuskeln. 

nen Hinge ruhend, über die Öffnung der Objectiv-Platte eines Mikroskopes. Mittelst ei- 
ner genau richtigen Stellung des Mikroskopes und des Spiegels konnte er nun die Flamme 
eines ungefähr 35 Centimeter entfernten Lichtes auf der hintern Fläche des Glaskörpers 
sehr deutlich vergrössert wahrnehmen. Liess er nun auf beide Seiten der Cornea den 
Strom eines elektio-magnetischen Rotationsapparates einwirken, und beobachtete während 
dessen die Flamme auf der hintern Fläche des Glaskörpers bei 1 Ofacher Vergrösserung, 
so wurde jedesmal bei der Durchströmung die Flamme breiter, undeutlicher und weniger 
begrenzt, was man übrigens auch mit freiem Auge bemerken konnte. Wenn ein so be- 
handeltes Auge nach sehr lange fortgesetzten Versuchen untersucht wurde, so zeigte die 
Linse eine Krümmungsvermehrung in solchem Grade, dass die Form der Pupille, wie sie 
selbe während des Contractionszustandes erhielt, als eine Erhöhung auf der Linsenvor- 
derfläche vollkommen sich ausdrückte. Wenn er an frischen und noch nicht viel zu die- 
sem Experimente verwendeten Augen durch die Cornea eine Staarnadel bis zur Pupille 
in's Auge geführt, sodann unter die Iris durch bis zu ihrem Ursprungscirkel gedrungen, 
und im Zurückziehen den ganzen von der Staarnadel getroffenen Irisbogen durchschnitten 
(ein Coloboma totale gebildet) hatte, so bewirkte der elektr. Strom nicht mehr wie früher 
eine Verengerung der Pupille noch Veränderung des Refractionszustandes. — Bei einem 
fernem Versuche bewirkte der elektr. Strom nach Entfernung der Cornea und Iris so 
gut wie gar keine Veränderung in der Refraction, doch war selbst dem blossen Auge 
während der Dauer des elektr. Stromes jedesmal eine Anspannung der Ciliarfortsätze be- 
merklich, wodurch nach Cramer's Dafürhalten der Antheil des M. tensor chorioideae an 
der Accommodation nachgewiesen erscheint. 

Ich habe die Versuche weder mit dem CVamer'schen noch mit dem Helmholtz sehen 
Apparate nachgemacht. Was sie also über die Veränderung der Lage und Form der Spie- 
gelbilder bei der Accommodation angeben, muss ich gelten lassen, obgleich die beidersei- 
tigen Angaben einige wesentliche Widersprüche enthalten. Dass durch die aus jenen 
Beobachtungen gefolgerte Veränderung der vordem und hintern Linsenoberfläche allein 
oder auch nur vorzüglich die Accommodation vermittelt werde, halte ich für unmöglich. 
Es spricht dagegen Alles, was ich bisher über die Accommodation und ihre Abnormitäten 
erfahren und beobachtet habe. 

Nach Stellway's Berechnung, wenn wir deren oben mitgetheilte Prämissen als rich- 
tig annehmen, müsste die Linsenachse schon behufs der Accommodation für 8" um l l%" > 
verlängert werden, vorausgesetzt, dass mit dem Wechsel der Krümmung der einzelnen 
Krystallschichten der imaginäre Totalindex der Linse derselbe bleibe. Da aber die er- 
höhte Wölbung der Linse offenbar nur durch die weiche, halbflüssige, im Brechungsindex 
vom Humor aqueus und vitreus gewiss nur wenig abweichende Rindensubstanz vermittelt 
werden kann, so ist eben diese Voraussetzung noch sehr in Frage gestellt. Stellwag hat 
bereits in seiner 1853 erschienenen Ophthalmologie S. 431 die unseres Erachtens ganz 
richtige Behauptung aufgestellt, „dass wegen der grossen Übereinstimmung der Brechungs- 
verhältnisse in den äussern Krystalllagcn und den umgebenden Medien ungeheuere Ver- 
kürzungen und Verlängerungen der Radien erforderlich wären, um merkbare Differenzen 
in der Brennweite des dioptrischen Apparates zu bedingen." 

Aber angenommen, es genügten die aus der Veränderung der Reflexbilder gefolger- 
ten Veränderungen in der Wölbung der Linse dem dioptrischen Bedürfnisse, dann muss 
consequenter Weise auch angenommen werden, dass bei Myopia acquisita die Linse we- 
gen übermässig langer seitlicher Compression ihre Elasticität zum Theil eingebüsst habe, 
dass dieselbe nicht mehr zu ihrer normalen Form zurückkehre, mithin in den Äquatorial- 



Physiologie — Accommodation. 221 

durcbmessern verkürzt, im Achsendurchmesser verlängert bleibe. Diess will Cr am er (S. 
ISOi aueb wirklich so gefunden haben. „In Betreff der Länge der Linsenacbse, so wie 
der Entfernung ihrer vordem Fläche von der Cornea, habe ich ebenfalls bei Kurzsichti- 
gen vielfach experimentirt. Hier ergab der Apparat auf's Deutlichste, dass : a) die Ent- 
fernung des Cornealbildchens von dem von der hintern Linsenfläche erzeugten, wiewohl 
darin das Lebensalter u. s. w. einigen Unterschied begründet, bei Kurzsichtigen, bei nor- 
malem Gesichte und bei Femsichtigen sich ganz gleich verhält; dass b) die Entfernung 
des Cornealbildchens von dem von der Vorderfläche der Linse erzeugten bei Kurzsichti- 
gen sehr klein sich darstellt, im Vergleich zu Personen mit normalem Auge, oder, wo 
der Unterschied noch etwas beträchtlicher sich zeigt, zu Fernsichtigen, und endlich c) 
dass die Entfernung des von der Vorderfläcbe der Linse herrührenden Spiegelbildchens 
bis zti dem von deren hintern Fläche erzeugten, in den auf diese Weise angestellten Ver- 
suchen bei Kurzsichtigen im Verbältnisse zu Personen mit normalem Gesicht, und noch 
etwas mehr bei Fernsichtigkeit, als sehr gross sich darstellt." Das heisst mit wenig 
Worten : bei Kurzsichtigen liegt die vordere Fläche der Linse näher an der Cornea, weil 
die Achse der Linse viel länger ist. — Diese Angaben stehen in directem Widerspruche 
mit der Beobachtung an Lebenden, mit den Sectionsergebnissen, mit den Angaben von 
Heimholte. Ich will kein Gewicht auf den Umstand legen, dass ich in keinem der von 
mir anatomisch untersuchten kurzsichtigen Augen den Achsendurchmesser der Linse = 
2'", sondern mehr weniger darunter gefunden habe; die Beobachtung an Lebenden reicht 
hin, das zu widerlegen, und ich brauche desshalb hier wohl einfach auf das über die 
Lage der Iris Gesagte zurückzuweisen. Heimholte selbst fand bei der etwas kurzsichtigen 
O. H. den Abstand der Pupillarebene vom Scheitel der Hornhaut = 4,02-l mm , während 
die andern beiden, ziemlich gleich alten Individuen (B. P. und I. H.) nur 2,507 und 
3,T39 mm . zeigten. Ausserdem aber ergibt sich, völlig im Widerspruche mit Cramers 
Angaben, aus den oben mittgetbeilten Ziffern von Helmholte, dass gerade bei der etwas 
kurzsichtigen 0. H. die Linse die kürzeste Achse zeigte, und sowohl die vordere als die 
hintere Linsenfläche die relativ geringste Wölbung erwiesen. Wenn aber Cramers und 
Helmholteens Angaben sich widersprechen, so muss die Beobachtung des einen oder des 
andern falsch sein, und es scheint auch ihre Untersuchungsmethode noch beträchtliche 
Fehler zuzulassen. 

Was nun die Organe betrifft, welche die Linse seitlich comprimiren sollen, so steht 
die Cramer sehe, von Heimholte gebilligte Theorie in directem Widerspruche mit erwiese- 
nen Thatsachen. — Die Lage der Iris , wie sie uns durch das Kammerwasser und die 
Hornhaut gerade von vorn angesehen erscheint, weicht von der wirklichen nicht viel ab. 
Dass das Weitervorwärtsliegen des Pupillarrandes relativ zum Ciliarrande bei der Betrachtung 
gerade von vorn nicht ein bloss scheinbares (vom Austritte der Lichtstrahlen aus der Cor- 
nea in die Luft abhängiges) ist, ergibt sich schon aus dem Umstände, dass man die Iris 
bei Mangel oder Verschrumpfung der Linse vollkommen in Einer Ebene liegen sieht. Eine 
deutliche Wölbung der Iris zwischen Ciliar- und Pupillarrand sieht man aber an norma- 
len Augen nicht. Sie streicht vielmehr auch bei enger Pupille geradlinig vom Ciliarrande 
bis zu dem Wulste, der den Annulus minor und die äussere Grenze des Schliessmuskels 
bezeichnet, oder sie zeigt sogar nicht weit vom Ciliarrande, ungefähr da, wo hinter ihr 
die Firsten der Ciliarfortsätze liegen , eine ringförmige Vertiefung oder Furche , welche 
sich bei seitlich einfallendem Lichte auf der einen Seite durch Schattenbildung, auf der 
andern durch hellere Beleuchtung kund gibt. Dieses Verhalten zeigt die Iris, sobald die 
Pupille nicht sehr weit ist, gleichviel, ob das Auge für die Xähe oder für die Ferne ein- 



222 Augenmuskeln. 

gerichtet ist. Zur Beurthcilung der Lage der Iris, namentlich ihres mittleren Theiles, ist 
die Betrachtung des Auges von der Seite her eben so schlecht, als zur Entscheidung der 
Frage, ob Exsudatpunkte in der Substanz der Hornhaut oder an der Descemetschen Haut 
sitzen. "Wenn man ein Planconvexglas auf eine gerade Linie legt (einen etwa 1" langen 
Strich mit Tinte auf weissem Papier), und nun von der Seite her darauf sieht, so er- 
scheint der Strich bogenförmig gewölbt, sein mittlerer Theil scheint sich gegen den 
Scheitel der convexen Fläche zu erheben. Dieser Umstand muss bei der Beobachtung des 
Yorwärtstretens des Pupillarrandes wohl erwogen werden , wenn man das Auge von der 
Seite her betrachtet. Ich finde, wenn ich einen jungen nicht kurzsichtigen Mann unvei-- 
rückt auf einen etwa 1 2 Fuss entfernten Punkt blicken lasse, wobei die Pupille bei seit- 
lich gestelltem Lichte etwa V" im Durchmesser hat, dass Verengerung der Pupille durch 
blosses Annähern des Lichtes auf das zweite Auge bis auf etwa 1 '/a'" Durchmesser ein 
sehr deutliches Vorrücken der Iris wahrnehmen lässt, was mit der Angabe von Helmlwltz 
nicht übereinstimmt. Dieses Vorrücken ist zum Theil reell, weil der an der flach ge- 
wölbten Kapsel anliegende Pupillarrand offenbar aufsteigen muss, theils ein scheinbares, 
durch die Strahlenbrechung wie in dem Versuche mit dem Glase bedingtes. 

Gegen die Angabe, dass bei der Einrichtung des Auges für die Nähe der grosse 
Kreis ein wenig rückwärts gezogen wird, habe ich nichts einzuwenden , ich glaube die- 
ses Zurückweichen bei forcirter Accommodation selbst mit freiem Auge wahrgenommen 
zu haben, und finde in der mit der Pupillenverengerung beim Accommodiren gleichzeitig 
erfolgenden Contraction des Ciliarmuskels, aus dessen Mitte die Iris heraustritt, die hin- 
reichende Erklärung dafür. 

Die Behauptung Cramer s, dass es keine hintere Kammer gebe, ist irrig. Die Iris 
liegt weder auf der Zonula Zinnii an, noch auf den Firsten der Ciliarfortsätze ; erst gegen 
den Pupillarrand hin nähert sie sich der Kapsel mehr und mehr, bis sie völlig an ihr 
anliegt. Ich zweifle, dass irgend Jemand zahlreichere Achsen durchschnitte des Auges in 
möglichst frischem und im gefrornen Zustande gemacht hat, als ich. Cramer will zwischen 
Iris und Zonula Zinnii kein Eis gefunden haben ; ich habe es gefunden. Bei der Durch- 
schneidungsmethode, die ich im I. Bande angeführt habe, fand ich nicht nur die vordere, 
sondern auch die hintere Kammer in dem Masse geräumig, als der Ciliarmuskel mehr 
entwickelt war. Auch an Chromsäurepräparaten fand ich die Iris nicht an der Zonula 
anliegen, obwohl man auf diese Präparate in Bezug auf die Lage der Iris wenig Gewicht 
legen darf, da die Linse immer stark aufgequollen oder aber bereits so hart geworden 
ist, dass sie beim Versuche der Durchschneidung meistens in den Glaskörper hineinge- 
drängt wird. Cramer hätte offenbar besser gethan, statt eines schematischen, seiner 
Theorie zu Liebe nur zu sehr idealisirten Durchschnittes lieber einen möglichst getreuen, 
nach der Natur gezeichneten abzubilden. Leider ist auch die von Helmlwltz gelieferte 
Abbildung rücksichtlich des Corpus ciliaro von der Art, dass ich bis jetzt noch nicht im 
Stande war, einen solchen oder auch nur einen ähnlichen Durchschnitt des Bulbus zu 
erhalten. — Ausserdem gibt es noch eine Erscheinung während des Lebens, die ich mir 
nicht ei-klären kann, wenn zwischen Iris und Zonula Zinnii nicht eine gewisse Menge 
wässriger Flüssigkeit vorhanden ist. Wir haben ihrer bereits im 2. Bande bei der Pupil- 
lcnbildung erwähnt. Wenn man in einem Falle, wo die Pupille durch eine centrale Horn- 
hautnarbe verdeckt, und der Pupillarrand ganz oder doch theilweise frei ist, behufs der 
Pupillenbildung einen etwa 2'" langen Einstich in die Cornea macht, und das Messer 
beim Zurückziehen etwas dreht, so dass die Wunde momental klafft und der Humor aqueus 
ausströmt, so wird in der Regel die näcbstc Partie Ii-is mit kerausgestülpt, und zwar bla- 



Physiologie — Aeeoiuiiiodaiioii. 223 

senartig, wenn nicht auch der Pupillarrand mit in die "Wunde vorfällt. "Woher diese längst 
gekannte Erscheinung, wenn die Iris überall an der gespannten ZonnlaZinnii und Kapsel 
anliegt? Musste die Iris nicht nach dem Gesetze der Attraction zwischen zwei feuchten 
Platten an der Zonula haften bleiben? Wenn aber Wasser dahinter ist, dann ist's be- 
greiflich, warum sie überhaupt und in specie blasenartig vorgedrängt wird. Etwas Ähn- 
liches findet statt, wenn man den Durchbruch eines nahe am Rande der Cornea sitzenden 
kleinen Geschwüres beobachtet, wozu namentlich bei Conjunctivitis scrofulosa sich oft 
Gelegenheit darbietet. Das Geschwür durchbohrt die Descemetsche Haut ; kaum entleert 
sich ein Theil des Kannnerwassers, wird auch schon die Öffnung durch die blasenartig 
hineingeschobene Iris verstopft, die sich sofort bis zur Grösse einer Erbse erhebt u. s.w. 
— Beim normalen Auge ist gewiss eine hintere Augenkammer vorhanden, liegt nur der 
kleine Kreis der Iris an der Kapsel an. Bei Augen, deren Accommodation verloren oder 
doch nicht ausdauernd ist (Fernsichtigkeit und Augenmattigkeit) und deren Pupille immer 
relativ sehr eng erscheint, scheint die Iris bis gegen den Rand der Linse hin (Insertion 
der Zonula in die Kapsel) an derselben anzuliegen, da man in dem Grade der "Wölbung, 
den die Iris dann darbietet , so ziemlich den Grad der Wölbung und die Grösse der 
Linse erkennt. 

Die Annahme, dass die Iris durch seitlichen Druck auf die Linse zur Accommoda- 
tion beitrage , steht mit Thatsachen der Beobachtung in directem Widerspruche. Nicht 
bloss bei vollstäudigem Coloboma iridis , sondern auch bei Synechia anterior und nach 
künstlicher Pupillenbildung besteht entschieden noch die Fähigkeit, sich für nahe Ob- 
jecte einzurichten. Wenn die Iris seitlich auf die Linse drückt, welche Gestalt nimmt 
denn die Linse an, sobald die Iris wie beim Coloboma totale an einer Stelle fehlt? Wie 
können Augen, an denen ein Theil des Pupillarrandes in eine seitliche Hornhautnarbe 
eingewachsen ist, noch ein ganz gutes Gesicht für nah und fern besitzen? In diesen 
Fällen mangelt ja der Druck der Iris auf der einen Seite ; muss da die Wölbung der 
Linse nicht unregelmässig werden? Ich habe bereits früher (S. 136, B. IL) eines Beamten 
erwähnt, dem ich auf beiden Augen eine künstliche Pupille nach innen und unten ange- 
legt habe, welcher aber trotzdem selbst bei 6 Zoll Distanz ganz kleinen Druck mit 
Ausdauer lesen kann, und wenn er auf die Jagd geht, bloss Nr. 20 concav braucht, wess- 
halb ihn wohl Niemand für kurzsichtig erklären oder ihm" die Accommodationsfähigkeit 
absprechen wird. 

Cramer's Versuche an Seehundsaugen beweisen eben nichts weiter, als dass Iris 
und Ciliarmuskel durch den elektrischen Strom noch eine Zeit lang nach dem Tode in 
Contraction versetzt werden können. "Wurde durch diese Contraction bloss die Linse 
verändert? behielt dabei die hinten (respective oben) blossgelegte Glaskörperflüssigkeit 
dasselbe Niveau und dieselbe Wölbung? Gewiss liegt die Annahme viel näher, dass 
durch Contraction der Iris und des^üliarnmskels eher der Humor vitreus verdrängt als 
die Linse in ihrer Form verändert wurde. Wenn nachträglich in einer Anmerkung ge- 
sagt wird, er habe an Augen, mit denen er durch lange Zeit experimentirt hatte, einen 
förmlichen Abdruck des Pupillarringes bemerkt, so weiss man wieder nicht, ob nicht 
an einem hinten geöffneten Auge schon der blosse Druck des Glaskörpers und der 
Linse, welcher jetzt von der durch den elektrischen Strom gespannten Iris durch längere 
Zeit allein getragen werden musste, Schuld jenes Abdruckes war. Mir ist Letzteres 
allein das Wahrscheinliche, denn wenn die Linse allmälig ihre Elasticität verloren hatte, 
warum fand man denn dann bloss jenen Abdruck, warum denn nicht die Äquatorial- 
durchmesser kleiner und den Achsendurchmesser grösser, wie es doch erwartet werden 



224 Augenmuskeln. 

musste, wenn die Accommodation seitliche Compressiou der Linse erfordert ? — Wie aber 
das Experiment nach Durchschneidung der Iris vom Ciliar- bis zum Pupillarrande in 
der von C ramer angegebenen Weise zu Gunsten dieser Theorie sprechen soll , ist noch 
weniger zu begreifen, da die Angabe fehlt, ob der Humor aqueus erhalten oder abge- 
flossen war. Aber auch zugegeben, das Kammerwasser war da, und blieb auch beim 
Elektrisiren ganz erhalten: war auch die Zonula Z. unverletzt geblieben? Man hat alle 
Ursache zu vermuthen , dass bei dieser Operation auch die vordere Wand des Petit- 
schen Canales verletzt wurde, somit auch die Function des Ciliarmuskels nicht mehr ein- 
treten konnte. 

Am wenigsten Vertrauen erregend für seine Theorie ist das, was Gramer über die 
Anatomie der Chorioidea und des Ciliarmuskels und über die Erscheinungen nach der 
Anwendung von Belladonna angegeben hat. Er behauptet S. 97 : „das Stroma der Cho- 
rioidea sei hinten im Auge bis an die Ora serrata innig mit der Sclerotica verwachsen, 
von der Ora serrata an aber sei die Verbindung der Chorioidea, folglich auch des M. 
tensor chorioideae mit der Sclerotica viel lockerer, bis zu der Stelle, wo sich der M. 
tensor chor-ioideae an die Hinterwand des Canalis Schlemmii inserirt." Diese Angabe 
ist grundfalsch ; man braucht eben nur Augen zu seciren , sich davon zu überzeugen. 
Was den Verlauf der Muskelfasern in dem sogenannten Ciliarbande (vergl. B. II. S. 149) 
betrifft, so ist nach dem, was ich gesehen, die von Kölliker fast unverändert wieder- 
gegebene Bowmari sehe Abbildung am meisten der Natur getreu, und sehe ich nicht ein, 
was Cramer bestimmen konnte, dieselbe zu tadeln. Der Ciliarmuskel entspringt mit 
einer doppelten Wurzel, die man wohl als seine Sehne und seinen einzigen fixen Punkt 
betrachten darf, theils von der Sclera (nach hinten und aussen vom Schlemm' sehen. Ca- 
nale) , theils von elastischen Fasern , welche zwischen der Cornea und der Descemet- 
schen Haut (an der Innenseite des Schlemm'schen Canales) herkommen, und strahlt von 
da theils nach innen (gegen die Iris), theils nach hinten (gegen die Ciliarfortsätze), theils 
endlich nach aussen und hinten (gegen die Ora serrata hin) gleichsam fächerförmig aus 
(auf einer von vorn nach hinten geführten Durchschnittsfläche). Ist die Boivman-Köl- 
Uker sehe Abbildung richtig, dann lässt der- Faserzug nur die Deutung zu, dass Verkür- 
zung der Fasern die Ciliarfortsätze etwas nach aussen zieht, mithin die fest damit ver- 
wachsene Zonula Z. in eben dieser Richtung anspannt, und da diese unelastisch und un- 
nachgiebig ist, die Linse , während des Andranges des Glaskörpers von hinten, in ihrer 
Lage zum Corpus ciliare und zur Cornea sichert. 

Über die Wirkung der Belladonna auf das Accommodationsvermögen bemerkt Cra- 
mer, „dass nach Application derselben an dem mittelsten Bilde, bei dem Sehen in mög- 
lichste Nähe oder in die Ferne, eine unbeträchtlichere Verrückung als unter andern Um- 
ständen wahrgenommen werde;" er findet darin eüjgn Beweis, dass das Accommodations- 
vermögen auf Anwendung eines Mydriaticum sich um ein Weniges verringert. So viel ich 
gehört und selbst erfahren habe , nimmt aber die volle Einwirkung der Belladonna (bis 
weiter keine Ausdehnung der Pupille mehr erfolgen kann) dem Auge die Fähigkeit, sich 
für nahe Gegenstände einzurichten, fast ganz. Wenn nun dennoch eine solche Verrük- 
kung des der Vorderfläche der Linse angehörenden Pteflexbildes beobachtet wurde, dass 
man sie nur als eine minder beträchtliche bezeichnen musste, so erregt diess gegründeten 
Verdacht, ob nicht diese Verrückung durch irgend einen anderen Umstand bewirkt wurde. 
Cramer schliesst aus Versuchen mit seinem Apparate, dass der Befractionszustand des 
Auges im Zustande der Ruhe (d. h. ohne dass die Accommodationsorgane in Anspruch 
genommen wurden) für etwa 43 Centimeter eingerichtet sei. Bei einem Militärarzte nun, 



Physiologie — Accommodation. 225 

dessen Nahepunkt 2ü Centimeter vor dem Auge lag, bewirkte Einträuflung eines Tropfens 
Solut. extr. beilad. die Hinausrückung bis auf 40 Centim. Somit war offenbar, wenigstens 
in diesem Falle, die Accommodation so gut als aufgehoben. — Für sehr beachtenswerth 
halte ich eine Angabe von A. v. Graefe (Archiv B. I. Abth. 1. S. 315) über das Ver- 
hältniss zwischen Mydriasis und Accommodation. „Zuweilen sehen wir die Accommo- 
dationslähmung theils spontan, theils durch therapeut. Agentia verschwinden, während 
doch die Mydriasis gar nicht oder nur unvollkommen zurückgeht, und umgekehrt habe 
ich einen Kranken beobachtet, bei welchem die Mydriasis verschwand, aber die Accommo- 
datiouslähmung nur eine geringe Besserung erfuhr." — Wenn Leute, deren Pupille durch 
^Belladonna stark erweitert ist , auch nicht mehr in so weite Ferne sehen , wie vordem, 
so ist diess nicht ein Zeichen, dass eine Beschränkung der Accommodationsthätigkeit nach 
dieser Bichtung eingetreten sei, denn eine solche existirt nicht, sondern es ist das schlech- 
tere Sehen in grösseren Distanzen lediglich dadurch zu erklären, dass bei relativ zu wei- 
ter Pupille die Zerstreuungskreise zu gross ausfallen, als dass sie noch in der Empfin- 
dung unterdrückt werden könnten. 

Iudirect dient auch die Untersuchung mit dem Augenspiegel zum 
Beweise für unsere Theorie. Wird der untersuchte Bulbus mit dem 
Finger eomprimirt, so tritt dieselbe Erscheinung auf, wie bei forcirter 
Accommodation, nämlich Pulsation der Centralvene, wie bereits oben 
erwähnt wurde. Dieses Phänomen zeigt, dass in dem zweiten Falle 
so gut wie in dem ersten erhöhter Druck stattfindet. Nun meint 
Stellwag und Helmholtz, es könne der Glaskörper durch erhöhte Span- 
nung der Iris und des Ciliarmuskels unter grössern Druck versetzt 
werden (Greife's Archiv S. 68); diess ist jedoch nicht möglich, ohne 
dass die Form des Bulbus verändert, d. h. ohne dass der Bulbus seit- 
lich durch die Becti eomprimirt, mithin in der Bichtung der Sehachse 
verlängert wird; denn der Glaskörper müsste, falls ihn der Ciliarmus- 
kel seitlich comprimirte , um eben so viel in der tellerförmigen Grube 
oder nach hinten ausweichen, und die Sclerotica müsste dem Ciliarmus- 
kel folgen, also durch die Luft einwärts gedrückt werden. 

Einen schlagenden Beweis gegen alle auf Lage- oder Formverän- 
derimg des Krystallkörpers basirten Accomniodationshypothesen liefert 
die Thatsache, dass mitunter Staaroperirte vorkommen, welche mit 
einer und derselben Brille sowohl in der Nähe als in der Ferne deut- 
lich sehen, bei denen sieh durch Versuche nachweisen lässt, dass sie 
einen mehr weniger hohen Grad von Accommodationsvermögen besitzen. 
Man hat die Beweiskraft dieser seit geraumer Zeit zur Sprache ge- 
brachten Thatsache auf mehrfache Weise zu beseitigen gesucht, indem 
man die Thatsache selbst läugnete, sie auf Täuschung zurückführen 
wollte, oder für Fälle, wo diess nicht wohl möglich war, annahm, dass 
entweder die Linse regenerirt worden sei, oder dass der nach vorn ge- 
wölbte Glaskörper die Rolle der Linse übernommen habe. 

Arlt Augenheilkunde. III. 15 



226 Augenmuskeln. 

Beobachtungen, wo ein mehr weniger gutes Acconrniodationsver- 
mögen nach Staaroperationen bestand, finden sich nach Cramer bei 
Halter, Janin, Pellier, Gleize, Richter und Andern. Home stellte an 
einem durch die Extraction vom Staare befreiten 21jährigen Matrosen 
zahlreiche Beobachtungen (mit Englefield und Ramsden) an, bei denen 
sich unter andern auch herausstellte, dass derselbe im Scheiner'schQii 
Versuche einen aufgespannten Faden zwischen 8 3 /io und 1 3 3 /i o Zoll 
Entfernung einfach sehen konnte, folglich ein ziemlich bedeutendes Ein- 
richtungsvermögen entschieden nachwies. — Mavnoir*) hatte einen 
Jüngling von 17 Jahren 1834 auf dem linken, 1835 auf dem rechten 
Auge durch Discission operirt; dieser erhielt ein so gutes Sehvermögen, 
dass er mit einem und demselben convexen Glase in den verschieden- 
sten Entfernungen deutlich sah. „Er Hess sich sogar in ein Wett- 
schiessen ein; das Ziel war 200 Schritte entfernt; er machte 4 Schüsse, 
welche alle die Scheibe trafen, und er gewann einen Preis. Das Glas, 
dessen er sich beim Schiessen bediente, und das er auch auf der Jagd 
trägt, war dasselbe, mit dem er bei Maunoir einen sehr kleinen Druck 
mit der grössten Leichtigkeit sah." Auch Slellwag von Carion **) macht 
eine hierauf bezügliche Mittheilung. „Besonders auffallend war mir 
das Accommodationsvermögen eines vor der Trübung seiner Krystall- 
körper sehr kurzsichtigen jüdischen Beligionslehrers. Nach der Opera- 
tion las er klein gedruckte Schrift prompt, unterschied aber auch weit 
entfernte Gegenstände, z. B. das Fensterkreuz eines gewiss 300 Schritte 
entfernten Flügels des hiesigen Krankenhauses ganz deutlich und rein." 
Zwei von mir gemachte Beobachtungen habe ich bereits im 2. Bande 
S. 348 angedeutet. Der Mann, welcher mit einer Brille von 3" Brenn- 
weite nach der Natur zeichnete (ich besitze noch eine solche Zeich- 
nung), war früher kurzsichtig gewesen; diese Beobachtung schliesst 
sich somit an die Stellwag'sche an. Der andere, ein Jüngling von 
19 Jahren, einer Familie angehörend, von der noch 2 Mitglieder ohn- 
gefäbr in demselben Alter Cataracta bekommen hatten, konnte Druck- 
schrift von nicht ganz \"' Höhe (wie ohngefähr Jäger 's Nr. 8 — 9) mit 
einem Glase von 3*/2 Zoll Brennweite in den Distanzen von 6" bis 24" 
bequem, mit Anstrengung, und wie es schien mehr errathend, auch 
noch bei 30 Zoll lesen, und gab die Zeiger einer mindestens 500 Schritte 
entfernten Thurmuhr richtig an. Er war früher nicht kurzsichtig ge- 
wesen und hatte bis in sein 1 6. Jahr überhaupt nichts von einem Augen- 
übel gewusst. Die Probe mit dem Scheinerschen Versuche habe ich 

*) Annales d'oculist. par Fl. Cunier T. IX. p. 14. 
«*) Zeitschrift der Wiener Ärzte 1850, H. 3. S. 195. 



Physiologie — Accommodation. 227 

nicht gemacht. Ich halte sie nicht für untrüglich, wie ich später noch 
nachweisen werde. Dagegen habe ich die Sehproben nicht nur auf 
der Klinik, sondern auch in Gegenwart des Herrn Prof. Ryba öfters 
wiederholt. Zur Zeit dieser Proben war das eine Auge 1 ^2, das an- 
dere gegen 3 /i Jahre operirt. Der junge Mann befindet sich jetzt in 
Amerika. Dieser Fall reiht sich an den von Mauwoir und von Home 
an. — Volkmann (SV. Handw. S. 305), der wenigstens in dem i7o?fle'schen 
Falle Accommodation zugeben niuss, sucht die auf Linsenveränderung 
hasirte Hypothese nun dadurch zu retten, dass er sagt, da die Sehpro- 
ben erst 4 Jahre nach der Operation angestellt wurden, so sei hier 
wohl an Regeneration der Linse zu denken. Dasselbe Bedenken treffe 
auch zwei von ihm selbst gemachte Beobachtungen, wo nach der Staar- 
operation Accommodation bestand. Ich glaube im 2. Bande S. 246—249 
hinreichende Gründe dafür angeführt zu haben, dass man durchaus 
nicht berechtigt ist, an eine Regeneration der Linse nach Staaropera- 
tionen zu glauben. Man verlangt nicht weniger, als dass die einge- 
rollte und eingeschrumpfte Kapsel wieder normal werde. Man vergisst, 
dass bei solchen Operationen ein Zeitpunkt hätte eintreten müssen, wo 
sie, ob der vom Rande her vorrückenden frischen Linsensubstanz, die 
doch wohl nicht gleich regelmässig begrenzt sein konnte, Alles undeut- 
lich und verworren sahen. Die Untersuchung mit dem Augenspiegel 
wird dem Streite bald ein Ende machen. — Für den Fall, als man 
dennoch zugeben müsste, dass Accommodation trotz nicht regenerirter 
Linse bestehe, hat man endlich noch in vorhinein an eine Erklärung 
gedacht, die nicht nur der Beobachtung, sondern auch den einfachsten 
physikalischen Gesetzen widerspricht, nämlich dass der Glaskörper 
nach Verlust der Linse sich in der tellerförmigen Grube vorwärts 
wölbe, und unter dem Drucke des Ciliarkörpers eine bald mehr bald 
weniger starke Convexität annehmen könne. Stellwag (Ophthalmologie) 
hält sich nach Untersuchungen am Cadaver zu der Annahme einer sol- 
chen Convexität der tellerförmigen Grube für berechtigt. Allerdings, 
wenn man die Hornhaut und Iris beseitigt hat, und nun den hinten 
aufliegenden Bulbus betrachtet, wird man die tellerförmige Grube vor- 
wärts gewölbt finden. So verhält sick's aber nicht während des Lebens. 
Die Untersuchung mit freiem Auge und mit dem Augenspiegel kann 
das nachweisen. Wenn nach einer Staaroperation Heilung eingetreten 
ist, so streicht eine Scheidewand, gebildet von der hintern Kapselwand 
und gegen die Peripherie hin von Zipfeln der vordem Kapsel (mit 
mehr weniger Linsenresten, zwischen Vorder- und Hinterkapsel einge- 
schlossen in einer Ebene zwischen Glaskörper und Kammerwasser quer 

15* 



228 Augenmuskeln. 

durch das Auge, mit ihrer Peripherie mittelst der Zonula Zinnii an den 
Firsten der Ciliarfortsätze haftend. Diese ebene Scheidewand bietet 
dem Ciliarmuskel den Angriffspunkt nach innen, und bildet so das 
Mittel, der Cornea ihre specielle Wölbung zu sichern, wenn accommo- 
dative Bewegungen eintreten. Erst wenn diese Scheidewand einen ge- 
wissen Grad von Festigkeit erlangt hat, sind die Accommodationsor- 
gane im Stande, den Glaskörper , somit die hintere Bulbus wand , zum 
Ausweichen nach hinten zu bringen. Hierin, nicht in der restituirten 
Linse, liegt der Grund des allmäligen Besserwerdens des Gesichtes, 
respective des Wiedereintretens des Accommodationsvermögens bei 
Staaroperirten. Hierin findet die alte Regel, Staargläser erst nach Ver- 
lauf von einigen Monaten zu erlauben, ihre rationelle Begründung; denn 
Accommodationsbestrebungen in zu früher Zeit würden nachtheilig ein- 
wirken, die Cornea verflachen. Übrigens, wenn auch der Glaskörper 
nach vorn eine convexe Oberfläche annähme, das könnte in der Ver- 
einigungsweite der Lichtstrahlen keinen Unterschied von irgend einer 
Bedeutung bewirken. Denn der Brechungsindex des Kammerwassers 
ist = 1,337, der des Glaskörpers = 1,339, mithin wird es ziemlich 
gleichgiltig sein, ob die Trennungsfläche zwischen beiden plan oder 
mehr weniger convex ist. Jeder Versuch, einen noch nachweisbaren 
Grad von Accommodation auf diese Weise zu erklären, verstösst dem- 
nach gegen die Gesetze der Physik. 

Die Ergebnisse an Staaroperirten sind von hohem Werthe für die Lehre von der 
Accommodation. In der Regel findet man, dass auch nach vollkommen gelungener Staar- 
operation wenig oder kein Accommodationsvermögen besteht. Es besitzen aber auch die 
meisten Staarkranken, weil über das 40. Jahr mehr weniger weit hinaus, schon vor der 
Staarbildung bereits sehr wenig oder gar keine Accommodation. Datirt die Staarbildung 
von den Kinderjahren, so ist die Prüfung des Sehvermögens schon in Bezug auf die 
Schärfe, wie denn erst in Bezug auf die Accommodation eine missliche Sache ; sie müs- 
sen das genauere Sehen erst lernen. Demnach resultiren nur jene wenigen Individuen, 
welche im Kindes- und Knabenalter gut sahen und noch vor Eintritt des 40. Jahres von 
Cataracta befallen wurden. Deren Zahl, an sich schon gering, wird noch vermindert 
dadurch, dass nicht bei allen die Pupille ganz frei und rein wird, und dass auch von 
diesen nicht alle die zu verlässlichen Sehproben gehörige Bildung besitzen. — Ganz ent- 
gangen scheint den Vertheidigern der Linsenveränderungstheorie der allbekannte Aus- 
spruch der Augenärzte, dass Individuen, welche vor der Cataractabildung kurzsichtig 
waren, im Allgemeinen nach der Operation ein besseres Sehvermögen darbieten. Beer 
1. c. B. II. S. 338 spricht diese Thatsache in Folgendem aus: „Staarblinde , welche vor 
der Entstehung der Cataracta schon sehr fernsichtig waren, werden es nach der Opera- 
tion noch mehr sein. Desto mehr erfreuen sich diejenigen ihres wiedererhaltenen Ge- 
sichtes, welche vor der Entfernung des Staares sehr kurzsichtig waren." Will man etwa 
Beer nicht glauben, weil er alt ist, so überzeuge man sich doch selbst; auch Stelhoag's 
auf Ziffern gestutzte Beobachtung an dem jüdischen Keligionslehrer besagt ja dasselbe. 



Physiologie — Accoiumodation. 229 

"Warum sehen aber Kurzsichtige nachher besser als solche, die nicht kurzsichtig waren? 
"Weil sich bei ihnen die Linse regen erirt, oder die tellerförmige Grube vorwölbt? oder 
— weil der Bulbus in der Sehachse verlängert ist? — Ich halte es vorläufig nicht für 
einen blossen Zufall, dass die Beobachtung von Home, Maunoir und die zweite von mir 
gerade junge Leute zwischen dem 17. und 21. Jahre betreffen; ob auch die Operations- 
methode einen Einfluss habe, ist zweifelhaft; Maunoir will der Discission in dieser 
Beziehung einen Vorzug einräumen; Home hatte aber extrahirt. 

Nachträglich muss ich noch bemerken, dass Volkmann's Behauptung, „nur Versuche 
nach dem Principe des Scheinerschen gäben über die Gegenwart des Accommodations- 
vermögens sichere Auskunft," keineswegs als massgebend betrachtet werden kann. Hat 
doch Volhnann selbst in seinen neuen Beiträgen zur Physiologie des Gesichtssinnes 
(Leipzig 1S36 S. 161) angeführt, „er kenne kein besseres Mittel, um die Weit- oder 
Kurzsiehtigkeit zu schätzen, als das Auge an einer wohlgedruckten Schrift unter verschie- 
denen Entfernungen zu erproben. Die verschiedenen Optometer haben sich auch in dem 
optischen Institute von Tauber als unpraktisch erwiesen. Ein sehr auffallendes Beispiel 
lieferte mir ein Mann von vortrefflichem Gesicht, der in Porlerfields Versuch (Optometer) 
die aufgesteckte Nadel durchaus nur zwischen 5 und 7 Zoll einfach sehen konnte. Da- 
gegen vermochte ich mit meinem sehr kurzen Gesicht die Nadel in einer Distanz von 
3V2 — 15 Zoll einfach zu sehen. Offenbar hindert das Optometer gewisse Augen in der 
freien Ausübung der Accommodationskraft." Gewiss ist, dass, wenn durch ein doppeltes 
Kartenloch eine Nadel in verschiedenen Entfernungen einfach gesehen werden kann, an 
dem Vorhandensein des Accommodationsvermögens nicht gezweifelt werden kann; gewiss 
aber auch, dass wenn ein zu diesem Experimente Verwendeter die Nadel nicht in ver- 
schiedenen Distanzen einfach sehen kann, derselbe dennoch ein gutes oder doch ziem- 
lich gutes Accommodationsvermögen besitzen kann. Ich bediene mich daher zur Beur- 
theilung des Befractionszustandes und der Accommodationskraft seit mehreren Jahren nur 
noch ausnahmsweise eines Optometers , und zwar eines nach Volkmanns Angabe höchst 
zweckmässig in Halle angefertigten. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass die Thatsachen, welche uns die vergleichende 
Anatomie in Bezug auf das Accommodationsvermögen bietet, ganz geeignet sind, die hier 
entwickelte Theorie vor allen andern plausibel erscheinen zu machen. Indem wir in die- 
ser Beziehung auf die vergleichende Anatomie und Physiologie von Bergmann und Leuckart 
(Stuttgart 1855) verweisen, können wir nicht umhin, wenigstens eine Stelle (S. 478) 
wörtlich hier anzuführen. „Für die Ansicht, dass Formveränderung des Auges im Allge- 
meinen als Mittel der Anpassung bei den Wirbelthieren vorkommt, sprechen besonders 
einige Beobachtungen an Säugethieren. Thiere, welche abwechselnd in der Luft and im 
"Wasser leben, wie die Seehunde, müssen entweder in der Luft sehr kurzsichtig und im 
"Wasser sehr weitsichtig sein , oder die Anpassungsfähigkeit in sehr hohem Grade haben. 
"Wenn wir bei diesen also eine ganz eigenthümliche Einrichtung finden, welche auf Form- 
veränderung des Auges deutet, so dürfen wir wohl darin einen Fingerzeig sehen. Es 
ist aber bekannt, dass bei Seehunden der vorderste Theil der Sclera, an welchen sich 
die Hornhaut setzt, einen breiten festen Gürtel bildet, welcher durch eine weit schmälere 
Portion (ebenfalls einen Gürtel um das Auge bildend) mit der derben Sclerotica des Au- 
gengrundes verbanden ist. An den festen vordem Gürtel setzen^sich die geraden Augen- 
muskeln an. Durch deren Mitwirkung kann sowohl eine Formveränderung des Bulbus 
bewirkt werden, bei welcher die nachgiebige Zone der Sclera entweder mehr hervor- 
gepresst wird, so dass das Auge sich verkürzt, oder es wird vielleicht durch die auf- 



230 Augenmuskeln. 

liegenden Muskeln diese nachgiebigere Stelle nach innen gedrückt und dadurch das Auge 
verlängert. Ganz besonders geeignet zur Formänderung dürften aber die beiden Obliqui 
sein. — Zu Gunsten der Formveränderung des Auges durch die Muskeln spricht auch, 
dass man bemerkt hat, wie die Muskeln des kleinen Elcphantenauges bedeutend ausge- 
bildet sind, so dass ihre Stärke mehr im Yerhältniss zur Dicke der Sclera als zur Grösse 
des Auges abgemessen zu sein scheint." 



B. Abnormitäten und Krankheiten. 

Kurzsichtigkeit (Myopia). 

Die Myopie lässt sich füglich als jener bleibende Refraclionszu- 
stand des Auges bezeichnen, bei welchem der optische Mittelpunkt seines 
Objectives ( Kreuzungsjnmkt der Richtungslinien) und der Schirm (Ma- 
cula lutea und Umgebung) abnorm weit von einander abstehen. Der 
Grund hievon liegt nach unserer Überzeugung in stationärer Verlänge- 
rung des Bulbus in der Sehachse auf Kosten der hintern Wand, nicht 
aber in stärkerer Wölbung der Hornhaut, wie man früher meinte, noch 
in Vorwärtslagerung oder vermehrter Convexität des Krystallkörpers, 
wie man nach den Accommodationstheorien von Huek, Stellwag, Cra- 
mer und Helmholtz annehmen müsste. Diesen Fehler von Erhöhung 
des Brechungsindex der Hornhaut oder Linse abzuleiten, dazu fehlen 
die Prämissen der Beobachtung; ob Verflüssigung des Glaskörpers (Her- 
absetzung seines Brechungsindex) an und für sich Kurzsichtigkeit er- 
zeuge, ist gleichfalls noch nicht direct nachgewiesen; sie scheint aber 
an der frühern Vereinigung der Lichtstrahlen (durch Vorwärtsrückung 
des optischen Mittelpunktes] einigen Antheil zu nehmen, und demnach 
da, wo sie vorkommt (bei höheren Graden von Kurzsichtigkeit), in An- 
schlag gebracht werden zu müssen. 

Abnorm grosser Abstand des optischen Mittelpunktes von der Ma- 
cula lutea lässt sich an jedem normalen Auge erzielen, wenn man ihm 
ein Convexglas vorhält. Der optische Mittelpunkt fällt bei der Com- 
bination der Sammellinse des Auges mit einer Glaslinse nicht mehr in 
die Nähe des hintern Poles des Krystallkörpers, sondern weiter vor- 
wärts, und zwar je nach der Stärke des Convexglases, in die Mitte des 
Krystallkörpers oder selbst mitten in die Pupille. Der optische Mittel- 
punkt des so bewaffneten Auges steht demnach abnorm weit von der 
Netzhaut ab. Auf diese Weise kann ein Jeder durch Vorhalten eines 
Convexglases die Erscheinungen der Kurzsichtigkeit an sich selbst 



Kurzsichtigkeit — Kennzeichen. 231 

studiren, und zwar in allen Abstufungen, wenn er von den schwächsten 
Nummern, etwa 80" oder 60" Brennweite, zu immer stärkeren aufsteigt. 

Das nothwendige und unmittelbare Ergebniss dieses abnorm gros- 
sen Abstandes zwischen dem optischen Mittelpunkte und der Netzhaut 
ist, dass die Distanz der Objecte, welche auf de?' Netzhaut abgebildet 
werden sollen, eine kürzere sei?i mnss, als beim normalen Auge, und 
zwar unter übrigens gleichen Umständen um so kürzer, je länger jener 
Abstand, je kurzsichtiger das Auge ist. Ein Kurzsichtiger sieht daher 
Objecte von einer gewissen Entfernung, in welcher sie einem normalen 
Auge noch deutlich oder doch ohne merklich störende Zerstreuungs- 
kreise erscheinen, bereits undeutlich oder gar nicht, weil die je einem 
leuchtenden Punkte des Objectes entsprechenden Strahlen schon mehr 
weniger weit vor der Netzhaut vereinigt werden und die Netzhaut erst 
als Kegelquerschnitte treffen, welche mehr weniger in einander über- 
greifen oder auch schon je auf ein so grosses Netzhautareal vertheilt 
werden, dass jedes empfindende Netzhautelement viel zu wenig Licht 
von dem betreffenden Strahlenkegel erhält, als dass es noch zur Empfin- 
dung angeregt werden könnte. Die Kurzsichtigkeit schliesst demnach 
die Wahrnehmung unendlich weit entfernter Objecte nicht aus, wenn die- 
selben nur ein hinreichend intensives Licht liefern, und der Sehwinkel 
nicht zu klein ist. (Sterne.) 

Bei Myopie müssen die Objecte relativ näher an das Auge gebracht 
werden, als im normalen Zustande, wenn die ihnen entsprechenden 
Bilder nicht vor, sondern auf der Netzhaut entworfen werden sollen. 
Es gibt aber noch andere Zustände, welche eine abnorme Annäherung 
der Objecte behufs des Deutlichsehens erheischen. Die vorzüglichsten 
sind: vermehrte Wölbung der Cornea, centrale Trübungen der durch- 
sichtigen Medien, geringere Energie der Netzhaut. Diese Zustände 
können vorhanden sein, ohne dass der Eefractionszustand des Auges 
eine bleibende Umwandlung in den der Myopie erlitten hat: sie kön- 
nen aber auch bereits zu dieser geführt haben, oder sie können später 
zu dieser hinzugetreten sein. Dann hat man es aber nicht mit ein- 
facher oder reiner, sondern mit complicirter Kurzsichtigkeit zu thun, 
und niuss das gegenseitige Yerhältniss erst durch ein genaues Examen, 
emiitteit werden. Die Nichtbeachtung dieses Verhältnisses ist Schuld, 
dass noch immer nicht nur Laien, sondern selbst Arzte und Schriftstel- 
ler keinen klaren Begriff von der Kurzsichtigkeit haben, und Augen 
für kurzsichtig halten, welche nichts weniger als kurzsichtig sind. Wir 
werden zunächst nur von der einfachen oder reinen Kurzsichtigkeit 
handeln. 



232 Augenmuskeln. 

Die Kurzsichtigkeit kommt in sehr verschiedenen Graden vor. 
Von den extremsten Fällen, wo z. B. Buchstaben mittlerer Grösse nur 
bei 2" Distanz gelesen werden können, gibt es allmälige Übergänge 
bis zu solchen Fällen, wo man in Zweifel kommt, ob man ein normales 
oder ein kurzsichtiges Auge vor sich habe. Niedrige Grade werden 
bei dem gewöhnlichen Sehbedürfnisse gar nicht bemerkt, während 
höhere Grade unter allen Verhältnissen — mit Ausnahme weniger Ver- 
richtungen — das Mangelhafte des Gesichtes fühlbar machen. Druck- 
schriften von bestimmter Grösse können als das einfachste Mittel zur 
Beurtheilung der Sehweite benützt werden. Doch ist zu bemerken, 
dass es Leute gibt, welche bei den Proben mit dem Lesen mittelgrossen 
Druckes sowohl als mit Optometern eine geringe Sehweite ausweisen, 
und dennoch in mittlem und grössern Entfernungen nicht so schlecht 
sehen, als andere, welche bei diesen Proben in einer viel grössern Ent- 
fernung deutlich sehen.*) — Augen, welche bis zu 24 Zoll Distanz, 
noch mittelgrosse (circa 3 /<t //; hohe) Druckschrift lesen können, reichen 
für die gewöhnlichen Anforderungen an das Gesicht bequem aus, und 
lassen ihre Mangelhaftigkeit im Vergleich zu völlig normalen Augen 
nur dann bemerken, wenn es sich um das Erkennen und Unterscheiden 
sehr entfernter Objecte handelt, wie etwa beim Schiessen, beim Erken- 
nen einer Thurmuhr u. dgl. (Niedrige Grade von Kurzsichtigkeit.) 
Leute, welche höchstens bis zur Distanz von circa 14 Zoll lesen kön- 
nen, fühlen das Bedürfniss, ihr Gesicht durch Gläser zu unterstützen, 
bereits beim Herumgehen auf der Gasse, beim Erkennen von Personen 
auf 15 — 20 Schritte, beim Blicke auf die Tafel in Hörsälen u. s. w. 
(Mittlere Grade.) Doch kann der Gebrauch von Augengläsern noch 
immer ohne Gefahr der persönlichen Sicherheit im Freien umgangen 
werden, sobald der Kurzsichtige noch auf mehr als 8 Zoll Distanz 
Mitteldruck lesen kann. (Hohe Grade.) Solche endlich, die nur bis 
auf höchstens 4 Zoll noch lesen können, sehen selbst grössere Gegen- 
stände undeutlich, sobald sie über 2 — 3 Schritte entfernt sind, und eine 
grosse Zahl solcher Augen ist bereits zugleich amblyopisch. (Höchster 
Grad.) 

Je bestimmter die Kurzsichtigkeit ausgesprochen ist, desto sicherer 
lassen sich auch die Grenzpunkte des deutlichen Sehens angeben, und 

*) Man hat den Zustand, wo ein Auge relativ zu seinem Verhalten gegen kleine Objecte in naher und 
massiger Entfernung selbst grössere Gegenstände auffallend schlecht oder gar nicht sieht, sobald 
diese über eine gewisse Grenze hinausgerückt sind, Myopia in Distans genannt, und A. von Gräfe 
(Archiv f. Ophth. Bd. II. Abth. I. S. 159) hat denselben durch den Nachweis erklärt, dass ein sol- 
ches Auge, sobald ihm eine scharfe Accommodation unmöglich ist, nicht mehr den relativ günstig- 
sten, sondern gerade den conträren Kefractionszustand annimmt, also bei der Bemühung, zu weit 
entfernte Objecte zu erkennen, unwillkürlich für die Nähe eingerichtet wird. 



Kurzsiehtigkeit — Kennzeichen. 233 

zwar nicht bloss der Nahe-, sondern auch der Fernpunkt. In Bezug 
auf die Objecte, welche in Distanzen zwischen diesen Grenz f mnkten 
liegen, verhält sich das kurzsichtige Auge im Allgemeinen genau so wie 
das normale; es sieht dieselben unter den allgemeinen Bedingungen 
deutlich, ja es zeigt im Allgemeinen sogar eine grössere Schärfe (Fein- 
heit) des Gesichtes, indem dasselbe Object bei der gleichen Distanz 
auf seiner Netzhaut ein grösseres Bild entwirft, als im normalen Auge, 
weil eben die Netzhaut weiter vom optischen Mittelpunkte absteht. 
(Bd. III. S. 40.) Zu diesem auf der Strahlenbrechung beruhenden Mo- 
mente kommt noch, dass in solchen Augen häufig die Energie der 
Netzhaut (durch Übung) beträchtlich gesteigert ist. Daher sehen Kurz- 
sichtige winzige Objecte in gehöriger Nahe oft schärfer, als Normal- 
sichtige selbst mit Hilfe einer Loupe. — Gleichwie der Fernpunkt des 
deutlichen Sehens beim kurzsichtigen Auge in einer bestimmten, dem 
Auge näher gerückten Entfernung liegt, ist in der Regel auch der Nahe- 
punkt demselben genähert bis auf 4, 3, selbst 2 Zoll. Da aber der 
Nahepunkt schon im normalen Auge nur etwa 5" vor dem Hornhaut- 
centrum liegt, und da derselbe auch beim höchsten Grade von Kurz- 
sichtigkeit bis auf höchstens 1 3 /V y Nähe herangerückt erscheint, so er- 
gibt sich, dass Augen, deren Fernpunkt nur 2 — 3" weit absteht, der 
aecommodativen Thätigkeit keinen Spielraum mehr gestatten, Augen da- 
gegen, deren Fernpunkt z. B. 14", Nahepunkt 4" oder 3" absteht, 
noch ein beträchtliches Accommodationsvermögen besitzen. Im kurz- 
sichtigen Auge sind demnach der aecommodativen Thätigkeit im Allge- 
meinen um so engere Schranken gesetzt, je näher der Fernpunkt heran- 
gerückt, d. h. je kurzsichtiger es ist. Doch kommen Fälle vor, wo der 
Nahepunkt nicht so nahe liegt, als man nach der Heranrückung des 
Fernpunktes erwarten sollte, wo das Auge z. B. nur zwischen 6 und 5 
Zoll mittleren Druck lesen kann, während andere zwischen 6 und 3 
Zoll lesen. 

Durch Vorhalten eines entsprechenden Concavglases vor das kurz- 
sichtige Auge kann der Abstand des optischen Mittelpunktes von der 
Netzhaut verkleinert, mithin dem des normalen Auges gleich (gemacht 
werden. Ist nun der aecommodativen Thätigkeit noch ein grosser Spiel- 
raum gelassen, wie in der Begel in Augen, deren Fernpunkt nicht 
unter S Zoll absteht, so kann ein so bewaffnetes Auge fast für alle 
Distanzen mit einem normalen in Concurrenz treten, und es kommt 
mit dieser Correction seines Eefractionszustandes dem normalen Auge 
um so näher, je weniger kurzsichtig es ist, und je grössere Exemtio- 
nen seiner Netzhaut (hintern Wand) noch gestattet sind. 



234 Augenmuskeln. 

Beim Vorkalten einer dunkeln Metallplatte oder eines Kartenblattes 
mit einer engen Öffnung nahe vor der Cornea kann das rein kurzsich- 
tige Auge die zu Leseproben verwendete Schrift eben so weit wie ein 
normales Auge lesen, oder doch in viel grösserer Distanz, als ohne dieses 
Hilfsmittel. Der Grund hievon liegt darin, dass die Zerstreuungskreise 
auf Minima reducirt werden. Dasselbe suchen Kurzsichtige, wenn sie 
in Entfernungen noch deutlich sehen wollen, wo die Zerstreuungskreise 
bereits zu gross ausfallen, durch Verengerung der Lidspalte (Blinzeln, 
ftveiv) zu bewerkstelligen. Der Nutzen des Blinzeins sowohl als der 
engen Diopteröffnungen ist jedoch ein sehr beschränkter, da mit der 
Enge der Öffnung auch die Abnahme der Lichtmenge steigt, welche 
yon je einem Punkte des lichtsendenden Objectes zur Netzhaut gelan- 
gen kann, mithin bei grösseren Entfernungen das Netzhautbild um so 
lichtärmer wird, je enger die Diopteröffnung ist. 

Mit Hilfe der eben besprochenen Merkmale lässt sich die reine 
Kurzsichtigkeit leicht von den obgenannten Zuständen unterscheiden, 
welche mit derselben eben nichts gemeinschaftlich haben, als dass die 
betreffende Person dieObjecte, die sie noch relativ gut sehen will, ab- 
norm nahe an das Auge bringen muss. Das rein kurzsichtige Auge 
sieht die Objecte, die ihm hinreichend genähert sind, eben so deutlich 
und im Allgemeinen noch schärfer, als das normale Auge; sein Gesicht 
kann durch entsprechende Concavgläser für dieselben Distanzen wie 
das normale adaptirt werden, und enge Öffnungen, nahe vor das Auge 
gehalten, erweitern die Sehweite für massige Distanzen um ein Be- 
trächtliches. Ich habe noch nie eine Person mit anderweitig nach- 
weisbarer vermehrter Wölbung der Cornea gefunden, welche ein auch nur 
dem normalen Auge an Schärfe gleichkommendes Gesicht gehabt hätte, 
auch nicht bei beliebig grosser Annäherung der Objecte. Dass Leute 
mit centralen Hornhaut- oder Linsentrübungen keine Gläser finden, 
welche der Mangelhaftigkeit ihres Gesichtes abzuhelfen vermöchten, 
weiss jeder Optiker. Selbst wenn zugleich Kurzsichtigkeit neben einer 
solchen Trübung vorhanden ist, leisten Concavgläser nicht den gleichen 
Dienst, wie bei reiner Kurzsichtigkeit. Die geringere Energie der 
Netzhaut verräth sich besonders bei der Probe mit einer engen Öffnung. 
(Vergl. Bd. HI. S. 98.) 

Der Kurzsichtige (mittlem und höhern Grades) blickt im Allgemei- 
nen mit etwas mehr convergenten Sehachsen herum. Gibt man ihm 
ein Buch zum Lesen, so hält er es im Gegensatze zum Weitsichtigen 
nicht unter, sondern mehr gerade vor oder selbst etwas über den 
Augen, zumal wenn er angewiesen wird, in grösstmöglicher Entfernung 



Kurzsiehtigkeit — Kennzeichen. 235 

zu lesen. Er neigt daher auch den Kopf eher etwas vor- als rück- 
wärts. Seine Bulbi fühlen sich (bei höheren Graden) härter an, zeigen 
besonders zur Zeit, wo das Übel noch im Entstehen und Zunehmen 
begriffen ist, stärkere Injection der Ciliargefässe, selbst der Conjunctiva 
bulbi et palpebrarum, und relativ (zum Lichteinflusse und zur Distanz 
der fixirten Objecte) grössere Pupillen; ihre Verlängerung in der Seh- 
achse, welche sich oft schon aus dem Hervorragen aus der Orbita 
(Glotzen) vermuthen lässt, kann bei den höhern und höchsten Graden 
auf die oben angegebene Weise bestimmt nachgewiesen werden. 

Ist ein Auge in höherem Grade kurzsichtig als das andere, so 
kann man diess bei nur einigermassen erheblicher Differenz schon vor 
Anstellung der Sehproben an der Verlängerung in der Sehachse und 
an der dadurch bedingten Prominenz dieses Bulbus erkennen. Über 
die Lage der Iris in kurzsichtigen Augen haben wir das Notlüge be- 
reits auf S. 210 angegeben. 

Da nur mittlere und höhere Grade von Kurzsichtigkeit Untauglich- 
keit zu gewissen Beschäftigungen und Dienstleistungen (ohne Unter- 
stützung durch Concavgläser) mit sich bringen, so sind dem Arzte 
schon in dem bisher geschilderten Verhalten kurzsichtiger Augen wohl 
hinreichende und verlässliche Mittel gegeben, um mit Bestimmtheit ein 
Gutachten abgeben zu können. Es bietet aber auch noch die Unter- 
suchung mit dem Augenspiegel einen Anhaltspunkt von objectiver Gil- 
tigkeit dar, zumal wenn man demjenigen, der ein normales Auge be- 
sitzt und während der Untersuchung mit möglichster Anstrengung für 
die Nähe accommodirt, diess letztere durch ein Mydriaticum unmöglich 
macht. Ausserdem liefern auch Augengläser ein Mittel, Simulanten zu 
entlarven. Hält man demjenigen, welcher sich anstellt, als könne er 
z. B. nur bis 8 Zoll Distanz lesen, ein Concavglas vor, etwa von 8—10 
Zoll Brennweite, so wird er, falls er wirklich kurzsichtig ist, mit dieser 
Unterstützung nahezu eben so gut sehen, wie ein Normalsiehtiger, falls 
er aber normalsichtig ist, das Vorhalten eines solchen, und selbst eines 
schwächeren (etwa bis zu Nr. 12) nicht lange aushalten. Es kann aber 
ein normales Auge durch methodische Übung mit Concavgläsern sich 
in kurzer Zeit einüben, auch mit Concavgläsern ziemlich gut zu sehen, 
ohne desshalb bleibend kurzsichtig zu werden. Daher ist die* Probe 
mit Concavgläsern nicht allgemein verlässlich. Setzt man aber einem 
wirklich kurzsichtigen Auge eine massig convexe Brille vor, und zwar 
von solcher Convexität, dass ein normales Auge damit noch in einer 
bestimmten Distanz lesen kann, wie etwa mit den Nummern zwischen 
1 5 und 20", so wird es damit nicht lesen können, ausser in sehr grosser 



236 



Augenmuskeln. 



Nähe, und es wird gewiss nie einen Betrüger geben, der die Probe 
mit concaven und die Gegenprobe mit convexen Gläsern zu bestehen 
vermöchte. 

Sectionsbefunde kurzsichtiger Augen haben bisher ganz gefehlt. Bloss Prof. Ritte- 
rich*) führte in der medicinischen Gesellschaft zu Leipzig (Sitzung vom 26. Februar 
1839) den Sectionsbefund der Augen eines stets kurzsichtig gewesenen Buchdruckers 
an, der sein Leben durch Selbstmord geendet hatte. Die Augapfel waren birnförmig, 
vorn breit, hinten schmäler gestaltet, und die hintere Hälfte der Sclerotica verdünnt. 
Ob der gelehrte Beobachter, welcher diesen Zustand für einen angeborenen zu halten 
geneigt ist, den Befund irgendwo anders ausführlicher notirt habe, ist mir unbekannt. 

Ich besitze jetzt die Augen von vier Kurzsichtigen. Zwei davon kannte ich wäh- 
rend des Lebens sehr gut, den Kreisarzt Seh., der im 72., und die Wittwe meines Leh- 
rers F., die im 53. Jahre starb. Die beiden andern waren Männer von 30 und 38 Jah- 
ren; auf ihre Augen wurde ich bei meinen Operationscursen durch die auffallende Tiefe 
der vordem Augenkammer aufmerksam, was mich zur Herausnahme der Bulbi bestimmte ; 
beide hatten, wie ich nachher erfuhr, Concavglässer getragen, welche ich mir verschaffte, 
um ihre Brennweite zu erfahren; diese betrug bei dem einen 7, bei dem andern 10 Zoll. 
Die Section fand bei allen zwischen 30 — 40 Stunden nach dem Tode statt. 



Namen und 
Alter 


I. 

F. Seh., 72 J. 


II. 

F.Macha, 38 J. 


III. 

Jos. Fabian, 36 J. 


IV. 

Anna F. 53 J. 


Stand 


Medic. Doctor 


Kattundrucker 


Zimmerwichser 


Professorsgattin 


Nummer der 

letzt benutzten 

Gläser 


14" 


10" 


7 ", 


37a" 


Äussere Augen- 
achse (Sehachse) 


R und L = 12'" 


R = 12?/«"' 
L = 13'" 


Ru.L= 127a'" 


R=14 L=1372 ; " 


Aquatorial- 
Durchmesser 


Hör. und vertic. 
beiders. = 1 1 l k"' 


Hör. und Vert. 
R = 11 v«'" 
L = ll 3 /*"' 


R hör. = 1173"' 

vert. = 1 2'", 
L hör. = 1 1 Wk"l 

vert. == 12'" 


Hör. und vert. 
R = II74"' 

L = 117»'« 


Tiefe der 
Augenkammer 


R u. L = 1"' 


R = l'A'" 

L nicht gemessen 


R = PA'" 
L nicht gemessen 


R = t.'74"' 
L nicht gemessen 


Achse der Linse 


nicht gemessen 


R = 1 3 A'" 


R = P/s'" 


R = 17s"' 



Bei keinem dieser Augen bot die Hornhaut eine Abnormität in Bezug auf Dicke, 
Durchsichtigkeit oder Wölbung (nach den Spiegelbildern geschätzt) dar. Die Lage der 
Bulbi konnte nur bei IV. als glotzend bezeichnet werden, und hier hatte ich die Ver- 
längerung der Bulbi schon während des Lebens mit Sicherheit erkannt. Auffallend war 
mir die Dicke der Augenmuskeln, besonders des Rect. internus und des Obl. inferior bei 
III. , welcher an Tuberculosis pulm. gestorben, und bei IV., welche nach mehrjährigem 
Leiden zum Skelett abgemagert war. Der Ciliarmuskel war bei IV. circa 2 /s'", bei III. 
aber nahezu 1 /z" t (an der dicksten Stelle, von aussen nach innen). Bei III. betrug der 

*) Schmidt's Jahrb. 1842. Bd. 36. S. 138. 9 



Kiirzsichtigkeit — Anatom. Befund. 237 

Abstand einer dui-ch den Ciliarrand der Iris gelegten Ebene vom Centrum der Descemet- 
schen Haut U/3'", so dass demnacb Ciliar- und Pupillarrand der Iris in einer und der- 
selben Ebene lagen. 

"Was nun die Sclera betrifft, so erschien dieselbe bei I. auch im hintern Umfange 
normal, und konnte die Achsenverlängerung nur durch die Messung erkannt werden, 
"während bei den übrigen die Bulbi nicht nur durch ihre birnförmige Gestalt, sondern 
auch durch bläuliche Färbung in der Umgebung des hintern Poles auffielen. Die Zer- 
legung der Bulbi in eine obere und untere Hälfte, welche bei den letzten 3 Indiv. nur 
an dem rechten Auge vorgenommen wurde, erwies alsbald, dass diese Verfärbung nur 
vom Durchscheinen der verdünnten und ausgedehnten Sclera herrührte. Mit der Sclera 
waren auch die Chorioidea und Retina ausgedehnt, indem sie ihr einfach anlagen, ohne 
mit ihr verwachsen zu sein. Die Macula lutea fehlte in keinem Falle, stand aber etwas 
weiter vom Eintritte der Centralarterie ab ; bei IV. betrug der Abstand des Foramen 
coecum vom Centrum der Sehnervenpapille 2 l /i'". Mikroskopisch habe ich diese Par- 
tien nicht untersucht. Bloss bei IY. bot die Netzhaut ein etwas abnormes, punkt- oder 
fleckweise etwas trüberes Aussehen dar, und erschien die Mitte der Macula lutea braun- 
schwarz, beim Abheben von der Chorioidea durchlöchert. 

Bei A. F. (IV.) bot die bedeutend verdünnte und ausgedehnte Chorioidea in der Ge- 
gend des hintern Poles ein marmorirtes Aussehen dar, bedingt durch beinahe gänz- 
lichen Mangel des Pigmentes an einer rundlichen Stelle von etwas über 2'" Durchmes- 
ser, welche sich unmittelbar an die Schläfeseite der Sehnervenpapille anschloss, und 
nur hie und da Punkte, Streifen und Fleckchen braunen Pigments zeigte. Der grösste 
• Pigmentfleck haftete in der Chorioidea gerade an der Stelle der Macula lutea. In der 
nächsten Umgebung dieses Fleckes erscheint die in dieser ganzen Gegend halbdurch- 
sichtige Chorioidea unter der Loupe leicht getrübt, bläulich weiss, wahrscheinlich von Exsu- 
dat durchsetzt , doch mit der Sclera nicht verwachsen , bloss durch die ein- und austre- 
tenden Nerven und Gefässe (wie gewöhnlich) verbunden. Ich hatte, um diese Verhält- 
nisse im Zusammenhange gehörig überblicken zu können, das linke Auge so geöffnet, 
dass ein senkrecht auf die Sehachse durch den Bulbus durchgeführter Schnitt nur die 
staphylomatös vorgetriebene Partie des Bulbus abtrennte, und somit das Präparat noch 
heute bequem von vorn angesehen werden kann. Ich muss zum Verständniss dieses Befun- 
des noch anführen , dass A. F. durch viele Jahre Nr. 4 concav getragen , in den letz- 
ten 6 — 7 Jahren aber zu Nr. 3 ',2 gegriffen hatte. Sie war von früher Jugend an, wo 
sie die Blattern überstanden hatte , in hohem Grade kurzsichtig gewesen , und hatte na- 
mentlich nach zurückgelegtem 30. Jahre wegen congestiv-entzündlicher Erscheinungen, 
welche Amaurosis befürchten Hessen, oft ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Auf 
dem linken Auge hatte sie in den letzten 4 — 5 Jahren die Zeichen centraler Netzhaut- 
amaurosis dargeboten, indem sie auch bei grösster Annäherung der Objecte nur mit 
den seitlichen Partien der Netzhaut sah, und weder Concavgläser noch feine Kartenblatt- 
öffnungen das diiecte Sehen mit der Macula lutea ermöglichten. Ich hatte ihr desshalb 
auch in den letzten 3 Jahren das Tragen von Augengläsern gänzlich untersagt, obwohl 
sie dadurch in einen Zustand von Unthätigkeit versetzt war, der ihrem regen Geiste 
grosse Opfer kostete. Während der Krankheit, der sie nach anderthalbjährigem Leiden 
unterlag, hatte sich der Zustand ihrer Augen — mit Ausnahme der centralen Lähmung 
am linken Auge — merklich gebessert, indem sie namentlich nicht mehr so sehr von 
feurigen und farbigen Erscheinungen und von zeitweiligem Halbsehen geplagt wurde, 
eine Besserung, die ich dem Umstände zuzuschreiben geneigt bin, dass die Patientin 



238 Augenmuskeln. 

sich jetzt auch des Schreibens, Strickens u. dgl. beinahe gänzlich enthalten rnusste. 
Ich will noch hinzufügen, dass A. F. in ihren Kinderjahren gleich ihren 3 Geschwistern 
sich eines normalen Gesichtes erfreut hatte, und dass von diesen nur ein Bruder (Med. 
Doctor) kurzsichtig ist. Soll ich nun meine Ansicht über diesen Fall abgeben, so lautet 
sie dahin, dass A. F. nicht desshalb kurzsichtig wurde, weil Chorioiditis in der Gegend 
des hintern Poles stattgefunden hatte, sondern dass in ihren Augen, nachdem sie in 
höherem und höchstem Grade kurzsichtig geworden waren, partielle Chorioiditis, an der 
Macula lutea zuletzt auch Retinitis aufgetreten ist, höchst wahrscheinlich bedingt durch 
zeitweilig auftretende kleine Apoplexien, welche ihren Grund entweder darin fanden, 
dass bei der starken Rückwärtsdrängung der hintern Wandung der Rückfluss durch die 
hintern Ciliarvenen behindert war, oder darin, dass nach Momenten stärkerer Ausdeh- 
nung der aller Elasticität verlustigen hintern Wandung ein Moment eintrat, wo die 
Gefässe der Chorioidea und Retina unter geringerem Drucke standen. Nachzutragen habe 
ich noch, dass der Glaskörper ohngefähr in seiner hintern Hälfte verflüssigt war, und 
zwar in beiden Augen, und dass die Kranke sich häufig nicht bloss über fliegende 
Mücken, die sie nie verliessen, sondern auch — wenigstens in den letzten Jahren — über 
dunkle und feurige Scotome beklagt hatte. 

Ich sehe demnach in den genannten 4 Fällen ein und dasselbe Grundleiden, nur 
in sehr verschiedenem Grade ausgesprochen, und diess ist ein Grund mehr, der mich 
bestimmt, das Vorhandensein von Veränderungen in der Chorioidea und Retina nicht als 
das primäre, sondern nur als etwas zu den höchsten Graden von Kurzsichtigkeit zufällig, 
nicht noth wendig Hinzutretendes zu betrachten. Ich habe in der Zeit von 10 Jahren 
an vielen Augen zufällig (in der Leichenkammer) Ausbuchtungen der hintern Wandung 
gefunden, ihre Bedeutung aber viele Jahre nicht gekannt. Unter den Präparaten, wel- 
che ich als Staphyloma posticum Scarpae aufbewahre , finden sich mehrere mit centra- 
len Hornhautnarben , eines auch mit Centralkapselstaar grösserer Ausdehnung (Pyrami- 
denstaar). Bei einem der ersten dieser Präparate *) war ich geneigt, den nächsten Grund 
dieser Ausbuchtung in sensilem Schwunde der Sclera zu suchen , weil der Zufall mich 
diesen Befund gerade bei sehr alten Individuen hatte finden lassen. Später aber, als ich 
ihn mehrmals mit centralen Trübungen der durchsichtigen Medien und auch bei jüngeren 
Individuen gefunden hatte , musste an einen Zusammenhang dieser Momente gedacht 
werden, und jetzt, wo ich das Staphyloma posticum in verschiedenem Grade bei erwie- 
senermassen Kurzsichtigen gesehen habe , bleibt nichts übrig, als anzunehmen, dass jene 
centralen Trübungen zu Kurzsichtigkeit führten , und somit dasselbe bewirkten , was an 
andern Augen einfach durch unzweckmässige Anwendung der Augen in der Jugend zu 
Stande gebracht worden war. 

Wir können nun noch ein objeetives Merkmal der Kurzsichtigkeit aufstellen, doch 
nur für die höhern und höchsten Grade. Es ist diess die Rareficirung der Chorioidea 
und ihres Pigmentes in der Gegend des hintern Poles, welche sich mit dem Augenspie- 
gel nachweisen lässt. Solche Augen lassen sich bequem im umgekehrten Bilde ohne 
Hilfe eines Convexglases in der Distanz von 12 — 8 Zoll untersuchen. Man kann diese 
Veränderungen des Augengrundes auch an Augen finden , welche — abgesehen von der 
Kurzsichtigkeit — ein ganz gutes Gesicht besitzen. 

Ätiologie. Die Kurzsichtigkeit ist bekanntlich in civilisirten Län- 
dern eine sehr häufige Erscheinung, und auch da unter gewissen Stän- 

*) Prager medic. Vierteljahrschrift 1847. Bd. II. S. 58. 



Kiirzsichtigkeit — Ätiologie. 239 

den ungleich häufiger, als unter andern. *) Sie kommt unstreitig am 
häutigsten bei jenen Individuen vor, welche im Knaben- oder selbst 
schon im Kindesalter anhaltend oder vorwaltend mit der Betrachtung 
feiner Objecte (Lesen, Schreiben, Zeichnen, Sticken, Nähen u. dgl.) 
beschäftigt wurden, und tritt meistens erst um das 12. — 16. Jahr herum 
so deutlich in die Erscheinung, dass sie bemerkt wird. Vor dem 7. Jahre 
habe ich noch keinen Fall reiner Kurzsichtigkeit zu beobachten Ge- 
legenheit gehabt, gleich wie mir nur selten ein Fall von Kurzsichtig- 
keit höheren Grades vorgekommen ist, welche sich in Augen entwickelt 
hatte, wo sie nicht schon vor dem Eintritte der Pubertät in einem ge- 
wissen Grade bestanden hatte. Manche betrachten ihre Kurzsichtigkeit 
als erblich, weil Eltern oder Geschwister gleichfalls kurzsichtig waren, 
oder weil sie ihr Übel schon zur Zeit des ersten Schulbesuches bemerkt 
haben wollen. Mir fehlen hierüber verlässliche Beobachtungen. Wenn 
übrigens bei Kindern kurz- oder schwachsichtiger Eltern Kurzsichtig- 
keit auftritt, so ist wohl auch au unwillkürliches Nachahmen der Ma- 
nieren der Eltern zu denken, und wenn Kurzsichtigkeit bei mehreren 
Geschwistern vorkommt, so wird noch untersucht werden müssen, ob 
nicht alle eben solchen Verhältnissen bei der Erziehung ausgesetzt 
waren, von denen es erwiesen ist, dass sie Kurzsichtigkeit herbeizu- 
führen vermögen. Wir wollen demnach Erblichkeit der Kurzsichtigkeit 
oder doch eine gewisse Disposition hiezu nicht gerade in Abrede stel- 
len, glauben jedoch, dass Fälle, wo es den Anschein dazu hat, mit 
grosser Vorsicht aufzunehmen sein werden. Das jugendliche Alter bietet 
in der Weichheit und Dehnbarkeit der Sclerotica an sich schon die 
hinreichende Disposition zu diesem Zustande, der sich im Mannesalter, 
wenn das Auge bis dahin völlig frei geblieben, nur nach ganz beson- 
deren Veranlassungen entwickeln kann. Ich habe von einigen Collegen 
die Klage gehört, dass sie, obwohl sie sich noch in den zwanziger 
Jahren des besten Gesichtes für nah und fern erfreut hatten, später 
durch anhaltende Studien, besonders aber durch Arbeiten mit der Loupe 
oder mit dem Mikroskope kurzsichtig geworden seien, indem sie bei 
weitem nicht mehr in so grosse Ferne deutlich sähen, wie vordem. 
Wenn ich aber den Eefractionszustand untersuchte , so zeigte sick's, 
dass keine Kurzsichtigkeit eingetreten war, sondern nur Abnahme der 
Schärfe des Gesichtes für grössere Distanzen, dass sogar der Nahe- 



*) Furnari (Ann. d'Oculist. T. X. p. 145) fand bei den Kabylen fast durchaus grosse, hervorragende 
Augen, doch keine Kurzsichtigen. Er fand die Pupille bei diesen Völkerschaften relativ enge und 
die Iris vorwärts gewölbt, daher die vordere Kammer kleiner, Iris und Cornea haben einen kleinern 
Umfang als bei den Europäern. 



240 Augenmuskeln. 

punkt nicht mehr 5, sondern 6 Zoll und darüber vor der Hornhaut lag. 
Bei vernachlässigter Übung im Fernsehen kann die Schärfe des Ge- 
sichtes in dieser Richtung sehr bedeutend abgenommen haben, obwohl 
das Auge fernsichtig geworden ist. — Die grössere Zahl der Kurz- 
sichtigen gehört dem männlichen Geschlechte an, was sich aus den 
(später angeführten) äussern Veranlassungen erklärt. Oft ist nur das eine 
Auge kurz-, das andere normal- oder weitsichtig; sind beide Augen 
kurzsichtig, so sind sie es selten in ganz gleichem Grade. 

Anhaltende, oder oft, lange und in kurzen Zwischenräumen wieder- 
kehrende Accommodation (Anstrengung zum Erkennen naher kleiner 
Objecte) und jugendliches Alter sind die Factoren der Kurzsichtigkeit. 
Die Veranlassungen hiezu sind mannigfaltig und theils in, theils ausser 
dem Auge gelegen. Zu den ersteren gehören: centrale Trübungen der 
durchsichtigen Medien und angeborene oder erworbene geringere Ener- 
gie der Netzhaut , zu den letzteren : übermässiges Beschäftigen mit 
kleinen Objecten, unzeitiger und unzweckmässiger Gebrauch von Bril- 
len, Loupen, Mikroskopen, unzureichende Beleuchtung, zu grosse An- 
näherung der Objecte u. dgl. — Centrale Hornhaut- oder Linsentrübun- 
gen geben Veranlassung zur Kurzsichtigkeit, wenn sie — ohne Rücksicht 
auf Ausdehnung und Begrenzung — halbdurchsichtig oder stark durch- 
scheinend sind, oder aber wenn sie völlig oder nahezu undurchsichtig, 
dabei jedoch kleiner als die Pupille sind. Im letztern Falle benehmen 
sie nicht nur eine Quantität Licht, sondern verkürzen auch durch Aus- 
schluss der Achsen und nächst gelegenen Strahlen die Brennweite des 
Auges, und machen aus diesen Gründen ein stärkeres Annähern aller 
Gesichtsobjecte, mithin Forcirung der Accommodationsorgane notwen- 
dig; im ersteren Falle wirken sie theils durch Abhaltung von Licht- 
strahlen auf die Helligkeit des Netzhautbildes, theils durch Zerstreuung 
eines Theiles der durchgelassenen Strahlen (Diffusion) auf die scharfe 
Begrenzung desselben beeinträchtigend, und laden hiedurch zu stärkerer 
Annäherung der feinern Gesichtsobjecte ein. Sind beide Hornhäute ge- 
trübt, so können beide Augen den Refractionszustand und die Merkmale 
kurzsichtiger Augen acquiriren, sobald das betreffende Individuum noch 
jung ist und einem oder dem andern der äussern Veranlassungsmomente 
ausgesetzt wird; ist nur das eine Auge getrübt, oder das eine wenig, 
das andere mehr, so wird, wenn überhaupt Kurzsichtigkeit eintritt, ge- 
wöhnlich das reine oder weniger getrübte kurzsichtig, und das andere, 
falls nicht etwa Schielen oder einfache Vernachlässigung desselben 
(Abstrahiren von seiner Erregung) erfolgt, wird nur für mittlere und 
grössere Distanzen benützt. Doch können in Fällen monolateraler Trü- 



Kurzsiehtigkeit — Verlauf — Folgen. 241 

bung auch beide Augen kurzsichtig- werden. Man mag sich diess er- 
klären, wie man will, das Factum ist richtig: ich habe es — Anfangs 
zu meiner Verwunderung — oft genug beobachtet. Ich will jedoch 
nicht behaupten, dass, wenn ich das maculöse Auge presbyopisch, das 
kurzsichtige dagegen rein fand, dieses letztere auch zur Zeit der Ent- 
wicklung der Kurzsichtigkeit von jeder Trübung frei gewesen sei, da 
bekanntlich nicht gar tief greifende Hornhautnarben bei jugendlichen 
Individuen bisweilen von selbst spurlos verschwinden. — Unter den 
äussern Veranlassungen ist wohl übermässige Beschäftigung mit Lesen, 
Schreiben u. dgl. in früher Jugend die häufigste, zumal wenn die Kin- 
der dazwischen wenig ins Freie kommen. Viele bringen die Gesichts- 
objecte, z. B. das Papier, näher, als zum Deutlichsehen nothwendig ist, 
entweder einfach, weil sie es bei Andern so sahen, weil sie gleich beim 
ersten Unterrichte nicht an die zweckmässigste Distanz (10 — 12") ge- 
wöhnt wurden, weil sie schon von der Beschäftigung mit feinen Spiel- 
sachen in den Kinderjahren an zu starke Annäherung der Objecte ge- 
wohnt sind, oder desshalb, weil sie dazu genöthigt sind: durch die 
relativ zu grosse Höhe des Tisches, durch zu geringe Beleuchtung der 
Objecte (in dunklen Lehrsälen, bei unzulänglichem künstlichen Lichte), 
blasse Tinte, schlechte Druckerschwärze, zu kleine oder zu eng an ein- 
ander gedrängte Buchstaben, zu fein geschnittene Federn, zu wenig 
lichtes Papier, oder durch bereits eingetretene Ermüdung des Auges und 
momentane Schwächung der Sehkraft wegen bereits zu lange fortge- 
setzter monotoner Beschäftigung (ohne Abwechslung, ohne gehörige 
Pausen). Gesunkene Energie der Netzhaut scheint auch die Ursache zu 
sein, dass sich die Kurzsichtigkeit — auch ohne vorausgegangene Ent- 
zündung an den Augen — nach Scharlach, Masern, Blattern, Typhus 
u. dgl. leicht entwickelt, wenn die Kinder noch vor völliger Erholung 
zu angestrengtem Betrachten naher Objecte zugelassen oder angehalten 
werden. Hier tritt indess, wie wir später sehen werden, häufiger Augen- 
mattigkeit ein. 

Dass wiederholte und anhaltende Beschäftigung mit dem Mikroskope 
oder mit Loupen temporär oder bleibend zu Kurzsichtigkeit führt oder die 
schon vorhandene mehr weniger steigert, ist Thatsache der Beobachtung. 
Dasselbe gilt vom unzeitigen oder unzweckmässigen Gebrauche concaver 
Brillen. Auf welche Weise diess geschehe, werden wir weiter unten bei 
Besprechung des Brillengebrauches erörtern. 

Verlauf, Folgen. Die Kurzsichtigkeit entwickelt sich wahrschein- 
lich immer nur allmälig und stufenweise bis zu einem gewissen Grade, 
wie er eben durch die genannten ätiologischen Momente bedingt wird. 

Arlt Augenheilkunde. III. 16 



242 Augenmuskeln. 

Dass Congestionen zum Kopfe und zu den Augen die Entwicklung be- 
günstigen oder gar herbeiführen sollten, halte ich für eben so wenig" 
erwiesen, als Ruete's Annahme, dass ein Krampf im Ciliarnervensysteine 
plötzlich oder periodisch Kurzsichtigkeit bewirken könne. Die Hyperämie, 
die sich namentlich während der Entwicklung und des Fortschrittes 
der Kurzsichtigkeit in den Conjunctivae und Subconjunctivalgefässen 
zeigt, ist das Consecutive und Begleitende, nicht aber Theilerscheinung: 
einer als Ursache supponirten Congestion. — Wo die genannten ur- 
sächlichen Momente vermieden werden können, macht das Übel weiter 
keine Fortschritte, und die Kurzsichtigkeit gehört unter dieser Be- 
dingung durchaus nicht zu den Übeln, welche schlimme Folgen für das 
Sehvermögen in sich einschliessen. Eine Ausnahme machen vielleicht 
nur die höhern und höchsten Grade, und das in der Eegel nur im 
höhern Alter oder bei irrationellem Gebahren. Was man den kurzsich- 
tigen Augen allgemein nachrühmt, dass sie bei angestrengten feinen 
Arbeiten ungewöhnlich lange ausdauern und Erstaunliches leisten, ist 
für niedere, mittlere und selbst höhere Grade nach meinen Beobach- 
tungen vollkommen richtig. Sie verfallen in spätem Jahren weder der 
Weitsichtigkeit noch — bei gleicher Anstrengung — der Augenmattig- 
keit (Kopiopie). — Niedere und selbst mittlere Grade verlieren oder 
vermindern sich bisweilen bei vernünftigem Gebrauche der Augen in 
den Jahren, wo das normale Auge für sehr nahe, Distanzen mehr we- 
niger zu verlieren pflegt (nach dem 40. Jahre). Höhere Grade bleiben 
stationär oder nehmen um diese Zeit selbst etwas zu. Bei den höchsten 
Graden tritt bisweilen centrale Netzhautaniblyopie hinzu, leidet über- 
haupt das Sehvermögen leicht durch Glaskörper- Verflüssigung und Opa- 
citäten, durch Pigmentabnahme in der Gegend des hintern Poles (Blen- 
dung, Lichtscheu) und selbst durch mehr weniger ausgedehnte Netz- 
haut- und Chorioidealapoplexien. 

Behandlung. Von Heilung der Kurzsichtigkeit kann mit Berücksich- 
tigung aller Umstände, der Veränderungen im Auge und der Verhältnisse 
der betreffenden Individuen, nur in sehr beschränktem Masse die Rede 
sein. Bei minderen und selbst vielleicht auch noch bei mittlem nicht 
inveterirten Graden Hesse sich wohl vom theoretischen Standpunkte aus 
eine Retablirung der normalen Form erwarten, an welche bei höhern 
Graden gar nicht zu denken ist; allein man wird in der Wirklichkeit 
wohl selten ein Individuum finden, welches die nöthige Zeit, Geduld 
und Ausdauer hätte, das hiezu Nöthige zu unternehmen. Zur Durch- 
schneidung eines oder mehrerer Muskeln, welche übrigens schon a priori 
manches Bedenken gegen sich hat, wird sich wohl kaum Jemand ent- 



Kurzsichtigkeit — Behandlung — Concavbrillen. 243 

schliessen, der nicht in sehr hohem Grade kurzsichtig ist, und in letz- 
terem Falle kann sie offenbar wenig oder nichts leisten. Das länger 
fortgesetzte Aufbinden eines mit Eisenfeilspänen gefüllten Säckchens 
auf das Auge bei Rückenlage des Kranken hat mir in einem Falle von 
Keratokonus, trotzdem ich die Cur durch oft und in kurzen Zwischen- 
räumen wiederholte Entleerung des Kammerwassers zu unterstützen 
bemüht war, nicht den geringsten Dienst geleistet, daher ich schon 
vermöge der Analogie von einem ähnlichen Verfahren bei Kurzsichtig- 
keit nichts erwarte. Das von Berthold in Göttingen vorgeschlagene 
Myopodiorthoticon — berechnet auf successive Weiterrückung des Buches 
beim Lesen — scheint Andern eben so wenig genützt zu haben, wie 
mir bei einigen mit hinreichender Beharrlichkeit fortgesetzten Ver- 
suchen , denn man hat seit der Bekanntgebung desselben weiter nichts 
davon gehört. Kurzsichtige entsprechende Convexgläser tragen zu las- 
sen, was ebenfalls empfohlen worden ist, habe ich noch nicht versucht. 
Von länger fortgesetzter, jedoch massiger Anwendung des Atropinum 
sulfnrieum (etwa 1 Gran auf 1 Drachme Fett, täglich 2 — 3mal erbsen- 
gross an die Stirn eingerieben) stünde allerdings ein Erfolg wenigstens 
gegen das Fortschreiten des Übels bei sonst zweckmässigem Verhalten 
zu erwarten, falls sich die Angabe A. v. Gräfe 's weiter bestätigen sollte, 
dass dieses Mittel nicht bloss auf die in, sondern auch auf die ausser 
dem Bulbus gelegenen Muskeln erschlaffend einwirkt. Ein Nachtheil 
steht davon nicht zu besorgen, da ich dieses Mittel in der angegebenen 
Art wegen beginnender Cataracta bei einigen Individuen ohne allen 
Xachtbeil durch 2—3 Jahre angewendet habe. Ich gedenke die Ver- 
suche bei Kurzsichtigkeit vorzunehmen, sobald mir dazu geeignete In- 
dividuen vorkommen. 

Können wir auch die Kurzsichtigkeit nicht heilen, so können wir 
doch — wie wir bereits gethan — auf jene Umstände aufmerksam 
machen, durch deren Vermeidung sich das Entstehen und Fortschreiten 
dieses Übels verhindern lässt, und es erübrigt nur noch, jenes Mittel, 
welches gewissermassen zur Unschädlichmachung dieses Übels ange- 
wendet wird, die Concavbrillen und ihr Verhältniss zum Auge einer 
nähern Betrachtung zu unterwerfen. 

Die Erfindung der Brillen ist unstreitig eine der folgenreichsten und wohlthätigsten, 
die je gemacht worden sind. Der gelehrte Franziskanermönch Roger Bdcon (geb. 1214), 
der die Verwendung convexer Linsen als Yergrösserungsgläser zuerst einführte, scheint 
auch die Wirkung der concaven und convesen Gläser als Brillen bereits gekannt zu 
haben, obwohl man ihre Erfindung gewöhnlich dem Mönche Alex, de Spina zu Pisa zu- 
schreibt, welcher 1313 starb, und auf einer Grabschrift in Florenz der Edelmann Sal- 
viano degli Armati Igest. 1317) als Erfinder der Brillen genannt wird. Um dieselbe Zeit 

16* 



244 Augenmuskeln. 

sollen jedoch die Berylle (Brillen) in Flandern schon längst im Gebrauche gewesen sein.*) 
Sie blieben aber mehrere Jahrhunderte lang der Gegenstand der Bewunderung, bis 
Kepler (1604) ihre Wirkungsweise untersuchte, und darüber Aufschluss gab. „Kepler'n 
war von seinem Patron Dietrichstein die Frage vorgelegt worden, auf welche Weise 
Brillen das Sehen unterstützen. Die erste Antwort, welche er gab, lief darauf hinaus, 
der Nutzen der convexen Gläser bestehe darin, dass sie die Gegenstände grösser er- 
scheinen Hessen. Aber sein Patron bemerkte ihm dagegen, wenn die Gegenstände mit 
Hilfe dieser Gläser deutlicher gesehen werden in Folge der Vergrösserung, so könnten 
concave Gläser keinen Nutzen bringen , indem sie die Gegenstände verkleinerten. Die 
aulfallende Ähnlichkeit zwischen Versuchen mit der Camera obscura und der Art, wie 
das Sehen im Auge vermittelt wird, ist von Baptista Porta hervorgehoben worden, wel- 
cher die Pupille dem Loch im Fensterladen verglich, aber in den Irrthum verfiel, anzu- 
nehmen, dass die Krystalllinse der Wand entspreche, auf welche die Bilder fallen. In 
den Paralipomena ad Vitellionem zeigte nun Kepler, dass diese Function von der Eetina 
ausgeübt wird, und gab zuerst eine deutliche Erklärung von der Wirkung der Linsen, 
sowohl innerhalb als ausserhalb des Auges, dass sie nämlich die Strahlen von einem 
Lichtbüschel convergirend oder divergirend machen. Er erklärte jetzt, dass convexe Gläser 
dem Sehvermögen fernsichtiger Personen zu Hilfe kommen, indem sie die Richtungen 
divergirender Strahlen von einem nahen Gegenstande so verändern, dass sie nachher auf 
das Auge so fallen müssen , als ob sie von einem entfernten Gegenstande ausgegangen 
seien, und dass concave Gläser den Kurzsichtigen unterstützen, indem sie eine entgegen- 
gesetzte Wirkung auf Strahlen hervorbringen, welche von einem entfernten Gegenstande 
kommen." (Makenzie 1. c. S. 700.) 

Ein Concavglas, 5—6"' vor der Hornhaut angebracht, bildet mit 
der Sammellinse des Auges eine Combination, deren optischer Mittel- 
punkt weiter hinter der Cornea, also näher gegen die Eetina hin liegt. 
Wenn also die von einem Objectp unkte ausgehenden Strahlen vermöge 
relativ zu grosser Objectdistanz sich schon vor der Netzhaut vereinigen 
müssten, so vereinigen sie sich, falls das Concavglas entsprechend ge- 
wählt ist, bei dieser Combination auf (in) der Netzhaut. Die Concav- 
gläser nutzen also, indem sie die zu wenig 1 divergent zum Auge ge- 
langenden Strahlen jedes Lichtkegels so stark divergent machen 
(zerstreuen) , dass dieselben dann durch die Medien des Auges in der 
zum Deutlichsehen nöthigen Concentration" gerade auf oder in der Netz- 
haut vereinigt werden. Je näher demnach das zu sehende Object liegt, 
d. h. je mehr divergent die von ihm ausfahrenden Strahlenkegel auf 
die Hornhaut gelangen, desto schwächer muss das Concavglas, desto 
länger seine (negative) Brennweite sein, und denken wir uns ein kurz- 
sichtiges Auge aller accommodativen Thätigkeit verlustig, so muss das- 
selbe successiv mit Gläsern verschiedener Brennweite bewaffnet werden, 

*) Nach Ceesemaeker (C'unier annal. d'ooulist. T. XVII. Sptbr. 1S46) war Bdcon in der belgischen Land- 
schaft Wallonien zu Amin geboren, und kannte die in seinem Vaterlande gemachte Erfindung der 
Brillen wahrscheinlich schon vor seiner Versetzung an die Universität zu Oxford; gewiss ist, dass 
er das Glas zu seinen optischen Instrumenten aus Belgien nach England bezog. 



Kurzsichtigkeit — Concavbrillen. 245 

wenn die Bilder verschieden entfernter Objecte auf seiner Netzhaut 
scharf abgebildet werden sollen. Indem aber diese Combination ge- 
stattet, die Vereinigungsweite durch verschieden starke Gläser beliebig 
— bis zu gewissen Grenzen — abzuändern, kann auch die Thätigkeit 
der hiezu bestimmten Accommodationsorgane leicht mehr weniger be- 
schränkt werden, und rnuss es um so mehr, je stärker die Concav- 
gläser sind, je weiter rückwärts die Vereinigungsweite durch dieselben 
bereits verrückt ist. — Nach dem eben Gesagten wird es nicht schwer 
sein, einzusehen, auf welche Weise Concavbrillen leicht ein normales 
Auge, das sich ihrer häufig bedient, kurzsichtig, und ein kurzsichtiges, 
das dieselben für relativ zu nahe Distanzen benützt (relativ zu scharfe 
Gläser trägt), noch mehr kurzsichtig machen müssen, mindestens können. 
Jede solche Brille rückt nothwendig nicht nur den Fern-, sondern auch 
den Nahepunkt weiter vom Auge. Soll nun dieses mit der Brille noch 
in eben solcher Nähe deutlich sehen, wie ohne dieselbe, so müssen die 
Accommodationsorgane in erhöhte Thätigkeit gesetzt werden, mithin 
eben so wie bei angestrengtem Sehen in die Nähe überhaupt wirken. — 
Ein anderer, noth wendiger, jedoch minder erheblicher Nachtheil ist der, 
dass jede Concavbrille in dem Masse, als sie zerstreut, auch weniger 
Lichtstrahlen von jedem leuchtenden Punkte in's Auge gelangen lässt, 
und überdiess noch eine gewisse Menge davon durch Reflexion an ihrer 
Oberfläche versplittert. Daher sind diejenigen, welche längere Zeit Con- 
cavbrillen getragen haben, nach Ablegung derselben eine Zeit lang 
etwas empfindlicher gegen denselben Grad von Beleuchtung, den sie 
mit den Brillen gut vertrugen. — Ein dritter Übelstand, dass die Ob- 
jecte verkleinert gesehen werden, tritt nur dann hervor, wenn die 
Brillen zu scharf sind oder für relativ zu geringe Distanzen gebraucht 
werden. 

Brillen dürfen im Allgemeinen nur bei einfacher (nicht complicir- 
ter) Kurzsichtigkeit getragen werden. Bei Trübungen in den durchsich- 
tigen Medien ist die Lichtmenge ohnehin schon beschränkt, und wird, 
wenn noch das Tragen von Brillen dazu kommt, die Anstrengung der 
Netzhaut leicht zu einer gefährlichen Höhe hinaufgeschraubt. Ebenso 
ist bei sehr hohen Graden von Kurzsichtigkeit (Fernpunkt für Lesen 
mittlem Druckes 4" oder darunter) das Tragen einigermassen scharfer 
Gläser um so gewagter, je mehr bereits die Zeichen von Glaskörper- 
verfltissigung, Netzhauthyperästhesie, intraoculärer Apoplexie u. dgl. 
ausgesprochen sind, und kann im Allgemeinen bloss das Tragen einer 
relativ zu schwachen Brille gestattet werden. Bei der Frage, ob über- 
haupt eine Brille gebraucht werden soll, wird übrigens noch zu erwägen 



246 Augenmuskeln. 

sein, ob die Kurzsichtigkeit nickt erst im Entstehen begriffen ist, ob 
eine Retablirung zum normalen Zustande nicht durch Ruhe des Auges 
(Abänderung der Verhältnisse, unter denen das Übel entstand) noch 
erwartet werden könne, ob nicht wenigstens auf Abnahme des durch 
übermässige Anstrengung in jüngster Zeit gesteigerten Übels gerechnet 
werden dürfe. Denn bei geringen Graden ist entweder gar keine Brille 
oder nur zu besondern Zwecken und bloss auf die Zeit solcher Zwecke 
zu gestatten. 

Wie stark (von welcher Brennweite) soll die Brille sein?*) Diess 
hängt ab von dem Grade der Kurzsichtigkeit und von dem Zwecke 
(der Distanz, in welche sie tragen soll). Dass hiebei zugleich auf die 
Grösse der Objecte und auf die Beleuchtung Rücksicht zu nehmen sei, 
versteht sich gewissermassen von selbst. In einem zu dunkeln Locale 
wird man eben so leicht einen Missgriff begehen, als in einem zu lich- 
ten, oder unzweckmässig (durch Doppel- oder stark reflectirtes u. dgl. 
Licht) erhellten. — Der Fernpunkt des deutlichen Sehens ist der Ruhe- 
punkt des kurzsichtigen Auges; er bezeichnet den in dem Baue be- 
gründeten Refractionszustand desselben, der eben durch die Brille cor- 
rigirt werden soll. Man kann ihn auf verschiedene Weise ermitteln, am 
einfachsten und im Allgemeinen mit hinreichender Schärfe und Ver- 
lässlichkeit durch Leseproben mit 3 /4 — 1'" hoher Druckschrift. Man gibt 
dem Brillencandidaten das Buch in die Hand, lässt ihn dasselbe so weit 
von den Augen halten, als es ohne merkliche Beeinträchtigung der 

*) Die Optiker bezeichnen heutzutage die Brillen ziemlich allgemein nach der Brennweite in Zollen (in 
Österreich nach dem Wiener Masse), und halten von Concavgläsern die Nummern von 2" bis 36" 
vorräthig. Zwischen 2 und 7 findet man Abstufungen zu >/ 2 > selbst zu '/ 4 Zoll, von 7 — 18 zu 1 Zoll, 
dann 20, 22, 24, 27, 30, 33, 36. Die letzteren 6 kommen indessen selten in Anwendung (oder doch 
nur als sogenannte Conservationsbrillen mehr als Luxus- und Modeartikel), und die unter 4" könn- 
ten füglich gestrichen werden. Handelt es sich um die Bestimmung der Brennweite irgend eines 
vorliegenden Concavglases, so kann man dieselbe annähernd schätzen nach dem Grade, in welchem 
es Gegenstände von bestimmter Entfernung verkleinert zeigt ; man kann durch Vergleichnng mit 
concaven Gläsern von bekannter Brennweite der Wahrheit sehr nahe kommen ; die nothwendige Ge- 
nauigkeit lässt sich jedoch nur dadurch erhalten, wenn man das Concavglas an ein stärkeres Convex- 
glas von bekannter Brennweite anlegt und nun die Brennweite dieser Combination nach der bei 
Convexgläsern üblichen Methode ermittelt, was jedoch ziemlich schwierig und umständlich ist. Am 
besten ist, man hält das fragliche Concavglas, dessen Brennweite man nach dem Grade der Ver- 
kleinerung beiläufig ermittelt hat, an ein Convexglas von nahezu derselben Brennweite, visirt durch 
diese Combination nach einer fernen Thurmspitze, und gibt Acht, ob die Thurmspitze fest an demselben 
Orte gesehen wird, wenn man die Combination leicht vor dem Auge hin- und herschiebt. Gesetzt, 
man hätte aus dem Grade der Verkleinerung ermessen , dass die Brennweite nicht stärker als 7, 
nicht schwächer als 9 sei; man lege nun S konvex an das fragliche Concavglas; hat diess die Brenn- 
weite von 8", so wird die visirte Thurmspitze sich bei raschem Hin- und Herschieben der Combi- 
nation vor dem Auge eben so wenig bewegen, als wenn man ein Planglas zu diesem Experimente 
benützte. Von der Richtigkeit dieser Angabe kann man sich überzeugen , wenn man ein ganz 
schwach coneaves Glas, das gar keine Verkleinerung mehr wahrnehmen lässt, etwa 36 oder 48, vor 
dem Auge hin und her bewegt. 



Kurzsichtigkeit — Concavbrilleu. 247 

Deutlichkeit und ohne Blinzeln geschehen kann, und misst während dem 
mit einem Zollstabe die Distanz zwischen Auge und Druck (in der Rich- 
tung der Sehachse). — Die Distanz des Fernpunktes multiplicirt mit 
der Distanz, in welcher deutlich gesehen werden soll, und dividirt durch 
die Differenz derselben, gibt im Allgemeinen die Brennweite des ge- 
suchten Glases. Wenn nun ein Kurzsichtiger bis auf höchstens 5" 
Distanz lesen kann, aber bei ungefähr 1 0" Distanz lesen oder eine ähn- 
liche Beschäftigung vornehmen will, so braucht er hiezu Nro. 1 , weil 

5.10 
-.. — =10. Soll er Noten lesen, also etwa bei 15", so braucht 
10—5 

5 15 
er hiezu Nro. TVa, weil — ^ — = 7V2. Für die Distanz von 12 Fuss, 

10 ' 

1 2. 12. 5 720 

etwa um in einem Hörsäle auf die Tafel zu sehen, ist ' ' = — — 

= 5, IS". Für alle grösseren Distanzen kann dieser Factor = 00 an- 
gesehen werden, gibt mithin die Distanz des Fernpunktes der deut- 
lichen Sehweite auch die Brennweite des zu wählenden Glases 



(5. co 
X) — 5. 



Es ist jederzeit gerathen, die Brille um einen halben 



oder ganzen, und wenn überhaupt nur schwächere Gläser gefordert 
werden, selbst um einige Zoll schwächer zu geben, als die Rechnung 
ausweist, weil dann der Brillenträger weniger Gefahr läuft, sein Auge 
kurzsichtiger zu machen, wenn er das Glas auch für etwas nähere 
Distanzen benützt. Gleichwie ein normales Auge durch Übung im Fern- 
sehen eine grössere Schärfe hierin erlangen kann durch die Fertigkeit, 
von Zerstreuungskreisen zu abstrahiren, kann auch ein kurzsichtiges 
Auge, welches diese Fertigkeit durch NichtÜbung eingebüsst hat, die- 
selbe wieder allmälig erlangen, nachdem ihm die Möglichkeit hiezu 
durch die Coirection seines Refractionszustandes wieder gegeben ist. 
Man wird demnach auch finden, dass bei zweckmässigem Gebrauche 
concaver Brillen die Fähigkeit entferntere Objecte zu erkennen, all- 
mälig erstarkt, ohne dass die Kurzsichtigkeit abgenommen hat, und 
es ist somit dem Kurzsichtigen überhaupt und dem Brillenträger ins- 
besondere zu empfehlen, sein Auge so viel als möglich im Fernsehen. 
zu üben. 

Sollen die Gläser, welche doch eigentlich nur zur Unterstützung 
-des Auges für die Ferne bestimmt sind, beständig getragen oder beim 
Nahesehen abgelegt werden? Es scheint ganz von selbst verständlich, 
dass letzteres der Fall sein müsse. Diess ist jedoch nicht allgemein der 
Fall. Ich habe über -diesen Punkt die Äusserungen von sehr vielen 



24S Augenmuskeln. 

Kurzsichtigen, namentlich auch von Ärzten, denen ich eine genaue 
Selbstbeobachtung zutrauen durfte, eingeholt, aber durchaus wider- 
sprechende Angaben erhalten. Die Einen behaupten, dass sie das be- 
ständige Tragen der Brillen nicht aushalten, dass sie die Brille, auch 
wenn sie damit lesen können, dennoch ablegen müssen, um einem ge- 
wissen Gefühle von Angegriffensein der Augen zu entgehen, und dass 
sie desshalb dieselbe nur gerade da tragen, wo sie ihnen unentbehrlich 
oder doch bequem ist. Andere nicht minder achtbare Gewährsmänner 
versicherten mich, dass sie mit ihrem Gesichte weit besser daran seien, 
seit sie die Brille von Früh bis Abends continuirlich tragen, indem sie 
nicht nur das früher beim Wechseln gefühlte Missbehagen verloren, 
sondern auch an Ausdauer, ja selbst an Sehweite gewonnen haben. Ich 
könnte hier Männer von bekannten Namen nennen. Eine Zeit lang 
meinte ich, diess könnte nur bei schwachen Gläsern (über Nro. 10 auf- 
wärts) der Fall sein, doch fand ich mehrere darunter, welche stärkere 
Gläser, selbst bis zu Nro. 6 trugen. Da ich keinen Grund kenne, warum 
in dem einen Falle das continuirliche, in dem andern das unterbrochene 
Brillentragen besser ist, so kann ich auch keinen andern Rath geben, 
als durch Selbstbeobachtung den Modus ausfindig zu machen, der in 
jedem speciellen Falle dem Auge zuträglicher ist. Häufiger Wechsel 
ist jedenfalls nicht nur unbequem und für die Accommodationsorgane, 
denen immer ein anderer Grad von Spannung aufgedrungen wird, er- 
müdend, sondern auch für die Netzhaut, die bald mehr bald weniger 
Licht erhält, nicht ohne allen Nachtheil. Wer seine Brillen beständig- 
trägen will, nehme die Gläser etwas schwächer, als er sie für die Ferne 
eigentlich braucht, und halte dann die nahen Objecte (das Buch beim 
Lesen) so weit als möglich entfernt. Die Fm?ik[m , seken Brillen, in der 
obern Hälfte des Rahmens ein stärkeres, in der untern ein schwächeres 
Glas enthaltend, dürften auch nur wenigen Augen zusagen, daher es 
wohl kommt, dass sie heutzutage gar nicht mehr gebräuchlich sind. 
Häufiger findet man, dass Kurzsichtige ziemlich schmale ovale Brillen 
tragen, und behufs des Lesens oder Schreibens über oder unter dem 
Rahmen wegsehen , wenn sie dazwischen wieder in die Ferne zu 
blicken haben. Andere halten, wenn sie in ungewöhnliche Entfernun- 
gen sehen wollen, vor die Brille noch eine Lorgnette mit minder star- 
ken Gläsern. 

Eine ebenso schwierig zu entscheidende Frage ist die, ob bei ver- 
schiedenem Refractionszustande beider Augen verschiedene Gläser ge- 
tragen werden sollen. Geringe Differenzen in der Lage des Fernpuuktes 
kommen bei den meisten Kurzsichtigen vor. Dass diese keine differen- 



Kurzsichtigkeit — Concavbrillen. 249 

ten Gläser erfordern, leuchtet von selbst ein. Dann gibt es bekanntlich 
Leute, die sich für die Nähe des einen, für die Ferne des andern, und 
für mittlere Distanzen beider Augen bedienen. Diese brauchen keine 
Gläser. Wenn aber die Differenz in der Kurzsichtigkeit mehrere Zoll 
beträgt (bei hohen Graden von Kurzsichtigkeit kann eine Differenz von 
1, selbst */a Zoll relativ eben so beträchtlich sein), so ist es der Theorie 
angemessen, Gläser von verschiedener Brennweite zu geben. Es sind 
mir aber in frühem Jahren, wo ich streng nach der allgemein gegebenen 
Kegel verfuhr, viele Individuen vorgekommen, die sich mit so gewähl- 
ten Gläsern durchaus nicht zurecht finden konnten, und ich bin daher 
bald zu dem Verfahren übergegangen, dass ich für beide Augen in der 
Regel gleiche Nummern gebe, und zwar ohngefähr dem Mittel ent- 
sprechend, wenn die Sehkraft der in der Sehweite beträchtlich differi- 
renden Augen ziemlich gleich ist, bei ungleicher Sehkraft dagegen mich 
nach dem Refractionszustande des bessern Auges richte. 

Nicht ohne Einfluss, wenn gleich minder wichtig, ist die Stellung- 
der Gläser vor den Augen, ihre Centrirung, Grösse, Form, Reinheit 
u. s. w. Ob die Gläser biconcav oder convex-concav (periskopiseh) seien 
macht bei Kurzsichtigen wenig Unterschied, wenn sie nur aus krystall- 
heller, durchaus homogener Glasmasse, nach regelrechten Kugelflächen 
und so geschliffen sind, dass die grösste Wölbung der einen Fläche 
der grössten Wölbung der andern entspricht, und wenn überdiess die 
auf diese Weise entstandene dünnste Stelle des Glases relativ zum 
Rande gerade in der Mitte liegt (Centrirung). Letztere Eigenschaft kann 
auch bei ganz guten Gläsern leicht verloren gehen, wenn beim Ein- 
schleifen (Anpassen für den Rahmen) an einer Seite mehr abgenommen 
wird, als an der andern. Ist auf diesen Umstand, gegen welchen beim 
Einschleifen in ovale Rahmen viel leichter Verstössen wird, die gehörige 
Rücksicht genommen wordeu, dann stehen — für Kurzsichtige — die 
ovalen Gläser den kreisrunden an Güte nicht nach, nur dürfen sie nicht 
gar zu klein sein v Nur wenn der Kurzsichtige die Gläser auch zum 
Lesen, Schreiben u. dgl. benutzen will, sind runde, oder doch hübsch 
gross ovale und zugleich periskopische Gläser vorzuziehen. Auch das 
beste und passendste Glas verstösst gegen seinen Zweck, das Auge so 
viel als möglich ohne nachtheilige Nebenwirkungen zu unterstützen, 
wenn es vor dem Auge zu nahe oder zu fern oder schräg steht, oder 
wenn die Centra der beiden Gläser erheblich weniger oder mehr von 
einander abstehen, als die Centra der Pupillen beim Blicke in mittlere 
Entfernungen (etwa 5 — 10 Fuss), oder endlich wenn das eine Glas 
hoch (nächst dem Augenbrauenbogenj , das andere tiefer (nächst der 



250 Augenmuskeln. 

Wange) vor dein Auge steht, wie man diess leider so häufig sieht. Ein 
gut gewähltes Glas wirkt zu scharf, wenn es dem Auge näher gebracht 
wird, als bei der Probe, daher auch Kurzsichtige, wenn sie etwas wei- 
ter sehen wollen, ihre Brille gewissennassen unwillkürlich gegen die 
Augen drücken. Bei schiefer Stellung des Gestelles wird immer ein 
Glas mehr, das andere weniger vom Auge abstehen. Je weiter vom 
Centrum des Glases ab die verlängert gedachte Sehachse durch das 
Glas streicht, desto mehr wirkt das Glas wie ein Prisma, also das ein- 
fallende Licht von dem brechenden Winkel (Centrum des Glases) ab- 
lenkend, so dass das Auge, um dem Doppeltsehen zu entgehen, durch 
excessive Contraction des betreffenden Muskels nach seiner Seite hin 
gedreht, in widernatürliche Spannung versetzt werden muss. (Siehe 
prismatische Gläser bei Muskellähmung.) Am leichtesten werfen sich 
die Gestelle von Hörn, so dass die Anfangs richtige Stellung der Gläser 
bald eine fehlerhafte wird. Oft genug aber nehmen sich die Optiker 
nicht die Mühe, Gestelle auszusuchen, welche der Gesichtsbilduug des 
Brillenbedürftigen entsprechen. Der Arzt wird daher im Interesse 
des Consulenten in der Regel nichts Überflüssiges thun, wenn er ihn 
auf die genannten Umstände aufmerksam macht, oder wenn er die 
nöthigen Masse selbst vornimmt, als: Abstand zwischen den Pupillen, 
Lage der Augen (flach oder tief), Höhe des Nasenrückens, Breite des 
Gesichtes (Abstand der einen Schläfe von der andern), und wenn er 
überdiess denselben nach geschehener Wahl noch zur Prüfung aller 
Verhältnisse zu sich bestellt. Die Brille, fortan ein integrirender Be- 
standtheil des Gesichtsorganes, steht wohl dafür, dass Arzt und Optiker 
nicht mit ein paar Minuten, die Candidaten nicht mit ein paar Groschen 
kargen. 

Werden die besprochenen Bücksichten eingehalten, dann sind Con- 
cavbrillen nicht nur nicht schädlich, sondern eine wahre Wohlthat für 
den Kurzsichtigen. Ein passendes Glas zeigt die Objecte in der 
Distanz, für welche es gewählt ist, deutlich, scharf begrenzt, ohne Far- 
bensäume, und erst dann kleiner, wenn die Objecte näher gebracht 
werden, als der Refractionszustand und die Accommodationsthätigkeit 
es gestatten. Sind die Gläser zu scharf, schlecht geschliffen oder 
schlecht gestellt, so machen sie beim Tragen ein Gefühl von Unbe- 
hagen, Schwindel, Schmerzen in der Supraorbitalgegend und werden 
desshalb nicht vertragen, ausser das Auge bringt es dahin — womit 
man gewöhnlich über den Fehler hinwegzugleiten sucht — sich daran 
zu gewöhnen, d. h. durch mannigfache relative Thätigkeit, welche nicht 
immer ohne erheblichen Nachtheil bleibt, die Fehler gewissermassen 



Weitsichtigkeit — Kennzeichen. 251 

auszupariren. An passende Brillen braucht sich das Auge nicht erst zu 
gewöhnen. 

Weitsichtigkeit (Presbyopia) . 

Die Weitsichtigkeit beruht auf dem Unvermögen, das Auge, welches 
entferntere Objecte deutlich zu sehen vermag, für das Sehen näherer 
Objeete einzustellen, und gibt sich demnach durch abnorm iveiten Ab- 
stand des Naheptmktes der deutlichen Sehweite von dem Auge kund. 
Der Grund hievon liegt nicht in einer Formveränderung des Auges, 
sondern in Rigidität der Sclera und verminderter Energie der Accom- 
modationsorgane , besonders des Ciliarmuskels. Hält man vor ein nor- 
males Auge ein Concavgias, durch welches der Nahepunkt mehr weniger 
weit vom Auge weggerückt wird, so kann man sich vom Verhalten des 
fernsichtigen Auges in optischer Beziehung leicht eine richtige Vorstel- 
lung machen. Nur parallel oder wenig divergent, mithin aus grösserer 
Entfernung kommende Strahlen werden auf der Netzhaut, stärker di- 
vergirende, von nahen Objeeten ausgehende dagegen werden hinter der 
Netshaut vereinigt, treffen diese mithin als Kegelquerschnitte, weil die 
Netzhaut nicht der optischen Anforderung entsprechend rückwärts ge- 
drängt werden kann. 

Die Weitsichtigkeit wird gewöhnlich erst dann Gegenstand der 
Wahrnehmung, wenn der Nahepunkt des deutlichen Sehens bereits 
weiter vom Auge absteht, als es die gewöhnlichen Beschäftigungen er- 
heischen, also wenn z. B. das Buch beim Lesen bereits weiter als 
10 — 12 Zoll entfernt gehalten werden muss, oder wenn Gegenstände, 
welche selbst ein normales Auge vermöge ihrer Feinheit näher bringen 
muss, undeutlich oder gar nicht erkannt werden können, z. B. beim 
Nadeleinfädeln, Federschneiden. Es sind aber auch jene Augen bereits 
weitsichtig, welche z. B. mittlem Druck nicht mehr bei 5", sondern 
erst bei 6", 1" u. s. w. deutlich und ohne Farbensäume sehen. Andrer- 
seits gehört es keineswegs zum Begriffe der Fern- und Weitsichtigkeit, 
dass das Gesicht auch für sehr grosse Distanzen ein scharfes sei; es 
ist sogar nicht selten der Fall, dass Personen, deren Nahepunkt 6, 7, 
10" u. s. w. vom Auge absteht, auch in grossen, selbst in mittelgrossen 
Distanzen weit schlechter sehen, als früher, wo der Abstand des Nahe- 
punktes noch normal war, und es findet sich diess auch bei Leuten, 
welche z. B. bei 7 — 10 Zoll vollkommen deutlich und scharf sehen, wo 
also weder an eine 'Trübung der durchsichtigen Medien noch an eine 
Affection der Netzhaut gedacht werden kann. 



252 Augenmuskeln. 

Da die Menge der von einem leuchtenden Punkte in das Auge ge- 
langenden Lichtstrahlen (bei gleich grosser Pupillenöffnung) abnimmt, 
wie die Quadrate der Entfernung desselben zunehmen, so ist dem Weit- 
sichtigen starke Beleuchtung der Objecte, eben weil er sie abnorm weit 
vom Auge halten muss, ein wesentliches Bedürfniss zum Erkennen 
derselben. Desshalb verräth sich das Übel gewöhnlich zuerst während 
des Arbeitens bei künstlicher Beleuchtung. Das Arbeiten strengt mehr 
an, feinere Arbeiten können wohl noch bei Tages- aber nicht mehr bei 
Kerzenlicht verrichtet werden. Der Weitsichtige stellt sich beim Lesen 
gern mit dem Kücken an's Fenster, um das Buch in stärkere Beleuch- 
tung, die Augen dagegen in Schatten zu bringen und die ohnehin ge- 
wöhnlich engeren Pupillen zu erweitern ; aus demselben Grunde pflegen 
Weitsichtige bei künstlicher Beleuchtung das Buch hinter das Kerzen- 
licht zu halten, und die Augen von oben mit der Hand zu beschatten. 
Gibt man dem Weitsichtigen, der nur noch etwa bei 14—16 Zoll und 
darüber lesen kann, und sich noch keiner Brillen bedient hat, ein Buch 
zum Lesen frei in die Hand, so wird man, wenn er seine gewohnte 
Haltung annimmt, hierin das Gegentheil von der des Kurzsichtigen 
finden; er hält das Buch nicht nur weit entfernt, sondern auch mehr 
nach unten, der Brust genähert; heisst man ihn das Buch so weit als 
möglich nähern, oder ist er bereits so weitsichtig, dass er nur noch mit 
Brillen lesen kann, so wird man bemerken, dass dieses Abwärtshalten 
des Buches nicht zufällig geschieht, sondern zur Weitsichtigkeit in Be- 
ziehung steht, dass die Person nämlich die Lider fest zusammenkneift, 
und dieselben an den Bulbus andrückt und daher runzelt, wohl dess- 
halb, weil es bei dieser Position dem Orbicularis möglich wird, den 
Bulbus mittelst des obern Lides von oben her zu comprimiren und hie- 
durch zur Verlängerung der Sehachse behilflich zu sein. Der Beweis 
für diese Deutung lässt sich in einzelnen Fällen dadurch herstellen, 
dass der Kranke, der bei 14 Zoll liest, wenn er das Buch vor die Brust 
hält, bei derselben Distanz nicht zu lesen vermag, sondern erst bei 
einer merklich grössern, sobald man das Buch gerade dem Gesichte 
gegenüber oder etwas höher vorhält. Das Blinzeln der Kurzsichtigen 
behufs des Fernsehens erfolgt ohne gewaltsame Contraction des M. orbi- 
cularis; das Zukneipen der Weitsichtigen verräth die gewaltsame In- 
tention deutlich durch die Kunzelung der Lider und durch die baldige 
Ermüdung. Diese gibt sich in manchen Fällen auch durch ein rasches 
Zucken oder Vibriren (Muskelspiel) an den Lidern kund. Ich habe 
übrigens auch Weitsichtige beobachtet, welche mittlem Druck ohne An- 
strengung bei 16—20 Zoll Distanz, denselben oder feineren Druck aber 



Weitsichtigkeit — Kennzeichen. 253 

auch bei 6 — 7 Zoll, doch nur auf kurze Zeit und unter sichtlich gewalt- 
samem Zukneipen der Lider lesen können. Ob sie hiedurch die rigide 
liintere "Wandung temporär zum Zurückweichen oder die Cornea zu 
stärkerer Krümmung zwingen, weiss ich nicht. Auf Beschränkung der 
Zerstreuungskreise kann es dabei nicht abgesehen sein, denn die Ver- 
engerung der Lidspalte bleibt noch immer weit hinter der in solchen 
Fällen stets auffallend engen Pupille zurück, was beim Blinzeln der 
Kurzsichtigen nicht der Fall ist. — Durch entsprechende Convexgläser 
kann das weitsichtige Auge behufs des Erkennens naher und ferner 
Objecte dem normalen um so mehr nahe gebracht werden, je geringer 
die Weitsichtigkeit und je grösser somit der Spielraum ist, welcher der 
accommodativen Thätigkeit übrig blieb. Je schärfere Gläser bereits 
nothwendig sind, desto näher liegen der Nah- und Fernpunkt des deut- 
lichen Sehens für das bewaffnete Auge an einander. 

Nach den oben genannten Merkmalen wird es nicht schwer sein, 
die Weitsichtigkeit von jenen Zuständen zu unterscheiden, welche in 
functioneller Eücksicht einige Ähnlichkeit damit haben, nämlich Schwäche 
des Gesichtes wegen Trübungen in den durchsichtigen Medien oder 
wegen Eetinalleiden, und einfache Augenmattigkeit oder Kopiopie. 
(Vergl. die betreffenden Abschnitte.) 

Die am Auge sichtbaren Merkmale der Weitsichtigkeit sind so 
charakteristisch, dass man beim Anblicke solcher Augen, ohne über die 
Sehweite auch nur ein Wort gehört zu haben, nur an Weitsichtigkeit, 
Kopiopie oder angeborene Retinalamblyopie denken kann. Im weit- 
sichtigen Auge liegt die Linse der Cornea näher, als im normalen, um 
so mehr, je höher der Grad der Fernsichtigkeit ist { s ji"' — V 3 '")- Auch 
die Iris liegt weiter vorn (relativ zur Basis corneae), und zwar in toto, 
nicht bloss mit dem Pupillarrande , sondern auch mit dem Ciliarrande. 
Ein Staarmesser, an der Grenze zwischen Cornea und Sclera durch das 
Auge geführt (senkrecht auf die Sehachse), würde knapp vor dem 
Ciliarrande vorbeistreichen, und je nach dem Grade der Wölbung der 
Iris mehr weniger von dieser wegnehmen. Man sieht, dass sich die 
Iris schon bald innerhalb des Ciliarrandes an die Linse anschmiegt, 
viel früher als in normalen oder kurzsichtigen Augen, indem der kup- 
pelartig gewölbte Theil derselben die Krümmung der Linse gleichsam 
im Abdrucke wieder gibt, wie ein feuchtes Tuch, das sich an einen 
festen Köi-per anlegt und dessen Form erkennen lässt. Die Iris zeigt 
daher bald ferner, bald näher dem Ciliarrande einen zu diesem con- 
centrischen Ring, welcher namentlich bei dunkelbraunen Regenbogen- 
häuten hellgelb und gewissermassen glänzend aussieht, und sich durch 



254 Augenmuskeln. 

die Contouren bei seitlich einfallendem Lichte als seichte Furche er- 
weist, dadurch entstanden, dass die früher (nach aussen) an den Ciliar- 
körper geheftete Iris plötzlich durch die Linse vorwärts gedrängt, 
gleichsam geknickt wird. (Vergl. Band II. Seite 23, Anmerk.) Ein 
solcher Ring, nur gewöhnlich von kleinerem Diameter, kommt übrigens 
auch an vielen nicht weitsichtigen Augen vor. — Die Pupille zeigt 
einen auffallenden Grad habitueller Verengerung (l'/z — 1'") trotz freier 
und lebhafter Beweglichkeit und bei prompter und hinreichender Er- 
weiterbarkeit durch Belladonna. Dass das presbyopische Auge mit dem 
Augenspiegel leichter im aufrechten Bilde untersucht werden könne, 
wurde bereits erwähnt. 

Ätiologie. Die Beschränkung und Aufhebung der Accommoda- 
tionsthätigkeit behufs des Sehens naher Objecte tritt im höhern Alter 
so gewöhnlich ein, dass in dieser Beziehung der Name Presbyopie 
(rtQsgßvg, Greis) gerechtfertigt ist. Mit Ausnahme der Kurzsichtigen 
gibt es nur wenig Augen, welche nach dem 40., längstens 50. Jahre 
noch feine Objecte bis zu 5 Zoll nahe bringen können. Durch dieses 
Verhalten schliesst sich die Presbyopie an andere senile Erscheinungen 
an, Rigidität der Arterien, Greisbogen der Hornhaut, Abnahme der 
Muskelkräfte u. s. w., und sie zeigt in Bezug des früheren oder spätem 
Eintrittes und der raschern oder langsamem Entwicklung ganz diesel- 
ben Schwankungen, wie die genannten und andere Zufälle der Sene- 
scenz. Sie kommt aber auch, weil von der Muskelthätigkeit abhängig, 
in früheren Jahren vor, wenngleich selten in hohem Grade und selten 
stationär. Die Ursachen vorzeitiger Entwicklung sind: vorwaltende 
Verwendung des Gesichtes für die Ferne, wie bei Jägern, Seeleuten, 
unzweckmässiger oder übermässiger Gebrauch von Convexgläsern 
(Loupen), anhaltendes Weinen, Kummer, Sorgen und deprimirende all- 
gemeine Einflüsse überhaupt, so wie andererseits forcirte Muskelan- 
strengungen im Allgemeinen, und übermässige Anstrengung der Accom- 
modationsorgane insbesondere, letztere beiden jedoch nur dann, wenn 
die Sclera bereits zu resistent ist, als dass ein entsprechendes Nach- 
geben derselben stattfinden könnte. Die frühere Entwicklung der Weit- 
sichtigkeit bei Leuten, welche sich von Jugend auf wenig mit der Be- 
trachtung naher feiner Gegenstände befassten, beruht wohl darauf, dass 
die Fertigkeit, das Auge für solche Objecte einzustellen, nie recht zur 
Ausbildung kam. Auf ähnliche Weise wirkt der anhaltende Gebrauch 
von Loupen oder Convexbrillen beim Arbeiten, wenn dabei die Accom- 
modationsorgane gleichsam überflüssig gemacht werden. Denn indem 
das Convexglas Strahlen, die sich ausserdem erst hinter der Netzhaut 



Weitsichtigkeit — Ätiologie. 255 

vereinigen würden, so bricht, dass sie sich eben auf der Netzhaut ver- 
einigen, wird die accommodative Thätigkeit der Anstrengung überhoben, 
welche sie bei unbewaffnetem Auge machen müsste, um die Netzhaut 
gerade in die Yereinigungsweite zu stellen. Ist aber ein Convexglas 
nicht zu stark, leistet es eben nur das, was das Auge durch seine 
accommodative Thätigkeit nicht bewirken kann, enthebt es somit das 
Auge nicht jeder Anstrengung, dann wirkt das Convexglas auch nicht 
nachtheilig auf die Accommodationsfähigkeit. Nehmen wir an, es müsse, 
damit ein Object von bestimmter Grösse, Beleuchtung und Distanz 
deutlich gesehen werden könne, die Netzhaut um x \i ,it zurückgestellt 
werden. Besässe nun das hiezu verwendete Auge die Fähigkeit, durch 
die accommodative Thätigkeit die Netzhaut um x \i iH zurückzustellen, 
so würde jedes Convexglas bei anhaltendem Gebrauche die accommo- 
dative Thätigkeit ausschlössen ; vermöchte das Auge aber die Netz- 
haut um */*"' zurückzudrängen, so wird ein Glas, welches die Ver- 
einigungsweite um x i'" verkürzt, diesem Auge das Deutlichsehen er- 
möglichen, aber auch der accommodativen Thätigkeit noch zu thun 
überlassen, was sie leisten kann, nämlich die Netzhaut um x jn'" zurück- 
zustellen, und das Auge läuft auch bei fortwährendem Gebrauche eines 
solchen Glases zu obigem Zwecke nicht Gefahr, seine Accommodations- 
kraft durch Uuthätigkeit einzubüssen. In der Behauptung, dass der 
Gebrauch von Loupen Veranlassung gebe einmal zu Weit-, ein andermal 
zu Kurzsichtigkeit, liegt kein Widerspruch. Ist eine Loupe zu dem 
Zwecke, für welchen sie angewendet wird, hinreichend stark, so wird 
sie nie Veranlassung zu Kurzsichtigkeit geben; ist sie aber relativ zu 
schwach, so dass der accommodativen Thätigkeit noch immer viel übrig- 
bleibt, um das Auge richtig einzustellen, so kann anhaltende Arbeit 
trotz der Loupe zur Kurzsichtigkeit führen, sobald die Sclera noch die zu 
bleibender Formveränderung nöthige Biegsamkeit und Dehnbarkeit besitzt. 
Ist jedoch unter denselben äussern Verhältnissen die hintere Bulbus- 
wand bereits so resistent, dass die zum Deutlichsehen erforderliche 
Bückwärtsdrängung derselben nur mit grossem Kraftaufwande bewirkt 
und unterhalten werden kann, so werden die Accommodationsorgane, 
besonders der Ciliarmuskel zunächst ermüdet, allmälig geschwächt, so 
dass die Accommodation für grössere Nähe nur immer auf eine kurze, 
nach und nach immer kürzere Zeit, endlich gar nicht mehr ausgehalten 
wird. Ist nun die Kraft des Ciliarmuskels vermindert, so vermag er 
das Diaphragma zwischen Glaskörper und Kammerwasser nicht mehr 
in der gehörigen Spannung zu erhalten, steht somit bei forcirtem Ac- 
commodationsbestreben das Kammerwasser unter höherem Drucke, und 



256 Augenmuskeln. 

nimmt allmälig ab, Linse und Iris bekommen eine weiter nach vorn 
gerückte Lage, und die Accommodation für grosse Nähe wird in dem- 
selben Grade weniger lange ausgehalten. Die Abnahme des Kammer- 
wassers ist demnach nicht Ursache der Weitsichtigkeit, sie ist nur 
Folge der verminderten Energie des Ciliarmuskels. Daher kann Weit- 
sichtigkeit, wenigstens temporär, und in geringerem Grade auch eine 
Zeit lang anhaltend ohne Verengerung der vordem Augenkammer be- 
stehen. — Hiemit haben wir auch die merkwürdige Thatsache begreifen 
gelernt, auf welche Sichel zuerst aufmerksam gemacht hat, dass näm- 
lich Knaben, welche bereits im 14. oder 15. Lebensjahre stehen, und 
früher sich wenig mit anhaltendem Nahesehen beschäftigten, wie 
namentlich Knaben vom Lande, selten kurz-, sondern meistens weit- 
sichtig werden, und an den Erscheinungen der Amblyopie presbytique 
(Kopiopie) zu leiden anfangen, wenn sie plötzlich zu anhaltendem Be- 
trachten naher und feiner Objecte als Lehrlinge, z. B. bei Uhrmachern, 
Goldarbeitern, Graveuren u. dgl. angehalten werden, während Knaben 
aus der Stadt und überhaupt solche, die schon früher sich vorwaltend 
mit Nahesehen beschäftigten, eher der Kurzsichtigkeit verfallen. Be- 
trachten wir die Sclera jugendlicher Individuen, so finden wir, dass sie 
nahezu bis zum Eintritte der Pubertät ein mehr bläuliches Aussehen 
hat, weil sie noch dünn und daher durchscheinend ist; später wird sie 
im Allgemeinen mehr weiss, also wohl auch dichter und resistenter. — 
Wie es kommt, dass anhaltendes, durch längere Zeit häufig wieder- 
kehrendes Weinen die Accommodationskraft temporär oder bleibend 
schwächt, weiss ich nicht. Thatsache ist, dass man nach dieser Ur- 
sache oft bei noch sehr jugendlichen Individuen die Augenkammer auf- 
fallend eng findet. Wahrscheinlich ist es die schwächende Kraft, welche 
die gedrückte Gemüthsstimmung auf die muskulösen Gebilde, insbe- 
sondere auf den Ciliarmuskel ausübt. Ist diess richtig, dann reiht sich 
diese Ursache in ihrer Wirkungsweise an andere ähnliche Momente an, 
schwere Krankheiten (Typhus, Scharlach etc.), erschöpfende Diarrhöen 
reichlichen Blutverlust, Ausschweifungen, Onanie, anhaltendes Nacht- 
wachen (auch ohne Austrengung der Sehkraft). 

Die Entwicklung der Weitsichtigkeit ist meistens eine langsame, 
stufenweise fortschreitende, es müssten denn besondere Ursachen heftig 
einwirken, und in solchen Fällen kann man wohl meistens — nach 
Beseitigung dieser Ursachen — wieder allmälige Erstarkung der Accom- 
modationskraft bis zu einem gewissen Grade erwarten, es müsste denn 
das Individuum schon sehr gealtert sein. Eine merkwürdige, bisher 
noch nicht erklärte, vielleicht weil zu selten vorkommende Erscheinung 



Weitsichtigkeit — Ätiologie. 257 

ist die, dass bisweilen Personen im hohen Greisenalter die Convex- 
gläser zum Lesen, Schreiben u. dgl. nicht mehr bedürfen, die ihnen 
durch viele Jahre hindurch dazu unentbehrlich gewesen waren. Sollte 
etwa Verflüssigung des Glaskörpers oder vermehrte Dichtigkeit der 
Linse bei ungestörter Durchsichtigkeit hievon die Ursache sein? Ich 
kenne diese Thatsache bloss aus einigen verlässlichen Erzählungen ; sie 
ist übrigens auch schon von Makenzie 1. c. S. 707 bemerkt worden. — 
An und für sich bereitet die Weitsichtigkeit dem Sehvermögen keine 
Gefahr; sie kann aber bei unzweckmässigem Gebahren, namentlich 
durch unzweckmässig gewählte und gebrauchte Convexgläser zur Hy- 
perpresbyopie (Übersichtigkeit) gesteigert werden, welche nur bei be- 
ständigem Gebrauche solcher Gläser noch ein leidliches Sehen gestat- 
tet, gleichwie sie andrerseits bei forcirter Accommodation ohne gehörige 
Unterstützung indirect zu Hyperästhesie , Hyperämie, Apoplexie und 
Entzündung der Netzhaut Veranlassung gibt. Mehr hierüber bei der 
Ivopiopie. 

Hyperpresbyopie ist jener Kefractionszustand des Auges , bei welchem weder diver- 
gent, noch parallel, sondern bloss convergent zum Auge gelangende Strahlen eines licht- 
sendenden Punktes auf der Netzhaut in einem Punkte derselben vereinigt werden können, 
.daher das Sehen nur durch Vorhalten convexer Gläser vermittelt werden kann, welche so 
stark sind, dass sie auch die divergent auffallenden Strahlen in convergente verwandeln. 
In diesem Zustande befinden sich bekanntlich alle Augen, denen die Krystalllinse fehlt, 
und zwar, falls nicht früher bedeutende Kurzsichtigkeit bestanden hatte, in sehr hohem 
Grade. Niedrigere Grade, wo z. B. für gewöhnliche Verrichtungen, auf der Gasse u. dgl. 
massig starke (10 — 30"), zum Lesen dieselben oder stärkere Gläser (bis zu 6") getragen 
werden müssen, trifft man mitunter bei älteren Personen, welche sich nach und nach an 
stärkere Gläser gewöhnt haben. Seltener kommen Hyperpresbyopische jugendlichen Alters 
vor; hier ist der Fehler wohl meistens als angeboren zu betrachten; er zeigt sich wenig- 
stens schon zur Zeit, wo die Kinder zu lernen anfangen sollen. Er kann leicht mit 
Stumpfheit der Netzhaut verwechselt werden. Versuche mit engen Diopteröffnungen kön- 
nen Aufschluss geben. Mit dem Augenspiegel ist die Untersuchung im aufrechten Bilde 
schon bei 5 — 6" Distanz möglich. Zu empfehlen ist das Tragen convexer Brillen, deren 
Stärke durch Versuche ermittelt werden muss. 

Hyperpresbyopische halten gleich jenen, die an Amblyopie oder Stumpfheit der Netz- 
haut leiden, die Objecte, die sie besser sehen wollen, nicht wie man nach dem Eefractions- 
zustande erwarten sollte, weiter, sondern näber, gleich sehr Kurzsichtigen, und kneifen 
die Lider dabei stark zusammen. Für sie gibt es überhaupt keine Distanz, in der sie 
deutlich sehen könnten; immer sehen sie nur mittelst Zerstreuungskreisen. Demnach 
gibt nebst der Lichtmenge, welche das jeweilige Sehobject ins Auge senden kann, mithin 
dessen Annäherung und die relativ geringste Grösse der Zerstreuungskreise, den Ausschlag 
für die Haltung der Objecte, zumal die Accommodation nicht fehlt. Ihre Netzhaut liegt 
vor der Brennweite des dioptr. Apparates. 

Nach A. von Gräfe (Archiv B. IL Abth. 1. S. 181) kann man durch Vorhalten eines 
starken Concavglases (5 — 6"j vor ein gesundes Auge den Zustand der Hyperpresbyopie 
Arlt Augenheilkunde. III. 17 



258 Augenmuskeln. 

studiren. „Nimmt man eine grössere Druckschrift recht nahe an das so bewaffnete Auge T 
so kann man dieselbe entziffern, freilich der mangelnden Übung wegen nicht so gut als- 
Hyperpresbyopische ; entfernt man sie aber über 8, 12, 16 Zoll, so breiten sich die Zer- 
streuungskreise der einzelnen Buchstaben über die Intervalle aus, und die Schrift läuft 
undeutlich durch einander. "Wir überzeugen uns hiebei, dass die relative Grösse der Zer- 
streuungskreise zu dem Bilde wächst, wenn das Object über die genannte Grenze ent- 
fernt wird, ein Resultat, das auch a priori voraus zu sehen war. Jeder Punkt der Aussen- 
weit gibt offenbar, je näher er bei einem Hyperpresbyopischen ans Auge gebracht wird,, 
auch einen desto grösseren Zerstreuungskreis. Aber diese Vergrösserung der Kreise ge- 
schieht nicht in dem umgekehrten Verhältnisse der Quadrate der Entfernungen, d. h. 
in dem Verhältnisse, in welchem die Flächenausdehnung der Bilder auf der Netzhaut 
steigt, sondern in einem langsameren Verhältnisse." Bei sehr grosser Annäherung (4 — 5") 
des Sehobjectes (Druckschrift) sind also die Zerstreuungskreise relativ zu den stark er- 
leuchteten Centris der Netzhautbilder nicht so gross, wie bei geringer Annäherung (z, 
B. 8— 10"). 

Von Heilung der Weitsichtigkeit kann keine Rede sein, sobald sie 
ausschliesslich oder vorwaltend Folge der Senesceuz ist. Von der Be- 
handlung der anderweitig bedingten, welche meistens noch als Kopiopie 
zur Beobachtung kommt, wollen wir weiter unten sprechen. Nebst 
rationellem Gebrauche der Augen sind Convexgläser Alles, was wir dem 
Presbyopischen empfehlen können. Convexgläser sollen das Auge beim 
Lesen, Schreiben u. dgl. unterstützen, ohne es aller accommodativen 
Thätigkeit zu überheben, wenn solche noch vorhanden ist. Sie wirken 
dadurch, dass sie die von relativ zu nahen Objectpunkten ausfahrenden, 
mithin relativ zu divergent zum Auge gelangenden Lichtstrahlen minder 
divergent machen, oder, was die Sache allgemeiner bezeichnet, in Com- 
bination mit der Sammellinse des Auges dessen Brennweite verkürzen, 
dabei mehr Licht von jedem einzelnen leuchtenden Punkte ins Auge 
gelangen und die Objecte vergrössert erscheinen lassen, sobald diese 
etwas weiter entfernt liegen, als die Focaldistanz dieser Combination 
eigentlich gestattet. Sie schränken demnach die accommodative 
Thätigkeit des Auges um so mehr ein, je weniger sie dieselbe nöthig 
machen, d. h. je mehr sie die Focaldistanz verkürzen (den Nahepunkt 
an das Auge heranrücken), und können der Sehkraft einerseits durch 
Zuführung von relativ zu viel Licht und Überreizung der Netzhaut, 
andererseits aber auch dadurch nachtheilig werden, dass das Auge die 
Fähigkeit verlernt, in weite Ferne deutlich zu sehen (Objecte unter 
kleinem Sehwinkel und relativ matter Beleuchtung zu erkennen, und 
von Zerstreuungskreisen zu abstrahiren). Alle diese nachtheiligen 
Nebenwirkungen werden durch gehörig gewählte Brillen bei rationellem 
Gebrauche der Augen vermieden. 

Um dem Fernsichtigen eine angemessene Brille zu wählen, muss 



«> Weitsichtigkeit — Übersichtigkeit — Convexbrillen. 259 

man die Grenze keimen, bis zu welcher heran er noch deutlich sieht, 
und die Distanz, in welcher er seine Arbeiten verrichten will oder niuss. 
Bei 12 Zoll Abstand des Nahepunktes vom Auge ist eine schwächere 
Brille ausreichend, als bei 1(3 oder 20 Zoll. Wer schreiben oder lesen 
will, was recht gut bei 10 — 12 Zoll geschehen kann, braucht eine 
schwächere Brille, als wer mit Objecten arbeitet, die wegen grosser 
Feinheit oder wegen mechanischer Verhältnisse mindestens auf 8 Zoll 
genähert werden müssen. Den Nahepunkt bestimmt man am bequem- 
sten und im Allgemeinen auch mit hinreichender Sicherheit durch Lese- 
proben mit mittlerem oder etwas grösserem Drucke. Die Brennweite 
(Nummer) des zu wählenden Glases wird auf dieselbe Weise wie bei 
Kurzsichtigen berechnet. Ein Weitsichtiger, der nur bei 14", nicht 
aber bei 13" lesen kann, braucht demnach, um 10" lesen zu können, 

Nr. 36, weil . = — — = 35.*) Bei Weitsichtigen ist die 

Kücksiclit auf die Beleuchtung und Grösse der Objecte bei den Seh- 
proben noch viel wichtiger, als bei Kurzsichtigen. Bei matter Beleuch- 
tung und bei zu feinem oder blassem Drucke wird der Nahepunkt 
leicht zu fern angenommen, ebenso wenn der Brillencandidat sich 
einige Stunden oder Tage vorher sehr angestrengt hat, durch deprimi- 
rende Einflüsse herabgestimmt oder geschwächt ist. Die Folge der 
Nichtbeachtung dieser Umstände ist die Wahl eines mehr als nothwen- 



*) Für Weitsichtige führt Flössl in Wien folgende Nummern : 80, 60, 48, 40, 36, 33, 30, 27, 24, 22, 20, 
IS, 17, 16, u. s.w. bis 7, von da immer zu V2 Zoll bis 4'/2i dann zu 1 / i Zoll bis 2, welche letzteren 
Reihen jedoch nur bei Hyperpresbyopischen, namentlich bei Staaroperirten in Anwendung kommen. 
Die Brennweite eines convexen Glases lässt sich bis zu der hier erforderlichen Genauigkeit 
leicht ermitteln', wenn man in einem Zimmer mit einem einzigen Fenster , welchem einerseits der 
freie Himmel, andrerseits eine weisse glatte (Fläche) mindestens 20 Fuss gegenübersteht, das frag- 
liche Glas in allmälig steigender Entfernung senkrecht vor diese Wand hält, und die Distanz mit 
dem Zollstabe misst, bei welcher das auf der Wand entworfene Fensterbild in den schärfsten Um- 
rissen erscheint. Richtig geschliffene, aus reinem Glas bestehende und gut polirte Gläser geben, 
wenn sie nicht zu klein sind, auch in den niedrigeren Nummern (von 36 — 60) noch hinreichend deut- 
liche Bilder, wenigstens an hellen Tagen ; doch lassen sich bei diesen Nummern einige Zoll Abweichun- 
gen von der Brennweite nicht erkennen, und man muss sieh begnügen, zu bestimmen, ob die Brenn- 
weite z. B. näher an 60 oder näher an 4S liegt. Da das Fenster nicht paralleles , sondern noch 
divergirendes Licht zum Glase sendet, so gibt der Abstand von der Wand natürlich auch dann nicht 
genau die Brennweite, wenn das Bild in den schärfsten Umrissen erscheint. Will man diesen Fehler 
vermeiden, so nehme man sich die verschiedenen Nummern von einem verlässlichen Optiker und 
einen Stab von 60 Zoll Länge, den man wagrecht (also senkrecht auf die Wand) gerade der Mitte 
des Fensters gegenüber hält, nehme nun ein Glas nach dem andern und notire an dem Stabe die 
Distanz, bei welcher Nr. 10, 12, 15, 20 u. s. w. das schärfste Bild zeigt. Durch wiederholte Ver- 
suche kann man sich einen ziemlich genauen Massstab verfertigen. — Die Prüfung der Convexgläser 
mittelst direct auffallenden Sonnenlichtes (Strahlen) ist nicht leichter, dagegen nothwendig, wenn 
sich's um die Ermittelung der Centrirung handelt : nur bei regelmässig geschliffenen und gut centrir- 
ten Gläsern erscheint die lichte Scheibe (in der Focaldistanz) vollkommen rund (auf einem normal 
stehenden Schirme), scharf begrenzt und in der Mitte des dunklen Hofes. 

i7* 



260 Augenmuskeln. 

dig starken Glases. Andrerseits kann aber auch eine Brille, welche 
zur Arbeit bei Tageslicht eben hinreicht, zur Arbeit bei künstlichem 
Lichte zu schwach sein. Man hat daher Tag- und Nachtbrillen, jene 
schwächer, diese stärker gegeben. Ich bin von diesem theoretisch ge- 
rechtfertigt scheinenden Usus seit langem abgegangen, ausser in jenen 
seltenen Fällen, wo so zu sagen gar kein Accommodationsvermögen 
mehr besteht. Wenn der Brillenträger für eine helle Flamme sorgt 
und sich den Objecten weniger nähert, kann er auch bei künstlicher 
Beleuchtung mit demselben Glase auskommen, wie bei Tage. Leute, 
welche Nachts mit einer stärkern Brille arbeiten, müssen sich derselben 
in kurzer Zeit auch bei Tage bedienen, während sie — nach Beobach- 
tungen an andern zu schliessen, — mit der schwachem Tagesbrille 
jahrelang ausgekommen sein würden, wenn sie sich immer nur einer 
und derselben Brille bedient hätten. Ein anderer Umstand, welcher in 
kurzer Zeit den Gebrauch stärkerer Brillen nothwendig machen kann, 
ohne dass eine oder die andere der obgenannten Veranlassungen zur 
Weitsichtigkeit eingewirkt hat, liegt darin, dass diejenigen, welche 
ihrem Auge die Unterstützung durch eine Brille zu lange versagt 
haben, die Gewohnheit, die Objecte in grösserer Entfernung zu halten, 
nachher beim Brillengebrauche nicht wieder ablegen, somit die accom- 
modative Thätigkeit gar nicht oder viel zu wenig in Anspruch nehmen, 
Wir haben aber bereits früher auf das allgemeine Gesetz hingedeutet, 
dass muskulöse Organe durch Unthätigkeit oder zu geringe Übung 
ebenso geschwächt werden, wie übermässige Anstrengung ihre Kräfte 
erschöpft, hingegen massige, adäquate Thätigkeit, unterstützt durch 
Abwechslung und Ruhe, dieselben stärkt oder doch in ihrer Kraft 
erhält. — 

Rücksichtlich der Form, Fassung, Stellung etc. gelten für die Con- 
vexgläser im Ganzen dieselben Vorschriften, wie bei den Concavbrillen. 
Die concav-convexen (periskopischen) verdienen hier unbedingt den 
Vorzug vor den plan- oder doppelt-convexen. Ebenso sollten diese 
Gläser stets kreisrund, oder, wenn ja oval, mindestens so gross sein, 
dass sie unten völlig oder nahezu an die Wange anliegen, damit bei 
abwärts gewendetem Blicke die Sehachse durch das Centrum gehen 
könne. Desshalb muss auch der Steg über die Nase stark gebogen 
sein, und zwar bei sehr hoher Nasenwurzel nicht bloss mit aufwärts, 
sondern zugleich auch mit vorwärts gerichteter Convexität, weil sonst 
die Gläser zu weit von den Augen entfernt sein würden. Der Abstand 
der Pupillen von einander, nach welchem sich der Abstand der Mittel- 
punkte der Gläser richtet, ist nicht beim Blick in die Ferne, sondern 



Augenmattigkeit — Ätiologie. 261 

beim Blicke auf 10 — 12 Zoll Distanz zu messen. Die Bügel müssen so 
schliessen, dass die Gläser immer in gleichem Abstände vor den Augen 
erhalten werden; je weiter sich das Glas vom Auge entfernt, desto 
stärker wirkt es. Für Weitsichtige sind Lorgnetten und die leider 
wieder in Aufnahme gekommenen Nasenzwicker durchaus verwerflich, 
denn beim Lesen, Schreiben u. dergl. ist eine regelrechte und stets 
gleichmässige Stellung der Gläser vor den Augen von ungleich wirk- 
samerem Einflüsse, als beim Betrachten entfernter Objecte durch Con- 
cavgläser. 

Augenmattigkeit, Kopiopic, Lauguor octili.*) 

Dieser Zustand äussert sich zunächst durch Mangel an Ausdauer 
oder vorzeitige Ermüdimg der Augen beim Betrachten naher Gegen- 
stände. Das Auge, welches übrigens vollkommen gesund sein kann, in 
die Feme gut oder doch leidlich gut sieht, und die Accommodations- 
fähigkeit noch in mehr weniger hohem Grade besitzt, hält bloss die 
Accommodation für nahe und feine Objecte nicht lange genug aus, und 
zwar wegen verminderter, unzureichender Energie der Accommodations- 
organe; diese können die zum Nahesehen nöthige Spannung nicht 
hinreichend lange auf der gehörigen Höhe erhalten; das Auge muss 
einige Zeit ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen, oder es muss 
durch Convexgläser der Mühe überhoben werden, sich für die relativ 
zu grosse Nähe zu accommodiren. 

Die Kopiopie gibt sich dem Kranken gewöhnlich durch das Gefühl 
von Spannung oder Druck in oder über den Augen kund, Anfangs nur 
nach tagelanger Anstrengung, bei Professionisten, Schustern, Schnei- 
dern u. dergl. die letzten Tage der Woche, später schon jeden Abend, 
wenn viel bei künstlichem Lichte gearbeitet werden muss, endlich auch 
selbst schon unter Tags, nach einigen Stunden, und beim höchsten 
Grade des Übels ist das Auge zu jeder Arbeit unfähig. Seltener und 
nur nach den bei der Ätiologie der Weitsichtigkeit angeführten depri- 
mirenden Einflüssen, wird der Verlust der Accommodationsenergie 
gleichsam plötzlich in mehr weniger hohem Grade entwickelt bemerkt. 
Besteht die Kopiopie ohne eigentliche Stumpfheit der Sehkraft und in 

*) Von früheren Autoren Amblyopia es. abusu visus (Beer) , von späteren Hebetudo visus (Jüngken, 
Böhm) genannt, nach Sichel Amblyopie presbytique, nach Petrequin Kopiopie (von xoTtiao), ich er- 
müde, lasse nach), nach Makenzie Asthenopie. Das Übel ist zunächst nicht ein Leiden der Netz- 
haut, sollte daher auch nicht Amblyopie genannt werden. Das Gesicht kann dabei vollkommen 
scharf sein, daher auch nicht stumpf (hebesj genannt werden, was doch visus vel auditus hebes bei 
den Classikern bedeutet. 



262 Augenmuskeln. 

sonst gesunden Augen, so erkennt das Auge die Gegenstände im Anfange 
der Arbeit recht gut, und wenn nicht bereits ein höherer Grad von 
Presbyopie eingetreten ist, auch in der gewohnten Entfernung. Zunächst 
sucht sich der Kranke durch stärkere Beleuchtung und durch Weg- 
rücken der Objecte über die gewohnte Distanz zu helfen; allein über 
kurz oder lang stellt sich das Gefühl von Ermüdung, Abspannung, 
Druck in den Augenhöhlen ein, der Blick wird unsicher, allmälig ge- 
trübt. Man meint, man müsse etwas vom Auge wegwischen, und in 
der That, die hiezu nöthige Pause reicht Anfangs hin, das Auge wieder 
für einige Zeit zur Arbeit tauglich zu machen. Bei fortgesetzter An- 
strengung, besonders bei reizbarem Nervensysteme, gesellt sich alsbald 
ein bedeutender, zusammenziehender Schmerz über den Augenbrauen 
dazu, die Augen fangen an, öfter überzugehen, zu thränen und zu 
zittern, gleich dem ausgestreckten Arme, der eine relativ zu schwere 
Last halten soll. Das Zittern nimmt der Kranke nicht als solches wahr, 
sondern als Hin- und Herschwanken oder Durcheinanderschwirren der 
Buchstaben, Noten u. dergl. Endlich erscheinen die Gegenstände 
farbig eingesäumt, doppelt, th eilweise verwischt oder wie in Nebel ge- 
hüllt. Bei fortgesetzter Anstrengung können auch Schwindel, Brech- 
neigung, Erbrechen auftreten. Mückensehen in verschiedener Form be- 
gleitet sehr häutig auch diesen Zustand, wie überhaupt alle Abnormi- 
täten des Refraetionszustandes und ungenügende Accommoclation. In 
die Ferne sehen solche Kranke nach wie vor, und im Freien fühlen 
sie überhaupt von ihrem Leiden nichts. (Ist Ungleichheit der Sehkraft, 
z. B. wegen leichter Hornhauttrübung des einen Auges, die Ursache der 
Kopiopie, so treten die genannten Zufälle nur in dem bessern, zum 
Nahesehen benützten Auge auf). 

Der Blick solcher Augen ist matt (languidus), des gewöhnlichen 
Grades von Glanz und Feuer mehr weniger verlustig. Sind die Augen 
durch Arbeit überreizt, so erscheinen die Lider an den Rändern leicht 
geröthet, wohl auch etwas angelaufen, die Episcleralgefässe stärker 
injicirt; sie sind gegen grelles, namentlich reflectirtes Licht, gegen 
raschen Wechsel zwischen Licht und Schatten, gegen kalte Luft, Tabak- 
rauch u. dergl. abnorm empfindlich, und thränen leicht, wogegen sie 
des Morgens beim Erwachen wie ausgetrocknet erscheinen, so dass die 
Lider, obwohl nicht verklebt, nur mühsam und unter Schmerz geöffnet 
werden können. Diese Zufälle deuten mehr weniger schon auf Hinzu- 
treten von Reizung und Hyperämie der Netzhaut. — Rücksichtlich der 
Lage der Iris und Linse verhalten sich solche Augen meistens so wie 
weitsichtige, auch in jenen Fällen, wo sie noch im Stande sind, selbst 



Augeimiattigkeit — Prognosis — Therapie. 263 

bei 5 Zoll Distanz feine Objecte deutlich zu erkennen. Die Pupille ist 
im Allgemeinen enger, auch wenn noch keine Zeichen von Netzhaut- 
reizung vorhanden sind. 

Häufig kommt dieser Zustand bei Leuten vor, bei denen sich Pres- 
byopie wegen Senescenz entwickelt; er erreicht indess hier nicht so 
oft einen hohen Grad, weil solche Leute bald darauf kommen, dass sie 
ihre Augen zur Arbeit durch Brillen unterstützen müssen, und w«il bei 
höheren Graden von Weitsichtigkeit sich das Lesen, Schreiben u. dergl. 
ohne Brillen von selbst verbietet. Wenn jedoch die Senescenz etwas 
früher eintritt, wenn man den Gebrauch der Brillen aus Eitelkeit ver- 
schmäht oder aus dem sonderbaren Grunde, weil man dieselben dann 
nie wieder werde ablegen können, oder wenn relativ zu schwache 
Brillen gewählt wurden, so geschieht wohl auch hier dasselbe, was 
sonst nur dann der Fall ist, wenn jüngere Leute davon befallen wer- 
den. Die Ursachen sind dieselben, welche wir bei der Presbyopia 
praematura angegeben haben, übermässige Anstrengung, deprimirende 
Einflüsse, Weinen, Nachtwachen u. s. w. Nebstdem aber gibt Ungleich- 
heit der Sehkraft beider Augen häufig die Veranlassung zu diesem Zu- 
stande. Vergl. Hornhauttrübung B. I. S. 261 und Amblyopie B. III. 
S. 102. — Bei Kurzsichtigen können wohl in Folge übermässiger An- 
strengung die Zufälle von Überreizung und Hyperämie (selbst Apoplexie 
und Entzündung) der Netzhaut auftreten; von einem Nachlassen der 
Accommodationskraft, von einem Zurückgehen auf grössere Entfernung 
beim Arbeiten habe ich nie etwas gehört, noch beobachtet. Bei Schie- 
lenden wird die Accommodation für feinere Objecte sehr häufig nicht 
lange ausgehalten; doch waltet hier nicht einfache Schwäche der Ac- 
commodationsorgane ob, sondern müssen noch andere (später erörterte) 
Momente mit in Anschlag gebracht werden. 

Die Prognosis ist im Allgemeinen günstig zu stellen, was die Er- 
haltung der Sehkraft betrifft, unter Umständen auch günstig rücksicht- 
lich der völligen Wiederherstellung des normalen Zustandes. Die Hei- 
lung- ist mühsam, erfordert von Seite des Kranken viel Ausdauer. 
Gefährlich wird der Zustand nur durch das secundäre Netzhautleiden. 
Bei Weitsichtigkeit wegen Senescenz lassen sich die Zufälle durch 
passende Convexgläser und eine vernünftige Augendiätetik beseitigen. 
Bei einfacher Kopiopie jugendlicher Individuen in Folge übermässiger 
Anstrengung der Augen oder deprimirender Einflüsse lässt sich aa 
völlige Behebung denken, sobald — was freilich oft unmöglich — den 
Augen und dem Körper die nöthige Ruhe und Erholung verschafft 
werden kann. Bei Kopiopie wegen Ungleichheit der Sehkraft fragt 



264 Augenmuskeln. 

sich's nebstdem, ob diese beseitigt werden kann; wo nicht, so kann 
meistens nur von Besserung oder temporärer Beseitigung der Zufälle 
die Rede sein. 

Die Behandlung erfordert zunächst Eruirung und gehörige Wür- 
digung der ätiologischen Momente. Bald ist die übermässige An- 
strengung, bald die Senescenz, Depression der Körperkräfte, oder Un- 
gleichheit der Sehkraft der vorwaltende Factor. In allen Fällen besteht 
demnach die erste Indication darin , dass dem Auge durch Wochen — 
Monate Ruhe und Erholung gestattet werde. Dieser Indication wird bald 
schon durch Einschränkung, bald auch nur durch gänzliche Enthaltung 
vom Lesen, Schreiben u. dgl. genügt werden können. Ein vortreffliches 
Mittel, solche Augen trotz Beschäftigung nicht anzustrengen, bieten 
Convexgläser, nur müssen sie, wenn sich das Auge noch accommodiren 
kann, schwach sein. Zu diesem Behufe ist es wünschenswerth, Gläser 
von 100, 90, 80, 75, 70, 65 u. s. w. bis 40 zu besitzen, um auch den 
geringsten Abstufungen der Accommodationskraft gebührend Rechnung 
tragen zu können. Wird das Auge eben hinreichend, aber auch nicht 
mehr, unterstützt, dann kann massige, lieber öfter als länger vorge- 
nommene Übung sogar wohlthätig auf die geschwächten Accommoda- 
tionsorgane einwirken, gleichwie der Reconvalescent von einer schweren 
Krankheit seine Muskelkräfte durch massige, nicht zu einförmige und 
nie bis zur Ermüdung fortgesetzte Übung stärkt, durch Unthätigkeit 
hingegen ebenso wie durch forcirte Anstrengung schwächt. Besonders 
wohlthätig sind die meines Wissens zuerst von Böhm empfohlenen blass- 
blauen schwachen Convexgläser, besonders in jenen Fällen, wo sich 
bereits ein mehr weniger hoher Grad von Erethismus der Netzhaut 
dazu gesellt hat. In dem Masse, als die Accommodationsorgane erstar- 
ken, geht man von stärkeren zu schwächeren Nummern über. Am fühl- 
barsten macht sich der Nutzen entsprechender Convexgläser bei jenen, 
welche durch Verhältnisse gezwungen sind, zu arbeiten. Man inuss 
aber diejenigen, welche über die Wirkung dieser Unterstützung ent- 
zückt sind, ausdrücklich ermahnen, sich nicht zu vergessen, und bei 
der Arbeit es nie bis zur Ermüdung kommen zu lassen, sondern gleich 
jenen, die keine Brillen brauchen, öfter kleine Pausen und Abwechs- 
lung im Arbeiten eintreten zu lassen. Auch sollen sie allmälig wieder 
anfangen, zeitweise ohne Brillen zu arbeiten, falls sie dieselben nicht 
etwa wegen Presbyopie bleibend bedürfen. Fleissige Bewegung im 
Freien, wo möglich Aufenthalt auf dem Lande, in Gebirgsgegenden. 
Öfteres Waschen oder Anspritzen der Augen mit frischem Wasseiv 
Augendouche mittelst besonderer Apparate. Ein sehr einfacher Apparat 



Atigeiiniattigkeit — Therapie — Beispiele. 265 

ist eine Bohre von Glas oder Blech, an beiden Enden umgebogen, im 
geraden Mittelstück etwa 30 — 36 Zoll lang, das eine Ende in eine auf- 
wärts gerichtete Spitze zulaufend, und mit einer Öffnung versehen, 
welche etwa eine Stricknadel aufnehmen könnte, das andere Ende 
schräg abgestutzt und dem Mittelstücke parallel abwärts gerichtet, so 
dass es etwa 6 Zoll tief in ein Gefäss voll Wasser eingetaucht, das 
Ganze somit als Heber benützt werden kann, den man durch Ansaugen 
der Luft am spitzigen Ende in Thätigkeit setzen kann. Will man statt 
eines etwa strohhalmdicken Strahles mehrere feine haben (Begendouche) r 
so verbindet man einen an einer Wand aufgehängten Wasserbehälter 
mit einem etwa 4 — 5 Fuss langen Bohre, welches durchaus oder doch 
unten biegsam (von Kautschuck, Guttapercha) ist, und unten mit einem 
Hahne (zum Absperren) und einer Brause versehen ist. Der Wasser- 
strahl wird an die geschlossenen Lider durch 2 — 5 Minuten, mehrmals 
des Tages geleitet. Wird die Douche nicht vertragen, oder liegen sonst 
Gründe dagegen vor, so wähle man Waschungen mit Wasser und Brannt- 
wein (Franzbranntwein oder Cognac mit 4 — 2 Theilen Wasser) oder mit 
Spir. roris marini, mit Oleum foeniculi aethereum in Weingeist gelöst*) 
und mit Wasser verdünnt, oder bestreiche die Umgebung der Augen 
mit Himly's Balsamum ophthalmicum**), mit Cölner Wasser oder ähn- 
lichen Mitteln. — Die allgemeine Behandlung erfordert unter Berück- 
sichtigung des ätiologischen Momentes fleissige Bewegung im Freien, 
Aufheiterung des Gemüthes (wozu die Prognosis wesentlich beitragen 
wird), gute Kost, nach Zulass des allgemeinen Befindens und der sons- 
tigen Verhältnisse Fluss- oder Seebäder, Mineralsäuren, Eisen- oder 
Chinapräparate, u. dgl. 

..Ein verdienstvoller Mann wurde am Ende eines heftigen und langwierigen Nerven- 
fiebers von einer solchen Augenschwäche befallen, dass er einige Zeit hindurch in der 
schrecklichsten Besorgniss lebte, sein Gesicht völlig zu verlieren; diese Angst wurde 
noch überdiess durch das Achselzucken der Ärzte und durch die tägliche Abnahme der 
Sehkraft mächtig unterstützt, so dass ich den Leidenden in der traurigsten, mitleidswür- 
digsten Stimmung antraf, als ich gerufen Avurde. Man rieth ihm Dunkelheit des Zim- 
mers, den Dunst des Cölner "Wassers, und ein Augenwasser aus gleichen Theilen Brun- 
nenwasser und "Weingeist, wobei er sich aber sehr übel befand. Ich empfahl leicht 
zu verdauende Nahrungsmittel in massigen, vertheilten Mahlzeiten, ein Gläschen guten 
"Wein, Bewegung des Körpers in freier, reiner Luft, Übung der Augen in einem ganz 
gleichmässig vertheilten hellen Lichte, und endlich besonders öf.ers flüchtiges Anschauen 
feiner Kupferstich- und Mineraliensammlungen, welchen Bath der Leidende auch sehr gern 

*) Der wesentliche Bestandtheil des Romer shauseri 'sehen Atigenwassers. 
**) Rpe. : Bals. peruviani gutt. sex, Olei lavendulae, olei caryophyllorum, olei succini rectlfic. ana gutt- 
qnatnor, Spir. vini rectifie. unc. dimidiam. M. et post suffic. macerat. filtra per gossyp. D. 5. 
Augenbalsam. 



266 Augenmuskeln. 

befolgte, weil er mit seinen Neigungen, vor welchen man ihn doch ernstlich warnte, 
übereinstimmte. Der gute Mann unterhielt sich nun mit seinen Freunden täglich über 
verschiedene Stücke seiner trefflichen Sammlungen und vergass bald seinen Kummer; 
denn die Gesichtsschwäche, von welcher man schon einen schwarzen Staar prophezeihen 
wollte, verschwand in weniger als 3 "Wochen so vollkommen, dass der Wiedergenesene 
seine Augen wie vor der Krankheit gebrauchen und anhaltend anstrengen konnte." (Beer, 
Pflege gesunder und geschwächter Augen. S. 143.) 

Im November 1842 kam ein Fräulein von beiläufig 20 Jahren zu mir, mit der Klage, 
dass sie seit einigen AVochen nicht mehr im Stande sei, längere Zeit zu nähen oder zu 
lesen, was sie doch bis tief in die Nacht hinein zu thun gewohnt gewesen sei; es fange 
ihr das rechte Auge an weh zu thun und zu thränen, und bei fortgesetzter Anstrengung 
verwirren sich ihr die Gegenstände so durch einander, dass sie die Arbeit längere Zeit 
bei Seite zu legen genöthigt sei ; sie bat um so dringender um Hilfe, da sie mit dem lin- 
ken Auge ohnehin wenig sehe, selbst einen 1 /t Zoll hohen Druck nur mit Mühe lesen 
könne. Wie lange sich das linke Auge in diesem Zustande befinde, wisse sie nicht ; sie 
habe es vor einigen Wochen beim Schliessen des rechten bemerkt, da ihr die Augen matt 
zu werden anfingen. Nachdem der erethische Zustand des rechten Auges durch ent- 
sprechende Diät und Behandlung beseitigt war, begann ich die Behandlung des linken 
Auges nach Cunier's Vorschlage mit einem concav-convexen Glase von 3 Zoll Brenn- 
weite, durch welches sie den Titel der Prager Zeitung gut zu lesen vermochte. Da 
selbst durch vierstundenlange Übung keine Reizungssymptome herbeigeführt wurden, ver- 
minderte ich die Brennweite täglich um '/a Zoll bis zu Nro. 7, dann in grössern Zwi- 
schenräumen um einen ganzen Zoll bis zu Nro. 17, endlich um 3 — 4 Zoll bis zu Nro. 27. 
Den 20. December las sie bereits einen Druck von nicht ganz 1 Linie Höhe, und zwar 
ohne Glas und bei 9 — 10 Zoll Distanz. Die Heilung ist dauerhaft; sie verträgt jetzt 
imehrere Jahre später) wieder stundenlang Anstrengung der Augen. 

Ein Mädchen von ungefähr 26 Jahren consultirte mich wegen Schwäche des rech- 
ten Auges; mit dem linken, sagte sie, habe sie von Jugend auf nicht gut gesehen. Sie 
klagte über Erscheinungen, die ich damals (im Jahre 1840) auf Amblyopia eretisthico- 
congestiva hohen Grades bezog, welche aber, wie mir erst im spätem Jahre klar wurde, 
zunächst von Asthenopie ausgingen. Sie hatte im 16. Jahre an Bleichsucht gelitten und bot 
den sogenannten Habitus leucophlegmaticus dar ; die Menstruation war sparsam, die Leibes- 
öffnung habituell sehr träge. Sie war in der grössten Angst zu erblinden, da die Mittel, 
die ihr ein berühmter Augenarzt gerathen (zeitweilig Schröpfköpfe an die Wirbelsäule, 
Pillen mit Aloe und Castoreum), nicht .die geringste Besserung, erstere sogar vorüber- 
gehende Verschlimmerung herbeigeführt, und ein zweiter Arzt ihren Verwandten erklärt 
hatte, es sei schwarzer Staar zu befürchten. Ich fand die linke Hornhaut (in Folge einer 
in früher Jugend überstandenen Entzündung) nur ganz wenig getrübt, ungefähr so , wie 
wenn sie mit einer ganz dünnen Lage Milch überzogen wäre. Sie hatte vor dem Ent- 
stehen dieser Gesichtsschwäche (des rechten Auges) viele Nächte hindurch gewacht und 
vorgelesen — bei einer schwer kranken Mutter — und anhaltend feine weibliche Arbei- 
ten verfertigt. Ich liess mich bei der Behandlung besonders durch diesen letztern Um- 
stand bestimmen, ohne genauere Einsicht in die Natur des Übels am rechten Auge ge- 
winnen zu können, schlug mehrere Curmethoden ein, darunter auch die zu Marien- und 
das Jahr darauf zu Carlsbad, und nachdem Pillen mit Sulfas ferri und Aloe einige Besse- 
rung bewirkt zu haben schienen, Franzensbrunnen beim Aufenthalte in einer anmuthigen 
Gebirgsgegend. Ich hatte aber der Kranken wohl am meisten dadurch genützt, dass ich 



Augeiimattigkeit — Beispiele. — Lähmung. 267 

ihr die Furcht vor Erblindung benommen, die sie Tag und Nacht gequält, und durch 
eine zweckmässige Augendiätetik. Erst im Verlaufe der Zeit sah ich ein, dass Enthaltung 
der Augen von Anstrengung die Hauptsache war. Es sind nun 15 Jahre verflossen, und 
die Kranke, mittlerweile auch in bessere Verhältnisse gesetzt, muss wohl auf jede längere 
Anstrengung der Augen verzichten, erfreut sich aber fortwährend eines ungetrübten Ge- 
sichtes. — Die vorstehenden beiden Beobachtungen habe ich 1S44 in der Prager Viertel- 
jahrschrift auf S. 6ü und 61 des 4. Bandes mitgetheilt. Einige andere, zum Theil hie- 
her gehörende Beobachtungen folgen in dem Abschnitte über Strabismus. 

Als Beispiel plötzlich entstandener Accommodationsparesis mag folgender Fall dienen. 
Kolm M., 37 Jahre alt, Buchhalter in einem Handlungshause, consultirte mich am 2. Mai 
1S54, weil er seit einigen Tagen nicht mehr lesen oder schreiben konnte, obwohl er bis 
in die jüngste Zeit den ganzen Tag zu schreiben und bis spät in die Nacht zu lesen 
pflegte, und diess auch ohne alle Beschwerde und Anstrengung konnte. — Er hatte vor 
5 Tagen seiner Gewohnheit gemäss nach dem Mittagessen sich eine Cigarre angezündet ; 
kaum hatte er ' '3 davon geraucht, als ihm unwohl wurde, so dass er beinahe vom Stuhle 
gefallen wäre. Da er ganz blass und kalt geworden war, hatte man ihn mit kaltem 
Wasser bespritzt, und ihm dann Brausepulver verabreicht. Er versichert einige Minuten 
lang gar nichts gesehen und irre geredet zu haben. Nachdem er sich in Zeit von 3 
Stunden wieder völlig erholt hatte, ging er auf die Schreibstube, fand aber zu seinem 
Schrecken, dass er die eingelaufenen Briefe nicht lesen konnte. Er ging also nach Hause 
und legte sich nieder. Es erfolgten einige diarrhoische Entleerungen bei anhaltender 
Neigung zum Erbrechen und Eingenommenheit des Kopfes, und der Schlaf war unruhig. 
Bis zum 4. Tage hatten sich diese Zufälle allmälig verloren, mit Ausnahme von Appetit- 
losigkeit : er konnte auch wieder etwas lesen, aber nur wenige Minuten und mit Anstren- 
gung. Experimente bestätigten, dass er in die Ferne, so wie früher, ganz gut sah, und dass 
sich die Störung des Gesichtes bloss auf das Erkennen und Betrachten naher Objecte be- 
zog. Er las Druck von 1'" Höhe bei 12 — 15 Zoll, doch nur ganz kurze Zeit, und je 
näher, desto schlechter; convex 60 und noch mehr 48 erleichterten das Lesen und ge- 
statteten Annäherung bis auf 8 Zoll. Objectiv boten die Augen nichts Abnormes dar 
als matten Blick, starke "Wölbung der im Ganzen weit vorn liegenden Iris und Engheit 
der Pupillen. "Wurde ein Finger bis auf 3" genähert, so stellten sich beide Bulbi ge- 
hörig einwärts und konnten auch eine geraume Zeit lang in dieser Stellung erhalten 
werden. Wurde ihm convex 9 vorgehalten, so musste er die Schrift bis auf mindestens 
7" nähern, um sie noch lesen zu können. Durch eine etwa l /e'" grosse Kartenblatt- 
öffnung las er mit jedem Auge zwischen 5 und 12" auch den feinsten Druck. — Ich 
liess den Mann bloss viel in's Freie gehen, diät leben und nichts arbeiten. Nach 8 Ta- 
gen konnte er wieder wie früher lesen und schreiben. Sein Nahepunkt lag jetzt 6" 
Tor den Augen. 



Augenmuskellähnmiig, Paresis et Paralysis niuscul. bulbi. 

Die hieher gehörenden Zustände wurden in früherer Zeit, je nach- 
dem man die eine oder die andere hervorstechende Erscheinung vor- 
züglich in's Auge fasste, bald als Luscitas (Schiefstehen des Auges) 
oder Strabismus lusciosus (unbewegliches Schielen), bald als Diplopia 
(binoculäres Doppeltsehen), wohl auch einfach als Strabismus (beweg- 



268 Augenmuskeln. 

liches oder concomitirendes Schielen, z. B. Trochlearislährnimg) aufge- 
fasst und beschrieben. Wir können hier diese generellen, auf viele 
unter sich ganz verschiedene Zustände anwendbaren Namen nur in so 
fern zulassen, als sie sich bloss auf verminderte oder aufgehobene Con- 
tractionsfähigkeit (Innervation) der Muskeln des Bulbus beziehen. Von 
jener Diplopie oder Unbeweglichkeit des Bulbus, welche z. B. auf An- 
wachsung desselben an ein Augenlid u. dgl. beruht, kann demnach hier 
eben so wenig die Hede sein, als von der durch Verdrängung des 
Bulbus aus seiner Lage (z. B. durch Geschwülste in der Orbita) be- 
dingten. 

Die Lähmung tritt in sehr verschiedenen Graden auf, für welche 
die Ausdrücke Paresis und Paralysis nur annäherungsweise genügen. 
Die Abstufungen von der leichtesten noch wahrnehmbaren Insufficienz 
bis zur completen Aufhebung der Function eines Muskels sind so zu 
sagen unendlich. Auch rücksichtlich der Zahl der ergriffenen Muskeln 
kommen mannigfaltige Combinationen vor. Die einfachsten Fälle sind 
die, wo bloss einer der Recti gelähmt ist, doch kommt diess gewöhnlich 
nur beim R. externus vor ; complicirter sind schon die Fälle, wo die vom 
N. oculomotorius versehenen Recti sammt dem Obl. inferior gelähmt 
erscheinen; grosse diagnostische Schwierigkeiten bietet die Lähmung 
des Obl. superior dar, zumal wenn sie noch mit Lähmung irgend eines 
andern Muskels, z. B. des R. externus zugleich vorkommt, und am 
schwierigsten sind jene Fälle, wo an beiden Augen zugleich Lähmung* 
einzelner, ungleichnamiger Muskeln vorkommt. Die richtige Auffassung 
solcher Fälle, sie mögen nun einfach oder combinirt sein, wird übrigens 
häufig, zumal nach längerem Bestände, noch dadurch erschwert, dass 
mannigfache Reflexwirkungen und secundäre Contracturen in andern 
Muskeln auftreten. So leicht es demnach in einzelnen Fällen ist, die 
Lähmung eines oder mehrerer Muskeln zu erkennen, so schwierig ist 
in andern schon die Bestimmung, ob Muskellähmung überhaupt, an 
welchem Auge, in welchen Muskeln und in wie hohem Grade vorhanden 
sei, an welche sich dann erst die im Allgemeinen noch viel schwierigere 
Eruirung des ursächlichen Momentes anreihen kann. 

Die eminenten Erscheinungen der Muskellähmung sind im Allge- 
meinen: gehinderte Beweglichkeit des Bulbus nach einer oder der andern 
Richtung, bald mit bald ohne Abnormität in der Stellung desselben, und 
Doppeltsehen beim Gebrauche beider Augen, woran sich noch Schwin- 
del, unsichere Orientirung, ungenügende Accommodation und Sensibili- 
tätsstörungen anreihen. 

Abnormitäten in der Stellung und Beweglichkeit des Bulbus, an 



Lähmung im Allgemeinen — Diplopie. 269 

Trelcheni ein oder mehrere Muskeln insufficient sind, geben sich über- 
haupt nur bei Affection der Eecti und auch da nur bei höheren Graden 
und bei gewissen Richtungen der Sehachse kund, da nämlich, wo die 
einfache oder die erhöhte Mitwirkung des betreffenden Muskels in An- 
spruch genommen wird. „Um die ausbleibende Wirkung eines Augen- 
muskels kenntlich zu machen, müssen wir das Auge derjenigen Stel- 
lung zuführen, in welcher die Zusammenziehung des afficirten Muskels 
beansprucht wird." Dieser Ausspruch A. von Greife's enthält den lei- 
tenden Grundsatz , von dem man bei Beurtheilung sowohl der Stellung 
der Cornea als des Auftretens der Doppelbilder auszugehen hat. 

Das Gefühl von Schwindel fehlt bei frischen Fällen von Muskel- 
lähmung selten, und zwar nicht nur beim monoculären Sehen (mit dem 
afficirten Auge), sondern auch beim binoculären. Der Kranke hat auf 
dem betroffenen Auge die feste Haltung und die richtige Orientirung 
im Sehfelde mehr weniger verloren; er irrt sich im Urtheile in Bezug 
auf die Lage (rechts, links, oben, unten) oder Richtung (grad oder schräg), 
mitunter auch in Bezug auf die Entfernung und auf die Grösse der Ob- 
jeete. Man kann das eine durch Vorhalten eines Prisma, das andere 
durch Vorhalten eines coneaven oder convexen Glases leicht an sich 
nachmachen. — In manchen Fällen von Muskellähmung findet man die 
Sensibilität der Haut in der Umgebung des Auges oder auch an der 
Hornhaut vermindert, jedoch, wie es scheint, nicht als Effect oder Sym- 
ptom, sondern vielmehr als Coexistenz. In andern leidet consecutiv die 
Sensibilität der Netzhaut, und es muss, da diese auch aus andern Ur- 
sachen gesunken sein kann, jederzeit das gegenseitige Verhalten erst 
eruirt und constatirt werden. 

Unter den Zufällen, durch welche sich die Verminderung oder Auf- 
hebung der Function eines Augenmuskels kundgibt, nimmt das Dop- 
j)pltsehen beim binoculären Sehacte die erste Stelle ein. Der von Paresis 
oder Paralysis eines (mehrerer) Augenmuskels Befallene bemerkt zu 
seinem Schrecken, dass er beim Gebrauche beider Augen doppelt, beim 
Verschluss des einen oder des andern Auges einfach sieht. Er bemerkt 
diess bald unter allen Umständen, bald nur beim Anblick entfernter und 
heller, bald nur beim Betrachten naher Objecte, ein andermal nur, 
wenn die Objecte des directen Sehens sich rechts oder links von der 
verticalen Meridianebene des Kopfes, oder aber nur wenn sie sich unter 
oder über der Horizontalen befinden (z. B. beim Stiegensteigen, beim 
Blick auf die Zimmerdecke, eine Thurmspitze). In Fällen geringer Af- 
fection tritt die Diplopie beim gewöhnlichen Sehen bisweilen nicht als 
solche deutlieh auf, indem sich die Doppelbilder noch mehr weniger 



270 Augenmuskeln. 

decken, dalier der scheinbar noch einfach gesehene Gegenstand nur auf 
der einen Seite wie von einem Schatten oder Farbenstreifen einge- 
säumt oder wie verunstaltet (in die Breite oder Länge gezogen) er- 
scheint. Wo immer ein Kranker über solche Zufälle klagt, hat man Ur- 
sache, an insufticiente Wirkung eines oder mehrerer Muskeln behufs 
der richtigen (correspondirenden) Stellung des Bulbus zu denken, vor- 
ausgesetzt, dass keine Diplopia monocularis oder eine Krankheit in dem 
einen Bulbus selbst (Keratokonus, Luxation der Linse, beginnende Netz- 
hautablösung) obwaltet. 

Obwohl unsere frühem Erörterungen über das Sehen bei nicht adaptirtem Kefra- 
ctionszustande genügen dürften, begreiflich zu machen, dass Zerstreuungskreise unter ge- 
wissen Umständen Doppeltsehen (mit einem Auge) veranlassen können , so halte ich es 
doch nicht für überflüssig, hier noch einige Bemerkungen über die Diplopia und Polyopia 
monocularis einzuschalten, zumal der Gegenstand in früherer und späterer Zeit zu man- 
nigfachen irrigen Deutungen und Hypothesen Veranlassung gegeben hat. — Das Dop- 
peltsehen mit Einem Auge kommt vor bei rein Kurz- oder Weitsichtigen, bei Hyperpres- 
byopischen, bei leichten Trübungen in den durchsichtigen Medien, mithin immer nur 
unter Umständen, wo die Bedingungen zu Zerstreuungskreisen in nicht entsprechender 
Vereinigungsweite oder in Diffusion der von den Objecten kommenden Lichstrahlen 
vorhanden sind. Demgemäss kann auch jeder Normalsichtige die Phänomene des mon- 
oculären Doppelt- und Mehrfachsehens leicht an sich beobachten, wenn er sein Auge 
durch Vorhalten eines entsprechend starken Concav- oder Convexglases weit- oder kurz- 
sichtig macht. Mir gelingt insbesondere das Doppeltsehen entfernter Thurmspitzen, Blitz- 
ableiter u. dgl. sehr leicht durch Convexgläser von 30 — 36 Zoll. Das Doppeltsehen macht 
sich, wenn nicht Diffusion des Lichtes obAvaltet, nur bei nicht adaptirtem Eefractions- 
zustande geltend, also bei Kurzsichtigen nur an Objecten, welche jenseit des Fernpunktes 
der deutlichen Sehweite liegen, bei Fernsichtigen an zu stark genäherten Objecten (und 
somit kann auch ein Normalauge bei zu grosser Annäherung feiner Objecte dieselben 
doppelt sehen), bei Hyperpresbyopischen in allen beliebigen Distanzen, vorausgesetzt, dass 
noch die anderweitigen Bedingungen vorhanden sind. Die letzteren beziehen sich nebst 
der leichten Erregbarkeit der Netzhaut als Grundbedingung auf die Helligkeit, den Seh- 
winkel, die Dimensionen und die Richtung der Objecte. Was die Helligkeit betrifft , so 
kommt es nicht sowohl auf die Menge des Lichtes an , welches ein Object zum Auge 
sendet, als vielmehr auf den Contrast zur Umgebung oder Unterlage. Daher eignen sich 
verticale und horizontale Tintenstriche auf weissem Papier, Blitzableiter oder Thurmspitzen 
vor dem Firmamente so gut zu diesen Experimenten , wie eine schmale Goldleiste oder 
eine Millykerze auf mattem Hintergrunde. Sind die Netzhautbilder zu gross, so treten 
die Doppelbilder nicht genug aus einander. Lange und schmale Objecte werden leichter 
doppelt gesehen, runde dagegen vielfach oder bloss einfach und von einem Hofe oder 
Farbenkranze umgeben. Die Verdopplung eines langen Objectes gelingt leichter, wenn 
dasselbe senkrecht steht, und die Doppelbilder treten caeteris paribus weiter aus einander, 
als wenn dasselbe Object eine horizontale Lage hat. Die Erklärung hievon liegt in dem 
von Moser, Meyer, Fiele u. A. nachgewiesenen Umstände, dass die Hornhaut von oben 
nach unten stärker als von einer Seite zur andern gewölbt ist. — Kurzsichtige sehen den 
Mond doppelt, aber nur den Halb- nicht den Vollmond, nicht den Abend- oder einen 



Lähmung im Allgemeinen — Doppeltsehen. 271 

andern hellen Stern. Leute ohne Krystalllinse beschweren sich gewöhnlich, dass sie glän- 
zende Objeete, z. B. Metallknöpfe, Goldleisten, entfernte Kerzenlichter, doppelt oder mehr- 
fach sehen. Ebenso fällt Leuten mit beginnender Cataracta häufig zuerst auf, dass sie 
die Kerzen am Altar vervielfältigt sehen. Exsudatstreifen oder Membranen in der Pupille 
bewirken Doppelt- 'oder Mehrfachsehen nicht durch Zerfällen der Lichtkegel in mehrere, 
ausser unter Verhältnissen, die wir bei den entoptischen Erscheinungen angegeben haben, 
sondern analog den durchscheinenden oder halbdurchsichtigen Hornhaut- und Linsen- 
trübungen durch Diffusion des Lichtes und Zerstreuungskreise. 

Die aus der insufücienten Wirkung eines oder mehrerer Muskeln 
hervorgehenden Zufälle werden mannigfaltig modificirt und mehr weni- 
ger verwischt dadurch, dass die Affection bald plötzlich in hohem Grade, 
bald unvermerkt und allmälig mehr und mehr auftritt, dass sie auf 
einem gewissen Grade stehen bleibt oder ganz von selbst wieder ab- 
nimmt, hauptsächlich aber dadurch, dass nach längerem Bestände bald 
Reflexwirkung in andern Muskelgruppen, bald Sinken der Energie der 
Netzhaut oder beides zugleich eintritt. Vermöge des unwiderstehlichen 
Dranges, der vor Allem durch das Doppeltsehen lästigen Functionsstö- 
rung abzuhelfen, das Doppeltsehen zu elidiren oder unschädlich zu 
machen, entstehen alsbald Reflexbewegungen, bald in dem Antagonisten 
desselben Auges, damit das Doppelbild auf eine mehr peripherische 
Stelle der Netzhaut falle und somit leichter unterdrückt werden könne, 
bald in dem gleichnamigen oder gleichseitigen Muskel des andern Auges, 
gleichsam als ginge der vom Sensorium ausfahrende, bald für die gleich- 
namigen (bei den Accommodativbewegungen), bald für die gleichseitigen 
(bei den Richtbewegungen) bestimmte Gesammtimpuls jetzt, wo der eine 
davon gelähmt ist, auf den andern allein über. Hier wirkt meines Wis- 
sens vorzüglich der Umstand entscheidend, ob beide Augen in der Seh- 
kraft und Refraction beträchtlich differiren oder mehr weniger gleich 
sind. So fand ich bei einigen Kranken mit Lähmung des Rect. externus 
an dem Auge, dessen sie sich zum schärferen Sehen bedienten, dass sie 
nach einiger Zeit anfingen, mit dem schwächern Auge einwärts zu 
schielen, also das Bild des nicht afficirten Auges unterdrücken lernten. 
Ausserdem aber wird das Doppeltsehen gewöhnlich durch erhöhte Con- 
traction des Antagonisten auf dem afficirten Auge elidirt, das Horn- 
hautcentrum z. B. bei Lähmung des R. externus endlich über die Mitte 
der Lidspalte gegen den innern Winkel abgelenkt, ein Effect, der nur 
durch Hinzutreten excessiver Contraction des R. internus, nicht aber 
durch Lähmung des R. externus allein bedingt werden kann. — Andere 
Kranke beseitigen das Doppeltsehen und den Schwindel durch Zuknei- 
pen der Lider. Fast ohne Ausnahme wird man aber bemerken, dass 
solche Kranke durch schiefe Haltung des Kopfes dem Doppeltsehen so 



272 Augenmuskeln. 

viel als möglich zu entgehen suchen, indem sie ihn bald um die verti- 
cale, bald um die horizontale quere Achse oder um beide zugleich 
drehen. (Am besten beurtheilt man diess nach dem Stande des Kinnes 
zum Brustbeine.) So hält z. R. ein Kranker, dem der R. externus des 
linken Auges gelähmt ist, und der desshalb alle Objecte doppelt sieht, 
welche gerade vor ihm (in der verticalen Medianebene) und von da im 
Sehfelde links liegen, sein Gesicht links gedreht, damit beide Augen 
mehr weniger rechts gerichtet seien, um die gerade vor dem Körper 
befindlichen Objecte einfach sehen zu können. Ist aber bereits exces- 
sive Contraction des Antagonisten, im obigen Falle Einwärtsschielen 
des linken Auges eingetreten, dann hält der Kranke den Kopf entgegen- 
gesetzt, im obigen Falle etwas rechts gedreht, weil so die Elidirung 
des dem linken Auge angehörenden Bildes leichter gelingt. — Das 
Doppelbild kann aber auch aus andern Gründen der Wahrnehmung ent- 
gehen, und zwar entweder weil es mit dem des gesunden Auges noch 
theilweise zusammenfällt (bei gewissen Distanzen und Richtungen, bei 
geringer Muskelinsufficienz) , oder weil es bereits einer sehr periphe- 
rischen Netzhautstelle angehört (bei completer Lähmung und in Folge 
von Reflexwirkungen), oder weil die Energie der Netzhaut des afficir- 
ten Auges zu gering ist, als dass sich die schwache Erregung des 
Sensorium von hier und im Gegensatze zu der vom normalen Auge 
ausgehenden. Erregung geltend machen könnte. Im Allgemeinen wird 
man jedoch finden, dass bleibende und unter allen Umständen herr- 
schende Unterdrückung des Doppelbildes bei passiver Ablenkung der * 
Sehachse (Luscitas, Muskellähmung) weit seltener und erst nach sehr 
langer Dauer zu Stande kommt, während bei der (später zu be- 
sprechenden) activen Ablenkung (Strabismus, excessive Muskelcontrac- 
tion) Doppeltsehen gar nicht oder nur unter besondern Verhältnissen 
vorkommt. Das binoculäre Doppeltsehen bildet somit das constanteste 
Symptom und empfindlichste Reagens für Muskelinsufficienz, respective 
Lähmung. 

Unter Berücksichtigung des eben Gesagten wird es in jedem spe- 
ciellen Falle möglich sein, auch solche Muskellähmungen zu erkennen, 
die sich nicht sogleich durch abnorme Stellung der Hornhaut und ge- 
hinderte Beweglichkeit des Bulbus verrathen, wenn man ohngefähr fol- 
gendermassen vorgeht. Zunächst lasse man den Kranken den Kopf ganz 
gerade halten (am besten durch einen Gehilfen fixiren), so dass sowohl 
die verticale Median- als die Gesichts- oder Antlitzebene senkrecht auf 
der Horizontalen stehen; sodann halte man die Objecte, mit denen man 
auf Doppeltsehen reagiren will, vorerst dem Gesichte gerade gegenüber, 



Lähmung im Allgemeinen — Doppeltsehen. 273 

und zwai in einer Entfernung-, in welcher solche Objecte vermöge ihrer 
Grösse und Beleuchtung- und vermöge des Refractionszustandes der 
Augen ohne besondere Anstrengung der Accommodationsorgane noch 
deutlich gesehen werden können (ohngefähr im Mesoropter). Zu den 
Proben wähle man Objecte, welche lang und schmal, scharf begrenzt 
und hell oder glänzend sind, und sorge dafür, dass sie zur Unterlage 
(dem Hintergründe) gehörig contrastiren. Das Gesichtsfeld des Kranken 
für die angegebene Entfernung (also die Horopterfläche oder vielmehr 
Schale) denke man sich in 4 Quadranten getheilt, durch Verlängerung 
der verticalen Medianebene und einer auf der Antlitzfläche senkrecht 
stehenden horizontalen Ebene in der Höhe der Augenlidspalte. Den 
Punkt im Gesichtsfelde, wo diese beiden Ebenen sich schneiden, welcher 
mithin gerade mitten vor dem Kranken und in gleicher Höhe mit 
seinen Augen liegt, wählen wir als Mittel- oder Ausgangspunkt, und 
führen das Probeobject von da zuerst in der Horizontalen (wo die Ho- 
ropterschale von der Horizontalebene getroffen wird) links und rechts 
so weit, als es ohne Ausschluss des einen oder andern Auges durch 
den Nasenrücken geschehen kann, dann in der Verticalen (Durchschnitt 
des Horopters und der verticalen Medianebene) auf- und abwärts, end- 
lich in den Zwischenrichtungen (Quadranten) nach rechts und oben, 
links und oben u. s. w. Sind die Erscheinungen, welche sich hiebei 
in Bezug auf die Stellung des vordem Poles der Hornhaut und auf 
die Lage der Doppelbilder ergeben, für die gewählte mittlere Sehweite 
erhoben, dann prüfe man das Verhalten der Augen nach denselben 
Merkmalen in grösserer Nähe und Ferne, je nach Zulass des Refrac- 
tionszustandes. 

"Wo man Grund hat, theilweise Deckung der Doppelbilder anzu- 
nehmen, kann man ein Auseinandertreten derselben dadurch bewirken, 
dass man mit dem Objecte weiter oder näher rückt, dass man es aus 
dem Centrum des Gesichtsfeldes rechts, links u. s. w. bringt, die hori- 
zontale Richtung desselben in die verticale verwandelt, und wo diess 
Alles nicht ausreicht, vor das eine Auge ein violettes Planglas hält. 
Wo das Doppelbild wegen relativ zu schwacher Erregung der Netzhaut 
nicht wahrgenommen wird, kann man dasselbe in der Wahrnehmung 
dadurch auftauchen machen, dass man vor das sehkräftigere Auge ein 
hinreichend dunkelfarbiges (blaues) Planglas hält. {Böhm, Gräfe.) 

Wenn sich die Doppelbilder in Bezug auf Helligkeit und Deutlich- 
keit nahezu oder völlig gleichen, wie bei geringer Insufficienz eines 
Rectus oder bei Lähmung eines Obliquus, so lässt sich durch Vorhal- 
ten irgend eines farbigen Glases vor das eine Auge leicht bemerkbar 

Arlt Augenheilkunde. III. 18 



274 Augenmuskeln. 

machen, welches Bild dem rechten, welches dem linken Auge ange- 
höre. Ausserdem aber lässt sich das Bild des afficirten Auges leicht 
daran erkennen, dass es minder hell und scharf erscheint, weil es einer 
mehr gegen die Peripherie gelegenen Netzhautstelle angehört, oder 
schief gestellt ist, wenn die Thätigkeit eines Obliquus gestört ist (wegen 
Insuffizienz eines der Obliqui oder eines Antagonisten derselben bei 
einer bestimmten Stellung). Doch kann schon durch abwechselndes 
Verdecken bald des einen bald des andern Auges und Angabe des Kran- 
ken, welches der Bilder verschwindet, in den meisten Fällen, falls nicht 
schon die falsche Stellung der Hornhaut und die gehinderte Beweg- 
lichkeit des Bulbus nach irgend einer Richtung hin ausreicht, ermittelt 
werden, ob die Muskelinsufficienz am linken oder rechten Auge hafte. 
Man wird bei Verdeckung des gesunden Auges die Bemerkung machen, 
dass dasselbe hinter der Hand eine abnorme Stellung annimmt und be- 
hält, so lange das afficirte zum Fixiren verwendet wird. Es stellt sich 
auswärts: wenn an dem afficirten Auge der R. externus, einwärts: 
wenn der R. internus, nach innen und unten: wenn der Trochlearis, 
aufwärts: wenn der R. superior des andern Auges gelähmt ist. Ist auf 
diese Weise sichergestellt, welches Auge leidet, so ergibt sich aus dem 
Verhalten des Doppelbildes, welcher Muskel leidet und bis zu welchem 
Grade. Man braucht sich dann nämlich nur gegenwärtig zu halten, dass 
jede Erregung der Netzhaut so empfunden wird, als ginge sie von 
einem Punkte des Gesichtsfeldes aus, welcher in der Richtung einer 
Linie liegt, die man sich von der getroffenen Netzhautstelle durch den 
Kreuzungspunkt der Richtungslinien gezogen und bis zum Gesichtsfelde 
verlängert zu denken hat (Projection der Empfindung). Wenn daher 
z. B. das linke Auge nach innen abgelenkt ist, während das rechte seine 
Sehachse auf das zur Probe dienende Object richtet, so wird, weil jetzt 
im linken Auge das Bild dieses Objeetes auf eine von der Macula lutea 
einwärts gelegene Stelle fällt, das Object von dem linken Auge weiter 
links gesehen, als von dem rechten. Mithin lässt sich schliessen, dass, 
wenn das Doppelbild als dem linken Auge angehörig und als gegen 
die linke Seite des Kranken gerückt erkannt wird, das linke Auge ein- 
wärts abgelenkt sein müsse, und zwar um so viele Grade, als die Mes- 
sung und Berechnung nach der Verrückung des Doppelbildes ergibt. 
(Doppeltsehen mit gleichnamigen Bildern.) Wenn dagegen dasselbe 
Auge nach aussen abgelenkt ist, demnach das Bild des von dem rech- 
ten Auge fixirten Objeetes in dem linken Auge auf eine von der Ma- 
cula lutea auswärts gelegene Stelle fällt, so wird dieses Auge die Em- 
pfindung weiter rechts versetzen, als das direct sehende rechte Auge, 



Lähmung im Allgemeinen — Doppeltsehen. 275 

das dem linken Auge angehörende Bild erscheint somit rechts gelegen. 
(Doppeltsehen mit gekreuzten Bildern.) Erscheint der vordere Pol des 
einen Auges tiefer gestellt, als an dem andern Auge, so wird das die- 
sem Auge angehörende Bild, weil auf einem unter dem hintern Pole 
gelegenen Punkte entworfen, im Gesichtsfelde höher als das des andern 
Auges erscheinen. Gräfe (Archiv f. Ophth. B. I. Abth. I. S. 85) hat 
zuerst angegeben, wie man sich mittelst Prismen (mit brechenden 
"Winkeln von 3, 4 — 12 Grad) die Verhältnisse des Doppeltsehens auf 
exacte Weise versinnlichen kann. „Da ein Prisma das Licht nach 
seiner Basis hin ablenkt, so wird es, vor ein Auge gehalten, den Licht- 
einfall gerade in derselben Weise verändern, als wenn das Auge mit 
seinem vordem Pole gegen die Basis des Prisma abgelenkt wäre, wo- 
bei das Doppelbild nach der entgegengesetzten Seite projicirt wird." 

„Die Berechnung der pathologischen Stellung des Auges und der Lage des Doppel- 
bildes, welche oft von hohem physiologischen und diagnostischen Interesse ist, pflege ich 
auf folgende Weise vorzunehmen. Eine grosse Tafel , welche in sehr viele numerirte 
Quadrate getheilt ist, wird in einer möglichst weiten Entfernung vom Kranken aufge- 
stellt. Vor derselben ist auf einer entsprechenden Vorrichtung ein scharf begrenzter, 
leuchtender Körper , am besten ein kleines Licht, verschiebbar. Der Kopf des Kranken 
wird nun genau so fixirt, dass die Angesichtsfläche der Tafel parallel bleibt und hierauf 
das Licht vom Centrum der Tafel allmälig nach oben, unten und beiden Seiten bewegt; 
für eine jede Stellung des Lichtes wird das Quadrat markirt, in welches das Doppelbild 
fällt. Da nun die Entfernung der Tafel vom Kopfe angegeben ist, so lässt sich die Ex- 
centricität des Netzhautbildes (Entfernung desselben vom Netzhautcentrum) im kranken 
Auge leicht bestimmen, denn es verhält sich die scheinbare Distanz der beiden Bilder zu 
dieser Excentrieität, wie sich die Entfernung der Tafel vom Auge verhält zur Entfernung 
des Kreuzungspunktes der Richtstrahlen von der Netzhaut. Die gefundene Excentricität 
des Netzhautbildes gibt uns, auf den Drehpunkt bezogen, den Bogen der Drehung; über 
die Richtung derselben kann kein Zweifel existiren, da sie den Gesetzen der Projection 
gemäss immer der scheinbaren Verrückung des Doppelbildes entgegengesetzt sein muss, 
und zwar diametral entgegengesetzt, weil Object und Netzhautbild genau in eine Meri- 
dianebene fallen. — Ist die Abweichung der Sehachse im paralysirten Auge von der 
Sehachsenstellung des gesunden bestimmt, diese letztere aber durch die Verhältnisse der 
Fixation gegeben, so kennen wir auch die absolute Lage der Sehachse im paralysirten 
Auge, d. h. deren Abweichung von- der ursprünglichen Gleichgewichtsstellung, als welche 
die auf der Angesichtsfläche senkrechte Richtung angesehen wird. Die Neigung des Dop- 
pelbildes eines verticalen Gegenstandes muss in entgegengesetzter Richtung auf den ver- 
ticalen Meridian des paralysirten Auges übertragen werden, so dass auch für jede Stel- 
lung der Sehachse die Richtung der Meridiane ermittelt werden kann, vorausgesetzt, dass 
der verticale Meridian des gesunden Auges in verticaler Pachtung verharrt, das gesunde 
Auge also ein in der Mittellinie (verticalen Meridianebene) liegendes Object, gleichviel, 
ob nach oben oder unten, nur nicht seitlich nach oben oder unten liegendes fixirt.*) — 

*) Meines Eraehtens darf das vom gesunden Auge fixirte Object auch nicht bedeutend über oder unter 
der Horizontalen (höher oder tiefer als die Augen) liegen, wenn der verticale Meridian streng senk- 
recht bleiben soll. 

18* 



376 Augenmuskeln. 

Ein anderes Mittel, die Excentricität der Bilder direct zu bestimmen, besteht in der An- 
wendung prismatischer Gläser. Die Stärke des Prisma , welches die Doppelbilder an 
einander bringt , wird direct zu dieser Bestimmung benutzt ; doch ändert jede Verschie- 
bung des Prisma gegen die Achse der einfallenden Strahlen dessen Brechkraft, und wer- 
den die nahe aneinander gebrachten Bilder durch willkürliche Muskelcontraction in kran- 
ken oder gesunden Auge leicht verschmolzen, daher dieses Mittel nur zur approximativen 
Schätzung geeignet ist. "Wegen Vermeidung des letztgenannten Übelstandes verdient da- 
her eine andere Anwendungsweise der prismatischen Gläser den Vorzug. Nachdem die 
Distanz der Doppelbilder an der Tafel für eine bestimmte Stellung markirt ist, wird das 
kranke Auge geschlossen und die Ermittelung der Excentricität auf das gesunde Auge 
übertragen , welches in der früheren Fixation verharrte. Ein Prisma wird nun so vor 
das Auge geschoben, dass es mit seiner Basis die Hälfte der Pupille deckt, während die 
andere Hälfte frei ist; hierdurch entsteht Diplopia monoeularis; das eine Bild rührt von 
dem frei durch die Pupille einfallenden Lichte, das andere von dem im Prisma gebroche- 
nen Lichte her. Es ist leicht, dem Prisma durch Drehung eine solche Stellung zu 
geben, dass das excentrische Bild nach Richtung des früher gesehenen, auf der Tafel 
markirten Doppelbildes projicirt wird; dass es vollends mit diesem zusammenfalle, hängt 
nur von der Stärke des gewählten Prisma ab, und diese bestimmt den Grad der Excen- 
tricität." (Ä. v. Gräfe Archiv für Opth. B. I. Abth. 1. S. 13—16.) 

Die Muskelläkmungen sind keine häufige, wenn gleich auch nicht 
gar seltene Erscheinung. Ihr Vorkommen ist weder an ein Geschlecht, 
noch an ein bestimmtes Alter oder an eine Körperhälfte besonders ge- 
bunden. Ihre Ursachen, noch lange nicht hinreichend bekannt, und in 
speciellen Fällen bald sehr leicht, bald sehr schwer oder gar nicht be- 
stimmbar, machen desshalb zunächst die Eintheilung in Lähmungen 
centralen (von den Nerven innerhalb der Schädelhöhle aasgehenden) 
und peripherischen (in der Orbita oder im Muskelbauche selbst ge- 
legenen) Ursprunges praktisch brauchbar. Genaue Kenntniss der Ana- 
tomie überhaupt, so wie des Ursprungs, Verlaufes und der Verzweigung 
der Nerven insbesondere thut hier ebenso noth, wie richtige und voll- 
ständige Erhebung aller krankhaften Zufälle nicht nur am Auge, son- 
dern auch im übrigen Körper. Vergl. über Cerebralamaurosen S. 144 — 
149. Was die peripherischen Augenmuskellähmungen betrifft, so gilt 
von ihnen besonders obige Behauptung, dass wir ihre nächsten Ur- 
sachen im Allgemeinen noch wenig kennen. Viele Fälle sind rheuma- 
tischen Ursprunges, namentlich durch Zugluft auf die Augengegend be- 
dingt; es sprechen dafür Beobachtungen, wo die bestimmte Angabe des 
Patienten, die unmittelbare Aufeinanderfolge und der Erfolg der auf 
diese Voraussetzung gestützten Therapie vorliegen. Dasselbe gilt auch 
in Bezug auf Syphilis, welche, wenn gleich selten, Lähmung eines oder 
des andern Augenmuskels zur Folge hat, ohne dass der Sitz des Pro- 
cesses allemal in die Schädelhöhle verlegt werden kann. Die Sympto- 
matologie der Entzündung ei?ies Muskels oder seiner Zellscheide ist noch 



Lähmung im Allgemeinen — Ätiologie — Therapie. 277 

nicht bekannt, wenigstens nicht hinreichend sichergestellt. Unerwiesen, 
wenn gleich nicht unwahrscheinlich, ist die Lähmung eines und des 
andern Augenmuskels in Folge übermässiger Anstrengung, nach forcir- 
ter Haltung des Bulbus in einer ungewöhnlichen Richtung. Ich kenne 
einige Fälle, wo Kranke diess als Ursache bezeichneten. Zu erwähnen 
ist endlich noch der progressiven Muskelinsufficienz , welche den Anta- 
gonisten eines habituell excessiv contrahirten Muskels vermöge mangel- 
hafter Übung und Ernährung trifft, besonders den Rectus externus bei 
inveterirtem Strabismus convergens continuus. Unter den Weingeistprä- 
paraten der Prager Augenklinik befindet sich auch ein Auge mit einer 
erbsengrossen melanotischen Ablagerung im Muskelbauche des Rectus 
externus; doch ist mir über den Fall nichts bekannt, da das Präparat 
aus früheren Zeiten stammt. 

Viele Muskellähmungen verlieren sich allmälig von selbst oder unter 
entsprechender Behandlung; andere sind schon vermöge der sie bedin- 
genden Ursache unheilbar. Aber auch an und für sich heilbare Muskel- 
lähmungen können unheilbar werden, wenn der Muskel in Folge länger 
aufgehobener oder beträchtlich verminderter Thätigkeit bereits atrophisch 
geworden oder fettig entartet ist. Hiezu gibt nicht nur der (Monate, 
Jahre) lange Fortbestand der Lähmung selbst, sondern auch erhöhte 
Contraction des Antagonisten, Veranlassung, wie wir weiter unten bei 
Besprechung des Strabismus sehen werden. 

Bei der Behandlung wird man sich zunächst an die Behebung der 
Ursachen zu halten haben, wenn solche noch fortwirken und sich über- 
haupt beseitigen lassen, wie z. B. Syphilis, Blutergüsse u. dgl. Sodann 
ist auf Anregung der Function des Muskels hinzuwirken. Diess können 
wir auf doppeltem Wege: a) indem man das gesunde Auge schliessen 
und mit dem erkrankten Bewegungen nach der Seite des afficirten 
Muskels intendiren lässt; b) indem man die Cutis der Umgebung des 
Auges durch verschiedene Mittel reizt. Das erstere Mittel wird beson- 
ders dann zu versuchen sein, wenn der afticirte Muskel einige Thätig- 
keit noch besitzt oder bereits wieder erlangt hat. Massige, der Kraft 
des Muskels entsprechende und methodisch fortgesetzte Übung vermag 
dieselbe zu stärken, und andererseits wird auf diese Weise zugleich 
dem Eintreten bleibender Contractur des Antagonisten vorgebeugt. Wo 
bereits Contractur des Antagonisten eingetreten und noch einigermassen 
Hoffnung auf Wiederherstellung der Function des gelähmten Muskels 
vorhanden ist, wird durch die Durchschneidung des ersteren wenigstens 
ein unüberwindliches Hinderniss der letzteren beseitigt. Dr. A. von Gräfe 
hat, so viel ich mich auf mündliche Mittheilungen hierüber erinnere, 



278 Augenmuskeln. 

auf diese Weise sehr befriedigende Resultate erhalten. Die Anwendung 
äusserer Reizmittel ist von altersber in Gebrauch, und namentlich gegen 
rheumatische Lähmungen empfohlen worden. Die vorzüglichsten sind: 
trockene warme Tücher oder Säckchen mit aromatischen Kräutern, Ein- 
reibungen von Veratrin- oder Mercurdeuterojoduretsalbe, an die Stirn 
und Schläfe, fliegende Vesicantien (täglich ein Stück von der Grösse 
des Nagelgliedes des Daumens an eine andere Stelle der Stirn und 
Schläfe angelegt), Einstreuen von Strychnin ( 1 /i6 — Vi 2 Gran) an eine der 
Epidermis entblösste Stelle, Anwendung des magneto-elektrischen Stro- 
mes an verschiedenen Stellen des obern Augenhöhlenrandes und an den 
Augenwinkeln, Ammoniakdämpfe an die Bindehaut bei offen gehaltenem 
Auge u. dgl. Ich habe Lähmungen verschiedenen Grades, besonders 
die am häufigsten vorkommenden des R. externus unter Anwendung 
eines und des andern der genannten Mittel in Zeit von einigen (2 bis 10) 
Wochen zurückgehen sehen, weiss indess auch, dass mitunter solche 
Fälle ohne alle Behandlung mit der Zeit von selbst zurück gehen, bin 
somit nicht im Stande, für die Wirksamkeit derselben direct einzu- 
stehen, obwohl mir ihre Anwendung durchaus rationell erscheint, indem 
wir durch Erregung sensitiver Nerven (des Trigeminus) auf motorische 
einzuwirken suchen. Mit Ausnahme des Strychnin und der Elektricität, 
bei deren Anwendung jederzeit grosse Vorsicht nöthig ist, kann man 
mit den genannten Mitteln wohl nie schaden. Von der Acupunctur, 
welche bisweilen zu Neuralgien Veranlassung geben soll, habe ich seit 
vielen Jahren keinen Gebrauch mehr gemacht, da ich dabei in einigen 
Fällen keine Besserung hatte eintreten sehen. 

Bei Lähmung des M. rectus externus s. abducens steht, wenn 
sie vollständig und noch nicht mit Contractur oder excessiver Contrac- 
tion des R. internus complicirt ist, der vordere Pol des Auges nahezu 
in der Mitte der Lidspalte, sobald das gesunde Auge ein Object im 
Mittelpunkte des seiner Antlitzfläche gerade gegenüber liegenden Ge- 
sichtsfeldes fixirt. Bei engem Horopter werden also gelegene Objecte 
einfach , bei weitem dagegen doppelt gesehen. Hat man das Object 
unter der angegebenen Bedingung so weit vom Antlitz entfernt, dass 
es bereits anfängt doppelt oder breiter (durch theilweise Deckung) zu 
erscheinen, und führt man es in der Verticalen aufwärts, so nähern 
oder decken sich die Doppelbilder, wogegen sie beim Abwärtsführen 
des Objectes (in der verticalen Medianebene und in gleicher Distanz 
vor den Augen) weiter auseinander weichen. Geht man, sich in der 
Horizontalen (d. h. stets in gleicher Höhe mit den Augen über dem 
Fussboden) haltend, mit dem Objecte von der Medianebene nach der 



Lähmung des M. r. externus. 279 

entgegengesetzten Hemisphäre des Gesichtsfeldes (z. B. bei Lähmung 
des R. externus der linken Seite rechts von der verticalen Medianebene), 
so wird das Object einlach gesehen, hingegen doppelt mit immer wei- 
ter auseinander tretenden Bildern, sobald man in der gleichnamigen 
(linken) Hemisphäre sich mehr und mehr von der Medianebene ent- 
fernt. *) Hat man einen langen geradlinig begrenzten Gegenstand ge- 
wählt, z. B. eine Stricknadel, und wird derselbe immer senkrecht auf 
der Horizontalen gehalten, so nimmt der Kranke leicht wahr, dass 
das Doppelbild dem wahren parallel und zur gleichnamigen (linken) 
Seite steht. Dabei sieht man, dass das betroffene Auge dem Objecte 
bei der Bewegung nach der gleichnamigen Seite um so weniger folgt, 
je ärger die Aflection des R. externus ist. Bei sehr geringem Grade 
der Aifection kann das Auge noch so weit auswärts gerollt werden, 
dass der Hornhautrand an die äussere Commissur zu stehen kommt, 
somit die Muskeliusufficienz sich nur durch das Doppeltsehen kund 
gibt. Wählt man (bei richtig gehaltenem Kopfe des Kranken) in der 
gleichseitigen (linken) Hemisphäre einen Punkt, etwa 20 oder 30 Grad 
von dem Mittelpunkte des Gesichtsfeldes abstehend und in gleicher 
Höhe mit demselben, d. h. in der Horizontalen, so erscheinen die Bil- 
der vertical neben einander und um ein Bestimmtes, z. B. 6 Zoll von 
einander abstehend; geht man aber in unverändertem Abstände von 
der Antlitzfläche sowohl als von der Medianebene der Horizontalen auf- 
wärts, so rückt das Doppelbild dem wahren näher (als 6 Zoll) und 
neigt sich überdiess mit seinem obern Ende zu demselben; bringt man 
dagegen das vertical gehaltene Object unter denselben Bedingungen 
tiefer und tiefer unter die Horizontale, so treten die Bilder weiter aus- 
einander, und die untern Enden der Bilder stehen weiter von einander 
ab, als die obern. 

Nehmen wir an . der E. externus des linken Auges wäre gelähmt. Beim seitlichen 
Blick nach oben soll der vordere Pol dieses Auges nach aussen und oben also die Ma- 
cula lutea nach innen und unten gewendet werden. Dieser Effect wird im normalen 
Zustande erzielt durch erhöhte Contraction des B. externus, B. superior und Obl. inferior 
unter entsprechender Gegenwirkung des B. internus, B. inferior und Obl. superior. Fällt 
nun der Zug des B. externus ganz (oder theilweise) weg, so ist die Wirkung des B. in- 
ternus relativ prävalirend, die Einwärtsrollung der M. lutea ungenügend, das Lichtbild 
trifft also eine von der M. lutea einwärts gelegene Stelle, erregt somit die Empfindung, 
als befände sich das Object weiter links von der Medianebene. Dasselbe wird der Fall 

*) Tritt hiebei die frappante Erscheinung ein , dass , wenn man sich dem Extrem der seitlichen Ver- 
schiebung nähert, die Doppelbilder nicht mehr proportionirt auseinander weichen, so ist diess wahr- 
scheinlich dadurch bedingt, dass der B. internus des gesunden Auges, indem er sich dem Summum 
der Contraction nähert, so wie alle anderen Muskeln, sich relativ weniger verkürzt, daher das wahre 
Bild dem falschen näher rückt, trotzdem man weiter nach aussen geht. 



280 Augenmuskeln. 

sein beim seitlichen Blick nach unten, wo der R. extermis, R. inferior und Obl. superior 
die Ablenkung bewirken, und zwar wegen Ausfall des R. externus ungenügend. Das Un- 
genügende der Ablenkung, mithin auch die Excentricität des Lichtbildes wird aber ia 
letzterem Falle beträchtlicher sein, als in ersterem, weil der R. internus als Antagonist 
des R. externus und Obl. superior in Bezug auf die Einwärtsrollung der Mac. lutea 
durch den ihm näher liegenden R. inferior weit mehr unterstützt wird, als beim Blick 
nach oben und aussen durch den R. superior. Zugleich muss aber in dem einen wie in 
dem andern Falle eine Drehung um die Sehachse erfolgen. Denn eine Ebene, durch die 
Ursprünge des R. [superior und inferior am Sehnervenloche und durch die Mittelpunkte 
ihrer Insertionslinien in der vordem Hemisphäre des Bulbus gelegt, streicht an der Innen- 
seite des Drehpunktes vorbei, und muss, wenn die Obliqui den hintern Pol einwärts zu 
rollen streben, die verstärkte Wirkung des R. inferior den untersten Tunkt des Bulbus (das 
untere Ende der verticalen Achse) weiter nach innen ablenken, als der R. superior beim 
Blick nach oben, weil die Insertion des R. inferior näher am R. internus liegt, als die 
des R. superior. 

Über den Einfluss der Abducenslähmung auf die acconimodative 
Thätigkeit des Auges, welcher bisher unbeachtet geblieben war, be- 
merkt A. v. Gräfe (Archiv Bd. I. Abthl. I. S. 53): „Da bei der Accom- 
modation (für die Nähe) alle Muskeln in (erhöhte) Spannung gerathen, 
so zeigt sich hiebei nicht selten die Insufficienz des paretischen Mus- 
kels. So kommt es zuweilen bei pathologischer Schwäche des Abdu- 
cens vor, dass beim gleichzeitigen Gebrauche beider Augen ein grad- 
aus vor dem Erkrankten liegender entfernter Gegenstand richtig fixirt 
wird, wählend bei Annäherung desselben auf dem erkrankten Auge pa- 
thologische Convergenz sich einstellt. Noch beweisender sind Experi- 
mente mit Brillengläsern, weil hiebei auch die Sehachse des gesunden 
Auges nicht verrückt, demnach auch jede synergische Muskelcontrac- 
tion an dem erkrankten Auge vermieden wird; setzt man z. B. dem 
erwähnten Kranken eine Concavbrille auf und zwingt hiedurch die 
Augen, bei gleich bleibender Stellung des Objectes einen höhern Brech- 
zustand anzunehmen, so sieht man oft die pathologische Ablenkung- 
eintreten oder eine vorhandene sich vermehren." 

Anfang März 1850 consultirte mich eine circa 28 Jahre alte Frau vom Lande we- 
gen Doppeltsehen, welches seit Weihnachten bestand. Sie war von kräftigem Körper- 
bau und gesundem Aussehen. Als sonderbar hob sie hervor, dass sie mit jedem Auge 
für sich einfach, mit beiden Augen zugleich doppelt sehe. An der Stellung ihrer Augen 
war keine Abnormität wahrzunehmen. Hielt ich ihr einen Finger vertical gerade dem 
Gesichte gegenüber, etwa 20 Zoll entfernt, so bemerkte sie einen zweiten, etwa 2 Zoll 
rechts davon abstehend , ziemlich gleich deiitlich. Erst vor einigen Tagen war sie an 
einen Wagen angerannt, das Doppelbild für das wahre haltend. Ging ich mit dem Fin- 
ger weiter zurück, so traten die Bilder weiter aus einander, und das rechte wurde un- 
deutlicher. Bei der Prüfung der Beweglichkeit der Bulbi zeigte sich, dass das linke 
vollkommen frei war, das rechte dagegen nicht gehörig gegen den äussern Winkel hin 
gestellt werden konnte. Rückte ich nun mit dem Finger bei 20 Zoll Entfernung von. 



Lähmung des AI. r. externus. 281 

der Medianebene in die linke Hälfte des Sehfeldes der Kranken, so näherten sich die Bilder 
mehr und mehr bis zur völligen Deckung; rückte ich dagegen in die rechte Hemisphäre des 
Sehfeldes, so traten die Bilder auf 3 — 4 Zoll auseinander. Sie konnte mit jedem Auge 
allein lesen, doch mit dem rechten Auge nicht lange. Die Sehweite dieses Auges schien 
nicht verändert zu sein , doch gab die Kranke an, dass sie mit demselben die Lettern 
etwas kleiner und minder schwarz sehe, als mit dem linken. In der Hornhaut, Iris, 
Pupille u. s. w. konnte ich keine Abnormität wahrnehmen. Es war nun gewiss, dass 
ich es mit Paresis des E. externus am rechten Auge zu thun hatte. Damit stimmten 
nun auch die anderweitigen Angaben der Kranken zusammen. Die Frau war zuerst von 
heftigen Kopfschmerzen in der rechten Seite, dann von Schwindel, Übligkeiten und Er- 
brechen, endlich von Doppeltsehen befallen worden. Da sie habituell an Stuhlverstopfung 
litt und sehr spärlich menstruirte, so waren ihr Blutegel und Abführmittel verabreicht 
worden. Die Kopfschmerzen verminderten sich jedoch erst dann merklich, als die Frau 
eine Änderung in ihrer Wohnung hatte vojaehmen lassen. Sie, die schon früher ein- 
mal an acutem Rheumatismus gelitten hatte und endlich durch die Moorbäder in Marien- 
bad gänzlich davon befreit worden war, hatte im Herbst ein neugebautes Zimmer be- 
zogen, welches mit einem daranstossenden durch einen gemeinschaftlichen Ofen beheizt 
wurde, und daher ausserordentlich feucht war. Nach Beseitigung dieses Übelstandes 
waren, wie gesagt, die Kopfschmerzen viel gelinder und seltener geworden, aber das Dop- 
peltsehen bestand fort, obwohl das rechte Auge, welches eine Zeitlang (im Jäner) ganz- 
gegen den innern "Winkel verdreht gewesen war, sich allmälig wieder besser stellte. 
Von einem allgemeinen oder centralen Leiden Hess sich nichts nachweisen. Die auf die 
Annahme, dass hier einfach Paresis rheumat. vorhanden sei, gestützte Therapie hatte bald 
complete Heilung zur Folge. 

Mitte October 1849 consultirte mich ein Student, 17 Jahre alt, gut gewachsen, von 
gesundem Aussehen , bisher stets gesund und unter günstigen Yerhältnissen lebend, we- 
gen Doppeltsehen, welches sich zu Ende der Ferienzeit ohne bekannte Veranlassung ein- 
gestellt hatte, sowohl an nahen als fernen Objecten bemerkt wurde, und durch complete 
Lähmung des R. externus am rechten Auge bedingt war. Da sich durchaus keine an- 
derweitigen krankhaften Erscheinungen , als das Doppeltsehen , die Unbeweglichkeit des 
Bulbus nach aussen und zeitweilig etwas dumpfe Kopfschmerzen nachweisen Hessen, sup- 
ponirte ich Verkältung als die wahrscheinlichste Ursache, und wandte durch einige Zeit 
erst Elektricität, dann Strychnin endermatisch an. Wegen Nichterfolg von Besserung 
blieb der Kranke aus,', und ich sah ihn erst wieder, als er am 4. Jäner unter der Dia- 
gnosis vitium organ. cerebri auf eine Unterabtheilung des Spitales aufgenommen worden 
war. Es war nämlich im Spätherbste unter anhaltenden dumpfen Schmerzen im Hinter- 
haupte Stottern und bald darauf Schwäche der linken obern und untern Extremitäten 
eingetreten, welche um Weihnachten in förmliche Paresis übergegangen war. Mitte Jäner 
stellte sich Fieber ein, der Kopfschmerz wurde viel heftiger, das Sprechen sehr erschwert, 
in der rechten Gesichtshälfte traten bisweilen Zuckungen ein und die Zunge wich beim 
Hervorstrecken merklich nach rechts ab. Nach Anlegung von Blutegeln hinter den Ohren 
am 20. Jäner und spontaner Blutentleerung aus der Nase am 22., traten die Kopfschmer- 
zen bloss bei Bewegung ein, und lobte der Kranke seinen Zustand. Ende Jäner jedoch 
kehrten sowohl der Kopfschmerz als häufige Convulsionen zurück, der Kranke verlor am 
4. Februar das Bewusstsein, und starb am 5. Die Pupille des stark einwärts gewendeten 
rechten Auges war stets enger, als die des linken, das Sehvermögen bestand, wurde 
jedoch in der letzten Zeit nicht näher geprüft. Die von Prof. Engel vorgenommene 



282 Augenmuskeln. 

Section ergab eine fibröse Geschwulst an der Basis cerebri mit Meningitis und Apoplexie 
als Ursache der Erscheinungen. Diese Geschwulst bestand aus einem weichfasrigen, 
dichten, blutgefässreichen Stroma mit peripherisch eingelagerten rundlichen und geschwänz- 
ten Zellen. Sie war wallnussgross , an der Oberfläche gelappt, hart, fest, dem Anscheine 
nach fasrig, weiss, hlutleer, und lag rechterseits an der Medulla oblongata längs dersel- 
hen. Sie ging von der Medulla oblongata und zwar von der Gegend des Corpus rhom- 
boid. und olivare dextrum aus, so dass die Pyramiden und Oliven sammt den Hülsen- 
strängen und dem obersten Theile des Corpus restiforme, und ein grosser Theil der 
Brückenarme und der brücken förmigen Rindenschicht in dieselbe entartet erschienen. 
Die Dura mater der Schädelbasis daselbst verdünnt. Die innern Hirnhäute an der Schädel- 
basis, besonders rechterseits vom Pons Varoli und zwar vom vordem Ende desselben 
bis zum hintern Ende des Olivenkernes und von da 1 Zoll auswärts gegen das kleine 
Gehirn sehr verdickt , hart, theils gelb, theils weiss gefärbt, mit einer festen gelben Ge- 
rinnung und Serum infiltrirt. Unter und zwischen denselben an der rechten Seite des 
Pons ein scharf abgegrenztes dunkles Blutgerinnsel. 

Lähmung der vom N. oculomotorius versorgten Muskeln. 

Bei peripherischen Anlässen kann ein und der andere Rectus für sich 
ergriffen sein, der R. internus, superior oder inferior, doch auch zwei 
drei zugleich. Öfters geschieht es, dass der Levator palpebrae superio- 
ris allein ergriffen wird. Von isolirter Lähmung des Obliquus inferior 
ist mir kein Fall bekannt. Lähmung centralen Ursprunges erstreckt 
sich immer auf alle vom Oculomotorius versehenen Muskeln, demnach 
auch mittelst der Radix brevis ganglii ciliaris auf die Iris und den Ci- 
liarmuskel, nur ist sie nicht immer complet und dann nicht in allen 
Zweigen (Muskeln) gleich stark ausgesprochen (nicht gleich stark in 
die Erscheinung tretend). Wenn noch einige Contractionsfähigkeit be- 
steht, so kann es leicht den Anschein haben, als sei der R. superior, 
besonders aber der R. inferior nicht so sehr afficirt, wie der R. inter- 
nus, weil jener durch den Obl. inferior, dieser durch den ganz unver- 
sehrten Obl. superior theilweise unterstützt wird. Ich halte es für hin- 
reichend, hier nur die Erscheinungen bei completer Lähmung der vom 
N. oculomotorius versehenen Muskeln zu besprechen, weil, wer diese 
kennt, auch im Stande sein wird, die Lähmung einzelner Muskeln zu 
erkennen und richtig zu beurtheilen. 

Zunächst hängt das obere Lid schlaff vor dem Auge herab, und 
die Lidspalte erscheint geschlossen. Bemüht sich der Kranke, sie zu 
öffnen, so klafft dieselbe noch etwa auf 2 — 3 Linien, doch nicht wegen 
Contraction des Levator, sondern wegen Nachlass in der Wirkung des 
Orbicularis palpebrarum. In der Regel werden hiebei auch die Augen- 
brauen etwas emporgehalten. Hebt man das Lid empor — am besten 
bei Verdeckung des nicht afficirten Auges — so steht die Pupille in 
der Mitte der Lidspalte oder weiter nach aussen, und kann nur wenig 



Lähmung der vom N. oeuloiuot. versehenen Muskeln. 283 

oder gar nicht einwärts, dagegen vollständig auswärts gestellt werden. 
Ist noch keine exeessive Contraction, Contractur des R. externus, ein- 
getreten, so ist der Pupille noch ein ziemlicher Spielraum zu Exemtio- 
nen zwischen der Mitte der Lidspalte und dem äussern Winkel gestattet, 
indem sie bei Nachlass der erhöhten Contraction des R. externus, wenn 
man den Blick nach innen anstreben lässt, vermöge der Elasticität der 
Umhüllungen des Bulbus und des Sehnerven gegen die Mitte der Lid- 
spalte zurückkehrt. Die Beweglichkeit nach oben und gerade nach 
unten erscheint beschränkt oder aufgehoben. Beim Versuche, gerade 
abwärts zu blicken, wird die Pupille etwas nach unten und aussen be- 
wegt, doch mehr ruck- oder stossweise, als gleichmässig fortschreitend. 
An den Episcleralgefässen in der Gegend des R. internus lässt sich 
leicht bemerken, nach der Veränderung ihrer relativen Richtung und 
Stellung zu den Lidern, dass dabei der Bulbus um eine von vorn nach 
hinten laufende Achse gedreht wird, so dass der oberste Punkt der 
Cornea etwas zu, der unterste etwas von der verticalen Medianebene 
abgelenkt wird, Erscheinungen, welche durch die Wirkung des Obl. 
superior zu Stande gebracht werden, welcher durch den Impuls, das 
Auge abwärts zu stellen, allein in Thätigkeit versetzt werden kann, 
ohne dass ihm der Obl. inferior das Gleichgewicht zu halten vermag. 
Eine andere und zwar continuirliche Folge der alleinigen Wirkung des 
Trochlearis, der tiefere Stand der Hornhaut relativ zu der des gesun- 
den Auges lässt sich selten unmittelbar wahrnehmen, weil die Horn- 
haut hiezu meistens zu weit über die Mitte der Lidspalte hinüber ab- 
gelenkt ist. Sie lässt sich aber, gleich der continuirlichen Drehung des 
Bulbus um die Sehachse, an dem Stande des Doppelbildes nachweisen. 
— Die Lage des Bulbus erscheint etwas flacher, indem von der rück- 
haltenden Kraft (den Rectis) drei Viertel, von der entgegenwirkenden 
(den Obliquisj die Hälfte ausfällt. 

Das Doppelbild erscheint auf der dem afficirten Auge entgegenge- 
setzten Seite (wegen Divergenz der Sehachsen) etwas höher als das 
wahre und schräg. Dies ergibt sich im Allgemeinen aus der dreifachen 
Drehung, welche der afficirte Bulbus erfahren hat. Am meisten ist er 
um die verticale Achse gedreht, der vordere Pol aus-, der hintere ein- 
wärts; sodann um die horizontale gerade oder die Sehachse, und zwar 
mit Herüberneigung des obern Endes der verticalen Achse (oder des 
verticalen Xetzhautmeridianes) zur Medianebene; endlich um die hori- 
zontale Transversalachse, so dass das Hornhautcentrum etwas tiefer 
steht als die Mac. lutea. Die Lage des Doppelbildes lässt sich am 
besten mit einem dünnen lichten Stabe wahrnehmbar machen. Zunächst 



284 Augenmuskeln. 

halte man ihn vertical und in gleicher Höhe mit den Augen in der mit 
dem afficirten Auge gleichnamigen Hälfte des Sehfeldes. Sobald die 
Pupille nicht über die Mittellinie einwärts gestellt werden kann, wird 
auf der entgegeugesetzten Seite des wahren ein Doppelbild erscheinen, 
um so weiter von demselben abstehend, je weiter man ihn nach dem 
entgegengesetzten Ende des Sehfeldes hin bewegt, oder je weiter man 
sich mit demselben von dem Antlitze entfernt. Überdiess steht das 
Doppelbild schief, oben zu dem wahren zugeneigt, weil der Obl. supe- 
rior, seines Antagonisten (des Obl. inferior) verlustig, das obere Ende 
des verticalen Netzhautmeridianes zur verticalen Ebene zuneigt, das 
Lichtbild des obern Stabendes mithin auf eine relativ weniger auswärts 
gelegene Netzhautstelle fällt, mithin auch auf eine dem wahren Bilde 
nähere Stelle des Sehfeldes bezogen wird. Fixirt der Kranke statt 
des Stabes eine lange Stange, so bemerkt er auch, dass das obere 
Ende des Doppelbildes seinem Antlitze näher gelegen erscheint, als 
das untere. Diese Erscheinung hängt meines Erachtens damit zusam- 
men, dass der Bulbus beim Ausfall des Obl. inferior durch den Obl. 
superior zugleich um die transversale horizontale Achse gedreht steht, 
so dass, während beim Blick nach dem Centrum des Sehfeldes an dem 
gesunden Auge Hornhautcentrum und Macula lutea in der Horizontalen 
liegen, an dem afficirten Auge ersteres etwas unter, letztere etwas über 
derselben liegt, was für die Empfindung bei dem Abgange des leiten- 
den Massstabes (des Muskelgefühles im R. inferior, der sonst diese 
Lage bewirkt) dasselbe ist, als ob der Stab der Netzhaut schräg gegen- 
über gestellt wäre, mit dem einen Ende näher, mit dem andern weiter. 
Ganz dasselbe bewirken wir an einem gesunden Auge durch Vorhalten 
eines Prisma; auch hier wird das Auge gewissermassen dem Objecte 
schief gegenüber gestellt, und wer es nicht wüsste, dass ein vorgehal- 
tenes Glas prismatisch geschliffen sei, würde ein hierauf betrachtetes 
Object für schief oder anderswo stehend halten, weil die Veränderung 
der Stellung seines Auges zum Objecte nicht durch Muskelaction zum 
Bewusstsein gebracht wurde. — Dass das Doppelbild etwas höher er- 
scheint, bemerkt der Kranke leichter, wenn man ihm den Stab horizon- 
tal vorhält, und nicht weit von der Horizontalen abweicht; geht man 
tiefer herab, so kommt man auf einen Punkt, wo das Doppelbild mit 
dem wahren gleich hoch steht, dann aber, beim weitern Herabgehen 
auf Punkte, wo es relativ tiefer steht, indem die Pupille des afficirten 
Auges durch den Obl. superior allein nicht so tief herabgerollt werden 
kann, wie die des gesunden Auges durch den R. inferior und superior, 
mithin das Object in demselben auf einer höhern Netzhautstelle abge- 



Lähmung der vom N. oculomot. versehenen Muskeln. 285 

bildet wird. Kranke mit Oculomotoriuslähmung kommen daher, falls 
das afficirte Auge nicht geschlossen gehalten wird, besonders beim 
Stiegensteigen in Verlegenheit; doch machen auch im Zimmer die Wan- 
dungen, auf der Strasse die Gebäude auf sie den Eindruck, als hingen 
sie oben herüber und drohten mit Einsturz. 

Die Sinnestäuschung ist hier so unerträglich, dass, wenn man das 
afficirte Auge behufs der Aufnahme der Erscheinungen offen halten 
lässt, der Kranke bald das afficirte, bald das gesunde Auge, so gut es 
eben geht, verdreht, sich dem Doppeltsehen unwillkürlich entzieht, und 
die Untersuchung überhaupt nicht lange aushält. Er bekommt Schwindel, 
wird blass, hinfällig, zur Ohnmacht geneigt. Meistens wird das befal- 
lene Auge über den Mittelpunkt der Lidspalte auswärts gelenkt, so 
dass das Bild von Objecten in der Medianebene schon auf eine sehr 
peripherische Stelle der Netzhaut fällt, zumal bei engem Horopter. 
Überdiess kann das Auge nur ungenügend oder gar nicht für die Nähe 
eingerichtet werden, erscheinen die Bilder naher Objecte auch aus die- 
sem Grunde undeutlich. Wenn aber auch der Kranke seine Aufmerk- 
samkeit auf die AYahrnehmung des afficirten Auges lenkt, so hält er 
die gleichzeitige Fixirung des Objectes mit dem gesunden Auge mei- 
stens nicht lange aus und verdreht dasselbe verschiedenartig, meist 
nach dem äussern Winkel hin. 

Die Pupille des afficirten Auges erscheint bei vollständiger Oculo- 
motoriuslähmung massig erweitert, gewöhnlich 2 Vi'" im Durchmesser *), 
rund oder ein wenig oval (von oben nach unten länger), durchaus starr 
und unbeweglich. Sie verengert sich nicht, wenn man auf dasselbe 
oder auf das andere Auge nach längerer Beschattung volles Licht ein- 
wirken lässt, wogegen die des andern Auges normal reagirt, wenn das 
kranke Auge abwechselnd Licht und Schatten ausgesetzt wird. Sie 
verengert sich nicht, wenn man den Kranken ein nahes, und erweitert 
sich nicht, wenn man ihn ein entferntes Object fixiren heisst. Aber sie 
erweitert sich in der gewöhnlichen Stärke (auf 4 /y/ und darüber) nach 
Einträuflung von Atropin. **) 

*) Ohngefähr eben so gross, wie ceteris paribus auf dem andern (gesunden) Auge beim Blick in die Ferne. 
**) Diese Erscheinung ist zu Gunsten der Ansicht aufgeführt worden, dass die Belladonna reizend auf 
die vom N. sympathicus versehenen Radialfasern der Iris wirke; sie beweist jedoch nichts weiter, 
als dass die Kreisfasern der Iris nach Lähmung des Nerven, der ihre Contraction bis zum höchsten 
Grade vermittelt, nicht auch schon alle ihre Spannkraft verloren haben. Nimmt man Aufhebung der 
Spannkraft in den Ciliarfasern der Iris als die eigentliche Wirkung der Belladonna an, so wird nicht 
nur die Erscheinung erklärt, dass erst nach dem Eintreten dieser Erschlaffung die Radialfasern sich 
frei und ohne Gegenzug contrahiren können, sondern auch die Wirkung der Belladonna auf die Iris 
in Einklang gebracht mit der Wirkung derselben auf andere Sphinkteren. Donders hat bekanntlich 
nachgewiesen, dass die in den Bindehautsack eingeträufelte Atropinlösung in das Kammerwasser auf- 
genommen und demnach mit der Iris in unmittelbaren Contact gebracht werde. 



286 Augenmuskeln. 

Das von completer Oculomotoriuslähmung- befallene Auge ist der 
Accommodation mehr weniger verlustig, es ist eine Abänderung seines 
Refractionszustandes, wie sie das Erkennen feiner Gegenstände bis zur 
Annäherung auf 5 Zoll erfordert, nicht mehr möglich; der Nahepunkt 
ist auf 8", 10" u. s. w. hinausgerückt. Ich zweifle, dass man jemals 
Fälle von Oculomotoriuslähmung mit unversehrter oder auch nur re- 
lativ guter Accommodation finden werde; nur muss man nicht Fälle 
als Gegenbeweis benutzen, wo die Muskeln durch mechanische Hinder- 
nisse, Krankheiten in der Orbita, in der Rollung des Bulbus gehindert 
sind. Gerade wenn ein Bulbus völlig starr steht und nach keiner Rich- 
tung hin bewegt werden kann, liegt die Annahme viel näher, dass sie 
nur mechanisch gehindert sind , ohne desshalb auch ihren Tonus und 
ihre Contractionsfähigkeit verloren zu haben, als die Annahme, dass 
eine wirkliche Lähmung sämmtlicher Muskeln obwalte, welche nicht 
nur jede Ablenkung der Sehachse, sondern allerdings auch jede er- 
höhte Spannung, mithin auch die Accommodation unmöglich machen 
muss. 

Hiemit im Einklänge steht die Thatsache der Beobachtung, dass 
in solchen Fällen die optische Sensibilität, die Energie der Netzhaut 
eine Zeit lang etwas vermindert erscheint. Zwei Facta sind es, welche 
diess direct anzeigen: Der Kranke sieht Objecte in der deutlichen Seh- 
weite etwas kleiner, und er sieht ferne Objecte, minder deutlich, als 
mit dem gesunden Auge. Ich weiss bestimmt, dass einige Kranke ein 
Zweigroschenstück (Kupfer) für ein Groschenstück hielten, welches sie 
bei derselben Distanz (1.5 — 25") nachher mit dem gesunden richtig er- 
kannten. Entweder es verhält sich mit der Sensibilität der Netzhaut 
so wie mit der Empfindlichkeit der Cutis oder Cornea, welche biswei- 
len bei Muskellähmungen vermindert ist, oder es hängt dieses Phäno- 
men von der geringern Spannung der Netzhaut ab, wenn unsere oben 
ausgesprochene Vermuthung richtig ist. dass durch Erhöhung der Span- 
nung der Netzhaut bis zu einem gewissen Grade die Schärfe des Ge- 
sichtes gesteigert wird. 

Folgende Bemerkung, obwohl in mehrfacher Beziehung unvollständig (aus dem 
Jahre 1844), dürfte trotzdem in andern Beziehungen bemerkenswerth sein, wenigstens 
zur Anreihnng analoger Fälle. Eine 35 Jahr alte Wittwe , übrigens ganz gesund , litt 
seit einigen Wochen, als sie zu mir kam, an Doppeltsehen, dessen Entstehen sie anhal- 
tender Anstrengung mit Handschuhnähen, da sie drei Kinder ernähren musste, zuschrieb. 
Ich notirte folgenden Zustand. Die Lidspalte beiderseits gleich; steht die linke Pupille 
in der Mitte der Lidspalte, so steht die rechte auswärts, und der innere Rand der Cornea 
in der Mitte der Lidspalte. Die Bulbi von normaler Grösse und Lage.. Wird beim 
Blicke gradaus das linke Auge mit der Hand verdeckt, so stellt sich das rechte Auge 



Lähmung der vom W. oculomot. versehenen Muskeln. 2S7 

grade , kann aber bei der grössten Anstrengung nicht gehörig einwärts gestellt werden, 
immer bleibt der innere Cornealrand noch mindestens 2'" von der halbmondförmigen 
Falte entfernt. Nach aussen kann das rechte so vollkommen bewegt werden , wie das 
linke, in allen Bewegungen ganz freie; nach oben kann dasselbe so weit bewegt werden, 
wie das linke, nur weicht es dabei etwas nach aussen ab; nach unten kann es nicht ge- 
stellt werden , es bleibt beim stärksten Abwärtswenden des linken Auges um mindestens 
l'" zurück und weicht dabei etwas nach aussen ah. Ist die Pupille des linken gradaus 
gerichtet, so steht die Pupille des rechten nicht bloss auswärts, sondern auch zugleich 
ein wenig höher, was sich nach dem Stande des untern Lides leicht erkennen lässt. — 
Die Pupille des rechten Auges ist immer etwas grösser, als die des linken, etwa l 3 /*'" — 
2'", wenn diese \ l W" — IV2'" misst, übrigens vollkommen rund und schwarz, die Iris 
beiderseits etwas trag beweglich. Hält die Kranke das linke Auge zu, so drehen sich 
alle Gegenstände , so dass sie nicht gehen kann ; mit beiden Augen zugleich sieht sie 
doppelt , mit gekreuzten Bildern, doch nur in der Ferne und bei gewissen Stellungen 
naher Gegenstände. (Dieses Verhalten bedaure ich nicht näher ermittelt zu haben.) Sie 
kann sich auch des rechten Auges allein bedienen, wenn sie das linke auswärts ablenkt, 
hält diess jedoch nicht lange aus. Bei zugehaltenem linken Auge sieht sie übrigens alle 
Objecte so rein, wie mit dem linken, liest auch mit dem rechten, aber die Buchstaben 
erscheinen ihr etwas kleiner, sie liest efnen '/*'" hohen Diuck mit dem rechten, wie 
mit dem linken Auge allein, doch nicht anhaltend und zwar bei b" so gut wie bei 12". 
(Weiter wurde die Sehweite nicht geprüft.) — Ich wandte einige Zeit Reizmittel in 
der Umgebung des Auges an, und schritt endlich (im October 1844) zur Durchschnei- 
dung des R. externus am rechten Auge. Dieses stellte sich nun gerade, aber nun schielte 
das linke auswärts, ohne Doppeltsehen. Nach einigen Wochen, als in den gelähmten 
Muskeln des rechten Auges (R. internus und inferior) einige Beweglichkeit eingetreten 
war. durchschnitt ich den B. externus am linken Auge. Die Sehachsen konnten sich nun 
im Objecte kreuzen, ohngefähr zwischen 8 — 10 Zoll. Aber die Kranke kam schon wenige 
Tage nach der Operation nicht mehr zu mir, bis Ende Mai 1846, um sich neuerdings 
operiren zu lassen. Ich erfuhr nun , dass sie nach der Operation des linken Auges die- 
ses fortwährend verbunden getragen hatte, um mit dem rechten, allmälig ganz gut ge- 
wordenen , so wie vordem arbeiten zu können. Sie wollte jetzt wieder mit beiden ar- 
beiten , um das rechte nicht für immer allein zu gebrauchen und anzustrengen. — Ich 
fand das rechte Auge etwas mehr vorstehend , als das linke, scheinbar grösser, seine Be- 
weglichkeit nach allen Richtungen frei, nur nach innen und aussen ein wenig beschränkt, 
beim stärksten Einwärtswenden mit dem Cornealrande noch gegen V" von der halb- 
mondförmigen Falte abstehend , die Sehkraft und alle Gebilde desselben normal. Das 
linke Auge, durch das herabgesunkene obere Lid verdeckt!, stand zu meinem Erstaunen 
ganz nnbeweglich mit der Pupille in der Mitte der Lidspalte, konnte weder ein- noch 
aus-, weder auf- noch abwärts bewegt werden. Wenn die Kranke gradaus blickt, so 
schielt sie nicht und sieht einfach; wenn sie nach irgend einer andern Richtung blickt, 
sieht sie doppelt. Bemüht sie sich, mit dem linken Auge gerade auswärts zu blicken, so 
wendet sich die Pupille ein wenig nach unten und aussen, ohne jedoch in dieser Lage 
fixirt zu werden ; sie kehrt bald wieder in ihre frühere Stellung zurück. Bei dieser 
Wendung nach unten und aussen dreht sich der Bulbus um die Sehachse. Die Iris hat 
nämlich unter der Pupille einen dunkelbraunen Punkt. Bei ruhiger Stellung steht die- 
ser Punkt ohngefähr ' %'" einwärts von dem verticalen Durchmesser der Irisebene. Bei 
der genannten Bewegung steht dieser Punkt einige Augenblicke senkrecht unter dem 



288 Augenmuskeln. 

Centrum der Pupille. Diese Achsendrehung ist offenbar Folge des Obl. isuperior. Heisst 
man die Kranke aufwärts blicken, so rollt sieb der Bulbus ein wenig (kaum merklieb) 
in entgegengesetzter Richtung (wobl in Folge der Erschlaffung des Obl. superior). Über 
den Stand des Doppelbildes habe icb leider nichts notirt, als dass das dem linken Auge 
angehörige etwas höher stand, als das des rechten. Die Iris war trag beweglich, die 
Pupille etwas grösser, als auf dem rechten Auge, überdiess oval, im senkrechten Durch- 
messer 2 l j-i'", im queren 2"'. Mit diesem Auge allein konnte Druckschrift von 1'" Höhe 
mühsam bei circa 7", ziemlich gut bei 9 — 15 Zoll gelesen werden, während das rechte 
Auge denselben Druck schon von 5, mit Anstrengung selbst von 4 Zoll an lesen konnte. 
Verschiedene Heilversuche mit Veratrin, Strychnin, Acupunctur und Elektricität blieben 
ohne Erfolg und die Kranke wurde am 20. März 1847 aus der Behandlung entlassen. 

Elisab. V., 37 Jahre alt, consultirte mich wegen Doppeltsehen. Ich fand das linke 
Auge in jeder Beziehung normal. Kechts wird die Lidspalte bis auf etwa 3"' geöffnet, 
die Falte des obern Lides ist verstrichen. Die Pupille weicht, wenn das linke Auge 
gradaus sieht, etwa V" nach aussen ab. Doppeltsehen mit gekreuzten Bildern. Bei Ver- 
schluss des linken Auges kann die rechte Pupille noch etwas über die Mittellinie ein- 
wärts gerollt werden. Lässt man die Kranke mit beiden Augen aufwärts blicken , so 
bleibt das rechte Auge etwas zurück, und die Divergenz tritt deutlicher hervor; ebenso 
bleibt das rechte Auge beim Blicke nach unten etwas zurück, und die Divergenz ist 
ebenfalls deutlicher. Die Pupille des rechten Auges misst etwa l'/s — l'/a, wenn die des 
linken l'" Durchmesser zeigt. Bei Verschluss des linken Auges kann sie mit dem 
rechten lesen, am besten zwischen 15 — 20", weniger gut bei 10 — 12", gar nicht mehr 
unter 7". Durch eine Kartenblattöffnung von V" Durchmesser liest sie bei 5", durch 
engere Öffnungen noch näher. Beim Blick auf Gegenstände im Zimmer befällt sie Schwin- 
del , und sie kann , wenn das rechte Auge geschlossen wird, nicht über's Zimmer gehen, 
wird selbst beim Sitzen schwindlig. Hält sie beide Augen offen, so vermischen sich 
ihr alle Gegenstände, und das rechte Auge schliesst sich unwillkürlich. Sie meint — 
wenn beide Augen geöffnet sind — der Fussboden erhebe sich je weiter je mehr, glaubt 
auf ebener Strasse die Füsse mehr heben zu müssen, wie beim Bergsteigen. — Sie ist 
von schwächlicher Constitution , blass , doch sonst angeblich gesund. Sie führt eine 
sitzende Lebensweise, indem sie sieh durch Handscbuhnähen ernähi-t. Sie gibt an, dass 
sie an demselben Zustande schon vor 5 Monaten gelitten habe, nur in geringerem Grade, 
und dass sie von selbst nach etwa 6 Wochen davon genesen sei. Der jetzige Anfall 
besteht seit 8 Tagen, ohne dass man im Stande ist, ein bestimmtes Moment als Ur- 
sache bezeichnen zu können. Das erste Symptom war Schwindel. — Ich ordinirte vor- 
läufig nichts, indem ich die Kranke erst beobachten wollte; sie kam jedoch nicht mehr 
zu mir. 

Lähmung des Trochlearis kommt relativ am seltensten vor, 
und ist am schwierigsten zu erkennen. Die wichtigsten Vorarbeiten 
zur Diagnosis dieses Leidens verdanken wir Szokahky, Ruete und 
Donders, die förmliche Diagnostik aber A. von Gräfe im Archiv für 
Ophth. Bd. I. Abthl. I. S. 1 bis 81. Die hier folgende Darstellung ist 
der eben genannten Abhandlung entlehnt. 

Die Stellung der Hornhaut scheint beim Blick geradeaus ziemlich 
normal zu sein, erweist sich jedoch bei genauer Prüfung, während ein 



Lähmung des Trochlearis. 289 

bestimmter Punkt scharf angesehen wird, als etwas höher und um eine 
Spur nach innen gelenkt. Wird während des Fixirens vor das gesunde 
Auge die Hand vorgeschoben, so bemerkt man, dass die Hornhaut des 
.afficirten Auges aus ihrer frühem Lage ein wenig nach unten und 
aussen rückt, also früher unrichtig stand. (Beobachten wir, was wäh- 
rend dieses Vorganges die Hornhaut des gesunden Auges unter der 
deckenden Hand thut, so sehen wir, dass dieselbe etwas nach innen 
nnd unten steht, so lange das kranke Auge fixirt, nach dem bekannten 
Gesetze, dass, wenn auf dem einen Auge der afficirte Muskel in er- 
höhten Anspruch genommen wird, auf dem andern Ablenkung nach der 
Seite der associirten Muskeln eintritt.) Wird das Object in der Median- 
ebene nach unten geführt, so bleibt das afficirte Auge mehr und mehr 
zurück und weicht mehr und mehr nach innen ab. Gehen wir dagegen 
mit dem Objecte in der Medianebene nach oben, so verschwindet ent- 
weder hart an der Horizontalebene oder ein Weniges über derselben 
jede Spur von fehlerhafter Stellung. Dasselbe findet statt, wenn wir 
in dem obern Theile des Sehfeldes nach rechts oder links herüber 
gehen. Verrücken wir ihn aber in der untern Hälfte des Gesichtsfeldes 
seitlich, so treten verschiedene Stellungen auf. Rückt der Gegenstand 
nach der dem betroffenen Auge entgegengesetzten Hälfte des Gesichts- 
feldes, so bleibt das Auge in Bezug auf die Senkung der Cornea immer 
mehr zurück, in Bezug auf die Einwärtsrollung immer weniger; wird 
hingegen das Object nach unten und aussen von dem afficirten Auge 
gebracht, so weicht die Stellung des afficirten Auges von der des ge- 
sunden sowohl in der einen als in der andern Beziehung allmälig immer 
weniger ab. 

Beim Blick nach oben findet Einfachsehen statt; so wie aber der 
Gegenstand in der Medianebene sich der Horizontalen nähert, tritt Diplo- 
pie ein, mit gleichnamigem, also durch Convergenz der Sehachsen 
bedingtem Doppelbilde. Zugleich steht das Bild des kranken Auges 
beträchtlich tiefer, als das des gesunden, und überdiess schief gestellt. 
Ein vertical vorgehaltenes schmales und langes Object erscheint näm- 
lich mit dem obern Ende zur Medianebene (einwärts) geneigt, überdiess 
aber auch weiter von der Antlitzebene entfernt, als mit dem untern 
Ende (umgekehrt wie bei Lähmung des Oculomotorius, respective des 
Pv. inferior. Geht man mit dem Objecte in der Medianebene unter die 
Horizontale hinab, so treten die Doppelbilder sowohl in ihrem seitlichen 
Intervall als im Höhenunterschied immer mehr auseinander, und auch 
die Schiefheit nimmt um Einiges zu. Geht man ferner mit dem stark 
unter der Horizontalen befindlichen Gegenstande nach der Seite des 

Arlt Augenheilkunde. III. 19 



290 Augenmuskeln. 

gesunden Auges über die Medianebene hinüber, so nimmt sowohl die 
Schiefheit als der seitliche Abstand mehr und mehr ab, der Höhenun- 
terschied wird aber immer beträchtlicher, so dass für die äusserste 
Stellung des Objectes, in welcher gemeinschaftlich gesehen werden 
kann, die Doppelbilder beinahe gerade über einander liegen. Geht 
man dagegen mit dem unter der Horizontalebene befindlichen Objecte 
auf der Seite des kranken Auges weiter und weiter von der Median- 
ebene seitlich herüber, so nimmt der Höhenunterschied rasch, der seit- 
liche Abstand langsamer ab, und die Schiefheit wird immer beträcht- 
licher, doch nur in der Zuneigung zur Medianebene, nicht in der Ab- 
neigung von der Antlitzebene. Bei den Versuchen über der Horizon- 
talen lässt sich das Doppeltsehen in der dem gesunden Auge entspre- 
chenden Hälfte des Gesichtsfeldes noch um einen geringen Winkel hin- 
auf verfolgen, dann verschwindet es; auf der dem kranken Auge ent- 
sprechenden Hälfte schneidet es, je weiter man seitlich vorrückt, desto 
genauer mit der Horizontalen ab. 

Die spontane Kopfhaltung der Kranken ist ziemlich charakteristisch. 
Anfangs tragen sie den Kopf gerade nach vorn (um die transversale 
Achse gedreht), um alle Objecte möglichst in den obern Theil des Ge- 
sichtsfeldes zu bringen und so das Doppeltsehen zu umgehen. Sehr 
bald jedoch drehen sie den Kopf gleichzeitig auch um die verticale 
Achse nach der entgegengesetzten Seite , damit ' sie die Gegenstände 
nicht bloss nach oben, sondern auch in der mit dem afficirten Auge 
gleichnamigen Hälfte des Gesichtsfeldes sehen, denn für diese Stellung 
fühlen sie sich im Einfachsehen am sichersten, und zwar um so mehr, 
wenn durch beginnende Secundärcontractur des Obl. inferior die Grenze 
des Doppeltsehens sich auf der gesunden Seite über die Horizontal- 
ebene erhebt. Je entschiedener die Vermehrung in der Spannung des 
Obl. inferior wird, desto ausgeprägter wird auch die Kopfdrehung um 
die verticale Achse. Später wenn die schielende Stellung durch das 
ganze Gesichtsfeld geht, pflegt auch die angenommene Kopfhaltung in 
gewissem Grade aus Gewohnheit fortzubestehen, wird aber doch weni- 
ger forcirt, da ihre Zweckmässigkeit für den Sehact mehr und mehr 
erlischt. Der Kranke kann nun die Doppelbilder nicht mehr in eins 
zusammenschmelzen, und muss sich dadurch helfen, dass er entweder 
ein Auge schliesst, oder dass er ein Doppelbild physiologisch unter- 
drückt, oder dadurch , dass er es durch die Contraction eines andern 
Augenmuskels so weit ablenkt, bis es der grossen Excentricität wegen 
an störendem Einfluss auf das Sehvermögen verliert. 

„Das Sehvermögen war in keinem unserer Fälle erheblich gestört, 



Lähmung der Trochlearis. 291 

so dass die Tragweite selbst für die kleinsten Objecte von der des ge- 
sunden nicht wesentlich abwich. Die Accommodation zeigte sich ziem- 
lich normal; nur in der Richtung nach unten und innen schien sie we- 
niger andauernd und weniger excursiv, offenbar wegen der mühsamen 
Einstellung der Sehachsen/' (Gräfe.) 

Zur bcispielweisen Erläuterung will ich, obwohl mir zwei eigene Beobachtungen 
zu Gebote stehen, einen von A. v. Gräfe (Archiv B. I. Abth. 2. S. 313) beschriebenen 
Fall wählen, da derselbe nicht nur wegen exacter Beobachtung, sondern auch wegen 
Complication der Trochlearislähmung mit Abducenslähmung ein ganz besonderes In- 
teresse hat. 

„Ein Kleidermacher von 49 Jahren hatte vor geraumer Zeit einen Chanker gehabt, 
der schnell und ohne Spuren zu hinterlassen heilte. In seinem 30. Lebensjahre hatte er 
abermals einen Chanker, welcher längere Zeit bestand, und dem, wie er angibt, nach 
Jahresfrist andauernde Hautausschläge folgten. Diese haben sich in den letzten Jahren 
wiederholt, auch sind mehrere Abscesse am Halse vorhanden gewesen, die eröffnet wer- 
den mussten. Der letzte derselben bestand vor einem Jahre, mit ihm zugleich ein an- 
derer über der Articulatio sternoclavicularis. Vor 4 Jahren hatte Pat. zuerst Taubheit 
des Gefühls in der rechten Schulter bemerkt, so wie Schmerzen im rechten Arm mit 
bedeutender Schwäche bei der Arbeit. Vor 3 Jahren fing das jetzige Augenleiden mit 
Blendung und mangelhafter Ausdauer bei der Arbeit an ; Doppeltsehen will der Kranke 
zuerst vor 5 Monaten beobachtet haben. 

Bei der Untersuchung fand ich den rechten Arm nur um Weniges schwächer, als 
den linken, dagegen ausgeprägte paralytische Erscheinungen in den Augenmuskeln. Am 
auffallendsten war zunächst die Lähmung im linksseitigen M. abducens ; die Cornea konnte 
nur um einen geringen Winkel (etwa 10 Grad) über die Mittellinie nach aussen gerich- 
tet werden und auch diess geschah unter zuckenden , zum Theil auch unter rollenden 
Stössen. Mit den objeetiven Zeichen übereinstimmend war die Diplopie; je mehr das 
Object auf die linke Seite des Gesichtes herüber bewegt wurde, desto mehr wuchs die 
Entfernung des gleichnamigen Doppelbildes. Höhenunterschied und Schiefheit wurden 
in der horizontalen Visirebene nicht angegeben. Bewegte ich das Object nach unten, 
so zeigten die Doppelbilder die Eigenschaften , welche auf die linksseitige Paralyse des 
M. abducens nicht zu beziehen waren , es trat nämlich ein namhafter Höhenunterschied 
zwischen den beiden Bildern auf, so dass das linke Bild höher, das rechte tiefer stand; 
da vollends die Diplopie im ganzen untern Theil des Gesichtsfeldes, selbst wenn man 
ziemlich stark nach rechts hinüberging, vorhanden war, so musste noch eine andere 
Affection, als die linksseitige Abducenslähmung, aufgesucht werden. Ich hielt das Object 
nach unten und etwas rechts herüber, um dem linken Auge die Fixation zu ermöglichen, 
und glaubte mich schon bei aufmerksamer Inspection der Sehachsenrichtung zu über- 
zeugen , dass nun das rechte Auge nach innen und oben vom Object vorbeischoss. In 
der That ergab sich, dass beim Schluss des linken Auges die Cornea des rechten sich 
nach aussen und unten verrückte. Im obern Theile des Gesichtsfeldes standen , wenn 
das Object rechts gehalten wurde, die beiden Sehachsen richtig und es fand Einfach 
sehen statt. So konnte kein Zweifel bestehen , dass eine Parese in den nach unten 
ziehenden Muskeln des rechten Auges vorhanden sei , und es fragte sich nur noch , ob 
der B. inferior oder der Obl. superior betheiligt war. Die pathologische Convergenz, 
welche beim Blick nach unten stattfand, sprach schon von Anfang an für eine Affe- 

19* 



292 Augenmuskeln. 

ction des Trochlearis , und doch hätte dieses Symptom hier wegen der linksseitigen Ab- 
ducenslähmung täuschen können, da bekanntlich auch bei Abducenslähmung mehr Nei- 
gung zur Convergenz der nach unten als der nach oben gerichteten Sehachsen vorhan- 
den ist. Freilich war bei dem Kranken die Zunahme der Convergenz, wenn man in 
der Medianebene das Object herabsenkte, zu auffallend, als dass man dieselbe hätte auf 
Abducenslähmung gründen können, sofern nämlich bei letztgenannten Lähmungen wohl 
oberhalb der horizontalen Visirebene ein erhebliches Schwanken der Convergenz (je 
nach der Höhe), unterhalb der horizontalen Visirebene aber nur eine geringfügige und 
zuweilen gar keine Zunahme der Convergenz (nach unten hin) nachweisbar ist. Auch 
hätte sich fuglich die Convergenz nicht bis gegen den aussersten Theil des Gesichtsfel- 
des nach rechts, wenn auch in abnehmender Weise wie hier, erhalten können. Trotzdem 
lag die Idee einer secundären Contractur im E,. internus des rechten Auges, wie solche 
eo häufig bei Paralyse des Antagonisten im andern Auge vorkommt, immer noch nahe 
genug, um positivere Beweisgründe wünschenswerth zu machen. Zum Glück für die 
Diagnose gab der Kranke eine deutliche Schiefheit des rechten Bildes an ; dasselbe war 
mit seiner obern Extremität nach links geneigt, also ganz conform einer Trochlearis- 
parese, entgegengesetzt einer Parese des E. inferior. Um nun die weitern controlliren- 
den Merkmale zu gewinnen, ging ich mit dem Objecte im untern Theil des Gesichts- 
feldes von rechts nach links herüber, erwartend, dass die Schiefheit in dieser Richtung 
continuirlich abnehmen würde. Dem war nicht so; freilich gab Pat. zuweilen auf der 
ersten Hälfte der Bahn (von rechts bis zur Medianebene) einige Verringerung der Schief- 
heit an, aber von der Mittellinie bis zur aussersten Haltung nach links wurde gar keine 
Abnahme, zuweilen sogar eine Zunahme der Schiefheit bemerkt. Diese Störung der Sym- 
ptomengruppe hätte ich auf Grund der linksseitigen Abducenslähmung voraussehen sollen, 
denn auch Paralysen des R. internus und des B. externus bedingen bei diagonaler Stel- 
lung des Objectes Schiefheiten, welche mit der physiologischen Neigung der Meridiane 
in Zusammenhang gebracht werden müssen. Demzufolge hätte bei beschränkter Beweg- 
lichkeit nach aussen und unten eine scheinbare Schiefheit des linken Bildes nach rechts 
herüber stattfinden müssen, welche die scheinbare, durch Trochlearislähmung bedingte 
entgegengesetzte Schiefheit des rechten Bildes nothwendig steigern müsste. Diess, glaube 
ich, erklärt genügend die ausbleibende Abnahme der Schiefheit nach links und hat diese 
Ansicht im weitern Verlaufe der Krankheit ihre Bestätigung gefunden. — Vollständig 
charakteristisch war das "Wachsen des Höhenunterschiedes der Bilder, wenn man mit 
dem Objecte von rechts nach links herüberging, und konnte schon durch Inspection an 
der Sehachsenrichtung erkannt werden. Ebenso fehlte das Näherliegen des rechten Bil- 
des nicht. Die Beweglichkeit der Sehachse nach innen — unten war beim Verschluss 
des linken Auges bedeutend verringert. Die Kopfhaltung zeigte sich etwas anders, als 
bei einfacher Trüchlearislähmung. Während sonst die Kranken den Kopf nach der affi- 
cirten Seite und gleichzeitig nach vorn drehen , war bei diesem Pat. der obere gleich- 
namige Theil des Gesichtsfeldes dem Einfachsehen erhalten, und er trug den Kopf etwas 
nach vorn geneigt, aber gleichzeitig nach links um die Verticalachse gedreht. — Das 
Sehvermögen zeigte sich auf beiden Augen gleich; ein gewisser Grad von Accommo- 
dationsparese mit Erweiterung des Mesoropter schien schon von früher her vorhanden 
zu sein. — Das Allgemeinbefinden war sehr gestört; Pat. klagte über fortwährendes 
Brausen im Kopfe, grosse Schwäche und Abnahme des Körpervolums. 

Als Grund der beiderseitigen Lähmung wurde die inveterirte Lues aufgefasst; ob 
eine materielle Veränderung an der Basis cranii zugegen war, und welche, blieb unent- 



Schielen — Kennzeichen. 293 

schieden , weil die nöthigen Auhaltpunkte für die Bestimmung fehlten. Ich verordnete 
Kali jodatum, und schon nach einigen Wochen zeigte sich eine Besserung beider Muskel- 
liihmungen, so jedoch, dass die Lähmung des Abducens schneller rückgängig wurde, als 
die des Trochlearis. Als mich kürzlich der sich vollständig geheilt ansehende Kranke 
besuchte, war die Abducenslähmung verschwunden, das Doppeltsehen nach unten jedoch 
noch künstlich (durch violette Gläser) nachweisbar. Jetzt zeigte sich zu meiner grossen 
Freude eine volle Übereinstimmung der Svnrptonie mit den für Trochlearis-Paralyse als 
charakteristisch angegebenen, denn trotz des geringen gegenseitigen Abstandes der Dop- 
pelbilder, der noch übrig war, konnte nun die früher durch Abducenslähmung gestörte 
continuirliche Zunahme der Schiefheit von links nach rechts deutlich genug nachgewie- 
sen werden. — In therapeutischer Beziehung war es erfreulich, dass alle übrigen Krank- 
heitserscheinungen, die Schwäche im Arm, das Brausen im Kopf mit der Augenmuskel- 
lähmung vollständig rückgängig wurden , dass das Aussehen und Befinden des Kranken, 
sich bedeutend besserte und das Körpergewicht erheblich zunahm. Das Kali jodatum 
(gegen 2 Unzen) wurde mit kurzen Unterbrechungen circa 8 Wochen gebraucht." 



Schielen (Strabismus). 

Schielen heisst ein Auge {dessen Sehachse) von dem Gegenstande 
ablenken, welchen das andere fiacirt. Die Ablenkung ist activ , beruht 
auf ea-cessiver Contraction (später auf Contractur) eines oder mehrerer 
Muskeln, und erfolgt im Allgemeinen unwillkürlich und trotz alles An- 
kl'unpfens des Willens dagegen. Mit dieser activen Ablenkung zugleich 
erfolgt Unterdrückung der Wahrnehmung des Gegenstandes, den das an- 
dere Auge fiarirt. 

Willkürlich zu schielen vermögen nur wenige, und das meist jugend- 
liche Individuen. Wenn Jemand, wie diess gewöhnlich zu physiolo- 
gischen Zwecken geschieht, seine Aufmerksamkeit auf einen entfernte- 
ren Gegenstand richtet, aber die Sehachsen in einem näher gelegenen 
Punkte sich schneiden lässt, indem er sich einen solchen imaginirt, so 
kann man nicht sagen, er schiele, sofern er nämlich jenen Gegenstand 
weder mit dem einen noch mit dem andern Auge fixirt, sondern den- 
selben beiderseits auf excentrischen Netzhautstellen zur Abbildung 
bringt, daher mit keinem Auge direct sieht. Auch das kann man nicht 
Schielen nennen, wenn Jemand die Sehachse des einen oder des an- 
dern Auges nicht auf das Object richtet, welches gesehen werden soll, 
sondern neben demselben aus dem Grunde vorbeischiessen lässt, weil 
das directe Sehen unmöglich ist, z. B. w r egen centraler Undurchsichtig- 
keit der Medien oder wegen centraler Untauglichkeit der Netzhaut. Es 
ist diess nur dann möglich, wenn das andere Auge nicht zum Sehen 
verwendet wird oder ganz erblindet ist. Einigen wir uns endlich da- 
hin, dass wir das Zurückbleiben des einen Auges hinter den Bewegun- 



294 Augenmuskeln. 

gen des andern wegen mechanischer Hindernisse (Verwachsung, Mus- 
kellähniung), mithin die passive i^blenkung des einen Auges von dem 
Gegenstande, den das andere frei bewegliche Auge verfolgt, nicht unter 
einem gemeinschaftlichen Namen mit der activen Ablenkung zusammen- 
fassen, so haben wir für den Ausdruck Schielen oder Strabismus einen 
ganz bestimmten Begriff festgestellt, einen Begriff, welcher im Wesent- 
lichen das enthält, was seit J. Müller*) als Strabismus concomitans be- 
schrieben wurde, in welchen dagegen das, was man über Strabismus 
lusciosus gesagt hat, nicht gehört. 

Das Schielen tritt entweder nur zeitweilig auf, und zwar nicht 
bloss das will- sondern auch das unwillkürliche , oder — wie in den 
meisten Fällen — continuirlich. Auf das zeitweilige Auftreten des un- 
willkürlichen ScLielens übt bald die Accommodation, bald der Wille, 
bald auch das Allgemeinbefinden bestimmend ein. Manche schielen nur 
beim Betrachten naher, andere nur beim Betrachten entfernter Objecte. 
Manche können (namentlich dann, wenn sie auf schärferes Sehen ver- 
zichten) das Schielen durch erhöhten Willenseinfluss auf mehr weniger 
lange Zeit vermeiden ; andere verfallen in diesen Zustand gerade, wenn 
sie ihn zu vermeiden bemüht sind, und noch andere dann, wenn 
sie sich unwohl, verlegen u. dgl. fühlen. — Das continuirliche Schielen 
tritt entweder immer an demselben Auge in die Erscheinung (Str. non- 
alternans), oder bald an dem einen, bald an dem andern, jedoch in 
letzterem Falle immer in derselben Bichtung (niemals z. B. auf dem 
einen Auge ein-, dann auf dem andern auswärts) und in demselben 
Grade (Str. alternans). Die häufigste Richtung ist die nach innen, 
Str. convergens (als alternans oder non-alternans), bedingt durch exces- 
sive Contraction oder Contractur des E. internus allein, oder des R. 
superior oder R. inferior zugleich, wodurch das Schielen nach innen- 
oben oder nach innen-unten zu Stande kommt; seltener ist das Aus- 
wärtsschielen, Str. divergens (gleichfalls als alternans oder non-alter- 
nansj, bedingt durch excessive Contraction des R. externus, am selten- 
sten die Ablenkung nach oben, Str. sursum vergens, und die nach 
unten, Str. deorsum vergens. In Folge von Lähmung des Obl. superior 
oder des Obl. inferior kann durch secundäre Contractur des Antago- 
nisten (Obl. inferior, respective superior) das von Einigen beobachtete 
Radschielen (mit Drehung des Bulbus um die Sehachse) zustande kommen. 

Jedes Schielen höheren Grades verräth sich durch die abweichende 
Stellung der Cornea zu dem fiorirten Objecte. Wo die fehlerhafte Stel- 
lung wegen geringer Abweichung nicht sogleich augenfällig wird, braucht 

*J Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes, Leipzig, 1S2Ü. 



Schielen — Kennzeichen. 295 

man nur, während der Kranke zur Fixirung eines Objectes angewiesen 
wird, vor das eine Auge die flache Hand vorzuschieben; das gesunde 
Auge bleibt dabei ganz ruhig, das schielende verlässt aber seine fehler- 
hafte Stellung zu dem Objecte augenblicklich, und stellt sich mit der 
Sehachse auf dasselbe ein, falls es überhaupt noch zum directen Sehen 
und zum Wahrnehmen jenes Objectes geeignet ist. Hiebei ist jedoch 
nöthig, dass der Kopf des Schielenden früher in die normale Stellung 
gebracht und während der Proben darin erhalten werde. Auf die im 
Ganzen genommen seltenen Fälle, wo sich das schielende Auge nach 
Verdickung des gesunden nicht mit der Sehachse zum Objecte ein- 
stellt, sondern mit derselben gleichsam daneben vorbeischiesst, werden 
wir später zu sprechen kommen. — Ein anderes Merkmal des schielen- 
den Auges besteht darin, dass es nach allen Richtungen hin frei be- 
wegt werden kann, besonders wenn das gesunde Auge mit den Fingern 
zugedrückt wird. Auch hievon giebt es Ausnahmen, theils bei frischen, 
tlieils bei inveterirten Fällen des alternirenden und nicht-alternirenden 
Scliielens. "Wenn sich nämlich Schielen (z. B. einwärts) in Folge von 
Lähmung eines Muskels (des R. externus) entwickelt, so kann zur Zeit, 
wo die Lähmung noch nicht völlig verschwunden ist, die Beweglich- 
keit des Bulbus nach dieser Seite noch beschränkt oder aufgehoben 
sein. Eben so wird, wenn die excessive Contraction des ablenkenden 
Muskels lange bestanden und zu förmlicher Contractur (mit bleibender 
Verkürzung und Rigidität) geführt hat, die Beweglichkeit nach der ent- 
gegengesetzten Seite theils hiedurch, tlieils aber auch und zwar in 
noch höherem Grade dadurch beschränkt, dass der Antagonist in Folge 
geringerer Übung atrophisch geworden ist. Nur wo diese Momente 
wegen hochgradiger und viele Jahre lang andauernder Ablenkung stark 
entwickelt sind, kann das schielende Auge nicht über die Mitte der 
Lidspalte nach der entgegengesetzten Richtung hinübergestellt, oder 
auch selbst nicht in der Mitte erhalten werden. — Hieran reiht sich 
ein drittes Merkmal, nämlich dass das schielende Auge dem gesunden 
bei allen Bewegungen folgt, und zwar unter gleicher oder doch nahezu 
gleicher Neigung seiner Sehachse zu der des gesunden Auges, so lange 
dieses sich in demselben Horopter bewegt (seinen Refractionszustand 
nicht ändert). Im gesunden Zustande schneiden sich die Sehachsen in 
dem fixirten Objectpunkte unter einem bestimmten Winkel, welcher für 
denselben Horopter derselbe bleibt, für jeden weitern Horopter spitziger, 
für jeden engern minder spitzig wird. Beim Einwärtsschielen schneidet 
die Sehachse des schielenden Auges die des fixirenden vor dem Ob- 
jecte, und zwar unter einem um so weniger spitzigen Winkel, je höher 



296 Augenmuskeln. 

der Grad der Ablenkung ist; wird das Object in demselben Horopter 
hin und her bewegt, so folgt ihm auch das schielende Auge unter dem- 
selben Winkel. (Beim Übergange des Sehobjectes in" die obere oder in 
die untere Hälfte des Gesichtsfeldes ändert sich der Neigungs- oder 
Schielwinkel trotz dem, dass der Horopter nicht geändert wird.) Wird 
das Object weiter entfernt, so bleiben die Verhältnisse dieselben, nur 
ist der Winkel, unter dem sich die Sehachsen schneiden, ein mehr 
spitziger. Ausnahmen hievon kommen nur dann vor, wenn Rigidität 
des ablenkenden Muskels oder Paresis des Antagonisten besteht. Bei 
Str. divergens liegt der Winkel, unter dem sich die Sehachsen schnei- 
den, hinter den Augen. Die Sehachsen sind also bei einem und dem- 
selben Kranken für eine bestimmte Sehweite des fixirenden Auges an 
eine bestimmte Neigung zu einander gebunden, welche sich — mit Aus- 
nahme der angedeuteten Complicationen — nur mit der Zu- oder Ab- 
nahme des Übels selbst ändert ( Schiel winkelj. — Hieraus ergibt sich 
ein viertes Merkmal des Strabismus. Wenn man einem Schielenden, 
icahrend er angewiesen wird, ein bestimmtes Object zu fixiren, die Hand 
vor das fixirende Auge schiebt, und nun, während das schielende Auge 
fixirt, den Stand des hinter der Hand befindlichen Auges beobachtet, sa 
findet man, dass dieses aus der normalen in eine fehlerhafte Stellung 
übergegangen ist. Es steht einwärts: wenn das nun fixirende Auge 
früher einwärts stand, auswärts: wenn dieses auswärts stand, dagegen 
abwärts: wenn das andere Auge früher aufwärts schielte, und aufwärts: 
wenn das andere abwärts schielte. Wird nämlich das gesunde Auge 
verdeckt, so muss, um dem für gewöhnlich excessiV contrahirten Mus- 
kel entgegenzuwirken, der Antagonist des schielenden Auges in erhöhte 
Thätigkeit versetzt werden; der hiezu nöthige verstärkte Impuls trifft 
aber immer zugleich auch den associirten Muskel des andern Auges, 
springt gleichsam auf denselben über, da wir nicht im Stande sind, 
diesen Impuls willkürlich auf ein Auge allein wirken zu lassen. Schielt 
demnach z. B. das linke Auge auswärts, so muss der R. internus des- 
selben in erhöhte Thätigkeit versetzt werden, um das Auge dem Ob- 
jecte gerade gegenüber zu stellen (und zu erhalten), und der Impuls 
hiezu geht gleichzeitig und unwillkürlich auf den R. externus des rech- 
ten Auges über. Schielt das linke Auge aufwärts, so sind die beiden 
R. inferiores in derselben Lage, wie früher der linke R. internus und 
der rechte R. externus. Zu bemerken ist noch, dass das Auge hinter 
der Hand genau oder doch nahezu um eben so viele Grade abgelenkt 
erscheint, als früher das schielende. — Ein Kranker, der mit dem lin- 
ken Auge einwärts schielt, erhält aber auch schon bei beiderseits offe- 



Schielen — Kennzeichen. 297 

ner Lidspalte nicht bloss an dem linken, sondern auch an dem rechten 
Auge den K. internus in excessiver Contraction, und hei einem Kran- 
ken, der auswärts schielt, findet dasselbe Verhältniss in Bezug auf die 
beiden ß. externi statt. Beim Aus- oder Einwärtsschielen leiden immer 
beide gleichnamige Muskeln, nicht bloss der des abgelenkten Auges. 
Beim wechselnden Schielen gibt sich diess kund, eben weil die Seh- 
kraft einen solchen Wechsel gestattet, entweder rein nach Willkür oder 
nach Zulass der Sehweite des einen und des andern Auges. Auch 
beim nicht- wechselnden Schielen ist es möglich, das für gewöhn- 
lich schielende Auge eine Zeit lang gerade zu halten, doch nur unter 
der Bedingung-, dass das andere jetzt in derselben Eichtung und in 
demselben Grade abgelenkt wird. Ist jedoch die Sehkraft des bestän- 
dig- schielenden Auges sehr gesunken, so vermag sich dasselbe nur auf 
kurze Zeit oder gar nicht mehr in der Einstellung zum Objecte zu be- 
haupten. Aber g-erade in solchen Fällen zeigt sich das Mitleiden des 
gleichnamigen Muskels an dem andern Auge besonders eclatant an der 
Kopfhaltung des Schielende?i. Ein Kranker, der mit dem linken Auge 
einwärts schielt, hält, um Objecte in der Medianebene seines Gesichts- 
feldes zu fixiren, den Kopf um die verticale Achse rechts gedreht. Gibt 
man ihm ein Buch in die Hand, so hält er es nicht gerade dem Ge- 
sichte gegenüber, sondern etwas schräg, mit der linken Seite zur Ant- 
litzfläche geneigt. Umgekehrt ist dieses Verhalten bei einem mit dem 
linken Auge auswärts Schielenden. Hiedurch wird erreicht, dass der 
ablenkende Muskel des schielenden Auges nicht so stark contrahirt zu 
werden braucht, wie wenn die Antlitzfläche dem Objecte gerade gegen- 
über gehalten werden muss. Führt man diese letztere Lage durch Cor- 
rection der Haltung des Kopfes oder des Objectes herbei, so findet 
man, dass beim Einwärtsschielen z. B. des linken Auges die Cornea 
desselben weiter einwärts gerollt wird, weil jetzt die Cornea des rech- 
ten Auges ganz oder nahezu in der Mitte der Lidspalte sehen muss, 
um das Object zu fixiren. Bei der spontanen Kechtsdrehung des Kopfes 
oder bei Herüberrückung des Objectes in die linke Hälfte des Gesichts- 
feldes ist demnach der E. internus des linken (schielenden) Auges nur 
wenig oder gar nicht mehr contrahirt, als der E. internus des rechten 
Auges, während bei gezwungener Haltung des Kopfes oder des Objec- 
tes die erhöhte Contraction des E. internus am linken Auge allein die 
Ablenkung der »Sehachse (Erhaltung des Schielwinkels) vermitteln muss. 
Der Kranke überlässt sich aber der spontanen Kopfdrehung oder Ob- 
jectsverschiebung um so lieber, als er dadurch nicht nur grössere Frei- 
heit in den associirten und besonders in den accommodativen Bewegun- 



298 Augenmuskeln. 

gen erhält, sondern auch das Entstellende seines Fehlers bis zu einem 
gewissen Grade niaskirt, i. e. die relativ stärkere Ablenkung der lin- 
ken Hornhaut gegen den innern Winkel verhindert oder doch vermin- 
dert. Laien lassen sich auf diese Weise täuschen, und meinen, das 
Schielen sei manchmal gar nicht oder nur in geringem Grade vorhan- 
den, auch in Fällen, wo dasselbe ganz gewiss continuirlich besteht. 
Wenn wir einen Schielenden (bleiben wir bei dem gewählten Beispiele : 
mit dem linken Auge einwärts) längere Zeit bei seinem Thun und Las- 
sen (unvermerkt) beobachten, so werden wir auch rinden, dass er den 
Kopf noch nach einer andern Richtung dreht, nämlich etwas zur Schul- 
ter der betreffenden (linken) Seite neigt, ein Beweis mehr dafür, dass 
auch an dem andern (rechten) Auge der gleichnamige (innere) Muskel 
excessiv contrahirt ist. Es tritt hier dasselbe Verhalten ein, wie wenn 
der Antagonist (R. externus) des nicht schielenden (rechten) Auges in- 
sufficient ist. Die Haltung eines continuirlich Schielenden ist eine 
ganz andere als die eines Einäugigen, selbst dann, wenn das schielende 
Auge sich gar nicht mehr zu deutlichen Wahrnehmungen eignet. — 
Aus diesem Verhalten resultirt aber auch, dass nach längerem Bestände 
des continuirlichen Schielefis nicht nur an dem schielenden, sondern auch 
im dem fixirenden Auge excessive Contraction, endlich Contractur des 
betreffenden {gleichnamigen) Muskels und Atrophie des Antagonisten ein- 
tritt, wenn gleich auf dem fixirenden Auge in geringerem Grade, als 
auf dem schielenden. Leute, welche durch viele Jahre mit dem einen 
Auge stark einwärts geschielt haben, können daher auch das fixirende 
nicht gehörig auswärts stellen. Dieser für die Operationslehre wich- 
tige Satz erhält eben durch die unmittelbaren Ergebnisse der Muskel- 
durchschneidung selbst weitere Bestätigung. Es liegt .demnach kein 
Widerspruch in der Behauptung, das Schielen könne immer nur an 
einem Auge auftreten, aber die nächste Ursache davon, die Muskelcon- 
traction, bestehe immer an beiden Augen zugleich. 

Das schielende Auge wird nicht zum directen, sondern nur zu in- 
(Jirectem Sehen verwendet. Der Schielende gebraucht zum Betrachten 
der Objecte jederzeit nur das eine Auge, und nimmt dieselben nur mit 
dem fixirenden Auge wahr ; er sieht daher auch niemals doppelt, selbst 
nicht in der ersten Zeit der Affection, wenn man jene Fälle richtig 
auffasst, wo Doppeltsehen die Veranlassung zum Schielen gibt. In diesem 
letzten Falle befinden sich nicht nur jene, welche von Lähmung irgend 
eines Augenmuskels befallen wurden, sondern gewiss errnassen auch 
jene, bei denen die Wahrnehmung des jeweiligen Gesichtsobjectes mit 
dem einen Auge durch undeutliche Wahrnehmung desselben mit dem 



Schielen — Kennzeichen. 299 

andern Aug-e g-estört wird, wegen Trübung- in den durchsichtigen Me- 
dien, wegen Differenz im Kefractionszustande oder wegen Netzhaut- 
affection. Beim Doppeltsehen wegen Muskellähmung treten die Bilder 
in der Wahrnehmung räumlich getrennt, im Gesichtsfelde auseinander 
gehalten auf, beim Doppeltsehen aus den letztgenannten Ursachen 
deckeu sich dieselben, werden nicht als neben, sondern gleichsam als 
auf oder in einander liegend wahrgenommen. "In dem einen Avie in 
dem andern Falle kann Schielen eintreten, damit das Doppelbild unter- 
drückt werde. Das Doppeltsehen ist nicht ein Symptom, welches das 
Schielen begleitet, sondern ein Act, welcher leicht zum Schielen Ver- 
anlassung gibt, wie wir bei der Ätiologie unten zeigen werden. — 
Dass das schielende Auge nicht zum directen Sehen verwendet werde, 
sieht man schon aus der Stellung desselben zu dem Objecte, welches 
eben betrachtet wird. Dass es aber auch nicht durch indirectes Sehen 
Ivenntniss von den Gegenständen bringt, welche das andere Auge sieht, 
ergibt sich leicht aus dem momentanen Verschwinden der Wahrneh- 
mung des fixirten Objectes, sobald man vor das fixirende Auge die 
Hand vorschiebt. Erst wenn das schielende Auge sich zum Objecte 
eingestellt hat, wird dieses wieder wahrgenommen. Wie es komme, 
dass das von dem gesunden Auge fixirte Object von dem schielenden 
nicht wahrgenommen werde, trotzdem es auch auf diesem ein Netz- 
hautbild entwirft, wissen wir nicht. Wenn wir sagen, die Wahrneh- 
mung werde unterdrückt, so ist diess nur ein figürlicher Ausdruck, 
welcher insofern gut gewählt erscheint, als er gewissermassen das 
Active dabei anzeigt. Denn auch bei Lähmung eines und des andern 
Muskels wird auf dem Auge, dessen Achse nicht auf das Object ge- 
richtet ist, irgendwo seitlich von der Macula lutea ein Bild des Objectes 
entworfen, aber dennoch wahrgenommen, und zwar trotz oft sehr be- 
deutender Excentricität, merklich gesunkener Netzhautenergie und 
langem Bestände des Leidens. Man muss demnach annehmen, dass 
die active Ablenkung des Auges zugleich eine Bedingung für die Unter- 
drückung der Wahrnehmung der von dem andern Auge gesehenen Ob- 
jecte in sich einschliesst. So lange ein von Muskellähmung oder mecha- 
nischer Ablenkung eines Auges Befallener es nicht zur activen Ablen- 
kung des betroffenen (oder des andern) Auges gebracht hat, gelingt es 
ihm nicht, der Wahrnehmung des Doppelbildes zu entgehen, ausser 
durch Zukneipen oder erst nach sehr langer Zeit, wenn die Netzhaut- 
energie sehr gesunken ist. Beim Schielen hingegen findet selbst bei 
einer sehr geringen Ablenkung, also bei sehr geringer Excentricität des 
Netzhautbildes, schon keine Wahrnehmung des Objectes (kein Doppelt- 



300 Augenmuskeln. 

sehen) statt, auch in Fällen, wo die Energie der Netzhaut des abge- 
lenkten Auges der des fixirenden völlig gleich geschätzt werden muss, 
und wo überhaupt kein Grund vorliegt, eine merkliche Differenz in 
dem Netzhautbilde des einen und des andern Auges (in Bezug auf Be- 
grenzung und Helligkeit) anzunehmen. Schielende können es bisweilen 
dahin bringen, dass sie doppelt sehen, d. h. auch mit dem abgelenkten 
Auge das von dem andern fixirte Object wahrnehmen, aber nur dann, 
wenn sie mit der Schärfe der Fixation nachlassen, auf dieselbe Weise, 
wie Gesunde doppelt sehen können, sobald sie ihre Aufmerksamkeit 
auf Objecte lenken, welche diess- oder jenseits ihres Horopters liegen, 
oder wenn sie, wie Böhm*) zuerst gezeigt hat, vor das bessere Auge 
ein dunkelfarbiges Glas halten, oder endlich, wenn sie ihre Aufmerk- 
samkeit auf ein in der Richtung der Sehachse des schielenden Auges 
gelegenes Object zu lenken im Stande sind. Auch nach der Muskel- 
durchschneidung sieht man bisweilen bei Fortbestand von wirklichem 
Schielen Doppeltsehen auftreten, wenn nämlich die Durchschneidung 
insufficient ist, das Auge wohl noch in der frühern Richtung, aber nicht 
mehr so stark wie früher abgelenkt erscheint. Dem nach excessiver 
Rücklagerung des Muskels entstehenden Doppeltsehen liegt nicht 
Schielen zu Grunde, sondern Luscitas (gleichbedeutend mit Muskelinsuf- 
ficienz). — Das schielende Auge ist nie völlig unthätig, sobald es über- 
haupt noch sehfähig ist. Es vermittelt durch indirectes Sehen die Er- 
weiterung des Sehfeldes nach der gleichnamigen Seite hin. Ein Schie- 
lender hat ein weiteres Gesichtsfeld als ein Einäugiger. Zur Erweite- 
rung des Sehfeldes kann natürlich nur die innere Netzhauthälfte des 
schielenden Auges dienen, gleichviel ob dasselbe ein- oder auswärts 
abgelenkt wird. Man lasse ein Object, z. B. einen Finger auf der 
Seite des schielenden Auges allmälig von rückwärts vorrücken; er wird 
wahrgenommen noch bevor er in jenen Theil des Gesichtsfeldes vorge- 
rückt ist, wo ihn das gesunde Auge sehen kann. — Aus dem Gesagten 
erklären sich nun einige interessante Thatsachen der Beobachtung beim 
anhaltenden und nicht-alternirenden Schielen. So wie in andern Sinnes- 
organen sinkt auch die Energie der Netzhaut durch Mangel an Übung, 
und das schielende Auge wird nach lange bestehendem häufigen oder 
continuirlichen Ausschluss vom directcn Sehen ambhjopisch. Die Am- 
blyopie kann durch methodische und länger fortgesetzte Übung wieder 
behoben werden, falls sie nicht schon so lange besteht, dass in der 
Netzhaut bereits bleibende Veränderungen (Gewebsumwandlungen) ein- 

*) Das Schielen und der Sehnenschnitt in seinen Wirkungen auf Stellung und Sehkraft der Augen, 
Berlin, 1S55. 



Schielen — Kennzeichen. 301 

getreten sind. Für die Netzhaut ist aber nicht bloss das directe, son- 
dern auch das indirecte Sehen eine, wenn gleich ungenügende Übung. 
Daher versinkt jdne Partie der innern Netzhauthälfte, welche zu indi- 
rectem Sehen verwendet wird, nicht in so bedeutenden Torpor; daher 
kommt es bei inveterirten und aus früher Jugend datirenden Fällen, 
dass ein solches Auge — nach Yerdeckung de,s gesunden — nicht mit 
der Mac. lutea, sondern mit einer einwärts von derselben liegenden 
Stelle dem Objecte, das gesehen werden soll, zugewendet wird. — 
Diese Thatsache gibt uns auch Aufschluss über das Verhalten des 
schielenden Auges beim gemeinschaftlichen Sehacte. Wenn man näm- 
lich bei inveterirtem Einwärtsschielen findet, dass eine von der Macula 
lutea einwärts gelegene Netzhautstelle noch die relativ grösste Empfind- 
lichkeit bewahrt hat, und desshalb dem zu sehenden Objecte gegenüber 
gestellt werden nmss, so könnte man meinen, das Einfallen des Lichtes 
von den Objecten des directen Sehens, die Formation von Bildern der 
Objecte des directen Sehens auf dieser Stelle sei es, welche derselben 
diese überwiegende Empfänglichkeit bewahrt habe, weil eben diese 
Partie beim Einwärtsschielen am meisten angeregt, in Thätigkeit er- 
halten werde. Dem kann aber nicht so sein, weil auch bei inveterir- 
tem Auswärtsschielen, wo eine von der Mac. lutea auswärts gelegene 
Stelle in derselben Lage zu den direct gesehenen Objecten sein musste, 
dennoch die relativ grösste Empfänglichkeit der Netzhaut gleichfalls 
an einer einwärts von der Mac. lutea gelegenen Stelle erscheint, und 
ein solches Auge, wie Böhm zuerst hervorgehoben hat, wenn es bei 
Verschluss des andern ein Object fixiren soll, jene einwärts gelegene Stelle 
dem Objecte zuwendet. Es ist einleuchtend, dass der Grund hievon 
nur darin liegen kann, dass auch beim Auswärtsschielen eine von der 
Mac. lutea einwärts gelegene Stelle es ist, ivelche fungirt, d. h. welche 
das indirecte Sehen nach der betreffenden Seite hin, i. e. die Erweite- 
rung des Sehfeldes vermittelt. Das schielende Auge, in Bezug auf die 
Objecte des directen Sehens völlig unthätig, fungirt also nur mit einer 
kleinen Partie der innern Netzhauthälfte , mit jener nämlich, welche 
jenem Theile des gesammten Gesichtsfeldes gegenüberliegen, der von 
dem schielenden Auge allein beherrscht werden kann. Dieser Theil 
des Sehfeldes liegt natürlich in der gleichnamigen Hälfte des Gesichts- 
feldes, beginnt von der Medianebene bald mehr bald weniger entfernt, 
je nach der Höhe des Nasenrückens (der Grenze für das Sehfeld des 
gesunden Augesj und erstreckt sich von da auswärts. Demnach hat 
der Einwärtsschielende ein kleineres, der Auswärtsschielende ein grösseres 
Gesichtsfeld als der Nichtschielende. Beim Nichtschielenden zerfällt das 



302 Augenmuskeln. 

Gesichtsfeld in drei Regionen, eine mittlere grösste, die von beiden 
Augen zugleich beherrscht wird (gemeinschaftliches Sehfeld), und zwei 
kleinere seitliche, deren jede nur dem betreffenden Auge allein ange- 
hört. Beim Schielenden fungirt das abgelenkte Auge bloss in der ihm 
allein angehörenden Region. Merkwürdig bleibt hiebei, dass beim 
Schielenden für diese Region eine andere Netzhautpartie fungirt, als 
beim Nichtschielenden, und zwar beim Einwärtsschielen eine relativ zum 
Gesunden weiter vorn, beim Ausswärtsschielen eine relativ weiter hinten 
(gegen die Mac. lutea hin) gelegene, dass aber trotzdem eine Beirrung 
der Orientirung im Gesichtsfelde nicht beobachtet wird. Hält man 
einem mit dem linken Auge continuirlich einwärts Schielenden ein 
Object in der Mitte des Gesichtsfeldes gegenüber, so sieht er es ein- 
fach, und zwar mit dem rechten Auge; geht man nun mit dem Object 
in der linken Hälfte des Gesichtsfeldes weiter und weiter von der 
Medianebene seitlich ab, bis endlich das rechte Auge durch den Nasen- 
rücken vom Sehen ausgeschlossen wird, so wird das Wahrnehmen des 
Objectes nicht unterbrochen, sondern durch indirectes Sehen des schie- 
lenden Augen vermittelt. Wo das eine Auge aufhört, fängt das andere 
an, und bei stetigem Fortschreiten des Objectes erfolgt auch die Wahr- 
nehmung stetig ohne Absatz oder Sprung, ohne Beirrung in der Orien- 
tirung im Gesichtsfelde. Ist die Sehkraft des schielenden Auges nicht 
sehr gesunken, so tritt in dem Momente, wo das gesunde wegen des 
Nasenrückens nicht mehr fisiren kann, plötzlich eine Veränderung in 
der Stellung beider Augen ein; das gesunde flieht in den innern Winkel, 
das früher schielende stellt sich, so lange es noch möglich ist, in die 
Visio directa, bis endlich, bei noch weiter gehender seitlicher Ablenkung 
des Objectes, auch mit diesem Auge nur noch eine immer schwächer 
werdende Wahrnehmung des Objectes möglich wird. . 

Das Sinken der Sehkraft des schielenden Auges erfolgt in sehr 
vielen Fällen, die man als nicht-alternirende bezeichnen muss, lange 
nicht in so hohem Grade, als es nach dem Gesagten geschehen sollte. 
Der Grund davon liegt darin, dass das Auge, welches jedesmal abge- 
lenkt wird, so oft es sich um genaues Erkennen handelt, beim gewöhn- 
lichen Sehen noch mehr weniger oft zum directen Sehen benützt wird, 
d. h. dass der Kranke unter Umständen sich des in Rede stehenden 
Auges bedient, während er das bessere ablenkt. Wenn Objecte, welche 
in der betreffenden Hälfte des Gesichtsfeldes so weit seitlich liegen, 
dass sie nur von dem schielenden Auge wahrgenommen werden können, 
die Aufmerksamkeit des Kranken erregen, so muss vermöge des Dran- 
ges, dieselben hinreichend deutlich zu sehen, entweder der Kopf so ge- 



Schielen — Kennzeichen. 303 

dreht werden, dass der Nasenrücken dem andern Auge nicht entgegen- 
tritt, oder es muss das betreffende Auge auswärts gerollt, mit der 
relativ empfindlichen Stelle dem Objecte zugewendet werden. Da aber 
jetzt ein sehr starker Impuls auf den R. externus ausgesendet werden 
muss, um den excessiv contrahirten R. internus zu überwinden, und da 
ein solcher Impuls nie auf den R. externus allein gehen kann, sondern 
immer auch auf den R. internus des andern Auges, so erfährt dieses 
gleichfalls einen stärkern Impuls, und das früher gerad stehende Auge 
muss jetzt einwärts schielen, so lange, als sich das schielende Auge 
in der Visio directa zu behaupten vermag. 

Dass diess sich so verhalte, sieht man bei Paresis des R. externus, z. B. des lin- 
ken Auges. Hält man den Augen ein Object in der rechten Hälfte des gemeinschaftli- 
chen Sehfeldes vor, so verhält sich der Kranke in jeder Beziehung wie ein Gesunder. 
Geht man aber in die Medianebene, oder bei sehr geringer Insuffizienz des B. externus 
oc. sin. in die linke Hälfte des gemeinschaftlichen Sehfeldes, so entsteht Doppeltsehen, 
indem die Cornea des linken Auges nicht genügend auswärts rückt. Verdeckt man nun 
das rechte Auge durch Vorschieben der Hand, so wird das afficirte Auge augenblick- 
lich so weit auswärts gerollt, dass directes Sehen möglich ist. Der R. externus, bei 
Öffnung beider Augen insufficient, erhält jetzt gleichsam Kraft genug, das Auge mit der 
Sehachse einzustellen; wenn man aber das rechte Auge hinter der Hand beobachtet, so 
findet man, dass es nicht in der Visio directa, sondern nach innen abgelenkt steht, ein- 
wärts schielt, und ist der Kranke im Stande, das linke Auge eine Zeit lang in der Visio 
directa zu erhalten, so bleibt das rechte in der fehlerhaften Stellung und gibt (bei glei- 
cher Sehkraft beider Augen) das schwächere (rechts gelegene) Doppelbild. Das Sen- 
sorium commune, um das Object mit dem linken Auge direct zu sehen, sendet auf den 
geschwächten äussern Muskel des linken, unwillkürlich aber auch auf den R. internus 
des rechten Auges einen stärkern Impuls. Machen Avir dasselbe Experiment in der rech- 
ten Gesichtshälfte des Kranken, wo von dem B. externus des linken Auges keine erhöhte 
Thätigkeit in Anspruch genommen wird, so tritt in dem verdeckten rechten Auge keine 
solche Ablenkung ein. 

In den eben erörterten Verhältnissen liegt bei sehr vielen Schielen- 
den der Grund , dass sie sich mehr weniger häufig und auf eine mehr 
weniger lange Zeit nicht des gesunden, sondern des schielenden Auges 
zum directen Sehen bedienen, sobald die Sehkraft dieses letzteren es 
gestattet. Ein anderer Grund liegt darin , dass das gesunde Auge bei 
vielen Schielenden ob der excessiven Contraction des gleichnamigen 
Muskels nur mit Anstrengung in der zum directen Sehen nöthigen Stel- 
lung erhalten werden kann, daher das directe Sehen wegen Ermüdung 
des Antagonisten zeitweilig aufgeben, und seine Rolle auf einige Zeit 
dem andern Auge, falls diess hiezu tauglich ist, überlassen muss. Al- 
lerdings wird, wenn der Kranke eine beliebige Stellung zum Objecte 
annehmen kann, der Antagonist des excessiv contrahirten Muskels 



304 Augenmuskeln. 

unterstützt durch die Drehung des Kopfes; doch ist auch diese Aus- 
hilfe nicht unbeschränkt, namentlich da, wo das Object nicht beliebig 
gestellt werden kann. Von der Kichtigkeit des Gesagten kann man 
sich leicht überzeugen, wenn man einen Schielenden zwingt, bei streng 
normal gehaltenem Kopfe einem Objecte gerade in der Median ebene 
oder in der dem gesunden Auge entsprechenden Hälfte des Gesichts- 
feldes durch längere Zeit seine Aufmerksamkeit zu widmen. Ein 
drittes, im Ganzen seltenes Moment zum Vertauschen der Rolle des 
directen Sehens liegt in der Ungleichheit des Refractionszustandes der 
beiden Augen, welche, wie wir weiterhin sehen werden, entweder 
schon vor dem Schielen bestand, und als Ursache desselben zu betrach- 
ten sein kann, aber auch oft genug erst in Folge des Schielens ent- 
steht oder doch durch dasselbe vermehrt wird. Hier wirkt dann die 
Distanz des Gegenstandes der Aufmerksamkeit, nicht seine Lage in der 
rechten oder linken Hälfte des Gesichtsfeldes, massgebend. 

Über das Accommodationsvermögen des schielenden Auges kann ich nicht viel Po- 
sitives angeben, da ich auf diesen Punkt in früherer Zeit nicht genug aufmerksam war. 
Aus dem über das Verhalten beim gemeinschaftlichen Sehacte Gesagten ergibt sich, dass 
sich das Accommodationsvermögen bei verschiedenen Individuen verschieden verhalten 
werde. Im Allgemeinen lässt sich wohl sagen, dass mit der Abnahme der Sehkraft des 
schielenden Auges wegen mangelhafter Übung auch die Accommodationskraft allmälig 
erlahme. Wenn man behauptet, in Folge von Strabismus convergens entwickle sich My- 
opie, in Folge von Strab. divergens Presbyopie, so habe ich dagegen nur zu erinnern, 
dass ich bestimmte Beobachtungen habe, wo auswärts Schielende auf beiden Augen kurz- 
sichtig waren (ohne Trübung der durchsichtigen Medien). Böhm, welcher dem Verhalten 
des schielenden Auges in Bezug auf den Refractionszustand zuerst besondere Aufmerksam- 
keit gewidmet hat, hat sich durch das Verhalten solcher Augen zu Convexgläsern zu der 
unhaltbaren Ansicht verleiten lassen, dass das schielende Auge presbyopisch sei, nicht be- 
denkend, wie A. v. Gräfe bemerkt, dass solche Augen schon wegen der gesunkenen Ener- 
gie der Netzhaut durch Convexgläser im Erkennen naher Gegenstände unterstützt werden 
können. Nicht die Stellung des Auges ist es, welche den Refractionszustand des abge- 
lenkten Auges ändern kann, sondern nur die Art und Weise, wie dasselbe noch von Zeit 
zu Zeit gebraucht wird. Dass Differenz in der Sehweite beider Augen auch ohne Strabis- 
mus und bloss in Folge fehlerhafter Verwendung des einen und des andern vorkommt, 
ist ein eben nicht seltener Fall. — Auch über den Einfluss des Schielens auf die Accom- 
modationsthätigkeit des andern, für gewöhnlich nicht schielenden Auges, erlaube ich mir 
kein bestimmtes Urtheil, obwohl einige Beobachtungen dafür sprechen, dass ein solcher 
Einfluss — wenigstens in manchen Fällen — bestehe. 

Ätiologie. Die Entstehung des Schielens fällt meistens in das Kin- 
des- und Knabenalter. Angeboren kann man höchstens die Ursache, 
z. B. Sehschwache, nicht aber das Schielen selbst nennen; es kann erst 
während oder nach der Regelung der assoeiirten und aecommodativen 
Bewegungen, also wohl nicht leicht vor der zweiten Hälfte des ersten 



Schielen — Ursachen. 305 

Lebensjahres in Erscheinung treten. Seltener entwickelt sich Schielen 
im Jünglings-, Mannes- oder Greisenalter. — Die Veranlassungen zum 
Schielen sind mannigfaltig. Wir theilen sie (mit Guerifi)*) in solche, 
welche zunächst die Muskeln treffen, und in solche, welche vom Auge, 
von Hindernissen in der Function desselben ausgehen, und unterschei- 
den in diesem Sinne Str. muscularis und Str. opticus. Der Umstand, 
dass das durch längere Zeit constant oder vorwaltend häufig abgelenkte 
Auge an Sehkraft einbüsst, macht in vielen Fällen die Entscheidung der 
Frage schwierig, in einzelnen selbst unmöglich, ob das abgelenkte Auge 
schon vorher functionsuntüchtig war, zumal von den Kranken als Ent- 
stehungsursache oft rein zufällige oder unwesentliche Momente bezeich- 
net zu werden pflegen. 

Strabismus opticus. In der Mehrzahl der Fälle erfolgt die Ablen- 
kung des einen Auges desshalb, weil dasselbe dem andern in der Seh- 
kraft oder Sehweite beträchtlich nachsteht, und das bessere Auge in 
seiner Function beirrt. Dieser Fall kann eintreten bei massigen Trü- 
bungen der durchsichtigen Medien, bei Amblyopie, bei relativer Kurz- 
oder Weitsichtigkeit des einen Auges. Wenn unter solchen Umständen 
das eine Auge einen deutlichen, das andere einen undeutlichen Ein- 
druck auf das Sensorium commune liefert, fällt der Gesammteindruck 
geringer aus, als der des bessern Auges allein. Vergl. Hornhauttrü- 
bungen, B. I. S. 259 — 265. Das schwächere Auge wird im Dienste 
des gemeinschaftlichen Sehactes abgelenkt, um dem bessern allein das 
Sehen zu überlassen. Man muss annehmen, dass die active Ablenkung 
zur Erleichterung der Unterdrückung des schwächeren Eindruckes diene. 
Offenbar wird der Eindruck, den das von dem bessern Auge fixirte 
Object in dem schwächern Auge hervorrufen kann, vermöge der Ab- 
lenkung des Bildes auf eine excentrische, mithin stumpfere Netzhaut- 
partie mehr weniger abgeschwächt, so dass es schon aus diesem Grunde 
leichter wird, von ihm zu abstrahiren. Es muss aber dem Acte der 
Ablenkung noch ein anderer directer Einfluss auf die Unterdrückung 
der Wahrnehmung zugeschrieben werden. Denn wir sehen, dass bei 
passiver Ablenkung fluscitasj das Doppelbild sich dennoch dem Kran- 
ken aufdrängt, trotzdem das betreffende Netzhautbild auf eine sehr weit 
gegen die Peripherie hin gelegene Stelle fällt, und dass selbst bei Mo- 
nate langer Dauer dieses Zustandes das Abstrahiren von dem Doppel- 
bilde nicht gelingt; hingegen finden wir Fälle von Schielen, wo der 
Eindruck in dem schielenden Auge vermöge der Beschaffenheit der 
durchsichtigen Medien, der allgemeinen Energie der Netzhaut und ver- 

*) Gaz. me"d. de Paris, 1841, Nr. 6. 

Arlt Augenheilkunde. III. 20 



306 Augenmuskeln. 

möge relativ sehr geringer Excentricität des Netzhautbildes ein sehr 
lebhafter, und von dem des andern Auges bezüglich der Intensität nur 
wenig verschiedener sein müsste, aber trotzdem — ohne besondere 
Hilfsmittel — nicht wahrgenommen wird. Bei den nach oben oder unten 
Schielenden beträgt die Ablenkung äusserst wenig, nach dem relativen 
Stande der Pupille höchstens V" , mehr schon (1 — 3"') bei den aus- 
wärts Schielenden; die höchsten Grade von Ablenkung kommen beim 
Einwärtsschielen vor. Auch dieser Umstand zeigt, dass der Grad der 
Ablenkung allein nicht das Massgebende für die Unterdrückung der 
Wahrnehmung sei. Die Annahme, dass der Sehnerv geknickt oder 
gedrückt und hiedurch die Unterdrückung des Doppelbildes vermittelt 
werde, ist durch gar nichts erwiesen, hat sogar von Seite der Ana- 
tomie und Physiologie entschiedene Gründe gegen sich. Wenn wir 
auch nicht angeben können, auf welche Weise es geschehe, dass mit 
der activen Ablenkung die Unterdrückung des Doppelbildes ipso actu 
zu Stande kommt, so darf uns das doch nicht bestimmen, die That- 
sache selbst in Zweifel zu ziehen, oder sogar uns vorzuspiegeln, die 
Schielenden sähen, wenigstens Anfangs, doppelt. Es ist wahr, der Arzt 
ist im Stande, den Schielenden unter Verhältnisse zu bringen, wo es 
sich durch die Wahrnehmung des Kranken bestätigt, dass beide Netz- 
häute ein Bild von je einem Objecte erhalten, i. e. wo Schielende dop- 
pelt sehen, gleichwie eines und das andere dieser Verhältnisse und hie- 
mit auch Doppeltsehen dem Schielenden bisweilen vom Zufalle dargeboten 
werden. Aber man verdrehe doch die Thatsachen nicht, indem man 
behauptet, der Schielende sehe unter allen Umständen doppelt, müsse 
doppelt sehen, falls er darauf achte, und es könne demnach auch ein 
Auge nie zu dem Behufe der Förderung des gemeinschaftlichen Seh- 
actes abgelenkt werden, weil sonst Doppeltsehen, mithin noch ärgere 
Sehstörung eintreten müsste. Eine solche Argumentation kann man 
höchstens jenen vorhalten, welche noch nicht Gelegenheit hatten, Schie- 
len so zu sagen unter ihren Augen entstehen zu sehen. — Wenn man 
eine grössere Zahl von Schielenden genau untersucht, so fällt schon 
das auf, dass relativ viele noch Hornhauttrübungen darbieten, und dass 
auch unter den übrigen noch einige sind, bei denen es, wo nicht ge- 
wiss, so doch höchst wahrscheinlich ist, dass sie früher an leichten 
Hornhauttrübungen litten. Diesem Ergebnisse lässt sich allerdings ent- 
gegenhalten, dass viele Individuen mit ein- oder beiderseitigen Horn- 
hauttrübungen nicht schielen. Hier kommen aber mehrere Umstände 
in Erwägung zu ziehen. Erstens finden wir oft ein erstaunlich gutes 
Gesicht bei Hornhautflecken, welche andern, ganz gewiss störenden, 



Schielen — Ursachen. 307 

ganz ähnlich sehen. Zweitens kann eine Trübung so stark sein, dass 
sie aufhört, eine Störung für die Function des andern Auges zu setzen. 
Je stärker die Trübung, desto schwächer die Wahrnehmung, desto ge- 
ringer also auch die Störung für die Function des andern Auges. Viele 
Trübungen sind Anfangs so in- und extensiv, dass sie gar keine oder 
nur sehr schwache Wahrnehmungen zu Stande kommen lassen; werden 
sie auch mit der Zeit kleiner und dünner, so geschieht diess so all- 
mälig, dass das Auge längst vom gemeinschaftlichen Gebrauche aus- 
geschlossen und amblyopisck geworden sein kann, wenn endlich die 
Cornea die Theilnahme am Sehen wieder gestatten würde. Andrerseits 
ist nicht zu übersehen, dass bei Schielenden mit bedeutender, selbst un- 
durchsichtiger und ausgedehnter Hornhauttrübung das Schielen trotz- 
dem von der Hornhaut aus veranlasst worden sein kann, indem Anfangs 
nur leichte Trübung oder Facettirung durch längere Zeit bestand. Drit- 
tens muss die Beschäftigung, die Gebrauchsweise der Augen während 
der ersten Zeit des Bestandes solcher halbdurchsichtiger Trübungen be- 
rücksichtigt werden. Es ist klar, dass sie nur dann störend auf die 
Function des andern Auges einwirken, wenn sich's um deutliches Er- 
kennen feiner oder aber entfernter Objecte handelt. Desshalb kommt 
auch Schielen im 1. Lebensjahre so selten vor, und auch da nur in der 
2. Hälfte. Desshalb schielen auch Viele nur dann, wenn sie etwas ge- 
nauer sehen wollen, besonders in der ersten Zeit. Desshalb kann man 
auch in solchen Fällen die Entwicklung oder doch das Bleibendwerden 
des Schielens verhindern, wenn man die Kinder fleissig in's Freie 
bringen, nicht mit winzigen Sachen spielen, nicht lesen lernen u. s. w. 
lässt, bis solche Trübungen behoben oder bis die Sehachsen zu einan- 
der in ein festeres Verhältniss getreten sind. Denn es ist viertens nicht 
zu verkennen, dass dieselbe Veranlassung bei Erwachsenen nicht so 
leicht zum Schielen führt, als bei Kindern. Es ist bekannt, dass Kinder 
leichter willkürlich schielen können, als Erwachsene. Gleichwie dem 
Willen, ist später auch der von der Netzhaut und dem Sensorium com- 
mune angeregten Beflexthätigkeit ein geringerer Einfluss auf die Ab- 
änderung in der Stellung der Augen zu einander gestattet. An diese 
Thatsache schliesst sich auch die analoge an, dass bei Kindern leicht 
Schielen durch unwillkürliches Nachahmen zu Stande kommt, was bei 
Erwachsenen nicht der Fall ist. Der fünfte Punkt endlich, der hier in 
Erwägung zu zielien kommt, ist der, dass die Ablenkung des stören- 
den Auges nicht das einzige Hilfsmittel ist, welches dem Organismus 
zu Gebote steht, um den störenden Einfluss zu beseitigen, sondern dass 
wir auch ganz einfach, von demselben abstrahiren lernen können. Das 

20* 



308 Augenmuskeln. 

schwächere Auge folgt dann dem bessern in allen seinen Bewegungen 
entsprechend, nimmt aber doch keine Notiz von dem fixirten Objecte. 
Demgemäss gibt es viele Individuen mit ungleicher Sehkraft der Augen, 
denen man nicht das Geringste ihres Zustandes anmerkt, welche wohl 
selbst auch sich desselben gar nicht bewusst sind, welche aber ganz 
gewiss zu feinern Arbeiten, zum genauen und scharfen Sehen, sich nur 
des einen Auges bedienen. Hievon kann man sich leicht überzeugen, 
wenn man findet, dass sie, während sie z. B. lesen, durch plötzliches 
Vorschieben der flachen Hand vor das bessere Auge einen Augenblick 
unterbrochen werden, bis sich das schwächere Auge etwas genauer mit 
der Sehachse einstellt. Es ist nämlich bei vielen solchen Individuen 
das schwächere Auge zwar nicht merklich abgelenkt, aber doch auch 
■ — wie die momentane, wenn auch äusserst geringe Änderung seiner 
Stellung zeigt, nicht ganz genau mit seiner Sehachse eingestellt, oder, 
wie die momentane Unterbrechung im Sehacte zeigt, nicht für dieselbe 
Distanz eingerichtet, also wohl am genauem Sehen nicht direct bethei- 
ligt gewesen. Wenn man dasselbe Experiment bei Individuen mit völ- 
lig oder nahezu gleicher Seh- und Accommodationskraft beider Augen 
vornimmt, so bemerkt man nichts von einer solchen momentanen Un- 
terbrechung des Sehactes oder von Abänderung in der Stellung des 
frei bleibenden Auges. — Dass es unter den Individuen mit ungleicher 
Sehkraft und Sehweite beider Augen einige gibt, welche mit dem bes- 
sern Auge besser sehen, wenn auch das schwächere geöffnet ist, kann 
nicht als Einwurf gegen obige Behauptung dienen. Es ist gewiss, dass 
das Sensorium stärker angeregt wird, wenn Licht durch zwei, als wenn 
es bloss durch ein Auge einwirkt. Bei sehr grellem Lichte, z. B. Sehen 
gegen die untergehende Sonne oder in einen Hochofen, temperiren wir 
die Erregung sogar unwillkürlich durch Verschluss des einen Auges. 
Wenn wir also finden, dass das Offnen des schwächern Auges das 
Sehen des bessern unterstützt, so muss jedenfalls dabei auf den Grad 
der Beleuchtung Bücksicht genommen werden, und ist schon a priori 
wahrscheinlich, dass es Verhältnisse gibt, wo der Function des bessern 
Auges die stärkere Erregung des Sens. commune durch das Einfallen 
des Lichtes von dem schwächern Auge her zu Gute kommt. — Bei 
all dem bleibt es Thatsache, dass bei weitem die meisten Individuen 
mit frischen (noch nicht seit langer Zeit bestehenden) leichten Trü- 
bungen der Hornhaut oder der Linse sich über Blendung des gesunden 
Auges durch das kranke beklagen; auch bei älteren Trübungen gilt 
diess von einer relativ grossen, wenn auch vielleicht nicht von der 
Mehrzahl. Blendung durch das diffuse Licht solcher Trübungen kann 



Schielen — Ursachen. 309 

es nicht sein , denn ganz in derselben Weise beklagen sich auch jene, 
deren Sehkraft auf dem einen Auge in Folge von Netzhautleiden ge- 
schwächt ist, auch wenn die Amblyopie ohne gesteigerte Empfind- 
lichkeit des kranken Auges besteht. — Sind die voranstehenden Sätze 
richtig, so ist Schielen sehr häufig die Folge von Trübung der durch- 
sichtigen Medien, von Amblyopie oder relativer Kurz- oder Weitsich- 
tigkeit des Auges; es ist eine Reflexbewegung , im Dienste des Sehactes 
hervorgerufen; das schwächere Auge ivird abgelenkt und hiemil von 
der unmittelbaren Beiheiligung am directen Sehen ausgeschlossen, damit 
das Sehen mit dem gesunden Auge besser von Stattefi gehen könne. 

Die eben aufgestellte Ansicht über die Entstehung des Schielens ist nicht neu. Sie 
•wurde der Hauptsache nach bereits von Buffon vertreten. „Nach Buffon*) erzeugt die 
Ungleichheit der Augen in 8 Fällen im Durchschnitte dreimal Strabismus. Da alsdann 
der Eindruck auf das eine Auge beträchtlich schwächer ist, als auf dem andern, so kann 
er leicht gänzlich vernachlässigt werden, und statt dass das schwächere Auge auf die 
Gegenstände, welche sich ihm darbieten, fixirt sein sollte, schweift es umher und weicht 
von der richtigen Sehachse ab. In manchen Fällen scheint sogar ein instinctmässiges Be- 
streben vorhanden zu sein, das schwache Auye noch viel weiter zu verdrehen, und es so 
weit nach einwärts unter das obere Augenlid zu wenden, dass es keinen Eindruck mehr 
empfangen kann, und dass desshalb das gesunde Auge allein noch Bindrücke aufnimmt." 
(Makenzie 1. c. S. 244.) Enthält auch diese Anschauung noch manches Irrthümliche, so 
hat sie doch nach unserer Ansicht die Hauptsache angedeutet, nur nicht richtig formulirt. 
Was von Makenzie als instinctmässiges Bestreben bezeichnet wird, ist die Zweckmässig- 
keit der reflectirten Bewegungen, welche nach uns unbekannten Gesetzen erfolgen, sobald 
es sich darum handelt, Hindernisse einer Function zu beseitigen oder möglichst unschäd- 
lich zu machen, und welche uns am Auge nicht minder in Staunen zu versetzen im 
Stande sind, wie in andern Organen. Ich sah einen Kranken, dem linkerseits das obere 
Lid fehlte, jedesmal beim Lidschluss den linken Bulbus abwärts rollen und die Hornhaut 
unter dem untern Lide bergen, während das rechte Auge mit normalen Lidern sich ganz 
normal verhielt, i. e. beim Lidschluss sich mit der Pupille nach oben — innen stellte. 
Diese gegen alle Gewohnheit vorkommende Rollung, noch dazu der des andern Bulbus 
entgegengesetzt, die kein Mensch sonst zu Stande bringen würde : sie war unwillkürlich 
erfolgt, sei es, um dem Lichte den Zutritt während des Schlafes zu wehren, oder um 
beim Lidschlage die Cornea rein zu fegen und zu. benetzen, und somit vor Trübung und 
Zerstörung zu sichern. Es ist diess derselbe Kranke, den ich zur Auffangung des Se- 
cretes der Thränendrüse — ohne Beimischung von Bindehautsecret — benützt habe, und 
dessen ich bei den Krankheiten der Thränenorgane noch gedenken werde. Einen ähnli- 
chen Fall erzählt A. v. Gräfe (im Archive für Ophthalmologie I. II. Abth. B. S. 290). 
— Ich bekam diese Tage zufällig Gelegenheit, einen Mann zu untersuchen, welcher mich 
durch die Zweckmässigkeit reflectirter Bewegungen der untem Lider in Staunen versetzte. 
Er hatte in früher Jugend an Augenentzündungen gelitten, und bot in Folge derselben 
auf beiden Augen leichte Hornhauttrübungen dar, welche meine Aufmerksamkeit erregten, 

*)_ Dissertation sur la cause du strabisme. Memoires de l'academie des sciences pour 1743. Amster- 
dam 1743. 



310 Augenmuskeln. 

als er mir einen Kranken vorführte. Die Trübungen waren halb durchsichtig und be- 
deckten beiderseits ohngefähr die untere Hälfte der 1 '/u — 2'" grossen Pupillen. Meine 
Frage, wie er sehe, beantwortete er damit, dass er, bereits 45 Jahre alt, noch 
immer gut zeichnen und graviren könne, und auch so ziemlich in die Ferne sehe. Als 
ich nun Sehproben mit den Jag er 'sehen Schriftnmstern Tornahm, und ihn zu immer 
feineren Drucksorten übergehen Hess, erhob er die untern Lider so weit in die Höhe, 
dass sie die Trübung fast ganz verdeckten, was besonders dann auffiel, wenn er das Buch 
über der Horizontalen halten musste. "Was sonst kein Mensch bei allem Aufwände von 
Fleiss und Anstrengung zu bewirken im Stande sein würde, war hier im Dienste des 
Sehactes, um die Blendung durch die Hornhauttrübungen zu beseitigen, von selbst ein- 
getreten. — In neuerer Zeit hat besonders Böhm auf eine sehr einleuchtende Weise nach- 
gewiesen, dass die Ungleichheit des Eindruckes, i. e. die Störung der Function des bes- 
sern Auges durch das schwächere es ist, welche die Ablenkung des schwächeren Auges 
bedingt, indem er zeigte, dass durch Vorhalten eines entsprechend getrübten (blauen) 
Planglases vor das gesunde Auge, also gleichsam durch Ausgleichung der Sehkraft beider 
Augen das Schielen behoben werden kann, wenn die consecutive Muskelerkrankung noch 
nicht weit gediehen ist. Bekanntlich hatte Buffon zu demselben Zwecke ein Convex- 
oder Concavglas vor dem gesunden Auge tragen zu lassen empfohlen. 

Die Ablenkung des schwächern Auges von dem Gegenstande, welchen das stärkere 
flxirt, ist zunächst nur eine gegen die gewöhnlichen Gesetze der Muskelthätigkeit auf- 
tretende Reflexaction. Sie erfolgt vorerst nur dann, wenn es sich um Erreichung des 
Zweckes handelt, tritt aber späterhin meistens permanent auf, d. h. auch dann, wenn sie 
nicht nothwendig wäre. Sie erfolgt nach jener Richtung, wo der Zweck am leichtesten 
erreicht wird. Fast alle Fälle von Str. opticus, welche aus früher Jugend datiren, zeigen 
Convergenz, die später entstandenen (namentlich bei Erwachsenen) dagegen Divergenz, 
ausser die von Sehstörung des einen Auges Befallenen sind kurzsichtig oder beschäftigen 
sich vorwaltend mit der Betrachtung naher Objecte. Dass das divergirende Schielen eines 
cataraetös oder amblyopisch werdenden Auges aus einer Art Vernachlässigung, aus einem 
gewissen Gehenlassen des schwächern Auges hervorgehen könne, halte ich für unwahr- 
scheinlich. Die Kranken müssten eine Zeit lang doppelt sehen, wovon selbst Aufmerk- 
same und Verständige nichts bemerken. Zwischen dem Blick eines Schielenden und eines 
Cataractösen oder Amaurotischen ist ein grosser Unterschied. "Wenn letztere nicht fixi- 
ren können, in's Unbestimmte hinausstarren, und daher die Sehachsen in keinem Punkte 
zur Kreuzung bringen, so ist diess noch kein Schielen. Leute, welche beiderseits Cata- 
racta oder Amaurosis darbieten, können trotzdem noch die Sehachsen in dem eigenen 
Finger, in verschiedenen Entfernungen vorgehalten, sich kreuzen lassen, was Schielende 
nicht vermögen. Man kann nur dann sagen, ein unilateral Cataractöser oder Amblyopi- 
scher schiele, wenn das gesunde Auge abgelenkt wird, sobald dasselbe durch die vorge- 
schobene Hand verdeckt und somit das an Amblyopie oder unvollständiger Cataracta lei- 
dende Auge gezwungen wird, sich dem Sehobjecte gerade gegenüber zu stellen. — Dass 
nur gewisse Grade von Schwäche des einen Auges zu Strabismus führen, hat schon Ma- 
kenzie (1. c. S. 243) bemerkt. „Die häufigste Ursache von Strabismus scheint unvollkom- 
menes Gesicht (wegen Kurzsichtigkeit oder wegen eines angeborenen Fehlers der Retina) 
zu sein. Das verdrehte Auge steht fast in jedem Fall an Reizempfänglichkeit dem andern 
beträchtlich nach. Ich bediene mich des Wortes beträchtlich, weil man viele Individuen 
trifft, deren Augen nur etwas ungleich sind, und die nicht schielen, dagegen auch wieder 
andere, welche von Geburt an eine vollständige, oder fast vollständige Amaurosis des 



Schielen — Ursachen — Beispiele. 311 

einen Auges gehabt haben, und doch ganz frei ron Strabismus sind." In dem einen Falle 
ist die Differenz in der Erregung zu gering, in dem andern zu bedeutend, als dass sich 
die schwächere neben der stärkern geltend machen könnte. Man sieht aber leicht ein, 
dass es hiebei auch auf die Verwendung der Augen ankommt. So lange nicht scharfe 
Bilder gefordert werden, gibt die schwächere Erregung keinen Grund zur Ablenkung, ja 
es kann das Schielen sogar auf Kosten der Deutlichkeit noch vermieden werden, wenn 
nicht bereits habituelle Contraction oder förmliche Contractur des ablenkenden Muskels 
eingetreten ist. — Sehr geeignet, dieses Verhältniss klar darzustellen, sind Fälle von 
Schielen, wo das eine Auge merklich kurz-, das andere weitsichtig ist. Solche Individuen 
lenken beim Betrachten naher Gegenstände, z. B. beim Lesen das weit-, beim Blick in 
die Ferne dagegen das kurzsichtige Auge ab. Die Ablenkung erfolgt bei der Mehrzahl 
nach innen, seltener nach aussen, vielleicht desshalb, weil der Zustand meistens aus früher 
Jugend datirt. Es giebt aber darunter einige, welche bei mittleren Distanzen nicht schie- 
len, sondern beide Augen richtig einstellen und zugleich zum Fixiren verwenden. Sehr 
bestimmt konnte ich mich von diesem Vorkommen bei einem Mitschüler überzeugen, den 
ich vom Gymnasium her als einwärts schielend kannte. Ich traf ihn zu einer Zeit, wo 
ich mich ganz besonders für die Schieloperation interessirte, auf der Gasse, und meinte 
während der Unterredung mit ihm, er habe sich operiren lassen, denn er bot keine Spur 
von Schielen dar. Er war aber über meine Frage verwundert, und erklärte mir, dass er 
noch immer schiele, aber nur manchmal. Sehproben an nahen und fernen Objecten stell- 
ten nun klar heraus, dass er nur beim Sehen auf Objecte von mittlerer Entfernung nicht 
schielte, dagegen schielen musste, wenn er den Stand der Zeiger auf meiner Taschen- 
oder auf der gerade in der Nähe befindlichen Thurmuhr angeben sollte, u. dgl. Weitere 
Versuche ergaben, dass das eine Auge massig kurz-, das andere weitsichtig war. — Zur 
weitem Erörterung und Nachweisung der vorstehenden Behauptungen mögen noch fol- 
gende Beobachtungen dienen. 

Ein Mädchen, das ich zufällig traf, klagte, dass ihr beim Nähen oder Lesen die 
Augen leicht ermüden, so dass sie niemals lange arbeiten könne ; wolle sie aber einen 
feineren Druck lesen, oder z. B. eine Nadel einfädeln, so müsse sie schielen, das rechte 
Auge nach innen ablenken, obwohl sie ausserdem einen ganz geraden Blick hat. Sie 
konnte in meiner Gegenwart auch mit richtig gestellten Augen mittlem Druck (['" hoch) 
lesen : dabei verwirrten sich ihr aber die Buchstaben bald durch einander, so dass sie 
entweder aufhören oder das rechte Auge ablenken musste. "Während sie auf dem linken 
Auge sich einer sehr guten Sehkraft erfreut, vermag sie mit dem rechten allein nur 
einen 2'" hohen Druck zu lesen. Sie ist weder kurz- noch weitsichtig ; man bemerkt sonst 
nichts Abnormes an ihren Augen; über die Entstehung weiss sie nichts Verlässliches an- 
zugeben, da das Übel seit früher Jugend besteht. 

Th. R. wurde 1842 von mir an Strab. converg. oc. sin. operirt, und durch die 
Durchschneidung beider Recti interni so geheilt, dass die Augen ihre normale Beweglich- 
keit behielten und bei allen Richtungen gehörig standen. Aber sie vermochte Monate 
lang nicht anhaltend zu nähen oder zu lesen, die Augen fingen an zu thränen, die Buch- 
staben verwirrten sich, und in der Supraorbitalgegend traten drückende Schmerzen ein. 
Später verlor sich diess, aber die Kranke sah manchmal entfernte Gegenstände doppelt, 
und die Mutter bemerkte, dass das Mädchen beim Arbeiten wieder etwas schielte. Die 
"Untersuchung ergab, dass sie bald ein- bald auswärts schielte, und zwar mit dem linken 
Auge, an dessen Cornea ich jetzt eine leichte Trübung vor der Pupille (die Folge einer 
scrofulösen Augenentzündung) bemerkte. "Wenn sie einen entfernten Gegenstand genauer 



312 Augenmuskeln. 

sehen wollte, erschien das mattere Bild links, beim Betrachten eines nahen Objectes da- 
gegen rechts; für gewöhnlich aber, wenn man mit ihr sprach, schielte sie nicht. 

Ein Candidat der Medicin, auf dem rechten Auge kurz-, auf dem linken weitsichtig, 
und dem gemäss alternirend auswärts schielend, war desswegen von einem Arzte operirt 
worden, doch ohne Erfolg. Ich rieth ihm die Sehweite durch entsprechende Gläser für 
mittlere Distanzen auszugleichen und dann sich zu bemühen, mit beiden Augen die Ob- 
ecte zu fixiren (nach Jurins Methode — s. weiter unten). Durch Beharrlichkeit hierin 
hatte er es nach mehreren Monaten so weit gebracht, dass er mit beiden Augen zugleich 
lesen konnte, aber er sah dann nicht so gut, als wenn er eines der Augen allein be- 
nutzte und das andere ein wenig (kaum merklich) abweichen Hess. Am 26. März 1843, 
anderthalb Jahre nach der Operation, notirte ich folgenden Zustand. Die Differenz in 
der Sehweite scheint geringer zu sein, als früher. (Ich habe leider weder die Nahe- und 
Fern punkte, noch die Brennweiten der Gläser verzeichnet.) „Lasse ich ihn die Augen- 
gläser ablegen, die er seit Ertheilung meines Rathes auf der Gasse zu tragen pflegt, so 
kann er in der Entfernung von 8" Druck von nicht ganz \'" Höhe nicht lesen, so lange 
er (wie ich sehe und er selbst angibt) die Sehachsen im Objecte sich kreuzen lässt; er 
kann aber sogleich lesen, wenn er entweder die linke Pupille etwas über IV2'" aus- 
wärts ablenkt oder aber die rechte beiläufig t fc'". Liest er mit dem linken Auge, so 
sieht er viel deutlicher, wenn er das rechte Auge circa \ l jz'", als wenn er es nur et- 
wa 1 li'" ablenkt ; bei dieser Ablenkung geht die rechte Pupille nach aussen — oben. Zur 
Fixirung ferner Gegenstände kann nur das linke Auge verwendet werden, indem dabej 
das rechte jederzeit noch um beiläufig l k'" auswärts gelenkt wird. Wird aber vor das 
rechte Auge ein Concavglas (von 16 — 20") vorgehalten, so kann er mit diesem Auge auch 
ferne Objecte fixiren, muss aber, um sie deutlich zu sehen, das linke noch gegen '/a'" 
ablenken; mit beiden Augen zugleich kann er ferne Gegenstände auch bei Armirung 
des rechten mit dem Concavglase nicht deutlich sehen." Bei einer spätem Untersuchung 
machte derselbe die Bemerkung, dass, wenn er eine Zeit lang mit beiden Augen zugleich 
gelesen, was er nur mit Anstrengung und auf Kosten der Deutlichkeit konnte, zunächst 
neben dem wahren Bilde ein Schattenbild auftrete, welches erst langsam, dann aber mit 
beschleunigter Geschwindigkeit wegrückt, um endlich plötzlich zu verschwinden ; nun 
wusste er, dass er wieder schiele, indem er wieder ganz deutlich — mit dem linken Auge 
allein sah. Die Geschwindigkeit des Auseinanderweichens der Doppelbilder verglich er 
mit der Geschwindigkeit der Annäherang einer Luftblase auf einer Flüssigkeit nahe am 
Rande des Gefässes, die sich erst ganz allmälig, dann aber in raschem Fluge demselben 
nähert und verschwindet. Sobald er die dem Schielen entgegenstrebende Anstrengung 
aufgeben musste, verschwand die Undeutlichkeit imd ein Moment darauf das Doppelbild. 

Am 8. Juni 1841 operirte ich einen Candidaten der Rechtswissenschaften*) wegen 
Strab. converg. des linken Auges, mit welchem er kleineren Druck nicht lesen konnte 
Die Ablenkung betrug gegen 3'"; er war etwas kurzsichtig und schielte, 'gleich einer 
Schwester, ohne bekannte Veranlassung von Jugend auf. Die Muskeldurchschneidung 
wurde beiderseits vorgenommen, am linken Auge mit etwas stärkerer Lösung. Unmittel- 
bar darauf entstand leichte Divergenz; der Kranke sah rechts vor dem vorgehaltenen 
Objecte ein zweites minder deutliches, dem linken Auge angehörend. Nach Vernarbung 
der Wunden wich das linke Auge sogar wieder ein wenig einwärts ab. Fleissige Übung 



*■) Beiträge zur Lehre vorn Schielen und dessen Heilung durch den Muskelschnitt von Dr. Arlt, med^ 
Jahrb. des österr. Staates, 1842. 1., 2., 3. Heft. 



Schielen — Ursachen — Beispiele. 313 

im Fernsehen behob diesen Übelstand in Kurzem. Ende Juni waren die Wunden ganz 
vernarbt, die Beweglichkeit und Stellung beider Augen ganz normal ; nur zu lesen ver- 
mochte der Pat. noch nicht mit beiden Augen, weil ihm immer über der wahren eine 
Schattenzeile schwebte, welche jene zum Theil verdeckte. Ich rieth dem Kranken aufs 
Land zu gehen, viel in die Ferne zu schauen, und vorzugsweise das linke Auge zu üben. 
Anfang August fand ich eine geringe Abweichung des rechten Auges nach aussen, aber 
nur dann, wenn der Pat. mit dem linken deutlich sehen wollte; hingegen stellte sich das 
linke etwas einwärts, wenn das rechte einen feinern Gegenstand fixirte ; geschah das Fi- 
xiren mit beiden Augen — was dem Pat. bei einiger Bemühung möglich — so war der 
Gesammteindruck weniger deutlich wegen eines über und neben, und zum Theil auch auf 
dem deutlichen Bilde schwebenden Schattenbildes. Die linke Pupille stand ein wenig 
höher, als die rechte (das Schielen hatte eigentlich nach innen — oben stattgefunden); 
die Augen waren nach allen Seiten frei beweglich und die Sehkraft des linken um Vieles 
verbessert. Anfang März 1843 notirte ich folgenden Befund.*) Im gewöhnlichen Zu- 
stande erkennt man jetzt an der relativen Stellung der Augen kein Schielen, aber man 
muss wenigstens einen geringen Grad supponiren, weil er doppelt sieht, und zwar er- 
scheint das mattere, dem linken Auge angehörende Bild rechts von dem deutlichen (also 
Divergenz des linken Auges). Der Kranke wird aber von demselben jetzt nicht mehr 
belästigt, wenigstens im Arbeiten nicht mehr behindert, da er das Schattenbild nur dann 
wahrnimmt, wenn er seine Aufmerksamkeit darauf lenkt. Je ferner der fixirte Gegen- 
stand liegt, und je weniger der Kranke sich bemüht, denselben genau zu sehen, desto 
weiter treten die beiden Bilder auseinander. Bemüht, er sich, einen nahen Gegenstand, 
z. B. ein "Wort, eine Ziffer, genau zu sehen, so sieht er auch doppelt, aber dann liegt 
das dem linken Auge angehörende Bild links von dem deutlichen (des rechten Auges). 
Er zeichnete mir bei diesen Versuchen Folgendes auf: 90 90 90 . Liest er die Zahl 90 so, 
wie er gewöhnlich zu lesen pflegt, so erscheint noch ein undeutliches 90, ein Schatten- 
bild rechts — oben von dem wirklichen ; beim genauem Betrachten aber erscheint es 
links — oben, und bei einem mittlem Grade von Anstrengung fällt es auf das deutliche, 
doch so, dass es dieses nur zum Theile deckt, indem es bloss etwas höher steht. Beim 
Übergänge vom gewöhnlichen zum aufmerksamen Betrachten, wo also das Schattenbild von 
rechts nach links rückt, sehe ich — bei unveränderter Lage des Buches — die linke 
Pupille deutlich von aussen nach innen rücken. Das Höherstehen des matteren Bildes, 
seine Distanz von dem deutlichen in verticaler Pachtung, ist bedeutender, wenn er auf- 
wärts gelegene Gegenstände betrachtet, geringer, wenn er nach unten befindliche Objecte 
ansieht, wird also durch übermässige Contraction des M. rectus superior bewirkt. Wäre 
diese Complication mit Strab. sursum vergens nicht vorhanden, so müsste bei mittlerer 
Intention das matte Bild mit dem deutlichen congruiren, mithin die Perception mit bei- 
den Augen minder klar und deutlich als mit dem bessern Auge allein sein. Wir sahen 
diess in dem vorhergehenden Falle ; wenn sich die Bilder ganz decken, kann sie der 
Kranke nicht mehr als zwei, sondern nur als eins wahrnehmen." 

Ein Mädchen, bei welchem in Folge acuter Bindehautblennorrhöe ein durchbohren- 
des , jedoch ohne Synechie wieder vernarbendes Hornhautgeschwür am rechten Auge 
entstanden war, fing an, mit diesem Auge auswärts zu schielen während der Zeit, als 
das grösstentheils vor der Pupille sitzende, flacher und rein gewordene, mithin das Ge- 
sicht nur wenig störende Geschwür allmälig vernarbte. Wer die Kranke nach vollende- 

*) Vergl. Prager Vierteljahrschrift, Band IV. S. 65. 



314 Augenmuskeln. 

ter Vernarbung sieht, findet die Pupille bis auf einen nacb innen und oben befindlichen 
kleinen Theil verdeckt durch eine beinahe ganz undurchsichtige Narbe, zu welcher ein 
Flügelfell vom innern Winkel her verläuft. Es gab demnach eine Zeit für diese Kranke, 
wo das Sehvermögen des rechten Auges noch nicht so zu sagen aufgehoben war, sondern 
noch in einem hohen Grade bestand, mithin störend auf das Gesicht des linken Auges 
einwirkte, und desshalb die Ablenkung desselben eine gleichsam instinctmässig herbeige- 
führte Abhilfe war; nachdem diese Ablenkung einige Zeit behufs des Deutlichsehens 
mit dem andern Auge nothwendig gewesen war , blieb sie stationär auch dann , als die 
Trübung intensiv geworden , mithin das Schielen nicht mehr nothwendig war. So wie 
in diesem , verhält es sich auch in vielen andern analogen Fällen , namentlich bei all- 
mälig entwickelter Cataracta. Andrerseits ist es gewiss, dass Hornhauttrübungen, nament- 
lich in früher Jugend entstanden, allmälig geringer werden und selbst verschwinden ; das 
Schielen aber, durch dieselben eingeleitet, besteht fort, weil die Muskelcontraction ein- 
mal habituell geworden ist. 

Ein Schuhmacher wurde von einem Epithelialkrebs nächst dem äussern "Winkel des 
linken Auges durch Pasta muriatis zinci geheilt. Die äussere Hälfte des untern Lides 
war nun durch die Vernarbung aus- und abwärts gestülpt, die äussere Commissur nach 
unten — aussen abgezogen. Der früher ganz gesunde Bulbus wurde in der Folge öfters 
von Entzündungen befallen und die Hornhaut in ihrer ganzen Ausdehnung leicht getrübt. 
Nach Beseitigung der entzündlichen Zufälle wurde der Kranke aus der Anstalt entlassen, 
kam aber bald wieder, weil die Augen bei der Arbeit bald mit Thränen überliefen und 
ermüdeten. Es wurde desshalb die Tarsoraphie nach Walther gemacht, das Ectropium 
gehoben, und die Commissur schloss wieder an den Bulbus an, nur stand das obere 
Lid ein wenig tiefer, als das des rechten Auges. Der Mann kehrte abermals zu seiner 
Arbeit zurück , bemerkte aber bald , dass er , wenn er etwas genauer sehen wollte , das 
linke Auge zukneipen oder verbinden musste. Eine Zeit läng — wo er viel arbeiten 
musste, hatte er das linke Auge bei der Arbeit immer verbunden gehalten; dann aber 
fand er, dass diess nicht mehr nöthig sei. Als ich ihm zufällig einmal begegnete, etwa 
1 /t Jahr nach der Operation, fand ich Strabismus sursum vergens oc. sin. Er hatte also 
unwillkürlich das Auge allmälig ein wenig aufwärts unter das obere Lid stellen gelernt, 
um mit dem rechten Auge allein zu sehen, und diese, zunächst nur für's Arbeiten er- 
forderliche und erspriessliche Stellung blieb nun auch beim gewöhnlichen Sehen. Der 
Mann hatte niemals die Erscheinung von Doppeltsehen bemerkt und wusste nicht, dass 
er schiele. Ich habe ihn noch durch einige Jahre in diesem Zustande beobachtet. 

Ein Candidat der Chirurgie, dem ich wegen Str. divergens oc. dextri amblyopiei 
beiderseits den E. externus durchschnitten hatte, wurde längere Zeit als geheilt betrach- 
tet, da er nicht schielte. Nach etwa V« Jahre, wo ich ihm mehrmal auf der Gasse be- 
gegnete, fiel mir auf, dass er das rechte Auge zuzudrücken pflegte. Er sagte, er thue 
es, um die ihm Entgegenkommenden schon aus der Ferne zu erkennen. Genaue Unter- 
suchung stellte heraus, dass er nicht kurzsichtig war, und dass ihn das rechte Auge 
auch im Erkennen naher Gegenstände , wenn sie etwas feiner waren , hinderte. Ich 
munterte ihn auf, sich trotzdem zu bemühen, beide Augen zu gebrauchen, und damit sich 
das rechte Auge durch Übung stärke, das linke bisweilen zu verschliessen. Doch fand 
ich , etwa V2 Jahr später, Strab. converg. des rechten, noch immer merklich schwächern 
Auges. Die Ablenkung nach aussen war wegen starker Rückwärtslagerung des R. ex- 
ternus nicht leicht möglich ; des Zukneipens suchte sich der junge Mann zu enthalten : 



Schielen — Ursachen. 315 

also wurde — zur Beseitigung des störenden Eindruckes — das Auge unbewusst und 
unwillkürlich abgelenkt. 

Strabismus muscularis. Wir wählen diesen Ausdruck nur, um da- 
mit anzudeuten, dass die Veranlassung- zum Schielen nicht von fehler- 
hafter Beschaffenheit des Auges selbst ausgeht. Die entfernteren Ur- 
sachen sind mannigfaltig, a) Zunächst gehört hieher das willkürliche 
oder absichtliche Schielen. Kinder bringen diess bisweilen zu Stande 
zur Unterhaltung ihrer Gespielen oder aus Muthwillen, um Schielende 
zu verspotten. Leider werden manche davon nach öfterer Wiederholung 
mit unwillkürlichem Schielen gestraft. Ich kenne wenigstens zwei Fälle, 
wo diess ganz bestimmt der Fall war; bei beiden war das rechte Auge 
das continuirlich oder doch für gewöhnlich abgelenkte, in dem einen 
Falle ein-, in dem andern auswärts, b) Hieran reiht sich zunächst das 
Schielen aus Nachahmung, ohne Absicht, ohne Willenseinfluss, als eine 
Art Chorea minor. Ob die Einwirkung der Phantasie das Mittelglied 
sei, wie Ritterich*) in seiner an positiven Thatsachen reichen Schrift 
über das Schielen meint, wagen wir nicht zu entscheiden. Wer die 
Geschichte der Chorea kennt, wird wenigstens die Zulässigkeit der An- 
nahme dieses Momentes als Ursache des Schielens nicht in vorhinein 
bestreiten, c) Desshalb nahm ich auch keinen Anstand, der Angabe 
einiger Kranken, dass sie in Folge von Schrecken oder Furcht schielend 
geworden seien, Glauben zu schenken, weil auch andere Muskeln und 
Muskelgruppen durch solche Affecte zu regelwidrigen Actionen ge- 
bracht werden, d) Nicht minder schwierig zu erklären und zu constatiren 
ist das Entstehen des Schiele?is von fehlerhafter Verwendung der Augen, 
vom Sehen nach der Quaste einer Mütze, der Masche eines Häubchens, 
dem Perpendikel einer Wanduhr u. dgl., oder vom Zunahehalten kleiner 
Objecte, Spielsachen u. s. w., welche Momente namentlich von altern 
Beobachtern angeführt werden. Es bleibt dabei immer zu bedenken, 
was Böhm dagegen einwendet, nämlich ob nicht zur Zeit, wo das eine 
oder das andere stattfand, bereits eine andere Ursache, namentlich 
Schwäche der Sehkraft des einen Auges bestand, und das Fixiren von 
Objecten nur die entfernte, die Ungleichheit der Sehkraft aber die 
nächste Veranlassung zur Ablenkung des Auges abgab. Was mir aber 
trotzdem die ältere Ansicht als haltbar erscheinen lässt, ist der Um- 
stand, dass ich in solchen Fällen, wo diese oder ähnliche Momente be- 
schuldigt wurden, beinahe immer das rechte Auge schielend fand, und 
dass sogar die Richtung der Ablenkung mit der Angabe der Kranken 
übereinstimmte. (Vergl. meinen Aufsatz über das Schielen in den österr. 

*) Das Schielen und seine Heilung, Leipzig 1843. 



3 1 6 Augenmuskeln. 

Jahrbüchern, S. 98.) Besonders auffallend war mir, dass ein junger 
Mann, welcher angab, er sei in seinem 6. Jahre in Folge dessen 
schielend geworden, weil er immer nach der Bandage seines linken ge- 
brochenen Unterschenkels hinabgesehen habe, mit dem rechten Auge 
nach innen — unten schielte, also gerade in einer Richtung, die der 
Angabe entsprach, obwohl der Kranke nichts davon wissen konnte, 
dass sein Auge nicht wie gewöhnlich nach innen, sondern zugleich nach 
einer äusserst seltenen Nebenrichtung abwich. Ich konnte es nun wohl 
auch nicht mehr als zufällig betrachten, wenn Leute nach innen und 
oben schielten, welche das Schielen vom Schauen nach der Quaste einer 
Mütze ableiteten. Es sind verschiedene Erklärungen versucht worden, 
um den Zusammenhang zwischen der Ablenkung des Auges und den 
Angaben der Kranken oder ihrer Eltern begreiflich zu machen {Beer, 
Joh. Müller, Ritterich). Wenn sich auch keine derselben als haltbar 
erwies, so war man doch desshalb noch nicht berechtigt, den Knoten 
zu zerhauen, um sich aller Unbequemlichkeit dadurch zu entheben, dass 
man die Möglichkeit der Entstehungsweise in vorhinein negirte. Die 
Angaben denkender Männer ohne Weiteres unter die Ammenmärchen 
verweisen, heisst wohl sich selbst den Weg der weitern Beobachtung 
und Forschung versperren, möglicherweise auch den praktischen Arzt 
verleiten, dass er, beim Entstehen des Übels consultirt, Umständen kein 
Gewicht mehr beilegt, welche am Ende doch Einfluss auf das Übel 
haben können. Nach meiner Meinung lässt sich die Entstehung des 
Schielens in Folge der obengenannten Veranlassungen mit unsern bis- 
herigen physiologischen Kenntnissen leicht in Einklang bringen. Die 
Kreuzung der Sehachsen in beträchtlich seitlich von der Medianebene 
gelegenen Objecten kann nur mit grosser Anstrengung längere Zeit er-, 
halten werden. Wird aber die Aufmerksamkeit lange oder oft und in 
kurzen Zwischenräumen auf so gelegene Objecte gerichtet, und können 
die Sehachsen, respective Bulbi wegen Ermüdung der Muskeln nicht 
mehr in der zur Kreuzung im Objecte nöthigen Richtung erhalten wer- 
den, so tritt die Kreuzung vor oder hinter dem Objecte ein, je nach 
dem Verhalten des Refractionszustandes und der Accommodationsorgane 
(für die betreffende Entfernung des Objectes), und es tritt Undeutlich- 
sehen durch theilweises Auseinanderweichen, später selbst Doppeltsehen 
mit völlig getrennten Doppelbildern ein. Diese, aus ungenauer oder 
gar nicht erfolgender Kreuzung der Sehachsen im Objecte entstehende 
Functionsstörung zu beseitigen, wird das eine Auge abgelenkt, damit 
das andere ungestört die Betrachtung des Objectes fortsetzen könne.*) 

*) Wenn ein nahes Object stark seitlich abliegt, so wird zur Fixirung desselben auch von jedem Auge= 



Schielen — Ursachen. 317 

Es tritt hier etwas Ahnliches ein, wie — nach A. v. Gräfe's stricter 
Nachweisung — bei Myopia in distans*), wo der Kurzsichtige beim 
Blick auf Objecte, die weit jenseits seines Fernpunktes liegen, wenn 
also eine scharfe Accommodation unmöglich ist, sein Auge nicht mehr 
für die grösste, ihm noch mögliche Ferne einrichtet, sondern für grössere 
Nähe, demnach bei Richtung des Blickes auf zu ferne Objecte densel- 
ben Refractionszustand annimmt, wie bei Accommodation für grosse 
Nähe. Ist aber diese Erklärung für stark excentrisch vom Mittelpunkte 
des Gesichtsfeldes gelegene Objecte richtig, dann begreifen wir auch, 
warum bei Kurzsichiigkeit leicht Schielen entstehen kann, dann nämlich, 
wenn die Objecte so nahe gehalten werden, dass die Kreuzung der 
Sehachsen im Objecte nicht so lange ausgehalten werden kann, als das 
Individuum es von seinen Augen fordert, mithin die Netzhautbilder 
nicht auf völlig correspondirenden Stellen erhalten werden können. 
Hierin fände denn auch die Beobachtung ihre Erklärung, f) dass Kin- 
der besonders nach schweren Krankheiten durch Anstrengung der Augen 
mit Lesen, Schreiben, feinen Spielsachen u. dgl. leicht schielend werden. 
Wir wiederholen, dass in solchen Fällen auch Ungleichheit der Seh- 
kraft oder der Sehweite zu Grunde liegen kann, damit man nicht meine, 
wir wollen die eben genannte Erklärungsweise auf alle solche Fälle 
angewendet wissen. Es ist eben Sache des praktischen Arztes, in jedem 
speciellen Falle so sicher als möglich die Ursache der Krankheit zu 
ermitteln, weil diess ein reeller Gewinn für die Behandlung ist, zu 
welcher ja auch die Prophylaxis gehört, g) Über die Entstehung des 
Schielens in Folge von Muskellähmung haben wir uns bereits ausge- 
sprochen, h) Minder sicher gestellt ist die Entstehung desselben aus 
Convulsionen, aus tonischen oder klonischen Krämpfen eines oder meh- 
rerer Muskeln des Augapfels, weil es in solchen Fällen immer schwer 
zu entscheiden sein wird, ob nicht vielmehr Paresis des (der) Anta- 
gonisten schiüd sei. A priori ist wohl nichts gegen den Übergang 
temporärer Ablenkung in bleibende einzuwenden, zumal wenn jene 
länger angedauert hat oder häufig und in kurzen Zwischenräumen wie- 
dergekehrt ist. 

Ausser den genannten sind noch, mehrere andere Momente als Ursachen des Schie- 
lens angenommen worden, meines Erachtens jedoch theils mit Unrecht, theils ohne ge- 
nügende Gründe. Mangel. Zerreissung , normwidrige Anheftung oder Degeneration eines 
Muskels durch Entzündung, melanotische Ablagerung u. dgl. vermag niemals direct zu 

ein anderer Grad von Spannung der Accommodationsorgane gefordert; es wäre wohl möglich, dass 
dieser Umstand an sich schon hinreicht, Undeutlichsehen zu bewirken, und somit auch Schielen als 
Abhilfe gegen die Fnnctionsstörung einzuleiten. 
*) Archiv für Ophthalmologie, Bd. II. Abth. 1. S. 15S (1Ö3-16S). 



3 IS Augenmuskeln. 

Strabismus zu führen , bloss zu gehemmter Beweglichkeit des Bulbus (luscitas), welche 
allerdings unter besonderen Umständen (wegen Doppeltsehens) zu activer Ablenkung nach 
der entgegengesetzten Seite Anlass geben kann. Eben so ist Schiefstellung der Linse, 
wenn auch an schielenden Augen nachgewiesen, gewiss nicht als Ursache des Strabis- 
mus zu betrachten. Eher möchte sie als Folge zu betrachten sein, da es nicht unwahr- 
scheinlich ist, dass der Bulbus durch einseitig prävalirenden Zug und Druck der Mus- 
keln in seiner Form auf ähnliche Weise verändert wird, wie das Knochengerüst in Folge 
ungehöriger Muskelthätigkeit, und dann wohl auch die Linse, relativ zur Hornhaut sowohl 
als zum hintern Pole (der Mac. lutea), anders gelagert sein könnte. Die Schiefstellung 
der Linse kann übrigens aus anderen Ursachen, z. B. in Folge eines seitlichen Corneal- 
durchbruches , an schielenden Augen so gut vorkommen , wie an nicht schielenden, mit- 
hin als zufällige Complication. Schiefstellung der Linse kann den Kranken nicht bestim- 
men , eine andere Stelle , als die Macula lutea dem Objecte , das gesehen werden soll, 
gegenüber zu stellen. Man vergesse nicht, dass das Auge abgelenkt wird, nicht um mit 
demselben zu sehen, sondern um dasselbe von der Theilnahme am Sehacte des andern 
Auges auszuschliessen. — Gründe, welche gegen J. Müller' s Annahme von angeborner 
Incongruenz der Netzhäute als Ursache des Schielens sprechen, haben wir bereits im 
2. Bande S. 2S2 angeführt. In neuester Zeit hat A. v. Gräfe (Archiv B. I. Abtheil. I. 
S. 105) einen exact beobachteten Fall von Strabismus beschrieben, welcher allerdings 
geeignet erscheint, dafür zu sprechen, dass die Macula lutea vermöge primärer Bildung 
nicht im hintern Pole, sondern excentrisch, in specie nach innen von der Sehnervenein- 
trittsstelle gelegen sein könne. Wenn man aber diesen Fall mit jenen vergleicht, in 
welchen der Umstand, dass die relativ empfindlichste Stelle der Netzhaut einwärts vom 
hintern Pole liegt, offenbar als Folge des seit früher Jugend bestehenden Schielens er- 
klärt werden muss , wie diess Greife in mehreren genau beobachteten Fällen auch selbst 
erklärt, so findet — meines Erachtens — doch nur ein Gradunterschied statt. Mir ist 
es nicht wahrscheinlieh, dass ein so wichtiger Bildungsfehler, wie Ektopie der Mac. 
lutea, ohne alle anderweitigen Bildungsfehler vorkommen könne. Bedenken erregt es 
auch, dass ein solcher Fehler bloss an Einem Auge auftreten soll. Und zugegeben, die 
Macula lutea, mithin gewissermassen die ganze Netzhaut, habe von Geburt aus eine 
andere Lage, so begreifen wir die Ablenkung der geraden Augenachse, welche jetzt nicht 
mehr zugleich Sehachse ist, nur dann, wenn man dasselbe Gesetz für die Augenbewegun- 
gen annimmt, wie im normalen Zustande, nämlich dass das Auge mit der relativ em- 
pfindlichsten Stelle dem Objecte der Aufmerksamkeit zugelenkt werden muss. Oder soll 
man annehmen, die zweckmässige Bewegung der Bulbi, die bald als assoeiirte, bald als 
aecommodative auftritt, beruhe nicht auf der Sensibilitätsvertheilung in der Netzhaut, 
sondern sei schon in der Innervation der Muskeln präformirt ? Wird aber das mit 
Ektopie der Netzhaut behaftete Auge abgelenkt, um die empfindlichste Stelle dem Ob- 
jecte gegenüberzustellen, also um mit beiden Augen zu sehen, so könnte man nicht von 
Schielen sprechen. Und doch fand in allen den Fällen, die man auf Incongruenz der 
Netzhaut beziehen wollte, weder gleichzeitiges Fixiren mit beiden Augen, noch eine solche 
Stellung des betreffenden Auges statt, dass die empfindlichste Stelle dem Objcct gegen- 
über zu liegen kam, sondern das Auge wurde so gestellt, dass seine empfindlichste Stelle 
nicht am Sehacte des andern Auges partieipiren konnte. Es bleibt also immer noch am 
wahrscheinlichsten, dass eine vom hintern Pole einwärts gelegene Stelle der Netzhaut 
die grösste Empfindlichkeit nicht wegen primärer Bildung besass, sondern vermöge 
Übung durch indirectes Sehen in der oben angegebenen Weise acquirirte. Dass aber, 



Schielen — Ursachen. 319 

•wenn die Mac. lutea aus was immer für einem Grunde am Sehen verhindert wird, irgend 
eine seitliche, namentlich eine einwärts von ihr oder selbst von der Sehnervenpapille 
gelegene Netzhautstelle einen staunenswerthen Grad von Empfänglichkeit acquiriren 
könne, sobald das Hinderniss von der ersten Jugend auf besteht, dafür kann ich be- 
sonders mit einer bereits vor 10 Jahren gemachten Beobachtung einstehen. G. E. v. 
W., 12 Jahre alt, auf beiden Augen an Cat. nucl. Station, leidend, deren Gegenwart erst 
zur Zeit des Zahnens nach Convulsionen bemerkt worden war, hatte unter ganz beson- 
derer Bemühung eines Arztes lesen und schreiben gelernt (Anfangs mit fast zollhohen 
Charakteren), und konnte, bevor ich die Cat. des linken Auges durch Discission operirte, 
selbst Buchstaben von 2'" Höhe und entsprechender Dicke lesen, besonders mit dem rech- 
ten, mehr geübten Auge. Sie musste aber jedesmal, wenn sie etwas genau sehen wollte, 
das betreuende Auge stark einwärts rollen, um neben der Linsentrübung vorbei zu sehen. 
Desshalb konnte man eigentlich nicht sagen, sie schiele, und wenn sie eben nichts fixirte,. 
so boten ihre Augen einen leichten Grad von Nystagmus, wenigstens nicht jene Buhe 
und symmetrische Stellung dar, die wir an normalen Augen zu finden gewohnt sind. 
Um zu lesen musste sie die Schrift auf beinahe zwei Zoll nähern und das betreffende 
Auge so stark in den innern "Winkel stellen, dass man annehmen musste, das Netzhaut- 
bild falle auf eine 1 — l'/a'" einwärts von der Sehnervenpapille gelegene Stelle. Dieses 
Verhältniss blieb dasselbe, als die Pupille vollkommen schwarz geworden war, und durch 
mehrere Jahre schien es, dass durch die Operation nichts gewonnen worden sei, indem 
zum genauem Sehen naher Objecte das operirte Auge immer wie früher einwärts gestellt 
wurde (bei Verschluss des rechten). Erst im Verlaufe mehrerer Jahre gewann die Seh- 
kraft in der Richtung der Sehachse, und somit für das Erkennen entfernter Objecte. 
Convexgläser von allen möglichen Brennweiten vermochten nicht, die Sehkraft zu heben, 
auch nicht nach methodischer Übung. Der Erfolg der Operation des linken Auges war 
eben nicht hinreichend, die ängstliche Mutter des Mädchens zur Operation des rechten 
Auges aufzumuntern. Vergl. B. IL S. 282. — Halten wir die für und wider die Mül- 
ler sehe Hypothese zur Zeit vorliegenden Gründe einander gegenüber, so erscheint es bei 
aller Achtung vor den von Gräfe dafür aufgeführten Gründen vorläufig nicht gerecht- 
fertigt, sie als feststehend anzunehmen, bis nicht die Autopsie (am Cadaver oder mittelst 
des Augenspiegels) ihr entscheidendes Wort abgegeben haben wird. 

Die nächste Ursache des Schielens besteht in der excessiven Con- 
traction eines oder zweier Muskeln. Ein gewisser Grad von Bigidität, 
von bleibender Verkürzung und Mangel an Ausdehnungsfähigkeit tritt 
erst nach langem Bestände anhaltenden Schielens ein. Die nachtheilige 
Wirkung dieses Zustandes wird bei inveterirten Fällen noch unterstützt 
und gesteigert durch das gegentheilige Verhalten der Antagonisten. 
Desshalb sind Fälle mit freier Beweglichkeit des Bulbus nach der ent- 
gegengesetzten Pachtung ceteris paribus leichter zu heilen. — Zu be- 
rücksichtigen ist ferner der Zustand der Sehkraft und Sehweite des 
schielenden Auges (relativ zum andern). Wo man erwarten darf, die 
Sehkraft und Sehweite des schielenden Auges der des andern völlig 
oder doch nahezu gleich zu bringen, lässt sich viel sicherer auf Bes- 
serung oder Behebung der fehlerhaften Stellung, wo nicht auf ganz- 



320 Augenmuskeln. 

liehe Heilung rechnen. Wo hingegen die Sehkraft bedeutend gesunken 
ist, und besonders da, wo nur eine einwärts vom hintern Pole gelegene 
Netzhautstelle noch ein leidliches Sehen vermittelt, ist höchstens auf 
Verbesserung der Stellung zu rechnen. — Viel kommt auch auf Ver- 
ständigkeit und festen Willen des Schielenden an, wenigstens da, wo 
der Einfluss des Willens nicht durch optische Hindernisse oder durch 
Erkrankung der Muskeln paralysirt wird. Mit Recht bemerkt Bälerich, 
dass Mädchen, welche das Interesse für ihr Äusseres weit mehr spornt 
{und wohl auch ihre Erzieher), das Schielen häufiger wieder ablegen, 
als Knaben. 

Seit Dieffenbach's genialer Anwendung der Myotomie auf das Auge *) 
ist die Heilung des Schielens durch die Durchschneidung des verkürz- 
ten Muskels eine Thatsache, glänzend gegenüber den schwierigen und 
so oft erfolglosen Methoden, welche die frühere Zeit diesem so arg 
entstellenden Übel entgegen zu setzen vermochte. Sie ist im Stande, 
dem Unglücklichen die richtige Stellung des Auges so zu sagen augen- 
blicklich wiederzugeben, und meistens auch ohne weitere Bemühung 
zu sichern. Einen directen Einfluss auf die Sehkraft, wie man Anfangs 
hoffte, hat sie jedoch nicht, und ebenso wenig kann und darf sie auch 
heutzutage für das einzige Mittel gegen das Schielen erklärt werden, 
wozu es eine Zeit lang den Anschein hatte, denn nicht jeder Fall von 
Strabismus erheischt die Myotomie, und nicht alle Fälle, welche nicht 
ohne Myotomie geheilt werden können, lassen Heilung durch dieselbe 
zu. Dass durch ungehörige Anwendung derselben der Zustand schlim- 
mer, statt besser gemacht werden kann, wird ihr als solcher Niemand 
zur Last legen. 

Wo das Schielen eben im Entstehen begriffen ist, und noch nicht 
als continuirlich bezeichnet werden kann, lässt sich seine Etablirung 
bisweilen dadurch verhüten, dass man die entfernteren Ursachen besei- 
tigt oder unschädlich macht, und auf die Willenskraft des Kranken 
einzuwirken sucht. Zunächst untersuche man, ob nicht etwa optische 
Hindernisse vorhanden seien und sich beseitigen lassen. Kann man 
hierüber nicht in's Klare kommen, wie so häufig bei kleinen Kindern, 
wenn sie keine sichtbaren Abnormitäten darbieten, und liegen nicht 
etwa ganz bestimmte und glaubwürdige Anschuldigungen von entfern- 
baren Momenten (Willkür, Nachahmung, fehlerhafter Verwendung) vor, 
so lasse man fleissig Acht geben, unter welchen Verhältnissen die Ab- 
lenkung auftritt oder gesteigert wird, und empfehle die Fernhaltung 
solcher Verhältnisse nach Möglichkeit. Je öfter das Auge in die fehler- 

*) Im December 1839. Medicin. Zeitung vom Vereine für Heilkunde in Preussen. Nr. 51. 



Schielen — Behandlung — orthopädische. 321 

liafte Stellung geräth, und je länger es jedesmal in derselben verharrt, 
desto mehr droht Gefahr, dass es endlich beständig in derselben ver- 
bleibe. So oft das Kind in der fehlerhaften Stellung des Auges betre- 
ten wird, suche man es derselben zu entreissen. In manchen Fällen 
genügt es, das Kind einfach anzureden und zum richtigen Blick auf- 
zumuntern, in andern muss man das Fixiren von Objecten dadurch 
unterbrechen, dass man mit der Hand vor dem Gesichte vorbeistreicht 
oder die Augen einigemal nach einander schliessen und öffnen, und 
dann den Blick auf andere Objecte lenken und für einen andern Horop- 
ter einrichten lässt, bei Convergenz für einen weitern, bei Divergenz 
für einen engern. In manchen Fällen, namentlich bei optischen Hinder- 
nissen, müssen gewisse Beschäftigungen (mit feinen Spielsachen, Lesen, 
Stricken u. dgl.) für eine Zeit lang ganz untersagt werden; in andern, 
namentlich bei Neigung zur Kurzsichtigkeit oder bei angeborener 
Stumpfheit der Netzhaut oder bei allgemeiner Muskelschwäche (nach 
schweren Krankheiten) erweist es sich nützlich, die Kinder häufig in's 
Freie zu bringen und überhaupt Einförmigkeit in der Beschäftigung (im 
Gebrauche der Augen) nach Möglichkeit zu verhüten. — Der Einfluss 
des Willens kann bisweilen, wie Jurin empfohlen hat, dadurch angeregt 
und zweckmässig geleitet werden, dass man das gesunde Auge durch 
die vorgehaltene Hand verdeckt, und den Schielenden, der nun das 
kranke Auge gerad stellt, anweist, dieses Auge auch nach Entfernung 
der Hand auf das Object zu richten. Hat er hierin einige Fertigkeit 
erlangt, so steht zwar das gesunde Auge fehlerhaft; manche bringen 
es aber doch dahin, dass sie, indem sie mit der Schärfe der Fixa- 
tion nachlassen, das rasche Fliehen des einen Auges in den Winkel 
temperiren und dann — zunächst eine kurze Zeit — beide Augen 
richtig einstellen. Besonders gelingt diess, wenn nach der Muskel- 
durchschneidung noch ein geringer Grad von Schielen fortbesteht. Ver- 
ständige Patienten nehmen diese Übungen selbst vor, mit Hilfe eines 
Spiegels. 

Wo Ungleichheit der Sehkraft zu Grunde liegt, erweist sich der 
eben besprochene Vorgang häufig als ungenügend, auch wenn er gehörig 
durchgeführt wird, dann nämlich, wenn der schwächere Eindruck schon 
heim gewöhnlichen Sehen und nicht bloss beim Fixiren und genauem 
Betrachten von Objecten sich geltend macht. In solchen Fällen sind 
Versuche mit Schielbrillen zu empfehlen. Es sind deren 3 verschiedene 
Arten bekannt. 

Die ältesten sind ein Paar dunkle Kapseln, nussschalenähnlich, jede in der Mitte mit 
-einer kleinen Öffnung oder mit einer horizontalen Spalte versehen, welche an normalen 
Arlt Augenheilkunde. III. 21 



322 Augenmuskeln. 

Augen gerade vor die Pupillen zu stehen kommen -würden. Diese Brillen sind verwor- 
fen worden, indem man, und zwar mit Recht, behauptete, das einmal schielende Auge 
könne dadurch nicht gezwungen werden, seine fehlerhafte Stellung zu verlassen und 
durch die Öffnung durchzusehen. Vielleicht wirken sie aber auch nicht auf diese, ihnen 
zugemuthete "Weise. Es fordert immerhin zur Vorsicht auf, wenn genaue Beobachter, 
wie Ritterich , sich für deren Wirksamkeit aus Erfahrungsgründen erklären. Seit der 
Einführung der stenopäischen Brillen von Donders möchte wohl die Wirkungsweise der 
alten Schielbrillen anders zu interpretiren sein. Es liegt wenigstens sehr nahe, anzu- 
nehmen, dass die Schielbrillen, die wesentlich doch nichts Anderes sind, als stenopäische, 
geeignet seien, das schielende Auge zum Mitsehen geeignet zu machen, indem sie die 
Differenz der Sehkraft beider Augen mehr weniger ausgleichen. Es ist wenigstens auf- 
fallend, dass Ritterich ausdrücklich bemerkt, er habe bei Hornhauttrübungen Nutzen von 
Schielbrillen beobachtet. Es Hesse sich aber auch denken , dass Kinder durch Schiel- 
brillen gezwungen werden, das Schielen aufzugeben, weil sie durch dieselben gezwun- 
gen sind, das nicht schielende Auge immer in der Mitte der Lidspalte zu halten, somit 
alle Objecte geradeaus anzusehen , und die Schiefhaltung des Kopfes zu vermeiden. 
Dann würden sich diese Schielbrillen in ihrem Wirkungskreise an einige andere mecha- 
nische Vorrichtungen anschliessen, deren wir weiter unten gedenken werden, und zu denen 
besonders das bekannte Volksmittel gehört, die gerade Haltung des Kopfes durch eine 
steife Cravatte zu erzwingen. Wie dem auch sei, das steht fest, dass es verschie- 
dene Mittel giebt, welche ganz gewiss nützlich sind, trotzdem wir nicht wissen , wie sie 
nützen. — Die zweite Art von Schielbrillen ist von Böhm angegeben und wenigstens in 
einigen Fällen mit Erfolg angewendet worden. Es wird in einem gewöhnlichen Bril- 
lengestelle vor dem schielenden schwächern Auge ein farbloses , vor dem gesunden ein 
mehr weniger intensiv blaues Glas getragen , um den Eindruck des gesunden Auges 
abzuschwächen und hiedurch Gleichheit der Eindrücke zu erzielen. „Da es sich nicht 
ausführen lässt," — wie Böhm meint — „die gesunkene Sehkraft des erkrankten Auges 
zur Zeit in ein gleiches Verhältniss mit der des andern Auges zu erheben, so steht 
es uns doch frei , in umgekehrter Weise die Sehkraft des gesunden Auges auf unschäd- 
liche Weise vorläufig in so weit herabzustimmen, dass beide Netzhäute von einem licht- 
gebenden Punkte wieder in gleicher Weise gereizt, mithin beide Bulbi einem gleichen 
Reflexeinflusse auf die Muskelgruppen ausgesetzt werden. Die blaue Farbe des einen 
Glases muss um so intensiver sein, je bedeutender der Unterschied in der Sehkraft der 
Augen ist, und die Objecte müssen in einem gemilderten blauen Lichte erscheinen. 
„Erscheinen die Gegenstände noch in demselben Grade blauer Färbung, den man dem 
Glase des gesunden Auges gegeben hat, so ist der Reflexeinfluss auf diesem Auge noch 
nicht genügend herabgestimmt, und muss eine intensivere Färbung gewählt werden, bis 
durch die möglich werdende Mitthätigkeit des schwächern Auges eine ungefähre Aus- 
gleichung zur mittlem Helligkeit beider Gläser erfolgt." Erscheinen dagegen die Ob- 
jecte in ihrer natürlichen Farbe, so ist das Glas zu intensiv blau, fungirt bloss das 
schwächere Auge, und wird das gesunde vom Sehact ausgeschlossen." — Eine dritte 
Art von Brillen , welche ich bei A. v. Gräfe nach verrichteter Schieloperation behufs 
der völligen Geradestellung des Bulbus mit Nutzen anwenden sah, besteht in gewöhn- 
lichen Brillen mit Plangläsern, welche zum vierten oder dritten Theil, zur Hälfte oder 
zu 2 Dritteln (von der Schläfen- oder Nasenseite her) undurchsichtig gemacht werden 
können. Wenn Jemand mit dem linken Auge einwärts schielt, und das rechte Auge an 
der Nasenseite zum Theil verdeckt wird, so kann dieses die betreffende Region des Ge- 



Schielen — Behandlung — orthopädische. 323 

Sichtsfeldes nicht mehr beherrschen, und das linke Auge wird häufiger veranlasst, für 
die linke Hälfte des Gesichtsfeldes zu fungiren. Zugleich wird der Kranke zur gera- 
den Kopfhaltung gezwungen. Dieses Mittel ist meines Erachtens nicht nur bequemer, 
sondern auch zweckmässiger, als die von Darwin empfohlene künstliche Papiernase, ein 
senkrechter Steg auf dem Nasenrücken, welcher jedes Auge so ziemlich auf die gleich- 
namige Hälfte des Gesichtsfeldes anweist und das Vorherrschen des einen in dem Ge- 
biete des andern verhindert."*) Darwin 's Patient war ein fünfjähriges, äusserst füg- 
sames und gescheidtes Kind. Es schielte einwärts, bald mit dem einen , bald mit dem 
andern Auge. Wenn der Gegenstand ihm auf der rechten Seite vorgehalten wurde, so 
sah es denselben mit dem linken Auge, und umgekehrt. Wurde ihm ein Gegenstand in 
gerader Pachtung vorgehalten, so drehte es den Kopf ein wenig auf die eine (rechte) 
Seite, betrachtete ihn nur mit dein entfernteren (rechten) Auge , und schielte mit dem 
andern. War es endlich müde, den Gegenstand mit diesem Auge zu betrachten, so 
drehte es den Kopf auf die entgegengesetzte Seite (links) , und betrachtete nun den Ge- 
genstand eben so leicht mit dem andern (linken) allein. Das Kind erkannte und nannte 
Buchstaben in gleichen Entfernungen mit dem einen Auge so leicht , wie mit dem an- 
dern , lind es liess sich überhaupt kein Unterschied zwischen beiden Augen wahrneh- 
men. Man betrachtete das Übel als Folge übler Gewohnheit. Darwin gab den Eath, 
eine künstliche Papiernase, einen Zoll über der natürlichen emporragend, tragen zu las- 
sen. Das Kind fing an, statt den Kopf zu drehen, um nach seitlichen Gegenständen zu 
schauen , dieselben mit dem betreffenden , nicht wie früher mit dem entfernteren Auge 
zu fixiren. Der Heilplan wurde jedoch nicht beharrlich ausgeführt, und nach 6 Jahren 
fand Darwin den Zustand wie früher. Nun wurde eine Scheidewand von Messingblech, 
mit schwarzer Seide überzogen , auf der Nase befestigt , mittelst Spangen , welche von 
der Nasenwurzel um den Kopf liefen. Sie erhob sich gegen 2 [ /'i" hoch über der Nase. 
Beim Tragen derselben fand es die Patientin bald weniger unbequem, seitlich gelegene 
Gegenstände mit dem Auge zu betrachten, welches denselben am nächsten lag, statt dass 
sie früher das entferntere dazu verwendet hatte. Nachdem diese Gewohnheit durch 
wochenlangen Gebrauch des Instrumentes geschwächt worden war, wurden der Patientin 
zwei Stückchen Holz, von der Dicke eines Federkieles, ganz geschwärzt bis auf 1 /t" von 
der Spitze aus, häufig vorgehalten, um darnach zu sehen. Das eine wurde auf die eine 
Seite der Extremität des Instrumentes, das andere auf die andere Seite desselben gehal- 
ten. Auf diese Weise gelang es, dass die Patientin in der nächsten Woche eine halbe 
Minute lang beide Sehachsen auf denselben Gegenstand richten konnte. Indem sie diese 
Übung vor einem Spiegel fast jede Stunde des Tages wiederholte, war sie in der 3. Woche 
im Stande, eine ganze Minute lang mit beiden Augen zugleich zu lesen. Nach länger 
fortgesetzter Übung erlangte sie die Fähigkeit, auch entferntere Objecte (bis zu 4 oder 5') 
mit beiden Augen zugleich zu fixiren, weshalb Darwin vollständige Heilung vorhersagte. 
Über die Anwendung prismatischer Gläser, von denen sich in vielen Fällen Nutzen 
erwarten lässt, besitze ich noch keine eigenen Erfahrungen. Vielleicht dass Gräfe una 
bald mehr hierüber mittheilt. 

Wo die Sehkraft des Auges in Folge von Unthätigkeit gesunken 
ist, versuche man dieselbe erst durch methodische Übung so weit als 
möglich zu heben, ehe man irgend ein Heilverfahren gegen das Schie- 
len selbst einschlägt. Das gesunde Auge werde mehrmal des Tages auf 

*) Matenzie L c. S. 247. 

21* 



324 Augenmuskeln. 

einige Zeit wohl verschlossen, mittelst der Finger oder eines gut an- 
liegenden Verbandes, Anfangs nur 3 — 4mal des Tages und auf einige 
Minuten, später gradatim öfter und länger. Bei hochgradiger Amblyo- 
pie gelingt es meistens nur mittelst convexer Gläser, das Auge noch 
zur Thätigkeit anzuregen oder doch in relativ kürzerer Zeit. Ist es ge- 
lungen, die Sehkraft völlig oder doch nahezu wieder herzustellen, dann 
darf man erwarten, das Schielen auf orthopädischem Wege zu beheben. 
Die Angabe glaubwürdiger Autoren, wie Beer, dass Schielen auf diese 
Weise geheilt worden sei, lässt sich durch Gründe a priori nicht wi- 
derlegen, und diejenigen, welche dagegen eifern, dürften bei Empfeh- 
lung orthopädischer Kegeln nach verrichteter Muskeldurchschneidung 
wohl etwas inconsequent werden. Wenn aber auch die Beseitigung des 
Schielens auf diesem Wege allein nicht gelingt, so hat man durch diese 
Übungen gleichsam der Operation schon vorgearbeitet. Denn je mehr 
das Auge zum directen Sehen geeignet wurde, desto leichter kann es, 
der Fessel des verkürzten Muskels durch die Operation entledigt, zu 
den Objecten richtig eingestellt werden, weil eben die Netzhautfunction 
der Eegulator der Muskelthätigkeit ist} und je mehr es gelungen ist, 
die freie Beweglichkeit des schielenden Auges vor der Operation wie- 
der herzustellen, durch Übung und Kräftigung des Antagonisten, desto 
sicherer wird man bemessen können, bis zu welchem Grade man bei 
der Operation von den — später anzugebenden , — Mitteln Gebrauch 
machen darf, das Auge nach der entgegengesetzten Seite beweglich zu 
machen. Die Complication des continuirlichen Schielens mit Insuffizienz 
des Antagonisten wegen Mangel an hinreichender Übung desselben muss 
vor der Operation so viel als möglich beseitigt werden. Denn, wenn 
derselbe erst nach der Operation wieder zu voller Thätigkeit gelangt, 
kann seine Wirkung leicht zu beträchtlich ausfallen; das Auge steht 
dann nach der Operation eine Zeit lang richtig, wird aber allmälig 
nach der entgegengesetzten Seite abgelenkt, vielleicht nur desshalb, weil 
die Durchschneidung und Rücklagerung des Muskels nach der zur Zeit 
der Operation vorhandenen Contractionskraft des Antagonisten berech- 
net wurde. 

Je mehr das Auge von jeder anderweitigen Abnormität als der der 
Ablenkung frei ist, mit desto mehr Aussicht auf günstigen Erfolg kann 
die Operation unternommen werden. Als völlige Heilung kann, streng- 
genommen, nur jener Zustand bezeichnet werden, wo sowohl die asso- 
ciirten als die accommodativen Bewegungen wieder zur Norm zurück- 
geführt wurden. Diess ist im Allgemeiuen nur dann möglich, wenn 
das früher schielende Auge unter allen Verhältnissen am Sehacte Theil 



Schielen — Behandlung — Operation. 325 

nehmen kann, und wenn es die Function des andern Auges nicht durch 
Lieferung eines schwächern Eindruckes stört. Wo demnach beträcht- 
liche Differenz in der Sehkraft oder Sehweite beider Augen besteht, 
wird man sich häufig bloss mit Verbesserung der Stellung des Auges 
begnügen müssen ; das Auge weicht dann unter allen Umständen in der 
frühern Richtung, nur in geringerem Grade ab, oder es stellt sich bei 
gewissen Richtungen des Blickes und Distanzen der Objecte gehörig 
ein, bei andern nicht. Man kann aber auch, und das bei ganz ge- 
hörig ausgeführter Operation, in solchen Fällen beträchtlich differenter 
Sehkraft oder Sehweite eine mehr weniger penible Verschlimmerung 
herbeiführen, wenn nämlich nach erfolgter richtiger Einstellung der 
durch das gesunde Auge zu Stande kommende Eindruck durch den des 
kranken geschwächt, mithin der gemeinschaftliche Sehact unerträglich 
wird. Unter solchen Umständen ist es als ein Glück zu betrachten, 
wenn der Operirte allmälig von dem Eindrucke des schwächern Auges 
abstrahiren lernt, ohne das Auge neuerdings zu verdrehen; aber nicht 
selten erfolgt letzteres, nach der frühern oder nach der entgegengesetz- 
ten Richtung, bald mit, bald ohne Doppeltsehen. Letzteres kann die 
Operirten Monate, Jahre lang belästigen. — Bei ungehörig verrichteter 
Operation bleibt die Ablenkung in der frühern Richtung zurück (Schie- 
len), oder erfolgt gehinderte Beweglichkeit nach dieser Richtung mit 
beständiger oder mit temporärer, nur bei gewissen Richtungen und 
Distanzen hervortretender Ablenkung nach der entgegengesetzten Seite 
(Luscitas). — Dem Auge selbst bereitet die Operation keine Gefahr; 
wenn hie und da ein Fall mit Gefährdung oder Verlust des Sehver- 
mögens oder Augapfels vorgekommen ist, so müssen ganz absonderliche 
Fehler von Seite des Arztes oder des Kranken vorgefallen sein. Am 
Ende kann selbst eine leichte Schnittwunde eines Fingers gefährlich 
weiden, die in tausend und abermals tausend Fällen ohne alle Gefahr 
verläuft. Der operative Eingriff, den die Muskeldurchschneidung setzt, 
soll und kann jederzeit so geringfügig sein, dass die Heilung in 8—14 
Tagen ohne weiteres Zuthuu erfolgt. 

Vor der Operation muss nebst der Sehkraft, Sehweite, Beweglich- 
keit der Bulbi u. s. w. auch noch der Grad der Ablenkung bei mittleren 
Distanzen ermittelt werden, um zu bestimmen, ob man die Durchschnei- 
dung auf beiden oder nur auf dem einen Auge, und in welcher Aus- 
dehnung man dieselbe werde vorzunehmen haben. Den Grad der Ab- 
lenkung zu bestimmen, kann man sich füglich an den Stand des 
Hornhautrandes relativ zum innern oder äussern Augenwinkel halten, 
wenn die Hornhaut des andern Auges in der Mitte der Lidspalte steht 



32G Augenmuskeln. 

(bei gerade gehaltenem Kopfe). Im normalen Zustande kann der Horn- 
liautrand einwärts bis zur halbmondförmigen Falte, auswärts bis zur 
Commissur gestellt werden. Beim Schielen, besonders beim convergi- 
renden, kann der Rand, selbst die Hälfte der Hornhaut verborgen wer- 
den. Diese excessive Bewegbarkeit soll bis auf die Norm (nie viel dar- 
über) beschränkt werden. Als leichte Grade kann man bei Strab. 
convergens jene Fälle bezeichnen, wo bei oben bezeichnetem Stande 
des andern Auges der Hornhautrand des schielenden höchstens T" 
weiter einwärts steht; als mittlere Grade, wo derselbe an die halb- 
mondförmige Falte zu stehen kommt; als höchste Grade, wo von der 
Hornhaut schon ein Theil verborgen ist. Zwei Linien Ablenkung nach 
aussen sind ohngefähr so hoch anzuschlagen wie eine Linie nach innen, 
wenn sich's um den Einfluss der Ablenkung auf das Operationsverfah- 
ren handelt. Bei geringerer Ablenkung ist nämlich meistens schon die 
unilaterale Operation hinreichend, und muss der Schnitt auf die Sehne 
des Muskels beschränkt werden; bei mittlem Graden ist es in der 
Kegel besser, beide Augen zu operiren, und auch hier zunächst nur die 
Sehnenfasern zu durchschneiden; man kann zwar durch ausgiebige Er- 
weiterung der Wunde (Schlitzung der T. vaginalis bulbi nach oben und 
unten) Geradstellung des Bulbus erzielen, doch nur für gewisse Rich- 
tungen und Distanzen, und riskirt unvollständige Beweglichkeit nach 
Seite des durchschnittenen Muskels oder Abweichung nach der ent- 
gegengesetzten Seite mit Doppeltsehen. Bei höhern Graden lässt sich 
auch diese Geradstellung durch unilaterale Operation nicht mehr er- 
zielen, geschweige denn das Schielen beheben. Betrüge z. B., wenn 
bei gerader Kopfhaltung die Pupille des im Mesoropter und in der 
Medianebene fixirenden Auges nahezu in der Mitte der Lidspalte steht, 
die Abweichung des schielenden Auges, nach dem Stande des Horn- 
hautrandes vergleichungsweise gemessen, drei Linien, so kann die Cor- 
rection nur durch bilaterale Durchschneidung exact und ohne Nachtheil 
für die normale Beweglichkeit erzielt werden, und es darf die Stellung 
des erstoperirten nur um 1 ,7 2, höchstens I" 1 verbessert werden, damit 
für das andere noch mindestens V" zur Correction übrig bleibt. Es 
ist aber viel schwieriger, hierin zu wenig, als zu viel zu thun. Zu be- 
wirken, dass das Auge nur um V" nach der entgegengesetzten Seite 
gelenkt werde, erfordert vom Operateur weit grössere Dexterität, als 
grössere Ablenkungen herbeizuführen. Ich zweifle, dass es möglich ist, 
das Auge weniger als *\\ 4 " abzulenken. Das einzige Mittel, geringere 
Effecte zu erzielen, wäre vielleicht, nur einen Theil, etwa 3 /i der Sehne, 
und nach einigen Tagen den Rest zu durchschneiden. Doch fehlen 



Schielen — Behandlung — Operation. 327 

mir hierüber Versuche. (Vom horizontalen Einschneiden der Bindehaut 
oder von der sogenannten subconjunctivalen Muskeldurchschneidung- 
habe ich a priori wegen der Dehnbarkeit der Bindehaut nichts er- 
wartet.) 

Dieffenbach operirte ohngefähr auf folgende Weise. Ein hinter 
dem Kranken stehender Gehilfe fixirte die Lider, und zog sie beson- 
ders in dem betreifenden Winkel aus einander. Ein zur Seite stehen- 
der Gehilfe übernahm die Haltung eines spitzen Häkchens, welches der 
Operateur nächst dem betreffenden Hornhautrande in die Bindehaut 
eingesenkt hatte, um den Bulbus nach der entgegengesetzten Richtung 
zu iixiren. Der Operateur setzte ein zweites solches Häkchen über 
dem betreffenden Muskel, etwas rückwärts von dessen Insertion, in die 
Bindehaut ein, und durchschnitt nun mit einer nach der Schneide 
(rabenschnabelähnlich) gekrümmten Scheere die durch die Spannung 
zwischen den Häkchen entstandene, horizontal verlaufende Bindehaut- 
falte etwas hinter der Insertionslinie des Muskels. Nach Stillung der 
Blutung (oder Abtupfung mittels eines Schwämmchens) umging er den 
Muskel mit einem bogenförmig gekrümmten stumpfen Haken (Krüm- 
mungsradius circa 2 1 ;2 I "), zog den Muskel hervor, und durchschnitt 
ihn nun quer (von unten nach oben) mit der neben dem Haken einge- 
führten Scheere. — Dieser Vorgang erlitt mannigfaltige Modifikationen, 
welche aufzuzählen höchstens historisches Interesse haben würde. Als 
Nachtheile kann man bezeichnen: dass zwei geübte Gehilfen notwen- 
dig sind, dass sie leicht Ekchymosen veranlasst, dass sie beim Hervor- 
ziehen des Muskels mit dem Haken starke Schmerzen erregt, und dass 
der Muskel leicht zu weit von seiner Insertionsstelle durchschnitten 
wird. Ich beschränke mich auf die Angabe des Verfahrens, welches 
ich seit dem Jahre 1840 anwende, und für ebenso zweckmässig als 
einfach halte. 

Ich lasse das (zunächst) nicht zu operirende Auge mit der Hand 
zuhalten oder fest verbinden, damit der Kranke das andere besser in 
seine Gewalt bekomme und nach der entgegengesetzten Seite richten 
könne. (Der leichtern Verständlichkeit wegen nehmen wir an, es sei 
der R. internus des linken Auges zu durchschneiden. j Während nun 
der Kranke ein links gelegenes Object fixirt, und der Assistent mit der 
linken Hand das obere, mit der rechten das untere Lid fixirt, besonders 
den innern Winkel bloss legend, fasse ich mit einer mittelgrossen 
Blomer^sehen Pincette in der linken Hand, mit auf- und abwärts 
federnden Armen; die Bindehaut höchstens 3"' vom Hornhautrande ent- 



328 Augenmuskeln. 

fernt*), hebe die Bindehaut etwas vom Bulbus ab, dass sie eine Falte 
bildet, schneide diese knapp an der Pincette (an der der Cornea zuge- 
wandten Seite) mit einer Dieffe?ibach , $c}ien Scheere, die Convexität 
nach unten gerichtet, vertical ein, und erweitere die Wunde auf- und 
abwärts bis auf etwa A'" Länge. Sofort setze ich die Pincette in der- 
selben Haltung senkrecht oder unter einem wenig spitzigen Winkel 
zwischen den Wundrändern vor dem bloss noch von der T. vagin. um- 
hüllten Muskel auf die Sclera auf, gehe mit der Pincette, sie allmälig 
bis auf 4"' öffnend und dabei an den Bulbus andrückend, ein wenig 
rückwärts, gleichsam um den Muskel aus der Wunde hervorzuholen, 
und fasse ihn nun wie ein Flügelfell durch Schliessen der Pincette. 
Unmittelbar darauf schiebe ich das untere Blatt der Scheere, welches 
nicht scharf spitzig ist, gleich einem Haken von unten zwischen der 
Sclera und dem Muskel bis zu dessen oberem Ende hinauf, drehe die 
Scheere nun so, dass beide Blätter (das eine vor, das andere hinter 
dem Muskel) flach am Bulbus liegen, und durchschneide somit in 1 — 2 
Zügen den Muskel in seiner Sehne und so knapp als möglich an der 
Sclera. Hiemit kann die Operation — in Zeit von 1 Minute — be- 
endet sein. Wenn man jedoch die Arme der Pincette nicht genug 
öffnete, oder wenn man die Scheere nicht hinter der Muskelsehne hin- 
auf, sondern unten oder oben durch dieselbe durchführte, so sind 
Fasern ungetrennt geblieben, und machen noch die Einführung eines 
stumpfen Häkchens (halb so gross als das Diejfeiibach'sche) nothwendig. 
Wo man Ursache hat, unvollständige Trennung anzunehmen, vertausche 
man sofort die Pincette mit diesem in Bereitschaft liegenden Häkchen, 
und sondire, von der Mitte der Wunde, wo die Sclera bloss liegt, 
knapp an dieser auf- und abwärts streifend, wo die noch zu durch- 
schneidende Partie sitze, was man leicht an dem Widerstände erkennt, 
auf den das Häkchen beim Anziehen nach vorn stösst. Wo dieses der 
Fall ist, führe man die Scheere neben dem Häkchen wie an einer 
Leitungssonde ein, und durchschneide jedoch nur die Sehnenfasern, 
die man mit dem Häkchen hervorholt, ohne die Wunde bis in die seit- 
liche Invagination des Muskels zu erweitern. — Ob man am rechten 
oder am linken Auge, im innern oder im äussern Winkel zu operiren 
hat, das ändert weder die Bolle der Hände, noch die Haltung der 
Instrumente, nur dass. beim K. externus des linken und beim K. in- 
ternus des rechten Auges Scheere und Pincette beim Muskelschnitte 

*) Nach manchen, selbst noch in neuester Zeit erschienenen bildlichen Darstellungen der Operation: 
möchte man glauben, der E. internus müsse nicht 2 x / 2 , höchstens 3, sondern mindestens 4'" weit 
vom Hornhautrande durchschnitten werden. 



Schielen — Behandlung — Operation. 329 

sich kreuzen müssen, damit der Muskel zwischen der gefassten Stelle 
und der Sclera, nicht aber auf der andern Seite der Pincette (im Mus- 
kelfleische) durchschnitten werde. 

Möge man aber auf diese oder eine andere Weise operiren: 
wesentlich ist nur das, dass der Muskel so knapp als möglich am 
Bulbus, also in seiner Sehne durchschnitten werde, und dass man die 
T. vagin. weder nach oben noch nach unten hin zu weit schlitze. Das 
vordere Ende des Muskels steckt in der von ihm äusserst schräg 
durchbohrten T. vagin. wie in einer Scheide, und hängt mit derselben 
so fest zusammen, dass sich der Muskel nicht aus dieser Invagination 
herausziehen kann. Die eben gegebene Vorschrift gründet sich auf 
dieses anatomische Verhalten und auf den Vorgang der Heilung der 
Wunde, wie man ihn theils während des Lebens, theils bei der Section 
von Operirten beobachtet hat. (Zu letzterer hatte ich 2mal Gelegen- 
heit.) Die Muskelwundränder, man möge nun in dem sehnigen oder 
im fleischigen Theile durchschnitten haben, treten nicht mehr mit ein- 
ander selbst in Verbindung, weder unmittelbar, noch durch eine Zwi- 
schenmasse, wie man in früherer Zeit meinte, sondern das hintere 
Stück zieht sich, so weit es eben die Verhältnisse gestatten, zurück 
und verwächst mit den nächst angrenzenden Gebilden , während das 
vordere Stück, falls ein solches sitzen geblieben, allmälig schrumpft, 
oder aber wuchert und nachträglich abgetragen werden muss. Den 
Muskel nicht knapp an der Sclera abschneiden heisst also eigentlich so 
viel, als vorn ein Stück von ihm excidiren, mithin den ohnehin kürzern 
i contrahirten) Muskel noch kürzer machen. Wird aber der Muskel knapp 
an der Sclera abgeschnitten, so hängt er durch die ihn hier fest um- 
hüllende T. vagin. beiderseits (oben und unten) mit dem Bulbus zu- 
sammen, und kann sich an diesem nur so weit zurückziehen, als es 
eben die Dehnbarkeit der T. vagin. und die Grösse der Eröffnung der- 
selben gestattet. Wurde die T. vagin. so weit geschlitzt, dass der 
darin haftende Muskel sich bis zum Aequator bulbi zurückziehen kann, 
und dort anheilt, so sinkt der Einfluss, den dieser Muskel fernerhin 
noch auf den Bulbus üben kann, ziemlich auf Null herab, trotzdem der 
nächste Zweck, Wiedervereinigung des vordem Muskelendes unmittel- 
bar mit dem Bulbus, erreicht ist. — Wird aber der Muskel dort durch- 
schnitten, wo er bereits aus der T. vagin. herausgetreten ist, so hängt 
er mit derselben höchstens noch durch das in die T. vagin. übergehende 
Perimysium zusammen, und kann nur mit diesem und dem benachbar- 
ten fettreichen Bindegewebe verwachsen. Die Folge davon ist zunächst 
eine mehr weniger starke Beeinträchtigung der Beweglichkeit des 



330 Augenmuskeln. 

Bulbus nach dieser Seite, und gibt sieb, bald unmittelbar nach der 
Operation, bald erst nach erfolgter Veranlassung kund. Ein geringerer, 
wenn gleich noch immer beachtenswerther Übelstand ist — nach 
solcher Durchschneidung des R. internus — Rückwärtsziehung der 
Caruncula und der halbmondförmigen Falte. 

Die nächste Aufgabe der Operation, zu bewirken, dass der Muskel 
um ein Gewisses (%<k'" bis 1 i li'") weiter rückwärts an die Sclera an- 
heile, wird nicht erreicht, wenn auch nur einige Fasern (oben oder 
unten) ungetrennt blieben. Dass der Muskel vollständig getrennt sei, 
erkennt man häufig noch vor Anwendung der Hakensonde an dem 
Klaffen der Wunde bei Wendung des Auges nach der entgegengesetzten 
Seite. Wo die Sclera — nach Beseitigung des Blutes — mitten in der 
Wund rein weiss zu Tage liegt, kann man überzeugt sein, dass der 
Muskel völlig durchschnitten ist. Wo hingegen die Beweglichkeit nach 
der betreffenden Seite zu sehr beschränkt erscheint, hat man gewiss 
die T. vagin. zu reichlich geschlitzt. 

Nach vollendeter Durchschneidung lasse man das andere Auge 
öffnen, um die Stellung beider Bulbi zu prüfen. Nach Durchschneidung 
eines R. internus wird man zunächst finden, dass der Bulbus etwas aus 
der Orbita vorgetreten ist. War die Ablenkung gering, so stehen viel- 
leicht schon jetzt die Bulbi für alle Richtungen und Distanzen richtig 
oder doch zu Objecten, welche in Distanz von 2 — 3 Fuss in der Me- 
dianebene vorgehalten werden. Tritt für grössere Entfernungen noch 
etwas Conyergenz ein, so darf man bei entsprechender Nachbehandlung 
völlige Heilung erwarten; tritt hingegen sichtliche Divergenz oder doch 
Doppeltsehen mit gekreuzten Bildern auf, so hat man zu viel gelöst, 
und muss von den — weiter unten angegebenen — Mitteln gegen das 
weitere Zurückweichen des Muskels bei der Anheilung Gebrauch 
machen. War die Ablenkung hochgradig, so wird, falls man mit der 
Trennung nicht zu freigebig war, das operirte Auge noch schielen, oder 
aber, falls dieses sich in der Visio direeta zu behaupten vermag, das 
andere, nur das eine sowohl als das andere in geringerem Grade, als 
vordem. Diess ist's, was man in solchen Fällen eben zunächst anzu- 
streben hatte. Denn wird nun an dem zweiten Auge die Durchschnei- 
dung dem Reste der Ablenkung (dem jetzigen Schielwinkel) entspre- 
chend vorgenommen, so ergänzt dieser Act den ersten. Wem dieses 
etwa nicht glaubwürdig erscheint, der versuche es einmal, die Teno- 
tomie bloss an dem nicht schielenden Auge vorzunehmen ; bei geringen 
Graden von Schielen kann hiedurch allein schon Heilung bewirkt wer- 
den. — Allerdings könnte man die richtige Einstellung der Sehachsen 



Schielen — Behandlung — Operation. 331 

dadurch erzwingen, dass man an dem eben operirten Auge die Tren- 
nung der T. vagin. noch in ausgedehnterem Masse vornähme; hiedurch 
würde man aber eben nicht eigentliche Heilung, sondern höchstens 
Verbesserung des Schielens erzielen; es würde das operirte Auge 
höchstens für einige, niemals aber für alle Richtungen und Distanzen 
richtig eingestellt werden können. — Wenn man mit der Durchschnei- 
dung an dem 2. Auge wartet, bis am 1. feste Vernarbung eingetreten 
ist, so wird man meistens finden, dass entweder dieses noch einmal 
operirt werden muss (falls sich noch ein hoher Grade von Schielen er- 
halten hat), oder dass die Operation des 2. Auges sehr schwierig wird, 
weil sie (wenn nur noch ein geringer Rest vom Schielen geblieben) auf 
das Minimum der Ablösung beschränkt werden muss. Falls aber auch 
durch die unilaterale Operation bei höheren Graden von Schielen der 
Zweck lücksichtlich der Stellung der Sehachsen so weit erreicht worden 
ist, dass man sich damit begnügen kann, so wird doch dem kosmeti- 
schen Zwecke immer mehr weniger Eintrag gethan durch die ungleiche 
Lage der Bulbi, die hier immer schon auffallend hervortritt, und 
durch die fortbestehende Schief haltung des Kopfes, welche oft nur 
mit grosser Mühe abgelegt werden kann, während sie bei der bila- 
teralen Operation so zu sagen durch den Operationsact selbst be- 
seitigt wird. 

Bei der völligen Gefahrlosigkeit der Operation steht der beiderseitigen Durckschnei- 
dnng in einer Sitzung (oder wenig Tage nach einander) nichts entgegen, als die Furcht, 
das Einwärtsschielen in Auswärtsschielen mit Doppeltsehen zu verwandeln. Dass diesem 
üblen Zufalle vorgebeugt werden könne, ergibt sich wohl aus dem bereits Gesagten ; dass 
ihm aber auch Avieder abgeholfen werden könne , hat A. v. Gräfe durch eine Reihe 
glänzender Erfolge bei inveterirtem Auswärtss'.ehen der Bulbi nach excessiver Internus- 
durchschneidung dargethan. So viel ich weiss, war die Mehrzahl in diesen schlimmen 
Zustand nicht durch die bilaterale, sondern durch unilaterale Internusdurchschneidung 
versetzt worden. Das Umschlagen in lusciöse Auswärtsstellung dürfte demnach minde- 
stens eben so oft nach unitaleraler Durchschneidung zu fürchten sein, ja noch öfter, in- 
dem man, um die Geradestellung zu erzwingen, den Muskel zu weit zurücklagern , das 
Auge dem Einflüsse des Muskels zu viel entziehen und dasselbe somit gleichsam ver- 
stümmeln muss. Übrigens liegt der Grund des Umschlagens in Strabismus nach der 
entgegengesetzten Pachtung in vielen Fällen gewiss nicht in fehlerhafter Verrichtung der 
Operation, oder doch nicht vorzüglich in dieser, sondern vielmehr darin, dass Augen 
operirt werden, die überhaupt durch die Operation nicht geheilt werden können, weil 
Complicationen (optische Hindernisse, MuskelinsufScienz) vorhanden sind, welche erst 
hätten beseitigt werden müssen, wenn die Operation nicht so zu sagen „auf gut Glück" 
unternommen werden sollte. Es gibt Leute, welche nach vollkommen richtig verübter 
Operation wieder schielen müssen, wenn sie mit dem andern Auge gut sehen wollen ; ist 
die Ablenkung nach der frühern Richtung unmöglich, so erfolgt sie nach der entgegen- 
gesetzten Seite um so leichter, je weiter der Muskel rückwärts gelagert worden war. 



332 Augenmuskeln. 

Die Wunde bedarf kaum einer Nachbehandlung. Zur Linderung 
des brennenden oder drückenden Schmerzes mag man durch einige 
Stunden kalte Überschläge machen lassen. Einschränkung des Kranken 
auf's Zimmer wird höchstens aus Rücksicht auf die Stellung der Bulbi 
nothvvendig. Bedeutende Ekchymosen habe ich nicht mehr gesehen, 
seit ich in der oben beschriebenen Weise und ohne Lidhalter operire. 
Wenn man an der Sclera einen Stumpf zurückliess, bei Durchschnei- 
dung im Muskelfleische, so heilt die Wunde langsam, und es erheben 
sich dann häufig von dem Stumpfe aus Wundgranulationen, welche man 
zu ätzen empfohlen hat. Wenn mir dieser Zufall — wie in der ersten 
Zeit mehrmal — begegnete, so wartete ich, bis die Wucherung an der 
Basis durch die immer näher zusammenrückende Bindehaut bis auf 
einen dünnen Stiel eingeschnürt worden war, wo sie sich dann leicht 
mit einer flach gebogenen oder geraden Scheere abtragen Hess. — 
Wichtiger ist die sogenannte orthopädische Nachbehandlung. Die 
Grundsätze derselben sind im Wesentlichen dieselben, wie die, welche 
wir der Operation vorauszuschicken empfohlen und oben angegeben 
haben. Wer sich die Mühe genommen, Schielende ohne Operation zu 
heilen, wird sich im Allgemeinen auch zu helfen wissen, wenn nach 
der Operation noch ein geringer Grad von Schielen zurück bleibt. Nur 
gegen geringe Reste hilft die Orthopädie in Fällen, wo sie nicht auch 
ohne Operation ausreichend gewesen wäre. Wo dem Erfolge der Ope- 
ration nicht schon in vorhinein eine zweifelhafte Prognosis zu stellen 
war (wegen Complicationen, von denen oben die Rede war), und wo 
dieselbe richtig ausgeführt wurde, da stehen die Bulbi meistens schon 
unmittelbar nach der Operation richtig, und das Verhalten der Kranken 
muss in Bezug auf den Gebrauch der Augen in den ersten Tagen und 
Wochen nur so eingerichtet werden, dass die richtige Einstellung nicht 
durch fehlerhafte Verwendung wieder verrückt werde. Bei insufficienter 
Wirkung der Operation hat man empfohlen, das noch fehlerhaft stehende 
Auge fleissig so verwenden zu lassen, dass der Antagonist mehr in An- 
spruch genommen werde, die Wunde mehr klaffe, und der Muskel weiter 
hinten anheile. Dagegen ist nichts einzuwenden, sobald nicht zu viel 
verlangt, andrerseits aber auch die Sache nicht zu weit getrieben wird. 
Wie aber bei excessiver Wirkung der Operation das Zu-weit-zurück- 
weichen des durchschnittenen Muskels dadurch verhindert werden soll, 
dass man den Kranken anweist, nach der Seite des durchschnittenen 
Muskels zu schauen (bei Durchschneidung des linken R. internus nach 
rechts), ist mir unbegreiflich. Denn hiedurch wird offenbar die Zurück- 
ziehung des abgelösten Muskels eher begünstigt (indem ja der R. in- 



Augenzittern. 333 

ternus jetzt den Bulbus einwärts rollen, mitbin in erhöhte Thätigkeit 
geratken ruuss, wie er es denn auch thut, so gut es eben seine Ver- 
bindung mit dem Bulbus noch gestattet). Will man das Zu-weit-zu- 
riickweichen des abgelösten Muskels durch Orthopädie verhüten, so 
muss man überhaupt jede Seitenbewegung und jeden Gebrauch sowohl 
für grössere als für nähere Distanzen (accommodative Bewegung) ver- 
bieten. Am ehesten, wenn überhaupt etwas, kann noch das helfen, 
dass man beide Augen durch einige Tage wohl verschlossen halten 
lässt. Bedeutendes darf man aber auch von diesem Verfahren nicht 
erwarten, und es wird bei offenbarer Divergenz unmittelbar nach der 
Operation besser sein, statt die beste Zeit zu erfolgreichem Handeln 
verstreichen zu lassen, lieber sogleich zu einem operativen Verfahren 
zu schreiten, indem man entweder das vordere Ende des abgelösten 
Muskels mittelst eines oder zweier Hefte an die Binde- und Scheiden- 
haut nächst der Cornea befestigt, oder indem man überdiess den R. 
externus mit möglichst geringer Wundgrösse durchschneidet. — Bei 
veralteter Auswärtsstellung des Bulbus hat A. v. Gräfe das Guerin'sche 
Verfahren, zweckmässig modificirt, mit dem besten Erfolge angewendet. 
Zunächst wird im innern Winkel die Bindehaut eingeschnitten, und der 
zu weit zurückgelagerte oder mit dem Bulbus gar nicht in directe 
Verbindung getretene Muskel präparirt, um ihn zur Wiedervereinigung 
mit der Sclera geeignet zu machen. Sodann wird der R. externus 
durchschnitten und der hiebei absichtlich (in der Sclera) sitzen gelas- 
sene Stumpf mit einer Fadenschlinge gefasst, um hiemit den Bulbus 
bis zur Wiederanheilung des K. internus genügend einwärts gelenkt zu 
erhalten. Nach 2 — 3 Tagen wird der Faden entfernt. 



Augenzittern (Nystagmus bulbi). 

Mit diesem Terminus pflegt man jenen Zustand der Bulbi zu be- 
zeichnen, wo dieselben in # beständiger oscillirender oder rotirender Be- 
wegung sind, welche nicht nur unwillkürlich fortbesteht, sondern auch 
beim Bestreben, den Blick fest auf irgend ein Object zu heften, noch 
stärker in die Erscheinung tritt. Manche Augen bieten nur oscillirende 
Bewegungen dar, d. i. eine Eeihe ganz kleiner und rascher Schwan- 
kungen oder Drehungen um eine durch den Aequator bulbi gehende 
Achse, demnach wohl vermittelt durch kurz auf einander folgende 
kleine Contractionen und Extensionen gerader Augenmuskeln, besonders 
des R. internus und R. externus (Nystagmus oscillatorius). An andern 



334 Augenmuskeln. 

bemerkt man beständig, besonders aber beim Bestreben, irgend ein 
Object genauer zu sehen, kleine rotirende Bewegungen um eine ohn- 
gefähr vom vordem zum hintern Pole verlaufende Achse, also wohl 
durch die M. obliqui vermittelt (Nyst. rotatorius), während noch andere 
gewissermassen ein Gemisch von beiden darbieten, doch so, dass bald 
das eine, bald das andere vorherrschend in die Erscheinung tritt. — 
Dieser Zustand ist an und für sich kein Gegenstand der Behandlung^ 
denn er ist immer nur die Folge anderer Übel ; aber seine Betrachtung* 
ist so sehr geeignet, auf den Act des Sehens überhaupt Licht zu 
werfen, dass wir nicht umhin können, ihn einer etwas weitläufigeren 
Erörterung zu unterwerfen, als bisher geschehen ist. 

Man wird diesen Zustand niemals treffen, wenn auch nur eines der 
beiden Augen ein vollkommenes Gesicht besitzt. Das Gesicht ist aber 
nicht fehlerhaft, weil Nystagmus vorhanden ist, sondern der Nystagmus 
ist ganz bestimmt jederzeit die Folge mangelhaften Gesichtes. Der 
Nystagmus wird — mit sehr wenigen Ausnahmen — nur an Individuen 
beobachtet, welche Fehler des Gesichtes beider Augen seit der Zeit 
des 1. Lebensjahres an sich tragen, Trübungen der durchsichigen 
Medien oder Amblyopie aus was immer für Ursachen. Wenn sich 
solche Zustände in späterer Zeit entwickeln, namentlich wenn beider- 
seitige Cataracta oder Amaurosis entsteht, so pflegen die Bulbi wohl 
auch häufig in Schwankungen zu gerathen; diese erfolgen jedoch bei 
weitem nicht so rasch und sind vielmehr dem stets unbefriedigt blei- 
benden Drange zu sehen zuzuschreiben. Wenn das Sehhinderniss, die 
Hornhauttrübung, die Cataracta bei Zeiten, ehe noch unheilbare Ab- 
stumpfung der centralen Netzhautpartie dazugetreten ist, beseitigt 
wurde, so schwindet der Nystagmus, und zwar auch dann, wenn die 
Functionsfähigkeit bis zu einem gewissen Grade auch nur auf dem 
einen Auge wieder hergestellt wurde. 

Obwohl es bei Nystagmus schwer ist zu bestimmen, ob beide 
Augen zugleich richtig zu den Objecten eingestellt werden, so gibt es 
doch Fälle, wo wenigstens keine merkliche Ablenkung des einen Auges 
stattfindet. Wenn aber auch das eine Auge entschieden abgelenkt wird, 
so partieipirt es doch an den oscillirenden oder rotirenden Bewegungen 
des andern. Auch ein ganz erblindetes, z. B. phthisisches Auge par- 
tieipirt am Nystagmus des andern. In den meisten Fällen wird aber, 
wenn beide sehfähig sind, auch das zum Betrachten von Objecten ver- 
wendete bessere Auge nicht mit dem Netzhautcentrum dem Objecte 
zugewendet, sondern mit einer excentrischen Region. Der Nystagmus 
hindert übrigens nicht, dass sowohl assoeiirte als aecommodative Be- 



Augenzittern. 335 

wegungen auftreten, wenn auch Dicht mit jener Ruhe und Stetigkeit im 
Fortschreiten, wie im gesunden Zustande. Vergl. B. III. S. 48. 

Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, der Nystagmus er- 
folge im Dienste des Sehactes. Dieser kann nicht gehörig erfolgen, 
weil entweder ein unvollständiges, zu lichtarmes Bild entworfen wird, 
oder weil durch eine ausgedehnte centrale Trübung die Mac. lutea vom 
Sehen ausgeschlossen wird, oder wegen Blendung (durch diffuses oder 
reflectirtes Licht, bei durchscheinenden Trübungen, bei Chorioideal- 
spaltung — Coloboma, bei Pigmentmangel — Albinismus) oder endlich 
wegen Netzhaut-, Sehnerven-, Hirnleiden j — Hydrocephalus chronicus. 
Ist nun die Netzhaut aus was immer für einer Ursache schon in früher 
Jugend in ihrer Function gehindert, und zwar auf beiden Augen, ist 
der Eindruck, den sie dem Sensorium bringt, ungenügend, so tritt 
Nystagmus auf, als eine Reihe rasch auf einander folgender Reflexbe- 
wegungen, um dadurch, dass dieselbe Netzhautstelle rasch nach einan- 
der wieder von denselben Lichtstrahlen getroffen wird, ehe noch die 
Schwingungen von der nächst vorhergehenden Erregung verschwunden 
sind, den Eindruck zu potenziren. Die Schwingungen oder Rotationen er- 
folgen meines Erachtens rascher, als man eine Flamme im Kreise herum- 
zudrehen im Stande ist. Vergl. B. III. S. 34. So wie ein gesundes Auge ein 
Object, das wegen zu geringer Erregung der Netzhaut schon jenseits 
der Grenze der Wahrnehmung liegt, noch wahrnehmen kann, sobald 
dieses in rasche Bewegung geräth, so, möchte ich sagen, erkennt das 
mit unvollständiger Sehkraft ausgerüstete Auge Objecte oder sieht sie 
doch besser, sobald dieselben rasch hinter einander demselben vorge- 
führt werden. Denn es ist wohl eins, ob das Object sich so bewegt 
oder das Auge. Desshalb, wenn ich nicht irre, tritt der Nystagmus 
besonders dann auf, wenn sich's darum handelt, irgend ein Object ge- 
nauer zu erkennen. Gäbe es also auch ein Mittel, den Nystagmus zu 
heben : könnte ich nicht zugleich das Sehhinderniss beseitigen, so würde 
ich auch jenes Mittel unbenutzt lassen. 



X. Buch. 

Die Augenlider, palpebrae. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Die constituirenden Theile der Augenlider sind: die Haut, der 
Kreis- oder Schliessmuskel, die beiden Lidknorpel, welche die Mei- 
bom' sehen Drüsen in sich einschliessen, innen mit der Bindehaut über- 
zogen sind, und durch die obere und untere Augenlidbinde (fascia tarso- 
orbitalis sup. et inf.) so wie durch das innere und ausseife Augenlidband 
(ligamentum canthi seu palp. intern, et extern.) mit dem Orbitalrande 
des Knochengerüstes verbunden werden ; längs ihres freien Bandes sind 
die Haarzwiebeln der Cilien zwischen dem Schliessmuskel und dem 
Knorpel eingepflanzt, und in den convexen Rand des oberen Knorpels 
inserirt sich (mittelbar) der Aufheber des oberen Lides, welcher hinter 
der obern Augenlidbinde auf- und rückwärts verläuft (zur Spitze der 
Orbita). Im innern Augenwinkel liegen die Thränenröhrchen. 

1. Lage. Die Haut, in der Gegend der Augenbrauen ungewöhn- 
lich dick, und unterhalb des untern Augenhöhlenrandes besonders fett- 
reich, ist im Bereiche der Augenhöhlenöffnung ungemein dünn (gegen 
die Lidränder hin wie Papier), fettlos, sehr dehnbar und mit der 2. Lage 
(dem Orbicularmuskel) durch ein sehr lockeres Bindegewebe verbun- 
den; bloss an den Augenlidbändern, besonders am innern, dem sie un- 
mittelbar aufliegt, und an den Lidrändern haftet sie fest; sonst lässt sie 
sich überall leicht in Falten erheben und isoliren, ist zu blutigen und 
serösen Infiltrationen sehr geneigt, dagegen der Entwicklung von Fu- 
runkeln und Balggeschwülsten nur noch in der Nähe des Orbitalran- 
des günstig. Durch zahlreiche, nur äusserst feine Schmeerdrüschen 
wird die Cutis der Lider nicht nur geschmeidig erhalten, sondern auch 
in demselben Masse, wie die Cutis überhaupt, gegen Benetzung ge- 



Anatomie. 337 

schützt. Dass der Augenlidhaut auch die Sehweisskanälchen nicht ab- 
gehen, sieht man beim Schwitzen. Die Haarbildung ist nur durch 
äusserst dünne und farblose Härchen vertreten, welche vom Orbital- 
rande gegen die Cilien hin allmälig an Zahl und Grösse abnehmen. 

2. Lage. Der Augenlidschliessmuskel reicht als ein membranar- 
tig dünner Kreismuskel, dessen Fasern grösstenteils zu demselben Ge- 
bilde zurückkehren, von dem sie entspringen, mit seinen peripherischen 
Fasern oben bis unter die Augenbrauen, unten bis vor die Fossa canina, 
aussen etwa * -i" über den Orbitalrand hinaus, während die innersten 
(kürzesten) Fasern längs der Lidränder und knapp an denselben ver- 
laufen. Die meisten Fasern desselben entspringen vom Ligam. palpebr. 
internum, einem dichten, zelligfibrösen Bändchen, welches knapp vor 
der Thränensackrinne vom Stirnfortsatze des Oberkieferknochens ent- 
springt, mit auf- und abwärts gerichteten Flächen circa 3 ; " lang hori- 
zontal auswärts verläuft, und au eben diesen Flächen den Muskelfasern 
zur Anheftungsstelle dient, während der vordere, etwas abwärts gerollte 
Eand mit der Cutis, der hintere dagegen mit dem Thränensacke fest 
zusammenhängt. Obwohl dieses Bändchen von vorn nach hinten 1 J /2 — 
2'" breit ist, reichen seine Flächen doch nicht hin, die zahlreichen Mus- 
kelfasern alle aufzunehmen, sondern es inseriren sich viele derselben 
noch an der Leiste des Oberkieferknochens vor dem Thränensacke, 
während andere vom Thränenbeinkamme (hinter und besonders über 
dem Thränensacke) aus der Tiefe kommen, um an dem Verlaufe der 
mehr oberflächlich entsprungenen Theil zu nehmen. An seiner Peripherie 
hängt er oben mit Fasern des Muse, frontalis und Corrugator superci- 
liorum, unten mit dem M. zygomaticus minor und levator alae nasi et 
labii superioris zusammen. Die über den Orbitalrand hinausragenden 
Fasern liegen nicht dicht aneinander, sondern lassen Lücken zwischen 
sich, durch welche dichtere Bindegewebsfasern vom Coriuni und Pan- 
niculus adiposus der Cutis zu der Unterlage des Muskels streichen. 
Diese Bindegewebsfasern heften den Muskel gewissermassen an die 
Cutis, und vermitteln die Hereinziehung der benachbarten Cutis über 
den Orbitalrand, sobald die peripherischen Fasern des Kreismuskels 
sich stark verkürzen. Besonders zahlreich und viel straffer angezogen 
sind die genannten Bindegewebsfasern in der Gegend der äusseren 
Commissur der Lider zwischen der Cutis und den unter den Muskel- 
fasern liegenden fibrösen Gebilden (Ligamentum palp. externum und 
Periosteum) , so dass die zwischen ihnen durchgehenden Muskelfasern 
an ihrer Umbiegungsstelle vom obern zum untern Lide sich nie weit 
von ihrer Unterlage entfernen, also auch die Cutis, in welche sich übri- 

Arlt Augenheilkunde. III. 22 



338 Augenlider. 

gens manche Fasern zu inseriren scheinen, hier nie so bedeutend ver- 
schieben können, wie oben und unten. — Über der obern und untern 
Augenlidbinde und über dem Knorpel liegen die Muskelfasern mehr 
gedrängt aneinander, aber sehr dünn; erst gegen den Lidrand hin, be- 
sonders am untern Lide, liegen sie nicht nur dicht, sondern auch dicker 
oder mächtiger, und wurden desshalb von Albinus als eigener Muskel 
beschrieben. Diese Lage (portio minor) ist es, welche den Lidschluss 
zunächst bewirkt, während die peripherische (portio major) mehr die 
Herbeiziehung der Cutis und der Augenbrauen behufs kräftigeren Lid- 
schlusses und stärkerer Beschattung des Auges vermittelt. Längs des 
Lidrandes von der äusseren Commissur bis zu den Thränenpunkten be- 
decken die innersten Fasern zunächst das dunkelfarbige Bindegewebe, 
in welchem die Haarzwiebeln der Cilien eingebettet sind, dann streichen 
sie quer über das verticale Anfangsstück der Thränenröhrchen, und um- 
hüllen dann diese letzteren von drei Seiten, bloss deren Innenseite zur 
unmittelbaren Anlagerung der Bindehaut an dieselben frei lassend, bis 
diese Kanälchen kurz vor ihrer Einsenkung in den Thränensack end- 
lich ringsum von ihnen umfangen werden. 

3. Lage. Diese Lage, welche hauptsächlich von der obern und 
untern Augenlidbinde, von dem äussern und innern Augenlidbande und 
von den Knorpeln gebildet wird, und vermöge ihres unmittelbaren Über- 
ganges in die Beinhaut am Orbitalrande gewissermassen als Ergänzung 
des Knochengerüstes betrachtet werden kann, lässt sich trotz des sehr 
lockeren, durch äusserst dehnbares Bindegewebe vermittelten Zusam- 
menhanges der Muskelschicht mit derselben desshalb nicht gar leicht 
bloss legen und als Continuum präpariren, weil die Augenlidbinde nicht 
straff gespannt ist und stellenweise nicht nur sehr dünn, sondern auch 
durchbrochen, oder doch bloss von Bindegewebe gebildet erscheint. In 
der Nähe des Orbitalrandes jedoch, besonders vor der Thränendrüse, 
und an einzelnen breiteren, sehnenartig glänzenden Streifen ist die fibröse 
Natur dieser Fascie nicht zu verkennen. Man kann diese Fascie ge- 
wissermassen als Fortsetzung der Beinhaut betrachten, indem man sich 
vorstellt, die Beinhaut steige vom Orbitalrande herab, um den Knorpel 
an seiner Aussenfläche als Perichondrium zu überziehen, schlage sich 
auf dessen Innenfläche um, und streiche dann, mit dem absteigenden 
Blatte verschmolzen, wieder aufwärts, jedoch nicht um wieder zum Or- 
bitalrande zurückzukehren, sondern um zur Fascia s. tunica vaginalis- 
bulbi zu gelangen. Über dem Orbital- oder convexen Rande des Tar- 
sus trennt sich nämlich von der in Rede stehenden Augenlidfascie eine 
zellig-fibröse Membran als Unterlage der Conjunctiva palp. ab, schlägt 



Anatomie. 339 

sieh mit derselben auf den Bulbus und verschmilzt hier mit der T. va- 
ginalis. Nebstdem aber geht von der Innenfläche der Augenlidfaseie, 
vvo hinter ihr die Thränendrüse liegt, ein Ausläufer ab, welcher sich 
zwischen die obere und untere Thränendrüse einschiebt, und erstere 
stützt, indem er sich hinter ihr in die Periorbita inserirt. In der Mitte 
des oberen Lides, wo sich der M. levator palp. super, in die Augen- 
lidfascie mit einer gegen v .i" breiten dünnen Sehne inserirt, schickt sie 
einen ziemlich starken, zellig-fibrösen Überzug für diesen Muskel ab, 
so wie sie endlich weiter einwärts (gegen die Nase) durch eine solche 
Fortsetzung mit der Scheide zusammenhängt, welche die Sehne des M. 
obl. super, umhüllt. Im Bereiche des untern Lides verhält sie sich zur 
Bindehaut und T. vagin. bulbi so, wie oben; unter ihren äussern drei 
Yiertheilen birgt sie bloss Orbitalfett, gegen den Thränensack her aber 
bedeckt sie unmittelbar den Ursprung des M. obl. inferior, und dann 
die äussere (kleinere) Hälfte des Thränensackes , mit dessen fibrösem 
Überzuge sie einwärts einer schräg aufsteigenden Linie verschmilzt, 
welche vom Ansatzpunkte des Innern Randes des Obl. inf. bis zum 
Ligam. palp. internum aufsteigt. — Sowohl hinter dem bereits beschrie- 
benen inneren Augenlidbande als auch hinter dem etwas dichteren, zel- 
lig-fibrösen Gewebe, welches als Continuum der genannten Fascie zwi- 
schen den äussern Enden der Lidknorpel und dem benachbarten Theile 
des Orbitalknochenrandes ausgespannt ist, und das äussere Augenlid- 
band genannt wird, befindet sich eine ziemlich mächtige Lage dichten 
und fettlosen Bindegewebes, welches zur Befestigung des genannten 
Fasciengerüstes an das Skelett bestimmt zu sein scheint, ohne die Be- 
weglichkeit des von demselben getragenen Bulbus zu beeinträchtigen. 

Die Knorpel können füglich als elastisch-biegsame Träger der Mei- 
bomschen Drüsen betrachtet werden, indem gerade nur so viel Band- 
faserknorpelmasse vorhanden zu sein scheint, als zum Binden dieser 
Drüsen erforderlich ist. In der Mitte ist der obere 4'" (3 1 /ar-4 l /<)» der 
untere T" breit. Ihre Länge beträgt mehr als \". Gegen die Schläfe 
hin enden sie mehr zugespitzt: unmittelbar an ihr inneres, quer abge- 
stutztes Ende legt sich das Anfangsstück eines jeden Thränenröhrchens. 
Die Acini der J/e^ow'schen Drüsen, mitten in der Knorpelsubstanz ein- 
gebettet, daher an der Aussenfläche (nach Beseitigung der Cutis und 
des Muskels) so gut wie an der Innenfläche durch die (beinahe durch- 
sichtige) Bindehaut als gelbliche Körnchen sichtbar, sind reihenweise 
von oben nach unten um je einen Ausführungsgang gruppirt. Die Aus- 
führungsgänge münden in einer Reihe neben einander am Lidrande., 
welche der innern scharfen Kante desselben näher liegt, als der äussern 

22* 



340 Augenlider. 

stumpfen, und theils durch die blosse Ansicht, theils durch Ausquetschen 
des wasserhellen flüssigen, doch fettigen Secretes leicht erkannt wer- 
den kann. Fest oder talgähnlich wird das Secret dieser Drüsen nur 
durch Vertrocknen an der Luft oder nach langer (krankhafter) Zurück- 
haltung im Ausführungsgange. Die Linie, in welcher die Mündungen 
der Meibomschen Drüsen liegen, ist zugleich die Marke zwischen Cutis 
und Conjunctiva. Die Follikel sowohl als die Ausführungsgänge sind 
mit Pflasterepithelium ausgekleidet. 

Der Lidrand zeigt sowohl an dem untern als an dem obern Lide 
deutlich eine innere scharfe, vom Knorpel gebildete, und eine äussere 
mehr stumpfe von der Cutis gebildete Kante, aus welcher die Wimpern 
in einer Reihe längs derselben, doch nicht einzeln, sondern immer zu 
mehreren über einander stehend (besonders am obern Lide) hervor- 
sprossen. Sind die Lider geschlossen, so berühren sie sich mit ihren 
linearen Randflächen (zwischen der äussern und innern Kante) voll- 
kommen, ohne zwischen sich und dem Bulbus einen Raum (dreikanti- 
gen Kanal, Thränenbach) übrig zu lassen, wie ich nach Durchschnitten 
an gefrornen Köpfen mit Bestimmtheit behaupten darf. Die Zwiebeln 
der Wimperhaare liegen am obern Lide etwa \'", am untern 3 /*"' tief 
(von der Randfläche des Lides an gerechnet) in einem etwas dunkel- 
farbigen Bindegewebe eingebettet, zwischen dem Knorpel und den 
Schliessmuskelfasern, daher das Lid, so weit die Cilien hineinreichen, 
auch etwas dicker ist, als höher oben (respect. tiefer unten). An den 
Zwiebeln befinden sich zahlreiche Talgdrüschen. 

4. Lage. Der Aufheber des obern Augenlides (M. levator palp. 
super.) entspringt am obern Umfange des Sehnervenloches, hängt An- 
fangs noch mit dem M. r. internus und r. superior zusammen, trennt 
sich von letzterem, den er in seinem Laufe nach vorn von obenher be- 
deckt, erst in der Gegend des Bulbus, und breitet sich dann, ringsum 
von einem ziemlich mächtigen Fettlager eingehüllt, fächerartig aus, und 
verliert sich mit einer dünnen breiten Sehne in die oben beschriebene 
Augenlidfascie , welche somit seine Verbindung mit dem Lidknorpel 
vermittelt. Er steht demnach mittelst dieser Fascie auch mit den ob- 
genannten Ausläufern derselben in Verbindung. 

Ihre Arterien erhalten die Lider theils von der Carotis interna 
(vorzüglich von der Nasenseite her) durch die Art. ophthalmica mittelst 
der Art. supraorbitalis , palpebralis (interna), frontalis und lacrynialis, 
theils von der Carotis externa (vorzüglich von aussen und unten her) 
durch die Art. maxillaris externa s. facialis mittelst der Art. angularis, 
durch die Art. temporalis (superficialis) mittelst der Art. transversa faciei 



Anatomie. 341 

und zygoniatico-orbitalis (s. supraorbitalis externa), endlich durch die 
Art. mcLvillar/'s externa mittelst des Kam. temporalis profundus und der 
Art. infraorbitalis. So wie au der Iris kann man auch an den Lidern einen 
äussern grössern und innern kleinern Gefässkranz unterscheiden, gebil- 
det durch directe und anastomosirende Zweige der genannten Arterien. 
Der grössere entspricht der Lage nach ohngefähr dem Orbitalrande, 
und ist besonders oben (unter den Augenbrauen) deutlich als Kranz 
ausgesprochen; der kleinere schlingt sich nahe um die Lidspalte, ver- 
läuft dem Lidrande parallel und nur 1 — l 1 ^'" davon entfernt, mithin 
nächst dem Haarzwiebelboden zwischen dem Tarsus und M. orbicularis. 
Vom innern Winkel her wird er durch zwei Endäste der Art. opkthal- 
mica gebildet. Da, wo die Art. ophthalmica unterhalb der Trochlea 
aus der Orbita heraustritt, sendet sie die Art. palpebr. interua seu tarsea 
superior ab, welche alsbald den genannten Verlauf nimmt, während der 
zweite Ast, die Art. palp. interna seu tarsea inferior erst unter dem in- 
nern Theile des Ligam. palp. internum abwärts dringen muss, um an 
den Lidrand zu gelangen. Diesen beiden Ästen kommen vom äussern 
"Winkel her verschiedene Zweige entgegen, vorzüglich aber zwei End- 
zweige der Art. lacryrnalis als Art. palp. externa s. tarsea superior und 
inferior, und schliessen den ziemlich spitzigen Bogen etwa 2'" jenseits 
der äussern Commissur (dem dünnen Hautbändchen zwischen den Lid- 
knorpeln). — Die Venen der Augenlider, flacher und grösstentheils un- 
mittelbar unter der Haut gelegen, und in ihrem Verlaufe den Muskel- 
fasern viel weniger als die Arterien entsprechend, treten erst gegen 
den Orbitalrand hin in grössere Äste zusammen, welche bereits unter 
der Fascie liegen und daselbst eine Art Kranz bilden, aus welchem ihr 
Blut theils in die Tiefe zur Vena ophthalmica fliesst, welche im innern 
Augenwinkel beginnt und durch die obere Augenhöhlenspalte zum Sinus 
cavernosus führt, theils zur Vena facialis mittelst der Vena supraorbi- 
talis (längs des Augenbrauenrunzlersj, der Vena angularis (die mit der 
ophthalmica anastomosirt), Vena temporalis superficialis, transversa fa- 
ciei und anderer kleineren Zweige. — Die Saugadern folgen dem Ver- 
laufe der Venenstämme. 

Mit sensitiven Nervenfasern werden die Lider sehr reichlich ver- 
sehen vom 1. und 2. Aste des Trigeminus, mit motorischen der Auf- 
heber des obern Lides vom Oculomotorius, der Schliessmuskel vom Fa- 
cialis ; mit den Gefässen verbreiten sich Fasern vom Sympathicus. 

Die Augenlider dienen den Augen nicht bloss zum Schutze gegen 
fremde Körper, grelles Licht, grosse Hitze oder Kälte u. dgl., sie stehen 
auch zur Secretion, Vertheilung und Fortschaffung der Thränen in naher 



342 Augenlider. 

Beziehung, und vermögen selbst den Sehact direct zu beeinflussen, 
theils durch Teinperirung des Lichtes, theils durch Druck auf den Bul- 
bus. So lange der Bulbus nicht so weit in die Orbita zurücksinkt, 
dass eine gerade Linie, vom äussern Orbitalrande bis zur Anheftungs- 
stelle des innern Augenlidbandes am Oberkieferknochen gezogen, durch 
oder gar über die Cornea hinwegstreicht — und ein so starkes Zu- 
rücksinken kommt wohl nur bei äusserster Abmagerung vor — so lange 
inuss auch der Muse, orbicularis mit seiner innern Portion gewölbt (die 
Convexität nach vorn gerichtet) über den Bulbus verlaufen. Demnach 
schmiegen sich die Lider stets an den Bulbus an, und kann niemals 
Luft zwischen ein Lid und den Bulbus eindringen, ausser bei sehr tief- 
liegenden Augen während rascher Lidbewegungen, was dann ein backen- 
des oder quatschendes Geräusch (Schotengeräuschj erzeugt. Da nun 
der höchste Punkt des Augapfels höher (weiter vorn) liegt, als die fixen 
Punkte des Orbicularis, und demnach die Lider beim Schlüsse durch 
den Orbicularis am Bulbus aufsteigen müssen, so erhellt, dass, wenn 
ein Lid aus was immer für einer Ursache umgestülpt ist, die Umstül- 
pung bei jeder stärkern Contraction des Schliessmuskels stärker her- 
vortreten müsse. — Zurückdrücken kann der Schliessmuskel den Bul- 
bus nur bei geschlossenen Lidern und excessiver Contraction; eine 
Compression (Formveränderungj des Bulbus kann hiebei wahrscheinlich 
nicht stattfinden, weil das retrobulbäre Fettgewebe compressibel ist. 
Wenn aber der Bulbus bei offener Lidspalte abwärts gerichtet ist, kann 
der Orbicularis allem Anscheine nach wohl mittelst des obern Lides 
auf den Bulbus so drücken, dass derselbe in der Sehachse etwas ver- 
längert wird. Vergl. oben über Weitsichtigkeit. — Zu bemerken ist, 
dass wir willkürlich und je nach Bedürfniss bald die Portio major, 
bald die Port, minor s. interna vorzugsweise in Wirksamkeit treten 
lassen können, indem wir bei relativ geringer Contraction des Muse. 
Albini die Stirn-, Schläfen- und Wangenhaut stark hereinziehen, oder 
aber gewissermassen nur den M. Albini wirken lassen. Wollen wir 
ein Auge allein scliliessen, so ist diess wohl immer nur mittelst der 
Portio major und minor zugleich möglich. Zu bemerken ist ferner, 
dass wir, wenn wir bei Fixirung eines Gegenstandes die Lidspalte ver- 
engern wollen, nur das untere Lid hinaufziehen, dass wir diess wenig- 
stens thun können, ohne den Stand des obern Lides merklich zu än- 
dern. Es ist also bis zu einem gewissen Grade eine selbstständige 
und isolirte Bewegung des untern Lides gestattet. — Die Hebung des 
obern Lides wird durch den vom N. oculomotorius versehenen Augen- 
lidheber vermittelt; zur Senkung des untern Lides ist kein eigener Mus- 



Anatomie. 343 

kel vorhanden. Die Hebung des obern und die Senkung- des untern 
Lides ist aber bis zu einem gewissen Grade auch vom M. rectus supe- 
rior und inferior abhängig. Sobald der M. orbicularis nicht entgegen- 
wirkt, muss bei Abwärtsrollung der Hornhaut durch den ß. inferior 
auch das untere Lid abwärts gezogen werden, weil die Tunica vagi- 
nalis bulbi durch die unter der Lidbindehaut fortgehende Fascie mit 
der Fascia tarso-orbitalis in Verbindung steht. Auf gleiche Weise, nur 
in geringerem Grade, muss auch das obere Lid schon vermöge dieses 
Zusammenhanges der Fascien etwas gehoben werden, sobald der E. 
superior die Pupille aufwärts rollt, und auch das untere Lid folgt dem 
Zuge dieses Muskels. Desshalb kann die Stellung des Bulbus nur bei 
gelindem "Wechsel zwischen Öffnung und Schliessung der Lidspalte 
ruhig bleiben, hat jeder starke Lidschlag auch momentane Bewegung 
des Augapfels zur Folge. — Da ferner die Augenlidbinde auch mit 
jener Fascie, welche die Thränendrüse stützt, in continuirlichem Zu- 
sammenhange steht, so wirkt der Lidschlag in ähnlicher Weise bethä- 
tigend auf die Thränensecretion ein, wie die Thätigkeit der Kaumus- 
keln auf die Speichelsecretion. Auf den durch die Thätigkeit des 
Schliessmuskels in Gang gesetzten und erhaltenen Mechanismus der 
Fortleitung der Thränen können wir erst im nächsten Buche eingehen, 
und begnügen uns vorläufig nur mit der Bemerkung, dass insufficiente 
oder aufgehobene Action des M. orbicularis jederzeit Thränenträufeln — 
von gehinderter Ableitung der Thränen — im Gefolge hat. — Wenn bei 
Ectropium von Substanzverlnst der Cutis die Fascia tarso-orbitalis un- 
versehrt ist, so ist Heilung viel leichter möglich, als wenn wegen Zer- 
störung und Verschrumpfung dieser Fascie der convexe Rand des Knor- 
pels gegen den Orbitalrand gezogen oder gar mit demselben verwach- 
sen ist. — Wenn excessive Contraction des Orbicularis durch längere 
Zeit besteht oder häufig nach einander erfolgt, so wird der Eückfluss 
des Blutes aus den Hautvenen behindert; die Folgen davon sind: Aus- 
tritt von Serum (Odern) und Erweiterung der Venen (oder beides). 
Daher findet man bisweilen schon nach anhaltendem Weinen die Lid- 
ränder etwas angelaufen. — Das Überfliessen der Thränen wird bis zu 
einem gewissen Grade verhindert durch die Beölung des Lidrandes 
mittelst der Meimbomschen Drüsen. Wo deren Mündungen obliterirt 
oder durch ein, operatives Verfahren zerstört sind, leiden die Kranken 
häufig an Excoriationen der Lidränder. Ob sich die Thränen mit dem 
Secrete der Meibomschen Drüseu mischen, ist meines Wissens noch 
unerwiesen. — Indem die Fasern des Schliessmuskels bis zur äussern 
Kante des Lidrandes reichen, würden sie die unter ihnen liegenden 



344 Augenlider. 

Wimpern gegen den Bulbus drücken, wenn nicht die innere scharfe;, 
vom Knorpel gebildete Kante eine stützende Unterlage gewährte; wo 
demnach diese Kante abgeflacht ist, erhalten die Cilien eine einwärts 
gekehrte Richtung. — Wenn bei Personen, deren Bulbi von Natur aus 
eine mehr flache Lage hatten, Abmagerung, Zurücksinken der Bulbi 
und Runzelung der Haut eintritt, so sind die Lider (von einem Winkel 
zum andern) relativ zu lang und können sich längs der Ränder nicht 
mehr genau an den Bulbus anschmiegen, besonders in der innern Hälfte ; 
die Bindehaut der Lider, nicht für den Contact mit der Luft geschaf- 
fen, erleidet zunächst vom Lidrande aus dieselben Veränderungen, wie 
aus ihren Höhlen vorgefallene Schleimhäute (Vagina, Rectum) und wird 
eben desshalb und wegen Verlängerung des Lidrandes auswärts ge- 
stülpt, während in andern Fällen unter den gleichen mechanischen Ver- 
hältnissen heftigere Contractionen des M. orbicularis, durch Reizung 
der Bindehaut oder des Bulbus (fremde Körper, Verwundungen, Ent- 
zündungen) angeregt, zu Einwärtsstülpung des verlängerten Lidrande& 
führen. Diese Verhältnisse machen sich jedoch nur an dem untern 
Lide geltend. — Soll dem Streben des M. orbicularis und corrugator 
superciliorum entgegengewirkt, das obere Lid behufs einer Operation am 
Bulbus mit den Fingern tixirt werden, so muss, da der Muskelzug nach 
unten und einwärts geht, der Gegenzug die Richtung nach oben und 
einwärts nehmen. Vergl. Bd. II. S. 305. — Sind in der Gegend der 
Augenlider Einschnitte zu machen oder Hautstücke auszuschneiden, so 
macht es schon die Kosmetik wünschenswerth , sich wo möglich nach 
dem Verlaufe der Muskelfasern zu halten. 



B. Krankheiten der Augenlider.*) 

I. Entzündliche Zustände. 

\. Die phlegmonöse und erysipelatöse Hautentzündung kommt sel- 
ten auf die Lider allein beschränkt vor, und bietet, auch wenn dieses 
der Fall ist, keine Besonderheiten dar. Man hat eben nur Acht zu 
geben, dass man die entzündlichen Erscheinungen nicht auf eine blosse 
Hautaffection bezieht, wo dieselben durch anderweitige Affectionen 
(Thränensackentzündung, Bindehautblennorrhöe, Gerstenkorn, heftige 

*) Dasjenige, was sich bei Kcnntniss der Anatomie schon nach den allgemeinen medicinisch-chirurgi- 
sehen Grundsätzen erkennen und behandeln lässt, z. B. Verletzungen, Verbrühungen, Rothlauf der 
Lider u. s. w., glaube ich hier füglich übergehen zu dürfen. 



Krankheiten — Entzündungen. 345 



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Chorioiditis u. dgl.) bedingt sind. Ist Eiterung- eingetreten , so mache 
man Incisionen nach dem Verlaufe der Fasern des Schliessmuskels, be- 
vor es noch zu Eitersenkung oder ausgebreiteter Zerstörung der Cutis 
gekommen ist. — Nach Erysipel bleibt besonders bei scrofulösen Indi- 
viduen gern eine blasse, schmerzlose, pastöse Anschwellung der Lider 
zurück, bisweilen so bedeutend, dass die Lidspalte kaum geöffnet wer- 
den kann. Einreibungen von Jodkaliumsalbe, besonders aber Aufstrei- 
chen von Jodtinctur erwiesen sich — bei allgemeiner Behandlung 
— als die wirksamsten Mittel gegen dieses lästige und hartnäckige 
Übel. 

2. Furunkeln entwickeln sich, so viel ich bis jetzt beobachten 
konnte, nur in der Gegend des Orbitalrandes, namentlich unterhalb 
der Augenbrauen, und bieten nichts Besonderes dar. Man hat sich nur 
zu hüten, dass man diese umschriebene Entzündung, die sehr bald zu- 
gespitzt erscheint und an der Spitze einen gelben Punkt wahrnehmen 
lässt, nicht mit umschriebener Hautentzündung als Folge von Periostitis 
und Caries verwechselt, welche besonders in der äussern Hälfte des 
Orbitalrandes gern ihren Sitz aufschlägt. Auch hier erfordert die Ge- 
fahr der Eitersenkung bei Zeiten eine hinreichend ausgiebige Incision. 
Carbunkeln an den Lidern sah Carron du Villards nach der Aufnahme 
deletärer Stoffe in die Hautfollikel entstehen. 

3. Grosse Ähnlichkeit mit der eben besprochenen Form bieten um- 
schriebene Entzündungen des Cnterhautzellgeioebes dar, welche beson- 
ders in der Nähe des obern Augenhöhlenrandes vorkommen und be- 
deutende Schwellung des ganzen Lides verursachen. Ich sah diese 
Form bis jetzt nur bei jungen Leuten. Meistens bildet sich sehr bald 
über der zuerst infiltrirten. Stelle ein gelber Fleck, wo der massenhaft 
angesammelte Eiter durchscheint. Näher gegen den Lidrand hin oder 
in der Gegend der Commissuren führt die Entzündung des subcutanen 
Bindegewebes nur zu kleinen oberflächlichen Eiterherden ohne be- 
trächtliche Infiltration der Umgebung. Einfache Incision reicht hin, 
dem Processe ein Ende zu machen. 

4. Als Entzündung der Meibomschen Drüsen fassen wir die unter 
dem Namen Gersten- und Hugelkoim (Hordeolum et Chalazion) be- 
kannte Affection der Lider auf. — Das Gerstenkorn wird seit Himly 
gewöhnlich als Furunkel des Lides betrachtet. Wenn man jedoch Ge- 
legenheit hat, diese Affection vom ersten Beginn an zu beobachten, so 
überzeugt man sich bald, dass dieselbe nicht von der Cutis ausgeht, 
und noch weniger von einem Hautfollikel, wie der Furunkel, sondern 
dass die Cutis erst consecutiv ergriffen wird, in Folge von Ablagerung* 



346 Augenlider. 

eines umschriebenen Exsudates am Knorpel selbst, welches im Allgemei- 
nen um so früher schmilzt, je rascher die Setzung desselben erfolgte, 
und je näher die Cutis demselben liegt. Das Gerstenkorn sowohl als 
das Hagelkorn kommt jederzeit nur im Bereiche oder zunächst des 
Knorpels vor. Erfolgt die Exsudatablagerung in der äussern Fläche 
des Knorpels nahe am Lidrande oder nächst der äussern oder innern 
Commissur, und in kurzer Zeit, so verräth sie sich zunächst durch 
leichte Röthe und ödematöse Schwellung der darüber liegenden Cutis, 
begleitet von um so heftigeren stechenden oder drückenden Schmerzen, 
Thränenfluss und Lichtscheu, je weniger die Cutis wegen Easchheit 
der Ablagerung oder wegen Fixirung an den Knorpel und das Augen- 
lidband nachgeben kann. Längs des Lidrandes, wo die Cutis am dünn- 
sten ist und am wenigsten ausweichen kann, wird demnach die über 
dem Exsudate liegende Partie sehr bald hoch- und dunkelroth, dann 
in der Mitte gelb, zugespitzt und in 3 — 5 Tagen durchbrochen; in der 
Gegend der Augenlidbänder dagegen, wo die Cutis dicker und minder 
straff angeheftet ist, kommt es erst nach stärkerem Ödem der Umge- 
bimg und unter heftigen Schmerzen zum Durchbruche der Cutis und 
Entleerung des Abscesses (ohne Pfropf, und ohne bleibend sichtbare 
Narbe wie beim Furunkel). Mitunter erfolgt auch Resorption ohne 
Entstehung eines gelben Punktes. Man kann dann eben nur durch 
Betasten mit dem Finger an der Empfindlichkeit und Härte einer um- 
schriebenen Stelle erkennen, woher die Zufälle stammen. Dasselbe ist 
der Fall, wenn die Ablagerung des Exsudates höher oben (respective 
unten) oder an der Innenfläche des (obern) Lides stattfand, und entwe- 
der Resorption, oder aber Durchbruch durch die Bindehaut erfolgt. Dann 
pflegt die Affection scheinbar an Wichtigkeit noch dadurch zu gewinnen, 
dass wohl auch Odem der Conj. bulbi dazu kommt, wenn das Exsudat 
rasch in Schmelzung geräth. Beim Furunkel ist die Stelle (der Follikel), 
von welcher die Affection ausgeht, gleich beim Beginn der Zufälle an 
der Haut sichtbar, und bleibt es bis zur Ausstossung durch Eiterung. 
Nicht selten kommt es nicht zum Durchbruche, weder nach aussen, 
noch nach innen, und auch nicht zu baldiger Resorption. Diess ge- 
schieht in einigen Fällen wahrscheinlich desshalb, weil die Setzung des 
Exsudates allmälig und ohne beträchtliche Erweichung und seröse Durch- 
feuchtung der Umgebung erfolgt und zunimmt ; in andern Fällen scheint 
die Nachgiebigkeit der das Infiltrat bedeckenden Gebilde die Ursache 
zu sein, dass weder heftige Schmerzen noch bedeutende Schwellung 
auftreten, Muskel und Cutis darüber bloss verdrängt, nicht aber durch- 
bohrt werden. Diess ist der Fall, wenn die Infiltration etwas weiter 



Entzündungen — Gersten-, Hagelkorn. 347 

vom Lidrande entfernt oder nächst dem convexen Knorpelrande statt- 
findet. Hier werden die Muskelfasern erst dann auseinander gedrängt 
und die Cutis darüber gerötbet und gespannt, wenn die Geschwulst die 
Grösse einer halben Zuckererbse oder Haselnuss erreicht hat. Nur 
wenn das Infiltrat nicht über 2'" weit vom Lidrande sein Centrum hat 
und eine beträchtliche Grösse erlangt, geschieht es bisweilen nach lan- 
gem Bestände, dass die darüber gespannte und dunkelroth gewordene 
Haut an der erhabensten Stelle verschwärt. Dieser Ausgang, der übri- 
gens nicht nothwendig völlige Entleerung oder 'Resorption des Infiltra- 
tes zur Folge hat, kann auch durch Auflegen von Pflastern oder Kata- 
plasmen herbeigeführt werden. Diess sind die sogenannten Hagelkör- 
ner. Wir halten sie nach der Ansieht der meisten Beobachter, wenn 
auch nicht für verhärtete, so doch für solche Gerstenkörner, welche 
weder durch Resorption, noch durch Eiterung und Ausstossung bald 
beseitigt wurden. Andere haben sie für Balggeschwülste oder für ein 
Product chronischer Entzündung des Lidknorpels erklärt. 

Ganz analog ist der Process, wenn die Entzündung von Meibom'- 
schen Follikeln ausgeht, welche an der Innenfläche des Knorpels und 
uahe an der Bindehaut liegen. Der Ausgangspunkt liegt hier wegen 
der Durchsichtigkeit der Bindehaut klar zu Tage. Auch hier tritt der 
doppelte Fall ein, dass entweder rasche Ablagerung, Eiterung und Ent- 
leerung oder aber allmälige Ausscheidung und Anhäufung von Exsudat 
mit Verdrängung und Wucherung der Bindehaut erfolgt. Letzteres fin- 
det besonders dann statt, wenn der Sitz der Exsudation an oder unweit 
von dem Lidrande ist. Bei Untersuchung des schmerzhaften, licht- 
scheuen und häufig thränenden Auges findet man, dass hinter einer 
Stelle, wo der Lidrand etwas röther und wohl auch dicker erscheint, 
ein Follikel oder ein Ausführungsgang mit Eiter gefüllt ist, falls man 
die Affection nicht schon zeitig zu Gesicht bekommt, wo bloss Röthe 
und Schwellung der afficirten Stelle zu sehen ist. Später sieht man 
wohl auch die Ausmündungsstelle des betroffenen Drüsenstranges als 
weissen Punkt an der dunkelrothen und geschwellten Stelle des Lid- 
randes. Man kann dann der Affection rasch ein Ende machen, indem 
man, scheinbar noch untersuchend, den Lidrand zwischen die Daumen 
bringt, und den Eiter aus dem Ausführungsgange ausdrückt. Liegt der 
Eiterherd weiter hinter dem Lidrande, so ineidire man die ihn be- 
deckende Bindehaut. — In andern Fällen kommt es nicht zur Eiterung 
oder doch nicht zur Beendigung des Processes trotz theilweiser eitriger 
Schmelzung, sondern es wird die Bindehaut an der betreffenden Stelle 
allmälig emporgehoben, wohl auch verdickt, und es bildet sich, wenig- 



348 Augenlider. 

stens am Lidrande, eine dem äussern Hagelkorn ganz analoge Erschei- 
nung. Es erhebt sich nämlich von der innern Lidkante eine dunkel- 
rothe Geschwulst oder Excrescenz, welche an der innern (dem Bulbus 
zugewendeten Fläche) platt, an der in die Lidspalte hereinragenden 
Seite etwas gewölbt, und an dem convexen Rande dazwischen scharf- 
kantig ist. Trägt man eine solche Excrescenz mit einer Scheere ab, 
was im Allgemeinen das beste Mittel zu ihrer Beseitigung ist, so erhält 
man eine ähnliche Masse als Inhalt derselben, wie wenn man die als 
Chalazien bekannten Geschwülste untersucht. Hinter solchen Excres- 
cenzen findet man dann den entsprechenden Drüsenstrang noch von 
gerötheter und geschwellter Bindehaut bedeckt, oder schiefergrau, spä- 
ter obliterirt, Überhaupt findet man bei Individuen, welche an äus- 
sern oder innern Gersten- oder Hagelkörnern gelitten haben, selten 
einmal alle Meibomschen Drüsen normal. Eine häufige Folge solcher 
Exsudationen sind die an der Innenfläche des Tarsus sitzenden Kalk- 
concremente, welche man wohl auch als Thränensteine beschrieben hat, 
oder noch immer für Product eingedickten Drüsenschmeeres hält. Sie 
sind an der Innenfläche dasselbe, was die verkalkten Chalazien an der 
Aussenfläche. 

Balggeschwülste habe ich wohl ziemlich oft über oder nächst dem Orbitalrande, 
niemals aber im Bereiche der Lidknorpel gefunden. Die Geschwülste, welche von jeher 
Chalazien genannt wurden , kommen aber immer nur im Bereiche des Tarsus vor. Sie 
sitzen jederzeit mit breiter Basis (wie eine halbirte Kugel) fest auf dem Knorpel, und 
lassen sich nur mit diesem zugleich verschieben. Sie zeigen nie eine besondere , innen 
glatte Hülle, nie einen honig- oder breiartigen Inhalt, niemals Haarbildung, die in den 
am Orbitalrande sitzenden häufig vorkommt. Öffnet man eine solche Geschwulst, so 
findet man, falls sie noch nicht über 3 — 4 Wochen besteht, eine doppelte Masse als In- 
halt, nämlich eine eitemrtige Flüssigkeit, und eine halbfeste, sulzartige, lichtgraue Sub- 
stanz , welche sich jedoch nur durch Druck aus der Wunde ausquetschen lässt, und 
etwas körnig ist, ähnlich dem Barenchym einer weichen Pflaume oder weissen Kirsche. 
Diese Masse zeigt unter dem Mikroskope nebst Exsudatkörnern und Fettkugeln zahl- 
reiche Epithelialzellen. Offnet man später, etwa bis zur 8. Woche, so findet man neben 
dieser Masse mir noch ein wenig Flüssigkeit, und zwar trüb, nur wenig Eiterkugeln 
enthaltend, oder auch klar und dünn. Noch später ist auch von dieser nichts mehr 
vorhanden, umschliesst das etwas verdichtete umgebende Bindegewebe bloss die ge- 
nannte sulzige, jedoch etwas derbere und schwerer ausdrückbare Masse. Oft kann man 
sie nicht ganz entfernen. Diess ist indess kein Hinderniss gegen die Heilung. Die auf 
den Einschnitt und das Ausdrücken folgende Eeaction reicht in der Eegel hin, völlige 
Resorption der zurückgebliebenen Beste in 8 — 14 Tagen einzuleiten. Bei Balggeschwül- 
sten genügt bekanntlich die einfache Tncision und Entleerung des Inhaltes nicht. Wenn 
aber solche Geschwülste sich viele Monate lang überlassen bleiben, und nicht entweder 
spontamer Durchbruch und Entleerung durch die Cutis oder Conjunctiva, oder spontane 
gänzliche Resorption eintritt, so pflegt der Best des Infiltrates endlich zu verkalken. Dass 



Entzündungen — Gersten-, Hagelkorn. 349 

solche Geschwülste jemals den Herd zur Krebsablagerung abgeben, ist unwahrscheinlich; 
das Infiltrat ist \ind bleibt structurlos. 

Stülpt man ein Lid, welches eine solche Geschwulst darbietet, um, so wird man häufig 
finden, dass die Bindehaut an der entsprechender Stelle und in demselben Umfange, wie 
aussen die Basis derselben , geröthet und sammtartig aufgelockert erscheint. Hat die 
Geschwulst schon lange gedauert, so findet man wohl auch mitunter den Band dieser 
gerötheten und gewulsteten Partie etwas über die nächste Umgebung umgeschlagen. In 
Tiden Fällen erscheint die Mitte dieser Stelle längs eines Drüsenstranges livid; seltener 
geschieht es, dass man daselbst eine kleine Öffnung findet, durch welche man mit einer 
Sonde in das Innere der Geschwulst eindringen kann. Auch kommt es vor, dass am 
Bande einer solchen Öffnung oder mitten darin eine polypenähnliche Excrescenz sitzt. — 
Diese Befunde erklären sich auf folgende Weise. Das in einem der äussern Knorpel- 
fläche näher liegenden Follikel abgelagerte Exsudat wird durch die Muskelfasern an den 
Knorpel angedrückt, und verursacht, so wie äusserlich an der darüber gespannten Cutis, 
so innen an der Bindehaut Hyperämie und Lockerung ; allmälig scheint auch der Tarsus 
in der Mitte erweicht zu werden , und es kommt dann endlich zum Durchbruche dessel- 
ben und zur Entleerung des flüssigen Antheiles der Exsudatmasse. Mittels solchen 
Durchbruches scheint bisweilen völlige Resorption des Exsudates eingeleitet zu werden. 
Diesen Vorgang führen wir sicherer und schneller herbei, wenn wir, wie Makenzie 1. c. 
S. 139 zuerst empfohlen, das umgestülpte Lid mitten in der afficirten Stelle incidiren, 
durch den Knorpel und in der Bichtung des entsprechenden Drüsenstranges, sodann das 
Lid zwischen den Fingern von oben nach unten zusammendrücken, und den festen Theil 
des Inhaltes auspressen. Man überzeugt, sich dabei leicht, dass der Knorpel in der Mitte 
der afficirten Stelle nicht verdickt oder verhärtet, eher verdünnt und (in früherer Zeit) 
etwas erweicht ist. Der obenerwähnte reichliche Gehalt an Pflasterepithelien dürfte wohl 
von der Innenfläche eines Drüsenfollikels herrühren; ich habe mich versichert, dass sie 
nicht von der Bindehaut durch Abstreifung kommen konnten. Wo es gelingt, den ge- 
nannten festweichen Theil des Inhaltes ganz oder grösstentheils zu entfernen , ist auch 
der Process beendet: die Wunde vernarbt in wenig Tagen, und in Zeit von 2 — 3 Wochen 
ist in manchen Fällen keine Spur der Affection mehr vorhanden. Niemals, auch dann 
nicht, wenn grosse Chalazien viele Monate lang bestanden hatten, sah ich weder merk- 
baren Substanzverlust des Knorpels, narbige Einziehung oder Verschrumpfung, noch 
Yergrösserung oder Verdickung des Knorpels zurückbleiben, gleichviel ob bereits Durch- 
bruch nach innen erfolgt war oder nicht. Alle diese Umstände sind wohl hinreichend, zu 
zeigen, dass hier keine Entzündung der Knorpelsubstanz stattfinde, sondern Ablagerung 
von Exsudat an der Oberfläche, oder, was am wahrscheinlichsten ist, in einen Meibom- 
schen Follikel selbst. 

Ich kann zwischen Gersten- und Hagelkorn untereinander, und zwischen diesen und 
den an der Innenfläche des Tarsus vorkommenden Abscesschen und kleinen Geschwül- 
sten, die sichtlich von den Drüsenfollikeln ausgehen, keinen wesentlichen Unterschied 
flnden. Sie alle lassen sich auf eine umschriebene Ablagerung eines Exsudates zurück- 
führen, welches nicht organisationsfähig ist und bald rasch, bald langsam schmilzt, so- 
fern es nicht durch Besorption beseitigt wird , oder aber verkalkt. Nicht äussere Um- 
stände, wie namentlich die oft beschuldigte Einwirkung von Kälte, sondern die mehr 
weniger schnelle Setzung des Exsudates und die anatomischen Verhältnisse bestimmen 
die fernere Gestaltung des Processes und dessen Ausgänge. 



350 Augenlider. 

Die Behauptung, dass die Bildung von Gersten- und Hagelkörnern, 
mit Scrofulosis (Tuberculosis) in ursächlichem Zusammenhange stehe, 
hat zwar mehrseitigen Widerspruch erfahren, ist aber trotzdem in der 
ganzen bisher aufgestellten Ätiologie die einzig haltbare und auf wirk- 
liche Beobachtungen gestützte. Die Beschuldigungen von Unreinlich- 
keit, Trunksucht u. s. w. beruhen auf Verwechslung des Zufälligen mit 
dem Wesentlichen. Die in Bede stehenden, von den Meibomschen 
Drüsen ausgehenden Affectionen, und in specie die Gersten- und Hagel- 
körner kommen bei Individuen vor, die unter den günstigsten Verhält- 
nissen und aufs zweckmäßigste leben, kehren oft, hartnäckig, und 
wohl auch zu bestimmten Zeiten wieder, wechseln mit einander und 
mit andern offenbar scrofulösen Affectionen, und treten überhaupt von 
äussern Einflüssen unabhängig auf. Um diess zu constatiren, genügt es- 
natürlich nicht, dass man solche Individuen etwa ein- oder zweimal im 
Leben sieht; man muss sie viele Jahre, in ihren häuslichen Verhält- 
nissen und als Familienglieder beobachten. 

Ob wir im Stande seien, Resorption einzuleiten, etwa durch kalte 
Umschläge, ist wohl dadurch noch nicht bewiesen, dass es bisweilen 
nach Anwendung derselben nicht zum Aufbruche kommt; denn diess 
geschieht — vielleicht eben so oft — auch ohne alles Zuthun, und 
noch öfter tritt ungeachtet gehörig angewandter Umschläge Durchbruch 
ein. Will der Kranke gerade etwas thun, so mag" er sich warme Brei- 
umschläge (Semmel mit Milch) auflegen, sie lindern den Schmerz, und 
befördern wohl auch die Eiterung. Bei starkem Odem lasse man das 
Auge einfach oder mit erwärmten trockenen Compresschen bedecken. 
Sobald der Eiter durchscheint, kann man ihn durch einen Einstich oder 
auch durch Druck entleeren. Gegen die öftere Wiederkehr scheint 
das Einreiben von rother Präcipitatsalbe (1 — 3 Gran auf l Dr.) an die 
Lidränder einigen Nutzen zu gewähren; doch bleibt immer die Allge- 
meinbehandlung zu diesem Zwecke das Wirksamste. Bei Chalazien 
können sich die Kranken nicht immer sogleich zur Incision entschliessen. 
Man versuche Einreibungen von Salben mit rothein Präcipitat, Jod- 
kalium, Mercurdeuterojoduret (Va — '/ 2 Gran auf 1 Dr.). In den meisten 
Fällen reicht man damit nicht aus, verlieren die Kranken die Geduld 
und entschliessen sich zu der Anfangs proponirten Incision. Das Auf- 
legen von Pflastern oder Kataplasmen bei Chalazien führt leicht zu 
partieller Schmelzung des Exsudates und zum Durchbruch der Haut, 
bevor noch das ganze Infiltrat zur Elimination geeignet ist, und der 
Kranke muss lange mit einem geschwürigen Augenlide herumgehen. 
Das Eindringen mit einem zugespitzten Lapis infernalis in die Öffnung 



Entzündung der Haarzwiebeldriisen. 351 

kann dann noch am ehesten die Schmelzung und die Heilung be- 
schleunigen. 

5. Als Lidrandentzündung (Blepharadenitis ciliaris) bezeichnet man 
gewöhnlich eine längs des Augenlidrandes sich zeigende Entzündung, 
für dereu Ausgangspunkte oder Herde man die um die Haarzwiebeln 
gelegenen Drüschen hält; frühere Autoren beschrieben die hieher ge- 
hörigen Formen unter den Namen Psorophthalmia , Lippitudo ulcerosa, 
Tinea, Herpes oculi inflamm., Ophthalmia tarsi u. s. w. 

Wenn gleich die am Lidrande selbstständig vorkommenden entzündlichen Affectio- 
nen. sowohl in Bezug auf den Sitz oder Ausgangspunkt, als auch in Bezug auf ihre 
ätiologischen Momente nicht als ein und derselbe Process zu betrachten sind, so getraue 
ich mich doch in Ermanglung genügender Unter siichun gen zur Zeit noch nicht, eine 
streng nosologische Sonderung derselben zu unternehmen, und will demnach nur beschrei- 
ben, was ich beobachtet, und sondern, was schon jetzt behufs der Prognosis und Therapie 
gesondert werden kann und muss. Ich wähle den Namen Blepharadenitis , weil es am 
wahrscheinlichsten ist, dass die um die Haarzwiebeln der Cilien gelegenen Drüschen (Zeis) 
der gemeinschaftliche Krankheitsherd sind, und weil ich die Zahl der Benennungen nicht 
ohne gute Gründe vermehren mag. Die verschiedenen Formen von Entzündungen am Lidrande 
gehören im Allgemeinen nicht nur unter die häufigsten, sondern auch unter die hart- 
näckigsten Augenkrankheiten und verdienen nicht nur wegen ihrer Rückwirkung auf die 
Bindehaut, sondern auch wegen mannigfacher Entstellung, zu der sie führen, dass sie fer- 
nerhin einer grösseren Aufmerksamkeit und strengeren Forschung gewürdigt werden, als 
bisher leider geschehen ist. 

Eine Form von Blepharadenitis ciliaris kommt am häufigsten mit 
Conjunctivitis scrofulosa, doch auch ohne diese vor. An einer oder an 
mehreren isolirten Stellen des obern oder untern Lides oder beider zu- 
gleich sieht man eine leichte knotige Schwellung und Röthung des 
Lidrandes, und darüber an der Basis der Cilien eine Kruste, welche 
fest an der Cutis haftet. Sucht man diese Kruste abzustreifen, was oft 
schwierig und nur mittelst der Nägel oder eines zugeschärften Hölzchens 
(Zahnstochers) möglich ist, so erscheint die Cutis darunter ganz dünn 
und roth, oder der Epidermis verlustig, oder auch mit einem Grübchen 
versehen, welches oft noch mit etwas Eiter gefüllt ist. Diese Krusten 
hängen gewöhnlich so fest an den sie durchbrechenden Cilien, dass 
bei Entfernung derselben ein und das andere Wimperhaar mitgeht; sie 
sind keineswegs bloss vertrockneter Schleim oder Drüsensecret, sondern 
führen namentlich an der Basis immer eine Menge Epidermiszellen mit 
sich. — Ganz dieselbe Form findet man auch häufig bei Leuten, die 
an Thränensackblennorrhöe leiden, und zwar hier fast immer nur an den 
Lidern derselben Seite. 

An diese Form (die solitäre) schliesst sich eine andere, seltener 



352 Augenlider. 

vorkommende au, die näinlich , wo Schwellung, Röthung, Eiter- und 
Krustenbildung längs des ganzen Lidrandes auftreten, und wo beson- 
ders die Verdickung des Lidrandes {Tylosis) stark ausgesprochen er- 
scheint. Nach dieser oft Monate, Jahre lang und ganz für sich allein 
bestehenden Form entsteht leicht Distichiasis und nehmen manchmal 
die Wimpern, wenn auch nicht gegen den Bulbus hineinsprossend, doch 
eine sehr sparrige Richtung an. Verlust der Cilien erfolgt hier selten, 
und zwar desshalb, weil es nicht zur Vereiterung, sondern zur Hyper- 
trophirung und Sclerosirung des die Haarzwiebeln umgebenden Binde- 
gewebes kommt. 

Die gefährlichste, hartnäckigste und leider auch nicht die seltenste 
Form ist die zur Vereiterung des Haar zwiebelbo dens führende Form. 
Diese Affection findet sich immer an beiden Lidern, längs des ganzen 
Randes, und auch immer auf beiden Augen zugleich. Sie besteht in 
der Bildung kleiner über die Umgebung gar nicht oder kaum merklich 
emporragender Eiterpunkte, meist so gelegen, dass mitten aus je einem 
solchen Abscesschen ein Wimperhaar hervorsprosst; seltener sitzen 
welche an der linearen Fläche des Lidrandes selbst. Die frisch ent- 
standenen liegen , wenn der Lidrand nicht schon mit Krusten bedeckt 
war, frei zu Tage; andere sind durch Krusten verdeckt. Beim Ver- 
suche, solche Krusten abzuheben und zu beseitigen, folgen oft ganze 
Schollen von Epidermis längs eines grossen Theiles des Lidrandes und 
bis über den Haarzwiebelboden hinauf (hinab); darunter erscheint dann 
die Cutis nur von dünner Epidermis bedeckt und roth, nächst den 
Wimpern oft ohne Epidermis, leicht blutend, an der Basis einer und 
der andern Cilie selbst (nach Beseitigung des Eiters) mit einem mehr 
weniger tiefen und breiten Grübchen versehen. Wird eine aus einem 
Abscesschen hervorsprossende Cilie ausgezogen, so entleert sich "der 
Eiter; das Ausziehen selbst ist für das Nachwachsen einer Cilie an 
derselben Stelle nicht hinderlich, befördert aber auch die Heilung nicht. 
Die Cilien gehen erst nach langer Dauer der Krankheit und oft wie- 
derholter Eiterbildung an derselben Stelle bleibend verloren (Madarosis), 
doch immer nur theilvveise; die durch Nachwuchs ersetzten sind dann 
dünner, kürzer, blässer, und meist in einzeln stehende Büschel zusam- 
mengedrängt (wohl durch die Narbenbildung). Noch bevor diess ein- 
tritt, sieht man schon, dass längs der Linie, in welcher die Abscesschen 
nach einander zu wiederholten Malen gesessen, eine Art von Furche 
oder seichter Vertiefung entstanden ist. Gleichzeitig bemerkt man auch, 
wie die Bindehaut über die innere Kante des Lidrandes gegen jene 
Furche hingezogen wird (Ectropium conjunctivae), demnach die Lid- 



Entzündung des Augenlidrandes. 353 

runder gleichsam rotli eingesäumt erscheinen. Wenn die Krankheit 
einmal so weit gediehen ist, wird man auch meistens schon die Mün- 
dungen der Meibomschen Drüsen nicht mehr auffinden können, und 
hiemit ist bereits ein Zustand eingetreten, welcher keine Restitutio ad 
integrum (nach meinen bisherigen Erfahrungen) mehr zulässt. Die Lid- 
ränder schliessen nicht mehr genau an den Bulbus an, der Kranke 
leidet nebst der abscheulichen Entstellung auch noch fortwährend an 
Thränenträufeln, an Excoriationen und an grosser Empfindlichkeit der 
Augen. Immer findet man bei dieser Form die Conjunct. palp. über 
dem Tarsus sammtartig aufgelockert und gleichmässig geröthet, im 
Übergangstheile dagegen und am Bulbus normal. Umschriebene Exsu- 
dationen an der Conjunct. bulbi gehören hier zu den Seltenheiten. Nach 
sehr langer Dauer wird die Conj. palp. oberflächlich sehnenartig glän- 
zend (wie mit Milch übergössen), öfter jedoch punktförmig marmorirt 
(durch verkalkte Exsudate in den Meibomschen Follikeln). 

Nicht gefährlich, nur äusserst lästig ob Unterhaltung eines gereiz- 
ten Zustandes der Bindehaut und hartnäckig ob häufiger Rückfälle sind 
jene Formen von Augenlidrandentzündung, welche sich durch die Bildung 
feiner Schüppchen und leichte Röthung der Haut längs der äussern Lid- 
kante manifestirt. Bläschenbildung oder andere Erscheinungen als die 
eben genannten zu beobachten ist mir nie gelungen. 

Ein unbedeutendes Leiden ist die Bildung kleiner Bläschen an der 
linearen Fläche des Lidrandes, deren ich nur desshalb erwähne, weil sie 
Empfindlichkeit der Augen und selbst Schmerzen verursachen, und als 
Ursache dieser Zufälle ^icht übersehen werden können. Ich fand sie 
bei sonst ganz gesunden Individuen, die mich bloss desshalb consultir- 
ten, viel öfter jedoch bei Katarrh, chron. Blennorrhoe und Trachom. 
E> sind halbkuglige, höchstens mohnkorngrosse , hyaline oder auch 
etwas trübe Erhöhungen mit flüssigem Inhalte auf der innern Kante oder 
an den Ausmündungsstellen der Meibom' sehen Drüsen. Ich drücke sie 
gewöhnlich dadurch aus, dass ich den Nagel des Daumens anlege und 
auswärts streife. Schmerzen, Lichtscheu und Thränenfluss sind nun bald 
vorüber. Selten sind mehr als 1 — 2 Bläschen zugleich vorhanden; aber 
bei manchen Individuen kehren sie eine Zeit lang öfter und an ver- 
schiedenen Stellen wieder. 

Die ersten 3 Formen (die solitäre, hypertrophirende und exulceri- 
rende) sind nach ihrem Vorkommen, wenn nicht immer, so gewiss in 
den meisten Fällen scrofulösen Ursprunges; die 4. Form hängt viel- 
leicht mit abnorm zarter Organisation der Haut zusammen, indem sie 
oft bei Individuen vorkommt, die sonst gesund sind, besonders wenn sie 

Arlt Augenheilkunde. III. 23 



354 Augenlider. 

blond sind oder mehr flach liegende Augen haben; doch habe ich sie 
auch bei offenbar scrofulösen Individuen ohne diese Beschaffenheit der 
Haut und ohne Glotzaugen gesehen. Ungeregelte Lebensweise, Nacht- 
wachen, Arbeiten beim Feuer, Aufenthalt in staubiger oder sonst ver- 
unreinigter Atmosphäre u. dgl. können wohl den Zustand verschlimmern, 
schwerlich aber die Krankheit selbst jemals — bei sonst gesunden In- 
dividuen — erzeugen. 

Bei der Behandlung muss vor Allem für Beseitigung der eben er- 
wähnten und ähnlicher Schädlichkeiten gesorgt, und nach Möglichkeit 
auf das etwa zu Grunde liegende Allgemeinleiden eingewirkt werden. 
Die örtliche Behandlung erfordert zunächst sorgfältige Entfernung des 
Eiters und der Krusten, so oft sich solche gebildet haben. Diese halten 
den darunter gebildeten Eiter zurück, und verhindern auch die Appli- 
cation der nöthigen Arzneistoffe auf die erkrankten Stellen selbst. Die 
der Ablösung vorauszuschickende Erweichung durch Kataplasmen oder 
durch Anhalten eines feuchtwarmen Schwammes erfolgt leichter, wenn 
man den Abend vorher die Lidränder mit Ol oder Fett bestreichen 
liess. Bei der solitären und selbst bei der tylotischen oder hyper- 
trophirenden Form reicht in der Kegel das Einreiben (nicht blosses Auf- 
pinseln) einer Salbe aus 1 — 3 Gran rothen Präcipitates auf 1 Dr. Fett an 
die Lidränder (vor dem Einschlafen) zur Heilung hin, bei grosser Em- 
pfindlichkeit mit einigen Tropfen Tinct. opii crocata, bei starker Wul- 
stung mit 1 Gran Camphora rasa vermischt. Eeaction, des Morgens 
durch Röthe und grössere Empfindlichkeit der Augen sich kund gebend, 
ist erwünscht, und darf nicht sogleich zur Sc]|jvächung der Dosis, son- 
dern zunächst nur zur seltenern Anwendung, jeden 2. oder 3. Tag, be- 
stimmen. Sind starke Excoriationen vorhanden, so schicke man den 
Gebrauch einer Salbe von 2—3 Gran weissen Präcipitats allein oder 
mit eben so viel Zinkblumen voraus, oder bestreiche die wunden Stel- 
len mit einer schwachen Lösung von Sublimat oder Salpeters. Silber, 
Bei förmlicher Induration des Lidrandes bediene man sich einer Salbe 
aus '/3 — V 2 Gran Mercurdeuterojoduret, doch vorsichtig, dass nichts da- 
von zwischen die Lidspalte eindringe. — Bei der exulcerirenden Form 
leistet unter den genannten Mitteln der weisse Präcipitat (allein oder 
mit Zinklumen) noch am meisten, wenn überhaupt schon Obliteration 
der Meibomschen Drüsenmündungen eingetreten ist; weit wirksamer, 
und selten im Stiche lassend, ist seine Verbindung mit Theer (nach 
Emery: praecip. albi gr. 4 — 6, picis liq. scr. 1, ung. comm. dr. 1) täg- 
lich 2 — 3mal auf die sorgfältig gereinigten Lidränder aufgepinselt. Wo 
grössere Abscesse und Excoriationen vorhanden, habe ich Makenzie's 



Entzündung des Augenlidrandes — Phthiriasis. 355 

Kath, diese Stellen nachdrücklich mit Lapis inf. zu touchiren, mehrfach 
bewährt gefunden. Das oben erwähnte Ectropium conjunctivae habe 
ich in einigen Fällen vermindert oder beseitigt durch Bestreichen des 
sammtartig aufgelockerten Tarsaltheiles der Bindehaut mit reinem oder 
durch Kali nitricuni geschwächtem Höllenstein. — Bei der Form, welche 
durch die Bildung kleiner Schüppchen an den Cilien und durch fort- 
währende Empfindlichkeit gegen kalte Luft, Staub, Kerzenlicht u. s. w. 
lästig wird, erzielt man Heilung — wenigstens für einige Zeit oder doch 
Linderung durch schwache Präcipitatsalben oder durch Waschungen mit 
einer schwachen Sublimatsolution oder einer Mischung von Franzbrannt- 
wein und "Wasser. 

Ob es eine primäre Entzündung des Knorpels gebe, ist unerwiesen; wenigstens sind 
uns die Symptome derselben nocb nicbt bekannt. Wir wissen, dass in Folge von Tra- 
chom;! der Knorpel nach merklicher Verdickung oft sehr bedeutend einschrumpft, in 
Folge von Blennorrhoe dagegen breiter, länger und dicker wird; ich habe auch einige 
Fälle gesehen, wo der Knorpel ohne vorausgegangene Blennorrhoe nach allen Dimen- 
sionen fast um die Hälfte vergrössert war; trotzdem war es mir bisher nicht möglich, 
genauere Einsicht in den Process zu gewinnen, und lasse ich die Frage lieber offen. Ich. 
zweifle, dass heutzutage noch jemand die Ansicht verfechten werde , die Bildung der so- 
genannten Hagelkorner gehe aus Entzündung der Knorpelsubstanz bervor. In dem Falle, 
den Hasner 1. c. S. 243 als Ausgang von Knorpelentzündung in Hypertrophie und Ver- 
knücherung angesehen bat, ist ein diagnostischer Irrthum untergelaufen, wie ich bereits in 
der Prager Vierteljahrschrift IS. B. S. 51 nachgewiesen habe. (Vergl. auch Pilz über 
Keratitis, Pr. Vtljscbr. 20. B. S. 39.) 

6. Eine Entzündung des Augenlidrandes kann leicht vorgetäuscht, 
vielleicht auch wirklich hervorgebracht werden durch das Vorkommen 
von Läusen an den Cilien, weil dieselben, wie ich gesehen, ausser- 
ordentlich klein sind und für Schüppchen imponiren, oder weil sie sich, 
wie Clielius angibt, tief in die Haut eingraben. Ich wurde zuerst durch 
den sparrigen Stand der Cilien auf diese Thierchen aufmerksam ge- 
macht. Mit Hilfe einer Loupe, und bei guter Beleuchtung und aufmerk- 
samer Betrachtung auch mit freiem Auge, erkennt man bestimmt, was 
man vor sich hat. In einem Falle war bloss der linke obere Augen- 
lidrand inficirt; in einem andern beide obere Lider. In diesem wurde 
in Zeit von 10 Tagen Heilung erzielt durch Einreiben von Ung. cine- 
reum; in jenem erfolgte einige Tage, nachdem ich ihn gesehen, der 
Tod in Folge von Medullarsarkom der Leber. Scai^pa entdeckte mittelst 
einer Loupe Läuse an der Basis der Cilien als Ursache einer hart- 
näckigen Ophthalmie, und Chelius führt an, dass er zwei ähnliche Fälle 
beobachtet habe. 



23* 



356 Augenlider. 



II. Pseudoplasmen. 

1. Cysten werden am Lidrande als Hirsekorn (inilium) und als 
Wasserbläschen (hydatis), gegen den Orbitalrand hin als Breigeschwülste 
(atheroma) beobachtet. Erstere sitzen unmittelbar unter oder in der 
Cutis, letztere in den meisten Fällen (nach meinen Beobachtungen in 
allen) an der Augenlidfascie oder an der Beinhaut. — Das Wasser- 
bläschen sitzt immer irgendwo nahe am Lidrande als eine ganz ohne 
Zufälle entstandene und fortbestehende helle Cyste von der Grösse eines 
Hirse- oder Hanfkorns. Zur bleibenden Beseitiguug genügt vielleicht 
die einfache Incision; ich pflege nachher noch ein Stückchen zu exci- 
diren. — Das Hirsekorn erreicht gewöhnlich nur am Lidrande die 
Grösse der Frucht, der es an Farbe gleicht; kleinere solche Körner 
entwickeln sich oft in grosser Anzahl weiter entfernt vom Lidrande bei 
Individuen, welche dieselbe Affection der Talgdrüsen auch an andern 
Stellen der allgemeinen Bedeckung darbieten; selten kommen linsen- 
grosse vor. Nach Einritzung der sie umgebenden dünnen Hülle kann 
man ihren Inhalt ausdrücken. — An diese Affection reiht sich eine Art 
diffuser, flächenartig ausgebreiteter Schmeeransammlung unter der äus- 
serst dünnen Cutis ober- und unterhalb des innern Augenwinkels. Ich 
habe diese in hohem Grade entstellende Affection bisher nur bei älteren 
fettleibigen Individuen beobachtet, und keinen Anstand genommen, da 
die Haut bereits sehr runzlig war, ganze Stücke derselben sammt der 
Schmeermasse zu. excidiren, elliptische, nach der Richtung der Orbi- 
cularfasern laufende Falten bis zu 2 und ö'" Breite entfernt, und den 
kosmetischen Zweck ohne Nachtheil und vollständig erreicht. — Die 
Ausschälung der Balggeschwülste geschieht nach den von der Anatomie 
und Chirurgie gegebenen Vorschriften. Wenn die Geschwülste grösser 
als ein Taubenei waren, gleichviel ob sich die Cutis darüber noch in 
Falten fassen liess oder nicht, und ob sie von ausgedehnten Gefässen 
mehr oder weniger geröthet war, so glaubte ich immer im Interesse 
der Heilung zu handeln, wenn ich vor der Ausschälung ein ellipti- 
sches Stück Haut ausschnitt, nach der Richtung der Muskelfasern; die 
einsinkenden Wundränder lassen sich dann leichter (ohne Einrollung) 
vereinigen , und man erspart sich das nachträgliche Excidiren einer 
Hautfalte. 

2. Warzen bieten an der Augenlidhaut die gewöhnlichen Merkmale 
dar, und sind mit den Knoten bei beginnendem Epithelialkrebs nicht zu 
verwechseln. Ganz kleine warzenähnliche Excrescenzen habe ich mehr- 



Pseudoplasmen — Warzen — Teleangiektasie — Krebs. 357 

mal an der linearen Fläche des Lidrandes als Ursache einer beständi- 
gen Reizung des Auges, namentlich der Bindehaut beobachtet. Es sind 
kleine, unebene, harte, weiss aussehende Erhöhungen mit scharf abge- 
grenzter Basis. Ich trug sie mit einer flach gebogenen dlinnen Scheere 
ab; sie bestanden grösstentheils aus Epidermis. Zur Stillung der Blu- 
tung und zur sicheren Verhütung der Wiederkehr betupfte ich die 
Wunde mit Höllenstein. Die Bildung von Condylomen bei Lues dürfte 
unter die Seltenheiten gehören. 

3. Teleangiektasien in der Haut kommen an den Lidern nicht gar 
selten vor, bald flach (Feuerrnäler), bald erhaben (Blutschwamm, Maul- 
beergeschwulst), bald klein in der Fläche der Haut oder am Lidrande, 
bald ausgebreitet und über den Lidrand bis zur Innenfläche des Lides 
übergreifend. In andern Fällen entwickelt sich die erectile Geschwulst 
unter der Haut, und greift erst nach beträchtlicher Vergrösserung in 
diese über. Die Grundsätze der Diagnostik und Therapie als aus der 
Chirurgie bekannt voraussetzend, will ich bloss bemerken, dass mir die 
Heilung flacher Angiektasien durch Aufschlagen von Aqua Goulardi 
mittelst Leinwandbäuschchen gelungen ist, wenn dieselbe frühzeitig 
(vor Ablauf der dritten Woche nach der Geburt) und fleissig vorge- 
nommen wurde, und dass ich mich bei grösseren und tiefer eingreifen- 
den Ektasien der Unterbindung mittelst zweier durch die Basis durch- 
geführter (stärkerer) Insectennadeln mit dem gewünschten Erfolge be- 
dient habe. Die grosse Dehnbarkeit der Haut gestattet die Anwendung 
dieses Mittels hier wohl bei grösserem Umfange, als an andern Körper- 
steilen. Für erd- und maulbeer artige Ektasien empfiehlt Chelius die 
einfache Unterbindung oder auch die Abtragung mit der Scheere. Zur 
Einimpfimg der Kuhpocken bei noch nicht geimpften Kindern (nach 
Carron du ViUards) hatte ich noch keine Gelegenheit. Es versteht 
sich übrigens von selbst, dass man, wo ein Wachsen der Affection be- 
merkt wird, imd nicht dringende Gegenanzeigen da sind, die Operation 
durchaus nicht verschieben darf. Eine ausgezeichnete Abhandlung über 
Xaevus maternus und Aneurysma per anastomosin an den Augenlidern 
und in der Orbita, mit trefflichen Beobachtung von Tlodgson, Young, 
John Bell, Allan Bums, Travers und Waräröp findet man bei Makenzie 
1. c. S. 148—157. 

4. Der Krebs ist an den Augenlidern — meines Wissens — nur 
als Epithelialkrebs beobachtet worden*), und zwar als flacher, als 
drusiger und als warziger. Die Stellen, wo ich ihn (seinen Ausgangs- 

*) Ich folge in der Terminologie und Beschreibung der hieher gehörigen Affectionen der Darstellung 
von Schuh : Pathologie und Therapie der Pseudoplasmen. Wien, 1S54. 



358 Augenlider. 

punkt) sah, waren: unterhalb der äussern Comrnissur, in der Mitte 
des untern Lides nächst dem 'Rande, tiefer unten gegen den Orbital- 
rand hin, unter- und oberhalb des innern Augenlidbandes. 

a) Der flache Epithelialkrebs beginnt bekanntlich mit der Bildung 
kleiner lichter Knötchen in der Haut, die sich verschieden an einander 
reihen (zu kleinen Wülsten), und bisweilen eine inselförmig einge- 
schlossene gesunde Partie umfassen, durch zahlreiche venöse Gefäss- 
chen ein röthlich-marmorirtes oder gestreiftes Aussehen bekommen, 
dann sich bald mit gelben Borken belegen, unter welchen man zunächst 
bloss eine excoriirte, weiterhin eine geschwürige Fläche findet, welche 
eine dünneitrige Flüssigkeit absondert, harte Ränder zeigt, zeitweilig 
wohl scheinbar sich schliesst (durch ein dünnes Häutchen), bald aber 
wieder aufbricht, und in diesem Zustande Monate, ja Jahre lang ver- 
harren kann, ohne beträchtlich grösser oder tiefer zu werden. Dabei 
ist die Affection fast schmerzlos, oder treten bloss flüchtige Stiche ein. 
Erst nach jahrelangem Bestände greift die Affection theils tiefer, theils 
weiter um sich, und zerstört nicht nur die Haut durch Schmelzung des 
immer wieder mit solchen Tuberkeln infiltrirten Randes, sondern auch 
alle unterliegenden Gebilde des untern, dann auch des obern Lides, 
endlich selbst den blossgelegten Bulbus und die knöcherne Wandung 
der Orbita (bis zur Communication mit der Nasen-, Highmors-, selbst 
der Schädelhöhlej. Erst wenn die Affection über, die Haut hineinge- 
griffen hat, pflegen heftige Schmerzen einzutreten, und erst wenn eine 
beträchtliche Geschwürsfläche vorhanden ist, schwellen die Lymphdrü- 
sen (um die Parotis) an. Dann entsteht auch Schlafmangel, Abmage- 
rung, üble Gesichtsfarbe, Zehrfieber. „Innere Organe werden von 
diesem Processe nie ergriffen; auch findet man bei den Leichenunter- 
suchungen nie an einem Eingeweide irgend eine andere Krebsform." 
(Schuh.) 

„Die Ursachen der Entstehung sind selten klar. Meistens lässt 
sich keine äussere Veranlassung auffinden; das innere ursächliche 
Moment ist in der Regel vorwaltend und liegt in einer eigenthümlichen 
Blutmischung, die sich nur bei Menschen über 40 Jahren entwickelt. 
Hier kann die geringste mechanische Reizung hinreichen, um in einer 
excoriirten oder in Granulation begriffenen Stelle eine solche Unistim- 
mung im Bildungsprocesse hervorzurufen, dass es zum Hautkrebse 
kommt. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass die Krankheit nicht 
selten rein örtlich sei, indem sie gegen die Regel bei blühenden 
Männern und Weibern in den zwanziger Jahren vorkommt, und aus 
zufälligen Wunden durch mechanische oder dynamische Misshandlung 



Pseudoplasmeii — Krebs. 359 

sich herausbildet." (Schuh.) In einigen von mir beobachteten Fällen 
hatte sich das Übel bei Individuen, die sonst für gesund erklärt werden 
konnten, und noch nicht über 36 Jahre alt waren, ohne bekannte Ver- 
anlassung entwickelt. 

„Da der flache Krebs am häufigsten unter allen bösartigen Ge- 
schwülsten als örtliche Krankheit auftritt und immer einen sehr lang- 
samen Verlauf beobachtet, so leistet die chirurgische Behandlung sehr 
oft (?) radicale Hilfe. Hat man alles Krankhafte beseitigt, so sind Re- 
cidiven selten, falls noch keine Drüsenanschwellungen bestehen. Die 
Beseitigung geschieht durch Atzmittel oder durch Exstirpation." (Schuh.) 
Am Auge habe ich auch unter den günstigsten Auspicien nicht so glück- 
liche Resultate erhalten, auch nicht von Andern trotz Beobachtung aller 
Regeln der Kunst erhalten sehen. 

In dein 1. Falle ( l S4 1 , trat nach vollkommener Zerstörung durch Chlorzink (Pasta 
aus 7 Gran mit ] Scr. Mehl nach Canquoin) Heilung ein, und hatte auch die Beseiti- 
gung des dureh Zerstörung der äussern Commissur entstandenen Ectropium palp. infer. 
mittelst der Tarsoraphie nach Walther (etwa '/2 Jahr später) keine Kecidive zur Folge; 
diese trat erst 3 /i Jahr später ein, konnte aber trotz nochmaliger energischer Zerstörung 
durch obige Pasta und trotz allgemeiner Behandlung nicht für die Dauer verhütet werden. 
Als ich den Mann in seinem 42. Jahre (9 Jahre nach der Behandlung) das letzte Mal 
sah, bot er durch Blosslegung und theilweise Zerstörung der Orbitalwandung (untere 
und innere) einen fürchterlichen Anblick dar. — In zwei andern Fällen, wo die Affec- 
tion noch auf eine so kleine Partie beschränkt war, dass Prof. Pitha, der die Exstir- 
pation vornahm, nicht nur diese, sondern auch die Vereinigung der Wunde so gut, als 
man nur wünschen konnte, durchzuführen vermochte (bei einem Manne von etwa 36 
und einer Frau von 5U Jahren), trat ebenfalls nach Jahresfrist abermals Infiltration ein. 
— Die von mir im August 1544 nicht bloss durch Exstirpation, sondern auch durch 
Transplantation eines Hautstückes operirte 36jährige Bäuerin Marek Katharina, deren 
Krankengeschichte Hasner 1. c. S. 258 mitgetheilt, um ein neues Verfahren der Blepharo- 
plastik zu beschreiben, war im Jahre 1S47 nicht mehr geheilt, denn sie kam am 1. 
December 1S46 recidiv auf die Augenklinik und wurde von da an Dr. Hasner gewiesen, 
der die Exstirpation und Blepharoplastik am 14. December 1845 vorgenommen hatte. 
Wie Hasner diese Kranke, deren Ptecidive auch von Dr. Pilz constatirt wurde, noch im 
Jahre 1 S47 „vollkommen hergestellt" finden konnte, ist mir unbegreiflich. — Ob in zwei 
andern Fällen die Heilung dauerhaft gewesen , weiss ich nicht ; die Kranken sind mir 
nicht mehr zu Gesicht gekommen. 

bj Der drüsige oder alveolare Epithelialkrebs , welcher sich nicht 
bloss nach der Fläche, sondern auch nach der Tiefe ausdehnt, und 
nicht nur in der Haut, sondern auch im Unterhautzellgewebe und in 
den Muskelfasern abgelagert wird, kommt bald als umschriebene Ge- 
schwulst, bald auch infiltrirt vor. Es bilden sich in oder unter der 
Haut ein oder mehrere runde, harte und bei stärkerem Drucke schmerz- 
hafte Knötchen, welche an und für sich oder durch Verschmelzimg 



360 Augenlider. 

mehrerer zur Grösse einer Erbse, höchstens einer Wallnuss anwachsen, 
bevor sie aufbrechen, was in Zeit einiger Wochen oder Monate ge- 
schieht. Nach dem Wundwerden zeigt sich keine Höhle, da die Haut 
sehr alhnälig durch den Krebs verdrängt wurde, welcher früher keine 
Verjauchung einging. Die offene Stelle ist dunkel-, bisweilen braun- 
roth und ziemlich eben. Wenn das schmutzigweisse , dünne Secret 
nicht fleissig abgespült wird, verbreitet es einen üblen Geruch oder 
vertrocknet zu Krusten. Bisweilen bilden sich streifenweise Überhäu- 
tungen oder wirkliche grubige Narben. Die Ränder sind aufgeworfen, 
mehr weniger nach aussen gekehrt, und rundliche Wülste darstellend 
oder rundlich eingekerbt. Die benachbarten Lymphdrüsen werden hier 
gewöhnlich sehr bald in dieselbe Metamorphose gezogen. Dann ist die 
Aussicht auf günstigen Erfolg der Exstirpation sehr gering. „Unter 
den Krebsformen am Auge ist der Epithelialkrebs (als flacher und 
alveolarer) der einzige, den ich ausser dem Markschwamme beobachtete. 
Er entsteht immer an der vordem Gegend der Schleimhaut des Aug- 
apfels, der Lider, oder von der Caruncula in Form eines oder mehrerer 
Knötchen." (Schuh.) Ich habe in 2 Fällen von solcher Infiltration des 
untern Lides die Exstirpation und darauf die Blepbaroplastik nach 
Diejjenbach vorgenommen, vor 2 und vor 1 Jahr, bis jetzt jedoch noch 
nichts über das fernere Verhalten erfahren. 

c) In früheren Jahren glaube ich auch den laarzenähnlichen Epi- 
thelialkrebs nach der Schilderung, die Schuh davon entwirft, beobachtet 
zu haben, und zwar am obern Lide. Da ich indessen weder eine Ope- 
ration noch eine genauere Untersuchung vornahm, so will ich für 
dieses Vorkommen nicht einstehen. Nach Schuh erscheint derselbe in 
Form von einfachen warzenähnlichen Kolben, welche Epithelialzellen als 
Belegmasse und eingeschlossen enthalten, und kommt vorzüglich in der 
Haut des Gesichtes, seltener in andern Gegenden vor. Schuh beob- 
achtete diese Affection an der Ober- und an der Unterlippe, am Nasen- 
flügel und an der Wange, in 4 Fällen nach Verletzungen, im 5. ohne 
äussere Veranlassung. Das rasche Wachsen bestimmte ihn bei Zeiten 
zur Operation. 

m. Motilitätsstörungen. 

1. Ich wurde mehrmals wegen unwillkürlichen Zitterns der Augen- 
lider um Rath gefragt. Bei genauerer Nachforschung erfuhr ich, dass 
dasselbe vorzüglich nach angestrengtem Sehen bemerkt worden war; 
doch trat es, einmal entstanden, auch ausser der Zeit der Beschäftigung 



Paralystische x4ffectionen. 361 

ein, nicht continuirlich, nur weilenweise. Wo ich einen solchen Anfall 
zu beobachten Gelegenheit hatte, konnte ich leichte vibrirende Be- 
wegungen oder Zuckungen bemerken, doch nur an den untern Lidern, 
einer- oder beiderseits. Das häutige Vorkommen dieses Zustandes an 
Augen mit ungenügender Accommodationskraft und nach übermässig* 
langer Anstrengung der Sehkraft Hess den ursächlichen Zusammenhang 
hiemit nicht verkennen und bezeichnete mir dieses Übel als relative 
Insufßcienz- des Orbicularmuskels. Nur in einigen wenigen Fällen 
schien Verkältung, namentlich Zugluft die Veranlassung dazu gegeben 
zu haben. Übergang in förmliche Paresis oder Paralysis habe ich nie 
beobachtet. Das Übel schwindet bei einem den ursächlichen Momenten 
entsprechenden Verhalten und Heilverfahren. (Viel Bewegung im Freien, 
Waschen mit spirituös-aromatischen Flüssigkeiten, kalte Douche — 
trockne Wärme, aromat. Kräuterkissen.) 

2. Ein gewisser Grad von Insufßcienz des Schliessmuskels wird 
nicht selten bei alten Leuten bemerkt, welche früher fettreich waren, 
mehr flach liegende Augen hatten, und nun starke Faltung und Runze- 
lung der Lidhaut darbieten. Der Arzt wird entweder wegen Thränen- 
träufeln oder wegen Zufällen chronischen Bindehautkatarrhes oder 
endlich wegen Auswärtsstülpung des Lidrandes, selbst des ganzen untern 
Lides consultirt. Diess ist nämlich die Reihenfolge der Zufälle, welche 
daraus entstehen, dass die Fasern des Muse, Albini nicht mehr im 
Stande sind, beim gewöhnlichen Lidschlage das untere Lid gehörig an 
den Bulbus anzudrücken. Spirituös-aromatische Einreibungen in die 
Cutis, mit Kampher bestrichene Kräuterkissen, Waschungen mit Sohlt. 
Lapid. divini oder Collyr. adstr. luteum wie bei chronischem Katarrh, 
und ähnliche Mittel können bloss zu Anfang nützen; wo bereits Ektro- 
piuni besteht, vermag nur die Tarsoraphie nach Walther abzuhelfen; 
weniger zu empfehlen ist hier das Ausschneiden eines keilförmigen 
Stückes aus dem relativ zu langen Lide nach Adams. 

3. Die von mangelhafter Innervation abhängige Lähmung des 
Schliessmuskels gibt sich in den geringsten Graden bloss durch Thränen- 
träufeln, in mittlem Graden überdiess durch insufficiente Wirkung beim 
Versuche, das Auge fest zu schliessen, in den höchsten Graden durch 
beständiges Offenstehen der Lidspalte (Mangel des Lidschlages) und 
Abstehen oder vielmehr Nicht-anschliessen des untern Lides an den 
Bulbus kund; später kann auch Umstülpung dieses Lides dazu treten. 
Je nach der Stelle, wo der Nerv, facialis ergriffen ist, beschränkt sich 
die Lähmung bloss auf den Schliessmuskel (selten), auf mehrere oder 
auf alle von diesem Nerven versehene Muskeln, erscheint der Stand der 



362 Augenlider. 

Augenbraue höher, der Mund nach der andern^ Seite verzogen, der 
Nasenflügel eingesunken u. s. w. — Von peripherischen Veranlassungen 
kennen wir nur: Verkältung, Verletzungen, Druck durch Geschwülste 
oder infiltrirte Drüsen (an der Parotis, zwischen Unterkiefer und 
Zitzenfortsatz), Knochenerkrankung im Verlaufe des Fallopischen 
Canales. Die centralen Ursachen sind die in der Schädelhöhle ge- 
legenen Veränderungen. — Die günstigste Prognosis gestatten die 
Fälle von Verkältung oder von Druck, der sich beseitigen lässt. — 
Eücksicktlich der Behandlung können wir füglich auf das bei der Läh- 
mung der Augenmuskeln Gesagte verweisen. 

4. Wenn der Aufhebe?* des ohern Lides insufßcient ist, weil dieses 
für ihn zu schwer geworden, so hat man den Zustand Vorfall des 
obern Lides, Ptosis palp. genannt, während man die von mangelhafter 
Innervation des Aufhebemuskels abhängigen Zustände als Atonie und 
als Lähmung desselben bezeichnet. — Um diese Zustände, welche beim 
ersten Anblicke bloss ein Herabhängen des Lides über den Bulbus dar- 
bieten, nicht zu verwechseln, untersuche man zunächst, ob nicht eine 
mechanische Ursache davon aufgefunden werden könne, in Vergrösserung 
des Lides (seiner einzelnen Gebilde) oder in abnormen Adhäsionen. 
Bei chronischen Bindehautentzündungen (Blennorrhoe, Trachom, um- 
schriebenen Bindehautwucherungen, z. B. um fremde Körper) wird das 
Lid in der Regel nicht zur normalen Höhe emporgehoben. Bei manchen 
Individuen kommt eine so starke Faltung der Haut des obern Lides 
vor, dass sich dieselbe förmlich über den Lidrand herablegt, und zwar 
nicht bloss nach entzündlichen Affectionen, sondern auch ohne bekannte 
Veranlassung oder als Vitium primae formationis. Dieser Übelstand 
lässt sich durch Ausschneiden einer entsprechenden Falte (nach der 
Pachtung der Muskelfasern) beseitigen. Bei der angeborenen Ptosis, 
die ich in hohem Grade nur auf einem, in massigem Grade auch auf 
beiden Augen beobachtet habe, kann durch Excision einer solchen 
Hautfalte nur Verbesserung des Lidstandes erreicht werden, wenn die 
Bewegungen des Lides ganz fehlen (Mangel des Levator?) oder nur 
in sehr beschränktem Masse gestattet sind. — Geringere Energie 
(Atonie) des Augenlidhebers beobachtet man nach langwierigen Augen- 
entzündungen mit anhaltender oder häufiger excessiver Action des 
Schliessmuskels und bei alten Leuten. Die Behandlung ist analog der 
bei Insuffizienz des Schliessmuskels angegebenen. — Lähmung des 
Augenlidhebers kommt meistens mit Lähmung der übrigen vom N. 
oculomotorius versehenen Muskeln, doch auch für sich allein vor. Sie 
kann rheumatischer Natur sein und lässt sich dann noch am leichtesten 



Spastische Affeetionen. 363 

heilen, kommt aber auch nach Verletzungen oder bei Druck auf den 
Levator in der Orbita vor. 

5. Spastische Contractionen des Schliessmuskels sind am häutigsten 
bedingt durch Reizung der sensitiven Zweige des Trigeminus , welche 
das Auge u?id die Lider versorgen. Sie kommen demnach in ver- 
schiedenem Grade und in verschiedener Dauer vor: bei Reizung durch 
fremde Körper, durch Entzündung, durch Pseudoplasmen oder Entozoen, 
sind immer von Lichtscheu und Thränenfluss, meistens auch von 
Schmerzen begleitet, und bieten, wenn nicht einen continuirlichen , so 
doch mehr einen re- als intermittirenden Typus dar. Hiedurch unter- 
scheiden sie sich zunächst von den Contractionen , welche die Anfälle 
von Neuralgien des Trigeminus begleiten, deren Sitz meistens der Ram. 
supraorbitalis oder infraorbitalis ist. Fälle von Neuralgia ciliaris, deren 
mehrere Autoren erwähnen, habe ich bisher noch keine beobachtet. 
Ohne Schmerzen und ohne Lichtscheu bestehen jene Contractionen, 
welche die Bedeutung der Chorea minor haben, und selten auf den 
Schliessmuskel allein beschränkt sind. Sie treten auch, was ich ge- 
sehen, nur auf einer Gesichtshälfte auf. Hievon verschieden ist eine 
eigenthümliche Art von Blepharospasmus, welche ich bisher bei vier 
Individuen beobachtet habe. Plötzlich und ohne alle Vor- oder Neben- 
erscheinungen werden die Augen auf einige Secunden, höchstens auf 
2 — 3 Minuten krampfhaft geschlossen, und der Betroffene ist um keinen 
Preis im Stande, sie zu öffnen, ausser mit den Fingern, ja bisweilen 
auch da nur mit Mühe und Anstrengung. Ist der Anfall vorüber, so 
fühlt der Kranke sich auch wieder völlig wohl. Nach häufiger und 
intensiver Wiederholung, wobei das Auge etwas mehr thränt, stellt sich 
ein hyperämischer Zustand der Bindehaut ein, und die Hautvenen der 
Lider erscheinen etwas erweitert. Sonst ist weder an den Lidern noch 
an den Bulbis irgend eine Abnormität wahrnehmbar, auch keine Sen- 
sibilitätsstörung nachweisbar, weder während, noch ausser der Zeit der 
Anfälle. Auf die Häufigkeit und Intensität der Anfälle scheinen auch 
äussere Einflüsse nicht bestimmend einzuwirken; sie kommen auf der 
Gasse — und der Kranke muss stehen bleiben, beim Essen, beim 
Lesen, beim Nichtsthun. Die Individuen waren alle zwischen 55 und 
72 Jahre alt, 3 Männer (1 Jude, 2 Beamten), 1 Frau (Jüdin), hager, 
gesund aussehend, ohne erhebliche Gesundheitsstörungen. 

Bei dem 1. Kranken, einem Handelsmanne von 65 Jahren, versuchte ich nach ein- 
ander Flores zinci, Yalerianas zinci, Magist. bismuthi, Cupr. ammoniacale, ohne Erfolg, 
bis ich endlich — nach Ad. Schmidt — in der Gegend des Zitzenfortsatzes ein Causti- 
cum anwandte, Pasta von Chlorzink. Die Anfälle blieben durch beinahe 3 /i Jahre ganz- 



364 Augenlider. 

lieh aus, kehrten allmälig "wieder, und wurden durch "Wiederholung desselben Mittels 
"bleibend — bis zu dem 5 Jahre später erfolgten Tode — beseitigt. Der eine von den 
beiden Beamten (aus Graz) consultirte mich auf seiner Durchreise nach Karlsbad; ich 
rieth ihm dasselbe Mittel, habe aber weiter nichts erfahren. Der Andere leitete sein Lei- 
den von anstrengenden Arbeiten bei grellem Licht und von Blendung durch Schnee- 
licht ab ; doch war die Sehkraft gut , und ein Netzhautleiden nicht nachzuweisen. Er 
war etwas empfindlich gegen das grelle Licht, trug aber, als ich ihn sah, bereits längere 
Zeit blaue Brillen. Merkwürdig war bei diesem Mann , dass er die Anfälle abkürzen, 
meistens im Entstehen ersticken konnte , wenn er anfing zu pfeifen ; auch das Violin- 
spielen hatte denselben Effect, nicht aber das blosse Anhören von Musik (was ich ver- 
suchsweise vornehmen Hess). Er war ohngefähr 6 Wochen nach Entstehung des "Übels 
nach "Wien gegangen und dort durch 3 Wochen mit Belladonnasalben, Valeriana, Tinct. 
castorei und einigen andern Mitteln behandelt worden, ohne Besserung, und kam im G. 
Monate der Krankheitsdauer nach Prag, wo auch wir mehrere Mittel (Veratrinsalbe, Flor, 
zinci, Con. maculatum) ohne Erfolg anwandten. Zur energischen Anwendung obiger 
Ätzpasta konnte er sich nicht entschliessen , da sein Zustand schon durch das blosse 
Auflegen der Cantharidenpflästerchen , wie er angab , bedeutend verschlimmert worden 
sei. — Der Frau ordinirte ich Ferrum carbon. sacchar. mit Extr. conii macul. ; dass nach 
8 Wochen Besserung eingetreten war, berichtete mir ihr Mann; ob Heilung erfolgte, ist 
mir unbekannt geblieben. 

Einen eigenthümlichen Fall von Blepharospasmus bei einem jungen Manne, dem 
ein Apfel an das linke Auge geworfen worden war, hat A. von Gräfe im Archiv 
f. 0. B. I. Abth. 1. S. 440 beschrieben. Ein Theil des Apfelstieles war in den Binde- 
hautsack eingedrungen gewesen und daselbst '/« Stunde geblieben. Unmittelbar darauf 
war an der betroffenen Seite permanenter Lidkrampf aufgetreten, welcher nur für 
eine kurze Periode eine Unterbrechung erlitten hatte. In jener Periode, wo er allein 
fähig gewesen war, die Lider zu öffnen, versichert er zwar alle Gegenstände mit 
diesem Auge erkannt, aber dabei eine durch das ganze Gesichtsfeld verbreitete rothe 
Färbung wahrgenommen zu haben. Als ihn Gräfe einige Monate nach Entste- 
hung des Übels sah , waren die Lider des linken Auges fest geschlossen ; das rechte 
Auge, für gewöhnlich frei von spastischen Anfällen, zeigte nur während des Heftig- 
werdens der Contractionen an dem linken einiges Zucken an den Lidrändern. Suchte 
man die Lider des linken Auges zu öffnen, so äusserte Pat. den lebhaftesten Schmerz, 
lind fing unwillkürlich an, nicht bloss die Gesichtszüge stark zu verzerren, sondern auch 
die Extremitäten convulsivisch zu bewegen. Dagegen konnten die Lider in einer der 
Lidspalte zuführenden Richtung (der Wirkung des Orbicularis conform) dislocirt und 
an einander geschoben werden, ohne dass Pat. dadurch im mindesten belästigt wurde, 
wie auch die einfache Berührung der Hautpartien keineswegs von Hyperästhesie der- 
selben zeugte. Während der Chloroformbetäubung hörte der Krampf vollkommen auf, 
und Hessen sich die Lider leicht öffnen. Der Bulbus erschien gesund, die Pupille nor- 
mal gross und beweglich, nirgends war eine Spur eines fremden Körpers oder einer 
Texturveränderung wahrzunehmen. Kurz nach dem Zurückkehren des Bewusstseins 
stellte sich der Krampf ganz unverändert wieder ein. Nach Anwendung verschiedener 
äusserer und innerer Mittel trat statt Besserung Verschlimmerung des Zustandes ein, in- 
dem namentlich auch allgemeine Convulsionen nicht nur auf Versuche, die Lider ausein- 
ander zu ziehen, sondern auch von selbst anfallsweise sich einstellten. Anfangs wollte 
Gr. die subcutane Durchschneidung der zum Orbicularis gehenden Facialäste vornehmeu, 



Entropium. 365 

entschloss sieh jedoch, nach einer Consultation mit Romberg, zur subcutanen Durchschnei- 
dung des Superorbitalnerven, indem das Übel als ein von pathologischer Erregung der 
Gefühlsnerven ausgehender Reflexkrampf aufgefasst wurde. Der Erfolg entsprach der 
Erwartung vollständig und bleibend. Gräfe erklärt sich nach Erwägung aller hier denk- 
baren Deutungen für die, dass durch Trennung des Superorbitalnerven und Aufhebung 
der von diesem abhängigen Empfindlichkeit der Muskelfasern, welche durch jede Deh- 
nung des Muskels gesteigert wurde, die Hyperästhesie des M. orbicularis und somit auch 
die bievon abhämrie-en Reflexwirkunaren behoben wurden. 



IV. Fehlerhafte Lage, Verwachsung', Trennung, Zerstörung. 

1. Entropium, die Uinstülpung des Lidrandes nach innen, so dass 
die Cutis den Bulbus berührt, kommt häutiger an dem untern als an 
dem obern Lide vor. Sie ist nicht zu verwechseln mit der blossen 
Eiuwärtswendung der Cilien, welche entweder bloss auf abnormem 
Hervorsprossen der Cilien beruht {Distichiasis) , wobei die Lage des 
Lidrandes ganz normal sein kann, oder auf Verlust (Abschliff) der 
innern Kante (Trzck/asü) , welche allerdings bei weiterer Entwicklung 
des Übels zur Einstülpung des Lidrandes selbst führen kann. Auf die 
Zufälle und üblen Folgen der Einwärtswendung des Lidrandes haben 
wir bereits im I. Bande S. 128 aufmerksam gemacht. 

Das wichtigste Moment zur Einwärtsstülpung der Lider bildet 
lange anhaltende oder häufig wiederholte, excessive Contraction des 
Schliessmuskels, in specie der innern Portion (Muse. Albini). Für sich 
allein jedoch scheint dieses Moment, das bei jeder Art von Entropium 
eiüe wohl zu berücksichtigende Rolle spielt, Entropium nicht bewirken 
zu können. Die mitwirkenden Momente sind: Verschrumpfung der 
Bindehaut und des Tarsus mit AbrunduDg der innern Kante, Verenge- 
rung der Lidspalte vom äussern Winkel her (Blepharophimosis), öde- 
matöse Schwellung der Cutis, oder endlich Zurücksinken des früher 
flach gelegenen Bulbus, wobei das Lid relativ zu lang ist und die Cutis 
stark gerunzelt erscheint. 

Von der Einwärtswendung des Lidrandes, welche in Folge von 
Verschrumpfung der Bindehaut und des Tarsus mit Verlust der innern 
Lidkante, also nur als höherer Grad von Trichiasis auftritt, und welche 
man Entr. organicum genannt hat, war bereits im I. Bande S. 128 die 
Eede, und wurde eben daselbst S. 144 — 147 das dagegen anzuwendende 
Heilverfahren angegeben. 

Ebenso wurde dort S. 129 der Blepharophimosis und S. 143 der 
dagegen anzuwendenden Operation gedacht. 



366 Augenlider. 

Blepharospasmus allein scheint nur dann Entropium bewirken zu 
können, wenn er durch Behinderung des Blutrückflusses starke ödema- 
töse Schwellung der Cutis bewirkt hat, und auch diese Fälle sind — 
nach meinen Beobachtungen — äusserst selten, und betreffen nur das 
untere Lid. Man hat diese Form Entr. spasticum genannt. Sollten die 
gegen den Blepharospasmus empfohlenen Mittel bei fleissiger Reposi- 
tion des Lides nicht ausreichen, so wäre wohl die von Hetdenreick 
empfohlene subcutane Durchschneidung des Schliessmuskels gerecht- 
fertigt, welche nach Einschiebung einer Hornplatte keine Schwierigkei- 
ten macht, auf die über dem Tarsus gelegenen Fasern zu beschränken 
ist, und der Sicherheit wegen an zwei Stellen (gegen die Enden des 
Knorpels hin) vorgenommen wird. 

Die Ursache des sogenannten Entr. senile hat man wohl vorzüglich 
desshalb in Erschlaffung der Haut gesucht, weil die Ausschneidung einer 
Hautfalte genügt, dasselbe zu beseitigen. Das Missverhältniss zwischen 
Cutis und Bindehaut, wie man sich ausgedrückt hat, ist nur ein coexi- 
stirendes Moment. Es kommt dieses Entropium immer nur an dem 
untern Lide vor, wo man, wenn die Ursache in der Haut läge, eher 
ein Herabsinken des Lides und Auswärtsstülpung erwarten sollte. Man 
sieht es, wo die oben bezeichneten Momente vorhanden sind, also mei- 
stens nur bei alten Leuten, nicht selten entstehen, wenn solche Indivi- 
duen durch Einfallen eines fremden Körpers, nach einer am Bulbus vor- 
genommenen Operation, durch eine anderweitig entstandene Entzündung 
oder Reizung zu öfterem oder vehementerem Lidschlusse veranlasst 
wurden. Allerdings kommen auch Leute vor, die von einer solchen 
Veranlassung nichts wissen. Nach längerem Verbinden des Auges fin- 
det man eine solche Einwärtsstülpung mitunter auch bei jüngeren Indi- 
viduen, wenn auch nicht gerade Blepharospasmus vorhanden war. — 
Oft genügt die Beseitigung der Veranlassung, das Entfernen eines Staub- 
kornes, einer am äussern Winkel eingebogenen Cilie u. dgl., und das 
nachträglich eine Zeit lang fleissig vorgenommene Reponiren des fehler- 
haft gestellten Lides. Oder man fixire eine Falte der dünnen über- 
schüssigen Haut durch Collodium oder ein Englischpflaster. Bei inve- 
terirten Fällen hilft nur ein operativer Eingriff radical. — a) Will man 
nach dem Vorgange von Callisen, Helling u. A. ein lang- elliptisches 
Hautstück durch Bestreichen mit Nordhäuser Schwefelsäure zerstören, 
so lasse man einen Gehilfen dafür sorgen (mittelst Anhalten von Lösch- 
papier), dass keine Thränen auf die betreffende Stelle fliessen, und 
fahre mit dem getränkten Asbestpinsel oder Besenrüthchen 2 — 3 mal 
über die Haut, parallel dem Lidrande und so, dass der obere Rand des 



Entropium. 367 

zu verscliorfenden (2 — o'" breiten) Streifens höchstens 2'", aber auch 
nicht weniger als V" von der Cilienreihe entfernt sei. Nur messer- 
scheue Individuen dürften dieses Verfahren dem Ausschneiden der Haut- 
falte vorziehen. — b) Zum Fassen eines 3— 5 y " breiten und 10 — 14'" 
langen Hautstreifens haben Hlmli/, Beer, Langenbeck u. A. die soge- 
nannten Entropiumzangen angegeben. Jiingken hat gezeigt, dass diese 
Instrumente entbehrlich sind. Man fasst je nach der Erschlaffung der 
Haut und dem Grade der Einwärtswendung des Lidrandes eine mehr 
weniger breite Hautfalte mit Daumen und Zeigefinger jener Hand, mit 
der man später die Scheere (eine gerade) führen will, überzeugt sich 
durch Rollen zwischen den Fingern, dass man keine Muskelfasern mit- 
gefasst habe, legt dann an der Nasenseite der Finger eine Pincette an, 
die man dem hinter dem Kranken stehenden Gehilfen übergibt, an der 
Schläfenseite eine zweite, die man mit der andern Hand hält, ergreift 
nun mit der früher zur Faltenbildung verwendeten Hand die Scheere 
und excidirt die jetzt durch die Pincetten gespannte Hautfalte in einem 
Zuge, die Scheere beim Schneiden etwas nachschiebend. Die Pincetten 
müssen so angelegt und die Scheere muss so geführt werden, dass der 
obere Wimdrand zum Lidrande nahezu parallel und von demselben 
weder über 1 ut noch unter \'" entfernt verläuft. Die Wunde wird dann 
durch 4—5 blutige Hefte vereinigt. Kommt die Narbe weiter als 2'" 
vom Lidrande zu liegen, so nützt die Excision gewöhnlich nichts, wegen 
der grossen Dehnbarkeit der Cutis. Damit man kein zu breites Stück 
excidire, überzeuge man sich vor Anlegung der Scheere, ob der Kranke 
das Auge noch zu schliessen vermöge. — c) Statt dieser Methode habe 
ich in neuester Zeit das von Bau *) empfohlene 6rö///onfsche Verfahren, 
etwas modificirt, angewendet, und zwar mit dem besten Erfolge. Man 
fasst eine Hautfalte mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand, mit- 
ten unter dem Lidrande, sticht an der Nasenseite der Finger eine leicht 
gekrümmte Nadel mit einem Faden von unten nach oben (an der Basis 
der Falte), und 1 — 2'" davon entfernt wieder von oben nach unten, 
nimmt dann dasselbe Manöver mit einer zweiten Nadel an der Schlä- 
fenseite der Finger vor, und knüpft nun die Enden des 1. und 2. Fa- 
dens, je für sich, fest zusammen, wodurch die Falte an 2 Stellen (4 — 6"' 
von einander entfernt) fixirt und abgeschnürt erscheint. Nach 48 — 60 
Stunden werden die Ligaturen entfernt. Die Fäden dürfen nicht zu 
dünn sein und nicht zu knapp abgeschnitten werden, damit sie nicht 
zu bald durchschneiden und damit ihre Entfernung nicht durch das An- 

*) Grä/e's Archiv für Ophth. Bd. I. Abth. II. S. 176. 



368 Augenlider. 

schwellen der Cutis zu sehr erschwert werde. Nach einigen Tagen ver- 
liert sich die Schwellung und allmälig auch die Faltung der Cutis, und 
die Heilung ist erreicht. 

2. Die Umstülpung des Lides nach aussen, Ectropium, findet entwe- 
der längs des ganzen Lidrandes statt oder vorzugsweise an einem Win- 
kel, gegen den andern hin sich allmälig verlierend. Diess kann sowohl 
an dem obern als an dem untern der Fall sein. Dieser Zustand ist 
jederzeit entstellend und durch beständige Reizung lästig; in gewissen 
Fällen schliesst er auch die Unmöglichkeit in sich, den Bulbus zu be- 
decken (Lagophthalmus). — Bei jedem Ectropium, es mag wodurch im- 
mer bedingt sein, sind 3 Momente ins Auge zu fassen: 1. dass die Bin- 
dehaut der Lider, nicht für den Contact mit der Luft geschaffen, wenn 
auch Anfangs gesund, allmälig dieselben Veränderungen erleidet, wie 
die Schleimbaut der Vagina, des Uterus, des Rectums bei Vorfall dieser 
Organe aus ihren Höhlen, 2. dass der Knorpel (oft auch die äussere 
Commissur), sei es durch diesen Vorgang in der Bindehaut, sei es durch 
Zerrung, verlängert wird, wenigstens am Lidrande, was man durch ver- 
gleichende Messung des andern Lides constatiren kann, und 3. dass die 
innere Portion des Schliessmuskels (M. Albini), welche bei jedem voll- 
ständigen Ectropium den Lidrand mit jedem Augenlidschlage an die 
Cutis andrückt, somit am Bulbus abwärts (rückwärts) anstatt aufwärts 
(vorwärts) streift, in permanente Contraction, endlich wohl auch in Con- 
tractur und Verkürzung geräth. Wenn gleich der Entwurf des Heilplanes 
vorzüglich durch Berücksichtigung der sogenannten entfernteren Ursache 
bestimmt wird, so muss doch jedem dieser Momente dabei Rechnung 
getragen werden, um so mehr, je stärker dasselbe ausgesprochen ist. 

a) Die günstigste Prognose gestattet das Ectropium als Folge chro- 
nischer oder chronisch gewordener Bindehautblennorrhöe , gewöhnlich 
als Ectr. sarcomatosum beschrieben. Es kommt häutiger an dem untern 
als an dem obern Lide, selten an beiden zugleich vor. — Bei frisch 
entstandenen Fällen (nach Weinen, ungeschicktem Abziehen der Lider 
vom Bulbus u. dgl.) genügt oft die einfache Reposition, indem man 
das Lid an den Cilien oder an der Cutis nächst denselben fasst, und 
den Kranken nach der entsprechenden Richtung blicken lässt, nöthigen- 
falls noch den kleinen Finger der andern Hand bejiufs der Rückdrän- 
gung auf die Mitte des convexen Lidrandes aufsetzt. — Auch bei län- 
ger dauernden und allmälig entstandenen Ectropien dieser Art genügt 
bisweilen die Reposition, doch geschieht es hier leicht, dass nach eini- 
gen Augenlidschlägen die Umstülpung wieder da ist. Dann lasse man 
nach vorgenommener Reposition beide Augen geschlossen halten, be- 



Ectropium. 369 

decke das Auge noch vor Entfernung; des Fingers mit Charpie, bis zur 
völligen Ausfüllung der Augengrube und führe, um einen permanenten 
Druck zu erhalten, eine Binde um den Kopf. Sollte sich zeigen, dass 
trotzdem das Lid sich unter dem Verbände wieder umstülpte, so ver- 
klebe man vor Anlegung desselben nicht nur das kranke, sondern auch 
das gesunde Auge mit Englischpflaster. Wo starke Wucherung der 
Bindehaut nicht nur im Tarsal- sondern auch im Übergangstheile be- 
steht, kann man die Reposition leichter bewerkstelligen und erhalten, 
wenn man vorher zahlreiche seichte Einschnitte macht, stark wuchernde 
Papillen mit einer flach gebogenen Scheere abträgt, und das Ganze 
recht ausbluten lässt. Mit Excisionen aus dem Übergangstheile sei man 
vorsichtig, weil Substanzverluste der unter der Bindehaut liegenden 
Fascie später leicht zu Entropium führen können. Dasselbe gilt auch 
von der intensiven Atzung mit Lapis infernalis, welche überhaupt so 
lange, als Verbinden des Auges noth thut, nicht wohl anwendbar ist 
(wegen der Schorf bildung). Diese oder auch andere Mittel anwenden 
und dabei die Bindehaut nicht vor dem Contact mit der Luft bewahren, 
beisst ohngefähr so viel, als ein aus seiner Höhle vorgefallenes Organ 
auf solche Weise zum Zurückweichen bestimmen wollen. — Wo Repo- 
sition und Druckverband, unterstützt durch Touchiren mit Cuprum sul- 
fur. in der Zwischenzeit, nicht genügen, weil der Knorpel wegen langen 
Bestandes bleibend verlängert ist, wo wenigstens eine Recidive zu be- 
sorgen steht oder eintritt, weil trotz längerer Behandlung in der eben 
angegebenen Weise das Lid sich nicht gehörig an den Bulbus anlegte, 
bleibt nichts übrig, als die Excision eines keilförmigen Stückes nach 
Adams oder, falls Ausdehnung der äussern Commissur überwiegend 
Schuld wäre, die Tarsoraphie nach PL von Walter zu machen. Wie 
breit der excidirende Keil am Lidrande sein soll, ergibt sich, wenn man 
die Länge des betreffenden Lidrandes vom Thränenpunkte bis zur äus- 
sern Commissur mit einem längs der Cilien angelegten Faden misst, 
und mit dem andern Lide vergleicht. Dann fasst man mit einer Pin- 
cette oder Kornzange, einen Arm an die Cutis, den andern an die Bin- 
dehaut gelegt, das Lid unweit der äussern Commissur, führt mit einem 
bauchigen Messer zwei Schnitte vom Lidrande gegen die Wange, deren 
Anfänge so weit von einander abstehen, als das Lid zu lang ist, deren 
Enden etwa 5—6'" vom Lidrande entfernt in der Cutis zusammenstos- 
sen, fasst hierauf eine gerade Scheere, und schneidet mit dieser, einen 
Arm in die Hautwunde, den andern an die Bindehaut angelegt, diese 
und die zwischenliegenden Gebilde auf der einen wie auf der andern 
Seite der Kornzange durch. Das ausgeschnittene Stück bildet gewisser- 

Arlt Augenheilkunde. III. 24 



370 Augenlider. 

massen ein Tetraeder. Um die Entstehung eines Coloboms zu verhü- 
ten, excidire man kein zu breites Stück (am Lidrande), verrichte den 
Schnitt durch die Haut lieber mit dem Messer, obwohl er gleich auch 
mit der Scheere gemacht werden könnte, lege stets die umschlungene 
Naht an, und führe die oberste Nadel knapp an den Cilien nicht etwa 
bloss durch die Cutis, sondern knapp vor dem Knorpel, nicht durch 
diesen selbst. Es eignet sich übrigens dieses Verfahren auch für manche 
Fälle von Ectropium wegen Verkürzung der Cutis oder der Augenlid- 
binde, so wie für Fälle, wo ein Krebs oder eine Teleangiektasie von 
geringem Umfange, aber bis auf den Knorpel oder die Conjunct. ein- 
greifend, excidirt werden soll. — Die Tarsoraphie nach Walther ist ge- 
wissermassen nur eine Übertragung des Adams'schen Verfahrens auf 
die äussere Commissur. Die mit dem Messer zu führenden Schnitte 
haben den Zweck, sowohl vom obern als vom untern Lide nächst des 
äussern Knorpelendes einen Streifen, etwa 1'" lang, \ Ui breit, abzutra- 
gen und convergiren gegen die Schläfe hin; die auf diese Weise wund 
gemachten Lidränder, an denen keine Haarzwiebeln sitzen geblieben 
sein dürfen, werden durch die umschlungene Naht vereinigt, um das 
früher umgestülpt gewesene Lid an das andere zu heften, dadurch zu 
spannen und an den Bulbus zu ziehen. Bei beiden Methoden dürfte 
die Durchschneidung des M. orbicularis einen wesentlichen Antheil an 
der Heilung haben. 

b) An die eben besprochene Form reiht sich das Ectropium von 
insufficienter oder fehlender Muskelaction, ectrop. senile et paralyticum, 
von welchem bereits oben die Rede war. Es kommt nur am untern 
Lide vor. Bei der einen wie bei der andern Art ist das Verfahren nach 
Walther oder auch nach Adams anzuwenden, sobald keine Aussicht 
mehr vorhanden ist, das Grundleiden zu beheben, oder wenn das Ectro- 
pium trotzdem fortbesteht. 

c) Das durch Zerstörung der äussern Commissur eingeleitete Ectr. 
palp. inferioris wird, falls nicht mit zu bedeutendem Hautverluste ver- 
bunden, einfach durch die Tarsoraphie beseitigt werden können, wenn 
man die beiden Schnitte durch die Haut so lang und allenfalls geschweift 
führt, als es die Excision einer Narbe oder eines Krebsinfiltrates er- 
heischt, und nöthigenfalls die Wundränder unterminirt, um sie zur Ver- 
einigung nachgiebig zu machen. 

d) Die grössten Schwierigkeiten setzen der Heilung die durch Ver- 
kürzung der Lidhaut bedingten Ectropien entgegen. (Diese Bezeichnung 
ist nicht genau; ich behalte sie bei, weil sie bequem und durch langen 
Usus eingebürgert ist.) Bei der ungewöhnlichen Verschieb- und Dehn- 



Ectropium — Operation. 371 

barkeit der Augenlidhaut können Streifen von 3— 4" ; Breite (von oben 
nach unten) verloren gehen, durch Verbrühung, Atzung, Verletzungen 
u. dgl., ohne dass Ectropium entsteht. Es pflegen aber viel kleinere 
Substanzverluste der Haut Ectropium zu erzeugen, wenn die Verletzung, 
Eiterung und Narbenbildung tiefer, bis auf die Fascia tarso-orbitalis 
eingegriffen hat, wenn diese verkürzt, und somit der convexe Rand des 
Knorpels gegen den Orbitalrand hingezogen ist. Darum führt Caries 
am Orbitalrande in der Gegend der Thränendrüse oder am Jochbeine, 
was von Amnion*) zuerst mit klaren Worten auseinander gesetzt hat, 
so leicht zu einer der schlimmsten Formen von Ectropium, wenn auch 
gerade nicht viel Cutis verloren ging. Man muss demnach unterschei- 
den, ob bloss die Cutis, oder zugleich auch die Augenlidbinde verkürzt 
ist, in welchem Falle die Cutis an einer Stelle an den Orbitalrand fixirt 
erscheint. — Ectropien von blossem Hautverluste können sich allmälig 
von selbst verlieren, wie ich nach ziemlich ausgebreiteten Substanzver- 
lusten in Folge von Thränensackentzündung einige Male beobachtet habe. 
Ob die von Richter, Beer u. A. empfohlenen Einreibungen der verkürz- 
ten Haut mit Ol, so wie das Streichen und Dehnen derselben von di- 
rectem Nutzen seien, ist noch nicht entschieden; jedenfalls sind sie gut, 
den Kranken zu beschäftigen, bis die letzten Nachklänge der Entzün- 
dung vorüber sind, da operative Eingriffe vor vollkommen beendetem 
Yernarbungsprocesse leicht zu Eiterung, Ausreissen der Hefte, Absterben 
von Hautzipfeln u. dgl. führen. — Ectropien mit Verkürzung der Augen- 
lidbinde und Fixirung einer Hautpartie an den Orbitalknochenrand sind 
immer schwieriger zu heben, nicht sowohl desshalb, weil die genannte 
Fascie und die Cutis in hinreichendem Umfange getrennt werden müs- 
sen, um den Knorpel mobil zu machen, sondern vielmehr desshalb, 
weil nachträglich der Knorpel leicht wieder gegen den Knochen hinge- 
zogen wird. — Die Verhältnisse gestalten sich hier nach Sitz und Um- 
fang der Zerstörung und Verwachsung so mannigfaltig, dass wir es 
nicht wagen, in Detailschilderungen einzugehen. Wer mit den Grund- 
sätzen der Chirurgie überhaupt und den plastischen insbesondere ver- 
traut ist, für den dürfte eine Übersicht der vorzüglichsten bisher ver- 
suchten Methoden genügen, um in jedem speciellen Falle eine derselben 
unverändert, oder den Umständen gemäss mo(Jificirt, anzuwenden. 

Der Kürze und leichtern Verständlichkeit wegen wollen wir den Vorgang bei Ectr. 
des untern Lides schildern; es wird nicht schwer sein, bei Ectr. des obern Lides die 
nöthigen Änderungen zu treffen. Die hier zu besprechenden Methoden datiren aus den 

*) Zeitschrift für Ophthalmologie, Bd. I. S. 30—51. (1830.) 

24* 



372 Augenlider. 

letzten 25 Jahren, indem alle frühern Heilversuche, auf die Erzielung breiter Narben be- 
rechnet, als illusorisch mit Recht verlassen worden sind. 

1. Verfahren nach Sanson. Man führt mit einem bauchigen Scalpell zwei Schnitte 
senkrecht durch die Cutis und die Fasern des Schliessmuskels. Der eine beginnt unter- 
halb der äussern Commissur; beide vereinigen sich, V-förmig convergirend, etwa Z U — 1" 
unter der Mitte des Lidrandes. Der Lappen wird an der Spitze mit einer Pincette ge- 
fasst, und bis gegen den Tarsus hin lospräparirt. Könnte jetzt das Lid noch nicht 
leicht und vollständig reponirt werden, wegen Verkürzung der Augenlidbinde oder wegen 
zu starker Bindehautwucherung, so müsste erstere knapp am Orbitalrande eingeschnitten, 
aus letzterer eine Partie excidirt werden. Durch die Reposition wird der V-förmige 
aus Cutis und Muskelfasern bestehende Lappen hinaufgezogen; ihn in dieser Lage zu 
fixiren, vereinigt man die Wunde unterhalb der Spitze desselben durch die umschlungene 
Naht (2 Nadeln), die Seitenränder durch Knopf- oder fortlaufende (Kürschner-) Nähte. 
Ist der Tarsus beträchtlich verlängert, und lässt sich wegen langer Dauer dieses Zustan- 
des nicht auf baldige Rückbildung dieser Verlängerung rechnen, so beginne man den 
Schnitt an der Schläfenseite nicht unterhalb der Commissur, sondern vom Lidrande selbst, 
und excidire ein Stück aus dem Lide, wie bei Adams' Verfahren, um das Lid durch 
Verkürzung in transversaler Richtung gespannt zu erhalten. 

2. Methode von Chelius. *) Mit einem nahe am Lidrande und längs desselben ge- 
führten Schnitte trennt man die Haut, und unterminirt diese von hier aus gegen den 
Orbitalrand hin, bis der Tarsus frei emporgezogen und in die gehörige Lage gebracht 
werden kann. Durch einige senkrechte Schnitte wird die innere Portion des Schliessmus- 
kels nachgiebig gemacht; sollte Wucherung der Bindehaut die Resorption erschweren, so 
werden longitudinale Stücke excidirt; zuletzt wird noch die äussere Commissur einige 
Linien weit in horizontaler Richtung eingeschnitten. Um nun das Lid in der natür- 
lichen Lage zu erhalten, soll man zwei Fadenschlingen durch den am Lidrande sitzenden 
Hautstreifen ziehen und mittelst Heftpflastern an der Stirne befestigen, und die blossge- 
legte Stelle des Lides mit Charpie bedecken. Nach Chelius nützt dieses Verfahren haupt- 
sächlich desshalb, weil die Lidhaut mit andern Stellen des unterliegenden Zellgewebes 
in Berührung gebracht und durch die Vernarbung der Wunde im äussern Winkel das 
Lid transversal gespannt werde. Er bemerkt, dass die durch dieses Verfahren erzielten 
Resultate selbst in Fällen höchst bedeutender Hautverkürzung über alle Erwartung glück- 
lich waren. Eine zweckmässig erscheinende Modification hat Buete**) angegeben, indem 
er, statt die äussere Commissur einfach zu spalten, empfiehlt, ohngefähr wie bei der 
Tarsoraphie, vom äussern Ende des Schnittes an bis etwa 2 — 3 Linien in den Tarsal- 
rand des obern und untern Lides ein Stückchen mit der Scheere abzutragen, wodurch 
das Lid schon eine bessere Stellung erhält. Die Fadeuschiingen, die auch Ruete trotz- 
dem noch anwendet, werden nach 3 — 4 Tagen entfernt. 

3. Fr. Jäger's Verfahren. ***) Mit einem convexen Scalpell wird ein Schnitt, parallel 
dem Lidrande und 2 — 3'" davon enlfernt, von der Cutis aus durch das ganze Lid, nöti- 
genfalls auf einer untergeschobenen Hornplatte, geführt, so dass gleichsam eine zweite 
Lidspalte entsteht. Von der dem Orbitalrande zugewendeten Wundlcfze aus dringt man 

*) Handbuch der Augenheilkunde, 1838. S. 157, und Fischer, dissertatio de ectropio, Heidelberg 1830. 
«*) Lehrbuch der Ophthalm. 2. Auflage. Bd. II. S. 58. 
***) J. G. Dreyer, nova blcpharoplastices methodus, Vindob. 1S31. 



Ectropium — Blepharoplastik. 373 

nun mit einem Messer unter die an den Knochen fixirte Haut und löst die Adhäsionen, 
wo und so weit solche bestehen, bis die Haut nachgiebig erscheint. Dann excidirt man 
aus der Brücke, welche der Lidrand bildet, ein Stück, so lang als die Differenz gegen 
die Länge des andern Lides beträgt, wodurch die zwischen der natürlichen und künst- 
lichen Lidspalte bestandene Brücke in eine äussere und innere Portion zerfällt wird. 
Beide werden nun aufs Sorgfältigste durch die umschlungene Naht vereinigt, somit die 
Brücke wieder hergestellt, aber nicht mehr schlaff, sondern über den Bulbus gespannt. 
Durch Vereinigung der horizontalen "Wunde mittelst Knopfnähten wird die nachgiebig 
gemachte Haut Tom Orbitalrande gegen die Brücke hergezogen. — Dieses Verfahren 
schliesst grosse Gefahren in sich, ein Coloboma palpebrae zu erhalten, daher bei der Ex- 
cision des Stückes aus der Brücke und bei der Wiedervereinigung wohl die grösste Vor- 
sicht nöthig ist. — Die Ablösung der Haut vom Knochen ist übrigens nicht immer mög- 
lich, wie von Amnion in dem oben citirten Aufsatze bereits bemerkt hat. Es bleibt 
dann nichts übrig, als die in die Knochennarbe hineingezogene Hautpartie mit zwei 
Schnitten zu umfassen, welche gegen die Peripherie der Orbita hin convergiren, diese 
Partie abzutragen oder doch wund zu machen, und die angrenzende Haut nach gehöriger 
Unterminirung über dieser Partie zusammen zu heften. 

4. Nach Fricke*) werden stärkere Narben mit zwei Schnitten umgangen, schmale 
und feine Narben mit leichten Messerzügen durchschnitten. Der Schnitt muss parallel 
mit dem Tarsus über das ganze Augenlid geführt werden, und man muss sich mit dem- 
selben möglichst fern vom Lidrande halten, um Haut zur Anheftung des einzupflanzenden. 
Stückes zu ersparen. Die Ränder der durchschnittenen Haut werden von einem Gehilfen 
sorgfältig von einander gezogen, und man trennt das Zellgewebe und den Orbicularmuskei 
bis zur Conjunctiva selbst, ohne diese zu verletzen. (Ich habe in einem Falle auch die 
Bindehaut durchschnitten, wie bei Jäger's Methode, ohne Nachtheil.) — Die "Wunde wird 
nun genau gemessen, und ihre Dimensionen auf jenen Theil der Stirnhaut, der sich etwas 
nach aussen, zwei Linien oberhalb des Orbitalrandes befindet, übertragen, und die Haut 
mit genau in einander fallenden Schnitten bis zum Muskel getrennt. Das einzupflanzende 
Stück muss mit Berücksichtigung der nachträglichen Schrumpfung der Haut eine Linie 
länger und ebensoviel breiter sein. Der Hautlappen wird nun losgelöst und der nach 
aussen geführte Schnitt in dem Grade weiter nach unten und aussen geführt, dass beim 
Einpassen des Lappens in die Lidwunde keine Zerrung oder Faltung der Haut statt- 
findet. Die zwischen dem innern Schnitte, welcher den Lappen bildet, und dem äussern 
Winkel der Wunde des Augenlides bestehende Brücke wird nun durchschnitten und ein 
so grosses Hautstück herausgenommen, dass nächstdem der Hautlappen genau in den da- 
durch entstandenen Zwischenraum passt. Am untern Augenlide wird das Hautstück in 
derselben Entfernung und Richtung wie beim obern Lide von der Wange genommen. 
Nach Stillung der Blutung wird der Lappen in die Wunde gelegt und die Vereinigung 
zuerst am obern durch S — 10, dann am untern Rande durch 6—8 Knopfnähte auf das 
Genaueste bewerkstelligt. Das Augenlid wird locker mit Charpie bedeckt, und diese mit 
schmalen Heftpflasterstreifen befestigt, die äussere Wunde mit in Öl getauchter Charpie 
belegt. Die Nähte werden nach 2mal 2-1 Stunden entfernt, die Vereinigung durch Heft- 
pflaster geschützt. (Nach Bedürfniss modificirt, lässt sich dieses Verfahren — das zu 

*) Die Beschreibung dieser und der folgenden Methode ist nach Chelius gegeben, nach dessen Angaben 
ich mich bei meinen Operationen gehalten habe. Eine treffliche Abhandlung über Blepharoplastik 
von Prof. Beck findet man in Ammon's Monatsschrift, Bd. I. S. 24—50. (1S38.) 



374 Augenlider. 

Grunde liegende Princip — auch zum Ersätze gänzlich oder theilweise verlorener Lider 
verwenden. Hasner*) hat auf diese "Weise in einem Falle die innere Partie des obern 
und untern Lides zugleich aus der Haut der Nase, in einem andern Falle mehr als die 
Hälfte des untern Lides aus der Haut der Stirnglatze ersetzt.) 

5. Das von Dieffenbach**) aufgestellte Verfahren ist, wenn eine zu bedeutende Zer- 
störung diese Behandlungsweisen nicht zulässt oder ein völliger Verlust eines Augenlides 
besteht, offenbar das zweckmässigste, sowohl hinsichtlich des leichtern Gelingens, als auch 
der geringen Deformität, welche zurückbleibt. Man beginnt mit der Exstirpation der 
Narbe (des Krebses) durch eine dreieckige "Wunde, wobei man den Lidrand oder doch 
von der Lidbindehaut so viel als möglich erhält. Die Basis des Dreieckes bildet die 
"Wunde längs des Lidrandes (in der Cutis oder bei Zerstörung des Lides in der Binde- 
haut) von einem "Winkel zum andern ; die Spitze liegt unter der Mitte des Lidrandes 
auf der "Wange, etwa 1 Zoll davon entfernt, und wird durch zwei dahin convergirende 
Schnitte gebildet, welche nebst dem Narben- (oder krebsig-infiltrirten) Gewebe auch ge- 
sunde Cutis mit fortnehmen werden, da sie gradlinig verlaufen müssen. 

Hat man nun eine ganz reine V-förmige Wunde vor sich, so führt man vom äussern 
Augenwinkel aus einen Schnitt nach der Schläfe ohngefähr in der Richtung der Lid- 
spalte, um etwa 2'" länger als diese. Vom Ende dieses Schnittes wird nun parallel zu 
dem äussern, jenes Dreieck begrenzenden Schnitte ein fünfter Schnitt geführt , und eben 
so weit oder noch etwas tiefer herab, als die Spitze des Dreiecks herabreicht. Der hie- 
durch entstandene viereckige, an seiner untern Seite allein nicht umschriebene Lappen 
wird nun mit Zurücklassung der Fettlage durch flach geführte Messerzüge getrennt, und 
nach Stillung der Blutung und Reinigung der früher entblössten dreieckigen Stelle auf 
diese so herüber gelegt, dass sein oberer Rand jetzt die Stelle' des Augenlidrandes ein- 
nimmt, oder, wo dieser noch vorhanden ist, sich an denselben anlegt, sein innerer Rand 
aber an den längs der Nase herablaufenden Rand des obgenannten Dreiecks zu liegen 
kommt. Man heftet ihn nun zuerst am innern Augenwinkel mit einer Knopfnaht, ver- 
einigt hierauf den Wundsaum der Conjunctiva mit dem obern Rande des Hautlappens 
(oder, wenn Lidrand erhalten worden war, an die Cutis desselben) durch feine Knopf- 
nähte oder eine fortlaufende Naht und dann eben so an dem innern Rande, nachdem 
man zuvor den entsprechenden Rand der Dreieckwunde eine Linie breit vom Grunde ge- 
löst hat. Der äussere Winkel wird durch keine Naht befestigt, sondern man legt den 
äussern Theil des herübergezogenen Lappens hier nur an. Die auswärts vom Lappen 
unbedeckt bleibende dreieckige Wunde wird mit Charpie bedeckt, und über das Ganze 
legt man mehrere Heftpflasterstreifen, um den Lappen gehörig anzudrücken. — Die Nach- 
behandlung wird nach den allgemeinen Grundsätzen der Transplantation geleitet. 

Chelius bemerkt, dass er die unbedeckt bleibende Wunde mit Vortheil durch die Naht 
vereinigt habe. Ich fand diess bestätigt und verkleinere sie immer nur durch 1 — 2 Insec- 
tennadeln von dem "Winkel her, den der obere und äussere Wundrand bilden. Hiedurch 
wird die Basis des Lappens dem Auge etwas genähert, die Spannung desselben bis zu 
einem gewissen Grade (zum einfachen Anliegen) gemindert. Ich führe den in der Rich- 
tung der Lidspalte gegen die Schläfe hin zu machenden Schnitt nicht horizontal, sondern 
immer etwas abwärts geneigt, damit der Zipfel, welcher dann gegen den Thränensack 



*) Entwurf zu einer anatom. Begründung der Augenkrankheiten, S. 248. 
**) Caspar's Wochenschrift 1855, Nr. 1. 



Verwachsung — Spaltung — Mangel — Epicanthus. 375 

lin zu liegen kommt, weniger stumpfwinklig ausfalle. Auch fand ich, dass es sehr 
zweckmässig ist, den in die Gegend des äussern Augenwinkels zu liegen kommenden 
Zipfel an das nöthigenfalls etwas aufzufrischende obere Lid oder doch an die Cutis aus- 
wärts von demselben sehr genau durch Hefte zu befestigen. Für Unterhaltung des Anliegens 
der transplantirten Partie sorgt man wohl besser durch einen leichten Verband mit Charpie 
als durch unmittelbar auf die Haut gelegte Heftpflaster. 

3. Von der Verwachsung eines oder beider Lider mit dem Bulbus 
{Symblepharon) und von der Verwachsung der Lider unter einander 
{Anehyloblepharon) haben wir bereits im I. B. S. 125 und 155 das Nö- 
ihige mitgetheilt. Da es sich nach der Trennung des Lides vom Bul- 
bus darum handelt, die eine Wundfläche zu decken, besonders dort, 
wo beide an einander stossen, also dort, wo die Übergangsfalte ver- 
laufen sollte, so kann man, wie ich mit bleibendem Erfolge gethan*), 
bei nicht gar zu breiter Verwachsung nach vollendeter Trennung die 
"Wiederverwachsung leicht dadurch verhüten, dass man die Wunde am 
Bulbus heftet, indem man mittelst einer krummen Nadel einen Faden 
durch die Bindehaut und die subconjunctivale Fascie von dem einen 
Wundrande zu dem andern durchführt. Gegen die Cornea hin kann 
die Wunde ungedeckt bleiben, wenn nur in der Tiefe (gegen die Peri- 
pherie hin) die Vereinigung durch ein oder zwei Hefte vollständig ist. 

4. Spaltung des Lides (coloboma) ist als angeborener Zustand nur 
an dem obern Lide beobachtet worden (von mir am linken Auge). Hey- 
fehler {Ammon's Zeitschr. I. S. 480) sah bei einem 3monatlichen Kinde 

eine Spalte der Oberlippe, des obern Lides und der Iris zugleich (auf 
der linken Körperhälfte). Sie kann auch in Folge von Verletzungen 
oder Operationen zurückbleiben, wenn die schnelle Vereinigung nicht 
zu Stande kam. Das Verfahren dagegen ist analog dem bei der 
Hasenscharte. 

Die verschiedenen Verletzungen der Lider, mit oder ohne Trennung 
des Zusammenhanges, erheischen wohl für denjenigen, der die Ana- 
tomie kennt und allgemeine chirurgische Bildung besitzt, keine beson- 
dere Besprechung. Nur das sei noch besonders hervorgehoben, dass 
auch scheinbar geringfügige Verletzungen dieser Gegend eine sehr ge- 
naue Untersuchung erheischen, damit man nicht etwa gleichzeitige Ver- 
letzungen des Bulbus oder der Orbitalwandungen übersehe. (Vergl. über 
Amaurosis und Krankheiten der Orbita.) 

5. Mangel der Lider ist selten als angeborener Zustand beobach- 
tet worden: Zerstörung derselben kann auf verschiedene Weise zu 
Stande kommen, nach Verletzungen, durch Krebs, durch Lupus, durch 

*) Prager Vierteljahrschrift 1S54. Bd. 41. S. 165. 



376 



Augenlider. 



Lues. Nach den letztern beiden Affectionen und nach Verbrühungen 
wird auch die Blepharoplastik , das einzige noch übrige Mittel, nicht 
selten unausführbar, weil die Haut weit über den Orbitalrand hinaus 
zerstört erscheint. 

6. Einen angeborenen Fehler an den Lidern hat von Ammon (Zeit- 
schrift, I. S. 533) unter dem Namen Epica?ilhus (xav&og der Winkel) 
beschrieben. Er kommt — nach meinen Beobachtungen — nur bei 
sehr flachem Nasenrücken vor, und besteht darin, dass vor jedem in- 
nern Augenwinkel eine Hautfalte vom obern zum untern Lide gespannt 
verläuft. Will das Individuum von dieser Entstellung befreit sein, so 
excidire man, nach Ammon's Angabe, mitten auf der Nase einen Haut- 
streifen, vertical, etwa 1" lang und 3— 5"' breit, und vereinige die Wunde 
durch die blutige Naht, wodurch die Hautfalte vor dem innern Augen- 
winkel ausgeglättet wird. 



XL Buch. 

Die Thränenorgane. 



A. Anatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Ausschliesslich zur Bildung- und Fortleitung der Thränen dienen die 
Thrünendrüse mit ihren Ausführungsgängen und der Thränenschlauch 
mit den Thränenröhrchen ; die zwischen beiden Organen eingeschobenen 
Lider betheiligen sich durch das Bindehautsecret an der Bildung, und 
durch die Form, Lage und Bewegung der Lider an der Fortleitung der 
Thränenflüssigkeit. 

I. Die Thränendrüse gehört zu den acinösen Drüsen und stimmt 
im Baue mit den Speichel- und Milchdrüsen überein. In der Thränen- 
drüsengrube und unmittelbar hinter der Augenlidbinde gelegen, wird 
ihr oberer, bei weitem grösserer Theil durch eine von der Augenlid- 
binde rückwärts laufende Fascie (Lig. Soemmemngi) an den Stirnknochen 
befestigt, während der unter dieser Fascie gelegene kleinere Theil bis 
zum convexen Rande des Knorpels herabreicht und von der Bindehaut 
nur durch jene dünne Fascie getrennt wird, die als Unterlage der 
Bindehaut vom Lide zum Bulbus streicht. Die obere Partie misst von. 
vorn nach hinten 9'", in der Breite 5— 6"', in der Dicke l 1 ^'", die 
untere ist 4 — o'" lang (von der Schläfe gegen die Nase), 3'" breit (von 
vorn nach hinten), \'" dick. Hat man die Lidbinde längs des Orbital- 
randes (in der äusseren Hälfte) eingeschnitten, so kann man die obere 
Drüse mit dem Scalpellhefte leicht von der Beinhaut ablösen, wenn man 
die Vertiefung, die hier der Knochen bildet, gehörig berücksichtigt. — 
Die grösstenteils für diese Drüse bestimmte Thränendrüsenarterie 
kommt von der Art. ophthalmica, ausnahmsweise durch die obere Au- 
genhöhlenspalte von der Art. meningea media, und dringt in die obere 
Drüse von deren unteren, etwas concaven Fläche, in die untere vom 



378 Thräiienorgane. 

hinteren Rande her ein. Die Vena lacrym. führt in die Vena Ophthal- 
mia. Der Nerv, lacrym. ist ein Zweig vom 1. Aste des N. trigeminus. 
— Die Ausführungsgänge, wegen ihrer Feinheit erst in späteren Zeiten 
mit Sicherheit nachgewiesen, 6 — 10 an Zahl, münden in den Bindehaut- 
sack nächst dem convexen Rande des oberen Lidknorpels (im äusseren 
Drittel desselben). 

Die Thränendrüse liefert wahrscheinlich den grössten Theil der 
Flüssigkeit, welche den Bulbus befeuchtet. (Vergl. Bd. I. S. 6.) 

Ich habe im Sommer 1854 Gelegenheit gehabt, einen jungen Mann zu beobachten, 

bei welchem eine wahre Thränendrüsenfistel bestand. Die Bindehaut war in Folge Ton 

Xupus grösstenteils zerstört ; in der Gegend des äussern Augenwinkels bestand eine 

kleine, von Schleimhaut eingesäumte Öffnung, aus welcher beständig eine wasserklare 

Flüssigkeit aussickerte. Diese wurde mittelst kleiner Sauggläschen aufgefangen ; man 

konnte in einer halben Stunde, besonders wenn man den Bulbus an der mit trockenen 

Borken besetzten Hornhaut rieb , beinahe 1 Gran Flüssigkeit gewinnen. Dieselbe re- 

agirte schwach alkalisch, schmeckte salzig, und hatte ein specifisches Gewicht von 1,0086 

bei 20° Celsius. Das Mikroskop zeigte in derselben ausser einer geringen Menge von 

Fpithelien keine andern morphologischen Bestandtheile. Die qualitative Analysis, unter 

Leitung des Herrn Dr. Lerch vorgenommen, ergab : Wasser, Chlornatrium, Albuminna- 

iron und Spuren von Fett. Der von Chlornatrium befreite Rückstand enthielt nach dem 

Verbrennen: kohlensaures Natron, schwefelsauren und phosphorsauren Kalk und Magnesia. 

Die quantitative Analyse gab in 100 Theilen: 98,223"/o Wasser, l,257°/o Chlornattium, 

„„„, \ Albumin = 0,504 n /o, 
O,520°/o { c , . ' , Spuren von Fett. 

' ' [ Salze = 0,016o/o, 

II. Der ThräneiiscBilauch , ein häutiger Canal von 3 /i — 1 Zoll 
Länge, vermittelt im Verein mit den Thränenröhrehen die Communi- 
eation des Bindehautsackes mit dem unteren Nasengange. Er verläuft 
vom innern Augenwinkel zur Seite der Nasenhöhle zwischen dieser und 
dem vordersten Theile der Augen- und Highmorshöhle beinahe gradlinig 
herab, jedoch nicht senkrecht, sondern stark nach hinten und ein wenig 
nach aussen abweichend. *) Er wird durch eine deutliche Einschnürung, 
oft durch eine förmliche Falte, in eine obere weitere und untere engere 
Partie, den Thränensack und Thr'anennasengang geschieden. 

Der Thränensack liegt in der Thränensackrinne, welche vom Thrä- 
nenbein und vom Stirnfortsatze des Oberkieferknochens gebildet wird, 
und ist in der vordem Hälfte seines Umfang.es bloss von Weichgebilden 
bedeckt. Indem die Beinhaut sich von der vorspringenden Leiste des 
genannten Fortsatzes über die vordere äussere Wand desselben bis zum 
Thränenbeinkamme fortsetzt, und mit der eigenthümlichen Haut des 

*) Der Winkel, den der Thr'änenschlanch durch seine Abweichung nach hinten mit dem Boden der 
Nasenhöhle bildet, beträgt im Mittel 05° ; der durch die seitliche Declination gebildete Winkel zur 
verticalen Medianebene schwankt zwischen 5 und 10°. 



Anatomie. 379 

Thränensackes innigst zusammenhängt, umschliesst sie denselben rings- 
um, hält ihn am Knochengerüste fest und verstärkt seine Resistenz. 
Nur nach unten-aussen entfernt sich die Beinhaut von dem in den Na- 
sengang hinabsteigenden Thränenschlauche, indem sie auf die genannte 
Leiste übergeht; auf diese Weise entsteht ein mehr weniger grosser, 
bloss von lockerem Bindegewebe ausgefüllter Raum zwischen Beinhaut 
und Thräuenschlauch , gegen welchen hin der Thränensack bald mehr 
bald weniger ausgestülpt erscheint, und eine Art Sinus oder Blindsack 
bildet. An der vordem oder Antlitzfläche wird die Wandung des Thrä- 
nensackes noch durch Fasern der Augenlidbinde verstärkt, welche sich 
in einer von unten-aussen schräg nach oben-innen aufsteigenden Linie 
anheftet. Der hinter der Augenlidbinde liegende Theil der bloss häuti- 
gen Wandung des Thränensackes sieht gegen das Auge hin. Auf der 
Antlitzfläche des Thränensackes liegt der M. orbicularis, dessen Sehne 
etwa 1 — \ i l-i'" unterhalb seines obern Endes (Kuppel) quer über ihn 
wegstreicht und mit ihm fest zusammenhängt. Die von der obern und 
untern Fläche dieses sehnigen, mit dem vordem Rande etwas abwärts 
gekreinpten Bändchens von circa V" Lauge entspringenden Muskelfasern 
sind auf dem Thränensacke in der Regel V" mächtig, während die 
darüber liegende Cutis fettlos und fast papierdünn ist. Die Augenhöh- 
lenfläche des Thränensackes wird von jenen Muskelfasern bedeckt, 
welche von der Crista lacrymalis aus vorwärts verlaufen, die Thränen- 
röhrchen zwischendurch treten lassen, und mit den weiter vorn ent- 
sprungenen Fasern des Orbicularis sich vereinen; sie sind von Homer 
als besonderer Muskel (des Thränensackes) beschrieben worden. An 
dieser Fläche ist der Thränensack vom Bindehautsacke und von der 
Thränenkarunkel durch Orbitalfett geschieden. Die Durchmesser der 
länglich-eiförmigen, jedoch von vorn-aussen nach hinten-innen abgeplat- 
teten Höhlung des Thränensackes sind: von oben nach unten 5 //y , von 
vorn nach hinten -aussen 2'", von aussen nach innen -hinten V". Bei 
hohem Nasenrücken ist der Thränensack geräumiger und die Antlitz- 
fläche desselben schmäler, als bei Plattnasen; bei jenen ist die Ab- 
dachung der vordern-äussern Wandung von der Leiste des Oberkiefer- 
nasenfortsatzes steil, bei diesen mehr flach. Da wo die Antlitz- und 
Augenhöhlenfläche zusammenstossen, und zwar hinter dem Augenlid- 
hande, iuseriren sich die Thränenröhrchen. Die hintere und innere 
Wandung des Thränensackes geht unmittelbar in den Thränennasen- 
gang über, die vordere und äussere erst nach Bildung eines mehr 
weniger tiefen Sinus oder Blindsackes, dessen wir schon erwähnten. 
Der Durchmesser der Ausmündimg in den Nasengang variirt zwischen 



380 Thränenorgane. 

3 /4 und h \\'" , während der Nasengang unterhalb dieser Stelle allmälig; 
weiter wird. 

Der Thränennase?igang ist die unmittelbare, zunächst durch die 
eben angedeutete Verengerung oder Einschnürung abgegrenzte Fort- 
setzung des Thränensackes. Sie ist mehr walzenförmig, wenn gleich 
noch immer etwas seitlich abgeplattet, und grösstentheils in dem 3 — 4"' 
langen Knochencanale eingeschlossen, welcher im Oberkiefer zwischen 
der Nasen- und Kieferhöhle herabsteigt. Unterhalb der Anlagerung der 
untern Nasenmuschel, wo der Knochencanal endet, erstreckt sich der 
häutige Nasengang, beträchtlich weiter werdend, an der äussern Wan- 
dung der Nasenhöhle zwischen Knochen und Schleimhaut noch eine 
Strecke von 2 — A'" herab, und durchbohrt letztere unter einem mehr 
weniger spitzigen Winkel mit einer relativ engen Öffnung, welche, wenn 
sie sehr eng ist, das blindsackige Ende des Thränennasenganges vor 
dessen Mitte durchbohrt. Die unterste Portion des Nasenganges ist 
demnach an der Innenfläche von einer mehr weniger breiten Schleim- 
hautfalte gebildet, während sie an der Aussenseite am Knochen liegt 
und ohne Faltung in die Nasenschleimhaut übergeht. 

Die Nasenmündung des Thranenschlauch.es liegt 1 — l 1 ^'" rückwärts 
vom Eingange in die Nase (unten vom Nasenloche gerechnet), und 
3 — W" über dem Boden der Nase. Sie ist jederzeit von oben nach 
unten länger, als in die Quere, und variirt zwischen einer Art Ritze 
oder Spalte von 3 /i"' Länge und 2 jb'" Breite bis zu einem Oval von 
I 1 " Länge und 1 bis 1 x li'" Breite. Je kleiner diese Öflhuug, desto tie- 
fer liegt sie (und umgekehrt), und desto breiter und dünner ist die 
Schleimhautfalte, welche den untersten Theil der innern Wandung bildet. 
Diese Duplicatur oder Klappe liegt, wenn die Mündung nicht hoch oben 
und von V" Durchmesser oder darüber ist, immer an der äussern Wan- 
dung an, weil sie selbst sehr dünn (bisweilen wie feines Papier), und 
weil die Schleimhaut hier stets mit einer zähen, eiweiss- oder sulz- 
ähnlichen Flüssigkeit überzogen ist. Man ist daher an Cadavern auch 
nach Entfernung der unteren Nasenmuschel sehr oft nicht im Stande, 
die Mündung zu sehen, wenn man nicht erst jenes Secret sorgfältig 
abgewischt hat. In mehreren Fällen fand ich eine Furche oder Rinne 
in der Schleimhaut der äussern Nasenwand, welche gleichsam als Fort- 
setzung des Thränennasenganges, erst abwärts, dann bogenförmig vor- 
wärts gegen das Nasenloch verlief; in einigen Fällen war diese Rinne 
gegen V" tief. 

Der Thränenschlauch wird von einer eigenthümlichen, weissen, ziem- 
lich festen, aus longitudinal, quer und spiralförmig verlaufenden Binde- 



Anatomie. 381 

gewebsfasern zusammengesetzten Membran gebildet, welche innen mit der 
Schleimhaut verschmilzt, aussen mit der Beinhaut verbunden ist. Die 
Beinhaut hängt fester am Thränenschlauche , als am Knochen, daher 
Sonden sehr leicht zwischen ihr und dem Knochen fortgeschoben wer- 
den können. Die innere Wandung der in die Nasenhöhle hinabrei- 
chenden Portion besteht bloss aus einer dünnen Schleimhautduplicatur. 
Die Schleimhaut zeigt im Wesentlichen dieselben Eigenschaften, wie 
die Schneidersche Haut der Nasenhöhle; sie ist überall, mit Ausnahme 
der genannten Ehrplicatur, ohngefähr - '/a'" dick, sehr gefässreich und 
daher röthlich, weich, gleichsam schwammig und mit kleinen Hügeln 
besetzt, mit zahlreichen Schleimdrüschen versehen. Im Thränensacke 
zeigt sie hie und da kleine Fältchen und erscheint in den meisten Ca- 
davern etwas blässer; im Nasengang sieht man oft grössere Follikel, 
deren Mündung, mitunter bis V" lang, meistens ab-, selten aufwärts 
gerichtet ist. 

Um sich über die anatomischen Verhältnisse am Thränensacke zu unterrichten, ent- 
ferne man zuerst ein Stück Haut, etwas grösser, als der Umfang des Thränensackes, 
dann die Fasern des M. orbicularis, unterhalb der Sehne desselben. Nun hat man eine 
•weisse sehnige Membran vor sich, welche die Antlitzfläche des Thränensackes deckt. Von 
der Mitte des Augenlidbandes sieht man eine weisse Linie nach unten-aussen bis zum 
scharfen Orbitalrande nächst der Insertion des M. obl. inferior streichen. An dieser 
Linie hängt die Fascia tarso - orbitalis mit dem Thränensack zusammen. Hinter ihr 
streicht die Orbitalfläche der häutigen Wandung des Thränensackes rückwärts zur Crista 
lacrimalis. An der Antlitzfläche ist der sehnige Überzug des Thränensackes, den man 
als Fortsetzung der Beinhaut über den Thränensack betrachten kann, stärker als an der 
Orbitalfläche. Schneidet man die Sehnenhaut der Antlitzfläche in der Richtung der ge- 
nannten Linie ein, so kann es leicht geschehen , dass man mit dem Messer wohl durch 
die genannte Sehnen-, nicht aber durch die Schleimhaut des Thränensackes eindringt, 
besonders in der untern Hälfte dieser Strecke, denn in dieser ist der Zusammenhang 
zwischen der Sehnen- und Schleimhaut oft ein sehr lockerer, weil sich letztere von erste- 
rer entfernen muss, um in den weiter hinten gelegenen Eingang zum Thränennasencanale 
zu gelangen. Eben dieses Auseinanderweichen der beiden Membranen scheint die buchtige 
Erweiterung des Thränensackes nach unten , vom und aussen zu begünstigen, bisweilen 
zu einem förmlichen Divertikel, ohne dass man berechtigt ist, diess schon als krankhaft 
anzusehen, weil geringere Grade davon fast constant vorhanden sind. 

Um den Thränenschlauch in seinem ganzen Umfange ohne Formveränderung über- 
sehen zu können , muss man ihn von seiner Innenseite aus biossiegen und öffnen. Nach 
Entfernung des Schädelgewölbes sammt dem Gehirne, des Unterkiefers und der hintern 
Schädelhälfte durchsäge man den Kopf von vorn nach hinten. Zuerst führe man einen 
Schnitt durch die Weichtheile an der Antlitzfläche in einer geraden Linie, welche von 
der Stirnglatze am innern Ende des Ligam. palp. intern, und knapp am Nasenflügel 
herabstreicht, also oben der Median ebene näher liegt, als unten. Dann führe man die 
in diesem Schnitte angelegte Säge so, dass sie beim tiefern Eindringen knapp an der 
innern Wandung des Thränens.hlauches vorbeistreicht. Es wird nun nicht schwer sein, 



382 Thränenorgaiie. 

mit Meissel und Knochenscheere die dünne Knochenplatte zu entfernen, welche den Thrä- 
nenschlauch von innen deckt, und den blossgelegten Schlauch dann aufzuschlitzen, zu- 
nächst nur von oben bis zur Ansatzlinie der Nasenmuschel. — Ist letztere nicht schont 
beim Durchschneiden mit fortgenommen worden, so excidire man ihre vordere Hälfte bis 
an die Wurzel, deren Beseitigung man lieber erst später vornimmt. 

Ich finde die alte Eintheilung des Thränenschlauches in Thränensack und Nasengang 
trotz des Widerspruches von Osborne*) und Hasner**) gerechtfertigt, weil ich mich, 
durch eigene Untersuchungen überzeugt habe , dass u. A. Huschke's ***) Angabe gan& 
richtig ist : „Die Stelle des Überganges des Thränensackes in den Thränennasengang wird 
durch eine schwache Verengerung, zuweilen auch durch eine im Innern hervorspringende 
Falte der Schleimhaut, aus welcher beide gebildet sind, bezeichnet." Um ganz sicher 
zu gehen, ersuchte ich Herrn Prof. Bochdalek, mir den ganzen Thränenschlauch sammt 
den Thränenröhrchen mit Wachs zu injiciren. Mehrfache Injectionen bestätigten genau,, 
was ich auch ohne sie oft gesehen hatte. Eben so haben mir auch Durchschnitte von. 
gefrornen oder in Chromsäure erhärteten Köpfen sehr instructive Präparate geliefert, 
welche den Vergleich des Thränenschlauches mit einem umgestürzten Flaschenkürbis 
(Hasner) als völlig unpassend darthun. Der Thränennasengang, deutlich vom Thränen- 
sacke durch eine mehr weniger beti-ächtliche Einschnürung abgeschieden, wird abwärts 
allmälig weiter und bildet vor seiner relativ engen Ausmündung in die Nase in den. 
meisten Fällen eine bedeutende Erweiterung oder Tasche, welche sich besonders nach 
hinten weit ausdehnt, und gegen welche die Öffnung in die Nasenhöhle sehr klein er- 
scheint. Manchmal ist der Nasengang unten viel weiter, als der Thränensack. 

In den Thränensack münden sich die Thränenröhrchen, ein oberes 
und unteres, dünne häutige Canälchen von 3 — 4'" Länge und etwa ^V" 
im Lichten. Jedes derselben beginnt am Nasenrande des Lidknorpels- 
mit einer punktförmigen Öffnung, dem Thranenpunkte , mitten in einer 
kleinen warzenähnlichen Erhabenheit, dem Thränenwärzchen , dringt 
zuerst senkrecht zwischen der Cutis und Conjunctiva etwa 3 /V" tief 
ein, genau an das Ende des Lidknorpels angefügt, durch denselben steif 
erhalten, und vor Compression geschützt, wendet sich dann, etwas- 
weiter werdend, fast rechtwinklig einwärts, den Schenkeln der hufei- 
senförmigen Hautfalte folgend, welche die Thränenkarunkel umschliesst,, 
und senkt sich sofort hinter der äussern Hälfte des Augenlidbandes in 
den Thränensack ein, gemeinschaftlich mit dem andern, meistens jedoch 
durch eine Schleimhautduplicatur getrennt. Indem sie die Thränen- 
sackwandung schief durchbohren, erscheint ihre Mündung, von innen 
her angesehen, durch ein Schleimhautfältchen gedeckt, auf ähnliche 
Weise, wie die Harnleiter beim Einmünden in die Harnblase. Ihre Öff- 
nung am Thränenwärzchen ist stets dem Bulbus zugewendet, und wird, 
bei etwas abgezogenem Lide sichtbar. 

*) Darstellung des Apparates der Thränenableitung, Prag 1835. 

**) Beiträge zur Physiologie und Pathologie des Thränenableitungsapparates, Prag 1850. 
***) Eingeweidelehre, Leipzig 1844. 



Physiologie. 383 

Die Thränenröhrchen werden von einer ähnlichen, jedoch viel dün- 
nern Membran wie der Thränensack gebildet, welche in den Thränen- 
wärzchen zu einem derben weissen Ringe anschwillt, wodurch ihre 
Mündung stets rund und offen erhalten wird. Ihre schleimhäutige Aus- 
kleidung ist analog der Bindehaut äusserst dünn, glatt und blass, ohne 
Flimmerepithel. Aussen sind die Thränenröhrchen von Fasern des M.. 
orbicularis (et Horneri) umgeben, an welche sich die Cutis anschmiegt; 
nur hinten-oben scheint die Bindehaut (so weit sie reicht) unmittelbar 
an ihnen anzuliegen. Eine schwarze Borste, in dieselben eingeführt,, 
scheint besonders durch die Bindehaut deutlich durch. 

Durch die Thränenröhrchen und den Thranenschlauch treten fort- 
während Thronen in den untern Nasengang. Blut oder andere gefärbte 
Flüssigkeiten gelangen in kurzer Zeit aus dem Bindehautsacke in die 
Nase. 

Das Secret der Thränendrüse und der Bindehaut ist auch im ruhi- 
gen Zustande, d. h. wenn die Secretion nicht durch besondere Reize 
gesteigert wird, immer in grösserer Menge vorhanden, als durch Ver- 
dunstung und Absorption an der Bindehaut verbraucht wird. Immer 
ist ein Überschuss zur Aufnahme für die Thränenpunkte vorhanden. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass an dem stets feuchten Bulbus beständig eine ge- 
wisse Menge von Flüssigkeit verdunstet, um so mehr, je trockener die Luft ist, und je 
mehr frische Luftschichten rasch nach einander mit dem Bulbus in Berührung kommen. 
Es ist auch nach den lebhaften Resorptionserscheinungen , welche die Bindehaut zeigt, 
anzunehmen, dass ein Theil derselben von ihr absorbirt werde. Es lässt sich aber auch 
bestimmt nachweisen, dass immer noch ein Überschuss zur Asorption für die Thränen- 
punkte übrig bleibt. Bevor wir die beweisenden Thatsachen hiefür anführen, müssen wir 
noch erinnern, dass die Secretion der Thränen nicht nur durch gewisse Gemüthsaffecte, 
sondern auch durch Beizung der Bindehaut, der Cutis an den Lidern , der Schleimhaut 
in der Nase und im Thränenschlauche, durch grellen Lichteinfluss und Reizung des Tri- 
geminus gesteigert werde; wir müssen insbesondere noch hervorheben, dass der Augenlid- 
schlag selbst in directer Beziehung zur Thränensecretion steht, so dass häufiges Blinzeln 
oder anhaltend spastische Contractionen des Orbicularis auf ähnliche Weise vermehrte 
Secretion bewirken, wie das Kauen und Saugen bei den Speicheldrüsen. — Das Thränen- 
träufeln bei Blennorrhoe des Thränensackes, bei Thränensackfistel u. s. w. kann nicht al 
Beweis für die oben aufgestellte Behauptung benutzt werden, weil dasselbe ebensowohl 
von Hypersecretion in Folge des gereizten Zustandes als von gehinderter Fortleitung der 
Thränen abgeleitet weiden kann. Aber es sind Fälle bekannt , wo die thränenableitenden 
Organe ohne alle Spur von Reizung undurchgängig waren und Thränenträufeln bestand. 
So habe ich einen Fall beobachtet, wo die Thränenröhrchen von einer Glasscherbe durch- 
schnitten worden und sofort verwachsen waren , und wo ohne alle Spur von Reizung- 
nach mehreren Monaten noch Thränenträufeln den Verwundeten belästigte. — Eine viel 
öfter vorkommende und meines Erachtens völlig competente Thatsache ist das Vorkommen 
von Thränenträufeln bei Lähmung des N. facialis. Ich bin von Kranken wegen Thränen- 



384 Thränenorgane. 

träufeln consultirt worden, bei denen ich durchaus keine Ursache dieses Übels auffinden 
konnte, bis ich die Lider fest schliessen liess und fand, dass der Orbicularis zwar noch 
nicht seine ganze Function, aber doch bereits an Energie eingebüsst hatte. Noch er- 
folgte der Schluss des Auges, noch schlössen die Lider an den Bulbus, und doch war 
bereits Thränenträufeln vorhanden, weil — wie wir später zeigen werden — wegen Pare- 
sis des Orbicularis dieThränen nicht mehr fortgeleitet werden konnten. Hier kann durch- 
aus von keiner Hypersecretion , sondern nur von gehinderter Fortleitung die Rede sein. 
— Man kann übrigens bei jedem Menschen, sowohl am obern als am untern Lide eine 
Flüssigkeitssäule sehen, welche in der Rinne steht, die durch das Anliegen des Lidrandes 
an den Bulbus gebildet wird. Sie reicht vom äussern Winkel bis zur halbmondförmigen 
Falte, z. B. bei gradaus gerichtetem Blicke bis zu den Thränenpunkten, welche sich bei 
dieser Stellung gerade an die Rinne legen, die durch das Anschmiegen der halbmondför- 
migen Falte an den Bulbus gebildet wird. Ebenso sind die halbmondförmige Falte und 
die Karunkel immer nieht bloss feucht, sondern deutlich mit Flüssigkeit bedeckt, was 
dieser Gegend schon in alten Zeiten den Namen Thränensee verschafft haben mag. — 
Ich kann demnach der Annahme von Hyrtl u. A., dass der Thränenableitungsapparat nur 
bei erhöhter Thränensecretion, beim Weinen, beim Übergänge in die Kälte u. dgl. in 
Anspruch genommen werde, durchaus nicht beistimmen, und bin überzeugt, dass fort- 
während nicht nur Secretion, sondern auch Fortleitung überschüssiger Thränen stattfinde. 
Es fragt sich nur, wie die Fortleitung erfolge. 

In die Flüssigkeitssäulen längs des obern und untern Lides und 
im innern Winkel sind die stets offenen Thränenpunkte continuirlich 
eingetaucht, daher auch die capillaren Thränenröhrchen stets mit Flüs- 
sigkeit gefüllt. Luft mit Gewalt in diese Röhrchen eingepresst, muss 
schon nach einigen Contractionen des M. orbicularis et Horneri ausge- 
trieben werden, und im normalen Zustande lässt sich niemals Luft in 
den Thränenröhrchen auffinden. 

Die senkrechten Anfangsstücke der Thränenröhrchen werden vermöge ihrer Fügung 
an das quer abgestutzte Knorpelende durch die darüber laufenden Muskelfasern wohl an 
den Bulbus angedrückt, niemals jedoch comprimirt. Es ist irrig, wenn man angibt, beim 
Lidschlusse werden die Thränenwärzchen vorgeschoben, etwa wie die Fühlhörner eiDer 
Schnecke. Ein solches scheinbares Hervortreten bewirkt man nur, wenn das Lid mit 
dem Finger abgezogen, und nun der Versuch gemacht wird, die Lider zu schliessen. 
Eben so wenig, wie von einem isolirten Hervortreten, konnte ich mich je von einer 
spontanen oder durch Reizung bedingten Verengerung oder Erweiterung der Thränen- 
punkte überzeugen. Die Thränenwärzchen verhalten sich bei dem Acte der Thränen- 
fortleitung rein passiv, wie die Enden von Capillarröhrchen. Wenn auch die Thränen- 
röhrchen besonders an der knieförmigen Umbeugung etwas weiter werden, selbst bis zu 
-V" im Lumen, so bleiben sie trotzdem immer noch einfache Capillarröhrchen, stets von 
Flüssigkeit gefüllt und dieselbe festhaltend, so lange ihnen ihr Contentum nicht von aus- 
sen her oder durch Cumpression entzogen wird. Eine solche Compression können die un- 
mittelbar auf ihnen liegenden Fasern des Schliess- und Horner'schen Muskels in ihrer 
mittleren Portion iiben, indem sie beim Lidschlusse kürzer und dicker werden. Die Aus- 
mündung der Thränenröhrchen in den Thränensack, hinter oder etwas unterhalb der in- 
nern Hälfte des Augenlidbandes gelegen, kann beim Lidschlusse nicht comprimirt werden. 
Es ist wenigstens Thatsache, dass manche Menschen durch heftiges Schneuzen Flüssig- 



Physiologie. 385 

Tceit und selbst Luft durch die Thränenpunkte austreiben können (bei offenen oder doch 
nicht fest verschlossenen Lidern), ohne Zeichen eines Thränenschlauchleidens darzubieten, 
und dass bei Blennorrhoe des Thränensackes in der Regel dos trübe Contentum desselben 
durch die Thränenröhrcben in den Bindehautsack gedrückt werden kann. Ein ventilähn- 
lieher Verschluss des Thränensackes durch die Schleimhautfalte an der Einmündung der 
Thränenröhrchen in denselben kann also nicht angenommen werden , und die Thränen- 
röhrchen sind somit als beiderseits stets offene, in der Mitte etwas weitere und compri- 
mirbare Capillarröbrchen zu betrachten. 

Auch der Thränen schlauch, von der Kuppel des Thränensackes 
bis hinab zur Nasenniündung , ist gewiss nicht mit Luft, sondern mit 
Flüssigkeit gefüllt. Diese besteht nicht bloss aus Thränen, sondern 
auch aus einer ziemlich dicken, der Schleimhaut anhaftenden La§e ei- 
weissähnlichen Secretes. Es existirt demnach vor der Nasenmündung 
des Thränenschlauches bis zu den Thränenpunkten und von da bis zum 
äussern Winkel (längs der Lidränder) eine continuirliche Flüssigkeits- 
säule, welche, wie wir weiter zeigen werden, durch den Lidschlag zum 
allmäligen Weiterrücken gegen die Nase hin bestimmt wird. 

Von dem Vorhandensein eines schleim- oder eiweissähnlichen Überzuges im Thrä- 
nenschlauche kann man sich an jedem Cadaver überzeugen. Sehr oft fand ich auch 
noch Thränenfiüssigkeit in dem Thränensacke , wenn ich ihn so eröffnete, dass er dabei 
nicht comprimirt wurde. Man hat bisher bei Aufstellung physikalischer Theorien über 
die Fortleitung der Thränen weder das continuirliche Vorhandensein fortzuleitender Flüs- 
sigkeit durch Thalsachen nachzuweisen unternommen, noch auch die Frage, ob der 
Thränenschlauch Luft oder Wasser enthalte, bestimmt aufgeworfen, geschweige denn zu 
beantworten gesucht. Gleichsam als selbstverständlich setzen die Einen Wasser voraus 
(Hebertheorie), die Andern Luft (Aspirationstheorie). Schon aus den oben angeführten 
Dimensionen des Thränenschlauchlumens ergibt sich als höchst wahrscheinlich, dass der- 
selbe mit Flüssigkeit gefüllt sein werde. Das im Cadaver gemessene Lumen muss wohl 
während des Lebens, wo die sehr blutreiche, gegen 1 2'" dicke Schleimhaut turgescirt, noch 
als etwas geringer angenommen werden. Durch die an der Schleimhaut haftende zähe 
Schleimschicht wird es noch mehr vermindert, so dass man den ganzen Canal als ein 
so enges Bohr zu betrachten berechtigt ist, in welchem sich die Attraction fester auf 
flüssiger Theile geltend macht. Die Nasenmündung ist wahrscheinlich immer durch Flüs- 
sigkeit geschlossen, was jedoch nicht hindert, dass bei extrem-heftiger Exspiration (Mund 
und Nase verschlossen) ein oder das andere Luftbläschen durchgetrieben werden kann. 
Diess sind jedoch nur Ausnahmen, vielleicht nur bei etwas weiterer oder krankhaft ver- 
änderter Nasenmündung möglich. — Direct beweisend, dass im Thränensacke keine Luft 
sei, scheint mir ein Experiment, dessen Hasner im gegentheiligen Sinne erwähnt. Wenn 
man bei festem Verschlusse des Mundes und der Nase möglichst stark inspirirt, so sinkt 
die Gegend des Thränensackes nicht ein, und sie erhebt sich nicht bei eben solchem 
Exspiriren. Ich habe viele Ärzte zu diesem Experimente aufgefordert, wir konnten nie 
weder ein Sinken noch Heben wahrnehmen. Auch empfand keiner von uns in dieser 
Gegend ein Gefühl von Spannung wie etwa am Trommelfelle. Man muss aber bei die- 
sem Experimente die Augen offen halten und auf einen bestimmten Punkt richten lassen, 
"weil sonst synergische Contractionen des M. orbicularis oder Bewegungen des Bulbus 
Arlt Augenheilkunde. III. 25 



386 Thränenorgane. 

Täuschungen veranlassen können. Bei einigen trat während forcirter Exspiration ein 
oder das andere Luftbläschen (nie ein Luftstrom) mit hörbarem Knistern aus dem Thrä- 
nenpunkte , bei dem einen links, bei dem andern rechts, obwohl durchaus kein Unter- 
schied zwischen beiden Augen, überhaupt keine Abnormität in der Thränenleitung wahr- 
genommen werden konnte. 

Der M. orbicularis, der Augenlidschlag ist das Agens und der Re- 
gulator für die Fortleitung der Thränen in die Nase. Im Momente des 
Augenlidschlusses wird der Thränensack sammt den Thränenröhrchen 
etwas comprimirt durch die Anschwellung der contrahirten Muskelfa- 
sern des Orbicularis und durch die gleichzeitig erfolgende rückwärts 
ziehende Wirkung des iZb/wr'scken Muskels. Sind die Wandungen 
des Ihränensackes hinreichend resistent, und ist das Contentum des- 
selben incompressibel, so muss eine entsprechende Menge davon ent- 
weichen, natürlich dorthin, wo gar kein oder ein relativ geringerer 
Widerstand obwaltet. Diess geschieht im normalen Zustande nach dem 
Thränennasengange hin, in welchem also die Flüssigkeit fortrücken, und 
aus welchem ein Tröpfchen in die Nase treten muss. In dem Mo- 
mente, wo mit der Öffnung der Lidspalte die Compression der Thrä- 
nenröhrchen und des Thränensackes nachlässt, und der Thränensack 
sein eigentliches Lumen wieder gewinnt, muss Flüssigkeit aus dem 
Thränensee nachrücken, um den leeren Raum zu füllen. Es ist ein- 
leuchtend, dass ein Zurücktreten von der Nase her nicht stattfinden 
kann , weil sonst eine lange Flüssigkeitssäule gehoben werden, und die 
bereits in die Nasenhöhle gelangte Portion wieder eindringen müsste. 
Auf diese Weise werden die Thränen Wärzchen zu Saugwärzchen. Die 
in der Rinne zwischen jedem Lidrande und dem Augapfel befindliche 
und durch Adhäsion an den festen Theilen festgehaltene Flüssigkeit 
kann nur durch die angegebene Assuction der Thränenröhrchen, nie- 
mals aber, wie gewöhnlich angenommen wird, durch die Bewegung der 
Lider als solche, durch Erfolgen des Abschlusses der Lidspalte vom 
äussern zum innern Winkel hin und zum Fortrücken gegen den innern 
Winkel gebracht, geschweige denn in die Thränenröhrchen, welche ge- 
füllt und capillär sind, hineingepresst werden. 

Dass der Thränensack im Momente des Lidschlusses comprimirt werde, folgere ich 
nicht bloss aus anatomischen Thatsachen als möglich und wahrscheinlich, sondern auch 
aus vielfältigen Beobachtungen von Thränenfisteln als wirklich. Befindet sich in einer 
Fistelöffnung Flüssigkeit , so sieht man sie im Momente des Lidschlusses steigen , im 
Momente der Lidöffnung fallen. Besonders instructiv sind Fälle, wo die Grösse der 
Öffnung gestattet, in die Tiefe, b% an die Öffnung der häutigen Wandung des Thränen- 
sackes selbst zu blicken. Man übersehe dabei nicht, dass im Momente des Lidschlusses 
auch die Thränenröhrchen comprimirt werden müssen, demnach in diesem Momente keine 
Flüssigkeit vom Bindehautsacke nachrücken oder gar hineingepresst werden kann. Dass, 



Physiologie. 387 

der Lidschluss vom äussern zum innern Winkel erfolge, ist eine blosse Annahme; eben 
so wenig lässt sich beweisen , dass die Lidspalte dabei vorn hermetisch abgeschlossen 
werde. Das Eintreten von Flüssigkeit in die Thränenröhrohen kann absolut erst nach 
vorübergegangenem Lidschlusse erfolgen, nicht während desselben. 

Dass aber die Fortleitung der Thränen von der Action des M. orbicularis abhänge, 
zeigen Fälle von Lähmungen desselben. Bei Lähmung des Orbicularis ist Thränenträu- 
feln eine constante Erscheinung. Sie tritt früher auf, als die Veränderung der Stellung 
der Augenlider und Thränenpunkte. Sie war in einigen Fällen das erste Symptom und 
machte mich erst aufmerksam auf die übrigen Erscheinungen, welche die unvollständige 
Lähmung des N. facialis beurkunden. Erst der Umstand, dass der über Thränenträufeln 
klagende Kranke die Lidspalte der betroffenen Seite nicht so kräftig zu schliessen ver- 
mochte , wie die andere, bestimmte mich, die Haltung der Gesichtsmuskeln genau zu 
controlliren. Gerade diese Fälle sind es, in welchen das Thränenträufeln nicht als Folge 
von Hypersecretion betrachtet werden kann, da die Lider noch an den Bulbus anschlies- 
sen ; sie sind es , welche sowohl die Heber- als die Aspirationstheorie als unhaltbar er- 
weisen. — Der Respiration kann nur insofern ein Einfluss auf diesen Vorgang zu- 
geschrieben werden , als sie durch Verdampfung von Flüssigkeit an der Nasenmündung 
des Thränenschlauches auf den Stand der Flüssigkeitssäule in diesem engen Canale ein- 
zuwirken vermag. "Wird an einem Capillarrohre der unterste Tropfen entfernt, sei es 
durch Verdunstung , sei es durch Abwischen o. dgl. , so muss die ganze Flüssigkeits- 
säule nachrücken. Während des Schlafes scheint dieser Einfluss allein hinzureichen, das 
Hinabrücken der ohnehin geringeren Menge von Secret zu bewirken , wiewohl es noch 
nicht ausgemacht ist, ob nicht auch während des Schlafes von Zeit zu Zeit Contractio- 
nen des M. orbicularis erfolgen. Bei kleinen Kindern habe ich mich von deren zeitwei- 
ligem Eintreten überzeugt. 

Gegen die von E. H Weber angedeutete und von Hasner weiter ausgeführte Theorie 
der Aspiration hat Hyrtl mit Becht bemerkt, dass die Thränenröhrchen zu wenig steif 
seien, um durch Luftdruck nicht comprimirt zu werden. Nach Hasner sollen bei jeder 
Einathmung, welche mittelst der Nase zu Stande kommt, zugleich mit der Luft auch die 
Thränen in den luftverdünnten Baum des Schlauches eingezogen werden. „Durch Er- 
weiterung der Lungenhöhle im Momente der Inspiration wird die Luft in dem gesamm- 
ten Schlauche verdünnt , und es drängt die äussere Luft auf die Thränen im See, welche 
somit in den Schlauch gelangen. Sowohl durch die aus dem Thränenschlauche in die 
Nasenhöhle drängende Luft, als durch die eigene Schwere wird die Klappe (an der 
Nasenmündung) bei jeder Inspiration geöffnet." „Die Thränenableitung kann natürlich 
nur dann vor sich gehen, wenn der Mund geschlossen ist; jedes Öffnen des Mundes 
schliesst die Nasenhöhle ganz von der Kespiration aus." „Das Schliessen der Lider ist 
zur Aufsaugung der Thränen nicht nothwendig, schon bei massiger Verengerung der Lid- 
spalte tauchen beide Thränenpunkte in den See, und es steht besonders der untere 
jederzeit zur Absorption der geringen Menge Flüssigkeit, welche sich an dem Lidrande 
angesammelt hat, bereit." „Im Momente der Exspiration wird durch Verschliessung der 
am Übergänge des Thränenschlauches in die Nasenhöhle befindlichen Klappe eine voll- 
kommene Isolirung beider Cavitäten von einander zu Stande gebracht." — Gegen diese 
Sätze sprechen mehrere Thatsachen. Wir können Stunden lang bloss durch den Mund ath- 
men, ohne dass Thränenträufeln eintritt, während längere Unterbrechung des Augenlid- 
schlages , absichtlich oder bei anhaltendem Betrachten eines Gegenstandes , die Augen 
übergehen macht. Ich kenne eine Frau, deren Nasenhöhle vollständig und luftdicht von 

25* 



388 Thräiienorgane. 

der Rachen- und Mundhöhle abgeschlossen ist (in Folge von Narben nach syphilitischen 
Geschwüren) , welche aber keine Spur von Thränenträufeln darbietet, obwohl kein Grund 
vorhanden ist, bei ihr eine Verminderung der Thränensecretion überhaupt anzunehmen. 
Nasenpolypen, welche den Luftstrom hermetisch abschliessen , machen kein Thränen- 
träufeln, so lange sie nicht bis zur Compression des Thränennasenganges vorgerückt 
s j n( }. — Ich habe mich bei einer Menge Thränensackfisteln durch Einträufeln von 
Cochenillen tinctur in den Bindehautsack überzeugt, dass diese Flüssigkeit nach einigen 
Auo-enlidschlägen in der Fistelöffnung zum Vorschein kam , obgleich die sorgfältigste 
Sondirung sowohl, als gehörig angestellte Injectionen (so wie auch heftige In- und Ex. 
spirationen hei Verschluss des Mundes und der Nase) völlige Undurchgängigkeit des 
Thränennasenganges erwiesen. Also bei sicher gestelltem Ausschlüsse des Einflusses der 
Respiration gelangt das Contentum des Bindehautsackes dennoch nicht nur in den Thrä- 
nensack , sondern auch bis vor die äussere Fistelöffnung. Hierin liegt auch zugleich — 
nebenbei gesagt — eine "Widerlegung der Petifschen , auf verschieden lange Arme ge- 
stützten Hebertheorie und gegen die Annahme, dass der Hornersche Muskel den Thrä- 
nensack während des Lidschlusses erweitere. Bei der Thränensackfistel mit hermetischem 
Verschlusse des Thränennasenganges sind die Verhältnisse wie im normalen Zustande, 
mit dem Unterschiede, dass an die Stelle des Thränennasenganges der Fistelgang ge- 
treten ist; wie früher in die Nase, kommen jetzt die Thränen auf die Wange. — Be- 
kanntlich gibt es auch Thränensackfisteln, wo sich, bei Abwesenheit jeder Spur von Ent- 
zündung, aus einer haarfeinen Öffnung von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen klarer und dün- 
ner Flüssigkeit entleert, welche sich als Thränenflüssigkeit erweisen lässt. An diese 
scheint Hasner nicht gedacht zu haben, als er 1. c. S. 47 behauptete: „Die dauernde 
Thränenschlauchfistel sei niemals das Symptom einer Verwachsung oder Undurchgängig- 
keit des Schlauches, sondern stets nur jenes der Caries des Thränenbeins." Wenigstens 
bei den längst bekannten Haarfisteln kann man mit Bestimmtheit die Anwesenheit von 
Caries in Abrede stellen, obwohl auch von einer Menge anderer, lange dauernder Fisteln 
dasselbe behauptet werden muss. 

HyrtVs Ansicht geht dahin, dass der Hornersche Muskel und der M. orbicularis bei 
jedem Augenlidschlage den Thränensack erweitern, und dadurch ein Nachrücken der 
Flüssigkeit bedingen , wobei noch Absperrung von der Nasenhöhle durch die Klappe am 
untern Ende des Nasenganges vorausgesetzt wird. Wäre diese Ansicht richtig, so müsste 
man bei Thränensackfisteln im Momente des Lidschlusses die Flüssigkeit in der Haut- 
öffnung sinken sehen. Irrig ist übrigens die von Hyrtl aufgestellte Behauptung, dass bei 
Dacryocystoblennostasis in der Regel kein Thränenträufeln vorhanden sei, und dass die 
Thränenröhrchen nur während des Weinens beschäftigt werden. Nach dem , was ich 
beobachtet habe, kommen die Kranken mit Dacryocystoblennostasis eben nicht wegen 
Schmerzen oder wegen der Geschwulst, sondern lediglich oder doch vorzüglich wegen 
der Belästigung durch Thränenträufeln beim Arbeiten, Ausgehen u. dgl. zum Arzte. Dem- 
nach müssen die Fälle, in welchen kein Thränenträufeln stattfindet, wohl als Ausnahmen 
betrachtet werden, vielleicht dadurch bedingt, dass allmälig weniger Thränen ausgeschie- 
den werden. — Mit Unrecht zeiht Hasner den Veteranen A. G. Richter eines Irrthums, 
wenn dieser behauptet, dass bei Blennorrhoe des Thiänensackes dieser immerfort noch 
durch frisch nachrückende Thränen ausgedehnt werde, „indem das Contentum des Thrä- 
nenschlauches bei Dacryocystestasis nur aus dem Schleimseeret des Schlauches selbst be- 
stehe, welches bei Verschliessung der Nasalöffnung nicht abfliessen könne." Mir scheint, 
dass der alte Richter viel genauer beobachtet und untersucht hat. Das Contentum blen- 



Physiologie. 389 

norrhöischer Thränensacke besteht iu der That aus einem Gemenge von Secret des Thrä- 
nensackes und von Thronen. Dass trotz hermetischen Abschlusses des Thränennasen- 
ganges auch bei Blennorrhoe des Thränensackes noch Flüssigkeit aus dem Bindehaut- 
sacke aufgenommen -werden könne , davon kann man sich überzeugen , wenn man in 
solchen Fällen Cochenillentinctur in den Bindehautsack einträufelt, diese nach einiger 
Zeit rein ausspült, und nun das Thränensackcontentum durch die Thränenpunkte aus- 
drückt. — Nach Boss soll der Lidschluss vom äussern zum innern Winkel erfolgen, die 
Flüssigkeit gegen den Thränensee und aus diesem in die Thränenröhrchen u. s. w. ge- 
presst werden. Wir haben schon oben bemerkt, dass diess unerwiesene Annahmen sind, 
die sich wohl kaum je beweisen lassen werden. Beim gewöhnlichen Lidschlage wird 
übrigens die Lidspalte gar nicht völlig geschlossen; das obere Lid nähert sich dem 
untern, ohne es völlig zu eireichen. 

Schliesslich will ich noch hervorheben , dass die Anwesenheit von etwas Luft im 
Thränensacke den oben dargestellten Mechanismus der Thränenfortleitung nicht unmög- 
lich mache. Ich hatte, als ich diess niederschrieb, eben eine Patientin vor mir — und 
ich erinnere mich, in einigen Fällen Ähnliches beobachtet zu haben — welche nicht 
im mindesten von Thränenträufeln belästigt wird, und ihre Augen überhaupt jetzt für 
vollkommen gesund erklärt, bei welcher jedoch das Entweichen von Luft aus dem Thrä- 
nensacke in die Nase deutlich fühlbar ist, wenn ich den Thränensack mit dem Finger 
comprimire. Diese Patientin, vor 14 Jahren von mir von einer beiderseitigen Thränen- 
sackfistel nach der gewöhnlichen Methode geheilt — (Dauer der Behandlung durch 2 
Jahre, zuletzt Tragen von Bleinägeln durch beinahe 1 '/z Jahre), — wandte sich jetzt 
nicht wegen der Augen an mich, sondern wegen Tuberculosis pulmonum. Links war 
ausser der Narbe keine Spur von dem früheren Leiden aufzufinden ; rechts bestand an 
der Stelle der Fistel eine schon von weitem auffallende trichterförmige Einziehung der 
Cutis. Aber auch hier ist kein Thränenträufeln vorhanden und auch der Thränensack 
ganz gewiss nicht obliterirt. Das Eintreten von Luft in den Thränensack erfolgt beim 
Schneuzen, Husten u. dgl., da aller Wahrscheinlichkeit nach die Nasenöffnung des Thrä- 
nenschlauches durch das längere Tragen der Stifte so erweitert worden ist, dass der 
Lufteintritt nicht mehr völlig abgehalten werden kann. Die zu dem oben beschriebenen 
Mechanismus erforderliche Flüssigkeitssäule existirt demnach, sobald Luftblasen im Thrä- 
nensacke sind, noch längs der Wandungen desselben. Es besteht keine solide, sondern 
eine im Innern mehr weniger Luftbläschen haltende Flüssigkeitssäule, und diese Luft- 
bläschen entweichen bei Compression der Thränensacke unter leichtem Knistern und Ge- 
fühl von Prickeln im Finger. Ich selbst bin im Stande, beim starken Schneuzen Luft 
durch die Thränenröhrchen auszupressen, wenn ich an heftigem Schnupfen leide, und 
doch halte ich meine Thränenorgane für ganz gesund. — Ich würde diesem Gegenstande 
nicht so viel Baum gewidmet haben, wenn nicht die Ansichten, die man über die Function 
des Thränenschlauches hat, von so bedeutendem Einflüsse auf die Behandlung seiner 
Krankheiten wären. 

B. Krankheiten. 

a. Der Thränendrüse und ihrer Ausführungsgänge. 
1. Die Entzündung der Thränendrüse ist mir nicht aus eigener 
Beobachtung bekannt. Ausser Joh. Ad. Schmidt*) äussern sich alle 

*, Über die Krankheiten des Thränenorgans, Wien 1SU3. 



390 Thränenorgane. 

Schriftsteller dahin, dass diese Affection eine sehr seltene sei. Die 
acute Form soll sich durch Trockenheit des Auges, heftigen, tiefgrei- 
fenden Schmerz, entzündliche Geschwulst des obern Lides und Verdrän- 
gung des Augapfels nach vorn, innen und unten kundgehen, und mit 
Eiterung und Durchbruch des obern Lides enden. Wenn diese oder 
ähnliche Erscheinungen auftreten, wird man jedenfalls wohl zu unter- 
suchen haben, ob sie nicht bloss von Zellgewebs- oder aber von Bein- 
hautentzündung und nachfolgender Caries bedingt seien, welche gerade 
in dieser Gegend nicht selten vorkommt. Nach Makenzie (1. c. S. 89) 
hat Todd auch chronische Thränendrüsenentzündung beobachtet, mit 
allmäliger Vergrösserung der Drüse, welche leicht für krebsige Entar- 
tung gehalten werden könne. Bei scrofulösen Individuen soll spontane 
chronisch entzündliche Vergrösserung der Thränendrüse vorkommen. In 
4 von Makenzie ausführlich mitgetheilten Beobachtungen (von Todd, 
O'Beirne, Lawrence und Daniel) wurde die Diagnosis durch Exstirpa- 
tion der taubenei- bis wallnussgrossen Geschwulst constatirt. In 3 Fällen 
davon waren heftige Schläge auf die Gegend der Thränendrüse voraus- 
gegangen. In keinem dieser Fälle hatte weder die Entartung noch 
auch die Entfernung der Drüse Trockenheit des Auges zur Folge; in 
dem letztern soll das Auge (nach radicaler Heilung durch die Exstir- 
pation) fähig gewesen sein, eben so viel Thränen zu vergiessen, wie 
das andere. 

2. Schwund der Thränendrüse und fettige Entartung habe ich nur 
einmal im Cadaver gefunden, und zwar wohl als Folge von Obliteration 
ihrer Ausführungsgänge bei Trachoma. S. B. I. S. 128. Dass Trocken- 
heit der Conjunctiva Folge von Erkrankung dieser Membran selbst, 
nicht aber der Thränendrüse sei, ergibt sich aus dem, was wir S. 126, 
B. I. über Xerophthalmus bemerkt haben. Vergl. unten Verödung des 
Thränensackes. 

3. Als Thränensackgeschwulst , dacryops, haben Ad. Schmidt und 
J. G. Beer eine mit wasserklarer und salzig schmeckender Flüssigkeit 
gefüllte Geschwulst an der innern Fläche des obern Lides beschrieben, 
welche selbst die Grösse einer Wallnuss erreichen können soll, und 
beim Weinen grösser wird. Diese Umstände und der Sitz in der Ge- 
gend, wo die Ausfuhrungsgänge der Thränendrüse liegen, bestimmten 
zu der Annahme, dass die Geschwulst als Ausdehnung eines Ausfüh- 
rungsganges in Folge von Obliteration seiner Mündung, oder als Er- 
guss von Thränenflüssigkeit in das umgebende Bindegewebe nach Zer- 
reissung eines Ausführungsganges zu betrachten sei. „Wenn die Ge- 
schwulst von aussen künstlich geöffnet worden ist, und der Kranke 



Krankheiten der Thränendrüse. 391 

weint, so fliesst eine bedeutende Menge reiner Thränenfeuchtigkeit aus 
der Öflnung, und erweist sich als solche durch ihren salzigen Ge- 
schmack." {Beer 1. c. B. IL S. 593.) Nach Beer ist die Krankheit 
nicht leicht zu heilen, weil leicht — nach absichtlicher oder zufälli- 
ger (?) Eröffnung von aussen — eine Haarfistel zurückbleibe, wenn der 
Sack nicht vernichtet wird. Beer empfiehlt die Blosslegung von der 
Bindehaut aus und das Durchziehen eines dicken Seidenfadens. Beer 
führte die Enden desselben durch die Cutis und befestigte sie auf der 
Stirn; es dürfte wohl auch zulässig sein, den Faden durch die Binde- 
haut ein- und wieder auszustechen, die Enden zum äussern Winkel 
herauszuleiten und daselbst zu befestigen, bis die beabsichtigte Reaction 
erfolgt ist. 

4. Als Ilydatide der Thränendrüse beschreiben dieselben Autoren 
eine im Parenchym der Drüse sitzende Cyste, welche durch rasches 
"Wachsthum und Druck nicht dem Augapfel Gefahr bringt, sondern 
selbst den Tod herbeiführen kann (eine Beobachtung von Schmidt, eine 
von Beer). Vergl. Cysten in der Orbita im XII. Buche. 

Ein Soldat bekam nach überstandenem Typhus stumpfen , tiefsitzenden Druck im 
Auge. In der 3. Woche wurde der Schmerz heftig, erstreckte sich auf die Hälfte des 
Kopfes , das Auge wurde roth und vorgetrieben. In der 4. Woche Schlaflosigkeit wegen 
unerträglicher Schmerzen, Erblindung des noch stärker vorgetriebenen Auges, Vordrängung 
der nicht geschwollenen Lider, in der Gegend der Thränendrüse eine harte Geschwulst, 
die man für ein Steatom halten konnte. Nach einigen Tagen , ehe es noch zu der von 
Ad. Schmidt beschlossenen Exstirpation kam, verfiel der Patient in einen Zustand von 
Schlafsucht , Bewusstlosigkeit , unwillkürlicher Entleerung von Urin und Stuhl ; einige 
Stunden später erfolgte der Tod. Bei der Section: die Venen und Sinus des Gehirnes 
mit Blut überfüllt; kein Erguss in den Ventrikeln. Als der Augenhöhlenfortsatz des 
Stirnbeins ohne Verletzung des Periosteums weggenommen wurde, drang eine schwappende 
Geschwulst aus dem Schläfewinkel der Augenhöhle hervor. Man fand die Muskeln, den 
Sehnerven und die übrigen Nerven gezerrt und verlängert, die Vena ophth. sehr aus- 
gedehnt, die Thränendrüse kleiner als gewöhnlich, die Acini auf der Geschwulst kleiner 
und auseinander gedrängt, die vor der Geschwulst liegenden grösser und mehr zusam- 
menhängend. Die Geschwulst hatte, von hinten nach vorn gemessen, \" Durchmesser 
senkrecht und transversal etwas weniger als 1". Sie drängte sich auf das äussere Seg- 
ment des Augapfels und hatte ihn gegen die Nase hin und vorwärts verschoben. Sie 
hatte eine äussere und eine innere Hülle. Die äussere bestand aus dicker Zellenmem- 
bran. Zwischen ihr und der innern Hülle befand sieh eine Quantität Intersfitialflüssig- 
keit. Die innere Hülle war sehr zart, halb durchsichtig und enthielt eine klare Flüs- 
sigkeit. Die äussere Membran konnte nicht leicht von den eingestreuten Acinis getrennt 
werden. Die innere konnte recht gut von der äussern Hülle weggenommen werden. 
(Entlehnt aus Mahenzie 1. c. S. 103.) 

b. Der Thränenröhrchen und Thränenpunkte. 

Die Zeichen von Entzündung kommen an den Thränenröhrchen 



392 Thräiienorgane. 

sehr selten zur Beobachtung. Nur in einigen Fällen sah ich die 
schleimhäutige Auskleidung derselben an der Mündung geröthet, aufge- 
lockert und geschwellt, so dass die Thränenwärzchen merklich vergrös- 
sert und die Thränenpunkte verengert erschienen. In allen diesen Fäl- 
len war zugleich Blennorrhoe des Thränensackes zugegen, und die 
Bindehaut bot die Erscheinungen von Trachoma oder von chronischer 
Blennorrhoe dar; nur in einem einzigen Falle schien dieses Leiden auf 
die Thränenwärzchen allein beschränkt zu sein. 

Vor Wunden sind die Thränenröhrchen vermöge ihrer Lage ziem- 
lich geschützt. Ad. Schmidt, J. N. Fische?* u. A. erzählen Fälle, wo 
quer verlaufende Schnittwunden wieder so verheilten, dass die Durch- 
gängigkeit der Canälchen nicht aufgehoben wurde. Ich habe einen 
Fall beobachtet, wo beide Thränenröhrchen von einer Glasscherbe 
durchschnitten worden waren, und die Vernarbung zu Undurchgängigkeit 
derselben führte, welche sich noch mehrere Monate nachher durch Thrä- 
nenträufeln kund gab. — Bei unvorsichtigem Sondiren dieser dünnen 
Schläuche soll auch Zerreissnng derselben vorgekommen sein. 

Ich habe einen jungen Mann gesehen , bei dem in Folge heftigen Schneuzens bei 
zugepressten Augenlidern Luft in das subcutane Bindegewebe ausgetreten war, unmittel- 
bar nachdem er sich an einen Nagel gestossen hatte. Eine leichte, gegen i'" lange 
Hautaufschürfung , schräg von unten und innen nach oben und aussen über die innere 
Hälfte des Ligam. palp. intern, streichend, deutete die Richtung an, in welcher der Nagel 
den innern Augenwinkel getroffen hatte. Es war kein Knochenbruch, auch keine Blut- 
unterlaufung aufzufinden. Die das untere Lid bedeutend aufblähende Luft, welche sich 
unter einem eigenthümlich prickelnden Gefühle (für den betastenden Finger) seitwärts 
verdrängen Hess, hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den viel resistenteren Thrä- 
nensack, sondern das dünne untere Thränenröhrchen irgendwo durchrissen, als der Ver- 
letzte bei den reichlich zuströmenden Thränen heftig schneuzte. Einen ähnlichen Fall 
hat A. v. Gräfe (Archiv B. I. Abth. I. S. 288) beschrieben. — Bei einem an Trachoma 
conjunctivae und Blennorrhoea sacci lacrymalis leidenden alten Weibe, deren Thränen- 
wärzchen die obgenannte Schleimhautwulstung darboten, riss, als ich laues Wasser in 
das untere Röhrchen einspritzte, dasselbe ein und licss das Wasser unter die Haut des 
Lides austreten. Sowohl die Luft in dem ersten, als das Wasser in dem zweiten Falle 
sind nach einigen Tagen ohne weitern Nachtheil allmälig verschwunden. 

Verstopfung der Thränenröhrchen durch kalkige Concremente, deren 
Travers u. A. gedenken, ist mir bisher nicht vorgekommen. Hasner 
fand einmal im untern Thränenröhrchen eine Cilie, welche noch so weit 
lierausragte , dass er sie mit einer Pincette fassen konnte. Convolute 
von verfilzten Fadenfilzen in dem zu einer Höhle erweiterten untern 
Thränenröhrchen, ohne anderweitige Erkrankung des Thränenschlauches, 
fand A. v. Gräfe (1. c. S. 284) bei einer jungen Frau. Die erbsengrosse 
Geschwulst konnte für ein Gerstenkorn oder Atherom gehalten werden ; 



Krankheiten der Thränenröhrcheii. 393 

die Heilung wurde durch Iucision vom Bindehautsacke aus bewirkt. 
Mit einer dicken, grüngelben, schmeerähnlichen Materie ausgefüllt fand 
ich das untere Thränenröhrchen bei einem Manne, der seit mehr als 
einem Jahre an Thränenträufeln des rechten Auges litt, und fruchtlos 
mit verschiedenen Mitteln behandelt worden war. 

Als ich nach der Ursache des von einer merklichen Injection der Bindehaut im in- 
nern Winkel begleiteten Thränenträufelns forschte, fiel mir zunächst das Weitoffenstehen 
des Thränenpunktes und weiter eine abnorme Dicke des Lides an der Stelle auf, wo 
das Thränenröhrchen senkrecht in das Lid eindringt. Indem ich nun den Zeigefinger an 
die äussere Fläche anlegte, und mit einem Davielschen Löffel an der innern Seite 
gegen den Thränenpunkt streifend drückte, entleerte sich ein dünner Cylinder der ge- 
nannten Materie. Dieses Manöver wurde immer nach einigen Tagen wiederholt und 
darauf jedesmal eine Injection lauen Wassers gemacht, in der Zwischenzeit aber eine 
Salbe von rothem Präcipitat, nach einigen Wochen von Deuterojodur. hydrarg. an die 
äussere Lidfläche dieser Gegend eingerieben. Nach und nach nahm die Menge dieser 
Masse ab , und nach 1 Wochen war der Mann vollständig geheilt. Diese Masse war 
wohl kein Froduct des Thränenröhrchens selbst; mir ist es am wahrscheinlichsten, dass 
sie von einem Follikel einer Meibomschen Drüse ausging, welcher, durch Ansammlung 
seines Secretes ausgedehnt und verdünnt, endlich eine Öffnung in das Thränenröhrchen 
erhalten hatte. 

Verwachsung der Mündung findet man nicht selten nach chemischen 
Verletzungen, nach Blattern, besonders aber bei Individuen, welche lange 
an jener Form von Blepharadenitis gelitten haben, die sich durch Bil- 
dung kleiner Abscesse an der Basis der Cilien, bleibenden Verlust der- 
selben, lineare Einschrumpfung der Cutis, Obliteration der Mündungen 
der Meibomschen Drüsen und Ectropium conjunctivae charakterisirt. 
Am untern Lide ist dieser Zustand häufiger als am obern. Die Func- 
tion des obern Thränenröhrchens reicht dann bisweilen hin, das Thrä- 
nenträufeln zu vermindern oder zu verhüten. Bei Xerophthalmus in 
Folge von Trachoma habe ich auch die Thränenröhrchen in ihrer gan- 
zen Ausdehnung obliterirt gefunden. Nach Boivman lässt sich die Fort- 
leitimg der Thränen bei Verschluss der Thränenpunkte wieder herstel- 
len, wenn man das Thränenröhrchen vom Bindehautsacke aus aufschlitzt; 
die Spalte schliesst sich auch ohne Einlegung des von Jüngken hiezu 
vorgeschlagenen Bleidrahtes nicht. 

Veränderte Stellung der Thränenpunkte (relativ zum Bulbus) kann 
bei verschiedenen Abnormitäten der angrenzenden und benachbarten 
Gebilde vorkommen, bei En- und Ectropium der Lider, bei stärkerer 
Infiltration der Bindehaut, bei Volumenzu- oder Abnahme der Karunkel, 
der halbmondförmigen Falte, oder des Bulbus, bei Pterygium und Sym- 
blepharon, nach ausgedehnter Verschwärung der Cutis über dem Thrä- 



394 Thränenorgaiie. 

nensacke u. s. w. — Geschwülste, welche die Stellung der Thränen- 
punkte verändern, können eines oder das andere zugleich comprimiren. 
e. Des Thränensackes und Thräiieiinaseiiganges. 

Ein entzündlicher Zustand der Sehleimhaut des Thränenschlauches 
kommt wahrscheinlich sehr oft vor, ohne dass wir ihn erkennen. Es 
liegt sehr nahe, anzunehmen, dass bei jedem heftigeren Nasenkatarrh 
auch die Schleimhaut des Thränenschlauches mitleidet, sobald Thränen- 
träufeln, stärkere Injection der Bindehaut im innern Augenwinkel und 
«in Gefühl von Drücken und Spannen in der Gegend des Thränen- 
sackes hinzutreten. Doch können alle diese Erscheinungen sowohl ein- 
zeln als zusammen auch anders gedeutet, mithin nicht als beweisend 
für Katarrh des Thränenschlauches aufgestellt werden. Sicher lässt sich 
die katarrhalische Affection des Thränenschlauches wohl erst dann er- 
kennen, wenn sie chronisch geworden ist, als sogenannte 



I. Blennorrhoe des Thränensackes. 

Symptome. In der Regel ist es das Thrcmenträufeln, welches den 
Kranken bestimmt, einen Arzt zu consultiren ; sehr oft auch sind die 
Beschwerden vorhanden, welche chronischer Bindehautkatarrh dem Kran- 
ken zu verursachen pflegt. (Vergl. B. I. S. 11.) Die objectiven Merk- 
male dieses letzteren fehlen fast niemals; die Bindehaut bietet durchaus 
oder bloss im innern Winkel abnorme Injection, meistens auch Locke- 
rung, Schwellung und abnorme Secretion dar. Untersucht man genauer, 
so findet man schon nach kurzem Bestände dieser Affection den Thrä- 
nensack erweitert, daher die Cutis über ihm mehr weniger deutlich em- 
porgehoben, was sich bei unilateraler Affection leicht durch Vergleich 
mit der andern Seite erkennen lässt. Bald früher, bald später steigt 
die Geschwulst so hoch, dass sie dem Kranken selbst auffällt: sie bildet 
dann eine erbsen-, bohnen- bis haselnussgrosse Geschwulst, welche ent- 
weder bloss unterhalb des Augenlidbandes oder auch oberhalb des- 
selben hervortritt, und nach Massgabe ihrer Grösse und Dauer endlich 
wohl auch eine bläulich-rothe Farbe annimmt. Die Geschwulst entspricht 
nach Lage und Form im Allgemeinen dem Thränensacke, lässt sich weder 
verschieben noch umgreifen, und sitzt mit breiter Basis auf. Drückt man 
auf dieselbe, ohne die Thränenröhrchen zu verschliessen, so kann man eine 
trübe, schleimig-eitrige, mitunter auch theilweise klare und eiweissähnliche 
Flüssigkeit gegen die Bindehaut hin entleeren. Seltener ist es möglich, das 
Cententuni in die Nase zu drängen. Nach längerem Bestände und bei 



Blennorrhoe des Thränenschlauches — Symptome — Verlauf. 395 

grösserer Ausdehnung des Thränensackes gelingt jedoch bisweilen die Ent- 
leerung weder nach der einen noch nach der andern Richtung. Um die Ent- 
leerung durch das obere oder durch das untere Thränenröhrchen zu be- 
wirken, inuss man die anatomischen Verhältnisse genau berücksichtigen. 

Verlauf und Ausgänge. Die Schleimhaut des Thränenschlauches 
wird bei diesem Zustande dunkelroth, dicker, wulstiger, dabei Anfangs 
lockerer und mürber, später aber rostbraun oder schiefergrau, derb, 
dichter, bisweilen warzig oder drusig. Ihre Schwellung oder Hyper- 
trophlrung kann im Thränennasengange schon an und für sich zur un- 
mittelbaren Berührung ihrer Wandungen, somit zur Impermeabilität für 
Flüssigkeiten führen, welche nicht mit ungewöhnlicher Kraft hindurch 
getrieben werden. Eigentliche Stricturen und Verwachsungen kommen 
erst in Folge von Geschwürsbildung zu Stande, wovon wir weiter unten 
sprechen werden. Diese Schwellung und Hypertrophirung kann ein- 
fach zurückgehen, aber auch namentlich im Thränensacke, wenn dieser 
stark ausgedehnt wurde, einer Art von Atrophie weichen; die Mucosa 
wird alsdann dünn, glatt und blass, serösen Häuten ähnlich. 

Mit der Schleimhaut wird allmälig auch die eigenthümliche Haut des 
Thränenschlauches und die damit innig zusammenhängende Beinhaut An- 
fangs lockerer und weicher, so dass beide an Resistenz verlieren. In 
manchen Fällen participiren diese auch an der entzündlichen Infiltration, 
und tragen wesentlich zur Erzeugung der Geschwulst in der Gegend 
des Thränensackes bei. Diese pflegt dann minder scharf abgegrenzt 
zu sein, als wenn sie bloss durch Ausdehnung des Thränensackes be- 
wirkt wird, und verschwindet nur zum Theil, wenn man auch alles 
Contentum aus dem Thränensacke entleert. (Vergl. Polypenbildung 
weiter unten.) 

Aus der entzündlichen Erweichung der die Schleimhaut umschliessen- 
den Weichgebilde erklärt sich die allmälige Erweiterung des Thränen- 
sackes selbst bei noch nicht völlig aufgehobener Durchgängigkeit des 
Thränennasenganges. Wenn nämlich im Momente des Augenlidschlusses 
der Muse, orbicularis die Thränenröhrchen und den Thränensack com- 
primirt, und das Contentum wegen verminderter oder aufgehobener 
Durchgängigkeit des Thränennasenganges schwer oder gar nicht ent- 
weichen kann, so gibt zunächst die bloss von Weichtheilen gebildete 
{erweichte; Wand des Thränensackes nach, und wird, da sie sich (wegen 
Mangel an Elasticitätj nicht auf ihr früheres Lumen zusammenzieht, all- 
mälig ausgedehnt. So entsteht nach jedem Augenlidschlage etwas Raum 
in dem momentan erschlafften Thränensacke, in welchen ein entspre- 
chendes Quantum von Flüssigkeit nachrücken kann, und so sammeln 



396 Thräiieuorgane. 

sich Schleimsecret und Thränenflüssigkeit im Thränensacke an, und 
füllen denselben wieder völlig aus. — Diese Ausdehnung erfolgt vor- 
zugsweise nach vorn (unten und aussen). Die anatomischen Verhält- 
nisse gestatten zunächst eine Erweiterung des Sinus oder Recessus, 
welcher sich nach vorn, unten und aussen von der Einmündung in den 
Thränennasengang befindet. Ist diese Erweiterung erfolgt, dann ist auch 
die Lage dieser Mündung relativ zum Hohlräume des Thränensacke» 
eine andere, eine mehr schräge geworden, und die Entleerung vielleicht 
schon hiedurch erschwert. — Der Druck, den diese Erweiterung nach 
vorn, unten und aussen ausübt, ist in manchen Fällen so gross, dass 
die Knochenleiste des Nasenfortsatzes vom Oberkiefer, welche die 
Thränensackgrube bilden hilft, verdrängt und theilweise resorbirt wird; 
sie steht dann deutlich weiter vor und fühlt sich scharfkantig und 
zackig an. — In andern, selteneren Fällen vergrössert sich der Thrä- 
nensack vorzüglich nach hinten und aussen, so dass die Fossa sacci 
lacrym. allmälig verstreicht, und man nach Aufschlitzung der vordem 
Wandung in eine zwischen dem Bulbus und der innern Orbitalwand 
rückwärts reichende, in dieser Richtung bis 9 /;/ tiefe Höhle gelangt. — 
Nach der Kuppel hin erweitert sich der Thränensack immer relativ 
am wenigsten. Auch auf Kosten der Thränenröhrchen wird man kaum 
jemals eine erhebliche Erweiterung wahrnehmen können. 

Wir müssen, da die gegentheilige Behauptung aufgestellt worden 
ist, ausdrücklich wiederholen, dass zur Entwicklung dieser oft enormen 
Ausdehnung des Thränensackes keineswegs eine völlige Undurchgängig- 
keit des Thränennasenganges, wenigstens keine bleibende, erforderlich 
sei. Es kommen, wenn auch seltener, dennoch ganz bestimmt Fälle 
vor, wo sich die Kranken von den Beschwerden, welche die Geschwulst 
erregt, und wozu selbst mechanische Behinderung des Sehens naher 
Objecte kommen kann, von Zeit zu Zeit dadurch befreien, dass sie — 
ohne ärztliche Anleitung oder anatomische Kenntnisse — die Geschwulst 
mit dem Finger zusammendrücken, und den Kopf vorwärts neigend 
einen Strom zäher, eiweiss- oder gallertälmlicher und eitrig untermisch- 
ter Flüssigkeit durch die Nase entleeren. Hiezu ist nicht sowobl Ge- 
walt, als vielmehr Einhaltung einer gewissen Richtung erforderlich. 
Wahrscheinlich ist in solchen Fällen nur in früherer Zeit eine so starke 
entzündliche Schwellung der Schleimhaut im Thränennasengange vor- 
handen, dass derselbe schwer oder gar nicht durchgängig ist, und tritt 
allmälig mit Atrophirung der Schleimhaut' im Thränensacke auch Ab- 
schwellung im Thränennasengange ein. Ist dann der Thränensack ein- 
mal auf das Drei- und Mehrfache seines Lumens ausgedehnt, so reicht 



Blennorrhoe des Tliränenschlaiiches — Folgezustände. 397 

die nun relativ viel zu geringe Compression, welche der Muse, orbic. 
allenfalls noch auszuüben vermag, durchaus nicht hin, den Thränensack 
so weit als nothwendig zu entleeren, wenn gleich der Ausweg jetzt 
nicht mehr versperrt ist. Für solche Fälle wählte man in früherer Zeit 
den Namen Atonia oder Hernia sacci lacrimalis {Heister 1716), einen 
Ausdruck, der heutzutage wohl nur in so fern beibehalten werden 
könnte, als man dabei den Verlust der Contractilität und Resistenz der 
submueösen Fasern des Thränensackes vor Augen hat, falls nicht etwa 
auch wirklicke Muskelatrophie (durch Druck) nachgewiesen werden sollte. 

Ist aber das Schleimhautgewebe allmälig durch Atrophirung ganz 
verändert, blass, glatt und derb geworden, dann sondert es nicht mehr 
eine schleimig-eitrige, sondern eine vorwaltend oder ausschliesslich Sy- 
novia- oder gallertähnliche Flüssigkeit ab. Diese Umwandlung des 
Thränensackes in eine Art seröser Membran und diese Veränderung der 
Secretion ist es, welche dem von Anel (1712) eingeführten Namen Hy- 
drops sacci lacrymalis dieselbe Berechtigung gibt, mit welcher man auch 
bei der Gallenblase, den Muttertrompeten etc. unter gleichen Verhält- 
nissen von Hydrops spricht. Beer reservirte diesen Treminus bloss für 
jenen Zustand, wo der stark ausgedehnte Thränensack weder nach dem 
Auge noch nach der Nase hin entleert werden kann. 

Zu dem Processe der Hypertrophirung der Schleimhaut gesellt sich 
in seltenen Fällen die Bildung "von kleinen Wärzchen und Polypen, 
welche in den Thränensack hineinwuchern, und denselben sogar be- 
trächtlich ausdehnen können. In einem von Walther beobachteten Falle 
hatte ein solcher Polyp die Grösse einer Haselnuss, und Blasius exstir- 
pirte einen walmussgrossen, welcher nächst dem Eingange in den Thrä- 
nennasengang mit einer dünnen Wurzel aufsass, und die häutige Wan- 
dung sammt der Cutis bis gegen das Wangenbein hin ausgedehnt hatte. 
In neuester Zeit hat A. von Gräfe (Archiv) 2 Fälle von Thränensack- 
polypen beobachtet. 

Weit häufiger als die eben genannten consecutiven Zustände der 
Thränenschlauchblennorrhöe ist die katarrhalische Vereiterung oder 
Phthise der Schleimhaut.*) Die chronische katarrhalische Entzündung 
geht hier wie in andern Schleimhäuten bisweilen an und für sich und 
ohne weitere Veranlassung allmälig, öfters aber nach Einwirkung äusserer 
Schädlichkeiten unter den Erscheinungen einer acuten Entzündung in 
Vereiterung und Verschwärung über. Das erkrankte Gewebe wird an 
einer oder der andern Stelle eitrig infiltrirt und schmilzt. Dieser 

*) Vgl. Rokitansky, Handbuch der patholog. Anatomie. Wien, 1844. Bd. I. S. 52—55. 



398 Thränenorgane. 

Schmelzungsprocess begrenzt sich entweder in dem submucösen Ge- 
webe und führt dann zur narbigen Einziehung und Verengerung (Stric- 
turen), oder bei grösserer Ausdehnung zur Verwachsung des Canales- 
{Obliteralion, Verödung), oder der Process greift bis auf die Beinhaut, 
die Muskelschicht und die Cutis über, und veranlasst Blossleyung des 
Knochens oder Durchbruch der häutigen Wandung des Thränensackes 
unter den Erscheinungen der sogenannten Dacryocystitis, deren Folge 
dann gewöhnlich durch mehr weniger lange Zeit eine Thranensackfistel 
ist. Da von diesen beiden letzteren Zuständen weiter unten ausführ- 
licher gesprochen werden muss, so genüge es indessen, ihren Zusam- 
menhang mit der Blennorrhoe vorläufig angedeutet zu haben. — Die 
Stricturen des Thränennasenganges kommen an verschiedenen Stellen 
vor, am häufigsten an der Einmündung in den Thränensack oder in den 
untern Nasengang. Auf die totale Verwachsung des Thränennasen- 
ganges und auf die spontane Verödung des Thränensackes kommen wir 
gleichfalls später zurück. 

Es gibt Individuen, bei denen die Blennorrhoe des Thränenschlau- 
ches mit bald geringerer bald stärkerer Erweiterung Jahre lang fortbe- 
steht, ohne andere Beschwerden mit sich zu führen, als die der Blen- 
norrhoe an und für sich zukommenden, i. e. ohne zeitweilig auftre- 
tende Thränensackentzündung. Viele derselben fühlen sich bei trocke- 
nem heiterem Wetter minder oder gar nicht belästigt, halten sich wohl 
auch eine Zeit lang für geheilt, oder sie helfen sich, so gut es eben 
geht, durch Entleerung nach oben oder unten. Bei manchen vermin- 
dert sich selbst das Thränenträufeln bis zu einem wenig und sel- 
ten incommodirenden Grade, und die Blennorrhoe mit oder ohne sicht- 
bare Geschwulst bleibt bei wechselnder Besserung und Verschlimmerung 
Jahre lang auf einer gewissen Stufe stehen. — Fälle, wo die Ausdeh- 
nung noch nicht so weit gediehen ist, dass sich die Einschnürung 
durch das Augenlidband bemerklich macht, wo die Blennorrhoe nicht 
aus unbeseitigbareu Hindernissen der Thränenableitung (z. B. Ver- 
wachsung der Nasenmündung in Folge von Lues) hervorgegangen ist, 
oder bereits selbst zu solchen geführt hat (durch katarrhalische Ver- 
schwärung), und wo die (später zu erörternden) entfernteren ätiologi- 
schen Momente keine unüberwindlichen Hemmnisse entgegensetzen, 
lassen unter entsprechender Behandlung und bei zweckmässigem Ver- 
halten des Kranken völlige oder doch temporäre Heilung zu. Ich habe 
einige Fälle beobachtet, wo die Individuen nach dem Auftreten einer 
verschärften Entzündung unter den Erscheinungen der Dacryocystitis 
mit oder ohne Durchbruch der vordem Wandung des Thränensackes 



Blennorrhoe des Thrniienschlanches — Ätiologie. 399 

wenigstens für lange Zeit- (ob bleibend, weiss ich nicht) von den seit 
Monaten — Jahren bestehenden Zufällen einfacher Thränenschlauch- 
blennorrhöe befreit wurden. Es scheint hier dasselbe vorzugehen, 
wie beim Pannus nach Einimpfung blennorrhoischen Secretes. Die 
acute Entzündung bewirkt Verflüssigung und Resorption des erstarrten 
Exsudates. 

Vorkommen und Ursachen. Vor dem 7. Lebensjahre scheint 
die Blennorrhoe des Thränenschlauches sehr selten zu sein, ausser bei 
hereditärer Syphilis; später entsteht sie bei beiden Geschlechtern in 
verschiedenen Perioden, beim weiblichen etwas häufiger. Ich habe die 
schon von Platner gemachte Bemerkung bestätigt gefunden, dass die 
Mehrzahl der von Krankheiten des Thränenschlauches Befallenen eine 
flache Nasenwurzel darbieten; doch habe ich auch bei normaler und 
gerade entgegengesetzter Nasenbildung oft genug solche Leiden beobach- 
tet. Die Zahl der linkerseits Erkrankten überwiegt die der andern 
nicht beträchtlich. Beiderseitiges Leiden kommt relativ selten vor. 

In seltenen Fällen ist die Blennorrhoe des Thränenschlauches nach- 
weisbar Folge blennorrhoischer, durch Infection erzeugter Erkrankung 
der Bindehaut; das oben geschilderte Bindehautleiden ist meistens als 
consecutiv, mitunter auch coexistirend zu betrachten. Ziemlich oft kommt 
Thränenschlauchblennorrhöe bei Individuen vor, welche an Trachoma 
conjunctivae leiden. Eine auffallend häufige gleichzeitige Affection ist 
Blepharadenitis, mit Bildung kleiner Abscesschen oder blosser Knötchen 
am Lidrande, und zwar meistens unilateral, wenn das Thränenschlauch- 
leiden unilateral ist. 

Am häufigsten findet man die Thränenschlauchblennorrhöe (und 
ihre Folgezustände) bei Individuen, bei denen die Schleimhaut der Na- 
sen- und Piachenhöhle in ähnlicher Weise leidet, wovon man sich leicht 
überzeugen kann, wenn man bei jedem Thränensackkranken diese Höh- 
len genau untersucht. Es ist eine durchaus irrige Auffassung des Ver- 
hältnisses beider Affectionen zu einander, wenn man behauptet, „die 
Affection des Thränenschlauches sei durch das Leiden der Nasenhöhle 
bedingt"; diess mag wohl in einzelnen Fällen stattfinden, im Allgemei- 
nen aber müssen beide Affectionen als neben einander bestehend und 
durch eine gemeinschaftliche Ursache bedingt und unterhalten betrach- 
tet werden. Gleichwie die meisten und hartnäckigsten Fälle von Schwer- 
hörigkeit in Folge von chronischem Katarrh des Mittelohres entstehen, 
welcher nur als Theilerscheinung gleicher Affection der Schleimhaut des 
Rachens, der Nasen-, Keilbeins- und Highmorshöhle zu betrachten ist, 
wird man auch die Blennorrhoe des Thränenschlauches und ihre Folgen 



400 Thränenorgane. 

selten für sich isolirt antreffen. Bei Gehörleiden ist man geneigt, die 
Ursache ihrer Hartnäckigkeit in der wenig zugänglichen Lage der Or- 
gane zu suchen; der Thränenschlauch steht örtlichen Mitteln hinrei- 
chend offen, und dennoch hat man sich hier nicht weniger über die 
Unzulänglichkeit der örtlichen Behandlung zu beklagen. Der gemein- 
schaftliche Grund unserer Ohnmacht gegenüber diesen Schleimhautlei- 
den der Nasen- und ihrer Nebenhöhlen liegt darin, dass dieselben fast 
ohne Ausnahme mit allgemeinen Gesundheitsstörungen und mit un- 
zweckmässigen Lebensverhältnissen zusammenhängen, somit vorzugs- 
weise eine allgemeine pharmaceutische und diätetische (leider oft nicht 
mögliche) Behandlung erfordern. — Man findet solche Schleimhautleiden 
dieser Regionen bekanntlich am häufigsten bei Scrofulosis; sie bleiben 
auch bei früher Gesunden oft nach acuten Exanthemen (Blattern, Ma- 
sern, Scharlach) zurück ; sie entwickeln sich, wenn sonst gesunde Indi- 
viduen zur Zeit, wo sie von einfachem Nasenkatarrh befallen sind, den 
regelmässigen Verlauf und Ausgang durch unzweckmässiges Verhalten, 
namentlich durch wiederholte Verkältung dieses Leiden in einen chro- 
nischen Zustand überführen; sie stellen sich allmälig ein beim Bewoh- 
nen feuchter, besonders neu gebauter oder frisch ausgeweisster Stuben. 
Daher dürfte auch das ganz entschieden häufigere Vorkommen von 
Thränensackfisteln bei der ärmeren Volksklasse zu erklären sein. 

Blennorrhoe des Tbränenschlauches und ihre Folgezustände kön- 
nen endlich bedingt sein durch mechanische Verstopfung der Nasen- 
mündung desselben, durch Polypen, durch Narben nach Geschwürsbil- 
dung, namentlich in Folge von Syphilis und von Blatterneruption, durch 
fremde Körper (z. B. eine Erbse) im untern Nasengange u. dgl. Das- 
selbe kann geschehen, wenn der in dünnen Knochen eingeschlossene 
Thränennasengang durch Pseudopläsmen im mittlem Nasengange oder 
in der Highmorshöhle durch Schleimanhäufung in dieser , durch Kno- 
chenauftreibung u. dgl. comprimirt wird. (Ich habe in mehreren Ca- 
davern mit Verlust der Nasenknorpel und Blennorrhoe des Tbränen- 
schlauches den untern Theil desselben in einen fibroiden Strang ver- 
wandelt gefunden.) 



LT. Entzündung des Thränensackes, Dacryocystitis. 

Symptome. Dieser Ausdruck wurde für jenen Zustand eingeführt, 
wo nebst der Schleimhaut und der Tunica propria des Thränensackes 
auch die über demselben gelegene Cutis entzündet ist. Sie charakterisirt 



Entzündung des Thränensackes — Symptome — Verlauf. 401 

sich jederzeit durch eine de?' Lage und der Form des Thränensackes ent- 
sprechende, mehr weniger deutlich umschriebene, und mehr weniger em- 
porragende rothe, wärmere, gegen Druck empfindliche und Anfangs pralle 
Geschwulst. Niemals lässt sich, sobald die entzündlichen Zufälle eini- 
g-erinassen heftig- sind, der Thränensack gegen die Nase, meistens auch 
nicht gegen das Auge hin entleeren. 

Bei acutem Verlaufe wird sie durch starke ödematöse (daher weiche 
und unschmerzhafte, weder von merklicher Temperaturerhöhung noch 
Ton erheblicher Röthe begleitete) Anschwellung der flachsten Umgebung, 
namentlich der Augenlider begleitet. Sehr oft ist auch die Conjunctiva 
bulbi besonders in der innern Hälfte geröthet und stark serös infiltrirt. 
Da ein solches Ödem auch bei acuten Bindehautentzündungen, bei Pe- 
riostitis, bei Hordeolum und bei subcutaner oder in der Orbita sitzender 
eitrig schmelzender Bindegewebsinfiltration vorkommt, und da auch das 
Erysipel dieser Gegend ähnliche Erscheinungen erregt, so kann eben 
nur eine genaue Untersuchung des Thränensackes vor Verwechslung 
schützen. Denn die übrigen Zufälle, als: Thränenträufeln, Schmers in 
der betreffenden Gegend (gewöhnlich als tiefsitzend, bohrend und äus- 
serst heftig bezeichnet), Gefühl von Trockenheit der entsprechenden 
Nasenhälfte und Fiebererscheinungen sind nicht constant und auch nicht 
ausschliesslich dieser Affection zukommend. 

Verlauf und Ausgänge. Je rascher und heftiger sich diese Zu- 
fälle entwickeln, desto sicherer und früher kommt es zum Durchbruche. 
Die Geschwulst wird an einer unterhalb des Augenlidbandes gelegenen 
Stelle erhabener, dann weich und schwappend und lässt allmälig den in 
der Tiefe gebildeten Eiter durchscheinen, der sich endlich entleert. — 
Bei minder stürmischem Auftreten geschieht es bisweilen, dass die Er- 
scheinungen allmälig zurückgehen und entweder völlige Genesung ein- 
tritt oder über kurz oder lang die Zeichen einfacher Blennorrhoe (wie- 
derj auftauchen. Auch nach erfolgtem Durchbruche kann, selbst wenn 
vor der Dacryocystitis Blennorrhoe bestanden hatte, permanente oder 
doch temporäre Heilung eintreten, obwohl die Hinterlassung einer Thrä- 
nensackfistel der häufigere Ausgang ist. 

In andern Fällen entwickelt sich die obgenannte Thränensackent- 
zlmdung langsam und ohne heftige Zufälle, namentlich ohne beträcht- 
liches Ödem der Umgebung. Diess geschieht nur dann, wenn schon 
längere Zeit Thränenschlauchblennorrhöe bestanden hat und die katar- 
rhalische Verschwärung an der vordem Wandung spontan auftritt. Die 
Haut über dem Thränensacke wird, gleichviel ob dieser schon beträcht- 
lich ausgedehnt war oder nicht, unterhalb des Augenlidbandes dunkel- 

Arlt Augenheilkunde. III. 26 



402 Thränenorgane. 

roth, livid, wärmer und schmerzhaft; dabei erhebt sich die Geschwulst 
mehr und wird bald weich, teigig anzufühlen ; sofort zeigen sich ein oder 
mehrere Eiterherde unter der unterminirten Cutis, durchbrechen jedoch 
diese gar nicht, oder erst spät und nicht immer an diesen Stellen, die 
dann einsinken, sondern bisweilen weit davon entfernt im Bereiche des 
untern Lides oder selbst erst vor dem Oberkiefer- oder Wangenbeine* 
einen oder mehrere fistulöse Gänge bildend, welche unter dem Muse, 
orbicularis verlaufen. 

Solche Fälle sind — meines Erachtens — seit Richter und Beer als Anchylops (ro- 
senartige Nasenwinkelgeschwulst, Zellgewebsentzündung über dem Thränensacke) aufge- 
fasst und beschrieben worden. Es genügt, die betreffenden Beschreibungen z. B. von 
Beer*) genan durchzugehen, um diese Behauptung so zu sagen zwischen den Zeilen 
selbst herauszulesen. Ich habe noch nie einen Fall von sogenanntem Anchylops ohne Er- 
krankung des Thränenschlauches zu sehen bekommen. Andreae**) und Andern scheint 
es ebenso gegangen zu sein. 

Der Durchbruch des Thränensackes erfolgt in der Eegel nach vorn unterhalb des 
Augenlidbandes; doch sind auch Fälle bekannt, wo die Entleerung durch das Thränen- 
bein geschah, und Beer ***) citirt einen Fall von Vogel, wo sich das Contentum des Thrä- 
nensackes durch die äussere Wandung unter der Cutis und dem Schliessmuskel entleerte 
und bis unter den äussern Augenwinkel hin vordrang. 

In Folge dieses Vorganges bleiben gern schwer oder gar nicht heil- 
bare Thränensackfisleln zurück. Da derselbe ohne Zweifel oft das Re- 
sultat spontaner katarrhalischer Verschwärung der Schleimhaut ist, und 
diese nicht selten an mehreren isolirten Herden nach einander oder zu- 
gleich auftritt, so darf es uns nicht wundern, dass wir bei den betref- 
fenden Individuen nach diesem Vorgange theils Stricturirung oder wirk- 
liche Verwachsung im Thränennasengange, theils auch Blosslegung des 
Knochens (Thränenbeins oder Oberkiefers) finden. Die letztere Compli- 
cation hat man insgemein als cariöse Thränensackfistel (mit Caries com- 
plicirte) bezeichnet, obgleich Blosslegung des Knochens noch nicht Ca- 
ries ist. Die Blosslegung des Knochens ist demnach in der Regel der 
consecutive, durch die katarrhalische Phthisis und die corrodirende Jauche 
bedingte Zustand. Nur bei Syphilis und bei Tuberculosis ist bisweilen 
wahre und vom Knochen selbst, nicht vom Thränensack aus entste- 
hende Caries vorhanden, der Thränensack möglicherweise consecutiv 
ergriffen. 

Ein viel seltnerer Ausgang der Thränensackentzündung ist der in 
gegenseitige Verwachsung seiner Wandungen und theilweise oder gänz- 
liche Verödung des Thränensackes. Sie erfolgt auf dieselbe Weise, wie; 

*) 1. c. Bd. I. S. 331—339. 
**) Grundriss der Augenheilkunde, Leipzig, 1846. Th. II. S. 99. 
***) Lehre von den Augenkrankheiten, Wien, 1792. Th. I. S. 131. 



i 



Entzündung des Thriiitensackes — Ausgänge — Ätiologie. 403 

die Stricturirung und Verwachsung des Thränennasenganges , in Folge 
oft wiederkehrender und ausgebreiteter Gesell würsbildung; daher geht 
ihr gewöhnlich der Bestand einer Thränensackfistel oder öfter wieder- 
kehrende Thränensackentzündung voraus. Bei der totalen findet man 
den Sack einige Zeit von einer harten oder doch prallen Masse ausge- 
füllt, allmälig eingezogen, bisweilen trichterförmig (an der frühern Fi- 
stelmündung). Einspritzungen in die Thränenröhrchen gehen weder in 
die Nase, noch bewirken sie Aufblähung des Thränensackes; ist die 
Partie noch frei, so können sie durch das andere Thränenröhrchen re- 
gurgitiren. Das Anfangs starke Thränenträufeln vermindert sich mit der 
Abnahme der entzündlichen Erscheinungen und Consolidirung des Nar- 
bengewebes, tritt jedoch bei gesteigerter Thränenabsonderung immer 
mehr weniger belästigend wieder auf. Ob diese Erscheinung von ver- 
minderter Absonderung der Thränen oder aber von vermehrter, gleich- 
sam vicarirender Aufsaugung durch die Bindehaut herrühre, wissen wir 
nicht. 

Die Ätiologie der Thränensackentzündung ist im Allgemeinen die 
der Thränenschlauchblennorrhöe. Sie entsteht wahrscheinlich niemals, 
ohne dass Katarrh oder Blennorrhoe durch einige Zeit vorangegangen 
ist und ist dann nur als Steigerung dieser erstem, als Übergreifen der 
Entzündung auf die Cutis zu betrachten; sie entwickelt sich, wie ge- 
sagt, entweder spontan durch Entstehung kleiner Eiterherde in der blen- 
norrhoisch afficirten Schleimhaut, oder als Steigerung durch das Hinzu- 
treten äusserer Schädlichkeiten, vielleicht auch in Folge übermässiger 
Ausdehnung, wenn diese rascher erfolgt. Auch in Folge von Entzün- 
dung der Schleim- und Beinhaut der Highmorshöhle, bedingt durch 
Zahncaries, sah ich Entzündung des Thränensackes entstehen. 



TTT. Thränensackfistel, Fistula sacci lacrymalis, 

minder richtig Thr'anenfistel nennen wir jede Öffnung, welche vom Thrä- 
nensacke nach aussen durch die Cutis führt, und entweder ein erst vor 
Kurzem nach Dacryoeystitis entstandenes Geschwür darstellt, oder an 
der Cutis bereits mehr weniger callöse Ränder oder Wucherungen zeigt. 
Symptome. Die Thränensacköffnung befindet sich jederzeit unter- 
halb des Augenlidbandes, bald gerade nach vorn, bald mehr zur Seite 
nach aussen; die Hautöffnung liegt der Thränensacköffnung gegenüber 
oder tiefer unten, bisweilen auch weit nach aussen, gegen das Wangen- 
bein hin. Es können übrigens auch mehrere Hautöffnungen und Hohl- 

26* 



404 Thränenorgane. 

gärige zur Thränensacköffnung führen. Die Hautöffnung bildet ein ver- 
schieden grosses offenes oder durch Borken verdecktes Geschwür, mit 
frisch-infiltrirten oder bereits callösen Rändern unigeben; die sogenann- 
ten Haartisteln zeigen bloss eine haarfeine, nur durch das Aussickern 
einer wasserklaren Flüssigkeit erkennbare Mündung. 

Wenn die Hautöffhung nicht zu weit vom Thränensacke entfernt 
liegt, und die Infiltration der Umgebung nicht mehr beträchtlich ist, 
wird man immer finden, dass die in derselben stehende Flüssigkeit mit 
dem Augenlidschlage steigt und fällt. Wird der Thränensack von oben 
her mit dem Finger comprimirt, so entleert sich sein Contentum durch 
die Hautöffnung. Träufelt man nach solcher Entleerung in den Binde- 
hautsack eine gefärbte Flüssigkeit (Cochenilletinctur, Safranwasser u. 
dgl.), so tritt diese nach mehrmals erfolgtem Augenlidschlage zur Haut- 
öffnung heraus; dasselbe geschieht mit Injectionen durch die Thränen- 
röhrchen. Diese Zeichen setzen die Durchgängigkeit der Thränenröhr- 
chen voraus. Ist die Hautöffnung nicht zu weit unten oder seitlich, so 
kann man mit einer Sonde nicht nur in den Thränensack eindringen, 
sondern auch seine Dimensionen, namentlich über das Augenlidband 
hinauf ermitteln, und befindet sich die Hautöffnung nicht zu tief unten, 
so gelingt auch die Einführung der Sonde in den Thränennasengang, 
falls dieser nicht verwachsen ist. Mit Hilfe eines und des andern die- 
ser Kennzeichen wird man jederzeit im Stand sein, zu bestimmen, ob 
eine in dieser Gegend befindliche Hautöffnung in den Thränensack führe 
oder nicht. Die Angaben des Kranken über das Vorausgegangene kön- 
nen wohl in der Regel nützliche Fingerzeige geben, aber auch leicht 
irre leiten. 

Ätiologie. Eine Thränensackfistel entsteht immer nur in Folge 
von Thränensackentzündung. Es ist weder wahrscheinlich, noch durch 
sichere Beobachtungen constatirt, dass einfache Verwundungen der vor- 
dem Wand des Thränensackes ein solches Leiden bedingen können. 
Auch die Entstehung aus Entzündung des benachbarten Bindegewebes 
(Anchylops), ja selbst die aus Caries am Thränenbeine ist problematisch, 
mindestens viel seltener, als Einige angenommen haben. Wenn bei 
Syphilitischen oder Scrofulösen neben Caries am Thränen- oder Ober- 
kieferbeine eine Thränensackfistel vorkommt, so ist noch nicht erwie- 
sen, dass diese die Folge von jener sei; die Caries hindert nicht, dass 
eine Thränensackaffection auch aus einer andern Ursache, z. B. allge- 
meiner Schleimhauterkrankung der Nasen- und ihrer Nebenhöhlen ent- 
stehe. Die Caries kann auch secundär, Folge länger dauernder Kno- 
ehenentblössung durch das Schleimhautgeschwür sein. 



Thräneiisackfistel — Ätiologie — Behandlung. 405 



Nicht jede Thränensackentzündung hinterlässt, auch wenn es zum 
Aufbruche des Thränensackes gekommen ist, desshalb schon eine Fi- 
stel. Diess geschieht nur dann, wenn die Durchgängigkeit des Thränen- 
nasencanales nicht bald wieder hergestellt wird. In manchen Fällen 
von Dacryocystitis schliesst sich die Öffnung wohl auch, bei verminderter 
Wegsamkeit des Thränennasenganges, aber es kommt nach kürzern 
oder längern Pausen immer wieder zum Aufbruche, bis endlich die 
Öffnung bleibend wird, oder der Thränensack verödet. Der eigentliche 
Grund des Fortbestandes der Thränensacköffnung ist demnach, falls nicht 
etwa überdiess Caries vorhanden ist, in der verminderten oder aufge- 
hobenen Durchgängigkeit des Thränennasenganges zu suchen. Auf 
welche Weise diese herbeigeführt und unterhalten werden könne, er- 
gibt sich aus dem, was wir über die Ätiologie und den Verlauf der 
Thränenschlauchblennorrhöe gesagt haben. Zur Eruirung des Zustan- 
des des Thränennasencanales ist die Untersuchung desselben mit einer 
Sonde nothwendig, wovon wir weiter unten sprechen werden. 

Behandlung;. Bei einer grossen Zahl von Thränenschlauchleiden 
lässt sich auf Wiederherstellung des normalen Zustandes gar nicht rech- 
nen: man muss sich begnügen, schlimmeren Zufällen vorzubeugen, oder 
an die Stelle des grösseren Übels ein kleineres zu setzen. So z. B. 
können wir viele Fälle von Blennorrhoe nicht heilen, aber wir können 
viel Erspriessliches thun und rathen, um den Übergang in Ektasie und 
in Fistelbildung zu verhüten; wir können manche Thränensackfistel nicht 
heilen, aber durch Verödung des Thränensackes so weit unschädlich 
machen, dass dem Kranken bloss das weit weniger lästige Thränenträu- 
feln übrig bleibt. 

Bei jedem Thränenschlauchleiden muss vor Allem aufs Sorgfältigste 
erhoben werden, wodurch dasselbe bedingt und unterhalten werde, um 
sich und den Kranken nicht unnöthig zu plagen. Man begnügt sich 
nur zu leicht mit der Erkenntniss der am Thränenschlauche vorhande- 
nen Abnormitäten und einer dagegen gerichteten örtlichen Behandlung; 
es muss aber jedenfalls nicht nur die Nasen- und Rachenhöhle genau 
untersucht, sondern es muss auch weiterhin so viel als möglich eruirt 
werden, ob und welche Regelwidrigkeiten im Allgemeinbefinden und in 
den diätetischen Verhältnissen des Kranken vorkommen, die mit der 
örtlichen Affection in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden kön- 
nen und müssen. Welche Momente hier vorzüglich in Betracht zu ziehen 
seien, wurde bereits bei der Ätiologie der Thränenschlauchblennorrhöe 
angedeutet. Es ist einleuchtend, dass ohne Beseitigung derselben auch 
durch die zweckmäßigste örtliche Behandlung an eine dauerhafte Hei- 



406 Tliräiienorgane. 

lung nicht zu denken sei. Leider ist eine der Causalindication entspre- 
chende allgemeine, diätetische und pharmaceutische Behandlung bei vielen 
Individuen unmöglich oder aber fruchtlos, wenn auch keine an und für 
sich unbeseitigbaren örtlichen Hindernisse, wie z. B. Stricturirung oder 
Obliteration des Thrännennasenganges, vorhanden sind. 

a) Bei Blennorrhoe des Thrünenschlauches überzeuge man sich zu- 
nächst, ob sie etwa durch rein locale Hindernisse bedingt ist, z. B. 
Nasenpolypen, fremde Körper, und entferne dieselben. Sind solche 
mechanische Hindernisse von der Art, dass sie nicht beseitigt werden 
können, wie z. B. Narben nach Syphilis, so kann die Blennorrhoe nicht 
anders als durch Verödung des Thränensackes gehoben werden. Bei 
syphilitischer Schleim- oder Beinhautentzündung muss erst der Erfolg 
einer entsprechenden allgemeinen Behandlung abgewartet werden. Eben- 
so muss bei Scrofulosis und bei andern, durch regelwidrige diätetische 
Verhältnisse herbeigeführten Schleimhautleiden vor Allem diesen Momen- 
ten nach allgemeinen therapeutischen Grundsätzen Rechnung getragen 
werden. 

Sodann suche man so viel als möglich zu eruiren, ob nicht etwa 
durch die Blennorrhoe selbst schon unheilbare Veränderungen herbei- 
geführt worden seien, Stricturen oder Verwachsung des Thränennasen- 
ganges, starke Ektasie des Thränensackes mit mehr weniger Atrophi- 
rung der Schleimhaut, Obliteration der Thränenröhrchen. Die Möglich- 
keit, den Thränensack nach der Nase hin zu entleeren, schliesst Strictu- 
ren des Thränennasenganges nicht aus, und die Unmöglichkeit setzt 
noch keineswegs nothwendig Verwachsung voraus. Ohne Anwendung 
der Sonde nach künstlicher Eröffnung des Thränensackes können wir 
oft nur mit Wahrscheinlichkeit auf die Beschaffenheit der Schleimhaut 
schliessen. Wenn die Blennorrhoe schon lange bestanden hat, wenn 
beim Ausdrücken längere Zeit ein sehr dickes und eiterförmiges oder 
ein blutstriemiges, oder gar ein übelriechendes Secret sich zeigt, wenn 
der Thränensack bereits eine deutlich umschriebene bohnenförmige oder 
noch grössere Geschwulst bildet, wenn seine häutige Wandung und die 
nächste Umgebung chronisch infiltrirt und indurirt erscheint, besonders 
aber, wenn bereits Dacryocystitis und temporäre Fistelbildung ein oder 
mehrere Male intercurrirte : dann kann man mit mehr weniger Wahr- 
scheinlichkeit annehmen, dass nicht mehr einfache Aufwulstung der 
Schleimhaut, sondern schon katarrhalische Verschwärung, Stricturirung 
oder selbst Obliteration des Thränennasenganges eingetreten sei. 

Stellt sich die Wahrscheinlichkeit überwiegend für einfache Blen- 
norrhoe {mit blosser Schwellung oder Hypertrophirung) heraus, so lasse 



Behandlung der Thräiieiischlaiichbleiinorrhöe. 407 

man bei der allgemeinen diätetischen und (wo solche nöthig erscheint) 
pharmazeutischen Behandlung - das Contentuni ßcissig ausdrücken und 
3 — 4mal des Tages unmittelbar nach möglichst vollständiger Entleerung 
ein Collyrium wie beim chronischen Bindehautkatarrh in den innern Win- 
kel träufeln. Dabei muss der Kranke einige Minuten eine solche Lage 
annehmen, dass das Collyrium von den Thränenröhrchen gut aufgenom- 
men werden könne. Vor dem Einschlafen lasse man Unguentum cine- 
rciun an die Gegend des Thräne?isackes und die nächste Umgebung ein- 
reiben; zu läugereni Gebrauche eignet sich besser eine Salbe aus 3 — 6 
Gran weissem Präcipität oder Jodkalium auf 1 Drachme Fett. In eini- 
gen Fällen hat mir das Aufstreichen von Tinct. jodinae auf die Gegend 
des Thräuensackes treffliche Dienste geleistet, wie diejenigen wissen, 
welche in den letztverflossenen 2 Jahren meine Klinik besuchten. 

Ich ziehe die Einträuflung adstringirender Collyrien nach jedesmaliger Ausdrückung 
des Thränensaekes den Einspritzungen durch die Thränenröhrchen vor. Eine hinreichend 
feine Spritze, so dass die Thränenröhrchen nicht zu sehr ausgedehnt werden, und die ge- 
hörige Fertigkeit, so dass weder Zerrung und Schmerzen, vielweniger denn Zerreissungen 
"bewirkt werden, kann und soll sich jeder aneignen, der Augenheilkunde betreiben will; 
aber die Einspritzungen müssen, wenn man damit etwas ausrichten will, mindestens des 
Tages einmal gemacht werden, und das ist bei einer Cur, die im Allgemeinen auf Mo- 
nate, nicht auf Wochen zu berechnen ist, wohl in Anschlag zu bringen. Da die Binde- 
haut ohnehin fast ohne Ausnahme die Zeichen chronischen Katarrhes darbietet, so wird 
ihr Zustand solche Einträuflungen kaum je contraindiciren. Ich bediene mich meistens 
des Lapis divinus oder des Sulfas zinci; die Lösungen von Arg. nitricum zersetzen sich 
vor der Aufsaugung und verursachen leicht die bekannte Verfärbung nicht nur der Cutis, 
sondern auch der Bindehaut. 

Zur Injection nimmt man eine Anel'sche Spritze, am besten mit einem geraden An- 
satzrohr, das wenigstens vorn nicht über ' 3 Pariser Linie dick sein darf, daher aus Gold 
angefertigt wird. Um dieses Rohr bequem einzubringen, ist es bisweilen nöthig, den 
Thränenpunkt durch vorläufige Einfuhrung einer dünnen ungeknöpften Sonde etwas aus- 
zudehnen. Die zur Sondirung vorgeschlagenen Schweinsborsten können meines Erach- 
tens vorn nie so abgerundet werden, dass sie nicht kratzen. — Man wählt zum Ein- 
spritzen gewöhnlich den untern Thränenpunkt, nicht weil er weiter, sondern in der Re- 
gel bequemer gelegen ist. Will man das untere Thränenröhrchen der linken Seite son- 
diren oder injiciren, so setze man den Kranken so, dass sein 3£opf mit der linken Hand 
leicht an eine "Wand oder Sessellehne angedrückt werden kann, ziehe das untere Lid 
mit dein Zeigefinger der linken Hand aus-, mit dem Mittelfinger etwas abwärts, und führe 
die Sonde (Spritze) etwa eine halbe Linie tief ein, in einer Position, welche gestattet, 
die Richtung der Sonde (Spritze) sofort so zu ändern, dass sie dem ferneren Verlaufe des 
Thränenröhrchens entspricht. Behufs der Einspritzung soll man nicht bis unter das Au- 
genlidband, sondern nur etwa 2 — 3'" weit vordringen. 

Hat man nach längerer Fortsetzung dieser Behandlung (einige Mo- 
nate) oder gleich Anfangs (aus den oberwähnten Zufällen) die Überzeu- 
gung gewonnen, dass dieselbe nicht ausreicht, und wünscht der Patient 



40S Thräneiiorgane. 

von den lästigen Zufällen der Blennorrhoe befreit zu sein, selbst auf die 
Gefahr hin, dass ihm möglicherweise für immer etwas Thränenträufeln 
zurückbleibe, so schreite man zur Ei^öffiiung des Tkränetisackes , und 
versuche, ob nicht jetzt sich der normale Zustand des Thränenschlauches 
wieder herstellen lasse, ehe man zum letzten Mittel, der Verödung 
schreitet. Dieser Eingriff wird in den Augen des Patienten besonders 
dann gerechtfertigt erscheinen, wenn bereits Dacryocystitis und temporäre 
Fistelbildung vorhanden waren, oder wenn der Thränensack sehr stark 
ausgedehnt ist. 

Die Eröffnung des Thränensackes ist nicht schwer, sobald derselbe von Schleim 
mehr weniger ausgedehnt ist. Da man sie aber doch vorher an Cadavern geübt haben 
muss, besonders um das Sondiren zu lernen, so will ich hier die von mir schon 1841 
angegebene und seitdem geübte Methode der Eröffnung und Sondirung beschreiben. 

Das Messer, dessen ich mich bediene, ist ein einfaches Spitzbistomü ; die Sonde 
ist nicht geknöpft, sondern stellt einen langgestreckten, an der Spitze und Basis wohl 
abgerundeten Kegel dar; sie ist ohngefähr 4" lang, an der Spitze etwa '/3, an der Ba- 
sis z li" im Durchmesser, am besten von Silber. Beide Instrumente können immer mit der 
rechten Hand geführt werden. 

Soll der linke Thränensack eröffnet werden, so greife man, wenn der Kopf hinten 
gestützt ist, mit der linken Hand über die Stirn des Kranken so herüber, dass man die 
Augenlider mit dem an die äussere Commissur angelegten Daumen stark aus- und etwas 
aufwärts ziehen kann, um das Augenlidband zu spannen und vortreten zu machen. Um 
die Führung des Messers nicht zu hindern, muss der Vorderarm oberhalb der Stirn zu 
liegen kommen. Wer diess nicht gut zu Stande bringt, kann die Hand auch vor der 
Wange so anlegen, dass er die äussere Commissur mit dem Mittel- oder Zeigefinger aus- 
wärts ziehen kann. (Bei der Operation auf der rechten Seite legt man die Finger der 
linken Hand an das Seitenwandbein und spannt die Lider mit dem Daumen nach aussen 
und oben.) Hierauf nimmt man das Messer, dessen Klinge nicht über 1 l /-z" lang sein 
soll, so in die rechte Hand, dass der Daumen auf die eine, Zeige- und Mittelfinger (mit 
der Pulpa) auf die andere Seite zu liegen kommen, die Schneide zur Hohlhand gerichtet, 
und führt dasselbe in einer Ebene, die ich die Operationsebene zu nennen pflege. Um 
diese zu bestimmen, denke man sich eine Linie (Sonde) von der Spitze der Nase zur 
äussern Commissur gezogen, und durch den Punkt, der diese halbirt, so wie durch den 
Halbirungspunkt der gespannten Sehne des Orbicularmuskels eine Ebene so gelegt, dass 
dieselbe senkrecht auf jener Linie (Sonde) stehen würde. Ist nun das Messer so mit der 
Spitze unter dem Mittelpunkte der genannten Sehne angesetzt, dass seine Schneide (ver- 
längert gedacht) die gedachte Linie (Sonde) •halbiren würde, so stösst man, die Hand mit 
dem kleinen und Ringfinger an" die Wange stützend*), dasselbe senkrecht (d. i. bei ver- 
ticaler Haltung des Kopfes mit horizontal verlaufendem Rücken) etwa V" tief ein, hebt 
nun, ohne aus der Operationsebene zu weichen, und ohne tiefer einzudringen oder die 
Spitze zurückzuziehen, das Heft so weit empor (gegen den obersten Theil der Nasenwur- 
zel), bis der Rücken der Klinge beinahe an der Cutis anliegt, und stösst es etwa 2 — 3"' 
abwärts (mit nach unten, ein wenig nach hinten, und auswärts gerichteter Spitze), so- 
dass die Hautwunde 2—3"' lang wird. Ist das Messer richtig geführt, so bleibt es, falls, 

*) Wird dio Hand frei gehalten, so kann man die Kraft, mit der man sticht, nicht so gut bemessen. 



Behandlung der Thräiieiischlauchblennorrhöe. 409 

es noch tiefer hinabgestossen wird, frei stehen, und seine Schneide sieht gegen die ge- 
nannte Halbirungslinie hin. Will man die Hautwunde grösser haben, so bewirke man 
diess durch Senkung des Heftes beim Zurückziehen, nicht durch tieferes Hinabstossen. 

Man kann sich den Einstichspunkt auch dadurch ermitteln, dass man bei ange- 
spannter Orbicularmuskelsehne mit dem Finger die Leiste des Oberkiefernasenfortsatzes 
aufsucht, welcher die Thränensackgrube bilden hilft. Jene Sehne und diese Leiste bilden 
einen Winkel, in dessen Spitze man das Messer ansetzen, und dessen Raum man durch 
die Schnittlinie halbiren soll. Schlemm empfiehlt das Messer nach gehörig angesetzter 
Spitze mit ab- und auswärts gewendeter Schneide gleich von oben nach unten so einzu- 
senken, als wollte man mit derselben auf den Winkel des Unterkiefers der entgegenge- 
setzten Gesichtshälfte vordringen. HyrtVs Rath, den Thränensack unterhalb des Augen- 
lidbandes quer, d. i. parallel diesem Bande aufzuschlitzen, scheint keinen Anklang ge- 
funden zu haben, die Wunde würde alsdann die Muskelfasern quer vom Augenlidbande 
trennen. Bei unserer Methode werden die Muskelfasern nur getrennt, nicht quer durch- 
schnitten. Pouteaus Vorschlag, die Eröffnung vom Bindehautsacke aus vorzunehmen, ist 
mit Recht verworfen worden. Das Augenlidband mit zu durchschneiden, wie Richter 
gethan, ist mindestens überflüssig, wenn auch vielleicht nicht direct nachtheilig; wir 
glauben nicht, dass dabei die Thränenröhrchen durchschnitten werden möchten, weil sie 
sich nie bis zur Mitte des Augenlidbandes hin erstrecken. — Wir rathen, mit dem Mes- 
ser nicht gleich ab- sondern erst rückwärts einzustechen, weil man sonst leicht ausser- 
halb des Thränensackes herabgleiten kann. Dass man die vordere Wand des Schlauches 
durchbohrt habe, erkennt man bei einiger Übung am Gefühle, so gut jeder Geübte es 
fühlt, ob er mit dem Keratom in die Augenkammer oder bloss in die Cornea eingedrun- 
gen ist. — Die Abdachung der häutigen Wandung des Thränensackes von der Oberkie- 
ferleiste zum Thränenkamm ist steiler, flacher bei niedriger Nasenwurzel ; unsere Methode 
berücksichtigt diese anatomische Verschiedenheit, indem sie die Lage der Operationsebene 
vom Bau der Nase abhängig macht. Das Messer wird somit immer senkrecht auf die 
Wandung des Thränensacks (die tangirende Ebene) aufgesetzt, und gleitet demnach we- 
der nach aussen noch nach innen davon ab, was bei der geringen Breite des Thränen- 
sackes leicht geschehen könnte, wenn man z. B. gerade von vorn nach hinten (also par- 
allel der Medianebene des Kopfes) einstechen würde. 

Ist der Thränensack eröffnet, so nimmt man die Sonde so wie früher das Messer 
zwischen die Finger, und führt, sich auf dieselbe Weise an die Wange stützend, ihr di- 
ckeres Ende in derselben Richtung ein, wie beim Einstiche das Messer. So wie man 
fühlt, dass man an die hintere (harte) Wand des Thränensackes anstösst, hebt man ihr 
dünneres Ende, die Operationsebene verlassend, so gegen den Orbitalrand empor, dass sie 
ohngefähr 2 — 3'" einwärts von der Incisura supraorbitalis knapp an die Cutis anzuliegen 
kommt. Hat man bei dieser Bewegung die hintere Wandung nicht mit der Sonde ver- 
lassen, so braucht man sie jetzt mir in der gegebenen Richtung an der hintern Wand 
ohne allen Druck herabgleiten zu lassen, und ist mit ihr sicher im Thränennasengange. 
Die Stelle, wo der Nervus supraorbitalis aus der Orbita heraustritt, lässt sich auch in 
jenen Fällen, wo derselbe durch einen förmlichen Canal verläuft, jederzeit an einer Ein- 
kerbung des Orbitalrandes erkennen, wenn man diesen von unten her betastet. — Bei 
hohem Nasenrücken und stark vorspringendem Augenbrauenbogen muss man die Sonde 
ein wenig krümmen und bei rückwärts gewendeter Convexität einführen, weil man sonst 
sich leicht an der bisweilen ziemlich stark entwickelten Falte zwischen Thränensack und 
Thränennasengang verfangen, die Schleimhaut und selbst den Knochen durchstossen könnte- 



410 Thränenorgaiie. 

Bei der entgegengesetzten Gesichtsbildung kann man, wenn man die Sonde nicht an der 
hintern Wandung anliegen und herabgleiten lässt, leicht in den nach vorn und aussen 
gelegenen Sinus des Thränensackes kommen, und dieser unangenehme Zufall ereignet sich 
uoch leichter, wenn man der Sonde eine zu starke Tendenz nach aussen gibt, sie oben 
weiter als höchstens 3'" von der genannten Einkerbung einwärts anlegt. — Stösst man 
auf ein Hinderniss, so wende man ja keine Gewalt an, sondern ziehe die Sonde ein we- 
nig zurück und corrigire ihre Richtung; man könnte sonst leicht nach durchstossener 
"Wandung des Thränenschlauches zwischen ihm und dem Knochen in die Nasenhöhle 
dringen. Geschähe eine solche ForQirung bei zu weit vorwärts gerichtetem oder gar nicht 
im Thränensacke befindlichen untern Ende der Sonde, so könnte man — wie es wirklich 
geschehen ist — vor dem Thränensacke und selbst vor dem Oberkieferknochen hinab 
dringen, gleichwie man bei zu starker Ablenkung nach aussen in die Augenhöhle gelan- 
gen würde. 

Die Sonde genau und sicher in der Richtung des Thränenschlauches einführen zu 
können, ist von grösster Wichtigkeit. Denn käme man bei einem Kranken nicht bis in 
die Nase, ohne AVeichtheile zerrissen zu haben, so kann man nur dann auf Verwachsung 
schliessen, wenn man sicher ist, dass man die Sonde nicht nur im Thränenschlauche, 
sondern auch in der gehörigen Richtung bewegt. Diese Sicherheit lässt sich nur durch 
vielfache und wiederholte Übung gewinnen. Mir sind einige Fälle vorgekommen, wo man 
TJn durchgängigkeit des Thränennasenganges angenommen hatte, und dennoch die Sonde 
ohne Zerreissung von Weichtheilen durchgeführt werden konnte. 

Statt der von Stahl (1702) zuerst vorgeschlagenen und von Louis Petit geübten 
Eröffnung des Thränensackes empfahl Anel (1712) das obere Thränenröhrchen zur Ein- 
führung einer dünnen Sonde in den Thränenschlauch zu benützen, und La Forest (1730) 
führte eine ohngefähr S-förmig gekrümmte Sonde durch die Nase ein, welches Verfahren 
später von Dubois und von Gensoul (in Lyon) nach zweckmässiger Verbesserung der Sonde 
mehr in Aufnahme gebracht wurde. — Anel's Methode lässt sich nicht ohne bedeutende, 
und daher leicht nachtheilige Zerrung der Thränenröhrchen, wenn auch ohne Verletzung 
der häutigen Wandung des Thränenschlauches, ausführen ; diese Anwendung der Sonde 
gibt uns nie einen sichern Aufschluss über die Beschaffenheit des Thränennasencanales 
und kann auch dem therapeutischen Zwecke (der mechanischen Dilatation) niemals ent- 
sprechen, da ]eine viel zu dünne Sonde genommen werden muss. — Die Einführung der 
Gensoal'schen Sonden und Katheter kann an Cadavem leicht so eingeübt werden, dass 
man darin nicht nur Fertigkeit, sondern auch eine gewisse Sicherheit erlangt. Wer in- 
dess die Nasenmündung des Thränenschlauches aus vielfacher Anschauung kennen gelernt 
hat, wird es begreiflich finden, dass diese Methode so unschuldig nicht ist, als Manche 
glauben machen wollen. Diese Mündung ist oft so klein und dazu noch durch ein pa- 
pierdünnes Schleimhautfältchen gedeckt, dass "man, selbst wenn sie dem Auge zugänglich 
wäre, beim Eindringen mit den genannten Instrumenten noch oft genug gewaltsame Zer- 
rung, wo nicht Zerreissung bewirken würde. Wenn wir auch dieser Schleimhautfalte 
nicht die Bedeutung eines Luftventils zuschreiben können, so halten wir doch schon die 
gewaltsame Ausdehnung, geschweige denn Einrisse derselben für nichts weniger als gleich- 
giltig. Überdiess kann eine stark nach der betreffenden Seite herüberstehende Nasen- 
scheidewand, abnorme Gestalt der Nasenmuschel, vor Allem aber Schwellung und Verdi- 
ckung der Schneiderschen Haut bedeutende, selbst unüberwindliche Hindernisse entgegen- 
setzen. Und ist man glücklich eingedrungen, so fehlt ein Hauptvortheil der durch die 
künstliche Öffnung von oben eingeführten Sonde, man kann nicht wie dort das Gefühl 



Behandlung der TliränenschlatichMennorrhöe. 411 

des Widerstandes zur Beurtheilung der Beschaffenheit der Schleimhaut benutzen. Die 
von oben frei eingeleitete Sonde versetzt so zu sagen unsern Tastsinn mitten in den Thrä- 
nenschlauch. 

Desshalb hat die Sondirung durch eine von selbst erfolgte oder absichtlich gemachte 
Öffnung an der vordem Wand des Thränensackes unläugbare Vortheile. Hasner, 1. c. S. 61 
"welcher der Ansicht ist, „dass man die Zerreissung der Klappe an der Nasenmündung 
bei vorsichtiger Führung des (?e>!soM/'schen Cylinders stets vermeiden könne," behauptet, 
„dass mau durch die Führung der Sonde von oben nach abwärts dieses Organ selbst bei 
der vorsichtigsten Führung unter 20 in 19 Fällen perforiren oder spalten müsse. Die 
Klappe sei nämlich schräg über den Thränenschlauch gespannt, und jedes Instrument, 
welches in dem letztern abwärts geführt werde, müsse dieselbe vor sich her drängen, 
spannen und zerreissen." Es ist nicht schwer, an Cadavern den Beweis zu fuhren, dass 
diese Angabe ganz irrig ist. Legt man den obern Theil der Sonde 2 — 3'" einwärts von 
der Incisura supraorbitalis an den Augenhöhlenrand, so gleitet ihr unteres Ende immer 
an der äussern Wandung des untern Nasenganges herab, und man wird bei diesem Vor- 
gange die Klappe kaum in 1 von 20 Fällen verletzen. — Wenn Hasner S. 90 sagt, ,,er 
sondire nur in solchen Fällen, wo die Dacryocystitis eine Complication anderer Krank- 
heiten des Thränenschlauches sei, z. B. bei Verwachsung des Maxillarstückes," so ist 
"wohl nur die Einführung der Sonde von oben gemeint, die doch verworfen wird ; wir 
begreifen übrigens nicht, wie man z. B. Verwachsung des Maxillarstückes schon vor der 
Anwendung der Sonde diagnosticiren könne, um sich erst durch eine solche Complication 
zur Anwendung der Sonde bestimmen zu lassen. 

Unmittelbar nach der Eröffnung- des Thränensackes schreite man 
noch nicht zur Untersuchung mit der Sonde, sondern bloss zu Ein- 
spritzungen lauen Wassers, um das in demselben angesammelte Secret 
völlig zu beseitigen. Das Engerwerden und Verwachsen der Öffnung 
verhindere man durch Einlegen von Charpie, welche jedoch gerade um- 
so tief eingeschoben werden darf, als der Zweck erheischt. Ist die Ab- 
sonderung der Schleimhaut des Thränensackes sehr reichlich, so dass 
sie denselben in 24 Stunden wieder beträchtlich ausdehnen oder gar 
den Charpiepfropf herausdrängen würde, so muss die Einspritzung täg- 
lich 2mal vorgenommen werden. Nach einigen Tagen gehe man zu ad- 
strinejirenden, ullmälig stärkern Ei?isp?'itzu?igen über (mit Zincum aceti- 
cum oder sulfuricum, Lapis divinus, Argentum nitricum). — Ist die Se- 
cretion minder reichlich und minder dick geworden, so lege man bei 
abwärts gerichtetem Spritzenschnabel den Finger so an, dass nichts neben 
der Spritze oder durch die Thränenpunkte zurück kann, um die Flüssig- 
keit wo möglich in die Nase zu treiben, falls, dieselbe nicht schon auch 
ohne diese Beihilfe dahin abgeflossen sein sollte, was in vielen Fällen 
gleich bei den ersten Einspritzungen geschieht. Erst jetzt ist es erlaubt 
den Thränenschlauch mit der Sonde zu untersuchen. In Fällen, wo die 
Injection gleich Anfangs oder doch in kurzer Zeit frei in die Nase ab- 
floss, und wo man nicht Ursache hat, Stricturen zu vermuthen, ist es 



412 Thränenorgane. 

gar nicht nothwendig zu sondiren. Wenn dann der Thränensack zum 
normalen Volumen zurückgekehrt ist und seine Wandung nicht mehr 
infiltrirt erscheint, wenn sein Secret nicht mehr trüb, sondern eiweiss- 
ähnlich ist, und auch der Zustand der Schleimhaut der Nase keine wei- 
tem Befürchtungen erregt, so lege man keine Charpie mehr in die Öff- 
nung, sondern bedecke diese bloss mit englischem Pflaster, und lasse 
sie sich allmälig* schliessen. Sollten die Ränder callös geworden sein, 
so werden sie durch Scarification oder einen dünnen Cylinder von Lapis 
infernalis wund gemacht. In sehr kleine Öffnungen schiebe man ein 
Splitterchen Lapis oder einen in Salpetersäure getauchten Silberdraht. 

Zu den Einspritzungen bediene ich mich einer durchaus gläsernen Spritze, welche 
ohngefähr einen Esslöffel Flüssigkeit fasst, 3 /i" dick -und 4 — 5" lang ist, und in ein etwa 
Rabenfeder-dickes, leicht gebogenes, gut abgerundetes Rohr endet. Die Charpiewicken. 
schiebe ich, wenigstens später, nicht mit der Sonde ein, um jede Verletzung und Zer- 
rung fern zu halten. Ich bilde etwa 7 — 8'" lange und V" dicke, fest zusammengedrehte 
Cylinder aus Charpie, welche (durch das Umschlagen) vorn gut abgerundet sind, und 
mache sie durch wiederholtes Eintauchen der vordem Hälfte in eine Gummilösung hart 
und glatt, so dass sich diese steife Hälfte bequem einlegen, die biegsame mit englischem 
Pflaster an die Haut wohl befestigen lässt. 

Zeigt sich die Untersuchung mit der Sonde nothwendig, so lasse 
man den Kranken so sitzen, dass man seinen Kopf mit der linken Hand, 
fixiren kann, und sorge dafür, dass er nicht während des Sondirens, 
gegen welches Manche ausserordentlich empfindlich sind (bis zum Ohn- 
mächtigwerden), in die Hand greife. Auch in krankhaft erweiterten 
Thränensäcken liegt der Eingang in den Nasencanal zu unterst nach 
hinten und innen, daher man sich immer an die Rinne des Thränen- 
beines zu halten hat. Stösst man auf Hindernisse, so ziehe man die 
Sonde ein wenig zurück, und corrigire nöthigenfalls ihre Richtung. Bei 
Verengerung durch einfache Hypertrophirung lässt sich die Sonde hinab- 
schieben, aber unter dem Gefühle, als würde sie etwa zwischen zwei 
Fingern gehalten, Stricturen fühlen sich hart an. Polypöse Excrescenzen 
am Eingang in den Nasencanal lassen sich umgehen. Entblösste oder 
cariöse Knochenpartien sind rauh, letztere zugleich mürb; bei Caries 
pflegt die silberne Sonde schwarz zu werden. Ob eine Verwachsung* 
häutig oder cylindrisch sei, dürfte sich durch die Sonde kaum ermitteln 
lassen, hat auch, da beide unheilbar sind, nichts zu bedeuten. 

Schwankt man zwischen Stricturirung und einfacher Hypertrophie, 
so führe man sogleich, oder bei grosser Empfindlichkeit erst nach eini- 
gen Tagen eine Darmsaite ein, Violin E oder A. Ein gradgestrecktes 
Stück, gegen l 1 /*" lang, wird an dem einen Ende gut abgerundet, an 
dem andern hakenförmig umgeknickt, so dass 4 — b'" zur Befestigung- 



Behandlung der Thräiiensackeiitzüiidung. 413 

ausserhalb des Thräuensackes abgebogen erscheinen. Dickere Saiten 
müssen an der Einknickungsstelle zugleich mit einem Messer etwas 
eingekerbt werden, damit sie die Knickung behalten, Aveil sie sonst beim 
Erweichen mit in den Tkränenschlauch hineingezogen werden. Die 
Saite kann 24 Stunden liegen bleiben; neben ihr muss noch eine Char- 
piewieke eingelegt werden, damit sich die Hautöffnung nicht vor der 
Zeit verengere. Vor ihrer Entfernung lasse man laues Wasser in die 
Nase ziehen, um den au ihrem untersten Ende etwa angetrockneten 
Nasenschleim zu erweichen, damit er nicht beim Zurückziehen der Saite 
die Schleimhaut aufritze. Sind Stricturen vorhanden, so erscheint die 
Saite an den betreffenden Stellen minder aufgequollen oder einge- 
schnürt. An stärkeren Saiten (A und D) treten solche Einschnürungen 
deutlicher hervor. 

Nur bei einfacher Hypertrophie kann man auf Wiederherstellung 
des normalen Zustandes rechnen. Blosslegung des Knochens im Thrä- 
nennasengange ist der Stricturirung gleich zu achten, im Thränensacke 
kann sie ohne erheblichen Nachtheil heilen, obwohl sie die Prognosis 
im Allgemeinen trübt. Die Sorge für Entfernung des Secretes durch 
die Hautöffnung ist (nebst der etwa nöthigen allgemeinen Behandlung) 
das Beste und Einzige, was hier zunächst geschehen kann, und schon 
dieser Umstand zeigt die Überlegenheit dieser Methode (der Eröffnung 
des Thräuensackes) über alle andern. Bei Verwachsungen, bei deut- 
lichen Stricturen, bei Geschwüren im Thränennasencanale verzichte 
man auf Wiederherstellung der Durchgängigkeit desselben, wenigstens 
auf bleibende, und schlage dem Kranken die Verödung des Thräuen- 
sackes vor. 

Ist Aussicht vorhanden, die Schleimhaut (wenigstens im Nasengange) 
zum normalen Zustande zurückzuführen, uud ist diess bei gehöriger all- 
gemeiner diätetischer und pharmaceutischer Behandlung (wo solche nö- 
thigi nicht schon unter einfachen Einspritzungen gelungen, so wende 
man gegen die Hypertrophie der Schleimhaut noch mechanische (dila- 
tirende, comprimirende) Mittel an. — Das zweckmässigste unter den 
zahlreichen hiezu vorgeschlagenen Mitteln dürften Bleidrahte sein, wenn 
man von dünneren (Vs'" Durchmessen allmälig zu dickeren (1"') über- 
geht. Man nimmt ein Stück von beinahe \ x \i" Länge, rundet es an 
dem einen Ende glatt ab, und biegt es an dem andern hakenförmig um, 
so dass der kürzere Schenkel etwa */-" ' an & wird. Das Ende dieses 
Schenkels muss bis über den Orbitalrand hinabreichen, damit es an die- 
sem eine feste Stütze finde. Dieser Draht kmn mehrere Tage liegen 
bleiben. Fände man sein unteres Ende mit vertrockneten Schleimkrusten 



414 Thränenorgaiie. 

belegt, so müsste es etwas verkürzt werden. Der Übergang zu stärke- 
ren Drähten kann in Zeit von 8 — 14 Tagen gemacht werden, bei ge- 
ringeren Dickeunterschieden auch früher. Der stärkste Draht muss in 
der Regel mehrere Monate lang getragen, jedoch von 8 zu 8 Tagen, 
immer untersucht, und falls er rauh (erodirt oder incrustirt) befunden 
würde, mit einem frischen vertauscht werden. Wenn dann durch die 
Hautöffnung kein schleimig-eitriges Secret mehr zum Vorchein kommt, 
lasse man, bevor man zur Verschliessung der Hautöffnung schreitet, erst 
noch einige Zeit wieder einen dünnern Stift tragen, um zu sehen, ob 
dann auch der dickere wieder ohne Hinderniss durch den Nasencanal 
geführt werden kann. Immer wird man aber jetzt die Hautöffnung zu 
eng finden, daher durch ein Stückchen Pressschwamm erweitern müssen. 
Noch besser ist es, einige Tage vor Verschliessung der Öffnung gar 
nichts in den Thränennasengang einzulegen, dabei aber die Hautöffnung 
mit englischem Pflaster und Collodium luftdicht verschlossen zu halten. 
Zeigt sich dann der Thränennasengang nicht nur offen, sondern auch 
noch hinreichend weit, so schreite man zur bleibenden Verschliessung- 
der küustlichen Öffnung. — Der andern Mittel werden wir weiter unten, 
(beim geschichtlichen Überblicke) gedenken. 

Ist endlich auf bleibende Wiederherstellung der Durchgängigkeit de? 
Thränennasencanales nicht zu rechnen, so schlage man dem Kranken die 
Verödung des Thränensackes vor. Behufs dieser muss zunächst für eine 
grössere Öffnung gesorgt werden, durch Einlegen von Pressschwamm 
oder durch Schlitzung, selbst bis über das innere Augenlidband hinauf. 
Will man sich zur Verödung des Lapis bedienen, so wird eine wieder- 
holte nachdrückliche Touchirung der ganzen Schleimhautfläche nöthig 
und auch da ist der Erfolg noch nicht ganz sicher. Verlässlicher wir- 
ken Mineralsäuren, deren Einführung (mit einem Asbestpinsel oder 
Tropfgläschen) jedoch grosse Vorsicht erheischt. Das gebräuchlichste 
Mittel ist das Glüheisen, das beste der Middeldorpfsche galvanokau- 
stische Apparat, welcher in neuester Zeit von Gräfe zu diesem Zwecke 
angewendet wurde. 

b) Bei der Tkränensackentzündung kann man auf Zertheilung nur 
dann hoffen, wenn sie noch nicht bis zur Eiterbildung vorgeschritten 
ist. Örtliche Blutentziehungen und kalte Umschläge habe ich zu diesem 
Zwecke fruchtlos angewandt: hingegen sah ich mehrmals beim Gebrauche 
trockener warmer Tücher die Erscheinungen in wenig Tagen zurück- 
gehen und den frühern Zustand wiederkehren. Ob das Einziehen von 
warmem Wasser oder von Wasserdämpfen in die Nase von Nutzen sei, 



Behandlung der Thräuensaekfistel. 415 

blieb mir unentschieden. Andreae*) empfiehlt bei minder stürmischem 
Auftreten Fomentationen mit in Bleiessig getränkten Bäuschchen. — 
Ist die Entzündung so weit vorgeschritten, dass der in der Tiefe gebil- 
dete Eiter durchzuscheinen beginnt, so ist es das Beste, den Thränen- 
sack an der erhabensten Stelle, doch nicht zu tief unten, mit einer Lan- 
zette zu eröffnen. Man erspart dem Kranken die an den spontanen 
Durchbruch der Haut gebundenen Schmerzen und man erhält statt einer 
mehr weniger grossen, unregelmässigen und wohl auch noch unbequem 
gelegenen Öffnung eine lineare, 3 — 4"' lange Wunde, welche man nach- 
träglich, falls es nöthig werden sollte, zu Einspritzungen und zum Son- 
diren benützen kann. — Hat man geöffnet, oder war bereits spontaner 
Durchbruch erfolgt, so entleere man den Thränensack durch allmälig 
verstärkten Druck von oben und von der Seite her und durch Einspritzen 
lauen Wassers, und bedecke die Öffnung mit etwas Charpie und einem 
Heftpflaster. Sind die Wund- oder Geschwürsränder noch stark infil- 
trirt, rotk und empfindlich, so lasse man noch durch einige Tage Cata- 
plasmata emollientia anwenden oder doch das Auge trocken verbunden 
tragen. — Nach einigen Tagen wird sich dann nach der Beschaffenheit 
des Thränensackinhaltes, nach dem freien oder gehinderten Abflüsse der 
Injectionen nach der Nase, vorzüglich aber aus genauer Würdigung der 
anatomischen und ätiologischen Momente bestimmen lassen, ob man die 
Wunde sich schliessen lassen oder aber durch Einlegen von Charpie- 
wieken offen erhalten soll, um weiterhin ganz so zu verfahren, wie bei 
Blennorrhoe nach geschehener Eröffnung des Thränensackes. 

c) Bei der Thränensachfistel entstellt zunächst die Frage, wodurch 
dieselbe erhalten werde, ob bloss durch verminderte oder aufgehobene 
Durchgängigkeit des Thränennasencanales , oder zugleich durch Bloss- 
legung oder wirkliche Caries des Knochens. Zur Beantwortung dieser 
Frage wird die Anwendung der Sonde nöthig, auch dann, wenn ein 
manifestes Hinderniss der Durchgängigkeit, z. B. ein Nasenpolyp vor- 
liegt. Wäre demnach die Hautöffnung nicht bequem gelegen, so müsste 
entweder dieselbe entsprechend erweitert werden (am besten durch 
Schlitzung gegen das Augenlidband hin), oder man müsste einen frischen 
Einstich so wie bei Blennorrhoe machen (bei zu entfernt gelegenen Fistel- 
öffnungen). Weiterhin kommt in Bezug auf Diagnosis, Prognosis und 
Therapie derselbe Vorgang, wie wir ihn bei der Blennorrhoe nach Er- 
öffnung des Thränensackes angegeben haben, in Anwendung. 

d) Die Complication mit Caries erfordert rücksichtlich der örtlichen 

*) Grun&riss der Augenheilkunde, Leipzig 1846. Bd. II. S. 106. 



416 Tliräuenorgaiie. 

Behandlung vorzüglich Sorge für möglichst freien Abfluss des Secretes 
und fleissige Beseitigung desselben durch Einspritzungen mit lauem Was- 
ser. Die allgemeine, diätetische und pharmaceutische Behandlung des 
zu Grunde liegenden Allgemeinleidens ist wenigstens nicht minder wichtig. 



C, Geschichtliche Bemerkungen. 

Bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts gebrauchte man für die verschiedenen krank- 
haften Zustände des Thränenschlauches im Allgemeinen den Namen Thränenfistel, die 
man in mehrere Grade eintheilte. Als 1. Grad bezeichnete man ohngefähr das, was wir 
als Blennorrhoe besprochen haben ; der 2. Grad kam mit dem überein, was wir als Thrä. 
nensackentzündung geschildert haben. Diese beiden Grade mit Einschluss der Hernia 
nach Heister, und des Hydrops nach Anel) wurden auch unechte oder verborgene Fistel 
genannt. Den 3. Grad bildete die wirkliche Fistel als echte und einfache, und den 4. 
Grad (nach Einigen) die mit Caries verbundene, als complicirte Fistel. — Diese allge- 
meine Benennung scheint sich theils wegen mangelhafter Kenntniss der Anatomie — ob- 
wohl schon Vesale und Fallopius den Thränenschlauch genau kennen gelernt hatten — 
theils aber und vorzüglich desshalb so lange erhalten zu haben, weil man das aus den 
Thvänenpunkten oder der Fistel entleerte Secret für das Product eines im Thränensacke 
sitzenden Geschwüres hielt. Erst die Arbeiten von Ad. Schmidt und J. G. Beer zu An- 
fang des jetzigen Jahrhundertes brachten mehr Einsicht in die Nosologie des Thränen- 
schlauches, obgleich auch sie noch manches zu wünschen übrig Hessen. 

Bücksichtlich der Therapie sah man, wie Himly bemerkt, diese Krankheiten nament- 
lich im vorigen Jahrhunderte noch zu viel von einem mechanischen Gesichtspunkte an, 
indem man nur Eröffnung oder Erweiterung des Thränennasencanales durch mechanische 
Mittel zu erreichen suchte ; in späterer Zeit verfielen Manche in den entgegengesetzten 
Fehler, sahen bloss auf kranke Erregung, gar nicht auf mechanische Verengerung; in 
der neuesten Zeit ist man wieder zur bloss mechanischen Auffassung einseitig zurück- 
gekehrt. „Die allgemeine Behandlung der Grundkrankheiten ist sehr häufig die Haupt- 
sache ; doch können wir durch örtliche Mittel allerdings bedeutend mitwirken, und in 
manchen Fällen durch sie allein helfen." *) 

Das älteste Verfahren , das man der Thränensackfistel (den Thränenschlauchleiden 
überhaupt) entgegensetzte, ist die von Celsus beschriebene Ausrottung oder Verödung 
des Tlll'äliensackes mit dem Messer oder dem Glüheisen. 

Sodann (zur Zeit des Archigenes, Paul von Aegina, Rhazes) verfiel man auf den 
Versuch, mittelst Durchbohrung des Thrälienbeiues einen neuen Weg für die Thrä- 
nen zu gewinnen. Doch unterschied Rhazes bereits zwischen verschiedenen Zuständen, 
und empfahl nebst der Cauterisation und der Thränenbeindurcbbohrung für besondere 
Fälle die Compression des ausgedehnten Thränensackes , für andere dagegen Injectionen 
in denselben. — Neben diesem Verfahren, welches bis zu Anfang des vorigen Jahrhunder- 
tes am meisten geübt wurde , wandte man bei Ausdehnung des Thränensackes continuir- 
liche Compression an (Verduc 1665), wozu von Stahl, Sharp, Hennemann u. A. eigene 
Instrumente erfunden wurden. 

*) Himly, die Krankheiten und Missbildungen des menschlichen Auges, Opus posthumum, Berlin, 1843. 
T. I. S. 323. 



Geschichtliche Bemerkungen über Thränensackkrankheiten. 417 

Die 3. Hauptmethode hat die Wiederherstellung der Durchgängigkcit des 

Tliräiiensclllailflies zum Ziele; wir finden sie bereits in Avicenna's Verfahren, Einziehen 
eines Fadens in den Canal, vertreten, doch erst seit Aneli 1712) weiter ausgebildet. Durch 
beinahe anderthalb Jahrhunderte ging das Streben der tüchtigsten Chirurgen dahin, zu 
diesem Zwecke geeignete Mittel und Methoden aufzufinden. — Allel führte täglich eine 
silberne oder goldene Sonde durch das obere Thränenröhrclien bis in die Nase hinab, und 
machte durch das untere Einspritzungen mit der nach ihm benannten Spritze. Mejcail 
führte auf demselben Wege mittelst einer geöhrten Sonde, die er mit einer Sondenplatte 
in der Nase auffing und hervorzog, einen Faden durch den ganzen Canal, mittelst des- 
sen er eine Charpiemesche in den Thränennasengang hinauficitete, die er dann mittelst 
eines zweiten, an dieselbe angeknüpften Fadens wieder herausbeförderte, um sie täglich 
durch eiue neue, allmälig dickere zu ersetzen. Cabailis benutzte einen auf gleiche 
"Weise eingeführten Faden zur Einziehung einer biegsamen Röhre in die Nasenmündung, 
xim durch diese die Einspritzungen zu machen. — Me'jeans Verfahren führte zur Erfin- 
dung der sogenannten Sondenfänger, um die Sonde aus der Nase hervorzuziehen, und 
•wurde mit wenig Abänderungen, wovon die wesentlichste die, dass man statt des Thrä- 
nenpuuktes die künstliche Öffnung an der vordem Wand des Thränensackes benützte, 
bis in die neuere Zeit geübt. Cabanis Vorgang wurde bald dm-ch die folgende (La Fo- 
rest'sehe) Methode überflüssig. — Diese Methoden trifft mindestens der Vorwurf, dass 
sie die Thränenröhrclien mehr als zulässig aasdehnen und leicht zerreissen. 

La Forest (1739) und fast 100 Jahre später Dubois und Gensoul schoben eine 
eigenthümlich gekrümmte Sonde durch die Nase bis in den Thränensack hinauf, um den 
Nasengang zu erweitern: zu Injectionen bedienten sie sich ähnlich geformter Röhrchen. 
Gensoul gab der Sonde die doppelte Krümmung, welche die jetzt üblichen Instrumente 
besitzen und verband sie auch, wenn bedeutende Verengerungen gehoben werden soll- 
ten, mit einem Ätzmittelträger. Über den diagnostischen und therapeutischen Werth die- 
ser Methode haben wir uns oben ausgesprochen. 

J. Louis Petit (1734) brachte die von Stahl (1702) vorgeschlagene Eröffnung des 
Thränensackes unter dem Augenlidbande in Aufnahme. Er drang mit einem einerseits 
gefurchten Bistouri unterhalb des Augenlidbandes in den Thränensack, stiess an der 
Furche eine Hohlsonde nach, und 6chob nach Entfernung des Messers in der Souden- 
rinne eine Bougie in den Nasengang hinab. Die Modifikationen dieses Verfahrens bezie- 
hen sich hauptsächlich auf die sogenannten Dilatationsmittel und auf die Art ihrer Ein- 
führung. Sein Schüler Desault (1770) leitete über einer in den Canal eingeführten Sonde 
ein silbernes Röhrchen in denselben , in welchem er dann mit der Sonde einen Faden 
hinabschob, den der Kranke hervorschneuzen musste; diesen Faden benützte er so wie 
Mejean zur Einführung allmälig verstärkter Meschen. Giraud bediente sich zur Einfüh- 
rung des Fadens durch jenes Röhrchen einer dünnen, unten mit einem Knöpfchen, oben 
mit einem Öhre versehenen Stahlfeder (Bellocq' sehe Röhre). Dieses Verfahren fand trotz 
seiner Schmerzhaft igkeit viel Aufnahme, wurde namentlich auch von Walther und Chelius 
zu dem Zwecke adoptirt, um mittelst des Fadens nach und nach stärkere Fadenbüschel 
von der Nase aus in den Nasengang hinaufzuziehen. Himly wählte zur Einführung des 
leitenden Fadens eine etwa spannenlange Darmsaite, oder, wo diese nicht durchdrang, 
die Jiejean'sehe Sonde, was denn auch Walther und Chelius annahmen, und J. N. Fischer 
leitete eine etwas dickere , jedoch locker gedrehte Seidenschnur mittelst einer E-Darm- 
saite durch den Thränenschiauch, welche (an dem täglich einzuziehenden Stücke) mit 
Arlt Augenheilkunde. III. 27 



418 Tliranenorgaiie. 

Flüssigkeiten oder Salben imprägnirt wurde. — Diese Methoden müssen -wohl alle die 
an der Nasenmündung befindliche Falte mehr -weniger verletzen. 

Die Benützung von Darmsaiten zur Dilatation des Nasenganges , schon von Stahl 
eingeführt, kam erst durch Richter (1770), noch mehr aber durGh Beer (1790) in Ge- 
brauch. Ihre Anwendungsweise haben wir bereits oben angegeben. Man verband, 
damit Einspritzungen oder bestrich die Saite mit Salben. Beer bediente sich bloss langer 
Saiten; Andere Hessen nachträglich noch durch längere Zeit Bleinägel tragen. — Das 
täglich nothwendige Zurückziehen und Einlegen frischer Saitenstücke ist unbequem und 
leicht verletzend ; zum Tragen langer Saiten, welche über die Stirn herablaufen müssen,, 
wie die Fische/sehe Seidenschnur, entschliessen sich die wenigsten Kranken. 

Die schon seit früheren Zeiten üblichen Blei drahte versah Scarpa (1801) oben mit 
einer Platte, welche nicht nur das Hinabsinken des Stiftes bis auf den Nasenboden ver- 
hindern, sondern auch aaf den ausgedehnten Thränensack comprimirend wirken soll. 
Der ziemlich schwere und bloss durch die Platte gestützte Stift macht durch anhalten- 
den Druck die Muskelfasern allmälig atrophisch , und bewirk t leicht die Bildung einer 
trichterförmigen Grube. 

Endlich wurden silberne, goldene oder bleierne Röhrchen, wie solche schon in frü- 
hern Zeiten, namentlich von Plattner (1724) nach Durchbohrung des Thränenbeins ein- 
geheilt worden waren, später von Faubert (1750), Wallher, Ware, besonders aber von. 
Dupuytren (1812) in den Thränennasencanal eingelegt (allenfalls auch mit Gewalt ein- 
getrieben) und eingeheilt. 

Wie früher das eben beschriebene, der Kunst und Wissenschaft wahrlich nicht zur 
Ehre gereichende Verfahren schien in neuester Zeit die Verödung des Thränensackes zur 
allgemeinen Methode erhoben werden zu wollen , nachdem P. Biagini den noch weiter 
durch Beobachtungen zu bestätigenden Satz aufgestellt hat, dass nach Verödung des Thrä- 
nensackes sich auch die Absonderung der ThränenflUssigkeit vermindere, und die Thrä- 
nendrüse atrophisch werde. Biagini fand bei einem von Camici durch Verödung des 
Thränensackes von einer Thränensackfistel geheilteu Individuum bei der Section den 
Saccus und Ductus laeryni. obliterirt, in zellig fibröses Gewebe verwandelt, und die 
Thränendrüse an dieser Seite viel kleiner, atrophisch. Zur Untersuchung der Thränen- 
drüse hatte ihn der Umstand bewogen, dass der von der Thränensackfistel Geheilte nur 
höchstens an einem geringen und nicht lästigen Thränenfiusse gelitten hatte. 



XII. Buch. 

Die Augenhöhle, r b i t a. 



A. A?iatomisch-physiologische Bemerkungen. 

Das Knochengerüst der Augenhöhle kann als eine Pyramide be- 
trachtet werden, deren Basis von oben nach unten circa 15 //; , von innen 
nach aussen circa 18'" misst, und deren Spitze ohngefähr 21 ; " hinter 
der Basis liegt. Im Kindesalter ist die Achse der Orbita relativ zu den 
Durchmessern der Basis unverhältnissmässig kurz. Die Basis bildet der 
Orbitalrand, welcher an der Schläfenseite weiter hinten liegt, als an 
der Nasenseite. Die obere Wand wird vom horizontalen Theile des 
Stirnbeines, nächst der Spitze jedoch vom kleinen Flügel des Keilbeines 
gebildet,- sie ist stark ausgehöhlt, besonders gegen die Schläfenseite 
hin, wo sie die Thränendrüsengrube bildet, und trennt die Augenhöhle 
von der vordem Schädelgrube. Der Stirnbeinknochen ist hier meistens 
sehr dünn, häutig stark durchscheinend, bisweilen selbst durchlöchert. 
Die Anheftungsstelle der Trochlea am Übergange der oberen in 
die innere Orbitalwand bezeichnet ohngefähr die Mitte der Stirn- 
höhle, welche sich von da aus-, ab-, rück- und vorwärts erstreckt. 
Die äussere ziemlich senkrecht stehende Wandung wird grösstenteils 
durch den grossen Flügel des Keilbeines, vorn jedoch vom Jochfort- 
satze des Stirnbeines (oben; und vom Jochbeine funten) gebildet. Der 
grosse Flügel des Keilbeines trennt die Augenhöhle durch eine meist 
bis zum Durchscheinen dünne Platte von der mittleren Schädelgrube, 
vorn aber gemeinschaftlich mit dem Joch- und Stirnbeine von der 
Schläfengrube. Die innere Wand, grösstentheils von der Papierplatte des 
Siebbeines gebildet, vorn aber vom Augengrubentheile des Thränenbeins, 
hinten vom kleinen Flügel des Keilbeines (bisweilen auch von einem 
Theile des Gaumenbeines) ergänzt, dacht sich vom Stirnbeine ange- 

27* 



420 Augenhöhle. 

fangen, allmälig nach aussen ab, so dass sie ohne Bildung eines beson- 
dern Winkels in die untere Wand übergebt. Sie trennt die Augen- von 
der Nasenhöhle und ist unter allen die dünnste. Die untere, von vorn 
nach hinten allmälig aufsteigende Wand wird grösstentheils vom Ober- 
kieferknochen gebildet, hinten von einem kleinen Theile des Gaumen- 
beines, vorn und aussen vom Jochbeine ergänzt, und trennt die Augen- 
von der Highmorshöhle. An ihr verläuft der Canal, der den Nervus 
und die Arteria infraorbitalis von der untern Augenhöhlenspalte zur 
Antlitzfläche leitet, und in seinem hintern Theile bisweilen nicht gedeckt, 
sondern als Furche erscheint. 

An der Spitze der Orbita, und zwar in dem Winkel, wo die obere 
und innere Wand zusammenstossen, tritt das Sehnervenloch durch den 
kleinen Flügel des Keilbeines zur Orbita herab. Auswärts davon, wo 
die obere und äussere Wandung an einander stossen sollten, befindet 
sich zwischen den Keilbeinflügeln die gegen z \i" lange und 1—2"' breite 
obere Augenhöhlenspalte, durch welche die bereits früher erwähnten Ner- 
ven aus der mittleren Schädelgrube in die Orbita treten, die Vena oph- 
thalmica dagegen zurück läuft. 'Die äussere und untere Wand sind 
in ihren hinteren zwei Dritteln durch die zwischen dem grossen Flügel 
des Keilbeines und dein Oberkieferknochen verlaufende untere Augen- 
höhlenspalte von einander geschieden. Die Orbita communicirt durch diese 
Spalte mit der Flügelgaumengrube, und erhält durch sie von dem aus 
dem Foramen rotundum der mittleren Schädelgrube austretenden 2. Aste 
des Trigeminus den Hautwangen- und den Unteraugenhöhlen -Nerven, 
so wie von der Carotis externa (mittelst der inneren Kieferarterie) die 
Art. infraorbitalis, an welcher die gleichnamige Vene zurückläuft. Sie 
ist länger und breiter als die obere. 

An der Bildung des Augenhöhlenrandes betheiligen sich drei Kno- 
chen. Der dem Stirnbein angehörende Theil beginnt nahe über der 
Kuppel des Thränensackes ziemlich abgerundet, bietet dann eine mehr 
weniger tiefe Einkerbung dar, welche die Austrittsstelle des Nervus und 
der Art. supraorbitalis bezeichnet, wird von da auswärts immer schärfer, 
und ragt vor der Thränendrüsengrube am weitesten herab. Der Joch- 
beintheil beginnt ohngefähr t [z" oberhalb der äusseren Commissur, geht 
erst ziemlich flach' (ohne einen Vorsprung zu bilden) in die äussere 
Orbitalwand über, springt dann, an den unteren Umfang der Orbita ge- 
langt, stark vor, so dass hinter ihm eine seichte Grube entsteht, und 
endet ohngefähr in der Mitte des unteren Augenhöhlenumfanges oder 
noch etwas weiter nach innen. Der Orbitalrand des Oberkieferknochens 
ist nur im Bereiche des unteren Orbitalmnfanires und vor der unteren 



Anatomie — Physiologie. 421 

Hälfte der Thränensackrinue einigefinassen scharf, au der Iuueuseite 

der Orbita durch eiue bisweilen sehr stumpfe Leiste angedeutet, uud 

I 
verdacht sich iu die innere Wand. 

Die Bemhaut der Augenhöhle (Periorbita) bildet nicht nur eiue un- 
mittelbare Fortsetzung- der Beinhaut des Gesichtes, sondern erhält ge- 
wissermassen noch einen verstärkenden Überzug von der harten Hirn- 
haut durch das Sehnervenloch und die obere Augenhöhlenspalte. Sie 
ist beträchtlich dick und fest, an der freien Fläche platt, an der an- 
dern Fläche mit den Knochen, wo diese platt sind, nur locker verbun- 
den; nur an den Rändern; Nähten und Spalten der Knochen, und an 
den Insertionsstellen der Muskeln, der Rolle und über der Thränen- 
drüse lässt sie sich nicht leicht vom Knochen abschaben. Der Thrä- 
nensack ist gleichsam zwischen zwei Platten derselben eingeschoben. 
In der hintern Hälfte liegen die Muskeln (der Levator palpebrae oben, 
der Obl. super, und R. internus innen, u. s. w.) unmittelbar an der 
Periorbita ; erst in ihrem weitern Verlaufe nach vorn ist eine mehr we- 
niger mächtige Lage fettreichen Bindegewebes (Orbitalfett) dazwischen 
eingeschoben. 

Das Fettgewebe der Orbita, welches gleichsam zur Ausfüllung der 
Zwischenräume zwischen den Wandungen und den einzelnen Gebilden 
der Orbita dient, ungemein weich, in grossen Zellen eingeschlossen und 
elastisch ist, kann füglich iu eiue centrale und peripherische Lage ge- 
schieden werden, welche in den Zwischenräumen der R. recti mit ein- 
ander zusammenhängen. Die centrale Lage wird seitlich von den go- 
radeu Augenmuskeln, vorn vom Bulbus begrenzt, in der Mitte vom Seh- 
nerven durchbohrt. Die peripherische Lage, vorn durch die Augen- 
lidbinde und Augenlidbänder begrenzt, schiebt sich zwischen die Orbi- 
talwand uud die vou dieser an den Bulbus tretenden Muskeln ein, und 
hat ihre grösste Mächtigkeit unmittelbar hinter dem Orbitalrande und 
hinter der Augenlidbinde, oben besonders zwischen dem Levator palp. 
und dem Knochen von der Thränendrüse bis zur Trochlea, unten vom 
Ursprünge des M. obliquus inf. bis zu dem zelligfibrösen Gewebe, wel- 
chem hinter dem Ligam. palp. extern, zur Periorbita streicht. — Wo es 
gilt, ohue Verletzung wichtiger Gebilde in das Bereich des Orbitälfettes 
einzudringen, führe man oben zwischen der Thränendrüse uud Trochlea 
Buten zwischen dem Ursprünge des M. obl. inf. und der äussern Com- 
missur einen Schnitt nahe am Orbitalrande und längs desselben durch 
die Cutis, den M. orbicularis und die Augenlidbinde. Es wird dann in 
der Regel möglich sein, mittelst dünner Platten oder stumpfer Haken 
oben die Thränendrüse, den Levator palp. oder die Sehne des Obl. su- 



422 Augenhöhle. 

perior, unten den Obl. inferior und den Bulbus zur Seite zu schieben 
und vor Verletzung zu schützen. Auch dann, wenn z. B. eine Geschwulst 
•zwischen R. sup. und Levator palp. zu beseitigen wäre, halte ich die- 
sen Weg für besser, als-dass man nach Schlitzung der äussern Coni- 
missar vom Bindehautsacke aus eindringt, es müsste denn das Augen- 
lid durch die orbitale Geschwulst umgestülpt und dieser Weg gleichsam 
durch die Hervortreibung der Bindehaut selbst als der leichtere ange- 
deutet sein. 

Diese Andeutungen dürften hinreichen zur Orientirung bei Ver- 
letzungen und Krankheiten der Orbita und der Organe in den angren- 
zenden Höhlen. Dem Anatomen sind auch die undurchsichtigen 
Theile durchsichtig. Die Anatomie ist die Fackel der Chirurgie. 

B. Krankheiten der Orbita. 

Die Affectionen, welche hier zu besprechen sind, gehen aus: a) von 
den knöchernen Wandungen, ihrem fibrösen Überzuge, oder den an- 
grenzenden Höhlen; b) von dem Fett- und Bindegewebe, c) von den 
Gefässen, welche durch diese Gebilde zum Bulbus verlaufen. Sie ge- 
fährden je nach ihrer Beschaffenheit und Ausbreitung bald nur die 
Lage und Function des Auges oder seiner Hilfsorgane, bald auch die 
Existenz des Bulbus, ja des Individuums. Ihre Diagnosis ist, im All- 
gemeinen, um so schwieriger, je tiefer die Affection sitzt, und je weni- 
ger sie noch an Ausbreitung gewonnen hat. Die Erscheinungen, welche 
die Aufmerksamkeit des Arztes auf eine Affection in der Tiefe der Or- 
bita zu lenken vermögen, sind im Allgemeinen: Schmerzen daselbst 
oder im Verlaufe von Zweigen des 1. und 2. Astes des Trigeminus, 
welche die Orbita passiren oder zum Bulbus treten; Doppeltsehen mit 
verminderter oder aufgehobener Action eines, mehrerer, aller Muskeln; 
Verdrängung des Bulbus aus seiner Lage, nach vorn, nach der der 
Affection entgegengesetzten Seite, oder beides zugleich; Zeichen von 
Druck auf den Sehnerven oder die Netzhaut, durch Abnahme der Seh- 
kraft oder durch Lichterscheinungen. So lange nicht einer und der 
andere dieser Zufälle vorhanden ist, wird man kaum eine Ahnung von 
einer tiefern Orbitalafifection haben können. Es kann aber auch jeder 
derselben mit Ausnahme der wirklichen Verdrängung des Bulbus, an- 
derweitig bedingt sein, und es wird bei der Diagnosis nur das Vorkan- 
sein von mehreren und zugleich der Umstand entscheiden können, dass 
dieselben nicht auf eine Affection des Bulbus oder der Organe in den 
Nachbarhöhlen der Orbita bezogen werden können. 



Krankheiten — Aneurysma — Teleangiektasie. 423 

Da die Verdrängung des Bulbus ans seiner "Lage ein Symptom der meisten Orbital- 
aifeetionen ist, so erscheint es schon desshalb notkwendig, zu untersuchen, ob dasselbe 
oder ahnliches nicht auch anderweitig bedingt werden könne. Flachere Lage des Bul- 
bus kann den minder Geübten leicht zur Annahme von Vergrüsserung desselben ver- 
leiten, und umgekehrt kann Verlängerung des Bulbus in der Richtung der Sehachse für 
einen leichten Grad von Exophthalmus imponiren. Flachere Lage beider Bulbi kann ohne 
alle anderweitigen Abnormitäten als einfaches Glotzauge bestehen , aber auch Symptom 
sein von Herabdrängung der obern Orbitalwand durch Hydrocephalus (connatus, chroni- 
Düs), von Hypertrophie und Sclerosis der Orbitalknochen, oder von Hyperämie und Hy- 
pertrophie des Orbitalfettgewebes bei Struma und Herzkrankheiten. In welcher Weise 
die Miiskeln die Lage des Bulbus beeinflussen, haben wir bereits im 9. Buche angege- 
ben. Zu erwähnen ist hier noch der sogenannte Prolapsus bulbi (Ptosis), welcher nur 
auf gewaltsame "Weise zu Stande kommt. „Ein auf einem kleinen Handschlitten sitzen- 
der Knabe rannte im Herabfahren über eine Anhöhe seinen aufwärts kriechenden Kame- 
raden mit der Deichsel des Schlittens über den Haufen. Man trug den bewusstlosen 
Knaben mit blutendem Gesichte nach Hause. Die dünne Deichsel hatte, durch das obere 
Lid in die Augenhöhle gedrungen, den rechten Bulbus luxirt. Der gerufene Wundarzt 
war eben im Begriffe , den auf der Wange liegenden Augapfel wegzuschneiden , als er 
durch einen Laien daran gehindert wurde, welcher meinte, dazu wäre noch immer Zeit. 
Das getrennte Lid wurde geheftet und der Bulbus durch eine Art Suspensorium mit 
Heftpflasterstreifen gehoben. Diesen Vorgang erzählten uns mehrere verlässliche Augen- 
zeugen. Nach etwa 12 Jahren sahen wir den Verletzten selbst. Ausser einer bedeu- 
tenden, wagrechten Narbe am oberen Lide fanden wir am Auge nichts Abnormes; er 
konnte es frei nach allen Richtungen bewegen , und las damit den kleinsten Druck." 
{J. X. Fischer, Lehrbuch, 18-16, S. 35.) Mahenzie erzählt in der London med. Gaz. 183S 
•einen Fall von Ophthalmoptosis bei einem Manne, welcher vor 5 Jahren entstanden war, 
als derselbe eine schwere Last auf dem Rücken trug. Er wurde Gegenstand der Beob- 
achtung, als er sich wegen einer katarrhalisch-rheumatischen Augenentzündung im Spi- 
tale befand. Man bemerkte, dass der Augapfel auf der Wange vorgefallen war, als der 
Jiranke einmal abwärts blickte, und dass derselbe wieder zurückgebracht wurde, indem 
der Kranke den Kopf in die Höhe hob und das Auge rieb. Das Merkwürdigste war, 
dass bei diesem Vorfalle die Retina fortwährend ihre Function erfüllte. (Chelius Hand- 
buch, 1839, B. IL S. 185.) Der Wiederholung solcher Vorfälle Hesse sich wohl durch 
Verengerung der Lidspalte (Tarsoraphie) vorbeugen. (Vergl. B. III. Buch 8. S. 28.) Dass 
.endlich der Bulbus auch durch Ödem seiner Umgebung hervorgedrängt werden könne, 
•wenn acute Ablagerung, namentlich von eitrigem Exsudate, in denselben stattfindet, 
wurde bei den Krankenheiten der Chorioidea bemerkt. 

I. Krankheiten der Ciefösse. 

a) Aneurysma der Art. ophthalmica wurde durch Section constatirt 
tou Guthrie und Carron du Villards. In Guthrie's Fall bestand das- 
Übel auf beiden Seiten, hatte Vordrängung- der Bulbi, doch keine Blind- 
heit bewirkt, und ein zischendes 'Geräusch (wohl auch Pulsation?) 
wahrnehmen lassen. Die nussgrossen Geschwülste hatten auch den 
Eückfluss des Blutes durch die Vena ophthalmica behindert. Wodurch 
der Tod veranlasst wurde, und wie die übrigen Kreislauforgane beschaf- 



424 Augenhöhle. 

fen waren, findet sich bei Makenzie (1. c. S. 291, von wo diese Notiz 
entlehnt ist) nicht angegeben. Burk (the lancet, Manch. 136) unter- 
band bei einem Aneurysma, welches nach einein Schlage auf den Kopf 
entstanden war, die Carotis mit glücklichem Erfolge. (Chelius 1. c^ 

S. 459.) 

b) Von Teleangiektusia oder Aneur. per anastomosin in der Tiefe 
der Orbita findet man bei Makenzie (1. c. S. 283) zwei vollständige und 
genaue Beobachtungen von Truvers und Dalrymple. Die Krankheit 
entwickelte sich plötzlich und ohne bekannte Veranlassung bei Frauen 
von 34 und 44 Jahren, bei der einen in den ersten, bei der andern in 
den letzten Monaten der (sechsten) Schwangerschaft, bei beiden auf der 
linken Seite. Den Beginn der Krankheit bezeichneten plötzlicher Ein- 
tritt heftiger Schmerzen im Auge und in der entsprechenden Kopfhälfte 
und eine eigenthümliche Empfindung von Knallen, Krachen oder Kau- 
schen in der Orbita; dazu traten bald Ödem der Lider, Hervortreibung 
derselben und des Bulbus, starke Injection an letzterem, Abnahme der 
Sehkraft und gehinderte Function einzelner Muskeln. Entscheidend für 
die Diagnosis war das Auftreten pulsirender Geschwülste zwischen dem 
vor- und seitwärts gedrängten Bulbus und dem Orbitalrande (in T. Falle 
unterhalb des Bulbus und über dem innern Augenlidbande, in D. Falle 
im Bereiche des untern Lides), deren Grösse und Pulsation durch jede 
Aufregung gesteigert wurde. Diese Geschwülste, allmälig an Grösse 
zunehmend, und von verdickter Haut überzogen, waren theils weich wie 
lockere Wolle, theils derb und elastisch anzufühlen, Hessen sich durch 
Kückwärtsdrücken comprimiren, und gaben dann deutlich das Gefühl 
der Pulsation. Druck auf den Stamm der gemeinschaftlichen Carotis 
machte die Pulsation gänzlich verschwinden; Compression der Art. tem- 
poralis, angularis und maxillaris hatte keinen Einfluss auf die Ge- 
schwulst. Die Venen des obern Lides und an den Seiten der Nase 
waren varicös. — Da rasches Wachsen und Gefahr für das Leben zu 
besorgen stand, wurde die Unterbindung der Carotis — in beiden Fäl- 
len mit glücklichem Erfolge — unternommen. — Wegen einer erec- 
tilen Geschwulst in der rechten Orbita eines 5 Monate alten Kindes 
unternahm Walton (Med. Tim. Juli 1852) die Unterbindung der Car. 
comm. d. ohne nachtheiligen Einfluss (?) auf die Gesundheit des Kindes. 
Pulsation war nicht deutlich, aber mit dem Stethoskope hörte man ein 
Blasen in den Arterien (?) der Augenhöhle. — Carron du Villards er- 
wähnt einer vorwaltend durch Venener Weiterung bedingten, daher nicht 
pulsirenden Geschwulst in der Orbita eines 8 Monate alten Kindes, die 



Entzündung des Orbitalfettgewebes. 425 

er durch Exstirpation und Unterbindung von 3 ziemlich grossen Arterien- 
zweigen glücklich beseitigte (1. c. S. 319). 

II. Krankheiten des Fettgewebes. 

a) Entzündung des Fett- und Bindegewebes kommt meistens mit 
Periostitis, doch auch für sich allein vor, und zwar sowohl in acuter 
als in chronischer Form. So lange die Affection noch auf einen klei- 
nen Herd beschränkt ist, können die Erscheinungen auch durch den 
Sitz (im retrobulbären oder im peripherischen Fettgewebe) modificirt 
werden. — Die selbstständige acute Form ist entweder traumatischen 
Ursprunges, besonders wenn fremde Körper eingedrungen sind, oder 
metastatisch, bei Pyämie nach Typhus. Das letztere Vorkommen ver- 
sichert Carron iL Y. bei der österreichisch-sardinischen Armee 1818 
beobachtet zu haben. Heftiger Schmerz und Gefühl von Druck in der 
Tiefe der Orbita, Vordrängung des Bulbus, Abnahme und Erlöschen 
des Sehvermögens unter Lichterscheinungen ödematöse Schwellung der 
Conj. bulbi und der Lider, dabei heftige Fieberzufälle, wohl auch De- 
lirien, entwickeln sich rasch nach einander und verkündigen den Aus- 
gang in Eiterung, der vielleicht nur bei zeitig und engerisch angewand- 
ter Antiphlogose verhütet werden kann. Entwickelt sich die Entzün- 
dung in dem peripherischen Fettgewebe, unweit von der Lidbinde, so 
tritt die Schwellung zunächst an einem Lide und viel früher auf, wird 
der Bulbus mehr nach der Seite als nach vorn verdrängt, und gestal- 
tet sich die Prognosis für die Erhaltung des Sehvermögens und des 
Bulbus günstiger. In beiden Fällen muss man dem Eiter so bald als 
möglich Abfluss zu verschaffen suchen. — In einem von Deval*) nach 
Scharlach beobachteten Falle von schnell aufgetretenem Exophthalmus 
scheint acutes Ödem des Orbitalfettgewebes stattgefunden zu haben. — 
Bei scrofulösen Kindern bildet sich bisweilen Eiteranmmmlüng hinter* 
dem Bulbus unter minder stürmischen Zufällen, namentlich ohne heftige 
Schmerzen und ohne Fieber; da man, wenn der Eiter sich selbst einen 
Ausweg durch die Cutis nächst dem Orbitalrande gebahnt hat, oder 
wenn die Eröffnung vorgenommen wurde, in solchen Fällen fast immer 
mit der Sonde auf entblössten, nekrotischen, cariösen Knochen stösst, so 
bleibt es unentschieden, ob diese Affection nicht gleich vom Knochen 
ausgegangen sei. Doch versichert Carron d. V., solche kalte Abscesse, 
wie er sie nennt, auch ohne Knochenleiden beobachtet zu haben. Viel- 
leicht, dass die Ablagerung und Schmelzung von Tuberkeln im Orbital- 
fette die Ursache solcher Abscesse ist. — Je tiefer die Affection sitzt 

*j Cunier, annales d'oeulist. T. 21. 



426 Augenhöhle. 

und je acuter sie auftritt, desto mehr droht Gefahr der Erblindung und 
Zerstörung des Bulbus, der consecutiven Erkrankung des Knochens, 
des Ergriffenwerdens der Hirnhäute. 

Auf eine Hervordrängung des Bulbus durch chronische Entzündung 
und Hypertrophirung des Fett- und Bindegewebes der Orbita hat Sichel*) 
aufmerksam gemacht. Wir theilen, statt der allgemeinen Schilderung, 
lieber zwei seiner Beobachtungen mit. 

Ein Frauenzimmer von 22 Jahren hatte Hervortreten des linken Auges seit etwa 
1 Jahre bemerkt; in den letzten 6 Wochen hatte das Übel rascher zugenommen. Das 
Auge war gerade nach vorn vorgetrieben, etwa 2—3'", weniger frei, doch nach allen 
Eichtungen beweglich, beim Anfühlen etwas resistenter. Die Augenhöhle Hess ihren In- 
halt rings um das Auge wulstig vorragen, die Falte des obern Lides war zum Theil ver- 
strichen, doch konnte man nirgends eine härtere oder erhabenere Stelle entdecken; das 
Sehen war nur wenig gestört (wie ?). Die Kranke war von lymphatischer Constitu- 
tion, zu Kopfcongestionen geneigt, sonst gesund. Sichel diagnosticirte Hypertrophie des 
Zeil-Fettgewebes mit leichter chronischer Entzündung und seröser Infiltration. Blutegel 
ans Perinäum , ein Purgans mit Scammonium , Fussbäder mit Salz und Asche, reichliche 
Einreibungen von Ung. neapol. an die Stirn und Schläfe, dann Calomel bis zur Salivation. 
Anfangs nahm der Exophthalmus noch beträchtlich zu, die Lider wurden roth und etwas 
ödematös, ebenso die Conj. bulbi, und die Kranke hatte heftige Schmerzen in der Or- 
bita. Nach einem Aderlasse und 20 Blutegeln vor dem linken Ohre beim Fortgebrauche 
der Quecksilbersalbe und des Calomels nahmen alle Erscheinungen allmälig ab, und die 
Kranke wurde nach längerem innerlichen und äusserlichen Gebrauche von Jodkalium 
ganz gesund, und war es noch ein Jahr später. — Bei einer 38jährigen Frau ragte der 
linke Augapfel bedeutend mehr hervor als der rechte, war hart anzufühlen, und schein- 
bar grösser. Die starke Erweiterung der Pupille erwies sich beim Versuche mit einer 
engen Kartenblattöffnung bloss als Mydriasis, indem die Kranke durch dieselbe fast ganz 
deutlich sah. Man konnte keine umschriebene- Geschwulst zwischen Bulbus und Orbi- 
talwand, noch in der Tiefe entdecken ; der nach keiner Bichtung hin abgelenkte Bulbus 
Hess sich weniger leicht rückwärts drängen, als im normalen Zustande, doch leichter, 
als in Fällen, wo umschriebene und harte Geschwülste in der Orbita sitzen. Die Falte 
•des obern Lides war fast ganz verstrichen. Zugleich war Hypertrophie des Herzens zu- 
gegen, die Schläge heftig, aussetzend, der Herzstoss fühl- und sichtbar. Aderlass, Ca- 
lomel mit Digitalis, Mercurialeimeibungen. Mit dem Eintritte der Salivation auffallende 
Besserung. Schon nach S Tagen war die Mydriasis verschwunden, der Bulbus fast in 
die normale Lage zurückgekehrt. Sichel sah sie nach 5 Jahren noch vollkommen geheilt. 

b) Das mehr weniger starke Hervortreten der Bulbi bei Individuen, 
welche an Struma und excentrischer Hypertrophie des linken Herzven- 
trikels leiden, dürfte zunächst auf Blutüberfullung und Hypertrophie 
des Orbitalfettgewebes beruhen. Dafür spricht wenigstens ein Sections- 
be rieht von Heussinger**), welcher die hinter den sonst normalen Bulbis 
befindliche Fettmasse um mehr als das Doppelte vermehrt, compacter, 

*1 Bullet, gen. de th(?r. Mai 1S46. 
■**) Casper's Wochenschrift 1851, Nr. 4. 



Apoplexie und Gesehwülste in der Orbita. 427 

mehr dem Eindertalge ähnlich und von gesättigter gelber Farbe, dabei 
die Thräuendrüsen fast um die Hälfte kleiner fand, als im Normalzu- 
stande. Dr. Helffit*), der die bisher bekannten Beobachtungen zusam- 
menstellte, bemerkt, dass Autiphlogosis , namentlich Blutentziehungen, 
zu denen man sich durch die Gehirnerscheinungen und Athmungsbe- 
schwerden eingeladen sehen könnte, durchaus verderblich wirken, da- 
gegen der lange fortgesetzte Gebrauch von Eisenpräparaten (bei Men- 
struationsanomalien mit Aloe und Myrrha) bei Fleischkost und Aufent- 
halt im Freien entschieden nützten. Heussinger sah Heilung (?) nach 
der Cur in D?>iburg, in einem andern Falle nach Ferrum carbon. sac- 
charatum. 

c) Bluterguss in das retrobulbäre Fettgewebe kommt meistens nur 
in Folge tief eindringender Verletzungen, doch auch spontan vor. Letz- 
teres ist constatirt durch eine Beobachtung von J. N. Fische?* (Lehr- 
buch S. 359). Bei einer sonst ganz gesunden Frau war seit dem Auf- 
hören der Menstruation allmälig Hervortreibung des linken Bulbus, ohne 
Aufhebung des Sehvermögens eingetreten. Nach mehrjähriger Dauer 
dieses Zustaudes bildete der des Sehvermögens allmälig beraubte Bul- 
bus sammt den blaurothen Lidern hervorgetrieben, eine hühnereigrosse, 
aus einzelnen Knollen zusammengesetzt erscheinende Geschwulst. Wegen 
heftiger Schmerzen schritt man zur Ausleerung der Orbita. Die eine 
Zeit lang für melanotisch gehaltene Geschwulst wurde später von Ro- 
kitansky als aus einzelnen (zu verschiedenen Zeiten erfolgten) apoplek- 
tischen Herden des Orbitalzellgewebes bestehend erklärt. — A. von 
Gräfe (Archiv B. I. Abth. 1. S. 424) diagnosticirte Bluterguss in der 
jS^ähe der Spitze der Orbita bei einem 19jährigen Handwerksburschen, 
welcher nach anhaltender Feuerarbeit plötzlich von Doppeltsehen be- 
fallen worden war (4 Tage vor der Consultation). Ein sehr genau an- 
gestelltes Examen ergab: vollkommene Lähmung des M. rect. inferior, 
superior und obl. superior, unvollkommene des M. rect. internus und 
externus, Integrität des Obl. inferior; dabei Verminderung der Sehkraft, 
und leichte Vorwärtslagerung des linken Bulbus. Gänzlicher Mangel 
von Gehirnerscheinungen; Gefühl von Druck in der Tiefe der Orbita; 
Schmerz nur beim Versuche, den Bulbus zurückzudrücken, wobei die 
Resistenz ergab, dass die Vorlagerung nur durch Verdrängung, nicht 
durch Muskellähmung bedingt sein konnte. Alle diese Umstände, zu- 
sammengehalten mit einander und mit dem plötzlichen Auftreten und 
dem Mangel aller entzündlichen Zufälle berechtigten zur Diagnosis auf 

- Ibid. 1S49, Nr. 30. 



428 Augenhöhle. 

Bluterguss , welche überdiess in der raschen Rückbildung aller Zufälle 
(binnen 14 Tagen) weitere Bestätigung fand. Verordnet wurden: Ruhe 
des Auges und des Körpers, Blutegel, kühlende Abführmittel. — Bei 
reichlichen Orbitalblutergiessungen nach dem Eindringen fremder Kör- 
per in die Orbita oder nach Fissuren der Orbitalwandung in Folge 
von heftigen Stössen oder Schlägen an den Kopf, empfiehlt Carron du 
Villards bei Zeiten durch tiefe und gehörig breite Einstiche zwischen 
Bulbus und Orbitalwand und durch Einspritzungen das Blut zu ent- 
leeren, bevor es noch durch Zersetzung und Erregung von Entzündung,. 
Eiterung u. s. w. schlimmere Folgen herbeiführt. Carron d. V. fand, 
in einem Falle, wo er nach einer Schädelfractur Bluterguss " in die 
Orbita cliagnosticirt hatte, nahe am Sehnervenloche eine Fractur und 
die Art. und Vena ophth. zerrissen. — Wenn die Blutung noch fortbe- 
steht, soll man sie durch Kälte und Druckverband zu beschränken suchen. 
Wo starke Reaction droht oder schon da ist: rigorose Antiphlogose. 

d) Balggeschwiäste , Lipome, Sarcome, verschiedene Formen von 
Krebs (Gallert-, Faser- und melanotischer) und Ilydatiden (Echinococcus, 
Acephalocystis) im Orbitalfette sind durch Beobachtungen constatirt. 
Die Erscheinungen sind die der Verdrängung des Bulbus und der Lider, 
und werden zunächst durch den Sitz (im retrobulbären oder im peri- 
pherischen Fettgewebe), weiterhin durch die Grösse, die Consistenz 
(Inhalt) und das mehr weniger langsame Wachsen mannigfach ifiodi- 
ficirt. Eine exacte differentielle allgemeine Diagnostik ist wohl zur 
Zeit noch nicht möglich. Wer das Verhalten dieser Geschwülste in 
andern Körperregionen kennt, wird bei genauer Untersuchung in 
einzelnen Fällen die Diagnosis mit mehr weniger Wahrscheinlichkeit, 
in andern höchstens bis zur Ausschliessung einer und der andern Form 
steilen können. — Von welcher Natur die Geschwulst auch sei: immer 
kann nur das Messer noch Hilfe leisten. Je länger die Operation auf- 
geschoben wird, desto schwieriger wird dieselbe. Auch ist zu bemer- 
ken, dass durch Vergrösserung dieser Geschwülste vorzugsweise die 
obere Wand der Orbita der Gefahr der Verdünnung und Durchbohrung 
ausgesetzt wird. Ob der Bulbus werde erhalten werden können, lässt 
sich oft erst während der Operation bestimmen, je nachdem die Ge- 
schwulst in die Tiefe greift, und von welcher Beschaffenheit sie ist. 
Bei Hydatiden genügt die einfache Incision und Entleerung. Nicht 
immer gehen die einzelnen Cysten gleich nach der Eröffnung der ge- 
meinschaftlichen Hülle ab. Bei Balggeschwülsten kann, falls sich die 
Hülle nicht ganz beseitigen lässt, die Verödung durch Einlegen von 
Charpie, Atzen mit Lapis u. dgl. noch erzielt werden; doch hüte man 



Knochen- und BeinhautnRectioneii. 429 

sicli, zu heftige Reaction herbeizuführen, nicht nur wegen des Bulbus, 
sondern auch wegen Meningitis. Das durch Zerrung des Sehnerven 
aufgehobene Sehvermögen kann allmälig wiederkehren; doch sind auch 
Fälle bekannt, wo das noch vorhandene Sehvermögen durch die nach- 
folgende Entzündung zu Grunde ging. Auch ist die Exstirpation nicht 
immer ohne Gefahr für das Leben (durch Meningitis). Eine Samm- 
lung instruetiver Beobachtungen findet man bei MakenzieX. c. S.260 — 283. 
III. Krankheiten der Periorbita und der Knochen. 

a) Die Entzündung des Knochens und der Beinhaut, sowohl die acute 
als die chronische, lässt sich bei nur einigermassen tieferem Sitze bloss 
nach den Erscheinungen kaum jemals von der Fettgewebsentzündung 
unterscheiden. Glücklicherweise kommt sie meistens am Orbitalrande 
oder doch nicht weit hinter demselben vor. Sie entsteht bald primär, 
nach Verwundungen und Stössen, nach Verhüttung , bei Syphilis, bei 
Scrofulosis (Tuberculosis), bald seeundär in Folge von Krankheiten der 
in der Orbita liegenden Organe oder bei Krankheiten der Nachbar- 
höhlen. (Einen Fall von Periostitis an der untern Wand der Orbita 
in Folge von Entzündungen in der Highmorshöhle hat J. N. Fischer — 
Lehrb. S. 70 — beschrieben; ich habe zwei solche Fälle beobachtet. 
Fälle von Periostitis und Caries der Orbita nach Entzündung der 
Schleimhaut der Stirnhöhlen sind von Richter, Beer u. A. veröffentlicht 
worden.) — Die Ausgänge sind die der Knochen- und Beinhautent- 
zündung überhaupt, Zertheilung, meistens Eiterung mit Blosslegung, 
Caries und Xecrosis der betroffenen Partie, selten Hijperostosis oder 
E.vostosis. In einem von A. v. Gräfe beobachteten Falle von Caries an 
der obern Wand erfolgte Tod durch Zerstörung derselben und Vorfall 
von Hirnsubstanz in die Orbita. Rücksichtlich der Prognosis und Be- 
handlung können wir auch hier füglich auf die allgemeinen medicini- 
schen und chirurgischen Grundsätze verweisen. Amnion 's liath, bei 
Abscessen von Caries am Orbitalrande die Hautöffnung nicht gerade 
über der cariösen Partie, sondern etwas entfernt vorzunehmen, hat den 
Zweck, zu verhüten, dass späterhin Haut und Knochennarbe nicht auf 
einander fallen, und die Haut nicht so tief in die Knochengrube hinein- 
gezogen werden könne. (Gute Beobachtungen hieher gehöriger Affec- 
tion findet man bei Makenzie 1. c., und zwar einen Fall von Perio- 
stitis, Hyperostosis und Verlust beider Augen, beobachtet von Howship 
und Ware, mehrere Fälle von Exostosis von Lukas, Anderson, Jour- 
dain, Acrel u. A., von Osteosarcoma von Astley Cooper und Crampton.) 

b) Verletzungen der Knochen der Orbita sind nicht selten bei un- 
scheinbaren Verletzungen der Lider beobachtet worden. 



430 Augenhöhle. 

Contusionen, bewirkt durch einen Fall, Stoss, Schlag u. dgl. auf 
den Orbitalrand, oder auch selbst auf eine andere Gegend, namentlich 
auf das Hinterhaupt, können zu einer Reihe krankhafter Veränderungen 
in der Orbita Veranlassung geben, welche von Verletzung des Kno- 
chens direct (Quetschung, Fractur) oder indirect (Fractur durch Con- 
trecoup) ausgehen. Diese Veränderungen bestehen in der Entwicklung 
von Balggeschwülsten mächst der gequetschten Stelle), von Periostitis 
und Ostitis mit dem Ausgange in Genesung, Hyperostosis , Exostosis, 
Caries und Necrosis (letzteres besonders bei scrofulösen Kindern), Aneu- 
rysma oder von Bluterguss in die Orbita (bei Fracturen). Zu bemer- 
ken ist überdiess, dass nach heftigen Contusionen, nicht nur des obern, 
sondern auch des untern Orbitalrandes Fracturen des Augenhöhlen- 
theiles des Stirnbeines mit Bluterguss in die Schädelhöhle, die Ent- 
stehung von Meningitis oder von Abscessen im Gehirne beobachtet 
worden sind. Vergl. Retinalamblyopie S. 103 — 106. Das Vorliegen 
solcher Thatsachen ist wohl hinreichend, den Arzt bei derlei Ver- 
letzungen zur genauesten Untersuchung und zur grössten Vorsicht bei 
der Prognosis, so wie zur sorgfältigsten Überwachung und Behandlung 
des Verletzten aufzufordern. Da die genannten Veränderungen nicht 
immer der Verletzung auf dem Fusse folgen, die Verletzten sich mit- 
unter längere Zeit wohl fühlen können, kann der .Nachweis des Zu- 
sammenhanges für den Gerichtsarzt grossen Schwierigkeiten unterliegen. 
Rücksichtlich der Behandlung verweisen wir auf das S. 106 Gesagte 
und auf die allgemeinen Regeln der Therapie. 

Bei Wunden der Augenhöhlen- oder Schläfengegend (in der Rich- 
tung gegen die Orbita) wird zunächst untersucht werden müssen, ob 
der verletzende Körper in die Orbita oder noch tiefer eingedrungen, 
und ob derselbe ganz, oder theilweise (abgebrochen) oder gar nicht 
entfernt worden sei. Hiebei ist zu erinnern, dass der gespannte Bul- 
bus in dem weichen Fettpolster leicht ausweichen konnte, dass mithin 
Unversehrtheit desselben noch nicht zu dem Schlüsse berechtigt, der 
fremde Körper könne nicht tiefer, selbst bis zur entgegengesetzten 
Wand vorgedrungen sein, weil etwa nach der Richtung, den der fremde 
Körper von aussen her nahm, der Bulbus hätte durchbohrt werden 
müssen. Obwohl Fälle bekannt sind, wo fremde Körper (selbst spitzige) 
jahrelang oder zeitlebens in verschiedenen Gebilden, selbst im Gehirne 
getragen- wurden, erscheint es doch gerathen, dieselben, sobald sie. nur 
zugängig sind, selbst mit Gewalt auszuziehen, nöthigenfalls mit Auf- 
opferung des Augapfels, weil die Fälle der Einkapslung doch ungleich 
selten sind gegenüber jenen, wo durch die nachfolgende Entzündung 



Druck auf die Orbitalwandiingeii. 43 1 

nicht nur das Auge zerstört, sondern auch der Tod herbeigeführt wurde. 
(Gern würde ich eine Reihe von Beobachtungen, durch die man sich, 
am besten instruiren kann, hier anführen, wenn mich nicht der Raum 
drängte. Auch über dieses Capitel findet man bei Makenzie 1. c. S. 
6 — 30 eine Sammlung lehrreicher Beispiele. 

c) Formveränderungen betreffen die ganze Orbita als Verengerung- 
oder Erweiterung, oder nur die eine und die andere Wand durch Ver- 
drängung des Knochens von innen oder von aussen her. — Vergröße- 
rung der Orbita und Zurücksinken des Bulbus, analog der Vergrösse- 
rung der Schädelhöhle, kann wahrscheinlich auch durch senilen Knochen- 
schwund bedingt werden; durch Druck von Seite ihres Inhaltes wird 
sie herbeigeführt bei beträchtlicher Vergrösserung des Bulbus, Hyper- 
trophirung des Fettgewebes, Entwicklung von Geschwülsten in der Or- 
bita. "Wir haben schon früher bemerkt, dass es vorzüglich die obere 
(concave) Wandung ist, welche verdrängt wird, und fügen nur noch hin- 
zu, dass nicht die Usur des Knochens und der Druck auf das Gehirn 
allein es ist, was Gefahr bringt, sondern dass oft schon früher Perio- 
stitis, Eiterung oder Meningitis auftritt. — Verkleinerung entwickelt sich, 
wenigstens bei jugendlichen Individuen, nach Verlust oder Schwund des 
Bulbus, bei Hypertrophie und Sclerosis des Knochens, welche indess 
wohl nur selten auf die Orbitalwandungen beschränkt auftritt, am häu- 
figsten bei chronischem und angeborenem Hydrocephalus (Verkürzung 
und Compression von oben nach unten). Am häufigsten erfolgt Verdrän- 
gung und Usur der einen und der andern Orbitalwand (mit oder ohne 
Caries) in Folge von Ausdehnung der Nachbarhöhlen , besonders aber 
in Folge von Geschwülsten, die sich daselbst entwickeln. Diese sind 
an der innern Wand: die Nasen- und Stirnhöhle, welche letztere sich 
zugleich an der obern Wand aus- und rückwärts ausbreitet; an der 
untern Wand: die Oberkiefer- und gegen die Spitze hin die Keilbeins- 
höhle ; an der äussern Wand : die Schläfen-, die Flügelgaumen- und die 
mittlere Schädelgrube, welche gerade hinter der Orbita liegt; an der 
obern Wand die Schädelhöhle mit der vordem Grube. Die Erschei- 
nungen im Bereiche der Orbita sind in der Regel die des Druckes auf 
die Muskeln oder ihre Nerven (Luscitas, Ptosis), auf den Opticus, Bulbus, 
die Ciliarnerven (Abnahme des Sehvermögens, Exophthalmus, Mydriasis), 
auf Zweige des Trigeminus (Neuralgie, neuroparalytische Erscheinungen 
an der Binde-, Hornhaut u. s. w.); es können aber auch die Zufälle 
von Entzündung der Periorbita und des Orbitalfettgewebes auf- und in 
den Vordergrund treten. In dem einen wie in dem andern Fall wer- 
den daher die Nachbarhöhlen und Organe einer genauen Durchmuste- 



432 Augenhöhle. 

rung zu unterwerfen sein. (Lehrreiche Beispiele hieher gehörender Affec- 
tionen findet man bei Makenzie 1. c. S. 59 — 84.) 



C. Operationen in der Orbita. 

Die manuellen Eingriffe bei Abscessen in der Augenhöhle, bei durch 
Caries und Necrosis bedingten Fisteln, behufs der Abstemmung von Exo- 
stosen, der Ausrottung von Geschwülsten u. s. w. gestalten sich nach 
den individuellen Verhältnissen so verschieden, dass sich ausser den be- 
reits gegebenen Andeutungen keine allgemeinen Vorschriften oder Nor- 
men aufstellen lassen. Wir beschränken uns daher bloss auf die Be- 
schreibung des Verfahrens bei der Ausrottung des Bulbus und bei der 
Ausrottung des gesummten Inhaltes der Orbita. Beide, obwohl wesent- 
lich verschieden, wurden bisher unter dem gemeinschaftlichen Namen 
Exstirpatio bulbi zusammengefasst. 

Die Ausrottung des Bulbus allein genügt und ist nothwendig, wenn die Ablage- 
rung medullärer oder melanotiscber Krebsmasse bloss auf die Gebilde des Bulbus be- 
schrankt oder nach Durchbruch der Sclera doch nicht weit rückwärts gedrungen ist. 
Die Lage und Beschaffenheit des Bulbus und die Anamnesis kann hierüber wohl mei- 
stens Aufschluss geben. Zeigt sich während der Operation, dass die Krebsmasse weiter 
rückwärts greife , als man angenommen hatte , so lässt sich das Entartete noch iinmer 
nachträglich entfernen. Die Beschränkung der Ausrottung auf den Bulbus hat aber nicht 
bloss den Vortheil der leichtern Ausführbarkeit, sie bringt auch das Leben des Kranken 
nicht so leicht in Gefahr, wie die Ausrottung des gesammten Orbitalinhaltes. Wo es 
sich bloss um Volumensverminderung des übermässig ausgedehnten (staphylomatösen) 
Bulbus handelt, wird man besser thun, bloss die Punction, oder die partielle Abtragung 
(vergl. Hornhautstaphylom) oder, wie ich in neuester Zeit mit dem besten Erfolge ge- 
than, die Einziehung eines Fadens und Belassung bis zu hinreichender Reaction vorzu- 
nehmen (nach Flarer). 

Behufs der Ausschälung des Bulbus aus der Timica vaginalis (nach 
Bonnet) wird der Kranke narkotisirt und bequem gelagert. Der Ope- 
rateur stellt sich an die rechte Seite des Kranken, ein Gehilfe, der das 
obere und untere Lid mit hakenförmig gekrümmten, an die innere Fläche 
der Lider einzusetzenden Platten (Elevateurs nach Desnuwres) auseinan- 
der zu ziehen hat, zur Kopfseite, und ein zweiter Gehilfe, der das Ab- 
tupfen des Blutes besorgt, zur linken Seite des Bettes. Der Operateur 
fasst den Bulbus mittelst eines spitzigen (einfachen oder doppelten) Ha- 
kens, so dass er nicht leicht ausreissen kann, und führt mittelst eines 
bauchigen Messers einen Bogenschnitt von einem Winkel zum andern 
erst am untern, dann am obern Umfange des Bulbus, um die Binde- 
und Scheidenhaut in der Gegend hinter der Insertion der M. recti zu 



Operationen in der Orbita. 433 

trennen, ergreift sodann eine flach gebogene Scheere, durchschneidet 
die Recti nahe an ihrer Insertion, löst nun mit der Scheere (geschlossen) 
oder mit dem Scalpellhefte die Sclerotica ringsum von der T. vaginalis 
bis zum hintern Umfange des Bulbus, wo er nun bloss die beiden M. 
obliqui und den N. opticus mit der Scheere (vom äussern oder innern 
Winkel aus) zu durchschneiden hat. Die Blutung ist in der Regel un- 
bedeutend und wird leicht durch Einspritzen kalten Wassers gestillt. 
So wie diess geschehen, wird es leicht sein, mit dem Auge oder doch 
mit dem Finger zu erkennen, ob man alles krankhaft Entartete mit 
weggenommen, worüber in der Regel auch die Besichtigung des Exstir- 
pirten Aufschluss gibt. Sollte die Blutung stärker sein, so fülle man 
die Grube mit Charpie aus, einfach oder mit einer Lösung von Hessel- 
back'schem. Pulver getränkt, und führe dann eine Binde über die Lider 
um den Kopf. Die Charpie wird nach 24 Stunden entfernt, und die 
Wunde dann einfach gereinigt und verbunden. 

Die Entfernung sämmtlicher Weichtheile aus der Orbita (mit Ein- 
schluss der Thränendrüse) wird nothwendig, wenn bösartige Pseudo- 
plasmen sich über den Bulbus hinaus oder bis zum Sehnervenloche 
erstrecken. Vorbereitung, Gehilfen und Instrumente wie bei der Aus- 
schälung. Das erste Operationsmoment besteht hier in der Spaltung 
der äusseren Commissur durch einen horizontalen Schnitt bis über den 
Orbitalrand hinaus. Sind die Lider dicht über den stark hervorgetriebe- 
nen, von harten Geschwülsten umgebenen Bulbus gespannt, so löse man 
sie von diesem Schnitte aus gegen den inneren Winkel hin los, mit 
möglichster Schonung ihrer Bindehaut, oder trage am äusseren Winkel 
ein Stück ab, wie bei der Tarsoraphie, um die Lider dann freier aus- 
einander drängen lassen zu können. Der Bulbus muss hier meistens 
mit den Fingern nach der andern Seite gedrängt werden, wenn man 
mit dem Messer zwischen der harten, hühnerei- bis faustgrossen Ge- 
schwulst und dem Orbitalrande in die Tiefe dringen will. Der Blutung 
wegen beginne man am untern Rande. Ob man nun zum weitern Ein- 
dringen das Messer oder die Scheere gebrauchen soll, wird sich im Mo- 
mente des Operirens selbst ergeben; nur halte man sich die Lage und 
Richtung der Orbitalwandungen gegenwärtig und verletze nicht unnö- 
thiger Weise die Bindehaut. Wo und sobald es nur thunlich ist, führe 
man den Finger als Leitungssonde und an diesem das schneidende In- 
strument ein. Ist es möglich, das Pseudoplasma sammt seiner Umhül- 
lungsmembran (von verdichtetem Bindegewebe) ohne Zerstücklung aus- 
zuschälen, oder unmittelbar längs der glatten Beinhaut vorzudringen, so 
erleichtert man sich das Beseitigen des gleichsam den Stiel des Pseu- 

Arlt Augenheilkunde, in. 28 



434 Augenhöhle. 

doplasma bildenden tiefsten Theiies, welcher oft mürb und brüchig ist, 
und sich nicht gut mit Pincetten fassen lässt. Für den Fall, dass die 
Entartung irgendwo fest am Knochen sässe, soll man Meissel und Schab- 
eisen in Bereitschaft haben. Ganz in der Tiefe kann man wohl nur 
mit der Scheere an dem als Leitungssonde eingeführten Finger operiren. 
Man erinnere sich der Entfernung des Sehnervenloches von der Orbi- 
talöffnung und der Lage der obern Augenhöhlenspalte. — Die Blutung 
sucht man zunächst durch Einspritzen von Eiswasser zu stillen; sollte 
die Art. ophth. (die weit hinten noch an der Schläfeseite des Opticus 
liegt) stark spritzen, so würde man sie torquiren müssen, was indess 
wohl nicht leicht vorkommen wird. Die Blutung ist meistens venös, oft 
sehr reichlich. Ich bin ihrer immer, wenn nicht einfach durch Eiswasser 
und Tamponade, so mit Hesselbach'schem Pulver Herr geworden. Sollte 
das Glüheisen nothwendig werden, so sei es von kleinem Umfange und 
werde weder der obern Wand noch der obern Augenhöhlenspalte nahe 
gebracht, weil sonst leicht Meningitis entstehen kann. — Die Thränen- 
drüse zurückzulassen ist nur dann zulässig, wenn man nicht wegen 
Krebs exstirpirt. — Schliesslich wird die Wunde am äussern Winkel 
durch die Naht vereinigt und die Orbita schichtenweise mit kleinen 
Charpieballen ausgefüllt. Wegen der Gefahr nachträglicher Blutung 
muss der Kranke durch 24 — 48 Stunden unter steter Obsorge bleiben. 



Systematische Übersicht 



Band. Seite 
I. Bindehaut. 

I. Anatomie und Physiologie I. 1 

Entzündung: Catarrhus (Ophthalmia catarrhalis) .... — 8 

(ophth. cat. pustularis) — 9 

(ophth. erysipelatosa) — 10 

(ophth. senilis) — 11 

Blennorrhoea (acuta, ophthalmoblennorrhoea) — 18 

(chron., blepharoblennorrhoea) . — 23 

(gonorrhoica) ■ — 43 

(neonatorum) — 51 

(sporadica) — 46 

(atmosphaerica) — 47 

(militaris, aegyptiaca, contag.) — 63 

Conjunctivitis membranacea — 85 

Conjunctivitis scrofulosa — 88 

Trachoma (Conjunctivitis trachomatosa) . . — 106 

Symblepharon posterius .... — 125 

Xerophthalmus — 126 

(87) 

Distichiasis 1 — 128 

Trichiasis j (143) 

Entropium — 128 

(143) 

Blepharophimosis — 129 

(143) 

Pannus — 130 

(33, 89) 
Keratektasia (hydrops camerae, 

staphyloma pelluc. spbaer.) . — 130 
Conjunct. bei Exanthemen, Blattern, Masern, 
Scharlach, chronisch. Hautaus- 
schlägen — 148 

28* 



436 Systematische Übersicht. 

_-. . . . Band. Seite 

Bindehaut. 

fremde Körper, ( . 

m Laesiones traumatieae I. 151 

Trennung, < 

, T — cheinicae — 155 

Verwachsung : [ 

Symblepharon anterius — 156 

Anchyloblepharon — 157 

Pterygium — 158 

Erguss: von Blut, ecehymoma conj — 168 

Luft, emphysenia conj — 168 

Serum, oedema conj — 168 

Eiter, abscessus conj — 169 

Pseudoplasmen : Partielle Wucherung — 166 

Cysten und Entozoen — 169 

Warzen, (Verrucae conj.) — 170 

Krebs, (Carcinoma conj.) — 167 

Thrünenkarunkel , Krankheiten derselben — 172 

II. Hornhaut. 

Anatomie und Physiologie — 174 

Entzündung: Keratitis scrofulosa — 183 

K. rheumatica — 192 

K. traumatica — 203 

, r , ( mechanische Verletzungen — 203 

VerletZUDg ' Fremde Körper - 203 

fremde Körper, I , _ , 

[ chemische Verletzungen — 207 

Erweichung: Malada corneae — 211 

(Neuroparalyt. Affectionen) ... — 180 

Geschwüre: Ulcera corneae — 213 

(Regeneration der Hornhaut) . . — 215 

(Narbenbildung) — 221 

Unguis (onyx) — 222 

Hypopyum (Vergl. Iritis) ... — 222 

Keratokele — 224 

Perforatio corneae — 225 

Fistula corneae — 227 

Prolapsus iridis (clavus) .... — 229 

Synechia anterior (atresia pup.) — 230 

Catar. caps. centr. anterior . . — 232 

Staphyloma corneae (opacum.) — 236 

Phthisis et applanatio corneae — 244 

Phthisis bulbi — 245 

(Sectionsbefund) — 245 

(II. 171) 

Trübungen: Defectus pelluciditatis congen — 252 

Arcus senilis (Gerontoxon) — 253 

Entzüudlingsresiduen an der Wasserhaut ... — 254 

am Epithelium — 255 

in der Hornhautsubstanz .... — 256 



Systematische Übersicht. 437 

Hornhaut. Band ' Seite 
Formfehler: Abnorme Wölbung; (Staphyloma pellucidum). 

Keratoconus I. 278 

Keratoectasia ex panno .... — 130 

Keratoectasia ex ulcere corneae — 224 

Abnorme Grösse — 284 

III. Leder- und Scheidehaut. (Sclera et Tunica vaginalis bulbi.) 

Anatomie und Physiologie IL l 

Entzündung: Scleritis simplex et substant — 4 

complic. et consecut — 11 

Verletzung: Vulnera — 15 

Rupturae — 16 

Ausdehnung: Staphyloma sei. posticum — 19 

(III. 213 u. 235) 

anticum — 20 

(II. 46, 75) 

laterale — 21 

(II. 160, 175) 

Pseudoplasmen : Krebs (sarcom. medull. et melan.) . . (II. 237) 

IV. Regenbogenhaut. 

Anatomie und Physiologie — 22 

Entzündung: Iritis im Allgemeinen — 35 

(Synechia posterior) — 41 

(Atresia pupillae) ! — 42 

(Catar. aecreta) — 43 

(Hypopyum) — 43 

(209, 229) 

(Hydromeningitis) — 45 

I. traumatica — 55 

I. rheumatica — 62 

I. syphilitica — 66 

I. scrofulosa — 71 

I. innominata (chronica) .... — 79 

Lagen- und Farben Veränderung (Schlottern, Vorfall etc.) . — 104 

(I. 229) 

Atrophie: Atrophia iridis (atroph, bulbi) — 105 

(47) 

Pseudoplasmen: Krebs sarcoma medull. et melan. ... — 106 

Cysticercus (iridis, camerae ant.) — 108 

(110) 

Motilitätsstörung: Mydriasis (paralytica et spastica) — 112 

Myosis (paralytica et spastica) — 118 

Mangel, Spalte: Irideremia (congenita, acquisita) — 120 

Coloboma (congenitum, acquisitum) ... — 122 

Pupillenbildung — 131 

V. Aderhaut (Ciliarkörper). 

Anatomie und Physiologie — 1^7 



438 



Systematische Übersicht. 



_ , . , Band. Seit© 

Aderhaat. 

Entzündung: Chorioiditis im Allgemeinen II. 158 

(Sectionsergebnisse) — 159 

Ch. simplex (ex congest.) ... — 184 

Ch. arthritica, Glaucoma .... — 190 

Ch. pyaemica (metast.) — 209 

Ch. syphilitica — 219 

Ch. scrofulosa (tubercul.) ... — 212 

Ch. rheumatica — 218 

"Verletzung: Ch. traumatica — 224 

(panophthalmitis) — 228» 

Bluterguss: Apoplexia externa et interna — 231 

(III. 10} 

Serumerguss: Hydrops inter scler. et chor — 234 

Pseudoplasmen: Cysticercus echinococcus (?) — 235 

Krebs sarc. medull. et melan — 236 

Spaltung: Coloboma (siehe Col. iridis) — 238 

(122) 

Pigmentmangel: Leucosis congenita — 238 

acquisita (atrophia chorioideae) (III. 238} 

Tl. Krystallkorper. 

Anatomie und Physiologie II. 239 

Entzündung der Linsenkapsel (?) — 26$ 

Trübung: Cataracta lenticularis . . . .' — 250 

capsularis — 260 

spuria (Auflagerung) — 264 

Schrumpfung: Catar. vieta membranacea (secundaria) ... — 267 

arida siliquata — 269 

cystica (tremula, natatilis) ... — 270 

Dislocirung: Prolapsus lentis per scleram — 271 

in cameram — 271 

Luxatio caps. et lentis. (Senkung der Linse) . — 27& 

(HI. 5} 

Verletzung: Verwundung der Kapsel, Erschütterung (s. cat. vieta) . — 245 

(267) 

Staaroperationen : Extractio (totalis, partial.) — 298 

Dislocatio (reclinatio, depressio) — 327 

Discissio (Keratonyxis, Scleronyxis) ... — 336 

(Anzeigen, Folgen) — 339 

VII. Glaskörper. 

Anatomie, Physiologie III. 1 

Entzündung (?) Exsudate im Glaskörper — 19 

Bluterguss — 10 

Verflüssigung — 14 

Cysticercus — 22 



Systematisehe Übersicht. 439 

VIII. Netzhaut und Sehnerv. Band ' Seite 

Anatomie III. 24 

Physiologie (Theorie des Sehens) — 31 

(Entoptische Erscheinungen) . . — 56 

(Augenspiegel) — 62 

Amblyopie und Amaurosis im Allgemeinen . — 89 

Retinalleiden angeborne Schwäche — 98- 

mangelhafter Farbensinn .... — 100 

angeborner Nachtnebel — 101 

Mangel an Übung — 10 t 

(320) 

Erschütterung — 103 

Blendung — 106 

Hemeralopie — 109 

Nyktalopie — 112 

Entzündung der Netzhaut ... — 116 

(Ablösung der Netzhaut) .... — 119 

Bluterguss — 133 

Verkältung (Serumerguss) ... — 135 

Cystenbildung — 136 

Markschwamm — 137 

Orbitalamaurose im Allgemeinen — 142 

(Krankheiten der Orbita) .... — 422 

Cerebralamaurose im Allgemeinen — 144 

Verletzungen am Kopfe .... — 148 

Circulationsstörungen — 151 

Syphilis — 155 

Unterdrückte Ausscheidungen . — 157 
Geschwülste in der Schädel- 
höhle — 16 t 

Spinalamaurose — 166 

Sympathische Amaurose im Allgemeinen ... — 167 

vom Trigeminus — 168 

von Unterleibsleiden ...... — 170 

von Uterusleiden — 171 

in Folge von Giften — 172 

von Erschöpfung — 173 

IX. Augenmuskeln (Acconimodation). 

Anatomie — 175 

Physiologie — 183 

(Accommodationstheorie) — 194 

Accommoda- Kurzsichtigkeit (Myopia) — 230 

tionsfehler: Weitsichtigkeit (Presbyopia) — 251 

Übersichtigkeit (Hyperpresbyopia) — 257 

Augenmattigkeit (Kopiopia, Asthenopia) — 261 

Brillen, concave — 243 

— convexe — 258 



440 Systematische Übersicht. 

Augenmuskeln. Band Seite 

Motilitätsstörung: Paralysis Lähmung der Augenmuskeln . III. 267 

(Doppeltsehen, binoculäres ... — 269 

— monoculäres) . . — 270 

Lähmung des musc. r. externus — 278 

Oculomotoriuslähmung — 282 

Trochlearislähmung — 288 

Strabismus Schielen (Operation) — 293 

Nystagmus Augenzittern — 333 

X. Augenlider. 

Anatomie, Physiologie — 336 

Entzündung : Hautentzündung Phlegmone — 344 

Erysipel — 344 

Chron. Ödem — 345 

Furunkel — 345 

Zellgewebsentzündung, Abscess , . . — 345 

Drüsenentzündung Hordeolum — 345 

Chalazion — 346 

Blepharitis marginalis — 351 

(Phthiriasis) — 355 

Pseudoplasmen : Milium . . 1 

Hydatis I — 356 

Atheroma J 

Warzen ( Verruca) — 356 

Teleangiektasia : — 357 

Krebs (epithelioma) — 357 

Motilitätsstör. : Lähmung Zittern der Lider — 360 

Insuffizienz des Schliessmuskels — 361 

Lähmung des Schliessmuskels . — 361 

Krampf blepharoptosis paralyt 1 

mechan. (ptosis) / 

Spastische Contraction — 363 

(blepharospasmus) (I. 94) 

Fehlern. Lage : Entropium von Bindehautschrumpfung ... — ' 365 

(I. 118, 143) 

von Blepharospasmus — 366 

senile — 366 

Ectropium sarcomatosum — 368 

senile et paralyticum — 370 

von Hautverlust — 370 

(Blepharoplastik) — (373) 

Verwachsung: Symblepharon posterius — 375 

(1. 125) 

anterius — 375 

(I. 155) 

Anchyloblepharon — 375 

(1. 157) 



Systematische Übersicht. 



441 



.. .. , Band. Seite 

Augenlider. 

Spaltung: Coloboma congenitum III. 375 

Mangel: DefeetliS et destructio palp — 375 

(Epicanthus) — 376 

Hl. Tkränenorgane. 

Anatomie : der Thränendrüse — 377 

des Tlnünenschlauches — 378 

der Thränem ührchen — 382 

Physiologie (Theor. d. Fortleitung d.Thränen) — 383 

Krankheiten: der Thranendriise — 389 

der Thränenröhrcheii — 391 

des Thränenschlauches — 394 

Blennorrhoea sacci lacrym. ... — 394 

(Atonia sacci 1.) ) 

* ' l 397 

(Hydrops sacci 1.) { 

Dacryocystitis — 400 

(Anchylops) — 402 

Fistula sacci lacrym — 403 

(Geschichtliche Notizen) .... — 416 
XII. Orbita. 

Anatomie, Physiologie — 419 

Krankheiten der Orhita im Allgemeinen — 422 

(Exophthalmus) — 423 

(Prolapsus s. ptosis bulbi) ... — 423 

der Gefässe aneurysma arter. ophth — 423 

teleangiektasia orb — 424 

des Fettgewebes Entzündung — 425 

(acutes Ödem) 

(Eiteransammlung) 

(Tuberkelablagerung) 

(Hypertrophie) — 426 

Hyperämie 

Apoplexie — 427 

Geschwülste — 428 

der Knochen und Beinhaut — 429 

Entzündung — 429 

(Caries, Necrosis) 
(Hyperostosis, Exostosis) 
(Osteosarcoma) 

Verletzungen — 429 

Formveränderung (Usur) .... — r 431 

Operation in der Orbita (exstirpatio bulbi) — 432 



Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig. 



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